Kitabı oku: «Raus aus dem Rummel!»
Michil Costa
Raus
aus dem
Rummel!
Ein Plädoyer gegen die touristische Monokultur
Vorwort von Massimo Cacciari

Inhalt
Vorwort von Massimo Cacciari
Einleitung
Alpiner Rummelplatz-Tourismus
Die Reise. Gastfreundschaft und Tourismus
Über die Begegnung
Xenia
Der Tourismus. Von der Industrialisierung des Reisens
Dolomieu
Die Dolomitenfront
Künstliche Beschneiung
Der Tourismus in Südtirol – einige Fakten
Einheimischsein
Die Dolomitenladiner
Gästebetten
Sklavendienste
Neue und alte Modelle
Musik, ein moralisches Gesetz
Wein, Kunst und guter Kaffee
Die Zukunft der Gastfreundschaft
Die Touristen. Menschliches Verhalten und Missverhalten
Sonnenanbeter
Wenn Touristen Ohrfeigen verteilen
Hausgemacht. Ideen und Projekte aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
Maratona dles Dolomites
Die Costa Family Foundation
Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen
Gemeinwohl-Ökonomie
This is the end, beautiful friend. Am Ende einer langen Reise beginnt alles von vorne
Danksagungen
Literaturverzeichnis
Bildnachweis
Vorwort
Michils Buch ist ein langer, mitreißender Ausflug in die Geschichte seiner Berge und deren Metamorphosen, die er miterlebt hat. Es ist ein Streifzug durch Begegnungen, die ihn geprägt haben, und durch Stimmen, denen er gelauscht hat. Wie alle echten Geschichten ist auch Michils Geschichte dramatisch. Er erzählt sie ohne Sentimentalitäten und überflüssige Nostalgie.
Alles Lebende gehorcht der Ordnung der Zeit. Oder existiert eine Dimension des Lebens, die sich dieser Ordnung entzieht? Michil glaubt ganz offensichtlich daran, sicher aber weiß er es nicht und hält deshalb sensibel Distanz zu der Frage. Was wir wissen, ist, dass sich Berge, Wälder, Bäche ebenso verbrauchen wie die Menschen, die mit ihnen zusammenleben. Dass sich etwas verbraucht, bedeutet nicht, dass es sich in Nichts auflöst. Doch es verwandelt sich. Das Problem liegt nun darin, dieser unaufhaltsamen Transformation einen Sinn zu geben, ein Ziel, einen Horizont. Mit seinem Buch, in dem er seine eigene Erfahrung*, sein eigenes Reisen erzählt, versucht Michil ganz ohne oberlehrerhaftes Gebaren aufzuzeigen, welchen Sinn die unausweichliche Transformation der Berge sowie der wichtigen Wirtschaftsstruktur, die sich dort herausgebildet hat, und der menschlichen Aktivitäten, die sie prägen, heute haben kann.
Michil ist ein leidenschaftlicher Unternehmer. Das gefällt mir: So sehr er sein Mutterland* liebt (das Vaterland ist letztlich immer mütterlich), so wenig vergisst er, dass er darin wirkt und arbeitet. Und dass Arbeit auch Gewinn hervorbringen muss, für den Unternehmer selbst und für die anderen. Es braucht intelligente Unternehmer – Michil ist einer und er fordert, dass auch die anderen lernen, solche zu sein. Denn das Erbe muss wertgeschätzt und darf nicht verramscht werden. Das Erbe ist im Wesentlichen Umwelt, Landschaft, Schönheit. Diesen Reichtum zu ruinieren und zu zerstören, käme der Selbstzerstörung gleich. Aufgrund des extrem beschleunigten Wachstums kann das heute sehr schnell geschehen: Gebiete, die sich über viele Jahrhunderte hinweg und bis vor 50 Jahren kaum verändert haben, sind heute von einer Transformation bedroht, die oft genug die Vergangenheit gewaltsam zu leugnen scheint. Michil zeigt uns, dass all dies kein unausweichliches Schicksal sein muss, dass man sich diesen Tendenzen widersetzen kann. Er zeigt es anhand von konkreten Projekten, nicht von abstrakten Utopien. Was er vorschlägt, ist eine konstruktive, realistische Form des Umweltschutzes. Wie unsere Welt sie wirklich braucht.
Ein intelligenter Unternehmer weiß nicht nur, dass der Schutz des Ökosystems, in dem er tätig ist, zunächst ihm selbst obliegt, sondern auch, dass sein Unternehmen, ob er will oder nicht, heute umfassende soziale Auswirkungen hat: im Negativen, wenn das Unternehmen auf sich selbst und seine eigenen „kurzfristigen“ Vorteile fokussiert ist, wenn es aus der „Umwelt“ alle Ressourcen saugt und sich nicht um die „Energie“ kümmert, die es selbst zurückgibt. Im Positiven, wenn das Unternehmen alle Interessen berücksichtigt, die in seinem Handlungskontext vorkommen, und sie, wenn möglich, auch befriedigen will.
Massimo Cacciari
Philosoph, emeritierter Professor für Ästhetik an der Universität von Venedig und ehemaliger Bürgermeister von Venedig
*Deutsch im Original

Einleitung

Ernesto Costa – der Vater von Michil Costa
In unseren Familienbetrieb, das Hotel La Perla in Corvara, stieg ich Anfang der 1980er-Jahre ein. Damals interessierte sich kein Mensch dafür, was Tourismus war und welche Werte er verkörpern sollte. Auch Marketing war kein Thema. Es ging nur darum, die Arbeit zu tun, und zwar so, wie man sie immer schon getan hatte: indem man die Ärmel hochkrempelte und sich richtig reinhängte. Anni und Ernesto, meine Eltern, waren Tag und Nacht im Hotel präsent; das Gastgewerbe lag ihnen im Blut. Von ihrem leuchtenden Vorbild habe ich in all den Jahren am meisten gelernt für meinen Beruf. Um zu begreifen, was echte Gastfreundschaft bedeutete, brauchte ich nur ihrem Beispiel zu folgen. Doch die Zeiten ändern sich. Die 1980er-Jahre liegen lange zurück, und heute stehen wir an einem konkreten Scheideweg. Angesichts eines Tourismus, der zu einem gewaltigen, bedrohlichen Moloch herangewachsen ist, müssen wir eine klare, eindeutige Richtungsentscheidung treffen. Das vorliegende Buch möchte einerseits ein paar Gedanken zu diesem Thema formulieren, andererseits aber auch zum Nachdenken anregen: Welche Route führt uns am ehesten auf einen Gipfel (die Metapher muss erlaubt sein, wir sind Bergbewohner!), der nicht nur aus ungehemmtem Flächenfraß, skrupelloser Raumplanung und reiner Profitgier besteht?
Der Tourismus im Gadertal, einem Südtiroler Dolomitental, das vom Pustertal zum Sellastock und in Richtung Veneto führt, begann Anfang der 1950er-Jahre. Davor lebten die Menschen hier hauptsächlich von der Landwirtschaft. Der Fremdenverkehr bot die große Gelegenheit zu einer wirtschaftlichen Entwicklung, die den harten Gebirgsalltag leichter machte. Es gab damals keine Vorbilder, denen man hätte folgen, auch keine Hotelschulen, die man hätte besuchen können, und schon gar keine Leitideen zum Thema Tourismus, an denen man seinen Betrieb ausrichten konnte. Man war einfach fleißig darum bemüht, den Gast so gut wie möglich zu beherbergen und zu bewirten. Diese Gastgeber der ersten Stunde probierten aus, was funktionieren könnte und was zu ihrem persönlichen Wertesystem passte – Rücksicht, Freundlichkeit, Demut. Nach dem Wirtschaftsboom sorgte in den 1970er-Jahren der aufkommende Wintertourismus dafür, dass Wirtschaft und Bautätigkeit im ganzen Tal aufblühten. Seither macht der Tourismus den Großteil unseres Lebens aus. Ich habe in diesem Buch daher allgemeine Überlegungen zum Thema mit persönlichen Erfahrungen aus meinem Leben verknüpft, von denen ich glaube, dass sie die Tourismuswelt in ihrer Gesamtheit deutlicher und greifbarer machen können.
