Kitabı oku: «Lost & Dark Places Harz»

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In Osterwieck warten historische Häuser und Villen auf Liebhaber (Tour 3).

Miriam Fuchs

Lost & Dark Places
HARZ

35 vergessene, verlassene und unheimliche Orte



Sanierungsbedürftige Fachwerkhäuser sind noch einige im Harz zu finden (Tour 3).


Blick vom Turm der Kirchenruine Lüttgenrode (Tour 2)


Verfallene Reste des Ferienheims Viktorshöhe bei Friedrichsbrunn (Tour 25)

INHALT

Vorwort

Verhaltensregeln für Lost Places

35 LOST & DARK PLACES

1Bunker, Wachtürme, Stacheldraht

Verlassene Grenzanlagen

2Totgesagte leben länger

Kirchenruine St. Laurentius in Lüttgenrode

3Im Dornröschenschlaf

Osterwiecks vergessene Schätze

4Aufgegeben, doch nicht verlassen

Kalibergbausiedlung Wilhelmshall

5Hinter Gittern

Ehemalige Justizvollzugsanstalt Halberstadt

6Im wahrsten Sinne Altbau

Fachwerkhaus in Halberstadt

7Mahnende Ruinen

Landhaus an den Thekenbergen bei Halberstadt

8Überreste der »Metallenen Schwingen«

Junkerswerke Aschersleben

9Folgenreiche Affäre mit Scheintod

Burgruine Stauffenburg

10Katerstimmung

Gasthaus Waldkater in Lautenthal

11Das Aus für den wilden Mann

Gasthaus »Zum Wilden Mann« in Wildemann

12Im Schatten des Welterbes

Bergbaurelikte am Wegesrand

13Auf der Strecke geblieben

Eisenbahn-Überreste

14Eine letzte Zigarette

Ehemalige Mensa Clausthal

15Von Burgmieke und Tatzlwurm

Düstere Begebenheiten am Burgberg Bad Harzburg

16Unter Mordverdacht

Von Brockenmördern und anderen dunklen Gesellen

17Längst vergangene Blütezeit

Palmenhaus in Wernigerode

18Ausgetanzt

Der Verfall der Storchmühle Wernigerode

19Mutprobe mit Todesfolge

Erzseilbahn Minsleben

20Schicht am Schacht

Betriebsferienheim Elbingerode

21Gegen das Vergessen

KZ-Außenlager Blankenburg-Oesig

22Verstecktes Viadukt

Erzstufenbahn Blankenburg

23Verschollen im Felsental

Das Bodetal bei Thale

24»Seid bereit!« – »(N)Immer bereit«

Buna-Lager »Erich Weinert« Friedrichsbrunn

25Verlassen oder verflucht?

Ferienheim Viktorshöhe in Friedrichsbrunn

26Es klappert im Wind

Alte Mühle Gernrode

27Ausgebrannt

Gasthaus Kutscherstube in Mägdesprung

28Ferienheim im Ruhestand

Reichsbahn Ferienheim Alexisbad

29Lost Place mit Zukunft

Freie Feldlage Harzgerode

30Traditionshaus sucht Perspektive

Gießerei Gebrüder Bamberg Harzgerode

31Wie eine Kathedrale im Wald

Schotterwerk Walkenried

32Verlassenes Erbe des Adels

Spiegel’sches Haus in Werna

33Den Gashahn zugedreht

Ehemaliges Gaswerk Nordhausen

34Überbleibsel der Kupferindustrie

Die Kupferhütte in Sangerhausen

35Letzte Ruhestätte

Mausoleum Heiligenthal

Register

Impressum


Die Blütezeit des Palmenhauses in Wernigerode ist längst vergangen (Tour 17).


Ehemaliges Gutshaus: das Spiegel’sche Haus in Werna (Tour 32)

KAPITELÜBERBLICK

1Verlassene Grenzanlagen

2Kirchenruine St. Laurentius in Lüttgenrode

3Osterwiecks vergessene Schätze

4Kalibergbausiedlung Wilhelmshall

5Ehemalige Justizvollzugsanstalt Halberstadt

6Fachwerkhaus in Halberstadt

7Landhaus an den Thekenbergen

8Junkerswerke Aschersleben

9Burgruine Stauffenburg

10Gasthaus Waldkater in Lautenthal

11Gasthaus »Zum Wilden Mann« in Wildemann

12Bergbaurelikte am Wegesrand

13Eisenbahn-Überreste

14Ehemalige Mensa Clausthal

15Burgberg Bad Harzburg

16Von Brockenmördern und dunklen Gesellen

17Palmenhaus in Wernigerode

18Der Verfall der Storchmühle Wernigerode

19Erzseilbahn Minsleben

20Betriebsferienheim Elbingerode

21KZ-Außenlager Blankenburg-Oesig

22Erzstufenbahn Blankenburg

23Das Bodetal bei Thale

24Buna-Lager »Erich Weinert« Friedrichsbrunn

25Ferienheim Viktorshöhe in Friedrichsbrunn

26Alte Mühle Gernrode

27Gasthaus Kutscherstube in Mägdesprung

28Reichsbahn Ferienheim Alexisbad

29Freie Feldlage Harzgerode

30Gießerei Gebrüder Bamberg Harzgerode

31Schotterwerk Walkenried

32Spiegel‘sches Haus in Werna

33Ehemaliges Gaswerk Nordhausen

34Die Kupferhütte in Sangerhausen

35Mausoleum Heiligenthal

VORWORT


Völlig überraschend mitten im Wald ist dieses Viadukt zu entdecken (Tour 22).

Der Harz, die magische Gebirgswelt in der Mitte Deutschlands, ist bekannt für seine Mythen und Sagen. Das geheimnisvolle Gebirge mit seinen dunklen Wäldern, schroffen Tälern und verwunschenen Orten ist schon seit Jahrhunderten Quelle für erstaunliche Erzählungen. Jahrtausende lang prägte der Bergbau die Region und brachte vielerorts Wohlstand, jedoch auch Leid und Tod. Relikte der damaligen Zeit werden häufig gehegt und gepflegt, werden als Erlebnis- und Besucherbergwerke touristisch vermarktet. Große Teile gehören mittlerweile zum UNESCO-Welterbe der Menschheit, eine Auszeichnung. Einige Sachzeugen hingegen scheinen schier vergessen worden zu sein, überraschen mitten im Wald die nichts ahnenden Wanderer und machen neugierig auf die Geschichte, die sich dahinter verbirgt. Seit Ende des 19. Jahrhunderts gehört der Harz zu den beliebten Urlaubszielen in Deutschland. Zahlreiche Hotels, Gaststätten und Sehenswürdigkeiten machen eine Reise lohnenswert. Engagierte Gastgeber gestalten ihren Gästen erholsame, unvergessliche Tage. Wo einerseits moderne Ferienresorts und Hotelanlagen entstehen, gibt es andererseits für so manch traditionelles Gasthaus keine Zukunft. Gut, wenn die Natur solche Leerstände schnell erobert und sie damit den traurigen Anblick verdeckt.

