Kitabı oku: «Wie tickst du? Wie ticke ich? (E-Book)»

Yazı tipi:


Miriam Engelhardt, Nikola Engelhardt

Wie tickst du? Wie ticke ich?

Babyboomer, Generation X bis Z –

Altersgruppen verstehen in Bildung und Beruf

ISBN Print: 978-3-0355-1570-1

ISBN E-Book: 978-3-0355-1571-8

Zeichnungen: Boris Braun

Abbildung S. 55: Vladimir Arabadzhi

1. Auflage 2019

Alle Rechte vorbehalten

© 2019 hep verlag ag, Bern

www.hep-verlag.com

Inhaltsverzeichnis

Vorwort: Chancen und Grenzen des Generationenmodells

I Generationenmodell

Was sind Generationen?

Die Babyboomer

Kindheit

Jugend/Junge Erwachsene

Arbeitsleben

Generation X

Kindheit

Jugend/Junge Erwachsene

Arbeitsleben

Generation Y

Kindheit

Jugend/Junge Erwachsene

Arbeitsleben

Generation Z

Herausforderungen

Einstellungen und Verhaltensweisen

II Die Generationen treten in Beziehung

Vorgesetzte und Lehrpersonen – ein Phänomen der Übertragung

Beratender Erziehungsstil – was Y und Z von Führungs- und Lehrpersonen erwarten

Werte bei Generation Y und Z

III Konfliktfelder und Fallbeispiele

Hierarchie/Umgang mit Autoritäten

Kommunikation

Eigenverantwortung

Work-Life-Balance

Zugehörigkeit

Selbstverwirklichung und soziale Gerechtigkeit

Sehnsucht nach Anerkennung und hoher Position

Lernen in der Wissensgesellschaft

Ausbildungszufriedenheit

Einflussfaktor «Pädagogische Kompetenz»

Einflussfaktor «Handlungsspielraum»

Flexibilität

Schlussfolgerung

IV Wie Sie Ihre Generationenkompetenz verbessern

Perspektivwechsel

Lösungsfokussierte Methode

Gesprächsführung

Ich + der andere = Beziehung

Neinsagen

Rollenspiel

V Tipps für Coaches und Beratungsstellen

Persönlicher Termin oder 24-Stunden-online-Service

Pünktlichkeit

Hilferufe aus dem Dschungel der Information

Informationsreduktion – eine neue Aufgabe

Rollenwandel: Von der Expertin zum Coach oder zur kompetenten Freundin

Beruhigende Fachkompetenz und klare, einfache Empfehlungen

Online-Angebot – neue institutionelle Herausforderung

Aufbau von IT-Systemen: Die Menschen mitnehmen

VI Tipps zum Erhöhen der Arbeitgeberattraktivität

Herausforderungen für Unternehmen

Welche Generationen wollen Sie ansprechen?

Argumente für einen Generationen-Mix

Was können Sie als Arbeitgeber bieten?

Führung

Methode «Stretch-Feedback»

Spaß bei der Arbeit und gute Zusammenarbeit

Arbeitszeiten

Personalentwicklung

Arbeitgeberidentität

Querdenken

Aktive Ansprache

Netzwerk der Ehemaligen

Mitarbeiter werben Mitarbeiter

Fazit zum Erhöhen der Arbeitgeberattraktivität

VII Warum sich Generationenkompetenz lohnt

Anhang

Die Autorinnen

Quellenverzeichnis

Verzeichnis der Fallbeispiele

Chancen und Grenzen des Generationenmodells

Vorwort

Wir haben es in Bildung und Beruf mit einer Vielfalt an Selbstverständlichkeiten zu tun, die sich besonders deutlich zeigt, wenn verschiedene Generationen miteinander in Kontakt treten. Dieses Buch will diese Generationenunterschiede verständlich und erfahrbar machen.

Massive gesellschaftliche Veränderungen prägten das 20. Jahrhundert: zwei Weltkriege, das Wirtschaftswunder, der Mauerfall, die Verbreitung des Computers, später des Internets, die Anschläge vom 11. September 2001. Diese und weitere Ereignisse beeinflussten auch unseren Alltag stark. Deshalb darf es uns nicht verwundern, dass wir es heute im Arbeitsleben innerhalb der Teams und Abteilungen mit Menschen zu tun haben, die sehr Unterschiedliches erlebt haben und in verschiedenen Welten aufgewachsen sind.

In Abschnitt I erklären wir, wie wir alle so geworden sind, wie wir sind. In Abschnitt II zeigen wir anhand von Fallbeispielen das Konfliktpotenzial, aber auch die Chancen auf, die in unserer Unterschiedlichkeit liegen. Abschnitt III macht uns mit möglichen Lösungsstrategien und Methoden vertraut. Abschnitt IV schließlich widmet sich den Veränderungsprozessen, die die jüngste Generation in Coaching und Beratungsstellen auslöst, während Abschnitt V die Herausforderung für Betriebe und Institutionen beleuchtet, den Erwartungen der verschiedenen Generationen gerecht zu werden, um für alle ein attraktiver Arbeitgeber zu bleiben. Leitgedanke ist, bei aller Unterschiedlichkeit ein positives Miteinander zu finden.

Aus betrieblicher Sicht gibt es im Moment drei Generationen, die sich deutlich voneinander abgrenzen lassen. Die geburtenstarken Jahrgänge 1945 bis 1965 heißen Babyboomer. Danach kommt die Generation X, zu der auch die Autorinnen gehören. Und schließlich haben wir die Generation Y (das spricht man gerne englisch aus, also wie das Wort «why»), das sind die Jahrgänge ab 1985. Auf Generation Z werden wir auch eingehen. Diese Generation ist jedoch noch jung und kommt erst gerade im Arbeitsleben an. Deswegen können Aussagen dazu nur unter Vorbehalten gemacht werden. Jede dieser Generationen wird im Folgenden mit ihren Eigenarten, Stärken und Bedürfnissen skizziert.

Um es gleich vorwegzunehmen: Natürlich kann man eine Generation nicht am Geburtsdatum festmachen und alle Individuen eines Jahrgangs gleichsetzen. Ohne eine gewisse Verallgemeinerung lässt sich jedoch kein soziologisches Ordnungsmodell entwerfen. Mit Modellen, ob das nun in der Physik, in der Chemie oder in der Soziologie ist, versucht man, die Lebendigkeit der Wirklichkeit einzufangen, zu abstrahieren, zu systematisieren und dadurch einen Überblick zu bekommen. Dieser dient der allgemeinen Orientierung, gilt aber natürlich nicht zwingend für jeden Einzelfall.

Mit der Generationenforschung ist es ähnlich wie mit interkulturellem Management: Natürlich sind nicht alle Chinesinnen gleich und die Schweizer alle anders als die Deutschen. Wenn wir jedes Individuum einzeln betrachten, sind vielleicht sogar der Chinese Chan und der Schweizer Ueli einander ähnlicher als Chan und Xung. Doch wenn wir Schweizer Führungskräfte darin trainieren möchten, mit China erfolgreiche Handelsbeziehungen aufzubauen, dann kommt es besonders darauf an, die Unterschiede herauszuarbeiten. Das Verständnis für eventuelle Abweichungen hilft, gut miteinander umzugehen. Mit den Generationen werden wir in diesem Buch ähnlich verfahren. Wir verallgemeinern und vereinfachen ganz bewusst und greifen das Typische heraus, um die Unterschiede zu verstehen und den Umgang miteinander zu verbessern.

Das Modell gilt nicht weltweit, und vielleicht erlebt ein Y-ler mit Migrationshintergrund einen Erziehungsstil ähnlich dem der Babyboomer-Zeit in unserer deutschsprachigen Kultur. Das ist die interkulturelle Grenze. Auch gibt es einen Stadt-Land-Unterschied. Häufig ist die Stadt dem Land voraus und so können sich die Jahrgänge der Generationen je nach Wohn- und Arbeitsort etwas verschieben. Ganz wichtig ist auch das Elternhaus, in dem man aufgewachsen ist. Wer hat uns erzogen? Waren es eher fortschrittliche oder sehr traditionelle Eltern? Entsprechend können die eigenen Erfahrungen eher denjenigen einer späteren oder früheren Generation ähnlich sein. Und natürlich spielt auch der konkrete Geburtsjahrgang eine Rolle. Vielleicht befindet sich jemand an der Grenze zwischen zwei Generationen und hat von beiden etwas.

Die Generation, zu der wir gehören, ist nur ein Diversity-Kriterium neben anderen. Wir unterscheiden uns auch nach Geschlecht, Ethnie, sozialer Herkunft und individueller Persönlichkeit. Und doch hat jede Generation ihre eigenen Werte, ihre typischen Denk- und Verhaltensmuster. Diese sind oft der Schlüssel zu Konflikten.

