Kitabı oku: «Wen immer wir lieben (Immer-Trilogie, Band 1)»

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Inhalt

Playlist

Prolog

Das Bad-Boy-Prinzip

Kapitel 1

Spiel, Satz, Match

Kapitel 2

Kapitel 3

Stufe 1

Kapitel 4

Ich fühle was, was du nicht fühlst, und das ist nichts.

Kapitel 5

Stufe 2

Dein Spiel, meine Regeln.

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Stufe 3

Kapitel 10

Kapitel 11

Wer einmal lügt, den küsst man nicht.

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Stufe 4

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Herzklopfen lügt nicht.

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Stufe 5

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Mein bester Plan bist du.

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Stufe 6

Kapitel 31

Wen immer wir lieben, bestimmt allein unser Herz.

Kapitel 32

Stufe 7

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Dankeschön

Für meine wundervollen Leser, Herzmenschen

und alle, die an die Liebe glauben.

Playlist

Bausa vs. Apache 207 – Madonna

Capital Bra feat. Juju – Melodien

Céline – Blessed

Céline – Tränen aus Kajal

Céline – Überall

Franzi Harmsen – Dein Shirt

Franzi Harmsen – Vielleicht ist nicht genug

Fynn Kliemann – Alles, was ich hab

Fynn Kliemann – Zuhause

Georg Stengel – Höher, weiter, schneller

Juju x Loredana – Kein Wort

Kayef – Beton

Kayef – Egal wie spät

KitschKrieg feat. Jamule – Unterwegs

KLAN – Tut mir leid

LEA – Immer wenn wir uns sehn

LEA – Treppenhaus

LEA & Capital Bra – 7 Stunden

Lotte – Alles zieht vorbei

Lotte – Mehr davon

Lotte – Schau mich nicht so an

Mike Singer – 100 Tausend

Wilhelmine – Eins sein

Prolog

Das Bad-Boy-Prinzip

1. Spiel, Satz, Match.

2. Ich fühle was, was du nicht fühlst, und das ist nichts.

3. Dein Spiel, meine Regeln.

4. Wer einmal lügt, den küsst man nicht.

5. Herzklopfen lügt nicht.

6. Mein bester Plan bist du.

7. Wen immer wir lieben, bestimmt allein unser Herz.

Das Bad-Boy-Prinzip

Sieben Stufen – und dein Herz bricht? Dreh den Spieß um und entlarve die Tour der Bad Boys, bevor sie deine Gefühle entlarvt!

Du hast einen heißen Kerl kennengelernt? Mit arrogantem Blick, Lederjacke und verdächtig engem Shirt? Die Frauen laufen ihm scharenweise hinterher? Er wirkt geheimnisvoll? Hat er vielleicht Tattoos oder sogar eine Narbe und zieht dich regelrecht magisch an? Ja?

Jetzt ist Vorsicht geboten! Denn dieser Kerl ist nicht nur ein Bad Boy, sondern auch ein Herzensbrecher. Und wenn er dich im Visier hat, wird er alles versuchen, um dich rumzukriegen. Und zwar nach einem siebenstufigen System.

In den nächsten Wochen werde ich auf diesem Blog davon berichten, wie du es schaffst, einen Bad Boy zu durchschauen, denn ich habe das Experiment gewagt: Begleite mich und lerne von meinen Erfahrungen. Alle Bad Boys gehen nach dem gleichen Prinzip vor, und wenn du dessen Stufen kennst, kannst du nicht nur die Spielregeln ändern, du schreibst sie neu.

Und am Ende bricht nicht dein Herz, sondern seins.

KAPITEL 1


»Ich brauche einen Drink und eine Waschmaschine. Sofort!«

Ich knallte mein Handy wohl etwas zu fest auf den Tresen, an dem bereits meine Freundinnen Emma und Kati saßen, denn ihre Drinks – zwei Aperol Spritz – begannen, verdächtig zu wackeln. Musik dröhnte aus den Boxen. Es roch nach Parfüm und Schweiß und auch ein wenig nach Holz, so wie immer im Hinz und Kunz, einem besonders bei Studenten beliebten Club mitten in der Nürnberger Innenstadt.

»Unsere Lina ist mal wieder in ihrem Element.« Emma lachte und linste neugierig auf das Display meines Handys, während sie sich eine helle Haarsträhne aus dem Gesicht strich. Ihre Wimpern waren heute wieder mal unglaublich lang und geschwungen, der Lidschatten glitzerte. Typisch Emma. Ich wohnte mit ihr und den sicher über 150 Beautyprodukten zusammen in einer WG. Wir kannten uns seit der Schulzeit und studierten an derselben Uni. Ich war unendlich froh, sie in meinem Leben zu haben. Mit ihrer Liebe zu Beautyprodukten, die sie täglich auf Instagram und Co. auslebte, war es immer lustig. Manchmal auch etwas gruselig, wenn sie wieder eine ihrer merkwürdigen Masken im Gesicht hatte, aber das war eben Emma. Und ja, ich genoss auch einige Vorteile, denn durch sie hatte ich nach langem Suchen endlich die perfekte Pflege für mein blondes Haar gefunden, konnte jegliche Flechtfrisur in Sekundenschnelle zaubern und wusste, wie ich durch kleine Tricks meine blauen Augen besser in Szene setzen konnte.

»Was ist denn los?« Auch Kati, die nun ebenfalls mein Display begutachtete, grinste und ihre Augen funkelten dabei. Kati verbreitete immer gute Laune, wenn sie dabei war. Größtenteils verbrachte sie ihre Freizeit aber mit ihrer Band Visionless, deren Leadsängerin sie war. Das ein oder andere Mal waren Emma und ich auch schon bei einem ihrer Auftritte gewesen.

»Oha, jetzt verstehe ich die Aufregung. Ziemlich heiß, der Kerl. Wer ist das?« Sie ließ einen Finger über das Display wandern.

Meine Hände schwitzten noch immer und mein Puls ging spürbar schnell. Ziemlich heiß. Ja, genau das war ja das Problem. »Erst der Drink, dann erzähle ich euch alles«, sagte ich abgehetzt, ehe ich mich umdrehte und die Hand hob, um den Barkeeper zu rufen. »Ich bekomme bitte auch einen Aperol Spritz.« Während der Barkeeper damit begann, das bestellte Getränk zu mixen, wandte ich mich wieder den Mädels zu, die noch immer das Foto auf meinem Handy musterten.

Emma sah zu mir auf. »Okay, das mit dem Drink verstehe ich. Aber wofür zur Hölle brauchst du jetzt eine Waschmaschine? Um dich darauf von unserem Adonis hier während des Schleudergangs packen zu lassen? Nackt?« Sie lachte und auch Kati, die gerade einen Schluck aus ihrem Glas nehmen wollte, prustete augenblicklich los.

»Ja, das würde euch gefallen.« Ich spürte, wie sich ein Grinsen auf meinem Gesicht ausbreitete. »Aber nein, ich …« Ich wollte gerade loslegen, hielt dann aber doch inne, weil der Barkeeper in diesem Moment den Aperol vor mir abstellte. Ich fummelte einen Zehneuroschein aus der Tasche meiner engen Jeans und legte ihn mit einem Lächeln auf den Tresen. »Danke, stimmt so«, sagte ich und fuhr an meine Freundinnen gewandt fort: »Also, die Waschmaschine brauche ich, damit ich Nika da reinpacken kann, um mal wieder alles in ihrem Kopf zurechtzurütteln.« Ich ließ meinen Zeigefinger neben dem Kopf kreisen wie bei einem Schleudergang. »Da ruft sie Kaia und mich an und meint, sie bräuchte sofort ihre Schwestern um sich. So ein Alex wäre gemein und komisch zu ihr. Ich erkläre ihr, dass dieser Alex ein bescheuerter Bad Boy ist, der nach einem Stufenprinzip vorgeht. Und dass sie bereits in Stufe vier feststeckt. Und sie? Sie hört gar nicht wirklich zu. Denn auf einmal ist wieder alles gut, weil er sie anruft und ihr Honig um den Mund schmiert.« Frustriert nahm ich einen tiefen Schluck aus meinem Glas. Dem Blick der beiden nach zu urteilen, verstanden sie nur Bahnhof. Ich nahm einen weiteren Schluck. Erst spürte ich die kühle Flüssigkeit meinen Hals hinunterrinnen, dann breitete sich Wärme in meinem Bauch aus und ich entspannte mich ein wenig. Was für ein Tag.

»Ähm, noch mal von vorne. Was? Nach Prinzip? Welches Prinzip denn?«, wollte Emma wissen und Kati fügte an: »Und welche Stufen?« Ich konnte die Fragezeichen in ihren Augen buchstäblich sehen. Es war der gleiche Blick wie der meiner Schwestern, als ich ihnen kurz zuvor alles erklärt hatte: der typische Was-hat-Lina-jetzt-schon-wieder-ausgeheckt?-Blick.

Ich streckte den Rücken durch. »Jaaa, nach Prinziiip«, wiederholte ich und zog die Worte dabei in die Länge.

»Okay, und welches Prinziiip soll das bitte sein?«, imitierte mich Emma.

Ich sah von ihr zu Kati und wieder zurück, bevor ich schließlich antwortete: »Das Bad-Boy-Prinzip! Und Nika fällt leider voll darauf rein.« Ich stöhnte auf.

Die beiden lachten. Sie hatten mich weder verstanden noch nahmen sie mich ernst. »Der wievielte Drink war das jetzt?«, wollte Emma wissen und Kati ergänzte: »Sei doch nicht so streng mit der armen Nika, sie ist eben verliebt. Und der Kerl ist ja auch unübersehbar heiß.« Sofort dachte ich an das Gespräch mit meinen Schwestern. Nika hatte ein unglaublich großes Herz, schon immer. Sie war gutmütig, aber leider auch ein bisschen naiv. Vielleicht machte ich mir deshalb solche Sorgen um sie oder eben, weil ich die Älteste von uns dreien war und deshalb einen gewissen Beschützerinstinkt entwickelt hatte. Während Nika nämlich immer nur das Beste in den Menschen sah, waren Kaia und ich skeptischer. Als Nika also von diesem Alex erzählte, schoss mir augenblicklich die Erklärung für sein Verhalten in den Sinn. Und auch, warum sie so von ihm gefangen zu sein schien. Ganz klar, meine Schwester war in die Falle eines Herzensbrechers getappt.

»Dieser Alex ist ganz offensichtlich ein mieser Kerl. Mit seiner Lederjacke, diesem Blick und der geheimnisvollen Aura: Er spielt ein Spiel, aber ich habe es durchschaut. Er weist alle Alarmsignale auf.« Seufzend griff ich nach meinem Handy, öffnete erneut Alex’ Instagram-Profil und deutete auf die Bilder, die er dort gepostet hatte. »Schaut mal, ich erkläre es euch. Allein sein Account. Und auf Tinder sieht es nicht anders aus. Zum Beispiel hier, ein Oben-ohne-Foto. Und da, in der Lederjacke, verrucht und sexy. Und dort, seht doch mal, wie er sich beinahe schüchtern durchs Haar fährt. Noch besser: einmal in Farbe und einmal in Schwarz-Weiß zum Vergleich.« Ich schob das erste Bild nach links, um ihnen auch das zweite zu zeigen. »Und dazu noch diese Texte … Was findet ihr besser, Leute? Schwarz-Weiß oder Farbe? Oder beides? Da leidet jemand ganz eindeutig an einem Aufmerksamkeitsdefizit.«

»Also, jetzt übertreibst du aber«, meinte Kati. »Klar, ein paar Bilder sind schon etwas … na ja. Aber auf diesem hier sieht er doch ganz normal aus, süß sogar, mit der Strickmütze. Ist jetzt kein schlechtes Foto.«

»Darum geht’s aber nicht.« Ich zeigte den beiden ein Bild, auf dem er halb nackt an einer Wand lehnte, das Handy verdeckte sein Gesicht und ich stieß erneut einen Seufzer aus. »Mal ernsthaft, was soll das immer? Warum halten sich die Typen andauernd das Handy mitten ins Gesicht?«

»Gute Frage, vielleicht flext er mit dem neuen iPhone«, überlegte Emma.

»Womöglich, vielleicht ist aber auch seine Nase aus der Nähe zu groß«, entgegnete ich grinsend und wischte weiter zum nächsten Foto. »Und schaut mal hier, der Text, so poetisch und kreativ: Always on fire. Fight for your desire. Niemals aufgeben. Never give up. Always on top. Gib es zu! Wie viele Liegestütze schaffst du?«

Kati lachte. »Reimemonster!«

Jetzt musste auch ich lachen. »Mädels, mal ehrlich: Dieser Blick, was soll der einem sagen?«

Emma hob kichernd die Hand und schnippte heftig mit den Fingern. »Ich weiß es, Frau Lehrerin!«

»Ja, Emma?« Ich hob mein Glas und deutete damit auf sie.

»Dass er richtig toll dichten kann – nicht!« Emma stupste mich an und ich fuhr lachend zusammen. »Lina, ey, du übertreibst.«

»Was sagt uns denn sein Blick deiner Meinung nach?«, bohrte Kati hingegen weiter.

Ich stellte das Glas wieder ab. »Ganz einfach. Sein Blick soll uns zeigen, wie selbstbewusst er ist und dass er jede haben kann, aber dass er doch auch angeblich so verletzlich ist. Ein typisches Lockmittel. Dazu noch Texte wie dieser hier: Wer würde mich jetzt gern umarmen? Umarmung zu verschenken. Wie bescheuert ist das denn!« Ich deutete auf ein weiteres Bild und sofort begannen die beiden zu lachen.

»Er ist halt liebesbedürftig«, sagte Emma. Und als sie sich beruhigt hatte: »Spaß beiseite. Du redest von Alarmsignalen. Aber Signale sind nun mal bloß Signale. Daraus ergibt sich doch nichts weiter. Du hast nicht ernsthaft ein passendes Prinzip entwickelt, oder?«

Und ob ich das hatte, denn ich war anderer Meinung. Im Zuge meines Studiums beschäftigte ich mich zurzeit mit dem Selbstbild der Frau in der modernen Literatur. Erst war ich nicht so begeistert gewesen von dem Thema, aber dann hatte es mich gepackt. Vor allem aber hatte es mich auf eine Idee für meinen Blog gebracht.

Darauf teilte ich der Welt meine Gedanken mit, alles, was mich bewegte. Stress war bereits ein Thema gewesen, außerdem Drogen, Beautywahn, Lifestyle … Ich liebte es, auf Aktuelles jeglicher Art einzugehen und Erfahrungen mit meinen Leserinnen zu teilen, ob es meine eigenen waren oder die von Menschen, die mir ihre Geschichten anvertrauten – inkognito natürlich. Deswegen wusste kaum jemand, dass ich unter dem Pseudonym Linaria schrieb. Eine Verbindung aus meinem Namen und Lunaria – einer Pflanze, die man auch Silberling nannte und die mich schon immer faszinierte. Denn ihre Bedeutung lag darin, Licht ins Dunkel zu bringen. Und genau das hatte ich mir zur Aufgabe gemacht. So auch bei meinem neuesten Blogbeitrag. Denn Schürzenjäger und Tunichtgute waren nicht mehr wegzudenken aus Büchern, Filmen und der Realität. Viele Frauen fuhren total auf sie ab. Leider! Nachdem ich also das Verhalten analysiert hatte, das diese Kerle an den Tag legten, war ich sicher, dass ein Prinzip dahinterstecken musste. Denn ihr Vorgehen war immer erschreckend ähnlich.

»Lasst es mich erklären, bevor ihr mich für verrückt erklärt«, setzte ich an und rückte dabei meinen Hocker zurecht. »Ich habe doch für die Uni diese Arbeit zu schreiben, über Frauenliteratur«, fuhr ich fort. »Dabei habe ich gemerkt, dass in Büchern und Filmen immer nach dem gleichen Prinzip vorgegangen wird. Und in der Realität genauso. Alex ist der lebende Beweis.«

Die beiden wirkten nun etwas überfordert. »Du meinst das echt ernst, oder?«, fragte Kati, während Emma mich mit offenem Mund anstarrte.

»Klar meine ich das ernst! Und deshalb darf ich euch hier und heute mit Stolz mitteilen, dass ich ihr Prinzip durchschaut habe. Und in Stufen aufgeteilt. Da schaut ihr, was?« Ich grinste sie an und nahm einen Schluck von meinem Aperol. Es wurde immer voller in dem kleinen Club, während sich die kühlen lila Lichtstrahlen mit warmen gelben vermischten und im Takt der Musik vibrierten.

»Stufen, okay … Erklär es uns.«

»Na ja, ich habe eine Art Herzensbrecherskala entwickelt. Moment, ich zeig es euch mal.« Oh, oh, der Aperol machte sich langsam bemerkbar. Aber egal. Ich war Feuer und Flamme, tippte aufgeregt auf meinem Handy herum und rief den Entwurf des Blogbeitrags auf.

»Das Bad-Boy-Prinzip«, las Kati mit zusammengekniffenen Augen vor. »Die Alarmsignale.«

»Und welche Signale sind das genau?« Emma beugte sich über den Tresen, um einen Blick auf meine Notizen zu erhaschen.

»Ganz einfach eigentlich, wie ich es hier stehen habe: Bad Boys haben Narben, Tattoos, tragen bevorzugt Lederjacken und hautenge Shirts, sind unnahbar und doch charmant. Irgendwie arrogant. Eine tragische Geschichte spielt eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Sie sind natürlich Draufgänger, haben ihre eigenen Regeln. Und klar, sie küssen umwerfend und sind ausgesprochen gut im Bett. Meistens jedenfalls. Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber vorwiegend machen sie einen süchtig mit ihren Küssen und …«

»Mit ihren flinken Fingern«, ergänzte Emma grinsend, während sie die Finger ihrer linken Hand wackeln ließ.

»Das auch«, bestätigte ich ebenso grinsend. »Und sie machen einen auf gleichgültig, haben diese verschlossene Art. Typ einsamer Wolf, ihr wisst schon. Aber dann suchen sie doch wieder deine Nähe. Sie bringen dich zu ihren Lieblingsorten, vorzugsweise auf dem Motorrad, und hauchen dir dabei aufregende Dinge ins Ohr. Ja, sie geben dir das Gefühl, die Welt erobern zu können, dabei ist ihre Welt nicht besonders spannend, wenn man alles erst mal durchschaut hat. Und all das verpacken sie in sieben Stufen.«

»Du meinst das Ganze also tatsächlich ernst«, stellte Kati mit großen Augen fest. »Holy …«

»Holy was? Fuck? Shit?«

»Holy Boys.« Emma lachte. »Und wo hast du das recherchiert? In Teenagerheftchen, oder was?«

»Veräppelt mich nur, meine Schwestern haben genau das Gleiche gesagt. Aber nein, man muss nur ganz genau hinsehen, Filme aufmerksam schauen und Bücher konzentriert lesen. Es ist immer der gleiche Ablauf.«

Kati zog eine Augenbraue nach oben. »Ja, diese Quellen sind in der Tat sehr aufschlussreich.«

»Ihr könnt es so lange ins Lächerliche ziehen, wie ihr wollt. Aber ich habe den Durchblick.« Erneut nippte ich an meinem Aperol. »Sieben einfache Stufen, Mädels. Sieben.« Ich hob die Hand und spreizte die Finger.

»Das sind fünf«, scherzte Kati.

»Und Nika?«, mischte sich nun Emma wieder ein.

Ich seufzte. »Na ja, wie schon gesagt, die befindet sich in Stufe vier. Oder sogar schon in Stufe fünf, sie trifft sich ja gerade mit Alex. Bald ist Herzschmerz angesagt. Noch ein Date, dann Sex – und schließlich der Abschuss.« Ich verzog das Gesicht.

»Lina, mal echt jetzt.« Kati konnte sich das Lachen nun kaum mehr verkneifen. »Du hast wirklich recherchiert und diese Signale in ein Stufensystem verpackt? Ist das dein Ernst?«

»Mein voller Ernst. Und wenn man diese Stufen bei einem Kerl erkennt, sollte man sich schleunigst umdrehen und abzischen.« Ich machte ein Geräusch wie von einer startenden Rakete.

Emma lachte. »Nicht jeder Kerl ist so wie in den Büchern beschrieben. Also bleib mal locker, dieser Alex ist vielleicht ein ganz Netter. Am Ende mag er deine Schwester wirklich. Und Dating-Apps sind auch nicht so schlecht, da gibt es durchaus Kerle, die nicht nur Sex wollen. Oliver Pocher hat seine Amira schließlich auch darüber kennengelernt und die haben mittlerweile schon zwei Kinder.« Ein ganz Netter …

»Ich glaube leider, dass an diesem Alex überhaupt nichts Nettes ist«, gab ich zu bedenken.

»Na ja, ich meine, Ausnahmen bestätigen die Regel. Hast du vorhin selbst gesagt!«, verteidigte sich Emma.

Nun lachte ich. »Nur, wenn du die Regeln machst. Denn deine Ausnahmen, die bleiben Ausnahmen. Mädels, jetzt seid doch mal nicht so gutgläubig! In die Trashformate gehen die Kandidaten ja auch nur wegen der Erfahrung und nicht wegen der Hoffnung auf Follower.« Die beiden kicherten. »Und was Nika anbelangt«, fuhr ich fort, »er will sie nur ins Bett kriegen. Eine Zehn auf der Herzensbrecherskala ist der Kerl.« Es war ziemlich voll für einen Donnerstagabend und dementsprechend warm in meinem Strickcardigan. Ich zog ihn aus und atmete tief durch.

