Kitabı oku: «Die althochdeutschen Zaubersprüche»
Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.
– Joseph von Eichendorff –
Mirja Dahlmann
Die althochdeutschen Zaubersprüche
zwischen Heidentum und Christentum

Edition Roter Drache
1. Auflage März 2017
Copyright © 2017 by Edition Roter Drache
Edition Roter Drache – Holger Kliemannel, Haufeld 1,
07407 Remda-Teichel
edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org
Umschlag- und Buchgestaltung: Edition Roter Drache
Lektorat: Carsten A. Dahlmann
Copyright © der Bilder: S. 26 © by George Hodan; S. 38 & S. 52 © by Holger Kliemannel; S. 50, S. 85, S. 92, S. 96, S. 147 Public Domain
Autorenfoto S. 178: Sylvia Biskupek
Gesamtherstellung: MCP Druck
Alle Rechte der Verbreitung in deutscher Sprache und der Übersetzung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Ton- und Datenträger jeder Art und auszugsweisen Nachdrucks sind vorbehalten.
ISBN: 978-3-964260-02-4
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
1 Einleitung
2 Zur Quellenlage
3 Was ist Magie?
3.1 Anwendungsgebiete der Magie
3.2 Die magische und die religiöse Weltsicht
3.3 Die magischen Denkmuster
3.3.1 Similia similibus
3.3.2 Contraria contrariis
3.3.3 Gesetz der Berührung
3.3.4 Pars pro toto
3.3.5 Animismus und Präanimismus
3.3.6 Mana
4 Der Zauberspruch
4.1 Eigenschaften des Zauberspruchs
4.2 Die Macht des Wortes
5 Form und Inhalt der Zaubersprüche
5.1 Der Befehl
5.2 historiola
5.2.1 Der Begegnungstypus
5.2.2 Der Wanderschaftstypus
6 Althochdeutsche Zaubersprüche und Segen
6.1 Die althochdeutsche Sprache
6.2 Sprachliche Übertragung christlicher Inhalte
6.3 Die althochdeutschen Zaubersprüche
6.4 Auseinandersetzung mit der Umweltdes Frühmittelalters
7 Die Merseburger Zaubersprüche
8 Der zweite Merseburger Zauberspruch
8.1 Die historiola des zweiten Merseburger Zauberspruchs
8.2 Die Götter der historiola des zweiten Merseburger Zauberspruchs
8.2.1 Wodan/Odin
8.2.2 Frîja
8.2.3 Phol
8.2.4 Balder
8.2.5 Die restlichen Göttinnen
9 Die Deutungen des zweiten Merseburger Zauberspruchs
9.1 Grimm
9.2 Beck
9.3 Wegfall des Pferdes
9.4 Wegfall der Götter Phol und Balder
9.5 Fazit der Deutungen
9.5.1 Deutung als Baldermythe
9.5.2 Die Bedeutung der historiola
9.5.3 Variablität der Zaubersprüche
10 Die Kirche und Aberglauben
11 Heidnisch oder christlich? – zwei Sprüche im Vergleich
12 Fazit
Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur
Index
Die Autorin
Vorwort
Magie und Zaubersprüche beschäftigen die Menschen schon seit Jahrtausenden. Die Anwender der magischen Formeln – seien es die alten Römer oder die Bauern des 19. Jahrhunderts – versuchten, das mitunter unberechenbare Schicksal zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Auch heute beweist die Flut der esoterischen Literatur, dass die Magie aus dem Leben der Menschen nicht verschwunden ist.
Dieses Thema, das ich im Jahre 2011 als Magisterarbeit bei der Bergischen Universität Wuppertal eingereicht habe, beschäftigt sich eingehend mit den Eigenarten der althochdeutschen Zaubersprüche – einer Textsorte, die im Übergang zwischen germanischem Heidentum und dem sich etablierenden Christentum anzusiedeln ist. Es war mir eine große Freude, mich eingehend mit dieser speziellen Art der Lyrik, aber auch mit der Christianisierung der Germanen zu befassen.
Ein besonderer Dank gilt Prof. Dr. Elisabeth Stein, die mir während meines Studiums eine große Inspiration war. Danken möchte ich auch meinem Ehemann und persönlichem Lektor Carsten A. Dahlmann, der orthographischen Fehlern mit äußerster Genauigkeit nachspürte und dem meine chaotische Natur schon ein paar graue Haare beschert hat. Großer Dank gebührt schließlich auch Holger Kliemannel für die Gelegenheit, dieses Buch veröffentlichen zu können. Meinen Lesern wünsche ich viel Freude bei der Lektüre.
Wuppertal, im Februar 2017
Mirja Dahlmann
1 Einleitung
Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.1
Trifft man das Zauberwort, so beginnt die Welt zu singen. Eichendorff bezieht sich in seinem Gedicht zwar nicht explizit auf Zaubersprüche, aber es ist auch für den Zaubernden wichtig, das richtige Wort zu treffen, damit sich ihm die Welt eröffnet.
Magie und Zaubersprüche haben die Menschen durch die Jahrhunderte hindurch fasziniert. Auch Literatur und Film wären ohne die Magie um eine Facette ärmer. Bis in die heutige Zeit versuchen Menschen, mit Hilfe von Zaubersprüchen ihre Umwelt zu beeinflussen. Besonders auf die Aspekte des Lebens wie Liebe und Krankheit, die wenig berechenbar sind, wollte und will man Einfluss nehmen.2
Die ältesten, uns in deutscher Sprache überlieferten Zaubersprüche sind jene aus dem Frühmittelalter. Dieses Buch hat sich das Ziel gesetzt, diese in Althochdeutsch verfassten Zaubersprüche zu untersuchen. Zu diesem Zweck muss zunächst der Begriff der Magie und der magischen Denkmuster genauer erklärt werden. Magie unterliegt ihren eigenen Gesetzen und die magischen Gesetze folgen – auch wenn sie nicht den kausalen Gesetzen entsprechen – bestimmten Regeln.
Die althochdeutschen Zaubersprüche sind in vielerlei Hinsicht ein interessantes Forschungsfeld. Sie sind eine Textsorte des Frühmittelalters, an der man den Übergang von germanischem Heidentum zu einer christlich geprägten Gesellschaft erkennen kann. In dieser Arbeit werden althochdeutsche Zauber- und Segenssprüche im Hinblick auf ihre Form und ihren Inhalt untersucht. Es soll die Frage beantwortet werden, ob althochdeutsche Zaubersprüche heidnisch, christlich oder synkretistische Mischformen sind.
Des Weiteren soll die Haltung der Kirche zu Zauber- und Segenssprüchen ergründet werden. Da es auch Zaubersprüche gibt, die eher zu Segen und Gebeten tendieren, wird es sicherlich erwünschte oder geduldete Formen gegeben haben.
Die Hauptquelle dieser Arbeit ist der zweite Spruch der Merseburger Zaubersprüche. Er hebt sich in Form und Inhalt von den anderen überlieferten althochdeutschen Sprüchen ab. In ihm wirken heidnische Götter, während in anderen Sprüchen christliche Personen handeln. Wichtig sind auch die Deutungen des Spruchs. Bei diesen ist sich die Forschung bis heute uneins.
Eindeutig ist aber, dass der zweite Merseburger Spruch ein wichtiger Textzeuge der heidnischen Magie ist.
2 Zur Quellenlage
Die zitierten althochdeutschen Zaubersprüche finden sich in folgenden Editionen: Althochdeutsches Lesebuch3 und Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler4. Zur Beschreibung und Interpretation der allgemeinen Haltung der frühmittelalterlichen Kirche zu Aberglauben und Magie wurden folgende Werke zu Rate gezogen: Die Kirchengeschichte des englischen Volkes5 von Beda dem Ehrwürdigen, Der Gottesstaat6 von Aurelius Augustinus sowie die Briefe des Bonifatius7 aus der Freiherr-von-Stein-Gedächtnisausgabe, in der noch einige andere Quellen wie das Concilium Germanicum sowie der Aberglaubenskatalog Indiculus Superstitionum Et Paganiarum enthalten sind.
Hier gilt es zu beachten, dass diese Quellen aus christlicher Hand sind und dass die Autoren die Religion der „Heiden“ häufig nicht aus erster Hand kannten. Nicht selten interpretierte man die Religion der Andersgläubigen nach dem antiken Heidentum.8
Als antike Quellen dienen De bello Gallico9 von Gaius Iulius Caesar sowie die Germania10 von Tacitus.
