Kitabı oku: «Captain Paul Watson Interview»

Yazı tipi:


Paul Watson auf Scott Island, Anti-Walfang-Kampagne im Südpolarmeer 2012


Captain Paul Watson, Antarktis, Sea Shepherd Operation Waltzing Matilda © Anna Wloch

EINE BEWEGUNG KANN MAN
NICHT ZERSTÖREN


Alle Fotos, wenn nicht anders angegeben,

© Archiv der Sea Shepherd Conservation Society

Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe 2021

© Edition Faust, Frankfurt am Main 2021

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Kopien, Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Umschlagfoto

© Archiv der Sea Shepherd Conservation Society

Gestaltung: Bayerl & Ost, Frankfurt am Main


Weitere Titel des Verlags unter www.editionfaust.de

ISBN 978-3-945400-94-4

eISBN 978-3-949774-00-3

Inhalt

Vorwort

Paul Watson Interview (2021): „Das einzig Richtige“

von Sarah Schuster und Michele Sciurba

Die Sea-Shepherd-Bewegung

von Michael G. Parker, Ph.D.

Paul Watson Interview (2016): „Eine Bewegung kann man nicht zerstören“

von Sarah Schuster und Michele Sciurba

„Wenn die Ozeane sterben, sterben auch wir“: Die Sea Shepherd Conservation Society

von Sarah Schuster und Michele Sciurba

Glossar

Über Sea Shepherd

Kampagnen

Adressen

Spenden

Die Autoren


Delfin steckt in illegalem Treibnetz fest. Während der Operation Driftnet von Sea Shepherd konnte die STEVE IRWIN vier Kilometer Fanggeräte der Fu Yuan Fu-Flotte beschlagnahmen, in denen die Leichen von 321 Tieren gefunden wurden, und schließlich die gesamte illegale Treibnetzflotte stilllegen.

Vorwort

Die Arten im Meer verschwinden derzeitig doppelt so schnell wie an Land, während die Welt in Flammen steht. Unter dem rechtsextremen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro wurden zwischen August 2019 und Juli 2020 mindestens 11.088 km2 Regenwald abgeholzt, die höchste Zahl seit 2008. Die australischen Buschfeuer von August 2019 bis März 2020, ausgelöst durch anhaltende Dürre und extreme Temperaturen von 46 Grad Celsius, zerstörten laut WWF zwölf Millionen Hektar Land, und etwa drei Milliarden Tiere sind entweder gestorben oder wurden durch die Zerstörung aus ihrem Lebensraum vertrieben. Auch die biologische Vielfalt in den Ozeanen schwindet aufgrund des voranschreitenden Klimawandels und seiner Auswirkungen auf Salzgehalt und Wassertemperatur sowie aufgrund der großflächigen Zerstörung von Lebensräumen durch industrielle Fischerei, Wilderei und Meeresverschmutzung.

Dieser Band basiert auf zwei Gesprächen mit Captain Paul Watson aus den Jahren 2016 und 2021. Wir haben Paul Watson erstmals anlässlich der UN-Klimakonferenz im Dezember 2015 in Paris getroffen und haben schnell verstanden, dass es ohne gesunde Ozeane kein Leben auf diesem Planeten geben wird und dass die Zerstörung von Biodiversität politischem Willen unterliegt beziehungsweise dem Unwillen, die destruktiven Wege der modernen Gesellschaft zu ändern. Seit 2016 ist die Situation nur noch dringlicher geworden. Wir sind Captain Paul Watson, dessen eindringliche Worte und Einsichten jede Distanz überbrücken können, dieses Jahr aufgrund des Coronavirus über Zoom begegnet. Während die Welt zum Stillstand kam und sich die Menschen isolieren mussten, hat die Wilderei wieder zugenommen, doch glücklicherweise konnte Sea Shepherd nichtsdestoweniger zahlreiche Erfolge und Fortschritte verzeichnen.


Wal gefangen im Netz

Egal, wo wir gerade sind, der Verlust der Artenvielfalt und die Auswirkungen auf unsere Ökosysteme betreffen uns alle. Die Ozeane regulieren das Wetter und das Klima, liefern einen Großteil unseres lebenswichtigen Sauerstoffs und speichern einen bedeutenden Anteil an CO2-Emissionen. Es bleibt wenig Zeit, um zu verstehen: Wenn die Ozeane sterben, sterben wir alle. Wir hoffen, mit diesem Band einen kleinen Beitrag zu Paul Watsons und Sea Shepherds großartigen Bemühungen zu leisten und dass mit jedem Leser das Bewusstsein für die Dringlichkeit von Sea Shepherds Botschaft steigt. Wir hoffen, dass die Sea-Shepherd-Bewegung so groß wird wie die Ozeane, die sie beschützt, denn, wie Paul Watson uns gezeigt hat: Wir sind die Ozeane.

Michele Sciurba, Sarah Schuster

September 2021


Paul Watson Interview:
„Das einzig Richtige”
von Sarah Schuster und Michele Sciurba

Aus dem Englischen übersetzt von Petra Post und Andrea von Struve


Buckelwale © Scott Portelli

TEIL 1

Buckelwal springt aus dem Meer. © Michael May

Wir sind gespannt darauf, zu erfahren, wie es dir seit unserem letzten Treffen in Paris ergangen ist.

Das war 2016, als du noch in Frankreich gelebt hast. Wir hatten uns mit dir und deiner Frau Yana getroffen, die damals schwanger war. Wie kam es denn, dass du wieder in die USA zurückkehren durftest? Ich durfte wieder einreisen, weil sich der amerikanische Außenminister John Kerry für mich eingesetzt hatte. 2012 konnte ich noch nicht zurück, weil Außenministerin Hillary Clinton klargestellt hatte, dass sie mich an Japan ausliefern würde. Und so ist es John Kerry zu verdanken, dass ich wieder in den USA bin.

Es überrascht uns, dass Hillary Clinton so etwas gesagt hat.

Mich überrascht es nicht.