Es lohnt sich also, die Generationenunterschiede zu kennen und zu verstehen: Was braucht mein Gegenüber, das aus einer anderen Generation kommt? Weshalb reagiert es in bestimmten Situationen anders als ich?

Dabei kann das hier vorgestellte Generationenmodell für Sie im Arbeitsleben und im Bildungsbereich ein sehr nützliches Instrument sein. Es gibt Ihnen Ideen, wie Sie sich gut verhalten können, ein Repertoire an Verhaltensweisen, mit deren Hilfe Sie im Alltag besser reagieren können.

Generationenmodell

I

Was sind Generationen?

Sie kennen den Begriff aus Biologie und Medizin. Immer wenn geboren wird, gibt es eine neue Generation. Großeltern, Eltern und Kinder vertreten drei verschiedene Generationen. Geboren wird aber in jeder Sekunde – zu schnell für die Soziologie, die sich für die Entstehung von Trends, Regelmäßigkeiten und Verhaltensmustern interessiert. Wir möchten Ihnen den Begriff «Generation» so vorstellen, wie er in der Soziologie verwendet wird. Wir Soziologinnen schauen immer aus der Adlerperspektive, ob sich die Gesellschaft verändert hat, ob sich relevante Gruppen ausbilden, und dann fangen wir an zu forschen und zu analysieren. 1928 formulierte Karl Mannheim basierend auf seinen Beobachtungen erstmals einen soziologischen Generationenbegriff. Er stellte fest, dass Menschen, die in einem bestimmten Kulturkreis in einer bestimmten Zeit leben, ähnliche Erfahrungen machen, die ihre Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen beeinflussen. Diese Ähnlichkeit ist dann das, was wir als generationentypisch bezeichnen.

Umgekehrt kann man formulieren: Das, was für eine Generation charakteristisch ist – wie sie denkt, welche Werte und welche Verhaltensweisen sie ausbildet –, ist die Antwort dieser Generation auf das, was sie in der Welt erlebt.

Im Leben eines Menschen gibt es zwei besonders wichtige Entwicklungsphasen: die Kindheit und das junge Erwachsenenalter. In der Kindheit prägen uns vorrangig die Eltern. Die Soziologie betrachtet im Gegensatz zur Psychologie nicht die individuellen Eigenarten des Vaters oder der Mutter, sie sucht vielmehr nach Gemeinsamkeiten größerer Gruppen von Menschen und fragt: «Was war zu dieser Zeit für alle Kinder dieses Kulturkreises normal?»

In der zweiten wichtigen Phase unserer Entwicklung, im jungen Erwachsenenalter oder der sogenannten späten Adoleszenz, überdenken wir unsere Werte und Einstellungen. In dieser Phase wollen wir weg von den Eltern, ein eigenes Leben führen. Und prompt tauchen ganz neue Fragen auf: «Wie ist die Welt? Ist da ein Platz für mich? Werde ich überhaupt gebraucht?» In dieser Phase schauen wir die Welt erstmals mit eigenen Augen an. Und wir merken, dass sie anders ist als das, was uns die Eltern über sie erzählt haben. Entsprechend korrigieren wir die eigene Wertorientierung und passen unser Verhalten den neuen Gegebenheiten an. Werte werden in der Soziologie definiert als Vorstellungen davon, was in einer Gesellschaft als erstrebenswert gilt.1 Wenn ein Mensch bestimmte gesellschaftliche Werte verinnerlicht und sein Handeln danach ausrichtet, nennt man das seine Wertorientierung. Ein solcher Wert kann zum Beispiel Regeltreue sein: «Man soll sich an die Regeln halten.» Eine Person mit dieser Wertorientierung wird auch dann an einer roten Ampel warten, wenn weit und breit kein Auto in Sicht ist.

Die Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen einer Generation werden in der Kindheit und im jungen Erwachsenenalter geprägt. Wenn wir viele Jahre später in Konfliktsituationen kommen, in denen wir uns in unseren Werten angegriffen fühlen, handelt es sich dabei oft um dieselben Werte, die uns schon mit Anfang zwanzig wichtig waren.

Wenn wir uns jetzt die Generationen vorstellen, die zurzeit im Arbeitsleben und Bildungswesen aktiv sind, werden wir immer dieselben Fragen stellen: Was ist typisch für die Generation in der Kindheit? Was hat sie in der späten Adoleszenz oder im jungen Erwachsenenalter erlebt? Welche Auswirkungen hat das auf den Arbeitsalltag und die Lern- und Lehrsituationen?

Die Babyboomer

Personen der Jahrgänge 1945 bis 1965 zählen zu den Babyboomern, der heute ältesten noch im Arbeitsleben und im Bildungsbereich aktiven Generation. Die ersten von ihnen sind bereits pensioniert.

Kindheit

Wie wachsen sie auf? Um es in einem Bild zu sagen: Man ist gefangen im Tunnel der Tradition, rechts Granitfelsen, links Granitfelsen.

Die Lebenswege sind vorgezeichnet. Was wird der Sohn des Schreiners? Schreiner. Wer darf studieren? Söhne – aber keineswegs alle. Nicht einmal alle reichen. Im Normalfall Ärztesöhne, Lehrersöhne, Pfarrerssöhne. Also diejenigen, deren Vater bereits studiert hat. Bei den Mädchen heißt es: «Ach, Mädel, du heiratest ja eh. Warum in eine teure Ausbildung investieren?» Damals ist es selbstverständlich, dass Frauen mit der ersten Schwangerschaft den Beruf aufgeben, nicht nur für die Zeit, in der die Kinder klein sind, sondern für das ganze Leben. Wenn man es sich leisten kann, bleiben die Frauen ihr Leben lang Hausfrauen. Zusätzlich gehen sie oft einer ehrenamtliche Tätigkeit nach, zum Beispiel in der Kirchengemeinde.

Die patriarchale Gesellschaft wird kaum hinterfragt. In den Familien hat der Vater das Sagen, direkt danach kommt die Mutter und anschließend dürfen auch noch alle anderen Erwachsenen mitreden. Kinder müssen gehorchen. Das bedeutet, sie müssen ohne Widerrede, im Zweifelsfall gegen ihren Willen und gegen ihre Überzeugung handeln, wenn die Erwachsenen es ihnen befehlen. Wie schafft man es, dass Menschen in diesem strengen Sinne gehorchen? Durch Strafen und Ausgrenzung. Die Babyboomer werden als Kinder geprügelt, wenn sie Pech haben sogar mit dem Kochlöffel oder dem Gürtel. Sie werden bloßgestellt, in die Kälte hinausgesperrt, in den Keller, oder ohne Essen zu Bett geschickt. Die Strafen für Kinder sind aus heutiger Sicht sehr hart; damals war das normal. Und wenn eines sich verteidigen will, sagt man: «Willst du auch noch frech werden?!»


Tunnel der Tradition. Die Lebenswege der Babyboomer sind vorgezeichnet.

Ein Babyboomer-Kind kann die Anerkennung seiner Eltern und später der Lehrerinnen und Lehrer durch zwei Verhaltensweisen erreichen: Gehorsam und Fleiß. Die Tüchtigen, das sind die Guten. Das liegt nicht etwa daran, dass die Eltern der Babyboomer es nicht gut meinen mit ihren Kindern. Aber man braucht schon früh ihre Arbeitskraft im Haushalt und in der Landwirtschaft. Man benötigt fleißige Kinder, um sie satt zu bekommen. Erziehungsziel ist: «dass aus ihnen etwas wird», also dass sie später ihre Existenz sichern können. Dazu gehört auch, nicht aus der Reihe zu tanzen, sonst kann es schnell passieren, dass man aus der Dorfgemeinschaft ausgegrenzt wird.

Doch die Kinder lernen schnell, mit dieser Normalität umzugehen. Stellen wir uns eine typische Szene aus der Babyboomer-Kindheit vor: Der Vater kommt nach Hause und fragt das Kind: «Und, hast du es erledigt?», und während es überlegt, was es hätte tun sollen, bekommt es schon eine übergebügelt. «Du Faulenzer! Warum hast du wieder nichts geschafft?» Beim zweiten Mal, wenn der Vater kommt und fragt: «Und, hast du es erledigt?», rennt das Kind gleich weg, überlegt sich «O je, was hätte ich denn machen sollen?» Und während es rennt, fällt es ihm vielleicht ein und es biegt in die richtige Richtung ab, um es schnell zu erledigen, denn es ist ja klug und möchte der Strafe ausweichen. Beim dritten Mal flitzt das Kind schon los, wenn es den Vater nur von weitem kommen sieht, und erledigt, was es hätte tun sollen. So sieht Erziehung in einer hierarchischen Gesellschaft aus. Ihr Ergebnis ist vorauseilender Gehorsam.

