Kitabı oku: «Ada (Band 2): Die vergessenen Orte»
Inhaltsverzeichnis
Titel
Informationen zum Buch
Impressum
Widmung
Kapitel 1 - Der letzte Kaffee
Kapitel 2 - Hier fehlt etwas Wesentliches
Kapitel 3 - Hinter Glas
Kapitel 4 - Große Gefühle
Kapitel 5 - Neue und alte Feindschaften
Kapitel 6 - Ein Bild und eine böse Ahnung
Kapitel 7 - Kein Licht im Dunkeln
Kapitel 8 - Rot oder schwarz?
Kapitel 9 - Plötzlich da und einfach weg
Kapitel 10 - Puzzleteile
Kapitel 11 - Zwei blutige Nasen
Kapitel 12 - Keine Gewalt oder doch?
Kapitel 13 - Kleine Überraschungen
Kapitel 14 - Gefährliche Liebschaften
Kapitel 15 - Läufer und Radfahrer
Kapitel 16 - Abgründe tun sich auf
Kapitel 17 - Geronimo
Kapitel 18 - Stimmen in der Dunkelheit
Kapitel 19 - Fast wie Weihnachten
Kapitel 20 - Die bittere Wahrheit
Kapitel 21 - Alle für eine
Kapitel 22 - Überlebende
Dank
Miriam Rademacher
Ada
Band 2: Die vergessenen Orte
Fantasy
Ada (Band 2): Die vergessenen Orte
Was erforscht der seltsame Professor Ingress, wenn er in seinem dunklen Büro sitzt und durch eine Plexiglasscheibe starrt? Richard Blunt, ein junger Student, ahnt nicht, welche Gefahren auf ihn lauern, als er Teil des Forschungsprojektes Zerberus wird. Jahrzehnte später wandeln Ada und ihre Freunde auf Richards Spuren und erfahren so die ganze grässliche Geschichte des Schrathauses.
Die Autorin
Miriam Rademacher, Jahrgang 1973, wuchs auf einem kleinen Barockschloss im Emsland auf und begann früh mit dem Schreiben. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Osnabrück, wo sie an ihren Büchern arbeitet und Tanz unterrichtet. Sie mag Regen, wenn es nach Herbst riecht, es früh dunkel wird und die Printen beim Lesen wieder schmecken. In den letzten Jahren hat sie zahlreiche Kurzgeschichten, Fantasyromane, Krimis, Jugendbücher und ein Bilderbuch für Kinder veröffentlicht.
www.sternensand-verlag.ch
info@sternensand-verlag.ch
1. Auflage, Oktober 2020
© Sternensand Verlag GmbH, Zürich 2020
Umschlaggestaltung: Juliane Schneeweiss
Lektorat / Korrektorat: Sternensand Verlag GmbH | Natalie Röllig
Korrektorat 2: Sternensand Verlag GmbH | Jennifer Papendick
Satz: Sternensand Verlag GmbH
ISBN (Taschenbuch): 978-3-03896-150-5
ISBN (epub): 978-3-03896-151-2
Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Für meinen Great Pretender.
In Liebe und Dankbarkeit. Und wenn es im Himmel nicht genug Kuchen gibt, dann komm doch einfach zurück.
Kapitel 1 - Der letzte Kaffee
Oktober 1965
RICHARD
An einem der vermutlich letzten warmen Herbsttage investierte Richard Blunt, Student der Archäologie und Kunstgeschichte, sein letztes Bargeld in eine Tasse Kaffee.
Sinnend sah er durch das Fenster des Imbisses auf die Straßen Londons hinaus und stopfte seine Pfeife, die ihn intellektuell erscheinen lassen sollte, mit dem letzten kümmerlichen Rest Tabak aus seinem Beutel.
Während er den faden Kaffee mit Zucker und Milch aufwertete und dabei immer wieder umrührte, überlegte er, wie es nun weitergehen sollte. Das Trimester war noch jung und er schon pleite. Ein Job, der ihm sein Studium finanzieren konnte, war gerade nicht in Sicht. Und doch lag es ihm fern, die Flinte ins Korn zu werfen und nach Hause zu gehen. Dort, wo sein Vater, der Metzger des Dorfes, ihn mit einem Grinsen erwarten würde.
»Habe ich es dir nicht gleich gesagt, Junge?« Richard sprach die Worte leise vor sich hin, die sein Vater für diesen Moment sicher schon bereithielt. »Unsereins gehört nicht an die Universität. Nimm das Messer und die Schürze, mein Sohn. Hinten wartet schon eine Schweinehälfte darauf, zerteilt zu werden.«
Nein, niemals, wirklich niemals würde er aufgeben, heimkehren und sich der Verwurstung von toten Tieren widmen. Eher würde er unter einer Brücke oder gleich im Hörsaal schlafen, als seinen Lebenstraum vom Universitätsstudium aufzugeben.
»Hey, Dick, wie läuft’s?«
Richard konnte es nicht leiden, wenn man ihn Dick nannte. Dick klang viel mehr nach Wurstwaren als Richard, Dick war nicht das, was er sich für sein Leben vorstellte. Und so wandte er unwillig den Kopf zu dem Mann um, der den Imbiss soeben betreten hatte. Martin Holt, der gerade einen fusseligen Bart auf Kinn und Wangen züchtete, setzte sich unaufgefordert zu ihm und bestellte sich einen Rotwein.
Rotwein am Nachmittag. Richard wurde angesichts dieser Dekadenz blass vor Neid. Für derartigen Luxus fehlte ihm selbst in guten Zeiten das Geld.
»Ist bei dir der Wohlstand ausgebrochen?«, fragte er den Neuankömmling und musterte seinen Kommilitonen eingehend.
Martin trug, wie jeder Student in diesem Jahr, eng sitzende helle Hosen, einen dunklen Rollkragenpulli und kaute, genau wie Richard, auf dem Mundstück seiner Pfeife herum, die erkaltet zu sein schien. Nichts an ihm ließ auf eine plötzliche Erbschaft oder einen Lottogewinn schließen. Nichts außer dem Glas italienischen Rotwein. Und jetzt bestellte der Kerl doch tatsächlich ein zweites und lud ihn ein.
Richard war zu dankbar, um misstrauisch zu werden. Zwar kannte er Holt kaum, auch wenn der Mann dieselben Vorlesungen wie er selbst besuchte, sie hatten einfach noch nicht viel miteinander zu tun gehabt. Aber einem geschenkten Gaul sollte man schließlich auch nicht ins Maul gucken, oder?
Er nippte an seinem Wein und wartete darauf, dass Martin Holt ein Gesprächsthema vorschlug. Er musste sich nicht lange gedulden.
»Arbeitest du noch immer am Aufbau dieser Ausstellung? Drüben im Museum für Glas und Porzellan?«, fragte Martin schließlich und lehnte sich in dem Stuhl mit dem praktischen roten Plastikbezug zurück.
»Nein.« Richard schüttelte den Kopf. »Wir sind fertig. Die Ausstellung wird am kommenden Wochenende für das Publikum geöffnet und ich habe soeben meinen Lohn erhalten.«
»Wie viel war es denn?«, fragte Martin Holt neugierig. Seine Augen schienen eine Spur schmaler zu werden.
»Wenn du es genau wissen willst, meine Vergütung besteht aus einem Schrank, der die letzten Jahre auf dem Speicher des Museums verstaubt ist. Ein alter und ehrwürdiger Schrank, der mir eines Tages, sobald ich das Geld für seine Restaurierung aufbringen kann, gute Dienste leisten wird. Bis dahin werde ich allerdings in ihm wohnen müssen, weil ich meine Miete nicht mehr zahlen kann.«
Martin Holt stellte seinen Wein ab, legte die Pfeife zur Seite und wollte sich schier ausschütten vor Lachen. Richard lachte nicht mit. Ihm war bei Antritt dieses Jobs klar gewesen, dass das Museum für Glas und Porzellan kaum genug Geld haben würde, um ihn für seine Arbeit angemessen zu bezahlen. Aber ein wenig Bargeld hatte er doch erwartet.
»Sehr witzig.« Richard schaute seinen Gesprächspartner so ausdruckslos an, dass dieser seinen Lachanfall schleunigst unter Kontrolle brachte.
»Tut mir leid, alter Knabe. Aber vielleicht kann ich dir aus deiner misslichen Lage heraushelfen.« Martin klopfte seine Pfeife über dem Aschenbecher aus und begann, sie neu zu stopfen.
Richards Neugier war geweckt. »Du weißt einen Job für mich? Was für einen und wo?«
Holt zog an seiner Pfeife, bis der Tabak glühte, und ließ ein Rauchwölkchen aus seinem Mundwinkel aufsteigen. Er wirkte so überlegen und gönnerhaft, dass Richard viel dafür gegeben hätte, weniger armselig zu erscheinen, als er sich gerade fühlte.
»Kennst du Professor Ingress?«, fragte Martin unvermittelt und paffte eine Reihe weiterer kleiner Wölkchen.
»Dem Namen nach«, gestand Richard. »Er soll ein Experte auf seinem Gebiet sein.«
»Er arbeitet auf vielen Gebieten.« Holt lächelte herablassend. »Ingress ist ein vielseitig interessierter Mensch. Und wie es der Zufall will, stellt er gerade ein neues Team zusammen.« Unvermittelt beugte sich Martin auf seinem Stuhl vor und verfiel in einen Flüsterton. »Ein Team der hoffnungsvollsten Studenten aus nahezu allen Bereichen der Wissenschaft. Sie werden Teil eines faszinierenden und sehr geheimen Projektes, staatlich gefördert, versteht sich. Geld ist für Ingress kein Problem, er findet immer Förderer, dafür hat er ein Händchen.«
»Warum sollte er mich für sein Projekt gewinnen wollen?« Skeptisch sah Richard sein Gegenüber an. »Ich studiere Kunstgeschichte, genau wie du übrigens. Wenn er wirklich glaubt, dass er für das, was er da tut, einen Kunsthistoriker braucht, warum übernimmst dann nicht du diesen Job?«
»Ich habe ihn schon übernommen, Dummerchen.« Holts Lächeln bekam etwas Mitleidiges. »Aber ich kann das unmöglich allein angehen, ich brauche jemanden, der mit mir zusammen diese Stelle im Team ausfüllt.«
»Und da bist du ausgerechnet auf mich gekommen? Warum?« Das Misstrauen meldete sich erneut bei Richard. Er selbst hätte sich für eine Zusammenarbeit einen Freund ausgesucht. Einen Menschen, den er mochte und mit dem er gern zusammen war. Doch diese Kriterien konnte Martin Holt kaum angelegt haben, sie kannten einander ja kaum.
»Weil ich gerade diese Straße entlanggekommen bin und dich hier sitzen sah. Da dachte ich mir: Martin, versuch es doch mal beim guten alten Dick. Der ist zuverlässig, verschwiegen …«
»Aha. Verschwiegen«, wiederholte Richard. »Warum muss man für diesen Job verschwiegen sein?«
»Das wirst du verstehen, sobald du ihn angenommen hast«, antwortete Martin und klang plötzlich nicht mehr heiter. »Und annehmen musst du ihn jetzt. Sofort.«
Richard gab ein kurzes Lachen von sich. »Ohne dass ich weiß, worum es überhaupt geht? Du bist ja verrückt. Vielleicht liegt mir diese Arbeit gar nicht.«
»Das weiß man im Vorfeld nicht so genau, das kann keiner wissen.« Martin stürzte seinen Wein hinunter und bedeutete Richard, ebenfalls auszutrinken. »Was ist also? Willst du dabei sein? Willst du deine Miete zahlen können und außerdem noch Teil eines der wichtigsten Forschungsprojekte dieses Jahrzehnts sein? Dann lass uns hier nicht länger Zeit verschwenden und begleite mich. Ingress hat mir bei der Wahl meines Kollegen völlig freie Hand gelassen, aber nur unter der Voraussetzung, dass du sofort einsatzbereit bist und nicht zu viele Fragen stellst.«
Nicht zu viele Fragen. Wenn Richard ehrlich zu sich selbst war, dann klang dieses Jobangebot von Minute zu Minute schlechter. Aber hatte er eine Wahl, wenn zu Hause bei seinem Vater nur eine Lehre zum Metzger auf ihn wartete? Nein, die hatte er nicht. Er brauchte sofort einen Job, und ein staatlich gefördertes Projekt versprach endlich Bargeld statt angestaubter Antiquitäten als Bezahlung.
Richard traf eine Entscheidung. »Ich komme mit dir«, antwortete er und kippte seinen Rotwein hinunter.
Erleichtert, wie es schien, stand Martin Holt auf, und auch Richard erhob sich, um ihm zu folgen. Er ahnte nicht, dass diese Entscheidung wegweisend für seinen gesamten Lebensweg sein würde.
September 2019
VALERIE
Auf der frisch gemähten Wiese, hinter dem Herrenhaus aus dem achtzehnten Jahrhundert mit seinen zahlreichen Erkern, Schornsteinen und einer imposanten Freitreppe, saßen Valerie und ihr bald zweijähriger Sohn Paul auf einer Picknickdecke und malten. Jeder so gut, wie er konnte. Das Laub des Parks färbte sich bereits golden und die Luft war deutlich kühler als noch vor einigen Wochen, als Valerie den Landsitz der Blunts zum ersten Mal gesehen hatte.
Sie und Paul waren gekommen, um zu bleiben. Zumindest für eine Weile, so lange, bis sie wusste, wie die Zukunft für sie und ihren Sohn aussehen sollte.
Doch heute dachte sie nicht über ihre Probleme, die bevorstehende Scheidung oder ihre Wohnungslosigkeit nach. Valerie genoss den Tag an der frischen Luft, und auch Paul kaute zufrieden auf einem Wachsmalstift.
Vom Haus her näherte sich Teddy Blunt, ein Enddreißiger mit feinem blonden Haar auf seinem runden Kopf und einer sehr gesunden Gesichtsfarbe. Er trug tatsächlich moosgrüne Knickerbocker wie ein Vertreter des Landadels vor langer Zeit und schwenkte ein Blatt Papier wie eine Fahne durch die Luft. Valerie lächelte ihm entgegen.
»Ada hat geschrieben!« Teddy kam im Laufschritt näher und ließ sich freudestrahlend neben Valerie auf die Decke fallen.
Paul begrüßte ihn mit einem seligen Lächeln und zeigte seine Milchzähnchen. Teddy strich ihm liebevoll über den Kopf, während er Valerie das eng beschriebene Blatt reichte.
Sie war froh, wieder etwas von ihrer ältesten Freundin, ihrem ehemaligen Kindermädchen, zu hören. Als sie sich vor einigen Wochen voneinander verabschiedet hatten, lagen gerade erst tödliche Gefahren hinter ihnen beiden, und Valeries Leben hatte sich in einen Scherbenhaufen verwandelt.
Eifrig begann sie zu lesen. »Sie hat also ein Zimmer in Jigs Elternhaus bezogen und sie verbringen täglich viele Stunden mit Pflanzenkunde und Geografieunterricht.«
Jig, ein weiblicher Teenager, war ebenfalls Bestandteil des vergangenen Abenteuers gewesen, das hinter ihnen lag. Das verunsicherte Mädchen hatte eine Freundin wie Ada seitdem noch viel nötiger als Valerie selbst.
»Und natürlich schmökern sie täglich in den ›Vergessenen Kreaturen‹, dem Nachschlagewerk unserer Väter«, las Valerie weiter, ließ den Brief sinken und lächelte Teddy an. »Ich bin mir fast sicher: Wenn wir Jig das nächste Mal begegnen, wird sie ein ganz neuer Mensch sein.«
»Das denke ich auch«, stimmte ihr Teddy zu, legte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Während er versonnen in den blauen Himmel hinaufblickte, fuhr er fort: »Ich würde noch immer zu gern wissen, was aus meinem Vater geworden ist. Wenn er noch existiert, warum erhalte ich dann kein Lebenszeichen von ihm?«
»Mein Vater ist nach meinem letzten Kenntnisstand in Australien und von ihm bekomme ich auch kein Lebenszeichen«, erwiderte Valerie schulterzuckend und vertiefte sich wieder in Adas Zeilen. »Doktor Warning und seinem gebrochenen Kiefer geht es besser, aber er hat sich in den letzten Wochen ausschließlich von Flüssignahrung ernähren müssen. Der arme Kerl. Er wird es sich in Zukunft überlegen, Leute für verrückt zu halten, nur weil sie Dinge hören oder sehen, die ihm bisher entgangen sind.«
»Dein Mann hat ebenfalls geschrieben.« Teddy hielt Valerie einen noch geschlossenen Brief unter die Nase. »Ich hoffe, es steht nichts Unerfreuliches drin.«
»Alles, was von Derek kommt, ist unerfreulich.« Valerie riss Teddy den Brief aus der Hand und öffnete das Kuvert. Beim Lesen der Worte war ihr plötzlich, als griffe eine kalte Hand nach ihrem Herzen. »Er schreibt, dass wir uns dringend unterhalten müssen. Es geht um unser Haus und seinen Verbleib. Was meint der denn damit?«
»Du hättest eben doch mal auf einen seiner Anrufe reagieren sollen, dann wüsstest du, was er meint.« Teddy klang leicht vorwurfsvoll. »Vermutlich ist ihm der Kasten zu groß und er will ihn verkaufen.«
»Das darf er nicht.« Valerie knüllte den Brief zusammen und ließ ihn auf die Decke fallen, wo er sofort Pauls Aufmerksamkeit erregte. »Was, wenn wieder eine Familie in dieses Haus zieht? Eine Familie mit Kindern? Teddy, dann wird sich alles ein weiteres Mal wiederholen!« Mit Schaudern dachte Valerie an die finsteren Kreaturen zurück, die in den Wänden des alten Hauses lebten, das ihr Vater ihr vor seiner Abreise auf einen anderen Kontinent vermacht hatte.
