Kitabı oku: «Medienkulturelle Manifestationen gegenwärtiger Familienpolitik»

Yazı tipi:

Miriam Preußger

Medienkulturelle Manifestationen gegenwärtiger Familienpolitik

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

[bad img format]

© 2017 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

www.francke.de • info@francke.de

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ePub-ISBN 978-3-7720-0050-8

Inhalt

  Meiner Familie, also Jan-Philipp, ...

  Danksagung

  0. Impressionen in situ – Konturierung der Fragestellung

  1. Forschungsüberblick und Positionierung

  2. Methodologie: Medienkulturwissenschaft und diskursanalytische Werkzeuge

  3. Manege frei: Zur gegenwärtigen Konstitution familientechnologischer Gesundheitsmelancholie 3.1 Kommunikation des Wunsches nach einem gesunden Kind als »natürliche« elterngemeinschaftliche Universalie 3.2 Argumentationsfiguren und Begründungszusammenhänge im Umfeld pränataler Diagnostik 3.3 Konfigurationen von Unsicherheit (gedimmt, punktuell-verschleiernd, konzessiv, adversativ) 3.4 Medienkultur der familientechnologischen Gesundheitsmelancholie 3.5 Beispiel zum Lachen: Pränatale Läuse Zusammenfassung

  4. Das Brodeln der Elemente 4.1 Familiales Unbehagen 4.2 Vielfalt/Oxymorie – Anerkennung der Überblendung – ostentative Manifestation als medienkulturelle Realität 4.3 Diversität ist medienkulturell zeigbar Zusammenfassung

  5. Familiendrama: Konfliktäre Familienkonstellationen in unserer Medienkultur 5.1 Monstrosität: Chiastisch-antithetische Familienkonstellation und fehlende familiale Positionalität 5.2 Kindsmord als Chiffre des Scheiterns einer verengt-abhängigen Intelligibilität Zusammenfassung

  6. »Lass uns VaterMutterKind spielen: Du bist die Mutter, ich bin der Vater – Kind haben wir einfach keins!«

  Siglenverzeichnis

  Medienverzeichnis

  Bibliografie

  Onlineverzeichnis 1. 2.

Meiner Familie, also Jan-Philipp, Linda und Henri, in Liebe gewidmet.

Danksagung

Das vorliegende Buch ist die leicht überarbeitete Fassung meiner Dissertation, die im Wintersemester 2016/2017 von der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München angenommen wurde.

Mein Dank gilt zuallererst meinem Betreuer Prof. Dr. Bernd Scheffer. Herr Scheffer ist in wissenschaftlicher und lebensweltlicher Hinsicht ein außergewöhnlicher Lehrer. Ich bin für jede einzelne Veranstaltung von Herrn Scheffer und für die Betreuung meines Promotionsprojektes sehr dankbar. Ich danke weiterhin PD Dr. Anja Gerigk für die Übernahme des Zweitgutachtens und die wertvollen Anmerkungen. Prof. Dr. Martin Zimmermann aus der Alten Geschichte danke ich besonders für die spannenden interdisziplinären Diskussionsbeiträge bei der Disputatio.

Dem Oberseminar und ganz besonders Dr. Sabrina Eisele, Dr. Angelika Voigt, Dr. Stefanía Voigt und Dr. Nora Kessler danke ich für ihre Auseinandersetzung mit meinem Thema, aber auch für ihre Zuversicht und die lieben Worte.

Der coolen Gang, also Martha & Alois, Margit & Andreas, Luisa & Vince sowie the one and onlies Paulina & Basti, danke ich für ihre bärenstarke Unterstützung.

Valeria und Daniel Kalteis danke ich für ihre Freundschaft.

Meiner ganzen Familie danke ich für ihre Unterstützung und ihr Dasein.

Valeria und Daniel Kalteis danke ich für ihre wunderbare Freundschaft.

Unserem geliebten Henri, der meinen Promotionsweg an den entscheiden-den Stellen unmittelbar begleitet hat und diesen körperlich nicht bis zum Abschluss mit mir gehen konnte, danke ich für alles und noch viel mehr! Auch wenn Henri jede einzelne Sekunde fehlt, ist er jede einzelne Sekunde bei uns.

Unserer geliebten Linda aka Wildfang und Zimtzicklein danke ich für ihr Naturell. Linda ist Liebenswürdigkeit im Quadrat!

Jan-Philipp danke ich dafür, dass er seit nunmehr 20 Jahren, in Freundschaft und in Liebe, mein konstitutives Gegenüber ist. Du bist alles, was zählt!

München, im Mai 2017 Miriam Preußger

0. Impressionen in situ – Konturierung der Fragestellung

In meiner Dissertation Medienkulturelle Manifestationen gegenwärtiger Familienpolitik werden aktuelle vorgeburtliche Leitideen, Geburtsparadigmen, Schwangerschaftskonzeptionen und »Herstellungsarrangements von Familie«1, also Familiendiskurse, analysiert. Die Zusammenfassung der untersuchten familialen Arrangements (darunter fällt beispielsweise die gezielte Anordnung eines Kinderwagens in einem Schaufenster) unter dem Oberbegriff Familienpolitik impliziert das nicht zu stornierende Spannungspotenzial derselben. Dass Fa­mi­lia­li­tät politisch ist, kommt deutlich und eindrucksvoll in Carolin Emckes Rede im Oktober 2016 anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels zum Ausdruck. Jene politische Dimension von Fa­mi­lia­li­tät verbindet diese mit gesamtgesellschaftlich hoch umkämpften Termini wie etwa Religion und Volk:

»Zur Zeit grassiert ein Klima des Fanatismus und der Gewalt in Europa. Pseudo-religiöse und nationalistische Dogmatiker propagieren die Lehre vom ›homogenen Volk‹, von einer ›wahren‹ Religion, einer ›ursprünglichen‹ Tradition, einer ›natürlichen‹ Familie und einer ›authentischen‹ Nation. Sie ziehen Begriffe ein, mit denen die einen aus- und die anderen eingeschlossen werden sollen. Sie teilen willkürlich auf und ein, wer dazugehören darf und wer nicht.«2

Es ist kein Zufall, dass die natürliche Familie in einem Atemzug mit kontrovers diskutierten Termini wie homogenes Volk, wahre Religion, authentische Nation und ursprüngliche Tradition genannt wird. Ablesbar an Emckes Rede ist neben der Gegenwart von Familie, also der Aktualität und der Brisanz von Familie, eben auch die politisch-konfliktäre Dimension von Fa­mi­lia­li­tät.

Aber ganz konkret. Was verbindet die scheinbar private Kategorie Familie mit den Großkategorien Nation, Volk, Tradition und Religion?

Es ist das Zusammenspiel von Exklusion und Selbstvergewisserung. Familia­lität konstituiert sich wie etwa Nation und Volk stets entgegen etwas3. Fa­mi­lia­li­tät existiert nicht aus sich selbst heraus. Fa­mi­lia­li­tät braucht das Andere als Grenzmarkierung und Fa­mi­lia­li­tät braucht die Selbstvergewisserung.

Die hier zugrunde liegende Annahme einer konstitutiven Verschachtelung von Medien im weiten Sinn (so ist etwa ein Kalender als Medium zu begreifen) und Kultur als Medienkultur (Siegfried J. Schmidt) kann nicht auf einen Ansatz hinauslaufen, der sich mit der Untersuchung verschiedener Aushandlungen »in den Medien« begnügt. Die Annahme einer Medienkultur führt zu neuen und anderen Erkenntnissen rund um Familienpolitik, indem konzeptionell vielfältige, bisher noch nicht gemeinsam betrachtete, auch untypische Medien syntagmatisch zusammengedacht werden.

Wenn ich unterschiedliche Medien syntagmatisch betrachte, dann bedeutet dies, dass disparate Medien nebeneinander, antihierarchisch und zusammengestellt4 betrachtet werden. Damit ist erstens gemeint, dass aus der Analyseperspektive Medien unter Stornierung ihres kulturellen Rufs schlichtweg funktio­nal als Medien betrachtet werden. Zweitens geht damit einher, dass im Hinblick auf die Objektebene Gemeinsames zwischen medialer Disparatheit herausgearbeitet wird. Hierbei lässt sich nun der medienkulturwissenschaftliche Rekurs auf Foucault besonders gut verdeutlichen. Im Rekurs auf Die Ordnung der Dinge führt Frietsch an, dass es Foucault um Gemeinsamkeiten zwischen Disparatem geht:

»Foucaults Analyse gilt den Zusammenhängen zwischen den unterschiedlichen Aussagen und Disziplinen, aber auch zwischen den Instrumenten, Techniken, Institutio­nen, Ereignissen, Ideologien und Interessen«5.

Frietsch vermerkt dann auch hierin die konzeptionelle Nähe zum späteren Dispositivbegriff6. So wie Foucault auf Zusammenhänge zwischen Unterschiedlichem – vereint im Dispositiv – referiert, so geht es mir um das medienkulturell Gemeinsame zwischen medialer Disparatheit7 – vereint in der Medienkultur.

Indem unterschiedliche Medien miteinander konfrontiert werden8, kann der häufig vorhandene synekdochische Zugang, bei dem ein Medienformat zum Kronzeugen und Repräsentanten aller Medien verlängert wird, umgangen werden. Dies ist von Bedeutung, weil aktuell besonders prekär immer wieder »die Medien« mit reduktivem und demokratiefeindlichem Populismus verbunden werden. Ich leugne nun eine Verbindung von bestimmten Medienformaten und Populismus, auch Rechtspopulismus, keineswegs9. Gerade daher erscheint eine Zusammenstellung disparater Medien nicht nur hilfreich, sondern sogar auch notwendig, um nicht reduktiv zu verfahren. Dies erweist sich nicht zuletzt mit Blick auf die mediale Präsenz Kulturschaffender als sinnvoll. Zahlreiche Künstler_innen10 kommunizieren nämlich fast ausschließlich über soziale Plattformen, wie beispielsweise YouTube, mit ihrem Publikum. Es ist nun leicht einsehbar, dass ein Verzicht auf die Zusammenstellung disparater Medien zu irrigen Schlussfolgerungen hinsichtlich Absenz oder Präsenz11 der jeweiligen Künstler_innen käme. Um eine einseitige mediale Fokussierung zu vermeiden, werden also disparate Medien auf der Objektebene zusammenzustellen sein. Jene (in Anschluss an Foucault) dispositive Zusammenstellung disparater Medien mündet dann in ein Medien-Potpourri gegenwärtiger Familienpolitik. Ein Potpourri ist ja zunächst einmal etwas Diverses, Vermischtes, Verschiedenes, kurz Allerlei12. Seit dem 18. Jahrhundert dient es als Bezeichnung für ein ›aus beliebten Melodien zusammengestelltes Musikstück‹. Dies leitet sich ab vom frz. pot-pourri, was so viel wie ›verfaulter Topf‹ bedeutet. Ein Pot-pourri ist also zunächst ein ›aus verschiedenen Fleisch- und Gemüsesorten zusammengekochtes Eintopfgericht‹13. Mein Medien-Potpourri gegenwärtiger Familienpolitik ist somit eine Zusammenstellung disparater Medien. Nicht verschwiegen werden soll, dass jene negative Konnotation, wie sie in der Metapher des ›verfaulten Topfes‹ anklingt, im vorliegenden Ansatz produktiv umzuwenden sein wird, indem nämlich davon ausgegangen wird, dass die latent negativ konnotierte Vermischung von Verschiedenem, also Hochkulturellem und teils durchaus läppischem Alltäglichem gerade neue und andere Erkenntnisse ermöglicht.

Ich gehe davon aus, dass eine wissenschaftliche Fokussierung auf jene vordergründig unbedeutenden, in die Alltagskommunikation eingeflochtenen familienpolitischen Arrangements wie etwa eine Messe-Topografie oder einen Kalender, und zwar als Medien betrachtet, einen bedeutenden Erkenntnisgewinn darstellt. Grundlage der vorliegenden Arbeit sind deshalb so disparate medienkulturelle Arrangements wie Literatur, Film, Dokumentation, (Zeitungs-)Artikel, TV-Serie, Flyer, Facebook-Kommentar, Schaufenster, Kalender, Nachrichtensendung, Theater und Wunschkarten. Erst eine solche mediale Vielfalt der wissenschaftlichen Objektebene ermöglicht es, die familiale Diversität in unserer gegenwärtigen Medienkultur aufzuspüren und nicht a priori – durch eine vorgängige Eingrenzung auf beispielsweise ›Familie in Spielfilmen‹ – zu domestizieren. Eine Zusammenstellung facettenreicher Medien, die Dichotomien (privat-öffentlich; faktisch-fiktional; Ernst-Unterhaltung u.a.) skeptisch begegnet, ist eingedenk gegenwärtiger familialer Vielfalt eo ipso gerechtfertigt.

Was aber ist die Gegenwart? Es lohnt sich an dieser Stelle die Bedeutungsdimensionen von Gegenwart näher zu bestimmen, weil eine intuitive, rein zeitliche Dimension zu kurz greift. Jahraus etwa hat vermutet: »Aber vielleicht ist die Gegenwart gar keine Zeit, sondern selbst das Gegenteil der Zeit«14. Krauthausen und Kammer arbeiten im Rückgriff auf das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm Bedeutungsdimensionen von Gegenwart heraus, die eingedenk der Dominanz der zeitlichen Bedeutung in unserer Gegenwartssprache geradezu erstaunlich sind15. Festgehalten wird eine Verbindung zwischen Gegenwart und Krise: »Sie [die Gegenwart, M.P.] ist als solche krisenaffin.«16 Pointiert formulieren sie: »In diesem Sinne ist gegenwart dann eine gerichtete Bewegung (auf bzw. gegen ›mich‹ zu), impliziert also ein Ereignispotential, das ›mich‹ involviert. Ein Synonym dieser gegenwart wäre: Krise.«17 Das Grammatisch-kritische Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart von Adelung fokussiert im Hinblick auf Gegenwart gerade auf den Aspekt der Wirkung: »Der Zustand, da man durch seine eigene Substanz ohne moralische Mittelursachen, ja ohne alle Werkzeuge an einem Orte wirken kann«18.

Gegenwart lässt sich demnach als eine ortsgebundene Krise auffassen, die weder einer fernen Vergangenheit noch einer fernen Zukunft zuzuordnen ist.

Gegenwärtige familienpolitische Manifestationen zeichnen sich also dadurch aus, dass sie am Ort wirken, sich dort einfinden, sich richtungsorientiert den Zeitgenoss_innen zuwenden und einen krisenhaften Vorfall evozieren. Wenn ich von unserer gegenwärtigen Medienkultur spreche, dann beziehe ich mich eher auf eine räumliche Ausdehnung (»in situ«) denn auf eine zeitliche. Die Fokussierung auf die Gegenwart wird hier vor allem dadurch bewirkt, dass der mediale Ort der Aushandlung, die »mediale […] Vergegenwärtigung«19, sukzessive wechselt, wirkt und so stets auf mich und die Rezipient_innen herausfordernd hinzukommt. Die Analyse »medialer Vergegenwärtigung« ermöglicht also, problemorientiert das »antagonistisch Entgegenkommende«20 von Fa­mi­lia­li­tät wie etwa die konflikthafte Auseinandersetzung mit Pränataldiagnostik aufzuspüren.

Es wird mannigfaltig und beispielorientiert gezeigt – und dies ist das Hauptanliegen der Arbeit – wie wichtig bei theoretischen und praktischen Aushandlungen rund um Fa­mi­lia­li­tät im Zeitalter medizintechnologischer Bedingungen die Berücksichtigung der medienkulturwissenschaftlichen Perspektive ist.

Fokussiert wird mit der Annahme medizintechnologischer Bedingungen auf die gesellschaftliche Präsenz eines breiten Spektrums von Verfahrens- und Argumentationsmodi, die sich stets wechselseitig konturieren und bedingen. Jene medizintechnologischen Bedingungen werden aufgrund der thematischen Einschränkung schlichtweg als familientechnologische bezeichnet. Dabei geht es mir bei jenen familientechnologischen Bedingungen gerade nicht um die konkrete Einordnung und Explikation von spezifischen Verfahren als Mittel der künstlichen Befruchtung (beispielsweise In-vitro-Fertilisation) oder als Vorsorge-Technik. Die in dieser Arbeit beobachteten familientechnologischen Bedingungen, verstanden als Verfahrens- und Argumentationsmodi, bilden ein diskursives Mosaik, in welchem so verschiedene Signifikanten wie etwa Leihmütter, Samenspender, Pränataldiagnostik, Regenbogenfamilien, biologische Mütter, Perfektion, Machbarkeit und Monitoring existieren.

Der kritische und problemorientierte Impetus der vorliegenden Arbeit führt dazu, dass das Analysieren gegenwärtiger familienpolitischer Manifestationen seinerseits gleichsam zum Manifest werden kann. Dennoch: Niemals geht es um Kritik an einzelnen Protagonist_innen. Pro­ble­ma­tisiert wird hier nur das diskursive Feld (in Anlehnung an Foucault und Butler). Der kritische Impetus soll im Aufmerken auf das stets miteingeschriebene Pro­ble­ma­tische, in der Haltung des stets wachsamen Misstrauens Toleranz und Demokratie durchspielen. Dieses Vorgehen lässt entglättend Mehrdeutigkeit zu. Mit dieser Strategie kann an Butler angeknüpft werden, die in kritischer und problemorientierter Haltung ambivalentes, differenziertes, plurales, womöglich uneindeutiges und komplexes Mitdenken des stets Anderen im Kontext von Feminismus und Reproduktionstechnologien präferiert:

»Feministinnen, die die Reproduktionstechnologien kritisieren, weil sie letztlich den mütterlichen Körper durch einen patriarchalen Apparat ersetzen, müssen sich gleichwohl mit der erweiterten Autonomie auseinandersetzen, die diese Technologien für Frauen gebracht haben. Feministinnen, die solche Technologien wegen der damit eröffneten Optionen begrüßen, müssen trotz allem mit den Nutzungsweisen klarkommen, zu denen sich diese Technologien gebrauchen lassen, Nutzungen, welche durchaus die kalkulierte Perfektionierung des Menschen oder die vorgeburtliche Selektion nach Geschlecht und Rasse beinhalten können.«21

Das Gefahrenpotenzial der Reproduktionstechnologien und die durch diese eröffneten Möglichkeiten sollen demnach gleichzeitig in den jeweiligen Betrachtungskontext inkludiert werden.

Die zentrale Frage der vorliegenden Arbeit lautet daher antipräskriptiv: Welcherlei Familienpolitiken manifestieren sich in unserer gegenwärtigen Medienkultur?

Zur Beantwortung dieser Leitfrage werden in den einzelnen Kapiteln (3, 4, 5) jeweils Teilfragen diskutiert. Die argumentative Bewegung entfaltet sich insgesamt vom allgemein Diskursiven über ein spezielles Diskursphänomen hin zum konkreten Exemplum. Folgende Teilfragen können formuliert werden:

Wie lassen sich die konflikthaft-pro­ble­ma­tisierten diskursiven Elemente in einem als familientechnologisch zu definierenden Zeitalter und Möglichkeitsraum über reine Deskription hinausgehend inhaltlich bestimmen und einordnen (Kapitel 3)?

Wie arrangieren disparate Medien in unserer Medienkultur die wissenschaftlich bereits intensiv thematisierte Mehrdeutigkeit und Widersprüchlichkeit bei aktuellen Fragen rund um Familie (Kapitel 4)?

Welche Konfliktfelder und Konfliktkontexte werden medienkulturell im Zusammenhang mit Familienbildung und Familienzusammensetzung angeboten (Kapitel 5)?

Wenn es um Manifestationen von Fa­mi­lia­li­tät geht, die in unserer gegenwärtigen Medienkultur, also im Zusammenhang mit einer als grundlegend anzunehmenden Verschränkung von Kultur (Lebenspraxis) und Medien (in ihrer ganzen Disparatheit) zu beobachten sind, dann ist es heuristisch erforderlich, antipräskriptiv von jenen vielgestaltigen Observanzen auszugehen. Diese Observanzen erhalten ihren Status als Observanzen von Gewicht (in Abwandlung zu Butlers Monografie Körper von Gewicht22) dadurch, dass sie einen Familienbezug aufweisen. Ich gehe davon aus, dass der familienpolitischen Vielfalt nur durch Beachtung diverser medienkultureller Arrangements wissenschaftlich begegnet werden kann.

