Kitabı oku: «Die mechanischen Katzen»

Yazı tipi:

Die mechanischen Katzen
Miriam Rieger
Buch 10 der Katzenreihe


Für Marion und Tom
In Erinnerung an Ben


©Miriam Rieger 2020

Machandel Verlag Haselünne

Charlotte Erpenbeck

Cover-Bild: und Illustration:bluedarkart / shutterstock.com

1. Auflage 2020

ISBN 978-3-95959-260-4


1. Kapitel

Ein Schnauben ertönte, gefolgt von einem Pfeifton, einem ohrenbetäubenden Zischen und einem Stampfen. Das Glas auf dem wackeligen Tisch fing zu zittern an.

Mortimer Bender schaute überrascht von seinen Unterlagen auf. Er kannte das Geräusch, doch war dies der letzte Ort, an dem er es vermutet hätte. Es dauerte nicht lange, und es gesellten sich weitere Laute hinzu. Trampelnde Schritte, aufgeregte Rufe, zuschlagende Türen, Gejohle. Was sich draußen abspielte, war offenbar für alle in der Nachbarschaft eine Sensation. Nun erhob sich Bender und trat ans Fenster. Wie erwartet drängten sich etliche Menschen auf den Hof, hin und her gerissen zwischen Faszination und Furcht. Verständlich, wie oft verirrte sich schon solch ein Gefährt in diese Gegend? Bender vermutete, dass dies eine Premiere war. Schwarz funkelnd mit faustdicken silbernen Nieten erhob sich das Fahrzeug vor den Schaulustigen, ein wahres Ungetüm, das unter weiterem Schnauben graue Wölkchen gen Himmel jagte. Ein Kuhfänger prangte direkt davor und musste bei jedem die Frage aufkommen lassen, ob damit andere, als zu langsam empfundene Fahrzeuge von der Straße gedrängt werden sollten. Gewundert hätte es Mortimer Bender nicht. Dies war kein normales Dampfmobil. Das Fahrzeug sah aus, als wäre bei der Konstruktion ein folgenschwerer Fehler passiert, der dafür gesorgt hatte, dass die geplante Lokomotive nicht auf den Schienen fahren durfte und stattdessen Reifen erhalten hatte.

Was mochte jemand, der sich ein solches Gefährt leisten konnte, in dieser Gegend suchen? Bender musste sich nicht umblicken, um des Kontrastes gewahr zu werden. Das Prunkfahrzeug stand inmitten einer Gegend, deren Wohnungen nicht immer über Strom verfügten und in denen es oftmals nur bei schlechtem Wetter fließendes Wasser gab, wenn der Regen über die undichten Dächer oder Fenster in die Wohnungen tröpfelte und an den Wänden herabfloss.

In dem Moment kletterte der Fahrer aus der Möchtegernlokomotive und bahnte sich seinen Weg durch die Menge, ohne diese eines Blickes zu würdigen. Der hochgewachsene Mann trug einen teuer aussehenden Mantel und hatte sich die schwarzen Haare streng nach hinten gekämmt. Dennoch ließ sich Bender vom ersten Eindruck nicht täuschen. Dieser Mann wirkte wohlhabend, war aber vermutlich nur der Chauffeur des tatsächlichen Fahrzeugbesitzers. Lange musste Bender darüber nicht sinnieren, denn kaum eine Minute später ertönte ein Klopfen an der Haustür. Ein energisches Klopfen, das sofortigen Einlass forderte.

Mit einer gewissen Neugierde öffnete er die Tür und sah sich ebenjenem Herrn gegenüber, der mit seinem Auftritt für die Sensation des Tages gesorgt hatte. Bender sah sich in seiner Vermutung bestätigt: Die Schuhe waren leicht verschlissen, auch der Mantel zeigte bei genauerem Hinsehen Gebrauchsspuren.

„Sie sind Mortimer Bender?“ Es war Frage und Antwort in einem, in militärischem Ton vorgebracht, dessen Effekt allerdings durch den nur mühsam kaschierten Dialekt verpuffte. Bender kannte diese Mundart. Hier wurde sie gesprochen, in diesen Vierteln. Er war sich so gut wie sicher, dass der Kerl sie von früher kannte – als er noch ohne Straßenlokomotive unterwegs gewesen sein musste.

„Womit kann ich behilflich sein?“

„Kommen Sie mit. Es wird zu Ihrem Schaden nicht sein.“

„Wohin und warum?“

Der Kerl warf Bender einen verächtlichen Blick zu. „Ihre Mama hat Ihnen wohl beigebracht, nicht zu fremden Männern ins Dampfmobil zu steigen?“

„Meine Mutter brachte mir vor allem bei, mich von Dampfplauderern, pardon, Fahrern nicht unnötig beeindrucken zu lassen.“

Ein finsterer Blick war die erwartete Folge, doch die Faust, die der Kerl bedrohlich hatte schwingen wollen, ließ er wieder sinken. „Sie sollten Ihre Zunge zügeln.“

„Sie sollten dasselbe mit Ihrer Faust machen und auch Ihr Arbeitgeber könnte die Art seiner Kontaktaufnahme überdenken. Zudem ist Ihnen wohl entgangen, dass es sich zum guten Ton gehört, sich vor einem Gespräch dieser Art vorzustellen?“

Der Fahrer ließ einen abschätzigen Blick durch den Raum gleiten. Bender musste ihm nicht folgen, er wusste, worauf sein Gegenüber hinaus wollte. Er war sich dessen bewusst, dass seine kleine Wohnung nur spärlich eingerichtet war. Es war klar gewesen, dass das Thema Geld eher früher als später zur Sprache kommen würde, um ihn zu überzeugen. Dennoch ließ er die Litanei über sich ergehen, dass der Besuch für ihn finanziell sicher von Vorteil sei, habe der Besitzer der Straßenlokomotive doch einen fulminanten Auftrag für ihn.

Es war eine Lüge zu behaupten, dass Bender kein pekuniär orientiertes Interesse hatte, aber tatsächlich war die Neugierde in diesem speziellen Fall der größere Reiz. Wem gehörte dieses Monstrum und vor allem: Was wollte derjenige von ihm, Bender? Was mochte ein so dringendes Anliegen sein, dass jemand, der sicher ein von hohen Mauern umzingeltes Anwesen sein Eigen nannte und womöglich über einen Horizont verfügte, der ebenso begrenzt war, ihn aus seiner Wohnung abholen ließ?

Bender stieg so nonchalant ein, als wäre eine Fahrt mit diesem Monstrum für ihn eine Selbstverständlichkeit. Stimmen folgten ihm wie erwartet. Aufgeregte Rufe, ausgestreckte Arme, die auf ihn zeigten. Köpfe, die zusammengesteckt wurden und bestimmt mutmaßten, was Bender in dem Gefährt sollte. Das Getuschel und die Gerüchte würden den Schaulustigen noch viele Stunden Unterhaltung geben.

Mit einer Neugierde, die Bender kaum verhehlen konnte, blickte er sich um. Von innen wirkte das Monstrum überraschend klein. Eine edle Sitzbank bot zwei Fahrgästen Platz. Ausstrecken konnte man die Beine nur, wenn man den Meter Körpergröße nicht überschritt. Dafür war eine komplizierte Apparatur vorhanden, die Bender erst auf den vierten Blick als Getränkespender erkannte. Er nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. Was auch immer es war, es handelte sich um eine hochprozentige Angelegenheit, die so schmeckte, als wäre sie ursprünglich dazu gedacht gewesen, Fahrzeuge anzutreiben.

Mit Schnauben und Stampfen erwachte das Ungetüm zum Leben. Die Sitzbank begann zu vibrieren, Lärm füllte das Innere des Wagens, und dann setzte sich das Ungetüm in Bewegung. Ein heftiger Ruck drückte Bender in den Sitz. Zuerst langsam, dann immer schneller fuhr es die Straßen entlang. Die Schlaglöcher, von denen Bender sehr genau wusste, dass es sie gab und die in Fiakern und Dampfmobilen jedermanns Hintern schmerzhaft zu spüren bekam, waren wie inexistent. Bender wünschte sich, einen Blick nach draußen erhaschen zu können, doch befand sich im Fahrgastbereich kein Fenster. So versuchte er nur, anhand der Richtungswechsel den Weg zu erahnen. Vor seinem geistigen Auge breitete er einen Stadtplan aus. Nach kurzer Zeit erklomm das Dampfmobil unter lautem Schnauben spürbar einen Hügel. Bender folgerte, dass sie die Untere Stadt verließen und Richtung Marktplatz fuhren, wo sie bestimmt alle Blicke auf sich zogen. Doch wohin ging es weiter? Gen Saline? Richtung Bahnhof? Bender rechnete eher mit dem Zweiten, aber lag er mit seiner Vermutung richtig? Tatsache war, dass er für alles gewappnet sein musste.


2. Kapitel

„Wir sind angekommen“, ertönte eine dumpfe Stimme, kurz nachdem das Schnauben und Stampfen des Ungetüms verstummt war. Nach dem Lärm, der Bender die letzten zwanzig Minuten umhüllt hatte, war die plötzlich eintretende Stille wohltuend für seine Ohren. Längst hatte Bender sich eingestehen müssen, die Orientierung verloren zu haben. Zu wenige Anhaltspunkte hatte es gegeben, um sich ein Bild machen zu können. Die Tür wurde aufgerissen, und Bender sprang ins Freie. Wenig überrascht erblickte er eine Backsteinmauer von der Art, die für gewöhnlich ein Anwesen umgab. Ein Blick reichte um zu erkennen, dass er sich innerhalb dieser Abgrenzung befand. Das imposante Tor hinter dem Gefährt schloss sich wie von Geisterhand. Bender hatte bereits von solchen Apparaturen gehört: Ein komplizierter Mechanismus aus ineinander verflochtenen Zahnrädern sorgte dafür, dass Muskelkraft nicht mehr vonnöten war, um die Tür zu bewegen. Es war jedoch das erste Mal, dass Bender derartiges mit eigenen Augen sah, und er fragte sich, wieso man so viel Geld und Aufwand in eine Tür stecken mochte. Die Antwort gab er sich im nächsten Augenblick selbst: Für den Eigentümer würde Geld in dieser Größenordnung kaum eine Rolle spielen.