Heute stehen wir auf dem Gipfelpunkt dieser Entwicklung. Und zugleich vor einem Paradoxon: Die extreme Optimierung innerhalb der Hotelbranche hat den Tourismus so stark industrialisiert, dass bei vielen Akteuren – darunter auch Hoteliers – das Bedürfnis wächst, die touristische Arbeit wieder mit tieferem Sinn zu füllen. Ich selbst bin der Sohn zweier echter Pioniere des Südtiroler Tourismus und der älteste von drei Brüdern. Auch Mathias und Maximilian, meine wunderbaren Brüder, hatten entscheidenden Anteil an der Entwicklung unseres Hotelbetriebs. Nachdem ich selbst die Entwicklung des Tourismus von den heroischen Anfängen in den 1970er- und 80er-Jahren bis heute miterlebt habe, müsste ich eigentlich stolz darauf sein, was wir in einem so abgelegenen Tal wie dem unseren mit harter Arbeit geschaffen haben. Stattdessen kriege ich Bauchweh, wenn von der Tourismusindustrie die Rede ist. Damit wir uns richtig verstehen: Die Industrialisierung des Tourismus kann, wie andere Branchen auch, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht zu positiven Ergebnissen führen, wenn sie richtig angepackt wird. Doch die große Frage, die zu stellen wir nie die Zeit hatten, als der Tourismus in unserem Tal durchstartete, ist bis heute unbeantwortet geblieben: Welchen Sinn, welche Bedeutung soll der Tourismus bei uns haben? Wollen wir eine Industrie, die einzig und allein die Gewinnmaximierung verfolgt? Oder streben wir eine hochwertige Gastfreundschaft an, die auf tieferen Werten wie Solidarität, Gemeinwohl, Nachhaltigkeit und Humanität beruht? Es steht wohl außer Frage, wofür sich die Leute eher entscheiden würden. Doch wenn wir das Thema vertiefen, werden wir feststellen, dass es für uns nur einen Weg aus der touristischen Identitätskrise geben kann, in der wir feststecken: Wir müssen ein Gleichgewicht zwischen diesen beiden Extremen finden und damit zugleich ein harmonisches Verhältnis zwischen dem Menschen und seiner Umwelt. Nur wenn wir Zukunftsperspektiven entwickeln, die einen echten Sinn haben, wenn wir in Gemeinwohl-Zusammenhängen denken, können wir eine konkrete Alternative zum grassierenden Rummelplatz-Tourismus in den Alpen entwickeln. Denn dieser Tourismus verschleißt nicht nur die grandiose Natur, mit der wir beschenkt wurden, sondern bedroht auch unsere Identität. Wir haben keine Wahl – wir müssen handeln. Es liegt in unser aller Interesse.
Alpiner Rummelplatz-Tourismus
Wenn in unseren Bergen die Natur nur noch als Kapital betrachtet wird und Profit das einzige Unternehmensziel ist, wenn touristische Monokultur herrscht statt einer Kultur der Gastfreundschaft, wenn Massentourismus den Platz eines bekömmlichen Miteinanders einnimmt, dann nenne ich das „alpinen Rummelplatz-Tourismus“. Was ich damit meine, ist eine bestimmte Form der Kommerzialisierung. Die Schaffung einer falschen, auf Klischees und vermeintlichen Erwartungen basierenden Vorstellungswelt, der jedes Gefühl und jede Wahrhaftigkeit fehlt. Dieser Tourismus hat für mich fast schon pornografischen Charakter, denn er ist eine obszöne Zurschaustellung ungleicher Kräfteverhältnisse: auf der einen Seite Beton und Spekulation als Faktoren maskuliner Unterwerfung, auf der anderen Seite die Natur, reizvoll und attraktiv, aber unterdrückt und mit all ihrer Schönheit und ihren Reizen zur Prostitution gezwungen. Es geht mir gar nicht um den moralischen Aspekt eines solchen touristischen Betriebs, es ist nur eine Feststellung: Diese Form des Tourismus bedeutet das Ende des Tourismus. Ich bin aber überzeugt, dass der Tourismus eine Zukunft haben kann. Dass er sich neu erfinden kann. Dazu muss er den großen Rummel, den er selbst geschaffen hat, hinter sich lassen. Das funktioniert nur, wenn der Tourismus in eine neue Dimension übergeht. Eine Dimension, in der das Prinzip der Gastfreundschaft die verdiente Wertschätzung erfährt.

Anni Costa mit den Söhnen Mathias und Michil
Es war irgendwann Anfang der 1980er-Jahre – die touristische Entwicklung der Alpen war in vollem Gange und der ganz große Boom gerade vorüber – als allmählich das alte, tradierte Bewusstsein von Gastfreundschaft verloren ging und sich stattdessen das künstliche Inszenieren alpiner Kultur breitmachte. Man begann, nostalgisch eine heile Märchenwelt zu stilisieren, à la Heidi auf der Alm, die es in dieser Form wahrscheinlich nie wirklich gegeben hatte: urige Holzhütten und Herzchen, Dirndl und Strudel, heitere Volksmusik, warme Kachelöfen und eine Oberflächlichkeit, die hart an primitivste Heuchelei grenzte. Diese pseudoalpine Soße wurde über die ganze touristisch Bergwelt ausgegossen – die Disneyfizierung des Alpentourismus nahm ihren Lauf. Ohne Halt und ohne jeden Respekt für das, was echte einheimische Kultur ist, echte Geschichte, echte Traditionen. Diese waren allenfalls noch für Marketingkonzept gut. Richtig erfolgreiche übrigens. Die Botschaft für die Massen lautet bis heute: „Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd.“
Der pornografische Charakter dieser Form des Tourismus liegt für mich auch darin, dass er dem gesunden Menschenverstand zuwiderläuft. Nach außen hat er eine glänzende Oberfläche, doch in Wahrheit ist er entstellt und sinnentleert. Er soll die Menschen erregen und Fetisch-Bedürfnisse befriedigen. Es ist ihm gelungen, die über Jahrtausende hinweg in der Bevölkerung fest verwurzelte Heiligkeit der Berge zu entweihen; er hat mentale und territoriale Grenzen überschritten, Gipfel erobert, sie den Massen zugänglich gemacht und zu banalsten Konsumartikeln herabgewürdigt.
Im Supermarkt der Menschheit wird ein vorübergehender Zustand von Landschaft als zeitlose Originallandschaft gesehen. Auf diese Weise schafft jede Generation ihre eigene, scheinbar zeitlose Vergangenheit und zerstört dabei die Vergangenheit ihrer Väter – so der Schweizer Soziologe Lucius Burckhardt. Was ich anprangere, ist ein Tourismuskonzept, das auf einer verfälschten, verzerrten Darstellung der Wirklichkeit beruht und zu diesem Zwecke jeden Tag aufs Neue die Natur zerstört, weil völlig das Verständnis fehlt, dass in dieser Natur in Wirklichkeit unsere Erlösung liegt. Diesem Konzept des rücksichtslosen Rummelplatz-Tourismus stelle ich eine Kultur der Gastfreundschaft gegenüber.
Der große Unterschied zwischen den beiden Ansätzen liegt darin, wie wir Gastfreundschaft interpretieren, wie wir sie leben. Es geht um den Gegensatz zwischen Echtem und Falschem, zwischen Aufrichtigkeit und Inszenierung, zwischen dem einzelnen Menschen und einer unpersönlichen Tourismusmaschinerie, zwischen Tiefe und schnelllebiger Euphorie, zwischen Authentizität und Fiktion. Im Rummelplatz-Tourismus bemisst sich der Wert eines Touristen hauptsächlich nach seinem Beitrag zum Business. In der Kultur der Gastfreundschaft wird Natur weder zerstört noch ausgebeutet. Sie schärft vielmehr das Bewusstsein dafür, dass die ökologische Auslaugung unserer Welt Hand in Hand geht mit der Verödung der Menschen selbst.
Die folgenden Seiten sind die Frucht meiner persönlichen Erfahrungen als Hotelier und Hotelierssohn. Mein Privatleben hat ebenso Eingang gefunden wie allgemeine Fakten. Manche Empfindungen haben sich zu Feststellungen verdichtet. Dabei vergeht die Zeit und Tag für Tag nimmt sie immer deutlicher die Form eines Berges an, dessen Gipfel wir unbedingt ersteigen möchten. Auf Zehenspitzen und ohne Lärm zu machen.
Anmerkung: In diesem Buch verwende ich viele Zitate aus der griechisch-römischen Antike. Dies geschieht einerseits aus großer Begeisterung für die hellenische Kultur und andererseits, weil diese sich meiner Meinung nach hervorragend eignet, um eine Verbindung zwischen den verschiedenen historischen Epochen und Gesellschaftsformen herzustellen. Die Klassiker helfen uns, die Welt besser zu verstehen, und sie helfen auch uns selbst. Weisheit ist der rote Faden, der die Menschheit – und zwar die ganze Menschheit – zusammenhält.
Wer die Gegenwart zu verstehen sucht, indem er über die Vergangenheit nachdenkt, wird leichter erkennen, wie die Zukunft aussehen könnte.
Die Reise
Gastfreundschaft und Tourismus

Da sah ich ein, dass der Mensch (…)
das Tun Gottes in seiner Ganzheit nicht wieder
finden kann,
das Tun, das unter der Sonne getan wurde.
Deshalb strengt der Mensch, danach suchend, sich an
und findet es doch nicht wieder.
Selbst wenn der Gebildete behauptet, er erkenne –
er kann es doch nicht wieder finden.