Noch einmal pointiert: Die Disparatheit der Familienbeispiele ist eine gewollte Strategie, um der gelebten familialen Mannigfaltigkeit gerecht werden zu können. Den berechtigten Einwänden im Hinblick auf die facettenreiche Objektebene, wonach das beispielorientierte Potpourri mich einholt, der rote Faden womöglich fehlt, oder (ich habe diese Kritik mehrfach gehört) infolgedessen die Objektebene unmöglich gezähmt, eingeordnet, ja sogar bestimmt werden kann, entgegne ich damit, dass Fa­mi­lia­li­tät nicht einzuholen ist. Aus dieser Uneinholbarkeit von Fa­mi­lia­li­tät resultiert die intendierte Offenheit der Objektebene. Daneben soll darauf verwiesen werden, dass die vereinbarte Nichtunterscheidung oder die Gleichberechtigung mannigfaltiger Medien eben durchaus diskursanalytisch ist.

Die Arbeit zeichnet sich also durch eine mediensyntagmatische Herangehensweise aus, indem disparate Medien nebeneinander stehen. Durch eine antiprä­skriptive, zum Teil anekdotische Fokussierung auf familienpolitische Aushandlungen sind neue und andere Erkenntnisse rund um Fa­mi­lia­li­tät möglich. Observanzen von Gewicht generieren sich nicht durch ihren Status im Diskurs, der ihnen eine Einordnung als etwa fiktional oder lesenswert einräumt. Observanzen erhalten Gewicht, indem sie unterschiedliche Facetten gegenwärtiger Familienpolitik illustrieren.

Bevor die Gliederung und die zentralen Thesen der Arbeit am Ende dieses Kapitels zusammenfassend erläutert werden, erfolgen ein anekdotischer Einstieg und eine begriffliche Erfassung unserer »Medienkultur«.

Mit Franziska Frei Gerlach kann von einer initiierenden Funktion von Intuitionen ausgegangen werden:

»Intuitionen tragen das Stigma der Unwissenschaftlichkeit und werden darum wohlweislich in der Argumentation verschwiegen, nichtsdestotrotz bezeichnen sie meist den Beginn des Nachdenkens.«23

Der Beginn des Nachdenkens ist im Folgenden völlig intentional an Impressionen in situ mit dem Ziel gebunden, auch subtile und unscheinbare Familienbezüge zu illustrieren. Im Anschluss daran wird die Synchronizität von Media­lität und Fa­mi­lia­li­tät, von Medien und Familienpraxis exemplifiziert, wobei ausgeführt wird, was es bedeutet, in einer »Medienkultur« zu leben. Jene medienkulturelle Ausrichtung ist dabei hinreichend und notwendig an einen näher zu charakterisierenden Medienbegriff gebunden, der Erkenntnis ermöglicht. Nach einer modellhaften Verdeutlichung und Explikation zentraler Begriffe der Fragestellung (Familienpolitik, Manifestation, Medienkultur) können die daran anknüpfenden disparaten Observanzen von Gewicht herangezogen werden, um den Diskussionsbedarf bei Fragen rund um Familialiät zu verdeutlichen.

Der Mehrwert des nun folgenden anekdotischen Einstiegs besteht darin, dass familiale Gewöhnlichkeit hinterfragt wird. Das erste Beispiel zeigt anschaulich und praxisbezogen geschlechterstereotype Zuschreibungen im Kontext der Geburt eines Babys. Das zweite Beispiel dokumentiert erstens Fa­mi­lia­li­tät als Herstellungsprozess (»Doing Family«24) und zweitens die selbstvergewissernde, autokonstitutive Sichtbarmachung von Familie (»Displaying Family«25).

In meinem Bekanntenkreis kommt ein Baby zur Welt. Der Vater informiert mich, nachdem ich wider besseren Wissens das ›Geschlecht‹ des Kindes erfragt habe: »Es ist ein Junge, und deshalb werden wir nun die Hausratsversicherung erhöhen«. Ich möchte nicht leugnen, dass es sich bei diesem ulkigen Beispiel, in dem Geschlechtlichkeit hochgradig stereotyp codiert ist, um eine ganz gewöhnliche nichtwissenschaftliche Alltagskommunikation handelt. Dabei handelt es sich jedoch insofern um eine Observanz von Gewicht, als deutlich zum Vorschein kommt, wie die Ankunft eines Jungen, wie Fa­mi­lia­li­tät ab ovo in kulturelle Zuschreibungen eingebettet ist.

Unlängst erhalte ich (nicht im Hinblick auf mein Dissertationsprojekt, rein zufällig) eine vermutlich mit dem Smartphone getätigte Aufzeichnung, die eine Familienkomposition medial festhält, begleitet, ja gerade konstituiert: Die Mutter und ihre zweijährige Tochter sitzen am Esstisch und nehmen eine Mahlzeit zu sich. Da der Vater filmt, ist er auf der Aufzeichnung nicht zu sehen, aber zu hören. Fa­mi­lia­li­tät erscheint als medial-performativer Signifikationsprozess26.

Im Folgenden gebe ich den Dialog der Familie Müller [Namen geändert, M.P.] wieder, wobei zum Verständnis erforderliche Informationen in Klammern beigefügt und zentrale Elemente hervorgehoben sind:

»Vater: Wo ist die Melanie Müller?

Melanie [nach einem eher unverständlich singsanghaft-tonalem Gemurmel als Mischung aus dem Familiennamen und dem Vornamen sagt sie laut und durchaus selbst- und identitätsbezogen]: Melanie

Vater: Melanie und weiter?

Melanie [erneut]: Melanie

Vater: Müller!

Mutter: Und wie heißt der Papa?

Melanie: Auch Sven [Die erste Verwendung von Melanies auch erscheint aus einer Erwachsenenperspektive falsch, da kein Bezugssubjekt zuvor genannt worden ist. Melanies Kommunikation von einem referenzlosen auch ist aber insofern interessant, als wohl äußerst entschieden von einem allgemein-identitären Zusammenschluss ausgegangen wird, bei dem eben der Vater Sven auch dabei ist]

Mutter: Genau

Melanie: Müller Sven

Mutter: Genau. Müller Sven

Vater [zeitgleich zur Mutter]: Ja genau

Mutter [Melanie isst gerade Salami]: Und wie heißt die Salami?

Melanie: Auch Müller Sven [Mutter und Vater lachen]

Vater [wohl eine Kontamination aus Müller und Salami]: Müllernami

Vater: Wie heißt die Mama?

Melanie: Auch Müller

Mutter: Ja, genau

Mutter: Und wie heißt die Stefi?

Melanie: Auch Müller

Vater: Sehr gut! Mensch, toll!«

Das gerade zitierte alltägliche Beispiel ist in mehrfacher Hinsicht interessant. Zum einen wird ersichtlich, dass unter bestimmten Bedingungen (zumindest der Bedingung des gemeinsam-einheitlich rhetorischen Bezugnehmens, des kommunikativen Gewahrseins der distinkten Existenz) sogar eine Salamischeibe in den Familienbund aufgenommen ist, und zwar in den Augen von Melanie ganz selbstverständlich (»Und wie heißt die Salami? Auch Müller Sven«). Dagegen erscheint die familiale Integration der Salami für die Eltern schon nicht mehr selbstverständlich – so zeigt es zumindest das Lachen an, das Distanz markiert27. Das von Melanie wiederholt verwendete Adverb »auch« drückt – initiiert durch die Eltern in einem freilich diskursiven Kontext – eine Form der Gleichheit, eine Zusammengehörigkeit, d.h. hier in Verbindung mit dem Nachnamen familiale Gemeinschaft aus. An diesem Beispiel wird ersichtlich, dass Familie hergestellt wird, und zwar mitunter bezeichnungspraktisch und konstitutiv medial. Es ist kein Zufall, dass die Familienkomposition medial begleitet wird; vielmehr konstituiert die Aufzeichnung Familie mit. Entsprechend konstatieren Theunert und Lange:

»Nur durch ein aufwändiges Zusammenspiel von Routinen und Gemeinsamkeit, Verlässlichkeit und Flexibilität lässt sich noch ein gemeinsames Familienleben etablieren. In diesem Rahmen nehmen die Medien vielfältige unterstützende, zum Teil – so unsere These – konstitutive Funktionen für das Doing Family in symbolischer und praktischer Hinsicht ein«28.

Der Terminus »Doing Family« rekurriert dabei auf »Familie als Herstellungsleistung«29. Die damit anskizzierte aktive und agitatorische, konstruktive Vorstellung von Familie »umfasst Prozesse, in denen in alltäglichen und biografischen Interaktionen Familie als sinnhaftes gemeinschaftliches Ganzes hergestellt wird.«30

In der vorliegenden Arbeit wird konzeptionell von einer »Medienkultur«31 ausgegangen – getreu dem berühmten Ausspruch Siegfried J. Schmidts: »Das Programm Kultur realisiert sich als Medienkultur, und man könnte fast hinzusetzen: und als nichts anderes.«32 So ist auch mit Scheffer erstens davon auszugehen, dass »hauptsächlich Medien […] zur Subjektbildung bei[tragen]«33 und zweitens zu betonen, dass »Realitätserfahrung […] überhaupt erst durch eine vorauslaufende mediale Bearbeitung erzeugt und ermöglicht [wird]«34, wobei der Terminus »›Media­lität‹ im Sinne von ›grundsätzlich vermittelt‹«35 zu gebrauchen ist. Auszugehen ist also von einer Synchronizität von Medien/Media­lität und Lebenspraxis.

Synchronizität von Media­lität und Fa­mi­lia­li­tät kommt beispielsweise in einem Artikel im Magazin der Süddeutschen Zeitung zum Ausdruck. Simultan zur Injektion von Samen in die Vagina bei einem assistiert reproduktiven Verfahren soll das Lied Eye Of The Tiger abgespielt werden:

»Die Spritze mit dem Spendersperma, das sterile Behandlungszimmer, die sachliche Ärztin – das war alles so unromantisch, so wenig feierlich. Darum hatte Kate Elazegui ein Lied mitgebracht. Als die Ärztin ansetzte, den Samen in Kates Vagina zu injizieren, gab sie ihr das vereinbarte Handzeichen, Kate drückte auf die ›Play‹-Taste, lehnte sich zurück und hörte: Eye Of The Tiger.«36

Besonders deutlich ist jene Synchronizität von Medien/Media­lität und Lebenspraxis mit familienpolitischem Bezug in einer Sequenz aus Die Pinguine aus Madagascar37 (Penguins of Madagascar, USA 2014, Regie: Eric Darnell und Simon J. Smith, DreamWorks Animation; DVD) inszeniert. Vor einigen Jahren – so gibt es der Animationsfilm vor – rollte ein einzelnes Pinguin-Ei, zuvor vom Schnee verdeckt in seltsam anmutender Reminiszenz an Social Freezing (Einfrieren von Eizellen), eine abschüssige eisige Landschaft in der Antarktis hinunter. Spuren, ja Lebensspuren im Schnee hinterlassend, atemberaubend schnell vorbei an der possentreibenden Pinguin-Karawane, darunter Skipper, Kowalski und Rico. Wie bei allen kulturell relevanten Ereignissen der Gegenwart ist auch innerhalb der filmischen Diegese ein Kamerateam synchron zu den Vorgängen anwesend (P 00:02:25).

Die diegetisch-sichtbare Synchronizität von Medien/Media­lität und Lebenspraxis reflektiert unser medienbezogenes Handeln in unserer Medienkultur. Michaela Ott geht diesbezüglich davon aus, dass »unübersichtliche Durchdringungsverhältnisse zwischen medialen Artikulationen und in sie verschlungenen menschlichen Handlungs- und Äußerungsweisen«38 bestehen.

Auf die (kindliche) Frage, ob das den Abhang hinabrollende Ei zurückgeholt werden solle, antwortet ein (erwachsener) Pinguin:

»Tut mit echt leid, Kleiner. Jedes Jahr verlieren wir ein paar Eier – so ist das eben in der Natur« (P 00:02:27).

Die (kindliche) Gegenrede lautet:

»Oh klar, die Natur. Das macht irgendwie Sinn, aber irgendwas irgendwas tief in meinem Innern sagt mir, dass das überhaupt keinen Sinn macht. Wisst ihr was: Ich lehne die Natur ab« (P 00:02:31).

Diegetisch folgt eine pinguineske Geburtshilfe: gefährlich, lebensgefährlich, aufregend, auf Eisbergs Schneide, emotional und medial angestoßen durch einen gewaltigen Stoß des Mikrofons vom Medienteam. Inszeniert wird eine performativ hergestellte Form von Familie, wobei die konventionelle duale und zweigeschlechtliche Elternschaft (Mutter-Vater, männlich-weiblich) unterlaufen wird. Der Startschuss der Geburt, das Zerbrechen der Schale und das Schlüpfen des Pinguin-Babys (Private genannt) ist künstlich (obschon durch ein Missgeschick) herbeigeführt. Ein unabsichtlicher Flügelschlag (nicht etwa eine Blasensprengung oder die Verabreichung bestimmter Hormone) initiiert das »Wunder der Geburt« (P 00:05:52) – nicht ohne Ironisierung romantisch-ästhetisierender Geburtsvorstellungen. Abgelehnt wurde die Natur: Aber was nun? Wo ist die Mutter, der Vater, die Familie? Wer ist die Mutter, der Vater, die Familie? Die Pinguine können sich wohl auf ein emotionales Band einigen, vermutlich eine Form der sozialen Elternschaft:

»Du hast uns, wir haben einander, und wenn das keine Familie ist, dann weiß ich auch nicht« (P 00:06:37).

Die hier zugrunde liegende Annahme einer konstitutiven Verschachtelung von Medien im weiten Sinn und Kultur als Medienkultur sensu Siegfried J. Schmidt kann nicht auf eine Haltung hinauslaufen, die sich mit der Untersuchung verschiedener Aushandlungen »in den Medien« begnügt. Eine solche Haltung würde nämlich erstens einer präjudizierten Einschränkung auf bestimmte Medien, häufig immer noch subtil durch Qualifikationen wie fiktiv, real, technisch, hoch und niedrig geprägt, Vorschub leisten. Zweitens impliziert der Ausdruck »in den Medien« ein latent inhärentes Verbot, Medien jedweden Status und Kultur konstitutiv zusammenzudenken. Angeknüpft werden kann vielmehr an diejenige Forschung zum Themenkomplex Geburt/Familie/Reproduktionstechnologien, die stets auf Grenzverwischungen zwischen Realität und Fiktion, Wissenschaft und Kunst sowie auf die enorme Bedeutung der Medien, Media­lität, Diskursivität und Kulturalität verweist (siehe Forschungsüberblick, exemplarisch seien hier Dreysse und Nusser genannt), wobei über den Begriff Medienkultur und die mediensyntagmatische Haltung, in die auch unorthodoxe Medien inkludiert sind, dennoch zu bereits existierenden Untersuchungen eine erkenntnispraktische Verschiebung erfolgt, die noch erläutert wird. Drittens kann der Mediengebrauch nur aktiv sein39. Hier wird ein weiter Medienbegriff40 präferiert. Die Annahme einer Medienkultur führt zu neuen und anderen Erkenntnissen rund um Familienpolitik, indem konzeptionell vielfältige Medien und Kultur zusammengedacht sind. Auf der Grundlage eines konstitutiven Zusammendenkens von Medien und Lebenspraxis kann gerade auf einer ersten Ebene weder eine qualitative Separation (»die Medien«) und Subordination (»indirekt«) noch eine kanalisierende Wirkung (»durch die Medien«) von Medien angenommen werden:

»Die öffentliche Meinung spielt eine große Rolle im Zusammenhang mit der Entscheidung, ob eine Schwangerschaft fortgeführt oder beendet werden soll. Diese kann direkt vertreten werden durch den Partner, die Familie, die beratenden GenetikerInnen/ÄrztInnen oder auch indirekt durch die Medien [Hervorhebungen M.P.].«41

Grundlage der vorliegenden Arbeit sind hingegen medienkulturelle Arrangements. Dazu gehören neben Literatur und Filmen auch Facebook-Kommentare, eine Messe-Topografie oder ein Kalender. Mit Bernd Scheffer gehe ich davon aus, dass »Kunst und Literatur […] (bestenfalls) auf herausgehobener Bühne das Spiel [spielen], das überall stattfindet«42. Betont werden soll damit die stets konstruktive Gestaltungspraxis, oder weniger neutral – keinesfalls aber kokett –, das buchstäbliche, stets vorhandene medial-performative Spiel, gerade auch im Kontext von Familie. Thomä konturiert beispielsweise Elternschaft als verlängerte Theaterprobe, als alltägliches Abenteuer: »Elternschaft hat vielleicht noch am ehesten – jedenfalls was die Unübersichtlichkeit betrifft – etwas von einer Theaterprobe, die nicht enden will; sie ist ein Abenteuer des Alltags.«43 Für dieses Abenteuer, für familiale Identitätsentwürfe werden unterschiedliche Medien benötigt:

»Identitätsentwürfe brauchen Medien, um sich selbst zu entwerfen und um zu wirken. Medien bieten Bühnen für dieses Theater: die Straße, das Lokal, die Zeitung, das Radio, das Kino, das Fernsehen, das Internet. Und jedes dieser Medien bietet für sich selbst wieder eine Vielzahl an unterschiedlichen Bühnen, in denen Aspekte dieser Identitätsentwürfe artikuliert werden können. Jede Stadt hat Straßen ganz unterschiedlicher Funktion, die auch bestimmt, wie sich die Passanten verhalten.«44

Neben der Erfassung der Bedeutung von Medien für die Identitätsbildung geht es demnach um die Betrachtung von so unterschiedlichen Arrangements wie etwa der Straße oder einem Lokal als Medien.

Die Fokussierung auf medienkulturelle familienpolitische Arrangements umgeht bewusst naturphilosophische Fragen45. Dabei soll jedoch auch kein reiner Kulturalismus nach dem Motto ›Alles ist Kultur‹ ausgespielt werden. Das heißt nicht, dass Fragen nach Natur und Kultur sowie nach deren Verhältnis zueinander im Kontext von Familie nicht gestellt werden dürfen oder sollen. Es heißt aber, ich stelle sie nicht, und zwar a priori. Ich kann hier an Bergmann anknüpfen, der stets mittelbar auf Argumentationen mit Natur und Kultur fokussiert: »Es ist aufschlussreich zu verfolgen, wann mit Natur und wann mit Kultur argumentiert wird, wann die biologischen und wann die sozialen Grundlagen von Verwandtschaft herangezogen werden, wann von Substanz und wann von Prozessen gesprochen wird.«46 Bergmann bezieht sich mit dem Begriff »assistierte Authentizität«47 auf die performative Praxis der Authentifizierung, die zur Naturalisierung führt (wobei der materielle und symbolische Aufwand genannt werden). Die Beobachtung einer Kommunikation von Natur und Kultur ist dann vollends kompatibel mit Ullrichs kritischer Einschätzung der Tragfähigkeit einer dichotomen Unterscheidung zwischen Natur und Technik aufgrund der langen Tradition von Eingriffen in den Reproduktionsprozess48 und gemäß Meißners Klassifikation der Bestimmung des natürlichen Kerns eines gesellschaftlichen Phänomens als »müßige[r] Spekulation«49.