Teddy setzte sich neben sie auf die Decke und legte ihr einen Arm um die Schulter. »Wir werden einfach ein wachsames Auge auf das Haus haben, Valerie.«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass es reicht, ein Auge auf dieses Haus zu haben.«
Valerie dachte an Sebastian, ein Mann von Mitte vierzig, fast so alt wie sie selbst, der sein ganzes Leben in der Obhut der Kreaturen, der Schwarzen Schrate, zugebracht hatte. Er war der einzige Grund, warum sie nicht schon längst einen Benzinkanister in dem alten Kasten ausgegossen und ein Streichholz hinterhergeworfen hatte. Auch ein Bulldozer schien ihr eine adäquate Lösung zu sein, um den Schraten den Garaus zu machen. Doch solange Sebastian vom Atem der Schrate körperlich abhängig war, kam dies nicht infrage.
Irgendwie hatte Valerie gehofft, dass ihr Mann Derek allein in dem Haus weiterleben würde. Doch wenn er plante, es auf den Markt zu werfen, dann war das dunkle Gemäuer in dem schönen Garten eine gefährliche Falle für jede ahnungslose Familie, die auf der Suche nach einem Heim war.
»Ich habe kein gutes Gefühl, Teddy«, flüsterte Valerie und faltete den Brief zusammen.
Teddy schloss die Augen und lächelte. »Keine Bange, Val. Und wenn es wirklich wieder gefährlich wird, dann packen wir noch einmal unsere Golftasche und stürzen uns gemeinsam mit Ada wieder ins Abenteuer.«
»Amtöa«, echote Paul und zerbiss grinsend den Wachsmalstift.
Valerie pulte ihm nachsichtig die bunten Krümel aus dem Mund und ließ sie in einem Taschentuch verschwinden.
Doch eine innere Unruhe hatte von ihr Besitz ergriffen. Sie konnte nicht länger hier draußen sitzen und die Herbstsonne genießen, sie musste wissen, was vor sich ging.
»Teddy?«, rief sie so plötzlich aus, dass dieser zusammenzuckte und die Augen wieder aufriss. Valerie war eine Idee gekommen. »Darf ich den Computer in deinem Arbeitszimmer benutzen? Der Akku meines Handys ist leer und ich möchte mich mit jemandem beraten.«
Teddy entspannte sich sichtlich und seufzte. »Herrje, das ist doch kein Grund, so zu schreien. Selbstverständlich kannst du den Computer benutzen. Wann immer du willst, das habe ich dir doch schon gesagt.«
»Vielen Dank. Hab doch bitte ein Auge auf Paul, solange ich fort bin, ja? Und achte darauf, dass er nicht alle Stifte isst.«
»Kein Problem«, antwortete Teddy und streifte sich die Schuhe von den Füßen.
Valerie marschierte los, gerade auf das prächtige Haus ihres Freundes und Gastgebers zu.
Sie eilte die große Freitreppe hinauf, durch das Portal und quer durch die dunkle Eingangshalle. Dann die Treppe hinauf, und schon die sechste Tür auf der linken Seite führte in Teddys Büro.
Nie zuvor hatte Valerie so eine Verschwendung an Wohnfläche erlebt wie in diesem Haus, denn außer Teddy, Paul, ihr selbst und einer Haushälterin lebten im Haus nur noch zwei dienstbare Geister und das war wörtlich zu verstehen. Sie wäre vor Schreck fast wieder hinausgerannt, als sie bei ihrer Ankunft die beiden spitzgesichtigen Puke entdeckt hatte. Doch Teddy versicherte ihr, dass sie alt, gutmütig und sehr nützlich seien und überdies Glück ins Haus brächten, wenn man sie nur regelmäßig mit Nahrung und Aufmerksamkeit bedachte. Valerie blieb zwar den beiden kleinen Hausgeistern gegenüber zurückhaltend, die kaum größer waren als Paul, dafür aber wieselflink, doch ihr Sohn war begeistert von seinen neuen Spielgefährten.
Valerie betrat das bis zur Decke vertäfelte Büro, das sie ein wenig an den ehemaligen Arbeitsplatz ihres Vaters erinnerte, und nahm hinter dem großen Schreibtisch Platz. Ein eingeschalteter Bildschirm auf der Arbeitsplatte erwartete sie.
Sie meldete sich bei Facebook an und fand in ihrer übersichtlichen Freundesliste rasch Sebastians Namen, der jetzt oft genug ihren alten Laptop benutzte, um mit der Außenwelt in Kontakt zu treten.
In den letzten Wochen hatten sie und Sebastian sich zahlreiche persönliche Nachrichten zukommen lassen. Doch gerade in den vergangenen Tagen war Valerie mit anderen Dingen beschäftigt gewesen. Der Chatverlauf verriet ihr, dass ihre letzte Korrespondenz mit ihrem Freund hinter den Wänden eine halbe Woche zurücklag.
Huhu, Sebastian.
Doch er reagierte nicht auf diese Zeilen. Das war merkwürdig. Auf Facebook tummelte er sich üblicherweise am liebsten.
Was ist bei dir los? Gibt es was Neues?
Wieder keine Reaktion. Sie versuchte es mit Winken, Anstupsen und schließlich mit einem Sprachanruf. Sebastian war nicht da. Zumindest auf diesem Wege im Moment unerreichbar.
Seufzend lehnte sich Valerie in Teddys knarrendem Ledersessel zurück. Ihr Blick fiel auf ein gerahmtes Foto, das einen noch sehr jungen Teddy an der Hand eines Mannes mit Pfeife zeigte.
Der verschwundene Richard Blunt hatte eine sympathische Ausstrahlung gehabt, fand sie. Ein bisschen verwegen mit einem sehr markanten Gesicht, das er seinem Sohn nicht vererbt hatte.
Wo er jetzt wohl sein mochte?
Valerie starrte noch eine Weile auf den Bildschirm vor ihrer Nase, dann fasste sie einen Entschluss.
Und sie teilte ihn dem winzigen Puk, der jetzt mit einer Tasse dampfenden Tees zu ihr hereinkam, augenblicklich mit. »Ich werde abreisen.«
Der Puk machte ein unglückliches Gesicht und schob die Tasse samt Untertasse auf die über seiner Kopfhöhe befindliche Schreibtischplatte. Geduldig wartete er darauf, dass Valerie weitersprach, auch wenn es ihm zu missfallen schien, dass sie das Haus verlassen wollte.
»Ich werde zurück nach London fahren, um mit Derek zu sprechen. Falls Teddy mit seiner Vermutung recht hat und er wirklich plant, das Schrathaus zu verkaufen, muss ich das verhindern.«
Der Puk, der unmöglich wissen konnte, wovon Valerie da sprach, verschränkte die Arme hinter dem Rücken und schwieg beharrlich weiter. Seine Art war nicht besonders gesprächig, das hatte Valerie schon bemerkt. Umso aufmerksamer hörte der kleine Kerl ihr zu. Valerie konnte einfach nicht anders, strich dem koboldartigen Wesen ungeschickt über den Kopf, obwohl Teddy ihr gesagt hatte, dass die meisten Hausgeister nicht gern berührt wurden. Lediglich die Zudringlichkeiten des kleinen Paul nahmen sie stoisch hin, da er als Kleinkind wohl einen besonderen Stellenwert hatte.
Prompt zog sich der Puk von ihr zurück und lief aus dem Büro hinaus. Valerie blieb am Schreibtisch sitzen und sah noch immer auf den hellen Bildschirm.
»Ich kehre zurück, und ich werde einen Weg finden, Sebastian wiederzusehen.«
Der Gedanke an Sebastian wärmte für die Dauer eines Wimpernschlages ihr Herz. Valerie fragte sich nicht zum ersten Mal, was sie eigentlich für ihn empfand. War es eine Verbundenheit, wie es sie zwischen Geschwistern gab? Oder war es mehr? Knisterte dort in ihrem Herzen etwa schon das Feuer der Liebe? Sie war sich nicht sicher. Doch es war mehr als Freundschaft, was sie mit dem Mann hinter den Wänden verband.
Kapitel 2 - Hier fehlt etwas Wesentliches
Oktober 1965
RICHARD
Martin Holt hatte sich geweigert, ihm zu sagen, wohin sie eigentlich fuhren. Sein Studienkollege hatte einfach ein Taxi angehalten – ein Taxi, man stelle sich das vor – und dem Fahrer eine Adresse genannt, die Richard völlig fremd war.
»Wir fahren also nicht zur Uni?«, hatte er gefragt und von Martin nur einen ungläubigen Blick geerntet.
Richard schloss daraus, dass das Projekt des Professor Ingress so geheim war, dass man die Forschungen lieber fernab der Studentenschar betrieb.
Und tatsächlich hielt das schwarze Londoner Taxi nach einer langen und schweigsamen Fahrt in einem Vorort am Straßenrand, in Sichtweite zu einem modernen Bungalow, der sich nur schlecht bis gar nicht in das Gesamtbild der Straße einfügte. Doch Bausünden wie diese gab es seit Kriegsende zuhauf und Richard vermutete, dass dieser Ort gerade durch seine architektonische Auffälligkeit schon wieder unauffällig war.
Während Martin den Fahrer bezahlte, stieg Richard aus und sah sich um. Dies hier musste ein Zipfel von Chiswick sein, aber ganz sicher war er sich nicht.
Der Bungalow war von einem hohen Zaun aus Metallpfosten umgeben, der nahe dem Eingang mit einem Schild versehen worden war. Die Aufschrift, die im Wesentlichen aus aneinandergereihten Großbuchstaben bestand, verriet Richard rein gar nichts über den Ort, an dem er sich befand.
»Willkommen am Zugang Zwei, wie wir dies hier nennen«, verkündete Martin und schob Richard auf die verschlossene Haustür zu.
Nachdem er den Klingelknopf gedrückt hatte, standen beide zunächst schweigend auf der Fußmatte und warteten auf Einlass.
»Zugang Zwei?«, fragte Richard. »Zugang zu was? Und wofür halten die Nachbarn dieses Haus? Doch wohl nicht für ein geheimes Forschungslabor.«
Martin kicherte. »Nein, sie denken, dass sich unter dieser Adresse ein Schulungszentrum für angehende Unternehmer befindet. So wundert sich niemand über das Kommen und Gehen junger Männer. Niemand hat bisher Genaueres wissen wollen, allein das Wort ›Schulungszentrum‹ klingt für sie absolut uninteressant, scheint mir.«
Richard nickte. Das konnte stimmen. Die Menschen fragten allgemein viel zu wenig nach, gaben sich mit lapidaren Antworten zufrieden und wunderten sich, wenn sich plötzlich der nette Mann von nebenan als Spion oder Bankräuber entpuppte. Je platter die Tarnung, desto besser.
In diesem Moment wurde die Haustür geöffnet und ein hagerer Mann mit hängenden Schultern erschien auf der Schwelle. Gekleidet war er in eine Art Uniform in langweiligem Grau.
»Sie wünschen?«
Sein Blick hatte etwas Lauerndes. Während er Martin kaum beachtete, schien er Richards Gesicht zu studieren, sich seine Züge einprägen zu wollen.
»Wir sind gekommen, um die Unterlagen für Mister Kellerman abzuholen«, erwiderte Martin und klang genervt. »Komm schon, lass uns rein, Billy. Du kennst mich doch.«
»Ich habe meine Anweisungen«, nuschelte der Mann namens Billy. »Die Papiere sind noch nicht unterzeichnet, Sie werden etwas Geduld mitbringen müssen.«
»Billy«, sagte Martin und klang vorwurfsvoll. »Hör auf mit dem Quatsch und lass uns rein. Niemand ist uns hierher gefolgt, niemand interessiert sich für uns.«
»Die korrekte Antwort hätte gelautet: Zeit haben wir massenhaft mitgebracht. Sie müssen sich schon an die ausgegebene Parole halten.«
Martin seufzte. Und während sich Richard ein Grinsen verkniff, leierte sein Begleiter den gewünschten Text herunter, woraufhin Billy zurücktrat und den Blick in einen sich rasch verbreiternden Flur freigab.
Auf seinem Weg durch ebendiesen Flur hielt Richard nach wenigen Schritten erschrocken inne. Vor ihm, im Fußboden, gähnte ein gewaltiges Loch – eine tiefe Grube – auf dessen Grund ein Baustellenstrahler stand und sein grelles Licht auf lehmige Wände warf.
Nach einem kurzen Moment, in dem Richard nach Luft geschnappt hatte, rief er: »Es scheint so, als wären die Renovierungsarbeiten für diesen Ort noch nicht ganz abgeschlossen. Gibt es vielleicht einen Steg oder eine Liane zur Überquerung dieses Abgrunds?«
Statt einer Antwort versetzte ihm Martin, der einen Schritt hinter ihm geblieben war, einen leichten Stoß in den Rücken, sodass Richard von plötzlicher Panik erfüllt vorwärts taumelte. Ein leiser Schrei kam über seine Lippen, als er mit ausgestreckten Armen in die Tiefe stürzte, nur um nach einem Sekundenbruchteil mit Händen und Knien gleichzeitig auf etwas Hartem aufzuschlagen.
Fassungslos stellte Richard fest, dass er sich entgegen seinen Erwartungen weit über dem Grund der Grube, etwa auf Höhe des nicht vorhandenen Fußbodens, befand. Noch immer blickte er auf den Strahler hinab. Seine Hände und Knie hatten einfach in der Luft haltgemacht und ihm eine schmerzhafte Landung erspart.
»Herzlichen Glückwunsch, Dick. Du hast die erste Feuertaufe bestanden.«
Vorsichtig hob Richard eine Hand, nur um sie gleich wieder sinken zu lassen und zaghaft mit den Fingerknöcheln auf das zu klopfen, was ihn gerettet hatte. Ein dumpfes Geräusch erklang.
»Plexiglas«, erklärte ihm Martin, der immer noch amüsiert klang. »Extrem stabil, nahezu bruchsicher. Man kann einfach darüber gehen. Wenn du magst, darfst du die paar Meter bis zum Beginn der Bodenfliesen aber auch kriechen.«
Richard erhob sich langsam und drehte sich ebenso langsam zu Martin um, der immer noch feixend dastand und seinen Streich sichtlich genoss. Richard, dessen rechtes Knie leicht zu pochen begann, weil es den Sturz auf das Glas nicht ohne Schaden überstanden hatte, rechnete es dem vom Alter gebeugten Billy hoch an, dass dieser weder lachte noch lächelte.
»Ach, nun guck nicht so beleidigt. Das machen wir hier mit allen Neuankömmlingen. Mir ist es auch nicht besser ergangen als dir. Gib zu, dass es nicht halb so schlimm war, wie den Kopf in die Toilette gesteckt zu bekommen. So wie es an vielen Schulen mit den Neuen gemacht wird.«
»An so einer Schule war ich nicht«, zischte Richard und überprüfte rasch, ob seine Handgelenke besser dran waren als sein Knie. Sie waren es. »Und worin besteht also die zweite Feuerprobe? Wenn das hier die erste war, dann kann der Spaß ja noch nicht vorbei sein.«
Jetzt verging auch Martin schlagartig das Lachen. »Du wirst Professor Ingress davon überzeugen müssen, dass du der Richtige für dieses Projekt bist.«
»Ein Projekt, über das ich nicht das Geringste weiß«, spottete Richard.
