Kitabı oku: «Harrowmore Souls (Band 2):»
Inhaltsverzeichnis
Titel
Informationen zum Buch
Impressum
Widmung
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Epilog
Dank
Carolin Emrich
Harrowmore Souls
Band 2: Ticket 23
Fantasy
Harrowmore Souls (Band 2): Ticket 23
Als ein ehemaliger Mitschüler Conny Bligh, den Anwalt der Geister, um seine Hilfe bittet, ist dieser davon zunächst alles andere als angetan. Doch das ändert sich, als er und Allison Harrowmore auf Hidden Manor, der Burg ohne Vergangenheit, eintreffen. Oder hat das alte Gemäuer doch eine Geschichte? Bald drängt die Zeit, denn ein großer Maskenball steht unmittelbar bevor. Und jeder einzelne Gast läuft Gefahr, in dieser Nacht seine Seele zu verlieren …
Die Autorin
Miriam Rademacher, Jahrgang 1973, wuchs auf einem kleinen Barockschloss im Emsland auf und begann früh mit dem Schreiben. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Osnabrück, wo sie an ihren Büchern arbeitet und Tanz unterrichtet. Sie mag Regen, wenn es nach Herbst riecht, es früh dunkel wird und die Printen beim Lesen wieder schmecken. In den letzten Jahren hat sie zahlreiche Kurzgeschichten, Fantasyromane, Krimis, Jugendbücher und ein Bilderbuch für Kinder veröffentlicht.
www.sternensand-verlag.ch
info@sternensand-verlag.ch
1. Auflage, Februar 2021
© Sternensand Verlag GmbH, Zürich 2021
Umschlaggestaltung: Juliane Schneeweiss
Lektorat / Korrektorat: Sternensand Verlag GmbH | Martina König
Korrektorat Druckfahne: Sternensand Verlag GmbH | Jennifer Papendick
Satz: Sternensand Verlag GmbH
ISBN (Taschenbuch): 978-3-03896-169-7
ISBN (epub): 978-3-03896-170-3
Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Für Conny und Allison.
Es tut mir wirklich leid, was ich euch in euren Abenteuern bereits
alles angetan habe und noch antun werde, aber ich kann nicht anders.
Es geht einfach mit mir durch. ☺
Prolog
Hidden Manor im September 2018
Lautlos öffnete Dotty Prim die Tür und huschte ins Schlafzimmer ihrer Arbeitgeberin. So leise wie eine Maus tippelte sie dem Schimmer blassen Tageslichts entgegen, der durch die schweren Gardinen fiel. Gleich würde sie sie geräuschlos aufziehen und in heiterem und doch sanftem Ton einen Guten Morgen wünschen. Heute würde sie die perfekte …
Rums.
Irgendein heimtückischer Gegenstand, der im Dunkeln auf sie gelauert haben musste, brachte Dotty kurz vor ihrem Ziel zu Fall. Mit einem Schrei des Entsetzens streckte sie die Arme vor, fand Halt im schweren Stoff des Vorhangs und riss diesen mitsamt der Aufhängung von der Wand. Das war nicht so ganz der perfekte Auftritt, den sie sich erhofft hatte.
Einen Moment lang blieb sie im Licht des neuen Herbsttages auf dem Teppich liegen und unterdrückte eine Reihe sehr bildhafter Flüche. Sie war eben keine Maus, sie taugte nicht zur unsichtbaren, aber sehr effizienten Haushaltshilfe, und als persönliche Assistentin der Hausherrin war sie sowieso hoffnungslos überfordert. Sie konnte ja nicht einmal ein paar Vorhänge öffnen, ohne eine Katastrophe heraufzubeschwören.
Mürrisch setzte sich Dotty auf und starrte das Objekt an, dem sie ihren Sturz zu verdanken hatte. Es war ein Schuh. Eine dämliche Designer-Sandalette, wie sie im Kleiderschrank ihrer Arbeitgeberin zuhauf zu finden waren.
Gleich darauf warf sie einen Blick auf das kitschige Himmelbett mit der roten Satinbettwäsche. Es war verlassen. Nein, bei genauerer Betrachtung wirkte es nicht verlassen, sondern unbenutzt. In diesem Bett hatte in der vergangenen Nacht niemand geschlafen.
»Mrs Lawrence?« Suchend blickte sich Dotty im Zimmer um.
Ein leises Grunzen wies ihr den Weg zum Schminktisch mit dem dreiteiligen Spiegel, und da saß sie: Den dürren Körper in einen teuren Morgenmantel gehüllt, starrte Hillary Lawrence ihr Spiegelbild an, den kahlen Schädel und die fahle Gesichtshaut. Sie saß genau so da, wie Dotty sie am Abend zuvor verlassen hatte.
»Sie haben doch wohl nicht die ganze Nacht auf diesem Stuhl zugebracht? Haben Sie einen Knall?«, entfuhr es Dotty und sie verfluchte sich selbst, weil sie es gerade am nötigen Respekt gegenüber ihrer Brötchengeberin fehlen ließ.
»Einen Knall?«, wiederholte die Gestalt vor dem Spiegel, und ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. »Ja, den habe ich wohl. Einen Knall, so laut wie der Aufprall einer Vorhangstange auf dem Fußboden.«
Dotty murmelte eine Entschuldigung, griff nach dem unberührten Wasserglas auf dem Nachttisch und beeilte sich, es der übernächtigten Frau zu bringen. Doch diese nahm es nicht an, sondern beäugte weiter kritisch ihr Abbild in dem Spiegel des Schminktisches.
»Ich bin zerstört. Hässlich wie die Nacht. Ist es nicht unglaublich, wie hässlich man werden kann? Ich wusste gar nicht, dass ich so eine ulkige Kopfform habe. Und jetzt habe ich auch noch einen Knall.«
Noch einmal drängte Dotty ihr das Wasserglas auf und wartete mit ihrem Kommentar, bis die Frau wenigstens einen Schluck getrunken hatte. »Sie haben sehr viel durchgemacht, da kann man doch nicht aussehen wie das blühende Leben. Die Chemo, die Bestrahlung, all das war eine ungeheure Belastung für Ihren Körper und auch Ihre Seele. Aber es ist vorbei, es liegt hinter Ihnen und der Doktor ist zufrieden mit Ihren Fortschritten.« Dotty lächelte aufmunternd und legte noch ein paar motivierende Übertreibungen nach. »Sie werden wieder ganz gesund, und schon in ein paar Wochen verschwindet dieser spitze Kopf unter einer Flut von blonden Haaren. Genau wie früher. Wie auf dem Titelbild der Modezeitschrift, die Sie mir kürzlich zeigten. Und dann haben Sie Ihr altes Leben wieder.«
Doch all die nett gemeinten Worte verfehlten ihre Wirkung.
»Mein altes Leben?« Die Stimme von Hillary Lawrence klang hohl. »Du meinst die wirklich guten Partys mit den angesagten Stars und Künstlern in den teuersten Clubs? Du meinst die Fotosessions mit namhaften Fotografen, die mich in den coolsten Looks fotografieren? Du meinst die neidischen Blicke der vielen jungen Mädchen, die jetzt auf der Straße achtlos an mir vorbeigehen würden?« Das Lachen klang alles andere als froh. »So läuft das nicht, Dotty. So ein Leben wartet nicht brav auf dich, während du dir eine monatelange Auszeit gönnst. Da draußen gibt es genug schöne und gesunde Mädchen, die ab morgen anstelle meiner Person von den Titelseiten der Zeitschriften lächeln. Ich bin schon fast vergessen. Und ich bin nicht sicher, ob ich die Kraft habe, das zu ändern. Ich fühle mich so leer und unendlich müde. Gleichwohl weiß ich, dass es allerhöchste Zeit ist, mich bei den Wichtigen der Welt wieder in Erinnerung zu bringen, ansonsten bin ich in jedem Fall tot und begraben.«
»Es ist nicht verwunderlich, dass Sie müde sind, wenn Sie die ganze Nacht nicht schlafen.« Vorwurfsvoll deutete Dotty auf das unbenutzte Bett.
Doch Hillary Lawrence achtete gar nicht auf sie. Mit ihrer zarten Hand, an deren Fingern die Nägel gerade erst nachwuchsen, strich sie sich über den Schädel. »Sie müssten längst sprießen wie Unkraut. Bei anderen Frauen beginnen die Haare schon während der Chemo wieder zu wachsen, warum nicht bei mir? Warum sehe ich noch immer aus wie eine Außerirdische?«
Dotty dachte, dass nicht jeder Frau nach einer solchen Rosskur das Wunder einer dichten Haarpracht vergönnt war. Manches Haar blieb für immer schütter, aber dafür war die Person wenigstens am Leben, und das zählte ungleich mehr, oder? Wortlos reichte sie der Kranken die Echthaarperücke mit dem adretten aschblonden Pagenkopf. »Jammern hilft Ihnen nicht weiter, Mrs Lawrence. Sie müssen den Stier bei den Hörnern packen und kämpfen.«
»Hörner wären gar nicht so schlecht. Alles ist besser als diese Wüste auf meinem Kopf.« Für einen kurzen Moment zuckte ein Lächeln über ihre blassen Lippen.