Bender wandte sich um. Ein Park umgab ein zweistöckiges Haus, das im Inneren vermutlich Platz für zwanzig Zimmer, Ballsaal inklusive, bot. Sämtliche Bäume und Sträucher, die den Weg säumten, waren akkurat gestutzt, kein Blatt und kein Stiel waren dem Lauf der Natur überlassen worden. Die Blumen auf den Beeten waren so angeordnet, dass sie ein komplexes Muster aus Zahnrädern ergaben. Wer auch immer hier residierte, musste eine Schwäche für Technik haben und ein Pedant sein. Beides wäre kein Problem gewesen, wenn nicht der sichtliche Wunsch des Eigentümers, mit seinem Geld zu protzen, Bender abgeschreckt hätte.

„Folgen Sie mir. Sie werden bereits erwartet.“

Ohne sich umzublicken, schritt der Fahrer auf das Haus zu. Bender folgte ihm über eine mit Statuen gesäumte Marmortreppe in das Innere des Hauses. Die Empfangshalle bestätigte den nach außen getragenen Reichtum des Gastgebers. Benders Abscheu focht einen Kampf mit seiner Neugier, der mit einem Remis sein vorläufiges Ende fand, als der Gastgeber auftauchte.

Mortimer Bender hatte in seinem Leben, das um einiges länger war, als es sein Äußeres vermuten ließ, schon viel erlebt, so dass es schwierig war, ihn zu überraschen. Dieser Tag jedoch schien alles daran zu setzen, genau dies zu schaffen. Das Auftauchen des Ungetüms war bereits ein guter erster Schritt gewesen. Der Gastgeber toppte dies.

„Herr Hellthal“, entfuhr es Bender, doch sogleich hatte er sich wieder in der Gewalt und glättete seine Züge. Dennoch umspielte ein schmallippiges Lächeln das Gesicht Hellthals. Dass sein Gastgeber ein an Geld und Macht reicher Mann und es gewohnt war, dass die Menschen nach seiner Pfeife tanzten, war Bender schon seit dem Auftauchen der Straßenlokomotive bewusst gewesen. Doch Hellthal – das war noch eine Nummer größer als erwartet. Was die Frage, warum er ausgerechnet Bender hatte kommen lassen, noch interessanter erschienen ließ.

„Ich sehe, Sie kennen mich. Damit rechnete ich.“ Es war eine Feststellung. In der gesamten Region gab es vermutlich niemanden, der noch nichts von Edgar Hellthal gehört hatte. Dabei war er vom Aussehen her eine eher unscheinbare Persönlichkeit. Von der Natur mit einer kleinen, schmalen Statur gesegnet, trug Hellthal Schuhe mit höheren Absätzen, vermutlich um die geringe Körpergröße wettzumachen. Dennoch war er immer noch kleiner als Bender, der sich selbst als nur durchschnittlich groß bezeichnete. Graumelierte, perfekt gekämmte Haare schmiegten sich um Hellthals Kopf und offenbarten Geheimratsecken. Er hatte strenge, ebenmäßige Gesichtszüge und einen Blick, der verriet, dass er, wenn schon nicht körperlich, so doch hierarchisch auf andere hinabzusehen pflegte.

„Was wissen Sie über mein Unternehmen?“ Mit hinter dem Rücken verschränkten Armen taxierte Hellthal Bender.

Was andere ebenfalls wissen, war Benders erster Gedanke, den er nicht aussprach. Eine präzisere Antwort wäre wünschenswert, hätte er sicher zu Recht zu hören bekommen.

„Sie führen eines der wichtigsten Unternehmen in Traunstein und Umgebung“, begann Bender. Es klang, als schmierte er seinem Gegenüber Honig um den Mund, doch entsprach es lediglich der Wahrheit. Es gab nur ein weiteres Unternehmen, das ähnlich erfolgreich war: das Luftschiffimperium des Freiherrn von Hohenheim, das seinen Sitz in Berchtesgaden im benachbarten Landkreis hatte. Doch hielt es Bender für klüger, den Namen des Mannes, der in Sachen Macht und Einfluss Hellthals Konkurrent war, nicht in diesem Anwesen zu nennen, wenn es nicht sein musste.

„Sie entwickeln und verkaufen alles, was sich mit Zahnrädern machen lässt.“

„Ihre Beschreibung könnte konkreter ausfallen, aber da sie im Kern der Wahrheit entspricht, werde ich sie stehen lassen.“

Wie in Gedanken versunken schritt Hellthal durch den Empfangsraum, ließ dabei seine Absätze auf dem Marmorboden klappern und blieb vor einem offenen Kamin stehen, der so blitzte, dass er bestimmt noch nie ein Feuer gesehen hatte. Die Rauchentwicklung im Empfangsraum wäre vermutlich auch katastrophal geworden, da der Kamin dreiseitig offen ein gutes Stück in den Raum hineinragte.

„Ich entwickle gerade eine exklusive Produktreihe“, erzählte Hellthal wie beiläufig, doch Bender fiel auf, dass der Millionär aus dem Augenwinkel genau seine Reaktion beobachtete. Was auch immer er erwartete: bestimmt nicht den scheinbar desinteressierten Gesichtsausdruck, hinter dem Bender seine Neugierde versteckte. Dass die Produktreihe exklusiv war, fand er dabei weniger spannend als die Tatsache, dass Hellthal sich die Zeit nahm, ihm davon zu erzählen.

„Es ist eine Katze.“

Einen Augenblick hatte Bender eine echte Katze vor Augen, die Hellthal eine tote Maus vor die auf Hochglanz polierten Lederschuhe legte und ein Lob erwartete. Doch dann fiel sein Blick auf den Kaminsims, und da wusste Bender, warum sein Gastgeber sich ausgerechnet diesen Ort zum vorgeblichen Sinnieren ausgesucht hatte.

Dort saß eine bronzefarbene Katze, deren Innenleben aus Zahnrädern, Schrauben und Uhren bestand. Eine Uhr saß direkt auf der Stirn, knapp oberhalb der Augen. Die Katze hatte seitlich angedeutete Schnurrbarthaare, doch hatte der Produktentwickler Nase und Maul für überflüssig empfunden. Ein Metallrohr, das aussah, als könnte es nach Belieben verkürzt oder verlängert werden, verband Kopf und den restlichen Körper. Weitere drei Uhren zierten diesen. Eine tickte auf der Brust und eine weitere kleine prangte auf der hinteren Pfote. Bei jedem anderen hätte Bender humoristische Hintergründe dafür vermutet, dass die dritte Uhr ausgerechnet seitlich am Hintern ihren Platz gefunden hatte, doch es war davon auszugehen, dass Hellthals Sinn für Humor so ausgeprägt war wie die Bescheidenheit des Anwesens. Der Katzenschwanz bestand aus etwa zehn einzelnen Stücken, die durch Bolzen zusammengehalten wurden, und sich nach oben hin zusammenkrümmten. Von einem Zahnrad, das am Hals befestigt war, hing eine Schnur herab. Scharfe Krallen an den Pfoten rundeten das Bild ab.

Bei dieser Katze gingen Eleganz und perfekt funktionierende Technik Pfote in Pfote, doch was wollte Hellthal mit ihr? Dieser Mann hatte noch nie etwas ohne guten Grund entwickelt.

Der Gastgeber ließ Bender das mechanische Tier begutachten, ehe er weitersprach: „Sie haben die Ehre, den Prototypen meiner neuesten Kreation zu bewundern.“

Mochte es als undankbar gelten, doch Bender empfand es kaum als Ehre. Vielmehr beschäftigte ihn die Frage, welche Erwartungen Hellthal an ihn hatte. Er verschränkte die Arme. „Herr Hellthal, Sie haben gewiss nicht nach mir schicken lassen, weil ich bei einem Gewinnspiel, von dem nur Sie etwas wissen, einen Rundgang mit persönlicher Führung gewonnen habe. Meine Zeit ist im Vergleich zu Ihrer sicher nicht so knapp bemessen, aber ich möchte Sie dennoch bitten, zum Punkt zu kommen.“

Hellthal warf ihm einen Blick zu, bei dem die meisten Menschen den ihren gesenkt hätten. Nicht so Bender. Ohne zu blinzeln hielt er stand, bis Hellthal sich dem Kaminsims zuwandte und die mechanische Katze herunterhob.

„Die Produktreihe umfasst momentan drei Katzen. Doch kam es zu einem unvorhergesehenen Zwischenfall.“ Hellthal legte eine Pause ein, doch Bender tat ihm nicht den Gefallen, nachzuhaken.

„Eine der Katzen befindet sich in meinem Besitz. Es handelt sich um diese. Die beiden anderen wurden gestohlen.“

Es fehlte lediglich ein mit seinen Initialen besticktes Spitzentaschentuch zur Benetzung der Stirn und ein theatralischer Ohnmachtsanfall, um die Dramatik der Szenerie zu untermauern.

„Brachten Sie den Diebstahl bereits bei der Polizei zur Anzeige?“, fragte Bender nur.

Hellthal lächelte dünn. „Ja, doch gibt es bis heute keine Resultate. Protokolle und Fotografien liegen vermutlich en masse in Ordnern, fein säuberlich beschriftet und archiviert. Aber was hilft mir das? Deswegen kommen Sie ins Spiel. Sie werden mir meine Katzen wiederbeschaffen. Für jede gefundene Katze werden Sie selbstverständlich ein Honorar erhalten. Eines, das vermutlich wesentlich höher ausfällt als das übliche Kleingeld, mit dem Sie Ihr Überleben sichern.“

Arroganter Schnösel, war Benders erster Gedanke. „Meines Wissens beschäftigen Sie Sicherheitspersonal, darunter auch einen eigenen Detektiv. Warum vertrauen Sie nicht ihm die Aufgabe an?“

Hellthal beantwortete die Frage nicht gleich. Sein Blick glitt über die Katze, dann über Bender. Vermutlich überlegte er, wie viel er tatsächlich preisgeben durfte.