»Das wird sich möglicherweise bald ändern.« Die klaren, lauten Worte waren von jemandem ausgesprochen worden, der jetzt hinter ihm sein musste. Richard wandte sich erneut um und sah sich einem Mann gegenüber, der, wie er selbst, auf dem Plexiglas über der Grube stand.
Der Mann überragte Richard um einen halben Kopf und hatte die Statur eines Boxers im Schwergewicht. Sein schwarzes Haar stand wild vom Kopf ab, sein ebenso schwarzer Bart wucherte ungehemmt in alle Richtungen. Und der weiße Laborkittel, der jedem anderen Mann eine gewisse Würde verliehen hätte, wirkte an ihm wie eine lächerliche Küchenschürze.
»Ingress ist mein Name. Ich bin der Leiter dieser Forschungsabteilung. Zuweilen fühle ich mich aber eher wie eine Art Herbergsvater in einem Haus voller unerzogener Jungen.«
»Verzeihung, Professor Ingress, ich habe nur getan …« Martin Holts unterwürfig klingende Worte schnitt die eindrucksvolle Gestalt vor ihnen mit einer einzigen Handbewegung ab.
Martin trat jetzt neben Richard und dieser konnte die Ehrfurcht und den Respekt, den sein neuer Freund gegenüber dem Professor empfand, fast greifen. »Dies hier ist Dick … ich meine Richard Blunt. Ein sehr begabter und sehr fähiger Kollege, der sich für Kunstgeschichte und Archäologie begeistert. Ich denke, er ist genau die Unterstützung, die ich für meine Arbeit brauche.«
Die schmalen Lippen inmitten des schwarzen Bartes umspielte ein Lächeln. »Es ist schön, dass du denkst, mein junger Freund. Denken ist eine Fähigkeit, die ich sehr schätze.«
Der offensichtliche Spott des Älteren veranlasste Martin Holt, den Kopf wie ein Schuljunge zu senken, der bei einer Albernheit ertappt wurde.
Richard war sprachlos angesichts dieses Wandels, der mit dem selbstbewussten, ja manchmal schon arroganten Martin Holt vor sich ging, und er konnte ihn nicht ganz nachvollziehen. Sicher, dieser Professor Ingress war eine eindrucksvolle Erscheinung. Aber dennoch konnte man ihm doch wohl gegenübertreten wie ein Mann.
»Ich freue mich, Sie kennenzulernen.« Richard trat einen halben Schritt vor und reichte dem Bärtigen die Hand, die dieser mit seiner Pranke ergriff und schüttelte.
»Behaupten Sie jetzt nicht, schon viel von mir gehört zu haben, sonst müsste ich Sie fragen, was genau Sie gehört haben, und darauf hätten Sie keine Antwort, Mister Blunt.«
Okay, jetzt begann Richard zu ahnen, warum Martin gerade in Ehrfurcht erstarrt war. Dieser Professor Ingress sprach unumwunden aus, was er gerade dachte, und das war in der heutigen Zeit eine Seltenheit. Noch immer griff der durchschnittliche Engländer im Allgemeinen auf nichtssagende Gesprächsfloskeln zurück und das änderte sich üblicherweise auch nicht vor dem dritten gemeinsamen Bier.
»Sind Sie politisch interessiert, Mister Blunt? Haben Sie eine Meinung zum Weltgeschehen?«
Schon wieder so eine direkte Äußerung. Richard entschied, genauso unumwunden zu antworten. »Mich interessiert Politik erst, wenn sie zur Geschichte mutiert. Gut abgehangen vertrage ich Nachrichten einfach am besten.«
Ingress runzelte die Stirn. »Wir haben die Sechziger, ein junger Mann, wie Sie einer sind, sollte sich für die Weltpolitik interessieren, sollte eine Meinung haben und sie vertreten.«
»Leider interessiert niemanden meine Meinung, aber das kann sich ja noch ändern«, erwiderte Richard und wünschte, der Professor würde ihn endlich wieder freigeben.
»Tee.« Ingress hielt seine Hand noch immer fest. »Wir werden Tee zusammen trinken. In meinem Studierzimmer. Und dann werden wir beide entscheiden, ob dies der richtige Ort für Sie ist, Mister Blunt. Keine politische Meinung ist mir immer noch lieber als die falsche.«
»Ich werde mich persönlich um den Tee kümmern und nachkommen, Professor«, ließ sich nun wieder Martin Holt vernehmen, der den Kopf noch immer gesenkt hielt.
»Gehen Sie an Ihre Arbeit, Holt.« Die Stimme des Professors klang plötzlich streng. »Schicken Sie uns lieber Heyworth aus der Verhaltensforschung mit dem Tee ins Studierzimmer.«
»Sehr gern«, würgte Martin hervor und trat ab.
Richard spürte das Pochen in seinem Knie kaum noch, als Ingress seine Hand endlich freigab. Dies tat der Professor jedoch nur, um ihn jetzt an der Schulter zu packen und abzuführen.
Allein das nun freundlich wirkende Lächeln des Mannes gab Richard das Gefühl, nicht in Gefahr zu schweben. Alles andere an dieser Situation hätte er sonst ausgesprochen beunruhigend gefunden.
Aus den Augenwinkeln beobachtete er gerade noch, wie Martin davoneilte, während der krumme Billy auf einer Bank im Flur Platz nahm und nach einem Kreuzworträtsel griff. Anscheinend blieb dieser Flur niemals unbewacht. Und obwohl Richard diesen Ort erst vor wenigen Minuten betreten hatte, wünschte er sich bereits wieder hinaus ins warme Licht der Oktobersonne.
September 2019
ADA
Die glatte Betonfläche inmitten des gepflegten Gartens erschien Ada wenig vertrauenerweckend, also breitete sie ihre Picknickdecke am Rand dieses Platzes aus, ließ sich auf einem bestickten Kissen nieder und öffnete ihre Blechdose voller Kekse. Lange würde sie nicht auf Gesellschaft warten müssen.
In Sichtweite ihres gemütlichen Plätzchens wanderte Jig über die Gartenwege, hielt manchmal nachdenklich inne, um dann wieder weiterzuspazieren.
Sie war Adas aktuelles Sorgenkind. Mit ihren siebzehn Jahren war Jig, die von ihren Eltern auf den Namen Jennifer getauft worden war, eigentlich schon zu alt für ein Kindermädchen. Ganz besonders für ein Kindermädchen wie Ada, die mit ihren zweiundsechzig Jahren zielsicher das Rentenalter ansteuerte. Doch abenteuerliche Umstände hatten sie beide zusammengebracht und Ada hatte nicht lang gebraucht, um zu erkennen, dass Jig nicht, wie von den Ärzten und Erziehungsberechtigten angenommen, in eine psychiatrische Klinik gehörte, sondern vielmehr in die Obhut eines Menschen, der sich mit Fabelwesen, Geistern und ja, man musste es sagen, auch mit Monstern auskannte. Mit anderen Worten: Jig brauchte jemanden wie Ada, die in ihrem langen Leben schon viele Kobolde unter Kinderbetten hervorgelockt und auch höchstpersönlich entsorgt hatte.
Ada wusste, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gab, die zu sehen, riechen oder akustisch wahrzunehmen nicht jedem vergönnt war. Doch gerade Kinder waren mit solchen Erfahrungen schnell überfordert, ganz besonders, wenn sie keinen Erwachsenen in ihrem Umfeld hatten, der ihnen den richtigen Umgang mit Haus- oder Naturgeistern beibringen konnte. Aber Jig, die Stimmen hörte und viel mehr Sprachen verstand, als sie selbst ahnte, hatte jetzt Ada, und das war gut so.
»Hier war es«, rief Jig und winkte Ada zu, die fragend eine Augenbraue hob. »Hier habe ich einen der Schrate mit einem Netz voller Orangen verdroschen.«
»Das war deine erste große Tat«, rief Ada zurück und meinte es ehrlich. Denn es war Jigs erste Begegnung mit einem Fabelwesen gewesen, bei dem diese nicht verängstigt reagiert, sondern sich zur Wehr gesetzt hatte.
Jetzt, nur wenige Wochen später, stand eine seelisch schon viel stabilere Jig am selben Ort, und Ada konnte so etwas wie Selbstbewusstsein und Stolz in ihrer Körpersprache erkennen. Das Mädchen war auf einem guten Weg.
»Was zur Hölle machen Sie denn wieder hier?«, vernahm Ada die Stimme eines Mannes.
Sie drehte den Kopf und sah Derek Dreyer auf sich zukommen, den zukünftigen Ex-Mann ihres einstigen Schützlings Valerie.
»Theodor Blunt, Sie erinnern sich doch an Teddy, hat mich wissen lassen, dass Sie heute hier mit Ihrer Noch-Frau verabredet sind«, rief Ada ihm entgegen. »Und ich erlaube es mir, bei dieser spannenden Begegnung anwesend zu sein.«
»Sie verschwinden sofort von meinem Grund und Boden und nehmen diese dürre Vogelscheuche auch gleich wieder mit«, rief er und deutete auf Jig, die in sicherer Entfernung zwischen zwei Rhododendren stand und die Szene beobachtete.
Bei dieser wenig freundlichen Beschreibung ihrer Person blies sie jetzt allerdings die Backen auf und ballte die zarten Hände zu Fäusten. Seit Ada Jig unter ihre Fittiche genommen hatte, war das stoppelkurze Haar schon etwas nachgewachsen und ihr Appetit hatte sich gebessert. Jig war noch immer sehr zart, aber keineswegs mehr so dürr wie noch vor Wochen.
»Charmant wie eh und je, Mister Dreyer«, erwiderte Ada. »Doch zu Ihrem Leidwesen können Sie uns gar nicht aus diesem Garten vertreiben, denn dies ist auch Valeries Grund und Boden. Und jetzt ist es ja auch nicht mehr als Grund und Boden, so wie ich die Dinge sehe.« Sie deutete auf die frisch betonierte Fläche hinter sich.
»Haben Sie etwas damit zu tun?« Derek Dreyer, dessen Gesicht so rot geworden war wie eine Weihnachtskugel, hatte sie jetzt fast erreicht. Unter seinen schweren Schritten erbebte der Boden, auf dem Ada noch immer ungerührt saß und an ihrem Keks knabberte.
»Sehe ich etwa aus wie eine Abrissbirne?« Ada blickte fragend zu ihm auf. »Passen Sie auf, was Sie sagen. Jig haben Sie schon beleidigt, verscherzen Sie es sich nicht auch noch mit mir.«
»Ich dachte, das hätte er längst«, ließ sich plötzlich die vertraute Stimme Teddys vernehmen, der mit Valerie am Arm den Weg vom Gartentor herkam.
Beim Anblick der kalten Betonfläche inmitten des Gartens verlor Valeries Gesicht jede Farbe. »Mein Haus! Mein Haus ist weg! Jemand hat es gestohlen!«
Ada erhob sich von ihrem Kissen, um Valerie in den Arm zu nehmen und ihr zu versichern, dass ein Haus nicht einfach gestohlen werden konnte.
Doch es war Derek Dreyer, der jetzt mit theatralischer Geste das Wort ergriff. »Das ist es ja, was ich dir sagen wollte. Schonend beibringen, nach Möglichkeit. Doch wenn du keinen meiner Anrufe beantwortest, nie zu sprechen bist, dich bei diesem Blunt in seinem Schloss verschanzt …«
»Nur ein kleiner Landsitz«, warf Teddy ein und lächelte bescheiden.
»Ach, halten Sie die Klappe, Blunt. Sie haben dieses komische Kindermädchen auf den Plan gerufen.« Derek deutete auf Ada. »Wie soll ich denn ein vernünftiges Wort mit meiner Frau wechseln, wenn diese Verrückte dabei ist?«
»Ada ist nicht verrückt, Sie fetter, blöder …« Jig, die herbeigeeilt war, gingen die Schimpfwörter aus.
Ada musste grinsen. Die Kleine war einfach zu gut für diese Welt.
»Ich will sofort wissen, was mit meinem Haus passiert ist«, rief Valerie und schien kurz davor, hysterisch zu werden.
»Das will ich dir ja gerade erzählen: Es ist weg!«, brüllte Derek Dreyer.
Die darauffolgende Stille wurde nur vom leisen Glucksen Adas unterbrochen.
»Das ist nicht witzig!«, fauchte Derek. »Ich befand mich auf einer Geschäftsreise. Gerade mal für fünf Tage. Und als ich wiederkam, war das Haus weg. Mitsamt seinem Inhalt. Meine Anzüge, meine Unterlagen, mein Lieblingssessel, alles einfach weg. Und niemand kann mir sagen, was eigentlich passiert ist.«
»Was ist denn mit den Nachbarn?«, fragte Teddy neugierig.
»Die haben den Abriss natürlich genau mitbekommen, dachten aber aus unerfindlichen Gründen, dass schon alles seine Richtigkeit haben wird. Und niemand hat sich den Namen des Abrissunternehmens gemerkt, der ja bestimmt an einem der LKWs gestanden haben muss.«
»Das bezweifle ich«, sagte Ada leise und mehr zu sich selbst als zu einem der Umstehenden.
Valerie trat vor und machte ein paar vorsichtige Schritte auf dem Beton, der genau dort ausgebracht worden war, wo einst ihr Zuhause gestanden hatte. »Das kann doch alles nur ein furchtbares Missverständnis sein.«
»Das glaube ich nicht, mein Schatz.« Ada war neben sie getreten und legte ihr einen Arm um die Schulter. »Gerade diese recht stabile Betonplatte unter unseren Füßen lässt mich vermuten, dass da jemand ganz genau gewusst hat, was er tat.«
Valerie suchte ihren Blick. In ihren Augen schwammen Tränen. »Aber wer würde denn so etwas tun?«
Ada zuckte ratlos mit den Schultern. »Das kann ich dir auch nicht sagen. Sicher ist nur, dass kein Abrissunternehmen in ganz London zugeben wird, diesen Auftrag ausgeführt zu haben. Hier wurde ganze Arbeit geleistet bei dem Versuch, das Experiment ›Schrathaus‹ ein für alle Mal dem Erdboden gleichzumachen. Und um ganz sicher zu gehen, dass auch nichts mehr unter dem Fundament lauert, hat man den Erdboden mit Beton versiegelt. Ich finde das sehr effektiv.«
»Glücklicherweise ist niemand zu Schaden gekommen«, hörte Ada Derek sagen. »Diese Idioten hätten mir wahrscheinlich den ersten Stock auf den Kopf fallen lassen, wenn ich zu Hause gewesen wäre.«
»Sebastian«, flüsterte Valerie und eine Träne purzelte über ihre Wange. »Was ist aus Sebastian geworden?«
Ada verzog das Gesicht und drückte Valerie noch etwas fester an sich, die einen kleinen Laut der Verzweiflung ausstieß. Den Rücken Valeries mechanisch streichelnd, dachte Ada, dass es wohl weder für die Schwarzen Schrate in den Wänden des Hauses noch für ihr erwachsen gewordenes Haustier, Sebastian, irgendeine Rettung gegeben hatte. Dieser Vernichtung konnte niemand entkommen sein.
»Hör auf zu heulen.« Derek klang nun schon etwas zahmer. »Das Haus ist weg, jetzt weißt du es. Aber natürlich werde ich die Verantwortlichen dafür finden und auf jeden Penny verklagen, den sie besitzen. Du wirst sehen: In ein paar Jahren stehen wir beide finanziell besser da als je zuvor und lachen über diese ganze Sache.«
»Ist das das Äußerste an Trost, das Sie zustande bringen?«, wollte Teddy wissen und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Halten Sie sich raus, ich habe mit meiner Frau gesprochen«, erwiderte Derek und lief schon wieder rot an. »Was haben Sie eigentlich mit meinem Sohn angestellt? Sitzt Paul jetzt allein in Ihrer Burg?«
»Landsitz«, korrigierte Teddy. »Natürlich nicht. Er befindet sich in der Obhut zweier ganz reizender Pu…tzfrauen.«
Jetzt war es Teddy, der unter dem warnenden Blick Adas rot anlief. Ihrer Meinung nach hatte es keinen Sinn, den Verstand Derek Dreyers mit so etwas wie der Existenz von Puken zu belasten.
»Das Haus ist mir egal«, rief Valerie jetzt leidenschaftlich aus. »Und auch das Geld, das es wert war. Ich will genau wissen, was hier passiert ist. Ob irgendjemand, irgendetwas …«
»… überlebt hat?«, flüsterte Ada. »Selbst wenn, er könnte ohne die Atemluft der Schrate, ohne die Bedingungen, die in ihren Gängen herrschten, hier draußen nicht überleben. Wäre Sebastian entkommen, wäre auch das sein sicherer Tod gewesen.«
»Ich will das nicht«, erwiderte Valerie unter Tränen. »Ich will eine andere Lösung, einen kleinen Hoffnungsschimmer.«
»Vielleicht tröstet es dich, dass ich noch immer etwas riechen kann.« Auch Teddy flüsterte jetzt, was Derek Dreyer nicht entging.