Für den Nachweis der germanischen Götter wurden unter anderem Die Edda – Die wesentlichen Gesänge der altnordischen Götter- und Heldendichtung11, übersetzt von Felix Genzmer, sowie die Die Götterlieder der Älteren Edda12 und Die Edda des Snorri Sturluson13, in der Übersetzung von Arnulf Krause, genutzt.
Auch diese Quellen sollen unter dem Aspekt betrachtet werden, dass die sogenannte Liederedda erst im 10. oder 11. Jahrhundert verschriftlich wurde,14 die Prosaedda sogar erst im 13. Jahrhundert.15
Diese Quellen sind bei der Interpretation des zweiten Merseburger Zauberspruchs behilflich, sollten aber dennoch kritisch betrachtet werden. Unter anderem aus den oben genannten Gründen sollte die „‚regressive Methode‘, d.h. der Versuch, Rückschlüsse aus späterer Folklore auf eine frühere Überlieferungsschichte zu ziehen, […] mit aller gebotenen äußersten Vorsicht“16 geschehen. Das bedeutet, dass man diese Quellen zwar als hilfreich ansehen kann, aber einbeziehen sollte, dass sie einen zeitlichen und räumlichen Abstand zu der Quelle, die man interpretiert, aufweisen. Im Falle der Edda kann man zum Beispiel nicht mehr von einem authentischen heidnischen Werk sprechen, da sie in einer Zeit aufgezeichnet wurde, in der Island schon Kontakt zu christlichem Gedankengut hatte bzw. schon christianisiert war.
3 Was ist Magie?
Wenn man von Magie spricht, so spricht man von einem Phänomen, das dem modernen und aufgeklärten Menschen zwar wohlbekannt ist – allerdings nur aus dem Erzählen, „sei es in mündlicher, schriftlicher, bildlicher oder szenischer Form.“17 Die Faszination, die Magie auf den Leser oder den Zuschauer ausübt, lässt sich unter anderem mit dem Erfolg von Buchreihen wie Harry Potter belegen. Was Magie aber wirklich für den archaischen Menschen bedeutet hat, ist dem modernen Menschen seit der Aufklärung nicht mehr zugänglich. Horkheimer und Adorno sprechen in der Dialektik der Aufklärung von der „Entzauberung der Welt.“18
Doch was ist Magie genau?
Das Lexikon des Mittelalters definiert Magie folgendermaßen:
Magie beruft sich als Denksystem auf die Vorstellung von den sympathetischen Strukturen des Kosmos. Die Verwobenheit von Makro- und Mikrokosmos schafft ein Netz von Kommunikationsmöglichkeiten zwischen dem Menschen und den Göttern bzw. Dämonen, wobei das magische Ritual eine bild- und zeichenhafte Handlung für diese ausführenden medialen Wesen darstellen.19
Das symbolische Denken hat allerdings nicht nur in der Magie, sondern auch in der Denkweise des Mittelalters eine hohe Bedeutung. Das gesamte Mittelalter war durch symbolisches Denken geprägt. Jedes Zeichen ist mit einem realen Gegenstand identisch.20 Nach Neiske gaben „das allegorische Denken und die vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten […] Sichtbarem und Unsichtbarem eine nahezu gleichartige Wirklichkeit.“21
Im neoplatonischen Denken war „alles irdische Sein […] ‚Abbild‘ des Himmlischen.“22 Jedes Ding hatte sein Abbild im himmlischen Bereich, „aus dem es hervorgegangen war und auf das es allein durch seine Existenz symbolhaft-ontologisch zurückverwies.“23 Auch der Mensch war als „Mikrokosmos ‚Symbol‘ der Schöpfung.“24
Für den mittelalterlichen, aber auch für den „archaischen Menschen“25 ist „das Symbol […] realer Inhalt, in sich Wirklichkeit und folglich ein unentbehrlicher Faktor des Denkens und Handelns.“26 Nach Gadamer verweist „das Symbolische […] nicht nur auf Bedeutung, sondern lässt sie gegenwärtig sein; es repräsentiert Bedeutung.“27 Des Weiteren „[meint] Repräsentation […] nicht, dass etwas stellvertretend oder uneigentlich und indirekt da ist, als ob es ein Substitut, ein Ersatz wäre.“28
Hier ist es egal, ob im magischen Ritual eine Puppe den zu bezaubernden Menschen repräsentiert oder ob in der Eucharistie Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi transformiert werden. Die Puppe ist im Ritual dieser Mensch, Wein und Brot sind der Leib und das Blut Christi.29
Alle magischen (und auch religiösen) Gesetze ziehen Kausalverbindungen, die nicht auf den allgemeinen Gesetzen der Logik beruhen. Irmgard Hampp sagt, das kausal Erscheinende sei „ein rein assoziativer Analogieschluß, weil primitives Denken vor allem assoziatives Denken nach äußeren Analogien“30 sei. Diese Denkweise zeigt sich auch in den Grundprinzipien der Magie, die in Kapitel 4.1. noch genauer erläutert werden.
Des Weiteren kann man „Magie als willentliche Einflussnahme auf den Menschen (z. B. Schaden-Liebeszauber), auf die Umwelt (z. B. Wetterzauber) und als Reaktion auf alltägliche Bedürfnisse […]“31 ansehen.
3.1 Anwendungsgebiete der Magie
Magie und Zaubersprüche dienen hauptsächlich dazu, die nächste Umwelt des Menschen zu beeinflussen. Nach Irmgard Hampp setzt der Glaube an Magie ein Denken voraus, das „alle Dinge zur eigenen Person in Beziehung setzen läßt.“32 Die nächste Umgebung des Menschen, also „Familie, Haus und Hof, Nachbarschaft, Dorf oder Stadt“33, beschäftigt ihn am meisten. Um diese Umgebung kreisen die Gedanken des Menschen und wie er diese für sich positiv beeinflussen kann.34
Die Zaubersprüche lassen sich in solche einteilen, die Hilfe gegen ein bestehendes Problem, zum Beispiel gegen eine Krankheit, bringen oder die vorbeugend, zum Schutz, dienen sollen. Des Weiteren nützen Zaubersprüche auch dazu, sich selbst einen Vorteil gegenüber anderen zu verschaffen oder gar um anderen Schaden zuzufügen.35 Der Zauberspruch soll also „Schutz und Hilfe, Vorteil und Schaden“36 bringen und Einfluss auf den Anwender selbst, aber auch auf seine Mitmenschen sowie auf Tiere, Pflanzen und Wetterbedingungen ausüben.37
Die meisten der überlieferten Zaubersprüche beziehen sich auf die Heilkunde. Zu diesem Zweck gibt es Zaubersprüche für diverse Erkrankungen, die gleichzeitig für Mensch und Tier genutzt wurden. Da Tiere ebenfalls von Krankheiten betroffen waren, wurden die Zauber- und Segenssprüche auch auf sie angewandt. Bis ins 19. Jahrhundert und darüber hinaus versuchten die Bauern den ländlichen Alltag mit Zaubersprüchen zu beeinflussen.38 Das menschliche Urbedürfnis, das eigene Leben und den Besitz zu schützen, lässt Menschen zu Sprüchen Zuflucht nehmen, mit denen man das Haus segnen, es vor einem Brand schützen und vor bösen Menschen bewahren kann.39
Anhand der überlieferten Zaubersprüche lässt sich ein Sachverhalt schnell erkennen. Zaubersprüche beziehen sich in der Regel auf profane Probleme, die sich aber durch Kontakt mit dem „Numinosen“40 lösen sollen. Wolfgang Hartung sieht „die schier unauflösliche Verflechtung von Profanem und Heiligem“41 als charakteristisch für die Weltsicht des „archaischen Menschen“ an. Wer ist aber der „primitive“ oder der „archaische Mensch“? Mircea Eliade definiert den „archaischen Menschen“ als Menschentyp, für den „der Mythos die eigentliche Grundlage des gesellschaftlichen Lebens und der Kultur“42 darstellt.