„Sehen Sie, Herr Bender“, sagte er schließlich. „Auch wenn ich Ihnen keine Details verraten werde, kann ich Ihnen dennoch sagen, dass ich für mein Privatanwesen wie für meinen Firmensitz ein umfangreiches Sicherheitssystem ausgeklügelt habe. Für den Diebstahl der Katzen wurde dieses auf raffinierte Art umgangen. Wer auch immer der Täter oder die Täterin ist, kennt sich genau aus.“

Nun wurde Bender einiges klarer. „Sie schließen nicht aus, dass jemand, den Sie damit beauftragten, für die Sicherheit in Ihrer Firma zu sorgen, dieses Wissen ausnutzte. Da Sie nicht wissen, wer es war, misstrauen Sie pauschal allen Angestellten und übergeben einem Externen den Auftrag.“

„Sie sind ein Mann, der das sagt, was er denkt.“

Wenn ich meine Gedanken zu dir und deinem Auftrag ungefiltert zum Besten gäbe, könnte ich froh sein, wenn ich nur des Anwesens verwiesen würde. „Haben Sie einen Verdacht? Wofür sind die Katzen gebaut worden und für wen sind sie von Interesse?“

„Sie sind zur Zierde gedacht.“

Im ersten Augenblick wusste Bender nicht, was er antworten sollte. Der Gedanke, dass Hellthal einen Detektiv anheuern und fürstlich bezahlen wollte, weil ihm zwei Dekorationsartikel abhanden gekommen waren, schien so abstrus, dass Bender in einer anderen Situation an einen schlecht inszenierten Scherz gedacht hätte.

„Man stellt die Katze auf ein Regal und lässt sie verstauben?“, hakte er zur Sicherheit nach.

„Nein, Herr Bender.“ Hellthal warf Bender einen verächtlichen Blick zu. „Es ist ein hochwertiges Produkt. Wir leben in einer Zeit, in der Menschen das Bedürfnis haben, die Welt kennen zu lernen, weiße Flecken auf Landkarten zu erschließen und Pionierleistungen zu erbringen!“

Manche Menschen haben das Bedürfnis, die Miete bezahlen und ihre Kinder ernähren zu können. Bender verzichtete jedoch darauf, den Gedanken auszusprechen, da mit dem Verständnis Hellthals nicht zu rechnen war und zynische Kommentare zu Benders Wohngegend niemandem etwas bringen würden.

„Die Uhren zeigen nicht nur an, wie spät es jetzt bei uns ist. Man erkennt gleichzeitig, wie spät es in Amerika, Indien oder Afrika ist. Für welche Länder oder Städte man sich entscheidet, bleibt jedem Katzenbesitzer selbst überlassen. Es erinnert an ferne Kontinente und ist das Richtige für den Mann von Welt!“

„Welch Glück, eine Uhr sein Eigen nennen zu dürfen, die einem die tägliche Mühe des Stundenzählens abnimmt, was die wohl größte Sorge eines jeden Menschen sein dürfte!“

Hellthal verzog das Gesicht zu etwas, das wohl ein Lächeln werden sollte. „Sie mögen es verstehen oder nicht – nehmen Sie den Auftrag an? Wie ich bereits sagte, ist er für Sie lukrativ.“

Wie nebenbei nannte Hellthal eine Summe, die Bender für einen Augenblick die Sprache verschlug, war sie doch um ein Mehrfaches höher als sein übliches Honorar. Aber auch wenn der in Aussicht gestellte Lohn reizvoll war, kein weiterer Auftrag in Sicht war und Bender das Geld gut gebrauchen konnte, um für Miete und Lebensunterhalt aufzukommen, stand der finanzielle Anreiz nur an zweiter Stelle. An die erste hatte sich von Beginn an seine Neugierde platziert. Hellthal spielte nicht mit offenen Karten, und Bender spürte ihn – den Drang, die Wahrheit herausfinden zu wollen.

„Ja, ich nehme ihn an. Haben Sie einen Verdacht, wer die Katzen gestohlen haben könnte? Ich rechne nicht damit, dass es einem Tagelöhner oder Taschendieb gelungen wäre, bei Ihnen einzubrechen oder Ihren Detektiv zu bestechen. Es muss jemand sein, der sowohl über die Katzen als auch Ihre Sicherheitsvorkehrungen informiert ist.“

„Sehr wohl. Ein Mann zeigte bereits Interesse an der Katze. Dennoch war er nicht bereit, für diese zu bezahlen. Zu teuer, erklärte er großspurig. Ihm traue ich einen Diebstahl zu. Es handelt sich um Frederick Martin.“

Frederick Martin, ein ebenfalls einflussreicher Mann, bekannt für seine Brauerei und zahlreichen Wirtshäuser? Es gab so gut wie niemanden, der nicht sein Bier trank, und selbst Kinder kamen kaum an ihm vorbei, da er wie nebenbei auch diverse Säfte auf den Markt brachte. Selbst wenn er die Katze gestohlen hatte: Wie sollte es Bender gelingen, sie ausfindig zu machen?

„Ich beauftragte doch nicht etwa den falschen Mann?“, fragte Hellthal wie beiläufig.

„Nein, Sie haben den richtigen“, erwiderte Bender. Finden würde er die Katzen. Über den Weg dorthin musste er sich allerdings noch Gedanken machen.

3. Kapitel

„Ich hoffe, Sie bringen mich nicht in Teufels Küche!“, brummelte Cornelius Hartmann. Kaum waren die Worte gesagt, lief er rötlich an. „Das ... war nur so dahingeredet“, stammelte er, als befürchtete er, dem Teufel vorstellig zu werden, der nur darauf wartete, ihn mit Pfeffer zu würzen und in die Pfanne zu legen.

„Beruhigen Sie sich, Hartmann“, entgegnete Bender. „Ich bin ein gefallener Engel, aber nicht der Leibhaftige persönlich. Ich habe nicht vor, Sie in Bedrängnis zu bringen.“ Schmunzelnd beobachtete er den Kommissar. Vor einigen Jahren hatte Bender den damals fünfundzwanzigjährigen Hartmann als einen braven Polizisten kennengelernt, der während der Ausbildung seine Paragraphen gepaukt und heruntergebetet hatte, aber bei der Konfrontation mit der Realität den Kürzeren gezogen hatte. Umso erfreulicher war es, dass Hartmann im Laufe der Zeit ein kriminalistisches Gespür entwickelt hatte. Zudem war er als einziger Polizist bereit, Bender zu helfen und mit Informationen zu versorgen. Im Gegenzug dazu hatte Bender seinerseits Hartmann bei Fällen unter die Arme greifen können, bei der die Polizei ratlos gewesen war.

„Verstehe ich das richtig?“, fasste Hartmann zusammen, nachdem Bender ihm alles erzählt hatte. Fast hätte Bender schmunzeln müssen. So ungläubig und ratlos hatte der Kommissar ihn das letzte Mal angesehen, als er erfahren hatte, dass Bender ein Engel und kein gewöhnlicher Mensch war.

„Frederick Martin verfügt angeblich nicht über das nötige Kleingeld, um eine mechanische Katze aus der Fabrik Hellthals zu kaufen, leistet sich aber die Dienste eines Langfingers, der in die Fabrik einbricht und das Ding stiehlt?“

„Den Preis für eine Katze nannte Hellthal mir nicht, doch denke ich nicht, dass man sich an der Kasse mit Kleingeld zufrieden gibt. Dennoch wird Martin das Geld haben, allerdings, glaubt man den Worten Hellthals, nicht den Willen, es für die Katze auszugeben. Entweder sind die Dienste besagten Langfingers preiswerter oder derjenige schuldet Martin einen Gefallen. Jedenfalls war Hellthal bei der Polizei, und laut seiner Aussage fanden bereits Ermittlungen statt. Auch wenn diese nicht von Erfolg gekrönt waren, liegen sicher erste Ergebnisse vor. Ich bin für jede Information dankbar.“

Hartmann druckste ein wenig herum, nahm seine Taschenuhr in die Hand, ohne die Uhrzeit zu lesen, und legte sie wieder zurück.

„Ich besorge Ihnen die Informationen. Im Gegenzug halten Sie meinen Namen aus der Sache. Ich möchte weder mit Hellthal noch mit Martin Ärger.“

Erleichterung durchrieselte Bender. „Wann zog ich Sie jemals in etwas hinein? Sie können sich auf mich verlassen.“

Zwei Tage später saß Bender an seinem Tisch und brütete über seinen Unterlagen. Was er in Erfahrung gebracht hatte, war zu wenig und zu allgemein, als dass es ihm geholfen hätte. Auch von Hartmann gab es noch keine Neuigkeiten.

Frederick Martin hatte eine Brauerei, die in der Region das Monopol hatte. Seinen Erfolg bekamen dabei auch andere zu spüren. Vage erinnerte sich Bender an eine Brauerei, die vor einigen Jahren die Pforten und Sudpfannen hatte schließen müssen. Das Gebäude mit seinem angeschlossenen Biergarten war verwildert und der Natur zum Opfer gefallen. Wo einst Menschen gearbeitet hatten, krochen nur mehr Spinnen und am Wochenende betrunkene Jugendliche über den staubigen Boden.

