Kitabı oku: «Ein Hauch von Zauberei - Bd. 2»

Yazı tipi:

Michelle Harrison

Ein Hauch von Zauberei

Aus dem Englischen von Mareike Weber


© Atrium Verlag AG, Imprint WooW Books, Zürich 2020

Alle Rechte vorbehalten

© Michelle Harrison 2020

Aus dem Englischen von Mareike Weber

Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel A Sprinkle of Sorcery bei Simon & Schuster UK Ltd, London

Lektorat: Maren Jessen, Hamburg

Coverillustration: Melissa Castrillón

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

ISBN 978-3-96177-545-3

www.WooW-Books.de

www.instagram.com/woowbooks_verlag

In liebevoller Erinnerung

an Fred Clifford, 1950–2017

Ein geborener Athlet


Liebe Leser,

als ich ungefähr elf Jahre alt war, wollte ich nach einem Streit von zu Hause weglaufen. Ich trug meinen kleinen Koffer zum Haus meiner Tante und meines Onkels, die zwei Straßen weiter wohnten, und beschloss, nie wieder zurückzukehren. Nachdem meine Tante Tee gekocht und sich meine Sorgen angehört hatte, sagte sie: »Ich denke, es ist Zeit, dass wir deine Mum anrufen und ihr sagen, wo du bist, meinst du nicht?« Und eine Weile später kam Mum vorbei, um mich abzuholen.

Wenn ich heute auf dieses Erlebnis zurückblicke, muss ich schmunzeln, aber es hat mir einen Denkanstoß gegeben: Was würde jemand erleben, der weggelaufen ist, ohne genau zu wissen, wohin? Jemand, der nicht zurückkann, weil es zu gefährlich ist? Als ein fremdes Mädchen im Wildschütz auftaucht, geraten die Widdershins-Schwestern Betty, Fliss und Charlie kopfüber in ein magisches Abenteuer. Ein Abenteuer um eine geheimnisvolle Landkarte, ein verfluchtes Schiffswrack und eine alte Legende, in der womöglich mehr als ein Körnchen Wahrheit steckt …

Macht euch bereit, die Schwestern auf einer Reise ins Unbekannte fern von Krähenstein zu begleiten, beschützt nur durch einen Hauch von Zauberei. Doch nehmt euch vor den Piraten in Acht!

Ein tollkühnes Leseabenteuer wünscht euch

Michelle Harrison


Prolog

Es war einmal eine mächtige Hexe, die lebte am Rande einer Marsch. Ganz einsam lebte sie dort, doch sie hatte einen Gefährten: einen großen schwarzen Raben.

Jeden Tag kamen Menschen zu ihr, um ihren Beistand zu suchen, und jeden Tag half die Hexe ihnen, ohne mehr als eine kleine Geste oder einen kleinen Gefallen dafür zu verlangen. Ihr Zauber konnte vieles heilen: von kleinen Warzen bis zu großen Sorgen; von gebrochenen Fingern bis zu gebrochenen Herzen.

Eines Tages bekam sie Besuch vom Herrscher des Landes, der in Verkleidung erschien. Der Lord war ein grausamer Mann. Er hatte von der Hexe und ihrer Zauberkunst gehört und konnte es nicht ertragen, dass jemand reicher oder mächtiger sein sollte als er. Beruhigt stellte er fest, dass die Hexe alles andere als reich war, doch dann geschah etwas Unerwartetes: Der Lord begann sich in die Hexe zu verlieben. Die Hexe allerdings erwiderte seine Gefühle nicht, selbst als der Lord seine Tarnung fallen ließ und sich zu erkennen gab.

Der Lord konnte die Hexe nicht vergessen und kehrte zurück, um sie zu besuchen. Er konnte nicht verstehen, warum die Hexe seine Liebe nicht erwiderte. Erzürnt befahl er seinen Schergen, sie zu blenden. »Wenn du mich nicht sehen und lieben willst, dann sollst du niemanden sehen«, verkündete er. Doch die Männer des Königs hatten Mitleid mit ihr und ließen ihr ein Auge.

»Du kannst mir mein Auge nehmen«, sagte die Hexe zum Lord, »aber ich werde dich immer klar sehen.« Und sie verzauberte einen alten Stein mit einem Loch in der Mitte, damit dieser Hühnergott ihr als magisches Auge das verlorene ersetzte.

Als der Lord zum dritten Mal zurückkam und sich die Gefühle der Hexe für ihn noch immer nicht geändert hatten, geriet er erneut in Zorn. Dieses Mal forderte er, dass man ihr die Stimme nehmen sollte.

»Wenn du nicht sagen willst, dass du mich liebst«, donnerte er, »dann sollst du überhaupt nicht sprechen.« Und er befahl seinen Männern, ihr die Zunge aus dem Mund zu schneiden und sie in die Marsch zu werfen. Doch nachdem der Lord gegangen war, krächzte der Rabe der Hexe mit einer heiseren, knarzenden Stimme: »Du hast mir vielleicht meine Zunge genommen, aber du wirst mich nie zum Schweigen bringen.«

Bei seinem letzten Besuch sah der Lord, was er der Hexe angetan hatte, und konnte ihren Anblick nicht ertragen. »Seht, wie hässlich und seltsam sie ist!«, rief er. »Hört, wie sie durch ihren Raben spricht, diesen Todesboten! Tötet sie!«

Da beschwor die Hexe einen dichten Nebel herauf und floh in einem kleinen Holzboot durch die Marsch. Mit nichts als ihrem Hexenkessel, ihrem Raben und ihrem magischen Hühnergott ruderte sie weit aufs Meer hinaus, bis sie ein winziges Stück Land erreichte. Diese Insel, umgeben von Wasser, so weit das Auge reichte, machten die Hexe und ihr Rabe zu ihrem Zuhause.

Eine ganze Zeit lang lebten die Hexe und der Rabe dort ein einfaches und zufriedenes Leben und wurden von niemandem behelligt. Die Hexe war alt geworden und interessierte sich nicht mehr für die belanglosen Wünsche anderer.

Eines Tages jedoch wurde sie von einer Gruppe Fischer entdeckt, die durch eine launenhafte Strömung in die Nähe der Insel getrieben worden war. Die Hexe hatte Mitleid mit ihnen. Sie blies in eine große Muschel und rief einen Wind herbei, der die Fischer sicher wieder auf den Heimweg brachte. Zu Hause angekommen, erzählten die Fischer von der merkwürdigen Frau, die ihnen auf so magische Weise geholfen hatte. Es dauerte nicht lange, und all dies kam auch dem boshaften Lord zu Ohren. Er war inzwischen verheiratet und hatte die Hexe fast vergessen, aber die Geschichte der Fischer weckte seine Neugier, und er konnte nicht mehr ruhig schlafen, seit er wusste, dass die Hexe am Leben war.

Da nahm der Lord ein Boot und ruderte aufs Meer hinaus, bis er den zerklüfteten Felsen fand, auf dem die Hexe mit ihrem Raben lebte. Zuerst erkannte er sie kaum, denn sie war alt und bucklig und grau, wettergegerbt durch tausend Seestürme. Doch als der Rabe sprach, wusste er, dass sie es war, und auch die Hexe erkannte den Lord wieder.

»Ich bin gekommen, um dich um Vergebung zu bitten«, sagte er. »Ich habe dir Unrecht angetan, und es tut mir leid.«

Die Hexe dachte über seine Bitte nach. Trotz ihres aufwallenden Grolls gegen ihn hatte sie noch immer ein gutes Herz, und so beschloss sie, ihm eine Chance zu geben, seine Untaten wiedergutzumachen.

Sie füllte ihren Hexenkessel mit Meerwasser und warf eine Feder von ihrem Raben und einige Gegenstände hinein, die das Meer angespült hatte: einen alten Stiefel, ein zerrissenes Fischernetz, einen Knopf, ein Buttermesser und ein Hufeisen. Zum Schluss gab sie ihren Hühnergott in die Mischung, den Stein mit dem Loch, der ihr als magisches Auge diente.

Als das Wasser im Kessel verkocht war, hatten sich alle Gegenstände auf die eine oder andere Weise verwandelt. Die Rabenfeder war jetzt ein goldenes Ei. Der Stiefel hatte sich in ein Paar wunderschöne neue Schuhe verwandelt, gefertigt aus feinstem Leder. Aus dem Hufeisen war eine Hasenpfote geworden, wie man sie als Glücksbringer trug, aus dem Knopf ein Umhang von weichstem Samt, aus dem Buttermesser ein juwelenbesetzter Dolch und aus dem Fischernetz schließlich eine Rolle aus festem Zwirn. Nur der Hühnergott blieb unverändert. Die Hexe holte den Stein aus dem Kessel und schleuderte ihn weit ins Meer hinaus.

»Du hast die Wahl«, krächzte der Rabe. »Für was auch immer du dich entscheidest – es wird dich zu dem führen, was du verdient hast. Der Stein ist jetzt eine Insel. Wenn du wirklich Vergebung willst, suche die Insel und bring mir das erste lebendige Etwas, auf das du dort stößt. Wenn du das schaffst, wird dir vergeben. Nimm dir einen Gegenstand aus dem Kessel, aber sei gewarnt: Nur eines dieser Dinge wird dir von Nutzen sein, weil es verzaubert ist. Die anderen werden großes Unglück bringen.«

Die Augen des Lords funkelten listig. »Was gibt es denn noch auf dieser Insel?«

»In ihrem Inneren schlummern unerschöpfliche Reichtümer«, antwortete der Rabe. »Aber darum musst du dich ja nicht kümmern. Du bist ja schon reich.«

Ohne zu zögern, griff der Lord in den Hexenkessel und befühlte die merkwürdigen Gegenstände, bevor er sich schließlich für den Dolch entschied. Dann machte er sich auf den Weg. Fasziniert malte er sich die geheimnisvolle Insel aus, schwor sich aber, dass er dem Befehl der Hexe folgen und mit dem ersten lebendigen Etwas von dort zurückkehren würde. Doch als er sich der Insel näherte, musste er ständig daran denken, was sich wohl in ihrem Inneren befinden mochte.

Ich bin zwar reich, dachte er, aber es gibt Männer, die sind noch viel reicher als ich, und zu denen möchte ich gehören. Es dauerte nicht lange, und seine Augen leuchteten so hell wie die Juwelen, die er sich ausmalte.

»Ich werde das erste lebendige Etwas mitnehmen, das mir begegnet«, sagte er zu sich selbst, »und dann ziehe ich weiter, um die Reichtümer zu finden. Die Hexe wird das nie erfahren, und wenn ich zurückkomme, kann ich ihr immer noch das Gewünschte abliefern.«

Als er sein Boot festmachte, entdeckte der Lord eine kleine verflochtene Wurzel, die in den Felsspalten am steilen Ufer der Insel wuchs. Er rupfte sie aus, stopfte sie in seine Tasche und kletterte dann die Felsen hinauf. In diesem Moment durchbrach ein krachender Donnerschlag die Stille. Der Lord rutschte aus und blieb mit dem Fuß in einer tiefen Felsspalte stecken, die sich plötzlich vor ihm aufgetan hatte. Sosehr er sich auch bemühte, er konnte sich nicht befreien. Nicht einmal der Dolch konnte ihm helfen, denn seine Klinge gab nach und bog sich wie das Schilf im Wind …

Er wurde nie wieder gesehen.

Für den Lord war dies das Ende, doch gleichzeitig war es der Beginn einer Geschichte, die von Generation zu Generation weitererzählt wurde: die Fabel von der einäugigen Hexe, die stets danach strebte, die Habgierigen auszutricksen und die Tugendhaften zu belohnen. Mit der Zeit veränderte sich die Geschichte, doch die Insel blieb, genauso wie die Hexe und der Rabe und die geheimnisvollen Gegenstände, die in den jeweiligen Nacherzählungen verschiedene sein konnten. Manchmal geriet die Geschichte für Jahre in Vergessenheit, doch von Zeit zu Zeit tauchte sie wieder auf und kam den Menschen zu Ohren: den Bedürftigen, den Strebsamen und den Habgierigen. Denn Geschichten können die Menschen überdauern, die sie erzählen, genauso wie Magie.

Und genauso wie eine Geschichte hinterlässt Magie immer eine Spur.

Kapitel 1 Der Wildschütz

Die Gefängnisglocke begann kurz nach dem Abendessen zu läuten.

Es war ein tiefes, monotones Dong … Dong …, als würde die Glocke zwischen ihrem dumpfen Raunen immer wieder kurz Luft holen.

Im Schankraum des Wildschütz wiederum schwoll das Raunen der Gäste an wie das prasselnde Feuer im Kamin.

Betty Widdershins hörte auf zu kehren und hob erschrocken den Blick, als das Gemurmel durch die Kneipe ging. Ihre ältere Schwester, Felicity, die alle nur Fliss nannten, wischte gerade eine Bierlache von der Theke. Sie sah auf und begegnete Bettys Blick. Die Glocke war eine Warnung: Geht nicht auf die Straße! Bleibt in den Häusern! Verriegelt eure Türen! Fliss legte ihren Putzlappen zur Seite und begann die Stammgäste zu bedienen, die an die Theke strömten, um sich nachschenken zu lassen. Das Lästern machte die Kunden durstig.

»Da ist jemand ausgebrochen, oder?«, fragte eine mürrische Charlie, die Jüngste der Widdershins-Schwestern. Sie saß am Tresen und zupfte missmutig an einer Rüsche ihres Kleides.

»Ja«, antwortete Betty. Sie dachte zurück an die anderen Male, als die Glocke geläutet hatte. So nah am Gefängnis auf der anderen Seite der Marsch zu leben, war eines der schlimmsten Dinge an Krähenstein. Ausbrüche waren zwar selten, aber sie kamen immer noch vor und versetzten jedes Mal den ganzen Ort in Aufruhr.

»Was für ein Lärm!«, beschwerte sich Charlie und steckte sich die Finger in die Ohren.

»Das kann man wohl sagen!« Die Großmutter der Mädchen, Bunny Widdershins, knallte übellaunig einen Krug Kräftigen Keiler auf den Tresen, und das Bier schwappte ihrem grauhaarigen Kunden über die Hände. »Das ist das Letzte, was wir heute gebrauchen können!« Sie warf dem Kunden einen vernichtenden Blick zu. »Und ich dachte, ich hätte dich gebeten, dich ein bisschen schick zu machen, Fingerty? Schlimm genug, dass wir draußen von lauter Gesocks umgeben sind, da müssen doch unsere Kunden nicht auch noch aussehen wie die letzten Landstreicher!«

»Ich hab mich doch schick gemacht!«, protestierte Fingerty beleidigt, aber er zog trotzdem einen Kamm aus seiner Westentasche und fuhr damit durch seine strähnigen Haare. Bunny stampfte davon, wahrscheinlich, um sich einen ordentlichen Zug aus ihrer Pfeife zu genehmigen.

Fliss schob Fingerty ein Gläschen Portwein zu. »Der geht aufs Haus«, sagte sie mit einem flüchtigen Lächeln. »Aber kein Wort zu Granny.« Fingerty leckte sich die Lippen, und sein mürrischer Gesichtsausdruck wurde weicher.

Betty lehnte den Besen an den nächstgelegenen Kamin und blickte sich um. Sie versuchte, die Kneipe mit den Augen eines Fremden zu sehen. Das war nicht einfach, denn die Widdershins arbeiteten nicht nur im Wildschütz, sie lebten auch dort. Betty war so an den schäbigen Anblick des Hauses gewöhnt, dass ihr die abgewetzten Teppiche und die abblätternde Tapete kaum noch auffielen. Doch heute schien die verschlissene Einrichtung hervorzustechen wie eine Krähe inmitten von Rotkehlchen.

Sie fuhr sich mit der Hand über die feuchte Stirn. Es war eigentlich zu warm, um alle Feuer anzuzünden, aber Granny hatte darauf bestanden, damit die Kneipe gemütlicher wirkte. Betty und ihre Schwestern waren den ganzen Tag damit beschäftigt gewesen, Feuerholz aufzuschichten, den Boden zu wischen und die Zapfhähne zu polieren, bis sie glänzten. Fliss hatte sogar etwas gebacken, um das Haus mit einem heimeligen Duft zu erfüllen. So weit, so gut … wenn Grannys üble Laune die Atmosphäre nicht verdorben hätte.

Betty ging zu Charlie hinüber, die sich jetzt schon zum dritten Mal in zehn Minuten am beschlagenen Fenster herumdrückte.

»Granny sollte nicht so mit Gästen reden«, sagte Charlie. »Oder wir haben bald keine mehr!«

Betty schnaubte. »Glaubst du wirklich? Der Fuchsbräu ist fast zwei Meilen entfernt, und das Bier kostet dort das Doppelte!« Sie beugte sich zum Fenster vor und wischte einen kleinen Flecken frei, um durch die beschlagene Scheibe spähen zu können. »Sie müssten doch längst hier sein.«

»Die sollen sich mal beeilen, damit ich endlich dieses furchtbare Kleid ausziehen kann!«, murrte Charlie und zappelte unruhig. »Vornehme Kleider kratzen einfach wie verrückt!«

»Immerhin sind es zur Abwechslung mal nicht die Läuse, die jucken«, sagte Betty.

Charlie grinste und zog ihre Nase mit den vielen Sommersprossen kraus. Ausnahmsweise sah sie ganz manierlich und präsentabel aus. Ihr braunes Haar war ordentlich gebürstet und mit Schleifchen zu zwei glänzenden Zöpfen gebunden, aber Betty wusste, das würde nicht lange andauern.

»Ich hatte schon ewig keine Läuse mehr«, entgegnete Charlie stolz und steckte ihre Zunge durch die Lücke, wo ihr die zwei Schneidezähne fehlten. »Ganze sechs Wochen!«

»Alle Achtung«, murmelte Betty und starrte geistesabwesend aus dem Fenster. Über den Nestleinpark brach schon die Dämmerung herein, aber man konnte noch ein paar leuchtend bunte Frühlingsblumen erkennen. Die Blütenköpfe nickten im Wind, der über das Gras strich und das Schild an der Hauswand des Wildschütz quietschen ließ. Betty musterte das Schild, dessen große Aufschrift hin und her schwang wie eine winkende Hand, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte: ZU VERKAUFEN.

»Sie kommen bestimmt«, sagte Betty, aber mit jeder verstreichenden Minute war sie sich da weniger sicher. Das Schild quietschte noch einmal, und es klang fast wie ein gehässiges Lachen. Eine schwarze Krähe hatte sich darauf niedergelassen, und während sie Betty mit glänzenden Knopfaugen anstarrte, hockte sich eine zweite Krähe dazu und dann eine dritte. Ein alter Krähenspruch ihrer abergläubischen Großmutter kam ihr in den Sinn.

Eine bringt Marschnebel,

zwei bringen Sorgen,

drei eine lange Reise am Morgen …

Betty beobachtete, wie die dritte Krähe sich in die Luft erhob und nur noch zwei zurückblieben. Sie glaubte doch gar nicht an all diesen Unsinn, warum also war sie so nervös?