Magie wird aber vor allen Dingen für Bereiche des Lebens angewandt, die unsicher sind, wie zum Beispiel „Krieg und Liebe sowie bestimmte Mächte des Schicksals und der Natur, wie Krankheit, Wind und Wetter.“43 Bei Vorgängen oder Tätigkeiten, bei denen „die Tätigkeit sicher, zuverlässig und unter der Kontrolle von rationalen Methoden und technischen Prozessen steht“,44 wird Magie nicht ausgeübt. Anlass für eine Magieausübung sind immer Bereiche, in denen „das Element der Gefahr“45 ersichtlich ist, zum Beispiel bei der Jagd oder bei einem schwierigen Herstellungsprozess.46
Magie ist hier eine „wesentliche kulturelle Funktion“,47 da sie hilft, „Lücken und Unzulänglichkeiten zu überbrücken […], die vom Menschen noch nicht völlig beherrscht werden.“48 Dies geschieht, indem die Magie dem „primitiven Menschen“49 Selbstvertrauen einflößt. Er wird mit „einem festen Glauben an seine Erfolgskraft“50 unterstützt und die Magie befähigt ihn, „seine lebenswichtigen Aufgaben zuversichtlich auszuführen.“51
3.2 Die magische und die religiöse Weltsicht
Magischen Handlungen liegt eine bestimmte psychische Disposition zugrunde. Irmgard Hampp nennt den „magischen Glauben“52 im Gegensatz zum „religiösen Glauben“53 als Grundvoraussetzung dafür, Magie auszuüben. Im religiösen Glauben unterstellt sich der Mensch der göttlichen Macht und akzeptiert, dass er auf das Schicksal keinen Einfluss hat. Im magischen Glauben will der Mensch Einfluss nehmen, indem er versucht, eine übersinnliche Macht zu zwingen.54 Der Ausdruck des religiösen Glaubens ist, neben anderen Riten, das Gebet. Der magische Glaube drückt sich, neben anderen Formen der Magie, im Zauberspruch aus.55 Hampp bezeichnet die Magie als „Vorstufe der Technik“56, da der Zaubernde danach strebt, die „geheimen Mächte“57 zu kontrollieren und für sich zu nutzen. Magie ist der Versuch „des Menschen, die Welt zu begreifen, sich ihrer zu bemächtigen und sie zu bewältigen.“58 Nach Irmgard Hampp existieren die religiöse und die magische Weltsicht nicht getrennt voneinander, sondern als „ursprüngliches Neben- und Ineinander.“59 Beide Glaubensformen weisen Ähnlichkeiten auf:
Beide [Glaubensformen] werden hervorgetrieben aus dem Gefühl der Abhängigkeit vom Numinosen, von übersinnlichen Mächten, und in beiden reagiert der Mensch auf das Abhängigkeitsgefühl mit einer Hinwendung zu diesen Mächten, sei es im Gebet, sei es im Zauberspruch.60
Da beide Glaubensformen sehr ähnlich sind und religiöse und magische Handlungen ähnliche Formen haben, ist es manchmal schwer, sie exakt voneinander abzugrenzen. Ein gravierender Unterschied zwischen religiösem und magischem Denken ist aber die innere Haltung. Der Zaubernde will etwas (er)zwingen, der Betende bittet darum.
3.3 Die magischen Denkmuster
Es gibt verschiedene magische Gesetze, die alle auf der Lehre von der Sympathie des Alls beruhen.
Der Magier, der diese Prinzipien anwendet, nimmt an, dass „the Laws of Similarity and Contact are of universal application.“61 Frazer ordnet den reflektierten Gebrauch der Sympathien der „Theoretical Magic“62 zu, während er vom „primitive magician“ sagt, „he knows magic only on its practical side.“63 Des Weiteren führt er aus, dass „he never analyses the mental process on which his practice is based […].“64
Im Sympathieglauben haben „die magischen Gesetze der Ähnlichkeit (simila similibus), des Gegensatzes (contraria contrariis) und der Berührung sowie das Gesetz der Stellvertretung (pars pro toto)“65 ihren Ursprung. Zuvor hatte schon Frazer in seinem Werk The Golden Bough auf die Prinzipien der sympathischen Magie hingewiesen: „The two principles of Sympathetic Magic are the Law of Similarity and the Law of Contact or Contagion.“66
3.3.1 Similia similibus
Monika Schulz teilt die Meinung von Irmgard Hampp, dass „die Kategorie der similitudo […] als zentrales Instrument magischer Manipulation zu begreifen“67 ist. Denn eine Krankheit, wie zum Beispiel ein Gerstenkorn, kann zwar besprochen, aber nicht „[durch Magie] behandelnd manipuliert werden.“68 Symbolische Handlungen werden an einem „manipulierbaren Substitut“69 durchgeführt. Im Falle des Gerstenkorns kann dies eine Erbse oder ein ähnlich aussehender Gegenstand sein.70 Die Ähnlichkeit erschließt sich nicht immer sofort. Der Einsatz des Eisenhutes (der Pflanze) bei Augenleiden lässt nicht sofort einen Zusammenhang erkennen. Es sind die Samen des Eisenhutes, die Ähnlichkeit mit dem menschlichen Auge aufweisen.71 Ein weiteres Beispiel von Ähnlichkeitsmagie nennt Birkhan. Die Mondmagie ist hierfür ein gutes Beispiel, denn „alles, was zunehmen soll, muß bei zunehmenden, was abnehmen soll, bei abnehmenden Mond verrichtet werden.“72 Er nennt die Mondgläubigkeit der Germanen als Beispiel. Bei der Begegnung Caesars mit dem Suebenführer Ariovist weigern sich die Sueben zunächst, die Schlacht zu schlagen, da die führenden Frauen des Stammes davon abraten, bei abnehmendem Mond zu kämpfen:
[…] ut matres familiae eorum sortibus vaticinationibusque declararent, utrum proelium committi ex usu esset necne; eas ita dicere: non esse fas Germanos superare, si ante novam lunam proelio contendissent. 73
… daß die Familienmütter mit Hilfe von Runen und Weissagungen bestimmten, wann es richtig sei, eine Schlacht zu schlagen und wann nicht. Sie hätten erklärt, die Götter seien gegen den Sieg der Germanen, wenn sie vor dem folgenden Neumond eine Schlacht lieferten.74
Diese Anweisung beruht auf dem Glauben, dass das Schlachtenglück bei abnehmendem Mond ebenfalls abnehme.
3.3.2 Contraria contrariis
Während das Gesetz der similia similibus besagt, dass „Ähnliches mit Ähnlichem“ bekämpft werden soll, verhält es sich bei contraria contrariis genau umgekehrt. Ein anschauliches Beispiel sind Krankheiten, bei denen hohes Fieber auftritt. Diese werden im Zauberspruch mit Feuer gleichgesetzt und müssen demnach mit Wasser oder Sand gelöscht werden.75
Gegen den Brandgrind
Man füllt eine Schale mit Wasser und spricht, während
man sie zum Mund führt, um zu trinken:
Ich trink daraus wie ein Reh und Rind
Du sollst wegnehmen diesen Brandgrind.
Brand, fall auf Sand †
Fall in die See †
Und nicht auf Fleisch †
Brand, Brand, ich blase dich;
Heil’ge Jungfrau leite mich.76
Der Sand, die See und das Blasen auf den Brandgrind soll helfen, diese Krankheit zu heilen.
3.3.3 Gesetz der Berührung
Das „Gesetz der Berührung“ spiegelt sich in der magischen Denkweise wider, die man „kontagiöse Magie“77 oder auch „Berührungszauber“78 nennt. Wer einen Berührungszauber anwendet, setzt voraus, „daß eine äußerliche Berührung zu einer inneren Beziehung“79 führt.