SOWOHL DAS WOHLTUENDE KLIMA des Harzes als auch natürliche Heilmittel wie Sole oder Moor ließen Kurorte und Heilbäder entstehen. Insbesondere zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden zahlreiche Kliniken und Sanatorien, in denen vor allem Lungen- und Atemwegserkrankungen behandelt wurden. Im Sole-Heilbad Bad Harzburg ist bis heute das Flair eines klassischen Kurortes spürbar und in der altehrwürdigen Trink- und Wandelhalle wird wie vor über 100 Jahren das Gesundheit versprechende Heilwasser ausgeschenkt. Viele Heilanstalten hingegen, vor allem im östlichen Harz, ereilte spätestens nach der Wiedervereinigung Deutschlands ein wenig erbauliches Schicksal. Wunderschöne historische Gebäude sind dem Verfall preisgegeben.

Im Mittelalter waren Kaiser und Könige zu Gast im Harz, der aufgrund seiner Bodenschätze heftig umkämpft war. In Quedlinburg soll der Sachsenherzog Heinrich im Jahr 919 von seiner Ernennung zum ersten deutschen König erfahren haben. In den Kaiserpfalzen in Goslar, Werla und Quedlinburg sowie in der Königpfalz Tilleda wurde deutsche und europäische Geschichte geschrieben. Im Schatten dieser bedeutungsvollen Orte gibt es zahlreiche Burgen und Burgruinen, deren Substanz langsam vor sich hin bröckelt.

Verblüffend: die versteckten Reste der Junkerswerke in Aschersleben (Tour 8)

DIE »LOST PLACES« IM HARZ, die verlassenen, vergessenen und geheimnisvollen Orte, gehören zum Bild dieser beliebten Urlaubsregion. Sie erzählen Geschichten über den einstigen Mut, Einfallsreichtum und Ehrgeiz ihrer Erbauer. Sie berichten von tragischen Schicksalsschlägen, grausamen Verbrechen und ruinierenden Spekulationen. An vielen Orten zerreißt es einem schier das Herz, wenn historische Bauwerke, deren Pracht und Einzigartigkeit mit etwas Fantasie vor dem inneren Auge sichtbar werden, nahezu unwiederbringlich verfallen. »Warum?«, ist die bittere Frage, die den Betrachter begleitet, ebenso wie der Wunsch nach einem Lottogewinn, um wenigstens eines dieser Objekte zu erhalten. Neben den in diesem Buch vorgestellten Plätzen gibt es zahlreiche weitere, die bei einer Reise durch den Harz mit offenen Augen entdeckt werden können. Mit dieser Auswahl zeigen wir eine interessante Mischung aus den verschiedenen Lebensbereichen und erzählen die Geschichte(n) des Harzes aus einem besonderen Blickwinkel. Sofern es Eigentümer zu ermitteln gab, war auch deren Einverständnis ein Kriterium für die Aufnahme in dieses Buch.


Schaurige Entdeckungen auf einem kleinen Friedhof am Harzrand (Tour 35)

WÄHREND DER RECHERCHE zeigte sich, dass einige »Lost Places« längst nicht so »lost« sind, wie sie erscheinen. Menschen engagieren sich voller Herzblut und Leidenschaft, um das Erbe unserer Vorfahren zu erhalten. Auch die öffentliche Hand setzt an vielen Orten Erstaunliches in Bewegung, um historische Substanz für die Nachwelt zu bewahren. Ein Lichtblick, der freudig stimmt, wohlwissend, dass längst nicht alle eindrucksvollen Plätze erhalten werden können. Sicherlich wird das eine oder andere beschriebene Objekt aus diesem Buch mittelfristig gänzlich verschwinden. Grund genug, sich zeitnah auf den Weg zu begeben und die »Lost & Dark Places« im Harz zu entdecken. Dabei ist generell Vorsicht geboten, denn einige befinden sich auf Privatgrund, sodass der Zutritt ohne Erlaubnis nicht gestattet ist. Andere sind bereits in einem solch desolaten Zustand, dass schon das Betreten lebensgefährlich sein kann. Doch um die Magie des Ortes zu spüren und sich auf eine Fantasiereise in die Vergangenheit zu begeben, reicht auch der Anblick von außen aus. Entdecken Sie den Harz aus einer ungewöhnlichen, morbiden Perspektive. Vielleicht verlieren Sie Ihr Herz an einem Objekt und werden selbst zum »Lost Places«-Retter …

Hinweis: Alle Berichte beschreiben den Zustand der Objekte im Frühjahr 2021.

VERHALTENSREGELN FÜR LOST PLACES


Leerstand in der ehemaligen Bergbausiedlung Wilhelmshall (Tour 4)

Bei vielen Objekten könnte das Gefühl entstehen, der Zustand sei nicht zu verschlimmern. Gerade der marode Charme macht einen Besuch der »Lost Places« für viele Menschen so reizvoll. Um den Ist-Zustand möglichst lange zu bewahren, anderen die Möglichkeit der Entdeckungen zu bieten und selbst sicher und gefahrlos den Geheimnissen der Region nachzuspüren, sind bei einem Besuch einige Punkte zu beachten. Insbesondere im Harz gilt es, auch den Naturschutz zu berücksichtigen. Manche verlassenen Plätze liegen in Naturschutzgebieten oder sind mittlerweile Heimat für Wildtiere. Bitte achten Sie auf entsprechende Hinweise oder Wegegebote.

Respektvoller Umgang


Jedes Bauwerk und jedes Gebäude erzählt eine Geschichte aus vergangenen Tagen. Auch wenn sie teilweise nahezu unauffindbar sind, jeder »Lost Place« hat einen Eigentümer. Damit Besuche auch weiterhin möglich sind, ist ein respektvoller Umgang mit dem Objekt Voraussetzung. Dazu gehören das Respektieren der Privatsphäre und das Einhalten von Betretungsverboten. Ebenso sollte selbstverständlich sein, dass nichts zerstört oder gewaltsam geöffnet wird. Verschlossene Fenster oder Türen bleiben unangetastet.