Zum Vergleich: Wenn Sie heute im Betrieb am Horizont auftauchen, vielleicht als Führungskraft oder Lehrperson – passiert irgendetwas bei Ihren jungen Mitarbeitenden oder Lernenden, dass sie stramm stehen würden oder in irgendeine Richtung rennen? Im Normalfall nicht. Die heutige Jugend ist nicht geprügelt worden, sie kennt diese tiefe Angst nicht. Also muss die Führungskraft präzise wiederholen, was sie haben will, bis der Auftrag ausgeführt wird. Aus Angst rennt die heutige junge Generation nicht.

Jugend/Junge Erwachsene

Nun werden die Babyboomer älter. Sie haben eine historische Chance: das Wirtschaftswunder. Es gibt bezahlte Arbeit, man kann jobben gehen und sich von den Eltern unabhängig machen.

Aufgrund der guten wirtschaftlichen Lage werden auch das Bildungssystem und das Gesundheitswesen stark ausgebaut. Entsprechend kommen immer mehr Menschen in den Genuss von Bildung. Die Eltern der Babyboomer haben vielleicht noch gehört: «Sieben Jahre Volksschule, das reicht!» Jetzt werden Ausbildung und Studium zunehmend wichtig. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen erhalten die Möglichkeit, zuhause auszuziehen und unabhängiger zu werden, denn für die Ausbildung müssen sie meist woanders hin, z. B. in eine andere Stadt, in ein anderes Dorf.


Einkommen pro Kopf in Deutschland, 1851–2003. Zwischen 1948 und 1973 verdoppelt sich das Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland. Der Ausbau von Bildungssystem und Gesundheitswesen wird möglich.

An einem anderen Ort, mit anderen jungen Menschen zusammen in Ausbildung und Studium, aber noch geschützt vor der vollen Last der Existenzsicherung, geschieht etwas: Die Babyboomer erweitern den Anwendungsbereich von Kommunikation. Bisher hatte sie vor allem als Mittel zum Austausch von Sachinformationen gedient («Hast du es erledigt?»). Jetzt wird sie zum Mittel für den Austausch von Gedanken und Gefühlen. Die Babyboomer beginnen damit, Themen miteinander zu besprechen wie: «Was ist Liebe?»

«Das, was meine Eltern leben», denken die Babyboomer, «kann keine Liebe sein! Der Vater schreit, schlägt und hat immer das letzte Wort. Die Mutter kann ihre guten Ideen nicht durchsetzen und muss ihn noch todmüde bedienen. Das kann keine Liebe sein!» Und im zweiten Schritt folgt die Selbstreflexion: «Wollen wir wirklich auch so sein? Wir müssen doch etwas anderes finden, wir wollen keine hierarchische Liebesbeziehung!» Es bilden sich Paare und bald kommt ein weiteres Thema auf: «Wie wollen wir unsere Kinder erziehen? Sicher nicht so, wie wir selbst erzogen wurden. Nicht so streng!» Zum ersten Mal stellt sich also eine Generation Fragen wie: «Will ich das auch? Was hat das, was ich selbst erlebt habe, mit mir gemacht?» Die Babyboomer erfinden die Selbstreflexion.


Hippies und Flowerpower. Hippies, barfuß, mit langen Haaren, verkörpern den Widerstand gegen jede Einengung. Im Hintergrund die Menschenkette gegen Panzer, ein neues, friedliches Engagement für eine bessere Welt.

Zusammen mit der Bildung und den neuen Möglichkeiten, selbst Geld zu verdienen, hilft die Selbstreflexion den Babyboomern dabei, aus dem engen Rahmen der Tradition auszubrechen und den vorgezeichneten Lebensweg zu verlassen. Sie ermöglicht es ihnen also, die durch ihre Eltern vermittelten Werte zu relativieren. Die wichtigste Frage, die sie sich stellen, ist: «Wie will ich leben?» Die Radikalsten kaufen sich ein Ticket und fliegen nach Indien. Zurück kommen sie mit Meditation – das Wort hat in Europa bislang noch niemand gehört. Andere kaufen sich einen alten VW-Bus und fahren nach Griechenland an den Strand. Dort treffen sie andere junge Erwachsene und diskutierten die Frage: «Wie wollen wir leben?»

Viele trauen sich nun auch zu formulieren, was sie gerne lernen wollen. Die Mädchen hätten vielleicht dem Plan ihrer Eltern gemäß nur ein Jahr die Hauswirtschaftsschule besuchen sollen, nun sagen sie: «Ich will eine richtige dreijährige Ausbildung machen.» Den Wunschberuf lernen zu dürfen, das ist damals schon ein großes Ziel und Zeichen für Freiheit und Selbstbestimmung.

Es sind nicht nur die individuellen Möglichkeiten aufgrund von Wirtschaftswunder und zunehmenden Bildungschancen, die den Babyboomern den Mut geben, den Tunnel zu verlassen. Auch die allgemeine Aufbruchsstimmung und der Fortschrittsglaube in der Gesellschaft geben Rückenwind. Die Babyboomer haben teilweise als kleine Kinder noch erlebt, wie man das Land mit dem Pferd bewirtschaftet. 1969 erleben sie die erste Mondlandung: ein unglaublicher technischer Fortschritt. Der Fortschrittsglaube kennt keine Grenzen. Noch zwei, drei große Staudämme in Afrika, und wir bekommen den Welthunger in den Griff. Wirtschaftswachstum, technologischer Fortschritt und Bildungsexpansion führen bei den Babyboomern zum Lebensgefühl: «Wir werden die Welt verbessern!», «Alles ist möglich!» Die typischen Themen der Babyboomer sind Selbstbestimmung, die Welt verbessern, Visionen haben und sich für diese Visionen einsetzen. Alles ist möglich!

Arbeitsleben

Was ist übrig geblieben? Es sind vor allem zwei Dinge, die die Babyboomer von ihren Eltern übernommen haben. Erstens der Vorrang von Arbeit, zweitens die Hierarchie.

Die Einstellung «Erst die Arbeit, dann das Vergnügen» sitzt tief. Allein die Frage eines Lehrlings «Kann ich heute ein bisschen früher gehen?» ist für sie schon ein Fauxpas. Selbst die Bemühung, pünktlich Feierabend zu machen, kann einen Beigeschmack bekommen: «Die Jungen gehen immer pünktlich. Wir bleiben, bis die Arbeit fertig ist.» Wird irgendwo viel und laut gelacht, entsteht für Babyboomer unbewusst schnell der Eindruck: «Die schaffen nix!» Und wenn junge, kinderlose Kollegen und Kolleginnen eine 80-Prozent-Stelle möchten, fragen sich die Babyboomer: «Wann wollen die eigentlich anfangen mit arbeiten?»

Stichwort Hierarchie: Obwohl sie im Erwachsenenalter darüber reflektiert und sogar in den 68er-Studenten-Revolutionen hart dagegen gekämpft haben, ist die Hierarchie den Babyboomern noch immer im Blut. Wir neigen dazu, das, was wir selbst als «normal» oder «richtig» empfinden, unbewusst auch von anderen zu erwarten. Unterordnung wird selbstverständlich vorausgesetzt, und zwar besonders bei den Jüngeren. Alter und Dauer der Betriebszugehörigkeit sind klare Hierarchie-Merkmale.

Wenn im Betrieb junge Mitarbeitende oder Auszubildende nicht sofort das tun, was ihnen aufgetragen ist, sondern dreimal nachfragen oder Gegenvorschläge einbringen, empfinden das die Babyboomer schnell als anmaßend. Aus ihren Lehrjahren kennen sie eine klare Hierarchie, die mit Alter und langjähriger Betriebszugehörigkeit zu tun hat. Man muss sich hocharbeiten. Im ersten Lehrjahr wird Kaffee gekocht und die Werkstatt gefegt. Wenn sich heute junge Kollegen und Kolleginnen ab dem ersten Tag auf Augenhöhe fühlen und all ihre Vorschläge und Meinungen einbringen, ist das für Babyboomer befremdlich, sie hätten sich das früher nie getraut. Bis heute sagen Babyboomer erst dann etwas, wenn sie sich ihrer Sache hundertprozentig sicher sind. Zu häufig haben sie hören müssen: «Schweig, du bist nicht gefragt worden!»

Entsprechend haben Babyboomer ein klares Verhältnis zu Regeln: Regeln sind Regeln und haben ihren Sinn. Es irritiert sie, wenn Regeln von Jüngeren hinterfragt werden oder diese versuchen, Ausnahmen für sich zu verhandeln.

Ähnlich sieht es mit der Pünktlichkeit aus. Weil sie es selbst früher nie gewagt hätten, unpünktlich zu sein, empfinden die Babyboomer den laxen Umgang mit Terminen bei Jüngeren schnell als respektlos.