»Ihr werdet sehen, bis zum Frühling ist die Kneipe verkauft«, hatte Vater zu ihnen gesagt, nachdem er das Schild in der ersten Woche des neuen Jahres angebracht hatte. Aber der Wildschütz war immer noch nicht verkauft. Aus Wochen waren Monate geworden, und jetzt war schon fast Mai. Granny hatte die Kneipe anfangs gar nicht verkaufen wollen. Es war Bettys Idee gewesen, und es hatte einige Überredungskunst gebraucht, bis Granny einsah, dass es Zeit war, die Flügel auszubreiten und Krähenstein zu verlassen.

»Die Welt steht uns offen«, hatte Betty sie beschworen. »Denk doch nur! Wir könnten ein kleines Café am Meer aufmachen oder vielleicht sogar eine Eisdiele … etwas, was uns allen mehr Spaß macht.«

Die Erwähnung von Eiscreme war natürlich genug gewesen, um Charlie zu überzeugen, und so hatte sich die Idee weiterentwickelt.

Aber zu gehen war nicht so einfach, wie Betty sich das vorgestellt hatte. Der Wildschütz mochte nicht mehr ganz so heruntergekommen sein wie früher, aber er war alles andere als prunkvoll. Es verging keine Woche, ohne dass sich ein Dachziegel löste oder ein Fensterladen kaputtging. Auch heute war ihr Vater dabei, im Obergeschoss etwas zu reparieren.

»Es ist ein Renovierungsobjekt mit Potenzial«, hatte Granny fröhlich zu den einzigen zwei Interessenten gesagt, die sich das Haus angeguckt hatten, seit es zum Verkauf stand. »Der Wildschütz ist seit Jahren im Besitz der Familie Widdershins!«

Doch das eigentliche Problem, das wussten sie alle, war nicht die Kneipe. Es war die Lage. Der Heimatort der Widdershins befand sich am Rande einer feuchten, trostlosen Marschlandschaft, die von einem riesigen Gefängnis überragt wurde, und war kein Ort, den man freiwillig besuchte. Krähenstein war die größte von vier Inseln, die als Inseln des Jammers bekannt waren. Viele der Bewohner hatten Verwandte im Gefängnis, in deren Nähe sie sein wollten. Und die zahlreichen Insassen kamen von allen Teilen der Inselgruppe.

Gefährliche Insassen, dachte Betty schaudernd. Betrüger, Diebe und sogar Mörder … alle nur eine Fährüberfahrt entfernt auf der Insel der Sühne gefangen. Dahinter lag die kleinere Insel der Klagen, wo Krähensteins Tote beerdigt wurden. Als Letztes kam die Insel der Qualen, die einzige der Inseln, auf der Betty und ihre Schwestern noch nie gewesen waren. Dorthin nämlich schickte man die Verbannten, und alle anderen durften die Insel nicht betreten.

Betty warf einen Blick zu Fingerty, der immer noch zusammengesunken auf seinem Barhocker saß. Auf seiner gerunzelten Stirn zuckte ein Muskel im Takt der schallenden Glocke.

Jeder kannte seine Vergangenheit, zuerst als Gefängniswärter und dann als Betrüger. Er wusste mehr über die Insel der Qualen als jeder andere im Wildschütz, denn er hatte einst verzweifelten Menschen von dort zur Flucht verholfen.

»Das kommt jetzt aber wirklich zum ungünstigsten Zeitpunkt«, sagte Fliss. »Wir haben uns solche Mühe gegeben, damit alles hübsch und freundlich aussieht, und nun macht dieser Lärm da draußen alles zunichte!«

»Die Glocke macht überhaupt nichts zunichte«, meinte Granny, die gerade die Treppe heruntergekommen war. »Sie verkündet nur die Wahrheit!« Sie deutete entnervt auf die Möbel um sie herum, und ihre Augen flackerten so wütend wie das lodernde Feuer im Kamin. »Was dachten wir denn, wem wir was vormachen können? Als ob diese Kaschemme irgendetwas anderes wäre als eine Absteige für … den Abschaum der Gesellschaft!«

»Granny!«, rief Fliss. »Das ist wirklich furchtbar, so was zu sagen.«

»Aber es stimmt!«, erwiderte Granny patzig und nahm sich ein Glas, um sich einen Schluck Whisky einzuschenken. »Wir können diese Spelunke herausputzen, wie wir wollen, und es wird doch keinen Unterschied machen. Ich hab es ja von Anfang an gesagt: Aus einem Ackergaul kann man kein Rennpferd machen!«

Charlie machte ein entrüstetes Gesicht. »Der arme Gaul! Warum sollte man das tun?«

»Das ist doch nicht wörtlich gemeint«, erklärte Fliss. »Granny meint einfach, dass es keinen Zweck hat, dieses Haus als etwas anderes auszugeben, als es ist.«

»Heißt das, ich kann jetzt dieses Kleid ausziehen?«, fragte Charlie sofort.

»Noch nicht«, sagte Betty. »Vielleicht kommen sie ja doch noch.«

»Sie sind schon fünfzehn Minuten zu spät«, sagte Granny missmutig.

»Vielleicht …«, begann Fliss zögerlich. »Ich meine … wäre es denn so schlimm hierzubleiben?«

»Was?«, rief Charlie entsetzt. »Warum sollten wir das tun, wenn wir doch eine Eisdiele aufmachen könnten?« Ihre grünen Augen wurden ganz rund und gierig. »Denkt doch nur an all die Sorten … Sauce mit roten Beeren …«

»Ganz abgesehen davon, dass es mich noch verrückt macht, mit euch beiden ein Zimmer zu teilen«, warf Betty ein.

»Ich finde es schön, sich das Zimmer zu teilen!«, protestierte Charlie.

»Ich ja eigentlich auch«, lenkte Betty ein, »aber wir haben bald keinen Platz mehr. Du mit all deinen Tierchen und Fliss mit ihren Bergen von Liebesbriefen …«

»Berge ja wohl kaum«, murmelte Fliss mit hochrotem Kopf. »Der springende Punkt ist: Das hier ist unser Zuhause.«

Betty spürte, wie die Wut in ihr hochkochte. Dass Fliss auch immer so sentimental sein musste!

»Ich weiß«, seufzte Granny und fuhr mit sanfterer Stimme fort: »Aber der Gedanke, dass wir nicht weg können … nun ja, das gibt einem weniger das Gefühl von einem Zuhause als von einem … einem Gefängnis.«

Die Mädchen verstummten und wechselten Blicke. Niemand wusste so gut wie sie, was für ein Gefühl es war, gefangen zu sein. Bis zu Bettys dreizehntem Geburtstag hatten die Widdershins unter einem Fluch gelebt, der sie daran hinderte, Krähenstein zu verlassen. Doch gemeinsam hatten Betty und ihre Schwestern den Fluch gebrochen … mithilfe einer Prise Familienmagie. Es war ein Geheimnis, das nur die drei Schwestern teilten. Und die Widdershins-Schwestern waren gut darin, Geheimnisse zu bewahren.

»Fliss«, sagte Charlie unvermittelt und schnupperte. »Was riecht hier so …?«

»Zum Donnerraben!«, rief Fliss und rannte die Treppe nach oben. Ein paar Minuten später kam sie mit einem Blech angebrannter Lebkuchen zurück und begann sie herumzureichen.

»Das kann ich nich’ essen«, maulte Fingerty, nachdem er ein angesengtes Gebäckstück inspiziert hatte. »Da brech ich mir ja die Zähne ab!«

»Die sind doch nur an den Rändern angebrannt«, sagte Fliss gekränkt. Sie schob sich ihren dunklen Pony aus der Stirn und blinzelte.

Betty griff nach dem am wenigsten verkohlten Lebkuchen, den sie finden konnte, und bemühte sich, nicht zu husten, als sie den Rauch im Rachen spürte. »Mmh«, murmelte sie wenig überzeugend.

Bevor Fliss etwas entgegnen konnte, nahm Charlie sich zwei große Lebkuchen. »Einer für mich und einer für Hopsi.«

»Fängst du schon wieder mit dieser Ratte an?«, fragte Granny und stemmte die Hände auf die Hüften. »Ach, Charlie. Wenn du dir schon ein Haustier einbilden musst, warum kann es nicht ein nettes sein?«

»Ratten sind nette Tiere«, sagte Charlie und biss unverdrossen in ihren Lebkuchen. »Und keine Sorge, Granny. Hopsi sitzt sicher in meiner Rocktasche.«

»Nun, dann pass auf, dass er auch da bleibt«, murrte Granny.

Betty überließ Charlie und Granny ihrem Geplänkel über Ratten und erfundene Haustiere. Sobald Fliss nicht hinsah, warf sie den angebrannten Lebkuchen in den nächsten Kamin. Dann trat sie wieder ans Fenster und spähte zwischen einem Zweig getrockneter Vogelbeeren und Grannys anderen Glücksbringern in die Dämmerung hinaus. Abendnebel kroch von der Marsch herauf, und das ungute Gefühl, das Betty schon zuvor beschlichen hatte, verstärkte sich. Sie hatte sich immer über Grannys Aberglauben lustig gemacht, aber niemand konnte leugnen, dass die Widdershins in der Vergangenheit geradezu vom Pech verfolgt gewesen waren. Vielleicht war das Pech etwas, dem sie nicht so leicht entkommen konnten … wie Krähenstein selbst.

Da tauchte im Nebelgrau eine Gestalt auf. Ein Wärter pirschte auf der anderen Seite des Parks von Haus zu Haus und klopfte an die Türen. Betty wusste, ihm würden weitere folgen. Um nach demjenigen zu suchen, der es gewagt hatte zu flüchten. Die Wärter würden nicht aufgeben, bis der Gefangene gefunden war. Schon bald würden sie durch den Park zum Wildschütz herüberkommen, argwöhnisch herumschnüffeln und jede Menge Fragen stellen.

Betty spähte angestrengt nach draußen. Unter dem mächtigen Eichenbaum im Park bewegte sich etwas. Im Schatten unter seinen Zweigen lungerten zwei Gestalten und starrten zum Wildschütz herüber. Es war schwer zu erkennen, aber es schienen Männer zu sein. Bettys Herz schlug schneller. Das mussten die Leute sein, auf die sie warteten, die potenziellen Käufer … Brüder, hatte Granny gesagt. Ihren Gesten nach zu urteilen, stritten sich die beiden.

Einer von ihnen fuchtelte ungeduldig mit den Händen und machte einen Schritt auf den Wildschütz zu. Der andere schüttelte den Kopf, deutete zuerst auf die Kneipe und dann auf den Wärter, der von Tür zu Tür ging. Mit schwerem Herzen beobachtete Betty, wie die Männer sich umdrehten und in Richtung Fähre zurückgingen, ihre Schritte im Takt der läutenden Gefängnisglocke. Sie konnte sich vorstellen, was sie jetzt zueinander sagten: Das lohnt sich nicht … Was ist das überhaupt für ein Ort hier? Da finden wir doch was Besseres …

Betty wandte sich vom Fenster ab. Ihre Augen brannten vor Rauch und Enttäuschung. Granny hatte recht, dachte sie. So schnell würden sie die Kneipe nicht loswerden.

Doch Granny hatte nicht in allem recht. Die Widdershins würden in dieser Nacht doch noch Besuch bekommen … wenn auch nicht den, mit dem sie gerechnet hatten.

Kapitel 2 Das Zeichen der Krähe

Charlie!«, rief Fliss aufgebracht, als sie aus dem Badezimmer kam. »Warum ist mein Bett voller Krümel?«

»Weil ich auf meinem nicht sitzen konnte.« Charlie wischte sich mit dem Ärmel Butter vom Kinn und deutete auf das Bett, das sie mit Betty teilte. »Sie hat sich mal wieder total breitgemacht. Wie immer.«

Fliss schwebte einmal quer durch das Zimmer der Mädchen und rubbelte ihre kurzen dunklen Haare trocken. Ein Schwall süßlichen Rosenblütendufts folgte ihr. Fliss fegte die Krümel von ihrem Kopfkissen, stellte sich vor den Spiegel und kämmte sich zufrieden seufzend die frisch gewaschenen Haare.

Betty sah von den Landkarten auf, die sie auf dem Bett ausgerollt hatte. »Wenigstens eine von uns freut sich über Grannys neue Anweisung, zweimal in der Woche zu baden«, sagte sie.

Es war Abend geworden. Die Dunkelheit schien durch die zugigen Fenster dringen zu wollen, und von unten war Gemurmel zu hören, als Granny ankündigte, den Wildschütz für heute zu schließen.

Vorhin, als die Wärter gekommen waren, mit Schlagstöcken an die Tür gepocht und mit bellender Stimme ihre Fragen gestellt hatten, war es ganz still geworden in der Kneipe, während die Glocke draußen umso lauter zu tönen schien. »Zwei Ausreißer«, hatten sie berichtet. »Eine Person wurde halb ertrunken an Land gespült und wird die Nacht wohl nicht überleben. Die andere ist noch auf freiem Fuß …« Ein Raunen war durch die Kneipe gegangen, und ungefähr eine Stunde nachdem die Wärter sich davongemacht hatten, war die Glocke endlich verstummt.

Betty hatte damit gerechnet, erleichtert zu sein – nun mussten sie den Gesuchten gefunden haben –, doch es gelang ihr noch immer nicht, das unbehagliche Gefühl abzuschütteln. Aber das hatte bestimmt nur mit dem bedrohlichen Auftreten der Wärter zu tun, sagte sie sich. Zuletzt waren sie vor ein paar Monaten in die Kneipe geplatzt, auf der Suche nach zwei Wärtern, die spurlos verschwunden waren, und auch damals hatten sie alle in Aufregung versetzt.

»Ich kann es nicht erwarten, bis wir das Haus verkauft haben«, sagte Charlie und riss Betty wieder in die Gegenwart zurück. Sie stopfte sich ein weiteres Stück Toast in den Mund. »Dann können wir endlich mit diesem Verkleiden und ständigen Waschen aufhören. Ein Mal baden in der Woche ist schlimm genug.«

»Ferkel«, murmelte Betty, auch wenn sie Charlie insgeheim zustimmte. Nicht dass sie etwas gegen das Baden an sich gehabt hätte. Es nervte sie nur, dass ihre Haare dadurch noch krauser wurden, als sie es ohnehin schon waren.

»Was guckst du dir denn diesmal an?«, fragte Charlie und hockte sich auf die Bettkante.

»Alle möglichen Orte«, sagte Betty. Für einen Moment waren die Sorgen, die heute den ganzen Tag an ihr genagt hatten, verflogen, und sie spürte die Begeisterung, die sie immer überkam, wenn sie Landkarten betrachtete. Es gab so viel zu entdecken! Außerhalb von Krähenstein wartete eine ganze Welt auf sie. Wohin würde es sie wohl verschlagen?

»Wie wäre es damit: Groß Schnoddburg. Das klingt doch spannend. Da gibt es Wald und eine Burgruine …«

Fliss schnaubte. »Der Klang sagt doch noch nichts darüber aus, wie ein Ort wirklich ist!«

»Bei Krähenstein schon«, gab Betty zurück. »Das klingt genauso düster, wie es ist.«

»Was ist damit?«, fragte Charlie und kam mit ihrem klebrigen Zeigefinger gefährlich nah an Bettys wertvolle Karten heran. »Da ist ein Strand in der Nähe. Bett…Bett…«

»Bettlersheim«, las Betty. »Klingt auch nicht gerade einladend. Aber wenn man arm ist, darf man nicht wählerisch sein, sagt Granny immer. Und das trifft auf uns wohl auch zu.« Sie schob Charlies Hand zur Seite. »Hast du dich schon wieder über die Lavendelmarmelade hergemacht, du gefräßiges Monster?«

»Genau.« Charlie leckte sich die Finger und hüpfte vom Bett. Sie ging hinüber zur Kommode, auf der eine bunt bemalte Matroschka stand, und drehte geschickt an den hölzernen Puppen.

Betty erkannte, was Charlie vorhatte. »Nicht!«, flüsterte sie, aber es war zu spät. Mit einer einzigen Bewegung hatte Charlie die zwei Hälften der äußersten Puppe einmal entgegen dem Uhrzeigersinn herumgedreht. Dabei waren ihre Augen in schelmischer Erwartung auf Fliss gerichtet.

Fliss, die damit beschäftigt war, selbst gemachtes Duftwasser auf ihre Handgelenke zu tupfen, schrie auf, als plötzlich und wie aus dem Nichts eine dreibeinige Ratte vor ihr auftauchte.

»Charlie!«, kreischte sie. Die Parfümflasche, die ihr aus der Hand rutschte, landete auf dem Fußboden und lief aus. »Du und diese verfluchte Ratte! Mach das nicht noch mal!«

Charlie hob die Ratte hoch und brach in Gekicher aus. »Oh, Hopsi«, flüsterte sie schadenfroh. »Der haben wir aber einen schönen Schrecken eingejagt, was?«

Fliss presste die Lippen aufeinander. »Diese Puppen sind kein Spielzeug, das weißt du genau.«

»Da hat Fliss recht«, sagte Betty. Sie rollte ihre Landkarten zusammen und verstaute sie. Dann nahm sie ihrer kleinen Schwester flink die Matroschka aus der Hand und zupfte Charlie sanft am Zopf. »Das hier ist nicht irgendein Zaubertrick, den du nach Lust und Laune vorführen kannst.« Betty strich zärtlich über das glatte Holz. »Die Puppen sind ein Geheimnis … und sie sind etwas ganz Besonderes. Sie sind das Wertvollste, was wir besitzen.«

Sie hatte die Matroschka zu ihrem dreizehnten Geburtstag bekommen, ein Geschenk, das unter den Widdershins-Töchtern von Generation zu Generation weitergereicht worden war. Aber es waren keine gewöhnlichen Holzpuppen.

»Ich nenne es eine Prise Magie«, hatte Granny gesagt. Und Betty hatte staunend und vollkommen fasziniert beobachtet, welche außergewöhnliche Fähigkeit die Matroschka hatte. Indem Betty etwas Kleines von sich selbst in die zweitgrößte Puppe legte, konnte sie sich unsichtbar machen. Und wenn sie eine Kleinigkeit, die jemand anderem gehörte, in der dritten Puppe versteckte, löste sich auch diese Person scheinbar in Luft auf. In beiden Fällen mussten die Puppen ineinandergesteckt und exakt zugedreht werden. Sobald die Hälften der äußersten Puppe wieder perfekt zusammengeschraubt waren, wurde die jeweilige Person – es konnten auch mehrere sein – unsichtbar. Um den Zauber rückgängig zu machen und wieder sichtbar zu werden, musste man die obere Hälfte der äußersten Puppe einmal ganz gegen den Uhrzeigersinn herumdrehen.

Betty öffnete die Matroschka und schüttelte ungläubig den Kopf. Dort im Hohlraum der dritten Puppe lag ein langes, dünnes Schnurrbarthaar der Ratte Hopsi.

»Das kann auch nur dir einfallen, eine Ratte unsichtbar zu machen«, sagte Betty und strubbelte Charlie durch die ohnehin schon zerzausten Haare. Trotzdem konnte sie sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Charlie tippte sich auf ihre kleine Stupsnase und grinste breit. »Irgendwie muss ich Hopsi doch vor Granny verstecken.«

»Ich wünschte, du würdest ihn auch vor mir verstecken«, nörgelte Fliss.

»Wer wird hier versteckt?« Eine dröhnende Stimme ließ die drei Mädchen zusammenzucken.