Dotty war sich nicht sicher, ob das ein Witz hatte sein sollen, und lachte vorsichtshalber lieber nicht. »Haben Sie heute Schmerzen? Denn wenn nicht, dann beginnen wir beide gleich wieder mit unserem Fitnessprogramm. Dreimal den Flur hinauf und hinunter. In ein paar Tagen geben wir den großen Ball aus Anlass Ihrer Genesung. Hidden Manor wird einen Abend lang der Anziehungspunkt für viele Berühmtheiten sein. Da wollen Sie trotz allem sicher tanzen und fröhlich mitmischen.«
»Schmerzen? Ich habe immerzu Schmerzen.« Die Stimme des Ex-Models klang weinerlich. »Wie sollte ich auch keine haben? Zuerst hat man ein Stück aus mir herausgeschnitten und das, was übrig geblieben ist, mit Strahlen verbrannt. Weißt du, wie es sich anfühlt, lebendiges Barbecue zu sein? Nein, das weißt du nicht. Habe ich vergessen zu erwähnen, dass man mich auch noch vergiftet hat? Das macht das Chemohirn. Es arbeitet nicht zuverlässig. Diese blöde Ballnacht war eine ganz und gar hirnverbrannte Idee von mir und jemand hätte mich davon abhalten müssen, die Einladungen zu verschicken.«
»Nein«, widersprach Dotty und richtete die Perücke, die sich Hillary Lawrence lieblos auf das Haupt gestülpt hatte. »Dieser Ball ist eine großartige Idee, denn ohne diesen Termin im Hinterkopf wären Sie in den letzten Wochen vermutlich noch nicht einmal aufgestanden.« Der Spiegel vor ihnen zeigte eine leichte Verbesserung, doch es hätte eimerweise Make-up gebraucht, um aus dem ausgezehrten Wesen, das hier vor ihr saß, eine attraktive Frau zu machen. »Ich weiß nur, dass Sie das Schlimmste hinter sich haben. Der Doktor hat es gesagt, und dem glaube ich. Von jetzt an geht es nur noch aufwärts.«
»Aufwärts? Ich schaffe ja kaum ebenerdig. Und ich will nicht mehr auf dem Flur spazieren gehen«, quengelte das Ex-Model. »Dort sehe ich nur wieder Dinge, die du nicht siehst, und hinterher glaubt mir keiner.« Sie seufzte. »Es ist eine Sache, wie eine Verrückte auszusehen, aber eine ganz andere, wirklich eine zu sein. Ich will meinen Verstand nicht auch noch verlieren. Was bleibt mir denn dann noch?«
Dotty dachte an ein fettes Bankkonto, ein Haus in London und einen eigenen Fuhrpark in der Garage. Laut sagte sie: »Ein liebender Ehemann und ein quicklebendiger Sohn, der eine gesunde Mutter braucht.« Sie zupfte noch ein bisschen an der Perücke herum und suchte Blickkontakt mit ihrer Arbeitgeberin im Spiegel. »Also seien Sie tapfer und lassen Sie uns ein paar Schritte wagen. Ihre Trugbilder sind doch nur Spätfolgen der Behandlung. Auch das geht vorbei.«
Hillary Lawrence schüttelte den Kopf. »Nein, ich mag heute nicht tapfer sein. Ich lege mich ins Bett und starre ein bisschen die Zimmerdecke an. Tut mir leid.«
Dotty seufzte und hatte das Gefühl, für diesen Job wirklich völlig ungeeignet zu sein. Die Frau vor ihr hätte einen Personal Trainer gebraucht und kein Mädchen vom Lande, das ihr half, in die Kleider zu steigen. »Wollen wir dann vielleicht mit einem ordentlichen Frühstück beginnen?«
»Nur Kaffee«, war die trotzige Antwort.
Dotty gab es auf und verließ das Zimmer. Um die heruntergefallenen Vorhänge würde sie sich später kümmern.
Draußen auf dem Gang empfing sie der goldene Sonnenschein eines Spätsommertages, der durch ein hohes Fenster fiel. Es gab nicht viele lichtdurchflutete Orte in Hidden Manor. Die verwitterte und nur teilweise restaurierte Burg war ein eher dunkler Klotz mit dem Charme eines Eiswürfels. Daran hatten auch neue Fassadenteile aus Glas und Metall nichts geändert, sie hatten dem Ganzen vielmehr einen surrealen Charme verpasst. Doch eine fantastische Lage nahe der Küste und ein verträumter Garten glichen diese Mängel halbwegs aus.
Alles in allem war Dotty froh über ihre neue Arbeit als persönliche Assistentin der Hausherrin. ›Kammerzofe‹ wurde sie von ihren Freundinnen scherzhaft genannt, wenn sie sich an ihrem freien Tag trafen, doch das war ihr egal. Die Bezahlung war gut, die Launen der Mrs Lawrence erträglich und die Arbeit nicht besonders schwierig, wenn auch, wie heute Morgen, manchmal unbefriedigend.
Lange würde sie diese Stelle sowieso nicht innehaben, das war ihr klar. War die vom Schicksal so hart bestrafte Frau, die nur wenige Jahre älter als Dotty selbst war, erst wieder sicher auf ihren langen Beinen unterwegs, dann konnte die Familie Lawrence ihr Jetset-Leben in London wieder aufnehmen und Hidden Manor verlassen.
Dotty würde zurückbleiben und auf neue Arbeitgeber warten, denn sie liebte diese Gegend und nichts lag ihr ferner, als das Landleben gegen ein Dasein im überfüllten London einzutauschen.
Diese Burg wurde immer wieder aufs Neue vermietet. Manchmal nur für einen Sommer, manchmal auch für länger, also würde Dotty die Arbeit niemals ausgehen. Und wenn der nächste Mieter lieber eine Wäscherin oder Gesellschafterin haben wollte als eine persönliche Assistentin, dann würde sich Dotty auch auf die Stelle bewerben. Ihr war es egal, womit sie ihr Geld verdiente, solange sie nur weiterhin im Schatten von Hidden Manor leben konnte.
Sie eilte den verwinkelten Flur entlang, um Kaffee aus der Küche zu holen, und bog wieder einmal falsch ab, weil sie mit den Gedanken woanders gewesen war. Das war einer der Nachteile an diesem Gebäude: Sein Erbauer war äußerst planlos vorgegangen. Wer nicht auf seine Schritte achtete, landete nur selten ohne Umwege an seinem Zielort. Hidden Manor war zu verwinkelt.
Kein Wunder, dass Mrs Lawrence manchmal glaubte, Dinge zu sehen, die nicht da waren. Man bog um eine Ecke, ein Schatten trat ins Blickfeld und verschwand wieder, und schon gaukelte einem das Hirn die seltsamsten Sachen vor. So musste es sein, zumindest hoffte Dotty, dass es so war.
Dotty stellte bald fest, dass sie in ihrer Unaufmerksamkeit nur einen kleinen Umweg gemacht hatte. Sie befand sich jetzt im ehemaligen Dienstbotentreppenhaus von Hidden Manor.
Na, auf diese Weise würde sie auch zur Küche gelangen.
Zügig schritt sie voran und stieß einen überraschten Schrei aus, als sie unvermutet mit jemandem zusammenprallte und zum zweiten Mal an diesem Morgen zu Boden stürzte. Hart schlug sie auf dem robusten Sisalteppich auf.
»Entschuldigung«, hörte sie die Stimme des Hausherrn über sich, und schon waren da zwei starke Arme, die ihr aufhalfen.
Doch Dotty bemerkte sofort, dass die Hände von Mr Lawrence zitterten, und als sie den Kopf hob, um ihm ins Gesicht zu sehen, hatte dieses einen Ausdruck, den sie nicht benennen konnte.
»Hast du dir wehgetan?« Sogar seine Stimme bebte.
»Nein, alles in Ordnung«, erwiderte Dotty und zupfte Rock und Bluse zurecht. »Wie steht es mit Ihnen? Sie sehen etwas verwirrt aus.«
In dem Moment, da sie es aussprach, wusste Dotty, dass ihre Wortwahl zutreffend war. Der Mann sah verwirrt aus. So wirr, wie es sonst nur sein blondes Haar zu sein pflegte, war jetzt auch der unstete Blick seiner Augen. Als ob ihm gerade etwas Unglaubliches widerfahren wäre.
»Schnell, Dotty, komm mit. Das musst du sehen. Oder vielmehr musst du mir sagen, ob du überhaupt etwas siehst.« Mr Lawrence, der stattliche Mann von etwa dreißig Jahren, hastete durch den schmalen Flur, zurück in die Richtung, aus der er gekommen war.
Dotty folgte ihm, so schnell sie konnte, eine Treppe hinunter. An ihrem unteren Ende blieb Brian Lawrence stehen und sah sich hektisch um.
»Dort! Kannst du ihn sehen? Er schwebt dort im Halbdunkel neben der alten Kleidertruhe und dreht sich um sich selbst!«
Sie stellte sich neben ihn, kniff die Augen zusammen und spähte in einen, wie sie fand, ganz und gar unauffälligen Winkel neben dem Treppengeländer.
Dort war nichts. Oder doch? Für einen kurzen Moment hatte sie den Eindruck, dass sich etwas bewegte. Ein Tier vielleicht? Nein, das waren nicht die Bewegungen eines Tieres gewesen. Nichts Lebendiges bewegte sich auf so eigenartige Weise. Tiere rotierten nicht. Es sei denn, sie versuchten, den eigenen Schwanz zu fangen.
»Jetzt ist er fort.« Mr Lawrence klang aufgeregt. »Hast du ihn gesehen?«
Hatte sie das? Nein, es konnte auch Einbildung gewesen sein. Sie wollte auch lieber nichts gesehen haben, was einen Augenblick später nicht mehr da war. Langsam schüttelte sie den Kopf.
»Verdammt!« Er schlug mit der Faust gegen das Geländer. »Aber er war dort. Oder werden wir plötzlich alle verrückt? Dotty, glaubst du, dass diese seltsamen Dinge, die meiner Frau widerfahren sind, vielleicht doch keine Hirngespinste waren? Kann es sein, dass es auf Hidden Manor spukt?«
Sie zuckte hilflos mit den Schultern und senkte den Blick.
Was hätte sie darauf erwidern sollen? Dass sie nichts über Hirngespinste oder Spuk wissen wollte?
Während sie gemeinsam am unteren Treppenabsatz standen und wieder zu Atem kamen, ging eine Wandlung in dem Mann neben ihr vor sich. Alle Hektik und Verwirrung fiel schlagartig von ihm ab und machte einer fast beängstigenden Nüchternheit Platz.
»Es ist an der Zeit, einen Fachmann zurate zu ziehen.« Er richtete seine Krawatte, die in den Farben einer bekannten Privatschule gehalten war. »Wenn am kommenden Wochenende eine Herde wichtiger Menschen durch unsere Haustür schreitet, um sich hier einen Abend lang nach besten Kräften zu amüsieren, kann ich keine Gespenster oder Ähnliches gebrauchen. Wie stehe ich denn dann da?«
»Ja, das geht natürlich nicht.« Dotty nickte eifrig, um ihre Zustimmung zu bekunden und gleich ein paar Bedenken loszuwerden. »Aber so ein Fachmann zieht ja auch neugierige Blicke auf sich. Wollen Sie denn wirklich einen Geisterjäger im Haus haben? Sind diese Leute nicht alle Spinner?«
»Schon«, räumte Mr Lawrence ein. »Aber nicht allen sieht man das an der Nasenspitze an. Ich hatte da einen Schulfreund und späteren Studienkollegen, einen gewissen Conrad Bligh. Netter Kerl, bisschen seltsam, aber ein vielversprechender Anwalt, dachte ich damals. Das dachten wir alle. Dann ist er leider völlig verrückt geworden und hat eine Kanzlei für Geister und durch sie Betroffene gegründet.«
»Ach«, brachte Dotty hervor, weil sie nicht so recht wusste, was sie dazu sagen sollte.