»Was riechen?«, wiederholte er. »Was geht hier vor? Handelt es sich etwa schon wieder um irgendwelche schwarzen Monster? Valerie, habe ich dir schon gesagt, dass mein Hausarzt glaubt, dass ich in jener Nacht eine stressbedingte Wahrnehmungsstörung hatte?«
»Was auch sonst?« Jig verdrehte die Augen. »Ich möchte nur sagen, dass ich nichts höre. Überhaupt nichts, was darauf hindeutet, dass unter diesem Betondeckel etwas lebt.«
»Aber ich rieche etwas«, beharrte Teddy.
»Hören, riechen, ihr habt doch alle einen an der Waffel.« Derek Dreyer versetzte Jig einen kleinen Stoß und streckte die Arme nach seiner Frau aus, die sofort einen Schritt rückwärts machte. »Liebling, lass uns noch einmal neu anfangen. Wir vergessen das alles hier und ziehen mit Paul in ein hübsches neues Haus mit viel Glas, wie es jetzt modern ist. Lass die Verrückten doch unter sich sein. Du gehörst nicht zu ihnen, du gehörst zu mir.«
Valerie rang um Fassung. Dann straffte sie die Schultern und antwortete: »Sieh doch ein, dass unsere gemeinsame Zeit vorbei ist, Derek. Ich habe mich in den letzten Wochen entwickelt, du aber nicht. Ich kann nicht mehr zurück, nie mehr. Und ich liebe dich nicht mehr.«
Dereks Arme fielen herab, als gehörten sie nicht länger zu ihm. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und verließ den Garten. Einen Augenblick später startete irgendwo auf der Straße ein Motor.
»Ich bin stolz auf dich.« Ada drückte Valerie den Arm. »Es ist nicht leicht, sein Leben hinter sich zu lassen.«
»Ich lasse Derek hinter mir, aber ganz sicher nicht Sebastian. Ich will, dass er überlebt hat«, erwiderte Valerie trotzig.
Kapitel 3 - Hinter Glas
Oktober 1965
RICHARD
»Das ist das seltsamste Studierzimmer, in dem ich je gesessen habe«, gab Richard zu.
»Das glaube ich Ihnen gern. Ich versichere Ihnen, dass dies alles hier einem bestimmten Zweck dient, den Sie noch begreifen werden, Mister Blunt«, hörte er Ingress sagen.
Das konnte Richard nur hoffen. Er saß jetzt seit zwei Minuten in einem sehr bequemen Sessel und hatte vor sich einen runden Tisch stehen. Das war alles, was er über diesen Raum wusste, denn in ihm herrschte eine undurchdringliche Dunkelheit.
Wenn er seinen Ohren trauen durfte, so saß Professor Ingress ihm gegenüber auf der anderen Seite des Tisches, gar nicht weit entfernt. Doch sehen konnte er den seltsamen Mann nicht.
»Herr Professor, darf ich einige Fragen stellen?«, bemerkte Richard in die Dunkelheit hinein.
»Ich hoffe, dass Sie das tun werden«, war die Antwort. »Ich wäre enttäuscht, wenn Ihnen zu diesem Zeitpunkt nicht eine ganze Menge unter den Nägeln brennen würde. Nach den Fragen suche ich meine Mitarbeiter aus.«
»Was genau erforschen Sie hier im Zugang Zwei?«
»Das zu erklären, wäre mühsam und wenig glaubwürdig«, erwiderte der Professor. »Aber mit etwas Glück kann ich Ihnen unser Forschungsobjekt vorführen. Das ist sehr viel eindrucksvoller und überzeugender, als es Worte zumeist sind. Die Dunkelheit ist dabei von Vorteil. Dann können wir es besser kommen sehen.«
In diesem Moment fiel ein Streifen Licht auf das Gesicht des Professors und spiegelte sich auf der leeren Tischplatte zwischen ihnen. Die Tür hatte sich geöffnet und eine schlanke Gestalt, eine junge Frau mit Bubikopf, die ein Tablett mit Teetassen trug, schlüpfte herein. Einen Augenblick später fiel die Tür wieder ins Schloss und es wurde erneut dunkel um Richard.
»Ah, da ist ja Miss Heyworth mit dem Tee. Ich hoffe, Sie haben Zeit, sich einen Moment zu uns zu setzen, meine Liebe. Mister Blunt hier hat eine Menge Fragen.«
»Aber sicher, Herr Professor«, antwortete eine jugendliche Stimme heiter und Richard vernahm, wie das Tablett auf der Tischplatte abgestellt wurde.
Kurz darauf klapperte etwas direkt vor ihm.
»Ihre Tasse steht vor Ihnen, Mister Blunt«, fuhr die Mädchenstimme fröhlich fort. »Die Milch befindet sich auf elf Uhr, falls Sie Zitrone bevorzugen, suchen Sie auf zwei Uhr. Würfelzucker liegt neben dem Löffel.«
Im ersten Moment glaubte Richard an einen albernen Scherz, doch als er den Professor schlürfen hörte und fühlte, dass die junge Frau dicht neben ihm Platz genommen hatte, begriff er, dass man wirklich von ihm erwartete, seinen Tee in völliger Dunkelheit zu trinken.
Und als ob der Mann in der Dunkelheit seine Gedanken erraten hätte, sagte er: »Charlotte ist blind. Ihr ist egal, wie dunkel oder hell ihre Umgebung ist.«
Richard ging davon aus, dass Charlotte der Vorname dieser Miss Heyworth war, und fragte sich, was die Tatsache, dass es ihr egal sein konnte, ob es hell oder dunkel war, damit zu tun hatte, dass er sich vermutlich gleich bekleckern würde.
Da bemerkte er einen gelblichen Lichtschimmer, der sich nach und nach verstärkte. Er schien aus einem sehr großen Spiegel an der Wand zu ihnen heraus in den Raum zu leuchten. Und es dauerte eine Weile, bis Richard begriff, dass es sich keineswegs um einen Spiegel handelte, sondern ein weiteres Mal um eine Plexiglasscheibe, die eine der Wände in diesem Studierzimmer komplett einnahm. Dahinter hatte man gegraben oder gehackt und war interessanterweise nicht in einem der Nachbarzimmer oder im Freien gelandet, sondern in braunem Erdreich, durch das ein sehr großer Tunnel führte. Das gelbliche Licht schien in diesem Tunnel und wurde immer heller.
»Erforschen Sie etwa gewaltige Wühlmäuse?«, fragte Richard und bemerkte, dass er jetzt sowohl das bärtige Gesicht des Professors als auch das der sehr hübschen und amüsiert lächelnden Charlotte Heyworth erkennen konnte.
»Wenn Sie sie als Wühlmäuse bezeichnen möchten, nur zu. Allerdings sind wir uns noch nicht ganz sicher, wie wir sie nennen wollen oder ob sie schon einmal benannt worden sind.«
»Wer ›sie‹?«, bohrte Richard nach, doch da wurde seine Aufmerksamkeit erneut auf die Plexiglaswand gelenkt oder vielmehr auf die beiden Wesen, die jetzt den dahinterliegenden Tunnel betreten hatten.
»Ach du Scheiße!« Kein anderes Wort hätte es nach Richards Meinung besser getroffen.
»Willkommen beim Forschungsprojekt Zerberus, Mister Blunt. Ist dies hier für Sie interessant genug, um sich uns anzuschließen?« Professor Ingress klang spöttisch.
Das blinde Mädchen neben ihm kicherte, doch Richard war unfähig, eine geistreiche Bemerkung zu machen, war nicht in der Lage, überhaupt etwas zu erwidern. Mit großen Augen und offenem Mund starrte er auf die echsenartigen Wesen, mannshoch und lackschwarz von Kopf bis Fuß. In ihren breiten Schädeln, die wegen ihrer spitzen Ohren dem Kopf eines Hundes nicht unähnlich waren, leuchteten gelbe Augen. In der Hand hielt das erste fremde Wesen zu Richards Erstaunen einen Korkenzieher.
»Sind Ihnen die Fragen ausgegangen, Mister Blunt? Oder dürfen wir Sie Richard nennen? Jetzt, wo Sie schon fast einer von uns sind?«
»Sind sie …« Richard fuhr sich mit der Zunge über die spröden Lippen. »… sind sie von dieser Welt?«
»Wir wissen nicht, woher sie stammen oder seit wann sie hier sind.« Die Antwort kam von der blinden Charlotte. »Biologen, Chemiker, Mediziner und Verhaltensforscher arbeiten seit drei Monaten daran, so viel wie möglich über diese neue Spezies in Erfahrung zu bringen.«
»Seit drei Monaten?« Richard konnte seinen Blick noch immer nicht von den beiden Kreaturen abwenden. »Wo haben Sie diese Wesen denn gefunden? Im Himalaya oder auf einer Vulkaninsel?«
Der Professor klang amüsiert. »Hier in London. Vor drei Monaten sollte im Londoner Stadtteil Hackney ein Haus abgerissen werden. In dessen Überresten stießen die Arbeiter auf Anzeichen eines Gangsystems zwischen den Wänden und Böden. Einige der Zwischenräume erweckten den Eindruck, völlig irreale Ausmaße zu haben. Weil ihnen das alles seltsam vorkam, verständigten sie ihren Vorgesetzten. Der rief die Bauaufsichtsbehörde, die wiederum das Veterinäramt und dann wurde schließlich ich hinzugezogen. Gerade noch rechtzeitig, um diesen Fund so schnell wie möglich unter den Teppich zu kehren.«
»Warum waren Sie der Meinung, dass das nötig sein könnte?« Richard beobachtete fasziniert, wie das erste Wesen mit dem Korkenzieher jetzt zu ihnen ins Zimmer zu starren schien. Konnten sie etwa auch von ihm gesehen werden?
»Keine Angst.« Miss Heyworth tastete nach seiner Hand. »Man sieht uns nicht. Diese Scheibe ist nur von einer Seite durchsichtig.«
Richard war beeindruckt von ihren empathischen Fähigkeiten. Wie sonst hätte sie wissen sollen, was er gerade gedacht hatte? Er warf ihr einen längeren Blick zu und erkannte im Licht der gelben Augen das Lächeln, das ihre Lippen umspielte.
»Nein, ich kann Ihre Gedanken nicht lesen. Ich habe lediglich ein Gespür für die Stimmungen meiner Mitmenschen entwickelt.« Sie lächelte noch immer. »Ich sehe nicht, aber ich rieche, höre und fühle. Das reicht manchmal aus, um zu wissen, was in einem Menschen vor sich geht.«
»Um auf Ihre Frage zurückzukommen«, mischte sich Professor Ingress ein, lehnte sich zurück und faltete die Hände über seinem Bauch. »Mir war gleich klar, dass dieses System aus Tunneln von einer Spezies angelegt worden sein musste, die entweder noch nie oder sehr lange nicht mehr gesehen worden war. Und da ich zu diesem Zeitpunkt das Potenzial dieser Entdeckung nicht einschätzen konnte, holte ich mir so schnell wie möglich einflussreiche und zahlungskräftige Unterstützung. Kein Reporter wagt es, über das Projekt Zerberus zu berichten. Und mir stehen nahezu unbegrenzte Mittel zur Verfügung, um herauszufinden, von welchem Nutzen diese dunklen Gestalten für uns sein können.«
»Die Regierung steht hinter Ihrer Arbeit?« Eigentlich war es nicht wirklich eine Frage, Richard hatte lediglich geschlussfolgert, und so kam das Nicken des Professors nicht überraschend.
»Das Abrisshaus, Zugang Eins, wie wir es auch gern nennen, wurde abgesperrt und ich begann meine Arbeit mit einigen meiner treuesten und fähigsten Studenten. Bald schon stießen wir in den noch begehbaren Gängen des Hauses auf einen dieser schwarzen Kerle, dann auf zehn, zwanzig, es wurden immer mehr. Und mit ihnen wuchs der Stab meiner Mitarbeiter.«
Die Wesen vor ihnen in der Wand setzten jetzt ihren Weg fort und verschwanden aus ihrem Sichtfeld. Das Licht ihrer Augen nahmen sie mit. Doch bevor das Studierzimmer des Professors wieder in völliger Dunkelheit versinken konnte, hatte sich dieser erhoben und das Deckenlicht eingeschaltet. Richard blinzelte einige Male und stellte jetzt überrascht fest, dass die zarte Erscheinung mit dem aschblonden Bubikopf neben ihm eine richtige Schönheit war. Zumindest entsprach sie voll und ganz seinem Typ.
»Und Ihr Team besteht ausschließlich aus Studenten, die sich nach und nach selbst rekrutieren? Warum?«, fragte Richard den Professor und riss sich vom Anblick der schlanken Frau im Minikleid los.
»Intelligente Menschen«, erwiderte der Professor. »Jung, voller Energie und von unstillbarem Wissensdurst. Das ist die Art Mitarbeiter, die ich gern um mich habe. Keine besserwisserischen Tattergreise.«
Aha, dachte Richard. Der Mann ist gern der Kapitän auf seinem Schiff und duldet keine anderen Götter und Meinungen neben sich und seiner eigenen. Nun, das schien nicht besonders ungewöhnlich. Professor Ingress wirkte sowieso sehr von sich eingenommen.
»Wir arbeiten fast alle in kleinen Teams.« Charlotte Heyworth klang so heiter, als wäre nicht gerade eben erst etwas Ungeheuerliches passiert. »An insgesamt vier verschiedenen Standorten. Zugang Eins, Drei und Vier liegen in anderen Stadtteilen.«
Ingress ergänzte: »Ich wollte kein Risiko eingehen und habe die Sippe, die wir in der Ruine des Zugangs Eins aufgestöbert hatten, aufgeteilt. Wir betäubten die Kreaturen mithilfe von Ködern und setzten sie in leer stehenden Wohnhäusern wie diesem hier wieder aus. Nachdem sie zur Besinnung gekommen waren, dauerte es nur Stunden und wir fanden in den Räumen keine Spur mehr von ihnen. Sie sind in die Wände eingezogen, wo sie jetzt fleißig an ihren Tunneln bauen. Ameisen könnten nicht effektiver arbeiten als diese Wesen.«
»Wo werde ich arbeiten? Woraus besteht meine Aufgabe?«, wollte Richard wissen.
Das Grinsen von Miss Heyworth wurde wieder breit und auch der Professor schien äußerst zufrieden zu sein. Richard begriff, dass er soeben mündlich seinen Arbeitsvertrag unterschrieben hatte und vermutlich die Klausel, die ihn zur Geheimhaltung verpflichtete, gleich mit.
»Wir arbeiten alle sehr eng zusammen, auch wenn wir es an verschiedenen Plätzen Londons tun«, erwiderte sie. »Martin ist als Historiker der Geschichte dieser Wesen auf der Spur. Er geht Hinweisen nach, versucht zu erfahren, ob diese Spezies nicht doch schon einmal in irgendeiner Form entdeckt und untersucht wurde. Martin bewegt sich zwischen allen vier Standorten und den Bibliotheken hin und her. Ihr Kollege wird froh sein, wenn er diesen Teil der Aufgabe nicht mehr allein stemmen muss.«
Charlotte Heyworth erhob sich und hielt dem Professor, der noch immer neben dem Lichtschalter stand, die Hand hin. »Ich gehe wieder an die Arbeit.«
Der Professor ergriff die Hand der Blinden. »Dann nehmen Sie unseren neuen Freund hier, Richard war der Vorname, gleich mit und zeigen Sie ihm alles, was er sehen will.«
Richard spürte noch immer die Aufregung in sich, die er beim Anblick der Kreaturen empfunden hatte, doch jetzt war noch ein weiteres Gefühl dazugekommen. Freude. Freude darüber, Teil einer großen Sache zu sein. Freude darüber, eine echte Aufgabe zu haben. Er würde Essen und Miete zahlen können und er würde diese zarte Frau immer wieder treffen dürfen.
September 2019
VALERIE
Sie war noch immer außer sich. Wie konnte ihr Haus mit allem, was darin gewesen war, mitsamt der Schrat-Kolonie und Sebastian, einfach verschwinden? Wer hatte das getan und warum? Und was konnte sie tun, um Sebastian, an dessen Tod sie sich weigerte zu glauben, wiederzufinden?
