Kitabı oku: «Der Diwan»
Hafis
Der Diwan
Die Auswahl der schönsten Gedichte
In der Übersetzung von
Joseph von Hammer-Purgstall

INHALT
Aus: Der Buchstabe Elif
Aus: Der Buchstabe Be
Aus: Der Buchstabe Ta
Aus: Der Buchstabe The
Aus: Der Buchstabe Dschim
Aus: Der Buchstabe Ha
Aus: der Buchstabe Cha
Aus: Der Buchstabe Dal
Aus: Der Buchstabe Ra
Aus: Der Buchstabe Sa
Aus: Der Buchstabe Sin
Aus: Der Buchstabe Schin
Aus: Der Buchstabe Sad
Aus: Der Buchstabe Dhad
Aus: Der Buchstabe Thy
Aus: Der Buchstabe Dhy
Aus: Der Buchstabe Ain
Aus: Der Buchstabe Ghain
Aus: Der Buchstabe Fe
Aus: Der Buchstabe Kaf
Aus: Der Buchstabe Kiaf
Aus: Der Buchstabe Lam
Aus: Der Buchstabe Mim
Aus: Der Buchstabe Nun
Aus: Der Buchstabe Waw
Aus: Der Buchstabe He
Aus: Der Buchstabe Ja
Aus: Vier Mesnewiat
Moganniname
AUS: DER BUCHSTABE ELIF
I.
Reich mir, o Schenke, das Glas,
Bringe den Gästen es zu,
Leicht ist die Lieb’ im Anfang
Es folgen aber Schwierigkeiten.
Wegen des Moschusgeruchs,
Welchen der Ostwind geraubt
Deinen gekrausten Locken,
Wie vieles Blut entfloss dem Herzen!
Folge dem Worte des Wirts
Färbe den Teppich mit Wein.
Reisende sind der Wege,
Sie sind des Laufs der Posten kundig.
Kann ich genießen der Lust
In des Geliebten Gezelt,
Wenn mich zum Aufbruch immer
Der Karawane Glocke rufet!
Finstere Schatten der Nacht!
Wogen und Wirbelgefahr,
Können euch wohl begreifen,
Die leicht geschürzt am Ufer wohnen?
Durch die befriedigte Lust
Ward ich zum Märchen der Stadt,
Kann ein Geheimnis bleiben
Der Stoff der allgemeinen Sage?
Wünschest du Ruhe, Hafis,
Folge dem köstlichen Rat:
Willst du das Liebchen finden,
Verlass die Welt und lass sie gehen.
II.
Der Mond der Schönheit borgt sein Licht
Von deiner Wangen Strahlen,
Der Glanz der Anmut strahlet aus
Von deines Kinnes Grübchen.
Kann mein versammeltes Gemüt
Mit deines Haares Locken,
Die ganz zerstreuet sind, o Gott!
Sich je zusammenfinden.
Des Sinnes, dich zu schauen, kam
Mein Geist auf meine Lippen,
Soll er entfliehn? Soll er zurück?
Was ist dein Herrscherwille?
Gehst du vorbei, heb’ auf den Saum
Vom Blute und vom Staube,
Denn viele deiner Opfer sind
Auf diesem Weg gefallen.
Verwaiset ist mein Herz, o gebt
Hievon den Freunden Kunde!
O Freunde! meine Seele ist
Mit euern Seelen eines.
Was nützet die Enthaltsamkeit
Dem, der dein Auge sah?
Viel besser ists, die Nüchternheit
Dem Trunknen nicht verkaufen.
Mein träges Glück, das lange schlief,
Ist endlich aufgewachet,
Der Schimmer deines Angesichts
Hat ihm ins Aug’ geblitzet.
Der Ostwind bring’ mir einen Strauß
Vom Rosenbusch der Wangen,
Vielleicht wird mir dann sein Geruch
Vom Staube deines Gartens.
Ihr sollet leben, euer Wunsch
Werd’ stets erfüllt, ihr Schenken!
Wiewohl mein Glas zu eurer Zeit
Nicht einmal voll geworden.
Horcht auf! es betet nun Hafis.
Sagt Amen, denn er betet.
Herr! gib uns unser täglich Brot
Vom Zucker ihrer Lippen.
O Morgenwind, zieh hin nach Jesd1
Sag denen, die dort wohnen,
Der Kopf dess, der nicht dankbar ist,
Sei eurer Ballen Schlägel.
Zwar bin ich weit von euch entfernt,
Doch ist mein Geist nicht ferne,
Ich bin der Diener eures Schahs
Und euer Loberedner.
Ich habe Mut, ich fleh bei Gott!
O höchster Schah der Schahe!
Ich küss’ die Erde deines Zelts
Wie das Gewölb des Himmels.
1Jesd eine Stadt drei Tagreisen von Schiras, an deren Einwohner, als an seine besondern Freunde, der Dichter diese Ode gerichtet hat; dem Ballenschlägel im Maillespiel, das in Persien sehr stark gespielt wird und wovon in allen Dichtern häufig Vergleichungen hergenommen sind.
III.
Schenk’! erleucht’ mit dem Licht des Weins den Becher,
Sänger, singe; nun geht’s nach unsern Wünschen.
Ich erblick im Pokal der Wangen Abglanz.
Wiss’ es, der du nichts weißt vom Glück des Trinkens.
Rausch und Trunkenheit ziemt dem Aug’ des Freundes;
Deshalb raubt mir der Rausch so Zaum als Zügel.
Dieser Schmächtigen Reiz gefällt so lang nur,1
Bis sich meine Zypress’ mit Schwanken nahet.
Wessen Zunge die Lieb’ beseelet, stirbt nicht.
Ewig bleibet mein Ruhm im Weltenbuche.
Ich befürchte, dass nicht am jüngsten Tage
Priesterbrot und der Wein von gleichem Wert sei.
Ostwind, gehst du vorbei beim Rosenhaine,
Gib doch Kunde von mir dem treuen Freunde.
Du, ätherische Fluth, und du, o Mondschiff,2
Ihr verschwindet zugleich in seiner Großmut.
O mein Auge, verstreu’ das Korn der Tränen,
Dass sich fange im Netz der Wollust Vogel.
1Nur so lange gefällt mir der hohe Wuchs anderer Schönen, bis er von dem der meinigen verdunkelt wird.
2Das Meer des Äthers und das Mondschiff sind so klein im Vergleich mit der Großmut Hadschi Kawams, dass sie beide in derselben versinken. Dieser Hadschi Kawameddin (denn es waren ihrer zwei) war nach Sudi der Wesir des Sultans Hasan des Ilchaniers und seines Sohnes Oweis, dessen Tod von Hafis, durch einen Chronographen, gefeiert ward und der gewöhnlich der große Kowam genannt wird. Derselbe, der die Schule für Hafis erbaute.
IV.
Komm, o Weiser, und schau hinein in den Spiegel des Bechers,
Schaue die Lust des purpurnen Weines!
Frag’ um verborgenen Sinn die Eingeweihten des Bechers,
Weil auch hievon die Frömmsten nichts ahnen.
Keiner hat erjagt den Simurg, o zieh die Garne zusammen1
Denn es schwillt nur vom Winde das Netz auf.
Auf! Genieße die Zeit, und gedenke: dem Vater der Menschen
Blieb in Elisiums Fluren der Trunk nicht.2
Leere der Becher ein Paar, beim Feste des Lebens, und fort dann!
Geiz’ nicht hienieden nach stetem Genusse.
Hin ist die Jugend! o Herz, und keine Blume gepflücket,
Nach Namen und Tugend streb’ nun im Alter:
Ostwind höre! Hafis ist ein treuer Jünger des Bechers
Geh und grüß mir den Herrn vom Weinhaus.
1Simurg oder Anka, der König der Vögel, der seit dem Anfang der Welt lebt, Salomons geheimer Rat war und seitdem auf dem Gebirge Kaf in philosophischer Einsamkeit lebt. Die ganze orientalische Welt spricht von ihm, niemand hat ihn aber gesehen, und noch weniger gefangen.
2Selbst Adam konnte im Paradiese nicht mehr zu trinken bekommen, um wie viel weniger ich.
V.
Schenke, steh auf und reiche das Glas
Begrabe die Sorgen mit Wein!
Reiche das Glas und schenke den Wein
Die bläuliche Kutte hinweg!1
Übel zwar klingt dies weiserem Ohr;
Doch kümmert der Ruf mich nicht viel.
Bringe mir Wein! Das Übrige ist
Verlust der verderblichen Zeit.
Rauch von der Glut der flammenden Brust
Hat diese Gefrorenen zerschmelzt.