Durch die bisherigen Ausführungen und Beispiele wurde verdeutlicht, dass durch die Annahme einer Medienkultur von einer konstitutiven Verschachtelung von Medien und Lebenspraxis ausgegangen wird. Damit ist freilich noch nicht vollends geklärt, wie – ausgehend von dieser Annahme – neue und andere Erkenntnisse bei Fragen rund um Familienpolitik gewonnen werden können. Wie ist es möglich, das theoriegeleitete Beobachten von familienpolitischen Manifestationen in unserer Medienkultur an die Profilierung neuer und anderer wissenschaftlicher Erkenntnisse – an Medienkulturwissenschaft – zu binden? Unter der oben ausgeführten Voraussetzung ist es ja gerade nicht möglich zu behaupten, in den Medien werde etwas (Neues) gezeigt. Gleichsam ist damit die Annahme einer kanalisierenden Wirkung von Medien (»durch die Medien«) verunmöglicht. Einfach gefragt: Was ist dann aber gerade mit, und nur mit Medien in einem wissenschaftlichen Ansatz möglich? Wären Medien, und nur Medien zur Erkenntniserzeugung nicht nötig, dann wäre dieser Ansatz, der auf Medien rekurriert, obsolet. Sensu Siegfried J. Schmidt wird nun gerade Beobachtung zweiter Ordnung von den Medien erleichtert oder sogar erzwungen50. Omnipräsente, nicht zu stornierende, existente »Kultur als Programm materialisiert sich und ist entsprechend beobachtbar in Anwendungen wie Kunstwerken, Architekturen, Büchern oder Zeitungen«51. Daher fordert Schmidt gerade dazu auf, »möglichst genau die Rolle der Medien zu explizieren.«52

Erst jüngst ist nun eine Studie erschienen, die in medientheoretischer und medienhistorischer Aufarbeitung und Dekonstruktion einen neuen und äußerst fruchtbaren Medienbegriff konzipiert. Neues und Anderes, gerade Wissenschaft, kann in der vorliegenden Arbeit auch deshalb erzeugt werden, weil hinsichtlich des präferierten (weiten) Medienbegriffs auf die vor kurzem erschienene Studie Das Erscheinen des Mediums. Au­to­re­fle­xivität zwischen Phänomen und Funktionen (2015) von Martin Mann zurückgegriffen wird. Im Hinblick auf die vorliegende Arbeit erweisen sich mindestens zwei miteinander verbundene Aspekte der Untersuchung von Mann als zentral. Der Autor zeigt, dass dem Kunstwerk Elemente aus dessen Außenraum einkopiert sind, wodurch es sich zu sich selbst verhält53. In Abkehr von der Transparenzthese geht er davon aus, dass »Medien ihr eigenes Medialisieren immer auch aus[stellen]«54 und »ihr Erscheinen zum Erscheinen [bringen]«55. Zum Ausdruck kommt damit eine das Medium als solches im Vollzug stiftende Eigenwendung. Strenggenommen kann erst mit einem erkenntnisleitenden Medienbegriff Medienkulturwissenschaft, und damit die Produktion von Erkenntnissen via Beobachtung einer Medienkultur, betrieben werden. Medienkulturwissenschaft kann sich erst dann erkenntnisorientiert entfalten, wenn die Berücksichtigung der Eigenschaften von Medien, und nur von Medien, einen Mehrwert generiert, den es sonst nicht gäbe. Die Medienkulturwissenschaft könnte ansonsten einfach auf den Terminus Medien verzichten. Anders formuliert: Medienkulturwissenschaft benötigt substantiell die Auseinandersetzung mit Medien als Medien, um einen Unterschied zu erzeugen, um Medienkulturwissenschaft zu sein. In Anlehnung an Mann kann gerade die selbstbedingende Passung der Medien, »nicht rein unauffällig (störungsfrei)«56 zu funktionieren, ein sinnlich wahrnehmbares Phänomen57 zu sein, medienkulturwissenschaftlich gewendet werden, und zwar insofern als »die Störung konventioneller Medienprozesse [hochgradig produktiv] sein kann.«58 Krämer, auf die Mann vielfach zurückgreift59, macht deutlich, dass Medien nicht einfach Sinn und Bedeutung vermitteln60. Sie haben aber laut Krämer eine wichtige Funktion: »Medien phänomenalisieren, sie machen wahrnehmbar.«61 Mann formuliert denn auch in Anschluss an Krämer:

»Sowohl Medium als auch Performanz sind in dieser Perspektive demnach erstens als Ereignis (also als Momente, die bei ihrem Entstehen schon wieder vergehen) und zweitens als Inszenierung (also als gerahmtes Geschehen) zu verstehen.«62

Das Medium ist demnach ereigniskonstituierter Schauplatz63.

Nach Konturierung des verwendeten Medienbegriffs kann nun der erkenntnisleitende Terminus Manifestation erläutert werden. Wenn ich in der vorliegenden Arbeit von familienpolitischen Manifestationen in unserer Medienkultur spreche, dann sind damit herausgehobene, als arrangiert-verdichtet zu kennzeichnende, konstruktiv-spielerische – dadurch nicht minder reale – Momente gemeint, welche die Medienkulturwissenschaft als ostentativ charakterisieren kann. Eine symptomatische familienpolitische Manifestation ist, und zwar insofern, als sie medienkulturwissenschaftlich gesehen als emphatisch gelten darf, eine Sequenz der Folge Onkel Doktor Cooper64 aus der Sitcom The Big Bang Theory (USA 2007-, CBS, Warner Bros. Entertainment; AMAZON VIDEO). Als emphatisch kann nun gerade die plakative Ineinssetzung von ›Schwangerschaft und Krankheit‹ sowie die je perspektivisch-konträre Bewertung von Schwangerschaft und Geburt (ultranüchtern versus emotional) in der Konfligierung aufgefasst werden. Emphase zeigt sich auch durch den dargebotenen Zynismus, wenn ein Motorradunfall des Vaters als glücklicher Umstand kommuniziert wird, der Absenz bei der Geburt des eigenen Kindes erlaubt, oder in der vollends absurden Korrelation der Dauer der Geburt mit der Zeit auf der High School.

Ich gebe nun den Dialog zwischen Sheldon (Jim Parsons), Leonard (Johnny Galecki), Amy (Mayim Bialik) und Penny (Kaley Cuoco) wieder:

»Sheldon: Ich muss gleich weg.

Leonard: Wohin?

Sheldon: Nach Texas.

Amy: Jetzt sofort? Wieso?

Leonard: Ist jemand krank?

Sheldon: Ja, der Uterus meiner Schwester brütet im Moment ein Baby aus.

Penny: Oh, sie ist schwanger. Das ist ja toll. Dann wirst du ja Onkel – Onkel Sheldon.

Sheldon: Was, nein. Ich bin dann Onkel Dr. Cooper.

Amy: Warum hast du nie erzählt, dass sie schwanger ist?

Sheldon: Ich hab dir auch nicht gesagt, dass mein Bruder Nierensteine hat. Willst du alles wissen, was aus den Genitalien meiner Familie kommt?

Leonard: Ich gratuliere, schön für deine Schwester, dass du dabei sein wirst.

Sheldon: Naja, ich springe für ihren Ehemann ein, der sich noch von einem ganz furchtbaren Motorradunfall erholt – der Glückliche.

Penny: Wow. Und wie lange wirst du weg sein?

Sheldon: Tja, der Geburtstermin soll morgen sein. Allerdings hat sie sechs Jahre für die High School gebraucht. Also, wer weiß« (B 00:00:30).

Festgehalten werden kann also, dass eine Verstrickung von ›Schwangerschaft und Krankheit‹, konkurrierende normative Geburtsvorstellungen, eine bestimmte väterliche Absenz-Position via Zynismus sowie Geburtsterminologie qua Absurdität als Echo widerhallen.

Eine weitere familienpolitische Manifestation entfaltet sich herausgehoben durch ein intermediales Arrangement (etwa B 00:03:02 und B 00:03:46), in dem Sheldon innerhalb der Metadiegese via iPad abwertend-normativ die Geburtskonzeption seiner Schwester (»Hausgeburt«) erzählt, wobei diese erneut in der Gegenrede von Raj (Kunal Nayyar) konfligiert wird.

Durch die serielle Verschaltung unterschiedlicher Darbietungen (vom Klingeln bis hin zur Metadiegese) des iPad qua Einstellungsgrößen wird gerade die Aufmerksamkeit auf das iPad gelenkt, und zwar verstärkend, indem ein wunderlicher Okkasionalismus65 (»Fruchtwasserschlitterbahn«) installiert ist. Ich gebe nun den Dialog wieder:

»Penny: Hey, wie geht’s deiner Schwester?

Sheldon: Sie hat seit knapp einer Stunde ihre Wehen.

Amy: Das ist wunderbar, seid ihr im Krankenhaus?

Sheldon: Nein, sie wollte eine Hausgeburt. Ihr Lebensstil gleicht gewissermaßen dem in der Steinzeit, und eine Höhle ist gerade nicht verfügbar.

Raj: Weißt du, viele Leute glauben, dass eine Hausgeburt besser ist, weil die Mutter in einer angenehmen, vertrauten Umgebung ist und ihre Liebenden [sic!] sie pflegen können.

Sheldon: Und dort den Schlafzimmerfußboden in eine Fruchtwasserschlitterbahn verwandeln« (B 00:03:22).

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass Geburtskonzeptionen wie etwa eine Hausgeburt und kulturell damit verbundene Klischees (vertraute Umgebung) sowie ihre konträre Kritik und damit einhergehende Konnotationen (wie etwa Fragen zum Lebensstil) als konfligierende herausgehoben sind. Eingedenk der konstitutiven Verschachtelung von Medien und Familienpraxis ist es demnach auch kein Zufall, dass Sheldon durch Aufforderung einer weiblichen Stimme aus dem Off, die zum Familienfoto während des Geburtsvorgangs einlädt, zu diesem Geburtsgeschehen zurückgeholt wird: »Sheldon, komm her! Der Muttermund deiner Schwester ist jetzt vollständig geöffnet und sie will ein schönes Familienfoto, bevor hier alles verblutet« (B 00:03:50). Durch die Inszenierung eines skurrilen und hyperbolischen Vorgangs des Geburtsgeschehens ist die mitkonstituierende Funktion des Fotos markiert. Skurril ist die synchrone Kopplung des vollständig offenen Muttermunds mit einem als ästhetisch sich darstellenden fotografischen Festhalten. Hyperbolisch ist die gleitende Bewegung vom schönen Foto hin zur Szenerie des Verblutens.

Im Kontrast zum klaren Bekenntnis des Pinguins aus dem Film Die Pinguine aus Madagascar (»Du hast uns, wir haben einander und wenn das keine Familie ist, dann weiß ich auch nicht«) manifestiert sich aktuell in unserer Medienkultur ein lebhafter Diskurs über Fa­mi­lia­li­tät (»Die neue Unübersichtlichkeit der Familie«66). Da ist medienkulturell beispielsweise die Rede von Regenbogenfamilien (ihren Befürwortern und Gegnern), gespaltener Elternschaft (die Existenz von drei Müttern und zwei Vätern ist möglich67), Single Parenting, Leihmüttern und Samenspendern. Die erste Folge der ersten Staffel der bereits zitierten Sitcom The Big Bang Theory68 zeigt beispielsweise, wie Dr. Leonard Hofstadter und Dr. Dr. Sheldon Cooper eine Samenbank für Leute mit hohem IQ aufsuchen, um einen finanziellen Zuschuss für einen Breitband-Internet-Anschluss zu erhalten. Neben der grotesken Verknüpfung von Samenbank und Breitband-Internet wird auch der deterministisch-monokausale Glaube an Gene persifliert, indem Sheldon seine Bedenken äußert: »Wir begehen einen genetischen Betrug. Es gibt keine Garantie, dass unsere Spermien hochintelligente Nachkommen hervorbringen. Denk doch mal nach. Ich hab eine Schwester mit ziemlich derselben DNA-Mischung, und sie serviert Fastfood« (B 00:01:31).

Im nun folgenden Potpourri medienkultureller Diversität soll gezeigt werden, wie persistent in unserer Gegenwart Familienpolitik verhandelt wird. Nur durch jenen mediensyntagmatischen Zugang, nur durch das Zulassen einer weiten Objektebene kann familienpolitischer Diversität begegnet werden.

In unserer Gegenwart hat sich ein medienkulturelles Koordinatensystem herausgebildet, in dem – so wird vielerorts und allgemein angenommen – die Parameter sozial und biologisch, sowie künstlich und natürlich vielfältig miteinander kombiniert sind. Zu beobachten sind eine Erweiterung der Familie als Sozialisation und eine Eventisierung von engster biologisch-leiblich-genetischer Konturierung der Familie sowie eine scharfe Konkurrenzsituation zwischen den rhetorischen Deklarationen von natürlicher und künstlicher Familie.

In dem Sommerhit Hey Brother (USA 2013, DJ/Produzent: Avicii, Label: Universal Music und PRMD; RADIO), in dem expressis verbis Blutsverwandtschaft gefeiert wird (»Know the water’s sweet but blood is thicker«), wird grenzenlose brüderliche Solidarität, grenzenloses brüderliches Engagement besungen: »Oh, if the sky comes falling down, for you, there’s nothing in this world I wouldn’t do«.

In dem Actionfilm Fast & Furious 7 (USA 2015, Regie: James Wan, Universal Pictures) dagegen erhebt Dom (Vin Diesel) seine Freunde zur Familie. Konstituens ist in diesem Fall eine sozial-familiale Verbindung. Bereits der Trailer zu Fast & Furious 769 (2015) beinhaltet das Aufgehen von Freundschaft in Familie: »Ich habe keine Freunde, ich habe Familie« (00:01:02).

Ein Facebook-Nutzer erweist einem Freund auf seiner Facebook-Seite eine freundschaftlich-familiale Hommage: »Happy to see you, bro! Stay the way you are. God bless you!« Die Anrede »Bro« für einen sehr guten Freund erborgt für Freundschaftskonzepte den Nimbus gerade ›unleugbarer‹, also genetisch-biologischer Verwandtschaft, so dass nicht nur der »Brocode« in How I met your mother (USA 2005–2014, CBS; TV (PRO 7)) zu einer Verflüssigung zumindest familialer Rhetorik-Konzepte führt.

So stellt Dreysse eine sukzessive Ersetzung der biologischen Familie in der populären Kultur fest: »In der populären Kultur der Mehrheitsgesellschaft treffen wir […] zunehmend auf chosen families, die die biologische Familie ersetzen.«70 Dabei verweist sie auch auf die Serie How I met your mother (ohne allerdings auf den »Brocode« einzugehen) und fasst zusammen:

»Das Zerbrechen traditioneller Familienstrukturen in der gesellschaftlichen Realität ebenso wie das Bedürfnis nach nicht hierarchischen, nicht normativen Formen des Zusammenlebens bzw. der Zugehörigkeit scheint zu Vorstellungen von Familie, die selbst gewählt und frei gestaltbar sind, aber emotionale Qualitäten der bürgerlichen Kleinfamilie wie Zugehörigkeit, Verlässlichkeit, emotionale Nähe und Schutz garantieren, zu führen. Sie werden in den erwähnten Fernsehserien [u.a. Big Bang Theory M.P.] als dauerhaft, meist dauerhafter als jedwede durch Biologie, heterosexuelles Begehren oder die Ehe begründete Beziehung, dargestellt, zugleich aber auch als Effekt einer Praxis, eines alltäglichen Tuns, das die familiäre Gemeinschaft immer wieder aufs Neue kreiert und artikuliert. […] In diesem Sinne sind viele der Freundesgruppen in Film und Fernsehen als Formen der Verwandtschaft zu betrachten«71.

Die Auflösung althergebrachter Vorstellungen von Fa­mi­lia­li­tät sowie der Wunsch nach egalitären Verbindungen bedingen nun Familienkonzeptionen, die sich nicht mehr biologisch aus sich selbst heraus rechtfertigen, sondern gerade willentlich gestaltet werden. Mediale Darbietungen illustrieren die Viabilität dieser neuen Formen der Verwandtschaft.

Im Kontext der Sozialisation von Verbindungen ist wohl auch jüngst das Buch Ziemlich feste Freunde. Warum der Freundeskreis heute die bessere Familie ist von Susanne Lang erschienen. Darin ist der Freundschaft ein zukünftiges Versicherungskonzept eingeschrieben:

»So gesehen sind Freundschaften eine der größten Investitionen, die wir künftig eingehen werden – und eine der erstrebenswertesten. […] Ich sorge mit der Pflege meiner Freundschaften für ein ebenso gutes Zukunftsfundament wie mit meiner Riester-Rente. Denn vor allem für das Alter, so lautet eine der großen Gesellschaftsprognosen, würden gute, langjährige Sozialkontakte immer wichtiger.«72

Daneben zeugen die zahlreichen neuen Reproduktionstechnologien allerdings auch vom großen Wunsch nach dem eigenen Kind. Der Wunsch nach einem (biologischen) Kind manifestiert sich je nach Konstellation unterschiedlich, wobei zu berücksichtigen ist, dass »[d]urch das neue Angebot ›Reproduktionsmedizin‹ […] möglicherweise eine sinkende Bereitschaft ungewollt kinderloser Paare zur Adoption plausibel [wird]«73.

Am 7. Januar 2016 tritt in Deutschland die geänderte Bundesförderrichtlinie in Kraft, gemäß der »erstmals auch unverheiratete Paare für reproduktionsmedizinische Behandlungen eine finanzielle Unterstützung durch das Bundesfamilienministerium [erhalten]«74. An jenem durchaus historisch zu nennenden Tag stellt Manuela Schwesig auf ihre Facebook-Seite eine Abbildung, welche eine klassische (Vater, Mutter, Kind) und zugleich neuartig-technologische Familienkomposition in Bild und Schrift (»Wir wollen allen Paaren die Möglichkeit geben, sich den Wunsch nach einem eigenen Kind zu erfüllen, egal ob verheiratet oder unverheiratet.«75) zitiert. Den Eltern steht das Glück buchstäblich ins Gesicht geschrieben, Familie erscheint als distinkter und ästhetischer Verbund, wobei zwischen Mutter und Baby ein inniger Augenblick festgehalten wird. Der Kind und Mutter umfassende Arm des Vaters fungiert als Schutzschild und Bewahrer des Verbunds, in dem somit Mutter und Kind regelrecht eingeschachtelt sind. Die Abbildung entfaltet ein Familienszenario, indem eine tolerante Erweiterung von Fa­mi­lia­li­tät suggeriert (alle Paare, Gleichgültigkeit gegenüber einer rechtlichen Verankerung) und gleichzeitig verengend wieder zurückgenommen wird, denn Familie ist – so der ›Subtext‹ des Bildes – eben doch ausschließlich Vater, Mutter und das eigene Kind.

Kurze Zeit später erscheint ein kritischer Kommentar auf Facebook, der Fa­mi­lia­li­tät und duale Elternschaft entkoppelt:

»Frau Schwesig, das ist ein guter Ansatz, aber dass in Deutschland immer noch Familienglück an eine Partnerschaft gebunden ist, ist ein Armutszeugnis! Auch alleinstehenden Frauen sollte das Recht auf künstliche Befruchtung gewährt werden. Aber da sieht man mal wieder, dass Deutschland immer noch in der Steinzeit tickt!«

Ferner ist ein Kommentar zu lesen, der die Fokussierung auf Heterosexualität kritisiert:

»Alle Paare? Nein, natürlich nicht. Homosexuelle unverheiratete Paare (die gar nicht heiraten dürfen) sind natürlich wieder ausgenommen.«

Die beiden Facebook-Kommentare beanstanden mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung (alleinstehende Frauen; homosexuelle Paare) den gesellschaftlich-politischen Ausschluss bestimmter Gruppen. Interessant ist dabei, dass sowohl die Abbildung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend als auch die kritischen Facebook-Kommentare an der gleichen Logik partizipieren. Der Mechanismus der Erweiterung und Öffnung des adressierten Personenkreises ist jeweils verflochten mit einer Beschränkung von Fa­mi­lia­li­tät auf ausschließlich das (biologisch) eigene Kind. Mit Schaffer ist von der Existenz »hegemonialer Repräsentationsformen und -grammatiken«76 auszugehen und zu erkunden, »was überhaupt denkbar, sagbar und daher anschaulich ist in dieser Ordnung [gemeint ist die Episteme im Sinne Foucaults, M.P.].«77 Ihre Arbeit basiert auf der Annahme »der Notwendigkeit einer Analyse der Bedingungen der Sichtbarkeit.«78

Die neuen Reproduktionstechnologien lassen sich hinsichtlich ihres Verhältnisses zu gesellschaftlichen Normen nicht eindeutig bestimmen: »Die neuen Reproduktionstechnologien stabilisieren auf der einen Seite gängige Normen – des Kinderkriegens, der Blutsverwandtschaft, der Heterosexualität etc. –, auf der anderen Seite unterlaufen sie diese (wie z.B. die Vorstellung der Kindeszeugung in einer Liebesnacht ohne technische Hilfe).«79

Auszugehen ist also mit Bergmann von einem »Spannungsverhältnis zwischen den aktiven, denaturalisierenden, alternativen und queeren Praktiken des Verwandtschaftmachens und einem biogenetischen Verständnis von Verwandtschaft, in dem das Wissen von und um Verwandtschaft durch den Code der Substanz beschrieben wird«80. Pointiert resümiert er: »Der Prozess, Verwandtschaft zu machen, wird gespiegelt von einer strukturierenden Praxis, Verwandtschaft zu sein.«81 Prozedurale und substantielle Verwandtschaftspraxen sind demnach miteinander verflochten.