Und Martin? Der hatte inzwischen drei Gaststätten eröffnet, belieferte verschiedene Hotels und füllte die Regale der Lebensmittelläden. Er selbst wohnte in einer Villa, die von außen nicht einzusehen war, den Erzählungen nach aber der von Hellthal in nichts nachstand. Bender seufzte. Wenn die Katzen überhaupt in Martins Besitz waren, mussten sie in der Villa sein. In seinen Büroräumen waren sie bestimmt nicht, denn wer würde auf die Idee kommen, Diebesgut, noch dazu so auffälliges, an seiner Arbeitsstelle in Szene zu setzen? Andererseits, welchen Sinn hatte es, einen solchen Aufwand zu betreiben, um einen Dekorationsartikel zu stehlen, wenn er nachher in einem Tresor sein Dasein fristete? Trotzdem, am wahrscheinlichsten befand sich die Katze im Privatdomizil Martins, das vielfach gesichert und für Bender unerreichbar war.

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Grübeleien. Sein Kopf schoss nach oben, er eilte zur Tür und riss sie auf.

„Gut, dass Sie da sind, Hartmann“, sprudelte es aus ihm heraus, doch sein Wortstrom riss abrupt ab, als er gewahr wurde, wer vor seiner Tür stand.

Es war nicht Cornelius Hartmann, sondern eine Dame, deren Gesicht er unter dem Hut kaum erkennen konnte. Anders als der Fahrer, der versucht hatte, sich besser zu kleiden, als es sein Auskommen erlaubte, war es offensichtlich das Anliegen der Dame, sich einfacher zu kleiden, als es ihrem Stand gebührte. Ihr Kleid war mausgrau und unauffällig, jedoch war der Stoff zu teuer und die Schuhe aus echtem Leder, was sich hier in den Vierteln niemand leisten konnte. Bender tat, als fielen ihm diese Details nicht auf, und verbarg mühsam seine Enttäuschung, nicht den erwarteten Gast zu sehen.

„Was kann ich für Sie tun?“ fragte er kurz angebunden.

Die Dame hob den Kopf, sodass ein schmales Gesicht zum Vorschein trat, in dem die Augen beinahe übernatürlich groß wirkten. Sie sah hübsch aus, wirkte aber vor allem verzweifelt. „Ich hörte, Sie seien Detektiv, und ich benötige Ihre Dienste.“

„Was Sie nicht sagen. Ich dachte schon, Sie wollten meine Dienste als Friseur in Anspruch nehmen.“

Sie errötete. „Das auch.“ Sie klang schüchtern, doch der Augenaufschlag strafte dem Lügen. „Während wir über meinen Fall sprechen, können Sie mir die Spitzen schneiden und Lockenwickler in die Haare drehen.“

Die Antwort kam so unerwartet, dass Bender lachen musste und seine Meinung änderte. Er hatte vorgehabt, sie mit Verweis auf seinen Zeitmangel auf einen späteren Termin zu vertrösten, doch nun lenkte er ein und bat sie in seine Wohnung. Dass sie keine Verwunderung ob der kargen Möblierung zeigte, rechnete er ihr ebenso hoch an wie die Tatsache, dass sie sogleich zum Thema kam.

„Mein Name ist Constanze.“ Sie versuchte sich an einem Lächeln, doch das Kneten der Finger und das nervöse Zucken der Augen verrieten ihre Nervosität. „Sie sollen ... jemanden für mich finden.“

„Ist Ihnen Ihr Schoßhündchen davongelaufen?“

„Er frisst mir die Speisekammer leer und markiert überall, aber nein, mein Hund ist mir stets treu.“

„Im Gegensatz zu Ihrem Gatten“, schloss Bender. „Ich soll diesem nachspionieren und Ihnen mitteilen, wo er sich aufhält und vor allem, mit wem?“

Constanze strich Falten aus ihrem Kleid glatt, wobei Bender den Eindruck hatte, dass es ihr weniger um das Kleidungsstück selbst ging als vielmehr darum, den Augenkontakt zu vermeiden.

„Ja“, sagte sie schließlich. Ruckartig hob sie den Kopf und schaute Bender fast trotzig an. „Ich kann mir vorstellen, was Sie jetzt über mich denken. Untreue Gatten auszuspionieren ist vermutlich eine der langweiligsten Aufgaben, die Sie als Detektiv erledigen. Sie werden mich für ein Klischee auf zwei Beinen halten. Ich fühle mich selbst so“, fügte sie zögerlich hinzu. „Aber mein Mann versteckt etwas vor mir, ich weiß es.“

„Ihr Gemahl behauptet, länger arbeiten zu müssen. Er ist sehr verschlossen, führt heimlich Telefonate, und wenn Sie hinzukommen, legt er plötzlich auf, ebenso, wie Gespräche verstummen, die vor Ihrem Eintreffen noch lebhaft geführt wurden.“

Als sie nickte, musste Bender ein Seufzen unterdrücken. Er hätte ihr gern widersprochen, allein: Ihre Nöte waren tatsächlich nicht frei vom Klischee der gehörnten Gattin. Dennoch tat sie ihm Leid, denn auch wenn der Fall aus detektivischer Sicht uninteressant war, war ihm klar, dass sie unter der Situation litt.

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Da ich all meine Zeit und Ressourcen in jeden einzelnen meiner Fälle investiere, nehme ich stets nur einen an. Momentan hält mich einer sehr in Beschlag. Doch sobald dieser abgeschlossen ist, werde ich mich Ihnen widmen.“

Constanze verstand den Wink und reichte ihm die Hand.



4. Kapitel

Er begleitete sie zur Tür, als es erneut klopfte.

„Ich bin es“, ertönte dieses Mal die Stimme Hartmanns. Die aufkeimende Hoffnung Benders wurde jäh zerstört, als er sah, dass Hartmann mit buchstäblich leeren Händen kam. Dieser musste Benders Enttäuschung bemerkt haben, denn er hob entschuldigend die Arme, bevor sein Blick auf Constanze fiel.

„Sie haben Besuch“, stellte er überflüssigerweise fest. „Wenn mein Erscheinen ungelegen kommt, werde ich Sie später aufsuchen.“

Constanze setzte ein Lächeln auf und hielt ihm die Hand so hin, dass er einen angedeuteten Kuss hinhauchen konnte. „Das wird nicht nötig sein, Herr...“

„Cornelius Hartmann“, erwiderte dieser automatisch.

„Herr Bender, Herr Hartmann, ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag.“ Sie deutete eine Neigung ihres Kopfes an und trat ins Treppenhaus.

Bender blickte ihr nach. Ob sie wiederkommen würde, vermochte er nicht zu sagen. Bestimmt hatte sie sich mehr erhofft – und ihr war sicher nicht entgangen, dass er nicht nach dem Namen des Gatten gefragt hatte.

„Ich habe alles versucht“, sagte Hartmann, nachdem er mit einem Kaffee Platz genommen hatte. Bevor Bender etwas erwidern konnte, fuhr er fort: „Aber die Unterlagen, von denen Sie gesprochen haben, existieren nicht.“

Um ein Haar hätte Bender seine Kaffeetasse fallen lassen. „Das ist unmöglich“, hauchte er. „Das ist mit Schlampigkeit allein nicht zu erklären. Es hieße, dass der Fall sabotiert wird.“

Hartmann schüttelte vehement den Kopf. „Nein, kein Sabotageakt. Es ist viel einfacher. Aus unseren Archiven konnte nichts entwendet oder versteckt werden, weil nie etwas zu diesem Fall aufbewahrt worden ist.“

Das warf ein neues Licht auf seinen Fall. Nachdenklich betrachtete Bender seinen Gast. „Hellthal meldete seine Katzen gar nicht als gestohlen ...“

„Es sieht ganz danach aus“, bestätigte Hartmann. „Was mich zu der Frage führt, warum er das Ihnen gegenüber behauptete. Bender, ich weiß nichts über Ihren Fall, aber er gefällt mir nicht.“

Hartmann wirkte besorgt wie selten, und Bender konnte es ihm nicht verdenken. Wieso war Hellthal entgegen seiner Behauptungen nicht bei der Polizei gewesen? Und warum hatte er den doch extra von ihm beauftragten Detektiv belogen?

„Ich glaube nicht, dass die Katze nur Dekorationszwecken dient“, sprach Bender den Gedanken aus, der ihm schon länger im Kopf herumspukte.

„Was dann? Warum ist es so wichtig zu wissen, wie spät es in Hongkong oder an anderen für uns exotischen Orten ist?“ Bender spielte mit dem abgebrochenen Henkel seiner Tasse und nahm einen Schluck Kaffee. „Es würde mich wundern, wenn es nur darum ginge, Uhrzeiten abzulesen.“

„Sie denken, Hellthal ließ sich eine plausibel klingende Ausrede einfallen, um den wahren Zweck zu vertuschen? Doch was zeigen sie an, wenn keine Uhrzeiten?“

Bender rührte in der Tasse, die mittlerweile leer war und in der es nichts mehr zu rühren gab. Dennoch führte er die eintönige Bewegung wie automatisch fort, und auch seine Gedanken bewegten sich ähnlich wie der Löffel im Kreis. „Ich weiß es nicht“, gab er schließlich zu.

„Zogen Sie bereits die nicht unwahrscheinliche Möglichkeit in Betracht, dass Hellthals Katze nicht gestohlen wurde und er den Wunsch verspürt, sie zurückstehlen zu lassen, sondern dass der eigentliche Diebstahl von Ihnen ausgeführt werden soll?“

Ein humorloses Lachen entkam Bender. „Ja, der Gedanke, für einen Einbruch instrumentalisiert zu werden, kam mir. Aber Martin braut Bier, während Hellthal der Zahnradmann ist. Nein, die Konstruktion stammt von Hellthal.“

„Wäre es nicht besser, den Auftrag abzulehnen?“, sprach Hartmann die Frage aus, die auch Bender bereits durch den Kopf ging. Sollte er Hellthal mit seiner Lüge konfrontieren, um dafür neue serviert zu bekommen, mit denen der Mann vermutlich ebenso gut umzugehen wusste wie mit Zahnrädern? Oder war es besser, ihn in Sicherheit zu wiegen und heimlich des Rätsels Lösung zu suchen? Denn so wenig Bender glaubte, dass die Uhren als Dekoration für Möchtegernweltentdeckende fungierten, so sehr brannte in ihm der Wunsch zu erkennen, welche Bedeutung die mechanischen Katzen tatsächlich hatten. Und war die Neugierde Benders einmal angestachelt, ließ sich das störrische Ding nur durch eines besänftigen: den Erhalt der gewünschten Informationen.