Närrisches Herz! Noch find’ ich im Volk
Nicht einen Vertrauten für dich.
Wenigstens bleibt noch übrig der Trost,
Dass alles verloren auf einmal!
Früh und auch spät geduld’ dich, Hafis,
So gehet dir alles nach Wunsch.
1Die blaue Kutte, das Unterscheidungszeichen der Jünger des Scheichs Hasan, zu denen Hafis selbst gehörte und von denen er Vorwürfe über seine freie Lebensweise anhören musste. Die Anrede an dieselben gehet fort bis ans Ende der Ode.
VI.
Meiner Hand ist das Herz entflohen, ihr Herzenbesitzer!
Wehe! bei Gott! Weh mir! denn das Geheimnis ist weg!
Gestern tönte so schön von Wein und Rosen Aodi
Bringet den Morgenwein, o ihr Betrunkenen her!
Schau in das Glas! es ist der Spiegel des griechischen Königs,
Alle Plane Daro’s wirst du erspähen darin1
Gnädiger Herr! aus schuldigem Dank für blühenden Wohlstand
Fraget doch eines Tags, wie es Derwischen ergeht.2
Ruhe hienieden und dort verbürgen diese zwei Worte:
Liebreich begegne dem Freund, Feinden begegne mit Gunst.
Mir ward Eintritt ins Land des guten Namens versaget.
Tadler, gefällt es dir nicht, änd’re das ewige Los.
Dieser bittere Saft, dem Weisen die Mutter der Laster3
Schmeckt viel lieblicher mir als ein jungfräulicher Kuss:
In unfreundlicher Zeit genieß’ und freu dich des Rausches!
Dieser Alchimiker macht Bettler wie Karun beglückt.4
Sträube dich nicht, sonst wirst du wie Kerzen in Gluten verflammen,
In der Geliebten Hand werden die Steine zu Wachs.
Persische Schöne verleihn mit ihren Worten das Leben,
Greisen und Frömmlingen gib Schenke die Kunde davon!
Ach, nicht mit Willen besudelt Hafis die Kleider mit Weinfleck.
Frommer Lehrer, verzeih! O du verzeihest es ihm.
1Alexanders Spiegel, berühmt in der orientalischen Fabellehre. Er brauchte nur hineinzusehen, um auf der ersten Blick alle Plane Daro’s (Darius’) zu durchschauen.
2Eine Anrede an den Geliebten, der als Schah erscheint, während ihn der Liebende als Derwisch anspricht.
3Mahommeds Wort über den Wein.
4Der Wein ist ein Alchimiker, der Bettler so reich macht wie den ägyptischen König Karun, der unermessliche Schätze besaß.
VII.
Die Gärten blühn im frischen Reiz der Jugend1
Bulbul hört von der Rosen Freudenkunde.
O Morgenwind kömmst du zu jungen Wiesen,
Grüß mir Basilikon, Zypress’ und Rose.
Wenn mich des Wirts Knabe süß liebkoset,
So weih’ ich meine Wimpern ihm zur Bürste.
Du, der mit Ambraschlägeln Ballen spielest,
Schlag mich Geschlagenen nicht mehr zurücke.
Ich fürchte, jene, die der Trinker spotten,
Verlieren ihren Glauben selbst in Schenken.
Sei Männern Gottes Freund, es ist ein Stäubchen
Im Schiffe Noahs, dem die Flut nicht schadet.
Was brauchts Paläste, die zum Himmel reichen,
Für jenen, der zuletzt im Staube schlummert?
O Kanaans Mond! dein ist der Thron Ägyptens,2
Zeit ists den finstern Kerker zu verlassen.
Begehr’ kein Brot, verlass der Erde Gasthof!
Der Erde Wirt ermordet seine Gäste.
Ich weiß nicht, was du willst mit deinen Locken:
Dein Moschushaar auf diese Art verwirrend.
Hafis, trink Wein, betrinke dich, sei froh,
Mach nicht zuletzt zum Fallstrick den Koran.
1Statt der Charitinnen steht hier Bulbul, die persischen Nachtigall, eine von der unsrigen durch Gestalt, Farbe und Gesang verschiedener Vogel, dessen Liebe mit der Rose die schönste Mythe der persischen Dichtkunst ist.
2Der Mond aus Kanaan, dem der Thron Ägyptens gebührt, ist Josef, das Ideal jugendlicher Schönheit.
VIII.
Nähme mein Herz in die Hand der schöne Knabe aus Schiras,
Gäb’ ich fürs Mal Samarkand und Buchara.1
Reiche mir, Schenke, den Wein, im Himmel suchst du vergebens
Roknabad’s Blumengestad, und Mosella’s.2
Wehe! die Schelmen mit schwarzem Aug’ und süßer Gebärde
Rauben dem Herz die Geduld, wie die Türken.
Unvollkommene Liebe bedarf nicht die Schönheit des Freundes,
Schöne Gesichter bedürfen nicht Schminke.
Bleibe beim Sänger, beim Glas, erforsch nicht verborgene Dinge
Keiner noch hat es gelöset, wird’s lösen.
Jusufs berauschende Schönheit erklärt den Zauber der Liebe,
Welcher zerrissen den Flor bei Sulicha.3
Höre den Rat, denn wiss’: ein wohlerzogener Jüngling
Schätzt wie die Seele die Worte der Alten.
Böses hast du gesprochen. Verziehn! Wohl ward es gesprochen
Bitteres ziemet den zuckrigen Lippen.
Lieder hast du gesungen, Hafis, und Perlen gebohret.
Wert, dass Plejaden der Himmel verstreue.4
1Die Freigebigkeit des Dichters, mit welcher er die beiden Städte Samarkand und Buchara verschenken will, hätte ihm übel bekommen können. Denn seine Feinde hatten den Vers benützt, ihn bei Timur zu verschwärzen, dass er die zwei herrlichsten Städte seines Reichs so gar gering achte und zum Preis eines Schönheitsmales herabwürdige. Timur stellte Hafisen hierüber auch wirklich zur Rede, der sich durch Geistesgegenwart und durch eine unmerkliche Veränderung des Verses sehr ehrenvoll aus der Schlinge zog. Der Vers heißt im Persischen:
Bachschem Samarkand u Buchara.
Geben wollt’ ich Samarkand und Buchara.
Ists wahr? fragte Timur, indem er den Vers wiederhohlte, dass du dich unterstanden, meine herrlichsten Städte so zu lästern?
Verzeihe, Schah, antwortete der Dichter, man hat dich falsch berichtet: der Vers heißt:
Bachschem du ser kandi buchara
Geben wollt’ ich zwei Zuckerbrote von Buchara.
Timur, zufrieden mit der Rechtfertigung, belohnte den guten Einfall.
2Roknabad, ein Spaziergang vom Fürsten Rokneddin, längs den Ufern eines kleinen Flusses bei Schiras angelegt. Mosella, ein öffentlicher Gebetort in dem Rosenhaine von Schiras, wo Hafis auch begraben liegt. Im Paradies, meint Hafis, wirst du weder das eine noch das andere finden.
3Sulicha oder Suleicha, Potifars Gemahlin in den orientalischen Romanen, die in des ägyptischen Josephs Geschichte nichts als die unwiderstehbare Macht der Schönheit des Mannes aufs Herz des Weibes darzustellen suchen.
4Hier vergleicht Hafis seine Verse mit Perlen, die er durchbohret, um sie an der goldnen Schnur des Liedes anzureihen; auch die Plejaden sind Perlen, Perlen des Himmels, aber höchstens gut genug, um auf die Perlen des Liedes ausgestreut zu werden.
IX.
Sage, Morgenwind, mit Schmeicheln
Jener lieblichen Gazelle,
Auf die Berge, in die Wüsten
Hat die Liebe mich getrieben.
Warum frägt der Zuckerhändler
(Herr, erhalte ihm das Leben)
Warum frägt er nicht ums Wohlsein
Seines Zucker-Papageies?
Wenn du bei dem Liebchen sitzest,
Wein an seiner Seite trinkest,
O erinnre dich der Freunde,
Die umher gleich Winden irren.
Wisse, Rose, dir geziemt es
Nicht so stolz zu sein auf Schönheit,
Dass aus Stolz du nach der irren
Nachtigall nicht einmal fragest.
Nur mit guter Art und Weise
Wirst du den Geliebten fangen,
Denn es gehen kluge Vögel
Nicht ins Netz und in die Schlinge.
Wer belehrt mich, warum diese
Dunkeln Augen, hohe Formen,
Diese vollen Mondsgesichter
Mir so gar nicht hold sein wollen!
Deiner Schönheit fänd’ ich wahrlich
Gar nichts anders auszusetzen,
Als dass insgemein die Schönen
Nichts von Treu’ und Liebe wissen.
Für den Umgang mit den Freunden,
Für die Gunst des Glückes dankbar,
Sei auch eingedenk der Fremden,
Die durch Heid’ und Wüsten streifen.
Was ists Wunder, wenn im Himmel,
Durch Hafisens Lied gewecket,
Zu dem Lautenspiele Suhres1
Der Messias Reigen tanzet?2
1Suhre oder Sohre auf Arabisch, auf Persisch Nahid (Anaitis), der weibliche Genius des Morgen- oder Abendsterns, ehemals ein tugendhaftes Weib auf Erden, welches die in menschlicher Gestalt die Erde durchpilgernden Engel Harut und Marut umsonst zu verführen sich bemühten. Diese wurden zur Strafe in einem Brunnen bei Babylon an den Füßen in Ketten aufgehangen, Suhre aber zur Belohnung ihrer Tugend unter die Sterne versetzet, wo sie als himmlische Venus auf der Laute die Melodien spielt, nach denen die Sphären tanzen.
2Der Messias oder nach Sudi Hasreti Issa, der Herr Jesus.
X.
Unser Scheich wallte gestern
Aus dem Bethaus in die Schenke.
O ihr frommen Männer, saget,
Was ist uns forthin zu raten?
Wie doch können wir, die Jünger,
Das Gesicht zur Kaaba wenden,
Wenn der alte Vater Scheich
Selber in die Schenke gehet!
Ei so lasset mit dem Wirte
Uns gemeine Sache machen!
Denn so wars von Ewigkeiten
In das Schicksalsbuch geschrieben.
Sieh, ein Windhauch in die Locken
Hat die Welt für mich verfinstert!
Dieses also ist der Nutzen,
Den mir deine Locken bringen.
Ruhe hatte sich mein Herz
In dem Netze aufgefangen,
Sieh, da rollten auf die Locken,
Und entflohen war die Beute.
Wüsste der Verstand, wie selig
Herzen in den Locken ruhen,
O! es würden die Verständ’gen
Unsrer Bande wegen närrisch.
Einen Vers vom Schönheitskoran
Hat mir dein Gesicht enthüllet.
Deshalb atmen meine Verse
Hohe Schönheit, reine Anmut.
Können meine Feuerseufzer
Und die Gluten meines Busens,
So die ganze Nacht durch brennen,
Nicht dein steinern Herz bewegen!
Sieh, Hafisens Seufzer-Pfeile
Sind zum Himmel aufgeflogen,
Haben Mitleid mit demselben,
Fürchte dich vor meinen Pfeilen.
XI.
Wer überbringet das Gesuch
Den Freunden des Sultanes?
Vom Bettler wende nicht den Blick,
Für deine Herrschaft dankbar.
Ich flücht’ vom Nebenbuhler, der
Des Teufels ist, ich flüchte
Zu meinem Gott, vielleicht dass Er
Durchs Feuer ihn verzehret.
Du steckst die ganze Welt in Brand,
Wenn deine Wangen leuchten,
Sag an, was hast du denn davon,
Dass du nicht milder herrschest?
Geliebte, was für Formen sind
Dem Liebenden erschienen!
Welch ein Gesicht, dem Monde gleich,
Und Wuchs, gleich der Zypresse!
Ich hoffe ganze Nächte lang,
Dass mit dem Hauch des Morgens
Mir eine Kunde kommen wird
Von meinen trauten Freunden.
Wenn deine schwarzen Wimpern dir
Zum Blutvergießen winken,
So denke, dass sie Schelme sind,
Lass dich ja nicht verführen.
Es blutet längst mein armes Herz
Durch deine Zauberaugen.
O meine Teure, blicke her,
Wie du mich hast ermordet!
Hafis! wenn jetzt im Trennungsstand
Dein Herz sich schon verblutet,
Was harret sein, wenn einst Genuss
Dasselbe soll beglücken.
XII.
Wo ist, was recht und gut ist, wo?
Wo ich Betrunkener, wo?
Ha! Welch ein Unterschied ist nicht
Im Weg von wo zu wo!
Wie reimet sich die Trunkenheit
Mit der Schamhaftigkeit?
Wo ist das Wort des Predigers,
Schalmei’ngetöne, wo?
Die Zelle und das Gleisnerkleid
Verließ schon längst mein Herz;
Wo ist der wackre alte Wirt
Und reiner Nektar, wo?
Ach! des Genusses Tag ist hin,
Gesegnet sei er mir!
Wo ist die süße Schmeichelei
Des Liebchens Zürnen, wo?
Ach! Was versteht vom Angesicht
Des Freunds, des Feindes Herz!
Wo ist ein ausgelöschtes Licht,
Und Sonnenschimmer, wo?
Weil deiner Türe Schwellenstaub
Des Auges Schminke wird,
So sage, wo ich bleiben soll
Vor dieser Türe, wo?
Betrachte nicht ihr Apfelkinn!
Im Wege liegt ein Brunn,
Wohin mit dieser Last mein Herz?
Wo wirst du halten, wo?
XIII.
Ich und mein Herz, du weißt, wir bleiben getrennt vom Geliebten.
O wie lange noch raubt feindliches Los mir mein Glück!
Meine Wimpern, sie sollen den Fuß mit Tränen vergolden,
Welcher mir Kunde bringt, freundliche Kunde von dir.
Lange schon hab’ ich gebetet, du heb’ nun die Hände zum Beten.
Treue weich’ nicht von dir; Gott, mein Beschirmer, ist nah.
Würde mein Haupt von der Welt mit Schwertern und Kolben geschlagen,
Nimmer schlüge man mir Treue für dich aus dem Haupt.
Dir ists bewusst, dass der Himmel mit jedem erneuerten Schwure
Gegen unseren Bund Hass und Erbitterung mehrt.
Wenn gleich Schicksal und Welt uns beide mit Unrecht bedrängen,
So verschaffet uns doch unser Beschützer einst Recht.
O es kommt noch ein Tag, wo der Freund mit Wohlsein zurückkehrt;
Froher, seliger Tag! Kommt er mit Wohlsein zurück!
Deine Gedichte, Hafis, beschämen die Blätter der Rose,
Weil sie atmen das Lob rosiger Wangen des Freunds.
XIV.
Seit deine Schönheit dem Verliebten
Die Hoffnung zum Genusse gab,
Hat sich mein Herz und meine Seele
Gestürzet in dein Mal und Haar.
Solch Qual und Leiden, als Verliebte
Erfahren von der Hand der Flucht,
Solch Qual und Leiden hat erlitten
Die Märt’rerschar von Karbela.1
Wenn sich mein Türke selbst betrinket
Und meine Seele trunken macht,
So ist es meine Pflicht vor allen
Auf Nüchternheit Verzicht zu tun.
Die Frühlingstage und die Jugend,
Die Zeit der Freude und des Weins,
Vier Tage sind es nur, o wehe!
Benütze die Gelegenheit.
Hafis! Wenns dir vielleicht gelinget
Den Fuß zu küssen deines Schahs2
So bist du in den beiden Welten
Erhöht mit Herrlichkeit und Macht.
1Die siebzig Gefährten Hosseins, die in der Schlacht von Karbela mit ihm teils erschlagen wurden, teils aus Durst umkamen. Überall, wo morgenländische Dichter auf brennende Sehnsucht und heißen Durst anspielen, werden diese Märtyrer in Anspruch genommen. Deshalb geschieht ihrer nirgends so häufig Erwähnung als in den Aufschriften der Brunnen und Fontänen. So sind die Durstigen zur Ehre gekommen, die Beschützer der öffentlichen Wasseranstalten zu sein, wie die Siebenschläfer zur Ehre des Patronats der otomanischen Seemacht.
2Der Schah, das ist der Geliebte.
XV.
Gnädig bist du, wenn du
Nicht verwehrst dem armen Harut,
Dass er nach Verlangen
Schau ins Auge seinem Marut.1
Von der Liebe Leiden –
Bin ich überhäuft wie Harut,
Wollte Gott, ich hätte
Nie gesehen meinen Marut!
In des Kinnes Grübchen
Wäre nicht gefallen Harut,
Hätte nicht entlehnet
Deiner Schönheit Schatten Marut.
Rosen blühn, ihr Peris,
Kommet auf die Fluren Haruts;
Nachtigallen singen,
Trunken von dem Auge Maruts.
Qual und Leiden
Kostet mich die lange Trennung,
Zeig’ dich gnädig, dass einst
Auch Hafis dein Antlitz sehe!
1Harut und Marut, zwei Engel, welche, von Gott auf die Erde gesandt, Menschentöchter verführten und dann selbst gegeneinander in Liebe entbrannten; Suhre (Venus), ein tugendhaftes Weib, das ihre Anträge zurückgewiesen hatte, ward zur Belohnung für ihre Tugend in den Himmel versetzt, wo sie im Morgenstern die Laute spielt zum Reigen der Sterne. Harut und Marut aber wurden zur Strafe ihrer Missetaten in einem Brunnen bei Babel bei den Füßen aufgehängt, wo sie bis ans Ende der Welt so hängen bleiben, unterdessen aber allen, die sich dem Brunnen nahen und mit ihnen sich unterhalten wollen, in der Zauberei Unterricht geben; aus dieser sonderbaren Mythe fließen die häufigen Anspielungen in den erotischen persischen Gedichten, wo bald der Zauberreiz des Geliebten nur der Zauberkraft dieser beiden gefallenen Engel, und bald das Kinngrübchen mit dem Brunnen, in dem sie aufgehänget sind, verglichen wird.
AUS: DER BUCHSTABE BE
I.
Ich sprach zu dem Schah der Schönen:
Erbarme dich dieses Fremden,
Er sagte: Wohl mögen im Sinn
Verirren sich die Fremden.
Ich sagte: Verweil’ ein wenig,
Er sprach: Halt mich entschuldigt;
Was kümmert uns Kinder vom Haus
Der Gram von solchen Fremden!
Wer königlich hingebettet
Auf Hermelinen lieget,
Der kennet nicht Kissen aus Stein,
Das Dornenbett des Fremden.
O du, in den Ketten dessen
So viele Freunde schmachten,
Es schickt sich das Mal zum Gesicht
Gar schön gleich einem Fremden.
Es scheinen die feinen Haare
Auf deinen Wangen fremde,
Doch sollte auf Sinas Gemälden
Der Haarstrich nicht befremden.
Auf deinem Gesicht erscheinet
Der Widerglanz des Weines,
Wie Purpurblüh’ lieblich erscheinet
Auf der Narziss’ der Fremden.
Ich sprach zu dem Abend: Schwarz ist
Dein Haar, dem Fremde huldigen,
Mit Rechte beklagen sich dann
Zur Morgenzeit die Fremden.
Es sprach zu sich selbst der Dichter,
Bekannte werden irre;
So minder dann darf dich befremden
Der Gram und Schmerz der Fremden.
II.
Schon lächelt der Morgen,
Und Wolken ziehn her,
Den Wein! den Wein! Ihr Freunde!
Auf Wangen der Tulpen
Entglänzet der Tau,
Den Trunk! den Trunk! Ihr Freunde!
Es wehet von Fluren
Edenischer Hauch;
Verbergt den reinen Wein nicht.
Schon sitzet die Rose
Auf smaragdenem Thron,
Bring feurige Rubinen.
Versperrt ist die Schenke,
Ein anderes Mal
O tut euch auf, ihr Pforten! 1
In Tagen des Frühlings
Ist’s wunderlich doch
So bald das Tor zu schließen!
Es bleibt den Rubinen
Des Mundes ihr Recht
Auf die verbrannten Busen.
Hafis, du vor allem,
Bekümmere dich nicht,
Das Los wird sich entschleiern.
1Eine Parodie eines Spruches, der gewöhnlich über den Eingang und die Türe geschrieben wird und so heißt:
Ja mufettihol – eburab iftah lena elbab bilchair.
O Eröffner der Pforten! Eröffne die Pforte mit Segen.
III.
Seht! wie der Morgen lacht! o reich’t statt der Sonne den Becher!
Jetzt ist die Zeit! o reichet den Wein her!
Einsam im Haus! Ein freundlicher Schenk, ein lieblicher Sänger!
Tage der Lust, des Bechers, der Jugend!
Unser Gemüt zu erfreuen und die Schönheit des Festes zu schmücken,
Ziemen zum Gold nur geschmolzne Rubinen?1
Liebling und Sänger reichen die Hand, die Trunkenen tanzen,
Schenkengekos’ macht schlaflos die Trinker.
Wir sind allein, und sicher ists hier im Zirkel der Trauten,
Offen sind nur die Tore der Wollust.
Kundig der Anmut des Weins verbarg die Natur, die gewandte,
Rosenwasser ins tiefste der Blätter,
Seit dass meinem Mond die Perlen Hafisens gefallen,
Horchet selbst Suhre den Tönen der Laute.
1Anspielung auf den Rubinenbecher Dschemschids, aus dem die alten persischen Könige am Neujahrsfeste am ersten Tage des Frühlings der zurückkehrenden Sonne Heil und Segen zutranken.
Ein schönes Epigramm, das roten Wein mit Onyx vergleicht, findet sich in der persischen Anthologie, S. 61, von Rüdegi:
Wer immer sieht den onyxfarben Wein
Hält ihn für Onyx auf den ersten Schein.
Und beide sind ein wahrer Edelstein.
Der eine flüss’ge, jener eine harte Spende;
Wer diesen kaum berührt, färbt sich damit die Hände,
Wer ihn gekostet kaum, fühlt ihn im Kopf behende.
IV.
Der Garten deines Genusses
Verleiht dem Paradiese Glanz.
Das Feuer deiner Entfernung
Entflammt der Hölle Glut.
Zu deinem Gesichte und Wuchse
Hat sich geflüchtet Edens Flur,
Von Tag zu Tage vermehre
Sich ihrer Schönheit Preis!
Wie Quellen fließet mein Auge
Die ganze lange Nacht hindurch,
Und schaut das Bild der Narzisse
In deinem Aug’, im Traum.
Der Frühling hat die Reize
Von deiner Schönheit nur erklärt,
Das Paradies erinnert
Mit jedem Schritt an dich.
Mein armes Herz – es verbrennet,
Und nicht erreicht es seinen Wunsch.
Wär’ sein Verlangen gestillet,
Nicht weinen würd’ es Blut.
Dein Mund erfordert mit Rechte
Von mir das Brand- und Wundengeld.
Du hast die Brust mir verwundet,
Er hat mein Herz verbrannt.
Glaub’ nicht, es seien Verliebte,
Zu unsrer Zeit allein berauscht,
Hast du von frommen Betrachtern,
Die trunken, nichts gehört?
Ha, deine Lippen bezeugen,
Dass der Rubin ein Tropfen ist,
Der von den Gluten der Sonne
Zur Erde niederfällt.
Den Schleier zieh zurücke,
Wie lang wirst du dich noch verhüllen?
Was nützet dich der Schleier?
Zu was verbergen dich?
Dein Gesicht schaute die Rose,
Ha! da entglühte sie voll Scham,
Sie spürte deinen Geruch und
Zerfloss in Rosenwasser.
Aus Liebe deines Gesichtes
Stürzt in das Elend sich Hafis,
Bald wird er sterben, o komm!
Und finde Rettung auf.
Hafis, es gehe das Leben
Nicht ohne Früchte dir vorbei,
Bemüh’ dich und erkenne
Des Lebens großen Wert.
In unserer Prosa würde der Inhalt dieser Ode beiläufig so heißen:
1) Bin ich bei dir, so bin ich im Paradiese, bin ich ferne von dir, so bin ich in der Hölle.
2) Die Reize Edens huldigen den deinen.
3) Mein Auge weint die ganze Nacht aus Sehnsucht nach dem deinigen.
4) Die Schönheit des Frühlings ist ein bloßer Kommentar über die deinige, und die Freuden des Paradieses sind eine schwache Erinnerung gegen die, welche deine Liebe gewähret.
5) Mein Herz ist verbrannt, weil ihm sein heißester Wunsch nicht gewährt wird.
6) Da dein Mund ein wahrer Wüterich und Mordbrenner ist, so mag er freilich auch Kriegssteuer und Brandschatzung fordern.
7) Nicht nur Verliebte, sondern auch fromme Männer sind Trinker.
8) Wenn ihr zweifelt, dass der Rubin nichts als geschmolzene Sonnensglut sei, so seht nur die Lippen des Geliebten an.
9) Entschleiere dich.
10) Rosen entfliehen, weil du sie an Schönheit beschämest.
11) Und Hafis vergeht aus Liebe.
12) Er kennt den Wert des vergänglichen Lebens und will es benutzen.
AUS: DER BUCHSTABE TA
I.
Bei dem Geiste des Herrn, beim alten Recht und dem Bündnis
Schwör ich, es bleibet dein Heil immer mein Morgengebet.
Meine Tränen ergießen sich zwar wie vor Noe die Sündflut,
Aber des Busens Bild waschen sie nimmer hinweg.
Kauf mein zerschlagenes Herz, in tausend Stücke zerbrochen,
Ist es so viel als sonst tausend der anderen wert.
Schelte mich nicht der Trunkenheit, der Geleitsmann der Liebe
Hat mich seit Anbeginn selber zum Rausche gebracht.1
Sei gerad’, dann ersteiget die Sonne hell dem Gemüte,
Während die Dämmerung trügt, zeigt sie sich finster und schwarz.2
Nicht verwirf, o mein Herz, die Hoffnung der Gnade des Freundes.
Hast du mit Liebe geprahlt, tue Verzicht auf den Kopf.
Wahnsinn jagt mich um dich hinaus in Wüsten und Berge,
Meiner Ketten Last, ach, die erleichterst du nicht!
Ausgeschmält hat die Ameis’ Assafen, und wahrlich mit Rechte,3
Dass er verloren den Ring, dass er ihn nimmer gesucht,
Gräme dich nicht, Hafis! und hoffe von Schönen auf Treue,
Ist es des Ackers Schuld, wenn das Getreide nicht wächst?
1Am Tage, wo das ewige Schicksal die Bestimmung aller Menschen entschied, ward auch meine Neigung zum Trunke unwiderruflich entschieden.
2Im Persischen ein besonderes Wortspiel. Die erste Dämmerung heißt Subhi kasib, der trügende Morgen. Das Morgenlicht, auf welches unmittelbar der Aufgang der Sonne folgt, heißt Subhi sadik, der aufrichtige Morgen. Sei also aufrichtig, dann wird die Sonne aufgehen; bist du trügerisch wie die erste Dämmerung, so wird es auch in deinem Gemüte finster bleiben.
3Eine Anspielung auf die Geschichte der Ameise, die, nachdem alle Tiere mit Geschenken beladen vor dem Throne Salomons erschienen waren, auch einen Grashalm brachte. Assaf verlor das Siegel Salomons, dessen sich hernach ein Diwe bemächtigte und mit Hilfe desselben in Salomons Namen regierend die Völker täuschte. Das Siegel Salmons bedeutet hier die Lippen des Freundes, deren Genuss für jetzt verloren ist. Hafis will sich aber nicht die Nachlässigkeit des Großwesirs zu Schulden kommen lassen.
II.
Die Zelte meiner Augen
Sind deinem Aufenthalt geweiht,
O komm herab, sei gnädig,
Denn meine Wohnung ist dein Haus.
Des Mals, der Flaumen Anmut
Hat Weisen selbst das Herz geraubt
O sonderbare Weise,
Sie dienen dir statt Netz und Korn.
In dem Genuss der Rose
Erfreue dich, o Nachtigall!
Denn mit verliebten Klagen
Erfüllest du allein die Flur.
Die Heilung meines Herzens
Sei deinen Lippen heimgestellt,
Die Kräfte des Rubines
Sind deinem Schatze anvertraut.
Zwar bin ich nicht im Stande
Dir körperlich zu nah’n,
Doch bleibet meine Seele
Der Staub der Schwelle deines Tors.
Ich spende nicht an jedes
Verliebtes auch mein Seelengold,
Dein Siegel und dein Zeichen
Sind meinem Schatze aufgedrückt.
Mein holder süßer Ritter,
Woher nahmst du die selt’ne Kunst,
Dass du den Gaul des Himmels
Nach Wunsch mit deiner Geißel zähmst?
Wie soll denn ich Verliebter
Den tausend Künsten widerstehn,
Den Gaukelei’n, mit welchen
Du selbst den Himmel irreführst.
Es tanzen selbst die Sphären
Im lichten Harmonienkreis
Indem hiezu die Weise
Das süße Lied Hafisens spielt.
III.
Herz! du bist der Schleier Ihrer Liebe,
Aug’! du bist der Spiegel Ihres Glückes;
Bei den Welten neiget sich mein Kopf nicht,
Ihre Gnade beuget meinen Nacken.
Du und Tuba, ich und Wuchs der Freundin,1
Jeder denkt, was seinem Sinn gemäß ist.
Was kann mir in dem Hareme werden,2
Wo der Ost selbst vor der Türe stehet.
Ist mein Saum befleckt, was hat’s zu sagen,
Wenn die Welt von Ihrer Reinheit zeuget,
Hin sind Medschnun’s Tage, nun sind meine,3
Jeder kömmt fünf Tage an die Reihe;
Alles, Liebeherrschaft, Freudenschätze
Alles nur ein Seegen Ihres Glückes.
Sei ich selber, sei mein Herz geopfert,
Ists kein Schade, wenn nur Sie gesundet.
Meinem Auge sei Ihr Bild nie ferne,
Denn Ihr Kämmerlein ist dieser Winkel.4
Frische Rosen die der Flur entblühen
Blühen glänzend, duften wie Ihr Umgang.
Schaut nicht auf Hafisens äußre Armut,
Denn sein Busen ist der Schatz der Liebe.
1Du frommer Scheich denkst an den Baum des Paradieses Tuba, ich Profaner auf den Wuchs der Freundin. Jedem das Seinige.
2Wie kann denn ich hoffen in ihren Harem zu kommen, wozu selbst jedem Lüftchen der Eingang verwehret ist.
3Medschnun, das Ideal eines unglücklich Liebenden.
4Dieser Winkel meines Auges.
IV.
Mein Kopf und Willen fügen sich
Zur Schwelle meiner Freundin,
Was über meinen Kopf ergeht,
Ergeht nach Ihrem Willen.
Ich schaute Ihresgleichen nicht,
Wiewohl dem Mond der Sonne,
Den Spiegel ich entgegenhielt
Bloß des Vergleiches willen.
Was kann der Ostwind von der Qual
Des armen Herzens sagen?
Es ist verwickelt Blatt in Blatt
Wie eine Rosenknospe.
In dieser trunknen bösen Welt,
Sind außer mir noch Trunkne;
Gar viele Köpfe sind allhier
Geformt aus Ton der Kanne;1
Vielleicht hast du mit einem Kamm
Dein Ambrahaar durchfahren,
Weil Moschusduft im Ostwind haucht
Und Ambra aus der Erde.
Ein jedes Rosenblatt der Flur
Sei deiner Wangen Streue,
Und die Zypressen an dem Fluss
Ein Opfer deines Wuchses!
Die Sprach’ und Redekunst verstummet,
Soll sie die Sehnsucht schildern,
Wie könnte das, der Feder Rohr,
Das schwätzende, gespaltne!
Dein Angesicht kam in mein Herz,
Nun wird mein Wunsch erfüllet,
Denn gute Dinge folgen stets
Auf gute Vorbedeutung.
Es fiel Hafisens Herz nicht jetzt
Ins Feuer der Begierde,
Von ewig her ist dein Gesicht
Gebrannt wie eine Tulpe.2
1Der Ton, aus dem Weinkannen geformt werden, war von Ewigkeit her bestimmt zu trinken. Trunkenbolde sind auch aus solchem Ton geformet.
2Tulpen sind von Natur aus mit Brandmalen gezeichnet, so ist Hafisen von Ewigkeit her das Feuermal der Liebe auf die Stirne eingebrannt.
V.
Schau den Schwarzen nur an,
Der die Welt versüßt!
Augen glühen, Lippen lachen
Herzen sind fröhlich durch ihn.
Zuckermündige sind
Zwar die Herr’n der Welt,
Aber Salomon ist jener,
Welcher den Siegelring hat.
Dieses schwärzliche Mal
Auf den weißen Wangen,
Lehrt uns, dieses sei das Körnlein,
Welches einst Adam verführt.1
Weise sinnet der Freund,
Freunde helft bei Gott!
Wie wird’s gehen dem wunden Herzen?
Denn die Arznei ist bei Ihm.
Er ist schön von Gesicht.
Rein und tugendvoll.
Beider Welten reine Seelen
Geben darum ihm Geleit.
Wem kann ich es vertrauen?
Dieser Mörder hat
Mich erschlagen, ob er gleich den
Hauch des Messias besitzet.
Zähle deinen Hafis
Stets den Frommen zu,
Denn es wandeln viele Geister
Seliger Freunde mit ihm.
1Nach der Sage der Islams war die Frucht, durch welche Adam das Paradies verlor, nicht ein Apfel, sondern ein Weizenkorn. Hafis vergleicht damit das Mal des Geliebten, das auch auf den ersten Anblick alle Ruhe und Glückseligkeit raubet.
VIII.
Fordre ja nicht von mir Trunknem
Pflichterfüllung, gute Werke,
Denn am Tage der Bestimmung
Ward zum Becher ich bestimmet.
Seit ich an dem Quell der Liebe
Mich nach Brauch gewaschen habe,
Hab’ ich ja mit einem Worte
Allem Übrigen entsaget.
Gib mir Wein, dass vom Geheimnis
Meines Loses ich dir sage,
Welches Angesicht ich liebe,
Welcher Duft mich trunken machte.
Berge trugen diese Lasten
Nicht so sicher wie die Ameis’.
Trinker, du verzweifle niemals
An der Pforte der Erbarmung.
Ausser dem Narzissenauge
(Gott bewahr’s vor bösen Augen)
Hat im blauen Himmelskreise
Alles seine Ruh’ verloren.
Willig werde meine Seele
Deinem Munde hingeopfert,
In der Garten schöner Ansicht
Blühet keine schönre Knospe.
Deine Liebe hat Hafisen
Salomonen gleich gemacht,
Denn es bleibt ihm vom Genusse
Nichts als Wind in leeren Händen.
IX.
Gut ist, was auf dem Pfad des Gemüts vor Betrachtenden herzieht,
Auf geradem Weg’ hat sich noch keiner verirrt.
Wunderlich ist das Spiel, wir wollen den Bauern nur ziehen,
Denn auf diesem Feld zieht der Betrunk’ne nicht Schah.
Kennt ihr das hohe Gewölb mit vielen seltnen Gemälden?
Noch hat auf der Welt keiner das Rätsel gelöst.
Freilich begreifet mich nicht der außen frömmelnde Klausner;
Ihm verarge ich nichts, was er auch über mich sagt.
Was für Ergebung, o Herr, und Dulden vergleicht sich mit meinem?
Sieh, mir blutet das Herz, und es entflieht mir kein Ach!
Unser Wesir fehlt wider den Stil und die Formen des Diwans,1
Denn die Formel durch Gott fehlet auf seinem Ferman.
Komme, wer will, und jeglicher sprech’ nach seinem Belieben
Freundlich und liebreich sind Pförtner und Hüter des Tors.
Steht es nicht recht, so ist an meinem Wuchse der Fehler;
Denn es ist dein Kleid keinem der andern zu kurz.
In die Schenke geht ein, Ihr Reinen von Herzen und Geiste,
Prahler und Gleisner gehört nicht auf der Trunkenen Weg.
Dienen will ich dem Herrn, der mir beständig gewogen,
Nicht wie der Klausner und Scheich, bald mir gewogen, bald nicht.
Ehrenstellen verschmäht Hafis aus höherem Sinne:
Gold und Ehre reizt liebende Herzen nicht viel.
1Hisbet lillah, eine Formel, die dem Wir durch Gottes Gnaden entspricht und oben auf die Briefe oder Kanzleibefehle gesetzt wird. Unser Wesir hat die Formel vergessen, seine Befehle sind ungültig; d.i. mein Geliebter handelt nicht nach Recht und Billigkeit.
XII.
O Morgenwind, gehst du vorbei
Beim Aufenthalt der Freundin,
Bring einen Hauch vom Wohlgeruch
Des Ambrahaars der Freundin.
Bei ihrer Seel’! ich will aus Dank
Die meinige verstreuen,
Wenn du zu mir die Kunde bringst
Vom Busenschnee der Freundin.
Ich bin ein Bettler! – Ihr Genuss!
O wehe der Verwirrung!
Vielleicht kann ich im Traume sehn
Das schöne Bild der Freundin.
Es zittert auf mein hohes Herz
Wie Weiden leicht beweglich,
Aus Sehnsucht nach dem hohen Wuchs
Der Pinie der Freundin.
Wiewohl die Freundin mich für nichts
Erkaufet hat zum Sklaven,
So geb’ ich doch um eine Welt
Kein Haar vom Kopf der Freundin.
Was nützt es wohl, wenn auch das Herz
Hafisens frei vom Gram ist,
Er bleibet doch der treue Knecht,
Er bleibt der Sklav’ der Freundin.
XIII.
Komm! es ruht der Palast der Hoffnung auf lustigen Pfeilern,
Komm und bringe mir Wein, unsere Tage sind Wind.
Gerne weih’ ich als Sklav mich jenem mutigen Geiste,
Der auf der weiten Welt aller Verbindung entsagt.
Soll ich dir sagen, wie gestern der Lichtbot’ himmlischer Freuden
In die Schenke zu mir heimliche Kunde gebracht.
O hochfliegender Falk’! du wohnst auf dem Baume des Lebens,
Dieser Winkel des Grams ziemet dir übel zum Nest.
Horch! sie rufen auf dich herab von den Zinnen des Himmels,
Wahrlich, ich weiß nicht, was hier in dem Netze dich hält.
Ich erteile dir Rat, merk ihn und handle nach solchem,
Denn ich habe das Wort selber vom Meister gelernt.
Such nicht Glauben und Treu’ bei der Welt der leichtfertigen Dirne,
Tausend Werber ja hat diese verrufene Braut.
Kümmere dich nicht um die Welt, und meine Lehren vergiss nicht;
Diesen verliebten Scherz ließ mir ein Wandrer zurück.
Gib dich in das, was geschehn, enthülle die Stirne von Locken,
Weder mir noch dir hat man gegeben die Wahl.
Weder Dauer noch Treu’ bezeichnet das Lächeln der Rose
Liebende Nachtigall, klag’! Stoffes zu Klagen genug!
Was beneidest du Hafisens strömende Verse?
Wiss’, es hat ihm ein Gott Anmut der Rede verliehn.
XVII.
Der Garten Edens ist die Zelle der Derwische.
Es quillt ein Ehrenquell im Dienste der Derwische.
Der Schatz der Einsamkeit mit feinem Talisman
Wird nur gehoben durch die Blicke der Derwische.
Die Sonne legt die Krone ihres Stolzes nieder,
Vor jenem Scheine, der umstrahlet die Derwische.
Des Himmels herrlichster Palast mit seinem Hüter
Ist nur ein Schatten von den Fluren der Derwische.
Der Stein der Weisen, der durch Glanz des Herzens Eisen
In Gold verkehrt, liegt in dem Umgang der Derwische.
Das Heer des Unrechts ist von Pol zu Pol gelagert,
Allein des Siegs Gelegenheit ist für Derwische.
Suchst du die Herrschaft, die kein Untergang bedrohet,
Hör’s ohne Groll, dies ist die Herrschaft der Derwische.
Chosroen sind der Nöten und der Bitten Kibla,1
Warum? Sie selber sind die Diener der Derwische.
O Reicher, prahle nicht mit deinem Glanz und Stolze;
Denn Gold und Silber ist ein Segen der Derwische.
Der Schatz Karuns er ging zu Grund’ im Grimme Gottes,
Wie die Geschichten sagen, aus Missgunst der Derwische.2
Des Wunsches Angesicht, um das die Schönen flehen,
Erscheint im Spiegel vor dem Antlitz der Derwische.
Ich bin der Knecht des Blicks, des Großwesirs der Zeiten,
Es hat der Schahe Art, die Sitte der Derwische.
Hafis! Verlangest du des ewigen Lebens Wasser?
Es quillt im Pfortenstaub der Zelle der Derwische.
Hafis, hier sei bescheiden, denn des Reiches Herrschaft
Hängt ab vom Dienst, den du verrichtest für Derwische.
1Chosroen, der Plural von Chosroes, die Könige und Kaiser; sie sind die Kibla der Bitten, wohin sich alle Gesichter beim Beten wenden; sie sinds bloß darum, weil sie die Derwische ehren.
2Karun, der überreiche Ägypter, dessen Schätze unter dem See, der seinen Namen trägt, begraben liegen.
XX.
Geh zu deinem Geschäft, o Prediger, lasse das Lärmen,
Mein verirrtes Herz, sage, was geht es dich an!
Jene Mitte des Leibs, die Gott aus nichts hat erschaffen,
Ist ein kitzliger Punkt, keinem zu lösen verliehn.1
Nicht acht Himmel bedürfen in deinem Dorfe die Bettler.2
Sklaven deines Haars sind die Gefreiten der Welt.
Zwar durch den Rausch der Liebe bin ich schon gänzlich zerstöret,
Aber mein Dasein blüht aus der Zerstörung hervor.
Jamm’re nicht, Herz, und klage nicht über die Härte der Freundin,
Was sie dir zuerkannt, alles ist billig und recht.
Bis ich nicht meinen Wunsch an ihren Lippen erreiche,
Ist der Rat der Welt meinem Gehör wie Wind.
Gehe, Hafis, und lies nicht Zauberformeln und Wünsche,
Ähnliche Zauberein kennt zur Genüge mein Herz.
1Das Liebchen hat eine Taille, fein wie ein Punkt, um die Mitte des Leibes, den der Gürtel umschließt; den Gürtel zu lösen, ist ein kitzliger Punkt.
2Die Mohammedaner haben die ursprügliche Siebenzahl der Paradiese bloß deshalb in acht verwandelt, um zu zeigen, dass Gottes Barmherzigkeit größer sei als seine strafende Gerechtigkeit, denn da es sieben Höllen gibt, so meinen sie, dass es wenigstens acht Himmel geben müsse. Übrigens liegen diesen acht Himmeln vielleicht auch die acht Seligkeiten der christlichen Lehre zu Grunde.
XXIV.
Die rote Rose blühet auf,
Die Nachtigall ist trunken,
Nun lasst dem Trinken freien Lauf,
Ihr Weinverehrer!
Der Bau der Reu’, er schien so fest,
Als wär’ er ganz von Steine,
O seht, wie das kristallne Glas
Ihn schon zerschlagen.
Er bringet Wein, denn vor dem Thron
Der unsern Wunsch erhöret,
Gilt Weiser gleich und Trunkenbold
Und Fürst und Wächter.
Da ich einmal verlassen muss
Dies Gasthaus mit zwei Pforten,
So gilt es gleich, mein Lebenslauf
Sei hoch, sei niedrig.1
Es ist nicht möglich ohne Gram
Und ohne Leid zu leben,
Denn an dem Tag des Loses ward
Uns Leid beschieden.
Um Sein und Nichtsein sorg’ dich nicht,
Sei immer frohen Herzens,
Das Ende jeder Trefflichkeit
Ist die Vernichtung.
Die Pracht, Assaff, der Ostwindgaul,
Der Vögelsprache Kunde,2
Ist alles in den Wind zerstiebt
Und nützte nichts dem Herrn.
Du schwing dich vom geraden Weg
Nicht in die Luft mit Flügeln,
Der Pfeil fliegt in die Höh’ und fällt
Alsdann zur Erde.
Wie kann die Zunge deines Kiels
Dafür Hafisen danken,
Dass deine Worte stets von Mund
Zu Munde fliegen.
1Das Gasthaus mit zwei Pforten ist die Welt mit dem Ein- und Ausgang des Lebens und des Todes; eine wahre Karawanserei.
2Salomon hatte den Prachtliebenden Assaff zum Wesir, der Ostwind diente ihm als Pferd, er verstand der Vögel Sprache; doch nutzte ihm alles das nichts.
XXVI.
Ihre Locken ziehen tausend
Herzen durch ein einzig Härchen,
Und zu tausend Mitteln bleibet
Nirgends mehr ein Ausgang offen.
Dass aus Hoffnung des Geruches
Jeder seine Seele opfre,
Löset sie zwar auf die Locken,
Aber hält doch jeden ferne.
Weil der Vollmond meiner Schönen
Brauen trägt dem Neumond ähnlich,
Bald sich zeigt und bald verschwindet,
Bin zum Narren ich geworden.
Wein von mannigfachen Farben
Hat der Schenke eingeschenket,
Sieh die seltenen Gemälde,
Die er wunderbar bezeichnet!
Was hat dieses zu bedeuten?
Hat vielleicht im Hals der Flasche1
Sich das Rebenblut gestocket,
Weil sie sprudelt Glu, Glu, Glu!
Was für eine seltne Weise
Hat der Sänger angestimmet,
Dass die Frommen in Verzückung
Selbst ihr Ha und Hu vergessen!2
Weise, welche das Benehmen
Dieses falschen Weltlaufs sahen,
Haben sich zurückgezogen
Und kein Wörtchen mehr gesprochen.
Wer das Bittere der Liebe
Nicht genossen und Genuss wünscht,
Will das Pilgerkleid anziehen,3
Ohne sich vorher zu waschen.
1Die Flasche macht Glu, Glu, oder wie die persische Onomatopie es ausdrückt, Galgal, gleich einem Menschen, dem etwas im Halse stecken geblieben.
2Die Derwische schreien in der Ekstase ihrer mystischen Tänze Ha und Hu.
3Das Iram oder Pilgerkleid für die Wallfahrt nach Mekka kann nur nach vorhergegangener gesetzlicher Reinigung angelegt werden.
XXVII.
Gott hat deiner Augenbrauen
Schöne Formen gebunden,
Er hat meines Lebens Freude
An dein Lächeln gebunden.
Er hat mich und die Zypresse
In die Erde gesenket,1
Seit er den Narzissenstiel nach
Deinem Wuchse gebunden.
Hundert Herzensrosen werden
Durch den Ostwind eröffnet,
Die durch Sehnsucht verbunden.
Deine Banden trag’ ich, und der
Himmel ist es zufrieden,
Doch umsonst! der Faden ist an
Deinen Willen gebunden.
O zerdrück’ mein armes Herz nicht,
Wie den Beutel des Moschus,
Denn es ist mit deinen Locken
Kraft Verträgen verbunden.
Ach du schenkest auch andern Leben,
Zarter Hauch des Genusses,2
Sieh den Irrtum, sieh, ich glaubte
Mich an Treue gebunden.
Deiner Strenge müde sprach ich:
Aus der Stadt will ich fliehen,
Flieh Hafis, so sprachst du lächelnd,
Flieh, dein Fuß ist gebunden.
1Ich und Zypresse versinken in Staub aus Scham vor seinem Narzissenwuchse.
2Du bist der Hauch des Lebens, aber ach! du belebst nicht mich allein, sondern auch andre, du bist mir untreu.
XXVIII.
Heutigen Tags, wenn einen treuen Freund du wünschest,
Nimm den Becher voll Wein und das Schiff des Liedes.
Geh du allein, denn einzig ist der Pass der Rettung,
Nimm das Glas, denn es ersetzt nichts den Wert des Lebens.
Tätigkeit fehlt mir nicht, ich klag’ nicht ihren Mangel,
Mancher Weise besitzt Kenntnis ohne Werke.
Schau mit Vernunft auf diesen lärmenvollen Durchgang
Alle Größe der Welt wird dir eitel scheinen.
Auf den Genuss der Wangen hofft’ ich einst unendlich,
Doch es schneidet der Tod ab des Lebens Börse.
Greif um das Haar des Monds, und lass das Sternendeuten,
Von dem Neumonde Glück, vom Saturnus Unglück.
Unser Hafis kann nüchtern nie gefunden werden,
Denn betrunken ist er kraft des ewigen Loses.
XXIX.
Schwebt dein Bild mir vor den Augen,
Was kümmert mich das Trinken?
»Sei gefaßt« – so sprich zur Kanne –
»Denn die Schenke wird zerfallen.« –
Ist gleich in dem Rebensafte
Selbst das Paradies enthalten,
Gießt ihn weg! es sind Scherbete,
Ohne Mädchen mir die Hölle.
Weh! die Freundin ist entflohen,
Und in meiner Augen Tränen,
Sind die Formen Ihrer Schönheit
Zart auf Wasser hingemalet.
Wache auf, mein Auge! wache!
Wer auf diesem Posten schlummert,
Ist von der Gefahr des Stromes1
Keinen Augenblick gesichert.
Die Geliebte wollte ohne
Schleier hier vorüberwallen,
Aber sie sah Nebenbuhler,
Deshalb hat sie sich verschleiert.
Seit die Rose hat gesehen
Deines Wangentaues Anmut,
Sank, auf Eifersucht verbrennet,
Sie in Rosenwasser unter.2
In dem Winkel meines Hirnes
Such’ ich Rat und gute Lehren,
Denn du wirst darin von Zithern
Und von Lauten übertönet.
Was für eine hohe Straße
Ist die Straße deiner Liebe!
Denn der Ozean des Himmels
Ist nur Wasserschein dagegen!3
Täler grünen, Berge grünen,
Komm und lass uns an dem Wasser
Nicht mit leeren Händen sitzen,
Denn die Zeit zerrinnt wie Wasser.
Dein Gesicht hat in dem Herzen
Hundert Lichter angezündet,
Obgleich (das ist eben selten)
Hundert Schleier es verhüllen.
O du Flammenkorn der Herzen,
Ohne deiner Wangen Schimmer
Ist mein Herz, das an dem Feuer
Tanzte, längst in Staub verbrennet.