Die Reportage Das Geschäft mit Social Freezing (von Christiane Hawranek und Lisa Schurr, ausgestrahlt am 24.03.2015, ARD) von Report München (Deutschland 1962-, Bayerischer Rundfunk; TV (ARD)) pro­ble­ma­tisiert facettenreich Risiken und Chancen dieser Technologie. Dargeboten werden Motive und Hintergründe, also Beweggründe von Frauen, ihre Eizellen einfrieren zu lassen. Ist einmal die Existenz der Reproduktionsmedizin akzeptiert, dann erscheint ihre Einordnung interessant. Der Kommentator der Reportage informiert über eine Social-Freezing-Patientin: »Am liebsten würde sie aber trotz der eingefrorenen Eizellen auf natürlichem Wege schwanger werden« (00:05:43). Die Kategorien Natur und Technik werden deutlich geschieden. Demnach gäbe es eine natürliche Geburt und eine technische Geburt. Die Konkurrenz zwischen natürlicher und künstlicher Geburt, der Glaube an die Existenz zweier völlig unterschiedlicher Konzepte ist hyperpräsent.

In dem Roman Lasse (2015) von Verena Friederike Hasel werden (personell und methodisch) natürliche Geburt und Kaiserschnitt dichotomisch arrangiert:

»Und deshalb hat meine Beleghebamme mich auch gewarnt vor den Ärzten. Selbst in ihrer fortschrittlichen Klinik herrsche ein wahrer Sektiowahn, hat sie gesagt, und wer sich nicht in Acht nehme, erlebe nicht das Wunder einer natürlichen Geburt, sondern lande unterm Messer.«82

Ein auf der Titelseite der ZEIT am 23. Oktober 2014 angekündigter Artikel Dürfen Firmen Familien planen?, der im Kontext einer lebhaft geführten Debatte um Social Freezing entstand83, reproduziert ebenso die Natur-Technik-Dichotomie: »Heute ist Frauke Holtmann 41 Jahre alt, hat einen neuen Partner, mit dem sie Kinder haben möchte. Aber auf natürlichem Wege hat es nicht geklappt.«84

Wenn ich in meiner Studie beispielsweise von Natürlichkeit, Gesundheit, Krankheit oder Behinderung spreche, dann gehe ich stets davon aus, dass es sich um gesellschaftliche Zuschreibungen und Kategorisierungen handelt. Eine durchgängige Kursivierung dieser historischen Kategorien würde die Lesefreundlichkeit massiv einschränken. Die Kursivierung wird daher in den einzelnen Fällen unterschiedlich gehandhabt. Davon abgesehen wird insbesondere dort, wo die illokutive Qualität solcher Ausdrücke im Sinne eines zitierenden Handelns als geklärt gelten darf.

In der vorliegenden Arbeit interessieren diejenigen familienpolitischen Manifestationen in unserer Medienkultur, die ostentativ facettenreiche (insofern im weiten Sinne zu verstehende) Konnotationen der Kategorien Natur und Kultur/Technik arrangieren. Butler macht innerhalb eines dekonstruktivistischen Argumentationsgangs in Körper von Gewicht deutlich, dass ein identitär-pro­ble­ma­tischer Begriff oder eine ebensolche Kategorie – zu nennen wäre hier nicht zuletzt der Begriff oder die Kategorie Natur85 – weder einseitig verbannt, noch unreflektiert verwendet werden sollte:

»Daß der Begriff fragwürdig ist, bedeutet nicht, daß wir ihn nicht gebrauchen dürfen, aber die Notwendigkeit, ihn zu verwenden, bedeutet auch wiederum nicht, daß wir nicht andauernd die Ausschlüsse befragen müssen, mit denen er vorgeht, und wir haben dies genau deshalb zu tun, damit wir lernen, wie die Kontingenz des politischen Signifikanten in einer Kultur demokratischer Auseinandersetzung zu leben ist.«86

Butlers Ansatz sieht also gerade nicht die Vermeidung identitär-pro­ble­ma­tischer Begriffe vor, sondern dessen Befragung auf ihr exklusives Potenzial hin, wobei zu berücksichtigen ist, dass Butler Materie nicht als rein diskursives Konstrukt versteht87.

Mit Blick auf die vorliegende Arbeit wird die Berücksichtigung der Medienkulturwissenschaft bei Fragen rund um unsere gegenwärtige Familienpolitik gefordert und realisiert. Diese Forderung lässt sich freilich etwas schlichter formulieren: Es wird gezeigt – so das Hauptanliegen dieser Arbeit – wie wichtig die Berücksichtigung medienkulturwissenschaftlicher Pro­ble­ma­tisierungen bei Fragen rund um unsere gegenwärtige Familienpolitik ist.

Eingedenk der omnipräsenten kommunikativen Auseinandersetzung mit Reproduktionsmedizin (die oben zitierten Ausführungen von Manuela Schwesig und die Kommentare führen es vor), erscheint die medienkulturwissenschaftliche Fokussierung umso virulenter, denn Humanwissenschaften – so Claus Dahlmanns im Rekurs auf Foucault – »verbleiben im Grunde im Feld der klassischen Episteme der Repräsentation, ohne die erkenntnistheoretischen Konsequenzen und Problemstellungen zu verarbeiten, welche die Philosophie seit Kant aufgeworfen hat.«88 Allgemeinverbindliche und eindeutige, universelle Repräsentationen von Familienpolitik kann es nicht geben und gibt es auch nicht. Zu zeigen, wie sich jedoch die vielfältigen Familienpolitiken in unserer gegenwärtigen Medienkultur manifestieren, ist Teil der nun folgenden Untersuchung.

Die einzelnen Kapitel zeichnen nicht chronologisch die verschiedenen Phasen einer Familiengründung nach. Diese Entscheidung lässt sich hinreichend legitimieren, denn Fa­mi­lia­li­tät der Gegenwart lässt sich aus sich selbst heraus in kein intrinsisch-chronologisches Phasenmodell einbetten. Aus der wissenschaftlichen Perspektive soll daher auch keine Domestizierung erwirkt werden. Kapitel 3, 4 und 5 sind insofern miteinander verbunden, als sie jeweils problemorientiert und kritisch einen Schwerpunkt von Fa­mi­lia­li­tät der Gegenwart zeigen, nämlich familientechnologische Gesundheitsmelancholie (Kapitel 3), ostentative Diversität (Kapitel 4) und Familienkonflikte (Kapitel 5). Der Gliederung ist eine argumentative Struktur inhärent, die sich vom allgemein Diskursiven über ein spezielles Diskursphänomen hin zum konkreten Beispiel entfaltet. Im folgenden Absatz werden die einzelnen Kapitel sowie die zentralen Thesen vorgestellt.

Kapitel 1 gibt einen umfassenden Forschungsüberblick, um darauf aufbauend die eigene Fragestellung verorten zu können. Es ist wichtig, darauf zu verweisen, dass »[k]ein Buch über Elternschaft […] unpersönlich geschrieben werden [kann]«89. Teilhabe kann im Diskurs über Elternschaft nicht nicht heraustreten. Involviertheit erscheint somit virulent auf der Ebene der Autorin, anderer Diskursteilnehmer_innen, die als wissenschaftliche Stimmen rezipiert werden, und der Rezipient_innen der vorliegenden Arbeit.

Kapitel 2 präzisiert die der Arbeit zugrunde liegende Methodologie. Dabei wird eine mediensyntagmatische Herangehensweise gewählt, die durch diskurs­analytische Werkzeuge ergänzt wird.

Kapitel 3 entfaltet über mehrere Schritte, aufbauend auf der Studie von Bruner und den Disability Studies sowie auf Butlers Konzept der Geschlechtermelancholie, die These, dass wir uns gegenwärtig in einer familientechnologischen Gesundheitsmelancholie befinden. Im deutlichen Rekurs auf die Dokumentation Der Traum vom perfekten Kind von Patrick Hünerfeld, jedoch auch abstrahierend davon, durch zusätzliche beispielorientierte Heranziehung weiterer »Medienangebote«90 (Siegfried J. Schmidt), werden pro­ble­ma­tisierte diskursive Elemente im Umfeld von Pränataldiagnostik und Familienpolitik herausgearbeitet und über Deskription hinausgehend in einen größeren medienkulturellen Kontext gestellt. Bei aller Pluralität der Vorstellungen und Entwürfe rund um Schwangerschaft ist der Wunsch nach Gesundheit, also derjenigen Gesundheit, die über basales Wohlergehen hinausgeht und nicht selten mit Perfektion (so suggeriert es der Titel Der Traum vom perfekten Kind) verwechselt wird, als einendes, die gesamte Elternschaft betreffendes Moment artikuliert (Unterkapitel 3.1). In Differenz zu bekannten Narrationen, in denen die Exklusivität des Eigenen stolz und abgrenzend betont wird, erscheint die Artikulation des natürlichen Wunsches nach Gesundheit des Kindes als elterngemeinschaftliche Universalie konstruiert. Universalität wird aber dennoch nicht eingelöst. Es werden parallel diskursive Elemente dargeboten, die Eindeutigkeit, Klarheit im Umfeld von Pränataldiagnostik drastisch unterlaufen. Aus diesem Grund werden ferner Argumentationsfiguren und Begründungszusammenhänge im Umfeld pränataler Diagnostik untersucht (Unterkapitel 3.2). Was bedeutet es nun aber, wenn vielerorts – sowohl wissenschaftlich in der Forschungsliteratur und praktisch in zahlreichen konkreten Beispielen – Unsicherheit integriert und kommuniziert ist? Zur Beantwortung dieser Frage werden zunächst unterschiedliche Konfigurationen familienpolitischer Unsicherheit in unserer Medienkultur herauspräpariert (Unterkapitel 3.3). Anschließend werden die vielfältig zusammenspielenden Kategorien Unsicherheit, Schuld, Ich-Verarmung, Narzissmus und Schamlosigkeit in unserer Medienkultur gemeinsam in Anschlag gebracht (Unterkapitel 3.4). In Anlehnung an den diskursanalytischen Untersuchungsstil Foucaults91 kann gefolgert werden: Mütter und Väter verweilen in der Rolle von Gesundheitsminister_innen. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie selbstidentisch die Reziprozität zwischen Gesundheit und Krankheit verdrängen. Dieser Verdrängungsprozess ist unbetrauerbar und politisch. Wie begründet sich aber die Verwendung des Begriffs Gesundheitsminister_innen? Minister_innen sind erstens Leiter_innen eines eigenständigen Geschäftsbereichs sowie einem übergeordneten Verbund (beispielsweise dem Bundestag) zugehörig und gegenüber diesem auch verantwortlich. Im Französischen und Englischen ist zweitens eine Verbindung zum religiösen Bereich vorhanden. Der ministre du culte und der minister sind Priester, Seelsorger, kurz Geistliche. Das Verb to minister bedeutet gerade dienen, betreuen oder einen Gottesdienst abhalten. Gesundheitsminister_innen üben demnach wie die Regierungsmitglieder eine (gesundheitliche) Führungsaufgabe aus und sind gleichzeitig einem übergeordneten Ganzen, nämlich den Gesundheitsidealen der Zeit, verpflichtet und verantwortlich. Wie die Priester betreiben sie Fürsorge und Betreuungsarbeit. Dabei dienen sie gleichzeitig einer autoritären Instanz respektive einem nicht zu hinterfragenden Ideal. Zudem sind sie Repräsentant_innen dieses Ideals und halten Gesundheitsdienste. Die Verleugnung jener konstitutiven Verbindung zwischen Krankheit und Gesundheit in unserer Gesundheitsmelancholie funktioniert aber nur vermeintlich. Gesundheitsminister_innen werden nämlich von einem unbotmäßigen, gärenden Rest eingeholt. Dieser Rest zeigt sich in Form vehementer Unsicherheit, von Ich-Verarmung und in der Erfahrung von Schuldgefühlen. Zudem erscheint die Selbst-Thematisierung der Gesundheitsminister_innen narzisstisch und schamlos. Neben der Kommunikation von Trauer als subversivem Mittel zur Unterbrechung der Gesundheitsmelancholie wird anhand einiger Sequenzen aus Scrubs die ambivalen­te Potenzialität von Lachen konturiert (Unterkapitel 3.5).

Kapitel 4 zielt darauf ab zu illustrieren, wie Medien familienpolitische Diversität/Komplexität/Mehrdeutigkeit und auch deren unterschiedliche Eingrenzung herausgehoben arrangieren. Das folgende Kapitel stellt demnach eine metapraktische Erweiterung derjenigen einschlägigen Studien dar, die Diversität und reduktive Einschränkung im Kontext von Fa­mi­lia­li­tät lediglich deskriptiv behandeln. Familiale Mehrdeutigkeit in unserer gegenwärtigen Medienkultur ist bestenfalls tolerante Vielfalt und schlechtestenfalls Oxymorie. Bevor die gegenwärtige medienkulturelle Konfiguration familienpolitischer Vielfalt (und Eingrenzung) anhand verschiedener Medien dokumentiert wird (Unterkapitel 4.2 und 4.3), werden zunächst diejenigen Elemente herausgearbeitet, die autokonstitutiv mit dem Diskursphänomen Familienpolitische Mehrdeutigkeit bis hin zu Oxymorie verbunden sind (Unterkapitel 4.1). Es sind die Elemente Unsicherheit, Sorge und Angst, die für Unbehagen im Kontext von Fa­mi­lia­li­tät verantwortlich zeichnen. Inwiefern aber, warum und auf welche Weise erscheint Fa­mi­lia­li­tät der Gegenwart unbehaglich? Um familiale Malaise charakterisieren zu können, werden Begründungshorizonte im Umfeld von Pränataldiagnostik untersucht und analysiert. Als Grundlage hierfür dienen Erzählungen von Eltern und Experten im Dokumentarfilm Am Anfang – Vor der Geburt. Um allerdings einen diskursiven Einblick in familiales Unbehagen der Gegenwart gewährleisten zu können, wird die Objektebene erweitert. Die Gemeinsamkeit der betrachteten Aushandlungen (Artikelüberschriften, Sachtexte und der Roman Angst) besteht darin, dass sie einen konstitutiven Bezug zu familialer Unbehaglichkeit aufweisen. In Links’ Dokumentarfilm (Unterkapitel 4.2) wird Hybridität bei Fragen rund um Schwangerschaft ostentativ visualisiert. Welche filmischen Strategien und welche kommunikativen Elemente ermöglichen die Heraushebung von Hybridität? Um die familienpolitische Hybridität der Gegenwart in unserer Medienkultur besser fassen zu können, wird Bruno Latours Theorie in seinem Essay Wir sind nie modern gewesen herangezogen. Die von Frischs Protagonisten Walter Faber kommunizierte Klarheit, seine eindeutige Positionierung im Hinblick auf den Schwangerschafts­abbruch (»Schwangerschaftsunterbrechung: eine Konsequenz der Kultur, nur der Dschungel gebärt und verwest, wie die Natur will«92) ist in unserer gegenwärtigen Medienkultur unter familientechnologischen Bedingungen unterlaufen. Aber was ist geschehen? – kann mit Latour gefragt werden? Eingetreten ist jene wissenschaftlich vielerorts konturierte Vermischung von Gegensätzen, die sich metapraktisch auch zeigt. So fokussiere ich im Rückgriff auf neueste Medientheorien auf den existenten, manifesten, ja auf den ostentativen Charakter der familienpolitisch ambivalenten Zwischenräume in unserer Medienkultur. Ein interessantes zwischenräumliches Spektakel ist etwa das Schaufenster93 im Seed Brand Store München. Weiterhin bildet die Babywelt-Messe (MOC Veranstaltungscenter) eine Topografie mehrdeutiger Vielfalt. Die Babywelt-Messe ist somit ein Konzentrat der bunten konzeptionellen Diversität von Fa­mi­lia­li­tät. Diese komplexe Vielfalt zeigt sich gleichfalls, ist demnach augenfällig, ostentativ und herausgehoben. Butler zufolge macht gelebte Fa­mi­lia­li­tät in komplexer Daseinsform die Idealität der Norm zunichte94. Familiale Komplexität mündet in Entgrenzung und impliziert (produktive) Mehrdeutigkeit. Abschließend (Unterkapitel 4.3) wird problemorientiert ein Kalender mit Texten von der Ärztin Maya Fehling und Illustrationen von der Schauspielerin Ina Gercke zur Veranschaulichung der Manifestationen familienpolitischer Diversität und zur Vergegenwärtigung machtförmiger familienpolitischer Reduktionismen herangezogen und analysiert. Dieser Kalender für das Jahr 2016 stellt »12 Wege zum kindlichen Glück« aus.

Kapitel 5 zeigt in Fa­mi­lia­li­tät eingeschobenes Konfliktpotenzial, welches strenggenommen dramatisch ist. In den Unterkapiteln wundere ich mich diskuranalytisch darüber, dass und wie95 persistent das Funktionieren von Fa­mi­lia­li­tät in unserer Medienkultur unterlaufen wird. Was sich anhand der jeweiligen Medienangebote illustrieren lässt, sind Konfliktfelder in ihren je spezifischen Kontexten. Kälter als der Tod, eine Episode der TV-Krimiserie Tatort entfaltet in mehrfacher Hinsicht Familiendramen (Unterkapitel 5.1). Er fungiert in einer Gesamtsicht als ein Medium, das familiale Problemhorizonte als Problemhorizonte antinormativ verhandelt. Hinsichtlich der Analyse der Tatort-Episode lässt sich gerade kein Fazit formulieren: Weder lassen sich Aussagen über soziale Elternschaft noch über biologisch-leibliche Verwandtschaft machen. Jener schlussfolgernde Gestus bezüglich Fa­mi­lia­li­tät ist filminhärent ausgehebelt. Schmerzlich und narratologisch brillant dargeboten ist jedoch Fa­mi­lia­li­tät als katastrophales Monster. Familiale Monstrosität beinhaltet Ausgrenzung und Entgrenzung, Gewalt, Idealität, Naturalisierung, Macht, Verschleierung und Maskerade, Verleumdung, Perfektion und Bürgerlichkeit. Es wird filmanalytisch illustriert, dass die Tatort-Episode vordergründig diese Monstrosität als eine chiastisch-antithetische Familienkonstellation inszeniert, die in ihrer Tragik und Drastik verdeutlicht, dass familiale Positionen synchron eben nicht eindeutig bestimmbar sind. Weiterhin zeigt sich, dass fehlende familiale Positionalität als katastrophal aushandelbar ist. Im Rekurs auf die Butlersche Lévinas-Lektüre wird die These formuliert, dass die visuelle Darstellung der Familienmitglieder (speziell von Lydia Sanders) deren erfahrenes (Familien)Leid verdeutlicht. Das Gewahrwerden des Gesichts des Anderen ermöglicht die Berücksichtigung der Verletzlichkeit des Lebens. Das Lévinassche Gesicht (konnotiert mit Verletzlichkeit und Gefährdung) lässt keine direkte Darstellung zu. Wenn einige Familienmitglieder auf den Bildern gerade uneindeutig dargestellt werden – weitere Unschärferelationen sind im Übrigen ebenso inszeniert –, dann wird im Scheitern eindeutiger visueller Identifikation das Leid, die Qual und Gefährdung durch den Großvater, der dagegen deutlich konturiert ist, erhellt. Weiterhin ist Kälter als der Tod ein Film über Adoption, soziale Elternschaft, generell über Fa­mi­lia­li­tät – wie sie eben nicht funktioniert. Es ist ein Strukturmerkmal dieser Tatort-Episode, uneindeutige Perspektiven auf Fa­mi­lia­li­tät anzubieten. Es wird kein Familienkonzept (leiblich; sozial; Mischformen) als viabel inszeniert. Die Uneindeutigkeit des Kamerastandpunktes erhöht die Komplexität und vermeidet das Fällen eines endgültigen Urteils. Jeder Schlusskommentar liefe dem filmischen Spiel facettenreichster Uneinholbarkeit (der Subjektivierung, Familialisierung, Beurteilung) und Mehrdeutigkeit zuwider.

Als vollends inkommensurabel erscheinen familiale Konflikte in unserer Medienkultur, in denen Frauen ihre eigenen Kinder töten. Ausgelöst respektive motiviert wird die Katastrophe der Kindstötung im Roman Lasse von Verena F. Hasel (Unterkapitel 5.2) – so meine These – durch die Kombination einer fehlenden Anrede und einer gewaltvollen Anrede, die die Protagonistin Nina erfahren muss. Ich werde ausführen, dass Kindstötung in diesem Werk ein Reflexionsfeld eröffnet, welches weibliche Intelligibilität der Gegenwart pro­ble­ma­tisiert. Der Kindsmord im Roman ist eine Chiffre des Scheiterns einer weiblichen Intelligibilität, die ausschließlich verengt-abhängig ist. Ninas Identität ist insofern verengt-abhängig, als erst qua Schwangerschaft eine intelligible (nicht minder prekäre) Position eingenommen werden kann. Daneben – so die These – wird im Roman ein Modell der weiblichen Selbstkommunikation und Selbstwahrnehmung pro­ble­ma­tisierend angeboten, das die verengt-abhängige Intelligibilität als Bedingung auch der Selbstanerkennung vollends internalisiert hat. Der Roman Lasse erweist sich nicht zuletzt wegen der dargebotenen Destruktion biologisch-leiblicher Vaterschaft als äußerst spannend. Jene Destruktion ist aber nicht als Emanzipation von biologistischen Familienkonzepten, sondern als Flucht vor Verantwortung zu verstehen.