„Hellthal ist auf der sicheren Seite“, brummte Hartmann in seinen nicht vorhandenen Bart. „Das gefällt mir nicht. Wenn es Ihnen gelingt, ihm die Katze zu besorgen, hat er diese. Wenn nicht, und Sie werden erwischt, werden Sie für den Einbruch angezeigt, und Sie sind derjenige, der in der Klemme steckt.“

„Ich werde nicht erwischt, wie Sie so schön sagen.“

„Sind Sie Hellseher?“

„Ja“, erwiderte Bender. „Das sind alle gefallenen Engel. Wussten Sie das nicht? Wir können bis zu achtundvierzig Stunden in die Zukunft sehen.“

Mit Erheiterung bemerkte Bender die Überraschung Hartmanns, die dieser kaum zu verbergen versuchte. Der Polizist rang nach Worten, und erinnerte Bender mit den beinahe hilflosen Bewegungen an einen Goldfisch, der aus Versehen aus seinem Bottich herausgesprungen war, auf dem Teppich lag und sich panisch fragte, wo das Wasser abgeblieben war.

„Warum haben Sie das nicht früher gesagt?“, platzte es aus Hartmann heraus.

Bender tat, als überhörte er die vorwurfsvolle Note und schmunzelte. „Glauben Sie auch bei einem Verhör ungefragt alles, was man Ihnen erzählt?“

Immer noch amüsiert beobachtete Bender Hartmanns Reaktion. In seinem Hirn schien es zu rattern wie in einer der Konstruktionen Hellthals, und schließlich saßen alle inneren Zahnräder an ihrem Platz. „Und meinereiner macht sich auch noch Sorgen um Sie!“

Bender wurde wieder ernst. „Gänzlich zu Unrecht ist dies nicht. Aber ich werde in Erfahrung bringen, was es mit dieser Katze auf sich hat. Wenn Hellthal die Wahrheit sagt, wird nichts weiter passieren. Doch wenn er lügt, kann es sein, dass ich Sie brauchen werde.“

„Als Freund oder als Polizist?“

„Als Freund natürlich auch. Aber in erster Linie als Kommissar.“

Bender stand auf, zog seinen Mantel an und setzte einen schwarzen Hut auf, unter dem seine blonden Locken fast nicht mehr zu sehen waren. „Ich werde einen Spaziergang unternehmen. Das hilft sehr, um einen klaren Kopf zu bekommen und weitere Pläne zu schmieden.“

„Dieser Spaziergang wird Sie vermutlich in die Nähe des Martin’schen Anwesens führen“, mutmaßte Hartmann.

„Wer weiß, wohin meine Füße mich führen, während ich mit dem Kopf bei der mechanischen Katze bin? Wenn wir uns das nächste Mal sehen, hoffe ich, Ihnen jene präsentieren zu können.“

„Sie sind verrückt!“, entfuhr es Hartmann. Bender erwiderte nichts, doch der Anflug eines Lächelns erschien auf seinem Gesicht.


5. Kapitel

Die Hände in den Hosentaschen vergraben, marschierte Bender die Straßen entlang. Ein weiterer Frederick-Martin-Entdeckungsrundgang Traunsteins, wie Bender die Tour kurzerhand in einem Anflug von Zynismus benannt hatte, konnte bislang nur hinsichtlich der sportlichen Betätigung und der Frischluftzufuhr als Erfolg verbucht werden. Das auch nur, so man die von den diversen Dampfwagen ausgespuckten und über den Straßen wie eine Glocke hängenden Rauchwolken als solche bezeichnen mochte. Die drei Wirtshäuser hatte Bender im Abstand von zwei Tagen bereits aufgesucht. Er hatte jedoch nichts entdeckt, was auf eine mechanische Katze hinwies oder zumindest Benders Verdacht erregt hätte. Das einzige, was er vorgefunden hatte, waren hektische Betriebsamkeit, laut geführte Gespräche und sich betrinkende Gäste. Selbst Bender musste zugeben, dass zumindest das Wiener Schnitzel und die Bratkartoffeln mundeten und der Salat frisch war, doch das Bestreben, bodenständig und urig zu wirken, machte sich nur am Ambiente und nicht an der Zeche bemerkbar, zahlte man doch für eine gerade so sättigende Portion einen wahren Wucherpreis.

Fast so utopisch wie das, was Martin für seinen eigenen Wohnsitz ausgegeben haben musste.

Eine drei Meter hohe Backsteinmauer umgab das Anwesen. Das Tor wurde Tag und Nacht bewacht. Den zwei freilaufenden Wachhunden entging bestimmt nicht, wenn jemand versuchte, heimlich auf das Grundstück zu gelangen. Dem Bellen nach zu urteilen waren sie groß und aggressiv genug, um Eindringlingen den Garaus zu machen. Wachleute machten ebenfalls Kontrollgänge, wie Bender hin und wieder durch das Torgitter hatte sehen können. Ob diese nach einem regelmäßigen Schema abliefen oder mit Absicht stetig wechselten, spielte für ihn kaum eine Rolle. Denn wie hätte er eine Routine beobachten sollen? Von außen war der Garten nicht einsehbar, und auf die Mauer konnte er sich auch schlecht setzen. Nicht nur, weil er sofort gesehen worden wäre, sondern auch, weil in die Mauer zerbrochene Glasscherben eingelassen worden waren. Auch der beste Lohn konnte Bender nicht dazu bringen, seinen Hintern einer derartigen Tortur auszusetzen.

Musste er sich eingestehen, seine Aufgabe nicht erfüllen zu können?

Bender blieb stehen, hilflose Wut bemächtigte sich seiner. Auch das Brauereigebäude, in dem Martin nicht nur sein Bier braute, sondern auch sein Lager unterhielt, hatte er aufgesucht, war aber nicht einmal an der Empfangsdame vorbeigekommen. Für Gäste kein Zutritt, hieß es, und sich am helllichten Tag in ein Gebäude einzuschleichen, in dem gearbeitet wurde und er auffallen würde wie eine buntgescheckte Katze, hielt er nicht für ratsam.

Ein humorloses Lachen entkam Bender, als ihm ein weiteres Gebäude einfiel, das sich in Martins Besitz befand. Es war hoffnungslos, dort zu suchen, doch wollte er keine Möglichkeit auslassen, zumal sich ihm keine weiteren sinnvollen Alternativen anboten und die Straße sich in der Nähe befand.

Keine zwanzig Minuten später stand Bender vor dem Gebäude, in dem bis vor etwa zehn Jahren ein reges Arbeitsleben geherrscht hatte. Das Haus stand in der Nähe einer viel frequentierten Kreuzung, die über eine Eisenbahnbrücke führte, und machte schon von weitem einen verwahrlosten Eindruck. Es verfügte über vier Stockwerke und nahm gut die Hälfte der Straßenlänge ein. Abblätternde und von Ruß geschwärzte Wandmalereien zeigten, dass einst Kunstgeschmack eine wichtigere Rolle gespielt hatte als Geld, dass aber diese Zeiten unwiederbringlich vorbei waren. Mehrere Scheiben waren eingeschlagen, Fensterläden hingen schief in den Angeln, der Putz bröckelte ab. Der Zaun des angrenzenden Biergartens sah aus, als hätte ein achtloser Riese damit gespielt. Auf der Tafel an der Wand wurde das Tagesmenü für einen Tag angepriesen, der etwa zehn Jahre zurücklag. Frederick Martin hatte diese Brauerei in den Ruin getrieben, der Besitzer hatte sein Eigentum aufgeben müssen und die Stadt verlassen. Was er aktuell machte, wusste man nicht, aber es wurde gemunkelt, dass er nicht wieder auf die Beine gekommen war. Jemand, dem dies sauer aufstieß, hatte mit leuchtend roter Farbe eine Botschaft an die Wand geschrieben:

Dieses Gebäude verfällt,

aber Martin hält rauschende Feste ab.

Wo bleibt die Gerechtigkeit?

Leute, Finger weg von Martins Bier!

Rauschende Feste? Bender runzelte die Stirn, doch so sehr er nachdachte, wusste er dennoch nicht, worauf sich der unbekannte Schreiberling bezog. Verdammt, Bender wusste nach wie vor viel zu wenig über diesen Bierbrauer Martin! Doch wenn er tatsächlich Feste feierte, war dies möglicherweise die Gelegenheit, die Bender so dringend suchte, um in das Anwesen zu gelangen. Er musste Hellthal fragen.

„Selbstverständlich weiß ich, worauf Sie anspielen.“ Die Verachtung Hellthals kroch ekligen Würmern gleich aus dem Tischtelefon und versuchte, sich in Benders Selbstwertgefühl einzunisten, um dieses von innen heraus aufzufressen. Erfolglos.

„Frederick Martin liebt Bier, Geld und Frauen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Seine Feiern sind geradezu legendär und finden zwei Mal im Jahr statt.“

„Steht der Termin für die nächste Feier bereits fest?“ Bender ertappte sich bei der stillen Bitte, die Antwort möge nicht die letzte fand gestern statt und ein neuer Termin ist noch unbekannt heißen.