Ohne zu überlegen, schraubte Betty die Matroschka zu und fügte die äußeren Hälften so zusammen, dass die Ratte auf Charlies Arm unsichtbar wurde. Als der Vater der Mädchen den Kopf zur Tür hereinsteckte, ließ Betty die Matroschka schnell hinter ihrem Rücken verschwinden.

»Niemand!«, riefen die Schwestern im Chor.

Barney Widdershins grinste. Seine Wangen waren rund und rosig wie die Grannys, und sein Haar war genau so ein Vogelnest wie das von Charlie. »Für einen Moment hab ich gedacht, Fliss versteckt mal wieder einen neuen Freund«, scherzte er.

Fliss wurde rot und warf ihr Handtuch nach ihm.

»Willst du noch irgendwohin?«, fragte Betty, denn ihr war aufgefallen, dass ihr Vater seinen Mantel trug.

Er nickte und kratzte sich das stoppelige Kinn. »Ich nehme die letzte Fähre nach Marschweiler. Dort wird morgen früh eine Kneipe versteigert, und ich hab mir gedacht, vielleicht kann ich da auch jemanden für den Wildschütz interessieren. Morgen zum Abendessen sollte ich zurück sein.« Er zwickte Charlie in die Nase. »Das heißt, wenn du mir etwas übrig lässt!«

Die scherzenden Worte ihres Vaters ließen Bettys Unbehagen verblassen. Wenn jemand einen potenziellen Käufer für den Wildschütz beschwatzen konnte, war es Barney Widdershins. Er hatte eine besondere Gabe, die Leute um den Finger zu wickeln, etwas, das Fliss von ihm geerbt hatte (wie auch die Neigung, Dinge auszuplappern, die besser ungesagt blieben).

Nachdem er ihnen allen einen kratzigen Abschiedskuss gegeben hatte, ging er die knarrenden Treppenstufen hinunter. Hoffnungsvoll sah Betty ihm durch das Fenster nach, wie er den Nestleinpark durchquerte und in einem immer dichter werdenden Nebel verschwand.

Einige Zeit später schreckte Betty aus dem Schlaf, als der Wind am Fenster rüttelte und einen feuchten Luftzug über ihr Kissen streichen ließ. Schlaftrunken vergrub sie sich tiefer unter ihre Decke. Doch etwas brachte sie dazu, die Augen zu öffnen.

Es war ganz still im Zimmer. Zu still. Charlie war kein leiser Schläfer, und normalerweise wurde die Stille durch ihr Schnaufen und Schnarchen unterbrochen. Aber jetzt hörte Betty nichts als das Geräusch ihres eigenen Atems. Sie drehte sich auf die Seite und blinzelte das letzte bisschen Müdigkeit weg.

Auf Charlies Hälfte war das Bett ganz zerwühlt. Und Charlie lag nicht unter ihrer Decke.

Betty setzte sich auf und lauschte. Konnte es sein, dass ihre kleine Schwester dabei war, den Vorratsschrank zu plündern, wie sie es manchmal nachts tat? Charlie wusste, dass sie nichts zu essen stibitzen sollte, aber ihr ständig knurrender Magen war immer stärker als sie. Letztes Mal hatte sie einen halben Laib Brot verputzt, der fürs Frühstück vorgesehen gewesen war. Da war Granny richtig sauer geworden. Sie hatte Charlie damit gedroht, die gruselige Kammer auf dem Flur aufräumen zu müssen.

Dann soll Granny das eben morgen früh regeln, dachte Betty und gähnte. Doch sie saß immer noch aufrecht im Bett, horchte und wartete darauf, ein verräterisches Klappern oder Klirren aus der Küche zu hören. Aber nichts dergleichen geschah. Mit wachsender Neugier stand Betty auf und schlüpfte in ihre Stiefel.

Auf der anderen Seite des Zimmers schlummerte Fliss seelenruhig in ihrem Bett. Sie sieht aus wie eine Elfe, dachte Betty. Ihre kurzen dunklen Haare standen in Büscheln von ihrem ovalen Gesicht ab, und selbst im Schlaf schien sie zu vornehm zu sein, um etwas so Gewöhnliches zu tun wie zu schnarchen.

Betty legte sich einen warmen Umhang über die Schultern, schlich zur Tür und wartete. Aus Grannys Zimmer war grummelndes Schnarchen zu hören. Sie warf einen Blick in Richtung Küche. Alles war dunkel und still.

Betty trat auf den Flur hinaus und stieg die Treppe hinab. Als sie unten angekommen war, wurde der Geruch nach Bier und Grannys Pfeifenrauch immer stärker. Langsam stieß Betty die Tür auf und blieb wie angewurzelt stehen. Grannys Hufeisen über dem Türrahmen hing falsch herum. Wie hatte denn das passieren können? Alle wussten, wie penibel Granny darauf achtete, dass das Hufeisen richtig hing, damit das Glück nicht herauspurzeln konnte. Schnell drehte Betty das Eisen herum und ärgerte sich im Stillen über sich selbst. Hufeisen, Krähen … sie war ja schon fast so schlimm wie Granny! Und trotzdem … da war es wieder, dieses nagende, mulmige Gefühl.

Betty ließ ihren Blick über die leeren Tische und Stühle schweifen. Die glimmenden Kohlen in den Kaminen spendeten noch immer ein wenig Wärme in der Kneipe. Doch Charlie war nicht zu sehen.

Bettys Herz begann schneller zu schlagen. Ruhig bleiben, sagte sie sich. Sechsjährige Mädchen verschwinden nicht einfach sang- und klanglos vom Erdboden. Schon gar nicht ein solcher Wildfang wie Charlie Widdershins.

Konnte es sein, dass sie schlecht geträumt hatte und zu Granny ins Bett geschlüpft war? Es lohnte sich nachzusehen. Doch als Betty sich umdrehte, um wieder nach oben zu gehen, stolperte sie über etwas Warmes und Fauchendes zu ihren Füßen.

»Pfui!«, fauchte Betty zurück (zum einen, weil sie sich ärgerte, und zum anderen, weil das »Etwas« tatsächlich auf diesen Namen hörte). Die Katze warf ihr einen bösartigen Blick zu und schlich ins Hinterzimmer, wo sie mit einem kehligen, fordernden Mauzen an der Tür kratzte.

»Ich bin doch nicht dein Diener!«, raunte Betty, aber als Pfui sie mit ihren giftigen, grellen Augen fixierte, wurde ihr klar, dass es natürlich genau so war. Wenn sie die Katze jetzt nicht hinausließe, würde sie einen unangenehmen Preis dafür zahlen, denn meistens war es Betty, die eine solche stinkende Angelegenheit am nächsten Morgen beseitigen musste.

»Verfluchte Katze«, murrte sie und steckte den Schlüssel ins Schloss. Zu ihrem Erstaunen stellte sie fest, dass die Tür schon offen war. »Das wird doch nicht …«

Ein kalter Windhauch strich Betty um die Knöchel, als sie die Tür aufstieß. Sie trat nach draußen in den Hinterhof, und Pfui schoss an ihr vorbei. Der Mond stand verschleiert am nebligen Himmel, und in der Luft lag der salzige Geruch der Marsch. Betty strengte ihre Augen an, um etwas erkennen zu können, denn der Nebel um sie herum war dicker als die Rauchwolken, die Granny aus ihrer Pfeife ausstieß. Auf dem kopfsteingepflasterten Hof standen überall Kisten mit leeren Glasflaschen und übereinandergestapelte Bierfässer, die an die Brauerei zurückgehen sollten.

Betty ging zwischen den Kisten hindurch und spähte in die dunklen Ecken des Hinterhofs. Ein leises Wispern drang an ihre Ohren, und für einen winzigen Moment kamen ihr die Geschichten in den Sinn, die man sich seit jeher in Krähenstein erzählte. Legenden von Fischern und entflohenen Gefangenen, die sich im Nebel verirrt hatten und deren Seelen jetzt durch die Marsch spukten. Doch dann schüttelte Betty sich. Sie hatte sich fest vorgenommen, solche Dinge nicht zu glauben.

»Charlie?«, flüsterte sie in die Dunkelheit. »Bist du hier draußen?«

Schweigen. Dann wieder ein leises Wispern, gefolgt von einem schlurfenden Geräusch. Hinter einem Bierfass tauchte ein kleiner Kopf mit zwei unordentlichen Zöpfen auf. Zwei weit aufgerissene Augen starrten sie an.

»Verflixte Krähe, Charlie!«, knurrte Betty. Die Gedanken an Geister verblassten, und ihr Herzschlag beruhigte sich. »Was machst du mitten in der Nacht hier draußen?« Fröstelnd zog sie ihren Umhang fester um die Schultern und lief hinüber in die entfernteste Ecke des Innenhofs. Dort gab es eine winzige sumpfige Grasfläche und ein spärliches Blumenbeet.

Charlie hatte sich auch etwas Warmes übergezogen und schien in ihrer dunklen Kleidung fast mit den Schatten zu verschmelzen.

Zu ihren Füßen neben dem Blumenbeet lagen eine Schaufel und eine Streichholzschachtel mit etwas Kleinem und Gefiedertem darin. Es bewegte sich nicht. Betty schluckte. Bestimmt war Pfui der Übeltäter gewesen.

»Charlie!« Bettys Mitleid schlug in Verärgerung um. Jetzt war ihr klar, warum ihre tierverrückte kleine Schwester sich mitten in der Nacht aus dem Haus geschlichen hatte. Sie deutete auf das Blumenbeet, in dem eine ganze Reihe von Zweigen steckten, von denen jeder ein winziges Grab markierte. »Du weißt doch, was Granny gesagt hat: keine Tierbeerdigungen mehr!«

Sie brach ab, als sie bemerkte, dass Charlie kaum zuhörte.

»Was ist los mit dir?«, fragte Betty. »Warum sagst du nichts?«

Charlie trat unruhig auf der Stelle und zeigte mit einem zittrigen Finger auf die Getränkekisten hinter sich. In dem dunklen Spalt zwischen zwei Kisten kauerte ein kleines Mädchen. Betty starrte sie an. Das Mädchen war ungefähr so alt wie Charlie, sechs oder sieben vielleicht. Ihr schmales schmutziges Gesicht war tränenverschmiert, und von der geflickten, abgetragenen Kleidung bis zum Hunger in ihren Augen war ihr die Armut anzusehen.

»Wer … wer ist das?«, brachte Betty hervor.

»Ich weiß auch nich’«, flüsterte Charlie. »Ich bin bloß nach draußen geschlichen, um den Vogel zu beerdigen, und da hab ich sie hier gefunden.«

Das Mädchen starrte sie mit großen Augen an und zitterte. Charlie ging in die Knie und streckte ihr eine Hand entgegen. »Wer bist du?«, fragte sie leise. »Du brauchst keine Angst zu haben. Wir tun dir nichts.«

Das kleine Mädchen zitterte, aber sie antwortete nicht. Ihre unordentlichen Haare hingen in lockigen Strähnen herunter, und die feuchten Kleider klebten ihr auf der Haut.

»Wie bist du hier reingekommen?«, fragte Betty. Ihre Stimme klang schärfer, als sie beabsichtigt hatte. Das Mädchen wich in die dunkle Ecke zurück, aber irgendwie hatte sie ein Leuchten an sich. Betty fiel auf, dass die Glasflaschen in der Nähe glitzerten, auch wenn das Mondlicht gar nicht überall hinreichte. Hatte das Mädchen womöglich eine Laterne bei sich …?

»Schau mal.« Charlie deutete auf die Pforte in der Mauer. Sie war verriegelt, aber es gab einen Spalt, wo das Holz morsch geworden war. »Da muss sie sich durchgezwängt haben.«

Betty runzelte verstört die Stirn. In ihrem Hinterkopf prickelte es.

»Warum versteckst du dich?«, hakte Charlie vorsichtig nach, als würde sie mit einem verängstigten Tier sprechen. Dann zog sie erschrocken die Hand zurück, denn hinter dem zerschlissenen Kleid des Mädchens schwebte eine leuchtende Kugel hervor.

»Ein Irrlicht!«, stieß Betty aus. Sie packte Charlie und zog sie ein Stück zur Seite, als die Leuchtkugel vor ihnen in der Luft verharrte. »Ein Irrwisch! Das Mädchen kommt aus der Marsch!«

Charlie wich zurück und stolperte fast über die Schaufel, die daraufhin über den Boden schepperte. Ihr kleines Gesicht war angstverzerrt, und ihre Hände machten schnell das Zeichen der Krähe, das Granny ihnen beigebracht hatte, um das Böse abzuwehren.

Betty zögerte. Dann machte sie es ihrer Schwester nach, auch wenn es eigentlich ihrer praktischen Veranlagung widersprach, solchen Aberglauben ernst zu nehmen. Sicher ist sicher, dachte sie düster. Granny hatte sie immer gewarnt, dass die Irrlichter aus der Marsch Unheil brachten. Die Menschen in Krähenstein waren mit Geschichten über diese glimmenden Lichtkugeln aufgewachsen, die Reisende im Nebel auf Irrwege führten und für immer verschwinden ließen. Wie Granny sahen viele Leute in den Irrlichtern geisterhafte Nachklänge der vielen Leben, die bei der Überquerung der Marsch verloren gegangen waren.

Der Irrwisch schwebte vor dem Mädchen, ohne näher zu kommen. Sein unheimliches silbriges Licht warf gespenstische Schatten auf ihr schmales Gesicht und ließ sie auf einmal älter erscheinen.

»Charlie«, sagte Betty leise. »Geh lieber wieder ins Haus. Und du …« Sie wandte sich an das Mädchen. »Du gehst besser dahin zurück, wo du hergekommen bist.«

»Das kann ich nicht.«

Das Mädchen wisperte so leise, dass Betty für einen Moment glaubte, sie hätte sich ihre Antwort nur eingebildet, doch die Verzweiflung in ihren Augen war echt. Und noch etwas anderes lag in dem Blick des Mädchens: Entschlossenheit.

»Das kann ich nicht«, wiederholte sie, lauter diesmal. »Und das werde ich nicht.«

»Betty«, sagte Charlie, die das Mädchen nicht aus den Augen gelassen hatte. »Ich glaub, sie braucht unsere Hilfe.«

»Charlie Widdershins!«, zischte Betty. »Ich hab dir doch gesagt, du sollst reingehen! Wir wissen überhaupt nichts von ihr, was sie will oder warum sie dieses … dieses Ding bei sich hat!«

»Es tut euch nichts«, begann das Mädchen, doch dann verstummte sie, als auf der anderen Seite der Hinterhofmauer schlurfende Schritte zu hören waren. Sie wich erneut zurück und sah so klein und ängstlich aus, dass sich auch in Betty Mitleid regte. Charlie hatte recht. Das Mädchen war offensichtlich in Schwierigkeiten. Aber warum?

Eine mürrische Stimme war zu hören. »Wenn ich es dir doch sage, da war Licht. Eine Laterne oder so was …«

Jemand rüttelte an der Pforte. Betty erstarrte, als der Strahl einer Taschenlampe durch den Spalt im morschen Holz drang und die glänzenden, feuchten Pflastersteine abtastete. Sie packte Charlie am Ärmel und kauerte sich mit ihr hinter ein großes, leeres Bierfass – gerade noch rechtzeitig. Das Licht der Taschenlampe wanderte flackernd über den Hof, und Betty presste einen Finger auf ihre Lippen, um das Mädchen und Charlie aufzufordern, still zu sein. Ausnahmsweise tat ihre kleine Schwester, was sie von ihr verlangte.

Betty unterdrückte einen Aufschrei, als etwas – eine Faust? – die Pforte traf und Holzsplitter über die Pflastersteine fliegen ließ. Ein kräftiger Tritt, und die Pforte würde einbrechen. Kein Wunder, dass Granny Vater seit Wochen gedrängt hatte, sie zu reparieren.

Bettys Herz klopfte wild. Suchten diese Leute das Lumpenmädchen? War sie etwa eine der Personen, die ausgebrochen waren? Das konnte doch nicht sein … Die Glocke hatte vor Stunden aufgehört zu läuten … und soweit man wusste, gab es im Gefängnis von Krähenstein nur männliche Insassen. Betty rechnete damit, dass die Pforte jeden Moment zersplittern würde, aber von der anderen Seite war ein gebelltes Kommando zu hören: »Nicht.«

Stille. Dann folgte ein undeutliches Geraune, das Betty nicht verstehen konnte. Die schweren Schritte zweier Stiefelpaare entfernten sich von der Pforte. Betty horchte angestrengt, bis kein Geräusch mehr zu hören war. Zittrig erhob sie sich und machte Charlie ein Zeichen. Einen Moment zögerte sie noch, dann winkte sie auch das geheimnisvolle Mädchen heran, deutete auf die Hintertür und formte lautlos die Worte: »Los, rein!«

Kapitel 3 Die schwarze Feder

Betty zog die Hintertür so leise wie möglich hinter sich zu und schob mit Mühe den schwergängigen Riegel vor. Schließlich rastete er mit einem lauten Klicken ein, das sie alle drei zusammenschrecken ließ. Betty fluchte leise vor sich hin, Augen und Ohren besorgt auf die Treppe gerichtet. Oben rührte sich nichts.

»Hier rein«, flüsterte sie. »Verdammt!«, entfuhr es ihr, als Pfui ihr zum zweiten Mal in dieser Nacht um die Füße strich und sie zum Stolpern brachte. »Verflixte Katze!«

Sie führte Charlie und das Mädchen in den Schankraum, wo sie schnurstracks auf den Kamin zuliefen. »Wir dürfen nicht zu viel Licht machen«, warnte Betty sie. »Und legt kein neues Feuerholz nach. Frischer Rauch aus dem Schornstein könnte um diese Zeit verdächtig aussehen.«

Aber vor wem verstecken wir uns überhaupt?, fragte Betty sich, während sie hektisch überprüfte, ob auch alle Vorhänge zugezogen waren und niemand neugierige Blicke in die Kneipe werfen konnte. Wer mochten die Männer dort draußen sein – und waren sie auch wirklich nicht mehr in der Nähe? Das ZU VERKAUFEN-Schild quietschte im Wind. Betty kontrollierte die vorderen Türen und vergewisserte sich, dass sie ebenfalls abgeschlossen waren. Dann eilte sie zurück zum Kamin und riss ihrer kleinen Schwester gerade noch im letzten Augenblick den Schürhaken aus der Hand, denn Charlie hatte schon versucht, die glühenden Kohlen wieder zu entfachen. Das fremde Mädchen hatte seine klammen Finger nach der letzten Wärme des Kamins ausgestreckt, ihre Haut war totenblass, und sie zitterte am ganzen Leib.