Du galtest noch als jemand, der sich der Justiz in Japan und Costa Rica entzogen hatte. Warum dauerte es so lange, bis Costa Rica schließlich alle Anschuldigungen gegen dich fallenließ?

Na ja, das war erst möglich, nachdem eine andere Regierung ans Ruder gekommen war, was nur beweist, wie politisch die ganze Sache war. Die Justiz konnte das jetzt neu entscheiden. Nach dem Regierungswechsel habe ich einen Anruf vom neuen Umweltminister bekommen, der sich für alles, was passiert war, quasi entschuldigt hat. Das hat sich also erledigt, aber Japan weigert sich nach wie vor, seine Anschuldigungen fallenzulassen. Allerdings haben sie weder in Frankreich noch in den USA einen Auslieferungsantrag gestellt. Deshalb glaube ich nicht, dass sie mich in Japan wirklich haben wollen. Sie wollen mich einfach nur am Reisen hindern. Wir haben Interpol eine Stellungnahme geschickt und man hat uns in allen Punkten recht gegeben, aber man hat uns auch gesagt, dass es letztlich darauf ankäme, ob Japan die Macht hat, das durchzuziehen. Das zeigt, wie so eine Wirtschaftsmacht ihren ganzen Einfluss einsetzen kann, um ihre politischen Interessen durchzusetzen.


Ein erwachsener und ein jüngerer Zwergwal werden an Bord des japanischen Walfangschiffs NISSHIN MARU geschleppt. Die Wunde, die an der Seite des Kalbes zu sehen ist, wurde Berichten zufolge durch eine mit Sprengstoff gefüllte Harpune verursacht. Dieses Bild wurde 2008 von australischen Zollbeamten im Rahmen einer Überwachungsaktion aufgenommen, um Beweise für den willkürlichen Walfang zu sammeln, der im Widerspruch zu Japans Behauptung steht, die Wale würden zu wissenschaftlichen Forschungszwecken gefangen.

Wir haben uns mit vielen ähnlichen Fällen beschäftigt, in denen Interpol Red Notices herausgegeben hat. Es ist klar, dass Japans politisch motivierte Red Notices inakzeptabel sind, weil sie mit den Statuten von Interpol unvereinbar sind. Solche Fälle von Machtmissbrauch gibt es ja auch in der Fischereiindustrie, zum Beispiel, wenn Japan seine Walfangflotte kurzerhand als Forschungsschiffe deklariert.

Das Ganze ist sogar noch absurder, wenn man bedenkt, dass Sea Shepherd eng mit Interpol zusammenarbeitet, um die Wilderei in afrikanischen Gewässern zu stoppen. Also auf der einen Seite arbeiten wir mit ihnen zusammen und auf der anderen … (lacht) Als einer von den Interpol-Leuten seinen Ruhestand feierte und ich ihn anrief, um ihm zu gratulieren, sagte er: „Das ist wohl das erste Mal in der Geschichte, dass einer von uns von jemandem beglückwünscht wird, der auf der Red-Notice-Liste steht.“ Und es ist sogar noch absurder, wenn man sich klarmacht, was eine Red Notice eigentlich ist. Das ist normalerweise eine Maßnahme, um nach Serienmördern, Kriegsverbrechern und Drogenbossen zu fahnden. Niemand landet wegen des unerlaubten Eindringens in fremdes Hoheitsgewässer auf dieser Liste, schon gar nicht wegen der Planung unerlaubten Eindringens.

Die Bedeutung von Seaspiracy

Wir haben die Debatte über den Dokumentarfilm Seaspiracy auf Netflix in den internationalen Medien verfolgt. Wie denkst du darüber? Wie war es für dich, an dem Film mitzuwirken?

Genau genommen waren wir sogar Koproduzenten. Wir haben ungefähr 50.000 US-Dollar in den Film investiert. Lucy und Ali Tabrizi haben rund fünf Jahre daran gearbeitet. Sie haben also viel Arbeit in das Projekt gesteckt. Es ist schwierig, die ganze Geschichte in einem 90-Minuten-Beitrag unterzubringen, aber sie haben ihr Bestes getan, finde ich. Natürlich haben wir damit gerechnet, dass die Fischereiindustrie den Film in der Luft zerreißt, und das haben sie dann ja auch. Sie kritisierten ihn, bevor sie ihn überhaupt gesehen hatten. Es ist doch interessant, dass sie uns vorwerfen, der Film wäre voller falscher Behauptungen und verdrehe die Tatsachen, ohne das irgendwie zu beweisen. Sie wiederholen immer nur, dass der Film nicht „wissenschaftlich fundiert“ wäre. Aber wenn man die Wissenschaftler, die den Film schlechtmachen, mal genauer unter die Lupe nimmt, stellt sich heraus, dass sie alle für die Fischereiindustrie arbeiten. Das bestätigt nur die Botschaft des Films: Folge der Spur des Geldes und dann weißt du, wer hinter allem steckt. Ich bezeichne diese Art von Wissenschaftlern gern als „Biostituierte“.

Ein Kritikpunkt war, dass die Prognose einer im Film zitierten Studie, wonach die Fischbestände in den Weltmeeren durch industrielle Überfischung bis 2048 erschöpft seien, falsch wäre. Aber wie Ali Tabrizi feststellte, geht es doch weniger um die Frage, ob es nun 2048 oder 2078 so weit ist, sondern darum, welcher Trend sich da abzeichnet. Also darum, ob die Entwicklung in die richtige oder in die falsche Richtung geht.


Walfänger-Fabrikschiff NISSHIN MARU schießt mit Wasserwerfern auf die Sea Shepherd Crew.


SHONAN MARU 2 schießt mit Wasserwerfern auf die Sea Shepherd Crew.

Damals trafen die Ergebnisse von Boris Worms’ Studie zu. Später aktualisierte er sie dahingehend, dass nur 88% und nicht 100% der Fischbestände aufgrund der Überfischung aufgebraucht wären. Aber spielt es eine Rolle, ob die Weltmeere 2048 oder erst 2078 leergefischt sind? Das ist doch lächerlich.