»Okay, jetzt noch mal zum Mitschreiben, Lina«, sagte Emma. »Du erkennst diese Kerle also an bestimmten Merkmalen. Alarmsignalen. Leuchtet oberflächlich betrachtet erst mal ein. Aber dass sie alle nach dem gleichen Prinzip vorgehen, kommt mir doch recht unwahrscheinlich vor. Gibt’s da ’ne Schule, oder was?«

Ich grinste sie an und nahm einen weiteren Schluck von meinem Getränk. »Tatsächlich habe ich da was entdeckt. Schaut einfach bei Google mal nach Pick-up Artist und ihr werdet erleuchtet sein.«

Emma sah mich verständnislos an. »Was soll das sein?«

»Pick-up Artists sind hochmanipulativ und verfolgen einen ganz bestimmten Plan, mit dem sie Frauen ins Bett kriegen wollen und …«

»Okay, Mädels, ich hab ’ne Idee!«, unterbrach mich Kati, während sie von ihrem Barhocker aufsprang und in die Hände klatschte. »Wir spekulieren hier doch eh nur. Alles reine Theorie. Jetzt wird’s Zeit für eine Studie am lebenden Objekt. Für deinen Blog und vielleicht sogar die Hausarbeit wäre die Idee, die ich habe, sicher enorm hilfreich«, meinte sie schmunzelnd und setzte sich wieder.

»Und die wäre?«, fragte ich skeptisch.

Ihre Augen funkelten. »Lasst uns ein Spiel daraus machen. Du, Lina, behauptest, du erkennst sie alle, die Kerle, die diese Alarmsignale aufweisen? Und kannst sie auf einer Herzensbrecherskala einordnen von null bis zehn: Langweiler bis Bad Boy?«

»So ist es«, sagte ich feierlich.

Kati zückte ihr Handy und öffnete eine App. »Dann lass uns mal auf Tinder deine Skala checken.«

»Ihr und euer Tinder …«, seufzte ich. »Aber gut, meinetwegen.« Ich beugte mich zu ihr rüber. Sofort wurde ihr ein Kerl angezeigt: Toby23. Toby mit y. Weniger als einen Kilometer entfernt. Dunkle Haare, blaue Augen, natürlich oben ohne.

»Bad Boy oder nicht? Wie hoch ist der Faktor?«, fragte sie mich mit einem Augenzwinkern. »Was siehst du?«

Ich griff nach dem Handy, um ihn genauer zu betrachten. »Okay, das weiß ich schon beim ersten Bild. Da muss ich nicht mal genauer hinsehen. Und erst der Text. Schaut doch mal, was da steht: Ich nehme das Leben leicht, wie ist es mit dir? Mein Motto: Lebe in den Tag hinein. Hobbys: Fitness, Travel the World«, las ich vor.

»Und?«

»Heißt: lockere Nummer, mehr nicht, Baby. Der kommt und geht, wann er will. Und Aufmerksamkeit widmet er ausschließlich sich selbst. Ein Poser, mindestens Herzensbrecherskala acht.«

»Na gut.« Kati wischte ihn weg. »Und was ist mit dem?«

Nun wurde ein junger Kerl mit Brille und schmalem Gesicht angezeigt. Johann, 25 Kilometer entfernt. Hobbys: Spielen und Schildkröten.

»Eindeutig«, antwortete ich diesmal, »ein Nerd, aber sicher kein Herzensbrecher.«

»Aber was, wenn er eine Lederjacke im Schrank hat und sich nachts verwandelt?«, fragte Emma von links. Ich stupste sie in die Seite und wir alle lachten. Kati wischte auch ihn weg.

Sofort erschien ein weiterer Kerl, von dem man nur Muskeln zu sehen bekam. Sie kicherte. »Echt jetzt, was denkt man sich dabei? Hallo Sixpack, ja, ich will ein Date mit dir?«

»Na, dem geht’s wohl eher um Körperkontakt. Er will Sex. Auch mindestens ’ne Acht«, sagte ich trocken.

Als uns der nächste Kerl angezeigt wurde, zischte Emma durch die Zähne. »Oh, schaut mal, wie er dasteht. Wirkt irgendwie düster. Als hätte er …«

»Was zu verbergen? Ein Geheimnis?« Ich grinste sie an.

»Ja, schon irgendwie«, antwortete Emma zögerlich.

»Hör auf, er macht einen auf einsamer Wolf und du springst darauf an. Bei so einem wird immer die Vergangenheit die perfekte Entschuldigung für alles sein. Und seht euch seine Augen an. Der kifft doch.« Die beiden blickten mich verwundert an. »Nein, Mädels, sorry, mindestens eine Neun, also ganz klar in Richtung Bad Boy. Das sind fast alles Kerle, die man auf keinen Fall in seine Nähe lassen sollte, wenn man sich verlieben will. Die gehen alle nach dem Prinzip vor, ganz sicher«, seufzte ich.

»Na schön, ich probier es auch mal.« Emma zog jetzt ebenfalls ihr Handy aus der Tasche. »Nehmen wir den da. Was sagt uns das Foto? Jan, 15 Kilometer entfernt. Liebt die Natur. Helles Shirt, breite Brust. Mit der Hand streicht er unter dem Stoff darüber.«

Ich musste nicht lange nachdenken. »Er findet sich so heiß, dass er eigentlich am liebsten mit sich selbst ausgehen würde. Aber er hat dieses eine Problem: Sex allein macht nicht so viel Spaß. Der ist eindeutig süchtig danach.«

Wieder lachten die beiden und Emma wiegte nachdenklich ihren Kopf hin und her. »Mal ehrlich, Lina, nur weil dieser Alex ein paar Oben-ohne-Fotos bei Instagram postet oder dieser Typ auf einer Dating-App in der Lederjacke dasteht, weil sich jemand durchs Haar fährt, Narben oder Grübchen hat, ist er doch nicht gleich ein Herzensbrecher. Das heißt überhaupt nichts.«

In diesem Augenblick begann Emmas Handy zu vibrieren. Sie entsperrte es und ein Strahlen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. »Ha, ich habe ein Match!«, rief sie und legte das Handy vor uns auf den Tresen. Ich zog es ein wenig näher zu mir heran und musterte den Kerl auf dem Foto. »Na los, sag schon«, drängte Emma. »Was hast du diesmal wieder auszusetzen?«

Doch Kati, die hinter mich getreten war und mir über die Schulter lugte, kam mir zuvor. »Ach, mit dem hatte ich auch schon ein Match«, meinte sie nur.

»Oh, ach so.« Konnte es sein, dass Emmas Stimme ein klein wenig enttäuscht klang?

»Seht ihr«, bekräftigte ich, »so einer wie er gehört euch nie allein. Die matchen so viele. Wählerisch sein kennen sie überhaupt nicht.«

»Also gut, weg mit ihm«, sagte Emma bestimmt. »Ich muss zugeben, das Spiel gefällt mir. Deine Interpretationen sind interessant. Ganz allgemein gesehen. Und ich bin offen für Neues.« Sie spitzte die Lippen. »Oder hättet ihr gedacht, dass Chili, Vaseline und Zimtöl so einen Balsam für die Lippen zaubern? Der Mega-Boost.«

Ich lachte und hauchte ihr ein Luftküsschen zu, bevor ich mich wieder dem eigentlichen Thema widmete. »Ist nicht nur allgemein so, glaubt mir.«

Kati sah mich nun ernst an. »Du behauptest also, jeder dieser Bad Boys nutzt die gleiche Masche. Das bedeutet, du könntest ihnen nie verfallen, weil du sie vollkommen durchschaust?«

»Ja, dafür stehe ich mit meinem Aperol!« Ich hob mein Glas und nahm einen tiefen Schluck.

»Okay. Das war allerdings nur die digitale Welt, wie sieht es in echt aus? Wie gesagt, lebende Objekte.« Sie kniff die Augen zusammen. »Also sag mal, wer hier im Club ist noch ein typischer schürzenjagender Herzensbrecher?«

Ausführlich ließ ich meinen Blick durch den Raum und über die Gäste schweifen, über den dunklen Holztresen, der beleuchtet war von den vielen Lichtern, die an der Decke funkelten, über die Schaukeln, die vor der Bar angebracht waren. Mein Blick blieb in einer der Ecken hängen. »Da drüben an der Säule bei der Tanzfläche, seht ihr den? Der mit dem grauen Shirt. Breit gebaut, braun gebrannt, hundert Kilo Hantelbank.« Die beiden lachten. »Wartet, ich enttarne euch noch einen«, sagte ich. »Ah, der da. Schaut mal, er hat dieses Tattoo am Arm, die Lederjacke lässig über der Schulter. Und ist das ’ne Narbe an seiner Wange? Irgendwas hat er da jedenfalls. Und der Blick, absoluter Bad Boy. Ihr solltet die Finger von ihm lassen.« Während Emma und Kati interessiert zu dem Kerl hinübersahen, fuhr ich fort: »Der ist der absolute Aufreißer. Er nimmt jeden Abend eine andere mit, erzählt aber allen, dass sie etwas Besonderes seien. Das ist einer von der ganz schlimmen Sorte. Herzensbrecher hoch zehn!«

Mit einem Mal sahen sich die beiden verschwörerisch an. »Okay, du bist also überzeugt davon, dass du dich niemals in einen wie ihn verlieben würdest? Dass du immun bist gegen seinen Charme? Und für deinen Blog brauchst du den eindeutigen Beleg, dass es klappt?«, fragte Emma. Ich nickte. »Dann beweis es und mach den Test. Wir suchen einen potenziellen Herzensbrecher und du lässt dich auf ihn ein und zeigst, dass er nach den Stufen vorgeht. Dass er all diese Alarmsignale aufweist und Mädchen sich trotzdem Hals über Kopf in ihn verlieben. Und dass es dieses Happy End aus den Romanen nicht gibt. Du schreibst darüber auf deinem Blog, und wenn du es durchziehst, ganz ohne Gefühle, kannst du ihn am Ende abservieren. Bam! Theorie bestätigt! Sozusagen eine Wie-bricht-man-einem-Bad-Boy-das-Herz?-Challenge. Oder ganz simpel: Die Bad-Boy-Challenge.« Wie bitte? Waren die beiden jetzt völlig verrückt geworden? Wobei … irgendwie hatte es was. Mit einem Mal beschleunigte sich mein Herzschlag und ich spürte ein aufgeregtes Kribbeln auf meiner Haut. Ich könnte das wirklich tun. Stellvertretend für alle Mädchen, denen das Herz von solchen Kerlen gebrochen wurde, und um alle anderen zu warnen. Für Nika.

»Ich sehe es schon in den Geschichtsbüchern stehen.« Emma kicherte. »Das Lina-Erleuchtungs-Prinzip. Lasst uns einen Kerl suchen und die Challenge starten!«

Einen kleinen Moment dachte ich noch nach. So ein Blödsinn. Aber dann lachte ich, denn irgendwie war es verdammt komisch. Und ich bekam dadurch die Möglichkeit, meine These zu belegen, das Stufensystem zu testen, es anhand von Beispielen vorzustellen. Mir wurde warm im Bauch. Oder hatte ich etwa inzwischen zu viel Aperol intus? Ach egal, sagte ich mir, trank meinen Aperol aus und bestellte direkt noch einen.

»Wollt ihr auch einen?« Die beiden schüttelten den Kopf. »Gut«, brach ich schließlich mein Schweigen, als das neue Getränk vor mir stand. Ich rückte näher an meine Freundinnen heran und sie taten es mir gleich. Ich fühlte mich wie auf einer geheimen Mission. »Wir suchen also einen Bad Boy, der vor Alarmsignalen nur so strotzt. Eine Zehn. Und wenn ich bewiesen habe, dass mein Prinzip funktioniert, dann serviere ich ihn ab.« Ein paar Sekunden ließ ich den Vorschlag noch auf mich wirken, bevor ich grinste. Ja, die Idee war wirklich nicht schlecht und meine Schwestern und Freundinnen würden sich noch wundern. »Also gut, ich bin dabei. Ihr werdet sehen, es klappt.«

»Und wir suchen ihn auf Tinder«, ergänzte Kati.

»Ach nee, muss das sein?«, fragte ich flehend.

Sofort waren ihre Blicke auf mich gerichtet. »Ähm ja, natürlich.«

»Na schön. Aber nicht von euren Handys aus. Ich mache mir meinen eigenen Account«, sagte ich, während ich nach meinem Handy griff. »Euer Algorithmus ist doch schon total versaut von den ganzen Typen.«

»Ja, eben, ist doch der Sinn dahinter. Aber mach dir ruhig deinen eigenen«, stellte Emma lachend fest.

Dann ging es ganz schnell. Im Nullkommanichts war mein Profil eingerichtet. Drei Fotos in verschiedenen Posen. Eins in den Bergen, eins am Strand, eins mit Kussmund. Und schon hatte ich den perfekten Opfer-Account. Dazu ein kurzer Schnullitext: tralala verträumt und so. Das ideale Bad-Boy-Zielobjekt war geschaffen.

»Es geht los. Reichweite auf ein Minimum reduzieren. Altersspanne bis 25.«

»Das wird toll!« Emma hob ihr Glas. »Also, Lina, Deal?«

Ich griff ebenfalls nach meinem Glas und prostete den beiden zu. »Ja, ich bin dabei. Auf die Bad-Boy-Challenge!«

Spiel, Satz, Match

KAPITEL 2


»Hier, der Erste. Was meinst du, wäre der was? Oder nicht Bad Boy genug? Wobei, er hat einen Hund im Arm, der kann so bad nicht sein. Männer, die tierlieb sind, haben einfach ein gutes Herz.«

Ich lachte. »Die armen Plüschknäuel werden nur für Klicks missbraucht. Da wird vor nichts zurückgeschreckt. Oder kennt ihr den Kerl, der dauernd seine Mutter postet?«

Emma nickte. »Ja, kenn ich. Oder der Typ, der etliche Haustiere hat. Alles sehr beliebt im Netz. Nennt man den Knuddelfaktor, hab ich im Marketing-Seminar gelernt. Ich müsste das für Instagram eigentlich auch viel mehr nutzen. Wollen wir uns einen Hund holen, Lina? Oder ’ne Katze? Hauptsache irgendwas mit Fell.« Emma sah aufgeregt zu mir, doch ich schüttelte den Kopf, obwohl ich wusste, dass sie in Gedanken bereits ein Haustier für uns besorgt hatte.

»Nein, bestimmt nicht. Kauf dir einen Teppich.« Ich grinste sie an.

»Schade. Aber was ist denn jetzt mit dem Kerl?«

»Der sieht mir nur wie eine Sechs aus. Nicht brauchbar für die Challenge.« Ich wischte ihn weg.

»Und der hier? Was ist mit dem? Mike, 22, hart, härter, ich.« Sicher nicht so hart wie die Musik, die aus den Boxen hämmerte. Wir schauten uns noch weitere Profile an, die alle nicht infrage kamen, und bestellten eine weitere Runde Aperol, was uns zusehends in Laune versetzte. Langsam wurde meine Zunge schwer.

»Der ist mir zu primitiv.« Ohne Pardon wischte ich auch ihn weg. »Ein bisschen Niveau sollte der, der mich verführen will, schon haben«, ergänzte ich zwinkernd.

Ein weiterer Typ wurde auf dem Display angezeigt. »Oh mein Gott. Der, ja, der!«, rief Kati und deutete auf den Kerl.

Ben, 24. Die braune Lederjacke lässig geöffnet, lehnte er an einer Wand. Seine Haare waren ebenfalls braun, an den Seiten kurz und oben etwas länger. Der Blick aus seinen dunklen Augen war undurchdringlich tief, was ihm einen Touch von Unnahbarkeit verlieh. Ich sah mir weitere Fotos von ihm an. Beim Sport, in der Stadt, mit Freunden, auf einem Motorrad – natürlich. Immer top gestylt. Auf einem war er oben ohne mit durchtrainiertem Körper zu sehen. Er konnte zeigen, was er hatte, und das wusste er. Auf dem nächsten Bild hatte er die Augen weit geöffnet, den Blick in die Kamera gerichtet, und eine kleine Narbe an seiner Wange war deutlich zu erkennen. Je länger ich ihn betrachtete, umso mehr hatte ich das Gefühl, dass er mir irgendwie bekannt vorkam. Aber woher bloß?

»Der, Emma! Schau mal, der ist heiß.« Aufgeregt hielt Kati Emma das Handy hin.

»Oh hallo, Mister Bad Boy. Jackpot! Der ist ja perfekt, wie einem Roman entsprungen«, stimmte Emma ihr zu und zappelte dabei unruhig auf ihrem Hocker herum.

In diesem Augenblick lief eine Gruppe Jungs an uns vorbei zur Theke. Schlagartig wurde mir bewusst, warum dieser Ben mir so bekannt vorkam. Er war der Kerl, den ich vorhin schon an einer Säule lehnend im Club gesehen hatte. Und den wir eindeutig als Aufreißer identifiziert hatten.

»Mal im Ernst, ist das nicht der Kerl, der da steht?«, fragte ich nun auch etwas aufgeregt und deutete mit dem Kopf in die Richtung der Jungsgruppe. Neugierig wandten die beiden ihre Blicke zu ihm.

Kati nickte eifrig. »Das ist er, tatsächlich.«

»Krass, das ist ja echt der Kerl von Tinder«, pflichtete Emma ihr bei. »Das ist dieser Ben. Ganz sicher!« Sie beugte sich nach vorn und da passierte es.

»Nein!« Ich versuchte noch, sie daran zu hindern, doch es war schon zu spät. Sie hatte auf das kleine Sternchen getippt und verpasste ihm damit ein Superlike. In mir begann es, heftig zu pulsieren.

Emma grinste. Ich schwitzte. »Doch, meine Liebe. Er ist der perfekte Bad Boy. Der wird’s, Lina, der und kein anderer.« Das Pulsieren wurde stärker und schließlich zu einer unabwendbaren Gewissheit.

»Echt jetzt?«, stieß ich hervor.

»Ja! Der ist einfach nur heiß und weist alle deine sogenannten Alarmsignale auf. Er hat eine Narbe, ist supersportlich, fährt Motorrad und er ist ganz nah. Ist das nicht irgendwie Schicksal? Superlike eben.« Kati lachte und linste wieder in seine Richtung. Nun, ich hatte in Sachen Schicksal eigentlich andere Vorstellungen, aber gut. Verstohlen linste nun auch ich in seine Richtung und tatsächlich, kurze Zeit später zückte er sein Handy, betrachtete das Display und begann, darauf herumzutippen. Ob er das dämliche Superlike entdeckt hatte?

Schon wurde mir auf meinem Handy eine neue Nachricht angezeigt.

»Tinder!«, rief Emma und schnappte es sich. »Match mit Ben. Aaah! Wie verdammt genial ist das denn bitte? Okay, das ist jetzt wirklich Schicksal, zumindest für die Challenge.« In meinem Bauch begann es zu kribbeln.

»Nicht dein Ernst?«, hakte Kati aufgeregt nach und klopfte dabei so heftig auf den Tisch, dass ich mein Glas festhalten musste. Doch es war ihr Ernst. Emma hielt uns das Display unter die Nase: Ben und ich hatten ein Match.

»Das ist ein Zeichen. Los! Schreib ihm, dass du im Club bist und ihn siehst«, schlug sie aufgeregt vor.

Aber ich schüttelte den Kopf. »Nein, das kommt doch total psycho. Als hätte ich ihn die ganze Zeit beobachtet.«

Emma kicherte. »Na ja, wenn man es genau nimmt, haben wir das ja auch.«

»Aber das muss er doch nicht wissen«, entgegnete ich verschwörerisch. Noch immer kribbelte es in meinem Bauch.

»Das ist echt Vorsehung!«, bekräftigte sie noch einmal.

»Wie oft willst du das jetzt noch sagen? Vorsehung, Schicksal … Du hörst dich schon an wie Mamas Freund, wenn er mit seinen Kristallen spricht. Hallo, wo sind hier die Realisten?«, rief ich in den Raum.

Kati deutete auf mich. »Ich würde mal sagen, eine sitzt hier – im Spitzentop und unübersehbar.« Sie lachte. »Los, Lina. Was willst du schreiben? Hast du schon eine Idee? Irgendwas musst du tun. Die Challenge könnte sofort starten!«

»Nein, ich …« Keine Ahnung, was ich sagen wollte. In meinem Kopf ratterte es. Sie hatten recht, ich könnte gleich loslegen. Was hielt mich noch zurück? Während ich darüber nachdachte, was ein guter Text wäre, bekam ich schon die nächste Meldung. Es war eine Nachricht von Ben: Hey, wie ich merke, hast du ein Auge auf mich geworfen.

Emma und Kati grinsten, als ich den Text laut vorlas. »Ist doch nett«, meinte Emma.

»Ist ja wohl total arrogant«, erwiderte ich. »Oder hat er uns etwa gesehen?« Ich blickte mich um. »Ehrlich gesagt würde ich am liebsten gleich schreiben, dass ich mich verdrückt habe, aber …«, ich atmete tief durch und sah die beiden an, »es gibt eine Challenge und ihr wollt, dass sie startet, also …« Ich tippte etwas in das Nachrichtenfeld ein und legte das Handy danach wieder so hin, dass die beiden meinen Text lesen konnten.