»Ich werde ihn anrufen oder noch besser: Ich werde ihm schreiben, das ist irgendwie offizieller. Er muss mir diesen Spuk vom Hals schaffen oder ihn zumindest für die Dauer der Ballnacht irgendwo einsperren.«
»Kann man einen Spuk denn einsperren?« Dotty bemerkte, dass ihre Stimme sehr dünn und ein wenig zittrig klang.
»Mein alter Freund Conny wird wissen, was hier vor sich geht und was zu tun ist.« Brian Lawrence klang zuversichtlich. »Und er wird alles tun, um mir zu helfen, da bin ich sicher.«
Kapitel 1
Londoner Stadtteil Kensington, September 2018, kurz nach 11.00 Uhr.
Lieber Conrad,
erinnerst du dich noch an deinen alten Kumpel und Schulfreund Brian Lawrence?
Conny ließ den Brief, den er in der Hand hielt, sinken und sah Allison an. Seine Gefährtin bot den typischen Es-ist-gerade-erst-elf-Uhr-Anblick: Ihr langes schwarzes Haar glich einem verlassenen Vogelnest und ihr schlanker Körper, der es noch nicht aus dem Bett geschafft hatte, steckte in einem Overall mit Häschenmotiven. Hätte nicht jedes der Häschen ein Jagdgewehr im Anschlag gehabt, gekrönt von einer Sprechblase mit den Worten: »Wag es!«, dann wäre der Anblick ganz niedlich gewesen. Doch Allison war nur sehr selten niedlich.
»Also, an dieser Stelle möchte ich einfügen, dass Brian Lawrence und ich niemals Kumpel waren.« Conny tippte mit dem Zeigefinger auf die eng beschriebenen Zeilen des Briefes. »Er ist genau der Typ Mensch, der Jungen wie mir zu Beginn eines neuen Schuljahres den Kopf ins Klo gesteckt hat und das auch noch komisch fand.«
»Umso spannender kommt es mir vor, dass er dir schreibt«, brachte Allison begleitet von einem Gähnen heraus. »Lies weiter, vielleicht hat der Kerl ja einen Job für uns.«
Conny runzelte die Stirn, begann aber erneut, Allison den Inhalt des Briefes vorzulesen. »›Sicher hast du gedacht, dass du nie wieder von mir hören würdest, richtig?‹« Conny nickte zustimmend, doch als Allison ihm einen Fausthieb auf den Oberarm gab, las er brav weiter. »›Wie du dir sicher vorstellen kannst, habe ich inzwischen eine glänzende Karriere hingelegt. Im Gegensatz zu dir sind meine Klienten lebendig und zahlungsfähig. Was für eine verrückte Idee von dir, eine Kanzlei ins Leben zu rufen, die sich um die Belange von Geistern kümmert. Aber du warst ja schon immer etwas seltsam.‹« Conny sah auf. »Wieder so eine versteckte Gemeinheit. Ich war nie seltsam. Bevor ich auf dich traf, war ich völlig normal.«
»Lies einfach vor, Conny«, fauchte Allison und warf ein Kissen nach ihm. »Das kann doch nicht so schwer sein.«
»Also gut.« Er räusperte sich. »›Leider läuft es bei mir im Privaten nicht ganz so rund, wie ich es mir wünschen würde. Vor einigen Wochen musste die Frau, die ich geheiratet habe, eine schwere Krankheit durchmachen, die sie sehr mitgenommen hat. Um ihr etwas Erholung zu verschaffen, habe ich eine herrlich mittelalterliche Location an der Küste für uns gemietet. Zuerst war Hillary von unserem Domizil begeistert, das Leben auf einer Burg gefiel ihr. Doch seit einer Weile wird sie immer nervöser. Sie behauptet allen Ernstes, Erscheinungen zu haben.‹« Conrad zog eine Augenbraue hoch und warf Allison einen vielsagenden Blick zu. »Merkst du, was ich meine? Er spricht nicht von Liebe, sondern von der Frau, die er geheiratet hat, und allen Ernstes von einer ›mittelalterlichen Location‹. Er ist ein Blödmann. Ein klassischer Idiot.«
»Weiter!«, quengelte Allison und starrte an die Decke ihres gemeinsamen Zimmers, das sie erst kürzlich zur Untermiete bezogen hatten.
Tante Ethel, keine echte Verwandte, aber eine alte Bekannte von Allison, überließ ihnen preisgünstig diese Bleibe im Stadtteil Kensington, wo die alte Dame ihr ganzes Leben zugebracht hatte. Die Verbesserung bestand für Conny nicht nur darin, dass er jetzt nicht mehr auf einem Feldbett in seinem Büro nächtigen musste. Nein, das Leben bei Tante Ethel hielt noch weitere Vorzüge wie beispielsweise regelmäßige, selbst zubereitete Mahlzeiten für ihn parat. Letzteres begann glücklicherweise noch nicht, sich auf seine schlanke Figur auszuwirken.
Natürlich träumte Conrad davon, eines Tages eine eigene Wohnung für sich und Allison unterhalten zu können. Doch ihre gemeinsame Kanzlei, Harrowmore Souls, befand sich noch im Aufbau, und Geld gehörte nicht zu den Dingen, die sie derzeit im Überfluss besaßen. Also war das Wohnen zur Untermiete bei Tante Ethel die denkbar beste Zwischenlösung.
Während ein schwacher Duft nach Kaffee und geröstetem Brot Conrad daran erinnerte, dass Tante Ethel bereits beim zweiten Frühstück saß, beugte er sich erneut über den Brief und fuhr fort: »›Zuerst hielt ich Hillarys Berichte für Hirngespinste und schob alles auf ihre Medikamente, aber kürzlich hatte ich selbst ein höchst eigenartiges Erlebnis und halte es nun für möglich, dass es auf Hidden Manor nicht mit rechten Dingen zugeht. So bitte ich also meinen Freund aus alten Tagen, dich, der du dich dem Übersinnlichen verschrieben hast, um Hilfe. Und es eilt, denn wir haben zu einem großen Maskenball geladen, um Hillarys Genesung zu feiern, die leider längst nicht so schnell voranschreitet, wie wir es uns gewünscht haben. Einen Skandal darf ich mir, wie du dir sicher vorstellen kannst, nicht erlauben, und Spuk ist nun einmal skandalös, das brauche ich dir ja nicht zu sagen. Mit diesem Brief lasse ich dir und deiner Kollegin eine Einladung zukommen und hoffe, dich sehr bald, gerne noch vor den anderen Gästen, auf Hidden Manor begrüßen zu dürfen. Dein alter Freund Brian.‹« Conny ließ den Brief sinken. »Das war’s. Der Typ will uns tatsächlich anheuern. Nicht so sehr, damit wir seine Ballgäste vor Schaden, sondern ihn vor Klatsch bewahren, kaum zu fassen. Komm, wir verbrennen diesen Schrieb und überlassen ihn seinem Schicksal.«
»Diesem Brian könnte ich das problemlos antun, aber was ist mit den Geistern in seinem Haus?« Allison sah nachdenklich aus. »Klingt doch sehr danach, als ob die einen Anwalt und eine Seelensorgerin bitter nötig hätten. Bei den oberflächlichen Bewohnern um sie herum bin ich schon etwas beunruhigt.«
»Mich beunruhigt viel mehr, dass mein ›alter Freund‹ hier eher eine Einladung zu einem Ball ausspricht, aber keine Zeile von einem offiziellen Auftrag für unsere Kanzlei darin steht. Ich traue ihm ohne Weiteres zu, dass er sich damit um eine Bezahlung unserer Dienste drücken will«, erwiderte Conny und beobachtete, wie Allison mit einem Satz aus dem Bett sprang und auf der Ablagefläche einer wuchtigen Kommode herumwühlte.
Schließlich fand sie zwischen Socken und leeren Kekspackungen, wonach sie gesucht hatte: einen Kugelschreiber und einen Notizblock.
»Schreib ihm sofort zurück«, forderte sie ihn auf. »Nicht per Mail, sondern ebenfalls auf dem Postweg, genau wie er. Das hat Klasse. Schreib ihm, dass du den Auftrag gern annimmst und mit deinem gesamten Team am Tag des Balles anrückst, was natürlich nicht billig für ihn wird.«
»Mit meinem gesamten Team?« Conny schwante Übles.
»Ja, mit deiner Partnerin, dem Empfangssekretär und einer zusätzlichen Assistentin samt Kanzlei-Maskottchen. Er soll alles für uns vorbereiten. Mach es richtig schön teuer für ihn.« Allisons Miene duldete keinen Widerspruch.
Gehorsam nahm Conny Block und Stift entgegen und formulierte laut sein Antwortschreiben: »Lieber Brian, ich komme am nächsten Wochenende in Begleitung einer Zeitreisenden, eines Gespenstes, meiner stummen Putzfrau und einer Ente zu dir. Stell dich auf eine gesalzene Rechnung ein.«
»Klingt super. Gesprochen wie ein echter Großkotz, das wird diesen Brian beeindrucken.« Allison grinste. »Jetzt lassen wir das von Nigel auf unser Briefpapier tippen und packen unsere Sachen. Was soll ich bloß anziehen? Wir sind schließlich zu einem Ball eingeladen.«
»Einem Maskenball«, korrigierte Conny. »Und er findet bereits am kommenden Wochenende statt.«
»Na, dann ist es ja allerhöchste Zeit, dass wir unsere Vorbereitungen treffen.« Allison turnte erneut aus dem Bett und riss die Türen des einzigen Kleiderschrankes im Raum weit auf. Auf ihrer Seite hingen ein paar für sie typische Overalls, die Kampfanzügen glichen, und ein paar enge Jeans. »Mist. Ob ich als Rambo gehen kann?« Sie zerrte einen Einteiler in Tarnfarben von seinem Bügel.