Es spielt natürlich keine Rolle. Das ist nur eine polemische Kritik an dem Film. Wir finden es übrigens sehr interessant, dass die Covid-19-Pandemie zu einem drastischen Rückgang des Reise- und Luftverkehrs, der in Frankfurt praktisch zum Erliegen kam, geführt hat, sodass Frankfurt in ökologischer Hinsicht heute eine höhere Lebensqualität hat als vor Corona.

Die industrielle Fischerei ist nur um 10% zurückgegangen, aber die Wilderei hat zugenommen, weil infolge von Corona die Strafverfolgung nachlässiger gehandhabt wurde. Die Pandemie hat uns vor einige Probleme gestellt, aber wir haben sie in den Griff bekommen. Unsere Schiffe machen weiterhin Patrouillenfahrten und führen Operationen durch, aber die Crews müssen zwei Wochen in Quarantäne, ehe sie auf unsere Schiffe dürfen. Eins unserer Schiffe, die Ocean Warrior, saß sechs Monate in Singapur fest, ist jetzt aber vor Peru im Einsatz. Das war natürlich lästig, aber wir waren darauf vorbereitet und werden es auch in Zukunft sein, denn Pandemien wie Corona werden schon seit Langem vorhergesagt. Laurie Garret hat das alles bereits 1995 in ihrem Buch Die kommenden Plagen prophezeit. Wir haben diese ganzen neuen, von Tieren übertragenen Viren größtenteils ignoriert – das Hantavirus, MERS, SARS, das West-Nil-Virus. Warum? Weil die westliche Welt nicht davon betroffen war. Weil weiße Menschen nicht davon betroffen waren. Aber dann gibt es die erste weltweite Pandemie seit 1918 und plötzlich fühlen sich die Leute betroffen und sind alarmiert, aber das ist nur ein Vorbote dessen, was uns noch blüht. Impfungen sind nur ein Notbehelf. Sie lösen nicht das eigentliche Problem. Das eigentliche Problem ist der Rückgang der Ökosysteme und der Artenvielfalt, was wiederum für die zoonotische Übertragung von Viren verantwortlich ist. Und in Zukunft wird es nur noch schlimmer werden. Infolge des schmelzenden Permafrosts werden neue Krankheitserreger auftreten und durch Pilze ausgelöste Infektionen werden zunehmen. Wir werden in Zukunft mit selbstverursachten biologischen Problemen konfrontiert sein, weil wir nicht bereit waren, im Einklang mit den Gesetzen ökologischer Vielfalt, wechselseitiger Abhängigkeit und begrenzter Ressourcen zu leben. Je mehr wir die Ökosysteme schwächen, desto mehr Probleme schaffen wir.

Inwieweit hat die Regierung Trump dir oder Sea Shepherd Schwierigkeiten gemacht?

Eigentlich gar nicht, weil wir in den Vereinigten Staaten nicht so aktiv sind. Tatsache ist, dass die USA in ihren Hoheitsgewässern recht gute Überwachungssysteme haben. Meiner Erfahrung nach ist die Jagd- und Fischereiaufsicht in den einzelnen Bundesstaaten ziemlich effizient. Deshalb müssen wir dort selten eingreifen. Wir haben uns allerdings gegen Pläne gestellt, in den Gewässern vor dem Bundesstaat Washington Wale zu jagen, und bisher konnten wir das auch ganz erfolgreich verhindern. Seit 20 Jahren wurden dort keine Wale mehr getötet und doch wird es immer wieder versucht. Aber wir geben nicht auf. Wir arbeiten jetzt hauptsächlich mit Ländern in Afrika und Lateinamerika zusammen. Wir haben stabile Partnerschaften mit Namibia, Tansania, São Tomé und Príncipe, Kap Verde, Liberia, Sierra Leone, Gabun und Gambia aufgebaut. Die funktionieren sehr gut. In Lateinamerika kooperieren wir mit Peru, Kolumbien, Panama und Mexiko.

Wir waren beeindruckt von Sea Shepherds Zusammenarbeit mit Gabun und São Tomé und Príncipe und haben atemlos verfolgt, wie zwei deiner Schiffe Jagd auf ein illegales Fischereischiff machten.

Es war die Thunder, die sich in der Nähe von São Tomé und Príncipe aufhielt. Das war wirklich eine unglaubliche Verfolgungsjagd.

Unsere Aufklärungsarbeit besteht vor allem darin, Dokumentarfilme zu drehen. Entweder übernehmen wir das selbst oder wir arbeiten mit Leuten zusammen, die sie für uns produzieren. Wir haben 2007 mit Shark Water [dt. Titel: Shark Water – Wenn Haie sterben] angefangen, dann kam 2009 The Cove [Die Bucht], später Chasing the Thunder und dann natürlich die Whale Wars-Serie [Whale Wars – Krieg den Walfängern!]. Außerdem gab es noch einen Film über mich mit dem Titel Watson [Paul Watson – Bekenntnisse eines Öko-Terroristen] und dieses Jahr ist der Dokumentarfilm Seaspiracy herausgekommen. Wir haben festgestellt, dass das am besten funktioniert. Die Schwierigkeit besteht darin, einen Dokumentarfilm zu machen, der das aufgeklärte Publikum nicht langweilt, aber gleichzeitig Menschen erreicht, die sich der Problematik noch nicht bewusst sind. Ich glaube, dass wir auf diese Weise zu den Leuten durchdringen. In Whale Wars haben wir das zum ersten Mal versucht und haben viele Leute angesprochen, die die Tragweite des Problems sonst nicht erfasst hätten. Bei Seaspiracy war nicht nur die Botschaft, sondern auch das Medium wichtig. Da er auf Netflix lief, schaffte er es auf die Top-10-Liste der beliebtesten Filme, in vielen Ländern war er sogar auf Platz 1. Ich glaube, das Geheimnis besteht darin, das richtige Medium zu finden. Der Film Blackfish [Der Killerwal] zum Beispiel wäre niemals so erfolgreich gewesen, wenn CNN ihn nicht über 30 Mal wiederholt hätte. Das muss also unser Schwerpunkt sein.