Zu einem respektvollen Umgang mit dem Ort gehört auch, dass nichts mitgenommen oder gar eigener Müll dort entsorgt wird. Etwas zu entwenden ist Diebstahl. Daher gilt die Regel: Alles bleibt, wie es ist. Belassen Sie es bei den schönen Einblicken und Fotos, die Ihnen dieser Ort bietet, und nehmen Sie Essensreste, Kaugummis, Verpackungen und Co. wieder mit.

Rauchen verboten


Kippenstummel brauchen nicht nur 15 Jahre zum Verrotten, sondern können schnell ein Feuer verursachen. Sie sollten nirgends achtlos weggeworfen werden. Schützen Sie den ehrwürdigen Ort, indem Sie während Ihres Besuchs auf das Rauchen verzichten.

Keine Graffiti


Und sind sie auch noch so schön und gut gemeint: Kunstwerke an den Wänden oder geschnitzte Initialen in den Balken haben an den »Lost Places« nichts zu suchen. Erhalten Sie den Ort auch für nachfolgende Besucher so, wie er ist.

Seien Sie vorsichtig


Marodes Holz, verrostete Geländer, einsturzgefährdete Decken, lockere Böden (teilweise befinden sich noch Kellergeschosse darunter), eingeschlagene Fenster oder auch Unrat, Scherben und rostige Nägel auf dem Boden können teils lebensgefährlich werden. Sie tummeln sich auf eigene Gefahr an den meist abgelegenen Orten. Seien Sie daher immer wachsam und begeben Sie sich nicht in Gefahr nur für ein besonderes Foto. Das ist es nicht wert. Sofern das Betreten von Gebäuden erlaubt ist, achten Sie genau auf den Zustand der Treppen und Decken. Nehmen Sie auch eine Taschenlampe für dunkle Räume und Keller mit.


Der gemauerte Altar in der Kirchenruine trotzt dem Verfall (Tour 2).

Gehen Sie nicht allein


Es ist ratsam, immer mindestens zu zweit, besser noch zu dritt, einen »Lost Place« zu besuchen. Im Fall eines Unfalls kann entsprechend eine Person Hilfe holen, während die andere bei der verunfallten Person bleibt. Erfahrungsgemäß ist der Handyempfang an den »Lost Places« nur selten gut für einen Notruf. Zudem weiß man nie, wen man vor Ort trifft. Dunkle Orte ziehen gern auch dunkle Gestalten an; da ist es beruhigender, nicht allein unterwegs zu sein.

Erregen Sie kein Aufsehen


Wie schon beschrieben, haben alle »Lost Places« einen Eigentümer. Der Privatbesitz ist zu respektieren. Entsprechend abgesicherte und beschilderte Orte sind nur von Weitem zu betrachten, was für ein berührendes Erlebnis ausreicht. Bitte verhalten Sie sich möglichst ruhig und parken Sie gegebenenfalls etwas abseits. Sofern sich Nachbarn und Eigentümer nicht von Vandalen gestört fühlen, sollte es auch keine unerwünschten Konfrontationen und Diskussionen geben.


Das Viadukt zeugt von der Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts (Tour 22).


Massive Überreste eines Schotterwerks erinnern an eine Kathedrale (Tour 31).

Ausrüstung


Gut vorbereitet werden Sie bei einem Besuch der »Lost Places« viel Freude und spannende Entdeckungen erleben. Eine kleine Liste mit von uns empfohlenen Ausrüstungsgegenständen soll Ihnen die Planung erleichtern. Bitte beachten Sie auch, dass das Wetter im Harz unbeständig sein kann. Schneereste bis in den April, starker Wind oder plötzliche Regenschauer sollten Sie bei der Kleidungswahl berücksichtigen.

Unsere Empfehlung


•Festes Schuhwerk, hohe Socken (Schutz vor Zecken)

•Reißfeste, unempfindliche Kleidung, ggf. leichte Regenjacke

•Kamera inkl. Zusatzakku, Speicherkarten, Stativ

•Proviant und Getränke (nehmen Sie bitte Verpackungen und Reste wieder mit)

•Kopf- oder Stirnlampe für freie Hände

•Taschenlampe mit weitem Winkel für Keller und dunkle Räume

•Taschenmesser

•Aufgeladenes Handy (ggf. Powerbank)

•Notizblock und Stift

•Pflaster und Taschentücher für Verletzungen

•Mücken- und Zeckenspray


Im ehemaligen Gasthaus Waldkater wird niemand mehr bedient (Tour 10).

1
BUNKER, WACHTÜRME, STACHELDRAHT

Verlassene Grenzanlagen

Unbehagen keimt auf, wenn recht unvermittelt hinter einer Wegbiegung Überreste der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze auftauchen. Über 30 Jahre nach der Grenzöffnung erinnern sie an die jahrzehntelange schmerzhafte Trennung eines Landes. Auf den Spuren der Vergangenheit.

Suderode/Rhoden, Stadt Osterwieck, Landkreis Harz Ort Ortsteile Suderode und Rhoden GPS 51.97118, 10.61635 (Bunker Suderode), 52.0107869, 10.6345893 (Grenzturm Rhoden) Anfahrt Mit dem Bus von Halberstadt oder Wernigerode. Mit dem Auto A36 Abfahrt Stapelburg/Osterwieck bis Osterwieck. Grenzanlage in Rhoden: Wanderparkplatz bei Willecke‘s Lust, Osterwiecker Str. zwischen Hornburg und Osterwieck. Bunker Suderode: in Suderode Ortsausgang Richtung Wülperode


Abenteuerlicher Treffpunkt: Bunker bei Suderode

GRENZBEBAUUNG Um manche Überreste der Grenzanlagen der ehemaligen DDR zu entdecken, muss man schon genau hinschauen. Während die Plattenwege am Feldrand ein eindeutiges Indiz sind, sind so manche Bauten nunmehr zugewuchert und bewachsen. So auch der Bunker am Rande von Suderode, einem Dorf, zugehörig zur Stadt Osterwieck. Mit etwas Mühe ist der unscheinbare Trampelpfad zu entdecken, der zur gut versteckten Anlage führt. Kein Hinweisschild berichtet, um was es sich hier handelt und so kann munter der Fantasie freien Lauf gelassen werden. Nur wenige hundert Meter von der ehemaligen Grenze entfernt, lassen sich Einrichtungen zur Grenzsicherung vermuten. Tatsächlich ist nicht ganz klar, was es mit den Betonresten bei Suderode auf sich hat. Vermutlich handelt es sich dabei um einen nie ganz fertiggestellten Bunker. Der in der Nähe des wenige Kilometer entfernten Rhoden hingegen war viele Jahre in Benutzung, wenn auch nicht zur Grenzsicherung, sondern für Treffen der Jägerschaft und anderer. In den letzten Jahren der DDR waren für die Grenzsicherung in dieser Gegend die Grenzkompanien in Dedeleben, Rhoden, Göddeckenrode, Wülperode und Abbenrode verantwortlich. Der übergeordnete Bataillonsstab befand sich in Osterwieck-Hessen.