»Großartige Idee. Dann kannst du einfach so bleiben, wie du bist. Die bewaffneten Häschen auf deinem Pyjama wirken sehr überzeugend«, gab Conny zurück und sah an sich herab. »Ich denke, ich gehe als Conny Bligh, das ist ein nettes, praktisches und zeitsparendes Kostüm. Außerdem ist es jetzt erst mal allerhöchste Zeit für mein Frühstück. Nur weil deine Tage nicht vor elf Uhr beginnen, trifft das nicht auf deine Mitmenschen zu. Ich bin schon in aller Frühe um den Häuserblock gejoggt, habe den Briefkasten geleert und mich geduscht.«
»Du bist mein Held der frühen Stunde«, spottete Allison. »Obwohl du mir bisher noch nie eine Burg an der Küste gemietet hast wie dieser Brian für seine Frau. Er scheint sich doch sehr um sie zu sorgen, auch wenn er nicht ausdrücklich erwähnt hat, dass er sie liebt.« Allison warf den Overall zurück in den Schrank. »Weißt du, wofür ich dich liebe? Für das Duschen nach dem Joggen. Dein frischer Seifenduft macht fast so wach wie Frühstücksduft. Fast. Würdest du mir wohl einen Kaffee ans Bett bringen, Schätzchen? Währenddessen denke ich über mein Kostüm nach.«
»Mal sehen.« Doch er erhob sich augenblicklich und marschierte los, um ihr den Wunsch zu erfüllen.
In der Küche traf Conny auf Tante Ethel, die fröhlich vor sich hin summte und gleichzeitig einen Honigtoast vertilgte.
Tante Ethel war genau die Art Mensch, die man sofort und ohne Vorbehalte lieb gewann. Und zwar, weil sie es genauso hielt. Als Conny vor einigen Wochen zum ersten Mal in Allisons Begleitung in diese Küche gekommen war, hatte Tante Ethel ihm augenblicklich einen Sitzplatz, einen heißen Tee, Kekse und einen Platz in ihrem Herzen angeboten. Conny hatte alles dankbar angenommen und sich seit dem Auszug aus seinem Elternhaus nie wohler gefühlt als in Tante Ethels Gästezimmer, das sie ihnen zu einem Spottpreis auf unbestimmte Zeit überließ.
Die schlanke Frau mit den feinen roten Haaren, deren Alter sich nur schwer schätzen ließ, hatte niemals eine eigene Familie gehabt, sondern stattdessen ihr Patenkind Livie Emerson aufgezogen. Besagtes Patenkind war allerdings früh verstorben und durch Umstände, die Conny nicht verstehen, sondern nur akzeptieren konnte, zur Banshee der Familie Harrowmore und später zur Patentante seiner Gefährtin Allison geworden.
So schloss sich der Kreis. Tante Ethel, nach Livies Tod doch etwas einsam, hatte nun wieder Gesellschaft in Form von Allison, Livies Patenkind, das eigentlich gar nicht hier sein sollte, weil es aus einer mehr als zwanzig Jahre entfernten Zukunft angereist war, um mit ihm, Conny, zu leben.
Denn Conny und Allison waren füreinander bestimmt, so hatte sie es ihm gesagt. Und wer würde es schon wagen, einer Frau zu widersprechen, deren Pyjama mit bewaffneten Häschen bedruckt war?
»Na, was treibt unsere kleine Zeitreisende denn so?«, wollte Tante Ethel wissen und bestrich ihm unaufgefordert einen Toast mit Honig und Butter.
»Sie plant einen Großeinsatz der Kanzlei Harrowmore Souls«, erzählte Conny freimütig. »Im Landhaus eines meiner Schulkameraden scheint es nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Wir werden uns dort umsehen, während gleichzeitig ein großer Maskenball stattfinden soll. Klingt bizarr und irgendwie nach Edgar Allen Poe, ich weiß. Aber es klingt auch ganz und gar nach Brian Lawrence. Seine Party muss steigen, ganz egal, was dagegensprechen könnte. Und falls ihm Gespenster Probleme bereiten wollen, dann gibt es ja noch den guten alten Conny Bligh.« Conny lachte gekünstelt, doch Tante Ethel verzog keine Miene. Sie schien seine Gefühle zu erraten.
Nachdenklich rührte seine Vermieterin in ihrer Kaffeetasse und sah dem Honig dabei zu, wie er vom Toast auf den Teller tropfte. »Und Allison will wirklich alles mitnehmen, was Beine hat? Euren faszinierend leblosen Sekretär ebenso wie die noch immer angeschlagene Putzhilfe Miranda?«
Conny nickte und biss in seinen Toast. Erst jetzt bemerkte er Tante Ethels grüblerischen Gesichtsausdruck. Er hielt im Kauen inne. »Stimmt was nicht? Allison hat gemeint, dass wir es für Brian so richtig schön teuer gestalten können. Deswegen will sie viel Personal auffahren. Meinst du, da steckt mehr dahinter, als sie mir sagt? Muss ich mir Sorgen machen?«
Tante Ethel blickte auf und schien einen Moment lang überrascht von seiner Naivität. Dann bestätigte sie seine Vermutung mit einem Kopfnicken und meinte: »Als Anwalt der Geister solltest du dir immer Sorgen machen, Conny. Man kann nie wissen, in welche Situation ihr als Nächstes geratet. Allison weiß das genau, auch wenn sie sich gern sorglos gibt. Bleib also wachsam, Conny, denn vielleicht wittert die Frau an deiner Seite bereits wieder Unheil und fährt deswegen lieber die scharfen Geschütze auf.«
»Aber Nigel und Miranda sind keine scharfen Geschütze, eher das Gegenteil. Und sie weiß doch auch nicht mehr als ich«, protestierte Conny und legte sein Frühstück zur Seite. »Wir haben beide nur die Informationen aus Brians Brief, den ich ihr vorgelesen habe. Und die sind mehr als dürftig.«
Tante Ethel streckte ihre Hand aus und hielt sie ihm auffordernd hin. »Darf ich dieses Schreiben mal sehen?«
Augenblicklich begann Conny in allen Taschen seiner Kleidung zu suchen und wurde in den Tiefen seiner Cordhose fündig. Bereitwillig gab er den Brief an Ethel weiter und beobachtete gespannt ihre Miene beim Lesen der Zeilen.
Als sie Brians Schreiben zurück in den Umschlag schob, lächelte sie. »Dann ist ja alles klar.«
»Spiel jetzt bitte nicht die Geheimnisvolle«, quengelte Conny und verdrehte die Augen. »Das ertrage ich einfach nicht. Von der Sorte habe ich manchmal eine neben mir im Bett liegen, das reicht völlig.«
»Es ist der Plural in der Schilderung dieses Brian, mein lieber Junge. Das hat deine Freundin nervös gemacht. Und zudem gibt es da natürlich noch den Maskenball mit vielen sorglosen Gästen. Ja, da solltet ihr unbedingt Verstärkung mitbringen.«
»Plural?« Connys Augen wurden schmal. »Wenn es hier um Grammatik geht, muss ich gestehen …«
»Erscheinungen.« Tante Ethel gab ihm den Brief zurück. »Dein Freund spricht von Erscheinungen und Erlebnissen, die seine Frau hatte. Vermutlich hat sie mehr als einen Geist gesehen.«
»Oder mehrfach denselben«, widersprach Conny.
Ethel schüttelte den Kopf. »Das glaube ich weniger. Ihr bekommt es möglicherweise mit einer Vielzahl an Spukgestalten zu tun. Was, wenn die alles andere als harmlos sind? Man stelle sich eine Armee von Geistern auf einer rauschenden Ballnacht mit zahlreichen Gästen vor. Es könnte eine Panik ausbrechen. Hidden Manor klingt nicht wie der Name eines Gebäudes, das mit genügend Notausgängen errichtet wurde. Und zertrampelte Berühmtheiten im Hauseingang machen sich nicht gut auf der weißen Weste deines Schulfreundes. Auf deiner übrigens auch nicht. Du solltest den Job nicht zu leicht nehmen, denn Allison ist ebenfalls auf der Hut.«
Conny lauschte ihren Worten mit wachsender Beunruhigung.
Konnte der Maskenball wirklich eine Gefahr für Leib und Leben darstellen? Er hoffte es nicht. Er wollte lieber an einen kleinen harmlosen Geist glauben, der von sich aus die Menge der Gäste meiden und sich verstecken würde.
Wie wäre es denn mal mit einem netten oder lustigen Gespenst? Das klang doch unterhaltsam. Bei allem anderen würde ihnen Miranda sowieso keine Hilfe sein.
Kapitel 2
Miranda Banks verstand die Welt nicht mehr. Seit fast drei Wochen war sie jetzt hier in London. Das Abenteuer in Cumbria, das sie aus der Bahn geworfen hatte, lag schon eine Weile zurück. Und auch wenn sie ihre Stimme noch immer nicht zurückbekommen hatte, gab ihr Leben derzeit genug Anlass zur Zufriedenheit.
Sie hatte einen Job als Reinigungskraft in der Kanzlei Harrowmore Souls angenommen, eine zahme Ente namens Hng an ihrer Seite und ein Dach über dem Kopf. Da war nur diese eine Kleinigkeit, die ihr immer neue Rätsel aufgab, und die hieß Nigel.
Nigel Goodfellow arbeitete wie sie selbst in Connys und Allisons Kanzlei. Er war der Mann am Empfang und die gute Seele des Betriebs. Nigel begrüßte die Klienten, sorgte für ein ansprechendes Ambiente in den Räumen, nahm Anrufe entgegen und koordinierte die wenigen Termine seiner Brötchengeber.
Miranda gegenüber war er stets höflich und korrekt, ja manchmal sogar charmant. Obwohl sie hier nur die Putzfrau war und in einer Kammer neben den Büroräumen nächtigte, hatte er ihr nie das Gefühl gegeben, dass sie in der Rangordnung unter ihm stand.
Und doch musste es so sein. Wie sonst war es zu erklären, dass all ihre Bemühungen, ein Date mit diesem Mann einzufädeln, einfach ins Leere liefen? An ihrer Sprachlosigkeit konnte es kaum liegen, Miranda hatte es bereits mit geschriebenen Zettelchen und sehr eindeutigen Gesten versucht, aber sie kam einfach nicht an Nigel heran.
Was immer sie auch unternahm, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, seine Reaktion bestand aus einem höflichen Lächeln und einer Tasse Tee mit Gebäck. Miranda konnte schon keine Kekse mehr sehen.
Konnte der Kerl etwa schwul sein? Das wäre wirklich ein Jammer, denn er sah blendend aus, auch wenn er sich eher nach der Mode des letzten Jahrhunderts kleidete, und er entsprach genau ihrem Typ.