Brutal erschlagene, gehäutete und ermordete Robben


Operation Albacore, Gabun, ins Meer geworfener Haifischbeifang. © Simon Ager

Die Gesetze der Ökologie

In dem Film Seaspiracy erwähnst du, dass es unmöglich wäre, nachhaltige Fischerei zu betreiben. Glaubst du, dass die Anerkennung dieses Umstands dasjenige ist, was uns beim Schutz der Meeresgebiete voranbringen könnte?

Es gibt schon nachhaltige Fischerei, aber nur auf dem nichtindustriellen, lokalen Sektor. Die einheimischen Fischer in Afrika, Indien oder Lateinamerika arbeiten nachhaltig. Aber die sind ja nicht das Problem. Das Problem ist die kommerzielle, industrielle Fischerei. Riesige Supertrawler, hundert Meilen lange Kiemennetze, hundert Meilen lange Langleinen, riesige Ringwadennetze und Grundschleppnetze, das ist das Problem. Die Fischereiindustrie ist nirgendwo auf der Welt nachhaltig und wird es nie sein. Kann sie auch gar nicht. Und das hat einen einfachen Grund. Es gibt acht Milliarden Fisch und Fleisch essende Primaten auf unserem Planeten, die kann man nicht nachhaltig ernähren. Wenn man sich die Zahlen vor Augen führt, ist das einfach unfassbar. Auf die Viehwirtschaft entfallen 65 Milliarden Tiere, dann kommt noch der Fisch dazu. Das führt zu Grundwasserverschmutzung, Treibhausgasemissionen und Totwasserzonen im Meer. Ungefähr 30% aller gefangenen Fische werden gar nicht von Menschen gegessen, sondern werden zu Fischmehl verarbeitet und an Hühner, Schweine und Zuchtlachs verfüttert. Wir leben mittlerweile in einer Welt, in der Hühner mehr Fisch fressen als alle Albatrosse und Delfine auf der Welt zusammengenommen. Aus ökologischer Sicht ist das Wahnsinn. Hauskatzen fressen mehr Fisch als sämtliche Robben im Nordatlantik. 2,8 Millionen Tonnen Fisch werden allein zu Katzenfutter verarbeitet und das ist wohl kaum eine artgerechte Nahrung.

Es gibt ja auch so einige Halbwahrheiten über Aquakultur. Viele Leute kaufen lieber Fisch aus Aquakultur, weil sie glauben, das wäre nachhaltig. Aber wie wir aus Seaspiracy erfahren haben, ist sie nicht nur nicht nachhaltig, sondern trägt auch noch zur Verunreinigung der Meere bei.

Ja, das liegt an dem massenhaften Einsatz von Antibiotika und Chemikalien. Sie stecken die Fische einmal im Jahr in ein chemisches Bad, um die Seeläuse abzutöten. Seeläuse sind kleine Krebstiere. Und dieser Chemiecocktail gelangt ins Ökosystem und vernichtet Krebse und andere Meerestiere. Nicht nur, dass Antibiotika das Ökosystem verseuchen, sondern, was noch schlimmer ist, die durch die Massentierhaltung entstehenden Viren infizieren die lokalen Fischbestände. Und so ist die zoonotische Übertragung von Viren auf die Wildlachsbestände zu einem riesigen Problem geworden. Im Gegensatz zum Zuchtlachs bekommt der Wildlachs natürlich keine Antibiotika. Die Leute wissen auch nicht, dass ein Zuchtlachs, den man auf einer Fischfarm aufschneidet, kein orangerosa Fleisch hat. Es ist schmutzig-grau. Kein Mensch würde so etwas kaufen. Also setzen sie dem Futter Farbstoff zu. Die rosa Farbe des Wildlachses stammt vom Krill, von dem er sich im Meer ernährt. Und damit der Zuchtfisch genauso aussieht, muss man ihn künstlich färben.

Es ist schrecklich, diese eingesperrten, gestressten und leidenden Fische zu sehen, zu beobachten, wie sie von Seeläusen bei lebendigem Leibe aufgefressen werden.

Aquakultur ist extrem ungesund für die Fische und für die Menschen, die sie essen. Die fäkale Verschmutzung des Ökosystems ist hoch. Darüber hinaus braucht man etwa 70 Fische aus dem Meer, um einen einzigen Fisch zu züchten. Und dann werden jedes Jahr auf den Fischfarmen Raubtiere getötet, angefangen bei Adlern über Bären und Otter bis hin zu Robben und Seelöwen, weil man sie als Bedrohung für den Bestand ansieht. Trotzdem machen wir Fortschritte. Wir haben vor Vancouver Island und British Columbia 17 Fischfarmen stillgelegt. Gerade ist ein neues Buch von Richard Flanagan erschienen. Es heißt Toxic und deckt die Missstände auf tasmanischen Lachsfarmen auf. Don Staniford setzt sich für das Verbot von Fischfarmen in Schottland ein. Eine invasive Art wie der Atlantische Lachs hat im Pazifik einfach nichts zu suchen. Wenn man einen Piranha in einem Teich in Deutschland oder den USA aussetzt, ist das eine Straftat. Man darf keine räuberische Art in ein Ökosystem einführen. Und doch wird es gemacht und die Leute kommen damit durch, und der Staat unterstützt, ja subventioniert das sogar noch. Dabei gehört der Lachs da einfach nicht hin. Er ist eine invasive Art.

Es gibt eine Menge Beispiele für die Ansiedlung von räuberischen Arten in einheimischen Ökosystemen, beispielsweise der importierte Giftfrosch, der große Teile des australischen Ökosystems zerstört hat.