Teddy und Ada, die nach Dereks recht abruptem Abgang gespürt hatten, in welch schlechter Verfassung sie sich befand, hatten mit ihr noch lange den Garten und die Betonplatte inspiziert, waren aber in Ermangelung neuer Erkenntnisse schließlich auf die Idee verfallen, ein Café aufzusuchen.
Und nun waren sie hier in diesem verhältnismäßig gemütlichen Ort eingekehrt, für dessen schmucke Aufmachung sie jetzt so gar keinen Blick hatte. Ada und Jig saßen Valerie gegenüber, beide ein großes Stück Sahnetorte vor sich, während sie selbst sich an ihre Tasse Cappuccino klammerte und keinen Appetit verspürte.
»Alles weg«, murmelte sie und rührte im Schaum herum.
»Weg oder nur woanders?« Ada sah von ihrem Tortenstück auf. »Das gilt es herauszufinden.«
»Woanders? Ja, wie soll denn irgendjemand mein Haus fortgeschafft haben? Hat er es auf einen Hänger geladen? Eine Rakete untergeschnallt? Oder einfach tiefergelegt, also im Erdreich versenkt? Und wie sollen wir denn überhaupt vorgehen? Hilft uns Sahnetorte wirklich weiter?« Valerie wusste, dass sie ungehalten klang, was ihren Freunden gegenüber unfair war, doch die Worte purzelten fortwährend aus ihrem Mund und sie konnte sie nicht stoppen. »Wo sollen wir suchen? Wie viel Zeit bleibt uns überhaupt, um Sebastian zu retten?«
»Um die Frage nach dem ›Wo‹ kümmert sich gerade schon der gute Teddy, und auf die letzte gibt es eine erschreckend einfache Antwort.« Ada legte die Kuchengabel beiseite. »Entweder Sebastian befindet sich in Sicherheit, dann haben wir alle Zeit der Welt. Oder er ist bereits tot. Dann haben wir auch alle Zeit der Welt. Dazwischen gibt es nichts. Möchtest du nicht doch ein Stück Kuchen? Zucker beruhigt die Nerven, meine zumindest.«
Valerie gab ein Stöhnen von sich und sah durch die große Fensterscheibe des Cafés hinaus auf die Straße. »Und wo steckt Teddy jetzt? Lässt uns hier sitzen und verschwindet wortlos und ohne Erklärung.«
Nun war es Ada, die zunehmend ungehalten wurde. Valerie beobachtete, wie das alte Kindermädchen das graue, kinnlange Haar zurückstrich und an seinem etwas zu engen Strickkleid zupfte. Unter dem Stoff zeichnete sich die Strafe für zu viel Naschwerk in Form kleiner Speckrollen ab.
»Er brauchte uns nichts zu erklären, weil ich weiß, was er gerade tut. Und Jig weiß es auch, nicht wahr, Jig? Was habe ich dir beigebracht? Was macht man als Allererstes, wenn man nicht weiß, was vor sich geht, und dringend Informationen benötigt?«
»Man kauft alle Tageszeitungen, die man ergattern kann, auch die der vergangenen Tage«, leierte Jig ihre Lektion herunter. »Das Internet ist stattdessen nur begrenzt sinnvoll, denn wenn man nicht weiß, wonach man überhaupt sucht, hilft einem keine Suchmaschine. Zeitungen schlagen einem die Informationen ungefragt um die Ohren, das Internet beantwortet Fragen. Wer nicht weiß, wie die Fragen lauten, braucht kein WLAN, sondern einen Kiosk.«
Ada sah befriedigt auf Jig, die ihr Tortenstück seziert und in lauter kleine Häufchen portioniert hatte.
Valerie konnte sich nicht helfen, dieser Teenager war irgendwie seltsam. Vielleicht war sie selbst mit Mitte vierzig auch einfach zu alt, um das Mädchen zu verstehen. Vielleicht würde sie ihren Sohn Paul in ein paar Jahren auch nicht mehr verstehen. Vielleicht war sie auch nur zu blöd für die Welt, das hielt sie durchaus für möglich.
Im Gegensatz zu Ada und Teddy wusste Valerie nur wenig über die Dinge, die sich zwischen Wänden, unter Böden und in verschlossenen Kleiderschränken taten. Ihre Welt war bis vor Kurzem noch völlig normal gewesen. Doch dann war Ada in ihr Leben zurückgekehrt und mit ihr Schwarze Schrate, andere seltsame Kreaturen und der von Schraten abhängige Sebastian. Wenn sie also nicht zu blöd für diese Welt sein sollte, dann war sie doch zumindest gnadenlos überfordert.
»Wer will die Daily Mail?« Teddy war hereingekommen, den Arm voller Zeitungen, die er jetzt mit Schwung auf den Tisch warf, wobei der Observer mit der Schlagzeile voran in Jigs Sahnehäufchen stürzte.
»Mir gibst du bitte die Sun«, rief Ada und schaufelte schon wieder Kalorien in sich hinein. »Die bringen so gern halb gares Zeug, da wird man oft fündig.«
»Ich nehme den Observer, der will ohnehin zu mir, wie mir scheint.« Jig sah missbilligend auf die Sahneflecken, die jetzt das Gesicht der Queen garnierten.
Valerie starrte auf den Stoß Zeitungen und konnte sich nicht entscheiden. »Ich habe doch gar keine Ahnung, wonach ich suchen soll.«
Ada verdrehte die Augen. »Hast du Jig etwa nicht zugehört? Niemand von uns weiß das. Mach deine Augen auf, Mädchen. Wenn du es vor dir siehst, dann erkennst du, dass du es gefunden hast.«
Widerstrebend nahm Valerie den Daily Mirror an sich und begann lustlos darin herumzublättern. Ihr war mehr danach, die Suche zu Fuß zu beginnen. Doch die Stadt war groß und ihr Haus bestimmt nicht einfach weggelaufen. Es ergab keinen Sinn, durch die Straßen zu eilen. Da konnte sie auch genauso gut völlig sinnlose Artikel überfliegen. Kaum anzunehmen, dass der Mirror etwas Besseres zu bieten hatte.
Ein Blick auf die ersten Seiten bestätigte ihre Vermutung: nichts außer Politik, Klatsch, Klatsch und nochmals Kl… Valerie hielt inne.
Aufmerksam las sie zunächst noch einmal die Überschrift, die ihr Interesse geweckt hatte, dann den ganzen Artikel. Nachdem sie ihn sicherheitshalber ein zweites Mal gelesen hatte, suchte sie nach dem Datum. Der Mirror war vom heutigen Tag.
»Hast du etwas gefunden?« Ada hatte ihre Zeitung sinken lassen und beobachtete sie stattdessen über den Tisch hinweg. Auch Teddy und Jig hoben die Köpfe und sahen sie aufmerksam an.
Zögernd begann Valerie, den Artikel am unteren Rand der vierten Seite laut vorzulesen. »Aufrecht laufender Hund stört Golfturnier.«
Jig gab ein unterdrücktes Prusten von sich, was ihr einen sachten Ellenbogenstoß von Ada einbrachte.
»Lies weiter, meine Liebe. Das klingt sehr interessant.« Ada nickte ihr aufmunternd zu.
Valerie holte tief Luft und fuhr fort: »Wie soeben bekannt wurde, hat ein aufrecht laufender schwarzer Hund das jährliche Hausturnier der Pink Lady Putters …«
Jig lachte los. Nach einem kurzen Augenblick ging ihr Heiterkeitsausbruch in verhaltenes Schnaufen über. »’tschuldigung, aber diese Leute der Golfer-Vereinigung sehe ich gerade sehr lebhaft vor mir, wie sie in ihren rosa karierten Knickerbockern, mit Spitzenschleifchen an den Schlägern, über das Grün flanieren …«
Jetzt war es Valerie, die die Augen rollte und dann einfach fortfuhr. »… empfindlich gestört. Das Turnier, das bis in die frühen Abendstunden andauerte, musste schließlich vorzeitig abgebrochen werden. Aus unbekannten Gründen schien das skurrile Tier auf dem Gelände des Golfclubs Jagd auf Bälle zu machen.«
»Ein schwarzer, aufrecht gehender Hund?« Teddy hob beide Daumen. »Das nenne ich mal vielversprechend.«
Valerie nickte. »Wann immer Golfbälle das Grün verließen und im angrenzenden Wald oder Gestrüpp landeten, waren sie sofort unauffindbar. Schließlich bemerkte die Vereinsvorsitzende, Lady Knotworth, einen auf den Hinterläufen rennenden Hund, der sich mit ihrem Ball in der Klaue davonmachen wollte, nachdem sie ihn ins Unterholz geschlagen hatte. Lady Knotworth beschwört, dass die Augen des Hundes geglüht hätten. Gibt es Höllenhunde in Chiswick?« Sie ließ die Zeitung sinken und sah Ada an.
Diese runzelte die Stirn. »Es steht wohl außer Frage, dass diese Lady Knotworth tatsächlich einem Schrat begegnet ist. Aber in Chiswick? Das liegt von hier aus nicht gerade um die Ecke. Möglicherweise handelt es sich sehr wohl um Schwarze Schrate, aber eben nicht um deine Schrate, Valerie.«
Die verzog das Gesicht. »Ich möchte nicht, dass du sie als meine Schrate bezeichnest.« Doch dann riss sie die Augen auf. »Heißt das etwa, dass es noch mehr Schrate in London geben könnte? Schrate, die in den Wänden ahnungsloser Bürger hausen?«
Teddy und Ada nickten beide, während Jig die Arme um sich schlang, als ob sie fröstelte.
Dann hob Teddy mahnend einen Zeigefinger. »Seltsam ist aber, dass dieser Schrat sich im Freien aufgehalten hat und sich sogar beim Klauen erwischen ließ.« Er benutzte den Finger, um sich nachdenklich die Nasenspitze zu kratzen, und fuhr fort: »Zwar räumen Schrate zwanghaft alles auf, was sie als herrenlos erachten, aber sie bleiben für gewöhnlich in ihren Tunneln und Gängen. Was hat den hier hinausgetrieben?«
»Vielleicht die Tatsache, dass sein Tunnel mitsamt dem Haus drumherum verschwunden ist?«, schlug Jig vor. »Dann wäre es eben doch einer von Valeries Schraten und er ist vermutlich heimatlos.«
Ada sah immer noch unzufrieden auf Valeries aufgeschlagene Zeitung. »Aber wie soll der Schrat denn nach Chiswick gekommen sein? Die U-Bahn wird er ja nicht genommen haben. Oder doch?«
In diesem Moment stieß Teddy einen kleinen Schrei aus. Sein Zeigefinger bohrte sich nun in die letzte Ausgabe des Evening Standard. »Missglückte Kindesentführung in Dukes Meadows. Wurde Hund abgerichtet, um Kleinkinder zu verschleppen?«
Valerie schlug die Hände vors Gesicht. »Oh mein Gott«, klang es dumpf zwischen ihren gespreizten Fingern hervor. »Die Schrate haben erneut versucht, ein Kind an sich zu bringen. Genau wie Paul und wie auch schon Sebastian.«
»Damit hören sie niemals auf, sie finden Kinder eben niedlich, genau wie du Welpen oder Katzenbabys toll findest«, rief Ada dazwischen. »Ganz besonders aufschlussreich finde ich allerdings den Ort des Geschehens: Dukes Meadows.«
Valerie ließ die Hände sinken, die jetzt leicht zitterten und verrieten, wie heftig das Adrenalin in ihr strömte. »Ein Erholungsgebiet mit Spielplätzen, Planschbecken und Grünflächen. Ein Ort, an dem sich immer wieder Kinder aufhalten, manche von ihnen vielleicht auch mal kurz unbeaufsichtigt, sodass die Schrate sie aufräumen können.«
»Zum Erholungsgebiet Dukes Meadows gehört vor allem auch ein hübscher Golfplatz und das alles finden wir in Chiswick.« Ada klatschte in die Hände. »Ich denke, es wird Zeit, unsere Golfschläger wieder auszumotten, Teddy. Nicht nur um Schratschädel zu verbeulen, sondern auch um mal wieder zu spielen. Meine Güte. Ich glaube, zum Golfen habe ich die Schläger schon ewig nicht mehr benutzt.«
Kapitel 4 - Große Gefühle
Oktober 1965
RICHARD
»Oh, da haben Sie sich aber viel vorgenommen«, hörte Richard eine weibliche Stimme sagen, als er den Bücherstapel vor sich auf dem Tisch abstellte.
Überrascht bemerkte er, dass gegenüber eine ihm bereits bekannte junge Dame Platz genommen hatte. Charlotte Heyworth – heute in einem cremefarbenen Hosenanzug mit breitem Gürtel, der ihre schlanke Figur ausgezeichnet zur Geltung brachte – lächelte ihn freundlich an, während ihre blinden Augen einen Punkt irgendwo rechts von ihm zu fixieren schienen. Er gestand sich selbst ein, dass er sich über ihren Anblick freute.
»Was führt Sie denn in diese Bibliothek?«, fragte er und wusste, dass er so verwirrt klang, wie er sich fühlte. »Studieren Sie Bücher in Blindenschrift? Und woher wussten Sie, dass ich es bin und wie viele Bücher ich vor mir hertrage?«
Ihr Lächeln wurde eine Spur breiter. »Dass Sie es sind, weiß ich, weil zwei geschwätzige Studentinnen, die jetzt nur ein paar Regale von uns entfernt miteinander kichern, vor wenigen Augenblicken Ihren Namen erwähnt haben. Dass es nicht gerade wenig Bücher sind, die Sie einsehen wollen, habe ich Ihrem angestrengten Stöhnen entnommen, Mister Blunt.«
Das Räuspern einer Bibliothekarin ließ Richard die Stimme senken, als er antwortete: »Sie sind entsetzlich clever, Miss Heyworth. Darf ich Charlotte zu Ihnen sagen?«
Sie nickte und erwiderte leise: »Sehr gerne, Richard. Übrigens verbringe ich sehr viel Zeit in der Bibliothek. Die Auswahl an Büchern in Blindenschrift ist erschreckend klein, doch zuweilen finde ich jemanden, der mir vorliest. Bist du ein guter Vorleser?«
»Nein, ich gehöre zu denen, die jeden Zuhörer innerhalb von Minuten vertrieben oder eingeschläfert haben«, gestand Richard. »Soll ich dir trotzdem erzählen, welche Bücher ich mir mitgebracht habe?«
Als sie ein weiteres Mal nickte, begann Richard die Buchtitel herunterzurattern, die ihm plötzlich viel weniger interessant als noch vor einigen Augenblicken erschienen. Es waren fast ausnahmslos archäologische Werke. Bücher, die sich mit Hieroglyphen und Höhlenmalerei auseinandersetzten. Richard hatte nämlich beschlossen, das Pferd von hinten aufzuzäumen. Er würde am entferntesten Ende der Weltgeschichte beginnen, um festzustellen, ob diese seltsamen Zerberusse des Professor Ingress irgendwann schon einmal gesehen worden waren. Martin Holt, so hatten sie es vereinbart, würde die Geschichte in entgegengesetzter Richtung durchpflügen. Wie zwei Männer, die einen Tunnel durch einen Berg gruben, hofften sie, irgendwann, in irgendeiner Epoche, einander die Hand schütteln zu können. Perfekt wäre es, wenn sie dann auch irgendeine Erkenntnis vorzuweisen hätten.
»Es sind gar keine literarisch bedeutenden Werke in deiner Auswahl enthalten«, bemängelte Charlotte und krauste die Nase. Richard bemerkte, dass sie drei Sommersprossen auf dem rechten Nasenflügel hatte. »Könnte das, was wir alle suchen, nicht auch in einem Gedichtband oder einem Brief auftauchen?«
»Das könnte es sicherlich«, räumte Richard ein. »Aber irgendwo muss ich ja anfangen. Und mir kam die Idee, das Geschöpf unter alten Abbildungen zu suchen. Vielleicht werde ich ja fündig.«
»Setz dich neben mich«, bat Charlotte und klopfte auf die Sitzfläche des freien Stuhls neben sich. »Erzähl mir, was du auf den Abbildungen in den Bänden siehst. Lies mir vor, was du liest. Ich bin schon ganz gespannt auf deine Welt.«
Glücklich, nahezu aufgekratzt, wechselte er den Platz, zog den Bücherstapel nah heran, nahm das Oberste an sich und schlug es auf. Charlotte umfasste seinen Arm und lehnte sich an ihn. Sie schien auf die Buchseiten hinabzublicken.
»Kannst du wirklich gar nichts sehen?«, fragte Richard neugierig.