GRENZERFAHRUNG Die im nahegelegenen Kleinen Fallstein bei Rhoden befindlichen Überreste der Grenzanlagen mit Bunker, Grenzturm und Grenzzaun wurden zum 30-jährigen Jubiläum der Grenzöffnung 2019 hergerichtet. Vorher war zumindest der Bunker für ahnungslose Wanderer nicht zu erkennen. Mit Taschenlampe bestückt, lässt sich der kleine Raum recht gut ausleuchten. Ein erster Blick um die Ecke ist aufregend, schließlich könnten sich hier auch Tiere eingenistet haben. Wer weiß, wer da gestört wird? Dass dieser schummrige Raum einst für gesellige Zusammenkünfte genutzt wurde, ist nicht mehr zu erahnen. Doch alte Bilder zeigen, dass dieser Bunker einst mit Holz vertäfelt und wie eine gemütliche Kneipe ausgestattet war. Die Jägerschaft nutzte den Raum regelmäßig zu Zusammenkünften, und auch Parteimitglieder und Politoffiziere, Vertreter des Militärs, die dafür sorgten, dass die Parteilinie in der Armee vergegenwärtigt und umgesetzt wurde, sollen dort von den Küchenfrauen aus der Kompanie verköstigt worden sein. Die Grenzanlagen befanden sich im absoluten Sperrbezirk. Wo heute Wanderer die wunderschöne Landschaft und das einmalige Harz-Panorama erleben dürfen, hatten Zivilisten und Einwohner der anliegenden Dörfer zu DDR-Zeiten kein Betretungsrecht. Der gemauerte Grenzturm in Rhoden gehört vermutlich zu den älteren viereckigen Türmen entlang der Grenze. Später wurden die Grenztürme aus Betonteilen zusammengesetzt. Auf etwa 4 mal 4 Metern Grundfläche waren sie mit einem Bettenlager und den notwendigsten Dingen ausgestattet, die der wachhabende Turmkommandant, sein Posten und die Alarmgruppe, bestehend aus vier Soldaten, vor Ort benötigten. Sie waren verantwortlich für die Sicherung von mehreren Kilometern Staatsgrenze. Kein leichtes Unterfangen. Etwas weiter westlich ist noch ein Teil des originalen Grenzzauns erhalten. Ein kleiner Eindruck von den gewaltigen Grenzanlagen, die auf knapp 1400 Kilometern von der Ostsee bis zum Dreiländereck bei Hof installiert wurden. Rund 40.000 Grenzsoldaten waren für ihre Sicherung zuständig.


Dieser gut versteckte Bunker wurde nie in Betrieb genommen.


Der Grenzturm bei Rhoden gehört zu den ehemaligen DDR-Grenzanlagen.

GRENZWERTIGE ERLEBNISSE Während jüngere Menschen die DDR nur noch aus den Geschichtsbüchern kennen, sind die Erinnerungen für viele der älteren Generation noch sehr lebendig. Diese wachzuhalten, bemüht sich der Grenzerkreis Abbenrode. Ehemalige Grenzer aus Ost und West, die entlang des Schutzstreifens viele Jahre ihren Dienst leisteten, treffen sich regelmäßig und kümmern sich um die Bildungsarbeit. Im Gespräch mit ihnen und mit Einheimischen sind bewegende Geschichten im Schatten der Grenze zu hören. Als in den frühen 1960er-Jahren beispielsweise die Grenze bei Suderode noch nur mit einem Zaun gesichert war, warfen sich Zöllner und Mitglieder der Grenztruppen der Volksarmee gegenseitig Dinge über diesen Zaun. Es entstand ein reger Austausch. Einer der Zöllner hatte eine Kalaschnikow als Objekt der Begierde. Als er dann als »IM« – inoffizieller Mitarbeiter – von der DDR-Regierung angeworben werden sollte, bekam er kalte Füße. Er berichtete seinem Vorgesetzten und wurde direkt an den Bodensee versetzt. Eine weitere Geschichte verursacht Gänsehaut. So berichtet ein ehemaliger Hauptmann von einer bedrohlichen Begegnung mit Amerikanern. Sie flogen im Tiefflug den Grenzturm Rhoden an, verharrten und zielten aus der geöffneten Tür mit geladenen Maschinengewehren auf ihn. Eine Grenzerfahrung, die jedem erspart bleiben sollte. Die einzige »richtige« Reaktion im Sinne der Befehlshaber wäre eine Meldung an die Russen gewesen. Stattdessen entschied sich der Verantwortliche, eine Eskalation zu vermeiden und diesen Vorfall nicht zu melden. Der Hubschrauber drehte bei, doch die Erinnerung an diese Konfrontation, die Momente der Todesangst und den Zwiespalt ob des eigenen Handelns blieben bestehen.

VOM GRENZSCHUTZ ZUM NATURSCHUTZ 1952 wurde seitens der DDR ein Sperrgebiet von 5 Kilometern bis zur Grenze ausgewiesen und ein 500 Meter breiter Schutzstreifen errichtet. In den 1960er-Jahren wurde dieser mit hohen Signal- oder Kontrollzäunen eingegrenzt und durch Minen und Hunde gesichert, um eine Massenflucht zu verhindern. Als »Aktion Ungeziefer« wurde die Umsiedlung Tausender Familien aus dem Grenzgebiet in das Innere der DDR bezeichnet. Sie galten als politisch unzuverlässig. Nach internationalem Recht darf jedes Land seine Grenzen sichern, wie es als erforderlich angesehen wird. Ähnlich massive Abriegelungen wie zu DDR-Zeiten sind heute an den Grenzen zwischen der Türkei und Syrien oder den USA und Mexiko gang und gäbe. In Deutschland entstand dadurch ein fast 1400 Kilometer langer, über Jahrzehnte nahezu unberührter Geländestreifen. Bereits im Dezember 1989 wurde dieser zum gesamtdeutschen Naturprojekt. Das so genannte Grüne Band ist der größte Biotopverbund Deutschlands und in seinem Schutz leben rund 1200 bedrohte Tierarten. Im Harz führt der Harzer Grenzweg am Grünen Band als ausgewiesener, knapp 100 Kilometer langer Wanderweg vom Grenzturm Rhoden im Nordharzvorland bis nach Tettenborn im Südharz bei Bad Sachsa. Eine Wanderung auf dieser Route, auch auf Teilabschnitten, ist abwechslungsreich, teils anspruchsvoll und dank der zahlreichen Informationstafeln sehr lehrreich. Der Brocken, der viele Jahre Sperrgebiet und somit unerreichbar war, liegt ebenfalls auf dem Weg. Im Brockenhaus wird seine Geschichte präsentiert.