Die Denkweise, dass sich „magische Kräfte […] in den Händen sammeln und durch die Hände übermittelt werden“,80 ist sehr alt. Das Anfassen des Leidenden spielt bei Zaubersprüchen eine große Rolle.81 Manchmal wird der Kontakt durch Berührung auch im Zauberspruch selbst genannt:
Ich greif an die Haut
ich greif an das Fleisch
ich greif an das Bein
ich greif an das Mark und Blut
das ist für alle Schwinden gut.82
Die „Gebärde des Greifens oder Streichens“83 wird durch die Erwähnung im Spruch durch die „Kraft des Wortes“84, auf die noch eingegangen werden wird, noch verstärkt.85 Auch der Atem86 und der Speichel87 haben heilende Kräfte. Nach Hampp ist „der Glaube an die besondere Kraft der Hand, des Atems und des Speichels uralt und über die ganze Erde verbreitet.“88
Auch in der Bibel wird von magischen Heilungen berichtet: Christus heilt einen Taubstummen, indem er seine Ohren mit den Fingern berührt und seine Zunge mit Speichel benetzt.89 Eine zweite Heilung ist die eines Blinden, dem Jesus seinen mit Erde vermengten Speichel auf die Augen aufträgt.90
Auch bei den Germanen galten Blut und Speichel als „eine Art Seelenträger“91 und ihre Vermischung schuf „personale Lebens- und Schicksalsgemeinschaft[en].“92
3.3.4 Pars pro toto
Monika Schulz zeigt, dass die Vorstellung, dass der ganze Mensch durch einzelne Teile wie Fingernägel oder Haare repräsentiert wird, „für magische Operationen wesentlich und bereits in ältesten Beschwörungen belegt“93 ist. Bereits in altorientalischen Texten werden „Schuppen, Speichel, Kleidung, Fußwickel, Körperausscheidungen [oder] Besitztum“94 als Repräsentanten für den ganzen Menschen angesehen. Diese Konzepte beruhen auf der Vorstellung, dass der Zaubernde dazu fähig ist, eine Person „durch entsprechende Einwirkung auf von ihr abgetrennte Teile“95 zu manipulieren. Durch diese Denkweise ist das Gesetz des pars pro toto auch mit dem Gesetz der Berührung verbunden, denn „things which have once been conjoined must remain ever afterwards.“96 Nach Frazer ist es „a material medium of some sort which unite[s] distant objects and […] conveys impressions from one to the other.“97
Es können aber nicht nur abgetrennte Teile, die durch das Gesetz der Sympathie mit ihrem Besitzer verbunden sind, manipuliert werden, sondern es kann auch ein einzelner Vertreter seiner Art symbolisch für die ganze Gattung stehen. Ein Wurmsegen aus dem CSB, dem Corpus deutscher Segen- und Beschwörungsformeln, zeigt, dass der Tod eines Wurmes auch den Tod aller Würmer, die beseitigt werden sollen, auslöst: „Wan nun der wurm in dem feder kengell stirbt, so stirbt auch der ander.“98 Der Wurm steht also stellvertretend für die anderen Würmer. Dieser Denkart entsprechen auch die magischen Handlungsanweisungen, die durch das Vergießen von Wasser Regen bewirken sollen. Schulz zitiert hier Cassirer:
[D]er Regen [wird] nicht nur bildlich empfunden, sondern in jedem Wassertropfen als real gegenwärtig empfunden […]. Der Regen als mythische Kraft, der „Dämon“ des Regens ist ganz und ungeteilt in dem ausgegossenen Wasser vorhanden und in ihm der magischen Einwirkung unmittelbar zugänglich.99
Schulz bezeichnet „das Prinzip des pars pro toto […] als Sonderfall der Kontiguität“,100 da „das Verhältnis von Teilen zu ihrem Ganzen stets auch die Vorstellung eines immerwährenden Kontakts bedingt.“101 Nach den Denkweisen der Magie bietet dies eine unerschöpfliche Möglichkeit an magischen Handlungen.102
3.3.5 Animismus und Präanimismus
Weitere Elemente des magischen Denkens sind der Präanimismus103 und der Animismus104. Werden die Objekte von „wirkenden, willenmäßigen doch unpersönlichen Kräften erfüllt“,105 kann man von Präanimismus sprechen. Käser spricht in diesem Zusammenhang noch von dem Begriff des Animatismus.106 Animatismus oder Präanimismus „[…] ist die Vorstellung, dass Unbelebtes in der Natur als belebt angesehen wird in dem Sinn, dass es eigenen Willen, eigene Emotionen und Denkfähigkeit besitzt, z. B. Vulkane, Unwetter usw.“107
Sind diese Kräfte „verpersönlicht als Geister, Dämonen und Seelen, die an Objekte gebunden sind“,108 spricht man von Animismus. Die vergleichende Religionsethnologie und die Religionswissenschaft definiert Animismus als „den Glauben an die Existenz und Wirksamkeit von anthropomorph (menschenähnlich) und theriomorphen (tierähnlich) gedachten geistartigen Wesen (Seelen und Geister).“109 Auf dem Animismus beruht der Dämonenglaube, der sich in allen Kulturen findet.110 Im magischen Denken werden oft Dämonen als Ursache von Krankheiten gesehen, da sich der in der Heilkunst unkundige Mensch die Ursache seiner Krankheit nicht erklären konnte. Er musste also annehmen, dass die Ursache seiner Erkrankung aus der Außenwelt in ihn eingedrungen sein musste.111 Hampp nennt drei Arten der volksmedizinischen Krankheitserklärungen: „die Erklärung durch Krankheitsdämonen, durch Zauberkraft des Menschen und durch natürliche Ursachen.“112 Krankheitsdämonen können verschiedene Formen haben. Man kann zwischen Dämonen in Tiergestalt und elbischen Wesen, die in verschieden Gestalten auftreten können, unterscheiden.113 Auch ist es möglich, dass die Krankheit selbst als dämonisches Wesen personifiziert wird.114 Eine weitere Variante des dämonischen Krankheitsverursachers ist der zaubernde Mensch.115
Der Mensch, der ein animistisches Weltbild hat, erklärt damit nicht nur Krankheitsursachen. Käser erläutert, dass „Animismus Naturwissenschaft“ sei.116 Die Weltsicht des Animismus „hält unter anderem Erklärungen darüber bereit, wie physikalische oder chemische Erscheinungen zustande kommen.“ So erklärt sich ein Stamm aus der südafrikanischen Wüste Kalahari den Himmel, indem er sagt, dass die Sterne „Lagerfeuer von Totenseelen“ seien.117
Des Weiteren ist Animismus nicht nur Naturwissenschaft, sondern auch Philosophie:
[…] denn er gibt Antwort auf die Frage, wie die Dinge und der Mensch ihrem eigentlichen Wesen nach beschaffen sind, woher sie kommen, wohin sie gehen und wozu sie letztlich bestimmt sind.118
Im Zusammenhang mit dem Animismus und dem magischen Denken ist es noch wichtig, die Bedeutung einer Kraft, dem Mana, zu erklären.
3.3.6 Mana
Mana ist eine Kraft, mit der „das außerordentlich Wirkungsvolle“119 bezeichnet wird. Der Begriff Mana wurde nach Erscheinen der Arbeit The Melanesians. Studies of their anthropology and folklore des Missionars R. H. Codrington zur gängigen Bezeichnung.120 Mana ist der Begriff für das Heilige und Sakrale bei polynesischen Gruppen. Die Namen dieser Kraft variieren bei verschiedenen Völkern. Bei den Griechen kann das Wort hierós „am ehesten […] dem Begriffspaar Mana und Tabu zugeordnet werden.“121
Sobald etwas, zum Beispiel ein Ding oder ein Vorgang, Mana besitzt, erlangt es den „Charakter des Heiligen“.122 Dinge ohne Mana, also ohne magischen oder religiösen Zusammenhang, haben hingegen den „Charakter des Profanen.“123 In Stammeskulturen, aber auch in dörflichen Gemeinschaften gibt es, speziell bei religiösen und magischen Inhalten, besondere Verhaltensweisen und Normen, da „alles Heilige dadurch gekennzeichnet [ist], dass es nicht jedermann und jederzeit zugänglich ist.“124 Mana ist ein Begriff, der sprachlich variabel ist. Käser schreibt, dass „es […] adjektivischen oder substantiven Charakter haben [kann], […] ein Wesen, Ding oder Vorgang können mana sein oder Mana besitzen.“125 Cassirer bezieht sich auf Codrington, wenn er sagt, dass der magische Glaube den Glauben an
eine „übernatürliche Kraft“ [aufweist], die das gesamte Sein und Geschehen durchdringt, die bald in bloßen Dingen, bald in Personen oder Geistern gegenwärtig und wirksam ist, die aber niemals ausschließlich an irgendeinen bestimmten einzelnen Gegenstand oder an ein einzelnes Subjekt als ihren Träger gebunden ist, sondern sich von Ort zu Ort, von Ding zu Ding, von einer Person zur anderen übertragen lässt.126
Man kann Mana also als „Eigenschaft von Vorgängen, Dingen, Orten, Zeiten und Wesen“127 bezeichnen, die sich „als unerwartet oder außerordentlich wirkungsvoll erweisen.“128 Der Begriff Mana ist allerdings nicht nur religiösen Bereichen zuzuordnen, sondern auch in alltäglichen Zusammenhängen zu finden. Je nach Kultur benennt der Begriff auch „Autorität, Status [und] Glück.“129
Käser sieht den Begriff Mana als „wertneutral“130 an. Allerdings gibt es „gutes und böses Mana“.131 Unter gutes Mana kann ein Heilzauber fallen, unter schlechtes Mana ein Schadenszauber. Es kommt darauf an, ob die Auswirkungen als „nützlich oder schädlich erfahren werden.“132
Die Vorstellung, dass bestimmte Dinge mit Mana versehen sind, findet sich unter anderen Begrifflichkeiten auch in unserer Kultur. Wenn Käser also schreibt, dass Menschen „vom Mana eines Ortes […] Heilung von Krankheiten und Beschwerden aller Art [erwarten]“133 und „markante Steine, Felsen, Quellen, Wasserfälle, Flüsse, Berge, Haine [und] Grabstätten“134 als „Kraftorte“135 nennt, so erinnert dies stark an die von den Germanen verehrten Heiligtümer.136 Auch im frühen Mittelalter hielten die Menschen an der Verehrung von Orten, wie Seen oder Quellen, fest.137 Bei Zaubersprüchen, bei denen eine Zeitangabe als Ritusanzeige gegeben ist, ist die genaue Zeit wichtig für den Erfolg des Zauberspruchs. Hampp gibt hier „magische Zeiten wie Beerdigung und Mondnacht“138 an, „in denen die Sympathie wirkt.“139
Ein weiteres Beispiel sind Personen, die besonders viel Mana in sich tragen und deren gesprochenes Wort besondere Zauberkraft hat.140 Bei Naturvölkern können das Schamanen sein, in der dörflichen Gemeinschaft ist es eine Person, die „innerhalb dieser Lebensgemeinschaft eine Sonderstellung ein[nimmt]“,141 da sie die Fähigkeit hat, „Krankheiten zu heilen“142 und „Böses wieder gut [zu] machen.“143 Den „Beruf“ umgibt etwas Geheimnisvolles, was auch so gewollt ist:
Rekonstruktion von Altären im Opfermoor Vogtei,
Niederdorla, Thüringen.