Das Schlusskapitel 6 resümiert die zentralen Ergebnisse der vorliegenden Arbeit. Daneben wird noch einmal abschließend und zusammenfassend die Relevanz der antipräskriptiven Beobachtung und Analyse von anekdotischen, eher ›läppischen‹ Medienereignissen im Umfeld von Fa­mi­lia­li­tät illustriert. Anhand einer Begebenheit auf einem Spielplatz kann gezeigt werden, dass beim Durchspielen von Familie zwangsläufig auf akzeptierte Rollenmuster zitathaft zurückgegriffen wird und folglich von familialer Beliebigkeit nicht die Rede sein kann. Eine an Voraussetzungen gebundene familiale Variabilität in unserer Medienkultur ist aber beobachtbar und lebbar. Darüber hinaus erfolgt in Auseinandersetzung mit einer jüngeren Faust-Inszenierung eine kompakte und beispielorientierte Umsetzung der hier entwickelten neuen Methodologie. Es ist nicht zuletzt das Anliegen der vorliegenden Studie, einmal zu exemplifizieren, was mit einer solchen Herangehensweise möglich ist.

1. Forschungsüberblick und Positionierung

Im nun folgenden Forschungsüberblick1 werden diejenigen Arbeiten vorgestellt, die für das vorliegende Projekt heuristisch wichtig sind, an die ich also anknüpfen kann oder von denen ich mich verschiedentlich abgrenze. Hier wird ein separater Forschungsüberblick gegeben, damit basale Zusammenfassungen im Hauptteil sich vermeiden lassen.

Hilge Landweer zeigt diskursanalytisch in ihrer Monografie Das Märtyrerinnenmodell2, wie sich seit dem 18. Jahrhundert allmählich ein Rollenmuster herausgebildet hat, nach dem Mütter durch einen Gestus des Sichaufopferns in vielfältigen Formen zu charakterisieren sind.

»Anders als die männlichen – historischen oder politischen – Märtyrer, die sich dadurch auszeichnen, sich für die ganze Gesellschaft oder für Ideale aufzuopfern, opfern sich Märtyrerinnen in erster Linie für ihre ›Familien‹ – Söhne, Töchter, und nicht zu vergessen: Männer. […] Märtyrerinnen sind nichts als Mütter – faktisch oder symbolisch« (S. 72–73).

Ferner arbeitet sie heraus, wie Mütterlichkeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer stärker der Weiblichkeit zugeschrieben wird (S. 96), wobei weibliche Individualität aufgrund der Relationalität eher als »Dividualität« zu bezeichnen ist (S. 133). Historisch ist eine sukzessive Verschärfung der Anforderungen an die Mutter festzustellen, eine Steigerung ihrer Verantwortung, eine Ausweitung der Arbeit in direktem Bezug zum Kind (S. 98) und zum Fötus (S. 124). Die Arbeit von Landweer ist im Hinblick auf die vorliegende Studie von Interesse, weil die von dort profilierte Figur der Märtyrerin als Analysekategorie gegenwärtiger Problemhorizonte von Mütterlichkeit verwendet werden kann. Die identitätsstiftende Verschränkung von Mütterlichkeit und Weiblichkeit wird als tödliches Krisenphänomen etwa im Roman Lasse (siehe Unterkapitel 5.2) inszeniert.

Silja Samerski fokussiert in Die verrechnete Hoffnung3 auf die neuen Entscheidungssituationen, die sich durch die genetische Beratung ergeben. Sie zeigt, wie die bis ins 20. Jahrhundert existente Bedeutung von entscheiden im Sinne von »klären«, »bestimmen«, »verfügen« und »urteilen« sich seit den sechziger Jahren verschoben hat. So kann die allgemeine Bedeutung von Entscheidung nunmehr als »Wahl zwischen Möglichkeiten« verstanden werden (S. 87). Samerski zeichnet eine genetikbezogene Logik nach, die Hoffnung durch eine abstrakte Form des Wissens obsolet erscheinen lässt (S. 17–18). Die Thesen Samerskis sind für die hierher gehörende Fragestellung insofern bedeutend, als aktuell jene von ihr pro­ble­ma­tisierte Kategorie der Entscheidung im Kontext von Familienpolitik virulent und durchaus auch leidvoll verhandelt wird.

Hanna Meißner konturiert besonders mit Blick auf Butler und Foucault »Generativität als historisches Dispositiv«4, wobei der Begriff Generativität ihr zufolge allgemein als Sorge um nachwachsende Generationen (S. 156, Fußnote 3) zu verstehen ist. Generativität ist durch den funktionalen Imperativ der Optimierung des Menschen vorgeprägt (S. 163) und konstituiert sich gerade durch eine »Naturalisierung vermeintlicher Notwendigkeiten des Lebens« (S. 156–157). Zusammenfassend konzeptualisiert sie Generativität als ein multidimensionales dispositives Gebilde, in dem jedweder sorgende Beziehungszusammenhang zum Nachwuchs normativ reguliert ist (S. 163–164). Die dispositive Erfassung von Optimierungsimperativen und Phänomenen der Sorge, allesamt häufig zu beobachten, unterstützt die auch hier zugrunde liegende Annahme der Potenzialität zur (Norm)Veränderung. Meißner fokussiert demnach theoretisch auf ein dispositives Ordnungsschema der Sorge im Kontext von Reproduktion, welches hervorgebracht und wandelbar ist.

Überwachung und Risiko von Schwangerschaft werden von Elsbeth Kneuper korrelativ in Anschlag gebracht: »Die Vorstellungen der Schwangeren von der Geburt sind gerade durch die engmaschige Überwachung des schwangeren und des kindlichen Körpers heute mehr denn je von Risiken geprägt.«5 Dabei verweist die Autorin ferner auf die Reglementierung des Alltags durch Fokussierung auf Gesundheit (S. 195). Die Feststellung der alltagsbestimmenden Norm der Gesundheit im Umfeld von Familienpolitik erweist sich als äußerst wichtig für die vorliegende Arbeit. Im Unterschied zu bisherigen Annahmen verfolge ich allerdings, ausgehend von einem disparaten Mediensyntagma, eine qualitative Einordnung und über Deskription hinausgehende Profilierung der prekären Einkapselung von Gesundheit in Fa­mi­lia­li­tät.

Eingangs habe ich Sheldons Persiflage (The Big Bang Theory) eines einseitigen Gendeterminismus aufgezeigt (»Wir begehen einen genetischen Betrug. Es gibt keine Garantie, dass unsere Spermien hochintelligente Nachkommen hervorbringen. Denk doch mal nach. Ich hab eine Schwester mit ziemlich derselben DNA-Mischung und sie serviert Fastfood«). Nichtsdestotrotz – eine Persiflage benötigt eine Folie. Dies ist hier nun gerade die Folie der Genetisierung der Zeugung6, die von Wülfingen herausarbeitet. Das Ziel ihrer Untersuchung ist es, zu zeigen, ob und wie seit Ende der 1990er Jahre diskursive Veränderungen eintreten, die Sterilität normalisieren (S. 12). In ihrer an Foucault angelehnten archäologischen Beobachtung der Veränderungen der Darstellungsweise Neuer Reproduktionstechnologien im Hinblick auf Infertilität und Fertilität (S. 15) geht es ihr weniger um harte Fakten als um faktenschaffende Möglichkeiten aufgrund von Visionen und Fiktionen (S. 9–10). Die Objektebene speist sich aus »Texte[n] in deutschen Publikumsmedien von 1995 bis 2003 […], die den Angaben nach von Experten und Expertinnen aus dem Gebiet der Gen- und Reproduktionstechnologie stammen«7 (S. 15). Sie zeigt u.a., wie es ab ca. 1998 in dem von ihr betrachteten Material verstärkt um Befreiung von Zwängen im Kontext von neuen Reproduktions- und Gentechnologien – im Unterschied zur Heilung – geht (S. 107). Als besonders bedeutsam erweist sich auch ihre Feststellung, dass Reproduktionsprozesse zunehmend ärztlich begleitet werden (S. 248). Von Wülfingens Metaphernanalyse hat ergeben, dass die Diskurs­stränge ›Unfreiheit durch naturgegebene Bedingungen‹ und ›Befreiung durch Neue Reproduktions- und Gentechnologien‹ zentrale Verhandlungsmomente sind (S. 108). Nur durch gesetzte respektive angenommene Biologisierung erhalten Neue Gen- und Reproduktionstechnologien den Status von ›Befreiungstechnologien‹ (S. 107).8 Der sich manifestierende Argumentationsgang wird als dialektisch konturiert (S. 306). Ihre Studie ist von Interesse, weil sie den Stellenwert von Visionen und Fiktionen zum Ausdruck bringt sowie Strategien der Naturalisierung berücksichtigt. Mit der Autorin ist davon auszugehen, dass das, »was diskursiv präsent«, auch »ernst zu nehmen«9 ist. Während von Wülfingen auf eine »Untersuchung neuer Denkbarkeiten«10 (S. 23) abzielt, geht es mir um die Untersuchung von Elementen, die medial zeigbar sind. In deutlicher Differenzsetzung zu von Wülfingens Arbeit fokussiere ich aber gerade auf eine weitere, funktional bestimmte Objektebene. Die hier erarbeitete mediensyntagmatische Haltung konzentriert sich nicht vorweg auf Aushandlungen in Publikumsmedien und von Expertenstimmen.

Die kulturwissenschaftliche Medienanalyse Reproduziertes Leben. Biomacht in Zeiten der Präimplantationsdiagnostik (2011) von Julia Diekämper fokussiert innerhalb einer klar abgegrenzten Objektebene diskursanalytisch auf ein zeitlich und räumlich definiertes medial Sagbares: »Ich untersuche, was zu einer bestimmten Zeit (1995 bis 2010) an einem bestimmten Ort (Printmedien) anlässlich von bestimmten Ereignissen (im weiteren Sinne: Reproduktionstechnologien) sagbar war.«11 In Auseinandersetzung mit Diekämpers Arbeit lassen sich nun explizit methodologische Säulen herauspräparieren, die meine Studie mit bereits existierenden kultur- und medienwissenschaftlichen Arbeiten teilt bzw. mit denen die vorliegende medienkulturwissenschaftliche Untersuchung andere und neue Wege geht. Wie Diekämper gehe ich davon aus, dass »Medien als Reflektions- und Initiationsorgan eine markante Schlüsselposition zu[kommt]« (S. 21). Ebenso ist ihrer Auffassung, dass mediale Aushandlungen Normen hervorbringen (S. 20), vollends zuzustimmen12. Daneben verweist die Autorin auf machtförmige Kräfteverhältnisse im Reproduktionsdiskurs (S. 21). Wenn sie ankündigt, »ganz vom Material auszugehen« (S. 20), dann ist darin wohl eine Ähnlichkeit mit meiner Analyse von »Impressionen in situ« auszumachen. Diekämpers »Grundannahme«, »dass es keine klare Trennlinie […] zwischen einer ›reinen‹ Wissenschaft und der in den Printmedien auftau­chen­den vermeintlichen Populärwissenschaft [gibt]« (S. 15), liegt auch der vorliegenden Untersuchung zugrunde. Und dennoch: Meine medienkulturwissenschaftliche Haltung kann (in deutlicher Differenz zu Diekämpers Studie) auf keine homogene Objektebene fokussieren, schon gar nicht sich auf Printmedien beschränken. Der größte Unterschied besteht darin, dass in meiner Kopplung von Medienkulturwissenschaft und diskursanalytischen Werkzeugen nicht aussagenorientiert vorgegangen wird. Denn zu der zitierten Untersuchung »liefern Aussagen das Rohmaterial, weil sie die Möglichkeit einer systematischen Darstellung diskursiver Strategien bieten.«13 Hier dagegen soll es nicht darum gehen, dass »sich in den manifesten Sagbarkeiten (und Unsagbarkeiten) Normen ablesen lassen« (S. 104), sondern darum, dass disparate mediale Manifestationen herausgehoben, arrangiert-verdichtet, letztlich ostentativ Familienpolitik zeigen. Anders formuliert: Nicht »[m]ediale Sagbarkeit« (S. 26), sondern mediale Zeigbarkeit interessiert hier. Zwar gibt es sicherlich Interpenetrationszonen zwischen medialer Zeigbarkeit und Sagbarkeit – so formuliert Diekämer: »Exemplarisch zeigt sich anhand der Medien dann etwa, was zu einer bestimmten Zeit sagbar ist.«14 Wenn Diekämper jedoch einigermaßen verwundert festhält, dass die »diskursiven Nebenwirkungen der Pille […] sogar bis in die Unterhaltungsindustrie hinein[wirkten]« (S. 56) und ein Lied als Beispiel dafür zitiert wird, dann frage ich mich schon, was daran – zumindest vor dem Hintergrund eines funktionalen Medienbegriffs – denn nicht zu erwarten war, so suggeriert es zumindest das Adverb sogar. Zeigbarkeit ist in der vorliegenden Arbeit funktional und unstornierbar an (disparate) Medien in dem für unsere Medienkultur als charakteristisch anzunehmenden Mediensyntagma gebunden. Auch in Diekämpers Arbeit ist zu lesen, dass printmediale Medienbeiträge etwas »veranschaulichen« (S. 166) und »Debatten« unterschiedliche Wahrnehmungen sichtbar machen (S. 165). In meiner Studie sind aber die Zeigbarkeiten strikt methodologisch grundiert, an neue Medientheorien, an ein Mediensyntagma und an Medienkultur gebunden.

Die Überlegungen von Rapp fungieren als symptomatische Belege für (all) die wissenschaftliche Konturierung von Kontextualität (und all ihren Varianten wie Situativität, Interpretativität etc.) im Umfeld von Reproduktion. Es war Rayna Rapp, die mit Testing Women, Testing the Fetus15 eine Untersuchung vorgelegt hat, in der intervieworientiert facettenreichste, kontextbasierte, glaubensspezifische, multiperspektivische, lokale und globale, kategorienabhängige (unter anderem class, age, gender) Diversität, Komplexität, Verflechtung, Differentialität bei Fragen rund um die Anwendung von Fruchtwasserpunktion beleuchtet wird. So konstatiert sie:

»To understand each negotiation, we would need a different, fuller context within which to situate the meaning of this particular pregnancy in light of community values, reproductive histories, and the trajectory of each particular woman and her partner. Such a grounding would provide more ample space for examining the contradictory social relations and limits each pregnant woman faces, and the constrained agency she exercises in her reproductive choices« (S. 100).

Dabei fokussiert sie auf Entscheidungsprozesse sowie verschiedene Grenzziehungen und fragt nach den basalen Konstitutionsbedingungen für die Notwendigkeit entschiedenen Grenzziehens. Die Bedeutung etwa von Kontextualität, Situativität oder Interpretativität bei Fragen rund um Familie kann nicht überschätzt werden. Dennoch gehe ich über die (bloße) Feststellung und Einforderung von Kontextualität, Situativität oder Interpretativität deutlich hinaus, indem ich mithilfe eines erkenntnisleitenden Medienbegriffs zeige, dass Kontextualität in unserer Medienkultur ostentativ vorliegt.

Insgesamt betrachtet erweisen sich die jüngeren Sammelbände Soziologie der Geburt. Diskurse, Praktiken und Perspektiven16; Mütter – Väter: Diskurse, Medien, Praxen17; Das Imaginäre der Geburt. Praktiken, Narrationen und Bilder18 und Geburt in Familie, Klinik und Medien. Eine qualitative Untersuchung19 sowie Tanja Nussers Monografie »wie sonst das Zeugen Mode war«. Reproduktionstechnologien in Literatur und Film20 als echte Meilensteine, insofern als dort diskursive, kulturell-symbolische, narrative, historisch-gesellschaftliche, rituelle, praxisbezogene und mediale Aspekte sowie ihre Verschränkungen beleuchtet und interpretiert werden. Barbara Thiessen und Paula-Irene Villa heben beispielsweise hervor, dass TV-Formate wie nachmittägliche Talkshows »alles andere als unseriöse populärkulturelle Details«21 sind. Explizit führt auch der Sammelband Techniken der Reproduktion. Medien – Leben – Diskurse22 »aktuelle biotechnologische und biopolitische Entwicklungen mit kultur- und medienwissenschaftlichen Diskursen zusammen, die sich mit der Reproduktion von Texten und Identitäten befassen.«23

Die jüngst erschienene Monografie Kinder machen24 von Andreas Bernard fokussiert auf die Geschichtlichkeit assistierter Empfängnis und bezieht Literatur (Huxley: Schöne neue Welt, Zola: Fruchtbarkeit, Goethe: Die Wahlverwandtschaften etc.) und Filme (etwa Cholodenko: The Kids Are All Right) in den Deutungshorizont mit ein. Dabei geht der Autor von familialer Kontinuität aus: »Die mit Unterstützung der Reproduktionstechnologien entstandenen Familien sind schlichtweg die zeitgenössische Ausprägung eines traditionellen Lebensmodells« (S. 482). Besonders beeindruckend erscheint mir die Berücksichtigung des topografischen Arrangements in Samenbanken: »In allen Samenbanken und Reproduktionszentren […] ist dieses Masturbations-Ensemble nahezu identisch zusammengestellt. Es ruft in Erinnerung, dass auch der leidenschaftslosesten, maschinellsten Gewinnung des männlichen Ejakulats so etwas wie Erregung des Mannes vorangehen muss« (S. 99). Bernards Arbeit ist von Bedeutung, weil durchwegs auf das historische Gewordensein von Fa­mi­lia­li­tät fokussiert wird. Ferner berücksichtigt sie mediale und räumliche Aushandlungen, ohne kulturpessimistisch zu verfahren. Meine Studie stellt dennoch eine Erweiterung dar, indem topographische Arrangements wie etwa ein Messe-Aufbau stärker in das Mediensyntagma der Fa­mi­lia­li­tät integriert werden.

Die vorliegende Arbeit kann an die im vorigen Abschnitt erwähnten Sammelbände und Monografien in ihren sicherlich unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen deutlich anknüpfen, besonders aufgrund von deren Betonung diskursiver, medialer, kulturell-symbolischer, kurz performativer und konstruktiver Momente im Kontext von Fa­mi­lia­li­tät. Diese Arbeiten sind demnach grundlegend für mein Forschungsvorhaben. In diesem Zusammenhang soll auch auf die sehr wesentliche theater- und kulturwissenschaftliche Studie Mutterschaft und Familie. Inszenierungen in Theater und Performance25 von Miriam Dreysse, die ebenfalls Judith Butler heranzieht, verwiesen werden. Die Autorin verfolgt das Ziel, »Inszenierungen von Mutterschaft, Familie und Verwandtschaft in der visuellen Kultur und den darstellenden Künsten der Gegenwart zu untersuchen« (S. 24). Ihre Studie zeichnet sich durch ein in mehrfacher Hinsicht facettenreiches Korpus aus:

»Die Arbeit analysiert Inszenierungen von Mutterschaft und Familie in der zeitgenössischen Kultur. Künstlerische Diskurse wie Theater, Tanz, Performance und bildende Kunst begreift sie als Teil der kulturellen Praxis, die Gesellschaft begründet. Sie geht mithin von einem kulturwissenschaftlichen Ansatz aus, demzufolge Gesellschaft als ein plurales Ensemble von Diskursen gesehen wird, die als Texte zu lesen und analysieren sind. Künstlerische Praktiken oder theoretische Texte haben diesem Verständnis nach grundsätzlich denselben Stellenwert wie alltägliche oder massenmediale Praktiken; […] Kultur wird als ständiger, performativer Prozess verstanden« (S. 25).