Das besondere Erlebnis


In Sorge im Oberharz Freiland-Grenzmuseum ist ein großer Teil der Original-Grenzanlagen erhalten geblieben. Reste der Grenzzäune I und II, eine Grenzsäule, der letzte von ehemals 14 Beobachtungstürmen im Harz, eine Gewässersperre und ein Erdbunker veranschaulichen beeindruckend das ausgeklügelte System der Grenzsicherung in der DDR. Informationstafeln erläutern die Objekte und den geschichtlichen Kontext. Das Freilandmuseum ist öffentlich und ohne Eintritt zugänglich. Der Verein Grenzmuseum Sorge e. V. pflegt die Anlage und bietet regelmäßig Führungen an. In einem kleinen Museum im ehemaligen Bahnhofsgebäude im Ort sind Alltagsgegenstände der DDR-Grenztruppen und der Bewohner des Grenzgebiets zu sehen. Der »Ring der Erinnerung« in unmittelbarer Nähe des Freilandmuseums ist eines von fünf Naturdenkmälern in Europa, die Natur und Historie verbinden.

2
TOTGESAGTE LEBEN LÄNGER

Kirchenruine St. Laurentius in Lüttgenrode

Wer auf der Landstraße von Vienenburg nach Osterwieck durch das Örtchen Lüttgenrode fährt, wird erst auf dem zweiten Blick die Kirchenruine erkennen. Die sanierten Türme täuschen eine intakte Kirche vor, was sich erst beim lohnenswerten genaueren Hinschauen auflöst.

Lüttgenrode, Stadt Osterwieck, Landkreis Harz Ort Amt 93, 38835 Osterwieck, OT Lüttgenrode GPS 51.96719, 10.66692 Anfahrt Mit dem Bus von Vienenburg. Mit dem Auto A36 (Goslar–Wernigerode) Abfahrt Vienenburg-Ost/Osterwieck; von Vienenburg Richtung Osterwieck, am Ortsende von Lüttgenrode links ab


Neben den sanierten Türmen muss die Fassade teilweise gestützt werden.

GUT GESCH(T)ÜTZT Es mutet durchaus abenteuerlich an, mit welch kreativer Stützkonstruktion die Nordwand der ehemaligen Klosterkirche auf dem Lüttgenroder Berg gesichert wurde. Mehrere Balken, befestigt durch große Steinkörbe, schützen die Überreste der Kirche vor dem weiteren Verfall. Dass es sich hier um eines der ältesten Baudenkmäler Deutschlands mit einer über 1000-jährigen Bausubstanz handelt, ist kaum zu glauben. Im Schatten großer und namhafter sakraler Bauten wurde das Kloster Stötterlingenburg, wie das 992 gegründete und 995 geweihte Benediktinerinnenkloster auf diesem Areal genannt wurde, scheinbar vergessen. Gestiftet vom Bischof Hildeward von Halberstadt war das Kloster bis zur Reformation 1557 in Betrieb. Später war es landesherrliches Amt, ehe es 1814 Graf Kleist von Nollendorf geschenkt wurde. Konkrete archäologische Untersuchungen oder Funde, wie das Kloster früher angelegt war, gibt es nicht. Die Kirche selbst war ursprünglich ein flachgedeckter, einschiffiger romanischer Bau. In den 1970er-Jahren sind das Dach und Teile der aufgegebenen Kirche eingestürzt. Ursprünglich sollten die Reste gesprengt werden, doch der damalige Pfarrer verlangte offenbar eine astronomische Summe, sodass von einer Sprengung abgesehen wurde. Zum Glück, denn so blieben die Überreste dieses einzigartigen Kleinods erhalten.

TRITT EIN, BRING GLÜCK HEREIN Eine kleine hölzerne Tür führt in das ehemalige Kirchengebäude. Im noch erhaltenen Halbrund der Kirchenmauern und mit den sanierten Zwillingstürmen im Westen hat dieser Ort eine besondere, ehrwürdige Atmosphäre. Andeutungen des ehemaligen Nonnenchors im Westen und des Chores mit Apsis im Osten sind wohl nur für Kenner zu entdecken. Doch ein gemauerter Altar, die Rundbogenfenster und ein eingemauertes Kapitell lassen erahnen, welch bauliche Meisterleistung hier vor gut 1000 Jahren vollbracht wurde. Glück hat das Kirchlein allemal, denn seit 1990 engagiert sich der Förderverein Klosterkirche Lüttgenrode e. V. mit seinen rund 25 Mitgliedern für den Erhalt des Wahrzeichens des Ortes. Fleißige Ehrenamtliche befreien regelmäßig die Mauerreste von dem Bewuchs, denn die Natur holt sich verlassene Orte schnell zurück. So bleibt die Ruine für Besucher erhalten und sichtbar. Von 1990 bis 1993 wurden die Zwillingstürme für über eine Million D-Mark mit Unterstützung durch Lotto Sachsen-Anhalt saniert. Dadurch erscheint die Kirche von Weitem auf den ersten Blick intakt. Im Zuge der Sanierung wurde auch die Kirchturmuhr überholt und zeigt nun wieder an, welches Stündlein geschlagen hat. Der Turm wird für Veranstaltungen genutzt und bietet einen wunderschönen Panoramablick auf den Harz. Auch die Krypta wurde bereits saniert. Die Planung für eine Nutzung steht noch aus.


Eine marode Holztür macht neugierig darauf, was sich dahinter verbirgt.

Eintritt ins Ungewisse: die geheimnisvolle Kirchenruine Lüttgenrode

IM SCHATTEN DER KIRCHE Dunkle Geschichten ranken sich um viele Gotteshäuser und bis heute sterben Menschen in religiösen Glaubenskriegen. Im Schatten der Kirche von Lüttgenrode ereignete sich 1995 ein rein weltliches Gewaltverbrechen. Im Mordfall Rimbach, der sich in der alten Schäferei nebenan ereignete, wird ein Beziehungsdrama vermutet, doch der Fall konnte bis heute nicht aufgeklärt werden. Axel Petermann, ehemaliger Bremer Polizei-Fallanalytiker, hat den Fall 2015 in seinem Buch »Der Profiler« beschrieben.