[…] denn es ist das Geheimnis, aus dem heraus diese Gemeinschaft [die Zauberkundigen] lebt. Ihr Geheimnis muss sie wahren, um sich Anfeindungen zu entziehen und um die geheimnisvolle Atmosphäre um sich her zu schaffen, die nötig ist, damit das Volk an sie glaubt.144
Da die Anschauung herrscht, dass Zaubersprüche nur ganz bestimmten Personen überliefert werden dürfen, kann man davon ausgehen, dass „auch der Sprecher selbst, und nicht nur sein Wort an sich, von einer besonderen Kraft erfüllt sein [muss].“145 Diese Personen haben besonders viel Mana, auch wenn diese Kraft im europäischen Kulturkreis nicht so genannt wird. Käser nennt noch „das Denken christianisierter Ethnien“,146 in dem „Gebete grundsätzlich als sprachliche Ereignisse, von denen man außerordentliche Wirksamkeit im Sinne von Mana [erwartet]“,147 angesehen werden. Die Wirksamkeit der Kraft wird hierarchisch betrachtet: „Je höher das kirchliche Amt dessen ist, der betet, umso größer – so die Erwartung – wird seine Wirkung sein.“148
Mit dem Begriff Mana ist auch der des Tabus zu nennen. Der Begriff Tabu bedeutet, dass das Heilige durch bestimmte Verbote und Verhaltensregeln geschützt wird: „Für das Verbotene, ja das Vernichtende des Sakralen hat sich in der Religionsforschung das Wort ‚Tabu‘ durchgesetzt.“149 Wichtig ist für das Heilige, dass im Umgang mit ihm „bestimmte Bedingungen erfüllt [werden].“150
Ein Beispiel aus dem europäischen Raum wäre die Weitergabe von magischem Wissen:
Das Geheimnisvolle bei der Übergabe eines solchen „Berufes“, der von seinen besten Trägern als echte Berufung aufgefaßt wird, erhöht sich noch durch besondere Vorschriften, die dabei gelten; diese sind sehr verschieden und widersprechen sich oft: Einmal darf eine Frau die Kunst nur von einer Frau, ein Mann nur von einem Mann übernehmen, dann wieder ist die Verschiedenheit der Geschlechter Voraussetzung für die Weitergabe, und schließlich kommt es sogar vor, daß Ledige sich nur Ledigen, Verheiratete sich nur Verheirateten mitteilen dürfen oder daß auch hier Verschiedenheit des Familienstandes Voraussetzung ist.151
Hier gilt, dass bestimmte Bedingungen für das Erlangen des magischen Wissens erfüllt werden müssen. Im Gegensatz zum Bereich des Profanen ist der Bereich des Heiligen durch das Tabu geschützt.
4 Der Zauberspruch
4.1 Eigenschaften des Zauberspruchs
Das Lexikon des Mittelalters definiert Zaubersprüche folgendermaßen:
Zaubersprüche sind eine Form der Wortmagie, die sich gesprochener Formeln in gebundener oder ungebundener Rede bediente, um direkt oder mittelbar (durch Beschwörung vermittelnder Wesenheiten […] oder durch das Bitt-Gebet zu Heiligen bzw. Engeln) in den Ablauf des Kausalgeschehens einzugreifen.152
Der Zauberspruch kann „von Zaubergebärden begleitet, zu Zauberhandlungen (Ritualen) der Kontakt- und Entsprechungsmagie gemurmelt, skandiert oder gesungen“153 werden. Auch Simek bezeichnet Zaubersprüche als „verbale Ausformungen der magischen Handlung, die gesprochen oder gesungen werden konnten.“154
Der Zauberspruch ist „eine literarische Kleinform [mit] ausgesprochenem Gestaltenreichtum“,155 da er sich von reinen „Phrase[n] des Zauberworts bis zu mehrstrophigen Gebilden auffächert.“156 Man kann den Zauberspruch demnach zum Teil der Gattung der Lyrik zuordnen. Wie Lieder oder Gedichte weist er Reimschemata auf. Neuzeitliche, aber auch mittelalterliche Zaubersprüche haben oft ein einfach gefertigtes Reimschema, wie den Kreuz- oder Paarreim, ältere germanische weisen noch die traditionelle Stabreimform auf.157 Manche Zaubersprüche haben auch eine Nähe zu Kinderreimen.158
Die magischen Prinzipien werden auch in lyrischen Stilmitteln umgesetzt:
Das Grundprinzip des Animismus, siehe auch Kapitel 3.1.5, zeigt sich in der Personifikation. Die Krankheit, zum Beispiel die Migräne („Wohin gehst du, Schädelschmerz […]“?159) oder der Krankheitswurm, werden personifiziert und es wird zum Teil direkt mit ihnen kommuniziert. Ein Beispiel ist der imperativische Befehl „Gang ûz“160 des Wurmsegens. Ein weiteres wichtiges Stilmittel ist der Vergleich, der sich häufig durch Wörter wie „wie“ ausdrückt.
Der Trierer Pferdesegen ist ein Beispiel für den literarischen Vergleich: „Soso Krist gibuozta themo sancte Stephanes hrosse thaz entphangana, so gibuozi ihc it mid Kristes fullesti thessemo hrosse.“161 So wie Jesus Christus einst geheilt hat, so will auch der Mensch, der den Spruch benutzt, die Heilung durchführen.
In der Beschwörung erfolgt die „Aufreihung gleichartiger syntaktischer und morphologischer Elemente“,162 wie man am Beispiel der zweiten und dritten Zeile des Spruchs Pro Nessia erkennen kann: „uz fonna marge in deo adra, vonna den adrun in daz fleisk, fonna demu fleiske in daz fel, fonna demo velle in diz tulli.“163 In der dritten Zeile findet sich auch das Stilmittel des Parallelismus.
Die „zahlreiche[n] Wiederholungen [dienen] ästhetischen und pragmatischen Zwecken zugleich.“164 Naiditch betont die „pragmatische Seite des Zauberspruchs“ und seine Nähe zu Gebrauchstexten:
Die pragmatische Seite des Zauberspruchs – der Versuch, das gewünschte Ergebnis durch einen auf ganz bestimmte Weise organisierten Text zu erreichen – hat ihrerseits zwei Seiten, die zu unterschiedlichen Textsorten tendieren. Der Glaube an die Magie des Wortes und der Rede in ihrer äußerlichen Struktur (Modulation der Stimme, Rhythmus) geht hier mit der Notwendigkeit der exakten detaillierten Beschreibung der Handlung Hand in Hand. Indem das Erstere mit der magisch-poetischen Seite des Textes verbunden ist, vereinigt das Letztere den Zauberspruch mit den „Gebrauchstexten“ […].165
Der Zauberspruch hat also eine „magisch-poetische Seite“,166 aber auch eine pragmatische, nämlich „die Wirklichkeit durch einen auf ganz bestimmte Art und Weise organisierten Text zu verändern.“167 Hier ist die genaue Beschreibung des Gewünschten nötig.168 Auch Simek betont „die Bedeutung der korrekten Wiedergabe.“169 Dies ist so, da „das Wort Gegebenes erhalten, vernichten oder verwandeln [soll] und […] zur Handlung [wird].“170 Zaubersprüche sind also nicht nur gesprochene Worte, sondern „sie sind Sprachhandlung.“171 Die Aussage „Ich beschwöre dich“172 wird im Spruch auch zur Tat.