Auch die Feedbackkultur der Babyboomer ist nicht frei von Hierarchie. «Feedback» heißt für Babyboomer immer Kritik von oben nach unten und nicht umgekehrt. Sie sind schon irritiert, wenn Lernende oder junge Kolleginnen ihre Vorgesetzten fachlich loben, aber wenn sie diese korrigieren, dann spätestens ist Schluss.

Auch im Umgang mit Fehlern unterscheiden sich die Generationen deutlich voneinander. Jugendliche der Generation Y pflegen einen offenen Umgang damit und begründen Fehler gerne ausführlich. «Ja, deswegen und aus dem Grund ist das so passiert.» Sie sind in einer Fehler- und Lernkultur groß geworden, in der man die Frage stellt: «Wie kam es dazu?» Wenn junge Kollegen und Kolleginnen oder Lernende also bei einem Fehler sofort Erklärungen liefern, denken Babyboomer: «Das sind Ausreden!» Ihnen ist die Grundhaltung der jüngeren Generationen «Irren ist menschlich» sehr fremd. Denn Babyboomer sind für Fehler bestraft oder lächerlich gemacht worden. Fehler dürfen nicht passieren. Darum trauen viele Babyboomer der konstruktiven Fehlerkultur nicht und geraten in eine Verteidigungshaltung oder in Panik, wenn ihnen ein Fehler unterläuft.

Lernen ist für die Babyboomer bis heute etwas sehr Wichtiges. Bildung war für sie der Weg aus dem Tunnel in ein selbstbestimmtes Leben. Darum ist Lernen immer eine Chance, und sei es zur Persönlichkeitsentwicklung. Wenn dann die Jungen manchmal sagen, «muss ich das lernen, ist das wirklich prüfungsrelevant?», denken die Babyboomer, «Mein Gott, die Jugend von heute ist wirklich unmotiviert, sie denkt nur an ihre Prüfungen. Lernen ist doch eine Chance, die sollten über den Tellerrand hinaus lernen und nicht nur für die Prüfung.» Der junge Lernende weiß aber, dass es lebenslanges Lernen gibt mit Wikipedia, Google und modularen Aufbaukursen. Da ist es viel sinnvoller, sich jetzt auf die Prüfung zu konzentrieren. Viele Babyboomer fassen das als Desinteresse auf.

Noch etwas ist sehr typisch für Babyboomer: «Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.» Die Arbeitsmoral haben sie von ihren Eltern übernommen. Wenn es hart auf hart kommt, arbeiten die Babyboomer einfach mehr, länger, die Pausen durch und auch dann noch, wenn sie schon halb krank sind. In den Köpfen geistert noch immer das Sprichwort herum: «Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.» Es ist die Generation, die am ehesten in einen Burnout läuft. Es ist sogar die Generation, in der der Burnout zum ersten Mal beschrieben worden ist. Arbeitsmoral und Leistungsbereitschaft haben einen hohen Stellenwert. Etwas nicht zu schaffen, wird als persönliches Versagen erlebt. Wenn die Berge so hoch sind, dass sie nicht mehr abzutragen sind, haben Babyboomer oft keine Notbremse, denn die Idee der Work-Life-Balance wird erst für die nachfolgenden Generationen zu einem relevanten Wert.

Mit der Babyboomer-Generation haben wir eine hochloyale, sehr arbeitsame Generation mit großem Durchhaltevermögen. Denn Durchhalten ist die wichtigste Tugend im Tunnel.

Generation X

Generation X, das sind die Geburtsjahrgänge 1965 bis 1985. Bitte bedenken Sie auch hier wieder: die Übergänge sind fließend. Für Generation X haben wir zwei Bilder: eines für die Kindheit, das zweite für das junge Erwachsenenalter.

Kindheit

Bei der Geburt hat der Storch die Kinder der Generation X in den Sahnetopf fallen lassen. Diese Kinder erleben, wie im Zuge des Wirtschaftswachstums der Reichtum in die Familien durchsickert. Die erste Kugel Eis! Richtiges Spielzeug zum Geburtstag! Früher hat man einfach etwas bekommen, was praktisch ist, die warmen Fausthandschuhe zum Beispiel. Nun Playmobil und Barbiepuppen.

Durch den Einsatz der Anti-Baby-Pille ist die Zahl der Geburten rückläufig, es entsteht der sogenannte Pillenknick. Generation X kommt aus kleineren Familien mit weniger Kindern. Diese Kinder erleben zum ersten Mal auch ein bisschen Langeweile. Denn Kinder der Generation X müssen im Vergleich zu den Babyboomern viel weniger arbeiten und im Haushalt helfen. Es gibt weniger Geschwister zum Spielen, nicht so viele Gleichaltrige auf der Straße. Gut, dann gehen sie eben in ihr Zimmer und spielen dort vielleicht allein mit ihrem Spielzeug. Das kann schon mal ein bisschen langweilig sein oder auch einsam. Spätestens beim ersten Liebeskummer kommt die Einsamkeit wirklich über sie. Denn was können die X-ler machen, wenn sie vielleicht mit 14 Jahren vor Liebeskummer nachts nicht schlafen können? Die Geschwister wecken? Geht nicht, wenn man schon ein eigenes Zimmer hat. Die beste Freundin oder einen Freund anrufen? Unmöglich. Es gibt nur das Festnetztelefon, fest verschraubt neben dem Elternschlafzimmer – da kann man unmöglich heimlich leise jemanden anrufen. Zum Vergleich: Ist irgendein Jugendlicher heute nachts allein? Nicht, solange es WLAN gibt.

Später werden die X-ler die Fähigkeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen und sich selbst zu trösten, noch brauchen.

Der zunehmende Wohlstand in den Familien führt auch dazu, dass fast jeder Haushalt irgendwann einen Fernseher hat. Was guckt Generation X? Pippi Langstrumpf. Hier wird es interessant. Pippi Langstrumpf ist weder anständig noch wohlerzogen. Trotzdem ist sie ein schönes Kinderideal: lebendig, fröhlich, mutig, kreativ und sehr sozial. Selbst die Eltern sagen: «Schau du mal Pippi Langstrumpf.»

Diese Eltern erziehen ihre Kinder bewusst etwas weniger anständig. Denn was ist früher Anstand gewesen? Kennen Sie diese Fotos, schwarzweiß, von kleinen Kindern im Anzug beim sechzigsten Geburtstag des Großvaters? Kinder, die zweieinhalb Stunden beim Festessen am Tisch sitzen müssen und nicht aufstehen dürfen? Das war Anstand. Diese Kinder sehen auf den Fotos unglücklich aus. Das wollen die Eltern der X-ler nicht mehr. Sie wollen authentische Kinder. Nun werden aus diesen authentischen Kindern junge Erwachsene, die hinaus wollen in die Welt. Was sehen und erleben sie?

Jugend/Junge Erwachsene

Jetzt kommt das zweite Bild zum Zuge. Was findet sich in den 80er-Jahren in den Schlagzeilen? Globale Umweltzerstörung. Wir haben im April 1986 die atomare Katastrophe in Tschernobyl, ein Ereignis, das in Sekundenschnelle den Gelehrtenstreit beendet, ob Atomkraft nun gefährlich ist oder nicht. Im November des gleichen Jahres färbt sich vom Raum Basel aus der Rhein rot. Bei einem Brand bei Sandoz im Gebiet Schweizerhalle fließt hochgiftiges Löschwasser in den Rhein, löst ein großes Fischsterben aus und macht die Trinkwasserversorgung in weiten Teilen Deutschlands für Wochen zur Herausforderung. 1988 versucht Klaus Töpfer, damals Umweltminister von Rheinland-Pfalz, später Bundesumweltminister, die Sauberkeit des Rheins zu belegen und springt demonstrativ vor laufender Kamera ins Wasser. Man hört erstmals, dass die Gletscher schmelzen. Wir haben FCKW – Fluorkohlenwasserstoff – als Treibgas für so wichtige Dinge wie Deodorant oder Schuhsprays, als Kältemittel für Kühltruhen und als Reinigungs- und Lösemittel. Gleichzeitig zeigen wissenschaftliche Studien: Die FCKW tragen massiv zur Vergrößerung des Ozonlochs über den Polen bei. Mit welchen Folgen? Erstens dringt vermehrt aggressive Sonnenstrahlung ein, damit steigt das Risiko für Krebs, und zweitens entweicht durch das Ozonloch unsere Atmosphäre ins Weltall und mit ihr der Sauerstoff.