STÖTTERLINGENBURG Verwirrend sind die Namensgebungen rund um die Kirchenruine. Der Ort heißt Lüttgenrode, in der Nachbarschaft liegt Stötterlingen, und beschrieben wird das Kloster Stötterlingenburg. Der Name ist vermutlich zurückzuführen auf eine Burganlage aus dem 10. Jahrhundert, auf deren Areal das Kloster errichtet wurde. Später findet es Erwähnung als Rittergut oder Gut Stötterlingenburg. Das eindrucksvolle Herrenhaus direkt in der Nachbarschaft der Kirche, heute im Privatbesitz, wurde 1860 erbaut. Architekt des herrschaftlichen Gebäudes war Martin Gropius, Großonkel des Bauhaus-Begründers Walter Gropius. Erst 1928 verlor Stötterlingenburg seinen Namen und wurde durch eine Vereinigung mehrerer Bezirke zu Lüttgenrode, heute Ortsteil der Stadt Osterwieck.

Das besondere Erlebnis


Eine steile Holztreppe führt im Inneren des Turmes hinauf zur Glockenstube. Durch die schmalen Fenster erstreckt sich der Blick gen Norden über Felder und Wälder bis hin zum Brocken oder in südliche Richtung über das Harzvorland. Je nach Wetterlage ein einmaliges Naturschauspiel. Auf Anfrage öffnet Vereinsvorsitzender Detlef de Raad den Turm für Besucher. Auch am Tag des offenen Denkmals im September beteiligt sich der Förderverein meistens mit einem Besichtigungsprogramm.


Kontraste: Durch die maroden Fenster sind die sanierten Türme zu sehen.

3
IM DORNRÖSCHENSCHLAF

Osterwiecks vergessene Schätze

Das malerische Städtchen Osterwieck im nördlichen Harzvorland scheint im Schatten der berühmten Nachbarn Wernigerode und Quedlinburg etwas in Vergessenheit geraten zu sein. Neben hübsch sanierten Gebäuden warten historische Schätze auf den Verfall – oder einen Liebhaber.

Stadt Osterwieck, Landkreis Harz Ort Am Markt, 38835 Osterwieck GPS 51.97205, 10.71147 Anfahrt Mit dem Bus von Halberstadt, Vienenburg oder Wernigerode. Mit dem Auto A36 (Goslar–Wernigerode) Abfahrt Stapelburg/Osterwieck. Parkmöglichkeiten im Zentrum, Am Anger oder Bahnhofstraße


Die »Alte Post« von 1618 wartet sehnsüchtig auf einen Heilsbringer.

Gutshaus im Ortsteil Rhoden: Die ehemalige Schule sucht nach neuen Aufgaben.

FACHWERKFÜLLE Über 400 Häuser im Fachwerkstil säumen die schmalen, häufig kopfsteingepflasterten Gassen Osterwiecks. Das älteste dieser Häuser ist von 1450, zahlreiche Gebäude stammen aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Nur selten findet man eine solche Fülle an Baustilen von Gotik über Renaissance, Barock und Klassizismus bis hin zum niedersächsischen Fachwerkstil. So ist es nicht verwunderlich, dass die gesamte Altstadt unter Denkmalschutz steht und zusätzlich rund 190 Einzeldenkmale ausgewiesen wurden. Als Teil der Deutschen Fachwerkstraße gehört Osterwieck zu den Kleinoden in Deutschland. Doch während in der Welterbestadt Quedlinburg oder in der »Bunten Stadt am Harz« Wernigerode nur wenige Kilometer entfernt kaum noch ein sanierungsbedürftiges Objekt zu finden ist, bietet Osterwieck hingegen großes Potenzial. In vielen Straßen stehen wunderschöne Fachwerkhäuser leer, so in der Nikolaistraße 2 die sogenannte Alte Post. Ein Schild erzählt die Geschichte des dreistöckigen Fachwerkbaus von 1618. Die an den verwitterten Eichenholzbalken der Fassade kaum noch zu entziffernden Inschriften wurden hier glücklicherweise niedergeschrieben. Die »sprechenden« Häuser von Osterwieck sind eine Besonderheit, denn an über 40 Häusern sind Texte aus der Reformationszeit Martin Luthers zu lesen. Diese in Fachwerk geschnitzten stummen Bekenntnisse zum protestantischen Glauben vermittelten bereits im 16. Jahrhundert klare Botschaften. Eine Inschrift der Alten Post scheint allerdings aktueller denn je zu sein: »Herr, ich warte auf dein Heil«. Möge dieses nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen, damit die Geschichte des Hauses auch in Zukunft weitergeschrieben wird.

DENKMALSCHUTZ Ihm ist sicherlich viel zu verdanken, denn in den vergangenen über 30 Jahren seit der Wiedervereinigung konnten viele Objekte auch mithilfe der Förderprogramme des städtebaulichen Denkmalschutzes wunderschön saniert werden. Das Heimatmuseum, der Bunte Hof, das Till-Eulenspiegel-Haus und der Schäfershof mit seinem charakteristischen Taubenturm und einem großen Bauern- und Skulpturengarten seien nur als Beispiele genannt. Doch gerade bei der Sanierung dieser historischen Objekte können die Auflagen einiges erschweren.

Viele private Investoren haben sich von der Plakette des Denkmalschutzes nicht abhalten lassen, krempelten die Ärmel hoch und schufen sich ein idyllisches Heim. Doch gerade zur Wendezeit waren Fördermittel auch verlockend für Investoren aus dem In- und Ausland. Hoffnungsträger für viele Objekte, die leider ihr Versprechen nicht einhielten. Am eindrucksvollen Gebäude in der Kapellenstraße 12 steht noch eine E-Mail-Adresse für Kaufinteressenten, doch diese ist nicht mehr erreichbar. Das Haus von 1551 beherbergte einst das Brauhaus von Bürgermeister Johann Kirchhoff. Die äußere Fassade sieht noch gut in Schuss aus, doch bei einem Blick von der Rückseite wird klar, warum hier Sicherungsmaßnahmen durch die Stadt erforderlich sind. Auch Hausnummer 11 direkt nebenan teilt das Schicksal. Hier war bis nach der Wende eine Klempnerei ansässig. Umso begeisternder ist es zu sehen, dass der historische Gasthof Zur Tanne in der Rosmarinstraße in direkter Nachbarschaft der Alten Post durch die Wohnungsgesellschaft Osterwieck mbH zu neuem Leben erweckt wird.


Die ehemalige Lederhandschuhfabrik wird mittelfristig zu neuem Leben erwachen.