»Hier«, sagte Charlie und kramte ein halbes Butterbrot aus ihrer Manteltasche hervor. »Das hab ich heute Mittach für meine Ratte aufgehoben.«

»Mittag«, murmelte Betty. »Nicht Mittach.«

»Ist doch dasselbe«, sagte Charlie achselzuckend und hielt dem Mädchen großzügig das halbe Brot hin. »Du siehst aus, als ob du es dringender brauchst.«

Betty beobachtete das Mädchen – und das Irrlicht – wachsam. Das Mädchen stopfte sich das Butterbrot in den Mund, ohne sich im Geringsten daran zu stören, dass es trocken und zerdrückt war. Betty fiel es schwer, nicht an die Geschichten von heimtückischen Kobolden und Elfen zu denken, die urplötzlich vor der Haustür standen und einem etwas zu essen abluchsten. Wenn man nicht aufpasste, wurde man sie nie wieder los. Hätte Granny uns über die Jahre nur nicht so viel abergläubischen Unsinn eingetrichtert, dachte Betty. Mitten in der Nacht in der schummrigen Kneipe beschlich einen tatsächlich das Gefühl, das Auftauchen der Fremden könnte Unheil bringen. Das Irrlicht schwebte in der Nähe ihres nassen Rocksaums. Ein paarmal driftete es näher ans Feuer, als würde es hypnotisch angezogen von etwas, das glühte wie es selbst, doch dann kehrte es schnell an die Seite des seltsamen Mädchens zurück.

Betty bekam eine Gänsehaut. Sie hatte schon so manches Mal Irrwische in der Marsch gesehen, aber noch nie aus solcher Nähe. Im Innern des Irrlichts flimmerte ein helles Glühen, ein schwaches Flackern wie ein Herzschlag. Schaurig schön, fast betörend. Es war leicht nachzuvollziehen, warum die Leute ihnen folgten … Erschrocken zuckte Betty zusammen. Sie blinzelte und zwang sich wegzusehen.

»Du hast noch fünf Minuten«, sagte sie etwas schärfer, als es nötig war. »Wenn du aufgegessen hast, sollte die Luft rein sein.«

Das Mädchen schien Bettys Worte nicht gehört zu haben. Sie starrte weiter mit verlorenem, verängstigtem Blick in die Flammen.

In Bettys Herz regte sich Mitleid. Hätte das Mädchen nicht das Irrlicht dabeigehabt, wäre sie nicht so misstrauisch gewesen, aber der Anblick dieses schwebenden, leuchtenden Etwas war zutiefst beunruhigend. Granny wäre außer sich, wenn sie wüsste, dass Betty es ins Haus gelassen hatte. Bei dem Gedanken daran kribbelte es in ihrem Nacken. Ein Teil von ihr wollte dem Mädchen helfen; der andere Teil wünschte, dass sie ihm nie begegnet wären. Und das alles nur wegen Charlie und ihren verdammten Tieren!

»Wie heißt du?«, fragte Charlie und kauerte sich zu dem Mädchen neben den Kamin. Aus der anderen Manteltasche zog sie einen angeknabberten schwarzen Lebkuchen hervor und reichte ihn ihr.

Das Mädchen biss hinein, warf einen verstohlenen Blick auf den Irrwisch und sagte zögerlich: »Ich … bin … Willow. Vielleicht solltet ihr mich einfach so nennen.« Dann ging ihre Stimme in ein Flüstern über, das Betty jetzt kaum noch verstehen konnte, und das war vielleicht auch gut so. Je weniger sie wussten, desto besser.

»Wie alt bist du?«, fragte Charlie. »Ich bin sechs, aber nächste Woche werde ich sieben.«

»Ich bin neun«, antwortete Willow. »Die Leute sagen, ich bin klein für mein Alter.«

»Du meinst, etwas kümmerlich?«, fragte Charlie wenig einfühlsam.

»Keine weiteren Fragen mehr, Charlie«, sagte Betty beklommen. »Es wird Zeit, dass du wieder ins Bett kommst.« Und Willow muss verschwinden, bevor Granny aufwacht, fügte sie in Gedanken hinzu. Sie weigerte sich, dem Mädchen selbst Fragen zu stellen, auch wenn sie einige hatte. Es war gefährlich, zu viel zu wissen, vor allem, wenn draußen Fremde nach dem Mädchen suchten.

Doch Charlie ließ sich nicht beirren und freute sich ganz offensichtlich, Besuch in ihrem Alter zu haben. »Willst du mal meine Ratte streicheln?«, fragte sie. »Hopsi ist unsichtbar.«

Willow sah von ihrem Lebkuchen auf. »Du hast eine Ratte als eingebildeten Freund?«

Charlie grinste. »Nein, Hopsi ist bloß unsichtbar – wie ich gesagt hab. Hier.«

»Charlie!«, warnte Betty, doch es war zu spät. Charlie hatte eine Hand in ihrer Tasche vergraben und wühlte darin herum. »Komm schon, Hopsi!«, sagte sie schließlich und zog ihre Hand wieder heraus. Willow starrte ungläubig von Charlies hohler Hand zu ihrem Gesicht.

»Fühl mal«, sagte Charlie. »Er sitzt direkt hier in meiner Hand.«

Willow streckte ihre Finger aus, die sogar noch dreckiger waren als Charlies. Es war offensichtlich, dass sie das Ganze für einen Trick hielt, doch dann stieß sie einen leisen Schrei aus.

»Oh! Da ist ja wirklich was in deiner Hand! Es ist ganz warm und … pelzig.«

»Sag ich doch«, prahlte Charlie. »Ich musste ihn unsichtbar machen, damit Granny ihn nicht entdeckt und ihn mir wegnimmt.«

»Aber … wie?«, begann Willow.

Betty warf Charlie einen weiteren warnenden Blick zu, doch sie hätte sich keine Sorgen machen müssen.

»Das kann ich dir nicht sagen«, antwortete Charlie. »Es ist ein Geheimnis, das nur ich und meine Schwestern kennen.« Sie deutete mit einem Nicken auf das Irrlicht, das mit kleinen tänzelnden Bewegungen näher auf Charlie zuschwebte, als wäre es neugierig geworden. »Und was ist damit?«

Willow starrte das leuchtende Etwas nachdenklich an. »Was habt ihr denn von Irrlichtern gehört?«, fragte sie schließlich.

»Viele Dinge«, hörte Betty sich sagen, während ihr vage bewusst wurde, dass sie schon wieder gebannt auf den Irrwisch starrte. »Dass sie böse Geister sind, oder Kobolde oder die Seelen von Menschen, die in der Marsch ertrunken sind. Einige Leute sagen aber auch, es sind nichts als Sumpfgase.« Sie starrte auf den Irrwisch, der jetzt sogar noch näher – noch mutiger?, dachte sie – auf Charlies ausgestreckte Hand zuschwebte. »Aber wenn ich mir dieses Etwas hier ansehe, ist mir klar, dass es mehr ist als Sumpfgas. Es ist zu … lebendig. Zu neugierig.«

»Lebendig?«, brachte Willow heiser hervor. »Nicht direkt, aber früher einmal.«

»Wer … wer war es denn?«, fragte Charlie.

Willow sagte nichts. Sie streckte ihre Hände noch einmal über das glimmende Feuer und bewegte ihre Finger hin und her. Dabei rutschte ihr Ärmel ein Stück nach oben und gab den Blick auf ein kleines dunkles Mal frei, das auf ihr Handgelenk tätowiert war.

»Was ist das?«, fragte Charlie und beugte sich vor.

Aber Betty wusste es schon, und der Anblick erfüllte sie mit ebenso viel Angst und Grauen wie das Irrlicht.

»Eine Krähenfeder«, sagte Willow leise.

»Dann bist du also wirklich eine von denen, die geflohen sind«, sagte Betty mit klopfendem Herzen. »Aber … aber nicht aus dem Gefängnis. Von der Insel der Qualen! Du gehörst zu den Verbannten!«

Willow nickte und sah sie mit weiten Augen an. »Bitte ruft nicht die Wärter«, flehte sie. »Ich gehe auch bald. Ich … ich brauchte nur einen Platz, um mich für einen Augenblick zu verstecken und nachzudenken. Sobald ich weg bin, könnt ihr behaupten, dass ich nie hier war, dass ihr mich nie gesehen habt.«

»Aber das ergibt doch keinen Sinn«, sagte Betty langsam. »Warum haben sie aufgehört, die Glocke zu läuten, wenn du noch nicht gefunden wurdest?« Da kamen ihr die Worte der Wärter wieder ins Gedächtnis. Zwei Ausreißer … eine Person halb ertrunken an Land gespült … wird die Nacht wohl nicht überleben.

»Wer … wer war denn bei dir?«, fragte Betty behutsam.

»Meine Mutter«, krächzte Willow. »Ich bin mir nicht einmal sicher, ob die Wärter wussten, dass wir zu zweit waren, dass ich bei ihr war … aber dann ging etwas schief …« Willows Miene verdüsterte sich. »Ich … wir wurden getrennt, und danach ging alles so schnell, und dann … dann konnte ich sie nicht mehr finden. Und dann hörte die Glocke nach ewig langer Zeit auf zu läuten. Deshalb weiß ich jetzt, dass sie … dass die Wärter …«

»… sie gefangen haben«, beendete Charlie atemlos den Satz.

Betty wandte beunruhigt den Blick ab. Die an Land gespülte Person, von der die Wärter gesprochen hatten, musste Willows Mutter sein – doch davon schien Willow nichts zu ahnen. Betty konnte sich nicht überwinden auszusprechen, was sie vermutete.

Willow schluckte hörbar und nickte. Ihre Augen glänzten im dämmerigen Licht. Eine Hand wanderte zu ihrer Rocktasche und tätschelte sie, als wollte sie sich vergewissern, dass sie etwas darin nicht verloren hatte. Der Irrwisch schwebte um sie herum und erinnerte Betty an Fliss, wie sie jedes Mal um Charlie herumscharwenzelte, wenn die sich die Knie aufgeschlagen hatte.

Charlie streckte den Arm aus und nahm sanft Willows Hand, um die tätowierte Feder auf ihrer Haut zu betrachten. »Hat es wehgetan?«

Willows Unterlippe zitterte. »Ja.« Dann starrte sie gedankenverloren ins Feuer und beruhigte sich ein wenig. »Alle auf der Insel bekommen eine Markierung. Ich habe noch Glück gehabt – meine ist ja nur klein …«

Charlie starrte sie mit offenem Mund an. »Du meinst, andere Leute kriegen noch größere?«

»Ja. Ich hab nur eine Feder bekommen, weil es nicht mein eigenes Verbrechen war«, erklärte Willow.

»Wessen Verbrechen war es dann?«, fragte Betty, die ihre Neugier nicht unterdrücken konnte. Man erzählte sich viel über das Leben auf der Insel der Qualen, aber Genaues wusste niemand darüber. Allgemein bekannt war nur, dass dort gefährliche Menschen lebten. Ehemalige Sträflinge, die nach ihrer Haft keine Bleibe fanden, und andere, die aus Krähenstein verbannt worden waren. Es war ein Auffangbecken für Übeltäter.

Bevor Willow antworten konnte, wurden sie von einem empörten Quieken aus Charlies Richtung unterbrochen. Der Irrwisch schwirrte um ihre Handfläche herum, sichtlich fasziniert von der Ratte, die man nicht sehen konnte.

»Ganz ruhig, Hopsi«, sagte Charlie und ließ ihre Hand in der Tasche verschwinden. Betty beobachtete, wie sich der Stoff bewegte, als das unsichtbare Tier sich in Charlies warmer Manteltasche vergrub.

»Sie spüren Leben«, sagte Willow leise. »Sie werden davon angezogen. Deshalb kommen sie auch näher, wenn man ihnen draußen in der Marsch begegnet. Meistens sind sie harmlos, aber manche …«

Ein lautes Pochen an der Haustür ließ sie zusammenzucken.

»Aufmachen!«, bellte eine Stimme. »Im Namen von Krähenstein!«

»Wärter!«, zischte Betty entsetzt. Sie starrten einander an und wagten nicht, sich zu rühren. Von oben war das Quietschen von Sprungfedern zu hören, als sich jemand im Bett umdrehte. Dann war es wieder still.

»Wenn wir ganz leise sind, denken sie vielleicht, wir schlafen, und gehen wieder«, flüsterte Charlie, aber sie hatte den Satz kaum beendet, als ein weiteres lautes Hämmern die Tür erzittern ließ. Der Riegel hob sich und klapperte.

»Die geben nicht auf«, sagte Betty mit matter Stimme.

»Sie dürfen mich hier nicht finden«, sagte Willow zitternd. »Bitte! Ich gehe hinten raus, ich …«

»Nein.« Betty überlegte schnell und ergriff die Initiative. »Sie haben bestimmt die zerbrochene Pforte im Hinterhof gesehen und sich zusammengereimt, dass du hier bist. Wir müssen damit rechnen, dass einer von ihnen hinter dem Haus steht, um dich dort abzufangen.«

»Bitte verratet mich nicht«, flehte Willow.

Betty zögerte. Jeder, der dabei erwischt wurde, entflohene Gefangene zu verstecken, wurde selbst ins Gefängnis geworfen oder sogar verbannt. Jemandem von der Insel der Qualen zu helfen, würde sicher ähnliche Strafen nach sich ziehen. Aber wenn sie Willow an die Wärter auslieferten … Auf jeden Ausbruchsversuch stand die Todesstrafe.

Das Poltern an der Tür nahm ihr die Entscheidung ab.

»AUFMACHEN!«, brüllte eine Stimme.

»Schnell, hier entlang!« Betty packte Charlies Hand und lotste Willow in Richtung Treppe. Ihr Herz pochte so heftig wie das Klopfen an der Tür.

»Betty?«, fragte Charlie atemlos und stolperte fast die Treppe hinauf.

»Schsch«, flüsterte Betty und schob ihre Schwester und Willow vor sich her. Das Irrlicht schwebte neben ihnen und schoss an ihren Füßen vorbei, um in der Nähe des fremden Mädchens zu bleiben. Betty bugsierte sie alle in ihr Zimmer und schloss die Tür. Auf der anderen Seite der Wand knarrte noch einmal das Bett, und dann stampften schwere Schritte über den Fußboden.

»Granny ist wach«, wisperte Charlie.

»Los, ins Bett jetzt!«, befahl Betty. Ihr Blick schoss hinüber zum Regal. Dort lagen ein Stapel Bücher, ein paar Flaschen mit Fliss’ selbst gemachtem Rosenduftwasser und Charlies neuester Erpresserbrief an die Zahnfee. Doch was Betty suchte, war nirgends zu sehen.

»Betty?«, flüsterte eine Stimme aus der Dunkelheit. »Was ist los? Wer ist da an der Tür?«

Betty wirbelte herum. Fliss saß aufrecht im Bett; das dunkle Haar stand ihr noch immer in kurzen Büscheln vom Kopf ab. Sie rieb sich die Augen und musterte Willow. »Wer ist das?«

»Keine Zeit für Erklärungen – die Wärter stehen vor der Tür«, wisperte Betty, während ihr Blick weiter das Zimmer absuchte. »Fliss – die Matroschka! Wo ist sie?«

»Die Ma… was? Warum?«

Ein lautes Krachen klang durch die Stille, Holz auf Holz. Fliss’ Augen weiteten sich. Jetzt war sie hellwach und stolperte zittrig aus dem Bett.

Im selben Moment stürmte Granny an ihrem Zimmer vorbei.

»IST JA GUT!«, brüllte sie. »ICH KOMME JA SCHON!«

»Fliss, die Matroschka, sofort!«, zischte Betty. »Charlie, ins BETT!«

»Ich hab sie vorhin versteckt, damit Charlie keinen Blödsinn mehr damit macht«, murmelte Fliss und kramte die Holzpuppen aus der unteren Schublade der Kommode hervor. Dann erstarrte sie und presste sich die Hände auf die Brust. »B-Betty … ist das ein … ein …?«

»... Irrlicht? Ja.« Betty eilte auf ihre Schwester zu und warf dabei einen Stapel Wäsche um. Hektisch griff sie nach der Matroschka, zog die äußere Puppe auseinander und tat dann das Gleiche mit der zweiten und dritten. Sie waren leer, bis auf Hopsis Schnurrbarthaar in der dritten Puppe.

»Jetzt hör zu«, schärfte Betty dem Mädchen ein. »Ich werde dir helfen, dich vor den Wärtern zu verstecken, aber du darfst niemandem verraten, was jetzt gleich passieren wird. Niemandem! Verstanden?«

»Aber Betty«, sagte Charlie leise, »du hast doch gesagt, die Matroschka ist ein Geheimnis.«

»Das ist sie auch.« Betty warf Willow noch einen strengen Blick zu und versuchte, ihre Bedenken nicht zu zeigen. »Und das wird auch so bleiben.«

»Was, wenn nicht?«, wisperte Fliss, die Augen noch immer auf das Irrlicht gerichtet. »Wer ist dieses Mädchen, und warum gehst du ein so großes Risiko ein?«

»Weil sie die Gesuchte ist«, erklärte Betty atemlos. »Von der Insel der Qualen. Und wenn man sie hier findet, haben wir alle ein Riesenproblem.«

Dann wandte sie sich wieder an Willow und sagte: »Ich brauche etwas von dir. Ein Haar, ein Stück Kleidung … irgendetwas Persönliches.«

Sie musterte flüchtig Willows Kleid, doch es war so zerschlissen, dass es wahrscheinlich auseinanderfallen würde, wenn sie versuchte, einen Knopf oder einen losen Faden abzureißen. Bevor sie weiter überlegen konnte, steckte Willow einen Finger in ihre Nase und zog etwas heraus.

»Igitt!«, rief Charlie.

»Entschuldigung«, sagte Willow. »Geht das?«

»Das wird sich zeigen«, sagte Betty. Sie drehte Willow in Richtung Kommode. »Jetzt guck in den Spiegel.« Sie schraubte die obere Hälfte der dritten Puppe zu und steckte alle Puppen vorsichtig wieder ineinander. Dabei achtete sie darauf, dass der winzige aufgemalte Schlüssel auf den beiden Hälften jeder Puppe genau zusammenpasste.

Sofort schnappte Willow erschrocken nach Luft: Sie war verschwunden.

Betty streckte die Hand aus und griff nach ihrem Arm. »Man kann dich immer noch hören und fühlen.« Sie führte Willow in die Zimmerecke neben der Kommode. »Bleib hier stehen. Sei still und beweg dich nicht.«

Von unten war ein lautes, schleifendes Geräusch zu hören. Granny öffnete die Haustür.

Kurz darauf schwang knarrend ihre Zimmertür auf, denn ein Luftzug strich jetzt durch den Wildschütz wie ein ungebetener Gast. Mit ihm drangen die harschen Stimmen zweier Fremder die Treppe herauf.

»Die Wärter sind hier«, wisperte Betty voller Angst.

Kapitel 4 Was für ein Schlamassel!

Betty!«, rief Fliss mit erstickter Stimme. Sie deutete mit zittrigem Finger auf die Zimmerecke. »Das … Ding da!«

Das Irrlicht! Bei all der Hektik, Willow unsichtbar zu machen, hatte Betty fast die seltsame Lichtkugel vergessen, die neben der Kommode über dem Boden schwebte.