»Dein Profil sieht nett aus. Und ich mag, dass du so sportlich bist. Okay, alles blöd … Du bist mir einfach aufgefallen, als ich dich gesehen habe«, las Kati vor und musterte mich anschließend mit zusammengekniffenen Augen. »Und du meinst, das zieht? Wirklich? Das ist ja mal oberlangweilig. Wo ist die coole Lina abgeblieben?«

»Hallo, ich bin ein Bad-Boy-Opfer«, antwortete ich, während ich meinen Blick noch einmal über die Zeilen wandern ließ. Vielleicht hatte sie recht. Und da kam mir eine Idee. »Okay, wartet.« Ich begann, hektisch zu tippen, und schickte den Text diesmal ab, bevor ich ihn meinen Freundinnen zeigte.

»Kann gut sein. Vielleicht mehr als das, sieh dich vor. Augen auf«, las Emma vor. »Das hast du geschrieben? Wie genial!« Sie rieb sich die Hände.

»Jap. Und jetzt gehe ich gleich weiter auf Angriff. Der Arme, er wird sich noch wünschen, mich niemals gematched zu haben.« Grinsend sah ich zu Ben, der auf sein Handy starrte.

»Er liest es«, raunte Emma uns gespannt zu. Ich beobachtete, wie sich auch sein Mund zu einem Grinsen verzog. Schließlich tippte er etwas und kurz darauf machte mein Handy wieder Pling.

»Ach ja? Wie soll ich das verstehen?«, las ich dieses Mal vor und das Kribbeln weitete sich auf meinen gesamten Körper aus.

»Uh!«, zischte Kati. »Jetzt geht’s los, Emma!«

Emma verpasste mir einen Knuff in die Seite, der mich zusammenzucken ließ. »Geh hin, alles auf Angriff!«

Sanft rieb ich mir über die Stelle. »Moment. Erst noch eine Nachricht.« Ich tastete nach meinem Handy und schrieb: Das wirst du gleich merken. Pass nur auf.

Sofort begannen die Mädels zu kichern. »Was hast du vor?«, wollte Emma wissen, und als ich nicht gleich antwortete, ergänzte sie: »Jetzt sag schon!«

Ich lehnte mich auf meinem Hocker zurück. »In den klassischen Bad-Boy-Good-Girl-Geschichten würde das Mädchen jetzt an ihm vorbeigehen, tollpatschig stolpern und ihn dabei anrempeln. Die beiden würden sich tief in die Augen schauen. Doch dann wäre er ziemlich eklig zu ihr, schließlich hält er sich für den geilsten Typ auf Erden, sie würde sich tausendmal entschuldigen – und zack, sie wäre auf seinem Radar …«

Die beiden sahen mich fragend an. »Und?«

Ich stand auf. »Genau das tue ich jetzt auch. Damit mache ich ihn auf mich aufmerksam. Und«, ich zupfte mein Oberteil zurecht, »er wird anbeißen.« Ich zwinkerte den beiden zu.

»Wuhu, Baby!«, rief Kati, während Emma in die Hände klatschte. »Du ziehst das echt durch!«

Ich nahm noch einen Schluck von meinem Aperol, stellte ihn auf den Tresen und ließ mit einem Grinsen meinen Kopf kreisen. »Aber so was von. Wie gesagt, der Arme tut mir jetzt schon leid.«

Schwungvoll wandte ich mich um und steuerte direkt auf Ben zu, der nun ein bisschen weiter entfernt mit einer Bierflasche in der Hand an einer Wand lehnte. Bunte Lichter tanzten über sein Gesicht, das er dem Handy in seiner Hand zugewandt hatte. Während ich mich mit pochendem Herzen durch die Menge schob, versuchte ich, mich auf meinen Plan zu konzentrieren, schließlich musste ich gleich gegen ihn stolpern. Cool sein, aber irgendwie auch nicht. In den Büchern wirkte das immer so leicht, da stolperte ständig irgendein Mädchen in irgendeinen Kerl rein. Und es funktionierte. Doch ich merkte, wie meine Handflächen zu schwitzen begannen. Plötzlich erstarrte ich: Was zur Hölle tat ich hier? Wie hatte ich mich von Emma und Kati so bequatschen lassen können? Ich atmete einmal tief ein und aus und versuchte, mich zu beruhigen. Denn wenn ich in den letzten Jahren eines gelernt hatte, dann war es die Tatsache, dass man sich niemals von der Angst steuern lassen durfte. Ich sollte mir einfach nicht so viele Gedanken machen. Es würde schon klappen, ich bekäme das hin. Stolpern, Aufmerksamkeit erhaschen, nett sein, vielleicht ein bisschen schüchtern. Und mal ehrlich, diese Bad Boys konnten doch überhaupt nicht anders, als anzubeißen. Das würde bei Ben genauso sein.

Gut, wenn ich so darüber nachdachte, hörte es sich ziemlich merkwürdig und auch irgendwie peinlich an. Aber jetzt war es sowieso schon zu spät, ich steckte mittendrin in der Misere und würde es durchziehen. Schließlich zog ich alles durch, was ich angefangen hatte. Ich atmete noch ein letztes Mal tief durch und setzte mich schließlich wieder in Bewegung.

Aus dem Augenwinkel sah ich Ben. Er strich sich durchs Haar und ließ seine Hand anschließend auf seinem Nacken liegen. Seine Bilder hatten nicht zu viel versprochen, auch in echt sah er ausgesprochen gut aus. Ich ging etwas näher heran, wankte leicht nach links, was mir nicht schwerfiel – dem Aperol sei Dank –, und dann in seine Richtung. Keine Sekunde später ließ ich mich tatsächlich in seine Arme fallen. In Büchern wurde das alles immer wie in Zeitlupe beschrieben, die beiden versanken im Blick des jeweils anderen, spürten sich gegenseitig … Hier war es nicht so. Der Aufprall fiel deutlich heftiger aus als gedacht, sodass Ben das Bier aus der Hand fiel. Dabei sah er in etwa so verwirrt aus wie ein Eichhörnchen, dem die Nuss geklaut wurde, und ließ mich dadurch unwillkürlich an Scrat aus Ice Age denken.

»Ups«, sagte ich leise, als es schepperte, und biss mir dabei auf die Lippe, um ein Kichern zu unterdrücken. Schnell richtete ich mich wieder auf. Ich musste jetzt ganz ruhig bleiben, seine Muskeln betrachten und sanft mit den Fingern darüberstreichen – oder so was in der Art. Komm schon, Lina, das muss jetzt noch drin sein.

»Mein Bier«, hörte ich Ben verärgert sagen, ließ mich aber davon nicht beirren. Stattdessen wanderten meine Hände über seine Brust, ich spürte den rauen Stoff, darunter die Wärme seines Körpers, und hob langsam den Kopf. Was nun? Ich könnte mir auf die Unterlippe beißen. Leicht, lasziv, verführerisch. Oder war das albern? Vielleicht später, dachte ich und entschied mich erst einmal für einen – wie ich vermutete – sinnlichen Augenaufschlag. Bens Blick traf auf meinen, das warme Braun seiner Augen vermischte sich mit meinem Blau. Einen Moment lang hielt ich den Atem an. Die tanzenden Menschen um uns herum stoppten in ihren Bewegungen und die sonst so laute Musik hörte ich nur noch leise im Hintergrund. Sein Blick veränderte sich. Ich glaubte, Neugier darin aufblitzen zu sehen. Doch schon im nächsten Moment war alles vorbei.

»Augen auf. Hab ich dir ja geschrieben«, sagte ich, als ich wieder in der Gegenwart angekommen war, woraufhin er mich fragend ansah. Sollte ich beleidigt sein, weil er mich nicht erkannte? »Tinder. Gerade eben.« Wusste er das echt nicht mehr? Zumindest regte sich nichts in seinem Gesicht. Schon wieder schob sich Scrats Gesicht vor seins.

»Ah, du bist es«, riss er mich aus meinen Gedanken, wirkte aber weiterhin unbeeindruckt. Wie nett.

»Ja, ich bin es. Von eben«, versuchte ich es noch einmal.

»Die mir geschrieben hat, ich solle meine Augen offen halten?«

Fragte er mich das jetzt ernsthaft? Hatte ich doch gerade überdeutlich gesagt. Aber war ja klar, ich war sicher nicht die Einzige, mit der er in den letzten Minuten geschrieben hatte.

»Kann sein«, antwortete ich etwas trotzig.

Er musterte mich. »Vielleicht hättest du besser mal deine Augen aufgemacht. Du hast nämlich mein Bier verschüttet …« Ich bewegte mich nicht. Ben zeigte auf die Flasche, die noch immer auf dem Boden lag. »Darf ich die mal aufheben? Oder bist du noch beschäftigt?« Seine Worte klangen leicht verärgert.

»Mit was?«

»Mit tatschen?«

Noch immer lag meine Hand auf seiner Brust – einer äußert gut gebauten Brust, wie ich zugeben musste. »Ähm, erstens, ich tatsche nicht, und zweitens, ja, meinetwegen. Aber ist eh leer, oder?«, erwiderte ich unbeeindruckt.

Er hob eine Augenbraue. »Wahrscheinlich.« Ich musste endlich meine Hand da wegnehmen. Unangenehm.

»Darf ich dann jetzt oder was hast du hier vor?« Sein Tonfall wirkte inzwischen nicht mehr nur verärgert, sondern auch ziemlich genervt.

Eilig trat ich zurück, während er nach unten zu der Flasche vor seinen Füßen blickte.

»Ja, ich weiß, ich bin so tollpatschig, ich sollte besser aufpassen. Also, bevor du jetzt gleich loslegst und den Arroganten spielst: Sorry, ehrlich. Wobei … Bei den Muskeln müsstest du eine Flasche doch eigentlich halten können, streng genommen war es also nicht meine Schuld.« Die letzten beiden Sätze waren mir einfach so herausgerutscht. Ups. Der Aperol.

Er wandte mir wieder das Gesicht zu. »Was?« Ich begann, mir das Gehirn zu zermartern. Hätte ich mich doch lieber weiter entschuldigen sollen? Was hatte ich da noch mal gelesen? Wenn ich ihn um den Finger wickeln wollte, musste ich das schüchterne Mädchen von nebenan spielen. Schüchtern war schließlich mein zweiter – oder eher dritter – Vorname.

»Ähm, ja, sorry.« Ich beschloss, nun die Lippen ins Spiel zu bringen. Ich biss verführerisch – wie ich glaubte – auf meiner Unterlippe herum und stammelte verlegen: »Sorry, echt. Und deine Muskeln sind super, so richtig … hart.« Ich kniff in seinen Arm.

Auf einmal begann er, mich vom Kopf bis zur Taille zu mustern. Es war so weit, Jackpot! Er hatte angebissen. Schnell zupfte ich erneut an meinem Shirt und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

»Riesengroßes Sorry.«

»Schon gut, ist ja nur ’ne Flasche Bier.«

Ich nickte. Ich verstand sowieso nicht, warum bei einem Zusammenstoß immer so ein Drama veranstaltet wurde.

»Eben«, rutschte es mir da auch schon heraus.

Er hob eine Augenbraue. »Trotzdem war das nicht so cool.« Fassung wahren, Lina.

»Ja, total uncool. Was können wir denn da jetzt machen?«

Ben runzelte die Stirn. »Wie meinst du das?« Moment, wie war noch mal der Plan? Ihn anrempeln, abchecken, Sorry sagen, nett sein. Auf alle Fälle seine Aufmerksamkeit erregen.

»Na ja, wir könnten zusammen ein Bier trinken. So als Entschuldigung«, versuchte ich es.

»Nee, schon okay.« Wie bitte? Etwas perplex schaute ich ihn an.

Er ging in die Knie, um die Flasche aufzuheben. Ich beugte mich ebenfalls hinunter – etwas zu schnell für diesen Abend – und geriet ins Wanken. Rasch hielt ich mich an ihm fest. Oh, oh, der Aperol. Zugegeben, ich hatte leichte Koordinationsschwierigkeiten.

Als ich mich wieder aufgerichtet hatte, versuchte ich es erneut: »Ich mache dir einen Vorschlag: Ich gebe dir ein Bier aus, so kriegst du dein Getränk wieder und ich kann mein schlechtes Gewissen etwas beruhigen.« Ben sah einen Moment lang zu mir hoch und wirkte dabei, als könnte er sich nicht entscheiden, doch dann schüttelte er den Kopf. »Ist schon okay. Ich hol mir später eins.« Er winkte ab und erhob sich wieder. »Pass einfach das nächste Mal besser auf.« Eine bessere Steilvorlage gab es ja wohl nicht. Ein Satz, wie er in einem Buch oder Film nicht typischer vorkommen könnte. Ich musste mich bremsen.

»Pfff«, kam es mir dennoch über die Lippen.

»Was?«

»Nichts.« Besser schnell wieder verletzlich wirken. Ich sollte meine große Klappe echt in den Griff kriegen. »Nichts, wirklich. Ganz im Ernst: Tut mir sehr leid mit deinem Bier. Echt. Ich wollte nicht dein Getränk verschütten. Also sorry.« Ich versuchte es mit einem unschuldigen Augenaufschlag. »Ich weiß, ich sollte besser aufpassen. Du hast ja so recht.«

Ben verschränkte die Arme vor der Brust. »Veräppelst du mich gerade?« Mist. War das zu auffällig gewesen? Er sagte nun gar nichts mehr, sondern nickte nur. In meinem Kopf ließ ich noch einmal Stufe eins Revue passieren. War ich zu nett gewesen? Oder nicht nett genug? Sollte er sich nicht noch mehr aufregen? Was könnte ich nun sagen?

»Und jetzt?«, fragte ich also etwas zögerlich.

»Was jetzt? Nichts.« Er klang immer genervter.

»Bist du echt beleidigt? Ich hab doch Sorry gesagt und das, obwohl es nicht mal meine Schuld war. So war das doch gar nicht geplant.«

Er zog die Stirn kraus, doch dann breitete sich langsam ein Grinsen auf seinem Gesicht aus. »Ich sag doch, nichts. Alles gut.« Warum grinste er denn jetzt? »Du wolltest also zu mir? Hast mich erst auf Tinder entdeckt, dann hier. Rempelst mich mit Absicht an. Und jetzt … willst du verrückten Small Talk?« Mit Absicht? Verrückter Small Talk?

Sein Grinsen wich einem durchdringenden Blick. Perfekt! Er fand mich also interessant. Oder verrückt, wie auch immer. Jedenfalls schien er irgendetwas an mir zu finden. Hauptsache Aufmerksamkeit. So lief es doch bei den Stars auch. Alles für den Fame. Und bei mir alles für die Challenge. Wuhu! Hatte ich gerade ernsthaft Wuhu! in meinem Kopf gerufen? Wie peinlich. Nie mehr Aperol.

Mit einem Mal rückte er ein Stück näher an mich heran und sofort strömte mir sein Duft in die Nase. Herb und unheimlich gut. »Also, trinken wir jetzt was zusammen? Du willst es ja anscheinend unbedingt. Mir ein Bier ausgeben oder so.« Für einen kurzen Moment hatte er mich aus dem Konzept gebracht, doch ich wusste, dass es funktionieren würde. Cool bleiben, Lina.

Ich zog eine Augenbraue nach oben. »Will ich das?«

»Kommt so rüber«, meinte er. Dabei lag sein Blick noch immer intensiv auf mir.

»Klar denkst du das jetzt, klappt auch sonst sicher immer gut. Mit deinen Muskeln, der verwegenen Lederjacke und der geheimnisvollen Narbe an deiner Wange.«

»Offensichtlich hat es gereicht, um dich auf einer Dating-App anzufixen«, konterte er. »Sogar mit Superlike.« Ich schmunzelte in mich hinein. Der war gut.

»Na ja«, begann ich und biss mir auf die Unterlippe. Immer wieder zog ich leicht mit den Zähnen daran. Das machte ihn sicherlich wild.

»Na ja was?«

»Na ja, da könntest du recht haben.«

Einen Moment lang sah er mich noch an, bevor er die Hand hob und sie mir reichte. »Lina also?«

»Jap, Lina.« Ich legte meine Hand in seine und spürte ein sanftes Kribbeln an den Stellen, an denen sich unsere Hände berührten.

»Nur mal ’ne Frage am Rande. Ist alles okay, Lina? Hast du irgendwie was genommen?«

Ruckartig zog ich meine Hand zurück. »Was? Wieso?«

»Du redest so wirr. Willst ein Bier mit mir trinken, dann wieder nicht. Und jetzt starrst du mich an. Und was ist das überhaupt die ganze Zeit mit deiner Lippe?«

»Warum? Was soll damit sein?«

»Du kaust dauernd darauf rum. Ist das eine Art Tick oder so was?« Fragend hob Ben eine Augenbraue.

»Soll das witzig sein? Also wirklich, das … das … verletzt mich jetzt schon.« Ich versuchte, verletzt zu wirken, woraufhin er schnell einen Schritt zurücktrat. Ich setzte noch einen drauf: »Was, wenn ich wirklich ’nen Tick hätte? Also einen krankhaften? Echt jetzt. Schon mal was von Diskriminierung gehört?«

Er runzelte die Stirn. »Hast du denn einen? Also, außer den mit der Lippe und den Koordinationsschwierigkeiten.«

»Nicht witzig!«

»Irgendwie schon.« Ein kleines Grinsen huschte über sein Gesicht.

»Ich sag ja nur. Hättest mich ja total treffen können mit dieser Aussage«, entgegnete ich schmollend.

»Okay, ich glaub, du brauchst ’ne Pause.« Ben machte Anstalten, sich abzuwenden. »Ich geh dann mal.« Echt jetzt? Er ließ mich einfach stehen? Mist, so sollte das aber nicht laufen.

Schnell hielt ich ihn zurück. »Warte! Na gut, ich … ich …versuche nur, sexy zu sein.«

Er stoppte und sah mich an. Sein Blick verriet mir, dass er mit dieser Antwort nicht gerechnet hatte. »Du findest es also sexy, wenn du gegen jemanden stößt, wirres Zeug redest, auf der Lippe herumkaust und ihn unbeholfen antatschst?« Als wäre es genau so abgelaufen …

»Ich tatsche dich an?« Ich ging einen Schritt auf ihn zu.

»Ganz richtig, das hast du vorhin getan.« Ben rückte nach. Ganz dicht standen wir plötzlich voreinander.

»Das wünschst du dir vielleicht«, erwiderte ich und tippte dabei mit dem Zeigefinger gegen seine Brust.

Er blickte auf meine Hand, die ich sofort wieder wegzog. »Das ist nicht tatschen«, berichtigte ich ihn, »ich hab dich nur angestupst.«

»Ah, entschuldige. Du willst mich also anstupsen und sexy schauen. Wenn es dir hilft … bei was auch immer. Also, bis dann.« Er hob nun wieder die Hand, diesmal zum Abschied. Was sollte ich jetzt tun? Wenn er mich für verschroben hielt, wäre die gesamte Challenge zum Scheitern verurteilt. Ich blickte mich nach Emma und Kati um, deren Gesichter mir verrieten, dass sie das Gleiche dachten wie ich.

»Sorry, ich bin einfach nervös«, gab ich kleinlaut zu und suchte seinen Blick. Das war nicht mal gelogen. Die ganze Sache war doch etwas verrückt geworden und lief in eine völlig verkehrte Richtung. Ich steckte fest. Wenn Nettsein nicht funktionierte, musste ich mir wohl etwas anderes überlegen. Und außerdem: Wenn jemand ging, dann ich. Also probierte ich es auf die toughe Schiene: »Na ja, ich hab’s versucht, trotzdem sorry noch mal! Man sieht sich.« Mit diesen Worten wandte ich mich ab und ließ ihn stehen. Hinter mir hörte ich ihn irgendetwas murmeln, drehte mich aber nicht mehr zu ihm um.

Nach ein paar Schritten siegte jedoch die Neugier in mir. Ich blieb kurz stehen und warf einen Blick über die Schulter zurück. Mein Blick traf seinen. Wuhu, doch nicht alles verloren! Ich musste unbedingt mit diesem Wuhu aufhören. In diesem Augenblick schüttelte er grinsend den Kopf. Mist, sah doch nicht so gut aus. Noho.

»Und?«, fragte Emma, als ich wieder bei ihr und Kati am Tresen saß. »Sah ja … interessant aus. Stufe eins erfolgreich absolviert?« Sie veräppelte mich, eindeutig.

»Die Antennen sind aktiviert, der Bad Boy hat mich auf dem Schirm. Check!«, antwortete ich siegessicher, obwohl ich in diesem Moment alles andere als überzeugt davon war.

Kati lachte. »Wirklich? Wirkte eher etwas … na ja, cringy.«

»Gut, okay, es war die totale Katastrophe«, gab ich schließlich stöhnend zu. »Zumindest habe ich aber seine Aufmerksamkeit erregt … Und wenn es der nicht sein soll, dann gibt es noch so viele andere Bad Boys auf Tinder und überall auf der Welt«, redete ich mir selbst Mut zu.

Das war es doch, was ein Genie auszeichnete: nicht gleich beim ersten Versuch aufzugeben. Und wer wusste es schon, vielleicht klappte es ja doch noch.


»Von deiner Aufmerksamkeit ist anscheinend nicht viel übrig geblieben«, meinte Emma zerknirscht, nachdem etwa eine halbe Stunde vergangen war. Sie deutete mit dem Kopf hinüber zu Ben, der nun am Rand der Tanzfläche stand. Doch er war nicht allein. Er unterhielt sich angeregt mit einer jungen Frau mit kurzen dunklen Haaren, durch die sie sich immer wieder strich. Sie stand also auf ihn.