LEDERINDUSTRIE UND LEDERGELD Viele der Häuser im heutigen Stadtbild zeugen vom einstigen Reichtum Osterwiecks. Früher als Seligenstadt bekannt, erhielt die Stadt bereits 974 von Kaiser Otto II. das Münz-, Markt- und Zollrecht als ein Ort im Bistum Halberstadt. Ihren Ursprung hat die Stadt im 780 gegründeten karolingischen Missionszentrum, an dessen Ort heute die imposante Kirche St. Stephani steht. Mit der Turmfront aus der romanischen Zeit, dem gotischen Mittelschiff und dem Chorgestühl aus der Renaissance ein architektonisch beeindruckendes Bauensemble. Bereits im 17. Jahrhundert entwickelte sich in Osterwieck die Lederindustrie. Es entstanden Weißgerbereien, Färbereien und zahlreiche Handschuhfabriken. Im Lederhandwerk hatte Osterwieck einen Weltruf und exportierte Handschuhe bis nach Amerika. Allerdings kann sich wohl kaum jemand heute vorstellen, was das in der damaligen Zeit für die kleine Stadt bedeutete. In einem Weißgerberspruch heißt es: »In des Leders Werdegang ist die Hauptsache der Gestank.« Knapp ein Fünftel der Einwohner Osterwiecks, rund 1000 Menschen, arbeiteten 1924 in der Lederbranche. Bekannt ist auch das Osterwiecker Ledergeld, das in den 1920er-Jahren als sogenanntes Notgeld in den Umlauf kam. Insgesamt sollen 177.000 Scheine mit einem Nennwert von 2.900.000 Mark gedruckt worden sein. Die 20-, 50-, 100- und 500-Mark-Scheine sowie eine Goldmark wurden schnell zu Sammlerobjekten und waren gleichzeitig eine besondere Werbung für die Handschuhindustrie. Das Osterwiecker Lederhandwerk wird von Katrin Seeger in Berlin weitergeführt, deren Urgroßvater Adolf Seeger 1924 eine Handschuhfabrik im Kirchbergsweg gründete. Die ehemalige Lederhandschuhfabrik am großen Park zeugt von der einstigen Tradition und dem lukrativen Industriezweig, der über Jahrhunderte vielen Osterwieckern Lohn und Brot sicherte. Das historische Gebäude wurde von der Stadt Osterwieck übernommen und wird in naher Zukunft für soziale Zwecke genutzt werden.


Einige Fachwerkhäuser wurden nach der Wende zu Spekulationsobjekten.

Die Zuckerfabrik war jahrzehntelang wichtiger Arbeitgeber in Osterwieck.

ZUCKERFABRIK Deutlich kürzer in Betrieb und dennoch einflussreich auf die Geschichte Osterwiecks war die hiesige Zuckerfabrik. Sie wurde 1878 als Actien-Zuckerfabrik Osterwieck gegründet. Die großen Schlote waren von Weitem sichtbar und im Gegensatz zu heute hatte man den Eindruck, das ganze Jahr über herrsche »Rübenkampagne«. An den süßlich-schweren Duft der Zuckerrüben und den Schlamm auf den Straßen erinnern sich wohl noch einige Osterwiecker. 1929 erfolgte die Fusion mit der Zuckerfabrik Vienenburg, und Osterwieck war vorübergehend nur Rübenannahme und Waschung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Fabrik enteignet und die Zuckerproduktion als VEB Zuckerfabrik Osterwieck erneut aufgenommen. Wie schon die sprechenden Fachwerkhäuser, erregte 1954 auch die Wochenlosung der Betriebsangehörigen »Jede Tonne Zucker mehr – ein Schlag gegen die Kriegstreiber« überregional Aufmerksamkeit. Bis Ende 1990 wurde hier Zucker produziert, allerdings unter eher schwierigen Bedingungen. Teils waren noch Kochapparate von 1879 in Betrieb. Zudem musste ständig mit schlechter Rohbraunkohle Strom und Wärmeenergie für den Produktionsprozess bereitgestellt werden. Reichte das Dampfangebot nicht aus, fiel sofort gelblicher Zucker an, sogenannter Industriezucker. Seit 1995 ist auf dem rund 4 Hektar großen Areal ein Gewerbegebiet entstanden. Die Fabrikgebäude wurden größtenteils abgerissen. Doch das markante frühere Verwaltungsgebäude mit Rübenwäsche ist als Baudenkmal noch erhalten. Hier war offensichtlich mal eine neue Nutzung angedacht, doch mehr als Garagen im Rohbau sind nicht entstanden. Das schöne denkmalgeschützte Backsteingebäude wartet noch auf seine Wiederbelebung.

DER LETZTE VORHANG Im schummrigen Licht der Straßenlaterne erinnert der Schriftzug »Lichtspiele« an eine längst vergangene Zeit. Das Kino in der Mittelstraße, eine kleine Fußgängerzone in der Stadt, war zu DDR-Zeiten beliebter Treffpunkt von Jung und Alt. Mit etwas Fantasie lässt sich erahnen, wie einst in den hinteren Rängen in plüschigen Sesseln die erste große Liebe begann. Doch mit der Wende kam auch für das Lichtspielhaus das Aus. Ein Schicksal, das leider viele Gebäude und Institutionen teilen. Statt Filme im Kino wurde Osterwieck dafür zur Kulisse von Kinofilmen. Teile von »Goethe«, »Till Eulenspiegel« und »The Monuments Men« von und mit George Clooney wurden hier gedreht.

Das besondere Erlebnis


Die lebendige Geschichte und unterhaltsame Geschichten der Stadt sind am besten im Rahmen einer Stadtführung zu erfahren. An jedem ersten Samstag im Monat findet um 11 Uhr eine öffentliche Führung statt. Besonders stimmungsvoll ist die Laternenführung. Der abendliche Rundgang wird von Oktober bis Februar zu verschiedenen Terminen angeboten. Kostümführungen, Führungen zur Filmstadt, zum Ledergeld und den Handschuhmachern oder zu den Hausinschriften können individuell gebucht werden. Die aktuellen Führungsangebote sind bei der Tourist-Information zu erfragen.


Hier trafen sich früher die Osterwiecker zum geselligen Kinoabend.

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AUFGEGEBEN, DOCH NICHT VERLASSEN

Kalibergbausiedlung Wilhelmshall

Irgendwo im nirgendwo zwischen Huy und Bruch ist die ehemalige Bergbausiedlung Wilhelmshall zu finden. Idyllisch gelegen, umgeben von weiten Laubwäldern, scheint hier die Zeit stillzustehen. Doch obwohl der Bergbau bereits 1928 eingestellt wurde, ist längst noch nicht alles verlassen.