Vielleicht war ihr Typ Mann ja ein bisschen schwul? Das würde erklären, warum sie noch nicht den Richtigen fürs Leben gefunden hatte, und Nigel wollte diesen Platz in ihrem Leben ganz offensichtlich auch nicht haben.
Miranda seufzte, öffnete ein Fenster und schlug ihr Staubtuch kräftig aus. Ein schmutziges Wölkchen senkte sich auf die ebenso schmutzigen Straßen Hackneys herab.
Die Anwaltskanzlei für Geister und durch sie Betroffene lag nicht gerade in der besten Gegend. Der trockene Spätsommer, der nur langsam dem Herbst weichen wollte, ließ die ganze Welt staubig und trostlos erscheinen und trug nichts dazu bei, ihre Stimmung zu heben. Miranda seufzte zum zweiten Mal.
»Betrübt, meine Liebe?« Galant reichte ihr Nigel eine Tasse dampfenden Tee. Daneben lag einer dieser unvermeidlichen Kekse.
Sie hatte ihn nicht kommen hören. Miranda hörte Nigel seltsamerweise nie kommen und sah ihn auch niemals gehen. Er war immer irgendwie da. Über ein nennenswertes Privatleben verfügte er ganz offensichtlich nicht.
Warum konnte er dann nicht begreifen, dass sie sein Privatleben sein wollte?
Mit einem Lächeln steckte sie das Staubtuch weg, nahm den Tee entgegen und ignorierte den Keks. Das Getränk war nicht zu heiß, leicht gesüßt und mit einem Hauch Sahne verfeinert worden, es war ebenso perfekt wie Nigel.
Miranda verkniff sich den dritten Seufzer und betrachtete diesen Mann, der eine willige Frau wohl auch dann nicht als solche erkannt hätte, wenn sie sich nackt vor ihm auf dem Teppich rekelte. Oder sollte sie Letzteres einfach mal ausprobieren?
Ihre Gedanken wurden vom Schnattern der Kanzlei-Ente unterbrochen, welche die Ankunft eines Besuchers meldete. Doch es war kein zahlungsfähiger Kunde, der da zur Tür hereinkam, es war Allison. Und Miranda konnte ihr am Gesicht ablesen, dass es aufregende Neuigkeiten gab.
»Macht euch auf eine Geschäftsreise gefasst, wir haben einen Großeinsatz und ich brauche jeden verfügbaren Mann und jede Frau.« Allison, in ihrem dunkelblauen Overall ähnlich einem Handwerker gekleidet, stand breitbeinig wie ein Kapitän auf der Brücke seines Piratenschiffes, das Kinn in die Höhe gereckt. Es fehlte eigentlich nur noch ein Säbel, dachte Miranda. »Wir fahren nach Hidden Manor, denn dort wurden Erscheinungen gesichtet. Klingt eigentlich ganz niedlich, oder? Erscheinungen. Genauer hat sich unser Auftraggeber leider nicht ausgedrückt.«
»Hidden Manor?«, wiederholte Nigel. »Davon habe ich noch nie gehört. Wo versteckt sich dieser Ort denn?«
»Keine Ahnung, da verlasse ich mich ganz auf meinen Partner.« Allison klang heiter. »Unser Einsatz ist für das kommende Wochenende vorgesehen. Conny besteht darauf, dass wir uns für eine standesgemäße Anreise einen Wagen leihen, und er will uns chauffieren. Natürlich ginge es schneller, auf meine Weise zu reisen, aber bei Connys empfindlichem Magen …«
Miranda bemerkte Nigels scharfen Blick, der von Allison zu ihr und wieder zurück zu Allison wanderte.
Es war nicht das erste Mal, dass sie diesen Austausch von Blicken bemerkte, und es erweckte ihren Argwohn.
In Momenten wie diesen war sie sich sicher, dass man Geheimnisse vor ihr hatte. Ein Teil von ihr ärgerte sich darüber gewaltig, der andere Teil aber erinnerte sich an all die Schrecken, die sie in Cumbria erlebt hatte, und daran, dass es manchmal vielleicht ganz gesund war, nicht alles zu wissen.
»Ähm, Miranda?« Allison klang plötzlich unsicher. »Ist es okay, wenn ich bei diesem Auftrag auch auf dich zähle? Ich weiß wohl, dass du noch immer nicht wieder ganz auf der Höhe bist, und es könnte sich tatsächlich um bösen Spuk, kopflose Gespenster und ähnlich unappetitliche Dinge handeln. Also wenn du lieber nicht mitkommen möchtest, dann verstehe ich das natürlich. Obwohl es in Hidden Manor dieses Wochenende einen Maskenball geben wird, und das klingt doch nach einer netten Abwechslung auf Betriebskosten, oder?«
Einen Maskenball? Miranda spürte, wie ihr Herz einen Satz machte. Wie lange war es her, dass sie sich harmlosen Vergnügen hingegeben hatte? Und einen Ball hatte sie schon ewig nicht mehr besucht. Erneut fühlte sie sich hin- und hergerissen.
Der Gedanke, dass sie bei diesem Ausflug auf Gespenster treffen könnte, bereitete ihr sehr wohl Sorge. Doch die Aussicht auf eine rauschende Ballnacht überstrahlte diesen Urinstinkt bei Weitem.
»Schön.« Allison klang erleichtert. »Deinem Lächeln entnehme ich, dass du uns gern begleiten möchtest. Das ist gut. Du musst auch nichts weiter tun, als dich zu amüsieren und dabei ein Auge auf deine Umgebung zu haben. Ich brauche Späher. Und sobald du etwas Ungewöhnliches oder Beängstigendes siehst, rufst du mich oder Conny herbei. Ganz egal, was es ist.«
»Wenn es sich um einen Maskenball handelt, werden wir allesamt Kostüme tragen müssen.« In Nigels Augen glomm ein seltsames Feuer. »Ich könnte uns etwas im Internet bestellen. Es wäre mir eine große Freude.«
»Ja, das glaube ich sofort.« Allison seufzte. »Aber übertreib es bitte nicht, Nigel. Keiner von uns möchte zum Ballkönig oder zur Ballkönigin gewählt werden. Du benötigst sowieso kein Kostüm, du trägst quasi immer eins.« Sie deutete auf seine hellen Hosen und die längs gestreifte Weste, die aus einem anderen Jahrhundert zu stammen schienen. »Ich habe mich bereits für eine Kostümierung entschieden. Ich werde als Gänsemagd gehen, auf diese Weise komplettiert die liebe Hng quasi das Bild. Sie allein zurückzulassen, kommt ja auch gar nicht infrage. Alles, was es sonst noch dafür bedarf, leihe ich mir von Tante Ethel.« Sie beugte sich zu der Ente hinunter, die noch immer leise schnatterte und versuchte, die Schnürsenkel von Allisons Turnschuhen aufzuziehen.
»Dann also Kostüme für Miss Miranda und Master Conny. Darf ich wenigstens bei diesen beiden ein wenig über die Stränge schlagen?« Nigel klang leicht verschnupft.
Allison verdrehte die Augen, hob Hng hoch und überreichte sie Miranda. »Schau doch mal nach, ob du irgendwo eine hübsche Schleife für mein lebendiges Accessoire findest, ja?«
Miranda nickte und nahm die Ente entgegen. Sie wusste, dass sie weggeschickt wurde, weil sie den Rest der Unterhaltung nicht hören sollte. Und wieder einmal war sie nicht sicher, ob sie darüber verärgert oder erleichtert sein sollte.
Kapitel 3
Als Conny, der bereits einen Leihwagen für das kommende Wochenende organisiert hatte, ebenfalls in der Kanzlei eintraf, platzte er in eine Unterredung zwischen Allison und Nigel, die nicht gerade einen konfliktfreien Eindruck machte.
Die Augen seines schon vor langer Zeit verstorbenen Freundes Nigel schienen zu glühen. Irgendetwas musste den Geist sehr erregt haben, und er vermutete stark, dass es mal wieder Allisons Worte gewesen waren. Taktgefühl war einfach nicht ihre Stärke.
»Du bist der einzige kaufsüchtige Tote, den ich kenne«, zischte seine Gefährtin gerade. »In den letzten Wochen hast du ein Planschbecken und ein Katzenklo für die Ente im Internet bestellt. Obendrein noch eine Wagenladung rosa Briefpapier. Was für eine Kanzlei verwendet rosa Briefbögen? Sie sind sogar parfümiert. Hier, riech mal.«
Sie hielt dem Geist ein blassrosa Blatt mit Blütendekor unter die Nase, aber Nigel wandte den Kopf zur Seite. »Ich bemühe mich lediglich um etwas Stil.« Es klang für Conny mehr nach einem Vorwurf als nach einer Entschuldigung. »Harrowmore Souls ist eine ganz besondere Kanzlei und jeder darf das wissen.«
»Ja, aber doch nicht unbedingt riechen!« Allison war laut geworden, fing sich aber sofort wieder.
Conny trat spontan zwischen die beiden Streithähne und ergriff das Wort: »Da wir schon bei ›wissen‹ sind: Wann wird denn die liebe Miranda erfahren, woran sie mit dir ist? Wir können nicht ewig vor ihr verheimlichen, dass ihr derzeitiges Leben keineswegs frei von Gespenstern ist. Nigel, ich fürchte sogar, sie ist drauf und dran, sich in dich zu verlieben.«
»Genau das vermute ich auch.« Nigel strich sich überflüssigerweise das gegelte Haar glatt. »Und ich gebe zu, dass ich diesen Umstand ein wenig genieße. Aber Liebe ist für mich seit jeher ein süßer Schmerz. Würde sie mich lieben, frage ich mich, wenn sie die Wahrheit über mich wüsste? Dass ich mich im Jahre 1956 aus Liebeskummer vor einen einfahrenden Schnellzug geworfen habe?«
»Vermutlich nicht«, antwortete Conny ehrlich. »Nach ihren bisherigen Erfahrungen mit Geistern wäre das für sie wohl Grund genug, um schreiend das Haus zu verlassen und nie mehr zurückzukommen.«
»Und das wäre doch tragisch. Unsere Liebe! Im Keim erstickt!«
Allison legte rasch den Zeigefinger auf die Lippen, woraufhin das Gespenst im Flüsterton fortfuhr.