Okay. Auch nicht untypisch. Schließlich befanden wir uns in einem Club. Und ein Bad Boy wie er war auf Beutefang. »Glaubt mir, alles Taktik. Ich bin sicher nicht die Einzige, um die die Spinne ihr Netz gewoben hat. Ich muss mich nur wieder in sein Gedächtnis rufen.« Insgeheim fragte ich mich allerdings, ob er vielleicht wirklich keinen Gedanken mehr an mich verschwendete. Unsere Begegnung war ja auch echt weird gewesen. Eine ganze Weile blickte ich in seine Richtung, bis auch er den Kopf hob und direkt zu mir herübersah. Unsere Blicke trafen sich, doch er wirkte nicht allzu begeistert. Hatte er gerade etwa mit den Augen gerollt?

»Stellen wir uns etwas näher an ihn heran«, schlug ich vor, denn so etwas würde ich mir mit Sicherheit nicht gefallen lassen. Mein Ehrgeiz war geweckt. Und so suchten wir uns einen Platz in seiner Nähe. Zu dritt quetschten wir uns auf eine der Schaukeln, die vor der Bar hingen.

Der Club war bekannt für seine Schaukeln, für lockere Gespräche, gute Musik – dafür, in seiner Atmosphäre dem Alltag entfliehen zu können. Doch heute gelang mir das nicht sonderlich gut. Immer wieder schaute ich zu Ben, aber er schien mich gar nicht mehr zu registrieren. Oder gekonnt zu ignorieren. Was nun?

»Wirkt nicht so, als ob er angebissen hätte«, stellte Emma nach einer Weile fest.

Kati sah es ähnlich: »Außerdem solltest du nicht andauernd zu ihm rüberstarren, das wirkt abschreckend. Lasst uns lieber gehen. Es war ein lustiger Abend, aber ich denke, es reicht für heute. Die Idee war witzig, aber nicht jede Idee kann funktionieren. Außerdem ist es schon spät.« Ich musste zugeben, dass sie recht hatte. Aber ich wollte nicht, dass sie recht hatte. Das konnte es doch nicht gewesen sein.

Mir war gar nicht aufgefallen, dass ich schon wieder in Bens Richtung starrte, bis er auf einmal aufblickte und erneut mit den Augen rollte. Was zur Hölle?

»Wisst ihr was? Wir gehen, jetzt sofort«, sagte ich energisch, stand auf und machte mich auf den Weg in Richtung Ausgang, ohne eine Antwort von meinen Freundinnen abzuwarten. Ich war gekränkt, beleidigt, vielleicht auch ein bisschen beschwipst. Das hatte ich mir wirklich anders vorgestellt. Bevor ich durch die Tür trat, hielt ich inne.

»Ach, mach dir nichts draus, Lina«, versuchte mich Emma aufzuheitern, als sie neben mir zum Stehen kam. »Das Ganze war doch sowieso nur Spaß.« Trotzdem störte mich das alles gewaltig, denn meine Theorie stimmte. Das Prinzip funktionierte. Ganz sicher. Mir fehlte nur der richtige Dreh.

»Ich muss noch eben auf die Toilette«, sagte Kati, nachdem sie bei uns angekommen war.

Ich nickte. »Ich geh mit. Emma, du auch?«

»Nein, nein. Aber geht ruhig. Gebt mir eure Marken, dann hole ich schon mal die Jacken«, schlug sie vor.

Genau wie Kati kramte ich in meiner Tasche, um die Garderobenmarke herauszufischen und sie Emma zu reichen. Während sie sich in Richtung Garderobe davonmachte, eilten Kati und ich zu den Toiletten. Als ich fertig war, war von Kati noch nichts zu sehen, also ging ich hinaus auf den Gang und zog mein Handy aus der Tasche. Eine Nachricht von Nika, die wissen wollte, ob wir gleich noch mal telefonieren konnten. Ob was mit Alex passiert war?

Gerade als ich ihr antworten wollte, entdeckte ich Ben. Die Dunkelhaarige war noch immer bei ihm, sogar ziemlich nah bei ihm, und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Sie stand ganz eindeutig auf ihn. Einen Moment lang beobachtete ich die beiden. Wie er sie ansah, wie sie sich durchs Haar strich und dabei in seinen Augen versank … Er würde sie heute sicherlich noch klarmachen.

»Gehen wir?« Kati tauchte neben mir auf.

Und auch Emma stand mit einem Mal direkt vor uns. »Ging voll schnell, ich glaub, ich geh doch noch mal.« Sie reichte uns unsere Jacken und lief auf die Toiletten zu.

Erneut streifte mein Blick Ben. Nein, Lina, sagte ich mir, heute macht es sowieso keinen Sinn mehr. Etwas nervös zupfte ich an meinem Shirt und wollte mich gerade abwenden, als Ben von dem Mädchen zurücktrat und unerwartet auf mich zukam. Mist, hatte ich ihn etwa zu lange angestarrt?

»Er kommt«, raunte Kati mir überflüssigerweise zu.

Keine Sekunde später stand er vor uns. »Sag mal, stalkst du mich?«

Ich zuckte zusammen. »Was?«

»Na ja, du bist schon den ganzen Abend immer da, wo ich bin, oder starrst zu mir rüber.«

Ich stemmte die Hände in die Hüften. »Ach ja? Ich kann ja wohl hinsehen und hingehen, wo ich will. Ich würde mal sagen, du bist eher immer da, wo ich bin.« Gut gekontert. Wobei … Wieso verhielt ich mich gerade selbst wie ein Bad Boy? Ich kam mir vor, als hätten wir die Rollen getauscht.

Jetzt lächelte er. Wieso lächelte er denn auf einmal? Der Kerl machte mich verrückt. Ich sah zu Kati, doch sie hatte sich ein paar Schritte entfernt und blickte in Richtung Toilette. Dann war ich wohl auf mich allein gestellt.

»Pass auf, wenn du ein Date willst oder … keine Ahnung, was auch immer du von mir willst, ein Bier trinken oder so, sag es doch einfach. Vielleicht überleg ich es mir noch mal.« Er zwinkerte mir zu und ich rollte mit den Augen. »Aber starr nicht dauernd zu uns rüber, Anni ist das auch aufgefallen. Echt jetzt«, er fuhr sich durch die Haare, »das ist total unheimlich.« Der hatte sie ja wohl nicht mehr alle.

»Pass du mal auf! Nimm dich bloß nicht wichtiger, als du bist. Als ob ich dich anstarre oder sie oder wen auch immer.« Nun verschränkte ich die Arme vor der Brust.

»Ach, komm schon. Eifersüchtig?« Wieder blitzte diese Neugier in seinen Augen auf.

Ich lachte auf. »Eifersüchtig? Auf was denn? Dass sie mit dir vor dem Klo rumsteht? Wow, ich kann mir nichts Schöneres vorstellen.«

Als er auf meine Antwort hin grinste, wurde mir klar: Er hatte mich tatsächlich irgendwie abblitzen lassen. Ich wollte etwas entgegnen, aber in diesem Augenblick kam Anni von der Toilette zurück und sah sich suchend um. Als sie Ben bei mir entdeckte, zog sie ein Gesicht, das klar und deutlich zeigte, dass es ihr nicht passte.

»Also, letzte Chance: Was willst du von mir?«, fragte Ben mich nun. »Was soll das Theater?«

»Nichts. Wie gesagt …«

»Lügnerin.«

Damit hatte ich nicht gerechnet. »Wie bitte?«, fragte ich überrascht und sah dabei sicher selbst aus wie Scrat.

»Du hast mich schon verstanden. Wenn du wirklich nichts von mir willst, dann geh mir auch nicht auf die Nerven, okay?« Mit diesen Worten wandte er sich ab, ging zu seiner Begleitung hinüber und lächelte sie an.

Ich sollte ihm nicht auf die Nerven gehen? »Was bildet der sich ein?«, presste ich hervor, als Emma und Kati sich zu mir gesellten.

»Ist doch egal mit der Challenge. Komm, lass uns jetzt gehen. Wir hatten genug Spaß heute Abend«, sagte Emma und Kati nickte zustimmend. »Es war ein Spiel, mehr nicht. Wir sind fertig für heute.« Die beiden hatten gut reden. Von wegen Spaß.

»Ich geh ihm auf die Nerven? Der spinnt wohl. Der ist echt schlimmer, als ich dachte«, schnaubte ich.

»Ein Bad Boy eben«, meinte Kati, »die ticken, wie sie wollen. Und nicht nach Plan, selbst wenn du das behauptest.«

Ich atmete tief durch. So einfach würde ich ihn sicherlich nicht davonkommen lassen. »Wartet. Dem versau ich die Tour.« Fest entschlossen drückte ich den Rücken durch.

»Was?«, rief Emma erschrocken.

»Ja, Challenge hin oder her. Das kann ich doch so nicht stehen lassen. Echt jetzt, die arme Anni! Er wird sie heute abschleppen und dann abservieren. Das geht nicht.«

Kati sah mich ernst an. »Lina, du hattest etwas zu viel Aperol. Lass es. Komm, wir gehen.«

Ich sah die beiden eindringlich an. »Nein, ich muss das jetzt machen.«

»Was hast du vor?«, hakte Emma nach.

»Ganz einfach.« Ich hatte mich bereits umgedreht. »Ich rette sie.« Zielbewusst wühlte ich mich durch die Menge, lief direkt auf die beiden zu und tippte Ben energisch auf die Schulter.

Als er mir sein Gesicht zuwandte, konnte ich tausend Fragezeichen darin erkennen. »Was gibt’s denn noch?«

»Bin gleich weg«, erwiderte ich. »Nur kurz, sorry, aber du solltest dich echt nicht für unwiderstehlich halten. Und«, ich sah zu Anni, »weißt du, er und ich haben eben noch getindert. Ich mein’s nur gut mit dir. Er ist ein Herzensbrecher, ein Frauenheld, ein Aufreißer. Lass lieber die Finger von ihm. Er hat jede Nacht ’ne andere und du hast nichts davon außer ein paar Minuten Spaß. Falls es überhaupt Spaß bringt, dafür aber jede Menge Herzschmerz.«

Anni starrte mich fragend an, dann glitt ihr Blick zu Ben, der sofort die Hände hob. »Sie ist nicht ganz normal!«, rief er. »Sie verfolgt mich schon den ganzen Abend. Ich hab keine Ahnung, was mit ihr los ist, nur, dass sie offensichtlich ein Glas zu viel hatte.« Er schaute mich ernst an. »Und glaub mir, mit mir hat man länger Spaß als nur ein paar Minuten.«

Ich lachte auf. »Das sagen sie alle. Glaub ihm kein Wort, Anni. Er verfolgt mich schon den ganzen Abend. So sieht die Sache nämlich aus.«

Ben warf mir einen bösen Blick zu. »Wie bitte? Du bist doch in mich reingelaufen und hast dieses wirre Zeug geredet, auf der Lippe rumgekaut und konntest nicht aufhören, mich anzutatschen.« Ja, da hatte er recht, aber das war nicht der Punkt.

»Okay, keine Ahnung, was das hier ist. Aber mir wird’s etwas zu strange«, sagte Anni, winkte ab und ließ uns ohne ein weiteres Wort stehen.

»Oooh, dumm gelaufen für dich. Ich muss auch los. Schönen Abend noch!« Ich grinste Ben an. »Und keine Sorge, ich lass dich ab jetzt ganz sicher in Ruhe.« Schnell wandte ich mich ab und gab Emma und Kati ein Zeichen, mir zu folgen. Nichts wie raus aus dem Club.

Draußen vor der Tür sah ich mich nach einem Taxi um und entdeckte glücklicherweise auf Anhieb ein freies. Erst jetzt bemerkte ich, dass mein Puls raste.

»Das war so lustig«, Emma hielt sich den Bauch. »Wie er geschaut hat.«

»Ja, wie ein besoffenes Eichhörnchen«, Kati kicherte. Wieder schob sich Scrat in meine Gedanken.

»Total, er war megaperplex!«, stimmte ich ihnen lachend zu. »Aber jetzt nichts wie weg. Ich glaube, er ist ein bisschen sauer und taucht womöglich gleich noch hier auf.« Ich deutete auf das Taxi. »Nehmen wir das?« Ohne eine Antwort abzuwarten, lief ich los. Am Auto angekommen, öffnete ich die Beifahrertür. »Können wir mitfahren?«

Der Mann hinter dem Steuer nickte. »Klar, einfach einsteigen, die Damen. Seid ihr auf der Flucht?« Er lachte, während Emma und Kati auf den Rücksitz huschten und ich mich schnell hinterherquetschte. Nachdem wir unsere Adressen genannt hatten, ließ ich mich tiefer in den Sitz sinken. Mein Herz klopfte noch immer heftig. Schon allein, wenn ich an Bens Blick dachte. Ich hatte es echt durchgezogen!

»Was für ein lustiger Zufall«, durchbrach Kati meine Gedanken. Doch ich glaubte nicht an Zufälle, vor allem nicht an solche, die durch Voreinstellungen auf Dating-Apps passierten.

»Ja, total«, pflichtete Emma ihr bei. »Ich meine, okay, als ob man so was durchziehen und belegen könnte, aber es war witzig, vor allem, wie du gegen ihn gestolpert bist. Das konnte ja nichts werden. Wie du dabei ausgesehen hast! Aber immerhin: Gelegenheit genutzt, würde ich sagen.« Sie kicherte.

Ich saß da und dachte nach. Ja, ich hatte die Gelegenheit genutzt. Aber … die beiden glaubten mir noch immer nicht, was die Theorie anging. Und obwohl die Challenge als Spiel begonnen hatte, war inzwischen mein Ehrgeiz geweckt. »Das wird schon noch werden«, entgegnete ich und sah Emma und Kati an. »Alles Taktik, Mädels, alles läuft.«

Sie lachten. »Jaja. Sorry, aber das ist ja wohl mal so was von schiefgelaufen. Ich glaub leider, das Eichhörnchen ist aus dem Sack.«

Ich grinste. Sollten sie ruhig glauben, was sie wollten. Genauso wie meine Schwestern. Doch eines wusste ich: Gelegenheiten kamen selten allein. Und ich würde meine bei Ben auf jeden Fall nutzen. Das Spiel war noch nicht vorbei.

KAPITEL 3


Als Emma und ich die Tür zu unserer kleinen Altbauwohnung öffneten, atmete ich einmal tief durch. In der kurzen Zeit, in der wir nun hier wohnten, hatten wir es uns schon sehr gemütlich gemacht. Ein flauschiger weißer Teppich im Flur, Fotos an der Wand, Blumen und Pampasgras in den Ecken. Wir hatten allem einen Touch von Boho verliehen und ich liebte es.

Als ich gerade aus der Jacke geschlüpft war und sie an der Garderobe aufhängen wollte, machte sich mein Handy bemerkbar.

»Wer ist das?«, fragte Emma und streckte sich. Sie hatte bereits alles verstaut und ging auf den goldgerahmten Standspiegel zu, den wir uns gemeinsam zugelegt hatten. Ich liebte diesen Spiegel. Er war so einfach, aber gerade das machte ihn besonders und zu einem absoluten Eyecatcher in unserem Eingangsbereich.

»Kati vielleicht?«, überlegte Emma. »Sie könnte was vergessen haben.« Wir hatten Kati vor knapp zehn Minuten vor ihrer Wohnung abgesetzt und es wäre nichts Neues, wenn sie mal wieder irgendwas im Auto oder in unseren Handtaschen vergessen hätte. Aber ich war mir sicher, diesmal war sie es nicht.

»Das muss Nika sein«, entgegnete ich. »Sie hat vorhin schon geschrieben, ob sie sich melden könne. Hab das voll verpeilt.« Ich fischte das Handy aus meiner Tasche. »Ja, sie ist es. Bestimmt geht es um Alex. Oh Mann, ich hab es ja gesagt, sicher gibt es ein Drama«, seufzte ich.

»Wer weiß, vielleicht ist das mit Alex ja auch ganz und gar kein Drama«, meinte Emma.

»Kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Aber ich halte dich auf dem Laufenden. Und wette, es ist ein Drama.« Ich hielt ihr die Hand hin.

»Mach das. Ich geh schlafen, bin total müde. Aber ich wette dagegen!« Gähnend schlug sie ein.

»Schlaf schön, okay? Aber dass du mir ja nicht von irgendwelchen heißen Kerlen träumst. Wenn was ist, gib Bescheid, ich rette dich!«, versicherte ich ihr augenzwinkernd.

Sie grinste. »Ich lass es dich wissen.«

»Gut. Ich flitze noch schnell ins Bad und …«

Mit einem Mal blitzten Emmas Augen auf. »Das war echt abgefahren. Aber auch richtig lustig. Auf so einen Blödsinn kommen wirklich nur wir.« Sie gab mir einen kleinen Kuss auf die Wange. Dann wandte sie sich ab, und gerade als sie hinter der Tür am Ende des Flurs verschwand, klingelte mein Handy erneut. Das Bad musste wohl warten. Ich ging in mein Zimmer und nahm das Gespräch an.

»Lina, bist du noch wach?«, hörte ich meine kleine Schwester am anderen Ende der Leitung flüstern. In meinem Zimmer war es dunkel. Licht, ich brauchte Licht. Und ich wollte schleunigst raus aus den Klamotten, die ein wenig unter der Bierdusche gelitten hatten. Ich drückte auf den Schalter neben der Tür und schlüpfte unbeholfen aus der engen Hose. Oh Gott, ich war echt nicht mehr fit.

»Nein, ich schlafwandele nur«, antwortete ich matt und versuchte, nun auch noch mein Shirt auszuziehen. Irgendwie, ich wusste selbst nicht wie, gelang es mir und ich machte mich daran, in meinem Kleiderschrank nach etwas Schlaftauglichem zu suchen.

»Haha, sehr witzig. Bist du schon daheim?«, wollte Nika wissen.

»Ja, gerade zur Tür reingestolpert!« Ich klemmte mir das Handy zwischen Ohr und Schulter und wühlte in der obersten Schublade.

»Warst du bis jetzt im Club?«

»Haben morgen nur eine Vorlesung, was gibt’s?«, fragte ich. »Alles okay? Warum flüsterst du überhaupt?«, fügte ich hinzu.

Sie seufzte. »Ja, alles so was von okay. Ich … ich bin bei Alex. Also, in seinem Badezimmer.«

Nachdem ich ganz unten in der Schublade ein altes Bandshirt meines Papas gefunden hatte, zog ich es über und ließ mich aufs Bett fallen. »Was machst du denn im Badezimmer von Alex?«

»Na ja, mich hat das mit deinem Prinzip einfach nicht losgelassen und ich sag dir, ich war wirklich achtsam, ähm, wachsam. Aber ich muss dir auch sagen: Alex ist anders, denn sonst wäre ich ja jetzt nicht in seinem Badezimmer.«

»Ich versteh immer noch nur Bahnhof. Warum ist er anders, weil du im Badezimmer sitzt? Ist Badezimmer ein Codewort für irgendwas?«

Sie kicherte. »Na gut, nein, ja, also die Sache ist so: Wir hatten Sex, und zwar echt guten Sex, und …« Hatte ich es doch gewusst.

»Und?«, hakte ich nach.

»Ich bin noch bei ihm, heißt also, er hat mich nicht rausgeworfen. Und ich schlafe sogar bei ihm. Was ja ein gutes Zeichen ist.« In ihrer Stimme schwang Stolz mit.

»Du schläfst in seinem Badezimmer? Das finde ich jetzt nicht so ein gutes Zeichen«, erwiderte ich irritiert.

»Unsinn.« Sie lachte.

»Aber was machst du dann da? Warum schläfst du nicht, sondern sitzt flüsternd in seinem Badezimmer?«, versuchte ich es noch einmal und kuschelte mich unter die Decke.

»Weil ich dir davon berichten wollte, Schwesterherz. Um dir klarzumachen, dass dein Prinzip nicht greift.« Sie machte eine kurze Pause. »Nur bei ein paar kleinen Details hattest du vielleicht recht.« Ich lag also richtig.

»Okay, und wobei? Lass mich raten: Er war wirklich mit dir an seinem Lieblingsplatz?«

Sie räusperte sich. »Wenn du es genau wissen willst, ja. Wir sind zu einem See gefahren und … Ach, es war so romantisch. Irgendwie wirkte er nachdenklich und war doch ganz bei mir. Und dann … Hattest du schon mal so ein heftiges Gefühl, wenn du mit jemandem, also … du weißt schon was. Er hat sich mir geöffnet und anvertraut. So leicht hatte er es nicht im Leben. Er hat immer viel zu wenig Taschengeld bekommen und gute Sneaker sind ja teuer und …« Ich verdrehte die Augen, obwohl ich wusste, dass sie es nicht sehen konnte. Meinte sie das etwa ernst?

»Echt jetzt? Das klingt ja herzzerreißend. Das war also seine dramatische Geschichte? Er konnte sich keine Markenschuhe leisten? Der Arme, ja, ich schätze, davon muss er einen ganz schönen Schaden davongetragen haben.« Offensichtlich.

Sie merkte wohl selbst, was sie da gerade von sich gegeben hatte. »Nein, so meine ich das doch gar nicht. Aber egal! Jedenfalls, als wir zurück waren, haben wir miteinander geschlafen. Er war stürmisch und bestimmend, aber das hat mir so gefallen! Das hätte ich nicht gedacht. Weißt du, was ich meine? So als wäre ich die einzige Frau auf der Welt.«

Ich lachte.