Wilhelmshall, Gemeinde Huy, Landkreis Harz Ort Wilhelmshall, 38836 Huy, OT Wilhelmshall GPS 51.96213, 10.93748 Anfahrt Nicht mit ÖPNV erreichbar. Mit dem Auto B79 Halberstadt Richtung Braunschweig; in Athenstedt auf L84 (Huystr.) nach Huy-Neinstedt, über Wilhemshaller Weg nach Wilhelmshall


Der Zahn der Zeit nagt an einigen Gebäuden der Bergbausiedlung Wilhelmshall.

PARTYSZENE Auf dem ehemaligen Gelände des Kalibergwerks Wilhelmshall stehen viele Gebäude leer. An der großen Einfahrt sind noch Reste der Tore zu erkennen. Etwas bizarr wirkt die Wäschespinne auf den Überresten eines abgerissenen Bürogebäudes.

Vielleicht als Zeichen aufgestellt, dass hier weiterhin Leben herrscht. Denn im ersten Moment wirkt dieser Ort wahrlich verlassen. Bei einem großen Gebäude linker Hand sind Brandspuren zu sehen. Die Türen stehen offen. Bei einem Blick hinein steht man im Stockdunkeln. Haben sich die Augen erst einmal an das schummerige Licht gewöhnt, sind alte Autos zu erkennen und Reste glitzernder Deko. Im ersten Stock befand sich offensichtlich mal eine Bar. Hier trafen sich Ende der 1990er-Jahre junge Menschen zu Technopartys. Weit abseits der nächsten Städte war dies eine ideale Party-Location.

AUFGEMÖBELT Wer in den 1980er- und 1990er-Jahren in der Region lebte, dem wird Wilhelmshall aus ganz anderen Gründen ein Begriff sein. Von hier aus wurde zu DDR-Zeiten der gesamte Bezirk Magdeburg mit Möbeln beliefert. Sofas, Schrankwände, Multifunktionstische und vieles mehr wurden mit der Bahn angeliefert, in Wilhelmshall eingelagert und mit Lkw bedarfsgerecht weiterverteilt. Die großen Laderampen vor einigen Gebäuden zeugen auch von dieser Zeit. Mit der Wende verlor das Möbelzentrallager seine Daseinsberechtigung und wurde Mitte der 1990er-Jahre geschlossen.


Ende der 1990er-Jahre war Wilhelmshall ein Partytreff für junge Leute.

Leer stehendes Lagergebäude auf dem ehemaligen Werksgelände.

HEIMAT DER KUMPEL Entstanden ist Wilhelmshall durch den Kalibergbau. 1889 begann das Abteufen des Schachts Wilhelmshall I bis auf eine Tiefe von 337 Metern, 1892 wurde die Kalisalzförderung aufgenommen. In den Gruben Wilhelmshall und Mönchshai wurden im Auftrag der Gewerkschaft Wilhelmshall zu Anderbeck Kali- und Steinsalze gewonnen. In Spitzenzeiten um 1924 arbeiteten hier über 1000 Menschen. Der Ausspruch »Es grüne die Tanne, es wachse das Salz, Gott erhalts!« der Wilhelmshaller Kumpel währte jedoch nur kurz. Bereits 1926 wurde der Bergbaubetrieb eingestellt, doch einige Bergleute blieben. Trotz des überschaubaren Zeitraums war es eine intensive Zeit, die bis heute die Siedlung und ihre rund 20 Einwohner prägt und die Bergbautradition lebendig hält. Nach dem Ende des Bergbaus erfolgte eine Nachnutzung als Heeresmunitionsanstalt – nicht ohne tragische Folgen. Bei zwei Explosionen in der Munitionsfabrik im September 1944 kamen 59 Menschen ums Leben. Ihnen wurde auf dem Friedhof in Dingelstedt ein Grab mit Gedenktafel errichtet. Da es 1972 die Befürchtung gab, der Schacht könnte einstürzen, wurde dieser daraufhin geflutet. 2012 wurde die Anlage mit rund 50.000 Tonnen Kies und Schotter endgültig verfüllt, die von über 1000 Lkw geliefert wurden.

LEERSTAND UND VERFALL Am Ortseingang sind noch einige Gebäude der Gewerkschaft erhalten, wie die spätere Disco. Das Betriebsgelände wirkt heute eher unscheinbar, verfügte jedoch früher über sieben große Schornsteine. Die folgenden Gebäude auf der rechten Seite wurden nach dem Zweiten Weltkrieg als Krankenhaus, anfangs für Tuberkulose-Erkrankte, später als Neurologie für Frauen, genutzt. Die kleine Siedlung bot lange Zeit eine erstaunlich gute Infrastruktur mit eigenem Konsum, eigener Poststelle und einem Bahnhaltepunkt, der gern auch als Bierstopp zum Feierabend genutzt wurde. Heute stehen viele Gebäude zum Verkauf, der Zahn der Zeit nagt an ihnen. Doch wer einmal in Wilhelmshall heimisch geworden ist, möchte die Idylle und die Gemeinschaft nicht mehr missen. Der Förderverein zwischen Huy und Bruch e. V. engagiert sich seit 2006 für die Siedlung und die weiteren Ortschaften der Einheitsgemeinde Huy, benannt nach dem nahegelegenen Höhenzug. Mit der Beschilderung von Wanderwegen, dem Aufstellen von Bänken und der Organisation von Veranstaltungen will der 35-köpfige Verein die Lebensqualität der Region erhalten und steigern. In Wilhelmshall gehört Familie Gringmuth zu den alteingesessenen, engagierten Bürgern. Scherzhaft wird ihr Garten auch als »Dorfgemeinschaftshaus« bezeichnet, treffen sich hier die Einheimischen und Neubürger doch regelmäßig zum geselligen Beisammensein und einem Plausch über die gute alte Zeit. Am Ortsende wird ein Überbleibsel des Bahnwesens gehegt und gepflegt: die »Blechbude«. Sie diente als Geräteschuppen sowie als Unterschlupf für die Bahnmitarbeiter. Seit 15 Jahren wird das ca. 2 mal 2 Meter große, eher unscheinbare Eisenbahnhäuschen als Industriedenkmal zur Erinnerung an den Kalibergbau erhalten. In näherer Umgebung sind mit Stromatolithen und Gletschertöpfen gleich zwei geologische Besonderheiten zu entdecken.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
09 kasım 2024
Hacim:
234 s. 158 illüstrasyon
ISBN:
9783734326905
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
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