»Wir können es nicht verstecken«, begriff sie. Das wäre, als würde man versuchen, nach Luft zu greifen. Aber sie durften deshalb nicht erwischt werden! Bilder des Gefängnisses drängten sich in Bettys Gedanken. Der Gestank, die Ratten. Der baumelnde Strick am Galgen … Nein! Sie zwang sich, ihre Gedanken zu fokussieren und sah sich nach möglichen Verstecken um – der Kleiderschrank? Der Schmuckkasten? –, nur um sie alle gleich wieder zu verwerfen. Dann blieb ihr Blick an einer alten Öllampe auf dem Bücherbord hängen, und eine Idee blitzte auf. Eine waghalsige Idee, aber eine, die vielleicht funktionieren könnte …

»Willow«, flüsterte sie aufgeregt und zeigte auf die Lampe. »Kannst du den Irrwisch dazu bringen, da reinzugehen?«

»Ich … ich versuche es, aber –«

»Gut«, sagte Betty. »Dann mach das – schnell.« Sie streifte ihre Stiefel ab, schlüpfte ins Bett und bedeutete Fliss, dasselbe zu tun. Als sie die Decke hochzog, spürte sie Charlie neben sich vor Kälte zittern. Betty sah hinüber zu Fliss. Ihre ältere Schwester war ganz bleich im Gesicht und ließ den Irrwisch nicht aus den Augen, der das einzige Licht im schummrigen Zimmer war. Betty folgte ihrem Blick. Aus der Ecke nahm sie Willows leise, bebende Atemzüge wahr. Erleichtert beobachtete sie, wie das Irrlicht auf die Öllampe zuschwebte, sich in dem kreisförmigen Glas niederließ und sanft leuchtete, ganz wie eine Flamme.

In der Stille des Zimmers konnte Betty nur ihre eigenen schnellen Atemzüge und die ihrer Schwestern hören. Doch dann ertönte von unten die Stimme ihrer Großmutter, dröhnend und kämpferisch.

»Ich habe es Ihnen doch schon gesagt – hier ist niemand! Nur ich und meine Enkeltöchter, die oben schlafen. Wenn Sie jetzt bitte –«

Eine eiserne Stimme schnitt ihr das Wort ab. »Wie viele Enkeltöchter?«

»Drei«, antwortete Granny frostig. »Warum? Wir haben nichts zu verbergen, das sagte ich Ihnen doch!«

»Dann haben Sie sicher auch nichts dagegen, wenn wir uns umsehen.«

»Dürfte ich wohl um Ihren Namen bitten?«, fragte Granny. Ihre Stimme klang jetzt gefährlich tief. »Damit ich weiß, über wen ich mich beschweren muss?«

»Wärter Wild«, kam die spöttische Antwort. »Und das ist Wärter Gans. Und es gibt nichts, worüber Sie sich beschweren müssten, meine Liebe. Lassen Sie uns einfach unsere Arbeit tun, dann gehen wir wieder.«

»Seit wann besteht Ihre Arbeit darin, zu nachtschlafender Zeit in die Häuser unschuldiger Leute einzufallen?«, wollte Granny wissen.

»Unsere Aufgabe ist es, Ordnung zu bewahren«, sagte Wild frostig.

»Und für die Sicherheit der Leute zu sorgen«, warf eine andere Stimme ein.

Das muss Gans sein, dachte Betty. Er klang weniger selbstbewusst als Wild.

»Also gut«, brummte Granny. »Aber beeilen Sie sich. Ich bin zu alt für solchen Mumpitz!«

Betty lag starr vor Angst unter der Bettdecke, aber sie verspürte auch ein wenig Stolz auf ihre unerschrockene Großmutter. Alle in Krähenstein hatten panische Angst vor den Wärtern – alle, außer Granny, wie es schien. Andererseits hatten die meisten Leute auch vor Granny Angst, wenn sie schlechte Laune hatte. Wenn irgendjemand diese zwei Männer vertreiben konnte, dann Granny.

»Wir durchkämmen das Haus. Jede Ecke, jeder Schrank und jeder Kamin muss durchsucht werden«, befahl Wild. »Aber zuerst will ich alle hier unten sehen.«

»Was?«, fragte Granny. »Warum?«

»Ich stelle hier die Fragen«, erwiderte Wild barsch. »Alle Bewohner hierher, und zwar ein bisschen plötzlich. Hol sie runter!«

Betty warf Fliss einen ängstlichen Blick zu. Die Schwestern wussten sehr gut, wozu die Wärter fähig waren. Ihr Vater hatte sich einmal mit ihnen angelegt und war im Gefängnis von Krähenstein gelandet. Und jetzt waren die Wärter wieder hier und fielen in ihr Zuhause ein.

Am Fuße der Treppe waren Geräusche zu hören, und dann rief Granny nach oben: »Fliss? Betty? Cha…«

»Wir kommen«, rief Fliss mit zittriger Stimme zurück. Sie schlüpfte aus dem Bett und lief mit nackten Füßen über die Holzdielen. Charlie folgte ihr und griff mit ihrer kleinen Hand nach der ihrer Schwester. Betty zog sich schnell ihren Morgenmantel über und warf einen Blick in die dunkle Ecke, wo Willow versteckt war, und dann auf das Bücherbord, wo die Lampe stand. Zu ihrem Entsetzen hatte das Irrlicht begonnen, aus dem Glashals der Öllampe herauszudriften.

»Bleib, wo du bist!«, zischte Betty mit zusammengebissenen Zähnen. Die leuchtende Kugel duckte sich wieder in das Glas zurück.

Schweigend gingen die Mädchen hintereinander die Treppe hinunter in den Schankraum. Als sie an der geöffneten Hintertür vorbeikamen, sah Betty hinaus in den wabernden Nebel. Sie konnte nichts erkennen, aber sie hörte, wie draußen Fässer über die Pflastersteine schrammten und Glasflaschen klirrten, als Wärter Gans den Hinterhof durchsuchte. Betty ging auf den Kamin zu, wo Granny und ihre Schwestern sich unter Wärter Wilds forschendem Blick versammelt hatten.

Wild war groß und kräftig – der Typ Mann, der einen Raum ausfüllen konnte. Er hatte schulterlanges struppiges Haar wie ein Dachs, und sein Gesicht war fast ganz von einem dichten Bart verdeckt. Seine Augen hatten sich zu Schlitzen verengt und musterten jede von ihnen genau. Betty hielt den Atem an, als sein Blick von einem Mädchen zum anderen glitt, und rechnete damit, dass er an Fliss hängen blieb. Die Schönheit ihrer älteren Schwester erregte oft Aufmerksamkeit, selbst wenn sie so verschlafen aussah wie jetzt. Stattdessen war es Charlie, die Wild mit seinem kalten Blick fixierte, und da ging Betty auf, dass sie einen Fehler gemacht hatten.

»Du«, sagte er schroff. »Warum hast du nicht dein Nachthemd an?«

Granny öffnete den Mund, um zu protestieren, doch dann musterte sie Charlie genauer und verstummte. Zum ersten Mal wirkte Granny nicht nur verärgert, sondern verunsichert, als ihr zu dämmern begann, dass hier etwas nicht ganz schlüssig war. Die Stimmung im Raum veränderte sich, die Atmosphäre knisterte vor Anspannung.

Wenn ein Wärter kommt, um herumzuschnüffeln, tust du gut daran, jeden Gestank zu vermeiden, sagte Granny immer.

Und Wärter Wild sah zweifellos so aus, als würde er Unrat wittern – und zwar nicht nur den einer unsichtbaren Ratte.

Betty beobachtete hilflos, wie Charlies Blick von ihr zu Granny und dann zu Wild ging.

»Ich hab ins Bett gemacht«, log Charlie ohne das kleinste bisschen Scham. Sie sah Wild vorwurfsvoll an. »All das Poltern hier unten hat mir Angst gemacht. Also hab ich mich umgezogen.«

Wild hob eine Augenbraue. »So schnell?«

Charlie verschränkte die Arme vor der Brust. »Ja.«

Wild machte einen Schritt auf die Treppe zu. Charlie erkannte, dass er sie entlarven wollte, und stellte sich ihm in den Weg.

»Also gut! Ich hab nicht ins Bett gemacht.«

»Du hast gelogen.« Wilds Augen flackerten. Wie ein Hai, der Blut wittert, dachte Betty. »Warum?«

»Weil ich … ich …« Charlie warf Granny einen verlegenen Blick zu. »Ich hab draußen etwas begraben.«

»Oh, Charlie!«, stöhnte Granny. »Nicht schon wieder!«

Charlie griff in ihre Tasche und holte das kleine Federbündel hervor, dass Betty vorhin gesehen hatte. Wild verzog angewidert den Mund.

»Es war noch ein Küken«, sagte Charlie traurig.

»Genug!«, bellte Wild. »Warum seid ihr drei oben geblieben, bis ihr gerufen wurdet?«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Betty, auch wenn sie plötzlich eine ziemlich genaue Ahnung hatte, worauf Wild hinauswollte. Es sah ganz so aus, als hätten sie einen zweiten Fehler gemacht.

»Also, wären das meine Kinder gewesen, die mitten in der Nacht von einem Klopfen an der Haustür geweckt wurden, wären sie aus dem Bett gesprungen und hätten wissen wollen, was da los ist.« Seine Augen blitzten und musterten Betty und ihre Schwestern feindselig. »Nicht so ihr drei.«

Betty war ganz mulmig vor Angst. Wild hatte recht: Normalerweise wären die Mädchen nicht im Bett geblieben. Nun ja, Fliss vielleicht, aber Betty und Charlie wären sofort mit Granny nach unten gelaufen, um herauszufinden, wer da so einen Krach machte.

»Worauf wollen Sie eigentlich hinaus, junger Mann?«, fragte Granny.

Wild schlug mit der Faust auf den Tresen und ließ sie alle zusammenzucken. »Wir suchen nach einem Mädchen«, fauchte er. »Ein Kind von neun Jahren, klein für sein Alter, braune Haare. Ein Mädchen …« – er deutete auf Charlie – »genau wie die hier.«

»Sie meinen, Sie wissen eigentlich gar nicht, nach wem Sie suchen?«, fragte Granny ungläubig.

»Wir haben eine Beschreibung«, antwortete Wild. »Man kann ja wohl nicht erwarten, dass wir jeden Verbrecher auf dieser verfluchten Insel kennen.«

»Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!«, platzte Fliss heraus, die endlich ihre Stimme wiedergefunden hatte. »Das hier ist unsere Schwester! Nicht irgendeine … irgendeine Ausreißerin!«

Granny sah den Wärter entgeistert an. »Sie wollen doch nicht etwa behaupten, dass Charlie …« Sie schüttelte sich. »Wir haben Urkunden, die genau belegen, wer sie ist!«

»Dann holen Sie die.« Wild schnippte mit den Fingern. »Sofort!«

Grannys Gesicht färbte sich dunkelrot vor Wut. Mit einem missmutigen Knurren ging sie zur Treppe und stampfte noch lauter die Stufen hinauf als sonst, dicht gefolgt von Wärter Gans, der inzwischen die Durchsuchung des Hinterhofs beendet hatte. Bettys Magen verkrampfte sich vor Angst, als sie an Willow – und das Irrlicht – dachte, die sich im Zimmer der Mädchen versteckt hielten. Sie begann sich allmählich inständig zu wünschen, dass sie Willow nie ins Haus gelassen hätte oder ihr überhaupt begegnet wäre.

Ein Ausruf von Gans ließ das Blut in ihren Adern gefrieren. »Hier oben!«

Betty stockte der Atem. Bitte, bitte lass ihn nicht Willow gefunden haben …

»Bewegt euch«, kommandierte Wild. Triumph blitzte in seinen Augen. »Allesamt nach oben, damit ich euch sehen kann.«

Eine nach der anderen stolperten die Mädchen die Treppe hinauf. Betty zwang sich, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ihr Herzschlag pochte in ihren Ohren. Das war es jetzt. Sie waren entlarvt. Erledigt. Fliss griff nach Bettys Hand und drückte sie fest. Doch als sie oben ankamen, fanden sie Gans in der Küche, wo er den Schrank neben der Spüle durchwühlte. Betty sah Fliss fragend an, dann fiel ihr Blick auf Granny, die mit einer alten Keksdose unter dem Arm in der Tür auftauchte.

»Verflixte Krähe! Ist das jetzt wirklich nötig?«, polterte Granny, aber ein leichtes Zittern hatte sich in ihre Stimme geschlichen.

Bettys Herz krampfte sich zusammen. Warum nur wirkte Granny auf einmal so verunsichert?

Gans hatte ein paar Dosen Schuhwachs und einige Putzlappen zur Seite geschoben. Ein vertrauter Geruch drang aus dem Schrank.

»Sieh mal einer an«, sagte Wild, drängte sich an ihnen vorbei und griff in den Schrank. »Was haben wir denn da?«

Betty starrte auf die kleine Dose in Wilds Hand … und die Dutzenden identischen Dosen, die in der hintersten Ecke des Küchenschranks übereinandergestapelt waren. Nun wusste sie, was für ein spezieller Geruch das war.

»Granny!«, stieß Fliss hervor. »Wo kommt der ganze Tabak her? Und was machen diese Unmengen davon in unserem Küchenschrank?«

»Äh«, druckste Granny jetzt sichtlich nervös. »Nun, also … er war gerade im Angebot und …«

»Ich habe Grund anzunehmen, dass es sich hierbei um Schmuggelware handelt«, sagte Wild.

»Granny!«, rief Charlie vorwurfsvoll.

Schmuggelgut? Betty starrte Granny ungläubig an. Das konnte doch nicht wahr sein! Doch der schuldbewusste Ausdruck in Bunny Widdershins Gesicht sagte alles.

»Bekommen wir … bekommen wir jetzt Ärger?«, fragte Fliss nervös.

Wild antwortete nicht, aber er fuhr fort, die Küche zu durchsuchen. Bettys Unbehagen wuchs. Schmuggelware! Auf Krähenstein galten schwere Strafen für den Handel mit geschmuggelten Gütern, aber vielleicht würden die Wärter ja darüber hinwegsehen, weil sie mit dem vermissten Mädchen beschäftigt waren.

Da ertönte aus einem der Schlafzimmer ein deutlicher Rums. Wild hörte auf, die Schränke zu durchwühlen, und legte den Kopf schief wie ein lauschender Jagdhund.

»Wartet hier«, befahl er und ging aus dem Zimmer. Einen Moment später war das vertraute Knarren von Grannys Schlafzimmertür zu hören, das Ächzen der Holzdielen unter schweren Schritten, das Abklopfen der Wände auf der Suche nach geheimen Verstecken. Bettys Knie zitterten. Das Zimmer der Mädchen war als Nächstes an der Reihe. Was, wenn Wild die Ecke absuchte, in der Willow kauerte? Er würde dort etwas spüren, auch wenn er das Mädchen nicht sehen könnte – und dann wäre das Spiel aus.

Betty sah von einem Familienmitglied zum anderen. Grannys Gesicht war bleich vor Schreck. Fliss sah besorgt aus und kaute auf ihrer Unterlippe. Niemand sagte ein Wort, und das Einzige, was Betty außer ihrem eigenen schnellen Atem hören konnte, war das Knistern von Papier, als Charlie in eine Tüte Rosinen griff und von Zeit zu Zeit die Hand in ihrer Tasche verschwinden ließ, um Hopsi ein paar abzugeben. Sie wirkte erstaunlich ruhig, aber Betty merkte an ihrem hektischen Kauen, dass auch sie angespannt war.

Wild marschierte jetzt über den Flur in das Zimmer der Mädchen. Bettys Puls raste immer schneller. Sie hörte, wie die Schranktür geöffnet und Kleider hastig zur Seite geschoben wurden. Sie dachte an Willow, die es sicher nicht wagte, sich zu bewegen oder sogar zu atmen. Konnte Wild spüren, dass er nicht allein im Zimmer war? Die nächsten Sekunden vergingen qualvoll langsam. Betty überlegte fieberhaft, wie sie den Wärter ablenken könnte. Gäbe es nicht irgendeine Möglichkeit, Wild zurück in die Küche zu locken, ohne dass er Verdacht schöpfte? Während sie noch grübelte, schrie er plötzlich auf. Ein Jaulen ging durch das Haus, und Krallen kratzten über die Holzdielen. Mit gesträubtem Fell schoss Pfui an der Küchentür vorbei.

»Nichts als eine räudige Katze«, verkündete Wild griesgrämig, als er mit einem blutigen Kratzer an der Hand aus dem Mädchenzimmer kam. Von Willow hatte er keine Spur entdeckt, stellte Betty erleichtert fest. Ihre Knie hörten auf zu zittern, und Charlies Kauen wurde langsamer.

»Los, komm«, fauchte Wild den anderen Wärter an und wandte sich zum Gehen. »Wir haben hier genug Zeit verschwendet.«

Betty stieß erleichtert einen langen, zittrigen Atemzug aus und spürte, wie sich ihr Herzschlag beruhigte.

Doch in diesem Moment kam ein kleiner leuchtender Lichtkreis hinter Wild auf den Flur getrudelt wie ein Wollknäuel, das sich auflöst. Alle Augen richteten sich in stummem Entsetzen auf das Irrlicht, das neugierig über den Küchenfußboden huschte. Es taumelte hier entlang und da entlang, bevor es neben Charlie zur Ruhe kam.

Da wusste Betty, dass sie in einem Riesenschlamassel steckten.

Kapitel 5 Verhaftet!

Granny war die Erste, die reagierte. Die Keksdose fiel ihr aus der Hand und landete mit einem lauten Scheppern auf den Küchenfliesen, das sie alle zusammenschrecken ließ. Mit weit aufgerissenen Augen murmelte Granny etwas vor sich hin, und ihre Hände vollführten hektisch das Zeichen der Krähe. Zu ihren Füßen lagen haufenweise Briefe und Papiere verstreut, doch niemand machte Anstalten, sie aufzuheben. Betty war klar, dass sie so tun mussten, als würden sie den Irrwisch zum ersten Mal sehen. Die Schwestern wechselten einen Blick, und dann machten auch sie das Zeichen der Krähe.

Wild umklammerte seinen Schlagstock so fest, dass seine Knöchel weiß wurden. Ein seltsamer Ausdruck huschte über sein Gesicht, und Betty war sich nicht sicher, ob es Eifer oder Angst war. Draußen über der Marsch Irrlichter schweben zu sehen, war eine Sache, aber ihnen im Inneren eines Hauses zu begegnen, war etwas ganz anderes. Es ließ alles ein wenig ungewisser erscheinen. Ein wenig unsicherer.

»Aha!«, rief Wild heiser. Aber er zögerte, sich Charlie oder dem Irrlicht zu nähern, das jetzt um ihre Tasche herumschwirrte … die Tasche, in der sich eine unsichtbare Ratte versteckte. Wärter Gans wich zurück, stand mit dem Rücken zum Küchentisch und stammelte leise Worte vor sich hin, die wie ein Gebet klangen.

»Charlie?«, brachte Granny hervor. »Geh zur Seite!« Mutig griff sie nach einem hölzernen Kochlöffel und machte einen Schritt auf Charlie zu, um das Irrlicht wegzuscheuchen. Es schwirrte außer Reichweite wie eine Marschfliege, nur um dann wieder auf Charlies Tasche zuzusteuern.

Bettys Herz trommelte erneut in ihrer Brust. Wild war ohnehin schon misstrauisch, und das Irrlicht ließ sie alle verdächtiger erscheinen als je zuvor.

»Wir hatten doch recht«, sagte Wild triumphierend. Das Leuchten in seinen Augen erinnerte Betty an Charlie, wenn sie zu Hubbards Süßigkeitenladen auf der anderen Seite des Parks gehen durfte.