Das Prinzip des „gesagt-getan“173 findet sich auch in diesem Zauberspruch:
Ich greif an die Haut
ich greif an das Fleisch
ich greif an das Bein
ich greif an das Mark und Blut
das ist für alle Schwinden gut.174
Das Ausformulieren der Absicht wird direkt mit einer Handlung begleitet. Ziel ist auch hier „die Beseitigung des Schadens durch Wort und Tat.“175 Magische Formeln haben allerdings verschiedene Formen. Es gibt, neben klar formulierten Anliegen, auch Zaubersprüche, die nicht auf sinnvollen und verständlichen Ausdrücken beruhen, sondern mit der Onomatopoesie und der freien Kombination von Lauten spielen.176
Allen Zaubersprüchen gemeinsam ist aber, dass sie auf der Macht der Wortes beruhen.
4.2 Die Macht des Wortes
Doch wie erklärt sich die magische Kraft des Wortes?
Eine Erklärung ist, dass das Wort als Repräsentant für das bezeichnete Lebewesen oder den benannten Gegenstand steht. Dieser dient dann als pars pro toto. Für den Anwender des Zauberspruchs „fallen Zeichen und Gezeigtes zusammen“.177 Weiter heißt es bei Monika Schulz: „Für den archaischen Menschen sind die Sachen und die Worte nicht unterschieden […]“178
Wer den Namen hat, hat im Zauberspruch oftmals Macht über das gesamte Wesen, da „der Name die ‚Essenz‘ des Trägers darstellt.“179 Zwischen dem Namen und der Person besteht Sympathie.180 Im Märchen Rumpelstilzchen ist diese Denkweise ebenfalls zu finden: Der Gnom verliert seine Macht, nachdem sein Name ans Licht gekommen ist.181 Ein Beispiel aus dem Neuen Testament ist die Austreibung des Dämonen „Legion“. Jesus fragt vor der Austreibung nach dem Namen der Geister, die den Kranken heimsuchen.182
Eine weitere Erklärung ist, dass das geschriebene Wort in vorschriftlichen Gesellschaften, aber auch im Mittelalter, exklusiven Charakter hatte und sich dadurch von der Ebene des Profanen entfernt hatte.183
Das frühe Mittelalter zum Beispiel war „eine Kultur von eingeschränkter Schriftlichkeit.“184 Die Fähigkeit zu schreiben war auf die Insassen der Klöster beschränkt. Hinzu kommt, dass diese im frühen Mittelalter allerdings noch nicht überall vertreten waren.185 Deswegen kann man die „Schreibkunst als monopolisierte Technik“186 bezeichnen, die für die illiterati unzugänglich und deswegen geheimnisvoll war.187
Das Wort war auch insofern heilig, als das Schreibvermögen und auch die Schrift auf göttlichen Ursprung zurückgeführt wurden.188 Ein Beispiel dafür wäre die schreibende Hand Gottes im Alten Testament.189 Die Bibel ist die Glaubensgrundlage der christlichen Religion und wird auch Die Heilige Schrift genannt. Dass „das Buch bis tief ins Hochmittelalter hinein ein Gegenstand der Verehrung war“,190 ist auch dadurch zu erklären, dass der „Umgang mit Schrift in ausschließlich magischer und kultischer Absicht“191 viele Jahrhunderte zu den Gewohnheiten der Menschen gehörte.
Doch nicht nur das Christentum sieht das schriftliche und gesprochene Wort als machtvoll an: Trotz der hauptsächlich mündlichen Überlieferung bei den vormittelalterlichen Germanen192 hat es Formen „volkssprachlicher Schriftlichkeit“193 gegeben und auch bei diesen Volksstämmen wurde „der Schrift und dem Schreiben religiös-kultische Funktionen zugewiesen.“194 Die von den Germanen genutzten Schriftzeichen werden als Runen bezeichnet. „Rune“ (gotisch/althochdeutsch „runa“, angelsächsisch/ altnordisch „run“) bedeutet „Geheimnis“.195 Die Runen wurden nicht auf Pergament geschrieben, sondern eingeritzt.196 Alle geritzten Runen wiesen einen senkrechten Hauptstrich auf, da das Material, auf das sie geritzt wurden, „eine vorwiegend senkrechte Strichführung verlangt[e].“197 Daher wurden einzelne Zeichen auch als „Stab“ bezeichnet. Im Altsächsischen bezeichnete man sie als „stab“, im Angelsächsischen als „staef“ und im Altnordischen als „stafr“.198 In Bücher oder auf Pergament geschriebene Stäbe nannte man „Buchstaben“. Im Altsächsischen wurde der „Buchstabe“ als „bokstaf“, im Althochdeutschen als „buochstap“ bezeichnet.199 Diese Zeichen wurden allerdings nicht für schriftliche Kommunikation oder zu literarischen Zwecken genutzt, sondern hatten andere Zwecke, zum Beispiel magisch-religiöse oder memoriale.200 Die Anwendungsgebiete waren zum Beispiel „[…] Bedeutung tragende Zeichen im Loszauber, […] kurze Inschriften auf Gebrauchs- und Kultgegenständen in apotropäischer oder schädigender Absicht oder Gedenkinschriften.“201
Runenstein von Rök. Varin, der Runenmeister des Steins,
chiffrierte den Text an einigen Stellen mit Hilfe von
Geheimrunen. Dazu griff er auf zweierlei Runenalphabete
zurück, auf das altnordische mit 24 Zeichen, aber auch
auf ein spezielles Rök-Alphabet mit 16 Zeichen.
5 Form und Inhalt der Zaubersprüche
Es gibt zwei dominierende Grundformen im Zauberspruch. Die eingliedrige Stilform, den Befehl – oder auch die Beschwörung – und die zweiförmige Stilform, die aus einem narrativen Teil (historiola) und einem Befehl (Beschwörung) besteht.
5.1 Der Befehl
Mit Hilfe des magischen Befehls soll ein feindlich gesonnenes Objekt vertrieben werden.202 Diese Objekte sind zum Beispiel „elbische[] Wesen wie Riese, Zwerg und Alp, […] Dämonen in Tiergestalt wie Wurm und Gebärmuttertier [oder] personifizierte Krankheiten.“203 Es ist auch möglich, dass sich der Befehl an die Naturgewalten, gefährliche Tiere oder Menschen richtet.204
Zum Befehl, der „am eindringlichsten von dem starken Glauben an die Macht des Wortes an sich [zeugt]“, gehört „ein Verb im Imperativ“.205 Der Sprecher richtet einen Appell an das schadensverursachende Wesen, das „durch Befehl oder Bitte zu einer bestimmten Handlung aufgefordert wird.“206 Meistens werden im Befehl „Verben der Bewegung […] wie gehen, springen, reiten, fallen, fliegen, ziehen, fahren oder weichen“207 verwendet.