Jugendliche sind klug. All dies lesen sie auf der Wissenschaftsseite in der Zeitung. In derselben Zeitung im Wirtschaftsteil lesen sie von den steigenden Gewinnen der Firmen, die FCKW produzieren. Und Jugendliche kombinieren gerne. Die Jugendlichen der gut versorgten Generation X bekommen das Gefühl, dass ihre Welt hier frontal vor die Wand gefahren wird. Ihre Zukunft gibt es gar nicht mehr. Sie wird von den etablierten


Generation X frontal an die Wand gefahren. Globale Umweltzerstörung, die atomare Katastrophe in Tschernobyl, der Chemieunfall von Sandoz in Basel: Generation X fühlt sich um die eigene Zukunft betrogen.

Erwachsenen kaputtgemacht – von der Wirtschaft, die sich gnadenlos bereichert, und von Politikern, die tatenlos zuschauen. Diese Erwachsenen sind sogar bereit, für kurz- und mittelfristige Gewinne die gesamte Menschheit aufs Spiel zu setzen, FCKW und das Ozonloch sind der Beweis dafür. Als nachkommende Generation hat Generation X offensichtlich nichts mehr zu melden und es gibt nicht mehr viel zu retten. Das ist das ganz tiefe Lebensgefühl der X-ler: no future.

Natürlich wollen sie auch glücklich werden. Wie antworten sie? Sie tragen dieses Gefühl, ihre Zukunft werde ihnen geklaut, nach außen. Sie erleben ja etwas Wohlstand und sind die Ersten, die ein bisschen Taschengeld besitzen. Dieses geben sie für Kleidung und Musik aus. Es entstehen jugendliche Subgruppen: Die Punker tragen die Wut nach außen und machen sie sichtbar. Aggressive Musik, aggressiver Tanzstil, aggressive Kleidung und aggressiver Schmuck – nette Menschen. Dann gibt es die Gruftis: schwarzer langer Mantel, leichenblass geschminkt. Die richtig guten unter ihnen stellen sich einen Sarg ins Kinderzimmer, legen eine Kuscheldecke hinein und gehen abends so ins Bett. Die Mutter kommt ins Jugendzimmer und denkt: «Oh, Gott, mein Kind ist selbstmordgefährdet», sie bekommt bald einen Herzinfarkt. Und die Jugendlichen denken: «Ja, bekomm du mal einen Herzinfarkt, du blöde Kuh.» Bis in die Familien hinein tragen diese Kinder ihren Frust und ihre Wut. Sie kämpfen für eigene Räume und autonome Jugendzentren, weil sie bei den etablierten Erwachsenen nicht mitmachen möchten. Sie kämpfen auch gewalttätig. Es ist die Zeit der Jugendproteste, in der auch Pflastersteine fliegen. Aber die X-ler haben keine echte Vision. Das ist der große Unterschied zu den Babyboomern, deren weltweite Visionen sie lächerlich und blauäugig finden.

Und was passiert, wenn man eigentlich nicht so ganz genau weiß, wofür man kämpft, sondern hauptsächlich wogegen? Dann geht Energie verloren. Genau das passiert dieser Generation. Da ihr angesichts einer zerstörten Welt die gemeinsamen Ideale und Visionen fehlen, zieht sie sich irgendwann auf sich selbst zurück. Individualismus ist der neue große Wert. Nicht mehr die Welt retten, sondern eigenverantwortlich das eigene Leben möglichst schön gestalten.

Auch hier gibt es eine Subgruppe, die das sehr gut nach außen trägt. Eine neunte, zehnte Klasse in den 80er-Jahren. Die Tür geht auf nach den Sommerferien, herein kommen drei Schüler. Ein Mädchen und zwei Jungs in eleganter Businessgarderobe. Die müssen nichts mehr sagen, die ganze Klasse schaut sie staunend an und die Botschaft ist klar: «Lasst die Welt untergehen. Den letzten guten Job bekomme ich.» Die Popper kommen auf, später die Yuppies und Dinks (double income, no kids). Von ihnen wird der Boden bereitet für Werte wie «Lebensqualität» und «Work-Life-Balance», die bis zur nächsten Generation die Arbeitsmoral der Babyboomer verdrängen werden. Das ist die Antwort von Generation X: Individualismus.

Generation X greift mit dieser Antwort auf eine Ressource zurück, die sie in ihrer Kindheit schon gebildet hat. Sich selbst trösten bei Liebeskummer, sich mit sich selbst beschäftigen, Langeweile aushalten. Angesichts der zerstörten Zukunft ist ihre Antwort: Ich muss mich selbst am Schopf aus dem Sumpf ziehen. Die Welt – Entschuldigung – können wir nicht mehr retten. Wir kümmern uns um uns selbst.


No Future, Punks und Gruftis. Generation X entwickelt in der Jugend das Lebensgefühl «No future». In Subgruppen wie den Punkern und Gruftis bringt sie ihre Wut und Frustration über eine zerstörte Zukunft zum Ausdruck.

Arbeitsleben

Die Grundhaltung des Individualismus aktiviert die Generation X auch später noch. Für das Arbeitsleben entsteht daraus ein ganz großer Wert: Eigenverantwortung. Wenn Sie ein Projekt haben, das über eine längere Zeit eigenverantwortlich durchgezogen werden muss, geben Sie es einem X-ler oder einer X-lerin – «Endlich mal in Ruhe selbstständig an etwas arbeiten können!», wird er oder sie dankbar sagen.

Was ist sonst noch übriggeblieben bei Generation X im Arbeitsleben? Authentisch sein. Ein kleines Stückchen Pippi Langstrumpf. Es kann Generation X schon mal passieren, dass die Führung morgens nicht alle grüßt. Es kann schon mal passieren, dass ein Mitarbeiter ganz authentisch sagt: «Ich habe heute keinen Bock» und das im 15-Minuten-Rhythmus wiederholt. Dann kann man beobachten, spätestens zur Mittagspause hat er das ganze Team demotiviert. Dieses authentische «Seine-Gefühle-den-anderen-Zumuten» finden wir am ehesten bei Generation X.

Noch ein Punkt. Generation X hat gesehen, man kann pro oder contra Atomkraftwerke sein, aber Tschernobyl fliegt in die Luft. So hat diese Generation tief verinnerlicht, dass alles kritisch hinterfragt werden muss, auch Betriebsentscheidungen, auch Beschlüsse von Vorgesetzten. Sie gehen sogar davon aus, dass kritisches Hinterfragen ein Zeichen von Engagement, Mitdenken und Eigenverantwortung ist. Sie können sicher sein, Babyboomer denken das nicht. Und wieder anders tickt Generation Y: Sie hätte es lieber konstruktiv als kritisch.

Die Kehrseite dieser großen Stärke der Generation X ist, dass sie eine ausgeprägte Eigenverantwortung genauso von den anderen Generationen erwartet, auch von sehr jungen und unerfahrenen Mitarbeitenden. Immer wieder passiert es X-lern, dass sie als Führungskräfte oder in der Ausbildung hauptsächlich Eigenverantwortung erwarten und vergessen, dass sie selbst anleiten, kontrollieren, einfordern, loben und erinnern müssen. Dadurch entstehen häufig Missverständnisse und Enttäuschungen.

Wenn es zu Konflikten in Mehrgenerationen-Teams kommt, werden wir oft zur Teamentwicklung eingeladen. Dann reisen wir an, stellen den Tagesablauf vor, so wie wir ihn uns überlegt haben, und schon geht eine Hand hoch – es ist immer Generation X – und jemand sagt: «Frau Engelhardt, ich zweifle nicht an Ihrer Kompetenz, aber … wenn hier jeder seine Arbeit eigenverantwortlich machen würde, brauchten wir die ganze Teamentwicklung nicht – das ist doch der reinste Kindergarten!» Immer wenn Sie die Wörter «eigenverantwortlich» und «Kindergarten» in einem Satz hören, haben Sie hundertprozentig einen X-ler vor sich.

Das sind die Werte und Aspekte, die Generation X ins Arbeitsleben hineinträgt. Eine verlässliche Generation, aber eine eigenwillige und kritische. Wenn Sie ein Projekt haben, das mal jemand allein durchziehen muss, geben Sie es einem X-ler!

Generation Y

Generation Y, das sind die Jahrgänge ab 1985 bis ungefähr 2000, die Experten sind sich nicht einig, was den Übergang zur Generation Z betrifft.

Welches Bild möchten wir Ihnen zu dieser Generation mitgeben? Generation Y ist abgeschossen in die Galaxie der Möglichkeiten. Alles kann man lernen und studieren und ganz einfach ins Ausland gehen. Die Bildungswege sind durchlässiger geworden. Es liegt aber auch in der eigenen Verantwortung, den besten Weg in dieser Galaxie zu finden, und dadurch entsteht Unsicherheit: «Schaffe ich das, kriege ich das hin?»