»Miranda braucht noch mehr Zeit. Sie muss mir erst ganz und gar vertrauen, bevor sie die traurige Wahrheit erfährt.«
»Aber wie lange können wir diese Komödie noch aufrechterhalten? Und wo soll das überhaupt hinführen? Zum Happy End?« Allison wirkte ungeduldig wie immer. »Du bist ein Geist, ein sehr handfester Geist, aber eben doch nicht mehr. Noch dazu gebunden an deine eigene Taschenuhr. Durch sie ist dein Bewegungsradius gelegentlich etwas eingeschränkt. Wo ist die überhaupt?« Sie deutete auf Nigels Westentasche, an der keine Kette baumelte.
»Ich verwahre sie an einem sicheren Ort.« Nigel sah empört aus. »Ich hätte keine ruhige Minute, wenn ich wüsste, dass meine Uhr gestohlen oder zerstört werden könnte.«
Allison nickte verständnisvoll. »Ein sicherer Ort für deine Uhr ist dir wichtiger als die Sicherheit eines geliebten Menschen. Wo ist sie also jetzt? Hast du im Internet einen Safe für sie gekauft? Nun, liegt die Uhr eingesperrt, bist es auch du. Miranda dürfte bereits bemerkt haben, dass du hier festklebst und das Haus nie verlässt. Es dürfte ihr Misstrauen schüren.«
»Das weiß ich alles«, zischte Nigel und hob den Kopf, um sich zu vergewissern, dass Miranda noch immer keine Anstalten machte, zu ihnen zurückzukehren. »Und ich habe noch keine Lösung für dieses Problem gefunden. Meine Uhr ist meine Droge, ich bin abhängig von ihr. Und ja, ich weiß sie gerne in Sicherheit. Aber ich bin auch entschlossen, Miranda zumindest eine wundervolle Ballnacht zu bescheren. Auf Hidden Manor wird sich doch irgendwo ein gutes Versteck für meine Uhr finden lassen, es muss einfach so sein. Ihr müsst sie mitnehmen und meine Uhr wird mich unweigerlich zu sich rufen. Dann werden Miranda und ich eine ganze Nacht zusammen tanzen.« Seine verklärte Miene verfinsterte sich plötzlich. »Hoffentlich können mich die anderen Gäste alle sehen, sonst dürfte es peinlich werden.«
Allison betrachtete ihn mitleidig. »Da kann man nur hoffen. So mancher Besucher des Balles ist vielleicht nicht in der Lage, einen Geist wahrzunehmen. Aber darauf haben wir keinen Einfluss. In dem Fall wird er die einsame Tänzerin mit dem verliebten Augenaufschlag eben für bescheuert halten, das können wir Miranda nicht ersparen. Ich hoffe allerdings darauf, dass du diesen Fall nicht noch unnötig komplizierst.«
Nigel hob eine Hand zum Schwur. »Ich werde ein vorbildlicher Geist sein. Ich will nur Miranda eine ganze Nacht lang beim Tanzen in den Armen halten. So wird sie ihre schreckliche Erfahrung mit den Geistern in Cumbria endlich vergessen und mit mir glücklich sein können. Klingt das nicht wunderbar?«
»Märchenhaft«, bestätigte Allison. »Ich frage mich nur, wer von euch beiden die Cinderella sein wird, die um Mitternacht aus dem Ballsaal flieht. Vergiss über all deinen Liebesschwüren nicht, warum wir auf Hidden Manor sind. Ich brauche dich wachsam. Was immer auch dort umgeht, wird sich in dieser Nacht vielleicht nicht zurückhalten. Aber wenn niemand zu Schaden kommt, haben wir zumindest den einen Teil unseres Jobs zu aller Zufriedenheit erledigt und können ganz entspannt auf die Suche nach den Erscheinungen gehen. Willst du mir deine Uhr vielleicht jetzt schon überlassen, damit ich sie in meinen Koffer packe?«
»Sehr ungern.« Nigel ging um den Schreibtisch herum, schloss eine der Schubladen auf und holte das Stück Silber und Glas, das seine Seele zusammenhielt, hervor. Zögernd gab er es an Allison weiter.
»Du darfst mir vertrauen, Nigel.« Allison ließ das kostbare Stück in eine Tasche mit Reißverschluss gleiten. »Deiner Uhr wird nichts geschehen.«
»Ich weiß.« Nigel zupfte seine ohnehin akkuraten Manschetten zurecht. »Und trotzdem fühlt es sich an, als würde ich meinen letzten Herzschlag, meinen letzten Atemzug hergeben.«
»Hast du beides nicht mehr. Du bist ein Gespenst, weißt du noch?«, erinnerte ihn Conny freundlich.
»Ich bin viel mehr als das«, widersprach Nigel. »Und noch bevor es in der Ballnacht Mitternacht schlägt, wird Miranda eingesehen haben, dass nicht jedes Gespenst eine Gefahr für sie darstellt. Dann hat unsere Liebe vielleicht eine Chance. Und wenn sie meine Uhr sicher und geborgen an ihrem Herzen trägt, könnte ich mit ihr in den Sonnenuntergang reiten und …«
Das Knarren einer Tür kündigte die Rückkehr Mirandas an und alle verstummten im selben Augenblick. Die Ente auf ihrem Arm trug jetzt ein rotes Samtband um den Hals.
Schließlich sagte Nigel: »Die Herrschaften werden also gemeinsam mit Miranda und Hng nach Hidden Manor aufbrechen und ich komme nach, sobald ich hier alles erledigt habe.«
Conny nickte beifällig. »Vielen Dank, Nigel. So machen wir es. Wir brechen am Samstag in aller Frühe auf.« Nachdem er Allisons Blick aufgefangen hatte, korrigierte er sich: »Wir brechen gegen Mittag auf. Die Zeit bis dahin werde ich nutzen und das Internet durchforsten, ob sich dort irgendetwas über Hidden Manor und seine Geschichte finden lässt.«
Mit einer gewissen Genugtuung registrierte er Allisons anerkennendes Kopfnicken.
Ja, er verstand seinen Job als Anwalt der Geister. Er war vielleicht kein Zeitreisender und kein Gespenst, aber er entwickelte sich langsam, aber sicher zu einem Experten auf seinem Gebiet und wusste, dass eine gute Recherche unerlässlich war.
Hidden Manor war eine weitere Herausforderung und er hatte sie angenommen. Dem arroganten Brian würde er bei dieser Gelegenheit vielleicht nicht den Kopf ins Klo stecken, aber ihn von seinem hohen Ross herunterholen können.
Nur dieser Ball mit all seinen ahnungslosen Gästen lag ihm noch schwer im Magen. Da durfte nichts schiefgehen, niemand sollte zu Schaden kommen. Der Name seiner Kanzlei sollte nicht im gleichen Atemzug mit einer Katastrophe genannt werden.
Kapitel 4
»Nichts«, wiederholte Conny schon zum zweiten Mal, während er in einen höheren Gang schaltete. »Nicht eine Zeile ist im Netz über Hidden Manor zu finden gewesen. Es scheint fast so, als würde es diese Burg überhaupt nicht geben. Sie hat keine Geschichte, keine Vergangenheit. Wie sollen wir denn herausbekommen, was dort vor sich geht, wenn wir nichts über dieses Gebäude und seine Geschichte wissen? Und die Adresse auf dem Briefumschlag nannte gerade einmal die nächstgelegene Ortschaft als Bezugspunkt, ich weiß gar nicht, ob wir den Bau überhaupt finden.«
»Vielleicht ist Hidden Manor ja gar nicht so alt und hat deswegen keine Vergangenheit«, ließ sich Allison vom Beifahrersitz her vernehmen, wo sie mit angezogenen Beinen hockte und auf das Display seines Handys starrte, dessen Wegbeschreibung sie schon eine ganze Weile folgten. »Möglicherweise ist die Burg so ein Retro-Ding, das irgendein verträumter Spinner erst vor Kurzem aus dem Boden gestampft hat. Und wenn wir erst die nahe gelegene Ortschaft erreicht haben, gibt es dort sicherlich jemanden, den wir nach dem Weg fragen können.«
Der Rover rumpelte seit einer Viertelstunde über schlechter werdende Straßen, ließ Miranda auf der Rückbank auf und ab hüpfen und irritierte damit die Ente neben ihr so sehr, dass diese immer wieder kleine Flugversuche durch die Fahrerkabine unternahm.
»Du musst hier abbiegen«, verkündete Allison, ohne aufzublicken.
»Ich kann nirgends abbiegen, hier gibt es keine Straße.« Conny wusste, dass er genervt klang.
»Das ist aber schade.« Allison sah zum Fenster hinaus. »Denn der Weg, den es nicht zu geben scheint, hätte uns möglicherweise nach Hidden Manor gebracht.«
Conny wich fluchend einem Schlagloch aus, woraufhin Hng nervös zu schnattern begann. »Na großartig. Dieses Hidden Manor trägt seinen Namen wirklich zu Recht. Und was machen wir nun?«
»Wir nehmen einfach die nächste Straße rechts«, schlug Allison vor.
»Hier gibt es keine nächste Straße rechts, hier geht es stur geradeaus, siehst du das denn nicht?«, fauchte Conny und trat unvermittelt auf die Bremse, als der Rover an einem gut versteckten Feldweg vorbeischoss. Grummelnd legte er den Rückwärtsgang ein.
»Hidden Manor, da steht es ja auch.« Allison deutete auf einen Wegweiser, der fast zur Gänze in einem Ginsterbusch verschwand. »Muss doch schon älter sein, der Bau. Das Schild steht hier zumindest nicht erst seit gestern.«
Conny setzte mitten auf der verlassenen Straße zurück und folgte dem Wegweiser einen Hügel hinauf, der auf beiden Seiten des Pfades mit hohem Gras bewachsen war. »Das kann nicht wahr sein, dass irgendjemand seinen Landsitz so einfach in die Pampa setzt. Na gut, es heißt Landsitz, aber nicht Einödsitz. Und was will eigentlich Brian Lawrence auf dieser Burg im Nirgendwo? Ruhe und Frieden für sich und seine Gattin? Schwer zu glauben. Hier hat er gar kein Publikum. Unsere ganze Schulzeit hindurch war er ein großkotziger, angeberischer Besserwisser, der keine Gelegenheit ausließ …«
»… wirklich Geschmack zu beweisen«, vollendete Allison seinen Satz.
Sie hatten die Kuppe des Hügels erreicht und blickten hinunter in eine malerische Senke, in die die Hand eines Riesen großzügig ein paar Steinwürfel geworfen hatte, die sich als Gebäude entpuppten.