„In zehn Tagen.“

Bender frohlockte. „Werden Sie anwesend sein?“

„Selbstverständlich, was denken Sie denn?“

„Dass ich ebenfalls zugegen sein werde.“ Zwar vermutete Bender, dass es einer persönlichen Einladung des Gastgebers bedurfte, hoffte jedoch, über Hellthal an eine solche heranzukommen. Ein Schnaufen am anderen Ende des Tischtelefons machte ihm deutlich, dass er mit seiner ersten Vermutung richtig lag, Hellthal jedoch hinsichtlich der zweiten eine andere Schlussfolgerung zog.

„Bender, wie stellen Sie sich das vor? Die Einladung zu einem solchen Fest entspricht einem gesellschaftlichen Statussymbol. Die Wahrscheinlichkeit für Sie, an eine der begehrten Karten zu gelangen, liegt bei sagenhaften null Prozent.“

„Zweifelsohne sind Sie einflussreich genug, um eine an mich adressierte Einladung zu erwirken. Während Sie mit den anderen Gästen über Politik, Macht und das Geldscheffeln parlieren, halte ich Ausschau nach der Katze und werde diese an mich nehmen.“

„Eine brillante Idee“, höhnte Hellthal. „Ich führe einen unbekannten Mann in die Gesellschaft ein, der sich prompt am Gastgeber bereichert. Vergaß ich etwa zu erwähnen, dass Ihr Vorgehen keinerlei Rückschlüsse auf meine Person erlauben darf?“

„Sie sind derjenige, der von mir verlangt, in ein Haus einzubrechen, das Ähnlichkeiten mit einem überdimensionalen Tresor hat. Das Risiko, das ich eingehe, ist deutlich größer als Ihres. Das Fest ist die einzige Möglichkeit, sich im Haus weitestgehend ungestört umzusehen. Es ist Ihre Entscheidung!“

Wieder ertönte ein theatralisches Seufzen. „Na gut, Bender, ich werde sehen, was sich tun lässt. Wie ich bereits sagte, bedeutet die Teilnahme, dass Sie einen gewissen gesellschaftlichen Status erreichten. Es zeigt, dass Sie entweder eine einflussreiche Person oder eine gut bezahlte Prostituierte sind. Als was wollen Sie sich ausgeben?“

Idiot! Lediglich der Gedanke, dass eine ausbleibende Reaktion auf seine plumpe Provokation Hellthal mehr als jeder Zornesausbruch ärgern würde, hinderte Bender daran, seiner aufwallenden Empörung freien Lauf zu lassen.

„Ich brauche Pläne“, entgegnete er stattdessen. „Genauer gesagt den Grundriss von Martins Anwesen. Es ist kaum anzunehmen, dass der Bierbrauer auf einem Fest, bei dem Sie zugegen sind, aus Ihrem Besitz entwendete Gegenstände so zur Schau stellt, dass jeder Gast, und damit auch Sie, sie zu Gesicht bekommen könnte. Daher muss ich auch wissen, welche Räume abgeschlossen und für die Gäste nicht zugänglich sind.“

„Bei Ihnen sind wohl ein paar Zahnräder verbogen! Wie soll ich an diese gelangen?“

„Bestechen Sie die Haushälterin oder schleichen Sie selbst mit einem Blatt Papier in der Hand durch das Haus, es ist mir gleichgültig.“

Es kam keine Antwort, doch als Bender begann, sich zu fragen, ob Hellthal noch in der Leitung war, brach dieser das Schweigen. „Haben Sie einen Plan, der über das Flanieren im Haus, das Probieren der Häppchen, das Rütteln an verschlossenen Türen und das Prinzip Hoffnung, Ihnen möge die Katze entgegenfliegen, hinausgeht?“

„Sicher“, entgegnete Bender. „Wer so viele Häppchen probiert, wird früher oder später von Durst gepeinigt. Demzufolge ergänze ich Ihre respektable Aufzählung meines Programms durch den Genuss des Bieres.“ Dass Bender keines trank, brauchte Hellthal schließlich nicht zu wissen.

„Bender, mittlerweile weiß ich nicht mehr, warum ich ausgerechnet Sie engagiert habe.“

„Obwohl ich kein schmeichelleckender Schmarotzer bin? Vielleicht deswegen?

Nun zu meinem Plan.“

Während er erzählte, wurde es am anderen Ende des Tischtelefones still. Nur hier und da hörte Bender ein scharfes Luftholen.

6. Kapitel

Einige Tage später fand Bender beim Betreten seiner Wohnung ein Kuvert auf dem Boden, das jemand unter der Tür durchgeschoben haben musste. Sein Name stand darauf. Nichts weiter. Keine Briefmarke, kein Absender, nicht einmal die Adresse. Und doch – oder gerade deswegen – wusste Bender, von wem der Brief stammte. Er musste kurz an das letzte Gespräch mit Hellthal denken, das er mit dem Wissen beendet hatte, sich bei seinem Auftraggeber sehr unbeliebt gemacht zu haben.

Und doch lag nun dieser Brief da, und als Bender ihn öffnete, fiel ihm ein Blatt entgegen, auf dem der Grundriss eines Hauses eingetragen war. Mit klopfendem Herzen betrachtete Bender die Zeichnung. Wie auch immer es Hellthal gelungen war, an diese heranzukommen – sie war Gold wert. Zumindest wenn sie der Wahrheit entsprach und nicht einfach der Fantasie Hellthals entsprang.

Zehn Tage später stand Bender vor Frederick Martins Anwesen. Hellthal hatte seine Strippen gezogen und es geschafft, nicht nur eine Einladung für sich, sondern auch für eine Begleitperson zu erhalten. Bender hatte für seine Maskerade nicht nur viel Zeit vor dem Spiegel verbracht, sondern auch Hellthal überzeugen können, dass seine Hilfe ihrem gemeinsamen Plan und somit dem Auftraggeber selbst zugute kam. Er trug zu diesem feierlichen Anlass, bei dem er sich bereits vor dem Eintreten wie ein Fremdkörper vorkam, einen weinroten Frack, darunter ein weißes Hemd aus Seide und eine schwarze Hose. Auf seinem Kopf thronte ein Zylinder, darunter blitzten seine für diesen Anlass schwarz gefärbten Locken hervor. Um sich diese Verkleidung leisten zu können, hätte er ein Jahr lang arbeiten müssen, wenn Hellthal ihm nicht etwas geborgt hätte.

Am Tor zeigte Bender seine Einladung und wurde mit einem Lächeln durchgelassen, das die Augen des Portiers nicht erreichte.

Gemeinsam mit Hellthal schritt er die von Bäumen gesäumte Allee zum Anwesen entlang, vor dem bereits der Gastgeber wartete. Frederick Martin war ein groß gebauter Mann, dessen Pranken sicher ohne Probleme ein Bierfass heben konnten. Sein fester Händedruck quetschte Benders Finger unangenehm zusammen, und das Zucken in Hellthals Gesicht verriet, dass es diesem nicht anders erging.

„Hellthal, alter Freund“, ertönte ein tiefer Bass, gefolgt von einem Schulterklopfen, bei dem Hellthal sichtlich Mühe hatte, seine Schulter gerade zu halten. Doch auch hier schien die Freundlichkeit an der Oberfläche zu bleiben, Martins Blick war stechend und misstrauisch. Das änderte sich auch nicht, als der Bierbrauer sich wieder an Bender wandte.

„Und Sie sind ...?“

„Monsieur Thierry Dupont, ich bin Capitaine de police. Es ist mir eine Ehre und Freude, heute Ihr Gast sein zu dürfen“, stellte sich Bender vor, dankbar dafür, dass er vor etlichen Jahren Französisch gelernt hatte.

„Er ist französischer Polizist“, ergänzte Hellthal. „Aus dem fernen Paris.“

„Ein Franzose in meinem bescheidenen Zuhause“, tönte Martin. „Ich hoffe, meine Braukünste werden Ihrem von Wein und Baguette verwöhnten Gaumen gerecht!“

Die ebenso unehrliche wie übertrieben gespielte Bescheidenheit nervte Bender so sehr, dass er sich zu einem Lächeln zwingen musste.

„Bien sûr“, zwitscherte er, „Je suis certain que votre jus de chausette va me faire vomir! Ich bin überzeugt, dass Euer Bier köstlich mundet.“

„Zu freundlich. Ich wünsche den Herren einen angenehmen Abend. Leider muss ich mich empfehlen, um weitere Gäste zu empfangen.“ Martin deutete eine Verbeugung an, was bei seiner Statur eher plump wirkte, und eilte davon.

Mit einer Mischung aus Unglauben und Belustigung wandte sich Hellthal an Bender. „Ich bin überzeugt, dass Ihre Plörre mir Übelkeit verursachen wird. Sie haben Glück, dass Martin nicht des Französischen mächtig ist.“

Bender gelang es nicht, seine Überraschung darüber zu verbergen, von Hellthal verstanden worden zu sein. Dass sein Auftraggeber die Sprache beherrschte, hatte dieser während der Vorbereitung auf den Abend mit keinem Wort verlauten lassen. Nun lächelte er spöttisch. „Anders als der kleinkarierte Bierbrauer, der sich für einen Mann von Welt hält, weil er die hiesigen Bauerntrampel mit seiner – wie sagten Sie? – Plörre unter den Tisch säuft, mache ich auch außerhalb Deutschlands Geschäfte. Darunter in Frankreich, und dafür ist es unabdingbar, die Landessprache zu beherrschen. Sie glauben nicht, wie schnell man ansonsten über jenen Tisch gezogen wird, unter dem unser besoffener Gastgeber liegt.“ Hellthal zog mit einer theatralischen Geste seine Taschenuhr hervor und blickte darauf, wiewohl sich ihm gegenüber eine Standuhr befand und er die Uhrzeit kennen musste. „Auch ich muss mich empfehlen. Sie werden bereits geahnt haben, dass ich diese Feiern stets für Geschäftliches nutze. Halten Sie sich an den Plan!“

„Sie ebenso!“, knurrte Bender, doch Hellthal war bereits davongeschritten.