»Recht womit?«, fragte Fliss. »Wir haben mit diesem … diesem Ding hier nichts zu tun! Was auch immer Sie jetzt denken, Sie liegen völlig falsch!«

Wilds Augen wurden zu schmalen Schlitzen. »Das glaube ich kaum. Ihr müsst wissen, das Mädchen, nach dem wir suchen, hat … einen besonderen Draht zu Irrlichtern. Und das ist der Beweis dafür, dass sie das Mädchen ist, nach dem wir suchen: die Ausreißerin von der Insel der Qualen.«

»Ich bin nicht von der Verbannteninsel!«, stammelte Charlie.

»Jetzt halten Sie mal die Luft an«, warf Granny ein. »Das hier ist meine Enkeltochter, und das kann ich beweisen!« Ihre alten Gelenke knackten, als sie in die Knie ging und die über den Boden verstreuten Papiere durchforstete. Schnell kniete Fliss sich neben sie und begann ihr zu helfen.

Betty sah ihnen mit einem mulmigen Gefühl im Magen zu. Es wird alles gut, versuchte sie sich zu beruhigen. Wir können beweisen, wer Charlie ist …

»Hier!« Fliss sprang auf und schwenkte ein Blatt Papier vor Wilds Nase hin und her. »Charlies Geburtsurkunde. Dieses Papier beweist, dass sie hier geboren wurde. Auf der Insel der Qualen ist sie nie gewesen!«

»Da haben Sie es!«, krähte Charlie. »Ha!«

Doch Wilds hämischer Gesichtsausdruck veränderte sich nicht, als er das Papier geringschätzig musterte. »Das hier beweist gar nichts. Bloße Worte sind das.«

»Was?«, schnaubte Granny. »Aber es ist ihre Geburtsurkunde! Wie kann das nicht beweisen …«

»Alles, was das beweist, ist die Geburt eines Kindes«, fuhr Wild fort. »Nicht, wer das Kind ist. Das hier wiederum« – er deutete auf das Irrlicht – »spricht Bände. Mehr Beweise brauchen wir im Moment nicht.«

»Beweise wozu?«, wetterte Granny.

»Um sie zur Insel der Qualen zurückzubringen«, schloss Wild.

Charlie hob ruckartig den Kopf und sah ihn fragend an. In ihren Augen spiegelte sich Verunsicherung, aber wenn Betty es richtig deutete, auch ein Fünkchen Aufregung. »Sie bringen mich zur Insel der Qualen?«

»Das können Sie nicht machen!«, rief Fliss atemlos. »Da … da leben doch nur Gauner!«

»Ach ja?«, sagte Wild und deutete auf Grannys Tabakvorrat. »Ihr müsst es ja wissen, nicht wahr? Ihr habt die Schmuggelware genommen und dafür das Mädchen versteckt, stimmt’s?«

»Nein!«, rief Granny entsetzt. »Mit den Vermissten von der Insel haben wir nichts zu tun!«

Betty, die entschlossen war, Charlie nicht so leicht abführen zu lassen, wandte sich an Wärter Gans. »Warten Sie, Sir!«, flehte sie. »Bitte hören Sie uns zu. Meine Schwester ist nicht das Mädchen, das Sie suchen. Wenn Sie uns nicht glauben, dann fragen Sie doch die Leute in Krähenstein! Außerdem haben wir Fotos«, sagte sie mit immer festerer Stimme. »Ich meine, es sind nicht viele, denn wir hatten nie viel Geld, aber wenn wir Ihnen die zeigen …«

Gans sah sie mit einer Mischung aus Mitleid und Unsicherheit an. Er fuhr mit der Zunge über seine trockenen Lippen. »Vielleicht sollten wir den Mädchen zuhören«, schlug er kleinlaut vor. »Vielleicht ist es ja doch nicht die Richtige …«

Wild schüttelte den Kopf. »Wenn wir uns geirrt haben, bringen wir sie zurück. Aber irgendwie hab ich das Gefühl, das wird nicht der Fall sein.«

»Warten Sie!«, rief Fliss. »Die schwarze Feder! Wenn sie eine der Verbannten wäre, müsste sie doch eine Tätowierung haben.« Sie schoss auf Charlie zu und schob ihren Ärmel hoch. »Und das hat sie nicht!«

Wilds flackernder Blick ruhte kurz auf Charlies Arm, aber sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. »Das beweist nur, dass sie noch nicht tätowiert wurde«, sagte er tonlos. »Ein Grund mehr, das so schnell wie möglich nachzuholen.«

Betty wechselte einen entsetzten Blick mit Fliss. Ihre kleine Schwester, gebrandmarkt mit einer schwarzen Feder? Der Gedanke war einfach zu schrecklich.

Sie warf einen hilflosen Blick zu Gans, aber sie wusste schon, dass er zu schwach war, Wild umzustimmen. Keine Panik, redete sie sich selbst zu. Das ist alles nur eine dumme Verwechslung, und das werden die Wärter auch bald merken.

»Und was ist damit?«, fragte Gans ängstlich und deutete mit einem Nicken auf das Irrlicht. »Was sollen wir damit … machen?«

»Das, was wir sonst auch machen würden«, brummte Wild. »Nicht hinhören und nicht einlullen lassen. Wer weiß, welche dunkle Magie es herbeigerufen hat … welcher Fluch darin steckt … Übrigens, alle Bewohner dieses Hauses haben ab sofort Ausgangssperre«, fuhr er fort. »Niemand verlässt das Haus, niemand kommt herein, verstanden? Ihr wartet jetzt auf die Wärter, die morgen früh Dienst haben und euch noch mal ausführlich befragen werden.«

Er legte eine Hand auf Charlies Schulter, die Charlie sofort abschüttelte.

»Ich geh nirgends hin, Mister. Sie können mich nicht festnehmen – ich werde nächste Woche erst sieben!«

»Wir verhaften Kinder auch nicht«, sagte Wild mit zusammengepressten Zähnen. »Wir nehmen sie in Obhut.«

Charlie hörte auf, sich zu winden, und sah ihn fragend an: »Was für ein Hut?«

Wild warf ihr einen genervten Blick zu, aber Betty bezweifelte, dass er sich von Charlies frecher Art abschrecken lassen würde. Er platzierte seine Hand noch einmal auf Charlies Schulter, diesmal jedoch mit festem Griff. »Komm.«

»Jetzt hören Sie mal zu«, sagte Granny und stellte sich resolut an Charlies Seite. »Sie geht nirgendwohin, nicht ohne jemanden von uns.«

»Das ist nicht erlaubt«, sagte Wild. »Darf ich Sie daran erinnern, dass Sie alle unter Hausarrest stehen …«

»Zum Teufel mit dem Hausarrest!«, knurrte Granny. »Sie sind doch dafür da, uns zu beschützen! Eigentlich sollte ich Sie befragen, warum hier Irrlichter umherschwirren und in die Häuser unschuldiger Leute eindringen!«

Charlie sah hinab auf Wilds Hand und warf Betty einen Seitenblick zu.

Dann bewegte sie lautlos die Lippen: Soll ich ihn beißen?

»Nein!«, platzte Betty heraus, sodass alle verwirrt in ihre Richtung sahen. Sie hüstelte und warf Charlie einen warnenden Blick zu.

»Also, ich komme jedenfalls mit«, sagte Granny und griff entschlossen nach ihrer Pfeife. »Ihre Fragen können Sie mir ja auch auf dem Weg stellen!«

»Sie kommen ganz sicher nicht mit«, sagte Wild kühl.

Granny nahm Charlies Hand. »Das werden wir ja sehen.«

Und plötzlich lief alles aus dem Ruder.

Wild schlug Grannys Hand grob zur Seite. Ihr Unterkiefer klappte herunter, und sie stieß ein furchtbares Schimpfwort aus, das Fliss vor Scham erröten und Charlies Augen entgeistert hervortreten ließ.

»Wie können Sie es wagen, die Hand gegen mich zu erheben?«

Entsetzt sah Betty zu, wie Granny den Holzlöffel schwenkte, den sie in der Hand hielt, und Wild damit mir nichts, dir nichts auf die Nase schlug.

»Das reicht!«, brüllte er Granny ins Gesicht. »Sie sind verhaftet!«

»Nein!«, schrie Fliss. »Das können Sie nicht machen! Granny, schnell, entschuldige dich …«

»Das werde ich nicht tun«, sagte Granny mit einem seltsamen Funkeln in den Augen.

Sie hat sich absichtlich verhaften lassen, begriff Betty und spürte eine Welle der Zuneigung für ihre Großmutter. Damit sie bei Charlie bleiben kann!

Wild musterte sie mit eigenartiger Genugtuung und nickte Gans kurz zu. »Leg ihr Handschellen an. Wir setzen sie beim Halunkenzinken ab.«

»Sie meinen … sie geht nicht mit Charlie auf die Insel?« Betty sank der Mut, als Gans ein Paar silberner Handschellen hervorholte.

Mit einem Klick schloss er sie um Grannys Handgelenke. Ihre faltigen Hände ballten sich zu Fäusten, und ein weiterer Schwall von Schimpfwörtern strömte aus ihrem Mund.

»Der diensthabende Wärter kann sich morgen früh um sie kümmern«, sagte Wild zu Fliss.

Dann schob er Charlie in Richtung Küchentür. Gans führte Granny ab und folgte den beiden mit schuldbewusstem Blick.

Betty hätte am liebsten die Hände nach Granny und Charlie ausgestreckt und sie festgehalten, aber sie wagte es nicht.

»Wie können die so etwas machen?«, tobte Granny. »Das ist doch Entführung, genau, das ist es!«

»Keine Sorge, Granny«, sagte Charlie und schob ihre kleine Hand in Grannys alte, während Wild sie die Treppe hinunterführte. »Wenigstens bekomme ich mal die Insel der Verbannten zu sehen, und außerdem bin ich sehr gut darin, entführt zu werden!«

»Was redest du denn?«, murmelte Granny. »Du bist doch noch nie entführt worden, Charlie. Das hier ist nicht irgendein albernes Spiel!«

Betty und Fliss wechselten einen Blick. Sie erinnerten sich beide an etwas, von dem Granny und ihr Vater nichts ahnten. Nur die drei Schwestern wussten von dem Abenteuer, das sie zusammen erlebt hatten und bei dem Charlie tatsächlich entführt worden war.

Die Eingangstür des Wildschütz fiel mit einem Knall ins Schloss, der das ganze Haus erschütterte. Einen Augenblick später war ein Poltern zu hören. Grannys Hufeisen, das nun schon so lange über der Tür hing, war zu Boden gefallen. Betty lauschte auf das verklingende Scheppern des Eisens und konnte die unheimliche Vorahnung, die von ihren Gedanken Besitz ergriffen hatte, nicht mehr länger abschütteln. All diese kleinen unheilvollen Zeichen … die Krähen, das falsch herum hängende Hufeisen. Hatte das alles vielleicht doch etwas zu bedeuten gehabt?

Auch wenn sie glaubte, dass die Wärter ihren Irrtum bemerken und Charlie zurückbringen würden, beschlich sie das Gefühl, dass etwas an dieser ganzen Situation furchtbar falsch war.

»Arme Charlie«, sagte sie leise. »Das wäre alles nicht passiert, wenn ich Willow nicht ins Haus gelassen hätte.«

»Es wird ihnen schon nichts geschehen«, sagte Fliss. Sie strich Betty tröstend über den Arm, doch ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie genauso viel Angst hatte wie ihre Schwester. »Charlie lässt sich nicht so schnell unterkriegen, und die Wärter werden sie zurückbringen müssen, wenn sie ihren Fehler bemerken.«

»Wir müssen Willow aus dem Haus schaffen«, sagte Betty, die kaum zugehört hatte. Sie wischte sich mit dem Ärmel über die triefende Nase und bemühte sich, nicht mehr zu schniefen. »Wir müssen sie loswerden. Jetzt.«

Betty marschierte ins Zimmer der Mädchen und ließ Fliss in der Küche herumklappern. Ihr Atem ging stoßweise, als sie den dunklen Raum betrat. Aus einer schummerigen Ecke tauchte das Irrlicht auf und leuchtete matt, als es um ihre Knöchel schwebte. In den schrecklichen Momenten der Verhaftung und Entführung hatte sie die unheimliche Lichterscheinung fast vergessen. War es den Wärtern ebenso ergangen? Oder hatten sie einfach beschlossen, sich nicht mehr darum zu kümmern, nachdem sie Charlie gefangen genommen hatten? Der Anblick des Irrlichts aus dieser Nähe stärkte Bettys Entschlossenheit. Das Irrlicht gehörte nicht hierher, genauso wenig wie das seltsame Mädchen, das es begleitete.

»Willow?«, fragte Betty leise. »Bist du da?«

Für einen atemlosen Moment kam keine Antwort, und ein furchtbarer Gedanke schoss Betty durch den Kopf. Was, wenn Willow sich leise davongemacht hätte, unbemerkt, mit dem wertvollsten Besitz der Widdershins …? Ihr Blick flog zur Kommode, wo sie die Matroschka überstürzt – und leichtsinnigerweise – abgestellt hatte. Betty stieß einen zittrigen Atemzug aus. Sie war noch da. Schnell steckte sie die hölzerne Puppe in ihre Tasche und machte einen Schritt neben die Kommode. Das Irrlicht schwebte in der Ecke und hing in der Luft wie ein winziger Mond.

»Willow?«, sagte Betty noch einmal und griff in die Dunkelheit. Ihre Hand spürte nichts als Luft.

»Hier drüben.« Die Stimme kam von der anderen Seite des Raums. Betty starrte auf das Bett, in dem sich die zerwühlten Decken wie von selbst bewegten. Es sah gespenstisch aus.

»Er hat die Wände abgeklopft«, sagte Willow leise. »Ich bin an ihm vorbeigeschlüpft, als er weiterging. Aber nachdem er weg war, hab ich so gefroren und konnte nicht aufhören zu zittern. Wurde einfach nicht wieder warm. Also bin ich … ich …«

»Schon gut«, sagte Betty schroff.

Die Bettdecke hörte auf, sich zu bewegen, und für einen Moment war es ganz still.

»Es tut mir leid, dass sie Charlie mitgenommen haben«, flüsterte Willow. »Das ist alles meine Schuld.«

Betty verkniff sich eine bissige Bemerkung und erinnerte sich daran, dass Willow ja noch ein Kind war. Und nach der heutigen Nacht möglicherweise ein Kind, das keine Mutter mehr hatte – genau wie sie.

»Jetzt ist es nun mal passiert, da nützt es auch nichts, wenn du dir Vorwürfe machst. Sie werden Charlie zurückbringen müssen, wenn sie merken, dass sie nicht die Richtige ist.« Sie schaute aus dem Fenster. Draußen herrschte noch immer dichter Nebel. Zweifel schlichen sich in Bettys Gedanken. Willow war kaum älter als Charlie – konnten sie das Mädchen wirklich vor die Tür setzen und sich selbst überlassen? »Hör zu«, begann sie verlegen, »du musst nicht sofort gehen. Es ist immer noch so neblig da draußen …«

»Nein«, sagte Willow. Die Decke bewegte sich noch einmal, als sie aus dem Bett stieg. »Der Nebel ist auf meiner Seite. Ich sollte jetzt aufbrechen, solange sie Charlie noch haben, solange die Wärter sie für mich halten … also, das ist die beste Chance, die ich habe.«

Betty nickte und holte die Matroschka aus ihrer Tasche. Als sie die äußere Puppe auseinandernahm, wurde Willow schlagartig wieder sichtbar. Sie kauerte auf Bettys Bettkante. Der Irrwisch schoss zu ihr hinüber und schwirrte um ihre Füße, doch Willow sah so hilflos und verloren aus, dass Betty zögerte. »Ich könnte dich noch eine Weile länger unsichtbar lassen, wenn du willst?«, schlug sie vor.

Willow zuckte die Achseln. »Vielleicht. Aber vielleicht würde das auch nur mehr Probleme bringen.«

»Aaaaaaaaaaaaaaaah!«

Der Schrei aus der Küche ließ sie beide zusammenzucken.

»Fliss?«, rief Betty. Ihre Stimme überschlug sich fast, und ihre Beine zitterten vor Angst, als sie aus dem Zimmer rannte. Was war nur passiert?

Fliss stand mit dem Rücken zur Küchenspüle, in der einen Hand den Teekessel, in der anderen eine große, halb leere Flasche. Ihr Atem ging schwer, und sie starrte gebannt auf den Tisch. »Sie … war plötzlich da«, sagte sie atemlos.

»Die Flasche Whisky?«, fragte Betty und beäugte den Alkohol skeptisch.

»Nein, die Ratte!«, kreischte Fliss.

Betty drehte sich um. Jetzt erst bemerkte sie Hopsi, der auf dem Tisch saß und halb in die offene Tüte mit Rosinen gekrochen war, die Charlie zuvor stibitzt hatte. »Charlie muss ihn hier in der Küche gelassen haben. Oh, Vorsicht – Pfui hat sie gewittert!«

Ein Paar dämonischer gelber Augen war am Rand des Tischs aufgetaucht, zusammen mit einer zuckenden schwarzen Schwanzspitze. Schnell hob Betty die Ratte hoch und stopfte sie in die Tasche ihres Morgenmantels, auch wenn sie sich vor den kleinen feuchten Pfoten und dem wurmartigen Schwanz ekelte.

»Diese verfluchte Ratte.« Fliss stellte den Teekessel ab und fächelte sich Luft zu. »Und diese verfluchte Katze! Kusch!«, rief sie und schubste Pfui vom Küchenstuhl. »Ach, zum Teufel mit dem Tee! Ich brauche was Stärkeres.« Dann schraubte sie die Flasche auf und nahm einen großen Schluck.

»Felicity Widdershins!«, rief Betty schockiert. »Was ist denn in dich gefahren?«

Fliss riss entsetzt die Augen auf, würgte und spuckte den Whisky geradewegs in das Spülbecken. »War nur ein Versuch. Bei Granny wirkt das Wunder.«

Betty nahm die Flasche und schraubte sie wieder zu. »Du bist aber nicht Granny, und ich brauche dich mit klarem Kopf!«

»Es schmeckt sowieso total eklig«, krächzte Fliss.

Willow war Betty gefolgt und stand unschlüssig im Türrahmen. Fliss warf ihr einen nervösen Blick zu und sah schnell wieder weg, als wollte sie nur noch, dass Willow verschwinden würde. Sie nahm einen leeren Kartoffelsack vom Haken, kniete sich vor den Küchenschrank und begann, die Tabakdosen hineinzustopfen.

»Was machst du da?«, fragte Betty.

»Ich lasse Grannys Tabakreserven verschwinden«, antwortete Fliss und schnürte den Sack zu. »Wenn morgen die Wärter von der Frühschicht kommen, dürfen wir das Zeug hier nicht mehr liegen haben. Sonst machen wir uns nur noch verdächtiger.«

»Aber die anderen Wärter haben den Tabak doch schon gesehen …«

»Dann steht Aussage gegen Aussage«, erwiderte Fliss stur. »Willow kann den Sack mitnehmen und ihn draußen irgendwo wegschmeißen, wenn sie geht.« Sie sah Willow durchdringend an. Betty warf noch einen Blick aus dem Fenster. Der wabernde Nebel zeigte keine Anzeichen, sich aufzulösen. Bettys Magen krampfte sich zusammen. Warum sollten die Wärter es riskieren, bei diesem Nebel die Marsch zu überqueren? Das unbehagliche Gefühl war wieder da und nagte an ihr wie eine hungrig pickende Krähe.