»Doch«, räumte sie ein. »Schatten und manchmal ein paar Lichtblitze. Aber das ist wenig hilfreich, wenn man ein Buch lesen möchte.«
»Und …« Richard zögerte etwas mit seiner nächsten Frage, weil er fürchtete missverstanden zu werden. »… was genau machst du, ich meine, was ist deine Aufgabe bei …«
»Unserem Projekt?«, half Charlotte ihm ganz unbefangen aus seiner Verlegenheit.
Er nickte.
»Hast du gerade genickt?«
Er nickte wieder.
Sie lachte. »Also, das musst du dir abgewöhnen, wenn du mit mir sprichst, ja? Nicht dass ich dein Nicken nicht bemerkt hätte, aber es ist schon einfacher, wenn du mit mir redest.«
Richard lachte ebenfalls und genoss den wunderbaren Moment. Ein Mädchen, ein wunderschönes und kluges Mädchen war ihm so nah, dass es sein Nicken fühlen konnte. Er hatte das sichere Gefühl, dass sein Leben gerade unter einem guten Stern stand, der ihn zu Ingress und zu Charlotte geführt hatte. Mochte Martin in seiner Selbstherrlichkeit auch manchmal etwas anstrengend sein, er hatte ihm auf den richtigen Weg verholfen.
»Ich gehöre zum Team der Verhaltensforscher«, beantwortete Charlotte ihm seine Frage, die er schon fast vergessen hatte. »Du denkst jetzt sicher, dass man dafür doch sehen können müsste, aber das Verhalten von Menschen und Tieren und auch diesen Kreaturen lässt sich nicht nur mit dem Auge erforschen. Viele meiner Kollegen verlassen sich sogar zu sehr auf das, was sie sehen.« Sie grinste spitzbübisch. »Ich nutze alle meine Sinne, ich rieche, taste, höre, schmecke. Ich bemerke vieles, was anderen entgeht. Deswegen bin ich nahezu unentbehrlich, das darfst du mir glauben.«
Richard glaubte ihr. Doch als ihm die volle Bedeutung ihrer Worte bewusst wurde, traf es ihn wie ein Keulenschlag. »Aber das heißt ja, dass du für deine Forschungen hinter das Glas gehen musst. Zu den Kreaturen auf die andere Seite.«
»Hast du Angst um mich, Richard?« Sie klang amüsiert. »Hilft es dir, wenn ich dir sage, dass ich bisher nur betäubte Exemplare dieser Spezies genauer untersucht habe?«
»Betäubt?« Richard stellte sich vor, wie jemand mit einem Holzhammer hinter das Glas zu den Wesen schlich, eines von ihnen niederschlug und es aus dem Gang bis zu einem Untersuchungstisch schleppte.
»Sie stehlen unser Essen«, klärte Charlotte ihn auf. »Man muss es nur eine Weile unbeaufsichtigt herumstehen lassen und dann ist es irgendwann weg. Wir haben noch nicht herausbekommen, wie sie es anstellen, aber wir sind ja auch noch am Anfang. Wir selbst haben einige Zugänge, Türen, um genau zu sein, zu ihren Tunneln einbauen lassen. Eigentlich sollten diese immer verschlossen sein, damit die Wesen nicht zu uns auf die andere Seite kommen, aber das klappt wohl nicht besonders gut.« Sie seufzte. »Vielleicht haben die Schrate aber auch eine Möglichkeit gefunden, die verschlossenen Türen zu öffnen, irgendwie kommen sie jedenfalls an unser Essen. Erwischen wir einen außerhalb ihrer Gänge, versuchen wir, ihn mit einem Schuss aus einem Betäubungsgewehr schlafen zu schicken. Die Kreaturen reagieren sehr schnell auf einen Treffer und schlafen fast sofort ein.« Charlottes Stimme klang plötzlich sehr sachlich und gar nicht mehr amüsiert. »Wir haben Überwachungskameras angefordert, um herauszufinden, wie sie von ihren Gängen in unsere Räume gelangen. Wenn wir diese erst genehmigt bekommen und installiert haben, wird alles leichter. Dass man für Arbeitsmaterial immer eine Genehmigung braucht, ist lästig, aber nicht zu ändern. Schließlich gibt die Regierung eine Menge Geld für das Projekt aus.«
Zum ersten Mal fragte sich Richard, welches Interesse genau hinter den Bemühungen der Geldgeber steckte, dieses Projekt voranzutreiben. Und dann auch noch in aller Stille und klammheimlich. Was versprach man sich andernorts von seiner Arbeit? Um reine Neugier konnte es dabei nicht gehen, oder doch?
»Jedenfalls haben wir dank des Betäubungsgewehrs schon das ein oder andere Geschöpf genauer untersucht. Und bevor es aufwacht, bringen wir es durch eine Stahltür zurück in einen der Tunnel. Zum Dank lege ich dem Wesen immer etwas Essen dazu. Sie sind Allesfresser, wie mir scheint. Egal ob Fleisch oder Schokolade, sie nehmen alles dankbar an.« Jetzt klang sie wieder fröhlich.
Richard aber blieb nachdenklich. Die Schrate verschafften sich also Zutritt in die Labore, sei es durch Türen, die jemand vergessen hatte, abzuschließen, oder auf einem anderen geheimnisvollen Weg. Das war ein beunruhigender Gedanke. Er hatte irgendwie geglaubt, dass das Plexiglas eine wirksame Barriere zwischen ihm und den Wesen darstellte. Dabei erleichterte es tatsächlich nur die Beobachtung, ohne sie zu schützen.
»Was ist los mit dir, Richard?« Charlotte neben ihm richtete sich kerzengerade auf. »Ich kann spüren, dass du gerade wachsam geworden bist. Ist etwas nicht in Ordnung?«
Richard sagte es ihr. »Mir gefällt der Gedanke nicht, dass es diesen Wesen möglich ist, einfach so neben uns aufzutauchen. Dass sie kommen und gehen können, wie es ihnen gefällt.«
Charlotte lachte erleichtert auf. »Aber das wollen sie doch gar nicht. Wenn sie das wollten, dann hätten sie es längst getan. Nein, sie bleiben am liebsten in ihren Wänden und kommen nur daraus hervor, um sich Essen oder nützliche Gegenstände anzueignen.«
Nahrung und nützliche Dinge wie etwa einen Korkenzieher? War das wirklich alles, was diese Zerberusse wollten? Und was wollte die Regierung im Gegenzug von ihnen?
Richard strich nachdenklich über die aufgeschlagene Seite des Buches auf seinem Schoß. Wusste er genug über seine neue Arbeit, um sich ihr ganz hinzugeben? War das Misstrauen, das er Ingress und dem ganzen Projekt noch immer entgegenbrachte, unbegründet?
»Lies vor, Richard. Fang einfach irgendwo an.« Charlotte kuschelte sich an ihn, ließ die Slipper von den Füßen gleiten und zog die Beine an. Niemals hatte ein Stuhl in einer Bibliothek gemütlicher ausgesehen. Richard vergaß, worüber er gerade noch nachgedacht hatte, und genoss den Moment.
Er erzählte Charlotte von den Funden ägyptischer Ausgrabungsstätten, beschrieb ihr Bildnisse, Symbole und Hieroglyphen und bemerkte sehr schnell, dass er sich bei dieser Methode viel genauer und intensiver mit den Abbildungen auseinandersetzte, als er es sonst getan hätte.
Charlotte war eine gute Zuhörerin. Ganz still saß sie an seinen Arm gelehnt da und unterbrach ihn nie. Richard konnte ihre Wärme, ihren Atem auf der Haut seines Unterarms spüren. Und er wusste, dass er im Begriff war, sich in diese zarte Frau, die so viel sah, ohne sehen zu können, gerade verliebte.
»Entschuldigung«, hörte er da plötzlich eine Frauenstimme flüstern.
Richard hob den Kopf und erkannte, dass eine der Angestellten der Bibliothek an sie beide herangetreten war und einen Zettel in der Hand hielt.
»Gerade eben habe ich einen Anruf für Miss Heyworth erhalten. Von Mister Millar. Er klang etwas ungehalten und meinte, Sie sollten sofort zu ihm kommen.«
Charlotte richtete sich mit einem Seufzer auf und tastete mit ihren nackten Zehen nach ihren Slippern, um hineinzuschlüpfen. »Das ist Walter, mein Teamkollege. Der Kerl stöbert mich einfach überall auf.«
»Nur dein Kollege?«, fragte Richard und bemerkte zu spät, dass er eifersüchtig klang. Er biss sich auf die Lippen.
Doch Charlotte schien erfreut und amüsiert. Sie beugte sich vor, berührte mit ihren Lippen fast sein Gesicht und hauchte: »Ja. Nur ein Kollege.« Dann erhob sie sich. »Das kann nur bedeuten, dass sie ein neues schlafendes Forschungsobjekt für uns haben. Also mache ich mich auf den Weg zu Zugang Drei. Möchtest du mitkommen, Richard? Hast du ein Auto? Dann ginge es schneller.«
»Sehr gern.« Richard ließ die Bücher einfach auf dem Tisch vor sich liegen und erhob sich ebenfalls. »Ein Auto habe ich allerdings nicht. Wir müssen die U-Bahn nehmen. Ich kann dich hinführen, wenn du mir sagst, in welche Richtung wir eigentlich aufbrechen.«
»Bitte nicht führen.« Charlotte klang weinerlich. »Immer wenn jemand versucht, mich irgendwo hinzuführen, komme ich langsamer voran als ohne diese gut gemeinte Unterstützung.« Sie feixte. »Wir müssen nach Greenwich. Dort, im Zugang Drei, werde ich dich mit Walter Millar, einem aufstrebenden Radiologen, bekannt machen. Und du wirst schnell verstehen, warum er nur ein Kollege ist und auch bleiben wird. Er ist ein wenig zickig.«
September 2019
ADA
Ada nahm Maß, holte aus und sah zu, wie ihr Golfball hoch ins Blau des Septemberhimmels stieg, um punktgenau neben dem nächsten Loch zu landen. Sie lächelte.
»Es macht keinen Spaß, mit dir zu spielen, Ada.« Teddy klang frustriert und zog einen anderen Schläger aus seiner Golftasche, begutachtete ihn, steckte ihn zurück, um einen weiteren hervorzuholen. »Andere Kindermädchen lassen ihre Schützlinge beim Spielen gewinnen, wusstest du das?«
»Davon habe ich nie viel gehalten«, erwiderte Ada und hob eine Augenbraue. »Für Kinder unter fünf Jahren mag das ja noch angehen, aber du, mein lieber Teddy, hast jetzt fast die Vierzig erreicht, Valerie ist noch ein paar Jahre älter und sogar die liebe Jig könnte bald ihren Führerschein machen. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich einen von euch noch in Watte packen werde, oder?«
»Watte?« Jetzt war es Teddy, der eine Augenbraue hob. »Ich spreche von Gnade, Ada. Es wäre nett, wenn du mir wenigstens den Hauch einer Chance lassen würdest.«
»Hattest du doch«, behauptete Ada. »Vorhin beim siebten Loch sah es ganz gut für dich aus.«
Teddy grummelte etwas, wählte einen Schläger ohne genaue Begutachtung und schlug einen Ball grob in die richtige Richtung.
Ada kommentierte den Schlag nicht. Stattdessen ließ sie den Blick über das Grün wandern. In Dukes Meadows war der 9-Loch Kurzpark rund um einen See angelegt worden. Überall bildeten Bäume und Büsche kleine Inseln, die dem Gelände das Bild eines gepflegten Parks gaben. Obwohl die Sonne langsam tiefer sank, war dieser Ort belebt.
Ada konnte das Geschrei glücklicher Kinder vom nahen Spielplatz hören. Dort versuchte Jig Kontakte mit jungen Müttern zu knüpfen, um in Erfahrung zu bringen, ob es noch weitere bemerkenswerte Vorkommnisse in Dukes Meadows gegeben hatte. Valerie hielt sich derweil im Clubhaus auf und tat dasselbe.
Sie hatten sich aufgeteilt, um möglichst schnell viel über die Örtlichkeit in Erfahrung zu bringen. Teddy und sie hatten während des Spiels das Gelände erkundet, aber keinerlei Auffälligkeiten bemerkt. Ada hatte auch nicht wirklich erwartet, plötzlich im Grün eines Buchsbaums zwei spitze Schratohren zu erblicken, so einfach machten es die Kerle einem meist nicht. Aber irgendein Hinweis, dass sie auf der richtigen Spur waren, wäre nett gewesen.
Ada seufzte. »Teddy, lass uns zu Valerie gehen. Ich könnte jetzt ein großes Glas eisgekühlte Limonade vertragen, und du brauchst vermutlich einen Drink zum Trost.«
»Klingt verlockend«, stimmte Teddy zu. »Ich liege sowieso uneinholbar weit hinten.«
»Niemand will den, der hinten liegt, einholen, Teddy. Rede keinen Blödsinn.«
Teddy brummte etwas Unverständliches und lief voran.
Ada folgte ihm in gemäßigtem Tempo. Die Tage, an denen sie spürte, dass sie älter wurde, häuften sich. Aber was machte es schon, nicht die Erste an der Bar zu sein, solange man während des Spiels immer noch vorn lag?
Vor dem Clubhaus, unter einem farbenfrohen Sonnenschirm, saß auf einer Holzbank Jig und war ins Gespräch mit einem Mann vertieft. Ada runzelte die Stirn. Wurde sie senil oder war das nicht anders verabredet gewesen? Warum behielt Jig nicht den Spielplatz, die Kinder und ihre Mütter im Auge?
Beim Näherkommen bemerkte Ada, dass Jigs Gesprächspartner das Rentenalter schon eine ganze Weile genoss. Sie schätzte ihn auf Mitte siebzig, vielleicht auch älter.
»Wo ist Valerie?«, hörte Ada Teddy rufen, während er gleichzeitig dem alten Mann die Hand schüttelte.
»Wir haben die Plätze getauscht«, gestand Jig und sah ein wenig zerknirscht aus. »Ich habe mich auf dem Spielplatz nicht so recht wohlgefühlt. Hier ist es angenehmer.«
Ada gab ein leises Schnauben von sich. Dieses Mädchen kannte nur einen Ratgeber und das war ihre allgegenwärtige Angst. Vermutlich hatte sie sich irgendetwas eingebildet oder war vor ihrem eigenen Schatten aus der Sonne bis hierher unter den Schirm geflohen.
Na egal. Valerie konnte sich ebenso gut mit Müttern und ihren Kindern unterhalten wie mit Golfern beim Drink. Und wenn Jig sich hier wohler fühlte, dann war es vielleicht ganz gut so. Hoffentlich hatte sie was Interessantes erfahren.
»Walter besucht schon seit über vierzig Jahren diesen Park«, verkündete Jig in diesem Moment stolz. »Er kennt Dukes Meadows wie seine Westentasche.«
Das alte Männchen erhob sich mühsam von seinem Sitzplatz, als Ada sich ihm näherte, und hielt ihr seine fleckige Rechte entgegen. Mit der Linken zog er sich die Golfkappe vom Kopf, und darunter kam eine nicht weniger von Altersflecken gesprenkelte Halbglatze zum Vorschein.
»Millar ist mein Name. Walter Millar. Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
Noch während Ada die Hand des Alten schüttelte, kehrte Teddy von einem Ausflug an die Bar zurück, ein Tablett mit Erfrischungen vor sich her tragend. Für Ada stellte er eine Limonade auf den Tisch, für alle anderen bis zum Rand gefüllte Biergläser. Jig verzog kurz das Gesicht und ließ ihr Glas unberührt stehen.
»Sie sind hier also so gut wie zu Hause, Mister Millar«, bemerkte Ada und ließ sich mit einem Ächzen auf einem der Holzstühle nieder. Er war zu schmal. Die Lehnen drückten ihr in die Seiten.
»Fast mein ganzes Leben habe ich in Chiswick gelebt. Ich wohne hier ganz in der Nähe in einem hübschen Bungalow. Etwas altmodisch vielleicht, aber gemütlich. Ich habe das Haus gewissermaßen geerbt.«
»Wie kann man etwas gewissermaßen erben?«, wollte Ada wissen.
»Nun ja …« Walter Millar schien nach Worten zu suchen. »Ein Freund hat es mir überlassen, wenn man so will. Er wollte, dass sich jemand um das Gebäude kümmert, es instand hält und vor dem Verfall bewahrt.«
»Aha.« Ada nippte an ihrer Limonade und genoss die Kühle auf ihren Lippen und den erfrischenden Geschmack der Zitrone. »Und Sie leben dort allein?«
»Gewissermaßen, ja.« Der Alte lächelte und wechselte dann abrupt das Thema.