Ganz am Ende, dort, wo das Land wieder anstieg, stand einsam nahe den Klippen ein graues Gebäude, dessen runder Turm sicher schon seit Jahrhunderten dem Seewind trotzte.
»Ist man erst einmal hier, liegt Hidden Manor kein bisschen versteckt«, stellte Allison fest. »Es befindet sich eher auf dem Präsentierteller. Und die Nachbarschaft scheint aus lauter netten kleinen Bauernhöfen zu bestehen. Eine Welt für sich, gleich hinter dem Hügel. Das hat was.«
»De facto ist diese Burg aber nicht irgendein neu erbauter Retro-Mist«, wandte Conny schlecht gelaunt ein und lenkte den Rover bedächtig die schmale Straße hinunter. »Wie kann es also sein, dass Hidden Manor nirgendwo erwähnt wird? Sicher gibt es schönere und bedeutendere Bauwerke als dieses, aber das ist doch kein Grund, von der Welt komplett ignoriert zu werden.«
»Nein.« Allison griff nach der Stockente, die soeben auf ihren Schoß geflattert kam, und strich ihr beruhigend über den Hals. »Das ist kaum anzunehmen. Es könnte aber eine ganz einfache Erklärung dafür geben. Brian Lawrence wird uns da bestimmt weiterhelfen. Er hat sicher bereits alles herausgefunden, was es über seinen Aufenthaltsort herauszufinden gibt.«
»Gar nichts, das sagte ich ja bereits«, wiederholte Conny ungehalten.
Allison warf ihm einen Blick zu. »Wenn wir deinem Ex-Klassenkameraden gleich gegenüberstehen, bemühst du dich aber um etwas bessere Laune, ja?«
Bald darauf erreichte der Rover ein eisernes Tor, das weit offen stand. Die Zufahrt des altertümlichen Gebäudes machte einen weitaus gepflegteren Eindruck als die Straßen, die sie hierhergebracht hatten.
Hidden Manor selbst wies eine Reihe von Neuerungen auf, die sich nur schlecht in das Gesamtbild des Bauwerks einfügten. Einsprengsel aus Glas und Metall durchsetzten die alten Mauern. Sie hoben bestimmt den Wohnkomfort im Innern, erschütterten aber den alten Charme der Burg.
Noch bevor sich einer von ihnen bemerkbar machen konnte, wurde die Tür geöffnet und ein recht junges Mädchen, sehr klein und sehr schlank, dessen Haar zu einem unvorteilhaften Knoten auf dem Kopf zusammengefasst worden war, erschien auf der Treppe.
Conny glaubte nicht eine Sekunde lang, dass dies Mrs Lawrence war. Sie hätte schon sehr viel Geld in die Ehe mit einem oberflächlichen Kerl wie Brian mitbringen müssen, um ihre unscheinbare Erscheinung aufzuwiegen.
»Willkommen auf Hidden Manor. Ich bin Dotty Prim, die persönliche Assistentin von Mrs Lawrence. Sagen Sie einfach Dotty zu mir. Mr Lawrence erwartet Sie bereits im kleinen Salon.«
»Ja, wo auch sonst?«, spöttelte Conny, rief sich aber selbst zur Ordnung.
Sein Neid würde ihn unprofessionell erscheinen lassen und das war das Letzte, was er jetzt wollte. Obwohl es ihn wurmte, dass ausgerechnet jemand wie Brian Lawrence auf einer Burg an der Küste residierte, während er selbst sich gerade mal ein Zimmer zur Untermiete in Kensington leisten konnte. Das Leben war eben ungerecht und würde es bleiben.
Miranda, die Ente auf dem Arm, folgte bereits dem Mädchen namens Dotty ins Gebäude, während Allison die Taschen und Koffer aus dem Kofferraum des Rovers wuchtete.
Connys Blick blieb für einen Moment an einer von Moosen und Ranken überwucherten Mauer hängen, die den Blick auf das, was hinter der Burg liegen musste, versperrte. Er vermutete, dass sich dahinter ein hübscher Garten in Nähe der Klippen befand, in dem Brian jeden Morgen lustwandelte und sich selbst erzählte, was für ein toller Kerl er doch war.
»Kommst du jetzt, Conny?« Allison stand bereits auf den Treppenstufen, ihr gesamtes Gepäck tragend.
Conny eilte ihr zu Hilfe und ging in Gedanken noch einmal genau die Rolle durch, die er heute darstellen wollte. Er war ein aufstrebender Anwalt, der sein Fachgebiet beherrschte, er hatte eine wundervolle Frau an seiner Seite, er war ein glücklicher und zufriedener Mensch. Zumindest würde er den Teufel tun, Brian Lawrence etwas anderes glauben zu lassen.
»Einen Sherry, Allison? Ich darf dich doch Allison nennen? Wozu die Förmlichkeiten, die hier draußen auf dem Lande sowieso niemanden interessieren?«
Allison, die zu Connys Zufriedenheit heute einmal auf ihre übliche Montur bestehend aus Overall und Stiefeln verzichtet hatte und einen sehr angemessenen dunklen Hosenanzug mit Weste und Fliege trug, nickte höflich und schien sichtlich Gefallen an Brian Lawrence zu finden.
Conny gefiel am besten, dass ihr Auftraggeber schon Fett ansetzte und die dämliche zerraufte Jungenfrisur bereits schütter wurde. Davon abgesehen hatte Brian sich kein bisschen verändert.
Vom ersten Moment ihrer Begegnung an hatte er den Burgherren gespielt, jovial und überheblich. Er tändelte gleichermaßen mit Miranda und Allison, fand Hng einfach köstlich, urkomisch und originell und ließ keine Gelegenheit aus, Conny vorzuführen, wie gut es das Schicksal mit ihm gemeint hatte.
Conny fand, dass es an der Zeit war, ihn an den Brief, der sie hergebracht hatte, zu erinnern.
»Du hast geschrieben, dass es bei dir im Privatleben gerade nicht so gut läuft«, begann er. »Was ist mit deiner Frau und was habt ihr beide hier in Hidden Manor beobachtet?«
Für einen kurzen Moment fiel Brian Lawrence aus der Rolle, senkte den Blick und schob verunsichert beide Hände in die Taschen seiner zweifellos maßgeschneiderten Hose. »Der Krebs hat Hillary aus der Bahn geworfen und mich gleich dazu. Gerade als alles so gut für uns lief.«
»Das tut mir leid.« Allison klang, als ob sie es ehrlich meinte, und auch Mirandas Miene drückte Mitgefühl aus.
»Als wir uns kennenlernten, war sie wunderschön.« Brian lächelte ein wenig hilflos. »Sie war ein gefragtes Model, müsst ihr wissen, mit Kontakten zu den erfolgreichsten und mächtigsten Leuten des Landes.«
»Klingt nach einer guten Partie für dich. Wie schade, dass das Glück euch nicht treu war.« Conny gab sich wirklich Mühe, den Spott in seiner Stimme kleinzuhalten, aber es kostete ihn eine Menge Selbstbeherrschung.
»Zuerst lief alles gut für uns«, fuhr Brian fort. »Ich hatte Erfolg, Hillary hatte Erfolg und dann kündigte sich unser Sohn Wilbur an.«
Conny biss sich auf die Lippen. Wilbur. Das arme Kind. Na, man konnte nicht immer Glück haben.
»Und eigentlich wollte Hillary so schnell wie möglich wieder arbeiten. Doch dann wurde bei ihr beinahe zufällig der Krebs entdeckt. Seitdem ist nichts mehr, wie es mal war.« Brian ließ den Blick durch den geschmackvoll eingerichteten Salon gleiten. Er blieb am knackenden Kaminfeuer hängen, das trotz des milden Wetters in den kühlen Räumen der Burg durchaus seine Berechtigung hatte. »Die Ärzte sagen, dass alles wunderbar geklappt hat, dass der Tumor entfernt und Chemo und Bestrahlung zu aller Zufriedenheit abgeschlossen wurden. Eigentlich könnte es jetzt wieder besser werden. Ein bisschen Ruhe und Erholung brauche sie noch, meinte der Spezialist, und das ist auch der Grund, warum wir hierhergekommen sind.« Er wies auf eines der hohen Fenster, hinter dem die Sonne auf blühende Beete schien. »Frische Luft und Ruhe gibt es hier reichlich. Für uns beide und auch für Wilbur. Doch bald fing Hillary an, seltsame Dinge zu sehen. Dinge, die einfach nicht da waren. Ich schob es auf die Chemo. So eine Behandlung kann eine Menge seltsamer Dinge im Gehirn eines Menschen anrichten.«
»Das mag wahr sein«, warf Conny ein. »Und es ist ja auch sehr praktisch, merkwürdige Vorkommnisse einfach der fehlenden Gesundheit eines Menschen zuzuschreiben. Doch nun hast du selbst etwas gesehen, richtig? Und dich hältst du ja für kerngesund.«
»Ja … nein … ich weiß nicht.« Brian machte eine hilflose Geste und wirkte auf einmal mehr denn je wie ein überforderter Schuljunge. »Es war noch früh morgens, ich hatte schlecht geschlafen, und es war auch recht dämmrig in diesem Treppenhaus. Ich kann mich geirrt haben. Ganz sicher habe ich mich geirrt und dich vermutlich umsonst hierher bemüht, alter Freund.« Sein Lächeln hatte wenig Überzeugungskraft.
»Was genau hast du denn gesehen?«, wollte Conny wissen. »War es ein Mann oder eine Frau? Ein Kind vielleicht? Trug die Gestalt altertümliche Kleidung?«
»Alt schien mir die Kleidung schon, aber sie wurde weder von einem Mann noch von einem Kind oder einer Frau getragen.« Brian Lawrence rang die Hände.
»Die Kleidung war ganz allein unterwegs?« Allison schlug ihre langen Beine übereinander und zog die Augenbrauen hoch. »Jetzt wird es interessant.«
Brian schüttelte den Kopf. »Nein, sie hing. An einem Kleiderständer.«
»An einem Kleiderständer?« Nun zog auch Conny die Augenbrauen hoch. »Du hast einen spukenden Kleiderständer in deiner Burg? Was hat der Ständer denn gemacht? Hat er dich angegriffen? Oder mit Hüten nach dir geworfen?«
»Er ist die Treppe hinuntergetanzt, hat sich ein paar Mal um die eigene Achse gedreht, wobei alle Mäntel, die an ihm hingen, durch die Luft schwangen, und ist dann verschwunden.« Brian Lawrence vermied es, einem seiner Gäste ins Gesicht zu blicken.