Aufgrund der Betrachtung verschiedener Medien erfolgt in Dreysses Untersuchung das Gewahrwerden einer »Medienspezifik des Mutterbildes« (S. 17). Die Autorin verweist darauf, dass das Theater im 18. Jahrhundert einen Sonderstatus im Hinblick auf Mutterfiguren besitzt. Im Unterschied zur Präsenz idealer Mutterbilder in der bildenden Kunst, erscheint die Mutter in bürgerlichen Trauerspielen bestenfalls randständig (S. 16). Diese Diskrepanz hängt Dreysse zufolge möglicherweise mit einer Ineinssetzung von Mutter und Natur zusammen, »die sie aus der symbolischen Ordnung ausschließt, und die zwar mit den Mitteln der bildnerischen Gestaltung, nicht aber im Medium des handlungs- und sprachbasierten Sprechtheaters darstellbar ist« (S. 150). Als Gemeinsames zwischen diesen beiden Medien werden Darstellungskonventionen, die der ersichtlichen Repräsentation entgegenlaufen (S. 200), ausgemacht. Mit Blick auf die Gegenwart beobachtet die Autorin ein werbespezifisches Arrangement von Müttern und Vätern: »Während Mutterfiguren in der Werbung für Baby- und Kinderprodukte sowie Haushaltswaren inszeniert werden, kommen Vaterfiguren beispielsweise in der Kfz-Werbung vor, wenn ein Auto als Familienauto vermarktet werden soll« (S. 39). Sie zeigt anhand zahlreicher Beispiele die künstlerische Inszenierung pluraler und vielfältiger Familienformen.

Inwiefern stellt nun mein medienkulturwissenschaftlicher, mediensyntagmatischer Ansatz eine methodologische und heuristische Erweiterung dar? Geht doch schon Dreysse davon aus, dass »Medien […] für die Alltagspraxis eine zentrale Rolle [spielen], gerade auch solche medialen Bilder, die Teil der Alltagsrealität sind, aber nur beiläufig rezipiert werden, wie etwa die Werbung« (S. 17). Sie untersucht u.a. »visuelle Konstruktionen von Mutterschaft in der gegenwärtigen populären Kultur«, wobei »Beispiele aus der kommerziellen Werbung, der Ratgeberliteratur sowie der politischen Kommunikation« (S. 17) herangezogen werden. Besonders beeindruckend ist auch Dreysses Berücksichtigung der Geschichte eines geschlechtlich codierten Dingobjekts, nämlich des Puppenhauses (S. 249).

Dreysse macht zwar theoretisch keine Rangunterschiede zwischen unterschiedlichen Medien. Tatsächlich aber unterscheidet sie sehr wohl zwischen Kunst, die ihr zufolge dekonstruieren kann, und Manifestationen aus der Werbung, die beispielsweise Geschlechterrollenmuster bestätigen und verstärken: »So einseitig Bilder von Mütterlichkeit in der Werbung und der Ratgeberliteratur diese darstellen, so ambivalent und vielseitig wird Mutterschaft in den Arbeiten zeitgenössischer Künstlerinnen inszeniert.« (S. 116) Der hier präferierte Ansatz ermöglicht über die Annahme einer Medienkultur eine noch weitergehende Beobachtung von in gelebter Beiläufigkeit26 verschachtelten medienkulturellen familienpolitischen Manifestationen der Gegenwart, indem hier andere Medien (etwa Babywelt-Messe, Kalender, Schaufenster, Nachrichtensendung etc.) zusammengestellt und schlichtweg funktional betrachtet werden. Die einzige Vorverabredung, und zwar funktional, ist die Annahme, dass es sich bei den beobachteten Manifestationen um mediale handelt. Indem hier von Medienkultur gesprochen wird, kann der ›kulturelle Ruf‹ der jeweiligen Medien leichter storniert werden. Dreysse geht zwar expressis verbis davon aus, dass künstlerische Praktiken, theoretische Texte und alltägliche oder massenmediale Praktiken den gleichen Stellenwert haben (S. 25). ›Hinterrücks‹ werden doch aber die Medienangebote mit kulturellem Wert versehen, wenn rhetorisch differenziert wird in »künstlerische Praktiken« oder »massenmediale Praktiken«. Der hier vorgeschlagene funktionale Medienbegriff im Mediensyntagma unterläuft die Ordnung von Dreysse, in der ein Unterschied zwischen Alltagskultur und Kunst entgegen erklärten Absichten letztlich doch aufrechterhalten wird. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die rhetorische Einordnung in »künstlerische Praktiken« oder »massenmediale Praktiken« folgenreich ist. Ist es da nicht unvoreingenommener, ergebnisoffener, antipräskriptiver, von Medienkultur zu sprechen? Ich bevorzuge eine antipräskriptive(re) Erfassung von Medien in der Medienkultur (etwa eines Kalender als Medium, der Babywelt-Messe als Medium, von Werbung als Medium) in Abgrenzung zu doch institutionalisiert aufgefächerten Klassifikationen wie beispielsweise »populäre[r] Kultur«, bildende[r] Kunst« oder »Performance-Kunst« (S. 17).

Zwar gehe ich ebenso wie Dreysse von kulturellen Ambivalenzen (beispielsweise S. 10, S. 14), von familienbezogener Vielfalt und Stereotypen (S. 48), vom politischen Charakter von Fa­mi­lia­li­tät (S. 9), von Widersprüchlichkeit (S. 113), von der Herstellung im Sinne des »Doing Family« (S. 12), von Historizität (S. 14) und von Naturalisierungs- und Entnaturalisierungstendenzen (S. 9) aus, differenziere jedoch funktional nicht zwischen »stereotype[r] Darstellung oder aber dem offensichtlichen Spiel mit stereotypen Familienbildern« (S. 17). Vielmehr soll im Rückgriff auf neueste Medientheorien funktional von medialen Ostentationen (die bei Werbung und Theater strukturäquivalent sind) und im medienkulturwissenschaftlichen Rekurs auf Diskursanalyse von medienkulturellen Zeigbarkeiten (völlig unabhängig von Dekonstruktion und Reproduktion) die Rede sein. Damit sollen die Verdienste der Arbeit von Dreysse keineswegs in Abrede gestellt werden. Zugutezuhalten ist ihr, dass sie keine einseitige Verknüpfung von Theater und Dekonstruktion vornimmt27, aber gewahrt bleibt doch eine Vorrangstellung bestimmter institutionalisierter Medien, wenn kommuniziert wird:

»Der Raum des Theaters bietet die Möglichkeit, zwingende Wiederholungen von Identität zu verfehlen und aufs Spiel zu setzen und auf diese Weise naturalisierte Annahmen über Mutterschaft und Familie zu dekonstruieren.«28

Führen nicht auch andere, bisher in ihren ostentativen Funktionen weniger beachtete Medien (wie etwa eine Messe) »die historische, diskursive und immer auch heterogene Konstruktion von Familie vor Augen«29? Die Frage nach einer möglichen medialen Dekonstruktion und/oder Reproduktion von Stereotypen wird in meinem Ansatz nicht anhand des jeweiligen Mediums entschieden. Dieses macht (lediglich oder bzw. überhaupt erst) wahrnehmbar30. Die Frage nach Dekonstruktion oder Reproduktion wird schlichtweg an die Medienkultur delegiert. Damit geht einher, dass antipräskriptiv Qualifikationen vom Medium weg an die Medienkultur abgegeben werden. Diese Tage um den Jahreswechsel 2016/17 sind von Diskussionen um Fake News im Internet und der pauschalen Diffamierung der ›vierten Gewalt‹ als »Lügenpresse« geprägt. Innerhalb eines poststrukturalistischen Designs kann es zwar bestenfalls um ein mehr oder weniger wahr gehen, gleichfalls leugne ich nicht die Feststellbarkeit der Falschheit bestimmter Aussagen. Jede diesbezügliche Feststellbarkeit lässt sich aber erst im Nachgang verorten, im medienkulturellen Nachgang. Das Medium spricht nicht aus: »Ich bin eine Fake News«. Der zu diesem Zeitpunkt noch designierte US-Präsident Donald Trump klassifiziert schlichtweg in einer Pressekonferenz den Fernsehsender CNN als »Fake News«31. Hätte das Medium interne Mechanismen zur (Selbst)Klassifikation als Falschnachricht oder Wahrnachricht (gleichsam zur Dekonstruktion oder Reproduktion) würde eine solche Behauptung überflüssig. Dass sie dies nicht ist, zeigt eindrucksvoll das Beispiel der deutschen Politikerin Renate Künast, die sich auf dem Rechtsweg gegen eine Falschnachricht zur Wehr setzen muss. Das folgende Zitat ist eine Nachricht über die Falschnachricht und damit eine Klassifikation der Falschheit des vermeintlichen Statements im medienkulturellen Nachgang:

»Seit dem vorigen Wochenende hatten […] mehrere Facebook-Seiten ein Foto der Politikerin samt einem vermeintlichen Zitat gepostet, wonach Künast über den Mord an der Studentin Maria und die Festnahme eines Verdächtigen in Freiburg gesagt habe: ›Der traumatisierte junge Flüchtling hat zwar getötet, man muss ihm aber jetzt trotzdem helfen.‹«32

Künasts vermeintliche Stellungnahme (›Der traumatisierte junge Flüchtling hat zwar getötet, man muss ihm aber jetzt trotzdem helfen.‹) klassifiziert sich nicht selber als falsch.

Diese prekären Beispiele illustrieren, dass zunächst einmal die mediale Aushandlung etwas wahrnehmbar macht. Wie und vor allen auch wozu dies dann wahrgenommen wird (zur Dekonstruktion oder Reproduktion etwa), wird in der Medienkultur ausgehandelt.

Mein Augenmerk liegt auf der Beobachtung von medialen Manifestationen in der Medienkultur, die sich signifikant von der Beobachtung von Manifestationen in einem Film, in einem Theater oder »in den Medien« unterscheidet. Ich halte es nämlich für irreführend, einerseits eine umfassende Untersuchungsebene zu suggerieren und andererseits diese durch Fokussierung auf bestimmte Medien zurückzunehmen, wie dies indes in der Forschung immer wieder durchaus geschieht. So fokussiert der Titel des Aufsatzes von Sigrid Graumann Die Rolle der Medien in der öffentlichen Debatte zur Biomedizin33 zwar auf ein weites Untersuchungsfeld, widmet sich dann aber ausschließlich Zeitungen und Zeitschriften, was nichtsdestoweniger als »Medienanalyse« (S. 212) deklariert wird. Ich übe keine Kritik an einer ausschließlichen Untersuchung der Berichterstattung in Presseerzeugnissen, schon gar nicht an ihren Untersuchungsergebnissen. Ich halte jedoch den zugrunde liegenden Medienbegriff mit seinem synekdochischen Gestus für pro­ble­ma­tisch. Die im Titel angekündigte »Rolle der Medien« (S. 212), die »Medienanalyse«, die »Medienwirklichkeit« (S. 214), die »mediale […] Pro­ble­ma­tisierung« (S. 227) ist synekdochisch verengt auf eben Massenmedien, die neben anderen Medien freilich auch Medien sind. Wenn der Autorin zufolge Pluralismus von Werten und Normen in den untersuchten Beiträgen zur Geltung kommt, dann ist nicht klar, wie dieser in der Medienkultur zu verorten ist:

»Der Pluralismus von Werten und Normen kommt in journalistischen Beiträgen dadurch zur Geltung, dass in der Regel Pro- und Kontra-Positionen, dem Anspruch einer ausgewogenen Darstellung von Problemen gemäß, gegenübergestellt werden« (S. 241) 34.

Roses und Schmied-Knittels Aufsatz35 wird vorgestellt, weil er den wichtigen Terminus »hybride Verschleifungen« (S. 97) konturiert, der direkt auf Bergmanns Arbeit bezogen werden kann. Letzterer arbeitet die Gleichzeitigkeit scheinbar konträrer Momente assistierter Reproduktion heraus. Die Thesen von Lotte Rose und Ina Schmied-Knittel sind in mehrerlei Hinsicht für meine Überlegungen wichtig. Die Autorinnen arbeiten das ambivalente Zusammenspiel und Auseinanderspiel von zwei geburtlichen Konzepten heraus, und zwar einerseits die noch nicht abgeschlossene Medikalisierung, Hospitalisierung und Technisierung des Geburtsgeschehens sowie andererseits eine De-Medikalisierung und Re-Naturalisierung seit den 70er Jahren (S. 75). »Re-Traditionalisierungen und Ent-Traditionalisierungen greifen auf eine paradoxe Weise ineinander« (S. 86). Entscheidungssituationen expandieren (S. 89–90), wobei daraus ein Verlust an traditionellen Sicherheiten resultiert. Rose und Schmied-Knittel zufolge stellt das Natürlichkeits- und Traditionsdispositiv eine Entlastung von Entscheidungszwängen für das Individuum dar (S. 90).

Sven Bergmanns Arbeit Ausweichrouten der Reproduktion. Biomedizinische Mobilität und die Praxis der Eizellspende kann im Kontext von »hybriden Verschleifungen«36 als bahnbrechend bezeichnet werden. In dieser jüngst erschienenen Monografie nimmt der Autor hochgradig facettenreich verschiedene (vor allem profan-trivial alltägliche37) Praktiken und Akteur_innen im topografischen Umfeld assistierter Reproduktion unter die Lupe. Im Hinblick auf die vorliegende Arbeit sind vor allem die herausgearbeiteten Naturalisierungsstrategien von Unkonventionellem, von Ausweichrouten (etwa beim Transfer einer fremden Keimzelle38) interessant (beispielsweise S. 50). In seiner Arbeit spürt Bergmann über den performativen Begriff der »Choreografie«39 antiessentialistisch und praxisorientiert transnationalen, mobilen Aushandlungsprozessen, ›Aufführungen‹40 nach, in denen De- und Renaturalisierungen zu beobachten sind. Entsprechend formuliert er:

»Mein Augenmerk liegt dabei auf den verwobenen Choreografien von Naturen, Kulturen, Kultivierung (nurture), Körpern, Geschlecht, Raum und Zeitlichkeit, Symboli­ken von Blut und Genen und dem Sozialen, die alle in diesem Feld versammelt sind und – manchmal in unerwarteter Weise – miteinander in Kontakt treten« (S. 230–231).

Diese Beobachtung allgemeinen Verwobenseins exemplifiziert er an verschiedensten Situationen im Umfeld von Reproduktionsmedizin. Er zeigt beispielsweise, dass im Kontext assistierter Reproduktion Strategien wie die klinische Inszenierung des Embryonentransfers als Beginn des ›Wunders der Schwangerschaft‹ oder die Betonung des leiblichen Erlebens von Schwangerschaft41 in den Reproduktionsprozess integriert werden (besonders S. 231–240, S. 264). Unkonventionelles wird also naturalisiert. Mit Blick auf Bergmanns oben zitierte allgemeine Aussage interessiere ich mich vor allem für die unerwartete, paradoxe (S. 272) oder widersprüchliche (S. 266) Verwobenheit (beispielsweise Rationalität und Mystik (S. 235)). In seiner Arbeit, die auch auf die Aktor-Netzwerk-Theorie rekurriert, erweist sich gerade die Fokussierung auf Gleichzeitigkeit (S. 229, S. 240, S. 266, S. 272), ein Wechselspiel (S. 266, zum Wechseln und Pendeln siehe S. 238), einen Zwischenraum (S. 228) sowie auf Doppelseitigkeit (S. 278) als äußerst fruchtbar. Bergmann macht deutlich, dass im Kontext der Reproduktionsmedizin simultan zweierlei unterschiedliche (insofern ist dies mindestens paradox und unerwartet) Phänomene, und zwar substanzielle und prozessuale, gekoppelt werden (S. 240). Bergmann präpariert in seinem Panorama gegenwärtiger Reproduktionschoreografien demnach die gleichzeitige Kopplung verschiedener Phänomene heraus. Daneben charakterisiert er die »Schwellensituation des Labors« als »Zwischenraum«:

»An allen bisher resümierten Dynamiken zeigt sich die Schwellensituation des Labors, in vielen Fällen auch als ein Zwischenraum, in dem sich die zukünftige Laufbahn von Keimzellen entscheidet. Die Praxis der Fürsorge für die Zellen operiert an einer flexiblen Schwelle von Naturen/Kulturen, an der De- und Renaturalisierungen gut choreografiert werden sollen« (S. 228).

Ich werde in Kapitel 4 auf die von Bergmann skizzierte ›Gleichzeitigkeit‹ von Natur/Kultur zurückgreifen. Auf der Grundlage eines erkenntnisleitenden Medienbegriffs und eines medienkulturwissenschaftlichen Ansatzes kann jedoch in einer metapraktischen Erweiterung dazu gezeigt werden, dass sich die ›hybriden Verschleifungen‹ aus Natur und Kultur/Technik ostentativ in unserer Medienkultur manifestieren.

Ich konzentriere mich demnach nicht wie von Wülfingen in ihrer Analyse ausschließlich auf Expertendiskurse42 (1995–2003), nicht wie Graumanns43 (1995–2001) und Diekämpers44 (1995 und 2010) Medienanalysen ausschließlich auf Zeitungen und Zeitschriften, nicht wie Kailer auf populäre Spielfilme45, sondern fokussiere gerade auch auf (bisher noch nicht in einer Untersuchung zusammengedachte) verschiedene und unorthodoxe medienkulturelle Aushandlungen.

2. Methodologie: Medienkulturwissenschaft und diskursanalytische Werkzeuge

Die in der Einleitung (Kapitel 0) beispielorientiert profilierte mediensyntagmatische Herangehensweise wird in der vorliegenden Arbeit durch diskursanalytische Werkzeuge ergänzt. Foucault selbst charakterisiert seine Bücher als »Werkzeugkisten«, aus denen man Sätze, Ideen oder Analysen herausgreifen kann:

»Alle meine Bücher, sei es ›Wahnsinn und Gesellschaft‹ oder dieses da [Überwachen und Strafen, M.P.], sind, wenn Sie so wollen, kleine Werkzeugkisten. Wenn die Leute sie aufmachen wollen und diesen oder jenen Satz, diese oder jene Idee oder Analyse als Schraubenzieher verwenden, um die Machtsysteme kurzzuschließen, zu demontieren oder zu sprengen, einschließlich vielleicht derjenigen Machtsysteme, aus denen diese meine Bücher hervorgegangen sind – nun gut, umso besser.«1

In den Formulierungen »diese oder jene Idee« und »Analyse als Schraubenzieher« drückt sich die Vorstellung eines undogmatischen Umgangs mit diskursanalytischem Theoriedesign aus. In Anlehnung an diese Beschreibung von Foucault geht es in der vorliegenden Arbeit gerade auch um die Verwendung diskursanalytischer Sätze, Ideen und Analysen als Werkzeuge, also als ergänzende Hilfsmittel. Die Arbeit versteht sich unzweifelhaft als eine medienkulturwissenschaftliche, die erstens von einem weiten und erkenntnisleitenden Medienbegriff ausgeht, zweitens die Synchronizität von disparaten und unorthodoxen Medien und (familialer) Lebenspraxis betont und drittens nicht auf Aushandlungen in den Medien, sondern auf medienkulturelle Manifestationen fokussiert. Es geht darum herauszufinden, was medienkulturell manifest und daher zeigbar2 ist.

Die entscheidenden Interpenetrationsmomente von Diskursanalyse und Medienkulturwissenschaft liegen in ihrem Verständnis der Objektebene und ihren zentralen Annahmen begründet. Zu Letzteren gehören die uneinholbare Historizität und machtförmige Aushandelbarkeit von Ordnungsmustern und der kräftezentrierte Effektcharakter von Positionen. Die historischen, machtförmigen und kräfteorientierten Prozesse lassen sich besonders gut in der Kopplung von Diskursanalyse und Medienkulturwissenschaft begreifen, weil Medien, und zwar disparate, an diesen Prozessen signifikant partizipieren. Bezüglich der Objektebene kann festgehalten werden, dass es sowohl Diskursanalyse als auch Medienkulturwissenschaft um die »Entfaltung einer Streuung«3 mit dem Ziel geht, »eine Dezentralisierung vorzunehmen, die keinem Zentrum ein Privileg zugesteht«4.

Die mediensyntagmatische Herangehensweise ist ein Mittel par excellence zur Dezentralisierung. Diskursanalyse und Medienkulturwissenschaft begreifen Fa­mi­lia­li­tät als Familienpolitik und dispersiv.