Ja, die Aga-Kröte. Jedes Mal, wenn der Mensch in natürliche Abläufe steuernd eingreift, hat das fatale Konsequenzen. Man nehme zum Beispiel Hawaii: Da sind Ratten von einem Schiff entkommen und haben die einheimischen Vögel gefressen. Und was hat man dagegen getan? Man hat Mungos angesiedelt, damit sie die Ratten fressen. Tja, das Problem ist nur, dass die Mungos tag- und die Ratten nachtaktiv sind, sodass jetzt sowohl die Mungos als auch die Ratten die Vögel fressen. Das läuft alles aufs Gleiche hinaus: den ökologischen Kollaps. Wie ich schon auf der UN-Klimakonferenz 2015 in Paris sagte, müssen wir die Ozeane unbedingt erhalten, wenn wir den Klimawandel bekämpfen wollen. Die Meere tragen zur Regulierung des Klimas bei und wir müssen es ihnen ermöglichen, den Schaden, den wir angerichtet haben, zu reparieren. Ich bin sicher, die Gesetze der Ökologie werden greifen.


Hai-Finning


Simon Ager, Fotograf und Offizier bei Sea Shepherd, dokumentiert einen Bug voller Fish Aggregating Devices (FAD) an Bord der GALERNA.

TEIL 2

Operation Icefish 2015, das illegale Wildererschiff THUNDER kentert und sinkt schnell nach der Verfolgung durch BOB BARKER. © Simon Ager

Sea Shepherd arbeitet mit kleinen Ländern zusammen wie Gabun, São Tomé und Príncipe oder Kap Verde. Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat Japan versucht, diesen Ländern die Fangrechte abzukaufen. Wie unterstützt ihr kleine Staaten dabei, sich gegen die Übervorteilung durch größere zu wehren?

Die staatlichen Stellen, mit denen wir in diesen Ländern zu tun haben, versuchen, die Situation zu verbessern, aber wenn man mit einer Behörde wie beispielsweise dem Umweltministerium oder dem Fischereiministerium zusammenarbeitet, können dessen Interessen denen des Finanzministeriums zuwiderlaufen. Wenn man also mit einer Behörde zusammenarbeitet, kommt es häufig vor, dass eine andere dazwischenfunkt. Das ist das Problem, wenn man mit staatlichen Stellen zusammenarbeitet. Als wir beispielsweise nach Peru eingeladen wurden und mit der Arbeit loslegten, meinte plötzlich eine andere, nicht beteiligte Behörde, dass es da Probleme gibt, die wir besser zuerst angehen sollten. In Afrika ist es das Gleiche. In Sierra Leone sind die Ministerien, mit denen wir zusammenarbeiten, zwar sehr kooperativ, aber gleichzeitig erlauben sie den Japanern, dort eine Fischverarbeitungsanlage zu bauen, wofür allerdings eine andere Behörde zuständig ist.

Das ist schon ziemlich frustrierend, aber damit müssen wir nun mal leben. Trotzdem haben wir eine Menge erreicht. Wir haben allein im letzten Monat sechs Trawler in den Gewässern von Sierra Leone festgesetzt und in den letzten Jahren fast 70 Trawler in Afrika. Wir waren also schon recht erfolgreich. Zurzeit versuchen wir gemeinsam mit Peru, gegen die Präsenz der chinesischen Flotte im Pazifik vorzugehen. In Mexiko steht die Regierung unter starkem Druck seitens der lokalen Fischer. Dort ist die eine Behörde sauer auf uns, während die andere meint, dass wir einen guten Job machen. Das kann schon verwirrend sein. Es ist also nicht einfach, aber wir tun, was wir können, und ich finde, wir haben einiges erreicht. Wir sind zahlreiche Partnerschaften eingegangen, aber wir messen unseren Erfolg an der Anzahl unserer Operationen. Das ist das einzig verlässliche Kriterium.


Wildtier-Rettung, Sea Shepherd Crew befreit Hai, der sich im Netz verfangen hat.

Sea Shepherd & Veganismus

Vor ein paar Tagen haben wir in einem Artikel gelesen, dass die weltweite vegane Bewegung einen großen Einfluss auf die Nachhaltigkeit und die Zukunft der Fisch- und der Fleischindustrie haben könnte, selbst wenn sich nur 1% der Bevölkerung der westlichen Welt vegan ernähren würde. Glaubst du, dass die zunehmende Anzahl junger Menschen, die sich für eine vegane oder vegetarische Ernährung entscheiden, die Wende bringen könnte?

Sicher, die Bewegung wächst. 1980 wusste noch niemand, was vegan überhaupt bedeutet. Seitdem hat sich einiges getan. Ich schätze, dass mittlerweile 3% aller US-Amerikaner Veganer sind. In Europa dürften es mehr sein. Wir sehen ja den Erfolg an der Zunahme von Fleischersatzprodukten wie Beyond Meat, Impossible Burgers usw., die der herkömmlichen fleischbasierten Ernährungsweise Konkurrenz machen. Das ist die Zukunft, denn es gibt keine Alternative. Wenn man sich Science-Fiction-Filme wie Star Trek anschaut, sieht man ja, dass die Zukunft vegetarisch ist. Die Weltbevölkerung ist einfach zu groß für eine fleischbasierte Art von Ernährung. Ab 1979 gab es auf den Schiffen von Sea Shepherd nur vegetarische Kost. 1999 sind wir dann auf vegane Verpflegung umgestiegen. Trotzdem sind wir keine vegane Organisation. Wir sind nicht einmal eine Tierrechtsorganisation. Veganer werfen uns vor, dass wir keine echten Veganer wären, weil wir uns nicht für den Veganismus starkmachen. Sind wir aber. Wir sind einfach nur eine Meeresschutzorganisation, die aus ökologischen Gründen eine vegane Lebensweise praktiziert. Aber dann kommen diese selbstgerechten Typen und sagen: „Also, das sind aber nicht die richtigen Gründe.“ Scheiß auf die Gründe. Als käme es darauf an. Wir machen es schließlich aus ökologischen Gründen. Tja, man sollte meinen, dass sie das freuen müsste (lacht), aber nein, die Fleischesser und die Pflanzenesser liegen sich weiterhin in den Haaren.