Kindheit

Generation Y erlebt einen verständnisorientierten Erziehungsstil. Das Ziel der Eltern ist es, ein gutes Verhältnis zu ihren Kindern aufzubauen und zu erhalten. Eltern lassen ihre Kinder zu Wort kommen, begegnen ihnen mit Wertschätzung und loben mehr. Sie wollen auf Augenhöhe mit ihnen zusammenleben und binden ihre Kinder sehr früh in Entscheidungen ein, z. B. wohin es in den Urlaub gehen soll. Unglaubliche «Macht» der Kinder, könnte man denken. Aber die Eltern haben schnell gelernt, dass der Urlaub doppelt so erholsam und entspannt ist, wenn sich auch die Kinder wohlfühlen.

Die Jüngeren der Generation Y erleben sogar schon den beratenden oder coachenden Erziehungsstil.2 Hier werden die Eltern zur wichtigen Vertrauensperson. Die Jugendlichen fragen sie bei ganz persönlichen Themen um Rat und vertrauen ihren Eltern ihre Gefühle an. Das ist ein radikaler Unterschied zum hierarchischen Verhältnis der Babyboomer zu ihren Eltern. Dort ist Förderung noch stark mit Strafen gekoppelt und Entscheidungen werden von den Eltern gefällt.

Heute wird gefragt: Was brauchst du, wie kann ich dir helfen? Entsprechend erleben die Y-ler zuhause keine Prügel, das ist die absolute Ausnahme, sondern Verständnis und Unterstützung. Sie haben nie vor dem Vater gezittert oder vor einem Erwachsenen wegen Prügel oder Spott wirklich Angst haben müssen. Darum haben sie kein Gespür für Hierarchien. Selbstverständlich geben sie Feedback von unten nach oben und sagen dem Chef unverblümt, was sie denken. Sie haben nie gehört: «Schweig, du bist nicht gefragt worden!», wenn sie eine gute Idee hatten, sondern ganz im Gegenteil: «Was meinst du dazu, mein Kind?» Die Eltern von Generation Y sind froh, wenn ihre Kinder von der Schule erzählen, jede Geschichte ist willkommen. Generation Y ist gewohnt zu sprechen, mit jedem und zu jeder Zeit.

Generation Y erlebt schon in der Kindheit eine große Flexibilität der Beziehungen, also häufige Wechsel von Bezugspersonen und Freunden. Diese neue Normalität beginnt schon bei kleinen Kindern. Nehmen wir die traditionelle Familie: Ein Kind wird geboren, die Mutter entscheidet sich, die ersten drei oder vier Jahre zu Hause zu sein. Spätestens dann kommt das Kind in den Kindergarten. Und höchstwahrscheinlich wird es die Erzieherin oder den Erzieher lieben! Es wird ab und an kleine Geschenke basteln oder selbstgemalte Bilder mitbringen. Nach zwei oder drei Jahren findet der Wechsel in die Grundschule statt. Wahrscheinlich sieht das Kind die Erzieherin, die es vorher jeden Tag als enge Bezugsperson hatte, nie wieder! Dann kommt die Schule, auch da macht man noch gelegentlich Geschenke, lässt sich vielleicht noch zum Trost in den Arm nehmen. Und nach zwei Jahren? Fast überall findet ein Klassenlehrerwechsel statt, also wieder der Wechsel einer engen Bezugsperson. Spätestens da sagen die Eltern: «Schätzchen, mach dir keine Sorgen, die Frau Maier, die du nächstes Jahr bekommst, ist genauso nett wie der Herr Schulz, den du dieses Jahr hattest.» Und genau das erleben die Kinder! Jede nächste Bezugsperson ist offen, freundlich, nett, unterstützend. Denn Generation Y erlebt eine vollkommen andere Pädagogik als die vorhergehenden Generationen. Das Kind da abholen, wo es steht mit seinen Stärken und Schwächen, das ist die neue Devise. Willkommen heißen, fördern, unterstützen. Auch die Lehrperson wird zum Lerncoach. Darum bewegt sich Generation Y wie der Fisch im Wasser in dieser Flexibilität der Beziehungen.

Jugend/Junge Erwachsene

Was macht Generation Y für Erfahrungen in ihrer Jugend und im jungen Erwachsenenalter? Die Flexibilität der Beziehungen, die sie aus Kindergarten und Schule kennt, geht weiter. Als Generation Praktikum sind die Y-ler immer wieder wochen- oder monatsweise in ganz neuen Kontexten und Teams. Auch Studium und Ausbildung werden zunehmend modularisiert. Das heißt, in diesem Kurs sind sie mit dieser Gruppe, im nächsten Kurs mit einer anderen. Generation Y kann bestens damit umgehen, unter der einen Bedingung: dass sie von Anfang an gut aufgenommen wird. Flexibilität ist nur lebbar, wenn man sofort willkommen geheißen wird. Das eine ist die Pädagogik: mit Stärken und Schwächen angenommen werden. Das andere ist die Klasse oder das Team. Generation Y braucht ein Nest. Sie will sofort vollwertig dazu gehören.

Dazu kommt das Handy mit Messaging und später auch Social Media und Vernetzungsmöglichkeiten zum Beispiel über Facebook (Gründung 2004) und Instagram. Das ist neu und interessant für die Y-ler. Sie werden die ersten Nutzer, verbringen zunehmend Zeit im Netz. Virtuelle und reale Welt gehen fließend ineinander über, man ist vernetzt mit Freunden, die man auch im echten Leben sieht. Urlaub im Funkloch bedeutet soziale Isolation.

In der Galaxie der Möglichkeiten tun sich permanent neue Chancen auf. Das hohe Tempo, in dem Veränderungen stattfinden, ist für Generation Y normal. Die Y-ler erleben auch, dass die Älteren mit diesem Tempo nicht mehr mithalten. In der Weiterentwicklung der Handys und PCs erleben sie das haut- und produktnah. Generation Y ist hier immer mit der Nase vorn und erklärt Eltern und Lehrern, wie die Technik funktioniert oder was gerade das Neueste ist. In der IT-Branche selbst wissen die Professorinnen und Professoren nicht mehr, was sie in die Lehrpläne schreiben sollen. Nach einem Basisstudium können sie den Studierenden nur noch beibringen, wie sie sich auf dem Laufenden halten. Bevor die Lehrpläne geschrieben sind, hat sich die IT-Branche schon wieder selbst überholt.


Galaxie der Möglichkeiten. Die Welt liegt der Generation Y zu Füßen. Sie ist abgeschossen in die Galaxie der Möglichkeiten. Hier ein Planet, da ein Sonnensystem, Sterne flimmern, es gibt einfach alles.

Generation Y erlebt auch, wie in den Berufsinformationszentren von erwachsenen Beratern erklärt wird, dass es neue Berufe geben wird und dass man die Ausbildungsangebote, Berufe und Tätigkeitsfelder der nächsten zehn Jahre noch gar nicht absehen kann. Ratlosigkeit: Was soll man denn dann werden?

Privat möchte sie auf die Möglichkeit zur Veränderung auf keinen Fall verzichten. Wenn man Jugendliche und junge Erwachsene fragt: «Wenn ich dir jetzt deinen Traumjob bieten könnte: interessante Tätigkeit, gutes Gehalt, Ferien, Weiterbildungsmöglichkeiten, nettes Team, und du bekämst diesen Traumjob unter der einen Bedingung, dass du heute unterschreibst, dass du zwanzig Jahre bleibst. Was würdest du tun?» Fast immer ernten Sie auf diese Frage schreckgeweitete Augen. Heute unterschreiben, dass ich für zwanzig Jahre bleibe? «Nein», sagen die meisten, «das würde ich für den tollsten Job der Welt nicht machen.» Das fühlt sich an wie das Urteil «lebenslänglich».

Arbeitsleben

Wie äußert sich dieses Lebensgefühl «Abgeschossen in die Galaxie der Möglichkeiten» im Arbeitsleben? Man darf nicht verloren gehen in dieser Welt der millionenfachen Möglichkeiten. Das ist bei Generation Y wirklich doppelt gemeint, privat wie beruflich.

Generation Y will sofort freundlich und herzlich aufgenommen werden, ein Nest, einen Anker auch im Arbeitsleben haben. Das Team muss sie ab der ersten Stunde wertschätzen und anerkennen. Fachlich gesehen werden die Y-ler immer die Berufe oder die Ausbildungen wählen, in denen sie das Gefühl haben, da gibt es ohne Ende Anschluss-, Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten. «Ich habe mich noch nicht festgelegt», hören wir häufig. Es wäre ja auch schlimm, sich festzulegen, wenn rundherum eine Galaxie der Möglichkeiten existiert. Es ist die Generation, die am besten ausgebildet ist, denn genau das, die Ausbildung, die stetige Weiterbildung und immer häufiger das Studium sind ihre Schlussfolgerungen aus dem Wunsch, beruflich anschlussfähig zu sein.