Kohelet
Über die Begegnung
Gemeinschaft, Kultur und Umwelt
Es war einmal ein Gebirge mit allem, was dazugehört: eisigem Wind, Schneehühnern und blau schimmernden Gletschern im Winter; nickenden Glockenblumen und samtigen Edelweiß im Sommer. Eine Welt im Gleichgewicht. Gämsen kletterten auf der Suche nach dem ersten Frühlingsgrün die Kare hoch, und im Herbst sammelten die Murmeltiere fleißig Futter für die Wintermonate. Dieses Gebirge war weder schön noch hässlich; es war einfach da, seit Jahrmillionen schon. Dann kamen die ersten Menschen des Weges. Sie gingen noch gebeugt, aber schon auf zwei Beinen. Sie hatten sich Tierfelle übergeworfen und trugen Pfeile und rudimentäres Steinwerkzeug mit sich. Die Natur war feindlich, überall drohte Gefahr. Als die Menschen das Gebirge sahen, warfen sie sich vor ihm zu Boden. Die nächsten Jahrtausende bewunderten sie diese Berge immer nur von unten. Ihre Gipfel zu entweihen, wagten sie nicht. Das Gebirge kam ihnen schön vor, großartig, strahlend und majestätisch, weckte aber auch Angst und Beklemmung, wie alles Heilige. So sah die erste Begegnung zwischen den Menschen und den Dolomiten aus. Danach dauerte es nicht mehr allzu lange, bis die ersten Forscher anreisten, Wissenschaftler, Geologen. Auf den Schotterkaren, einst exklusives Revier der Gämsen und Steinböcke, waren nun Menschen unterwegs, die von weit her gekommen waren. Auf deren anfängliche Entdeckerfreude folgte die Lust am Besitz. Die Menschen griffen zu Sprengminen und Dynamit; aus Begegnung wurde Zusammenstoß. Erst brachten die Menschen in diesem Gebirge nur die Tiere um, später auch sich gegenseitig. Am Schluss schlossen sie wieder Frieden, setzen sich an einen Tisch, sprachen miteinander. Und machten sich dann gemeinsam daran, weitere Orte zu erobern, die einst als unzugänglich gegolten hatten. Sie fuhren übers Meer, zu den Polen, gruben sich tief in die Erde hinein. Ihr Eroberungshunger war unersättlich. Selbst auf dem Mond landeten sie.
Jedes Mal, wenn ein Mensch in der Vorzeit einem anderen begegnete, hatte er die Wahl zwischen drei Möglichkeiten: Er konnte dem anderen die Keule über den Kopf ziehen, sich wie ein scheues Reh vor ihm verstecken oder aber mit ihm sprechen. Wenn Menschen miteinander sprachen, konnten sie einander verstehen, und wenn sie einander verstanden, konnten sie gemeinsam die Welt erobern. Jede Eroberung beginnt mit einer Reise. Die ganze Menschheitsgeschichte dreht sich ums Reisen, als wäre das Reisen ihr eigentlicher Wesenskern. Die legendärste Reise überhaupt ist die Odyssee. Odysseus, der Listenreiche, unterscheidet sich von anderen Heldengestalten. Er duelliert sich nicht gern; lieber lockt er den Gegner in einen Hinterhalt. Er verkörpert den Typ Mann, der die Hürden des Lebens mit Fantasie, Neugier und Intelligenz nimmt. Weil er aber permanent betrügt und täuscht, zieht er sich den Zorn der Götter und der Menschen zu. Zur Strafe muss er jahrelang über die Meere irren. Er muss viele furchtbare Prüfungen überstehen, bevor er auf seine Heimatinsel Ithaka zurückkehren darf. Odysseus wird als Held sehr unterschiedlich interpretiert: Homer hebt ihn in den Himmel, in der Vorstellungswelt und Literatur späterer Epochen dagegen gilt er als Negativbeispiel, als die Verkörperung von Hinterlist, Gewalt, Zynismus und Perfidie. Im Theater des antiken Athen etwa fungiert Odysseus oft als negativer Protagonist, als dreister Erdenbürger ohne Respekt für die guten alten Werte. Bei Dante wird Odysseus in die Hölle verdammt; hier steht er für das Aufbegehren des Menschen gegen die von Gott gesetzten Grenzen, zugleich aber auch für die unwiderstehliche Faszination des Wissensdurstes. Erst die Romantik verhilft Odysseus wieder zu Wertschätzung, weil sie in ihm einen dieser Helden erkennt, die tapfer gegen ihre Bestimmung ankämpfen. Im 20. Jahrhundert beschreibt James Joyce in seinem Ulysses den Archetypus des Vagabunden, des modernen Mannes mit all seinen Alltagsqualen. Was das endlose Herumirren – oder Herumreisen – des Odysseus grundsätzlich auszeichnet, ist das mutige, heroische Überschreiten der Grenzen des Bekannten. Eine Reise verwandelt den Reisenden von dem Moment an, in dem er sie antritt. Sie macht ihn zu einem anderen Menschen, projiziert ihn an andere Orte. Als läge das eigentliche Ziel nicht im Besuch unbekannter Orte, sondern im Annehmen einer neuen Sichtweise, im Blick in die Ferne und in sich selbst. Odysseus verkörpert die Gestalt des mutigen Reisenden der Antike. Im Reisen sucht er nicht nur Freiheit und Wissen, sondern irgendwann auch wieder sein Zuhause, was sich in gewisser Weise paradox anhört. Claudio Magris schreibt: „Reisen heißt, sich immer gleichzeitig im Unbekannten und zu Hause zu fühlen, und das im Wissen, kein Zuhause zu haben, kein Haus zu besitzen. Wer reist, ist immer ein Streuner, ein Fremder, ein Gast.“ Wenn einer nach einer Reise nach Hause zurückkehrt, findet er stets einen anderen Ort vor als den, den er verlassen hat – auch wenn er genauso aussieht wie vorher.
Reisen helfen uns dabei, alte Zwänge und Gewohnheiten loszuwerden. Neues kennenzulernen, um sich auf diese Weise selbst zu ergründen, ist ein menschliches Urbedürfnis. Doch eine Reise, die derart in die Tiefe geht, darf nicht oberflächlich verlaufen; sie muss klug, bewusst und ohne Hektik angegangen werden. Sie bedeutet die Rückkehr in uns selbst, in das griechische „Nostos“. Aus diesem „Nostos“ hat sich übrigens der Begriff der Nostalgie entwickelt – Entbehrung und Schmerz sind damit gemeint, zugleich aber auch Wissen und Trauer um Dinge, die wir geliebt haben und die uns verloren gegangen sind. Dieser tief verwurzelte, menschliche Urinstinkt ist immer schon die Quintessenz all unseres Reisens gewesen. Heute versuchen die Menschen meistens, die Mühsal des Reisens durch immer raffinierteren Komfort abzumildern, doch das stumpft leider auch ab. Was bleibt dann noch von unserer Reiseerfahrung? Höchstens, etwas Neues gesehen zu haben. Aber nicht, wirklich gereist zu sein. Zu langsamer Fortbewegung ist der Mensch offenbar nicht fähig. Immer will er noch einen Zahn zulegen. „Citius, altius, fortius“ – „Schneller, höher, stärker“ – lautet das Motto der Olympischen Spiele der Neuzeit. „Lentius, profundius, suavius“ setzte dem Alexander Langer entgegen, der 1995 verstorbene Umwelt- und Friedensaktivist aus Südtirol. Sein viel zitiertes „Langsamer, tiefer, sanfter“ war ein fantastischer Gegenvorschlag. Langer wollte es slow, wie wir heute sagen, wollte bewusst praktizierte Langsamkeit statt des zwanghaften Hyperwachstums unserer jüngeren Vergangenheit. Anfang des 20. Jahrhunderts, als alle glaubten, dass man mit Tempo, Technik und Wissenschaft die Probleme der ganzen Welt in den Griff kriegen könne, bekamen wir den Beweis dafür geliefert, dass das große Wettrennen um den Fortschritt auch gewaltig schiefgehen konnte: Im April 1912 sank die Titanic, der größte und luxuriöseste Dampfer aller Zeiten. Mit ihr ging der große Traum der Belle Époque unter, in die Tiefe gezogen von übertriebenem Hedonismus, heiß gelaufener industrieller Revolution, zu vielen Missverständnissen. Die Titanic sank, weil sie die Schnellste sein wollte. Die Belle Époque selbst läutete mit ihrer Maßlosigkeit die Katastrophe aller Katastrophen ein: Der Krieg, der das Ende aller Kriege hätte bedeuten sollen, entwickelte sich zu einem insgesamt 30 Jahre währenden Konflikt aus zwei Weltkriegen, die nur von einer kurzen Waffenruhe unterbrochen wurden. Die Titanic, die schon mal in eine glänzende technologische Zukunft vorfahren sollte, brachte die Menschheit in Wirklichkeit ganz woandershin.
Wahren Fortschritt bedeutet eine Reise erst dann, wenn sie uns näher an unsere Mitmenschen heranbringt. Wenn sie eine bessere, leichtere, freiere Welt möglich macht. Wohin soll uns unsere Reise führen? Darum soll es in diesem Buch gehen. Zwei Wege sind bereits vorgezeichnet. Es gibt den breiten Highway für den unbewusst Reisenden, den Touristen (einen Typ Mensch, der vermutlich irgendwo in großem Stil vom Fließband läuft), der sich hauptsächlich für oberflächliche Spaß- und Konsumerlebnisse interessiert. Seine Reisen dienen dem Zeitvertreib. Auf der anderen Seite haben wir den Wanderweg für den bewusst Reisenden, der unterwegs alle Sinne einsetzt, der hören, sehen, schmecken und riechen will. Der reist, um den Kopf frei zu bekommen, und der alles Neue und Unbekannte begeistert aufsaugt.