Ein althochdeutsches Beispiel ist der Zauberspruch Pro Nessia aus dem 9. Jahrhundert, der sich mit dem imperativischen Befehl „Gang ûz“208 an den Wurm „nesso, mit niun nessinchlînon“209 wendet. In diesem Akt wird deutlich, dass die korrekte Anwendung der Sprachformel wichtig ist: Der auszutreibende Wurm wird genannt, aber auch seine Brut, die weiteren Schaden anrichten kann, wenn sie nicht ausgetrieben wird. Die Handlungsanweisung muss korrekt ausgesprochen werden,210 damit sie wirksam werden kann, denn es besteht die „Notwendigkeit der exakten detaillierten Beschreibung der Handlung.“211 Der Zauberspruch hat in der Notwendigkeit der Genauigkeit Ähnlichkeit mit Gebrauchsanweisungen. Deshalb, weil
der Zauberspruch praktische Zwecke [hat]; um das Erwünschte zu erzielen, braucht man eine detaillierte Beschreibung der notwendigen Handlungen, so z. B. in den Beschwörungen, wo exakt angegeben wird, wer, wie und wohin entfernt werden soll.212
Der Zauberspruch, der „in erster Linie aus der magischen Kraft des Wortes“213 wirkt, kann durch „die magische Kraftquelle“214 des Sprechers ergänzt oder verstärkt werden. Dass die Kraft des Wortes von Menschen mit besonderem Status, mit besonders starkem Mana, als „außerordentlich wirkungsvoll“215 angesehen wird, ist eine Besonderheit des magischen Denkens.216 Auch in dem der Beschwörung sehr ähnlichen Exorzismus hängt der Erfolg der Handlung von „der Würdigkeit des Spenders bzw. des Handelnden ab.“217
Die zaubernde Person führt ihre „Person als ‚Ich‘ in den Zauberspruch“218 ein. Das „Ich“ des Sprechers tritt in der Beschwörung „als Autorität“219 auf. In dieser Variante der Beschwörung werden „Ich-Formeln“220 gebraucht. Hampp bezeichnet die Formeln „Ich gebiete Dir“ und „Ich beschwöre dich“ als die häufigsten Wendungen.221
Es gibt Varianten, in denen der Zaubernde seinen eigenen Namen nennt. Zwischen Name und Träger besteht Sympathie und der Sprecher will dadurch „die in seiner Person wohnende magische Kraft zur Wirksamkeit aufrufen.“222
Wenn sich der Sprecher im magischen Befehl zum Beispiel auf „Gott, Christus und Maria“223 beruft, ist „die Grenze des Magischen“224 erreicht und der Abstand zum Gebet nur noch klein.225
5.2 historiola
Die sogenannte historiola, also die kleine Geschichte, ist der narrative Teil des Zauberspruchs, an den sich eine Beschwörung anschließen kann. In der Regel besteht ein Spruch mit historiola aus drei Teilen. Er hat eine Einleitung, einen Mittelteil und einen Schlussteil.
Schulz definiert die historiola folgendermaßen: „[Die historiola ist] eine Art heilige […] Geschichte, die den meisten Beschwörungen voransteht und die folgende Formel oder die Handlungsanweisung, die Beschwörung im engeren Sinne also, legitimiert.“226 Sie dient deswegen als Legitimation, da die historiola in mittelalterlichen Zauber- und Segenssprüchen „meist […] christlich getönten Sinnbezug“227 hat, im Gegensatz zu den reinen Beschwörungsformeln, deren christlicher Bezug nicht immer offensichtlich ist.
Grundsätzlich ist die historiola, deren Existenz schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt in der Geschichte nachweisbar ist,228 je nach kulturellem Hintergrund austauschbar. Es gibt belegte historiolae aus anderen Kulturkreisen und „eine andere Kultur wird andere Bezüge ihrer heiligen mythischen Geschichten wählen.“229 Schulz nennt in ihrem Buch Magie – oder die Wiederherstellung der Ordnung die „sogenannte Marduk-Ea-Formel“230, die eine historiola aus der sumerischen Mythologie belegt.231 In dieser historiola tritt Marduk als „Vermittler“232 zwischen Vatergott und Mensch auf und schildert, wie die Menschen unter Dämonen leiden. Bei Marduk handelt es sich um einen Mittlergott, der sich im Christentum in der Gestalt Christus wiederfindet.233 Die Bitte an den Gott wird in der christlichen Religion über „Christus als messianische Schaltstelle geleitet.“234 Die Heiligen, die in Segen und Zaubersprüchen auftreten, haben wie Christus eine Vermittlerfunktion, da sie zum Beispiel bei Gott Fürbitte leisten,235 aber auch mit seiner Hilfe Wunder und magische Heilungen ausführen können. Wichtig ist, dass die Heiligen die Macht nicht aus sich selbst heraus haben, sondern sie „von Gott verliehen“236 bekommen.
Daher ist es etwas widersprüchlich, wenn Schulz „die Existenz eines Pantheons“ als Voraussetzung „für eine solche Verbindung von Mythos, Religion und Magie“237 sieht. Man kann die Heiligen nicht wie polytheistische Götter betrachten, da sie ihre Kräfte nur von Gott verliehen bekommen haben.238
Bei der Zuordnung der „christlichen Heilsbezüge“ zu „spezifischen Beschwörungsgruppen“239 wirkt das Prinzip der Analogie, zum Beispiel ist „der Rekurs auf Longinus, […] der nach der Legende die Seitenwunde Jesu verursachte, […] typisch für die Historiola der Beschwörung zur raschen Wundheilung.“240 Es ist in Bezug auf die Zaubersprüche nicht wichtig, ob sich die historiola auf die Bibel, die Apokryphen oder das Leben der Heiligen bezieht. Wichtig ist „die allgemein sakrosankte Verbürgtheit.“241 Man kann davon ausgehen, dass die Geschichten aus der Bibel und auch die Heiligenviten – zumindest im Mittelalter – von allgemeiner Bekanntheit waren.242 Es war im Mittelalter nicht unüblich, dass „die Taten der Heiligen von umherziehenden Troubadors, Trouvères, Spielleuten und Minstrels besungen wurden.“243 Deswegen kann man davon sprechen, dass die historiola „Intertextualismen“244 aufweist.
Texte mit historiola, seien sie nun christlich oder polytheistisch, „beziehen ihren magischen Wirkanspruch vor allem aus dem Bezug auf eine göttliche Macht und deren Wirken in illo tempore […].“245 Um die Bedeutung des in illo tempore zu erklären, bedarf es zunächst einer Erklärung des Mythos. Zuvor wurde schon erwähnt, dass die Weltsicht „des archaischen Menschen“, also dem, der Magie in der Praxis anwendet, auf dem Mythos aufbaut.246 Für diesen Menschen ist der Mythos erzählte Wirklichkeit:247 „Sie [die Mythen] offenbaren wahre Geschichten, beziehen sich auf Wirklichkeit.“248 Indem der Mensch den Mythos, die Handlung eines „Gott[es] oder Kultheros“249 wiederholt, sorgt er für den „Einbruch des Heiligen in die Welt.“250 Oft schildert die historiola einen Mythos, in dem ein „uralte[s] Modell eines Aufeinandertreffens von guten und bösen Mächten“ wiederholt wird.251 Der Gott stellt sich beispielhaft bösen Kräften. So wird der Mythos, indem er „das Dasein und Wirken übermenschlicher Wesen offenbart, die sich in vorbildhafter Weise verhalten […], Modell für die ‚ganze Welt‘.“252 Der Zauberspruch oder die Beschwörung mit historiola weckt „Hoffnung auf eine zu jeder Zeit möglichen Wiederholung.“253 Indem die Worte der Beschwörung gesprochen werden, die in illo tempore gesprochen wurden, tritt der Zaubernde in die „Segenszeit“254 ein, eine Zeit, die „nicht an der Zeitlichkeit teilhat.“255 Hier ist das Wunder oder die magische Heilung jederzeit wiederholbar.256 Es ist so, dass „die Einführung des mythologischen Geschehens und der mythologischen Zeit […] im Text durch die ganze grammatisch-semantische Form der ersten Zeile“257 erfolgt. Ein Beispiel dafür wäre der Trierer Spruch mit folgender Eingangsformel: „Quam Krist endi sancte Stephan zi ther burg zi Saloniun: thar uuarth sancte Stephanes hros entphangan.“258 Diese Eingangsformel nimmt Bezug auf eine Reise, die Christus mit dem heiligen Stephan unternimmt und bei der das Pferd irgendwann zu Schaden kommt. Diese beispielhafte Heilung ist im Zauberspruch „eine Fusion von Vergangenheit und Zukunft.“259