Im Arbeitsleben spüren wir, Generation Y will klare Regeln, klare Ansagen, klare Vereinbarungen, ganz klare Aufträge. Früh haben die Y-ler gelernt, bei Mama darf ich dies, im Kindergarten darf ich das, dann gibt es vielleicht noch einen Tag bei den Großeltern und einen beim Papa. Überall gelten unterschiedliche Standards. Es gibt keine allgemeingültigen Normen oder Selbstverständlichkeiten mehr. Also wünschen sie sich, wo immer sie sind, dass die andere Seite klar sagt: Mach dies und jenes so und so, dann bin ich mit dir zufrieden. Klare Regeln zur Orientierung, damit man schnell Anerkennung bekommt.

Gleichzeitig werden sie bei Regeln immer nach Ausnahmen fragen. Denn die Generation Y hat ab dem Moment, in dem sie sprechen kann, bereits verhandeln gelernt. Ein kleines Kind von zweieinhalb Jahren wird von der Mutter gefragt: «Möchtest du Schokopudding oder Erdbeerjoghurt zum Nachtisch?» Und das Kind sagt: «Beides!» Es wird nach seinen Wünschen gefragt. Nie ist ihm das Sprechen verboten worden. Und die Mutter denkt: Ein Löffel Erdbeerjoghurt, ein Löffel Schokopudding, das ist doch von den Kalorien her in Ordnung. Sie sehen: absolut verhandlungsstark sind die Vertreter dieser Generation im Aushandeln von Ausnahmen. Sie wünschen sich Regeln zur Orientierung und werden doch immer versuchen, eine Ausnahme für sich herauszuholen. Sie nehmen es aber auch nicht übel, wenn sie die Ausnahme nicht bekommen, sofern das für sie gut begründet und nachvollziehbar ist.

Sie wollen auch klare Arbeitszeitregelungen. Überstunden und Einspringen, das muss sehr gut begründet sein und ausgeglichen werden. Denn für Generation Y ist Work-Life-Balance eine Selbstverständlichkeit. Es gibt den klaren Vorrang der Arbeitswelt über das Private nicht mehr. In der Galaxie der Möglichkeiten geht es darum, das ganze Leben möglichst angenehm zu gestalten. Beruf und Arbeitszeit sind lediglich ein Teil davon.

Abgeschossen in die Galaxie der Möglichkeiten ist es schwer abzuschätzen, ob man wirklich am besten Ort gelandet ist. Generation Y wünscht sich von den Älteren und Erfahreneren, dass sie ihnen vermitteln: Hier ist es schön, schau mal, was wir hier bewerkstelligen, wir sind die beste Abteilung, guck mal, was wir für tolle Ergebnisse haben, hier bist du richtig. Um auch dem Stress standzuhalten, dass immer irgendwo eine Nachricht reinkommt von Gleichaltrigen, die in einem sozialen Netzwerk posten: «Mein Beruf ist besser, ich bekomme 150 Euro mehr», «ich bekomme Weiterbildungen bezahlt», «Bei mir nimmt sich die Chefin Zeit für mich» … Die permanente Flut von Vergleichsmöglichkeiten erzeugt bei den Y-lern die Unsicherheit, vielleicht nicht am richtigen Ort in der Galaxie zu sein. Wenn da eine Führung ruhig sagt: «Hier ist der beste Ort, hier bist du gut, hier erreichen wir sinnvolle Ergebnisse», dann sind die Y-ler glücklich. Sie wünschen sich Orientierung und geben ganz viel Motivation und Herzblut, wenn sie das Gefühl haben, ich bin willkommen und weiß, wofür ich da bin.


Generation Y – vernetzt und anschlussfähig. Ob auf der Suche nach der coolsten Party oder nach dem idealen Job – Generation Y ist vernetzt, sucht online und tauscht sich aus.

Das ist unsere Generation Y, immer vernetzt, niemals allein und dann hoch motiviert und durchaus leistungsorientiert.

Generation Z

Es besteht unter Expertinnen und Experten zurzeit noch keine Einigkeit, ob es Generation Z schon gibt oder ob man die gegenwärtige Jugend noch den späten Jahrgängen der Generation Y zuordnen kann. Der bekannte Jugendforscher Klaus Hurrelmann reserviert die Geburtsjahrgänge bis 2000 noch für die vorhergehende Generation Y, während andere über Generation Z schon ab den Jahrgängen nach 1995 sprechen.3

Natürlich gibt es Bücher über Generation Z und wir haben kürzlich sogar schon einen Vortrag über eine angeblich übernächste Generation im Netz gefunden, die Generation A bzw. Alpha.4 Oft bekommt man jedoch den Eindruck, dass die Inhalte nicht wirklich neu sind, sondern dass es sich nur um alten Wein in neuen Schläuchen handelt. Die Frage bleibt, ob die gegenwärtige Jugend den späten Jahrgängen von Generation Y ähnelt und die gesellschaftlichen Erfahrungen, die sie prägen, sich intensiviert, aber nicht wirklich qualitativ verändert haben. Also ein bisschen mehr IT, mehr künstliche Intelligenz, ein anderer Grad an Vernetzung, aber nichts komplett Neues. So hatten die älteren Jahrgänge von Generation Y als Jugendliche den PC zuhause als Computer-Tower unterm Schreibtisch stehen und vielleicht gab es nur einen in der Familie. Heute tragen alle Studierenden ihre persönlichen Laptops oder Tablets in die Vorlesungen und machen ihre Mitschriften elektronisch. Der PISA-Sieger Finnland will die Handschrift abschaffen. Auch das eigene Handy hat man heute selbstverständlich früher, nämlich schon als Kind, und man hat es auch deutlich häufiger in der Hand. Vielleicht sind es die gleichen Herausforderungen, nur ein bisschen intensiver.

Wenn wir streng beim Generationenbegriff bleiben, müsste sich die Gesellschaft rund um das Jahr 2000 so stark geändert haben, dass die kommende Jugend wirklich eine neue Qualität an Herausforderungen vorfindet und also auch gezwungen ist, neu darauf zu antworten. Die Antworten wären dann die typischen Einstellungen, Verhaltensweisen und Werte dieser Generation.

In manchen Ländern Europas ist das längst und sehr eindeutig der Fall. In Griechenland zum Beispiel hat die Finanzkrise so starke Auswirkungen, dass die Arbeitslosigkeit dramatisch ansteigt. Im wirtschaftlich härtesten Jahr 2013 steigt dort die Jugendarbeitslosigkeit auf fast 50 Prozent an, fünf Jahre später liegt sie immer noch bei knapp 40 Prozent. Das ist eine Herausforderung, die Antworten in den verschiedensten Lebensbereichen erfordert. Wie zum Beispiel soll man ein Selbstwertgefühl und Stolz auf das Geleistete entwickeln, wenn es keine Aussicht auf einen Beruf gibt? Wie den Mut fassen, eine Familie zu gründen, ohne Aussicht auf ein gesichertes Einkommen? Worüber im Smalltalk sprechen beim Kennenlernen, wenn Arbeit und Ausbildung keine Themen mehr sind? Welche Träume und Lebenspläne verfolgen, wenn die Existenzsicherung so schwierig ist? Griechenland und wahrscheinlich genauso Spanien und Italien haben längst eine neue Generation ausbilden müssen. Eine Generation, die auf diese neuen Herausforderungen eine Antwort findet. In Griechenland, so ist uns erzählt worden, wollte die Jugend früher von den Inseln weg und so schnell wie möglich in die Hauptstadt ziehen. Athen war interessant, lebendig, zukunftsweisend. Es gab eine große Landflucht. Heute sieht man dagegen die Tendenz, dass die Jugend Athen und seine Arbeitslosigkeit verlässt, die kleinen Inseln aufsucht und die alten Olivenplantagen wieder kultiviert. Sie baut dort aber etwas anderes auf als den traditionellen Familienbetrieb und versucht, im Direktvertrieb ihren Weg zu finden.

Im deutschsprachigen Raum spielt die Jugendarbeitslosigkeit im Vergleich dazu keine Rolle. Die alten Muster funktionieren noch. Arbeit und Beruf sind nach wie vor wichtig für Selbstwert und Zukunftspläne und mit einer guten Ausbildung hat man nach wie vor gute Berufsaussichten. Auch der beratende und coachende Erziehungsstil, wie er schon bei den späten Jahrgängen der Generation Y zu finden ist, ist geblieben und hat sich eher weiter durchgesetzt. Neu könnte sein, dass Generation Z deutlich häufiger schon im Kleinkindalter in Kindertagesstätten betreut wird und durchaus auch ganztags. Damit sinkt der Einfluss der Eltern als Bezugspersonen und die Bedeutung der gleichaltrigen Freunde, der Peergroup, steigt schon sehr früh. Das verstärkt sicherlich das Gefühl der Gleichrangigkeit anstelle von Hierarchie und Autorität. Die kleinen Freundinnen und Freunde sind dann neben Eltern und Erziehern diejenigen, von denen ich etwas lerne und die mich in einer Clique führen. Der Kumpel als Vorbild, nicht der Lehrer und Vorgesetzte. Aber auch hier ist die Frage, haben wir wirklich eine neue Qualität oder nur eine Intensivierung des beratenden, coachenden Erziehungsstils?