Ich finde das schon witzig, denn der Mensch war eigentlich nie ein echter Fleischfresser. Ich meine, es wird zwar gern behauptet, dass wir Fleischfresser sind, aber in Wirklichkeit sind wir Kadaverfresser. Wir essen tote Tiere. Wahrscheinlich sind wir mit Geiern, Hyänen und Schakalen enger verwandt als mit irgendeinem anderen Tier, denn das Fleisch, das wir essen, ist bereits seit sechs oder zwölf Monaten tot, in manchen Fällen sogar länger. Wir essen also totes Fleisch. Aber wir müssen dieses Fleisch mit Farbstoff präparieren, damit es appetitlich aussieht. Herrgott, Käfer werden zermahlen, um Fleisch einzufärben. Dann wird es auch noch in ein Bleichbad getaucht und mit allen möglichen Chemikalien vollgepumpt. Es ist der reine Irrsinn, was da gemacht wird. Ich weiß nicht, ob ihr schon einmal auf einem Fleischmarkt wart, beispielsweise in Brasilien. Ich war mal auf einem in Amazonien. Ich konnte es nicht fassen. In einem modernen Supermarkt bei uns im Westen gibt es diese tollen roten Steaks. Aber auf einem Fleischmarkt in Brasilien ist das Fleisch grau, fast grünlich, von Fliegen übersät und es stinkt.

Vor drei Jahren kostete in Frankfurt eine Rinderhälfte dem Weltmarkt entsprechend um die 40 Dollar. Das ist einfach absurd, unethisch und aus ökologischer Sicht eine Katastrophe.


Hai-Finning

Das liegt an den Subventionen. In der Europäischen Union gibt es alle möglichen Agrarsubventionen. Einerseits ist das gut, andererseits aber verlieren wir das Gefühl für den Wert einer Ware.

Die industrielle Fischerei würde es ohne die enormen staatlichen Subventionen gar nicht geben. Nur so kann sie aufrechterhalten werden. Die Fischereipolitik der EU fördert im Grunde die Piraterie. Indem Europäer und Asiaten die Gewässer Afrikas ausplündern, betreiben sie indirekt Piraterie. Nehmen wir die somalischen Piraten. Wer sind die eigentlich? Das sind Fischer, die man beraubt hat und die sich in ihrer Verzweiflung nicht anders zu helfen wissen, als ihrerseits zu rauben. Man könnte es fast als eine Art Steuer bezeichnen, die sie auf Schiffe erheben, die durch ihre Gewässer fahren. Als eine Wiedergutmachung für das, was man ihnen in der Vergangenheit angetan hat. Aber so sehen wir das natürlich nicht. Ich meine, Spanien ist eine der größten Piratenfischer-Nationen der Welt, wahrscheinlich die zweitgrößte nach China, und wir versuchen, sie vor Gericht zu bringen. Aber die spanischen Richter behaupten einfach, dass sie außerhalb der spanischen Hoheitsgewässer keinerlei Handhabe hätten, selbst wenn die Schiffe unter spanischer Flagge fahren.

Offenbar ist die Behauptung der internationalen Fischereilobby, dass 20% oder 30% der Weltmeere unter Naturschutz stehen, nicht zutreffend. Wir denken, es sind weniger als 1%.

Aber auch die sind vor Wilderern nicht sicher. Jedes Jahr werden 30.000 Haie illegal aus dem Galapagos-Meeresschutzgebiet gefischt. Es ist weder im politischen noch im ökonomischen Interesse der Regierungen, daran etwas zu ändern.

Die Ökonomie der Ausrottung

Wenn Schiffe in einen Hafen in Spanien, Italien oder Deutschland einlaufen, könnte man sie doch fragen, wo und wie sie ihren Fisch gefangen haben und wie ihre Fangmethoden aussehen. Es ist alles eine Frage des politischen Willens. Regierungen könnten die illegale Fischerei sanktionieren, wenn sie wollten. Aber eine gut funktionierende Fischereiindustrie ist ihnen wichtiger.

Seht euch nur die Niederlande an. Sie gelten als progressives Land, aber trotzdem ist die holländische Flotte mit ihren riesigen Supertrawlern vor der irischen und afrikanischen Küste im Einsatz. Und diese gigantischen Schiffe werden auch noch staatlich subventioniert.

Welchen Schaden richten denn diese Supertrawler an? Und kann sich der Meeresboden von diesen Schäden wieder erholen?

Wenn man einem Ökosystem genügend Zeit lässt, kann es sich auch wieder erholen. Wir müssen es nur zulassen. Schiffe, die mit riesigen Fangnetzen ausgestattet sind, kosten bis zu 100 oder sogar 200 Millionen Dollar und natürlich wollen die Betreiber ihre Investitionen wieder reinholen. Mit einem Supertrawlernetz kann man mit einem einzigen Fang so viele Fische fangen, wie in drei Busse passen. Grundschleppnetze, die den Meeresboden umpflügen, zerstören die Lebensgrundlage der Fische. Das ist, als würde man einen Wald in eine Wüste verwandeln. Genau das tun wir auf dem Meeresboden: Wir verwandeln ihn in eine lebensfeindliche Wüste. Aus reiner Habgier. Nur um schnelles Geld zu machen. Den Unternehmen, die diese Schiffe betreiben, ist es egal, ob die Fischgründe überleben oder nicht; sie streichen ihre Gewinne ein und investieren sie in ein anderes lukratives Geschäft. Es ist eine Ökonomie der Vernichtung. Knappheit führt zu mehr Nachfrage, was wiederum zu größeren Profiten führt. Also, je knapper der Fisch, desto höher die Gewinne der Fischereiindustrie. Mitsubishi hat momentan einen Bestand an Blauflossen-Thunfisch in japanischen Lagerhallen, der den Markt 10 bis 15 Jahre versorgen könnte. So groß ist ihr Vorrat. Sie könnten also sofort mit dem Fischen aufhören und trotzdem den Markt weiter versorgen. Sie haben nur ein Problem: Wenn sich die Fischpopulation im Meer wieder erholt, nimmt der Wert ihrer Ware in den Lagerhallen ab und damit fallen die Preise. Geht jedoch das Angebot gegen null, was der Fall wäre, wenn der Blauflossen-Thunfisch aussterben würde, wäre ihr gehorteter Bestand ein Vermögen wert. Sie könnten jeden Preis dafür verlangen.