»Also gut«, sagte Fliss sanft. »Ich glaube, es ist Zeit, dass wir uns verabschieden, Willow. Ich hoffe, du kommst dahin, wo du hinwillst.«

Willow sah sie an. Die großen Augen in ihrem schmalen Gesicht blickten ernst. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber sie kam nicht dazu.

Ein lautes Klopfen an der Haustür ließ sie alle vor Angst erstarren.

»Wer zur Krähe kann das denn jetzt sein?«, fragte Fliss mit zittriger Stimme.

Betty packte Willow am Arm und schob sie zurück ins Zimmer der Mädchen, während ihre Finger nach der Matroschka tasteten. Als sie die zwei Hälften der äußeren Puppe wieder richtig zusammenfügte, verschwand Willow erneut. »Bleib in der Ecke, wie vorhin«, schärfte Betty ihr ein und stellte die Matroschka in die Kommode. »Und bring dieses Irrlicht zurück in die Lampe!«

Dann eilte sie die Treppe hinunter, dicht gefolgt von Fliss.

»Vielleicht haben die Wärter beschlossen, Granny wieder freizulassen«, überlegte Fliss hoffnungsfroh. »Oder Charlie hat die Männer überzeugt, sie zurückzubringen!«

Betty sagte nichts, aber ihre Gedanken überschlugen sich, während sie den Riegel zurückschob. So gerne sie Fliss auch zugestimmt hätte, das nagende Gefühl, dass etwas nicht stimmte, ließ sie nicht los. Noch bevor sie die Tür geöffnet hatte, wusste Betty, dass nichts Gutes passieren würde.

Auf der Türschwelle standen zwei Gestalten, umhüllt von Nebel. Wärter … aber nicht dieselben, die vorhin da gewesen waren. Als ihre Gesichter im schummrigen Licht sichtbar wurden, sog Betty scharf die Luft ein. Sie erkannte einen der Männer, auch wenn er sich nicht an sie erinnern würde.

»Wir bitten die späte Störung zu entschuldigen«, sagte er. »Wir fahnden nach einer Ausreißerin, und es ist unabdinglich, dass wir alle Gebäude durchsuchen.«

Fliss starrte ihn verwirrt an. »Aber … aber Sie haben dieses Haus doch gerade durchsucht.«

Der Wärter kniff die Augen zusammen und sah sie durchdringend an. »Nein, das haben wir nicht.«

»Ich meine, Ihre Kollegen«, sagte Fliss. »Andere Wärter.« Sie wandte sich an Betty. »Gans und …?«

»Wild«, ergänzte Betty. Mit wachsendem Unbehagen starrte sie auf die immer tiefer werdende Falte zwischen den Augenbrauen des Mannes.

Der zweite Wärter wechselte einen Blick mit dem ersten.

»Es gibt keine Wärter mit den Namen Gans und Wild.«

Kapitel 6 Ein verzauberter Stein

Sie waren doch gerade hier, vor ein paar Minuten«, sagte Fliss mit schriller Stimme. »Haben uns Fragen gestellt, das Haus durchsucht …«

Doch der erste Wärter entgegnete kurz und knapp: »Auf dieser Seite von Krähenstein sind im Moment nur wir zwei unterwegs. Wir haben uns vor einer Stunde von den anderen beiden aus dem Suchtrupp getrennt. Wer auch immer bei euch gewesen ist, es waren keine Wärter.«

Keine Wärter? Diese Information drang in Bettys Gedanken wie Marschnebel und umhüllte sie wie ein grauer Schleier. Sie fühlte sich beklommen und verloren.

»A-aber sie waren doch in Uniform!«, fuhr Fliss fort. Ihre Unterlippe zitterte. »Sie haben unsere kleine Schwester mitgenommen! Und unsere Großmutter. Das ist alles ein schrecklicher Irrtum!« Sie warf einen verzweifelten Blick zu Betty. »Sag es ihnen!«

»Das … das ist es«, krächzte Betty. Sie sah das Flehen in den Augen ihrer Schwester und wusste, dass Fliss sie beschwören wollte, Willow zu verraten, aber so einfach war das nicht. Willow an die Wärter auszuliefern, würde Charlie nicht zurückbringen. Es würde den Widdershins nur eine weitere Straftat einhandeln.

»Sie haben gedacht, unsere Schwester wäre jemand anders – die Ausreißerin –, und … und als wir versucht haben, sie davon abzuhalten, Charlie mitzunehmen, haben sie Granny verhaftet und gesagt, sie würden sie zum Halunkenzinken bringen …« Betty brach ab, als der erste Schreck einem eiskalten Grauen wich, das sich in ihrem Körper ausbreitete.

Wer waren diese Männer, die Charlie und Granny mitgenommen hatten? Was wollten sie von Willow? Fest stand nur, dass diese Leute den Wärtern zuvorgekommen waren. Wachsende Panik hatte von Betty Besitz ergriffen. Alles war auf einmal anders. Wenn sie nicht einmal mehr wussten, wer Charlie in der Gewalt hatte, wussten sie auch nicht, wo man sie hinbringen würde. Oder warum …

»Warum sollten sie die beiden verwechselt haben?«, murmelte der Wärter vor sich hin. »Wir werden uns wohl besser selbst mal umsehen.«

»Einen Moment noch«, unterbrach ihn Fliss und versperrte den Männern den Weg. »Wenn das vorhin keine echten Wärter waren, wie kann ich dann wissen, ob Sie die sind, für die Sie sich ausgeben?«

Der Wärter schürzte die Lippen. Es waren schmale Lippen, an die Betty sich erinnerte, denn sie hatte diesen Wärter schon einmal gesehen. Er war klein und hager, mit einem schlaff herunterhängenden Schnurrbart im Gesicht. Ein Mann, der einer ausgemergelten Ratte ähnelte und der auch die passende Persönlichkeit dazu hatte. Er zeigte auf sein Dienstabzeichen: ein goldener Krähenfuß, der selbst im schummrigen Licht glänzte. Betty erinnerte sich an seinen Namen, bevor er ihn nannte.

»Tobias Pike. Und das hier ist Eli Minnich.«

Minnich deutete ebenfalls auf sein Abzeichen.

»Das beweist gar nichts«, sagte Fliss. »Die anderen haben auch Abzeichen getragen.«

»Er ist ein Wärter«, warf Betty ein. »Ich … ich erinnere mich, ihn schon mal gesehen zu haben. Im Gefängnis.« Das stimmte zwar nicht ganz, aber es war einfacher, als Fliss zu erklären, dass sie Pike zum ersten Mal begegnet war, als die drei Schwestern sich aufgemacht hatten, um ihren Fluch zu brechen.

Die Mädchen traten zur Seite, um Pike und Minnich vorbeizulassen. Fliss schloss die Tür hinter ihnen.

»Und ihr habt ihnen die Geburtsurkunde eurer Schwester gezeigt?«, fragte Minnich stirnrunzelnd, als sie durch die Kneipe gingen. Er hatte eine sanftere Stimme als Pike und ein freundlicheres Gesicht. Er holte ein Notizbuch hervor, schlug es auf und begann mit einem Bleistift etwas hineinzukritzeln.

»Ja.« Fliss rannte schnell nach oben und kam mit dem Stapel Papiere aus Grannys alter Keksdose zurück. »Das ist Charlies Geburtsurkunde. Sie haben gesagt, das beweise nicht, wer sie sei, und haben sie mitgenommen.«

»Zurück zur Insel der Qualen?«, fragte Pike.

Betty nickte matt. »Das haben sie gesagt, aber wenn sie gar keine echten Wärter waren, dann …« Warum sollten sie Charlie dann auf die Insel der Qualen bringen?, fragte sie sich und sah, wie sich ihre eigene Angst in den Augen ihrer Schwester widerspiegelte. Und was würden sie mit Charlie machen, wenn sie ihren Irrtum bemerkten?

Pike wandte sich eindringlich an Minnich: »Wir müssen zum Hafen, und zwar schnell. In diesem Nebel können sie noch nicht weit gekommen sein. Wir zünden die Leuchtfeuer an und senden Suchtrupps aus.«

»Und was ist mit den Wärtern, in deren Kleider die Betrüger geschlüpft sind?«, wollte Fliss wissen. »Können Sie die nicht um Unterstützung bitten?«

»Dazu müssen wir sie erst mal finden«, sagte Minnich. »Aber wenn diese Betrüger Wärteruniformen tragen, dann …« Er brach ab und schluckte vernehmlich. »Dann sieht es nicht gut aus.«

»Was ich nicht verstehe, ist, warum sie Granny mitgenommen haben«, sagte Fliss. Ihr ovales Gesicht war jetzt leichenblass, und selbst ihre Lippen, die normalerweise tiefrot waren, sahen matt und farblos aus. »Wenn sie nur nach diesem Mädchen suchten, warum haben sie dann nicht einfach nur Charlie mitgenommen?«

»Sie wollten Granny eigentlich gar nicht. Sie wollten uns nur Angst einjagen«, begriff Betty. »Es war ein Ablenkungsmanöver, das uns völlig überrumpelt hat.« Wilds völlig übertriebene Reaktion ergab jetzt auf einmal Sinn. Es war klar, dass Granny eigentlich nicht hätte verhaftet werden sollen, aber es hatte Betty und Fliss auf jeden Fall eingeschüchtert.

Pike musterte Betty mit einem langen Blick. »Gibt es noch irgendetwas anderes, das ihr uns erzählen solltet? Irgendetwas, das wir wissen müssen, um eurer Schwester zu helfen?«

Betty schüttelte den Kopf. Sie dachte an Willow, die sich oben im Mädchenzimmer versteckt hielt und lauschte.

»Nein.« Bettys Stimme klang hohl. Solch ein kleines Wort für solch eine große Lüge.

»Wenn das so ist«, sagte Pike, »fangen wir gleich an zu suchen.«

»Eine Beschreibung? Oder eine Fotografie?«, warf Minnich ein.

Betty reichte ihm ein kleines Bild aus dem Regal über der Kasse. Charlie grinste darauf vorwitzig in die Kamera. »Hier. Das Bild wurde Anfang letzten Jahres aufgenommen – seitdem sind ihr die beiden Schneidezähne ausgefallen.«

»Bitte«, sagte Fliss mit bebender Stimme. »Bitte, finden Sie unsere Schwester. Bringen Sie Charlie zurück.«

Minnich nickte ernst und steckte das Bild in seine Tasche.

»Bist du schon mündig?«, fragte Pike Fliss.

»I-ich werde nächsten Monat siebzehn«, stammelte Fliss.

»Gut. Alt genug also, um die hier zu beaufsichtigen«, sagte Pike barsch und deutete mit einem Nicken auf Betty.

Wenn die Umstände nicht so ernst gewesen wären, hätte Betty sich diesen Kommentar nicht gefallen lassen. Sie war dreizehn – sie brauchte niemanden, der sie beaufsichtigte! Aber jetzt war nicht der Moment, die Augen zu verdrehen oder eine sarkastische Bemerkung zu machen. Jetzt war der Moment, den Mund zu halten und die Augen offen zu halten.

Die Wärter verabschiedeten sich, und die Mädchen verriegelten zum zweiten Mal an diesem Abend die Eingangstür des Wildschütz. Als sie den Riegel vorgeschoben hatte, lehnte Fliss ihre Stirn gegen das dunkle Holz und stieß einen erstickten Seufzer aus. Betty, die schon auf halbem Weg zur Treppe war, drehte sich voller Ungeduld und Sorge nach ihrer Schwester um. Wenn eine von ihnen jetzt zu weinen anfinge, würde die andere womöglich auch in Tränen ausbrechen, und das konnten sie sich im Augenblick nicht erlauben.

»Komm schon«, drängte sie. »Ich weiß, dass du traurig bist, aber wir haben jetzt keine Zeit zu weinen. Das hilft uns nicht weiter – und Charlie auch nicht!« Und damit eilte sie die Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.

»Charlie helfen?«, fragte Fliss zweifelnd und rannte Betty hinterher. »Wie stellst du dir das vor? Wir sitzen hier mitten im Nebel fest und …«

»Nein, Fliss.« Betty war auf dem oberen Treppenabsatz angekommen, lief ins Mädchenzimmer und kramte warme Kleider aus den Schubladen. »Wir sitzen hier nicht fest, das ist es ja. Die Wärter waren nicht echt, und dasselbe gilt für unsere Ausgangssperre.« Sie holte Hopsi aus der Tasche ihres Morgenmantels und drückte die Ratte ihrer Schwester in die Hand.

»Oh, du weißt doch, dass ich solche Zappelviecher nicht mag. Kann ich ihn nicht … nicht einfach auf den Boden setzen?«

»Nein, es sei denn, du willst Charlie erzählen, dass ihr Lieblingstier von Pfui verspeist wurde.« Vorausgesetzt, wir sehen Charlie je wieder, fügte eine grausame kleine Stimme in Bettys Kopf hinzu. Sie schüttelte sich, um die Stimme zum Schweigen zu bringen. »Verflixte Krähe, jetzt halt ihn einfach!«

Fliss verzog das Gesicht und hielt die Ratte auf Armeslänge von sich. »Was machst du?«

»Wonach sieht es denn aus?«, gab Betty zurück und warf ihr Nachthemd aufs Bett. »Ich gehe raus, um Charlie zu suchen.« Sie durchwühlte einen Haufen Wollstrumpfhosen, nahm sich die mit den wenigsten Löchern und zwängte sich hinein. Als sie sich auf die Bettkante hockte, bemerkte sie, wie die Matratze unter einem weiteren – unsichtbaren – Gewicht nachgab, und spürte, dass Willow neben ihr saß und zuhörte. Das Irrlicht war nicht mehr in der Lampe, doch unter dem Bett drang ein mattes Leuchten hervor.

»Du willst r-rausgehen?«, stammelte Fliss. »Aber die Wärter – die echten – sind doch schon draußen und suchen! Sollten wir ihnen nicht vertrauen, dass sie Charlie aufspüren?«

»Wie können sie das, wenn sie nur einen Teil der Geschichte kennen?«, sagte Betty grimmig. Sie schlüpfte in ihre Stiefel und zog eine dicke Strickjacke über ihr Kleid. Dann nahm sie Fliss die Ratte ab und steckte das Tier in ihre Tasche. »Außerdem weißt du so gut wie ich, dass man einem Wärter nie trauen sollte. Die Hälfte von ihnen ist korrupt. Denk doch nur an Fingerty – und die zwei, die Anfang des Jahres verschwunden sind. Wer weiß, worin die verwickelt waren?«

»Aber nicht alle sind korrupt«, wandte Fliss ein. »Und sie haben Macht und Waffen. Ganz abgesehen von ihrer Erfahrung, Leute aufzuspüren.«

Betty verzog das Gesicht. »Die habe ich auch. Ich habe dich und Charlie letztes Jahr gefunden, oder etwa nicht?«

»Das war etwas anderes«, murmelte Fliss.

»Der einzige Unterschied war, dass Charlie damals entführt wurde, weil sie etwas Wertvolles bei sich hatte«, zischte Betty. »Dieses Mal war die Entführung ein Irrtum, und sobald die Männer das bemerken, wird Charlie nutzlos für sie sein! Und dann …«

»Dann ist sie wirklich in Gefahr«, beendete Fliss den Satz. Ihr Atem ging stoßweise. Sie lief zum Schrank und begann eilig, sich anzuziehen, aber ihre Angst und ihre Bedenken standen ihr ins Gesicht geschrieben. »Selbst wenn wir sie finden, wie sollen wir sie denn befreien?«, fragte sie. »Wir können diese Betrüger ja schlecht überwältigen. Die lachen uns doch ins Gesicht!«

»Nein, überwältigen nicht«, erwiderte Betty. »Aber vielleicht können wir sie überlisten, denn wir verfügen über zwei Dinge, die selbst die echten Wärter nicht haben.« Sie nahm die Matroschka aus der Kommode. »Erstens können sie uns gar nicht ins Gesicht lachen, wenn sie uns nicht sehen können.« Sie nahm die Puppen auseinander, und sofort wurde Willow wieder sichtbar. Das Mädchen saß auf der Bettkante, als wollte sie jeden Moment aufspringen und fliehen. »Und zweitens haben wir Willow, und die hat vielleicht ein paar Antworten für uns.«

»Aber ich dachte, sie soll gehen?«, fragte Fliss. »Wir können doch nicht riskieren, mit ihr erwischt zu werden!«

»Wir konnten sie bis jetzt auch verstecken«, sagte Betty und schnürte entschlossen ihre Stiefel zu. »Und wie ich die Sache sehe, haben wir gar keine andere Wahl. Was auch immer die Männer von ihr wollen und was auch immer sie weiß – sie ist der Schlüssel, um Charlie zu finden.« Und sie zurückzubekommen, fügte sie im Stillen hinzu, als sich ihr ein dunklerer Gedanke aufdrängte. Konnten sie womöglich einen Handel ausmachen – Willow gegen Charlie eintauschen? Es war ein verwerflicher Gedanke, aber einer, den Betty nicht ganz von der Hand weisen konnte. Charlies Sicherheit ging vor, koste es, was es wolle.

»Und was ist damit?«, fragte Fliss und deutete auf den Irrwisch, der unter dem Bett hervorgekommen war und um Willows Füße schwirrte. »Wir können das Mädchen verstecken, aber einen Irrwisch können wir nicht unsichtbar machen!«

»Da hast du recht.« Betty starrte das Irrlicht an. »Vielleicht können wir es in der Marsch freilassen oder so was.«

»Ihr habt wohl vergessen, dass ich euch hören kann.« Willows Stimme klang leise, aber entschlossen. Sie lockte den Irrwisch zurück in die Öllampe. »Und so einfach könnt ihr das Irrlicht nicht loswerden.«

»Was ist es denn nun wirklich?«, fragte Fliss. »Warum folgt es dir?«

Willow gab keine Antwort.

»Du musst anfangen zu reden«, drängte Betty sie. »Wir brauchen deine Hilfe, um Charlie zu finden, und die Zeit drängt. Mit jeder Minute, die verstreicht, entfernt sie sich weiter von uns. Weißt du, wer diese Männer sind und warum sie Charlie entführt haben? Was ist es denn, was sie von dir wollen?«

Willow schluckte laut. »Ich weiß … ich weiß, warum sie eure Schwester mitgenommen haben«, antwortete sie schließlich. »Aber wenn ich euch das verrate, müsst ihr auch mir helfen.«

Betty warf Fliss einen Blick zu. In diesem Moment war klar, dass beide von ihnen so ziemlich alles versprechen würden – ob sie es nun ernst meinten oder nicht –, wenn es sie zu Charlie führen würde. »Was verlangst du denn von uns?«

Willow starrte mit einer Mischung aus Staunen und Angst auf die hölzernen Puppen in Bettys Hand. »Es gibt einen Ort, zu dem ich gelangen muss«, sagte sie nach einer Weile. »Aber ich glaube nicht, dass ich es allein schaffen kann. Es ist zu weit, und ich brauche ein Boot und …«

»Wir haben ein Boot«, warf Betty ein und versuchte, sich ihre Ungeduld nicht anmerken zu lassen. »Sag uns einfach, wo du hinwillst.«

»Es ist wahrscheinlich einfacher, es euch zu zeigen«, sagte Willow und holte etwas aus den Falten ihres schäbigen Kleides hervor. Es war ein quadratisches Papier, gewachst und ziemlich vergilbt. Das Pergament war mehrfach zusammengefaltet und an den Kanten und Ecken schon etwas abgenutzt.