Ada fragte sich, wie man gewissermaßen allein leben konnte, schwieg aber.
Mit seinem knorrigen Zeigefinger auf Jig deutend, fuhr der Mann fort: »Ihre junge Freundin hier hat mir verraten, dass Sie Dukes Meadows heute aus Neugier einen Besuch abstatten. Wegen der seltsamen Zeitungsartikel, die in den letzten Tagen über diesen Ort zu lesen waren.«
Adas Finger krümmten sich, ihre Lippen pressten sich fest aufeinander. Sie warf ihrem Schützling einen strafenden Blick zu, woraufhin Jig schuldbewusst den Kopf einzog.
Walter Millar aber gab ein heiseres Lachen von sich. »Ich vermute mal, dass es viele Neugierige in den kommenden Tagen hierhertreiben wird. Schwarze Hunde, die aufrecht gehen. Ja, das klingt schon recht abenteuerlich.«
»Sie glauben nicht, dass da etwas Wahres dran sein könnte?«, wollte Ada wissen und versuchte, möglichst unbedarft zu erscheinen. Wenn Jig schon einen so plumpen Weg für ihre Nachforschungen gewählt hatte wie die Wahrheit, dann musste sie die Rolle der Schaulustigen nun auch weiterspielen.
»Da ist ganz gewiss was dran, meine Liebe.« Der Alte lachte. »Hier in der Gegend gab es mal einen verrückten Gastwirt. Der hielt sich Kängurus und verkaufte das Fleisch in seinem Restaurant als Spezialität. Dann ging der Laden pleite, der Typ verließ das Land und ließ seine Kängurus zurück. Was die Lady für einen Hund auf zwei Beinen gehalten hat, war vermutlich ein damals ausgebrochenes Känguru. Wussten Sie eigentlich, dass in England schon seit 1900 Populationen wild lebender Kängurus bekannt sind? Ist schon unglaublich, was die Leute alles so ins Land schleppen. Tee war eine gute Idee, indisches Essen war eine gute Idee, aber lebende Kängurus? Das hätte es nicht gebraucht.«
»Ein schwarzes Känguru?«, hakte Ada nach und trank einen großen Schluck Limonade. »Meines Wissens handelt es sich bei den wild lebenden Kängurus in unserem Land zumeist um Rotnackenwallabys. Die sind, wie ihr Name verrät, eher rötlich gefärbt.«
»Tja, es wurde schon etwas dunkel, da kann man sich leicht mal irren. Auch in der Farbe.« Walter Millar erhob sich und trank sein Pint in einem Zug aus. »Ich muss jetzt aber wirklich los. Vielen Dank für das Bier. Vielleicht sieht man sich mal wieder. Dukes Meadows ist auch ohne aufrecht laufende Hunde ein hübscher Ort.« Er lachte und wackelte auf seinen dürren Beinen davon.
Ada sah ihm hinterher. Dann sagte sie: »Geh ihm nach, Teddy. Ich will alles über diesen Mister Millar wissen, der gerade versucht hat, mir einen Schrat als Känguru zu verkaufen. Vielleicht ist das eine heiße Spur.«
Teddy erhob sich folgsam und schlenderte gemütlich davon. Gerade als Ada sich Jig vornehmen wollte, um ihr den Kopf zu waschen, weil ihr nichts Besseres eingefallen war, um den Alten zum Reden zu bringen, erschien Valerie an ihrem Tisch. Sie wirkte verschwitzt und zerzaust. Ada nahm an, dass heute nicht nur Kinder auf der großen Rutsche abwärts gesaust waren.
»Dukes Meadows ist ein großartiger Ort. Wenn alles vorbei ist, werde ich mit Paul einmal hierherkommen.«
»Wenn alles vorbei ist?« Ada blinzelte. Valerie stand direkt vor der sinkenden Sonne.
»Wenn es hier keine seltsamen Hunde und keinen seltsamen Herrn mit Schlapphut mehr gibt«, antwortete Valerie und setzte sich. »Die Mütter auf dem Spielplatz haben mir erzählt, dass sie Hunde, die der Fantasie einiger überreizter Zeitgenossen entsprungen sind, viel weniger fürchten als den eigenartigen Mann mit Schlapphut und schwarzem Mantel, der seit einiger Zeit hier herumstreicht. Immer allein, immer unterwegs. Er spielt kein Golf, spricht mit niemandem und taucht manchmal ganz überraschend aus einer der Baumgruppen auf.«
Ada biss sich auf die Lippen und stellte das Limonadenglas ab. Offensichtlich waren sie und ihr kleines Team nicht die Einzigen, die hier in Dukes Meadows nach etwas suchten.
Kapitel 5 - Neue und alte Feindschaften
Oktober 1965
WALTER MILLAR
Als Charlotte in Begleitung eines jungen und attraktiven Mannes den Hausflur von Zugang Drei betrat, wusste Walter sofort, dass er im Kampf um ihre Gunst einen ernst zu nehmenden Konkurrenten bekommen hatte.
»Walter, das hier ist Richard. Er wird einmal Historiker und Archäologe«, stellte sie ihm den Neuankömmling vor.
Walter musterte sein Gegenüber. Dunkle, zurückgekämmte Haare, ein markantes Kinn, eine etwas zu kurz geratene Nase, aber das alles konnte Charlotte ja gar nicht sehen, fiel ihm ein. Auch nicht den dunkelgrünen Rollkragenpullover, der so eng saß, dass er nur einem schlanken Mann wie eben diesem Richard schmeicheln konnte.
»Sehr erfreut.« Walter meinte nicht, was er sagte. Er konnte es im Lächeln des angehenden Archäologen lesen, wie verliebt er bereits in Charlotte war. Die hübsche Charlotte, an die Walter sein Herz schon vor Wochen verschenkt hatte.
»Geht mir ebenso«, antwortete der andere und reichte ihm ganz unbefangen die Hand.
Natürlich. Dem Kerl war nicht sofort klar, dass er einen Konkurrenten um die Gunst Charlottes vor sich hatte. Er sah nur einen kleinen Mann, der zu früh sein Haupthaar verlor und dessen Gebiss ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Hamster eintrug.
»Charlotte war der Ansicht, dass dies eine Gelegenheit sein könnte, eines der Wesen einmal aus der Nähe zu betrachten«, fuhr der Neue fort. »Ist es wahr? Haben Sie gerade ein betäubtes Exemplar zur Untersuchung vorliegen?«
Walter knirschte mit den Zähnen. Er hatte darauf gehofft, ein halbes Stündchen mit Charlotte allein arbeiten zu können, und nun brachte sie diesen Kerl mit. Doch er konnte nicht riskieren, den Neuen einfach fortzuschicken. Ingress erwartete von all seinen Mitarbeitern Teamgeist, unbegrenzte Bereitschaft zur Zusammenarbeit und absolute Transparenz bezüglich der Arbeit in den unterschiedlichen Teams. Und Walter lag nichts ferner, als bei Ingress in Ungnade zu fallen.
»Tja, dann kommen Sie eben mit.« Er hielt diesem Richard einen Laborkittel hin. »Ziehen Sie das über. Und ein bisschen Beeilung bitte, die Betäubung wird bald nachlassen. Lange schläft dieses Exemplar nicht mehr.«
»Es war nicht leicht, mit öffentlichen Verkehrsmitteln bis hierher zu kommen«, verteidigte sich Charlotte unnötigerweise und griff, wie immer völlig zielsicher, nach ihrem eigenen Laborkittel, der einen festen Platz neben der Tür hatte. »Fertig, wir können starten.«
Walter öffnete die Tür zum Untersuchungsraum und ließ beiden den Vortritt.
»Du meine Güte«, rief der Neue. »Es sieht wirklich aus wie eine Art Hund, findest du nicht? Ein Hund auf Stelzen. Und er ist ganz schwarz, als hätte man ihn mit Lack überzogen.«
»Sein Atem geht schnell, aber noch regelmäßig«, stellte Charlotte fest. Walter wunderte sich jedes Mal darüber, was sie alles hörte und spürte. »Es geht ihm gut, und er macht keinerlei Anstalten, aufzuwachen. Wir haben noch Zeit, ihn uns anzusehen.« Und an den zukünftigen Archäologen gewandt, fuhr sie fort: »Wir mussten feststellen, dass ihre Atmung angestrengter wird, je länger wir sie bei uns hier draußen haben. Erst wenn sie wieder bei ihren Artgenossen sind, erholen sie sich rasch vollständig. Ich halte es für ein soziales Phänomen. Dem Zerberus geht ohne seine Artgenossen irgendwann die Luft aus. Er ist ein Rudeltier und nur als solches überlebensfähig.«
»Und ich habe dir bereits gesagt, dass ich dir da nicht zustimme«, warf Walter ein und trat neben Charlotte an den Untersuchungstisch, auf dem eines der wirklich erstaunlichen Geschöpfe lag.
Walter war kein Fachmann für Atemwege, auch nicht für Atemwegserkrankungen, aber er hatte den Eindruck, dass die zunehmende Kurzatmigkeit dieser Geschöpfe eine organische Ursache hatte. Und die Röntgenbilder, die er heute vom Brustkorb dieses Exemplars gemacht hatte, schienen diesen Verdacht zu bestätigen.
»Ich wünschte, du könntest die Bilder seines Torsos sehen, die ich an die Wand gehängt habe«, sagte er zu Charlotte. »Die Lungen dieses schwarzen Kerlchens sehen ganz anders aus als unsere. Mehr wie ein Tank und ein Blasebalg, wenn du mich fragst.«
»Ziemlich schlechte Bilder«, bemerkte Richard und studierte die Aushänge an der Wand.
Walter warf ihm einen geringschätzigen Blick zu. »Es ist nicht einfach, durch die harte Schale dieser Wesen hindurch zu röntgen. Sie haben mehr von einer Nuss an sich, als es im ersten Moment scheint. Sie sind wirklich in jeder Hinsicht schwer zu knacken.«
Er beobachtete, wie Richard seine Hand ausstreckte und den schwarzen Körper vorsichtig berührte. Wie die meisten vor ihm zog er seine Finger schnell wieder zurück.
»Es fühlt sich nicht wie etwas Lebendiges an.«
Das hatte Walter auch gedacht, als er eines der Wesen zum ersten Mal angefasst hatte.
In diesem Moment öffnete sich fast geräuschlos die Tür, durch die sie eben erst eingetreten waren.
Charlotte fuhr herum. »Wer ist da?«
»Ein Mädchen«, wurde sie von Richard aufgeklärt, der angesichts des kleinen Kindes im rot-weißen Strickkleid und mit roten Geschenkpapierschleifen in den Zöpfen angemessen entsetzt klang.
Walter konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Keine Panik, das ist nur Kitty. Was willst du denn hier, du kleiner Wicht?«
»Kitty!« Charlotte klang streng. »Wie oft haben wir dir gesagt, dass du dieses Zimmer nicht betreten sollst? Geh und spiel in der Küche.«
Das Kind trat, einen filzigen Teddybären unter den Arm geklemmt, augenblicklich den Rückzug an. Sie war eine leidlich folgsame Vierjährige. Walter mochte die Kleine eigentlich recht gern.
»Wer ist sie?«, fragte Richard und klang noch immer mittelmäßig entsetzt. »Was hat ein Kind hier verloren? Kinder kann man nicht zur Geheimhaltung verpflichten, sie plaudern alles aus, sie …«
»… sind Kinder, weswegen ihnen niemand glaubt«, fiel Walter dem Neuen ins Wort und lächelte herausfordernd. »Das ist Kitty Ingress, die Tochter des Professors. Wann immer ihre Mutter zu einem dringenden Einkaufsbummel in die Stadt muss, wird Kitty bei ihrem Vater abgeladen. Oder wahlweise bei mir, denn ich genieße das uneingeschränkte Vertrauen von Misses Ingress.«
»Was so viel bedeutet wie: Er hat sich bei ihr eingeschleimt.« Charlotte verschränkte die Arme vor der Brust. »Und als Ergebnis davon dürfen wir jetzt während unserer Arbeitszeit regelmäßig Babysitter spielen. Ich finde das nicht richtig, wenn ihr mich fragt. Richard hat ganz recht. Ein Kind gehört hier einfach nicht her.«
»Sie stört doch gar nicht«, verteidigte Walter sich und das kleine Mädchen. »Sie sitzt am Küchentisch und malt, na wenn schon? Noch bevor es dunkelt, wird ihr Vater sie wieder abholen. Oder ihre Mutter.«
»Und das ist der wahre Grund, warum Walter sich so rührend um Kitty kümmert.« Charlotte feixte und tastete nun mit fast zärtlichen Bewegungen den Körper des schwarzen Wesens zwischen ihnen ab. »Da kann er sich sicher sein, dass sein Idol, Marcus Ingress, einmal täglich im Zugang Drei vorbeischaut.«
»Du weißt ja nicht, was du redest«, fauchte Walter, spürte aber, dass er rot anlief. Es stimmte ja. Sosehr er für Charlotte schwärmte, so sehr bewunderte er den Mann, der dieses Projekt möglich gemacht hatte. Zugang Drei hätte für Walter der beste Ort der Welt sein können, wenn es nicht noch andere wie diesen Richard geben würde.
»Riecht ihr eigentlich auch die Orangen, wenn ihr euch über ihn beugt?«, flüsterte Charlotte, die ihre Nase jetzt ganz dicht an den Rumpf des fremden Wesens gebracht hatte.
In diesem Moment wurde ihr Gesicht von einem gelben Lichtstrahl getroffen. Das Wesen hatte seine Augen einen Spaltbreit geöffnet.
»Er wird wach«, stellte Walter fest. »Wir müssen ihn zurückbringen.«
»Könnten Sie das Betäubungsmittel nicht einfach nachspritzen?«, fragte Richard.
Walter zog demonstrativ seine Augenbrauen hoch. »Habe ich nicht bereits erwähnt, dass diese Gattung viel von einer Nuss hat? Mit einer Injektionsnadel kommen wir da gar nicht durch, deswegen geben wir ihnen lieber ein schnell wirkendes Betäubungsmittel ins Essen, das wir für sie in einem für uns einsehbaren Gang herumstehen lassen. Oder wir versuchen es mit einem Schuss aus unserem Betäubungsgewehr, aber die Projektile dringen nicht immer durch die Schale. Welche Methode wir auch wählen, meist gelingt es ihnen nicht mehr, sich rechtzeitig vor Einsetzen der Wirkung tiefer in die Tunnel zu flüchten. Dann gehen wir kurz rein, packen sie auf diese Liege und nehmen unser Versuchskaninchen in Augenschein.«
Der Neue griff prüfend nach einer Klaue des Wesens und drehte sie um. »Es müssen doch aber elastische Stellen in diesem Außenpanzer vorhanden sein, wie könnte er sonst seine Finger, Füße oder Knie benutzen?«
»Es gibt da gummiartige Hautfalten, die diese Bewegungen ermöglichen«, räumte Walter ein. »Aber auch dort ist es schwierig, eine Nadel hineinzubekommen, diese Viecher sind einfach zäh.«
Jetzt fing der Körper auf der Liege an, sich zu bewegen. »Tragen wir ihn rasch zurück«, ließ sich nun Charlotte vernehmen. »Ich möchte nicht riskieren, dass er schlecht gelaunt aufwacht und auf uns losgeht.« Mit flinken Fingern befestigte sie noch ein nummeriertes Metallband am Fußgelenk des Wesens, umklammerte dann auch das zweite Fußgelenk und wartete nur noch auf Walters Kommando.
Dieser sah den Neuen auffordernd an, der damit aber nichts anzufangen wusste. Er machte im Gegensatz zu Charlotte auch keine Anstalten, die Kreatur hochzuheben. Dieser Richard schien geradezu wie erstarrt.
»Was ist denn los mit Ihnen?«, fauchte Walter etwas schärfer als nötig. »Können Sie sich nicht konzentrieren oder wollen Sie nicht?«
»Entschuldigung«, stammelte der andere. »Ich war für einen Moment abgelenkt. Ich denke, ich habe … ich glaube …«
»Was Sie glauben, interessiert mich nicht«, blaffte Walter und griff nach den Schultern des Schrates. »Wenn Sie einen Moment für Ihren Glauben brauchen, dann gehen Sie lieber zu Kitty in die Küche. Der Schrat hier muss schnell wieder in seinen Lebensraum zurück.«
»Ja, aber wie denn?« Dieser Richard sah sich hektisch um und entdeckte erst jetzt die Plexiglaswand an der Rückseite des Untersuchungsraumes. »Ach, Sie haben hier auch so ein Fenster zur Unterwelt?«
Charlotte kicherte und Walter konnte sich ein leichtes Kopfschütteln nicht verkneifen. »Das ist ein unter Beobachtung stehender Gang, davon sprach ich doch bereits. Schließlich wollen wir so viel wie möglich über diese Kerle in Erfahrung bringen. Und jetzt öffnen Sie bitte die Metalltür, die sich links neben der Scheibe befindet. Drehen Sie den Schlüssel herum und ziehen Sie die Tür auf, dann tragen wir den hier zurück in seinen Tunnel.«
Richard gehorchte, lief eilig an Walter vorbei zu besagter Tür, deren Schlüssel sich einen Augenblick später knackend im Schloss drehte.