Das ist ja furchtbar!

Nach dem Motto: Nach mir die Sintflut. Sie investieren ihre Profite in Computer oder Düsenjets oder Waffen oder was auch immer. Als Unternehmen haben sie keinerlei Verluste, im Gegensatz zu den Menschen in Sierra Leone, im Senegal oder in Indien. Seit etwa 30 Jahren fischen die Norweger in indischen Gewässern und haben in diesem Zeitraum wahrscheinlich eine Million Fischer und ihre Familien arbeitslos gemacht und ihnen damit ihre Lebensgrundlage entzogen. Darüber redet niemand. Es wird immer nur betont, wie viele Arbeitsplätze die Fischereiindustrie geschaffen hat, aber es ist keine Rede davon, wie viele sie vernichtet hat. Wenn man die Zahlen vergleicht, dann wurden viel mehr Menschen um ihr Einkommen gebracht als Arbeitsplätze geschaffen. Da klafft eine gewaltige Lücke.

Stimmt es, dass traditionelles Fischen inzwischen einer der gefährlichsten Berufe überhaupt ist? Ein einfaches Fischerkanu, das aufs Meer rausfährt, kann es schlichtweg nicht mit großen Schiffen aufnehmen. Die Boote müssen in tiefere Gewässer ausweichen, weil ihre ursprünglichen Fischgründe von Trawlern leergefischt wurden.

Das habe ich 1969 mit eigenen Augen gesehen. Damals arbeitete ich auf einem norwegischen Stückgutfrachter. Wir hatten den Indischen Ozean überquert und waren etwa 10 Meilen südlich von Sri Lanka, als plötzlich die Lichter von den Laternen vieler kleiner Fischerkanus vor uns auftauchten. Sie waren vielleicht 10 bis 20 Meilen von der sri-lankischen Küste entfernt. Die Boote signalisierten unserem Schiff, dass wir Abstand halten sollten. Aber unser Schiff war ein 30.000-Tonner und die Antwort des Kapitäns lautete: „Volle Kraft voraus! Sollen sie doch Platz machen.“ Wahrscheinlich haben wir sie zum Kentern gebracht. Keine Ahnung, wir konnten es nicht sehen. Unser Schiff wich jedenfalls nicht wegen ein paar Kanus von seinem Kurs ab. Erst kürzlich haben wir ein paar Fischer in Sierra Leone interviewt, die erzählten, dass sie mit einem Schiff kollidierten und von einem anderen Boot gerettet werden mussten. Sie erzählten uns auch, dass ständig Fischer umkommen, weil sie von großen Schiffen einfach umgemäht werden, vor allem von Supertrawlern, die sie als Konkurrenz ansehen. Es ist eine gefährliche Welt da draußen.


Grüne Rückenschildkröte, die sich beim Einholen im Ringwadennetz verfangen hat.

Moderne Sklaverei in der kommerziellen Fischereiindustrie

Noch dazu ist es eine Industrie, in der Sklavenarbeit gang und gäbe ist. Viele der Besatzungsmitglieder sind versklavt. Es handelt sich dabei nicht um Sklaverei im wörtlichen Sinn, aber es ist trotzdem Sklaverei. Beispielsweise laufen gerade jetzt Fischereischiffe unter amerikanischer Flagge in den Hafen von Honolulu auf Hawaii ein. Die Crew-Mitglieder kriegen 300 Dollar im Monat. Es sind keine Amerikaner und sie dürfen nicht an Land gehen. Wenn das Schiff anlegt, müssen sie an Bord bleiben. Dann fahren sie wieder aufs Meer hinaus und laufen den nächsten Hafen an. Weil sie 300 Dollar monatlich bekommen, sind sie rechtlich gesehen keine Sklaven, aber sie dürfen das Schiff nicht verlassen und verrichten Sklavenarbeit, jedenfalls gemessen an den Gewinnen der amerikanischen Fischereiunternehmen, für die sie arbeiten. Und dennoch verschließen wir die Augen davor. Wir sind sehr gut darin, nur das zu sehen, was wir sehen wollen, und das zu ignorieren, was wir nicht sehen wollen. Das trifft auf jeden Konflikt zu. Nehmen wir den Nahostkonflikt. Wir sagen: „Wir wollen nichts davon wissen, dass Kinder getötet werden. Israel hat das Recht, sich selbst zu verteidigen. Verwirrt uns nicht mit diesen Geschichten über getötete Kinder. Das widerspricht unseren nationalen Interessen.“

Die Fischereiindustrie macht Millionen und Abermillionen an Profit und gleichzeitig werden der Mannschaft menschenunwürdige Arbeitsbedingungen zugemutet. Das Hauptproblem ist die Doppelregistrierung von Schiffen. Ein deutsches Schiff kann in Panama registriert sein und unter panamaischer Flagge fahren und entzieht sich dadurch der deutschen Gerichtsbarkeit und dem deutschen Arbeitsrecht. Das Problem ist in der EU durchaus bekannt, aber unser Eindruck ist, dass niemand irgendwas dagegen unternimmt.

Der Fall der Canadian Merchant Marine und der Canadian Seafarer’s Union macht deutlich, wie schwer es ist, an dieser Praxis etwas zu ändern. Als die Mannschaft eines kanadischen Schiffs mehr Lohn forderte, lautete die Antwort der Schifffahrtsindustrie: „Wir brauchen euch nicht; wir fahren einfach unter einer anderen Flagge.“ Das folgende Beispiel zeigt, wie absurd die Situation inzwischen ist. Die Fähre von Portland in Maine nach Nova Scotia überquert die US-kanadische Grenze. Sie gehört dem kanadischen Staat. Trotzdem fährt sie unter der Flagge der Bahamas, weil sie nicht die kanadischen Bestimmungen erfüllt. Wir sprechen also von einem staatlichen Schiff, das den eigenen Vorschriften nicht genügt. Das gibt es fast überall. In den Vereinigten Staaten schreibt der Jones Act vor, dass Schiffe, die Fracht zwischen amerikanischen Häfen transportieren, unter amerikanischer Flagge fahren müssen. Deshalb müssen Kreuzfahrtschiffe auf dem Weg von Seattle nach Alaska in Vancouver oder Victoria einen Zwischenstopp einlegen. Es wäre illegal, wenn sie ohne amerikanische Beflaggung unterwegs wären. Das dürfen nur unter amerikanischer Flagge fahrende Schiffe. Amerika ist wahrscheinlich das einzige Land, das ich kenne, das so strenge Vorschriften hat, aber die gelten nur für die heimische Schifffahrt, nicht jedoch für internationale Transporte.