Die Fokussierung auf Dispersionen bedeutet, dass der Gegenstand Fa­mi­lia­li­tät – eingebettet in medienkulturelle und diskursive Zusammenhänge – facettenreich als Oberflächenphänomen analytisch beobachtet wird, ohne eine Tiefendimension oder ontologische Dinglichkeit vorauszusetzen. Giesen hat bereits präfigurierende Media­lität mit Foucaults Dispositivbegriff in Verbindung gebracht5. Foucaults Verständnis des Dispositivs, wonach dieses als ›Netz‹ aus verschiedenen ›Elementen‹ (beispielsweise architektonischen Einrichtungen, reglementierenden Entscheidungen oder administrativen Maßnahmen6) konfiguriert wird, kann mit dem Begriffspaar ›Media­lität‹ und ›Medium‹ korreliert werden. Die Einzelbegriffe jeder Paarung (Netz-Element; Media­lität-Medium) sind laut Giesen wechselseitig und autokonstitutiv aufeinander bezogen7. Weiterhin kann die Heterogenität der Elemente des Dispositivs mit jener medialen Disparatheit – Giesen nennt seinen weiten Medienbegriff einen panmedialen – verbunden werden8. Die Entsprechung zwischen Media­lität und jenem netzartigen Dispositiv gilt auch für Media­lität und Diskursivität. Jene medial-diskursiven familialen Observanzen von Gewicht treten »an die Stelle des rätselhaften Schatzes der ›Dinge‹ von vor dem Diskurs«9. Letztlich werden »diese Gegenstände ohne Beziehung zum Grund der Dinge definier[t], indem man sie aber auf die Gesamtheit der Regeln bezieht [Hervorhebung M.P.], die es erlauben, sie als Gegenstände eines Diskurses zu bilden«10. Der Rückgriff auf Diskurs und Medienkultur suggeriert die autokonstitutive medial-diskursive Bezüglichkeit der Observanzen von Gewicht. Im Zusammenhang mit der autokonstitutiven Bezüglichkeit der Observanzen von Gewicht kann eine weitere produktive Passung zwischen Diskursanalyse und Medienkulturwissenschaft verdeutlicht werden. Medial-diskursive Observanzen von Gewicht sind signifikant existent, und zwar ohne einen (essentialistischen) »Grund der Dinge« anzunehmen. Ich verfolge hier keineswegs eine Medien-Vergötzung. Krämer ist zuzustimmen, wenn sie im Zusammenhang mit Performativität, Media­lität und Zeigen ein bedeutungsvolles Dahinterliegen ablehnt:

»Doch wenn alles, worauf es ankommt, sich zeigt, so heißt das auch: Was ›von Bedeutung ist‹, liegt nicht hinter der Erscheinung, ist keine unsichtbare Tiefenstruktur, welche jenseits der Oberfläche des Wahrnehmbaren [Hervorhebung M.P.] durch Verfahren der Interpretation zu erschließen wäre.«11

Das Augenmerk liegt also nicht auf einer zu erschließenden medialen Tiefendimension, sondern auf jener wahrnehmbar existenten Erscheinung an der Oberfläche. Was hier im Kontext von Media­lität spezifiziert wird, kann unmittelbar und produktiv auf Diskursivität bezogen werden. Foucault qualifiziert den diskursiven Gegenstand seiner Analyse nicht als ein Tiefenphänomen, das zu befreien wäre: »der Gegenstand wartet nicht in der Vorhölle auf die Ordnung, die ihn befreien und ihm gestatten wird, in einer sichtbaren und beredten Objektivität Gestalt anzunehmen; er ist sich selbst nicht präexistent«12. Gegenständlichkeit existiert nicht aus sich selbst heraus und bedingungslos. Die Verneinung selbstbedingender Existenz des diskursiven Gegenstandes bedeutet aber nicht, dass Letzterer nicht existiert. Gegenteiliges kann gerade angenommen werden: »Er existiert [Hervorhebung M.P.] unter den positiven Bedingungen eines komplexen Bündels von Beziehungen.«13 In Verbindung mit relationalen Bezüglichkeiten ist der Gegenstand existent, und zwar an der Oberfläche.

Zusammenfassend hinsichtlich einer Methodologie der Medienkulturwissenschaft, die diskursanalytische Werkzeuge integriert, kann demnach (im Rückgriff auf Krämer und Foucault) gesagt werden: Worauf es ankommt, zeigt sich, aber nicht als ontologische Innerlichkeit; das medial Bedeutsame zeigt sich wie das diskursiv Bedeutsame, bei dem es nicht um »innere Konstitution« geht, sondern um »das, was ihm gestattet, in Erscheinung zu treten«14.

Martin Zierold verweist im Kontext von Erinnerung und einer Arbeit, die dezidiert medienkulturwissenschaftlich perspektiviert ist, auf eine Doppelrolle der Medien:

»Sie [Medienangebote, M.P.] können selbst Resultate von Erinnerungsprozessen sein und formulieren oftmals, was gesellschaftlich als relevante Voraussetzungszusammenhänge angesehen werden soll [Hervorhebungen M.P.].«15

Die Doppelrolle von Medien besteht darin, dass sie eine Wirkung von Erinnerungen sind und selber gesellschaftliche Konstitutiva bewirken. Diese mediale Doppelrolle kann auf Diskurselemente bezogen werden. Das Diskurselement mütterliche Schuldgefühle etwa ist ein Resultat von Sedimenten in unserer Gesellschaft und gleichzeitig ein Voraussetzungszusammenhang für gesellschaftliche Prozesse.

Noch einmal zugespitzt: In der vorliegenden Arbeit wird ein Zugang gewählt, der sich an eine an Foucault und Butler orientierte Diskursanalyse anlehnt und in actu zwangsläufig spezifisch konkretisiert und formt. Die Zugriffsart bestimmt sich dann durch »reflektierte[…] Unfügsamkeit«16. Angenommen wird die von Foucault ausgesprochene »Einladung«17 besonders im Hinblick auf das Analysemittel Kritik. Der kritische Gestus ist als eine ethische Zugriffsart zu verstehen, die zweiflerischen Vorbehalt geradezu forciert und katalysiert, um Überschreitungen zu begünstigen:

»Die kritische Ontologie unserer selbst darf beileibe nicht als eine Theorie, eine Doktrin betrachtet werden, auch nicht als ständiger, akkumulierender [sic!] Korpus von Wissen; sie muß als eine Haltung vorgestellt werden, ein Ethos, ein philosophisches Leben, in dem die Kritik dessen, was wir sind, zugleich die historische Analyse der uns gegebenen Grenzen ist und ein Experiment der Möglichkeit ihrer Überschreitung.«18

Hier wird besonders die angesprochene Möglichkeit der Überschreitung von (familialen) Grenzen angestrebt. Durchgängig werden vielfältige Grenzen verschoben, was insofern wichtig ist, als »es für die meisten Eltern relativ enge Grenzen des Verhaltens gibt, innerhalb derer die optimale Versorgung des Kindes gewährleistet ist.«19 Die vorliegende Arbeit lässt sich daher keiner einzelnen universitären Disziplin zuordnen. Ich verzichte auch auf eine Aufzählung von Disziplinen, an denen die Arbeit partizipiert, nicht zuletzt, um entgrenzend zu wirken20. Ich vertrete eine poststrukturalistische21 Haltung sensu Butler und Foucault, um selbstverständliche Grenzen zu verschieben. Selbstverständlichkeiten basieren im Anschluss an Butler (und Foucault) auf einer Verleugnung ihrer Historizität. Es wird ein Preis gezahlt, um eindeutige Grenzen aufrechtzuerhalten. In einer Auseinandersetzung mit den Annahmen Foucaults schreibt Butler über den zu zahlenden Tribut:

»Damit scheint gesagt zu sein, dass die Formen der Rationalität, durch die wir uns verständlich machen, durch die wir uns selbst erkennen und uns anderen öffnen, historisch geprägt und nicht ohne einen Preis eingesetzt sind. Wenn sie natürlich, selbstverständlich werden, wenn sie Gründungsfunktion übernehmen und anscheinend unverzichtbar werden, dann stellen sie nicht nur die Bedingungen dar, unter denen wir leben und zu leben haben, dann hängt unser Leben selbst von der Verleugnung ihrer Geschichtlichkeit, von der Verleugnung des Preises ab, den wir für sie zahlen.«22

Wenn nun Grenzen, Bewertungen, Ontologien historisch gewachsen sind, dann sind sie veränderbar. Nun kann angenommen werden, dass Medien in der Medienkultur nicht nur durchspielen, was diskursiv sagbar ist, sondern geradezu zeigen, was diskursiv möglich/unmöglich ist23.

Als positive Grenzverwischung dienen beispielsweise die topografisch-bezeichnungspraktischen Verschiebungen der Komödie Almanya. Willkommen in Deutschland24 (Deutschland 2011, Regie: Yasemin Samdereli, Roxy Film Produktion in Koproduktion mit Infafilm, Concorde Home Entertainment; DVD). Der kleine Cenk, dessen Großvater in der Nachkriegszeit als Gastarbeiter nach Deutschland kam, wird von seiner Lehrerin, die Fähnchen auf einer Landkarte platziert, die die ursprünglichen Familienherkunftsorte markieren, gefragt, wohin »Cenks Fähnchen« gesetzt werden solle (A 00:04:44). Nachdem Cenks erste kindliche Antwort (»Deutschland« (A 00:04:48)) von der Lehrerin indirekt verneint wird (»Ja, ja, das stimmt schon. Aber wie heißt das schöne Land, wo dein Vater herkommt?« (A 00:04:49)), sagt er: »Anatolien« (A 00:04:54). Die Karte endet allerdings vor Anatolien. Cenks Fähnchen wird auf einem abgegrenzten, verworfenen, unbestimmt-leeren, nicht-intelligiblen Außen platziert (Abb. 1). Sein Herkunftsort wird als solcher unsichtbar und verleugnet. Der Preis für eine klare Grenzziehung, topografische Identität ist die Verleugnung der gemachten Grenzziehung und der Ausschluss des Anderen. Ein Klassenkamerad Cenks gibt – wie im Laufe des Films aufgedeckt wird – fälschlicherweise Istanbul (europäischer Teil) anstelle von Anatolien an und verhindert somit eine Exklusion, und in Folge dessen eine normative Diffamierung oder Verleugnung. Er erhält so einen sichtbaren »Körper von Gewicht« (Butler).


Abb. 1 (A 00:05:12) Platzierung von Cenks Fähnchen zur Kennzeichnung des Herkunftsortes im undefinierten Außenbereich im Unterschied zum definierten Innenbereich

Im Abspann des Films bittet nun Cenk seine Lehrerin, die Landkarte durch eine Karte, die Anatolien umfasst, zu ergänzen (Abb. 2). Nach dieser Ergänzung der historisch gemachten Grenzen befindet sich Cenks Fähnchen im inneren Bereich und nicht mehr im äußeren, abgegrenzten weißen »Nichts«, und auch Engin, der zunächst seine Heimat fälschlich angegeben hat, um einen Platz zu bekommen, kann seinen wahren Herkunftsort preisgeben, ohne der Schmach des Nicht-Teilnehmenden ausgesetzt zu sein.


Abb. 2 (A 01:33:31) Grenzverschiebung durch Erweiterung des definierten Innenraumes und sukzessive Sichtbarmachung und Inklusion der ehedem undefinierten Herkunftsorte

Identitäten – im konkreten Fall der vorliegenden Arbeit: familiale Identitäten, und damit Familienpolitiken – sind also grundsätzlich verschiebbar.

In Vertiefung zum diskursanalytischen Theoriedesign sensu Foucault richtet sich die medienkulturwissenschaftliche Perspektive auf medienkulturelle Zeigbarkeiten und nicht (nur) auf die Erfassung von diskursiven Aussagen respektive Sagbarkeiten, wie sie Diskursanalyse ausmacht. In diesem Sinne konstatiert Kammler: »Das Geschäft der Archäologie ist es, […] einzelne Aussagegruppierungen (›diskursive Formationen‹) zu beschreiben, die den Bereich des Sagbaren in konkreten Feldern des Wissens begrenzen [Hervorhebungen M.P.].«25 Eine medienkulturwissenschaftliche Vertiefung diskursanalytischen Theoriedesigns findet insbesondere dort statt, wo ganz explizit die Eigenschaften von Medien in Anlehnung an jüngere Medientheorien (Mann, Zierold, Krämer) angewendet werden.

Nun mag zugegebenermaßen die Annahme, Diskursanalyse sei ausschließlich beschreibend, etwas zu kurz greifen. Weiterhin lässt sich kritisch ins Feld führen, dass Foucault zwar nicht expressiv verbis einen vollends theoretisch ausgearbeiteten Medienbegriff konturiert, aber doch in hohem Maße mit Medien arbeitet. Jahraus hält fest: »Man kann das gesamte Foucaultsche Projekt einer Diskursanalyse als Proto-Medientheorie lesen«26.

Gegen eine Identifikation von Diskursanalyse und Beschreibung von Sagbarkeiten lässt sich Bührmanns These anführen, dass »Foucault Diskurse nicht rekonstruiert, sondern zuerst konstruiert«27. Hinsichtlich einer proto-medientheoretischen Perspektive bereits bei Foucault kann überdies in der Tat gesagt werden, dass künstlerische und literarische Manifestationen der jeweils interessierenden Epochen gerade einschneidende, markante, schwellenmarkierende Aufgaben übernehmen:

»Schon in Wahnsinn und Gesellschaft deutet sich […] an, dass Foucault dazu tendiert, Epochenschwellen über künstlerische und literarische Manifestationen einzuführen. Insofern übernimmt die Interpretation von Rameaus Neffe in Wahnsinn und Gesellschaft eine ähnliche Funktion wie die des Don Quijote oder des Werkes des Marquis de Sade in Die Ordnung der Dinge.«28

Wesentlich deutlicher als Foucault referiert Butler in Raster des Krieges29 auf mediale Sichtbarkeit und das heißt: auf Zeigbarkeit. Sie fokussiert auf »Bedingungen der Wahrnehmbarkeit«30, »die Begrenzung der Sphäre des Erscheinens«31, »Möglichkeitsbedingen des Sichtbarwerdens«32, »visuelle und diskursive Rahmen«33, (mediale) »Repräsentierbarkeit«34. Die Arbeiten von Butler und Foucault sind besonders gut medienkulturwissenschaftlich anwendbar, und Butler fokussiert dezidiert in Raster des Krieges auf mediales Zeigen/Nicht-Zeigen:

»Daher lässt sich das Feld der Repräsentierbarkeit nicht verstehen, indem wir einfach seine expliziten Inhalte untersuchen, denn es wird grundlegend gerade durch das Ausgesparte konstituiert, durch das, was außerhalb des Rahmens bleibt, innerhalb dessen Repräsentationen in Erscheinung treten. […] Den innerhalb des Rahmens gezeigten Geschehnissen und Handlungen geht eine aktive, wenn auch unbemerkte Abgrenzung des Feldes selbst und damit ganz bestimmter Inhalte und Perspektiven voraus, die nie in Erscheinung treten und die auch nicht gezeigt werden können.«35

Auf der anderen Seite muss jedoch auch hinzugefügt werden, dass doch Butlers Überlegungen in Raster des Krieges buchstäblich in die Form eines Essays36 und eben nicht in die Form einer reinen Diskursanalyse gebracht werden. Es lässt sich nicht behaupten, dass Medienkulturwissenschaft als Diskursanalyse und vice versa betrieben wird. Die Annahme einer Symmetrie zwischen den beiden Konzeptionen wäre ein theorielogischer Kurzschluss37. Damit geht einher, dass hier gelegentlich abschnittsweise ein je medienkulturwissenschaftlicher oder diskursanalytischer Fokus vorhanden ist. Zwar ist wohl Diskursanalyse in der Umsetzung nicht ausschließlich deskriptiv im Sinne einer reinen Feststellung von Sagbarem. Weiterhin werden selbstverständlich auch mediale Aspekte in einer Diskursanalyse aufgearbeitet. Gleichwohl verschiebt die medienkulturwissenschaftliche und mediensyntagmatische Perspektive die diskursanalytische Tendenz der beschreibenden Feststellung von Aussagegruppierungen38 zugunsten der Zusammenstellung von medial-performativen Zeigbarkeiten in der Medienkultur. Der Mehrwert der medienkulturwissenschaftlichen Perspektive im Methodendesign wird darin festgemacht, dass dezidiert neuere Medientheorien (Mann, Zierold, Krämer) und daran anschließende Potenziale verarbeitet werden. So geht es explizit darum, dass Medien wahrnehmbar machen39. Im Rekurs auf Mann ist darüber hinaus die selbstbedingende Passung der Medien, »nicht rein unauffällig (störungsfrei)«40 zu funktionieren, medienkulturwissenschaftlich anwendbar. Schließlich können in Anlehnung an die von Zierold konturierte Doppelrolle von Medien als erinnerungsbasierte Resultate und Formulierungen von Voraussetzungszusammenhängen41, die medienkulturell zeigbar sind, gesellschaftliche Konstitutiva ermittelt werden.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Arbeit sich zum Ziel setzt, in einer an Foucault und Butler angelehnten Diskursanalyse familienpolitische Manifestationen der Gegenwart in unserer Medienkultur herauszuarbeiten, wovon auch andere Disziplinen profitieren könnten, und zwar insofern, als die betrachteten vielfältigen medialen Arrangements »Kontroversen um Gesellschaftsentwürfe und Menschenbilder«42 durchspielen, herausheben und insbesondere wahrnehmbar machen43. Der Medizinethiker Johann S. Ach betont gerade die Notwendigkeit, über die Technologien (an sich) hinauszugehen und gesellschaftliche und anthropozentrische Konzeptionen zu berücksichtigen:

»Man versteht die – zum Teil sehr heftig ausgetragenen – bioethischen Kontroversen über Reproduktionsmedizin, Gentechnologie, Embryonenforschung etc. vermutlich erst dann richtig, wenn man erkennt, dass sie zugleich immer auch Kontroversen um Gesellschaftsentwürfe und Menschenbilder sind und letztlich um die zentrale Frage kreisen, welche Aspekte des Menschseins uns wirklich wichtig sind.«44

Gesellschaftliche und anthropozentrische Apriori sowie Grenzen werden besonders gut sichtbar, wenn Medienkulturwissenschaft und Diskursanalyse verbunden werden.

3. Manege frei: Zur gegenwärtigen Konstitution familientechnologischer Gesundheitsmelancholie

Das folgende Kapitel nimmt seinen Ausgang in der Dokumentation Der Traum vom perfekten Kind1 (Deutschland 2013, Autor/Regie: Dr. Patrick Hünerfeld, Südwestrundfunk; DVD), um beispielorientiert in den Diskurs um pränatale Untersuchungen einsteigen zu können. Wenn die Dokumentation als Ausgangsbasis thematisiert und analysiert wird, dann sind damit zwei Aspekte verbunden. Zum einen kann die Dokumentation hinsichtlich diskursiver Elemente untersucht werden, was sich insofern als besonders fruchtbar erweist, als sie gerade spannungsreiche Antagonien über unterschiedliche Perspektivierungen bietet. Zum anderen kann ihr Design selbst wiederum beleuchtet werden. Die Dokumentation fungiert demnach sowohl als Objektebene, die verschiedene diskursive Elemente integriert, als auch als Metaprodukt. Im Hinblick auf Der Traum vom perfekten Kind als diskursive Objektebene richtet sich die Frage auf die dargebotenen Elemente innerhalb eines Wirkungszusammenhangs. Ganz basal stelle ich mit Foucault folgende Frage:

»Welches sind die für eine gegebene ›Pro­ble­ma­tisierung‹ relevanten Elemente?«2

Dargeboten werden in der Dokumentation im Kontext der pränatalen Untersuchungen verschiedene diskursive Elemente. Kommuniziert werden Elemente, die den Wunsch nach einem gesunden Kind als natürliche elterngemeinschaftliche Universalie nahelegen (Unterkapitel 3.1). So lauten die Worte einer Mutter: »Ich wünsche mir natürlich wie alle Eltern auch ein gesundes Kind.« In der Artikulation einer elterngemeinschaftlichen Universalie innerhalb einer vordergründig individuierten Welt werden Konstanten ins natürlich-unbezweifelte Abseits hineingeschoben, die gerade aufgrund der universell-natürlichen Abseitigkeit unhintergehbar erscheinen. Die Annahme unhintergehbarer Universalien, hier etwa des gesunden Kindes, sollte strenggenommen eo ipso Bedenken entgegenwirken. Allerdings werden in den Argumentationssträngen werdender Eltern im Umfeld von Pränataldiagnostik diskursive Elemente sichtbar, die Bedenkenlosigkeit drastisch unterlaufen. Aus diesem Grund untersuche ich Argumentationsfiguren und Begründungszusammenhänge im Umfeld pränataler Diagnostik (Unterkapitel 3.2). Der in den Diskursen um Pränataldiagnostik durchwegs unreflektiert verwendete Begriff Ratsuchende wird dabei kritisch in einen religiösen Kontext gestellt, wobei die Diskrepanz zwischen Ideal und Ist-Zustand in Verbindung mit Schuld und Unsicherheit zu konturieren sein wird. Aufgrund der Persistenz von Unsicherheit werden konkrete Spielarten derselben aufgezeigt (Unterkapitel 3.3). Neben den Konfigurationen von Unsicherheit (gedimmt, punktuell-verschleiernd, konzessiv, adversativ) werden auch wissenschaftliche Stimmen eingeflochten, die auf die Existenz von Unsicherheit verweisen. Die pro­ble­ma­tische Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität im Umfeld von Fa­mi­lia­li­tät wird an zwei zusätzlichen, über die Dokumentation hinausgehenden medienkulturellen Beispielen (Zeitungsartikel und Werbung) expliziert. Beide referieren auf gegenwärtige medienkulturelle Ausformulierungen von Mutterschaft (und indirekt von Vaterschaft). Zwar zeichnen sich die Beispiele nicht durch eine Nähe zur Pränataldiagnostik aus; allerdings sind über die diskursiven Elemente Unsicherheit und Schuld durchaus Anschlussmöglichkeiten gegeben. Der Rekurs auf weitere Beispiele soll gewährleisten, dass facettenreich Manifestationen von Familienpolitik beleuchtet werden. Über Unsicherheit/Schuldgefühle sind eben mehrere Wirkungskreise verbunden. Bisher existieren zwar zahlreiche Klassifikationen des diskursiven Feldes, wobei das Wort Unsicherheit wohl dasjenige ist, welches am häufigsten zu lesen ist. Eine diskursorientiert-inhaltliche Einordung der Deskription Unsicherheit steht jedoch noch aus. Die Frage lautet deshalb: In welchem diskursiven Rahmen erweisen sich Unsicherheit und Schuld als wirkmächtig? Aufbauend auf Bruner und anderen Vertreter_innen der Disability Studies werden die Diskurselemente Unsicherheit, Schuld, Ich-Verarmung, Narzissmus und Schamlosigkeit zusammen betrachtet (Unterkapitel 3.4).