7. Kapitel

Hinter einem Dampfmobil kauerte eine Person, den Blick fest auf ihr Ziel gerichtet. Längst war die Sonne untergegangen, die Dunkelheit hatte sich über die Stadt gesenkt. Nur vereinzelt strahlten die Gaslaternen gegen die Finsternis an und erzeugten fahle Lichtkegel, in denen alles geisterhaft wirkte. Außerhalb dieser Lichtkegel verschwand alles in schwarzen Schatten. Vereinzelt fuhren Dampfmobile vorbei, in der Nähe ratterte die Zahnradbahn. Aus dem Gebäude, das sich schräg auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand und das die Gestalt nicht aus den Augen ließ, kamen Menschen heraus, doch der gesuchte Mann befand sich nicht darunter. Ein derber Fluch entkam den Lippen der Person. Zunächst hatte sie es als amüsant empfunden, ausgerechnet die Polizeidienststelle zu beobachten und einem Kommissar aufzulauern, doch war dieses Gefühl schnell dem der Ungeduld gewichen.

Wenigstens blieb das Dampfmobil, das ein hervorragendes Versteck bot, an Ort und Stelle. Es gab allerdings auch verdammt wenig Alternativen, wenn es weggefahren wurde! Am Anfang hatte die Person gezaudert. War es klug, sich auf dem Parkplatz eines viel frequentierten Gasthauses zu verstecken? Es schien absurd, doch tatsächlich beachtete hier keiner die Gegend genauer. Die Gäste, die das Gasthaus betraten, plauderten oder überlegten bereits, was sie essen könnten. Die, die es verließen, mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Selbst wenn jemand zufällig einen Blick nach außen warf, war die Wahrscheinlichkeit gering, dass jemand auch nur einen Schatten sah. Blickdichte Vorhänge, eigentlich dazu gedacht, die Gäste von neugierigen Vorbeigehenden abzuschirmen, sorgten auch für jemanden, der sich auf dem Parkplatz versteckte, für die nötige Diskretion.

Die Person hinter dem Dampfmobil streckte die Beine aus, die einzuschlafen drohten, als im Gebäude auf der anderen Straßenseite das Gaslicht anging. Ein Mensch trat ins Freie, und durch den Lichtkegel, der auf ihn fiel, erkannte die beobachtende Person ihn sofort.

Mit einem Schlag war jegliche aufkommende Müdigkeit, jede Langeweile wie weggewischt. Er war es. Jetzt galt es, ihn nicht aus den Augen zu lassen.

Die Person stand auf, ließ das Dampfmobil, den Parkplatz sowie das Wirtshaus hinter sich und folgte dem Kommissar. Einen kurzen Moment keimte die Sorge auf, er könnte motorisiert sein. Ein Dampfmobil hätte die Verfolgung schneller beendet, als man das Wort aussprach, denn weit und breit war kein Dampftaxi zu sehen.

Doch der Kommissar machte keine Anstalten, ein motorisiertes Gefährt zu besteigen, sondern schritt die Straße entlang, ohne sich umzusehen. So konnte die Gestalt ihm folgen, und die Dunkelheit war eine gute Verbündete, mit der sie verschmolz und nahezu unsichtbar blieb.

8. Kapitel

Zwei Stunden waren vergangen, seit Hellthal sich von Bender verabschiedet hatte. Die Zeit hatte er genutzt, um sich auf möglichst diskrete Art umzusehen, wobei er rasch feststellen musste, dass die Detailliebe und die Genauigkeit des Plans sehr zu wünschen übrig ließen. Tatsächlich musste Hellthal diesen aus dem Gedächtnis heraus gezeichnet haben, so, wie er das Anwesen von den bisherigen Feiern kannte. Am liebsten hätte Bender das Stück Papier zerrissen und seinem Auftraggeber ins Bier geworfen, aber es war der einzige Anhaltspunkt, den er hatte.

Das Gebäude war nicht nur von außen beeindruckend. Es verfügte auch über eine Vielzahl an Räumen, von denen einige abgesperrt waren. Die Wahrscheinlichkeit, die mechanische Katze zu finden, sank von Zimmer zu Zimmer, zumal sich überall Gäste und Personal aufhielten, so dass Bender genötigt war, wie ein gelangweilter Gast zu wirken, der auf der Suche nach einem netten Gespräch oder einem Häppchen war. Dass viele weitere Gäste von der Anwesenheit des vermeintlichen Monsieur Dupont erfuhren und sich damit schmücken wollten, einem leibhaftigen Capitaine de police aus Paris die Hand zu schütteln, erschwerte die Aufgabe zusätzlich.

Damit, dass die Katze für alle sichtbar platziert war, hatte Bender von Anfang an nicht gerechnet. Wenn sie überhaupt hier im Hause war, dann ziemlich sicher in einem der verschlossenen Räume. Laut Plan waren vier Zimmer abgesperrt, die allesamt nebeneinander lagen. Blieb zu hoffen, dass diese mit Verbindungstüren ausgestattet waren. Den Weg über die Fenster wollte Bender nicht nehmen. Höhenangst hatte er keine, doch die Gefahr war zu groß, dass jene Gäste, die sich im Garten aufhielten, oder das entsprechende Personal ihn bei seinem Versuch, den Fassadenkletterer zu spielen, erblickten. Ihm blieb also nur eine Möglichkeit. Bender tastete nach dem Dietrich, den er in seine Jackentasche gesteckt hatte, und begab sich auf die Suche nach Hellthal.

9. Kapitel

Ein harter Stoß, und Cornelius Hartmann stürzte. Reflexartig fing er sich mit den Händen ab, dennoch tanzten für einen Moment Lichter vor seinen Augen. Fahrig versuchte er, seinen Angreifer zu packen, doch er fasste daneben. Hände hielten ihn fest, und auf seinen Rücken legte sich ein Gewicht, das ihn nach unten drückte und nach Luft japsen ließ.

„Lassen Sie mich sofort los“, keuchte er in dem Wissen, dass er nicht in der Lage war, Forderungen stellen zu können.

„Ich lasse Sie los, aber schreien Sie nicht.“ Ein Tritt gab ihm deutlich zu verstehen, was ihn erwartete, wenn er sich nicht daran hielt.

„Ich habe verstanden.“ Sofort löste sich der Griff, und Hartmann rappelte sich auf. Noch immer dröhnte es in seinem Kopf, und für das zu schnelle Aufstehen bedankte sich sein Kreislauf mit einem Schwindelanfall. Mit einer Hand versuchte er, sich an einem der Briefkästen festzuhalten, die an der Wand hingen. Zu spät fiel ihm ein, dass sie nach zahlreichen Diebstählen, bei denen die Schlösser gewaltsam aufgebrochen oder die Türen ausgehebelt worden waren, nicht mehr stabil genug waren. Mit einem lauten Poltern fiel der Kasten zu Boden, und auch Hartmann hätte das Gleichgewicht verloren, wenn nicht eine Hand zugegriffen und ihn gehalten hätte.

„Was wollen Sie?“ Er schlug die Hand beiseite und ärgerte sich über sich selbst. Was für ein peinlicher Auftritt! Hartmann atmete tief durch und bemühte sich, gerade zu stehen. Wahrscheinlich tat er das, doch der Boden schwankte. Oder war es sein Kopf, der ihm das vorgaukelte?

„Sie!“, kam es. „Wohnen Sie hier?“

„Ja.“

Hatte diese Person ihm hier aufgelauert? Wenn ja, woher wusste sie, wo er wohnte?

„Worauf warten wir?“

Ein Gegenstand presste sich an Hartmanns Bauch. Er zuckte zusammen. War es ...? Langsam spürte er, wie sich kalter Schweiß auf seiner Stirn bildete. Wenn die Person tatsächlich über eine Schusswaffe verfügte, hatte er ein Problem. Er drehte sich um und nahm die Treppe, dicht gefolgt von der Person. Nur zu deutlich spürte er den Druck der Waffe, die ihm nun an den Rücken gehalten wurde. Die vier Stockwerke kamen ihm so lange vor wie selten, und als er vor seiner Wohnungstür stand und den Schlüssel in den Zylinder geben wollte, war es nicht nur das fahle Licht, das ihm die Sache erschwerte. Seine Hände zitterten merklich, doch um nichts in der Welt hätte er es vor der Person zugegeben, die merklich ungeduldiger wurde. Er spürte ihren Atem am Hals und ihre Präsenz überdeutlich.

„Denken Sie, dass Sie es noch heute schaffen?“ Ein Hauchen an seinem Ohr, gefolgt von einem Klicken. Und einem Knall.

10. Kapitel

Hellthal schüttete den Rest seines Bieres in sich hinein, als müsste er befürchten, dass es all seinen Geschmack in den nächsten zehn Sekunden verlor. Er lockerte den Knoten seiner Krawatte und begab sich zu einer Kellnerin, die auf einem silbernen Tablett mehrere Biergläser trug. Ohne ein Wort des Dankes ergriff er eines davon, nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. „Viel zu warm!“, beklagte er sich.

„Wie meinen, der Herr?“

„Sie haben mich doch verstanden“, belferte Hellthal. „Das Bier! Es schmeckt nicht! Da! Probieren Sie doch selbst!“

Wütend stieß Hellthal das Glas gegen das Tablett, das Bier schwappte über, und um ein Haar hätte die Kellnerin alles fallen gelassen, wenn nicht hilfsbereite Hände reflexartig zugegriffen und ihr das Tablett abgenommen hätten.

„Mein Herr, ich muss doch sehr bitten, sich zu beherrschen! Es gibt keinen Grund, ausfallend zu werden.“

„Den gibt es sehr wohl!“, echauffierte sich Hellthal. „Derartiges kenne ich von Herrn Martin nicht, und ich muss sagen, dass ich sehr empört über die mangelnde Qualität des Bieres bin! Ich werde mich über Sie beschweren!“

„Ich werde Ihnen ein neues Bier bringen.“ Die Kellnerin blieb professionell freundlich, aber bestimmt.