»Lina!«

»Sorry.«

»Also weißt du, was ich meine? Ich habe mich einfach fallen lassen und … keine Ahnung. Das war irgendwie so … so anders, ich hab mich beinahe gefühlt wie in Fifty Shades of Grey, so hat er mich herumgewirbelt und gepackt und …«

»Dich dann ins Badezimmer geschubst?«, fragte ich neckend und Nika seufzte am anderen Ende der Leitung.

»Kannst du mal ernst bleiben?«

Ich rollte mich auf die andere Seite. »Ja, sorry, also er hat dich richtig gepackt. Alex Grey sozusagen.«

Nika kicherte. »Irgendwie schon und … Lina, ich weiß, du bist da skeptisch, aber es war echt Wahnsinn. Ich denke, es geht in eine gute Richtung und laut deiner Theorie müsste er mich ja jetzt abschießen, ich dürfte nicht hier im Bad sitzen, oder? Und bisher ist das nicht passiert.«

»Ich habe ja nicht gesagt, dass er dich direkt danach abserviert. Nur, dass es jetzt so kommen wird. Und versteh mich nicht falsch, ich hoffe so sehr für dich, dass es positiv ausgeht. Aber … ich möchte einfach nicht, dass du verletzt wirst, Nika.«

»Das werde ich nicht, sicher nicht. Ich passe schon auf. Du machst dir einfach zu viele Sorgen um mich.« Nika stoppte. »Ich meine, gut, ein paar Dinge finde ich schon merkwürdig, aber … doch, ich denke, das mit uns kann was werden. Man muss nur geduldig sein, oder? Und das mit den Stufen, ich …«

»Inwiefern merkwürdig? Und wieso geduldig?«, unterbrach ich sie.

»Na ja, in … in Sachen Beziehung eben«, druckste Nika herum.

»Also hattet ihr ein Gespräch, das in diese Richtung ging?«, hakte ich nach.

»Nur angedeutet. Er meinte, dass wir alles langsam angehen und einfach mal sehen sollten, was kommt … ja, dass er gern in den Tag hineinlebt und halt nichts plant. Einfach mal chillen.«

Oh, oh, ein absolutes Alarmsignal. Was sollte ich ihr jetzt sagen? Ich wollte sie nicht unglücklich machen, aber noch weniger wollte ich, dass sie verletzt wurde.

Bevor ich zu Ende denken konnte, fuhr sie schon fort: »Trotzdem, ich bin hier, bei ihm. Alles kommt, wie es kommt, Theorie hin oder her, Stufen, Prinzipien. So ist sie eben, die Liebe …«

»Ja, Liebe ist … bescheuert«, knurrte ich in meine Decke.

»Was? Nein, sie ist toll und unberechenbar, verstehst du? Und weißt du …«

Als sie nicht weitersprach, fragte ich vorsichtig: »Ja?«

»Na ja, ich habe mir Gedanken über dich gemacht. Du, ich … ich hoffe, du lässt dich auch mal darauf ein. Nicht alle Kerle sind gleich. Auch wenn es vielleicht manchmal so wirkt. Auch wenn du, wenn wir es anders erlebt haben, und Papa ist halt …«

»Jaja«, antwortete ich nur. Ich hatte keine Lust, über altes Zeug zu reden. Vergangenes war vergangen. Außerdem fühlte ich mich gerade nicht so, als ob ich es schaffen könnte. Nach dem heutigen Abend war ich nicht mehr imstande, meinen Standpunkt wie sonst mit Pauken und Trompeten zu verteidigen. Auch wenn ich im Auto noch überzeugt und guter Dinge gewesen war, das Gespräch mit Nika hatte mich nachdenklich gestimmt. War ich wirklich zu festgefahren, zu negativ? Aber ich wollte die aufkommenden Zweifel nicht die Überhand gewinnen lassen.

»Also, schlaf jetzt mal gut«, sagte ich stattdessen. »Husch ins Bett mit dir! Das Bad ist sicher kalt.«

Sie lachte. »Okay. Schlaf du auch gut, große Schwester. Morgen ist ein neuer Tag.« Ich hörte ein Küsschen-Geräusch am anderen Ende der Leitung. »Ich hab dich lieb, Lina.«

»Ich dich auch, Nika«, flüsterte ich in den Hörer.

Als wir aufgelegt hatten, drehte ich mich auf den Rücken und starrte eine Weile an die Decke. Liebe. Ich fand sie nervig. Sie hielt einen von wichtigen Dingen ab. Gab es sie überhaupt? Auf alle Fälle nicht dort, wo sie so viele suchten. Das Ganze mit Tinder, all diese Profile – das war doch nicht echt. Um Liebe ging es überhaupt nicht mehr. Sich in irgend so einen Kerl zu verlieben, brachte nichts. Außer Herzschmerz, wenn es nicht klappte.

Mit einem Mal tauchte Bens Gesicht vor meinem inneren Auge auf. Ich griff nach meinem Handy und öffnete Tinder. Doch der Chat mit Ben war verschwunden. Was hatte das zu bedeuten? Hatte er etwa das Match aufgelöst?

Ein merkwürdiges Gefühl breitete sich in meiner Magengegend aus. Ich ließ den Abend noch einmal in meinem Kopf Revue passieren. Der letzte Aperol war wohl einer zu viel gewesen und die Taktik nicht vollständig durchdacht. Am Ende hatte ich ihm auch ganz schön was an den Kopf geknallt. Aber es war doch nur die Wahrheit! Die aber nicht sonderlich nett und für die Challenge auch nicht gerade förderlich gewesen war. Ich hätte das alles anders einfädeln sollen. An sich war die Idee gut, aber vorhin hatte ich sie echt mies umgesetzt …

Wie auch immer, heute würde ich sowieso keine Lösung mehr finden. In diesem Augenblick hörte ich die Badezimmertür. Emma war fertig. Jetzt würde auch ich mich bettfertig machen. Gesicht waschen, Zähne putzen und dann schlafen.

Während ich unter der Bettdecke hervorschlüpfte, dachte ich an Nika. Ja, morgen war ein neuer Tag. Und irgendwas würde mir schon einfallen.

Stufe 1

Er hat dich entdeckt. Sein Blick ist dunkel, geheimnisvoll, anziehend. Er hat eine Lederjacke und nur Augen für … dich. Unsinn. Er hat nur Augen für sich.

Der Bad Boy findet sich selbst absolut attraktiv, obwohl er gar nicht so heiß ist. Natürlich findest du ihn heiß, aber das hat einen Grund: sein Auftreten. Du fragst dich, ob er diesen Blick geübt hat? Ja, das hat er!

Schon bei der ersten Begegnung wirst du dich von ihm angezogen fühlen. Er mustert dich von oben bis unten, denn er will sehen, ob du eines der Mädchen bist, das die Alarmsignale übersieht, sie sogar anziehend findet. Den Blick, die Arroganz, die abweisende Haltung. Doch selbst wenn du denkst, er checkt dich ab – das tut er nur, um herauszufinden, ob du ein potenzielles Opfer bist. Das Zusammentreffen wird ganz zufällig sein, vermutlich ein ungeschicktes Anrempeln: Hey, wieso rennst du in mich rein? Wie kannst du mich übersehen? Pass mal besser auf. Du fühlst dich schlecht, aber so ticken diese Aufreißer, denn sie glauben, der Nabel der Welt zu sein. Und durch deine Reaktion bestätigst du ihn noch darin. Du wirst dich entschuldigen, ihm einen Drink spendieren wollen. Unterbewusst sendest du dabei die typischen Oh-mein-Gott-der-Kerl-ist-heiß-und-geheimnisvoll!-Signale aus.

Und zack, hat er in dir sein nächstes Opfer gefunden. Wenn du jetzt nicht aufpasst, tappst du direkt in seine Falle. Lauf lieber weg, bevor es zu spät ist!

KAPITEL 4


»Kaffee?« Emma hielt mir eine Tasse entgegen. Mein Kopf pochte. Das war schon so gewesen, als ich kurz zuvor die Augen geöffnet hatte. Die Erinnerung an den gestrigen Abend hatte es nicht besser gemacht. Mist. Ja, ein Riesenmist. Plötzlich waren all die Bilder in meinen Kopf geschossen. Der Aperol. Die Typen auf Tinder, die Idee mit der Challenge. Ben. Mein Verhalten. Wieder Ben. Ich fühlte mich mies.

»Oh ja, bitte!« Seufzend griff ich nach der Tasse.

»Und wenn das nicht hilft, habe ich einen tollen Tipp: Teebeutel auf die Augen. Hab ich heute auch schon gemacht.« Mit dem Zeigefinger deutete sie auf ihr Gesicht.

Ich verzog meins zu einem Grinsen. »Alles gut. Kaffee ist perfekt.« Ich nahm einen Schluck von dem heißen Getränk und atmete tief durch. Mein Blick blieb für einen Moment an einer Postkarte hängen, die hinter Emma am Kühlschrank klebte. New Orleans. Dann setzte ich mich an unseren großen runden Tisch, auf dem bereits die ersten Tulpen in einer Vase blühten. »Der ist echt gut. Mir tut alles weh. Vor allem mein Kopf.«

»Auweia, so schlimm?«

»Geht schon …«, murmelte ich.

»Und, was war gestern noch mit Nika? Drama oder nicht?«, wollte Emma wissen, während sie sich zu mir an den Tisch setzte.

Ich war froh, dass sie damit das Thema wechselte. »Kein Drama. Sie hat nur geschwärmt, wie gut Alex doch im Bett sei und dass sie bei ihm schlafen werde. Sie meinte, ich solle mich doch mal verlieben. Es würde guttun. Und überhaupt sei doch mein Prinzip der totale Unfug. Und das, obwohl Alex gesagt hat, dass er nicht so viel planen und sich Zeit lassen wolle.« Seufzend sah ich sie an. »Ganz ehrlich, da weiß man doch schon, wohin das alles geht. Nika befindet sich kurz vor Stufe sechs, ähm, sieben. Denn Sex hatten sie ja mittlerweile schon.«

»Wette gewonnen!« Emma strahlte übers ganze Gesicht. Doch als sie meinen Blick sah, fügte sie hinzu: »Du meinst also immer noch, er serviert sie bald ab?«

Lange musste ich nicht darüber nachdenken. »Ja, das meine ich, leider. Das ist das Prinzip, weißt du?« Zerknirscht blickte ich zu ihr, bevor ich einen Schluck von meinem Kaffee nahm.

»Na ja, ehrlich gesagt, weiß ich nichts. Es sah jetzt gestern nicht unbedingt danach aus, als ob das mit diesem Prinzip wirklich klappen würde.« Sie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. »Und dieser Ben war echt etwas sauer.«

Ich seufzte noch einmal und verzog das Gesicht. »Hör auf, erinnere mich bloß nicht daran.«

»Warum?«

»Weil ich mich so blamiert habe«, erwiderte ich und warf dabei die Arme in die Luft. »Das mit der Challenge bin ich ganz falsch angegangen. Eine Katastrophe. Stell dir vor, Ben hat sogar das Match aufgelöst.« Ich legte meine Hände wieder um den dampfenden Kaffee.

Emma grinste. »Heißt das etwa, du wolltest das wirklich noch weiter durchziehen?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Irgendwie schon. Nur anders, nicht so verrückt wie gestern. Das war echt daneben.«

»Und mit wem dann?«

»Keine Ahnung. Am liebsten wäre mir schon Ben. Er ist der perfekte Bad Boy, an ihm könnte ich meine Theorie ganz wunderbar beweisen. Aber … kein Plan. Vielleicht sollte ich mich entschuldigen«, überlegte ich laut.

»Ich will dir nicht zu nahe treten, mein Herz, aber ich glaube, der hat mal so was von keine Lust mehr auf dich. Vergiss es einfach. Vergiss das Ganze.«

Ich sah Emma nachdenklich an, ihr Blick wirkte ernst. »Kann alles sein, aber abwarten, man sieht sich schließlich immer zweimal im Leben, richtig?«

Als wir den Kaffee ausgetrunken, uns gewaschen und geschminkt hatten, machten wir uns auf den Weg. Denn heute war Uni angesagt, trotz des etwas zu ausufernden Vorabends. Da unsere Wohnung nicht allzu weit vom Unigelände entfernt lag, brauchten wir zu Fuß nicht länger als eine Viertelstunde. Ich hatte eine Jeansjacke über meine weiße Bluse gezogen, dazu trug ich dunkle Jeans und Boots. Bald würde der Frühling Einzug halten und wir bräuchten keine Jacken mehr, doch jetzt war es noch etwas frisch am Morgen.

Mit meinem leichten Tages-lass-die-gestrige-Nacht-verschwinden-Make-up wirkte ich gegen Emma eher blass. Sie hatte wie so oft ihre Augen groß geschminkt. Der Lidschatten war golden und ihre Lippen schienen voll und überzogen mit Lipgloss.

Sie blickte auf das Display ihres Handys, nachdem es Pling gemacht hatte. »Kati schreibt, wir sind eingeladen. Celine feiert am Wochenende ihren Geburtstag im Hinz und Kunz. Wollen wir hin? Dann fügt sie uns der Gruppe hinzu.«

»Klar, können wir machen. Du weißt, beim Feiern bin ich immer dabei.« Ich zwinkerte, doch spürte noch immer die Müdigkeit.

Emma boxte mir sanft in die Seite. »Jaja«, kicherte sie, weil sie wusste, dass ich innerlich noch immer litt.

Bevor an Feiern zu denken war, mussten wir allerdings unsere Kurse rumkriegen. Ich lief in Richtung Hauptgebäude, wo ich den ersten Stock ansteuerte. Als ich in dem kleinen Vorlesungssaal angekommen war, suchte ich nach einem freien Platz in den hinteren Reihen und ließ mich schließlich auf einen der Klappstühle aus Holz fallen. Professor Brandner stand vor dem großen weißen Board, auf dem bereits ein paar Begriffe zu lesen waren. Früher hatte ich mir Vorlesungen immer vorgestellt wie in amerikanischen College-Filmen: große, überfüllte Hörsäle, in denen es nach Schweiß und Deo roch. Hier roch es nur nach frischer Farbe und altem Holz.

»Dann wollen wir mal«, begann Professor Brandner und tippte gegen das Board. »Sprache im Wandel.« Ich lehnte mich zurück. Dann wollten wir mal.

Im Anschluss an mein Linguistik-Seminar wartete ich vor dem Haupteingang auf Emma. Als ich sie erblickt hatte, lief ich auf sie zu und streckte ihr einen Zettel entgegen. »Was meinst du? Lust?«

Sie griff danach. »Was ist das? Oh, eine Lesung mit anschließender Diskussion zum Thema Zufälle und Schicksalsbegegnungen in Romanen der Neuzeit. Heute im Salon Regina in Gostenhof. Das hört sich zwar verdammt verlockend an … aber nein.« Sie schüttelte den Kopf.

Ich lachte. Ich hatte natürlich schon geahnt, dass Emma keine Lust darauf haben würde, und wollte den Abend sowieso mit meinen Schwestern verbringen. Professor Brandner hatte die Flyer am Ende seines Seminars verteilt, und da ich bei ihm meine Hausarbeit schrieb, war ich quasi indirekt zur Teilnahme gezwungen. Ein bisschen hatte die Beschreibung aber auch mein Interesse geweckt, denn ich glaubte weder an Zufälle noch an Schicksal. Bei Kaia war ich mir sicher, dass sie dabei sein würde. Wenn es um Vorträge jeglicher Art ging, war sie immer am Start. Und bei Nika, na ja, da hatte ich darauf gehofft, sie emotional packen zu können, indem ich ihr sagte, wie schön es wäre, mal wieder etwas zusammen zu machen. Und siehe da, sie hatte zugesagt. Lina, die Schwesternflüsterin.

»Warum? Wird bestimmt total interessant. Oder hast du was anderes vor?«, fragte ich neckend.

Als Emma von dem Zettel in ihrer Hand aufblickte, konnte ich bereits an ihrem Gesicht ablesen, dass sie etwas anderes vorhatte. »Ich liebe es, Zeit mit dir zu verbringen …«

Ich lachte und ihr Blick wurde fragend. »Schon okay, reingelegt. Ich habe Kaia und Nika gefragt. Ich wusste, dass du darauf keine Lust hast.« Ich knuffte sie in die Seite und wir setzten uns in Bewegung.

»So ein Glück! Außerdem treffe ich mich eventuell kurz mit Kati.« Emma gab mir den Zettel zurück. »Sie wollte, dass ich sie mal style, probeweise für ihren nächsten Auftritt sozusagen. Falls du also das lieber machen möchtest …?«

»Nee, ich muss mir das echt anhören.« Nach einer kurzen Pause fügte ich hinzu: »Und ich habe so das Gefühl, der Abend könnte wirklich interessant werden.«


Als ich gegen sieben vor der Regina stand, einer kleinen Bar im Stile der Siebzigerjahre, war schon einiges los. Ich mochte es hier, ihr ganz besonderes Flair machte die Bar zu einem der coolsten und beliebtesten Orte in Nürnberg. Normalerweise kam ich zum Frühstücken vorbei oder auf ein leckeres Stück Kuchen. Heute freute ich mich auf die erste Lesung, die in der außergewöhnlichen Bar stattfand.

Ich war noch alleine und sah mich suchend nach meinen Schwestern um. Nika war die Erste, die um die Ecke bog und mich gleich darauf an sich drückte.

»Na, da bin ich aber mal gespannt, was das wird.« Sie sah sich um. »Wo ist Kaia?«, fragte sie, als diese schon keuchend um die Ecke und schließlich kurz vor uns zum Stehen kam. Sie trug einen schicken grauen Blazer, darunter ein weißes Shirt, lässige Jeans und hatte ihre Haare zu einem Dutt verknotet, während Nika in einem geblümten Kleidchen und Strumpfhosen danebenstand. Ich lächelte, als ich wieder mal bemerkte, wie unterschiedlich wir drei waren – aber wie verbunden im Herzen.

»Da bin ich! Sorry, ich musste noch ein bisschen was machen. Ich sag’s euch, diese App macht mich echt fertig. Aber es macht so Spaß!« Sie pustete sich eine lose Strähne aus der Stirn.

»Welche App?«, wollte ich interessiert wissen und Kaia grinste.

»Erzähl ich euch gleich.«

»Okay, dann lasst uns schnell reingehen.« Ich hakte mich bei den beiden unter und zog sie Richtung Eingang.

»Ich hoffe, du hast reserviert«, meinte Kaia sofort an mich gerichtet, ganz die Strukturierte, die sie war. Ich nickte, während wir die Bar betraten. Die meisten der Tische rund um den türkisfarbenen Tresen mit roten Hockern waren schon belegt. Kaia zupfte an meinem Jackenärmel. »Du hast doch reserviert, oder?«

Ich sah sie an. »Ja, hab ich. Mach dir keine Sorgen.«

Sie wirkte erleichtert. »Zum Glück. Wohin müssen wir?«

Ich ließ meinen Blick schweifen und suchte mit den Augen nach einem Kellner. Ziemlich schnell entdeckte ich einen jungen Kerl mit dunkler Schürze, der gerade an einem der kleinen runden Tische stand. Unsere Blicke trafen sich und ich lächelte. Er nickte und wandte sich zu einem Kollegen um. Als ich sah, wer sein Kollege war, ging ein kurzer, aber intensiver Ruck durch mich hindurch. Das durfte doch wohl nicht wahr sein!

Der Kollege war Ben.

Ja, man sah sich tatsächlich immer zweimal im Leben. Ohne dass ich es wollte, beschleunigte sich mein Herzschlag. Sofort musste ich an den letzten Abend denken und daran, und wie wütend er am Ende gewesen war.

Als er mich entdeckte, wirkte er alles andere als begeistert. Eher ziemlich genervt. Na wunderbar. Ich war auch nicht gerade begeistert, ihn zu sehen. Doch Ben ließ mir keine Zeit, länger darüber nachzudenken, denn schon kam er schnurstracks auf uns zu. Er trug ein helles Hemd, das er an den Armen hochgekrempelt hatte, wodurch seine definierten Unterarme deutlich zum Vorschein kamen, dazu dunkle Jeans und eine Schürze mit dem Lokalslogo der Regina. Er arbeitete hier. Shit.

»Du schon wieder?«

Meine Schwestern sahen mich fragend an. Ich beschloss, nicht weiter darauf einzugehen. »Ich habe einen Tisch für drei reserviert. Auf Schiffner.«

Er nickte, zückte sein Lesegerät und schaute mich dann an. »Alles klar, Schiffner habe ich hier. Mir nach.«

»Kennst du ihn?«, wollte Nika sofort flüsternd wissen. Ich reagierte erst mal nicht und folgte stumm Ben, der zielstrebig vorausging. Vorbei an einem lila Sofa, auf dem sich zwei Mädels in unserem Alter angeregt miteinander unterhielten, hin zu einem Tisch, der nicht weit entfernt war von der kleinen Bühne. Wobei Bühne übertrieben war. In erster Reihe stand mittig ein Tisch, davor ein Stuhl und ein Mikrofon.

»Da wären wir, kann ich euch was zu trinken bringen?« Er wirkte gereizt. Eher Soto als Scrat. Ob es meinetwegen war?

»Was gibt’s denn? Oder was kannst du uns empfehlen?«, fragte Kaia, nachdem sie sich gesetzt hatte.

Ben musterte meine Schwester, während sie ihren Blazer über die Stuhllehne hängte. »Wir haben heute spezielle Limonaden im Angebot. Die alkoholische Variante mit Rosé und zwei weitere mit Zitronengras und Holunder.«

»Super.« Sie sah uns an. »Jeweils eine? Dann probieren wir durch?«

»Okay«, sagte ich und Ben nickte.