Doch die Tatsache, dass er nicht mehr versuchte, sein Erlebnis ins Lächerliche zu ziehen, verriet Conny, dass ihn die Begegnung mit dem tanzenden Kleiderständer mehr verunsichert hatte, als er zugab.
»Und dieses Möbelstück«, hakte Allison nach. »Es war dir völlig unbekannt, Brian? Es war nicht etwa so, dass ein dir vertrauter Kleiderständer plötzlich zum Leben erwacht ist, du hast das Ding wirklich noch nie zuvor hier gesehen?«
»Richtig.« Der Hausherr ging ein paar Schritte durch den Raum und nahm die Sherryflasche, aus der er zuvor Allison einen Drink eingeschenkt hatte, an sich. Mit zitternden Händen zog er den Korken heraus und goss sich selbst nach. »Wir haben gar keinen Kleiderständer. Unser neu gestalteter Garderobenraum beherbergt gleich mehrere massive Schränke.«
»Hier spukt ein Kleiderständer?« Conny konnte es nicht fassen. »Hör mal, Brian, wenn deine Burg über ein angemessenes Gespenst verfügt hätte, wäre das keine Überraschung für mich gewesen. Aber bei dir tanzen allen Ernstes die Möbel? Und zwar nicht deine eigenen, sondern fremde?«
»Das schließt Poltergeistaktivitäten aus. Dann würde sich nur unkontrolliert bewegen, was sowieso schon vorhanden ist.« Allison wippte mit dem Fuß und blickte nachdenklich auf Brian Lawrence, der ihr ein dankbares Lächeln schenkte.
»Und was hat deine Frau gesehen?«, bohrte Conny weiter. »Eine Kommode oder ein Bettgestell?«
»Ebenfalls Gegenstände«, gab Brian zu und sein Lächeln wirkte ein wenig gequält. »Verschiedene Gegenstände, die nichts miteinander gemein zu haben scheinen, außer dass sie eben nicht hierhergehören. Manche tanzen, manche schweben herum, und manche stehen einfach nur plötzlich da, wo vorher nichts war.«
»Das ist das Blödsinnigste, was ich je gehört habe.« Conny meinte es ernst. Er nahm seinem Schulfreund die Sherryflasche ab und schenkte sich ebenfalls ein.
»Deswegen habe ich Hillary ja auch zuerst nicht geglaubt«, erwiderte Brian heftig. »Und mir selbst glaube ich nun auch nicht mehr. Wer glaubt denn überhaupt an Geistermöbel?«
»Ich.« Allisons Stimme klang sachlich. »Und es ist gar nicht so ungewöhnlich, wie die Herren meinen. Auch Gegenstände können spuken, und zwar eigenständig, ohne dass sie von Geistern bewegt werden. Man denke nur an die Phiole vom Tower.«
»Die was?« Für einen Moment versuchte Conny nicht mehr, erfahren und professionell auf Brian zu wirken. Er war einfach wieder er selbst und gerade völlig ahnungslos. »Davon habe ich ja noch nie gehört.«
»Im Tower von London hausen seit jeher viele Geister«, klärte Allison auf. »Eines von ihnen ist die gespenstische Phiole. Sie wurde nur ein einziges Mal, im Oktober 1817, gesichtet, enthielt eine weiß-blaue, strudelnde Flüssigkeit und schwebte über einen Tisch hinweg, bevor sie versuchte, einen der Zeugen zu packen.«
»Packen?« Conny glaubte, sich verhört zu haben. »Wie kann eine Phiole einen Menschen packen? So ganz ohne Arme?«
»Das weiß ich nicht, so ist es überliefert.« Allison stand aus ihrem Sessel nahe dem Feuer auf und stellte ihr Glas auf den Kaminsims. »Da die Phiole sich kurz darauf auflöste und nie wieder gesehen wurde, konnte das Phänomen nie genauer untersucht werden. Vielleicht gibt uns dieser Auftrag eine Gelegenheit, herauszufinden, was derjenige, der dieses Ereignis niederschrieb, mit ›packen‹ gemeint hat.«
»Der Gedanke, dass einer der Gegenstände meine Gäste packen könnte, gefällt mir gar nicht. Vielleicht ist doch alles nur ein Irrtum.« Brian klang kläglich. Sein Lächeln und sein weltgewandtes Gehabe waren wie weggewischt. »Als Dotty, unser Mädchen für alles, dazukam, hat sie nichts Ungewöhnliches bemerken können. Vielleicht bin ich ja nur einer optischen Täuschung erlegen.«
Conny verschränkte die Arme und versuchte cool und überlegen zu wirken. »Sicher. Möglich ist es. Mit deiner Erlaubnis möchte ich mich jetzt gern in deiner Burg umsehen. Ich habe nur noch eine Frage: Hidden Manor hat nicht immer so geheißen, oder? Ich nehme an, die Burg ist mehrfach umbenannt worden. Das ist an sich ja nicht ungewöhnlich. Neue Besitzer geben ihrem Heim gern einen neuen Namen. Es könnte aber auch ein Hinweis darauf sein, dass es in der Geschichte dieser Burg einen dunklen Fleck gibt, den man lieber vergessen wollte. Seit wann führt dieses Haus den Namen Hidden Manor?«
»Ich weiß nicht«, bekannte Brian und sah verwirrt drein. »Wir haben den Namen nicht verändert, als wir hierherkamen. Wir wollen ja auch nicht für immer bleiben, es ist nur eine Zwischenstation. Dotty müsste etwas darüber wissen, die stammt von hier.«
Conny und Allison warfen sich einen langen Blick zu und waren sich einig. Mit dieser Dotty würde man noch zu reden haben.
Allison stand auf, stellte ihr leeres Glas zurück aufs Tablett und verkündete: »Ich würde jetzt gern auspacken und mich etwas frisch machen. Miranda geht es sicher ebenso. Kann uns jemand unsere Zimmer zeigen?«
Nachdem Miranda und Hng ein Dienstbotenzimmer hoch oben in der Burg bezogen hatten und Erstere mit Gesten verdeutlicht hatte, dass sie sehr gern durch die Gärten der Burg spazieren würde, anstatt auf den Fluren nach spukenden Möbeln Ausschau zu halten, warfen Allison und Conny ebenfalls einen Blick in ihre Unterkunft. Brian hatte ihnen ein Gästezimmer mit Aussicht auf das Meer herrichten lassen, dessen Einrichtung schlicht und edel zugleich wirkte.
»Ich muss noch einmal den guten Geschmack unseres Auftraggebers loben«, sagte Allison und öffnete die beiden Flügel des Fensters. Sofort ließ der Seewind die Gardinen flattern. »Überhaupt erweckt er bei mir nicht den Eindruck, ein unausstehlicher Angeber zu sein.«
»Ist er aber.« Conny warf einen Blick auf den geheimnisvollen schwarzen Kleidersack in seinem Koffer, den er auf Nigels Geheiß noch kurz vor der Abfahrt eingepackt hatte. Was für ein Kostüm hatte der Geistersekretär wohl für ihn per Express liefern lassen? Conny befürchtete das Schlimmste. »Brian ruft uns hierher, weil er von einem Kleiderständer unbekannter Herkunft angetanzt wurde. Und jetzt glaubt er selbst nicht mehr so richtig dran, weil es ihm peinlich ist.«
Allison zuckte mit den Schultern, ließ sich auf der Bettkante nieder und prüfte die Weichheit der Matratze. »Viele Menschen verhalten sich genau wie er, nachdem sie ein Gespenst gesehen haben. Sie zweifeln lieber an ihren Sinnen als an ihrer Realität. Letzteres ist einfach zu gewagt und könnte sie ernsthaft erschüttern.«
»Und wir streifen nun durch die Gänge und suchen wie die Deppen nach verdächtigen Möbeln?«, wollte Conny wissen. »Wenn du mich fragst, ist der rotierende Kleiderständer tatsächlich nur eine Sinnestäuschung gewesen. Und diese Hillary hat möglicherweise wirklich eine Schraube locker. Das nennt man ein Chemohirn, wenn ich mich recht erinnere.«
»Und wenn nicht?« Allison sah ihn streng an. »Das Chemohirn erholt sich doch, wenn die Wirkung des Giftcocktails nachlässt. Und die Behandlung von Hillary Lawrence ist längst abgeschlossen. Wir müssen uns auf die Suche nach diesen Gegenständen machen, es ist der einzige Weg, um möglichst schnell eine Bestätigung für seine Geschichte zu bekommen. Außerdem können wir uns im Moment noch mit allen Bewohnern der Burg unterhalten. Heute Abend, wenn der Ball beginnt, wird niemand von denen mehr Zeit für ein Gespräch finden.«
»Sie werden auch jetzt schon viel vorzubereiten haben«, meinte Conny. »Diese Dotty war zumindest unheimlich schnell von der Bildfläche verschwunden. Fast, als ob sie Angst vor uns hätte.«
»Hat sie auch«, murmelte Allison. »Da bin ich mir ziemlich sicher.«
»Wie bitte?«
»Ich sagte: Überlass diese Dotty bitte mir«, erwiderte Allison gedehnt.
»Wirklich?« Conny wusste, dass er ein verdutztes Gesicht machte. »Hat aber zuerst ganz anders geklungen.«
Er ließ den geheimnisvollen Kleidersack seines Kostüms unangetastet und verließ zusammen mit Allison das Zimmer.
Als sich ihre Wege am Ende des Flures trennten, fiel Conny noch etwas ein: »Wenn es diese spukenden Möbel wirklich gibt, ist Miranda dann im Garten der Burg gut aufgehoben? Nicht dass ausgerechnet sie an einen rotierenden Kleiderschrank gerät oder von einem Beistelltisch verfolgt wird.«
Allison machte eine wegwerfende Handbewegung. »Was sollten die Möbel wohl im Garten verloren haben? Nein, der Spuk ist hier drinnen beobachtet worden und hier werden wir auch nach ihm suchen. Jeder von uns beiden übernimmt einen Teil des Gebäudes. Viel Glück. Und lass dich nicht von etwas packen.« Damit sprang sie die Stufen einer Treppe hinunter und war bald aus seinem Sichtfeld verschwunden.
»Was immer dieses ›packen‹ bedeuten mag«, murmelte Conny und begann seine Wanderung durch die Flure von Hidden Manor.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.