Betty nahm das Papier in die Hand. Ihr Herz begann wieder schneller zu schlagen, doch diesmal vor Aufregung und nicht vor Angst. Sie faltete das Papier vorsichtig auseinander, aber sie ahnte schon, dass es eine Landkarte war. Handgezeichnet in schwarzer Tinte, mit einer dekorativen Kompassrose in der Ecke. Betty musterte die Zeichnung genauer, und für einen Moment verschlug ihr die Schönheit der Karte die Sprache, doch dann runzelte sie die Stirn.

»Es ist nur eine Karte von Krähenstein und Umgebung«, sagte Fliss, die ihr über die Schulter sah. »Hast du nicht auch so eine ähnliche, Betty?«

»Nein, so eine nicht«, sagte Betty. Etwas an der Karte kam ihr seltsam vor. Sie wandte sich an Willow. »Ich meine, ich habe natürlich Karten von Krähenstein, aber sie sind größer, detaillierter. Auf dieser hier sind Krähenstein und die Inseln des Jammers zu klein, um Details darzustellen. Den größten Teil scheint das Wasser einzunehmen – und da ist nicht viel mehr zu sehen als dieses alte Schiffswrack.« Sie hielt inne und kratzte sich am Kopf. »Das ist wirklich eine merkwürdige Karte. Wo genau willst du denn nun hin?«

Willow biss sich auf die Lippe und zögerte. Dann legte sie einen zittrigen Finger auf das vergilbte Papier. »Hierhin.«

Betty musterte Willow eindringlich. Allmählich begann sie sich zu fragen, ob dieses seltsame Mädchen vielleicht einen Sprung im Whiskyglas hatte, wie Granny immer sagte. »Willow«, begann sie behutsam. »Da ist nichts.«

Schweigend zog Willow etwas aus ihrer Tasche und legte es in Bettys Hand. Einen runden grauen Stein mit einem Loch in der Mitte.

»Ein Hühnergott?«, fragte Betty. Sie fuhr mit dem Daumen über die Oberfläche des Steins. Sie war uneben und mit winzigen Seepocken besetzt. »Granny hat auch so einen. Man sagt, sie bringen Glück und können böse Geister abwehren.«

»Und dir helfen, Dinge zu sehen, die sonst unsichtbar sind«, fügte Fliss hinzu. »Granny hat uns immer erzählt, wenn man durch so einen Stein schaut, könnte man Kobolde und andere verborgene Wesen sehen, weißt du noch?«

Betty verdrehte die Augen. »Also, ich bekomm dabei immer nur Sand ins Auge.«

»Diesmal nicht«, flüsterte Willow.

Ihre Worte ließen Betty eine Gänsehaut über den Rücken laufen. Sie hielt den Stein vor ihr Auge – und rang erschrocken nach Luft. Denn dort auf der Karte, wo sie eben noch nichts als Wasser gesehen hatte, war auf einmal etwas anderes aufgetaucht.

»Das … das verstehe ich nicht«, stammelte Betty. Sie nahm den Stein zur Seite, dann hielt sie ihn wieder vors Auge. »Wie ist denn das … möglich?«

»Was?«, fragte Fliss und streckte ihre Hand aus. »Was meinst du denn? Lass mich auch mal gucken!«

Mit zittrigen Fingern reichte Betty ihrer Schwester den Stein. Voller Staunen und mit einer Spur von Furcht musterte sie noch einmal das seltsame Mädchen. Ihr Kopf quoll über vor Fragen. Schließlich brachte sie ein ungläubiges Krächzen heraus.

»Es ist eine Insel.«

Kapitel 7 Halunkenzinken

Fliss sog erschrocken die Luft ein, als sie durch das Loch im Stein schaute.

»Was ist denn das für eine Karte? Ist das ein Trick?«

»Nein«, antwortete Willow. »Es ist alles wahr.« Sie deutete mit einer Handbewegung auf die Matroschka. »Nur weil man etwas nicht sehen kann, bedeutet es ja nicht, dass es nicht da ist.«

»Ich besitze so gut wie jede Karte von Krähenstein und Umgebung«, sagte Betty heiser. »Und ich habe noch nie etwas von einer geheimen Insel gesehen oder gehört.« Sie war ganz außer Atem und fühlte sich ein wenig schwindelig – wie damals, als sie die Holzpuppen bekommen und zum ersten Mal ihre Zauberkraft erkannt hatte. Und auch wenn sie sich schon immer danach gesehnt hatte, Abenteuer zu erleben und das Unbekannte zu entdecken, schwang in dem Zauber dieser Karte ein Gefühl unterschwelliger Gefahr mit.

»Wenn alle davon wüssten, wäre es ja kein Geheimnis«, entgegnete Willow.

Betty nahm Fliss den Stein ab und betrachtete die Karte noch einmal genauer. Da war sie wieder, gezeichnet in derselben Art wie der Rest der Karte: eine Insel mit Buchten und Klippen und einem Gewässer in ihrem Inneren.

»Sieht aus, als wäre in der Mitte eine Art Lagune«, sagte Betty. »Aber nichts davon ist beschriftet.« Sie musterte Krähenstein und die Inseln des Jammers, winziger als auf ihren eigenen Karten, aber noch immer groß genug, dass einige Orte verzeichnet waren: die Teufelszähne, das Gefängnis und die Drei Witwen zum Beispiel.

»Warum sollte die Insel beschriftet sein, wenn doch keiner von ihr weiß?«, fragte Fliss.

»Aber irgendjemand muss ja darüber Bescheid wissen«, erwiderte Betty. »Zumindest gut genug, um die Insel auf dieser Karte zu verzeichnen. Es sei denn …« Sie zögerte und musterte Willow eindringlich. »Ich meine, wie sicher bist du, dass dieser Ort wirklich existiert? Woher sollen wir wissen, dass die Karte nicht gefälscht ist? Etwas, das sich Piraten oder Schmuggler ausgedacht haben, um Leute irgendwo hinzulocken? Woher hast du die Karte überhaupt?«

»Sie gehörte meinem Vater. Und sie ist alles, was ich habe.« Willow schob störrisch die Unterlippe vor, was Betty an Charlie erinnerte. Sie spürte einen Kloß in ihrem Hals. Charlie!

»Wenn wir eine Chance haben wollen, Charlie zu finden, können wir nicht einfach hier herumsitzen«, sagte Betty. Sie schluckte hart, um den Kloß in ihrem Hals loszuwerden. »Wir müssen uns beeilen, damit wir sie noch einholen können – wir haben schon zu viel Zeit verschwendet.«

Sie gab Willow die Karte zurück. »Wenn du willst, dass wir dir helfen, musst du ehrlich zu uns sein. Wer sind diese Leute, die nach dir suchen?«

»Trapper«, antwortete Willow. »Das ist alles, was ich weiß.«

»Trapper?«, wiederholte Fliss ängstlich.

Willow nickte. »Die haben es auf … auf Leute wie mich abgesehen.«

»Warum?«, fragte Betty. »Hat das etwas mit dem Irrlicht zu tun?« Es war das Einzige, was Willow von anderen zu unterscheiden schien. »Aber sie haben ja gar nicht versucht, das Licht einzufangen … Sie wollten nur Charlie – also dich, meine ich.«

»Stimmt, sie wollten das Irrlicht nicht, zumindest nicht dieses.« Willow kaute auf ihrer Lippe. »Für mich interessieren sie sich nur, weil … weil sie wissen, dass ich Irrlichter fangen kann.«

… dass ich Irrlichter fangen kann.

Willows Worte hallten in Bettys Kopf nach. Und selbst als sie verklungen waren, ließen sie viele Fragen zurück. Betty zwang sich, diese Fragen zur Seite zu schieben – für den Moment zumindest. Es spielte jetzt keine Rolle, warum Willow das konnte. Entscheidend war, dass Charlie es nicht konnte.

»Wo könnten sie Charlie denn hingebracht haben? Denk nach!«

»Ich … ich weiß nicht«, wisperte Willow.

Betty wandte sich frustriert ab. Dann nahm sie ein paar trockene Kleider aus Charlies Schublade und drückte Willow das Bündel in die Hand. »Zieh dich um«, sagte sie und sah Willow stirnrunzelnd an. »Deine Kleider sind ja immer noch ganz durchnässt.«

»Ich friere aber nicht«, sagte Willow matt.

»Du bist eiskalt«, sagte Betty, als Willows Hand ihre eigene streifte. »Selbst deine Haare sind noch tropfnass.«

Betty durchsuchte die Kartenrollen neben ihrem Bett und zog eine heraus. »Halt mal«, sagte sie zu Fliss und ging aus dem Zimmer.

Mit klopfendem Herzen stand sie in der Küche. Sie hatte so viele Stunden ihres Lebens im Wildschütz damit verbracht, von Abenteuern zu träumen. Jetzt war sie kurz davor, ein echtes Abenteuer zu erleben, doch wie schon beim letzten Mal entwickelte es sich ganz und gar nicht so, wie Betty es sich vorgestellt hatte. Sie nahm ein Schlüsselbund von einem der Haken über der Spüle, dann holte sie einen Laib Brot aus dem Vorratsschrank und füllte zwei Flaschen mit Wasser. Ihr Blick fiel auf den Kartoffelsack, in den Fliss Grannys Tabak gestopft hatte. Kurzerhand nahm sie den Sack und warf die anderen Sachen hinein – Grannys Schmuggelware konnten sie dann ja auf dem Weg loswerden. Dann ging Betty zurück ins Mädchenzimmer und holte einen weiteren warmen Umhang aus dem Kleiderschrank. Eine von ihnen würde ihn in diesem kalten Nebel da draußen sicher brauchen. »Los jetzt«, sagte sie und ließ die Matroschka in ihrer Tasche verschwinden, nachdem sie Willow wieder unsichtbar gemacht hatte. »Und du musst uns noch einiges erklären.«

Willow antwortete nicht, aber die Lampe, in der das Irrlicht leuchtete, zitterte in ihrer Hand. Betty nahm sie ihr ab und schauderte, als sich ihre Hände berührten. Willows Finger fühlten sich an wie Eiszapfen.

Draußen herrschte noch immer dichter Nebel. Feuchtkalte Luft stieg den Mädchen in die Nase, als sie schweigend aus dem Haus traten und sich am Nestleinpark vorbeischlichen. Betty lauschte und sah sich nach den Wärtern – oder den Betrügern – um, aber die Straßen waren leer, die Fenster dunkel. Die Leute hielten ihre Vorhänge immer geschlossen, wenn die Gefängnisglocke läutete. Doch selbst wenn jemand aus dem Fenster schauen sollte, dachte Betty düster, würde er die Wahrheit nie erfahren. Niemand konnte ahnen, dass sie das Mädchen an ihrer Seite hatten, nach dem die Wärter suchten, oder dass in der Lampe, die ihnen den Weg leuchtete, keine gewöhnliche Flamme brannte. Noch waren es ein paar Stunden bis zum Tagesanbruch, den Betty herbeizusehnen begann. Bei Nacht kam einem alles schlimmer vor – das hatte Granny auch immer gesagt. Ängste und Sorgen wurden größer, wenn es Schatten gab, in denen sie lauern konnten.

»Betty?«, flüsterte Fliss. »Wohin gehen wir eigentlich? Was ist der Plan?« Dann fügte sie besorgt hinzu: »Gibt es überhaupt einen Plan?«

»Ich arbeite daran«, murmelte Betty und zog ihr Schultertuch über ihre Haare, die sich in der feuchten Luft sofort kräuselten. »Auf jeden Fall sollten wir zum Hafen gehen. Die echten Wärter wollten als Erstes dorthin, also sollten wir unsere Suche auch da beginnen. Es gibt gar keine andere Möglichkeit, Krähenstein auf sicherem Wege mit dem Boot zu verlassen.«

»Es gibt aber viele unsichere Orte, von denen aus sie aufs Wasser geflohen sein können«, sagte Fliss beklommen. »Die Höhlen am Schmugglerwinkel zum Beispiel …«

»Zu riskant«, sagte Betty und hoffte, dass sie recht hatte. »Sie geben sich schließlich als Wärter aus. Da wäre es doch verdächtig, von irgendwo anders als vom Hafen aus loszufahren, oder? Und vielleicht ist Charlie ja auch so clever gewesen und hat getrödelt, wie sie es immer tut, und wir können sie noch einholen.« Sie beschleunigte ihren Schritt und verfluchte sich im Stillen dafür, mit dem Betrachten der seltsamen Karte so viel Zeit vergeudet zu haben. Das hatte sie wertvolle Minuten gekostet, und schon jetzt hatte sie das Gefühl, dass sie zu spät kamen.

Als sie den Hafen erreichten, war dort tatsächlich keine Menschenseele zu sehen. Das Einzige, was sie in Nebel und Dunkelheit wahrnahmen, war das leise Ächzen der Boote auf dem grauen Wasser. Mit bedachtsamen Schritten folgten sie dem Weg von einem Ende des Hafens zum anderen. Ihr eigenes Boot, erst kürzlich in einem frischen Grün gestrichen, schaukelte im Gleichtakt mit seinen Nachbarn auf den Wellen. Dabei zog es leicht an seinem Haltetau, als wartete es ungeduldig darauf, in See zu stechen.

Fliss deutete daran vorbei. »Schaut mal, das Boot der Wärter.«

In dem wabernden Nebel hatte Betty es fast übersehen: ein kleines Boot ganz am Rande des Hafens. Es war schwarz und schlicht, abgesehen von einem Krähenmotiv aus Eisen am Bug. Drei Sitzbänke hatte das Boot: zwei für die Wärter und die mittlere, ausgestattet mit Fußeisen, für Gefangene.

»Und wo ist das andere Boot?«, fragte Betty. »Pike hat doch erzählt, dass der zweite Suchtrupp auf der anderen Seite der Insel unterwegs ist.« Etwas knirschte unter ihrem Stiefel. Sie griff hinunter und hatte Krümel an ihren Fingerspitzen.

»Lebkuchen! Charlie muss die Krümel fallen gelassen haben – sie war hier!«

»Aber sie ist es nicht mehr«, sagte Fliss niedergeschlagen. Betty folgte dem Blick ihrer Schwester zu einem dicken Tau, das an einem Eisenring neben dem Boot der Wärter baumelte. Es war mit einem komplizierten Knoten befestigt gewesen, den Betty schon einmal in einem von Vaters Seemannsbüchern gesehen hatte.

Ihr Magen verkrampfte sich. »Wenigstens wissen wir jetzt Bescheid«, sagte sie und deutete auf das Tau. Es war eindeutig durchgeschnitten worden. »Charlie ist nicht mehr in Krähenstein. Sie haben sie auf dem anderen Boot der Wärter mitgenommen.«

»Verflixt!« Fliss stiegen Tränen der Wut in die Augen. »Warum immer wir?« Sie starrte auf den Hafen, die dunkelbraunen Augen funkelten erbost. »Klar, dass gerade Flut sein muss! Und dann dieser furchtbare Nebel. Warum ist das Glück eigentlich nie, aber auch wirklich nie auf unserer Seite?«

Betty strich ihrer Schwester sanft über den Arm. »Gib nicht auf. Und schieb es nicht auf unser Schicksal, dass wir in diesem Schlamassel stecken. Wir haben es uns selbst eingebrockt.« Ich habe es uns eingebrockt, fügte sie im Stillen hinzu.

»Und Granny?«, fuhr Fliss fort. Ihre Blicke suchten den Hafen ab, auch wenn es unmöglich war, in dem undurchdringlichen Nebel weit zu sehen. »Glaubst du, die Wärter haben sie auch mitgenommen?«

»Nein«, sagte Betty hilflos. Die Last der Geschehnisse lag wie ein Stein in ihrem Magen. Normalerweise war Fliss diejenige, die alle beruhigte und tröstete, aber heute Abend war alles anders. »Es ist Charlie, für die sie sich interessieren.« Sie warf einen Blick zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren, vorbei an ihrem Boot zu einem steinigen Pfad, der die Anhöhe hinaufführte. Wenn sie diesem Pfad folgten, würden sie am Fähranleger vorbei zur äußersten Landspitze von Krähenstein gelangen. »Falls diese Trapper überhaupt in irgendeiner Sache ehrlich waren, gibt es nur einen Ort, wo Granny sein kann.«

»Der Halunkenzinken«, sagte Willow neben ihr. Die Stimme des unsichtbaren Mädchens ließ Betty zusammenzucken.

»Genau«, murmelte Betty und versuchte, einen Anflug von Furcht zu ignorieren. Da sie Willow nicht sehen konnte und der wabernde Nebel ihren Blick verschleierte, konnten ihre Sinne ihr leicht etwas vormachen. Für einen Moment war Betty überzeugt gewesen, dass Willows Atem in der kalten Luft nicht zu sehen war, als sie sprach.

»Wir sollten auf jeden Fall nachsehen«, sagte Fliss. »Ich muss wissen, ob es Granny gut geht. Wenn sie wirklich dort ist, dann sitzt sie bestimmt in diesem furchtbaren Rattenloch von einem Kerker.«

»Aber was ist mit Charlie?«, protestierte Betty. »Wir haben nicht genug Zeit!«

»Bitte, Betty. Wir wissen nicht einmal, in welche Richtung sie gefahren sind – ihnen in diesem Nebel zu folgen, ist doch verrückt! Vielleicht sehen wir ja sogar etwas von den Klippen aus – ein Licht von einem Boot. Oder … oder vielleicht hat Granny die Betrüger etwas darüber sagen hören, wo sie hinwollen. Einen Versuch ist es wert.«

»Also gut«, sagte Betty. »Ich hoffe nur, dass es kein Fehler ist.«

Sie machten sich auf den Weg, zügiger als zuvor, auch wenn der Nebel weiter die Sicht erschwerte. Der Pfad schlängelte sich die Klippen hinauf, und die Luft wurde noch kälter. In der Lampe, die Betty trug, leuchtete das Irrlicht und erhellte ihren Weg. Betty versuchte, sich über den schimmernden Begleiter zu freuen. Immerhin war der Irrwisch das einzige Licht, das sie hatten, und ohne ihn wären sie vielleicht schon über Wurzeln und Steine gestolpert. Gleichzeitig war Betty das unnatürliche, gespenstische Leuchten unheimlich. Das Irrlicht hatte etwas so Überirdisches und Schauriges an sich, dass es zwischen ihnen eindeutig fehl am Platze wirkte.

Die Mädchen gingen schweigend weiter, um auf dem steilen Weg nicht außer Atem zu geraten. Betty war froh über den Aufstieg, denn die Anstrengung wärmte ihre Glieder. Sie war schon so daran gewöhnt gewesen zu frieren! Schließlich erreichten sie erschöpft das Ende des Weges und spähten angestrengt in den Nebel, um herauszufinden, welche Richtung sie jetzt einschlagen mussten.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
30 temmuz 2024
Hacim:
372 s. 4 illüstrasyon
ISBN:
9783961775453
Yayıncı:
Tercüman:
Telif hakkı:
Bookwire
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