Hellthal warf einen Blick an ihr vorbei. „Nicht nötig. Ich werde mir selbst eines holen. Machen Sie einfach weiter.“

Die Kellnerin nahm das Tablett wieder an sich und bot die Biere an, die die Gäste ergriffen, ohne auf die Frau zu achten, die sie austeilte.

Bender begab sich zu einem Gemälde, das zu studieren er vorgab. Doch tatsächlich galt seine Aufmerksamkeit der Kellnerin, und auch sein soeben gewählter Platz hatte nichts mit seiner Vorliebe für Kunst zu tun. Hoffentlich ging ihr Plan auf! Lange konnte es nicht mehr dauern …

„He, Sie!“, rief ein Mann quer durch die Halle. „Was ist denn das für eine Katzenpisse!“ Demonstrativ schüttete er den Inhalt seines Glases in eine Vase, die exotischen Blumen Platz bot.

„Ganz meine Rede!“, rief nun wieder Hellthal, offenbar froh darüber, einen Mitstreiter gefunden zu haben.

Andere Gäste nahmen einen Schluck von ihrem jeweiligen Glas, einige wirkten erstaunt ob der Wut über das Getränk, andere verzogen das Gesicht zu einer Grimasse des Ekels.

„Pfui Teufel!“, schimpfte eine Frau, „Wollen Sie uns vergiften?“

„Schämen Sie sich!“, pöbelte eine andere, und anders als der Gast, der die Blumen gegossen hatte, machte sie sich nicht die Mühe, eine Vase zu suchen, sondern schüttete das Getränk an Ort und Stelle aus. Die Oberin versuchte, sich Gehör zu verschaffen und zeigte entrüstet auf den vollgesogenen Teppich, doch sie hatte keine Chance. Es dauerte nicht lange, und sie war umringt von schimpfenden Gästen, die ihrer Empörung freien Lauf ließen. Der Detektiv suchte mit den Augen nach Hellthal, doch dieser hatte sich wie erwartet zurückgezogen. Schlechtes Gewissen überkam Bender, als er die Kellnerin beobachtete, die sich mit Mühe Gehör verschaffte und die Gäste in ihrer ruhigen, aber selbstbewussten Art zu beschwichtigen versuchte.

Dennoch vergewisserte Bender sich, dass niemand ihn beobachtete, drehte sich zur Seite und stand nun direkt vor der verschlossenen Tür. Erleichtert stellte er fest, dass sie über keinen Zylinder, sondern ein Zimmertürschloss verfügte. Aus der Jackentasche holte Bender den Dietrich hervor, den er in das Schloss steckte. Mit einem Klack öffnete es sich. Ein letztes Mal blickte Bender sich um. Die Kakophonie ebbte nicht ab, Fetzen erreichten Bender. Frechheit und eklig waren dabei noch die harmlosesten Wörter, die er heraushörte. Es wurde Zeit, dass der Gastgeber intervenierte. Bender ballte die Hände zu Fäusten. Am liebsten wäre er in die Meute hinein und hätte diesen undankbaren Haufen daran erinnert, wie man sich als Gast zu verhalten hatte. Doch wenn er das tat, gefährdete er den Plan. Jenen Plan, der funktionierte und den er dennoch, oder eher deswegen, bereits jetzt bereute. Sein Blick blieb an einer Dame hängen, die abseits des Gedrängels stand. Sie wirkte wie versteinert, als könnte auch sie nicht glauben, dass sich angeblich zivilisierte Menschen so benehmen konnten. Ihr Bierglas hatte sie abgestellt, dafür hielt sie sich die behandschuhten Hände vor das Gesicht. In dem Moment streifte ihr Blick den Benders. Er erstarrte. Und hoffte, dass der Dame die angelehnte Tür nicht weiter auffiel. Wenn doch ... nein, Bender mochte es sich nicht ausmalen. Einen Augenblick schien alles still zu stehen, selbst die Beschwerden schienen leiser zu werden. Der Blick der Dame traf den Benders, es waren braune, freundliche Augen, aus denen das Entsetzen sprach ... und etwas anderes, das der Detektiv nicht zu benennen wusste. Dann war der Moment vorbei, und sie wandte sich ab.

„Halt! Aufhören!“, brüllte sie der Meute entgegen, doch die Kakophonie war zu laut, die Gäste zu sehr in ihrer Rage festgefahren, als dass sie gehört worden wäre.

Und mit jeder Sekunde, die Bender an der Tür verharrte, vergrößerte sich das Risiko, doch noch entdeckt zu werden. Er trat in den Nebenraum und schloss sorgfältig die Tür.

Das Zimmer, von dem der Bierbrauer Martin nicht wollte, dass die Gäste es betraten, war dem Mobiliar zufolge ein Büro. Bender erblickte diverse Schränke, einen Schreibtisch, der vermutlich Benders halbe Wohnung in Anspruch genommen hätte, einen bequemen Sessel, der dazu einlud, die Beine hochzulegen und ein Portrait des Hausherrn. Dieses hob Bender leicht an. Tatsächlich war Martin fantasielos genug, um dahinter seinen Tresor zu verbergen. Auf den ersten Blick gab es nicht viele Ansatzmöglichkeiten, um den Tresor gewaltsam zu öffnen, vor allem nicht, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. Gut vierzig Zentimeter breit wie hoch, war der Tresor genau in die Wand eingelassen. Ein Schlüsselloch zeigte an, dass man ohne den passenden Schlüssel keine Chance hatte, die sich im Tresor befindlichen Zahnräder in Bewegung zu setzen, die für das Öffnen der Tür verantwortlich waren. Wie hoch war die Chance, sie mit dem Dietrich zu öffnen? Bender erachtete sie als so gering, dass er es nicht mal versuchte. Stattdessen unterwarf er die Tür einer besonderen Begutachtung. Stabil schien sie zu sein, und sehr massiv ... zumindest dem Geräusch nach, als Bender probeweise dagegen klopfte.

Fast zu massiv, als befände sich dahinter kein Hohlraum, sondern eine Wand aus festem Stein. Mit dem Finger fuhr Bender über das Material.

Und stellte fest, dass sich zwischen dem Tresorrahmen und der Wand ein Spalt im Mauerwerk befand, der bei Wandtresoren nicht existieren sollte. Erneut nahm Bender den Dietrich zur Hand und setzte ihn an den Übergang zwischen Tresor und Wand an.

Mit ein wenig Kraftanstrengung ließ sich dieser wegheben.

Scharf sog Bender die Luft ein.

Wo die Seitenwand des Tresors sein sollte, befand sich lediglich die Mauer. Dieser scheinbare Tresor war nichts als eine verfluchte Attrappe, gedacht als Ablenkungsmanöver für Möchtegerneinbrecher, die in ihrer eigenen Fantasielosigkeit dem Hausherrn ebendiese unterstellten und nichts anderes zu tun hatten, als an der klassischen Stelle zu suchen.

Um keine Spuren zu hinterlassen, befestigte Bender sorgfältig Tresorattrappe und Bild wieder an der Wand. Mit einem Seufzen wandte er sich ab.

Wie erhofft konnte man durch eine Verbindungstür in den nächstgelegenen Raum gelangen, der vom Flur aus abgesperrt war. Dies musste das private Schlafgemach des Bierbrauers sein. Benders Blick glitt über ein nicht gemachtes Bett, einen Kleiderschrank, ein Nachtkästchen und einen Tisch, auf dem sich ein Glaskasten befand.

Bender zuckte zusammen. Konnte er seinen Augen trauen?

In diesem Ding aus Glas, das so massiv wirkte, als wäre es für die britischen Kronjuwelen kreiert worden, saß eine Katze.

Eine bronzefarbene Katze, die aus diversen Zahnrädern, Schrauben und vier Uhren bestand. Ihren Schwanz bildeten zehn einzelne Teile, die durch Bolzen zusammengehalten wurden. Aus grauen Augen schien sie Bender hypnotisieren zu wollen. Er kam nicht umhin, sich die Katze näher anzuschauen. Das andere Exemplar hatte er kleiner in Erinnerung, doch dieses schätzte er so, wie es da saß, auf etwa fünfzig Zentimeter Höhe.

Er hatte sie gefunden! Es war beinahe zu einfach. Doch noch wollte er sich nicht darüber freuen, denn er konnte sich schlecht mit der Katze unter dem Arm bei Martin für den netten Abend bedanken und nonchalant zur Tür hinausspazieren. Auch der Transport mit einer Tasche war dank der Größe kaum möglich, ohne Aufsehen zu erregen ... Verdammt! So nah war er dran, und doch schien die Lösung so weit weg.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich moralisch auf Plan B einzustellen. Dieser war riskant, unsicher und mehr von Glück abhängig, als Bender es normalerweise ertragen hätte. Doch einen anderen Plan, der mit seinem Wunsch nach mehr Kontrolle kompatibler erschien, gab es leider nicht. Aus einer kleinen Metalldose holte Bender die benötigten Utensilien hervor, die Hellthal ihm gegeben hatte. Es galt, keine Zeit zu verlieren und dennoch präzise zu sein. Mit einem Ohr darauf achtend, dass niemand sich dem Raum näherte, machte er sich an die Arbeit.

Als alles zu seiner Zufriedenheit erledigt war, warf er einen letzten Blick durch den Raum und begab sich zurück in Martins Büro. Er hoffte, dass der Streit weder so eskaliert war, dass es in eine Prügelei ausgeartet war, noch dass der Gastgeber alle zur Raison gebracht und ein ruhiges Gespräch seinen Gang genommen hatte, bei dem das Öffnen der angeblich verschlossenen Tür und das Durchschreiten dieser sofort aufgefallen wäre.

Es reichte, das Ohr an die Tür zu legen, um die Frage zu beantworten. „Verdammt“, entkam Bender ein Fluch.

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