Unter Zuhilfenahme von Butlers Konzept der Geschlechtermelancholie wird die These entfaltet, dass wir in einer Medienkultur familientechnologischer Gesundheitsmelancholie leben. Im deutlichen Rekurs auf die Dokumentation Der Traum vom perfekten Kind und auch auf Butler kann Trauer als Mittel konturiert werden, das Gesundheitsmelancholie unterbrechen kann.

Neben Bewusstheit für Trauer soll aber auch ein anderer Weg, der progressiv Veränderung ermöglichen kann, ausgearbeitet werden: Lachen (Unterkapitel 3.5). Ein knapper Exkurs zur Krankenhausserie Scrubs – die Anfänger3 (Scrubs, USA 2001–2010, NBC, Buena Vista Home Entertainment und Touchstone Television; DVD) lädt dazu ein, über diskursive Ideale und Entwicklungen rund um Schwangerschaft und Geburt zu lachen, freilich im Modus des Toleranten. Ich zeige, wie in den betreffenden Sequenzen Lachen durch persiflierende Momente evoziert wird. Verlacht werden mindestens sechs Hintergrundfolien: Diskursive Echtheits- und Authentizitätsansprüche rund um Geburt – dargeboten ist nämlich gerade die Media­lität von Geburt (1). Tradiert-verklärende Vorstellungen von Geburt in artifiziellen Kontexten – inszeniert und herausgehoben ist dementsprechend die unromantisch-anstrengende und unangenehme Dimension der Geburt (2). Schamlose Veröffentlichung von intimen Angelegenheiten in einschlägigen Medienangeboten – fokussiert wird auch auf die mediale Persistenz intimer Rhetorik und Visualisierung (beispielsweise von Befruchtungsvorgängen oder Geburten) (3). Die Naturalisierung von Geschlechtlichkeit und politischer Gesinnung – exponiert wird nämlich der Herstellungscharakter (4). Schließlich erscheint allgemein unser Medizinsystem als Folie – welches in Scrubs facettenreich persifliert und dadurch sichtbar gemacht ist (5). Zuletzt wird auch omnipräsente Unsicherheit desavouiert – ausgestellt wird diese vielmehr als diskursives Produkt denn als objektives Gebot (6).

3.1 Kommunikation des Wunsches nach einem gesunden Kind als »natürliche« elterngemeinschaftliche Universalie

Die kritisch-problemorientierte Dokumentation Der Traum vom perfekten Kind konstatiert einen radikalen fortpflanzungsbezogenen Wandel, und zwar in situ. Traummetaphorik ist bekanntlich mehrdeutig. Der Traum kann als Wunsch, Ziel und teleologische Referenz verstanden werden, als Vision in enger Kopplung mit der Sorge, als Motor des Handelns, aber auch als Hirngespinst oder als traumatischer Alptraum. In der Dokumentation werden fünf Paare begleitet und interviewt. Ich spreche von den Paaren jeweils in der Chronologie der Dokumentation von Mutter 1, Mutter 2 und entsprechend Vater 1 etc. Die Entscheidung für schematisierende Rollenbezeichnungen ist unter anderem dadurch gerechtfertigt, dass sich auf diese Weise die Potenzialität diskursiver Praktiken leichter sichtbar machen lässt. Ferner sollen die Termini Mutter und Vater nicht auf real (bereits) gelebte Mutterschaft/Vaterschaft oder auf mütterliche/väterliche Bindung (was normativ und politisch wäre) zum Ungeborenen verweisen, vielmehr geht es um die diskursive Position als werdende Mutter und werdender Vater1. Die jeweiligen Äußerungen (dialektal und mündlich) werden in der Standardsprache wiedergegeben, einer möglichen Form der Verschriftung2. Hierbei ist zu berücksichtigen, »dass die Herstellung und die Verwendung von Transkripten theoriegeladene, konstruktive Prozesse sind.«3 Wenn ich nun also die Zitate standardsprachlich anpasse, dann zeigt sich darin auch die Zurechtlegung der Objektebene meiner Analyse. Prosodische Merkmale (Sprechpausen, Betonung etc.), parasprachliche Merkmale (Lachen, Seufzen etc.) sowie außersprachliche Merkmale (Gesten, Blickzuwendung etc.) – so klassifizieren es Kowal und O’Connell4 – sind sicherlich wichtige Momente in einem Gespräch. Zudem sollen dialektale Färbungen durch die standardsprachliche Umformung keineswegs herabgesetzt werden. Wenn ich mich dennoch für eine Wiedergabe in Standardsprache entscheide, dann weil sich dies meines Erachtens am besten mit dem diskursanalytischen Theoriedesign verträgt. Innerhalb eines diskurs­analytischen Rahmens kann es nicht um psychologische, oder gar tiefenhermeneutische Bedeutungsdimensionen beispielsweise einer Pause gehen, womöglich einer Pause, die zwei Sekunden und nicht vier Sekunden dauert oder um dialektal-individuelle Äußerungen. Dennoch behalte ich es mir aber vor, gelegentlich parasprachliche Merkmale zu erwähnen.

Der Voice-Over-Erzähler (Patrick Blank) der Dokumentation fungiert als narratives Bindeglied und kritischer Kommentator. Außerdem kommen Expert_innen wie Humangenetiker_innen und Medizinethiker_innen zu Wort. Explikativ-bildhafte Einschübe visualisieren plastisch die unsichtbaren Vorgänge im Körper. Die nun folgende Analyse wendet sich nicht gegen Pränataldiagnostik an sich, nicht gegen etwaige persönliche Entscheidungen, auch nicht gegen »Optimale Förderung als Gebot«5. Vielmehr wird der gegenwärtige Raum, das diskursive Feld kritisch beleuchtet. Es geht im Anschluss keinesfalls um eine Kritik an den Argumentationsfiguren der jeweiligen Eltern, auch nicht an denjenigen der Expert_innen. Vielmehr sollen diese als diskursive Praktiken betrachtet werden. Menschliche Handlungen sind stets eingelassen in nicht immer bekannte Relationen:

»In der Summe erscheint der Anthropos heute als eine durch vielfältige Andere besessene, verwaltete und mitkonstituierte Größe, deren Mitläuferperspektive sich in teils unbekannte bio- und sozio(techno)logische Dispositive verschiedener Größenordnungen eingelassen erkennen muss.«6

Die Exposition der Dokumentation, die auch spätere Sequenzen ohne spezifische Situierung antizipiert, führt zunächst kommentarlos-visuell in medias res in die Thematik um Babys und Fa­mi­lia­li­tät ein. In schleppender Schnittfolge sind verschiedene Babys in anmutiger Atmosphäre von der Kamera fokussiert. Der Raum, in dem sich die Babys befinden, wird nicht gezeigt. Die Babys als solche sind de facto im Mittelpunkt. Die ersten verbalen Äußerungen (Mutter 1, Mutter 2 und Expertin) werden von der Erzählerstimme gerahmt.

Mutter 1 (in der Exposition wird niemand namentlich eingeführt, eine Repräsentanzstrategie, die in ihrer Verallgemeinerung kulturelle Symbolkraft suggeriert) verbalisiert ihren natürlichen Wunsch nach einem gesunden Kind:

»Wir hoffen natürlich auf ein gesundes Kind«7 (T 00:00:12).

Kulturelle und diskursive Repräsentativität dieser Äußerung kann auch deshalb angenommen werden, da ich einen ähnlichen Satz andernorts gelesen habe:

»Man hofft natürlich auf ein gesundes Baby mit 46 Chromosomen.«8

Mutter 2 kategorisiert die etablierte Kommunikation über ein mögliches Vorliegen eines positiven Testergebnisses (demnach einer Krankheit) als vollends natürlich:

»Wir haben natürlich darüber geredet, was wir machen würden, aber ich weiß nicht, ob ich es abgetrieben hätte«9 (T 00:00:15).

Eine Expertin (als solche erkennbar durch den weißen Kittel und die medizinische Gerätschaft) rekurriert auf die Ereignishaftigkeit einer Schwangerschaft und die gewiss vorhandene Beispiellosigkeit (T 00:00:20).

Die drei anschließenden Statements des Erzählers (»Sehnsucht nach Sicherheit«; »jede Menge Untersuchungen«; »und jetzt die Revolution«) werden korrelativ bebildert. Die »Sehnsucht nach Sicherheit« (T 00:00:28) wird mit einem dicken Babybauch parallelisiert. Die zahlreichen Untersuchungen (»jede Menge Untersuchungen« (T 00:00:30)) werden durch ein Ultraschallgerät visualisiert. Den thematisierten temporalen Einschnitt, den revolutionären Bruch (»und jetzt die Revolution« (T 00:00:32)) in der Pränataldiagnostik drücken zwei kontrastive Bilder gemäß der Logik eines »Damals« und »Jetzt« aus: Zu Ende sind die Zeiten der Fruchtwasseruntersuchung, jetzt gibt es den »Gen-Check des Ungeborenen aus dem Blut der Mutter« (T 00:00:34). In den darauffolgenden Sequenzen wird ein neues Zeitalter proklamiert (T 00:00:37) und die Frage nach der Rechtmäßigkeit des Wissens (»Wissen-Dürfen«) gestellt (»Ist eigentlich die Schwangere berechtigt, das ganze Wissen um Veränderungen im Erbgut ihres Kindes wirklich wissen zu dürfen?« (T 00:00:44)). Im Anschluss daran wird das Entsetzen über die drohende »Ausrottung« solcher Menschen, die den natürlichen Gesundheitsnormen nicht entsprechen, zum Ausdruck gebracht (»Das gab es in der ganzen Menschheitsgeschichte nicht, dass einfach eine Art Mensch – wenn man so will – ausgerottet wurde« (T 00:00:52)).

Bereits der Anfang der Dokumentation zeichnet die Komplexität des Themas Pränataldiagnostik durch die perspektivische Vielfalt nach. Das letzte Wort innerhalb der Exposition hat der Erzähler aus dem Off, der eine rhetorische Frage nach dem Ausschluss von Krankheit durch die Technologien stellt: »Nur noch gesunde Kinder dank der neuen Technologie?« (T 00:01:01) und einen fulminanten Umbruch festhält (T 00:01:04).Worin besteht aber nun dieser Umbruch?

Mutter 1 und Mutter 2 zitieren (wohl unbewusst) in ihren ersten Äußerungen ein Natürlichkeitsparadigma an, in dem natürlich durch selbstverständlich ersetzt werden kann. Es ist glasklar, unhinterfragt, normal, gang und gäbe, auf ein gesundes Kind zu hoffen oder über Eventualitäten, über konjunktivische Modalitäten mit Bezug auf Gesundheit zu reden. Es ist kein Zufall, dass beide Mütter ihre Gedanken in eine natürliche Spur legen, die in ihrer normativen Qualität unsichtbar ist, da sie unhinterfragt, eben natürlich, selbstverständlich, unhintergehbar und stimmig erscheint. Stimmigkeit korrespondiert dabei mit Normalität, wobei Letztere wiederum in ihrer Selbstverständlichkeit als blinder Fleck unhinterfragt funktioniert:

»Akzeptierte Aussagen, die zu Erwartungen (Strukturen) kondensiert werden können, führen ihre Wahrheitsqualität als Stimmigkeit mit sich, das heißt, sie passen in das Ensemble von Erfahrungen, die Aktanten mit diesen Aussagen in ihren bisherigen Geschichten&Diskursen gemacht haben. Diese Stimmigkeit resultiert aus der Vereinbarkeit mit den im Wirklichkeitsmodell und Kulturprogramm konstituierten Normalitätsstandards, die wie ein System blinder Flecken das Selbstverständlichkeitsprofil des Wissens einer Gesellschaft konstituieren – sozial verbindlich und unabhängig von einzelnen Aktanten.«10

Bei aller Pluralität der Vorstellungen rund um Schwangerschaft ist der Wunsch nach Gesundheit, also derjenigen Gesundheit, die über basales Wohlergehen hinausgeht und nicht selten mit Perfektion (so suggeriert es der Titel Der Traum vom perfekten Kind) verwechselt wird, als die gesamte Elternschaft einendes Moment artikuliert. In Differenz zu bekannten Narrationen, in denen von Eigenem mit stolz abgrenzender Exklusivität berichtet wird, etwa: »Wir (als Familie) haben bewusst keinen Fernseher«; »Bei uns wird immer um acht gemeinsam gegessen«; »Unsere Tochter konnte schon mit zwei Jahren alleine spielen«, erscheint hier eine Artikulation als elterngemeinschaftliche Universalie konstruiert, wobei die Konstruktion im Natürlichkeitsparadigma unsichtbar gemacht ist.

Hille Haker profiliert in Hauptsache gesund? den verständlichen Wunsch nach Gesundheit als Sorge für und um ein Kind, relativiert jedoch gleichermaßen diese Verständlichkeit:

»Es ist der verständlichste Wunsch, den Eltern überhaupt haben können: dass ihr Kind gesund auf die Welt kommen und gesund bleiben möge. Der Wunsch drückt die Sorge aus, die die Beziehung von Eltern zu ihren Kindern prägt, sind sie es doch, die für einen langen Zeitraum für das Wohlergehen der ihnen anvertrauten Kinder Verantwortung tragen. Eltern wissen, dass es keine Garantie für die Gesundheit ihrer Kinder gibt. Elternschaft bedeutet daher nicht nur die aktive Sorge für ein Kind, sondern eben auch die Sorge um ein Kind. Dies drückt sich in dem immer wieder zu hörenden Satz schwangerer Frauen aus: Hauptsache, es ist gesund!«11

Die relationale Bewegung ist in einer Art Beziehungshaftigkeit, die den Wert der Gesundheit anders betrachten lässt, begründet:

»Hauptsache gesund – dieser Satz stimmt nicht immer. Wenn erst einmal eine Beziehung zu einem Menschen besteht, dann tritt unter Umständen der Wert der Gesundheit hinter dem Wert dieser Beziehung zurück. Dann sagen Eltern womöglich: ›Wir schaffen das schon irgendwie.‹ Dies ist ebenfalls ein sorgenvoller Satz, und er zeugt neben dem Selbstvertrauen auch von Ungewissheit und Unsicherheit – ganz gleich, ob er nun mit Blick auf die Belastungen der Paarbeziehung, im Kontext einer reproduktionsmedizinischen Unfruchtbarkeitsbehandlung gesagt wird, oder ob es um die Entscheidung geht, eine Schwangerschaft nach Feststellung eines Krankheitsbefunds fortzusetzen.«12

Auffällig ist, dass auch im Paradigma der Beziehungshaftigkeit Unsicherheit und Ungewissheit vorhanden ist.

Mutter 1 konturiert aus einer eindeutigen Positionalität heraus:

»Ich wünsche mir natürlich wie alle Eltern auch ein gesundes Kind. Ich habe ja zwei fantastische gesunde Kinder und hoffe, dass es so gut geht wie die zwei Male zuvor« (T 00:02:12).

In Anbetracht der Äußerungen des natürlichen Wunsches, gesunde Kinder zu bekommen und zu haben, ist entscheidend, dass der situative Kontext der betreffenden Paare bisher noch nicht relevant erscheint (insofern er nicht einbezogen wird), wodurch die Annahme eines diskursiven natürlichen Wunsches nach Gesundheit als artikuliert-konstruierter elterngemeinschaftlicher Universalie untermauert wird. Erwähnung und Beachtung als kommunikative Artikulation findet das Paradigma der Natürlichkeit des Wunsches nach Gesundheit unabhängig von der jeweiligen Entscheidung, technologische Maßnahmen in Anspruch zu nehmen.

Warum aber ist es natürlich, Gesundheit (eingedenk des Titels der Dokumentation wohl auch Perfektion) als elterngemeinschaftliche Universalie zu artikulieren?

Spezifisch mit Butler orientiert sich die Frageperspektive auf den implementierten Nutzen allgemein angenommener Grundlegungen:

»Welche Art von Garantie vermittelt die Fixierung von Grundlagen und welche Art Schrecken verhindert sie?«13

Das Statement »Sehnsucht nach Sicherheit« könnte eine erste vorläufige Antwort sein, obschon damit noch nicht geklärt ist, wodurch die Sehnsucht motiviert ist und weshalb sie als einende Universalie (»Ich wünsche mir natürlich wie alle Eltern auch [Hervorhebung M.P.] ein gesundes Kind.«) artikuliert wird. Die Universalität ist dreifach abgesichert durch die Kommunikation einer Natürlichkeit als selbstverständlicher Normalität, durch einen Vergleichstopos (wie) und die Annahme einer Korrespondenz mit allen Eltern (auch). In der Artikulation einer elterngemeinschaftlichen Universalie innerhalb einer vordergründig individuierten Welt werden in einem natürlich-unbezweifelten Abseits Konstanten festgelegt, die aufgrund solcher universell-natürlicher Abseitigkeit unhintergehbar erscheinen. Durch Abseitigkeit wird etwas zum Fakt. Eine Logik, die Butler hinsichtlich der Konstruktion von Vordiskursivem nachgezeichnet hat:

»Die Geschlechtsidentität umfaßt auch jene diskursiven/kulturellen Mittel, durch die eine ›geschlechtliche Natur‹ oder ein ›natürliches Geschlecht‹ als ›vordiskursiv‹, d.h. als der Kultur vorgelagert oder als politisch neutrale Oberfläche, auf der sich die Kultur einschreibt, hergestellt und etabliert wird.«14

Die verschiedenen Konstanten, die hergestellt und etabliert wurden, erscheinen im Modus des Neutralen.

Festgehalten werden kann also, dass die Kommunikation eines natürlichen Wunsches nach einem gesunden Kind ein pro­ble­ma­tisiertes, also virulent thematisiertes diskursives Element ist. Diesen Umstand – im Gewand einer Kommunikation nicht als einfach Vorhandenes – gilt es zu berücksichtigen. In Unterkapitel 3.4 soll dann erneut die Frage aufgegriffen werden, warum die Kommunikation eines natürlichen Wunsches nach einem gesunden Kind (respektive Perfektion) als elterngemeinschaftliche Universalie überhaupt manifest ist.

Universalität sollte strenggenommen zu bedenkenlosen und eindeutigen Standpunkten führen. Gleichsam werden aber diskursive Elemente dargeboten, die Eindeutigkeit im Umfeld von Technologien drastisch unterlaufen. Aus diesem Grund sollen im folgenden Abschnitt Argumentationsfiguren und Begründungszusammenhänge im Umfeld pränataler Diagnostik untersucht werden.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
402 s. 5 illüstrasyon
ISBN:
9783772000508
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar