Kitabı oku: «Seelensplitter»

Yazı tipi:

Mitra Devi

SEELENSPLITTER

Mitra Devi

SEELENSPLITTER

Nora Tabanis dritter Fall

Appenzeller Verlag

1. Auflage, 2010

© Appenzeller Verlag, CH-9101 Herisau

Alle Rechte der Verbreitung,

auch durch Film, Radio und Fernsehen,

fotomechanische Wiedergabe,

Tonträger, elektronische Datenträger und

auszugsweisen Nachdruck sind vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Anna Furrer

ISBN Buch: 978-3-85882-518-6

ISBN eBook: 978-3-85882-587-2

www.appenzellerverlag.ch

eBook-Herstellung und Auslieferung:

HEROLD Auslieferung Service GmbH

www.herold-va.de

1

Vollmond. Mitternacht. Die Kirchturmuhr des falschen Gottes schlug zwölf. Vom Dorf her hörte sie die Glocken läuten, bronzene Klänge, die übers Feld wehten. Sie beleidigten ihr Ohr, waren für andere gedacht, nicht für sie. Niemals würde sie einem männlichen Wesen huldigen, sie verehrte die dunkle Göttin. Die Weise, die Grausame. Sie liebte und fürchtete sie. Brachte ihr Opfer. Tötete für sie.

Ein Ruck ging durch ihren Körper, als der letzte Schlag verhallt war. Sie löste sich aus der Starre. Einen Augenblick reflektierte die Fensterscheibe ihre Gestalt. Ihre wirren, langen Haare verdeckten die Hälfte des Gesichts. Sie wirkte um Jahre älter als siebenundzwanzig, das wusste sie. Doch Äusserlichkeiten hatten für sie noch nie eine Rolle gespielt. Ihre Seele war uralt, abgrundtief, nur noch spinnwebendünn mit ihrem Leib verbunden und würde sich bald von ihrer fleischlichen Hülle lösen. Die Dämonen, die seit ihrer Kindheit nach ihr gierten, würden bald ins Leere greifen.

Sie öffnete das Fenster, liess ihren Blick über den Garten schweifen. Das fahle Licht erhellte die Beete, die die Form von Gräbern hatten. Die Salatköpfe waren bedeckt mit Tausenden von Tautropfen, in denen sich der Mond spiegelte. Drumherum ragten die Holzzacken des Zauns wie Zähne eines riesigen Krokodils in den nächtlichen Himmel.

Sie wandte sich ab und schritt mit bauschendem Rock durch den Korridor. Heute würde sie die Ernte verarbeiten, Wein und Gift zu einem tödlichen Trunk mischen. Ein böser Mensch musste sterben. Noch ein letztes Mal sollte er im Feuertanz zucken, bevor die allmächtige Mutter ihn mit Haut und Haar verschlänge. Zurück in die Erde mit seinem schändlichen Körper! Zurück in den Boden, wo Würmer, Käfer und anderes Getier darauf warteten, seine Überreste zu zersetzen. Wo seine Gedärme faulten und rotteten, bis sie sich in ihre Bestandteile auflösten, wieder zu Staub wurden, und neues Leben daraus entstand. Der ewige Kreislauf der Natur.

Ihre Lippen zuckten, die Rache loderte in ihr. Es war richtig, was sie tat, es war der einzige Weg zum Frieden. Die Stimmen in ihrem Kopf würden endlich zum Schweigen gebracht werden.

Als sie in den Dachstock emporstieg, knarrten die Stufen. In der Hand trug sie eine brennende schwarze Kerze. Kein elektrisches Licht durfte in dieser geweihten Nacht leuchten, ihre todbringenden Geschöpfe reagierten empfindlich auf Helligkeit. Sie öffnete die Tür, trat in den abgeschrägten Raum. Staubfusseln wirbelten auf. Der Mond schien bleich durch die Dachfenster. Die mit Leintüchern abgedeckten Möbel ihrer Grossmutter warfen bizarre Schatten an die Wände. Es roch nach Holz und altem Stoff.

Quer durch den Estrich des Bauernhauses war eine Schnur gespannt. Daran hingen sie, die Zauberkräftigen. Sie hatte die Wurzeln im Herbst ausgegraben und zum Trocknen an der Leine befestigt. In Reih und Glied, wie eine Armee verhutzelter Gnome, warteten sie darauf, zum Einsatz zu kommen. Galgenmännlein hatten die kräuterkundigen Frauen im Mittelalter die Pflanzen genannt, Henkerswurz, Folterknechtund Drachenpuppe.

Die magische Alraune.

Ihre Kräfte konnten Wundbrand lindern, Rheuma kurieren und Unfruchtbarkeit heilen. Ihre Beeren, eingenommen mit Zimt und Wachholderschnaps, liessen einem Flügel wachsen, mit denen man über die Äcker fliegen und die Wolkendecke durchstossen konnte. Sie machte reich und glücklich, die Alraune, steigerte die Lust und den Rausch, liess Weichteile anschwellen und Körpersäfte pulsieren, auf dass sich die heissen Leiber im rituellen Tanz vereinigten.

Aber die Pflanze war auch erbarmungslos. Schon immer hatte ihre menschenähnliche Form Angst und Schrecken verbreitet. Pflückte man sie ohne Respekt, blies sie einem den Hauch des Todes ins Gesicht, bestrafte die Frevler mit Albträumen, Herzrasen und Irrsinn. Sie, die hier stand, wusste das. Sie behandelte ihre magischen Freunde mit gebührender Ehrfurcht. Vor einigen Vollmonden hatte sie sie geerntet. Zwischen Mitternacht und ein Uhr morgens. Mit abgewandtem Blick hatte sie in der Erde gegraben und auf den grauenhaften Schrei des Pflanzengeistes gewartet, der einen zu Stein erstarren liess, doch er war ausgeblieben. Die Alraunen vertrauten ihr. Willig liessen sie sich aus dem Boden ziehen und raunten ihr zu: «Deine Stunde ist gekommen. Tu es, Kind der dunklen Göttin, tu es!»

Sie stellte die Kerze auf den Boden. Vorsichtig löste sie dreizehn Galgenmännlein mit verschrumpelten Beinchen und Ärmchen von der Schnur. Dann raffte sie den Rock, legte die Wurzeln hinein und stieg die Treppe hinunter. In der Küche entzündete sie weitere Kerzen und stellte sie im Halbkreis auf den Tisch. Das Messer lag bereit. Rotwein, Vanilleschoten, Zucker und eine Prise Safran hatte sie daneben plaziert. Sie schüttete den Inhalt der Flasche in eine Schale und gab die Gewürze dazu. Dann schnitt sie die Alraunen in dünne Scheiben. Sie rochen wild und feurig. Die Stückchen schaufelte sie in die Flüssigkeit und vermischte sie. Mit dem Mörser zerquetschte sie alles zu einem bräunlichen Brei, drückte das Gift in den Wein, der es in sich aufnahm.

Jetzt brauchte der Trank Zeit, um seine volle Wirksamkeit zu erreichen. Er musste ziehen und sich entwickeln. In ein paar Tagen war er so weit. Dann würde sie die dicke Masse absieben, den Saft in ein Fläschchen füllen, es zustöpseln und nach Zürich bringen. Und der Mann würde das Gebräu trinken, würde von dieser Welt gefegt werden, nicht wissend, wie ihm geschieht.

Ihr Mund verzog sich zu einem schiefen Lächeln. Sie hörte ein Krächzen aus ihrer Kehle kommen und wusste nicht, ob es Gelächter oder Weinen war. Die Dämonen griffen wieder nach ihr, wisperten hässliche Worte. Sie sah ihre lidlosen Augen mit den roten Pupillen, fühlte die knochigen Finger, die sie würgten und ihr den Atem nahmen. Während ihr die Tränen über die Wangen liefen, breitete sie die Arme aus, die wuchsen und wuchtiger wurden, als wären sie Raubvogelschwingen, die sich bis zum Ende des Firmaments erstreckten. «Ich bin Alruna», flüsterte sie, «Tochter der Finsternis. Alruna, Rächerin der Blutzeugen. »

Jan Berger wischte sich den Schweiss vom Gesicht. «Ich kann nicht mehr», stöhnte er.

«Du hast dein Soll noch nicht erfüllt. » Nora Tabani warf ihm einen aufmunternden Blick zu, was ihr etwas schwer fiel, da sie sich gerade die Lunge aus dem Leib strampelte. Auf der zweithöchsten Stufe des Fitnessclub-Velos zu radeln, war eine Plackerei. Und dabei bewegte man sich keinen Zentimeter vom Fleck. Psychologisch ganz schlecht. Aber sie musste mit gutem Vorbild vorangehen, immerhin war er mitgekommen. Lange genug hatte sie ihm in den Ohren gelegen, etwas für seine Figur zu tun. In den letzten Wochen hatte er vier Kilo zugenommen und sich immer wieder argwöhnisch von der Seite im Spiegel betrachtet. Aus seinem netten Bäuchlein drohte ein üppiges zu werden. Seine ganzkörperliche Verliebtheit verleite ihn dazu, mehr zu essen, behauptete er. Es musste ihn heftig erwischt haben.

«Wie lange noch?», keuchte Jan und trat etwas verhaltener in die Pedale.

Nora hatte gemerkt, dass er jedesmal einen Zacken zulegte, wenn sie ihn beobachtete, um gleich wieder zu verlangsamen, sobald sie zur Aerobic-Lehrerin auf dem Bildschirm schaute. Die Dame in glänzendem Pink im Sportsender schien über unerschöpfliche Kräfte zu verfügen, tanzte, sprang und hüpfte im Takt und schaffte es dabei, ein immerwährendes Lächeln auf ihren aufgespritzten Lippen zur Schau zu tragen. Und das Ganze in mannigfacher Ausführung. Acht Fernseher hingen nebeneinander vor den Ausdauergeräten an der Wand, auf jedem trieb die Unermüdliche ihr Unwesen und motivierte ihre Schäfchen zu Höchstleistungen.

«Noch zehn Minuten», sagte Nora mitleidlos. «Deine Monika möchte dich rank und schlank. »

«Meine Monika liebt mich, wie ich bin. »

«Sei etwas dankbarer. Keine andere Vorgesetzte lässt ihre Angestellten während der Arbeitszeit Fitness betreiben. »

Jan grinste zu ihr hinüber. «Ich dachte, du wolltest nicht, dass ich dich Chef nenne. Du sagst, wir seien ein Team, gleichberechtigt und souverän, und niemals im Leben würdest du den Macker raushängen. »

«Okay, dieser Punkt geht an dich. Aber vergiss nicht: mens sana in corpore sano. » Sie wollte mahnend den Zeigefinger hochhalten, was sie um ein Haar aus dem Gleichgewicht gebracht hätte. Bevor sie Richtung Lady in Pink stürzte, konnte sie sich an den Griffen festhalten.

«Verlier die Balance nicht, Chef. Ich lebe nach Churchills Motto. Du weisst schon: Sport ist Mord. »

Nora verdrehte theatralisch die Augen. Dann stellte sie den Schweregrad für die letzten Minuten aufs Maximum und gab, was sie konnte. Neben ihnen waren um diese Zeit nur wenige Leute im Fitnessstudio. Dienstagmorgen, kurz nach neun. Yvonne vom Empfang und Mädchen für alles tippte etwas in ihren Computer. Ein paar Frauen machten Yoga auf den Matten, ein Instruktor erklärte einem Neuling die verschiedenen Geräte und Gewichte, eine Handvoll regelmässiger Besucher absolvierte still die Übungen. Neben Nora radelte ein solariumgebräuntes, hageres Männchen, dessen Verfalldatum bereits seit einigen Jahren abgelaufen war, vor sich hin. Immer wieder blinzelte er zu ihr hinüber, da er wohl gemerkt hatte, dass sie und Jan kein Paar waren.

«Lass uns aufhören, Schatz», sagte Nora genüsslich laut zu Jan. Dieser zog verwundert eine Augenbraue hoch. Der alternde Geck zuckte zusammen und wandte sich einer anderen Frau zu.

Als sie das Training auf den Fahrrädern absolviert hatten, kamen die Kraftübungen an die Reihe. Bizeps, Trizeps, Bauch und Beine, dann Dehnen, dann Duschen. Nachdem Nora sich angezogen hatte, brachte sie ihre Haare in Form, wozu zwei, drei Rubbelbewegungen durch ihren dichten, kurzen Schopf genügten. Unter ihren gebleichten Strähnen war der dunkle Haaransatz zu sehen. Die ganze Bleichaktion war ein Reinfall gewesen. Blond passte nicht zu ihr. Und das angespannte Verhältnis zu Gaby, der Coiffeuse im unteren Stock, das Nora versucht hatte, mit der Opferung ihrer ursprünglichen Haarfarbe zu verbessern, war schlecht wie eh und je. Gaby war Kettenraucherin, ihre Kundinnen waren es auch. Der Zigarettengestank zog durchs Treppenhaus an der Seefeldstrasse, machte alle Bewohner verrückt und verpestete Noras Mansarde im Dachgeschoss und ihre Büroräume im ersten Stock.

Noras Arbeit als freie Detektivin lief nach anfänglichen Schwierigkeiten inzwischen recht gut. Die Aufträge trafen nicht gerade im Rudel ein, doch nebst kleineren Überwachungen und Abklärungen hatte sie in letzter Zeit zwei grosse Fälle gelöst. Was für die Miete, Jans Lohn und ein Olivenbäumchen beim Eingang gereicht hatte. Jan war ein echter Lichtblick.

Seit bald einem Jahr arbeiteten sie schon zusammen, und er schaffte es immer wieder, sie zu überraschen. In ihm steckte viel mehr, als auf Anhieb erkennbar war. Vielleicht sogar mehr, als er selber ahnte.

Nora packte ihre Sporttasche und trat aus der Garderobe. Ihr Kollege sass bereits an der Bar und schwatzte mit Yvonne. Nora setzte sich zu ihm und bestellte einen frisch gepressten Orangensaft, wie er einen vor sich stehen hatte.

«Na», bemerkte sie, «das hat doch einmal mehr so richtig gut –»

«Sag jetzt nichts», gab er zurück. «Du hast ja Recht. Ich werde weiterhin Fitness treiben, auch wenn es mein Gemüt angreift. »

«Das hört man gern. » Sie nahm einen Schluck Saft und sah ihn eindringlich an. «Und was wolltest du mir wirklich mitteilen?»

«Wie meinst du das?» Er begann, seine Brille mit dem Ärmel zu putzen.

«Komm schon. Seit ein paar Tagen druckst du herum, und ich hab keine Ahnung, was es sein könnte. »

«He, Chef! Intuition war immer mein Gebiet, fang nicht auch noch damit an. »

«Also?»

«Nun gut. » Er setzte die Brille wieder auf. «Ich wollte dich um zwei Wochen Ferien bitten. Im Mai. »

«Verreist du?»

Er machte eine bedauernde Handbewegung. «Es tut mir leid. Ich weiss, wir hatten vor, unsere Homepage zu aktualisieren, die neuen Visitenkarten und Briefumschläge drucken zu lassen und all das. »

«Kein Problem!», sagte sie. «Damit komm ich auch allein klar. Das heisst, ich werd’s vor mir herschieben, bis du zurück bist. Wohin fährst du denn?»

Er strich sein spärliches Haar zur Seite und schaute sie so herzerwärmend an, dass sie verstand, was Monika an ihm fand. «In die Flitterwochen nach Madeira. Ich heirate. »

«Was, jetzt? Ich meine, wann? Warum so schnell?»

«Nora! Ich hab gedacht, du freust dich für mich. »

«Natürlich freu ich mich. Ich dachte nur, ihr kennt euch erst fünf Monate –»

«Vier. »

«Na eben. Ist das nicht ein bisschen überstürzt?»

Jan seufzte. «Ich bin neununddreissig. Monika wird im August vierzig. Wir wollten einfach noch in den Dreissigern heiraten. Verstehst du das nicht?»

«Doch, klar, Jan. Ich gönne es dir von Herzen, dass du einen Menschen hast, mit dem du den Rest deines Lebens verbringen möchtest. » Oh, Gott, klang das pathetisch. Während sie es sagte, dachte sie an ihre Männergeschichten, die nichts anderes gewesen waren als genau das: Geschichten. Ein paar kurze, heftige Affären und eine längere Beziehung mit Joël aus Genf, der sich als Enttäuschung des Jahrzehnts herausgestellt hatte.

«Hallo? Jemand zu Hause?» Jan wedelte vor ihren Augen herum. «Vertreib Joël aus deinem Hirn. Ein Kerl, der dir seine Frau und Kinder verschwiegen hat, wäre eh nichts für dich gewesen. »

«Scheisse, hab ich laut geredet?»

Jan lachte. «Echt, Nora, manchmal bist du so was von durchschaubar. Bekomme ich nun die zwei Wochen im Mai?»

«Aber sicher. » Sie schüttelte die Vergangenheit ab und stürzte den letzten Rest Saft hinunter. «Trink deine Vitaminbombe aus, ein Stapel Arbeit wartet auf uns. »

«Aye, aye, Chef. »

2

Die Dachterrasse der Lagerhausfirma «Store & Go» neben dem Bahnhof Zürich-Altstetten war mit bunten Lampions dekoriert. Rote, blaue und gelbe Papierkugeln, die in die Nacht hinausleuchteten. Eine Riesengirlande hing am Geländer. Mit Goldbuchstaben waren die Worte «20 Jahre Store & Go» darauf geschrieben. Sarah Dobler brachte die Bowle heraus und plazierte sie mitten auf den Tisch. Daneben drapierte sie die Lachshäppchen, Schinkentriangoli und die Guacamole. Den Wein und die passenden Gläser stellte sie in versetzte Reihen, wie sie es kürzlich bei einer Vernissage gesehen hatte. Zum Schluss streute sie ein paar Rosenblätter auf die weissen Tischdecken, was dem Ganzen eine romantische Note verlieh. Roland und Tim würden sie zwar wieder auslachen, aber schliesslich hatte ihr Kowalski freie Hand gelassen. Ausnahmsweise hatte er sich diesmal grosszügig gezeigt, so dass sie bei den Delikatessen nicht geizen musste.

Sie trug ihre smaragdgrüne Bluse und hatte die Haare wie immer hochgesteckt. Ihr Make-up war dezent. Als einziger Schmuck schimmerte ein perlmuttfarbener Stein an ihrem Finger. Sie hatte damals für den Ring auf einem griechischen Markt nur ein paar Euro bezahlt, doch er war zu ihrem Lieblingsstück geworden.

Seit dem frühen Morgen hatte sie daran gearbeitet, aus dem heutigen Jubiläum einen ganz besonderen Tag zu machen. Das Wetter war für einen Frühlingsabend viel zu warm, so dass sie die Party draussen feiern konnten. Dennoch sorgten mehrere tragbare Elektroöfen in allen vier Ecken der Terrasse dafür, dass auch später niemandem kalt würde. Es war sternenklar. Obwohl die erleuchteten Häuser der Umgebung den Himmel erhellten, konnte Sarah den Grossen Wagen erkennen.

Selten hatte sie Gelegenheit, ihre kreativen Ideen in ihre Arbeit einfliessen zu lassen. Wenn es einmal möglich war wie heute, genoss sie das sehr. Es war zwar nicht wirklich die Aufgabe einer Chefsekretärin, ein Buffet anzurichten, doch sie hatte sich auf die Abwechslung gefreut. Sie arbeitete seit fünf Jahren für «Store & Go». Kowalski wusste, dass er sich auf sie verlassen konnte. Sie war exakt, gewissenhaft und pflichtbewusst. Was nicht gerade sexy auf Männer wirkte, das war ihr klar, doch in einem so grossen Unternehmen waren ihre Fähigkeiten gefragt. Gleich von Anfang an hatte Kowalski ihr viel Verantwortung übergeben, froh, dass er sie nicht selber tragen musste. Gegen aussen spielte er den autoritären Boss, doch Sarah hatte mehr als einmal seine Unsicherheit gesehen. Schon oft war es ihr gelungen, Spannungen im Team, die er mit seiner ruppigen Art verursacht hatte, mit Diplomatie zu lösen.

«Mensch, Mädchen, du hast dir ja wieder Mühe gegeben!», rief Roland Wehr von der Terrassentür her.

Sie hätte schwören können, dass er als Erster auftauchte. Gleich würde er sich wie ein vorwitziger Junge am Buffet bedienen. «Noch nicht!», bat sie und ging auf ihn zu, so dass er seine Finger, die bereits nach den Chips gegriffen hatten, wieder zurückzog.

«Geht klar», sagte er lächelnd, «ich soll die schöne Ordnung nicht kaputtmachen. Sorry. » Er schaute sie mit seinen Hundeaugen an, eine blonde Locke hing ihm in die Stirn. Er trug einen weissen, lockeren Anzug und wirkte darin wie ein kalifornischer Beach Boy. Sie wollte nicht, dass er einmal mehr bemerkte, wie sehr er ihr gefiel, und begann etwas verkrampft, die Servietten rechtwinklig zur Tischkante zu stapeln. Natürlich ahnte er längst, was sie für ihn empfand. Er schien es zu geniessen, machte ihr zwar nie Hoffnungen, wies sie aber auch nicht ab.

«Nur nicht so steif, Sarah», meinte er, «das wird ein prächtiger Abend. Du hast das wirklich toll hingekriegt. Ausser… » Er nahm die Hände aus seinen Hosentaschen und zeigte neckisch zur Dekoration hinüber.

«Ich weiss», seufzte sie, «die Rosenblätter. »

«Die Rosenblätter, du sagst es. Das ist das Letzte, was zu unserer Firma passt. Rosendornen – ja. Oder besser noch Distelstacheln. Oder Kakteen. Aber Rosenblätter? Das, liebe Sarah, ist reinstes Wunschdenken. »

Sie wehrte ab. «So schlimm ist es nicht. Kowalski hat sich gebessert. Kürzlich hat er sogar –»

«Ach was, der wird immer ärger! Du bist viel zu nachsichtig. Ich könnte dir auf Anhieb zehn Leute aufzählen, die ihn liebend gern um die Ecke bringen würden. Mich inklusive. » Er grinste sie spitzbübisch an, konnte es nicht lassen, sich eine Olive zu schnappen, dann flüsterte er: «Achtung, wenn man vom Teufel spricht … »

Maximilian Kowalski betrat mit forschem Schritt die Terrasse. Mit bald sechzig verfügte er über eine Energie, die ihresgleichen suchte. Seinen massigen Oberkörper hatte er in einen zu engen Zweireiher gezwängt, was auf einige bestimmt ungewohnt wirkte, die ihn nur hemdsärmelig kannten.

In seinem Schlepptau folgte Cedric Stark in perfekt sitzender Kleidung und glänzenden Lederschuhen. Aufmerksam huschten seine Augen von einem zum anderen, verschafften sich in Sekundenschnelle einen Überblick. Stark wartete schon lange darauf, Kowalskis Job zu übernehmen. Doch dieser dachte nicht im Traum daran, sich zur Ruhe zu setzen. Cedric Stark war geduldig wie eine Zecke, die ohne Nahrung auf einem dürren Ast ausharrt, um sich im richtigen Moment auf ihr Opfer zu stürzen. Sarah fürchtete seine scharfe Zunge, seinen Sarkasmus und seine Fähigkeit, andere mit einem einzigen Wort kleinzumachen.

Hinter ihm ging Tim Stalder, der mit Claudia Campanini in ein Gespräch vertieft war. Sie kicherte etwas schrill und wackelte dabei mit dem Kopf, so dass ihre Ohrringe – zwei grosse schillernde Delphine – hin- und herschaukelten. Wie immer war sie gewagt gekleidet, ihr Ausschnitt war tief, ihre mehrfarbige Halskette zog den Blick unwillkürlich auf ihren Busen. Tim schien ihr etwas zu erklären, dann entdeckte er Sarah und nickte ihr freundlich zu.

Die anderen Mitarbeiter der Administration und aus den Lagerhallen folgten ihnen, dann das Reinigungspersonal. Am Schluss traten die Transportleute auf die Terrasse. Es waren hauptsächlich Türken, Albaner und Serben. Zum Team gehörte auch Chandra, ein Tamile, der so feingliedrig war, dass Sarah sich immer wunderte, wie er all die Lasten schleppen konnte, aber er schien keine Mühe damit zu haben. Die anderen waren kräftige Männer, die sich in ihren Arbeitsoveralls sichtlich wohler fühlten als in den Anzügen, die sie jetzt trugen. Mehmet schaute missbilligend auf die Schinkenstückchen, dann hellte sich sein Blick auf, als er den Lachs entdeckte. Er lächelte Sarah augenzwinkernd zu, sie hatte ihm versprochen, nicht allzu viel «Schweinisches» aufzutischen, wie er es nannte.

Sarah zählte schnell nach. Es waren alle gekommen: Zweiunddreissig Personen, darunter sechs Frauen. Anders als in anderen Firmen, in denen sich die weiblichen Angestellten, wenn sie in der Unterzahl waren, mit Vehemenz Gehör verschaffen mussten, wurden sie bei «Store & Go» ebenbürtig behandelt. Kowalski bestand auf gleichem Lohn für gleiche Arbeit. In Norddeutschland, wo er aufgewachsen war, habe es dieses ganze «Frau-Mann-Zeug» nicht gegeben, behauptete er, da wurde gearbeitet, man war genügsam und zufrieden mit dem, was man hatte.

Tim gesellte sich zu Sarah. «Schön hast du’s hergerichtet, wie immer. Sogar Rosenblätter … »

«Ich wusste, dass du dich darüber lustig machen würdest. »

«Mach ich doch gar nicht. » Tim nahm ein Blütenblatt und schnupperte daran. «Sie duften wunderbar. Aber du wirfst Perlen vor die Säue, Sarah. Irgendwann wird er dich ohne Skrupel rausschmeissen und eine andere Sekretärin suchen. »

«Warum sollte er? Ich mache meine Arbeit gut. »

«Das wird dir irgendwann nichts mehr nützen. Bis jetzt hat er noch keine so lange behalten wie dich. Sieben Chefsekretärinnen in zwanzig Jahren. Das ist ein echter Verschleiss. »

«Irgendwie versteh ich das nicht», murmelte sie.

«Nicht?» Tim schien überrascht. «Das ist doch glasklar. Er will Frischfleisch. Hast du denn nie bemerkt, wie er euch anstarrt?»

«Ruth nicht. »

«Ruth ist ihm zu alt, logisch. Aber Claudia und dich. Das fällt sogar mir als Mann auf. Ich hoffe, er ist nie zudringlich geworden. » Er schaute sie mit einem besorgten Ausdruck an.

Sarah hatte von Anfang an gespürt, dass Tim völlig in Ordnung war. Ein integrer Mann, der tat, was er sagte. «Mach dir keine Gedanken. Ich ignoriere solche Dinge. »

«Und falls doch. Du weisst, du kannst dich an mich wenden. »

«Ich weiss. Danke. Aber es ist nicht nötig. »

Tim schien es ihr nicht ganz zu glauben, sagte aber nichts mehr. Er schaute zu Kowalski hinüber, der gerade seine Angestellten im Halbkreis um sich scharte und zu einer Ansprache ansetzte. Augenblicklich verstummten die Gespräche ringsum.

«Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter», begann er in astreinem Hochdeutsch, «ich möchte Sie heute am 1. April – und das ist kein Scherz! – alle ganz herzlich zu unserem 20-Jahr-Jubiläum begrüssen. ‹Store & Go› wurde von mir, wie Sie wissen, als kleine Firma buchstäblich aus dem Dreck gezogen. Inzwischen ist sie eine der bedeutendsten Lager- und Transportunternehmen der Stadt. » Er schaute in die Runde, dann zeigte er mit dem Finger auf Gerhard Furrer. «Sie!»

«Ja?» Gerhard schien überrumpelt.

«Sie gehörten zu den Ersten, die damals durch diese Tore gingen. Erzählen Sie, was sich in all den Jahren verändert hat. » Kowalski nickte ihm auffordernd zu.

«Ähm… »

«Na los, machen Sie schon! Als Sie hier anfingen, waren wir noch zu dritt. Mickrige Räume, harte Arbeitsbedingungen. Sie erinnern sich. Dann die ganze Umstellung auf Digital und Computer. Die neuen Sicherheitsschlösser in den Lagerhallen. Die besseren Hygienemassnahmen. Der Umbau. Vor vier Jahren der Artikel in der NZZ, der einen wahren Ansturm von Mietern nach sich zog. »

«Genau», murmelte Gerhard.

«Danke, Furrer. Sie sehen also», Kowalski liess seinen Blick in die Runde schweifen, schien zufrieden mit der Aufmerksamkeit, die ihm entgegengebracht wurde, und fuhr fort: «Sie sehen also, es lohnt sich, für ‹Store & Go› zu arbeiten. Den ersten Interessenten, die damals Lagerräume bei uns mieteten, standen ganze neun Kubikmeter zur Verfügung. Heute bieten wir ihnen Kleinsträume von sechs bis zu Lagerhallen von sechshundert Kubikmetern zur Auswahl. »

«Das wissen wir doch alles», flüsterte Roland entnervt in Sarahs Richtung. «Bis der fertig ist, verschimmeln die Lachsbrötchen. »

«Nebst Möbeln», fuhr Kowalski fort, «lagern unsere Kunden Kleider, Ordner, Sportartikel, ganze Wohnungseinrichtungen und Restposten von Geschäftsauflösungen bei ‹Store & Go›. Manchmal nur wenige Tage, manchmal über Jahre. Und das für sage und schreibe … » Er schaute erwartungsvoll auf die Anwesenden und hob seine Arme wie ein Dirigent in die Höhe. «Nun, meine Damen und Herren?»

Alle murmelten: «Zwölf Franken pro Kubikmeter!»

«Korrekt!» Kowalski strahlte übers ganze Gesicht.

«Er zieht immer die gleiche Show ab», zischte Claudia leise. «Langsam ist es nur noch peinlich. »

Roland pflichtete ihr bei.

«Darum, werte Mitarbeiter, der langen Rede kurzer Sinn:Ich bedanke mich für Ihr Engagement. Ich fordere weiterhin einen vortrefflichen Einsatz. Das Buffet ist eröffnet!»

«Das ging ja flotter als erwartet», murmelte Tim.

Sarah lächelte. «Er wird durstig sein. »

«Das ist das Stichwort», meinte Roland, «lasst uns anstossen!» Er nahm den Schöpflöffel, tauchte ihn in die Früchtebowle und füllte mehrere Gläser. «Zum Wohl, Sarah! Tim! Gerhard!»

Sie prosteten sich zu, Kowalski schenkte sich bereits zum zweitenmal ein, und sogar Ruth, die älteste der Angestellten, sonst massvoll und zurückhaltend, trank mit sichtlichem Genuss.

«Ausgezeichnet!», meinte Cedric Stark. «Fast wie selbstgemacht. »

«Sie ist auch selbstgemacht», sagte Sarah mit Nachdruck. «Von mir. »

«Tatsächlich? Nur nicht so empfindlich, ‹Fräulein› Dobler. Sie schmeckt trotzdem gut. »

Sarah kam sich blöd vor. Stark hatte es wieder einmal geschafft. Zum Glück hatte sie nicht viel mit ihm zu tun. Sein Büro lag am anderen Ende des Gangs, er war für die PR zuständig.

Der Abend schritt voran, angeregte Gespräche entstanden, wenngleich die Teams sich kaum mischten. Das Reinigungspersonal blieb unter sich. Die türkischen und albanischen Umzugsleute unterhielten sich in ihrer eigenen Sprache. Cedric Stark schleimte sich bei Kowalski ein, der ihn jedoch links liegen liess. Man ass, trank und gab Anekdoten zum besten. Wo immer Kowalski auftauchte, versandeten die Gespräche, da er endlose Monologe an sein Gegenüber richtete.

Sarah sorgte dafür, dass das Buffet immer appetitlich aussah, und brachte mit Ruths Hilfe Nachschub von unten herauf. Gegen zehn tauchte die mexikanische Musikgruppe auf, die Sarah als Überraschung engagiert hatte. Sie war ein voller Erfolg. Fünf Männer mit Sombreros spielten Gitarre, Trommeln und Mandoline, sangen temperamentvolle spanische Lieder und forderten die Frauen und Männer zum Tanzen auf. Nach anfänglichem Zögern wagten es die Ersten, sich zu den feurigen Klängen zu bewegen. Kowalski zog Claudia zu sich heran und schwang das Tanzbein. Sie liess es mit angewidertem Gesichtsausdruck geschehen. Gerhard Furrer wippte unsicher mit dem Fuss zum Takt. Sarah betrachtete sein Geierprofil. Gerhard hatte etwas Unheimliches und Düsteres an sich. Vielleicht kam das daher, dass er seit Jahren in den unterirdischen Lagerhallen arbeitete.

Sarah wandte sich wieder ab und beobachtete die anderen. Tim bat gerade eine portugiesische Dame der Reinigung um einen Tanz, diese stimmte mit kokettem Lächeln zu. Die Stimmung wurde ausgelassener. Sarah plauderte ein bisschen mit Mehmet, konnte ihn wegen der lauten Klänge aber kaum verstehen. Roland in seinem weissen Anzug wirbelte allein zu den südamerikanischen Rhythmen herum, seine Hand balancierte ein halbvolles Glas. Ruth stand am Rand bei einem der Öfen und schien sich auf ihre eigene stille Art über den gelungenen Abend zu freuen.

Gläser klirrten. Das Buffet war nach einer Weile ein weinbekleckertes und ölverschmiertes Schlachtfeld. Oliven, Brosamen und Teigreste waren überall verstreut, was Sarah leider nicht hatte verhindern können. Die Mexikaner trieben mit ihrer Musik auf den Höhepunkt zu. Roland lächelte beschwipst vor sich hin. Tim kippte die Portugiesin im Tangostil nach hinten, was diese mit begeistertem Quietschen quittierte.

«Was hat er denn?», hörte Sarah Marco Benedetto neben sich sagen. Sie hatte heute noch kein Wort mit ihm wechseln können.

«Was meinst du?»

«Der ist ja komplett besoffen», antwortete Marco und zeigte auf Kowalski, «Madonna mia, jetzt übertreibt er aber!»

Sarah folgte seinem Blick und sah, wie ihr Chef herumtorkelte und Claudia grob von sich stiess. Sie prallte gegen den Tisch und hielt sich an der Tischdecke fest. Tim eilte ihr zur Hilfe. Bevor alle Gläser zu Boden fielen, konnte sie sich wieder aufrappeln. «He!», machte sie empört zu Kowalski, doch dieser ging gar nicht darauf ein. Sein Gesicht war gerötet, als hätte er einen Sonnenbrand. Er stammelte unverständliche Worte. So hemmungslos hatte Sarah ihn noch nie gesehen. Hoffentlich endete die Party nicht in einem Desaster. Bereits entfernten sich einige Angestellte und starrten aus sicherer Entfernung auf ihren Chef. Der bewegte sich inzwischen mit fast spastischen Bewegungen zur Musik.

«Vengan y bailan!», schrien die Mexikaner, erfreut über die Wirkung ihrer Lieder, «Bailan! Bailan! Kommt und tanzt!»

Kowalski stolperte, richtete sich wieder auf, rief mit schwerer Zunge: «Es ist heiss!» und fuchtelte mit den Armen.

«Wenn ich so viel intus hätte, wär’s mir auch etwas wärmer», meinte Roland.

In diesem Moment krachte und knallte es in der Ferne. Die Mexikaner spielten wacker weiter, alle anderen schauten Richtung Üetliberg hinüber, wo ein Feuerwerk die ganze Umgebung erhellte und die Musik übertönte. Irgendjemand in Wiedikon oder Albisrieden feierte etwas noch Grösseres. Silberpfeile schossen in den Himmel, rote und orangene Funken rieselten wie Schneeflocken herab. Unwillkürlich entfuhr vielen ein «Oh!» und «Ah!».

«Passt ja wie bestellt», sagte Roland. «Das hast nicht etwa du organisiert, Sarah, oder?»

Sie schüttelte den Kopf und sah beunruhigt zu Kowalski hinüber. Dieser blieb stocksteif stehen, starrte entgeistert auf die farbenprächtigen Formationen am Himmel und rief: «Da sind ja die Rateken … Raketen … für unser Jubä … Jäbilu … Jubiläum!» Er lachte, grölte, schlug sich auf die Schenkel. Plötzlich krümmte er sich, als würde er von einem Krampf gepackt. Er rang nach Atem. Seine Finger krallten sich um den Kragen. Er lockerte seine Krawatte, riss sie sich vom Hals und warf sie zu Boden. Seine Wangen waren inzwischen feuerrot, seine Halsschlagadern pulsierten in rasendem Tempo. Jetzt war Sarah in Alarmbereitschaft. Wenn sich ihr Chef zum Narren machen wollte, war das eines. Wenn er aber vor aller Augen eine Alkoholvergiftung erlitt, musste man ihm helfen.

«Herr Kowalski», sagte sie in besänftigendem Ton, der im Geknalle des Feuerwerks völlig unterging, «setzen Sie sich doch, bevor Ihnen übel wird. »

Kowalski wedelte sie weg und brüllte: «Stellt die Musik ab!», worauf die Mexikaner verstummten. «Stellt die Farben ab!», schrie er zum Himmel, während die bunten Kracher weiterhin über das nächtliche Zürich stoben. «Es ist viel zu hell! Viel zu heiss!» Er wirkte äusserst aufgeregt, ob freudvoll oder in Panik, konnte Sarah nicht ausmachen. Wieviel Bowle und Wein hatte er bloss getrunken? Sie eilte zu ihm, versuchte ihn zu stützen, doch er befreite sich.

«Ich will fliegen!», krächzte er.

«Das ist ja so was von peinlich», murmelte Claudia.

Nun wollte Tim ihm zu Hilfe kommen. Aber Kowalski taumelte am Buffet vorbei, fegte eine Platte mit Brötchen vom Tisch und wankte zur Brüstung. Er ruderte wild mit den Armen, als würde er gleich abheben, und brüllte: «Ich fliege!»

«Kommen Sie zurück!», rief Tim, packte ihn am Ärmel und versuchte, ihn fortzuzerren. Kowalski stiess ihn zur Seite, machte einen Schritt und schwang sich erstaunlich wendig über das Geländer. Ein Dutzend Hände griffen nach ihm. Er schlug sie alle weg, breitete seine Arme aus.

Und sprang.

«Ich fliege!», hörten sie ihn ein letztes Mal krächzen, während er in die Tiefe stürzte.

Sarah hastete zum Rand der Terrasse und starrte auf Kowalskis Körper. Der war acht Stockwerke weiter unten auf dem Asphalt aufgeschlagen. Eine dunkle Silhouette mit verdrehten Gliedern. Nur seine Hände und die Glatze waren helle Flecken in der Nacht.

Sarah spürte, wie das Blut aus ihrem Gesicht wich. «Mein Gott!», flüsterte sie.

3

«Dieser Kerl ist mehr als dreist», sagte Nora.

Es war halb neun Uhr morgens. Jan und sie brüteten über etlichen Fotos, die ausgebreitet auf dem Schreibtisch lagen. Auf den einen waren Laptops, Stereoanlagen und iPods zu sehen, offensichtlich von der teuren Sorte, auf den anderen Porträts von Männern und Frauen. Der Auftraggeber ihres aktuellen Falles hatte ihnen die Bilder zur Verfügung gestellt. Er war der Ladenbesitzer eines Shops für Unterhaltungselektronik, nannte sich Elektro-Luigi und verdächtigte einen seiner Angestellten, Geräte zu stehlen und zu verhökern. Die Überwachungskamera hatte bei jedem Diebstahl eine vermummte Gestalt mit Kapuze aufgezeichnet. Der Dieb schien genau zu wissen, dass er gefilmt wurde, und wandte den Blick keinen Millimeter Richtung Kamera. Ausserdem besass er einen Schlüssel zum Laden. Zwischen zwei und drei Uhr früh schlich er jeweils zu den Auslagen, packte Handys und Computer in eine mitgebrachte Tasche und flitzte unbehelligt davon.

«Dreist ist der Täter allerdings, doch es könnte auch eine Frau sein», meinte Jan. «Die Person ist eher schmächtig. »

Nora wiegte skeptisch den Kopf hin und her. «Wenn ich mir die Bewegungen ansehe, tippe ich dennoch auf einen Mann. »

Seit einigen Tagen versuchten sie, den Einbrecher dingfest zu machen, bis jetzt ohne Erfolg. Zweimal hatten sie eine ganze Nacht in Jans Auto verbracht und das Geschäft vom gegenüberliegenden Strassenrand aus observiert. Doch ausgerechnet dann war nichts passiert. Das hatte Nora auf den Gedanken gebracht, der Ladenbesitzer könnte die Diebstähle aus irgendeinem Grund inszeniert haben, vielleicht um einen Versicherungsbetrug zu begehen. Machte allerdings auch nicht viel Sinn, auf diesen Fall zwei Ermittler anzusetzen. Das Ganze war etwas verworren und äusserst unergiebig.

«Möchtest du einen Kaffee?», fragte Jan.

Sie nickte. Jan ging in die Küche. Während er mit der neuen Espressomaschine hantierte, liess Nora ihren Blick durch das Büro schweifen. Leicht chaotisch sah es aus, wie immer. Nebst all den Fotos von Elektro-Luigi war ihr Pult überhäuft mit diversen Papierstapeln, Heften und Notizen, überall lagen Stifte, Marker und Büroklammern. Neben dem Laptop stand ein Bild ihres Vaters, auf dem er mit verschränkten Armen stolz in die Kamera lächelte – ein junger Kriminalpolizist am Anfang seiner Karriere. Noch immer hoffte sie, dass Vaters Mörder einmal geschnappt würde und sie ihren Seelenfrieden fand. Es war nicht gut, jahrelang Rache- und Trauergefühle in sich zu tragen.

Das erinnerte sie daran, sich wieder einmal bei ihrer Mutter zu melden. Diese hatte nach dem Schock die Schweiz verlassen und wohnte nun allein in einem Häuschen in der Nähe von Montpellier. Sie lebte vom Erbe ihres ermordeten Mannes, das bestimmt bald zur Neige ging, und interessierte sich für nichts anderes als für ihre Aquarellmalerei. Dass sie eine Tochter hatte, schien sie vergessen zu haben. Jedesmal, wenn Nora sie anrief, was alle paar Wochen der Fall war, wirkte sie noch eine Spur zurückhaltender und fremder. Ihr Psychiater hatte es endogene Depression genannt, doch für Nora war ihre Mutter der lebende Beweis, dass unterdrückter Schmerz einen Menschen innerlich zerfrass. Mutter hatte keine Träne geweint, als Vater erschossen worden war, sie war versteinert. Nora hatte sich in Rachephantasien gestürzt und monatelang jede Nacht geträumt, wie sie den Mörder überführte. Welche Methoden sie dabei anwandte, hätte jeden Seelenklempner in Schrecken versetzt. Sie seufzte, dann riss sie sich aus den Erinnerungen und wandte sich wieder den ausgelegten Fotografien zu.

Von der Küche her hörte sie das Zischen der Kaffeemaschine und das Pfeifen des Teekochers.

Ihr Detektivbüro war inzwischen zu einer zweiten Heimat für Jan und sie geworden. Meistens sorgte er für ihr beider leibliches Wohl. Er achtete darauf, dass der Kühlschrank immer voll und die Früchteschale mit Obst gefüllt war. Doch das würde sich vielleicht bald ändern, wenn Jan verheiratet wäre. Wollte er am Ende noch Kinder? Suchte er sich dann einen sichereren Job mit geregelten Arbeitszeiten?

«Jan, was ich dich fragen wollte –»

Er brachte ihr den Kaffee und stellte einen herb riechenden Tee vor sich, der den Duft eines Laubwaldes verströmte. Nora schaute ihn stirnrunzelnd an.

«Birkenblättertee», erklärte er, «gut für die Ausscheidung von Giftstoffen. » Er nahm einen Schluck. «Was wolltest du wissen?»

«Nach deiner Hochzeit – wird sich da beruflich etwas für dich ändern?»

«Nie im Leben», sagte er ernst. «Monika hat eine gute Stelle, ich muss nur für mich selber aufkommen. Und du bezahlst mich doch grosszügig. »

«Ja, aber Abendschichten, Nachteinsätze, Wochenenddienst, du weisst schon. Das ist dem Eheleben nicht so bekömmlich. »

«Im Gegenteil. » Er blies auf sein heisses Gebräu, nippte daran und zuckte zusammen, als er sich die Zunge verbrannte. «Unregelmässige Arbeitszeiten verhindern, dass das Zusammensein selbstverständlich wird. Wir geniessen die wenigen gemeinsamen Stunden umso mehr. Monika ist als Pflegefachfrau in der gleichen Situation wie ich. Sie arbeitet oft nachts. Du wirst mich nicht los, bis ich alt und schwabbelig bin. »

Sie winkte ab. «Dagegen tun wir was!»

«Erbarmen, Chef. Ich habe immer noch Muskelkater. »

Sie grinste.

Da klingelte es. Die Tür wurde geöffnet, leise Schritte ertönten.

«Hast du Elektro-Luigi auf heute bestellt?», fragte Jan.

Nora schüttelte den Kopf. «Wir sollten ihm erst Ende Woche einen neuen Zwischenbericht abliefern. » Sie stand auf und trat in den Empfangsraum mit den roten Sesseln. Eine Frau, zwei, drei Jahre jünger als sie, vielleicht Anfang dreissig, stand unschlüssig herum. Sie hatte ihre Haare hochgesteckt, trug Jeans und unter ihrer dünnen Jacke eine helle Bluse.

«Sind Sie die Detektivin?», fragte sie.

«Nora Tabani. Und das ist mein Partner Jan Berger. » Nora zeigte auf Jan, der dabei war, die herumliegenden Fotos zusammenzuräumen. «Was können wir für Sie tun?»

Die Frau schien aufgewühlt, unter ihren Augen lagen dunkle Schatten, als hätte sie in den letzten Tagen nicht viel geschlafen. «Es geht um einen Todesfall vor vier Tagen. Mein Vorgesetzter ist … ich kann es fast nicht glauben, es kommt mir alles so irreal vor. »

Nora nahm ihr die Jacke ab und hängte sie an einen Bügel. «Treten Sie doch bitte ein, und erzählen Sie von Anfang an. »

Die Frau lächelte entschuldigend. «Tut mir leid, ich bin ziemlich durcheinander. » Sie folgte Nora ins Büro, setzte sich an die andere Seite des Schreibtischs und begann: «Mein Name ist Sarah Dobler. Ich bin … ich war die Chefsekretärin von Maximilian Kowalski, dem Geschäftsführer von ‹Store & Go›, einer Lagerhausfirma in Zürich-Altstetten. » Sie machte eine Pause, um sich zu sammeln. «Ich glaube, ich brauche Ihre Dienste. »

Nora nickte ihr aufmunternd zu. «Sie erwähnten etwas von vor vier Tagen. »

«Ja. Am letzten Donnerstag feierten wir das 20-Jahr-Jubiläum auf unserer Dachterrasse. »

«Wir?»

«Alle zweiunddreissig Mitarbeiter. Ich habe das Fest organisiert, eine Bowle gemacht und Wein aufgetischt. » Sie machte eine Pause, dann sagte sie mehr zu sich selbst: «Vielleicht hätte ich das nicht tun sollen. Aber so ein wichtiger Anlass ohne Alkohol – das geht schlecht. »

«Die Leute haben zu viel getrunken?», vermutete Nora.

«Viel zu viel. Vor allem Herr Kowalski hat ein Glas ums andere in sich hineingeschüttet. Er trinkt oft und ist sich das gewöhnt… » Sie merkte nicht, dass sie in die Gegenwartsform gerutscht war. «… Auch bei anderen Gelegenheiten verhält er sich hemmungslos oder wird ausfällig. Er ist ruppig, hat aber einen weichen Kern. Leider lässt er niemanden an sich heran. Er eckt an … » Sie realisierte, dass sie von ihrem verstorbenen Chef sprach, als lebe er noch, und korrigierte sich: «Ich meine, er eckte an, wo er nur konnte. Doch so hatten wir ihn noch nie erlebt. »

«Was ist genau passiert?»

Jan nahm Block und Stift zur Hand und machte sich Notizen, während Sarah Dobler fortfuhr: «Anfangs war die Stimmung locker, dann wurde Herr Kowalski immer seltsamer. »

«Was meinen Sie damit?»

Sarah Dobler schaute aus dem Fenster, wo eine Taube Brosamen vom Sims pickte und mit dem Schnabel klopfte. «Er schien betrunken, aber irgendwie anders. Aggressiver. » Sie schüttelte den Kopf. «Nein, das ist das falsche Wort. Es war nicht Aggression, es war eine Art Hitze, ein inneres Feuer. Sein Gesicht war knallrot, seine Augen flackerten, als hätte er rasende Kopfschmerzen. »

Die Taube flatterte davon und streifte mit ihrem Flügel die Glasscheibe. Eine Feder löste sich und segelte zu Boden. Jan blickte ihr nach, dann schrieb er «Hitze, Augenflackern, Kopfschmerz» in seinen Rapport.

«Dieses Verhalten kann durchaus die Wirkung von Alkohol sein», meinte Nora.

«Ich weiss», gab die Sekretärin zurück. «Aber Herr Kowalski benahm sich merkwürdig. Zuerst fand er die Worte nicht. Dann beklagte er sich, ihm sei zu heiss, und schliesslich rief er, er könne fliegen. Er stürzte über die Terrasse. »

«Sie meinen, er fiel?»

«Nein. Er sprang. »

Nora hob eine Augenbraue. «Sind Sie ganz sicher?»

Sarah Dobler nickte. «Ich habe es aus nächster Nähe miterlebt. Er sprang über das Geländer. Noch während des Sturzes rief er: ‹Ich kann fliegen!› Es war grauenhaft, das mitanzusehen. » Sie schlug die Hände vors Gesicht, als könnte sie so die inneren Bilder verscheuchen, dann murmelte sie: «Er war wie getrieben, nicht mehr er selbst. Irgendetwas stimmt hier nicht. Frau Tabani, Herr Berger. » Sie schaute erst zu Nora, dann zu Jan, und ein verletzlicher Ausdruck huschte über ihr Gesicht. «Ich möchte Sie bitten, dem auf den Grund zu gehen. »

«Wenn Sie das möchten, tun wir das gern», sagte Nora und informierte sie über ihre Honoraransätze. «Bei solch einer Untersuchung können einige Arbeitsstunden zusammenkommen. »

«Geld ist im Moment kein Problem», antwortete Dobler. «Ich habe etwas gespart. Ich dachte zwar nicht, dass ich es jemals so ausgeben würde, aber es ist es mir wert. »

«In Ordnung. Was denken Sie, ist tatsächlich vorgefallen?»

Dobler zögerte eine Sekunde, als wage sie das, was sie vermutete, nicht auszusprechen. Dann gab sie sich einen Ruck. «Ich glaube, er wurde umgebracht. »

Eine Weile herrschte Stille. Nora versuchte, die Informationen einzuordnen, was ihr nicht recht gelang. «Das müssen Sie mir genauer erklären. Sie sagen einerseits, er sprang. Und andererseits, er sei umgebracht worden. Wie passt das zusammen?»

«Ich kann mir vorstellen, wie abwegig sich das für Sie anhört. Für mich wirkte es so, als springe er nicht freiwillig. »

Nora betrachtete Sarah Dobler. Sie wirkte wie eine vernünftige, zuverlässige Frau. Nicht unbedingt eine, bei der Vergnügen und Freizeit an erster Stelle standen. Aber keine, die aus einer Mücke einen Elefanten machte.

Die Sekretärin wühlte in ihrer Handtasche und zog ein durchsichtiges Mäppchen hervor. Darin lagen ein paar zusammengeheftete A4-Papierbögen. Diese reichte sie über den Tisch. «Hier. Ich habe Ihnen alles aufgeschrieben, woran ich mich an diesem Abend erinnere. Zudem die Namen, die Funktionen all unserer Mitarbeiter und andere Informationen. »

Nora staunte. Dass ihr jemand so viel Arbeit abnahm, war noch nie vorgekommen. Sie warf einen Blick auf das Geschriebene.

«Donnerstag, 1. April, 20. 00 Uhr», las sie. «Als Erster betritt Roland Wehr die Terrasse und nascht vom Buffet. Nach ein paar Minuten kommen Maximilian Kowalski und Cedric Stark dazu… »

Nora überflog die Seiten, erfuhr von Kowalskis Ansprache, der mexikanischen Musikgruppe und las den Schluss: «Zwanzig Minuten nach Herrn Kowalskis Sturz trifft die Polizei ein und befragt alle Anwesenden. Cedric Stark bagatellisiert Herrn Kowalskis Trunkenheit. Claudia Campanini weint, Marco Benedetto tröstet sie. Gerhard Furrer sagt, sie solle sich zusammenreissen. Ruth Mäder räumt das Buffet ab, bis einer der Polizisten sie auffordert, alles so zu lassen, wie es ist. Tim Stalder und Roland Wehr reden auf einen Kriminalpolizisten ein, man müsse Kowalskis Frau benachrichtigen. Um halb eins werden wir schliesslich von der Polizei entlassen. Wir sollen uns für weitere Auskünfte bereithalten. Kowalskis Leiche wird in die Gerichtsmedizin gebracht. Am Montagmorgen teilt mir ein Herr Salzmann von der Kriminalpolizei mit, die Obduktion habe ergeben, dass Maximilian Kowalski beim Aufprall auf dem Boden an einem Schädelbruch gestorben sei. Er sei sofort tot gewesen. Seine Leiche würde zur Beerdigung freigegeben. »

Nora legte den Bericht zur Seite. «Sind Sie sicher, dass niemand ihn gestossen hat?»

«Das hätte ich gesehen. Er fiel auch nicht aus Versehen in die Tiefe. Er sprang. Das ist ja das Unverständliche. Aber er sprang aus einem bestimmten Grund, das war keine normale Trunkenheit. Wenn Sie dabei gewesen wären und ihn gesehen hätten, würden Sie mir beipflichten. »

«Sie denken, jemand habe ihn dazu gebracht, das zu tun? Eine Art Selbstmord vor Zeugen?»

Sarah Dobler schienen Noras Zweifel peinlich zu sein. «Ich weiss, es klingt seltsam. Aber ich fürchte, ein Mörder ist unter uns. »

Nora sah auf die Personenliste, die Dobler ihr mitgebracht hatte. «Weshalb sollte jemand von ‹Store & Go› Kowalski umbringen wollen?»

«Mir ist bewusst, dass es nicht nett ist, schlecht über Verstorbene zu sprechen. Ich bin wahrscheinlich die Einzige, die sein aufbrausendes Verhalten durchschaut hat. Aber leider muss ich es sagen: Niemand trauert Kowalski nach. Er war ein… » Sie räusperte sich. «Er war kein einfacher Mensch. »

Nora hätte gern gewusst, welches Wort die Frau verschluckt hatte. Was war ihr Chef gewesen? Ein Ekel? Ein Betrüger? Ein Tyrann? «Warum möchten Sie, dass wir den Fall übernehmen?»

Jan sass mit gezücktem Stift da und widmete ihr seine volle Aufmerksamkeit.

Sarah Dobler sah Nora lange an, dann flüsterte sie fast lautlos: «Vielleicht geht es nicht nur um Kowalski. Ich weiss nicht, warum, aber ich glaube, das war erst der Anfang. Es wird mehr Tote geben. Ich spüre das. Ich fürchte um mein Leben. »

Nachdem Sarah Dobler das Büro verlassen hatte, öffnete Jan das Fenster und wischte mit einem Papiertuch den Taubendreck vom Sims. «So was Merkwürdiges habe ich noch nie gehört. »

«Geht mir genauso. Aber sie wirkte auf mich weder verwirrt, noch irrational, noch sonst wie schräg. Einzig ihre Angst war spürbar. »

Ein Piepsen ertönte. Jan schmiss das schmutzige Tuch in den Papierkorb und griff nach seinem Handy. Als er die Nachricht las, die hereingekommen war, überzogen sich seine Wangen mit einem zarten Rosa.

«Ich nehme an, es ist nicht Frau Dobler», lachte Nora.

«Nein, ist es nicht. » Er machte Anstalten, sofort zu antworten, dann hielt er inne und sah zu ihr hinüber.

Sie nickte ihm aufmunternd zu. «Na los, schreib Monika schon, dass du sie auch liebst. Frauen hören das gern mehrmals pro Tag. »

Er lachte und begann zu tippen. Nora nahm an, dass er noch ein paar Herzchen mitschickte. Er war um ein Vielfaches romantischer als sie.

Sie nutzte die Zeit, um schnell in ihre Mansarde hochzusteigen und nach Gregor zu sehen. Sie verwöhnte ihr Chamäleon gern mit Grillen und Heuschrecken der Delikatess-Klasse, in der Hoffnung, aus ihm ein beziehungsfähiges Reptil zu machen. Doch nach wie vor ignorierte er sie sträflich. Leise, um ihn nicht zu erschrecken, ging sie zum Terrarium. Er sass stocksteif auf einem Ast, den Schwanz zu einer Spirale gekringelt. Seine Finger umklammerten die Rinde, den Kopf hielt er schräg nach oben, so dass der Höcker hochnäsig zum Himmel ragte. Heute war er grün-gelb mit einem Hauch türkis.

«Schau mal, Gregor», flüsterte sie und hielt ihm einen appetitlichen, sechsbeinigen Happen hin. Das schien ihn nicht im geringsten zu interessieren.

«Komm schon, greif zu, es ist ganz frisch. »

Keine Reaktion.

«Gregor. Bitte. Es zappelt fast noch. »

Er drehte sich zur Wand und zeigte ihr sein Hinterteil. Sie seufzte. Neiderfüllt dachte sie an einen Kollegen, der sich zwei Echsen hielt und ihr triumphierend geschildert hatte, wie anhänglich und schmusebedürftig diese seien. Sie legte das Insekt neben Gregors Kletterwurzel und füllte den Trog mit frischem Wasser. Dann ging sie wieder hinunter ins Büro. Jan hatte seine Liebesbotschaft inzwischen versandt.

Nora schaute auf die Uhr. Vielleicht hatte sie Glück und erreichte Mike. Kurzentschlossen rief sie ihren ehemaligen Kripo-Kollegen an. Tatsächlich nahm er nach dem zweiten Läuten ab.

«Salzmann, kannst du eine halbe Stunde für mich entbehren?»

Mike polterte am anderen Ende: «Tabani! Hättest du unseren werten Verein vor einem Jahr nicht verlassen, sässest du direkt an der Quelle. Steckst du wieder in Schwierigkeiten?»

«Ganz und gar nicht», gab sie zurück. «Mich hat nur ein unwiderstehliches Bedürfnis gepackt, dich wieder einmal zu sehen. »

«Natürlich. Und die Erde ist eine Scheibe. Was willst du diesmal aus mir rausquetschen?»

Hinter seiner rauhen Art schimmerte eine Fürsorge durch, die Nora vom ersten Tag an gespürt hatte, nachdem ihr Vater getötet worden war. Carlo und er waren mehr als Polizeipartner gewesen, sie waren auch privat durch dick und dünn gegangen. Mit ihren Familien zusammen hatten sie Wanderungen unternommen und die Skiferien verbracht, so dass Nora ihn irgendwann Onkel Mike nannte. Davon wollte er allerdings nichts wissen und behauptete, es würde ihn schlagartig um Jahrzehnte altern lassen.

«Kowalski», sagte sie nur.

Mike schnaubte. «War ein Unfall, hättest du sogar in der Zeitung lesen können. »

«Ich habe etwas anderes gehört. Treffen wir uns im ‹Clipper›?»

«In Ordnung, Tabani. Aber du schuldest mir was. »

Das sagte er jedesmal, verhielt sich jedoch seit Jahren so, als sei er ihr etwas schuldig. Nora wusste, dass er sich für Carlos Tod verantwortlich fühlte. Und dass er seine kaputte Kniescheibe als gerechte Strafe für sein Versagen betrachtete. Irgendetwas war damals am Tatort geschehen, über das er niemals sprach, das ihm aber das Leben schwer machte.

«Wir sehen uns», sagte Nora.

Nachdem sie aufgelegt hatte, meinte sie zu Jan: «Finde so viel wie möglich über die Firma ‹Store & Go› heraus. Jahresberichte, Schulden, Umsätze. Wer sie gründete, wer welche Lagerräume mietet. Geh die einzelnen Personen auf Sarah Doblers Liste durch. »

«Okay. »

Nora zog ihre Lederjacke an und verliess das Büro. Ein warmer Wind blies durch die Seefeldstrasse. Zwei junge Mütter schoben ihre Kinderwagen vor sich her. Es roch nebst Autoabgasen ganz leicht nach den Blüten eines Baumes. Nora versuchte, den Duft zu erkennen, doch er war zu schwach. Jetzt, wo die Bauarbeiten endlich beendet waren, war es fast idyllisch in diesem Stadtteil. Der Lärm und der Dreck der letzten Monate waren unerträglich gewesen. Die Läden, die während des Ratterns, Knatterns, Bohrens und Asphaltierens über finanzielle Einbussen geklagt hatten, kamen Nora frisch herausgeputzt vor. Zumindest entstaubt. Der Stadtkreis 8 war vor vielen Jahren Teil des Strassenstrichs gewesen, hatte sich kurzfristig in ein Trendquartier für Künstler und Alternative verwandelt, um vor ein paar Jahren immer mehr zu einer Hochburg für Gutbetuchte zu werden. Junge Familien mit Kindern zogen weg, weil sie die horrenden Mieten nicht mehr bezahlen konnten. Die ehemals lockere Durchmischung von Einheimischen und Zugewanderten, Jung und Alt, Spiessern und Ausgeflippten machte einem von Geld dominierten Einheitsbrei Platz. Noras Haus war inzwischen eines der wenigen unrenovierten, das wie ein Bastard in der Reihe der teuren Gebäude stand. Immer mehr Alteingesessenen wurde gekündigt, die Wohnungen wurden danach aufwendig umgebaut und für das Doppelte vermietet. Seefeldisierung wurde das Phänomen bereits genannt und inzwischen sogar für andere Quartiere verwendet, denen Ähnliches drohte.

Nora war bis jetzt noch nicht davon betroffen. Für die tiefe Miete musste sie einen tropfenden Wasserhahn in der Küche und undichte Fenster hinnehmen. Und einen Boiler im Bad, der gerade mal für eine dreiminütige warme Dusche reichte. Nach ihrem Einzug war sie mehrmals mitten in der Haarwäsche von eiskaltem Wasser überrascht worden. Sie hatte sich darauf eingestellt und hoffte, die Immobiliengeier würden ihr Haus noch lange verschonen.

Nora überquerte die Strasse und erwischte gerade noch ein 2er-Tram. Sie setzte sich, nahm eine der herumliegenden Gratiszeitungen und blätterte sie durch. Nichts über einen Unfall. Vielleicht war in den letzten Tagen darüber berichtet worden, und sie hatte es verpasst. Sie fuhr am Bellevue und am Paradeplatz vorbei und stieg an der Station «Sihlstrasse» aus. Den Rest ging sie zu Fuss.

Mike sass an seinem gewohnten Tisch vor einem Glas alkoholfreiem Bier und winkte ihr, als er sie entdeckte. Seine Löwenmähne leuchtete silbergrau, sein Schnurrbart war zu Kringeln gezwirbelt. Er stand auf – er überragte sie um Haupteslänge – und schlug ihr zur Begrüssung herzhaft auf die Schulter. «Schön, dich zu sehen, Tabani!», dröhnte er. «Auch wenn ich weiss, dass dein Interesse nicht dem alten Mike gilt, sondern den Informationen, die du ihm gleich entlocken wirst. »

Nora versuchte, sich zu verteidigen, kam aber nicht zu Wort.

Kaum hatten sie sich gesetzt, legte er los: «Also? Was hast du mit Kowalski am Hut?»

Die Bedienung kam, und Nora bestellte den vierten Kaffee heute. «Seine Chefsekretärin hat mich gerade aufgesucht. Sie glaubt, er wurde umgebracht. »

«Unmöglich», gab er zurück. «Die Autopsie lässt keine Zweifel zu. Schädelbruch, sofort tot. Von seinem Gesicht war nicht mehr allzu viel übrig. Er stürzte kopfvoran aufs Trottoir. »

«Das würde passen», sagte sie.

«Wozu?»

«Meine Auftraggeberin erzählte mir, Kowalski habe das Gefühl gehabt, fliegen zu können. »

«Das macht aus dem Ganzen noch keinem Mord», meinte Mike.

Die Kellnerin stellte eine Tasse vor Nora hin, und sie nahm einen Schluck Kaffee.

«Wie sieht’s mit Alkohol im Blut aus?», fragte sie weiter. «Haben die Rechtsmediziner den Schnelltest trotz der klaren Todesursache vorgenommen?»

Mike zog seine buschigen Augenbrauen zusammen, so dass er aussah wie ein grimmiger Kosak. «Du weisst, dass wir uns jetzt den Bereichen nähern, über die ich dir keine Auskunft mehr geben darf. »

«Klar, Onkel Mike», feixte sie. «Ich könnte auch direkt das Institut für Rechtsmedizin anrufen. Ich habe einen ausgezeichneten Kontakt zur Präparatorin. Wir gehen oft zusammen joggen. »

«Du bist eine Landplage, Tabani», knurrte er, betrachtete sie aber mit väterlichem Blick.

«So sind Detektivinnen. Wenn sie nett sind, erfahren sie nichts. Also, was ist mit Kowalskis Blut?»

«Ich sehe so viel von Carlo in dir», sagte er mit unerwartet leiser Stimme. «Deine Zielstrebigkeit, deine Hartnäckigkeit. Er wäre stolz auf dich und würde sich gleichzeitig masslos über dich ärgern. »

Sie lächelte.

Dann beantwortete er ihre Frage: «Der Schnelltest ergab nur für eine Substanz ein positives Ergebnis. »

«Alkohol. »

«Genau. Alles andere – Cannabis, Kokain, Benzodiazepine, Methadon und so weiter – war negativ. »

«Wie viel Promille hatte er intus?»

«Viel», sagte Mike. «Ich weiss es nicht auswendig, da es für uns keine Rolle spielte. Er starb nicht an einer Alkoholvergiftung, sondern an der Kopfverletzung. Glaub mir, deine Zeit kannst du besser nutzen. Ich habe niemals einen so eindeutigen Fall gehabt. »

«Wir werden sehen. » Sie stand auf und schob den Stuhl zurück. «Danke, Salzmann. Ich hab mich gefreut, dich zu sehen. »

«Ganz meinerseits, Tabani. » Er trank sein Glas leer, wischte sich über den Mund und sagte: «Wo immer diese Geschichte dich hinführt, ich will dich nicht wieder im Spital besuchen müssen. Versprich mir das. »

Nora hob bedauernd die Schultern. «Das kann ich nicht. »

4

Alruna war zornig. Am Anfang war alles noch gutgegangen, der Unmensch war tot. Sein Kopf war auf dem harten Boden zerschellt, sein Herz hatte aufgehört zu schlagen. Er war der Erste. Weitere würden folgen. Doch dann hatte diese Sekretärin, diese nichtsnutzige Vogelscheuche, eine Frau angeheuert, den Mörder zu finden. Den Mörder! Als wäre Alrunas Tat ein Verbrechen! Eine heilige Handlung war es gewesen. Ein Gebot der Grossen Göttin, die nach Vergeltung lechzte. Nach Blut, nach Menschenopfern. Alruna war ihrem Ruf gefolgt, hatte sie besänftigt. Und jetzt das. Eine Person, die ihre Nase in Dinge steckte, von denen sie nichts verstand, ein Eindringling. Alruna war mehr als zornig. Sie loderte vor Wut.

Sie kniete in der Erde und konnte ihr Zittern nur schwer unterdrücken. Sie durfte sich nicht in diesen Gefühlen verlieren, musste ihrer Aufgabe treu bleiben. Langsam gelang es ihr, sich zu beruhigen. Ihre Hände gruben sich in den krümeligen Boden des Gartens, fühlten das millionenfache Leben darin. Unzählige kleinste Lebewesen tummelten sich in einer einzigen Handvoll Erde, das wusste sie. Sie konnte sie beinah riechen, sehen, hören. Es waren Wesen, die sich nicht gegen den Lauf der Natur sträubten, gesegnete Wesen, deren Unschuld niemals angetastet würde.

Alruna betrachtete die Landschaft, die im Abendlicht überirdisch wirkte. Die Sonne war zur Hälfte hinter den Bergen verschwunden, die letzten Strahlen hüllten die Hügel, die Wiesen und ihren Garten in einen goldenen Schein. In gepflegten Reihen wuchsen die magischen Pflanzen. Etwas Unkraut durfte zwischen ihnen gedeihen. Auch Gewächse, die die Menschen wertlos nannten, waren schliesslich Geschöpfe der Natur. Nur hatten sie nicht das Recht, die Zauberkräftigen zu überwuchern. Dieses Jahr waren sie früh dran, der warme März hatte ihr Wachstum beschleunigt.

Alruna lockerte mit einem Handrechen den Boden rings um eine der Alraunen. Deren dunkelgrüne Blätter hatten sich nach allen Seiten entfaltet, offen und hingebungsvoll. Aus dem Kern in der Mitte sprossen aus den verwelkten Blüten die ersten Beeren. Alruna vergrub ihre Nase tief im feuchten Grün der Pflanze. Sie sog den Duft ein, eine Mischung aus Herbe und Wildheit.

Inzwischen war die Sonne ganz untergegangen. Der Himmel, durchzogen von weissen Wolkenstreifen, verfärbte sich erst orange, dann rosa. Alruna betrachtete das Schauspiel eine Weile, dann wandte sie sich wieder ihren Alraunen zu. Das Gift war dabei, sich zu sammeln. Am meisten Wirkstoffe waren in den Wurzeln enthalten. Doch auch von den Blättern und Beeren konnte man ernten.

Mit einem Kännchen goss sie jede Pflanze einzeln, liess sie trinken und sich laben. Vom Dorf her waren entfernte Geräusche zu hören. Die unsäglichen Kirchenglocken, das Gebrumm eines Traktors; einmal flog ein Schwarm Krähen über ihr Haus. Mit den schwarzen Vögeln fühlte sie sich verbunden. Sie sprach mit ihnen. Manchmal antworteten sie. Das war schon immer so gewesen, seit sie denken konnte.

In ihrer Kindheit hatte sie nur Vögel als Freunde gehabt. Damals war ihr Name noch Lisa gewesen. Als Fünfjährige hatte sie einen Raben aus den Klauen einer Nachbarskatze vor dem sicheren Tod gerettet, ihn gefüttert und gezähmt. Sie hatte ihn Abraxas getauft, nach dem Raben in ihrem Lieblingsbuch. Auf ihren Ruf war er herangeflattert und hatte sich auf ihre ausgestreckte Hand gesetzt. Tag für Tag. Er hatte ihren Blick erwidert, mit schräg geneigtem Kopf ihren Worten gelauscht. Bestimmt hatte er alles verstanden. Irgendwann einmal war er von einem Flug nicht mehr zurückgekehrt. Lisa hatte die ganze Nacht nach ihm gesucht, war über die Felder und durch den Wald gelaufen und hatte nach ihm geschrien. Doch sie hatte Abraxas nie mehr wieder gesehen. Ihr Leben war noch einsamer geworden. Sie fühlte sich allein und verloren, obwohl sie ununterbrochen von Menschen umgeben war. Von ihren Eltern und deren Freunden. Mama und Papa hatte sie nicht zu ihnen sagen dürfen, weil das spiessig klang. Sondern Rebekka und Ronny.

Die beiden waren selber noch Jugendliche gewesen, als sie Lisa bekamen. Bei einem Openair-Konzert sei sie gezeugt worden, erzählten sie ihr, als sie noch keine Ahnung hatte, was das bedeutete. Mit ihren Freunden, langhaarigen Hippies wie sie, lebten sie in diesem Bauernhaus, arbeiteten nicht wie die Eltern anderer Kinder, sondern schliefen bis in den Mittag. Miteinander und übereinander. Katzen und Hunde hatten sie ein halbes Dutzend, dazu eine Schildkröte, deren harte Kotstückchen man in den Teppich trat. Alle rauchten süsslich stinkende Zigaretten, die sie schläfrig machten. Sie trugen wallende indische Gewänder, auf die runde Spiegelchen genäht waren, und pflanzten Marihuana und Schlafmohn im Garten.

Manchmal bemalten sie sich gegenseitig ihre Körper, das war lustig, und Lisa durfte mitmachen. Einmal zeichnete sie einen feuerspeienden Drachen auf Ronnys Rücken. Er lobte sie wegen ihres kreativen Talents und nannte sie «meine kleine Künstlerin». Dann begann er kichernd, die Brüste einer Frau zu bemalen. Erst grundierte er sie von aussen nach innen grellgrün, dann umrundete er ihre Brustwarzen mit roten Kreisen, zog den Pinsel langsam und nachdrücklich immer enger, bis sie vor Entzücken quietschte und mit ihm im Nebenzimmer verschwand. Rebekka warf den beiden einen kurzen verärgerten Blick zu, dann folgte sie ihnen. Bald darauf waren aus dem Zimmer Gelächter, Stöhnen und begeisterte Schreie zu hören. Lisa blieb in der Stube zurück, mit zwei Männern, die mit halbgeschlossenen Augenlidern an einer Wasserpfeife nuckelten und ihre Köpfe zur Musik bewegten.

Am Abend gaben ihr Ronny und Rebekka zum erstenmal Haschbiskuits und Opiumplätzchen zu essen. Die Wirkung trat erst nach einer Weile ein, dafür mit voller Wucht. Plötzlich, während die Rockmusik aus den Boxen dröhnte, riss es Lisa den Boden unter den Füssen weg. Sie fiel in eine Geisterwelt. Bleiche Gestalten griffen mit blutleeren Fingern nach ihr. Lisa wollte sie abschütteln, da hörte sie die Stimmen zum erstenmal. Fistelstimmen, die ihr grausige Dinge zuflüsterten. Sie konnte nicht sprechen, alles in ihr war erstarrt. Niemand nahm es wahr. Das Zimmer verschwamm vor ihren Augen, sie bekam keine Luft mehr. Die Lampe drehte sich, die Wände verzogen sich in grellen Mustern, die Gitarrentöne von Jimi Hendrix drangen wie Tentakel eines Tintenfischs in Lisas Ohren. Sie wollte sie zuhalten, aber ihre Arme liessen sich nicht bewegen. Minuten vergingen. Oder Stunden. Lisa wusste es nicht.

Endlich konnte sie schreien, doch die Gesichter ihrer Eltern waren zu dümmlichen Grimassen verzerrt. Ronny und Rebekka boten Lisa noch mehr von dem Zeug an. Lisa wollte nicht. Sie rannte aus dem Haus, in die nächtliche Dunkelheit. Die Gespenster folgten ihr. Packten sie, schlüpften durch ihren Mund in ihren Körper, ihre Seele, ihr Herz. Nisteten sich in ihrem Innern ein. Seitdem hörte sie die Stimmen immer wieder in ihrem Kopf, spürte die krötenkalten fremden Wesen in sich.

Wo sie in jener Nacht geschlafen hatte, wusste sie nicht. Am Morgen brachte eine Nachbarin sie zu ihren Eltern zurück. Die hatten ihre Abwesenheit gar nicht bemerkt. Noch immer lief Musik. Rolling Stones. Der dumpfe Bass liess den Raum erbeben. Ronny und Rebekka dösten am Boden. Die Frau mit den bemalten Brüsten lag daneben, die rote und grüne Farbe bis zum Bauchnabel verschmiert. Ihre Atembewegungen waren zu sehen. Auf und ab, auf und ab. Lisa schaute ihnen lange zu und fühlte eine klaffende Leere in sich. Janis Joplin krächzte ein Lied, die Töne wehten über die schlafenden Körper. Dann sang Jim Morrison. Lisa kannte die Musiker. Es waren die toten Helden ihrer Eltern.

«Tot», wisperte es in Alrunas Kopf, als sie wieder in der Gegenwart ankam. Noch immer kniete sie in der Erde, die Hände zwischen den Alraunen. «Tot. »

Die Abenddämmerung war einem bedrohlichen Dunkelviolett gewichen. Die Berge, düstere Giganten in der Ferne, waren nur noch undeutlich zu erkennen. Einsam fühlte sie sich, so einsam. Sie meinte, den Flügelschlag von Abraxas zu hören. Doch es war nur eine ganz gewöhnliche Krähe, die sich auf der Eiche neben dem Haus niedergelassen hatte. Alruna blieb lange so sitzen. Lauschte dem Rascheln der Blätter. Spürte die kühle Brise, die über die Gräser strich. Der Anflug von Trauer, die sie vorhin heimgesucht hatte, machte einer Entschlossenheit Platz. Ihre Mission war noch nicht beendet. In weniger als einem Monat würde sie 27 Jahre alt werden. Bis dann musste es vollbracht sein.

Alruna hob den Kopf und blickte nach vorn. Die letzten hellen Streifen am Firmament waren verschwunden. Der Himmel war schwarz.

Nora ging im Bus Sarah Doblers Liste der «Store & Go»-Mitarbeiter nochmals durch. Dank der ausführlichen Beschreibung hatte sie einen ungefähren Eindruck, was an jenem Abend vorgefallen war. Allerdings hegte sie Zweifel, dass Kowalski tatsächlich einem Verbrechen zum Opfer gefallen war. Vielleicht hatte Mike doch Recht. Aber solange sie einen Mord nicht absolut ausschliessen konnte, würde sie der Sache nachgehen.

Sie las die Namen:

Maximilian Kowalski, 59, Geschäftsführer, verstorben

Cedric Stark, 45, Leiter PR, wird evtl. Kowalskis Nachfolger

Roland Wehr, 38, Rechnungswesen

Ruth Mäder, 58, Sekretariat

Claudia Campanini, 26, Sekretariat

Marco Benedetto, 27, Empfang

Tim Stalder, 36, Leiter Lagerhallen

Gerhard Furrer, 52, Mitarbeiter Lagerhallen

6 weitere Mitarbeiter in den Lagerhallen

13 Männer für Umzüge und Transporte

4 Personen der Reinigung

Dann fand sie das Gebäude an der Hohlstrasse beim Bahnhof Altstetten. Wie abgemacht würde Sarah Dobler den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Nora als Versicherungsdetektivin vorstellen. Das war nicht allzu weit von der Wahrheit entfernt und würde Nora die Möglichkeit geben zu ermitteln, ohne dass sich jemand bedrängt fühlte.

Nora nahm den Personenaufzug neben dem Warenlift. Ein Schild gab Auskunft darüber, was wo zu finden war. Das 2. Untergeschoss war mit «Garage» und das 1. Untergeschoss mit «Grosse Lagerhallen» angeschrieben. Zwischen Erdgeschoss und 6. Stock befanden sich die mittleren und kleinen Lagerräume, im 7. war die Administration. Die Dachterrasse war nicht aufgeführt, anscheinend führten dort Treppen und kein Lift hoch.

Nora fuhr in die 7. Etage und betrat einen grosszügigen Empfangsraum. Hinter einer Theke sass ein junger Mann an einem Computer und telefonierte. Er hatte ein Kinnbärtchen, schwarze Haare und trug ein Goldkettchen mit einem Kreuz. Sie warf einen Blick auf die Liste. Das musste Marco Benedetto sein.

Als er sie sah, bedeutete er ihr, er sei gleich für sie da. Während seine Finger über die Tastatur rasten, sprach er ins Headset: «Kein Problem, Signor Colla, Sie können den Raum jederzeit Ihrer neuen Situation anpassen. Sì … selbstverständlich… mittelgross … » Er klickte auf eine andere Bildschirmseite, dann sagte er: «Es sind noch sechs mittlere Räume frei. Bis fünfunddreissig Kubikmeter. Sì. Grazie. Arrivederci. » Er legte den Kopfhörer zur Seite und kam strahlend auf Nora zu. «Guten Morgen, wie kann ich Ihnen helfen?»

«Mein Name ist Nora Tabani, ich bin mit Frau Dobler verabredet. »

«Sie sind die Dame von der Versicherung?» Sein Gesicht verdüsterte sich. «Grässliche Sache, die da passiert ist. Un momento, ich rufe sie gleich. »

«Warten Sie noch», bat Nora. «Wenn ich Sie schon vor mir habe… Sie sind doch Marco Benedetto, oder?»

«Wie er leibt und lebt. » Er lächelte wieder und zeigte ihr eine Reihe schneeweisser Zähne, um die ihn ganz Hollywood beneiden würde.

«Darf ich fragen, was Ihre Aufgaben bei ‹Store & Go› sind?»

«Ich bin das Herz der Firma», sagte er mit stolzgeschwellter Brust. «Il cuore della compagnìa. Bei mir laufen alle Fäden zusammen. » Er zählte seine Aufgaben an den Fingern auf: «Anfragen für Raummiete. Termine. Umzugsvereinbarungen. Kundenbetreuung. Individuelle Lösungen bei Sonderwünschen. » Als er alle fünf Finger hochgestreckt hielt, machte er eine schwungvolle Bewegung mit der Hand, stützte sie in die Hüfte und sagte: «Haben Sie ein Problem, Signora, wenden Sie sich an Marco!»

«Ich werd’s mir merken», lachte sie. «Könnten Sie mir aus Ihrer Sicht erzählen, wie sich das Ganze abgespielt hat?»

«Natürlich. Geht es darum, ob sich Herr Kowalski fahrlässig verhalten hat? Dann zahlt die Lebensversicherung nicht, nehme ich an. »

«Haben Sie eine gute Auffassungsgabe?», fragte Nora zurück.

«Ich denke schon», meinte er selbstgefällig. «Wenn Sie meine Meinung hören möchten: Herr Kowalski hat sich an diesem Abend eine Blösse gegeben wie nie zuvor. Ich glaube, er wollte Eindruck schinden und hat seine Trinkfestigkeit überschätzt. »

«Bei wem?»

«Wie bitte?» Benedetto schien etwas aus dem Konzept geworfen.

«Bei wem wollte er Eindruck schinden?»

«Ach so, bei Claudia Campanini, natürlich», sagte er, und sein Blick wurde sanft. «Sie arbeitet erst seit ein paar Monaten bei uns. Er hat bis jetzt noch kaum ein Wort mit ihr gewechselt, wie ich weiss. Da war die Party eine willkommene Gelegenheit für einen kleinen Flirt. » Er schaute Nora verschwörerisch an. «Natürlich ist Claudia nicht darauf eingestiegen. Kowalski hätte ja ihr Vater sein können. Ausserdem hat sie einen ganz anderen Geschmack bei Männern. »

«Darf ich raten?»

Benedetto lächelte mit dem Charme eines Latin Lovers. «Sie haben mich durchschaut. Klar gefalle ich ihr. Sie mir auch. Doch deswegen hab ich den Kerl noch lange nicht übers Geländer gestossen. »

«Wer behauptet denn so was?»

«Na, ich zähle eins und eins zusammen, Signora Tabani:Kowalski ist tot. Ein paar Tage später tauchen Sie auf und befragen mich. Versicherungen brauchen normalerweise Wochen, bis sie reagieren, da denke ich mir, Sie kommen von einem anderen Dienst. » Er kam näher, schaute kurz nach rechts und nach links und flüsterte verschwörerisch: «Sie sind eine Undercover-Agentin, stimmt’s?»

Nora grinste. «Lassen Sie mich nicht auffliegen!»

«Ich behalt’s für mich, Ehrenwort. » Er hob die Finger augenzwinkernd zum Schwur wie einer, der genau weiss, wie er auf das andere Geschlecht wirkt. «Allerdings muss ich Ihnen ehrlich sagen: Wundern tät’s mich nicht, wenn ihn jemand umgelegt hätte. »

«Haben Sie etwas in dieser Richtung beobachtet?»

«Lassen Sie mich überlegen. » Er starrte zur Decke und runzelte die Stirn. «Also. Kowalski rannte zur Brüstung. Einige versuchten, ihn von seinem Sprung abzuhalten. Sarah Dobler griff nach ihm. Tim Stalder. Roland Wehr, so viel ich weiss. Cedric Stark war auch in der Nähe. Und Claudia. Es war ein richtiges Menschenknäuel um ihn. Also, wenn einer gewollt hätte… Es wäre möglich gewesen. Oder sogar alle miteinander, wie in diesem Krimi… wie hiess der gleich, der im Zug spielt?»

«Mord im Orient-Express», half Nora nach.

«Genau. »

«Und wo hielten Sie sich auf, als Kowalski stürzte?»

«Oh, ich seh schon, worauf Sie hinaus wollen! Aber ich befand mich auf der anderen Seite!» Er senkte erneut die Stimme: «Mein Onkel Carmine in Sizilien erzählte mir kürzlich, aus welch trivialem Anlass die Mafia ihre Feinde kaltmacht. Bei Kowalski hätten einige Leute triftigere Gründe gehabt, glauben Sie mir. Ich tippe auf … »

In diesem Moment kam Sarah Dobler zum Empfang und begrüsste Nora. «Da sind Sie ja! Darf ich Sie in mein Büro führen?»

«Ja», antwortete Sarah Dobler. «Seine Eltern haben im Krieg alles verloren. Er hat bei null angefangen. »

Nora schloss die Schublade wieder und durchsuchte die anderen Laden. Überall herrschte eine unbeschreibliche Unordnung; Gegenstände waren angehäuft, die überhaupt nichts miteinander zu tun hatten.

«Ich werde Jan Berger in den nächsten Tagen vorbeischicken, um diese Dinge einzeln zu begutachten», sagte Nora. «Vorläufig reicht mir der erste Eindruck. Wer leitet jetzt eigentlich ‹Store & Go›?»

«Bis wir wissen, wie es weitergeht, mache ich, was ich kann. Cedric Stark übernimmt den Rest. »

«Hat Kowalski ein Testament verfasst?»

«Ja. Es lag im Safe. Ich kenne den Inhalt. Kinder hat er keine, seine Frau Antje ist Alleinerbin. Neuer Geschäftsführer der Firma soll Cedric Stark werden, das war Kowalskis Wunsch, auch wenn er Stark darüber im Ungewissen liess. »

«Kann ich das Testament sehen?»

«Seine Frau hat es bereits dem zuständigen Amt weitergeleitet. »

Nora ging ein paar Schritte auf und ab. «Ich werde alle Angestellten befragen. Wenn sich der Verdacht, Kowalskis Tod könnte mehr als ein Unfall gewesen sein, in den nächsten Tagen nicht erhärtet, werde ich den Fall abgeben. Ich muss Ihnen gestehen, dass mir ein Mord unter diesen Umständen sehr unwahrscheinlich vorkommt. »

«Verständlich», sagte Dobler etwas enttäuscht.

«Sehen Sie», meinte Nora, «ich möchte nicht, dass Sie Ihr Geld für eine aussichtslose Sache ausgeben. »

«Danke. Das weiss ich zu schätzen. » Die Sekretärin griff in ihre Tasche und zog einen Schlüssel hervor. «Das ist ein Passepartout für alle Räumlichkeiten von ‹Store & Go›. So können Sie sich frei bewegen, wo immer Sie wollen. »

Nora steckte ihn ein.

5

Cedric Stark schien auf Noras Kommen gewartet zu haben.

Der grossgewachsene Mann mit der Designerbrille ist zu gut angezogen für diesen Job, dachte Nora als Erstes, als sie ihn sah. Sein Anzug sah massgeschneidert aus, seine Schuhe waren aus feinstem Leder. An seinem Handgelenk prangte eine goldene Uhr, die mehr gekostet haben musste, als Nora in den nächsten Jahren verdienen würde. Nachdem er Nora hereingelassen hatte, bot er ihr einen Platz an. Der Stuhl war tiefer eingestellt als seiner, wie sie bemerkte. Raffinierte Strategie. Sie setzte sich, und er überragte sie beträchtlich. Sein Arbeitsraum war perfekt ausgestattet, Schwarz und Weiss herrschten vor. Ein schwarzer Schreibtisch, auf dem ein weisser Mac stand, schwarze Regale mit weissen Buchstützen. Und metergrosse Schwarz-Weiss-Fotografien von New York.

«Tee? Kaffee?», bot er höflich an, aber seine Stimme hatte einen eisigen Unterton.

«Nein danke. Ich habe nur ein paar Fragen. »

«Frau Dobler teilte mir mit, dass die Lebensversicherung Erkundigungen einholen muss. » Er sah sie von oben herab an. «Obwohl ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, wie ich Ihnen helfen sollte, Frau … wie war Ihr Name?»

«Tabani. »

«Frau Tabani. Was möchten Sie denn wissen?» Er spielte mit einem silbernen Kugelschreiber.

Nora versuchte, eine Regung in seinem Gesicht zu entdecken, doch da war nichts. Stark war ein aalglatter Typ. Sie beschloss, ihn etwas aus der Reserve zu locken. «Was empfinden Sie beim Gedanken an Kowalskis Tod?»

Er schaute sie mit einer Mischung aus Entgeisterung und Spott an. «Empfinden? Sie fragen mich im Ernst nach meinen Gefühlen? Was soll das?» Er legte den Kugelschreiber mit Nachdruck auf den Schreibtisch.

«Wie wär’s, wenn Sie mir einfach antworteten?»

«Ich empfinde gar nichts. Ich tue meine Arbeit. Und zwar mehr als sonst, da ich seinen Teil auch noch übernehme. » Voller Verachtung sagte er: «Die Dobler ist mir keine grosse Hilfe. »

«Das muss hart sein. »

Er sah sie scharf an. «Machen Sie sich über mich lustig?»

«Keineswegs. Ich stelle nur fest, dass Sie doch etwas empfinden. »

«Die Wendung dieses Gesprächs gefällt mir nicht, Frau Tabani. »

«Dann lassen Sie es uns kurz halten: Wie haben Sie Kowalski am fraglichen Abend erlebt?»

Cedric schien eine spitze Antwort geben zu wollen, dann liess er es sein. «Wie immer. Ausser, dass er sich beim Wein nicht unter Kontrolle hatte, wofür ich kein Verständnis habe. Immerhin hatte er eine Vorbildfunktion. »

«Sind Sie je auf den Gedanken gekommen, jemand hätte bei seinem Tod nachgeholfen?»

«Absolut nicht, Frau Tabani. Wollen Sie mir etwas unterstellen? Was hätte ich von Kowalskis Ableben?»

Nora hatte ihn zwar nicht als Einzigen darauf ansprechen wollen, doch da er ihre Frage persönlich nahm, entschied sie sich anders. «Das liegt auf der Hand. Sie werden voraussichtlich die Geschäftsleitung übernehmen. »

Stark erhob sich. «Wie können Sie es wagen! Für welche Versicherung arbeiten Sie überhaupt? Ich bitte Sie, mein Büro zu verlassen. »

Kaum hatte er das gesagt, öffnete sich die Tür, und ein lächelnder Blondschopf schaute herein. Sarah Doblers Beschreibung nach musste das Roland Wehr sein.

«Was ist?», fauchte Stark in seine Richtung. «Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, Sie sollen anklopfen?»

«Sorry!» Wehr warf einen neugierigen Blick auf Nora, nickte ihr zu, dann sagte er zu Stark: «Es geht um die neue Broschüre. Sarah fand sie farblich zu grell und möchte einen zweiten Druck in Auftrag geben. »

«Frau Dobler hat hier gar nichts zu sagen! Und was haben Sie mit der Broschüre zu tun?»

«Ich würde sie dem Versand der neuen Einzahlungsscheine gleich beilegen. Was soll ich jetzt machen?»

«Legen Sie sie bei. »

Starks Schroffheit schien an ihm abzuperlen. «Wie Sie meinen. »

«Begleiten Sie Frau Tabani gleich hinaus. Sie wollte gerade gehen. »

«Was für ein Blödmann», flüstere Roland Wehr gutgelaunt, als er die Tür zu Starks Büro hinter sich schloss. Er führte Nora in seinen Arbeitsraum, den er mit Claudia Campanini und Ruth Mäder teilte. «Lassen Sie sich von ihm nur nicht beleidigen. Das ist genau das, was er beabsichtigt. Haben Sie gemerkt, dass er der Einzige ist, der darauf besteht, dass man ihn siezt?»

Die Atmosphäre in diesem Büro wirkte ganz anders als in jenem von Cedric Stark. Die Arbeitsplätze der drei schienen nicht klar abgetrennt zu sein. Die einzelnen Pulte waren durch Abstelltischchen miteinander verbunden, den Drucker schienen alle drei zu benutzen, überall waren Nippes verteilt – Teetassen mit dem Schriftzug «I love London», ein Teddybär, wie das Zürcher Lighthouse ihn vor Weihnachten verkaufte, Fotos, die aussahen, als seien sie an gemeinsamen Betriebsausflügen aufgenommen worden. Auf einem Korpus für Ordner stand eine Schale mit Mini-Schokoriegeln.

Roland Wehr wandte sich an die beiden Frauen: «Mädels, das ist die Versicherungsdetektivin Nora Tabani, die Sarah angekündigt hat. Allerdings … » Er schaute sie mit verschmitztem Lächeln an. «… hat Marco mir erzählt, sie sei in Wirklichkeit eine Doppelagentin auf einer geheimen Mission gegen die Mafia. »

Eine ältere Dame in grauem Deux-Pièces drückte Nora schüchtern die Hand: «Mäder, Ruth Mäder. Es ist eine grosse Tragödie, die sich da ereignet hat. »

Tatsächlich war sie die Erste, bei der Nora einen Anflug von Trauer entdeckte. Ruth Mäders Kinn zitterte unmerklich, ihre Stimme klang brüchig. «Nie hätten wir so etwas erwartet. Ich meine, er war nicht krank oder schwächlich. »

«Du meinst, er hatte ganz andere Schwächen», warf die zweite Kollegin von Roland Wehr ein, eine junge Frau, die sich mit Claudia Campanini vorstellte. Sie war stark geschminkt, schmuckbehangen und trug einen Mini in schreiendem Gelb. Eine Wolke blumigen Parfums umgab sie.

«Was für Schwächen?», fragte Nora.

«Na», meinte Campanini, «er stand auf alles, was Röcke trägt, wenn Sie wissen, was ich meine. »

Roland Wehr nickte bekräftigend. «Das kann ich bezeugen. »

Doch Ruth Mäder warf ein: «Es ist nicht richtig, so über ihn zu reden. Er ist auf schreckliche Art ums Leben gekommen. Was vorher war, zählt jetzt nicht mehr. »

«Und ob das zählt, Ruth», widersprach Wehr. «Aus welchem Grund sollte Frau Tabani sonst hier sein?»

Alle drei standen um Nora herum und schauten sie erwartungsvoll an. Die Atmosphäre, das bemerkte Nora sofort, war kollegial und locker. Die ältere Dame hatte etwas Mütterliches an sich, die junge legte Wert auf Sexappeal, beide mochten Roland Wehr, und dieser genoss die Aufmerksamkeit.

«Sie haben Recht, Herr Wehr», sagte Nora. «Ich wäre froh, Sie könnten mir möglichst genau berichten, woran Sie sich erinnern. »

«Kowalski war komplett besoffen», sagte Roland Wehr, setzte sich auf einen Schreibtisch und liess die Beine baumeln. «Ich meine, so was von blau. Ich hoffe, ich bringe seine Frau mit dieser Aussage nicht um ihre wohlverdiente Lebensversicherung, aber so war es nun mal. »

«Stimmt», sagte Campanini. «Er hat an mir rumgefummelt und sich echt daneben benommen. »

«Es ist nicht richtig, so über ihn zu sprechen», warf Ruth Mäder ein. «Wir sollten das einfach nicht tun. Er war auch nur ein Mann. »

Wehr lachte schallend. «Was soll das denn nun wieder heissen?»

«Er wollte nicht einmal Hilfe annehmen», fuhr die ältere Dame unbeirrt weiter, «als er das Gleichgewicht verlor. »

«Sind Sie auf ihn zugelaufen?», wollte Nora wissen und schaute in die Runde.

«Na klar», sagte Wehr.

«Man konnte ja nicht anders», meinte Campanini.

«Ich war zu weit weg», entschuldigte sich Mäder. «Aber viele griffen nach ihm. Leider zu spät. »

«Könnte ihn jemand aus Versehen gestossen haben?» Nora fragte so beiläufig wie möglich.

«Seltsam, dass Sie das sagen», gab Roland Wehr zurück. «Aber wenn ich es mir recht überlege… Wissen Sie was?» Er machte eine dramatische Pause, und die anderen hingen an seinen Lippen. «Ich glaube, Stark hat ihn geschubst. »

«Roland!», empörte sich Ruth Mäder. «So etwas zu behaupten, ist ungeheuerlich!»

«Wieso? Alle wissen, in welche Position er jetzt aufsteigt. »

«Ich glaube nicht, dass er es war. » Claudia Campanini spielte gedankenverloren mit ihrem Ring und trat von einem Fuss auf den anderen. Erst jetzt merkte Nora, dass sie gemeingefährliche Stilettos trug, fast schon Stelzen. «Es kommt mir auch so vor, als hätte ich die Hand von jemandem gesehen. Aber Cedric Starks Hand war es nicht. Der stand hinter mir. » Sie wandte sich an ihre Kollegin. «Wo warst du eigentlich, Ruth?»

«Wie ich schon sagte, ich stand weiter entfernt. » Ruth Mäders Mund war leicht verkniffen.

«Das stimmt nicht ganz, meine Liebe», neckte Wehr, «du bist gleich mit Tim zu Kowalski gerannt. Das weiss ich noch genau, weil ich dachte: Unsere Ruth kann springen wie ein junges Reh!»

«Es passierte alles so schnell», antwortete diese, «man kann nicht von mir erwarten, dass ich mich an alles erinnere. Sie müssen sich vorstellen», sagte sie zu Nora, «all das, worüber wir jetzt sprechen, geschah in wenigen Sekunden. Verstehen Sie?»

«Selbstverständlich», meinte Nora. «Wissen Sie, ob jemand von Kowalskis Tod profitiert?»

Ruth Mäder war erschüttert über die Frage. Claudia Campanini betrachtete ihre Fingernägel.

Roland Wehr grinste. «Klar. Die Witwe. Antje Kowalski wird wohl tüchtig absahnen. Cedric Stark wird neuer Big Boss. Und mindestens drei Frauen haben ihre Genugtuung. »

«Und dabei handelt es sich um…?», fragte Nora.

«Die beiden letzten Chefsekretärinnen. »

«Weshalb?»

«Das tut doch hier nichts zur Sache», meinte Mäder. Doch Wehr liess sich nicht von seiner Fährte abbringen. «Beide haben ihn innerhalb weniger Jahre wegen sexueller Belästigung angezeigt. »

«Ach ja?», machte Nora. «Und kam es zu einer Verurteilung?»

«Sie zogen ihre Anzeigen nach kurzer Zeit wieder zurück. »

Nora wartete, und als er nicht fortfuhr, fragte sie: «Sie sprachen von drei Frauen. Wer ist die dritte?»

Er stiess Campanini kumpelhaft in den Arm. «Na, unsere Claudia hier. Bei dir hat er’s doch auch versucht, oder? Du hättest ihn doch mit Vergnügen ins Jenseits befördert. »

«Hör auf!», sagte diese.

Ein betretenes Schweigen herrschte. Roland Wehr schien es nicht wahrzunehmen. Wie ein kleiner Junge sass er auf dem Pult und schlenkerte noch immer mit den Beinen.

«Haben Sie nicht vielleicht etwas zu viel Staub aufgewirbelt?», fragte die ältere Dame Nora leicht vorwurfsvoll. «Man muss doch nicht alles immer wieder aufwärmen. »

«Es geht um einen Todesfall, Frau Mäder», gab Nora zurück. «Da kann man nicht genug aufwirbeln. »

Cedric lauschte. Keine Stimmen auf dem Gang. Keine vorwitzige Versicherungszicke in der Nähe. Er griff nach dem Telefonhörer. Dann überlegte er es sich anders und nahm sein Handy hervor. Diese Dobler wäre imstande, sein Gespräch mitzuverfolgen. Er wusste, dass Kowalski seine Leute kontrolliert hatte. Einmal hatte er Dinge über ihn, Cedric, gewusst, die er nur hatte erfahren können, indem er Telefongespräche im Geheimen abhörte. Darauf angesprochen, stritt er zuerst alles ab, um es später zuzugeben. Mit der Begründung, er wolle gegen Firmenspionage gewappnet sein. Spionage?, hatte Cedric höhnisch gefragt, in einer Lagerhausfirma? Da war Kowalski ausgerastet, hatte ihn angeschrien, er, Stark, habe keine Ahnung, die Schweizer hätten den Krieg nicht miterlebt, natürlich gehe es nicht um Spionage, aber man müsse seine Untergebenen im Griff haben, bevor sie sich gegen einen wendeten. Und Cedric hatte Kowalskis Paranoia gespürt, hatte gemerkt, dass sich hinter seinem Verhalten ein kleines Würstchen verbarg, dem es nur um Macht und Kontrolle ging.

Wenn Cedric jetzt nicht wachsam war, würde diese verklemmte Sarah Dobler von Kowalskis Apparat aus mitlauschen. Er wusste zwar nicht genau, ob sie überhaupt von der Verkabelung Kenntnis hatte, doch sicher war sicher. Er stellte die Nummer ein, die er auswendig kannte.

Die Frau meldete sich so schnell, dass er wusste, sie hatte neben dem Telefon auf seinen Anruf gewartet. «Cedric? Endlich lässt du von dir hören. Ist sie immer noch bei euch?»

«Sie schnüffelt gerade bei der Schwuchtel rum. »

«Roland ist nicht schwul, das hab ich dir doch gesagt. »

«Er benimmt sich aber so. »

Ein kurzes Zögern am anderen Hörer. Dann die ängstliche Frage: «Hat sie etwas herausgefunden?»

«Noch nicht, aber sie wird. Sie ist clever. »

«Wir müssen aufpassen, nicht wahr?»

Was für eine dumme Frage. Hatte sie denn nicht gehört, was er gesagt hatte? «Ja, Schatz, wir müssen aufpassen. »

«Ich liebe dich, Cedric. »

Ohne jegliche Regung antwortete er: «Ich liebe dich auch, Antje. »

6

Es ging gegen Mittag, als Sarah Dobler Nora die Dachterrasse zeigte.

Vom Ende des Gangs waren sie die Treppen hochgestiegen und auf der riesigen Plattform gelandet. Die Sicht von hier war phantastisch. Von der einen Seite aus sah man zum Albis hinüber, von der anderen zum Käferberg und Zürichberg.

«Wird die Terrasse häufig benutzt?», fragte Nora.

«Ab und zu verbringt jemand seine Mittagspause hier oben. Und seit das Rauchverbot durchgesetzt wurde, verziehen sich die Raucher mehrmals pro Tag für ein paar Minuten hier herauf. »

«Wer gehört zu ihnen?»

«Da die Umzugsleute vor der Garage rauchen, sind das nur Gerhard Furrer vom Lager und Claudia Campanini, manchmal begleitet von Marco Benedetto. Und dann natürlich Herr Kowalski. Bis zu jenem Tag … »

Nora ging zum Terrassenrand. Eine Betonmauer reichte ihr bis zur Hüfte, darüber war eine Metallstange angebracht. «Wo genau ist er hinuntergestürzt?»

Dobler zeigte es ihr, und Nora bemerkte, dass die Sekretärin erschauerte, als sie den Ort des Unglücks betraten. Sie wagte sich nicht ganz an den Rand, schob zögerlich einen Fuss vor und bog den Oberkörper nach hinten, weg vom klaffenden Abgrund. Hatte sie Höhenangst?

Nora stützte sich aufs Geländer und schaute in die Tiefe. Die Autos in der Hohlstrasse waren zu sehen. Ein paar Leute gingen auf dem Trottoir, man hörte Hupen und das Rauschen des Verkehrs. Dort unten war Kowalskis Leiche gelegen. Nichts erinnerte mehr daran, kein Fleck, keine markierte Stelle. Nora wandte sich ab und überquerte die Terrasse. Sie war blitzblank geputzt, als hätte hier nie eine Party stattgefunden. Nora zückte ihre Kamera, machte Aufnahmen in jede Richtung, fotografierte den Abgang zur Treppe, die Terrassentür und weiter hinten einen Lüftungsschacht. Dann ging sie nochmals zur Brüstung und knipste die Strasse. Als sie in die Tiefe blickte, wurde sie von Schwindel ergriffen. Auf einmal konnte sie sich vorstellen, wie ein Beschwipster, der seine Bewegungen nicht ganz unter Kontrolle hatte, vom Abgrund angezogen, halb hinunterfiel, halb sprang, ohne dass eine Drittperson dabei ihre Hände im Spiel hatte. Waren Jan und sie völlig auf dem Holzweg? War Kowalskis Tod nichts anderes als das, was Mike behauptet hatte? Ein Unfall, schockierend zwar, aber nicht unerklärlich?

Als hätte Sarah Dobler das Gleiche gedacht, sagte sie: «Man kann es fast nicht glauben, dass es etwas anderes als ein Unglücksfall war. »

«Sie haben Recht. Nur weil niemand Kowalski mochte, heisst das nicht, dass er getötet wurde. Vielleicht hat aber jemand einen Mord in Auftrag gegeben, um sich die Hände nicht selber schmutzig zu machen… Ich tue, was ich kann, um mögliche Hintergründe aufzudecken. Doch es kann sein, dass wir uns geirrt haben. »

«Es ist nett, dass Sie in der Mehrzahl sprechen. Wenn, dann hätte ich mich geirrt. » Dann fügte sie hinzu, als sei sie innerlich ganz woanders. «Aber ich glaube es eigentlich nicht. »

Wieder nahm Nora einen Gesichtsausdruck an ihr wahr, den sie schon einmal, als Dobler sie in ihrem Büro aufgesucht hatte, gesehen hatte. Etwas Unbeschreibliches. Eine tief eingegrabene Angst. Hatte ihr Sarah Dobler überhaupt die ganze Wahrheit gesagt?

«Ich brauche von Ihnen», sagte Nora, «die Adressen von Kowalskis letzten beiden Chefsekretärinnen. »

«Ich verstehe. Sie haben mit Roland Wehr über die Sache von damals gesprochen. »

«Hat sich Kowalski bei Ihnen nie Übergriffe erlaubt?»

Dobler seufzte. «Er hat es versucht. »

Nora wartete, ob noch mehr käme, doch Sarah Dobler schwieg.

Sie stiegen wieder hinunter. Am Empfang standen mehrere Kunden. Marco Benedetto war in seinem Element. «Sì, Signore!», rief er, kopierte etwas und händigte das Papier einem fülligen Herrn aus. Dann sprach er ein paar Worte mit einem älteren Paar, das nachfragte, ob seine Musikinstrumente sicher aufbewahrt und keinerlei Feuchtigkeit ausgesetzt seien.

«Feuchtigkeit!», rief Benedetto empört. «Bei ‹Store & Go›? Da sind Sie aber auf der Holzstrasse!»

Die Frau lachte und sagte: «In Ordnung, Sie haben uns überzeugt. Wir nehmen einen Raum von 40 Kubikmetern. Und übrigens: Es heisst Holzweg, junger Mann. »

«Wie bitte?»

«Wir sind nicht auf der Holzstrasse, sondern auf dem Holzweg. »

«Oh, nein, meine Dame, sind Sie bestimmt nicht! Ihre Instrumente sind bei ‹Store & Go› perfetto aufgehoben, das verspreche ich Ihnen. »

Benedetto entdeckte Nora, legte sich zum Zeichen seiner Verschwiegenheit den Zeigefinger an die Lippen und wirbelte von einem Kunden zum nächsten. Nora machte noch einige Aufnahmen des Eingangsbereichs, der Gänge und einzelner Büros. Das würde ihr später helfen, sich die Räumlichkeiten in Erinnerung zu rufen.

Dann verabschiedete sie sich von Sarah Dobler und fuhr mit dem Lift ins zweite Untergeschoss. In einer riesigen Halle arbeiteten mehrere Männer in Overalls. Auf den Parkplätzen standen Personenwagen, Liefer- und Lastwagen. Die Arbeiter nahmen kaum Notiz von Nora. Sie luden schwere Kisten auf Handkarren und Gabelstapler, fuhren mit diesen zum Warenlift und verschwanden. Andere schoben mit Seilen und Riemen Klaviere, Schränke und Kommoden von den Ladeflächen der Umzugswagen. Es roch nach Benzin und laufenden Motoren.

Einer rief: «Nicht so schnell, Chandra, das Teil ist noch nicht fixiert!»

Ein schmaler Tamile drosselte sein Tempo und gab etwas zurück, das ironisch klang. Zwei Männer redeten auf Türkisch und gestikulierten vor einem Stapel Schachteln. Ein anderer fuhr einen der Firmenwagen zu einem entfernten Parkplatz. Nora fotografierte Halle, Pfeiler, Autos und Eingänge zu verschiedenen Hinterräumen.

«Was tun Sie hier?», brüllte ein Schwarzhaariger und stürzte auf sie zu.

Als er näher kam, sah Nora sein Namensschild auf Brusthöhe.

«Guten Tag, Mehmet. Ich habe von Frau Dobler die Erlaubnis, mich in allen Räumen umzusehen, um –»

«Ah!» Er hielt ihr versöhnlich seine ölverschmierte Hand hin. «Sie sind die Versicherungsdetektivin! Entschuldigen Sie, wir sind angewiesen, auf Eindringlinge zu achten. Sicherheit und Diskretion stehen bei uns an oberster Stelle. Sehen Sie, dort und dort – alles wird aufgezeichnet!» Er zeigte in die Ecken, in denen Videokameras hingen. Bei den Aufzügen waren ebenfalls welche angebracht.

«Beeindruckend», sagte sie.

«Das ist es. Wenn ich Ihnen helfen kann, suchen Sie mich einfach. Ich bin immer hier unten. » Er kehrte an seine Arbeit zurück.

Nora ging noch eine Weile durch die Halle, dann hatte sie genug gesehen. Sie fuhr ins erste Untergeschoss hoch. Hier waren die grossen Mieträume untergebracht. Lange Gänge, die sich weiter hinten verloren, waren von Metallkabinen gesäumt, alle angeschrieben mit der Gang- und Raumnummer. Die Halle war an die acht Meter hoch. Da gab es Mieträume, in denen das Mobiliar eines Einfamilienhauses Platz hatte, und solche, in die man den Inhalt eines Hotels pferchen konnte. Die Kabinen waren sichtgeschützt und die Türen mit einem Schlitz für die Zugangskarte ausgestattet. Nora schaute sich um. Auch hier befanden sich überall Kameras. Auf den sauberen Wegen waren ab und zu schwarze Reifenspuren eines Transportkarrens zu sehen. Aus der Ferne hörte Nora Schleif- und Poltergeräusche, doch sie konnte nicht sagen, ob sie aus diesem Geschoss oder der Garage darunter stammten. Eine eigenartige Welt war das hier unten. Die Neonröhren an der Decke leuchteten grell, das Summen der elektrischen Leitungen erfüllte die Gänge. Nora sog die Luft tief in ihre Lungen. Es roch seltsam. Einerseits nach Metall und Beton, andererseits nach etwas Undefinierbarem, das Nora bekannt vorkam, das sie aber nicht benennen konnte. Irgend etwas Chemisches, Pulvriges. Dann wusste sie es: Insektenvertilgungsmittel. Natürlich. All die Kleider, Vorhänge und stoffbezogenen Möbel in dieser Halle waren ein gefundenes Fressen für Motten und anderes Ungeziefer.

Sie hörte Schritte, drehte sich um – und prallte Kopf an Kopf mit jemandem zusammen, der um die Ecke kam.

«Uff!», machte Nora und hielt ihre schmerzende Stirn.

«Tut mir leid!», entfuhr es dem Mann. Das hölzerne Messgerät, das er in der Hand gehalten hatte, schepperte zu Boden. Er bückte sich, hob es auf und sah sie besorgt an. «Haben Sie sich verletzt?»

«Ist nicht schlimm. Und Sie?»

«Ach was, keine Spur! Mein Schädel hält einiges aus! Suchen Sie Ihre Kabine?»

Sie verneinte und stellte sich vor.

Seine Miene hellte sich auf. «Sarah hat mir von Ihnen erzählt. Mein Name ist Tim Stalder. Ich bin der Verantwortliche für die Lagerhallen. » Er hatte ein sympathisches Gesicht mit einem dunklen Dreitagebart und Lachfältchen um die Augen. Seine Jeans betonten die athletische Figur, das ärmellose T-Shirt gab den Blick auf seine Oberarme frei. Er sah verdammt gut aus. Bevor Nora es verhindern konnte, wurde sie von einer mehr als eindeutigen Phantasie heimgesucht. Reiss dich zusammen, sagte sie sich und verscheuchte das Bild, das ihr klarmachte, wie lange es schon her war, seit sie das letzte Mal einem Mann körperlich nähergekommen war. Zumindest freiwillig. Das Einzige in letzter Zeit waren Kerle gewesen, die sie verprügelt, gewürgt, an Hausmauern geschleudert oder angeschossen hatten – ihr alltägliches Berufsrisiko eben.

«Kann ich Ihnen bei den Erkundigungen behilflich sein?», holte Stalder sie aus ihren Gedanken. «Soll ich Sie durch die Halle führen?»

«Das wär nett», brachte Nora heraus.

Sie klapperten die Gänge ab, die ihr unendlich lang vorkamen. Stalder erklärte ihr, wie die Wege und Kabinen aufgeteilt waren, und bestätigte Mehmets Bemerkung, wonach Diskretion höchste Priorität habe.

«Was wird hier alles gelagert?», fragte sie.

«Was immer Sie sich vorstellen können. Bilder, Schmuck, Werkzeuge, Möbel, Sportartikel, Fahrräder. Teure Waren und Schund. Lebende Tiere sind natürlich verboten, ebenso Pflanzen, Esswaren und andere verderbliche Dinge. Und selbstverständlich Illegales wie Drogen, Waffen oder explosive Gegenstände. »

Sie bogen um eine Ecke, wo ein weiterer langer Gang vor ihnen lag.

«Kontrollieren Sie die Inhalte der Kabinen?»

«Das ist nicht möglich. Die Mieter unterschreiben bei Vertragsabschluss ein Formular, womit sie bestätigen, uns keinerlei solche Sachen in Aufbewahrung zu geben. »

«Wie lange vermieten Sie die Räume?»

Er blieb vor der Kabine mit der Nummer «Gang 5, Raum 16» stehen. «Auf unbestimmte Zeit. Einige lagern hier nur zwischen zwei Umzügen ihr Mobiliar ein und holen es nach einer Woche wieder ab. Andere verreisen für ein Jahr ins Ausland und lassen Ihre Geschäftsunterlagen hier. Und wieder andere haben Kabinen bei uns gemietet, seit die Firma existiert. Wenn die Einzahlung jeden Monat bei uns eintrifft, fragen wir nicht nach. » Er nahm eine Karte hervor und steckte sie in den Schlitz der Tür. «Wenn jemand verstorben ist, suchen uns die Nachlassverwalter auf, um die Hinterlassenschaft abzuholen. Ansonsten, wenn nichts anfängt, komisch zu riechen, Geräusche von sich zu geben oder zusammenzubrechen, haben wir keinen Zugang zu den einzelnen Mietkabinen. »

«Aber Sie haben einen Passepartout?»

Er tippte auf die Karte. «Wir nennen sie die Mastercard. Die brauchen wir für unvorhergesehene Fälle. Kommen Sie, ich zeige Ihnen eine leere Kabine. » Er öffnete die Tür und liess Nora in den Raum treten, der ungefähr acht auf fünf Meter mass und etwa drei Meter hoch war. Sie hatte keine Ahnung, ob das, was sie hier unten erfuhr, für den Fall überhaupt wichtig war, doch erstmal war sie dabei, Informationen und Eindrücke zu sammeln.

Tim Stalder wies auf die Luftlöcher unter der Decke hin. «Hier kommt Frischluft durch, die zirkulieren kann; so wird nichts feucht. In jedem einzelnen Raum ist ein Feuermelder angebracht. » Er zeigte auf das runde Gerät in der Mitte der Decke. «Ein Zentralcomputer steuert die Anlage, so dass im Falle eines Brandes nur der Wassersprinkler in der betreffenden Kabine zum Einsatz kommt und das Feuer nicht auf die anderen Räume übergreifen kann. Sicherheit ist das A und O bei uns. » Er klang, als sei er stolz auf seine Arbeit und als mache sie ihm Spass.

«Wie steht es mit den Zutrittszeiten für die Mieter?»

«Montag bis Sonntag, sechs bis zweiundzwanzig Uhr. Jemand von uns ist immer da. Gerhard Furrer, ich oder einer der anderen. Wenn eine Person zu ihrem Lagerraum möchte, klingelt sie bei der Autoeinfahrt im U2. »

«Im zweiten Untergeschoss?»

«Genau. Hier sind wir im U1. Die Person wird von uns registriert und hereingelassen. Dann kann sie sich frei in ihrem Stockwerk bewegen. »

«Was ist Ihre Aufgabe?»

«Gerhard und ich weisen Neumieter ein, kontrollieren die Räume auf Schädlinge, bekämpfen diese nötigenfalls und helfen beim Ein- und Ausladen. Dazu gehört alles, was mit der Technik zu tun hat – Lüftung, Schlösser, Sicherheit. »

«Vielen Dank», sagte Nora.

«Bringt Sie das weiter, was den Tod von Kowalski betrifft?»

«Das weiss ich noch nicht», gab sie zurück. «Wie ist eigentlich Ihr Kontakt untereinander?»

Stalder steckte seine Hände in die Hosentaschen und überlegte kurz. «Gerhard und ich sind meistens hier in den Lagerhallen und haben wenig mit den Mitarbeitern der Administration zu tun. Ich arbeite gern allein, auch wenn ich durchaus ein geselliger Typ bin. Die Mittagszeit verbringe ich ab und zu mit den anderen auf der Dachterrasse. Gerhard Furrer – Sie werden ihn sicher noch kennenlernen – ist ein ausgesprochener Einzelgänger. Die Leute vom U2 sind häufig für Umzüge ausser Haus und haben kaum Kontakt mit uns. Kowalski selber war nicht sehr beliebt, das haben Sie vielleicht schon bemerkt. Sarah Dobler ist die Seele der Firma. Sie kümmert sich um alles, vergisst sich aber manchmal selbst dabei. Jeder mag sie. Mit Ausnahme von Cedric Stark. Der mag niemanden ausser sich selbst. Roland wiederum ist ein unkomplizierter Typ, der mit allen gut auskommt. Marco vom Empfang schäkert mit jeder Frau, ist aber über beide Ohren in Claudia verliebt. Und Ruth Mäder, unsere Älteste, ist gar nicht so konservativ, wie sie wirkt, und kommt mit den Jungen gut klar. » Er machte eine Pause und sagte lächelnd: «Vermittelt Ihnen das ein umfassendes Bild? Alles in allem ist das Arbeitsklima nicht schlecht, finde ich. Wir sind ein Haufen verschiedenster Leute, doch irgendwie funktioniert das Ganze. »

«Eine Frage noch», meinte Nora. «Kowalskis Sturz. Können Sie mir irgendetwas erzählen, das Ihnen aufgefallen ist?»

«Wahrscheinlich nicht mehr, als Sie schon von den anderen gehört haben. Ich bin nicht einmal sicher, ob mich sein Tod überrascht hat. Die Art natürlich schon. Der Zeitpunkt auch. Aber die Tatsache, dass er mit noch nicht einmal sechzig Jahren gestorben ist, passt irgendwie zu ihm. »

«Wie meinen Sie das?»

«Er war wie eine Kerze, die an beiden Enden brannte. Cholerisch, hyperaktiv, voller Energie und Adrenalin. Was auch immer die Todesursache war, ich hätte ihn mir nie als Achtzigjährigen vorstellen können. »

«Schliesst das Mord mit ein?»

«Mord? Denken Sie an so was?», fragte er erstaunt. «Ja, es klingt vielleicht komisch, aber… eigentlich würde es das miteinschliessen. Sarah meinte, Sie kämen wegen einer Versicherungssache. Aber Sie arbeiten doch für die Polizei, oder nicht?»

Nora wollte nicht länger an der läppischen Versicherungslüge festhalten. «Ich bin freie Detektivin. Sarah Dobler hat mich beauftragt, den Fall zu übernehmen. »

«Warum?»