Die magische Heilung ist gleichzeitig auch eine „Wiederherstellung der Ordnung.“260 Da „Kranksein […] ursprünglich […] mit Unordnung bzw. Unheil [gleichgesetzt wurde]“,261 stellte man mit der Heilung des Patienten auch gleichzeitig die göttliche Ordnung wieder her. Mit der Heilung wird „Chaos“ beispielhaft in „Kosmos“ verwandelt.262 Dies erfolgt, wie schon erwähnt, mit einem Bezug auf eine heilige Geschichte, in der die Ordnung schon in illo tempore wiederhergestellt wurde. Gesundheit ist also „nicht nur körperliche Heilheit, sondern auch ein kosmisch verstandenes Heil.“263 Das „ahd. heilan kann als ‚heilen‘ [aber auch] ‚erlösen‘“ übersetzt werden.264 Die sprachliche Nähe zu den Bezeichnung Christi als „Heiland“ oder „Erlöser“ ist nicht zufällig.265
Ein Zauberspruch mit historiola ist demütiger als eine Beschwörung, da sich „das Ich des Sprechers aus dem Zauberspruch [zurückzieht].“266 Das bedeutet, dass an die Stelle des Ichs „eine göttliche oder heilige Macht tritt“,267 die an die Stelle des Zaubernden tritt. Sie „beschwört […], segnet und gibt Anweisungen.“268 Die „subjektive[n] Formen des Zauberspruchs“269, die Beschwörungsformeln, werden „ins Objektive transportiert, indem sie vom Sprecher einer objektiven Macht in den Mund gelegt werden.“270 Der Zaubernde schätzt also seine Kräfte geringer als die der Gottheit ein und er „spielt nur noch die Rolle eines Vermittlers.“271
Der Vermittler hat dabei folgende Funktion:
[E]in analoges Geschehen überträgt er aus der Vergangenheit in die Gegenwart und aus dem übermenschlichen wieder in den menschlichen Bereich, indem er dieses analoge Geschehen erzählt.272
Die Gottheit selbst wirkt in der historiola. Der „Wirkanspruch“ des Zaubers „[erfährt] eine ungeheure Potenzierung“,273 da es nicht der Zaubernde ist, der in ihm wirkt, „sondern die Gottheit selbst.“274
Nach Hampp sind der „Begegnungstyp und [der] Wanderschaftstyp“ die Haupttypen in der historiola.275
5.2.1 Der Begegnungstypus
Der Begegnungstyp der historiola schildert, wie schon der Name andeutet, eine Begegnung. Einer der Akteure in der kleinen Geschichte ist die Krankheit, die zum Beispiel „als Krankheitsdämon auftritt“,276 ein anderer kann die durch sie erkrankte Person sein.277 Die anderen Akteure sind „göttliche oder heilige Personen.“278 Im narrativen Teil des Zauberspruchs kann es „maximal drei Helden“279 einer Funktionsgruppe geben: den Leidenden, den Heilenden oder den Schadenden. Die Anzahl der Akteure kann hier variieren.280
Der Begegnungstyp lässt sich in drei Gruppen unterscheiden: erstens „die Begegnung der hilfreichen Macht mit dem Krankheitsdämon“, zweitens „die Begegnung der hilfreichen Macht mit dem Kranken“, drittens „die Begegnung zweier hilfreicher Mächte.“281
Beim Begegnungstyp, in dem die personifizierte Krankheit auf den Heilenden trifft, beruht der „narrative Teil auf einem Zusammenspiel zwischen dem Heilenden und dem Schadenden.“282 Es entsteht ein kleiner Dialog, der szenisch arrangiert ist und der „sehr formelhaft gehalten“283 wird und der an Dialoge im Märchen erinnert.284 Auffällig ist auch „die Stereotypie von Begegnung, Frage und Schadensabsicht.“ Ein Beispiel ist ein Spruch gegen Migräne. Jesus trifft auf die personifizierte Migräne und fragt sie: „Wohin gehst du, Schädelschmerz […]?“285 Die Krankheit antwortet: „Wir gehen uns niederzulassen, in das Haupt des Gottesknechtes N.N.“286 Jesus zwingt die Krankheit daraufhin durch die gesprochene Beschwörung,287 sich ein anderes Ziel zu suchen: „Siehe, ziehe nicht zu meinem Diener, sondern fliehet und ziehet in die wilden Berge, in einem Stierkopf laßt euch nieder! […]“288 Diese „performative Prohibitivformel“289 und das „Wegschicken des Schadenden“290 an einen Ort, an dem er keinen Schaden anrichten kann, ist typisch für diese Art der narrativen Erzählung.291 Dies erinnert an den von Jesus durchgeführten Exorzismus, in dem er Dämonen in Schweine bannt.292
Diese Art des Spruchs ist in drei Teile aufgeteilt: In der Einleitung werden die guten und die bösen Mächte während ihrer Begegnung mit Namen vorgestellt. Der Mittelteil beinhaltet den Dialog. Hier werden die Zerstörungen aufgezählt, die der Krankheitsdämon im menschlichen Körper hervorrufen möchte. Drittens wird ein Verbot, dies zu tun, und eine Verbannung ausgesprochen. Dies geschieht in beschwörender Form.293
Die zweite Gruppe des Begegnungstyps ist „die Begegnung der hilfreichen Macht mit dem Kranken.“294
Ein Beispiel dafür ist ein Spruch aus dem 9. Jahrhundert:
Supras petras Helena sedebat,
frigulas penas patebat (patiebatur)
Sic superuenit Sancta Maria:
„Quid tibi est, Helena?“
„Domina, iam patior penas.“
„Adjuro vos frigulor etc.“ 295
Auf einem Felsen da saß die Helena,
und sie litt an einer Verkühlung.
Da erschien plötzlich die Heilige Maria:
„Was hast du, Helena?“
„Herrin, ich habe gerade eine Beschwerde.“
„Ich beschwöre Euch, Kältedämon etc.“296
In dieser Version wird nicht der Krankheitsdämon, sondern der Patient selbst angesprochen. Helena sitzt auf einem Felsen und leidet unter einer Beschwerde. Daraufhin kommt die heilige Mutter Gottes und erkundigt sich nach ihrem Befinden. Auch hier ist die Anrede „Quid tibi est?“ formelhaft.297
Der Aufbau ist erneut dreiteilig. In der Einleitung treffen eine göttliche Macht und der leidende Heilige aufeinander. Der Heilige steht stellvertretend für den leidenden Menschen. Im Mittelteil kommt es zu einem Dialog, in dem die göttliche Macht erfragt, was dem Leidenden fehle. Der Schlussteil besteht aus dem Mitteilen einer Heilmethode. Dies kann „a) eine Beschwörung, b) ein Segen, c) eine Kuranweisung“ sein.298
Die dritte Variante des Begegnungstypus ist der „Drei gute Brüder-Segen“299:
Tres boni fratres per unam uiam ambulabant.
Et obuiauit eis dominus noster Jesus Christus et interrogauit eos dicens:
„tres boni fratres, quo itis?“
Et dixerunt: „domine, nos imus ad montem oliueti colliegere he(r)
bas plagationis et percussi(n)is.“
Dixit eis dom. nr. J. Christus:
„… iurate mihi per crucifixum et per lac beate Marie,
ut non in abscondito dicatis nec merce(dem) accipiatis,
et accipite oleum oliue et lanam ouis et mitite ad plagam etc.“ 300
Drei gute Brüder spazierten einen Weg entlang.
Und es kam ihnen unser Herr Jesus Chrisus entgegen und fragte sie:
„Ihr drei Brüder, wohin geht ihr?“
Und sie sagten: „Herr, wir gehen zum Berg, um Oliven zu
sammeln, gegen Wunden und Prellungen.“
Und der Herr Jesus Christus sagte zu ihnen:
„… schwört mir beim Kreuz und bei der Milch der
heiligen Maria, dass ihr es nicht heimlich weitersagt oder
einen Lohn dafür annehmt. Nehmt etwas Olivenöl und
Schafswolle und legt es auf die Wunde etc.“301
Hier zeigt sich erneut die Dreiteilung. Erstens die Begegnung der drei guten Brüder mit Jesus Christus, zweitens der Dialog, in dem das Anliegen der drei Brüder, eine Heilmethode zu finden, berichtet wird. Jesus nimmt den Brüdern das Versprechen ab, das Wissen um die Heilmethode zu bewahren und kein Geld für die Heilung Kranker anzunehmen.302 Den Abschluss bildet „a) eine Kuranweisung [oder] b) [eine] Anweisung für einen Zauberspruch“.303
5.2.2 Der Wanderschaftstypus
Der Wanderschaftstypus zeichnet sich dadurch aus, dass „göttliche[…] oder heilige Gegenmächte“ während einer Wanderschaft handeln.304 Die Handlung, nicht der Dialog, ist „das magisch entscheidende Moment.“305
Hampp unterscheidet zwischen verschiedenen Sorten des Wanderschaftstypus. Sie nennt beispielsweise den „Drei Frauen-Segen.“306 Darüber hinaus gibt es noch den „Feuer- und Brandsegen“307, den „Lorenzsegen“308, den Segen vom „Wurmacker“309 und den „Segen mit dem Streitmotiv“.310 Darüber hinaus gibt es noch die Segen, die dem Typ des zweiten Merseburger Zauberspruchs entsprechen.311 Auf diese wird in Kapitel 8 noch eingehender eingegangen werden.
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