»Alles klar, wird erledigt.« Er wandte sich ab und Kaia und Nika schauten mich eindringlich an.

»Was?«

»Wer ist das?«, wollte Nika schon wieder wissen.

Ich griff nach der Karte, die vor uns auf dem Tisch lag, und betrachtete die Zeichnungen darauf. »Niemand. Ein Idiot.«

»Ein sehr heißer Idiot«, gab Nika mit einem Schmunzeln auf den Lippen zu bedenken. »Habt ihr seine Unterarme gesehen?«

Ich stöhnte auf und legte die Karte wieder weg. »Das war ja klar, dass so einer wie der in dein Beuteschema fällt. Aber glaub mir, er ist bescheuert. Und mit seinen starken Armen kann er nicht mal ein Bier halten.«

Sofort versteifte sich Nika. Augenblicklich tat es mir leid, ich wollte nicht so forsch sein.

»Etwa auch ein Bad Boy und Herzensbrecher?«, fragte sie und betonte die beiden Wörter dabei besonders. »Hmmm? Aber dann frage ich mich, woher du ihn kennst? Nach deinem Prinzip ist er ja nichts für dich … Und was meinst du eigentlich mit dem Bier?«

Am liebsten hätte ich den beiden von der Challenge erzählt, doch das ging in diesem Moment leider schlecht. »Es tut mir leid, ich hab’s nicht so gemeint. Aber meine Theorie stimmt. Und er ist wirklich bescheuert und …« Ich stoppte, als Ben mit einem Mal wieder vor uns stand.

»Die Getränke«, sagte er nur und Nika kicherte. Gar nicht lustig.

»Danke.« Kaia sah entschuldigend zu ihm hoch, dabei hatte er sicherlich nichts mitbekommen. Und falls doch, war es mir egal.

»Alles klar, wenn was ist, einfach Bescheid geben.« Und schon war er wieder weg.

»Er ist doch nett. Ich frag mich echt, wo dein Problem ist.«

»Jetzt streitet nicht, dafür sind wir nicht hier«, mischte sich nun Kaia ein. »Der Plan war, gemeinsam einen schönen Abend zu haben. Wenn ihr also nicht aufhört, poste ich auf Instagram das Bild von dem Tag, an dem ihr euch die Haare blau gefärbt habt.« Herausfordernd blickte sie uns an.

Als ich mich daran zurückerinnerte, musste ich lachen. »Genau, und auch nicht, um über Kerle wie Alex und Ben zu reden.« Ich streckte Nika die Zunge heraus, doch grinste sie gleich darauf an. Ein bisschen kindisch vielleicht, aber unter Schwestern durfte man das. Kaia war immer diejenige, die kleine Streitereien wie diese zwischen uns schlichtete. Sie war top organisiert und überließ nichts dem Zufall. Im Gegensatz zu Nika, die bei Weitem die Emotionalste von uns war. Deswegen gerieten wir auch öfter mal aneinander. Und ich? Ich war irgendwie eine Mischung aus den beiden.

»Dafür, dass du ihn nicht kennst, weißt du aber seinen Namen.« Nika streckte mir nun ihrerseits die Zunge raus.

»Schluss, aus! Ihr wollt also was über die App wissen? Oder soll ich den Post schon mal vorbereiten?« Kaia blickte schelmisch zwischen uns beiden hin und her. Lachend schüttelte ich den Kopf.

Hinter mir wollte sich jemand setzen, also rückte ich kurz mit meinem Stuhl vor, bevor ich gespannt antwortete: »Ja, ich will auf alle Fälle etwas darüber wissen!«

»Okay, passt auf. Ich bin gerade dabei, eine App zu entwickeln, und ihr glaubt es nicht, wenn das klappt, das wäre einfach so genial! Man könnte sich so gut organisieren damit. Die App ist nämlich vorausschauend.« Sie sprach so schnell, dass sie sich bei dem letzten Wort fast verhaspelte. »Zusammen mit dem Team aus meinem Zukunftsseminar. Wir wollen sie einreichen bei einem Wettbewerb für junge Entwickler. Wer da gewinnt, wird finanziell bei der Umsetzung unterstützt.«

»Du bist eindeutig ein Superhirn«, bemerkte ich anerkennend, was Kaia eine leichte Röte auf die Wangen trieb.

»Na ja, jetzt übertreib mal nicht. Aber ich denke, die Idee ist gut. Nika, ich hab da auch an dich gedacht.« Sie drehte sich auf die andere Seite. »Wie oft verschwitzt man mal einen Arzttermin? Oder andere Termine. In die App kannst du alles eintragen und sie sagt dir, wann du wieder hinsolltest, und erinnert dich ganz automatisch. Aber nicht nur das: Sie macht das gleich auch mit anderen Ärzten und schlägt dir Termine vor. Ist das nicht toll?«

Wir sahen zuerst uns und dann unsere Schwester begeistert an. »Das ist es. Allerdings!«

Kaia strahlte. »Ja, und sie berechnet sogar noch mehr. Man kann allerlei Befindlichkeiten eintragen und sie reagiert darauf. Ich bin so gespannt, ob das alles funktioniert. Und ob wir für den Wettbewerb alles hinbekommen. Bis jetzt ist es nur ein Pitch, die besten Ideen werden gefördert. Danach wäre ein Prototyp an der Reihe.«

»Lina hat recht, du bist echt ein Superhirn.« Nika hob ihr Glas. »Auf dich und deine grandiosen Ideen!« Kaia und ich hoben ebenfalls unsere Gläser und stießen mit Nika an.

Ich war froh, dass durch dieses Thema Ben und das Prinzip nicht mehr zur Sprache gekommen waren. Gleich würde es sowieso losgehen. Ich sah auf mein Handy: noch zehn Minuten. Kaum vorstellbar, dass dann all die Gespräche verstummen würden. Mein Blick wanderte von den vielen Menschen in dem kleinen Raum zu der bunte Tapete, den hellen Blüten auf moosgrünem Grund, bevor ich mich aufrichtete.

»Ich gehe mal eben auf die Toilette, gleich fängt’s an. Muss noch jemand?« Kaia und Nika schüttelten den Kopf.

»Geh ruhig und beeil dich.«

Lächelnd nickte ich den beiden zu und bahnte mir schließlich meinen Weg an den Tischen vorbei in Richtung der ausgeschilderten WCs. Ein herber Duft kroch mir in die Nase, der mir irgendwie bekannt vorkam. Als ich an der Treppe angekommen war, erkannte ich, warum.

Da stand ausgerechnet Ben.

Er unterhielt sich mit einem Kerl, doch sah in meine Richtung. Sein Gesicht hellte sich auf, und nachdem er sich über die Schürze gestrichen hatte, winkte er mir zu. Merkwürdig … vielleicht hatte er sich wieder beruhigt? Vielleicht war doch alles halb so wild – aber warum hatte er dann das Match aufgelöst? Ich überlegte, was ich nun tun sollte. Zurückwinken? Wenn die Challenge eine Chance haben sollte, musste ich das wohl oder übel tun. In dem Moment, in dem ich die Hand hob, erkannte ich jedoch, dass sein Winken nicht mir gegolten hatte, sondern einem Kerl, der nun an mir vorbei und direkt auf Ben zuging. Wie peinlich!

Du gehst einfach vorbei, sagte ich mir und lief eilig auf die Treppe zu, die zu den Toiletten führte. Er hatte mich nicht bemerkt. Hoffte ich jedenfalls. Einfach nicht weiter darüber nachdenken. Als ich unten angekommen war, beeilte ich mich auf der Toilette, wusch mir fix die Hände und strich noch einmal schnell durch mein Haar. Nachdem ich fertig war, ging ich genauso eilig wieder zurück.

Ben hatte sich nicht vom Fleck bewegt. Unsere Blicke trafen sich. Diesmal wirklich. Schnell vorbeigehen, erinnerte ich mich, bis ich eine Stimme hörte.

»Wer ist das?« Die Frage richtete sich wohl an Ben.

»Die? Echt crazy ist die. Hat mich gestern den ganzen Abend verfolgt, mir irgendwelche Anschuldigungen an den Kopf geknallt und jetzt denkt sie, ich würde ihr danach noch zuwinken.« Um ihn herum brach Gelächter los. Ich stoppte mitten in der Bewegung. Lästerte der etwa über mich? Das konnte ja wohl nicht wahr sein!

Betont langsam drehte ich mich zu ihm um und hob eine Augenbraue. »Was hast du gerade gesagt? Redest du etwa über mich?«

Ben wandte sich mir zu. »Wer? Ich?« Seine Stimme klang ganz entspannt.

»Ja, du!« Wütend machte ich einen Schritt nach vorn.

»Möglicherweise.« Herausfordernd blickte er mich an.

»Und wieso erzählst du hier so einen Schwachsinn?«

»Schwachsinn? Es stimmt doch, dass du gestern Abend überall dort aufgetaucht bist, wo ich war, nur um mich anzuzicken. Und jetzt echt geglaubt hast, ich winke dir zu.«

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Wenn, dann warst du überall dort, wo ich war. Und nein, das dachte ich nicht. Ich habe jemand anderem gewunken, sicher nicht dir.«

»Ach ja? Und wem?« Shit, wem könnte ich gewunken haben? Glücklicherweise entdeckte ich genau in diesem Moment etwas weiter vorne ein Mädchen, das ich aus der Uni kannte. Zumindest hatte ich sie schon mal auf dem Unigelände gesehen. Mira? Oder Melli? Oder … egal.

»Ihr da hinten, wir kennen uns aus der Uni. Also bild dir mal nichts ein.«

»Ach so, klar, na dann.« Seine Mundwinkel begannen zu zucken. Nichts wie weg. Ich wandte mich ab und ging schnell auf den Tisch zu, an dem meine Schwestern bereits warteten. Natürlich hatten sie alles mitbekommen.

Aufgeregt wippte Nika mit einem Bein. »Okay, raus mit der Sprache, was ist da los?« Sie sah mich eindringlich an. Und auch Kaias neugieriger Blick war auf mich gerichtet.

»Ich hab ihn gestern im Club getroffen und er ist ein Idiot, mehr nicht. Ein Idiot, der gerade über mich gelästert hat.« Ich kniff die Augen zusammen.

»Was? Warum denn das?«, fragte Nika überrascht.

»Keine Ahnung, weil … ich ihm vielleicht die Tour mit einem Mädchen versaut habe?« Stöhnend ließ ich mich gegen die Stuhllehne fallen. Beiden standen nun noch mehr Fragezeichen im Gesicht. »Ach egal, unwichtig. Ich …«

»Du hast dem Mädchen doch nicht etwa von deinem Prinzip erzählt, oder?«, unterbrach mich Nika mit gerunzelter Stirn.

Zögerlich antwortete ich. »Und wenn doch?«

»Das hast du nicht!« Schockiert starrten mich die beiden an, bevor sie in einen Lachanfall ausbrachen. »Du bist echt unverbesserlich. Lina, die Rächerin der gebrochenen Mädchenherzen!«

Glücklicherweise kam in genau diesem Moment Professor Brandner auf die Bühne und Applaus übertönte meine Worte, als er sich auf den Stuhl setzte und ihn näher zum Tisch rückte. Sofort wurde es ruhiger, die Gespräche verebbten.

»Guten Abend, es freut mich sehr, dass so viele gekommen sind. Wie Sie alle wissen, widme ich mich heute einem äußerst interessanten Thema in der Literatur und auch in unser aller Leben: Zufälle oder Schicksalsbegegnungen?«

Die Zeit verflog nahezu, während wir gebannt Professor Brandners Vortrag lauschten. Zumindest die meiste Zeit, denn immer wieder riskierte ich einen heimlichen Blick zu Ben. Er hatte sich ebenfalls gesetzt und verfolgte Herrn Brandners Ausführungen. Nur ab und zu wurde er für eine Bestellung gerufen.

Ich versuchte wirklich, ihn zu ignorieren, was allerdings nicht so leicht war, da mich die Sache von eben tatsächlich ein wenig getroffen hatte. Was dachte er eigentlich, wer er war?

Noch dazu konnte ich ihn von meinem Platz aus genau sehen. Ich erwischte mich sogar dabei, wie ich ihn zwischen Vorsehung und Bestimmung abcheckte. Zu meinem Widerwillen musste ich zugeben, dass er gut aussah in dem hellen Hemd, das sich verdächtig um seine Schultern spannte. Von seinem Tinderprofil wusste ich ja, dass er viel Sport trieb.

»Wir reden oft von Zufällen«, riss der Professor mich aus meinen Gedanken, »aber nur, wenn sie uns als solche bewusst sind. Ein Beispiel: Zwei Menschen sind zufällig am gleichen Ort. Ist das wirklich Zufall oder doch Fügung?«

»Nun, kommt drauf an«, hörte ich Bens Stimme. Ich erstarrte. Warum mischte er sich denn jetzt ein?

»Inwiefern?«, wollte der Professor wissen.

»Ab und an wirken Dinge wie Zufälle, aber sind es nicht.«

Einen Moment lang überlegte Herr Brandner, bevor er wieder ansetzte: »Interessant, führen Sie das weiter aus.«

»Na ja, es ist doch in der Literatur genau das Gleiche. Es gibt verschiedene Handlungsstränge. Der eine führt ganz zufällig zum anderen. Aber eigentlich ist es genau so gewollt – eingefädelt –, richtig?«

»Ja, vom Autor«, bestätigte der Professor.

»Genau. Und irgendwie sind wir ja die Autoren unseres Lebens. Heißt, wenn nach außen hin jemand aus Versehen, ganz zufällig in etwas hineinpfuscht, das eigentlich anders verlaufen wäre, wenn die Person nicht da gewesen wäre, schreibt diese Person die Geschichte um. Wenn jemand einen zum Beispiel auf einer Dating-App anschreibt, sagen wir Tinder, und so tut, als hätte er ihn zufällig angerempelt, sich etwas davon verspricht und ihm dann eins auswischen will, wenn es nicht funktioniert – aus Eifersucht, weil der Angeschriebene kein Interesse an besagter Person hat –, verändert diese Person durch ihr Verhalten den Lauf der Dinge. Das ist weder Schicksal noch Zufall, das ist gewollt.«

»Genau, das ist es eben. Wir wissen nicht, ob eine Begegnung zufällig ist oder Fügung. Wir werden immer nur einen Weg im Leben nachvollziehen können. Dadurch kann durchaus ein Ungleichgewicht entstehen, das …«

»Ein Ungleichgewicht. Soso.« Ben blickte direkt in meine Richtung. »Das bedeutet, eine Person, die etwas ins Ungleichgewicht gebracht hat, kann es wieder ausbügeln. Und das Gleichgewicht damit wiederherstellen?«

»So ein Unsinn. Man kann doch nie wissen, was gewesen wäre, wenn. Dinge im Leben kommen, wie sie kommen«, rutschte es mir heraus und mit einem Mal waren alle Augen auf uns gerichtet. Es war mucksmäuschenstill im Raum. Man hätte eine Stecknadel fallen gehört.

Bens Blick lag noch immer auf mir. »Das würde ich an deiner Stelle jetzt auch sagen.«

»Ähm, meint der dich?« Nika sah mich mit großen Augen an.

»Spannend, ich mag Diskussionen. Also, ja, ich würde es genauso formulieren. Ungleichgewicht wird durch Gleichgewicht ausgebügelt, aber …« Herrn Brandners Worte verschwammen in meinem Kopf. Ich war erleichtert, dass er mit ihnen die Aufmerksamkeit von uns nahm. Wieso tat Ben das?

»Du hast ja kein Tinder, also kann er dich nicht meinen, oder?«, sagte Kaia jetzt und ich nickte.

»Ganz genau, der nervt nur, vergessen wir ihn.« Ich nippte an meiner Limo, um nicht weiter darauf eingehen zu müssen. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Kaia und Nika sich verschwörerisch angrinsten, aber ich tat so, als wäre es mir vollkommen egal.

Als die Lesung vorbei war, hatte ich Ben zum Glück aus den Augen verloren. Aus dem Kopf ging mir die Diskussion allerdings nicht.

»Also, dann machen wir uns mal auf«, meinte Kaia, nachdem wir ausgetrunken und gezahlt hatten – bei einem anderen Kellner – und schließlich vor der Tür der Regina standen.

»Sollen wir dich mitnehmen?«, wollte Nika wissen. »Mama kommt gleich und holt uns ab.«

Ich schüttelte den Kopf. Emma hatte mir vor ein paar Minuten eine Nachricht geschickt, dass sie mich einsammeln könne. Sie war schon von Kati losgefahren.

»Okay, dann sehen wir uns die Tage, war schön!« Wir umarmten uns und die beiden machten sich auf zu der großen Kreuzung. »Und reden noch mal«, rief mir Nika über die Schulter zu. Na toll.

»Sind deine Freundinnen schon weg?« Erschrocken wirbelte ich herum. Ben. Na ganz toll.

»Was willst du?«, fuhr ich ihn an. Die Schürze hatte er nun ausgezogen und durch eine dunkle Lederjacke ersetzt. War ja klar.

»Nichts, ich schau nur.«

»Dann schau woanders hin.« Ich wusste selbst, dass ihn das nur in dem bestätigen würde, was er sowieso schon von mir dachte. Ich war wirklich zickig. Aber er hatte mich so provoziert und das vor all den Gästen! Er konnte vergessen, dass ich jetzt irgendwie nett zu ihm war. Und dann auch noch diese unverschämte Sache vor der Treppe.

»Du hattest heute Morgen sicherlich ’nen ganz schönen Kopf, oder?«, wollte er wissen.

»Hast du nichts anderes zu tun, abkassieren zum Beispiel?«, fragte ich schnaubend.

»Ich helfe nur aus. Carlo, meinem besten Freund, gehört die Hälfte der Bar. Ist Teilhaber. Also?«

Ich atmete tief durch. »So schlimm war’s nicht. Aber schön, dass du dir Gedanken darüber gemacht hast. War das heute Morgen, als du alleine aufgewacht bist ohne deine Begleitung aus dem Club? Da hattest du bestimmt viel Zeit zum Nachdenken.« Ich blickte ihn herausfordernd an.

Er verzog das Gesicht zu einem leichten Grinsen. »Für dich war es sicherlich schlimmer zu sehen, dass ich das Match aufgelöst habe. Wo du doch so scharf auf mich warst. Oder warum bist du heute hier?« Dieses Grinsen würde ihm schon noch vergehen.

»Ich war sicherlich nicht scharf auf dich. Und bin wegen der Lesung hier«, schoss ich zurück.

»Klar, die Lesung.« Er schaute mich an mit einem Blick, den ich nicht deuten konnte. »Hat Spaß gemacht eben. Wie schön du dich aufregen kannst … Gefällt mir.«

Ich verdrehte die Augen. Er wollte mich also in Verlegenheit bringen? Darauf konnte er lange warten. »Freut mich, dass ich dir den Abend versüßen konnte.« Lichter blendeten mich. »Viel Spaß noch, ich muss dann mal.« Eilig ging ich auf den Wagen zu, der direkt vor uns anhielt. Emma, endlich!

Ohne mich noch einmal nach Ben umzudrehen, stieg ich ein und ließ mich erschöpft in den Beifahrersitz fallen. Emma hingegen verdrehte sich ganz schön, um Ben hinterherzublicken. »Ist das Ben?«

»Jap.« In diesem Moment drehte er sich noch einmal um und hob die Hand. Als ich nicht zurückwinkte, wendete er sich schmunzelnd ab. »Idiot!«

»Oh, mein armes Baby.« Emma fuhr los. »Was ist passiert? War es so schlimm?«

Stöhnend ließ ich meinen Kopf in die Hände fallen. »Der hat mich total genervt, wer konnte denn damit rechnen, dass er da sein würde? Also echt. Was für ein Zufall.«

Emma lachte. »Irgendwie lustig, hast du eben etwa nicht aufgepasst?« Ich sah sie an, ohne ihr eine Antwort zu geben. »Nein, okay. Du hast ja recht, ist wirklich überraschend.«

»Und als es dann um ein paar Beispiele zu Zufällen, Schicksal und Gleichgewicht ging, hat er mich vor allen bloßgestellt und irgendwelche Vergleiche und Anspielungen gebracht, mit denen er eindeutig auf mich abgezielt hat. Und ich hatte heute Morgen tatsächlich noch überlegt, mich zu entschuldigen!« Wütend verschränkte ich die Arme vor der Brust.

Emma sah über ihre Schulter und anschließend zu mir, bevor sie den Blick wieder auf die Straße richtete. »Echt jetzt? Du wolltest dich entschuldigen? Wie denn das? Wolltest du ihn suchen? Übers Radio? Oder Fernsehen? Hi, ich bin Lina und suche Bad Boy Ben. Melde dich bei mir!«

»Sag mal, hast du bei Kati zu viel Haarspray eingeatmet?«, fragte ich sie lachend. »Keine Ahnung, auf Insta vielleicht oder doch noch mal über Tinder. Ich weiß nicht. Ich hätte mir was einfallen lassen.« Ich ließ meinen Kopf gegen die Stütze fallen. »Wegen der Challenge, verstehst du? Ich wollte weitermachen und hatte überlegt, das alles noch mal anders aufzurollen. Denn in einem sind wir uns ja hoffentlich einig: Er ist ein bescheuerter Bad Boy und ich will ihn enttarnen. Für meine Leserinnen. Für Nika.«

»Wirklich? Du wolltest das echt weitermachen?« Emma sah entgeistert zu mir rüber.

»Ja, hatte ich vor. Aber darüber bin ich hinweg. Weißt du, was er sich danach noch geleistet hat? Nicht nur, dass er so frech war und diese Anspielungen gemacht hat.«

»Erzähl.«

»Gerade eben ist er auch noch angekommen und hat mich geärgert. Von wegen, ob ich bemerkt hätte, dass er das Match aufgelöst hat. Wie arrogant ist er denn bitte? Als ob mich das interessieren würde.« Dass ich tatsächlich ein wenig getroffen war, erwähnte ich nicht.

Sie runzelte die Stirn. »Tut es das nicht?«

»Nein, natürlich nicht. Alles, wozu ich ihn gebraucht habe, war zu beweisen, dass mein Prinzip Hand und Fuß hat. Nur darum ging es. Gut, gestern habe ich mich schon etwas danebenbenommen, aber ich musste auch erst überlegen, wie ich das alles angehe, und bin praktisch ins kalte Wasser gesprungen.« Ich hatte mich in Rage geredet.

Emma legte mir beschwichtigend eine Hand auf den Arm und parkte das Auto. »Wir sind da.« Vor lauter Ben-Gefluche hatte ich gar nicht gemerkt, dass wir schon an unserem Wohnhaus angekommen waren. »Ist doch egal, was der Kerl sagt, lass ihn einfach. Hak es ab.«

»Versuch ich auch, aber …« Ich atmete tief durch. »Irgendwie hat mich der Ehrgeiz gepackt in Bezug auf dieses Challenge-Zeug. Und abhaken ist da gerade irgendwie nicht. Ich meine, schau mal, offensichtlich …« Und da dämmerte es mir. »Ja, offensichtlich sucht er meine Nähe. Was, wenn es kein Zufall war, dass er heute da war, wenn er irgendwo gesehen hat, dass ich dort sein würde. Wenn er mich stalkt, auf Insta oder so, und …«

»Du verrennst dich da. Wie sollte er dich auf Insta stalken können? Da müsste er schon deinen ganzen Namen wissen. Ab und an muss man Dinge sein lassen.« Sie stieg aus. Ich tat es ihr gleich und folgte ihr nach oben zu unserer Wohnung.

»Ja, aber …«, versuchte ich es noch mal.

»Lina, was ich dir damit sagen will: Ich bewundere deinen Ehrgeiz. Aber du solltest deine Energie lieber in Wichtigeres stecken als in diese Challenge. Du verstehst, was ich meine?«

Vor unserer Wohnungstür angekommen, atmete ich noch einmal tief durch. »Ja, ich verstehe es. Nach heute Abend verschwende ich sicher keine Energie mehr daran.«

»Tust du wohl.«

In diesem Moment bekam ich eine Nachricht von Nika, die in unsere Schwesterngruppe geschrieben hatte: Hey, Schwestern! War echt schön heute. Wiederholen wir das die Tage? Und Lina, du hast Tinder … ich hab es gesehen. Nur mal so. Ich will eine Erklärung. Wo hatte sie das gesehen, etwa bei Alex? Er hatte noch eine Dating-App?! Mein Puls beschleunigte sich.

»Wer ist das?«, unterbrach Emma meine Gedanken und schloss die Tür auf.

»Nika. Sie will, dass wir uns die Tage wiedersehen, und hat mich nach Tinder gefragt. Diese alte Spionin.«

Emma lachte. »Wie kommt sie auf Tinder?«

»Ich hab doch gesagt, Ben hat Anspielungen gemacht. Dabei hat er mal schön Tinder mit ins Feld geworfen und natürlich wurden die beiden da gleich hellhörig.«

Wir traten durch die Tür. Während wir Jacke und Schuhe auszogen, erklärte ich Emma noch mal ganz genau, was Ben gesagt hatte, dann sah ich sie an und wartete auf ihre Reaktion.

Sie verzog das Gesicht. »Im Ernst, das mit der Challenge war lustig. Dein Ehrgeiz und deine Prinzipien in allen Ehren, aber lass es gut sein. Stress dich nicht wegen dem Typen und seinen Provokationen oder der Challenge. Das ist doch morgen schon wieder vergessen.«

»Du verstehst nicht«, widersprach ich ihr, schlüpfte in meine Hausschuhe und lief in die Küche. »Es ist nicht nur wegen dieser Challenge, sondern auch wegen meines Blogs. Und vor allem wegen Nika. Es wäre tatsächlich super gewesen, wenn ich all meine Thesen hätte belegen können … Egal, ich krieg das auch so hin. Irgendwas fällt mir schon ein.« Die letzten Worte kamen nur noch gemurmelt aus mir heraus.

»Da glaube ich ganz fest dran. Aber jetzt ab ins Bett.« Emma nahm sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank, gab mir ein Küsschen auf die Wange und verabschiedete sich in ihr Zimmer. Auch ich wollte ins Bett. Der Tag war lang gewesen und ich war müde. Wirklich müde.

Emma hatte recht, ich durfte meine Energie nicht verschwenden. Die Challenge war durch und mir würde schon was anderes einfallen, wie ich meine Theorie beweisen konnte. Irgendwie musste ich Nika schließlich davon überzeugen, dass es nicht normal war, wenn Verliebte Dating-Apps hatten. Blieb nur die Frage, wie. Ich sollte einen Plan aufstellen. Einen richtigen. Einen, der durchdacht war, meine Gedanken und …

Mein Handy summte. Wahrscheinlich hatte nun auch Kaia ihren Senf zum Tinderskandal abgegeben. Ich sollte die Gruppe stumm stellen. Doch als ich mein Handy aus der Hosentasche zog, erkannte ich, dass die Nachricht von einer unbekannten Nummer stammte. Ich öffnete WhatsApp und ließ meinen Blick über den Text wandern:

Muss dir nicht peinlich sein, das Winken vorhin. ;) Ben

Ich spürte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte, während ich die Nachricht noch einmal las. Erstens: Woher hatte er meine Nummer? Und zweitens: Warum interessierte es ihn überhaupt? Hatte er etwa doch angebissen? Gab es noch eine Chance?

Ich starrte die Wörter an. Ich hatte recht gehabt, von Anfang an. Ben hatte angebissen. Emmas Worte schoben sich in meinen Kopf: Ich sollte meine Energie lieber in Wichtigeres stecken. Ich wusste, dass sie recht hatte – und doch war da dieser Drang in mir. Ich tippte auf Kontakt speichern und gab Bens Namen ein, bevor ich mich meiner Antwort widmete:

War mir nicht peinlich. Peinlich ist, erst das Tindermatch aufzulösen und sich dann meine Nummer zu besorgen. Woher hast du sie?

Ich drückte auf Senden und wartete. Die Haken wurden blau und schließlich schickte Ben drei Lachsmileys zusammen mit einem kurzen Text zurück.

Ich hab sie halt. Woher, ist doch egal. Ich bin eben ein super Detektiv. ;)

So was Bescheuertes. In meinen Fingerspitzen kribbelte es.

Jetzt sag schon.

In die Reservierungsliste muss man seine Nummer eintragen.

Das sagst du mir einfach so? Das ist eine Straftat! Datenschutz und so?

Ich war völlig baff. Das hatte er getan, um an meine Nummer zu kommen? Ich lief zu unserem Esstisch und ließ mich auf den erstbesten Stuhl fallen.

Verklag mich doch. ;)

Meine Finger schwebten einen Moment über dem Display, dann gab ich die Frage ein, die ich mir seit unserem Wiedersehen stellte:

Was willst du von mir?

Es dauerte nicht lange, da folgte schon Bens Antwort.

Ich habe mir Gedanken gemacht. Laut dem Professor hast du gestern durch deinen gespielten Zufall ein Ungleichgewicht in mein Leben gebracht. Dafür brauche ich jetzt eine Entschädigung. Heißt, du schuldest mir was, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Du verstehst?

Oh. Mein. Gott. Ich hatte es tatsächlich geschafft! Seine Aufmerksamkeit galt nun mir. Aufgeregt tippte ich eine weitere Nachricht:

Ich wüsste nicht, weshalb ich dir irgendetwas schulde. Und was heißt hier überhaupt Ungleichgewicht und Gleichgewicht wiederherstellen? Unsinn! Funktioniert nicht.

Ich wüsste schon, wie das funktioniert. Also?

Also was?

Also wie stehst du zu einem Date? Wegen des Gleichgewichts und alldem? Denn wenn der Professor recht hat, müssen wir das durchziehen, sonst endet es für dich und mich richtig mies.

Der Kerl war verrückt. Noch verrückter als ich. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Wir waren schon längst in Stufe zwei!

Entspannt lehnte ich mich in dem Stuhl zurück und schickte meine letzte Nachricht des Abends:

Erinnerst du dich an Herrn Brandners Theorie über Zufälle? Entweder sehen wir uns wieder – zufällig – oder eben nicht. Ich bin gespannt, was in dir steckt.

Dann packte ich das Handy weg.

Ich fühle was, was du nicht fühlst, und das ist nichts.

KAPITEL 5


»Hey.« Ich setzte mich zu meinen Schwestern, die im Café Oase unweit der Uni bereits einen Tisch ergattert hatten. Der kleine Lunchtreff war sehr beliebt, denn es gab hier nicht nur die Möglichkeit, sich zum Lernen zurückzuziehen, den Laptop oder andere Geräte aufzuladen, sondern auch, mit anderen Studenten oder Nicht-Studenten ins Gespräch zu kommen, wenn man wollte. Wenn nicht, gab es gemütliche Lese- und Chillecken, um die Seele zwischen den Vorlesungen baumeln zu lassen.

»Na, hast du die letzten Tage gut überstanden?«, wollte Nika wissen. Seit unserem Abend in der Regina hatte sie mir immer wieder geschrieben – der Inhalt ihrer Nachrichten: Ben, Tinder und wieder Ben.

Fieberhaft hatte ich in dieser Zeit über meine nächsten Züge nachgedacht, bis ich irgendwann zu dem Schluss gekommen war, mich einfach zurückzulehnen. Er würde schon auftauchen.

Ich hob eine Augenbraue und fragte scheinheilig: »Was meinst du? Die Vorlesungen?« Ich stupste sie in die Seite. »Ja, mir geht es gut. Auch wenn ich echt müde war. Und daran bist du nicht ganz unschuldig, Madame. Schließlich habe ich mir stundenlang deine Sexerlebnisse mit Alex anhören müssen.« Eine gekonnte Ablenkung, innerlich klopfte ich mir auf die Schulter.

Augenblicklich schoss ihr die Röte ins Gesicht und Kaia sah sie ein wenig empört an. »Deine was? Du bist doch nicht etwa schon mit ihm im Bett gelandet?«

Nika verzog das Gesicht, aber ich erkannte, wie ein Grinsen an ihren Mundwinkeln zupfte. Ich wusste, meine Worte passten ihr nicht, aber wenn sie mir eine Spitze zuschoss, musste sie damit rechnen, dass ich zurückschießen würde.

Kaia schüttelte den Kopf und nahm die Karte in die Hand. »Ich nehme einen Latte und ein Panini mit Avocado. Esst ihr auch was?«

Ich griff nun ebenfalls nach der Karte und nickte. »Ja, eins mit Schinken und Käse. Und du?«, fragte ich Nika.

»Für mich nur einen Latte, ich esse später noch mit Alex.« Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. »So viel zu deiner Theorie im Übrigen.«

»Okay, klingt ernst«, meinte Kaia. »Auch wenn ich es nicht gut finde, dass du sofort mit ihm in der Kiste gelandet bist, weil …«

»Weil?«

»Na ja, es gibt da ein paar Theorien, wie intensiv sich etwas entwickelt, wenn man eine bestimmte Anzahl von Tagen oder Wochen wartet, ehe man mit jemandem ins Bett steigt. Kann man berechnen.«

Nika stöhnte auf. »Ihr mit euren Theorien und Berechnungen, die kein bisschen funktionieren«, ereiferte sie sich. »Wenn Alex mich so bescheuert finden würde und ein Aufreißer wäre, warum sollte er sich dann heute schon wieder mit mir treffen? Und warum durfte ich sogar bei ihm schlafen?« Trotzig verschränkte sie die Arme vor der Brust.

Ich räusperte mich. »Wir wollen bloß das Allerbeste für dich, okay? Aber nur mal so aus Interesse: Wo geht ihr essen?«

Nika schwieg, woraufhin Kaia die Stirn runzelte. »Gut, lass mich raten. Bei ihm daheim? Kocht er für dich? Netflix und chillen?«

Nika rollte mit den Augen. »Na und? Ich will ja auch mit ihm zusammen sein, ihn spüren. Das ist megaschön. Ihr seid nur neidisch und verbittert und voller Prinzipien und Theorien. Auch du, Kaia. Lass dich doch mal fallen. Man muss das Leben leben, nicht so heftig wie Lina vielleicht, aber …«

»Heftig? Was soll das denn heißen?«, fragte ich entrüstet.

Sie legte ihre Hände auf den Tisch und rückte ein Stück nach vorn. »Ganz einfach: Beispiel Bad-Boy-Theorie. Wenn du dich in etwas reinsteigerst, ziehst du es so heftig durch, was ja durchaus gut sein kann, weil es zeigt, wie ehrgeizig du bist, aber es gibt nun mal nicht nur geradeaus, sondern auch links und rechts.«

»Dem ist nichts hinzuzufügen«, erklärte Kaia nüchtern.

Ich sah die beiden streng an, doch in meinem Kopf begann es zu arbeiten. Wenn ich etwas angefangen hatte, dann wollte ich es um jeden Preis durchziehen, da hatte Nika recht. War ich dabei manchmal wirklich zu ehrgeizig? Zu verbissen?

»Müssen wir uns jetzt eigentlich so anzicken?«, fragte ich seufzend und blickte mich nach einem Kellner um. Etliche Leute wuselten auf der Suche nach freien Plätzen zwischen den Tischen umher, bloß einen Kellner entdeckte ich nicht. »Ben und ich sind mittendrin in Stufe zwei und sicher kurz vor Stufe drei«, ergänzte ich, nachdem ich mich den beiden wieder zugewandt hatte. »Wir haben uns zwar noch nicht wiedergesehen, aber er meldet sich hin und wieder. Und ich schreibe fleißig an meinem Blogbeitrag.«

»Wir zicken doch nicht«, sagte Nika nun etwas kleinlaut, bevor sie mit einem schelmischen Grinsen hinzufügte: »Ein Beitrag über das Prinzip, das du nicht belegen kannst? Das wird ja wahnsinnig spannend.«

»Vielleicht bist du ja mein Experiment«, sagte ich nun ebenfalls grinsend an Nika gerichtet, woraufhin sie mir die Zunge entgegenstreckte.

»Von wegen!«

»Was sagt eigentlich Mama zu Alex? Hast du ihn ihr schon mal vorgestellt?«, schaltete sich nun Kaia ein.

»Sie wünscht mir alles Gute und Helle. Und ja, gerade ist es hell – in mir und überall.«

Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen. »Alles Helle. Das hat sie von Bernd. Du weißt schon, dass du diese Aufhelllampe für die Zähne nur in den Mund stecken sollst und nicht woandershin, ja?«

»Was? Du bist echt so …«

Ich lachte. »Sorry. Ich musste nur gerade an Emma denken. Sie hatte die neulich zum Testen, ich sag’s euch, die sah aus. Echt schlimm.« Die beiden stimmten in mein Lachen ein.

»Ach, du bist doof. Jetzt mal ehrlich«, Nika beugte sich vor und fügte flüsternd hinzu: »Ich wusste gar nicht, dass so was möglich ist. Mein Gott! Ich meine, wie er mich berührt hat da unten. Dass man so was fühlen kann, ich …« Gut, dass in diesem Augenblick endlich ein Kellner an unserem Tisch auftauchte, damit blieben Kaia und mir weitere helle Details erspart. Vorerst.

Er musste dennoch mitbekommen haben, worum es ging, denn grinsend sagte er: »Sorry, bin gleich wieder weg. Was kann ich euch bringen?«

»Dreimal Latte Macchiato, ein Panini mit Schinken und Käse und eins mit Avocado, bitte«, bestellte Kaia für uns alle.

»Wird erledigt.« Er zwinkerte uns zu und wandte sich ab.

Als er gegangen war, hörte ich das Klappern von Geschirr und Tastaturen leise im Hintergrund, sog den Geruch von gerösteten Kaffeebohnen ein und spürte mit einem Mal diese kleine Wärme in meinem Herzen, die ich nur spürte, wenn ich mit meinen Schwestern zusammen war. Die sich anfühlte wie Zuhause.

»Also, wo waren wir stehen geblieben?«, nahm ich das Gespräch wieder auf. »Du wusstest nicht, dass so was möglich ist«, zitierte ich Nika, woraufhin Kaia gespielt theatralisch die Augen verdrehte.

»Natürlich ist das möglich, statistisch gesehen sogar sehr möglich«, entgegnete sie.

Nika legte ihr einen Finger auf die Lippen. »Es geht ums Fühlen, okay? Ich habe das einfach gefühlt. Nichts mit Statistiken …«

»Ich hatte auch mal einen, der das konnte. Das war schon echt sehr …« Ich grinste. »… heiß. Aber ansonsten war er total selbstverliebt. Ich weiß auch nicht, hat mir irgendwann nichts mehr gegeben.« Ich zuckte mit den Schultern.

Nika nickte mir zu. »Meine Rede, man muss es fühlen. Und das tue ich. Alex kann das einfach, dieses sanfte Drüberstreichen, mal langsam, dann wieder schneller. Mmmh.« Wieder war da dieser Glanz in ihren Augen. Ich hoffte wirklich, dass alles gut gehen würde, ich wollte nicht, dass sie verletzt wurde. Aber ich zweifelte zunehmend daran.

»Und was ist das jetzt mit Tinder? Und diesem Ben?«, wollte Nika da schon wieder wissen.

»Was?«, fragte ich scheinheilig. »Nichts, ich hab kein Tinder.«

Doch schon schnappte sie sich mein Handy. »Hast du wohl, also?«

Ich stöhnte auf. »Na gut, ich wollte es nicht erzählen, weil ihr ja nichts über meine Theorie wissen wollt. Wir haben versucht … also, ach egal.«

»Nein, jetzt will ich es wissen.« Nika beugte sich neugierig zu mir vor. »Was habt ihr versucht?«

Kurz überlegte ich noch, doch dann legte ich los: »Als ich mit den Mädels weg war, also nachdem Kaia und ich bei dir waren wegen deiner kleinen Alex-Krise, da habe ich ihnen von Alex erzählt und von meinem Prinzip. Daraufhin haben sie vorgeschlagen, dass wir es testen. Am lebenden Objekt. Und nachdem auch sie der Meinung waren, dass ich es nicht belegen könne, wollte ich es ihnen beweisen. Und euch auch übrigens! Na ja, und der Aperol hat vielleicht auch eine klitzekleine Rolle gespielt, das gebe ich zu.«

Die beiden starrten mich ungläubig an. »Was? Du willst das belegen? An wem denn?« Dann dämmerte es ihnen. »Ach nee, Ben! Jetzt checke ich es«, rief Nika.

»Nicht so laut!«, zischte ich und sah mich um, bevor ich weitererzählte. »Wir haben getindert. Emma und Kati meinten, ich bräuchte die App, um einen Bad Boy zu finden. Dabei sind wir auf Ben gestoßen, er war noch zufällig gerade im Hinz und Kunz – und los ging’s.«

»Du erzählst doch Quatsch, oder?« Kaia musterte mich kritisch.

»Nein, kein Quatsch.«

»Deswegen war er so komisch? Das ist ja mal das Verrückteste, was ich je gehört hab!«

»Nein, eher das Bescheuertste«, warf Nika ein.

Doch Kaia schien angebissen zu haben. »Und was ist jetzt der Plan?«

»Ich werde ihn daten, zeigen, dass der Ablauf typisch ist und diese Kerle in Stufen vorgehen, um ein Mädchen rumzukriegen. Darüber schreibe ich. Bevor es dann intimer beziehungsweise inniger wird, serviere ich ihn ab. Damit will ich andere Mädchen warnen und beweisen, dass man sich nicht verlieben muss, sondern durchaus Spaß haben kann, wenn man nicht alles so ernst nimmt. So weit der Plan.«

Beide sahen mich mit weit aufgerissenen Augen an. »Aber du spielst am Ende mit den Gefühlen eines Menschen!« Nika war empört.

Sofort griff ich nach ihrer Hand, die noch immer auf dem Tisch lag. »Tu ich nicht. Er ist ein Bad Boy, es wird ihm nicht wehtun. Und mir auch nicht. Ihr wisst ja, dass mir das Ganze nichts anhaben kann. Aber ich kann ganz viele Mädchenherzen zukünftig vor dem Schmerz bewahren.«

»Bad Boys sind auch Menschen«, sagte Nika. »Ich finde das nicht so gut.« Sie lehnte sich zurück, wodurch ihre Hand meiner entglitt. »Ehrlich, du musst diese Sache echt mal überwinden. Es war blöd für uns alle, das mit Papa, aber … « Ich warf ihr einen ernsten Blick zu. »Schon gut, ich sage ja gar nichts.«

»Hat auch überhaupt nichts damit zu tun. Außerdem ist es nicht nur ein Spiel, sondern wirklich ernst. Und es hat durchaus interessant begonnen.« Ich merkte, wie ein Schmunzeln über mein Gesicht huschte.

»Es läuft also schon?«, fragte Kaia aufgeregt. »Erzähl, los.«

Ich berichtete meinen Schwestern, wie bescheuert ich mich am Anfang aufgeführt hatte, aber wie es dann doch noch in die richtige Richtung gegangen war. Und dass Ben mich nach dem Abend in der Regina angeschrieben und durch die Blume um ein Date gebeten hatte.

»Du hast aber gesagt, du willst nicht?«, hakte Kaia nach.

»Ja, das ist der Plan, beziehungsweise habe ich geschrieben, nur wenn wir uns zufällig sehen. Jetzt wird er sicher noch mal fragen. Oder zufällig irgendwo auftauchen. Ganz sicher sogar. Stufe zwei, meine Lieben.«

Nika rollte mit den Augen. »Ach, das ist doch Unfug.«

In diesem Moment trat der Kellner an unseren Tisch und stellte die Panini und Getränke vor uns ab. Es roch köstlich. Während ich Zucker aus dem kleinen Beutelchen in meinen Latte kippte, hatte Nika bereits ihren ersten Schluck genommen.

»Das tut so gut«, meinte sie schwärmerisch. »Ich liebe es einfach, im Café zu sitzen. Und mit euch ist es immer noch schöner. Auch wenn du, meine liebe Schwester, wirklich ab und an sehr schräge Ansichten hast.«

Kaia winkte ab und wandte sich wieder mir zu. »Schräg, ja, aber interessant. Du denkst also wirklich, dass er noch mal nach einem Date fragt? Oder irgendwo auftaucht?«

»Ich denke es nicht bloß, ich weiß es sogar«, erwiderte ich bestimmt und nahm einen Bissen von meinem Panini. »Das Bad-Boy-Prinzip lügt nicht«, fügte ich mit einem Augenzwinkern hinzu.

»Das ist doch Blödsinn«, knurrte Nika, als sich die Tür des Cafés öffnete. Ich hob den Kopf und mein Herz setzte für einen kurzen Augenblick aus.

Mein Blick wanderte von den hellen Sneakers über die dunklen Jeans hinauf zur Taille, über das enge Shirt, das die Muskeln darunter fest in seinem Griff hatte. Weiter nach oben den Hals entlang und über die vollen Lippen bis hin zu den braunen Augen. Wie ein Bild setzte er sich vor mir zusammen.

Ben.

Ich hatte zwar damit gerechnet, ihn bald wiederzusehen, aber genau in dem Moment, in dem wir darüber sprachen, das war schon ein merkwürdiger Zufall … oder eben nicht?

Nika fuhr fort: »Was ist los? Was schaust du denn so?« Als sie meinem Blick folgte, breitete sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus. »Das gibt’s doch nicht, das war doch ausgemacht?«, flüsterte sie. Ich schüttelte den Kopf.

»Das ist Ben!«, rief Kaia.

»Pssst jetzt«, raunte ich den beiden zu und bedachte sie mit einem bösen Blick. »Schaut nicht so hin! Und Kaia, geht’s noch lauter? Er merkt es und fühlt sich gleich noch heißer.«

Sie hob eine Braue. »Du findest ihn also heiß? Du hast es zugegeben!« Ben sah hoch, entdeckte uns und lächelte.

»Na toll, er hat uns gesehen«, stöhnte ich auf.

»Ja und? Was ist daran so schlimm?«, fragte Nika mit einem unschuldigen Augenaufschlag. »Wir trinken Kaffee.« Sie schaute sich verstohlen um. »Er übrigens auch.«

»Prima«, scherzte ich. Nun wandte auch ich vorsichtig den Kopf in Bens Richtung. Er zahlte gerade und ging dann mit einem Kaffee auf seinem Tablett in Richtung des Chillbereichs, in dem Selbstbedienung war. Noch immer lag ein Schmunzeln auf seinen Lippen.

»Und jetzt?«, fragte Nika aufgeregt.

»Nichts. Er ist da, wir sind da.«

Kaia lachte, nur Nika schüttelte den Kopf. »Das meinte ich nicht. Wie geht das jetzt weiter mit euch? Du glaubst, er kommt und fragt noch mal nach einem Date. Und dann?«

Ich zuckte mit den Schultern und rührte in meinem Latte. »Keine Ahnung, ich sag noch mal Nein. Er wird es wieder versuchen. Ich tu so, als würde ich einknicken. Wir machen was. Er wird mich küssen. Danach schiebt er mich weg, will mich eifersüchtig machen. Wird mit einer anderen auftauchen und doch sagen, dass er an mich denkt. Date, Geheimnis und so weiter. Der Ablauf ist immer der gleiche.«

Zweifelnd wiegte Nika den Kopf hin und her. »Ich glaub das ja nicht, aber ich lass mich überraschen.«


»Jetzt sitzen wir schon eine halbe Stunde hier und Ben ist immer noch nicht aufgetaucht«, stellte Nika irgendwann fest.

Ich blickte zu ihm hinüber. Tatsächlich, seit seiner Ankunft saß er vor seinem Laptop, AirPods in den Ohren, und schien nichts um sich herum wahrzunehmen. Anfangs hatte ich gedacht, er würde zu uns an den Tisch kommen oder wenigstens mal zu mir herübersehen, aber dann hatte ich den Gedanken auch wieder verworfen. Denn es wäre zu einfach gewesen. Vielleicht ging der eine oder andere so vor, aber Ben war keiner der Bad Boys, die verzweifelt wirkten. Er war eine Zehn. Und deswegen war er unberechenbar, das hatte ich mittlerweile gelernt. Doch das war gut, denn all das würde ich für den Blog brauchen können. Die Signale waren eben nicht nur Signale, sie waren mehr als das. Sie waren echt.

»Ich muss mal weiter«, unterbrach Kaia meine Gedanken. »Hab noch ein bisschen was zu erledigen. Bleibt ihr?«

Ich tippte kurz mein Handy an, um die Uhrzeit abzulesen. »Ich pack’s auch, muss an der Hausarbeit weiterschreiben.«

Nika seufzte gespielt. »Ich will echt nicht mit euch tauschen. Sorry, aber ich freue mich jetzt einfach auf Alex’ flinke Finger.« Sie hob die Hand und winkte dem Kellner. »Wir zahlen dann, bitte.«

»Das geht auf mich«, sagte Kaia.

Wir sahen sie fragend an. »Das ist doch gar nicht nötig!«

Sie winkte ab. »Doch, weil … also …« Warum druckste sie denn so herum? »Ich wollte es eigentlich nicht einfach so doof sagen, aber wir sind mit unserem Pitch für die App in die Förderung aufgenommen worden und haben sogar gleich einen kleinen Vorschuss bekommen. Und, na ja, jetzt geht’s los, wir werden die App weiter ausbauen und … es ist so abgefahren. Ich habe so viele Ideen.« Sie strahlte übers ganze Gesicht. »Und deswegen will ich euch einladen. Danke, dass ihr immer da seid. Und die App testet?«, fragte sie nervös. »Und danke fürs Zuhören. Ich weiß, dass ich ab und zu mal langweilig bin, ich …«

Nika und ich sprangen gleichzeitig auf und zogen Kaia an uns heran, ohne sie weiter zu Wort kommen zu lassen. »Oh mein Gott, das ist der Wahnsinn. Glückwunsch!«, rief ich. »Das ist genial, ich bin so gespannt, was du dir überlegt hast und wie die App funktioniert. Selbstverständlich testen wir! Und du bist alles andere als langweilig, okay?«

Kaia strahlte wieder. »Danke!«

In der ganzen Aufregung hatten wir den Kellner total übersehen, der inzwischen längst neben uns stand. »Glückwunsch auch von mir«, sagte er. »Macht dann 17,84 Euro.«

Kaia legte ihm einen Zwanzigeuroschein hin. »Stimmt so.«

Lächelnd steckte er ihn ein. »Vielen Dank und bis zum nächsten Mal.«

»Wann hast du das denn erfahren?«, hakte ich sofort nach, als er gegangen war.

»Vorhin. Deswegen wollte ich euch ja sehen.«

Ich runzelte die Stirn. »Aber warum hast du denn nicht gleich was gesagt?«

Sie kicherte. »Ich fand euren Schlagabtausch so interessant.« Ich sah zu Nika und wir mussten gleichzeitig loslachen. Ich hatte so ein Glück mit den beiden.

Als wir unsere Sachen zusammenpackten, fand Nika ihr Handy nicht, also suchten wir danach, bis sie es schließlich doch in ihrer Tasche entdeckte – typisch Nika –, und zusammen gingen wir zum Ausgang. Flüchtig sah ich mich um.

»Willst du zu ihm hingehen?«, fragte Kaia leise.

In diesem Augenblick knuffte Nika mir in die Seite. »Das ist jetzt wohl nicht mehr nötig.«

Denn Ben kam tatsächlich auf uns zu. »Hey«, sagte er, als er vor uns zum Stehen gekommen war, und meine Schwestern hoben gleichzeitig die Hand.

»Hey, na. Du musst Ben sein«, hörte ich Nika sagen. Entgeistert sah ich sie an. Warum tat sie das? Wobei … vielleicht war es auch gar nicht schlecht. Sollte er sich ruhig wichtig fühlen.

»Jap, der bin ich.«

»Ich bin Nika«, sagte meine kleine Schwester. »Kaia«, stellte sich Kaia vor.

»Meine Schwestern«, ergänzte ich und Ben nickte.

»Oh, gleich drei von deiner Sorte.« Ich hob eine Braue.

»Wir sind alle sehr unterschiedlich«, konterte Nika, »und dann mal weg. Viel Spaß noch!« Und schon machten sie auf dem Absatz kehrt. Ben und ich sahen den beiden nach, wie sie das Café verließen, bevor er sich zu mir umwandte.

»Sehr nett, deine Schwestern. Ich wollte mir gerade noch ’nen Kaffee holen. Möchtest du auch einen?«

»Danke, ich hatte erst einen.«

Doch er ließ nicht locker. »Oder einen Espresso? Ich gebe dir einen aus. Obwohl … genau genommen müsstest eigentlich du mir einen ausgeben.« Er musterte mich eindringlich. »Aber egal.«

»Warum denn das?«

»Na ja, wegen des Biers.«

Ich runzelte die Stirn. »Das wolltest du ja nicht.«

»Da wusste ich auch noch nichts vom Ungleichgewicht.« Er zwinkerte mir zu. »Spaß. Also? Wenn wir schon zufällig hier stehen?«

»Meinetwegen.« Ich versuchte, gelangweilt zu klingen, obwohl sich meine inneren Wuhu!-Girls mal wieder meldeten.

Nachdem Ben die Getränke entgegengenommen und bezahlt hatte, lief er einfach los. Hey, was sollte das? »Ähm, Ben?«, rief ich ihm hinterher, aber er reagierte nicht. Na toll. Ich folgte ihm also zu seinem Platz, wo er die Tassen bereits abgestellt hatte. Lächelnd sah er zu mir auf.

Seufzend setzte ich mich. »Wieso rennst du so schnell?«

»Irgendwie musste ich dich ja an den Platz bekommen. Tja, ich würde sagen, der Plan ist aufgegangen. Schon haben wir ein Date«, verkündete er schmunzelnd. Ich schüttelte den Kopf. »Wie sähe denn dann ein Date für dich aus? Schließlich steht das Gleichgewicht auf dem Spiel«, fragte er noch immer schmunzelnd.

Ich musterte ihn einen Moment lang, versuchte, aus ihm schlau zu werden, und legte dabei den Kopf schief. »Ach Ben«, seufzte ich, um ihm zu zeigen, wie sehr ich mit mir haderte. »Nein, kein Date«, antwortete ich schließlich. »Wieso liegt dir plötzlich so viel daran, mit mir auszugehen? Warst du nicht derjenige, der im Club gesagt hat, ich solle dich in Ruhe lassen? Ich für meinen Teil halte mich daran, du hingegen nicht. Zumindest bist du immer genau dort, wo ich auch bin.«

Lächelnd zuckte er mit den Schultern. »Ich hab’s mir eben anders überlegt.«

Fragend sah ich ihn an. »Aber warum?«

»Ich habe gemerkt, dass es dir leidtut, also verzeihe ich dir und gebe dir die Möglichkeit, es wiedergutzumachen. Mit einem Date.« Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Hatte er das gerade wirklich gesagt?

»Was? Es tut mir gar nicht leid«, verteidigte ich mich.

Er sah mich einen Moment lang durchdringend an. »Lügnerin. Das tut es wohl.« Was hatte er nur immer mit diesem Lügnerin? Langsam beugte er sich über das kleine Tischchen zwischen uns und war nun dicht vor mir. Ich konnte ihm direkt in die Augen schauen. Das Braun darin erinnerte mich an … Oh nein, Lina, denk jetzt bloß nicht an Honig!, ermahnte ich mich selbst.

»Also, wann treffen wir uns?«, wollte er wissen und riss mich damit aus meinen Gedanken. Zum Glück. Was da gerade passiert war, kam mir unwirklich vor. Nach dem verbockten Start schien ich ihn tatsächlich zu interessieren. Was bedeutete, dass ich es ihm nicht so leicht machen durfte.

»Sorry, ich denke nicht, dass das gut wäre …« Ich strich mir eine Haarsträhne aus der Stirn und suchte gleich darauf wieder seinen Blick. Diese Honigaugen. »Ich glaube, das mit uns beiden funktioniert nicht, auch wenn ich es mir kurz gedacht habe.«

Er musterte mich einen Moment, dann lächelte er. »Du lügst schon wieder. Jetzt noch den wahren Grund, bitte.«

»Was soll das? Warum behauptest du andauernd, dass ich lüge?« Ich atmete schwer. Er hingegen ließ sich nicht aus der Fassung bringen.

»Ich durchschaue dich. Also los, raus damit.«

Langsam legte ich den Kopf zur Seite. »Ich lüge nicht, ich … ich meine das so.« Er räusperte sich, sagte aber nichts. Ich seufzte. Es blieb mir wohl nichts anderes übrig. »Okay, ja, es hat mir leidgetan. Aber nur ein ganz kleines bisschen und auch nur ganz kurz. Bis du mich in der Regina so hast auflaufen lassen, dann nicht mehr. Möglicherweise wollte ich am Anfang ein Date, aber jetzt? Nein danke. Du und ich … keine Ahnung, das geht nicht.« Das war nicht mal gelogen. Und genau die richtige Taktik im Hinblick auf die Challenge.

Er nickte. »Ja, das dachte ich auch erst. Deswegen habe ich dich gelöscht. Und wenn ich ehrlich sein soll, fand ich dich ziemlich bescheuert. Und verrückt, echt total verrückt …«

»Wie nett«, unterbrach ich ihn amüsiert.

»Aber dann hab ich dich in der Regina gesehen – und die Schuld in deinen Augen.« Er verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen.

»Die Schuld in meinen Augen? Du bist so …«

»Arrogant, ich weiß. Wie hast du noch gleich zu Anni gesagt: Er ist ein Herzensbrecher, ein Frauenheld, ein Aufreißer. Lass lieber die Finger von ihm. Er hat jede Nacht ’ne andere und du hast nichts davon außer ein paar Minuten Spaß. Falls es überhaupt Spaß bringt, dafür aber jede Menge Herzschmerz.« Verdammt, ja, das hatte ich gesagt. Und er hatte sich echt jedes einzelne Wort gemerkt?

Ich spürte, wie mir die Röte in die Wangen schoss. »So schlimm finde ich dich nicht, aber …«

Er lachte. »Lügnerin!« Nicht schon wieder.

»Was willst du denn jetzt von mir hören? Dass ich genau aus diesem Grund keine Lust auf dich habe? Weil die Alarmsignale knallrot leuchten und ich das, was ich da gesagt habe, in dem Moment erkannt und genauso gemeint habe?«

Er nickte langsam und beugte sich dabei noch ein Stück weiter zu mir. »Okay, ja, das nehme ich dir ab. Das sind klare Worte.« Ich schluckte. »Aber wenn ich wirklich dieser Typ bin, vor dem Mädchen gewarnt werden müssen, warum bist du dann überhaupt zu mir gekommen und hast mir ein Superlike gegeben? Was steckt dahinter?« Wieder glaubte ich, für den Bruchteil einer Sekunde echte Neugier in seinem Blick aufblitzen zu sehen.

Weil wir dich in einem leichten Aperol-Rausch ausgesucht haben. Weil du ein Bad Boy bist. Weil es ein unterhaltsames Spiel sein sollte. Weil ich nach Belegen für meine Theorie suche. Weil du mein Testobjekt bist und wir uns in Stufe zwei befinden.

Natürlich konnte ich ihm das alles nicht sagen. »Äh, also, weil ich …«

»Ja?«

Ich räusperte mich. »Ich weiß nicht. Ich dachte, du könntest vielleicht doch nett sein. Das warst du aber nicht, sondern genauso, wie ich es vermutet hatte. Ich … ich wollte dich nur nicht gleich vorverurteilen und in eine Schublade stecken.« Mir war bewusst, dass ich schwindelte, aber es klang einleuchtend. Am Ende des letzten Satzes brach meine Stimme ein bisschen. Nichtsdestotrotz versuchte ich, seinem Blick standzuhalten.

Noch immer sah er mir tief in die Augen. Würde er jetzt gleich wieder Lügnerin rufen?

Doch er nickte nur. »Gut. Dann würde ich sagen, die Fronten sind geklärt und wir treffen uns, um uns richtig kennenzulernen. Ohne Vorurteile. Einverstanden?« Einen Moment lang ließ ich seine Worte noch sacken: Es könnte tatsächlich funktionieren, die Ausgangslage war eine andere. Er schöpfte keinen Verdacht. Obwohl ich mich schon wunderte, weshalb er mich kennenlernen wollte, das wollten diese Kerle doch eigentlich nie. Jetzt nur nicht zu schnell einknicken, Lina. Erst mal zieren. Und dann zuschnappen.

»Ben, echt, sorry, aber ich glaube, das bringt nichts. Wie gesagt, ich habe das alles so gemeint und … na ja, ein Date geht leider nicht.«

Er kam nun noch ein wenig näher und sah mir tief in die Augen. »Lügnerin«, raunte er mir zu.

Auf einmal spürte ich seine Hand sanft auf meinem Knie und mein Herz begann, heftig zu klopfen. »Ich lüge nicht.« Ruhig bleiben, Lina. Alles läuft nach Plan.

»Was wird das jetzt?«

Noch immer lag sein Blick intensiv auf mir. »Macht dich das nervös, Lina?«

»Was? Dass du mich so anstarrst? Oder antatschst? Ähm, nein. Ich bin gegen all das hier absolut immun.« Dennoch rutschte ich vorsichtshalber ein Stück zurück.

»Lügnerin«, flüsterte er nun erneut, und ohne dass ich es wollte, huschte mir ein kleines Lächeln übers Gesicht. Verdammt. Bestimmt hatte er es bemerkt.

»Immun? Von wegen.« Er rückte noch weiter nach vorn.

»Doch, ich bin immun … gegen all deine Tricks. Das schützt das Herz.« Ich schluckte.

Mit einem Mal lachte er. »Wer hat denn gesagt, dass ich es brechen will? Ach, stimmt ja, fünf Minuten Spaß und so. Aber du bist ja immun. Wobei … warum bist du dann so nervös? Nur weil du meine Fingerspitzen auf deiner Haut spürst?«

»Bilde dir mal bloß nichts ein.« Noch immer saßen wir viel zu nah voreinander. »Kein Date, es geht nicht«, bekräftigte ich. »Wir hatten einfach keinen guten Start, wir … wir sollten uns voneinander fernhalten.« Beinahe musste ich über mich selbst lachen. Ben tat es.

»Ach ja? Voneinander fernhalten gleich? Wie theatralisch. Also darf ich mich ab sofort nicht mehr in deiner Nähe aufhalten? Oder soll ich so etwas sagen wie: Ich kann mich nicht von dir fernhalten, Lina, es tut mir leid, bitte gib uns eine Chance?«

Nun konnte auch ich das Lachen nicht mehr länger zurückhalten. »Okay, ja, war ein bisschen zu viel des Guten, aber …aber es macht keinen Sinn«, ergänzte ich schließlich. »Du bist, wie du bist, und ich … na ja, ich muss mich davor schützen.« Ernst legte ich mir eine Hand auf die Brust. Der war gut. Beinahe hätte ich mir selbst auf die Schulter geklopft.

Ben lachte schon wieder dieses ansteckende Lachen. »Ach, komm jetzt.«

»Ich muss dann mal los, aber gut, dass wir das geklärt haben«, sagte ich so tough wie möglich. Ich trank meinen Espresso aus, stellte die Tasse ab und stand auf. Er war mittlerweile kalt geworden. Ich hingegen glühte innerlich und freute mich wie verrückt. »Danke für den Espresso. Vielleicht sehen wir uns bald mal wieder, so ganz zufällig. Heutzutage gibt es schließlich so viele Möglichkeiten herauszufinden, wo sich jemand herumtreibt. Nicht wahr?« Verschwörerisch lächelte ich ihn an.

»Ganz zufällig.« Er zwinkerte mir zu. »Also schön. Wir werden sehen. Möglicherweise finde ich tatsächlich heraus, wo du demnächst bist.«

»Stimmt, meine Nummer hast du ja auch herausgefunden. Illegal zwar, aber na ja …« Er lachte noch einmal. »Also, bis dann, Ben«, sagte ich, ehe ich mich abwandte.

»Wir sehen uns, Lina«, rief er mir hinterher. »Vielleicht schneller, als du denkst.«

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