TEIL 3

Der Sea-Shepherd-Freiwillige Chris wacht über die geschlüpften Jungtiere, bis sie sicher im Meer ankommen – eine lebensgefährliche Aufgabe, da die Freiwilligen Gefahr laufen, von Wilderern getötet zu werden.

Welche neuen Strategien oder Kampagnen hat Sea Shepherd für die Zukunft geplant?

Unsere Strategie ist nach wie vor, Partnerschaften mit verschiedenen Regierungen einzugehen. Viele Regierungen sind an einer Zusammenarbeit mit uns interessiert. Zurzeit haben wir 250 Freiwillige aus 25 verschiedenen Ländern auf 12 verschiedenen Schiffen. Diese Anzahl wollen wir erhöhen. Wir haben Schiffe im Mittelmeer, vor Afrika, vor Europa und im Tropischen Ostpazifik sowie vor Mexiko. Wir sind der Meinung, dass sich Partnerschaften mit Regierungsstellen in aller Welt am besten eignen, um etwas zu bewegen. Tatsächlich gibt es am United States Naval War College Kurse über unsere Arbeit. Wir haben auch schon mit John Kerrys Mitarbeitern darüber diskutiert, wie man unser Anliegen umsetzen könnte. Er ist derzeit der amerikanische Special Presidential Envoy for Climate und damit zuständig für Fragen des Klimawandels. Sein Team versteht, worum es geht. Ich habe auch schon mit Marineoffizieren in Frankreich darüber gesprochen. Sie wissen, dass sie, wenn sie den Drogenhandel in internationalen Gewässern unterbinden können, auch illegale Fangtätigkeit stoppen können sollten. Die Regierungen müssen den politischen Willen dazu aufbringen. Wie mir ein französischer Marineoffizier sagte: „Wir würden liebend gern handeln, aber uns sind die Hände gebunden. Wir wären durchaus dazu in der Lage.“

Wie steht es mit Kooperationen mit der Ernährungsund Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen oder der Internationalen Schifffahrtsorganisation oder anderen UN-Organisationen?

Eigentlich arbeiten wir nicht mit ihnen zusammen. Lasst mich an einem Beispiel erklären, warum nicht. Vor zwei Jahren sprach ich am 8. Juni, dem World Ocean Day, vor der UNO. Nach meinem Vortrag intervenierte die Nippon Foundation bei der UNO. Es stellte sich heraus, dass die Nippon Foundation der Hauptsponsor des Tags der Meere ist. Es versteht sich von selbst, dass ich vor der UNO nicht mehr reden darf, weil ansonsten die Förderung eingestellt wird. Die Leute, die uns Probleme machen, sitzen also in UN-Behörden, die diese Probleme lösen sollen, was bedeutet, dass sie nicht gelöst werden. Eigentlich ein genialer Schachzug. Unternehmen kaufen sich Einfluss, um Kontrolle über Behörden auszuüben, die sich mit diesen Problemen befassen. Die Vereinten Nationen werden praktisch von solchen Lobbyisten bestochen, deshalb habe ich keine große Hoffnung, dass sich etwas ändert. Wir orientieren uns an den Prinzipien der United Nation World Charter for Nature [UNO-Weltcharta für die Natur], aber das Dokument ist im Grunde nichts wert. Die Charta besagt, dass Nichtregierungsorganisationen und Individuen die internationalen gesetzlichen Bestimmungen zur Bewahrung der Natur anwenden können. Das habe ich vor Gericht zitiert. Die Vereinigten Staaten erkennen die Charta nicht an (lacht), also können wir sie nicht vor amerikanischen Gerichten als Beweismittel anführen. Wenn wir es dennoch versuchen, heißt es: „Wir haben das nicht unterschrieben. Wir haben damit nichts zu tun.“ In Kanada berief ich mich auf die Charta bei einem Gerichtsverfahren gegen mich. Ich hatte kubanische und spanische Trawler daran gehindert, vor der Neufundlandbank zu fischen. Die kanadische Regierung schickte eine Juraprofessorin der Universität von Toronto als Sachverständige, die aussagte, dass die Charta nach kanadischem Gesetz nicht bindend sei. Der Richter fragte: „Hat Kanada die Charta denn nicht unterzeichnet?“, woraufhin die Professorin erwiderte: „Doch, aber Kanada unterzeichnet alles Mögliche.“ (lacht) Der Richter forderte die Jury auf, das zu berücksichtigen. Kanada hat tatsächlich die Charta unterzeichnet. Vertreter von Staaten treffen sich auf Konferenzen zu Themen wie Bevölkerungswachstum oder Umwelt, machen große Versprechungen, unterzeichnen alle möglichen Erklärungen und posieren für Gruppenfotos. All das bedeutet überhaupt nichts. Das ist das Problem. Keine der Empfehlungen der Rio-Konferenz 1992 wurde je umgesetzt. Justin Trudeau, der neu gewählte kanadische Premierminister, war der Star der UN-Klimakonferenz in Paris 2015. Was würde er nicht alles anpacken. So ein genialer Staatsmann! Und was passierte? Nichts. Er kehrte nach Kanada zurück, unterstützte den Bau von Pipelines, den Bau von Supertankern, brach seine Versprechen gegenüber der indigenen Bevölkerung und legte die angekündigte Wahlrechtsreform auf Eis. Es ist doch so: Man wird gewählt und dann kriegt man im Hinterzimmer erklärt, wie’s läuft. Also bedeuten diese ganzen Versprechen rein gar nichts.

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