Dieser Reisende traut sich, Bekanntes hinter sich zu lassen; er reist um des Reisens willen. Tourismus ist heute sowohl für die Nachfrage- als auch für die Angebotsseite eine Art kulturelles Nebenprodukt, das den Bewegungsdrang der Menschen instrumentalisiert, um ihn auf einen Konsumartikel reduzieren zu können. Alles basiert auf der Formel des Gebens und Nehmens. Doch die ist angesichts von Tauschgeschäften, die immer gleichförmiger, immer banaler und vorhersehbarer werden, zu einer recht inhaltslosen Gleichung geschrumpft.
Der persische Mathematiker, Philosoph und Dichter Omar Khayyam behauptete, dass Menschen, die reisen, zweimal leben. Reisen macht uns zu aufgeschlossenen, vielleicht sogar zu besseren Menschen. Wir lernen andere Kulturen und Traditionen kennen und schätzen. Jede Reise ist eine Entdeckungsreise, und jede neue Erfahrung lässt uns innerlich wachsen. Denn auch das gehört zum Reisen: der Abschied von vermeintlichen Sicherheiten und Überzeugungen, der Abstand vom Alltagstrott, das Auskommen ohne die vertrauten Gewohnheiten, das mutige Herumstammeln in einer fremden Sprache, die weit aufgesperrten Ohren und Augen, die Lust auf neue Erkenntnisse.
Heute wird als Synonym zum Reisen oft der Begriff Tourismus verwendet (der übrigens vom französischen Verb „tourner“ abstammt, „sich wenden, sich drehen“). Ich fände es schön, wenn wir, die wir im Tourismus arbeiten, uns eine gemeinsame Grundhaltung zu eigen machen würden. Fragen wir uns doch mal, was wir für die anderen tun können. Was kann zum Beispiel ich, Hotelier, für dich tun, ladinischer Bauer, der du in meinem Dorf lebst? Und was kann ich für dich tun, Fischhändler, der du morgens um vier Uhr in Chioggia an der Adria losfährst und all die Serpentinen zu uns in die Dolomiten hochkurvst, um uns mit frischem Fisch zu versorgen? Oder für dich, bosnisches Zimmermädchen, das du deine Familie zurückgelassen hast, um eine ganze Saison lang zu putzen und die Betten zu machen? Was kann ich für dich tun, junger Nigerianer, der du seit sechs Jahren in Italien lebst, die niedrigsten Arbeiten verrichtest und immer noch keine Aufenthaltsgenehmigung besitzt, die wir dir verweigern, weil du ja unseren wirtschaftlichen Interessen schaden könntest? Und was kann ich für euch tun, ihr amerikanischen, russischen und chinesischen Touristen und Touristinnen? Die Antwort darauf lautet immer gleich: Begegnung. In all diesen unterschiedlichen Situationen kann ich (in diesem Fall: der Hotelier) die Bedingungen für echte, authentische Begegnungen schaffen. Echte Begegnungen sind das Salz des Lebens, ein Geschenk des Himmels. Sie lassen uns Verständnis füreinander finden, unabhängig von Kultur, Religion oder Herkunft. Erst wenn wir das Prinzip echter Begegnung verinnerlicht haben, können wir den Tourismus mit neuen Werten füllen und den Touristen mit dem Reisenden wieder in Einklang bringen. Unsere Branche kann diese aussöhnende Dimension besitzen, kann die Wunden heilen, die das Leben geschlagen hat. Dazu muss sie sich allerdings wieder ein solides, wertiges Fundament bauen, das nicht nur aus Klischees und bequemen Marketinglösungen besteht. „Wir“ und „die anderen“, das sind keine zwei voneinander getrennten Einheiten. „Wir“ und „die anderen“ können und sollen zusammenleben und uns gegenseitig beeinflussen, weil davon letztlich beide Seiten profitieren. Gerade in meiner Dolomitenheimat sollte uns diese Erkenntnis leichtfallen, denn als ladinische Minderheit wissen wir genau, wie viel Energie, wie viel Fruchtbares wir aus dem Anderssein schöpfen können. Warum also Angst haben vor dem, der anders ist? Konzentrieren wir uns lieber auf die positiven Kräfte, die aus Diversität entstehen. Der Weg dahin ist mühsam und steinig. Begeisterung allein reicht nicht, um ans Ziel zu kommen; es braucht auch Mut, Demut und Wissen. Und gegenseitigen Respekt.
Gastlichkeit heißt liebevolle Sorge um jedes Detail: die Stuben im Hotel La Perla.
Durch echte Begegnung können wir die Distanzen reduzieren und anderen Menschen wahre Gastfreundschaft entgegenbringen. Idealerweise nähern wir uns dem anderen auf seiner eigenen Ebene. Eine echte Übung in Demokratie. Demokratie bedeutet nämlich keineswegs, dass alle Menschen absolut gleich sind. Sie fordert allerdings, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft aufeinander zugehen, einander begegnen, zusammenleben. Man kann den Beruf des Gastgebers ergriffen haben und es zugleich an wahrer Gastfreundschaft fehlen lassen, und man kann gastfreundlich sein, ohne über luxuriöse Hotelzimmer, eine tolle Küche, ein sensationelles Panorama zu verfügen. Ich habe da mal den Schriftsteller Erri De Luca um seine Meinung gebeten: „Wir sind ungebetene Gäste auf einem uralten Stück Erde“, hat er mir geantwortet. „In den Bergen, in den Dolomiten, die ich zu besteigen gelernt habe, ist das Gefühl besonders stark, ein Fremder zu sein, der nur auf der Durchreise ist, der keine Spuren hinterlassen darf.“
Ein Gastgebertum, das nach außen hin makellos wirkt, kann richtig schlecht ankommen, wenn keine aufrichtige Gastfreundschaft dahintersteckt. Ähnliches gilt für den Umgang mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wenn die sich in einem Betrieb wirklich willkommen und herzlich angenommen fühlen, arbeiten sie viel besser, hängen sich rein, wenn Probleme zu lösen sind, nützen sich bietende Gelegenheiten positiv. Wer dagegen nur aufgrund kühlen Kalküls eingestellt wird, fühlt sich im besten Fall irgendwie toleriert, wird sich deshalb auch nicht mit dem Betrieb identifizieren und im Zweifelsfall nur an sich denken und nicht an das große Ganze. Gastgebertum muss stets echte Gastfreundschaft mit einschließen. Und die drückt sich ebenso wenig in unterwürfigem Servilismus den Gästen gegenüber aus wie in selbstherrlichem Auftreten gegenüber den Mitarbeitern. Ein guter Gastgeber beschäftigt sich gerne mit seinem Gegenüber. Wenn er das tut, hilft er nicht nur dem Touristen dabei, ein wahrer Reisender zu sein. Er begibt sich dadurch auch selbst auf Reisen, ohne einen Schritt vor die Tür tun zu müssen. Wichtig ist, dass er echte Liebe in sein Tun steckt. Liebe ist Leben und Leben ist Wahrheit. Hotelier zu sein, ist kein Beruf. Es ist eine Berufung. Hotelier zu sein, heißt nicht nur, Zimmer zu vermieten. Es bedeutet, das Wesen der Menschheit zu ergründen. Die Begriffe Gemeinwohl und Gesamtvermögen passen an dieser Stelle gut. Gesamtvermögen ist die Summe aller individuellen Güter, das Gemeinwohl dagegen ist das Produkt dieser Güter, also das Ergebnis einer Multiplikation. Das Gemeinwohl ist etwas, das sich nicht in seine Bestandteile auflösen lässt, weil es nur in einem gemeinschaftlichen Akt erreicht werden kann. Es ist das Ergebnis der Beziehung des Einzelnen mit der restlichen Gemeinschaft. Ein guter Hotelier hat das Gemeinwohl im Sinn.