Was wären neue Herausforderungen und Erfahrungen, die so anders sind, dass wir im Mannheim’schen Sinne eine neue Generation ausmachen könnten?

Die statistische Grundlage ist dürftig, allein schon deshalb, weil die neue Generation erst im Kommen ist, also meistenteils noch zur Schule geht oder sich in der Ausbildung befindet. Sie hat den Schritt in die Arbeitswelt noch nicht oder erst vor kurzem getan, und darum weiß man noch nicht so genau, wie diese Generation die Welt wahrnimmt.

Wir möchten hier dennoch einen Ausblick geben und erste Hypothesen wagen. Wenn es Generation Z gibt, was sieht und erlebt sie Neues? Worauf muss sie eine Antwort finden? Wir wollen es in einem Bild formulieren. Generation Z ist eingesaugt ins Schwarze Loch der Social Media.

Herausforderungen

Das große Neue ist das Smartphone. Nicht das Handy, das kam bei Generation Y dazu. Sondern die Verbreitung des internetfähigen Smartphones und WLAN sowie die damit verbundenen Social Media mit Angeboten wie Google, Youtube (2006), Facebook (2004), Instagram, Twitter, WhatsApp und anderen. Mit dem Smartphone und dem Ausbau der Netze ist die Normalität entstanden, permanent und überall im Internet zu sein. Generation Z wächst damit auf. Daraus ergeben sich besonders in drei Bereichen neue Herausforderungen.

1.Hohe Erwartungen

2.Im Rampenlicht wie Prominente

3.Aufmerksamkeit: Ständige Ablenkung

Hohe Erwartungen. Durch den permanenten Zugang zum Internet ist die Jugend einer fortwährenden Reizüberflutung ausgesetzt. Nehmen wir Youtube als Beispiel. Was ins Netz gestellt wird, sind nur die lustigsten, süßesten oder spektakulärsten Momente. Aus den unzähligen Filmchen, die so gerne geschaut werden, wurden vorher alle Passagen herausgeschnitten, in denen nicht viel passiert. Es ist eine Aneinanderreihung von intensiven und besonderen Situationen. Die Jugendlichen sehen also permanent und ausschließlich Highlights.

Das schraubt die Erwartungen enorm in die Höhe. Was bedeutet das aber für das eigene Leben, was heißt es für die Erfahrungen, die die Jugendlichen konkret machen? Gegenüber all dem, was man im Netz sieht, erscheinen die eigenen Erlebnisse vielleicht ganz grau und langweilig. So entstehen große Unsicherheiten. Soll ich mich trauen, snowboarden oder mountainbiken zu gehen, wenn die Sprünge und auch die Stürze auf Youtube so unerreichbar spektakulär sind? Was hat mein kleiner Sprung noch für einen Sinn, für eine Bedeutung? Soll ich ihn überhaupt noch wagen? Oder ist er nicht von vornherein dazu verurteilt, lächerlich zu wirken?

Diese Unsicherheiten bei einzelnen Aktivitäten summieren sich auf, senken das Wohlbefinden, die Zufriedenheit und führen zu Fragen wie: Was ist überhaupt ein schönes Leben? Welche Erfahrungen möchte ich denn machen? Nur die Highlights? Ist das menschenmöglich? Ist das für mich möglich? Schaffe ich das? Der permanente Vergleich mit den Highlights der anderen kann furchtbar am eigenen Selbstwertgefühl nagen. Es sind genau diese überhöhten Erwartungen, die zur neuen Herausforderung werden.

Ähnlich ist es mit dem – insbesondere für die Jugendlichen – so wichtigen Gefühl der Selbstwirksamkeit. Wie können sie ihre Erfahrungen wertschätzen? Wie können sie dieses gute Gefühl der Selbstwirksamkeit erleben: «Ja, ich habe etwas hinbekommen, ich habe etwas geschafft und kann stolz darauf sein», wenn immer die Frage im Raum steht, ob das, was ich da geschafft habe, gut genug ist und nicht schon längst von jemandem im Netz weit übertroffen wurde? Die Jugendlichen geraten in einen Rating-Modus – in permanentes Vergleichen. Dabei entsteht die Gefahr, dass das eigene Leben zum Kinosessel wird, an dem das Leben der anderen mit tollen Bildern vorbeizieht. Genau dieses Lebensgefühl reflektieren die Z-ler in ihrer Slam-Poetry und stellen die Sehnsucht dagegen, sich selbst zu spüren, sich zu trauen und irgendetwas Eigenes zu machen. Leben, statt abwarten und vorbeiziehen lassen, in der Erwartung, es könnte etwas noch Tolleres kommen.

Es sind ja nicht nur die Erwartungen der Eltern, die man mit einem eigenen Wertesystem kritisch hinterfragen könnte. Es ist die Flut der Filme, Berichte und Erfahrungen von Gleichaltrigen – gut ausgewählt, geschnitten und vertont – dieses Meer an Highlights, das die eigenen Erwartungen so hoch schraubt. Auf diese Herausforderung der unendlich hohen Erwartungen und des permanenten Vergleichens müssen die Jugendlichen eine Antwort finden.

Im Rampenlicht wie Prominente. Je größer die Reizüberflutung, desto knapper wird die Ressource «Aufmerksamkeit». Da stellt sich die Frage, wie man es überhaupt noch schafft, wahrgenommen zu werden. Wie früher bemühen sich die Jugendlichen um Selbstdarstellung. Sie wollen ausprobieren, wie sie auf die Welt wirken, und zeigen, wer sie sind und werden wollen. Auf jeden Fall wollen sie zeigen, dass sie keine Kinder mehr sind. Was sie aber genau sind und werden wollen, ist ja eine Urfrage und Entwicklungsaufgabe auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Selbstdarstellung ist also vollkommen normal und ein wichtiger Teil dieser Entwicklungsaufgabe.

Generation Z sieht sich vor der Doppelaufgabe einer guten Selbstdarstellung in der realen Welt und im Netz. Das sind zwei ganz verschiedene Aufgaben, denn wir kennen die Ansprüche, die aus dem Internet resultieren: Nur die Highlights haben eine Chance, die Aufmerksamkeit der anderen zu bekommen. Der Druck zur Selbstoptimierung ist enorm und die Selbstdarstellung professionalisiert sich. Sie wird für manche sogar zur neuen Möglichkeit, als Influencer den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, wenn sie aufgrund einer großen Fangemeinde, ihrer Follower, Werbeaufträge bekommen. Schöne Fotos in den Social Media zu posten, ist das eine. Das andere ist der Druck: lieber gar kein Bild als ein schlechtes Bild, das ist für alle sichtbar peinlich. Andererseits ist Fotografieren eine kreative Beschäftigung. Es macht sicherlich Spaß, die schönsten Fotos zu machen und Clips zu drehen bei bestem Licht, bestens gestylt, in bester Pose – das Wissen dazu kann man sich ja wiederum im Internet aneignen.

Die Selbstdarstellung im Netz hat natürlich auch Auswirkungen auf die reale Welt. Beide sind in Echtzeit miteinander verbunden. Der Druck zur Selbstoptimierung erschwert Begegnungen und das soziale Miteinander in der realen Welt. Er führt zu Unsicherheiten und löst Ängste wie die folgenden aus: Schaffe ich es überhaupt, heute auf der Party so gut auszusehen wie auf meinen eigenen Bildern bei Facebook oder Instagram? Das gilt für beide Geschlechter. Es geht wie früher darum, immer eine gute Figur zu machen und es geht darüber hinaus neu darum, immer filmreif zu sein – nicht für ein fernes Hollywood, sondern für das alltägliche Internet. Was kann ich überhaupt noch sagen, wenn die Gefahr besteht, dass mein Spruch eben nicht so cool und lustig ist wie die Aneinanderreihung der coolen und witzigen Sprüche, die wir vom Internet gewohnt sind? Und wie kann ich vor dem Hintergrund eines fast perfekt optimierten Profils das teilen, was in mir vorgeht? Wo ist Platz für meine Ängste, Wünsche und Träume, für meine schönen und vor allem die schweren Gefühle? Wie kann ich diese Gefühle ehrlich mit jemandem teilen, bevor sie optimal formuliert und hübsch genug verpackt sind fürs Internet?

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