»Eins, zwei, drei«, kommandierte Walter und hob den jetzt bereits zuckenden Körper des Wesens gleichzeitig mit Charlotte an.
Gemeinsam schleppten sie ihre Last an Richard vorbei in den nach Erde riechenden Tunnel, legten ihn auf dem Boden ab und brachten sich eilig wieder im Untersuchungsraum in Sicherheit.
Als Walter die Tür gewissenhaft verschloss, stand dieser Richard bereits dicht an der Plexiglasscheibe und beobachtete das weitere Aufwachen der Kreatur.
»Er macht keinen aggressiven Eindruck«, murmelte der angehende Historiker und schien mehr mit sich selbst zu sprechen. »Eher einen leicht verwirrten.«
»Möchten Sie vielleicht ein Risiko eingehen? Wir nicht.« Walter ließ den Schlüssel in der Hosentasche verschwinden.
»Aber ein Risiko besteht ja doch, wenn es den Schraten gelingt, Dinge wie beispielsweise einen Korkenzieher an sich zu bringen«, gab Richard zu bedenken.
Walter machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand, schob selbige aber danach noch einmal in seine Hosentasche. Da befand sich der Schlüssel zur Metalltür. Alles war in Ordnung. Und er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, ihn einmal nicht bei sich getragen oder das Abschließen vergessen zu haben. Trotzdem waren auch in Zugang Drei bereits kleinere Gegenstände abhandengekommen und hinterher jenseits der Plexiglasscheibe in der Hand eines Schrates wiederaufgetaucht. Walter hatte keine Erklärung dafür, noch nicht. Aber das würde er dem Neuen gegenüber sicher nicht zugeben.
»Ich denke, ich werde dieser jungen Dame namens Kitty jetzt wirklich einen Besuch abstatten.« Dieser Richard klang irgendwie erleichtert. »Ich werde einen Kaffee trinken. Das ist genau das, was ich nach den Ereignissen des heutigen Tages brauche.«
»Aber, Richard …« Charlotte klang verblüfft.
Und Walter sah mit einer gewissen Befriedigung, wie sie ungläubig dem Zufallen der Tür lauschte.
Richard hatte einfach die Bühne verlassen und ein paar Punkte bei Charlotte eingebüßt. Sehr schön. Vermutlich wusste nur er, Walter, wie es um Charlottes Herz bestellt war, und dieser Richard hatte noch nicht einmal etwas bemerkt. Das ließ seine Chancen bei ihr doch gleich wieder steigen.
RICHARD
Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Vor seinem geistigen Auge wirbelten Bilder durcheinander und immer wieder war da der grelle Blick des hilflosen Geschöpfs auf dem Untersuchungstisch.
Richard sah sich als Historiker. Er war ein angehender Archäologe. Jemand wie er buddelte im Dreck, wühlte sich durch Bücher und dergleichen. Aber nie zuvor hatte er am lebenden Objekt gearbeitet. Und jetzt musste er erkennen, dass er dafür auch nicht taugte.
Er hatte den lackschwarzen Körper des Wesens gesehen, seinen fruchtigen Atem gerochen und all das hatte ihn nur neugierig gemacht. Doch als es seine Augen aufschlug, hatte Richard darin etwas wahrgenommen, was Charlotte zwangsläufig und diesem Walter offensichtlich entgangen war. Und das, was er dort entdeckt hatte, war so menschlich, so nachvollziehbar gewesen, dass es Richard blitzartig aus der Bahn geworfen hatte: Das Geschöpf war erfüllt gewesen von Furcht. Furcht, Hilflosigkeit, ein Aufkeimen von Panik, das alles hatte Richard in dem Blick einer ihm völlig fremden Spezies lesen können. Und mit diesem einzigen Blick hatte es alles infrage gestellt. Das Projekt, diese Forschungsarbeit und Richards Beteiligung daran.
Wie kamen sie alle denn dazu, diese schwarzen Zerberusse, wie Ingress sie nannte, zu verschleppen, voneinander zu trennen, sie auf vier ihnen größtenteils fremde Orte zu verteilen, sie hinter Glas zu halten und nach Belieben medizinisch zu untersuchen? Hatten sie etwa keinen Respekt vor der fremden Kreatur? Vor gar nichts? Nun, ganz offensichtlich hatte Walter keinen Respekt vor dieser unbekannten Lebensform. Aber Charlotte? Hatte auch sie vergessen, dass sie es mit einem fühlenden Wesen zu tun hatte? Einem Wesen, das sich verständlicherweise entsetzlich fürchten musste?
Richard sah ein, dass ein Kaffee jetzt tatsächlich das Richtige für ihn war. Er musste den Blick der gelben Augen loswerden, musste sich aus seinem Bann befreien und wusste doch schon, dass dieser kurze Moment der Begegnung Spuren bei ihm hinterlassen hatte. Er hatte in die Seele einer Bestie geblickt und darin Furcht entdeckt. Wer war jetzt die Bestie?
Richard wanderte ziellos durch Zugang Drei, letztendlich auch nur ein Wohnhaus, das einen leicht verwahrlosten Eindruck auf ihn machte, und stieß schließlich die Tür zu einer in tristem Weiß gehaltenen Küche auf, wo er das Mädchen namens Kitty auf einer Eckbank entdeckte.
Sie hockte dort mit angezogenen Beinen und kaute am Ende eines Wachsmalstiftes, was sie gerade in dem Moment bereute, als Richard hereinkam. Sie fuhr zusammen, zerbiss das Ende des Stiftes und begann, blaue Splitter auf die Tischplatte zu husten.
Richard suchte sein neues und ganz sauberes Taschentuch aus seiner Gesäßtasche hervor, setzte sich neben sie und half ihr, die sicherlich widerlich schmeckenden Splitter des Malstiftes loszuwerden. Sanft wischte er dem spuckenden Mädchen über die Lippen.
»Du darfst an einer Zuckerstange kauen. Oder an einem Brokkoli. Eine Möhre wäre auch in Ordnung, aber ein Stiftende ist immer eine blöde Idee. Wirst du dir das merken?«
Die Kleine nickte folgsam, und ihre blonden, straff geflochtenen Zöpfe wippten lustig. Dann antwortete sie mit heller Stimme: »Aber hier gibt es ja gar keine Möhren. Und Zuckerstangen erst recht nicht. Im Kühlschrank ist nur Bier.«
»Das ist ja furchtbar«, erwiderte Richard und tat entsetzt. »Und wie lange harrst du schon an diesem ungastlichen Ort aus?«
»Hä?«, machte Kitty und spuckte den letzten Rest der blauen Splitter in sein Taschentuch.
Er hatte sich nicht kindgerecht ausgedrückt, das begriff er jetzt. Er versuchte es anders: »Hast du Hunger? Wollen wir beide losziehen und nach etwas Essbarem suchen? Ich bin stolzer Besitzer von etwa vier Pfund, dafür muss sich doch irgendwo hier in der Nähe etwas Essbares bekommen lassen.«
Kitty war sofort Feuer und Flamme. Sie schob die Schachtel mit den Wachsmalstiften und das Porträt eines blauen Wesens mit gelben Augen von sich und rutschte von der Bank. Als ihre kleinen Füße in den weißen Sandalen losliefen und sie gleichzeitig nach Richards Hand griff, um ihn mit sich zu ziehen, fragte sie: »Gehörst du zu Papas Studenten?«
»Jetzt schon.« Richard nickte. »Ich arbeite mit Professor Ingress am gleichen Projekt.«
»Dann darf ich mit dir gehen, du bist in Ordnung«, stellte Kitty fest und zog immer kräftiger an seiner Hand, was Richard veranlasste, schneller zur Haustür zu laufen, als er es beabsichtigt hatte. »Wie heißt du denn?«
»Richard«, antwortete er und fand sich einen Augenblick später neben Kitty auf der Straße wieder.
»Alle Richards werden Dick genannt«, verkündete Kitty. »Darf ich Dicki zu dir sagen?«
»Nein, das darfst du nicht.« Richard hatte so empört geklungen, dass die Kleine seine Hand für einen Moment überrascht losgelassen hatte. Etwas versöhnlicher fuhr er fort: »Einigen wir uns auf Richard, ja? Ich mag diese anderen Namen nicht.«
»Wirklich?« Kitty machte große Augen. »Wer will denn schon Richard heißen?«
»Ich.« Er stellte fest, dass Kitty bereits die Richtung vorgegeben hatte, in die sie jetzt gemeinsam marschierten.
Nach einer Weile, in der Kitty unentwegt über alles plapperte, was in ihrem kleinen Kopf vor sich ging, kam ein Kiosk in Sicht.
Noch bevor Richard zwei belegte Brötchen und eine Leckmuschel bezahlt hatte, wusste er, dass Kittys Mutter Heidi hieß und gar nicht auf Shopping-Tour, sondern bei ihrem Arzt war. Sie ging oft zum Arzt, einem Nervenarzt, wie Kitty sagte, weil ihrer Mutter so viele Dinge schrecklich auf die Nerven gingen. Und weil der Arzt nur ganz langweilige Zeitungen in seinem Wartezimmer hatte und gar nichts für Kitty, ging sie an solchen Tagen eben lieber zu Papi und seinen Studenten.
Manchmal, so sagte sie, hatte jemand Zeit für sie, wie jetzt Richard. Und wenn niemand Zeit hatte, konnte sie malen, puzzeln oder basteln. Jedes von Papis Forschungshäusern hatte eine Küche und überall gab es dort einen Karton voller Spielsachen für Kitty. Das war besser, als ihre Mutter zu begleiten. Und manchmal konnte sie sogar einen Blick auf die schwarzen Hunde mit den gelben Augen werfen, mit denen Papi arbeitete. Das war spannend.
Richard biss in seine Brötchenhälfte und konnte es nicht glauben. Sicher, Kitty war nur ein kleines Mädchen, aber war nicht auch sie, klein, geschwätzig und leichtgläubig, wie sie war, eine Gefährdung der Sicherheit für dieses Projekt? Hatten Leute wie Oppenheimer, Madame Curie oder Livingstone etwa auch ihre Kinder mit zur Arbeit gebracht? Ein fürchterlicher Gedanke.
»Und Walter ist mein bester Freund. Wenn ich nicht bei Papi bleiben kann, dann gehe ich am liebsten zu Walter«, verkündete Kitty gerade. »Willst du auch mein bester Freund sein?«
»Klar«, sagte Richard und hoffte, dass er diese Antwort nicht zu voreilig gegeben hatte.
War die Formel ›Freund‹ im Hause Ingress etwa nur eine Umschreibung für ›unbezahlter Babysitter‹?
September 2019
TEDDY
Teddy folgte dem Mann, der sich ihnen als Walter Millar vorgestellt hatte, eine ganze Weile durch Chiswick, vorbei an modernen Wohnblocks und hübschen Häuserreihen bis in eine Gasse, in der ältere Gebäude in kleinen Gärten standen.
Er beobachtete den Alten, wie er mit wackligen Schritten hinter einem hohen Zaun verschwand. Das kräftige Grün einer gewaltigen Kirschlorbeerhecke verhinderte, dass Teddy das Grundstück ungehindert einsehen konnte, aber durch die schwarzen Metallstäbe des Gartentors erblickte er kurz darauf ein zurückgesetztes Haus, das seine besten Zeiten lange hinter sich gelassen hatte.
An der Dachkante des Bungalows wuchs Moos, von den Fensterrahmen blätterte die dunkelgrüne Farbe ab und das einst weiß gekalkte Gebäude war von abgestorbenem Efeu überwachsen. Es wirkte wenig einladend auf Teddy, was noch dadurch unterstrichen wurde, dass er keine Türklingel und auch kein Namensschild fand.
War Millar hier wirklich zu Hause? Teddy fand, dass es vermutlich niemand in dieser Straße bedauert hätte, wenn diese Bruchbude mal zufällig von einem Bulldozer überfahren würde. Probehalber rüttelte er an den Gitterstäben des Tores, doch es war verschlossen. Jetzt bemerkte er, dass der Zaun nicht nur hoch, sondern seine einzelnen Stäbe auch mit Spitzen versehen waren, durch die jemand zusätzlich Stacheldraht geflochten hatte.
»Mister Millar muss sehr um sein Eigentum besorgt sein«, murmelte Teddy.
Er überlegte kurz, wie seine Chancen standen, dieses Hindernis unbeschadet zu übersteigen, und entschied sich dagegen. Aber jetzt einfach zu Ada und den anderen zurückzukehren, erschien ihm ebenfalls falsch.
Was konnte er schon groß an Informationen abliefern, außer einer Adresse und der Beschreibung eines gut gesicherten Hauses? Viel interessanter wäre es doch, in Erfahrung zu bringen, was der alte Mann hier so gut bewachte. Barg das Innere dieser Bude etwa eine Kunstsammlung. Oder doch etwas anderes?
Teddy dachte an Ada, die gesagt hatte, dass sie alles über diesen Millar wissen wollte. Nein, das, was er bisher zu bieten hatte, konnte nicht einmal ein Bruchteil von ›alles‹ sein. Er musste es wagen und zumindest mal einen Blick in die Fenster des verwahrlosten Hauses werfen. Vielleicht würde sein Innenleben mehr über Millar preisgeben.
Teddy übersprang die niedrige Mauer des Nachbargrundstücks, hoffte, dass keiner zu Hause war oder zumindest niemand gerade jetzt in den Garten blickte, und schritt den Zaun ab, der diesen Garten von dem Millars trennte. Nach wenigen Metern endete der Zaun, dafür begann dort aber eine Mauer. Solide und ebenfalls mit Stacheldraht gekrönt. Trotzdem sah Teddy seine Chance, als er die Abfalltonne entdeckte, die direkt vor dieser Mauer stand.
Ächzend und sehr darauf bedacht, sich nicht völlig einzusauen, kletterte er hinauf und kam schwankend auf dem unebenen Tonnendeckel zum Stehen. Er ignorierte den Geruch nach verdorbenen Lebensmitteln und vollen Windeln, streckte sich, wobei er sich an der Mauer abstützte, und spähte durch den Stacheldraht.
Enttäuscht blickte er auf die vergilbten Gardinen in Millars Fenstern, die jede Einsicht unmöglich machten. Und der herumliegende Müll im hinteren Teil des verwilderten Gartens verriet ihm nur, dass Millar auch noch ein sehr fauler und unordentlicher Zeitgenosse war, doch nichts darüber, ob dieser Mensch mehr über Schrate wusste als der Durchschnittsengländer auf der Straße.
Dann aber wandelte sich seine Enttäuschung in Freude, als er direkt unter sich, auf Millars Seite der Mauer, das Dach eines schmalen Schuppens bemerkte.
»Besser hätte es gar nicht laufen können«, sagte Teddy zu sich selbst und beschloss, die Übersteigung der Mauer trotz Stacheldraht zu wagen.
Mit einem Ächzen stieß er sich vom Deckel der Mülltonne ab und konnte ein Bein auf den Sims schwingen. Gleich zog er das andere nach, überstieg mit aller gebotenen Vorsicht den Stacheldraht und sprang auf Millars Schuppendach.
Erst jetzt kam ihm der Gedanke, dass dieses möglicherweise sein Gewicht gar nicht trug. Doch es war nicht das Schuppendach, das ein böses Geräusch von sich gab, als Teddy auf ihm landete.
Es war seine Jacke, deren Rückseite nun teilweise über ihm im Stacheldraht hing und noch schwach flatterte. Teddy stieß einen Fluch aus und hoffte, dass dieser Ausflug den Verlust der Jacke rechtfertigen würde.
»He, Sie! Was machen Sie da auf meinem Schuppen?«
Teddys Schultern sackten herunter. Schlimmer konnte es jetzt eigentlich nicht mehr kommen. Da hörte er ein beunruhigendes metallisches Klicken und blickte über die Dachkante hinaus herab auf ein Gewehr, dessen Mündung auf seinen Bauch zielte.
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