In Ovids Metamorphosen, welche die Denkweise der damaligen Zeit hervorragend widerspiegeln, gibt es eine bewegende Geschichte, die gut zu unserem Thema passt. Es geht um das greise Ehepaar Philemon und Baucis. Sie sind die einzigen Bewohner ihrer Stadt, die Jupiter und Merkur gastfreundlich aufnehmen, als diese nach einem Dach über dem Kopf und einer Mahlzeit suchen. Denn natürlich sind die beiden Götter nicht erkennbar als solche unterwegs, sondern in Menschengestalt. „Hunderten nahten sie schon von Häusern und baten um Obdach; Hunderte schlossen sich. Doch eines gewährete Einlass. War’s auch niedrig und klein und gedeckt mit Stoppeln und Schilfrohr. Baucis, das biedere Weib, und ihr gleich an Alter Philemon waren alldort in der Hütte vereint in den Jahren der Jugend. Waren gealtert in ihr, und die Armut offen bekennend, machten sie diese sich leicht und erträglich mit heiterem Gleichmut.“ Offensichtlich war auch Ovid schon der Unterschied zwischen kühlem Gastgebertum und echter Gastfreundschaft geläufig. Und er wusste, dass die herzliche, ehrlich gemeinte Aufnahme eines Gastes ein auf den ersten Blick vielleicht wenig attraktives Heim in einen wunderbaren Ort verwandeln konnte. „Als nunmehr die Bewohner der Höh’ dem bescheidenen Wohnsitz waren genaht und gebückt durch die niedrigen Pforten getreten, hieß sie der Greis ausruhen vom Weg auf gebotenem Sessel […]. Kohl dann, welchen der Mann im gewässerten Garten gesammelt, streifte sie ab. Er nimmt mit der doppelzinkigen Gabel oben vom schwarzen Gebälk den rußigen Rücken des Schweines, schneidet ein mäßiges Stück alsdann von dem lange bewahrten Vorrat ab.“ Wir sehen: Ein wirklich gastfreundlicher Mensch ist bereit, auch mal mit seinen Gewohnheiten zu brechen, und fähig, das Wohl des anderen eine Zeit lang über das eigene zu stellen. Auf einem schlichten Weidengeflecht breiten die beiden Alten schließlich ein Tuch aus und stellen einen wackligen Tisch darauf. Sie bitten die Götter, daran Platz zu nehmen, und bringen von der Feuerstelle das fertige Essen herbei, den Wein, vielerlei Früchte. Ihre Gesichter sind gut, „freundliche Mienen“, schreibt Ovid. Mit „gern hergebendem Willen“ bewirten sie die Götter verschwenderisch und ohne Hintergedanken. Bewegt von so viel aufrichtigem Altruismus geben sich die Götter zu erkennen. In Philemon und Baucis steckt die ganze Schönheit aufrichtiger, von Herzen kommender Gastfreundschaft. Eine Gastfreundschaft, in der sich der Gastgeber wirklich einbringt und ganz selbstverständlich das verlässt, was wir heute unsere „Komfortzone“ nennen. Wenn ich Gastfreundschaft zu meinem Beruf gewählt habe, dann muss ich bereit sein, Opfer zu bringen. Wahre Gastfreundschaft ist eine Kunst.
Xenia
Gastfreundschaft auf altgriechische Art
Aber ich liebe die Zartheit
und Eros hat für mich die Schönheit und das Licht
der Sonne erwirkt.
Sappho
Sappho war eine griechische Dichterin der Antike und auf der Insel Lesbos zu Hause. Sie weidete sich an der Schönheit der Natur und der anderen Dinge ihrer Umgebung, litt aber zugleich darunter. In ihren Versen erzählte sie kraft- und ausdrucksvoll von dieser Liebe, die ihr Qual und Lebensinhalt zugleich war, Licht und Atem, etwas, ohne das sie nicht sein konnte. Wenn in Sapphos Gedichten von Gastfreundschaft die Rede ist, dann geht es um Gaben. In diesem Sinne interessant ist auch die Passage der Odyssee, in der Odysseus nach seinen Irrfahrten zurück nach Ithaka kommt und seine Frau Penelope anspricht. Odysseus hat sich als Bettler verkleidet, damit Penelope ihn nicht erkennt. Er berichtet ihr, dass ihr Mann zurückkehren wird. Sie, die treue und weise Ehefrau, antwortet: „Fremdling, erfülleten doch die Götter, was du geweissagt! Dann erkenntest du bald an vielen und großen Geschenken deine Freundin.“ Ja, Gastfreundschaft ist ein Geschenk. Bei den alten Griechen hatte sie einen Namen – xenia.
Die Kunst der Gastfreundschaft geht auf die griechische Antike zurück. Der Begriff xenia kommt vom griechischen Wort xenos, Fremder, den gastfreundlich aufzunehmen ein Gebot war. Aischylos erzählt in der Tragödie Die Schutzflehenden von den Töchtern des Danaos, die vor Vergewaltigungen und den daraus resultierenden Zwangsverheiratungen aus Ägypten fliehen und in Argos um Aufnahme bitten. Pelasgos, der König von Argos, fürchtet den Zorn der Ägypter, doch dann beschließt die Stadtversammlung, dass den Frauen Gastfreundschaft gewährt werden müsse. Auch Homer bezieht sich auf die xenia, als die Phaiaken den nach einem Schiffbruch gestrandeten Odysseus gastfreundlich aufnehmen: Sie statten ihn mit einem neuen Schiff aus und ziehen sich dadurch den Zorn von Poseidon zu. Im antiken Griechenland wurde Gastfreundschaft weniger als Option denn als ethische Verpflichtung verstanden. Sie galt als Wert für sich und als Gabe, die stets zu erwidern war. Die Gastfreundschaft verband die gebenden und die empfangenden Familien. Auch symbolische Tauschobjekte spielten oft eine Rolle – ein Stück Holz oder ein zerbrochener Stein –, die von Generation zu Generation weitergereicht wurden.
lied der einfallslosigkeit
geliebtes land
aus kuhglocken gebaut &
gasthausrauferei
kind des wetters
mutter der trauben
schnaufen der winde
alpenglut
an gruenen fluessen
& zu fueßen
ein erschlagner wurm
traute gassen
buergersinn stolzer bauernmut
dem welschen feind & schlechter
als der
kind des wetters
mutter der trauben
innige doerfer
blauer schurz & stiere
autonom
heiden im rock der schuetzen
feuerwehr musik
hackbretter zithern
jodeln kann keiner
dem herzen des gottes verschworen
& ueber allem schwebt der henngeier
Norbert C. Kaser
Dieses Gedicht des radikalen Südtiroler Lyrikers Norbert C. Kaser wirft ein ganz eigenes Licht auf die heimische Gastfreundschaft. Die alten Griechen gewährten Fremden ihre Gastfreundschaft, noch ohne zu wissen, wie diese hießen und woher sie kamen: Die Basis solcher Beziehungen war und ist die Gemeinschaft, und zwar in ihrer innersten, feinsten Bedeutung. Gemeinschaft, in der echte Gastfreundschaft ausgeübt wird, ist eine menschliche Gemeinschaft. Für uns im Hotel bedeutet das zum Beispiel Menschlichkeit den Lieferanten gegenüber. Es bedeutet Gastfreundschaft der herzlichen und aufrichtigen Art gegenüber denjenigen, denen die alten Griechen und Griechinnen nie ihre xenia verweigert hätten, also Essen und Unterkunft. Erst recht nicht, wenn sie von weit her kamen. Heute gilt wie damals: Wer an unsere Tür klopft, möchte bei uns kostbare Zeit verbringen. Egal, ob er mit dem Privatjet ankommt oder mit dem Flüchtlingsboot. Wenn wir alle diese Einstellung teilen, wird sich der auswärtige Besucher bei uns nie wie ein Fremder vorkommen. Auch die Mitarbeiterin wird sich gut aufgehoben fühlen und auch ich, der Hotelier. Als Mensch unter Menschen.
Die Grundlagen, die wir dafür brauchen, sind wieder mal Wissen, Bildung, Schulung, Erziehung. Ignoranz zählt zu den großen Übeln unserer Welt. Auch für Gastfreundschaft und Tourismus werden heute Wissen und Kultur benötigt. Im Tourismus geht es darum, die Schönheit und Kultur einer Region zur Geltung zu bringen. Es kann kein echtes Leben geben ohne Kultur und ohne Kunst. Unfreiwillige Kunst eingeschlossen. Wie Gilles Clément zum Thema „unfreiwillige Kunst“ so treffend gesagt hat: Für den, der beobachten kann, ist alles Kunst. Und es ist ja keineswegs so, dass sich Kunst und Kultur in einer elitären Blase befänden, im Gegenteil – sie sind überall zu Hause, von den heruntergekommensten Vororten bis hin zu den abgelegensten Gebirgstälern. Das Problem liegt eher darin, dass wir sie häufig nicht an uns heranlassen. Dabei sind Kunst und Kultur eine mächtige Form des Widerstands gegen die Verführungskraft des Hässlichen.
Die Qualität eines Restaurantkellners bemisst sich nicht nur nach seiner Effizienz. Wirklich gut ist er erst, wenn er auch Empathie und psychologische Kenntnisse mitbringt. An der Rezeption brauchen wir Mitarbeiterinnen, die verinnerlicht haben, dass niemand eine zweite Chance bekommt, um einen (guten) ersten Eindruck zu machen. Und die wissen, dass man als gastfreundlicher Hotelmitarbeiter auch die Wandersleute freundlich grüßt, die nur mal schnell aufs Klo wollen. Wichtig ist weniger, was wir tun, sondern wie wir es tun. Ein Gästezimmer kann perfekt gereinigt, jede Oberfläche auf Hochglanz poliert sein. Doch warme Gastfreundschaft strahlt es erst dann aus, wenn der Gast spürt, dass jedes Detail bedacht wurde. Wir streuen zum Beispiel Rosenblätter in die WCs. Das steht zwar in keinem Hygiene-Handbuch, doch der Gast nimmt es wahr und fühlt sich umsorgt und umhegt. Auch in der Küche ist es mit eiserner Disziplin allein nicht getan; auch hier braucht es Empathie und ein gutes Gleichgewicht für ordentliche Ergebnisse. Am besten fangen wir einfach damit an, ein paar schlechte Angewohnheiten auszumerzen – nicht nur in der Hotelbranche, sondern im Tourismus allgemein. Gewöhnen wir uns zum Beispiel diese vulgäre, aggressive Sprache ab, die gerade so angesagt ist. Die vielen Anglizismen. Dieses Denken, in dem sich alles nur um Marketing und Verkaufszahlen dreht statt um Inhalte. Befassen wir uns stattdessen lieber mit Schönheit, denn Schönheit kann man lernen und vermitteln und sie steckt überall in unserem Alltag. Machen wir uns Sorgfalt und Achtsamkeit zu eigen, denn die brauchen wir für unsere Arbeit. Das fängt bei sorgsam ausgewählter Musik für Lounges und Lobbys an und hört bei einem echten, aufmerksam in Gang gehaltenen Kaminfeuer und einer gepflegten Teezeremonie ohne hässliche Beutelwirtschaft noch lange nicht auf. Dass die Mitarbeiter den Gästen zulächeln, gehört zum Pflichtprogramm. Jeder Gast hat ein Lächeln verdient. Auch aufmerksamer Service und Höflichkeit sind unverzichtbare Eckpfeiler. Uns muss klar sein, dass es noch lange keinen Mehrwert darstellt, einfach nur anders zu sein als die anderen. Wir müssen schon auch besser sein. Und ein Bewusstsein dafür entwickeln, was wir sind, was wir haben und was wir können. In Italien hinken wir da ein bisschen hinterher. Während etwa der Pariser Louvre selbstbewusst Partnerschaften in den USA und den Arabischen Emiraten aufbaut, sind bei uns selbst Meisterwerke wie Sammartinos Cristo velato in Neapel so versteckt, dass man als interessierter Tourist lange danach suchen muss. Ein Bewusstsein für unsere Qualitäten, für die Schönheit, die wir zu bieten haben, können und sollten wir uns aneignen; es ist eine Frage der Erziehung, vermutlich auch der Selbsterziehung. Doch weil so ein Prozess der Selbsterziehung anstrengend ist, weil er Energie kostet, Geld und Sorgfalt, sind wir ihn bisher noch nicht angegangen.

Der Tourismus ist heute nicht mehr nur ein äußerst wichtiger Wirtschaftssektor. Er hat sich längst zu etwas Höherem entwickelt, zu einer Art gesellschaftlichem Raum, der alle beeinflusst und konditioniert, die in ihm zu tun haben. Die Arbeit im Tourismus schafft Identität. Sie erhöht den Status aller Beteiligten und ist als Identitätsquelle fast ebenso wichtig wie als Wertschöpfungsquelle. Wir, die wir mit dem Tourismus zu tun haben, erfahren eine Aufwertung. Zum Erfolg des Tourismus trägt auch die Meinung bei, die sich der Gast von unserer Kultur, unserer Geschichte, unserer Welt bildet. Wer zu uns reist, lässt nicht nur Geld für seine Hotel- oder Restaurantrechnung da, er belohnt uns auch mit Anerkennung. „Wie schön ihr es habt hier in eurem Paradies!“, sagt der Gast – und erst das macht uns wirklich glücklich, stärkt unser Identitätsgefühl. Erst das verleiht unserem ganzen beruflichen Treiben, unserem Leben einen Sinn. Touristisches Marketing dient deshalb nicht ausschließlich der Bewerbung einer Destination, sondern trägt mit der Zeit auch zur Formung eines Images bei, das wiederum die Identität der Bewohner dieser Destination prägt. Die Bilder, die wir mit dem Rest der Welt teilen, formen letztlich auch uns selbst. Daher ist die Verwendung stereotyper Klischeebilder, die unsere Täler als heile, unberührte Paradiese zeigen, so schädlich: Sie produzieren falsche Vorstellungen und Erwartungen, die sich zwar gut verkaufen lassen, aber nichts mit dem zu tun haben, was wir wirklich sind oder was wir sein wollen – nämlich gastfreundlich. Wie der amerikanische Kulturkritiker David Levi Strauss schreibt: „Wie die Geschichte zeigt, verschwindet der Glaube nicht, sondern wird stattdessen auf neue Objekte übertragen: Wir glauben nicht mehr an Götter und Helden, aber wir glauben an Prominente. Wir glauben nicht mehr an Magie, sondern an Technologie. Wir glauben nicht mehr an die Wirklichkeit, sondern an Bilder.“
An dieser Stelle kommt der Regionsgedanke ins Spiel. Gastfreundschaft und Tourismus haben unmittelbar mit der Umgebung zu tun, in der sie stattfinden. Gäste fahren an bestimmte Orte, weil sie das Bedürfnis nach Bergen oder Meer oder Land oder Städten verspüren. Der Schweizer Historiker, Soziologe, Designer und Urbanist Lucius Burckhardt hat Folgendes formuliert: „Die Entwicklung unserer Städte ist heute so intensiv und von zentraler Bedeutung, dass die Städtebaubehörden und die Bevölkerung ständig Entscheidungen von großer Tragweite zu treffen haben. Wenn manche Großstädte so tun, als gäbe es keine Entscheidungen zu treffen, dann treffen sie damit sehr wohl eine: Sie entscheiden sich dafür, ihre Entwicklung ganz den Wirtschaftskräften auszuliefern. Die Verantwortung dafür, sich fürs Nichtstun entschieden zu haben, fällt trotzdem auf sie zurück, auch wenn sie womöglich nicht lange genug leben, um die Konsequenzen zu sehen. Meistens aber beschränken sich die Städte nicht darauf, nichts zu tun. Im Gegenteil, sie treffen eine große Zahl an Einzelentscheidungen, die jedoch nicht einem größeren Gesamtplan entstammen und so – jede für sich oder auch alle zusammen – Folgeerscheinungen verursachen, die die ursprüngliche Absicht in ihr Gegenteil verkehren.“
Hässliche Landschaften, hässliche Städte sind auch dann nicht einladend und gastfreundlich, wenn die Gäste dort grenzenloses Amüsement und endlose Konsummöglichkeiten vorfinden. Selbst unsere geliebten Dolomiten verwandeln sich im Monat August in etwas Tristes, Hässliches, weil dann ganze Karawanen von Autos und Motorrädern über die Passstraßen röhren und die Schönheit dieser Landschaft rücksichtslos vergewaltigen. Auf lange Sicht wird dieses grausame Schauspiel, das auf der schamlosen Ausbeutung unserer Natur basiert, böse Folgen haben. Trotzdem kann sich bei uns einfach niemand zu einer Entscheidung durchringen. Dabei ist die Lage klar: Wir müssen unsere Region um jeden Preis verteidigen, beschützen, in Sicherheit bringen. Anderenfalls können wir hier keine Gastfreundschaft anbieten, die diesen Namen verdient.
Zeitloser Charme: die Bar Verde im Albergo Posta Marcucci, Bagno Vignoni
Der Tourismus
Von der Industrialisierung des Reisens

Corvara – eines der wenigen verbliebenen alten Häuser im Ort, die Ciasa Vedla vor dem Hintergrund des Sassongher
Reisen ist niemals eine Frage des Geldes,
sondern des Mutes.
Paulo Coelho
Dolomieu
Wie alles begann
Es war einmal ein Dorf im Gebirge. Wer dort lebte, blickte mit Ehrfurcht und Befangenheit auf die hohen Berge. Diese Gipfel hatte man nicht zu erobern, man erwies ihnen aus sicherer Entfernung den gebührenden Respekt. Sie machten Angst. Dort oben waren die Geister der Verstorbenen zu Hause, und in kalten, langen Winternächten ahnte man, dass sich auch der Teufel herumtrieb. Höchstens einmal ein Gämsenjäger wagte sich in die felsigen Höhen. Nein, es war gescheiter, man blieb, wo man war. Viel zu essen hatten die Menschen in ihrem Bergdorf nicht, aber das Leben war immer noch besser als unten im sumpfigen, krank machenden Tal. Die Leute hatten sich einfache Häuser gebaut an den steilen Hängen, möglichst dicht beieinander, denn der Boden war kostbar; man benötigte ihn zum Leben und konnte es sich nicht leisten, ihn zu verbauen. Die Menschen halfen einander, weil es anders gar nicht ging.
Eines Tages kam ein Geologe in das Gebirge. Den Felszacken über dem Dorf gab er den Namen Dolomiten. Auch andere Wissenschaftler wurden jetzt auf diese Berge aufmerksam. Auch die ersten Touristen ließen nicht mehr lange auf sich warten, zur großen Überraschung der Bergbauern, die – es war der Beginn des 20. Jahrhunderts – es nicht fassen konnten, dass ihre arme Bergheimat auf einmal für reiche Menschen aus aller Welt interessant wurde; zudem kamen die Gäste nicht etwa auf dem Rücken von Pferden oder Maultieren angetrabt, sondern reisten hochmodern in den ersten Automobilen an. Für die, die dort ständig lebten, blieb die Bergnatur ein Ort der Mühsal und Entbehrungen, doch gleichzeitig entwickelte sie sich zum Inbegriff für Erholung und Freiheit für diejenigen, die nur vorübergehend Station machten. In kurzer Zeit verlor das Urlaubmachen seine auf die Aristokratie beschränkte Exklusivität und wurde von der Kulturhegemonie des Bürgertums vereinnahmt, das bis zum Einsetzen des Massentourismus sein wenigstens halbwegs elitäres Wesen zu bewahren versuchte. Biarritz, Côte d’Azur, Sankt Moritz, Capri, Cortina waren weniger Urlaubsorte denn Insignien für Macht und Privilegien. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Dolomiten-Staatsstraße gebaut, auch „Große Dolomitenstraße“ genannt, und eine Buslinie führte von Bruneck ins Gadertal hinein, was unser Tal langsam, aber unwiderruflich veränderte. Es war das, was der Diplomat George F. Kennan als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete. Als hätte sich die Büchse der Pandora geöffnet und ein Übel wäre ihr entwichen, das die Geschichte des ganzen 20. Jahrhunderts vergiften würde. Der Erste Weltkrieg mit der Dolomitenfront, die sich zwischen Marmolada, Col di Lana, Lagazuoi und den Tofane entlangzog, setzte dem Traum der Menschen von einem friedlichen Dasein abrupt ein Ende. Wie der Tourismus besteht auch der Krieg aus Begegnungen, doch die Soldaten, die sich auf diesen hinreißend schönen Gebirgsflanken bekämpften, konnten mit der Schönheit der Gebirgslandschaft wenig anfangen. Für diese jungen armen Männer, die man zu Tausenden in den Krieg und den sicheren Tod geschickt hatte, bedeuteten die Dolomiten nichts als schwärzeste Bergfinsternis. Jeder Frühling in diesen furchtbaren Kriegsjahren wurde von den langen, entsetzlich harten Wintermonaten entweiht. Auch die Nachkriegszeit war hart, und damit nicht genug: Schon bald stand ein weiterer schrecklicher Krieg an. Der „Fremdenverkehr“ kehrte erst wieder in den 1950er-Jahren in die Dolomiten zurück. 1956 dann zogen die Olympischen Winterspiele in Cortina die weltweite Aufmerksamkeit auf sich. Auch im Gadertal wurden die ersten Skilifte gebaut und parallel dazu die ersten Hotels. Die Entwicklung verlief bis in die 1970er-Jahre langsam, aber kontinuierlich. Die Gäste kamen aus Italien, Deutschland und England und brachten wirtschaftlichen Wohlstand in die Berge.
Die Dolomitenfront
Im Jahr 1915, ungefähr zehn Monate nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, begannen sich das Königreich Italien und Österreich-Ungarn in den Alpen und ganz besonders in den Dolomiten ganz fürchterlich zu bekämpfen. Die gesamte Gebirgsfront war circa 600 Kilometer lang und verlief in etwa parallel zur heutigen Grenze zwischen Trentino-Südtirol auf der einen sowie der Lombardei und Venetien auf der anderen Seite, nämlich entlang der Karnischen Alpen, des Val Pontebbana, der Julischen Alpen über den Monte Canin und entlang der aktuellen Grenze zu Slowenien und der Adria. Die Dolomitenfront selbst betraf das Becken von Cortina, die Tofane, das Val Travenanzes, die Bergmassive Lagazuoi, Sas de Stria, Setsass, Col di Lana, Sief, Sass di Mezdì und Marmolada mit Punta Penia sowie die ladinischen Täler von Ampezzo, Badia (Gadertal) und Fodom (Buchenstein). Gekämpft wurde immer in Höhen über 2.000 Meter, meist in eisiger Kälte, häufig im Schnee und allgemein unter Bedingungen, die jenseits des für den Menschen Erträglichen lagen: Faktoren, die zur besonderen Schwierigkeit und Grausamkeit der Dolomitenfront in diesem absurden Stellungskrieg beitrugen. Es war ein Krieg, der sich hauptsächlich in Tunneln und Schützengräben abspielte, die in Fels und Eis gehauen worden waren; gekämpft wurde unter anderem mit Minen und Dynamit. Als blutiges Sinnbild für diesen so besonderen Krieg gilt heute die Explosion unter dem Col di Lana. Die Österreicher hatten den Berg eingenommen, aber die italienischen Truppen legten unterhalb des Gipfels heimlich einen unterirdischen Tunnel an, die „Galleria di Sant’Andrea“. Ausschließlich in Handarbeit, nur mit Hilfe von Spitzhacken, Keilen und Meißeln, damit der österreichische Feind nichts davon mitbekam. Bei seiner Fertigstellung war der Tunnel unter dem Gipfel des Col di Lana 52 Meter lang und hatte die Form eines Bajonetts, mit einem Stollen an jedem Ende. In diesen Stollen wurde insgesamt über fünf Tonnen Sprengmaterial deponiert, das von 300 Soldaten heraufgeschleppt worden war. Am 17. April 1916 um 23.35 Uhr wurde die Sprengladung gezündet. Die Explosion war so stark, dass der gesamte Berggipfel in die Luft flog. Es entstand ein 50 Meter breiter und 12 Meter tiefer Krater. Die Zahl der Opfer konnte nie genau ermittelt werden, aber sie wird auf über 100 geschätzt. 150 österreichisch-ungarische Soldaten wurden außerdem gefangen genommen.
Quelle: www.frontedolomitico.it
Es waren in vielerlei Hinsicht denkwürdige Jahre. Aus dem sehr persönlichen Erinnerungsschatz des Hotelierkinds will ich ein paar Souvenir-Postkarten herausziehen: Mein Vater Ernesto arbeitete im Sommer als Klempner und im Winter als einer der ersten italienischen Skilehrer überhaupt. Der Skilehrerjob ermöglichte ihm und seinesgleichen unbeschwerte Jugendjahre und ein gewisses Einkommen in einer Gegend, die wenige Jahre zuvor noch wirklich arm gewesen war. Für seinen Vater – meinen Großvater – war diese Armut noch sehr präsent gewesen: Dass man keine guten Schuhe hatte, keine freien Tage und nur selten wirklich satt war, gehörte für meinen Großvater zur Normalität. Doch für Ernesto änderten sich die Dinge. Er legte sich sein erstes Motorrad zu, konnte sich modische Outfits leisten und unbeschwerte Liebesabenteuer. Was die Frauen betraf, befolgte dann aber auch Ernesto letztlich das alte Sprichwort „Bleibe im Lande und nähre dich redlich“: Er lernte meine Mutter kennen; die beiden heirateten und eröffneten gemeinsam das Hotel La Perla. Meine Großmutter stand in der Küche, meine Mutter kümmerte sich sonst so ziemlich um alles; alle barsten vor Tatendrang und Energie, und so lief das Hotel von Anfang an gleich richtig gut. Die Arbeit machte richtig Spaß, und meine Eltern feierten mit den Gästen bis tief in die Nacht. Ernesto arbeitete nun nicht mehr als Skilehrer, obwohl Skilehrer ungemein wichtig geworden waren – der Skilehrer brachte den Gästen auf der Piste das Skifahren bei und bewährte sich nach Pistenschluss als Freund und Begleiter. Mein Vater aber war jetzt Ehemann von Anni und konzentrierte sich daher auf das Hotel, wo er sich als geborener Gastgeber erwies: Abends sang und unterhielt er die Gäste in unserem hoteleigenen Club 44, einem schwer angesagten Schuppen, in dem auch der unwiderstehliche Sänger und Schlagzeuger Gegè Di Giacomo auftrat. Das Multitalent aus Neapel spielte im Trio von Renato Carosone, dessen enormer internationaler Erfolg maßgeblich auch auf den Einlagen von Gegè beruhte. Gegè und mein Vater verstanden sich blind; der Club 44 lief auf Hochtouren. Meine Mutter Anni erzählt noch heute gern davon, wie eines Abends Nino Benvenuti vorbeisah – legendärer Boxer, Weltmeister im Mittelgewicht von 1967 bis 1970 und Nationalidol. Der große Nino, der den Ausspruch „Wir boxten, weil wir danach kostenlos heiß duschen konnten“ geprägt hatte, bestellte Hummer. Anni stellte ihm dazu, wie üblich, eine sogenannte Fingerschale auf den Tisch. Statt seine Finger darin zu baden, packte Nino die Schale mit dem heißen Wasser – und leerte sie in einem Zug. Herrliche Zeiten.