«Sie befürchtet, ein Mörder befinde sich unter ihren Kollegen und könnte weiter töten. Sie hat Angst. »

«Wirklich?» Er wirkte ehrlich überrascht. «Sie glaubt, einer von uns habe Kowalski getötet?»

Nora trat aus der Kabine auf den Gang zurück und sah Stalder an.

Er folgte ihr nachdenklich und schloss die Tür des leeren Raums. Er schwieg lange. Endlich sagte er: «Wissen Sie was? Auf Sarahs Urteil habe ich mich immer verlassen können. Es würde mich nicht wundern, wenn sie Recht hätte. »

Nora brauchte eine Weile, bis sie Gerhard Furrer gefunden hatte. Nachdem sie mehrere Stockwerke durchkämmt hatte, die aus vielen Gängen mit unzähligen kleinen und mittleren Lagerräumen bestanden, fand sie ihn in der dritten Etage. Er war gerade dabei, den Boden zu wischen, eine bleiche Gestalt in den Fünfzigern.

«Gerhard Furrer?», rief sie in seine Richtung.

Er hörte sie, bog um eine Ecke und verschwand.

Nora folgte ihm. «Hallo? Herr Furrer?»

Als sie ihn erreicht hatte, schaute er sie grimmig an. Er hatte ein hageres Gesicht, tiefliegende Augen und nur noch spärliches Haar auf dem Kopf. Sein Oberkörper war gekrümmt, seine knochigen Finger umklammerten den Besenstiel. Ein Totengräber, schoss es Nora durch den Kopf.

«Ich kann Ihnen nichts sagen», knurrte er mit der heiseren Stimme eines Mannes, der nur selten spricht. «Ich war am Fest dabei. Kowalski trank, fiel von der Terrasse – fertig. »

Er drehte sich um und schob den Besen weiter vor sich her.

«Eine Frage nur, Herr Furrer –»

«Nein», sagte er, «lassen Sie mich in Ruhe. »

«Wegen Kowalskis –»

«Kein Wort! Gehen Sie!»

7

Es war früh am Morgen und regnete in Strömen. Windböen fegten über das Dorf, wirbelten Blütenstaub, Äste und Blätter die Felder hinauf, rüttelten an allein stehenden Eichen und erreichten Alrunas Garten. Die Baumstämme ächzten. Der Weg von den Beeten zum Haus war matschig, die Erde getränkt mit zu viel Nass. Dann, von einem Moment auf den anderen, hörte der Niederschlag auf. Alruna sass auf der vom überhängenden Dach gedeckten Bank vor ihrem Haus und schaute übers Land. Sie würde an ihrem Vorhaben festhalten. Sie würde ihre Mission in der vorgegebenen Zeit erfüllen. Noch knapp drei Wochen bis zu ihrem 27. Geburtstag. Bald war es so weit. Bald hätte sie ihr Leiden auf dieser Welt überstanden. Seit sie ein Kind war, hatte sie auf diesen Tag gewartet.

Ihre Kindheit, diese Anhäufung von Verwirrungen …

Als sie sechs war, war eine Frau vom Sozialamt gekommen und wollte Alruna, die man damals noch Lisa nannte, ihren Eltern wegnehmen. In ein Heim wollte sie sie bringen, wo andere Kinder wie sie lebten. Lisa wusste nicht, was damit gemeint war. Das Wort «Vernachlässigung» hing im Raum, was immer das bedeuten sollte.

Rebekka schaute die Beamtentusse, wie sie die Frau nannte, mit verschwommenem Blick an und lallte: «In Ordnung, Sie können sie haben, nehmen Sie sie mit. »

Ronny widersprach. «Die Kleine ist doch lustig. Wär schade, sie wegzugeben. »

Lisa stand zwischen den drei Erwachsenen und spürte eine Eiseskälte in sich. Ronny nahm sie auf den Arm, was er nicht mehr getan hatte, seit sie ein Baby gewesen war, und sagte mit gespieltem Ernst zu der Fremden: «Das ist unser Kind. Sie können es nicht einfach entwurzeln. »

«Entwurzeln!», kreischte Rebekka mit schrillem Lachen.

Die Frau wollte Lisa aus Ronnys Griff lösen, doch dieser drückte sie nur noch enger an sich. Ein Streit brach aus. Rebekka gab in ihrem beduselten Zustand nur Unverständliches von sich, durchmischt mit Gegluckse und Gekicher.

Ronny sagte «Sozialschlampe».

Die Frau drohte zurückzukommen, mit Verstärkung.

Lisa sah sie nie wieder.

Später erzählte Rebekka, das Amt habe die Sache «komplett versiebt», und vielleicht wäre es besser gewesen, sie hätten die Kleine mitgenommen.

Ronny meinte: «Ach was, irgendwann würde sie uns fehlen» und fütterte Lisa mit ein paar seiner frischgebackenen Haschbiskuits. Lisa sträubte sich, schüttelte den Kopf, doch Ronny schob ihr die Plätzchen mit sanftem Druck in den Mund. «Schluck, meine Liebe, wird dir guttun. »

Lisa würgte und brachte die Bissen kaum hinunter. Sie kaute die zuckersüssen Brocken, die einen ekligen Nebengeschmack hatten. Endlich gelang es. Sie schluckte. Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie wusste, was jetzt kam.

Und es kam.

Alles begann, sich vor ihr zu drehen. Die Melodien verzerrten sich zu Schwaden, die durch den Raum wabberten. Die Freunde ihrer Eltern schienen sich im Zeitlupentempo zu bewegen. Ihre Münder öffneten sich, und unverständliche Laute kamen heraus, deren Echos dumpf widerhallten. Rote und violette Formen entstanden in ihren Gesichtern, verdichteten sich, verwandelten sich in verzerrte Fratzen. Von Angst gepeinigt kroch Lisa in eine Ecke und wimmerte.

«Siehst du!», grinste Ronny. «Fährt voll ein!»

Da tauchten tief in ihrem Innern die bleichen Gestalten wieder auf, die Dämonen. Sie griffen nach ihr. Wisperten. Zischten. Und drohten. Mit staksigen Bewegungen tanzten sie um sie herum. Und in ihr drin. Es war ein Tanz des Grauens. Sie hörte, dass etwas in ihr schrie, ohne zu wissen, ob sie das war oder die fremden Wesen, die in ihr lebten.

«Hör auf, so rumzunerven, du Hexe!», rief Rebekka energielos, liess ihren Kopf nach hinten kippen und schloss die Augen. «Du versaust mir meinen Trip. »

Einer der Freunde ihrer Eltern feixte: «Genau! Eine Hexe ist sie! Und Hexen müssen brennen!»

Ein anderer machte mit seinen Fingern die lodernden Bewegungen von Flammen nach. Alle lachten.

Lisa torkelte nach draussen, hörte die Stimmen in sich. «Hexen müssen brennen!», riefen sie höhnisch. «Ins Feuer mit ihr!»

Sie lief durch den Garten und wünschte sich, ihr Rabe Abraxas wäre da. Zitternd, mit ausgetrockneter Kehle, brach sie zusammen. Ihr Körper fühlte sich heiss an, durch ihre Glieder züngelten die ersten Flämmchen. Sie war eine Hexe. Irgendwann würde sie verbrennen, das wusste sie.

Jetzt, zwanzig Jahre später, war der Zeitpunkt nah. Alruna ging zurück ins Haus. Sie schloss die Tür, die in den Angeln quietschte, hinter sich. Ihr Rock war klatschnass. Hinterliess grosse Pfützen auf dem Holzboden. Es machte nichts. Nichts war mehr wichtig ausser ihr Auftrag. In der Küche füllte sie ein neues Fläschchen mit dem tödlichen Gebräu. Sie verschloss es vorsichtig und stellte es bereit. Ja, sie würde diese Erde verlassen. Bald. Doch bevor sie starb, mussten andere sterben.

Tiefe Wolken zogen über den Friedhof. In der Erde lag der Sarg.

«Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name», sprach der Pfarrer, schaute über die Trauernden und dann über die Gräberreihen.

Sarah Dobler betrachtete die Anwesenden. Antje Kowalski war kohlrabenschwarz angezogen. Die anderen hatten sich ebenfalls dunkel gekleidet, mit Ausnahme von Claudia Campanini, die wie immer in schreienden Farben dahergekommen war, als wollte sie damit sagen «ihr könnt mich alle mal» oder «endlich ist der Alte tot». Dafür hatte Sarah kein Verständnis. Natürlich war Kowalski nur schwer zu ertragen gewesen, aber er hatte es auch nicht leicht gehabt. Mehr als einmal hatte Sarah gedacht, er sei sich selbst der ärgste Feind gewesen.

«Dein Reich komme, dein Wille geschehe», sagte der Pfarrer.

Kowalskis Witwe gab leise Schluchzer von sich, tupfte ihre Augen mit einem Taschentuch trocken und schneuzte sich die Nase. Warum nur hatte Sarah das Gefühl, das Ganze sei inszeniert, die Trauer nur zur Schau gestellt? Sie hatte nichts über die Ehe der Kowalskis gewusst. Ob sie sich geliebt hatten oder sich im Laufe der Jahre überdrüssig geworden waren? Ihr Chef hatte Prinzipien gehabt. Dazu hatte gehört, dass Familienangelegenheiten Privatsache waren. Sarah musste ihn zwar jedesmal an Antjes Geburtstag erinnern, weil er diesen immer vergass, aber was er für seine Frau wirklich gefühlt hatte, wusste Sarah nicht. Sarah schaute seine Witwe eine Weile an und hörte mit halbem Ohr die Worte des Geistlichen.

Ausser Antje Kowalski waren noch zwei Verwandte aus Deutschland angereist, der Rest waren Geschäftsleute, Firmenpartner und Mitarbeiter. Ein klägliches Grüppchen, kaum zwanzig Personen. Nicht einmal alle von «Store & Go» waren gekommen. Sie hatten einen Tag frei erhalten, doch einige hatten sich entschieden, ihn anders zu nutzen. Sarah schauderte beim Gedanken, was am Schluss von einem übrig blieb. Geld und andere materiellen Güter konnte man nicht mitnehmen; doch Freundschaften, menschliche Verbindungen, Liebe – all das waren doch ewige Dinge, die auch der Tod nicht beenden konnte. Oder doch? Wer würde dereinst an ihre Beerdigung kommen? Viele Leute mochten sie, das spürte sie, aber wem bedeutete sie wirklich etwas? Wem würde sie fehlen? Sie wusste es nicht, und das erschreckte sie.

«Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern», fuhr der Pfarrer fort.

Claudia schäkerte mit Marco. Cedric Stark warf den beiden einen vernichtenden Blick zu, Ruth Mäder schüttelte verständnislos den Kopf. Tim schien in sich gekehrt. Und Chandra, der Tamile, lächelte versonnen vor sich hin. Glaubte er an die Wiedergeburt? Sarah wusste nicht einmal, welcher Religion er angehörte. Vielleicht war er Buddhist. Oder Hindu. Schade, dass man nie über so etwas sprach. Ein tröstlicher Gedanke, mehrmals auf diese Welt zu kommen. Fehler wiedergutmachen zu können, zweite Chancen zu bekommen, geliebte Menschen wieder zu treffen. Doch vielleicht wäre es auch ein Fluch, je nachdem, welche Art von Leben hier auf einen wartete.

«Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen», sprach der Pfarrer.

Da begann es zu nieseln.

«Shit!», stiess Claudia aus und spannte einen giftgrünen Knirps auf. Andere wühlten in ihren Handtaschen, und nach kurzer Zeit war die Gruppe von einem Dutzend Schirme überdacht, auf die die Tropfen immer heftiger prasselten. Sarah griff in ihre Tasche und merkte, dass sie ihren Schirm zu Hause vergessen hatte.

Plötzlich nahm sie eine Gestalt hinter einer Eibe war. Einer der Äste bewegte sich. Etwas Helles tauchte auf. Ein Gesicht. Dann war es wieder verschwunden. Sie schaute genauer hin, doch das Ganze dauerte nur eine Sekunde, dann zog sich die Person in ein Gebüsch zurück und huschte hinter einen Grabstein. Vielleicht ein verspäteter Trauergast oder ein zufälliger Spaziergänger, versuchte Sarah sich einzureden. Oder sie hatte sich getäuscht, und es war nur eine Friedhofskatze gewesen, die Schutz vor dem Schauer suchte? Oder ein Vogel im Gestrüpp? Während sie darüber nachdachte, wusste sie, dass sie sich nicht getäuscht hatte.

Jemand hatte sie beobachtet.

Sie sah zu Gerhard Furrer hinüber, dessen Hakennasenprofil sich wie eine hässliche Karikatur gegen den Himmel abzeichnete. Furrers Blick war auf die Eibe gerichtet, deren Äste noch nachwippten, seine Hände waren zu Fäusten geballt. Auch er hatte den Beobachter gesehen. Sarah fühlte einen Stich im Magen. Der Regen tropfte auf ihren Kopf und lief über ihr Gesicht.

«Asche zu Asche», sagte der Pfarrer. «Staub zu Staub. »

War das ein Chaos! Jan mit seiner Ordnungsliebe hatte so etwas noch nie gesehen. Sogar Nora war um Längen besser, obwohl auch sie sein Bedürfnis nach Symmetrie, Logik und Übersicht bisweilen arg strapazierte. Aber diese Pultschubladen übertrafen alles. Jan war seit einer halben Stunde dabei, Dinge aus Kowalskis Regalen, Kommoden und dem Schreibtisch herauszufischen und auf dem Boden auszubreiten. Sarah Dobler hatte ihm nach Absprache mit Antje Kowalski freie Hand gelassen. Er ordnete die Gegenstände zuerst nach «belebt» und «unbelebt». Das bedeutete, angefaultes Obst, Kaugummis, Brötchen und der kleine Kaktus, der die Dunkelheit in der Schublade überlebt hatte, kamen auf die eine Seite des Teppichs, Papiere auf die andere. Als diese Kategorien nicht mehr reichten, schuf er die Gattung «Diverses». Doch auch diese wuchs im Laufe der Zeit zu einem unübersichtlichen Haufen an, so dass er erneut Unterteilungen vornehmen musste.

Einmal kam Sarah Dobler herein und runzelte die Stirn. Jan erklärte ihr, dass er sich einen Überblick verschaffe, und sie schien ihn zu verstehen. Wenn er sich ihre Arbeitsumgebung, in der akribische Ordnung herrschte, ansah, glaubte er sogar, in ihr eine verwandte Seele gefunden zu haben. Sie fragte, ob er einen Kaffee wolle, doch er bat um einen Tee. Sie brachte ihm eine Tasse, stellte sie auf den Glastisch. Jan nippte am Getränk. Sarah Dobler verschwand wieder, leise, wie sie gekommen war, und Jan machte weiter.

«So», murmelte er nach einiger Zeit zu sich selbst, trat ein paar Schritte zurück und betrachtete die Auslegeordnung. Nora hatte ihm diese Aufgabe übertragen, während sie nochmals mit einigen Mitarbeitenden sprach. Sie hatte bemerkt, wie gern Jan sich diese Arbeit vornehmen würde, und sich geopfert, den kommunikationsverweigernden Furrer im Untergeschoss aufzusuchen.

Jan machte Fotos von seinem Werk, dann begann er, die Fundstücke einzeln aufzulisten.

«Zwei Schokoriegel», notierte er ins Heft. «Eine Tüte Pfefferminzbonbons. Fünf Päckchen Zucker, eins davon offen. Getrocknete Feigen und Rosinen. Eine verschrumpelte Ginsengwurzel. Ein Landjäger. » Zuunterst schrieb er «ein Apfelbütschgi», weil ihm das deutsche Wort nicht einfiel.

Dann kontrollierte er Kowalskis Unterlagen. Ordner für Ordner arbeitete er sich durch Rechnungen, Jahresberichte, Lieferscheine und Briefe an die Kundschaft. Auch bei den administrativen Dingen herrschte ein komplettes Wirrwarr. Quittungen, von denen man keine Ahnung hatte, welche Ausgaben sie belegten, klebten neben Ferienfotos in Notizbüchern, längst abgelaufene Garantien waren hinter Werbebroschüren geheftet. Diverse Ordner verfügten zwar über ein Register, doch war dieses entweder nicht angeschrieben, oder der Inhalt stimmte nicht mit dem Titel überein. Die Stunden vergingen. Jan blätterte durch unzählige Dokumente. Irgendwann fand er zwischen zwei Bestellformularen einen computergeschriebenen Brief, überflog ihn – und erstarrte.

Dann las er ihn nochmals, Wort für Wort:

«Ich weiss, dass Sie Waffen in Ihren Räumen lagern und damit handeln. Heben Sie hunderttausend Franken in gemischten Scheinen von Ihrem Konto ab. Halten Sie das Geld bereit. Ich melde mich in einer Woche mit Einzelheiten für die Übergabe. Ihr Waffenlager zu leeren, hilft Ihnen nicht. Ich habe Fotos davon auf meinem Mailaccount gespeichert. Ein Klick, und sie wandern zur Polizei. »

Jan ging die Zeilen erneut durch. Das war ein Ansatzpunkt. Nun wurde ein Verbrechen an Kowalski viel wahrscheinlicher. Er holte sein Handy hervor und tippte ein SMS an Nora, die sich irgendwo in diesem Gebäude befinden musste: «Erpresserbrief gefunden. Nimm Gegenstände mit Fingerabdrücken der Mitarbeiter mit. »

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