Als ich ein Kind war, warteten wir ab dem Beginn der kalten Jahreszeit auf den ersten Schnee. Es war ein unbeschwertes Warten, und sobald die ersten Flocken fielen, rannten meine Brüder und ich ins Freie, bewarfen uns mit Schneebällen und schippten, was das Zeug hielt. Abends saßen wir zusammen vor dem Kamin, hauchten die kalten Fensterscheiben an, lauschten den Geschichten unserer Großmutter und freuten uns auf Weihnachten. Und auf die ersten Touristen. Unsere Eltern hatten richtig viel zu tun, doch der Heiligabend war – und ist auch heute noch – stets der Familie vorbehalten, nicht den Touristen. Das hört sich banal und selbstverständlich an, ist es aber keineswegs, denn viele Menschen, die bei uns im Tourismus arbeiten, feiern die Geburt von Jesus Christus ein paar Tage im Voraus. Natürlich ist die Weihnachtszeit für den Tourismus in unseren Bergen die wichtigste Saison des Jahres, aber es wäre uns absurd vorgekommen, die Gäste nicht wenigstens an diesem besonderen Abend den Mitarbeitern zu überlassen. Wie auch immer: Wenn wir ein leises Klingeln vernahmen, wussten wir – das Christkind war da. Das Fenster stand immer noch einen Spalt offen, das Jesuskindl war ja gerade erst davongeflogen, und mit großen, staunenden Augen versammelten wir uns vor dem geschmückten Christbaum, vor den davor ausgebreiteten Päckchen und Paketen. Heute ist unsere Familie erheblich größer als damals, seit vielen Jahren zählt auch unser Wahlbruder Stefan Mayr dazu. Aber das Warten aufs Christkind ist immer noch ein Moment großer Freude für alle, und eine einzige Flasche Chablis, der Lieblingsweißwein meiner Mutter, reicht uns zum Feiern schon lange nicht mehr.
Ich besuchte die Mittelschule im Nachbardorf. Eines Tages schneite es so stark, dass ich die vier Kilometer dorthin zu Fuß gehen musste, weil die Autos nicht fuhren und der Schulbus schon gleich gar nicht. Nur Ski fahren, das ging. Schon als ganz kleine Kinder fingen wir damit an. Unzählige Male bin ich im Alter von dreieinhalb Jahren mit meinen Holzski den kleinen Hang hinter dem Hotel hochgestiegen und wieder abgefahren, bevor ich das erste Mal mit dem Skilift fahren durfte. An den Sessellift vom Col Alt und daran, wie seine Sesselchen langsam nach oben schaukelten, kann ich mich noch gut erinnern. Wir waren glückliche Kinder. Wenn wir im Lift hockten, erspähten wir manchmal ein Reh, ein andermal einen Skistock, den ein Gast hatte fallen lassen und den wir natürlich retteten, nach wilden Fahrten durch den Tiefschnee. Heute ist aus dem alten Sessellift eine Umlaufbahn mit einer Kapazität von 2.800 Personen pro Stunde geworden. In wenigen Minuten schnurrt sie nach oben, hat Sitzheizung und Wi-Fi, falls man unterwegs sein Smartphone checken oder eine E-Mail versenden möchte. Schließlich will man heute auch im Urlaub ständig online sein. Ob es wohl schneien wird, fragen wir uns schon lange nicht mehr, höchstens, ob es kalt genug sein wird für die Produktion von Kunstschnee, pardon, von technischem Schnee, wie man heute sagen muss, sonst ärgern sich die Hersteller. Ich gestehe, dass ich es herrlich fände, wenn nach starkem Schneefall mal nicht sofort der Lärm der Pistenraupen und Schneepflüge einsetzen würde. Heute reichen ja schon fünf dünne Schneezentimeter, um das große Karussell der blinkenden, piepsenden, salzstreuenden Räumfahrzeuge in Gang zu setzen. Natürlich verstehe ich, dass Straßen, Fußwege und Parkplätze begeh- und befahrbar bleiben müssen, das entspricht ganz dem flotten Optimierungsgeist, der uns aus allen Ecken entgegenweht. Doch was durch diesen Kontrollwahn der Unternehmerhirne gänzlich verloren geht, sind die romantischen Aspekte einen solchen Naturschauspiels. Statt das Schneetreiben zu genießen, fühlt man sich zwischen all den kleinen und großen Räumfahrzeugen wie auf der Autobahn. Zum Thema künstlicher, äh … technischer Beschneiung möchte ich übrigens noch ein paar Details liefern: Zur Herstellung von 2,5 Kubikmeter künstlichem Schnee werden 1.000 Liter Wasser benötigt. Im gesamten Alpenbereich gibt es 23.800 Hektar Skipisten, die künstlich beschneit werden (können), wofür jedes Jahr rund 95 Millionen Kubikmeter Wasser verbraucht werden. Das entspricht dem Wasserkonsum einer Stadt mit 1,5 Millionen Einwohnern. In Südtirol sind wir Spitzenreiter in Sachen technischer Schnee: 80 Prozent unserer Skipisten werden damit versorgt, was auch durch staatliche Gelder gefördert wird, die 23 Prozent der Investitionskosten decken. Ein Kubikmeter technischer Schnee kostet zwischen drei und fünf Euro. Bei 23.800 Hektar alpinen Skipisten können wir von Investitionskosten für Beschneiungsanlagen in Höhe von über drei Milliarden Euro ausgehen. Diese Daten, die die Internationale Alpenschutzkommission CIPRA in ihrem Bericht Künstliche Beschneiung im Alpenraum zusammengetragen hat, sollen uns zu der großen Frage führen, die sich dahinter verbirgt. Und die lautet so: Welche Berge wollen wir eigentlich haben? Und zu welchen Bergkonsumenten entwickeln wir uns gerade?
Doch zurück zu meinen geliebten Erinnerungs-Postkarten. In unserem Dorf am Fuße des Sassongher machten immer mehr Hotels, Restaurants und Bars auf. Sogar ein Kino hatten wir irgendwann. Dort lief einmal das Musical Jesus Christ Superstar, eine meiner schönsten Erinnerungen aus diesen Jahren, weil mir die Musik so gefiel. Ich ging zusammen mit meinem besten Freund Mike hin. Mike fiel mit seinem jugendlichen, guten Aussehen auf in unserer Dorfgemeinschaft aus Bauern, Zufallshoteliers und Handwerkern, zu der er zwar irgendwie dazugehörte, aus der er aber auch unbedingt wegwollte, um seinen eigenen Weg zu gehen. Obwohl er seine Honda 125 rockermäßig im Harley-Davidson-Stil aufgemotzt hatte, war er verrückt nach Discomusik. Ich hingegen, Mike 2, fuhr total auf psychedelische Musik ab und ein bisschen auch auf Punk. An den Wochenenden legten wir als DJs in der Bussola in Corvara auf. Von den zwölf Lokalen, in denen man sich damals austoben konnte und in denen sich die Stimmung mehr nach Großstadt als nach Südtiroler Bergdorf anfühlte, existiert heute kein einziges mehr. Wenn ich Musik an einem solchen Ort erlebte, gelang es mir irgendwie, das tiefste Weltgefüge zu begreifen. Das, was meine Augen nicht sehen konnten. Auch meine damaligen Idole gingen in die Bussola. Giorgio, der Latin Lover. Der schöne Pippo, ein Skilehrer. Oder Oswald, Gott hab ihn selig, dem das einzige Pelzgeschäft in unserem Tal gehörte. Sie eroberten Mädchen und fuhren tolle Autos. Wer in ihrem Umfeld verkehrte, gehörte dazu und hatte es geschafft. Oder glaubte wenigstens, es geschafft zu haben. Mein Freund Mike 1 brachte die Tanzfläche gern mit I Feel Love von Donna Summer zum Kochen, diesem unwiderstehlichen Heuler aus der Feder von Giorgio Moroder, unserem weltberühmten Lokalmatador. Wenn ich auflegte, gab es die Stones oder die Clash, also Punk mit intellektueller Note. Als Hotelier vergleiche ich heute den Job des DJs gerne mit dem des Barkeepers. Denn bei genauerer Betrachtung ist auch der Barkeeper ein DJ. Er verwandelt schlichtes Trinken in eine Kunst, wie ein Schamane, der mit dem Geistigen kommuniziert, um seinem Publikum einen großartigen Abend zu ermöglichen. Ein guter Barkeeper ist wie ein Freund, zu dem du absolutes Vertrauen haben darfst. Auch meinem Freund Mike vertrauten die Menschen. Er sah immer smart aus und war von Mädchen umschwärmt, während mein Erfolg sich auf ein paar Teenies beschränkte, die meine Locken cool fanden, meine schwarze Lederjacke und meine Radiosendung auf Rai Ladinia namens „Mike’s Pop Shop“, die sich in „Mike’s Rock Shock“ verwandelte, wenn ich die richtig harten Sachen aus den Hüllen zog. Wir feierten ordentlich, so sollte es auch sein. Aber dann war die Party plötzlich vorbei. Mike 1 stürzte am 1. Juni 1981 beim Drachenfliegen tödlich ab.
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