Immer sei Hafis betrunken,
Immer kos’ er liebeäugelnd,
Manche wunderliche Streiche
Ziemen in der Zeit der Jugend.
1Des Tränenstromes
2Die Eifersucht über die Anmut deiner feuchten Wangen hat der Rose Tropfen ausgepresst, und diese sind das Rosenwasser.
3Sirab. Der wie Wasser glänzende Dunst, der in Persiens und Arabiens Wüsten in den heißesten Tagen so oft die durstigen Karawanen täuschet. Die Franzosen nennen denselben mirage.
XXXIII.
Es ist zwar unverschämt, mit Tugenden
Sich vor dem Freunde zu prahlen,
O Zunge, schweig! Wiewohl du von
Reinem Arabischen strömst.
Des Angesichts Peri hat sich verstecket,
Aber der Dive des Auges
Hat mit des Staunens Flammen mich verbrannt.
Ei, wie das wunderbar ist!
Du frage nicht, warum des Himmels Kreis
Niedrige Seelen begünstigt?
Gerade Mangel des Verdienstes ist
Ihm der genügende Grund.
Fürwahr! Noch keiner brach auf dieser Flur
Ohne die Dornen die Rose,
Und in die Lampen des Propheten sprühen
Die Funken des Ebileheb.1
Ich kauf nicht um ein halbes Gerstenkorn
Kloster und Stiftsgebäu,
Der Schenke Bank ist meines Doms Gewölb,
Meine Behausung das Glas.
In unsrem Augenlichte glänzet hell
Tochter der Rebe! Dein Reiz
Bald hüllt des Glases Schleierkleid,
Bald Beerengewebe dich ein.
Wenn du für deinen Gram ein Mittel suchst,
Such, was die Herzen erfreuet.
Du findest es in Flaschen voll Wein
Und im sinesischen Glas.
Mein Meister! War ich eh’ nicht an Verstand,
Nicht eh’ an Tugenden reich?
Jetzt aber, da ich ganz betrunken bin,
Lieb’ ich den Mangel von Scham.
Den Wein bring her! Denn dieses Eine ist,
Welches Hafis sich erflehet,
Wenn er des Morgens lange Klage weinet,
Wenn er um Mitternacht fleht.
1Ebileheb, einer der heftigsten und gefährlichsten Feinde Mohammeds.
XXXVI.
Wiewohl der Wein die Herzen erfreut,
Wiewohl der Wind die Rosen verstreut,
So trink doch nicht zum Lautengetön,
Denn scharf ist der Wächter.
Wenn eine Flasche oder ein Freund
Von ungefähr zu Händen dir kommt,
So trinke mäßig und mit Verstand;
Die Zeiten sind böse.
In deinen Kuttenärmel hinein
Versteckest du mit Sorgfalt das Glas,
Sieh, unsre Zeiten träufen von Blut,
Wie das Auge der Flasche.
Mit Tränen will ich waschen hinweg
Aus meiner Kutte Flecken des Weins.
Wir leben in der Mäßigkeit Zeit,
In Tagen der Faste.
Der Weltlauf ist ein blutiger Stahl,
Sieh, nur als Tropfen fallen herab
Der Nuschirwane glänzendes Haupt,
Die Kron’ der Perwise.1
Verlange von den Zeiten nicht Ruh’,
Und tu Verzicht auf Güter der Welt,
Der reinste Wein von diesem Gefäß
Ist trübe wie Hefen.
Mit deinen Liedern hast du, Hafis,
Bisher erobert Fars und Irak,
Tebris und Bagda harren nun dein,
Die Reih’ ist an ihnen.
1Ein kühnes Bild. Die Tropfen, welche dem blutigen Schwert des Weltschicksals entlaufen sind, Häupter von Königen wie Nuschirwan und Kronen von Chasroen wie Perwis.
XXXVIII.
Du frommer Mann, verlästre nicht die Trinker,
Man schreibt die fremden Sünden nicht auf dich.
Ich sei nun böse oder gut. Sei ruhig,
Ein jeder erntet ein, was er gesät.
Auf Gottes Gnade lass mich nicht verzweifeln,
Was weißt du, wer verdammt, wer selig wird?
Es liebt den Freund der Nüchterne und Trunkne,
Moscheen und Kirchen sind der Liebe Haus.
Nicht ich allein fiel aus der Reinheit Zelle,
Mein Vater schon verlor das Paradies.
Den Kopf hab’ ich der Schenke übergeben,
Versteht’s der Neider nicht, sag’: neig’ den Kopf.
Schön ist das Paradies! Doch du genieße
Der Weide Schatten und den Rain der Flur.
Verlass dich nicht auf fromme Taten, weißt du,
Was dir des Buches Feder einstens schrieb.
Am Todestag, Hafis! Das Glas zum Munde
Dann fahrest du vom Mund zum Himmel auf.
Ist deine Neigung dies, o schöne Neigung!
Ist dieses dein Gebrauch, o guter Brauch!
Diese Ode ist eine Apologie wider die Beschuldigungen von Irreligion und Ketzerei, wozu Hafisens freie Lebensart häufigen Stoff gab. Der Geist der Duldung und Nachsicht wird empfohlen. Jeder gehe seinen Weg, ohne sich um den andern zu bekümmern, sagt der Dichter; ich kann nicht anders handeln, als ich handle, von Ewigkeit her war so meine Bestimmung.
XXXIX.
Jetzt, da edenischer Hauch
Vom Garten wehet,
Trennet mich nichts von dem Wein,
Von Himmelsmädchen.
Sollen die Bettler denn nicht
Mit Herrschaft prahlen,
Ist nicht der Himmel ihr Zelt,
Die Flur ihr Tanzsaal?
Jetzo erzählet die Flur
Des Mais Geschichten,
Wer sich mit Geld jetzt befängt,
Der ist nicht weise.
Frische dein Herz auf mit Wein!
Die Erd’ ist nur ein
Bau, zu dem unser Gebein
Den Mörtel hergibt.1
Suche beim Freunde nicht Treu’,
Sie ist erstorben,
Heiliges Feuer kömmt nicht
Aus Kirchenlampen.2
Du verschwärze mich nicht
Ob meinem Rausche.
Wem ist bekannt, was das Los
Schrieb auf die Stirne?
Wende die Schritte nicht ab
Vom Grab Hafisens;
Wenngleich in Sünden versenkt,
Harrt er des Himmels.3
1Wir sind Erde, aus dieser Erde brennt das Schicksal Kalk, um den Ruin der immer alternden und immer sich verjüngenden Natur aufzubauen. Mache diesen Mörtel also mit Wein an.
2Es wäre gerade so, meint Hafis, als wenn ein frommer Moslim das Licht seiner himmlischen Eingebungen aus einer christlichen Kirche holen wollte.
3Dies ist der Vers, der nach Hafisens Tod ihm die anfangs verweigerte Ehre des Begräbnisses verschaffte.
XL.
Aufs Paradies, o Klausner, lass
Verzicht uns tun,
Wir sind von Anfang her dazu
Nicht eingeschrieben.
Wer Gott zulieb’ auf dieser Welt
Kein Körnlein pflanzet,
Der wird mit keinem Körnlein auch
Des Daseins froh.
Dir ziemt Moschee und Rosenkranz,
Gebet und Tugend,
Und mir die Schenk’ und Glockenton
Und Kirch’ und Kloster.1
Du frommer Mann, o halte mich
Nicht ab vom Weine,
Es ward mein Staub am Schöpfungstag
Mit Wein geknetet.
Der ist kein Weiser, der verdient
Nicht Himmelsfreuden,
Wer in der Schenke nie sein Kleid
Für Wein verpfändet.
Wer seines Freundes Kleidersaum
Entschlüpfen lasset,
Wird Edenslust und Engelskuss
Nie recht genießen.
Hafis, wenn Gottes Gnade dich
Mit Gunst bezeichnet,
Scheu du die Hölle nicht, du bist
Des Himmels sicher.
1Hafis suchte seine Geliebten in christlichen Klöstern, wie noch heute häufig die Türken. Diese kennen sogar in den Zoten ihres chinesischen Schattenspieles keine gesalznere Posse, als wenn sie griechische Kelogeren und Popos vor den Augen der ernst zuschauenden Versammlung gewaltsam missbrauchen.
XLI.
In Bogenformen sind die Augenbrauen geworfen,
Den blut’gen Pfeil hast du damit auf mich geworfen.
Ob einer einzigen Liebkosung der Narzisse1
Hat dein Betrügeraug’ die ganze Welt zerworfen.
Es schämt sich der Jasmin, dass man ihn dir vergleichet,2
Er hat sich durch den Ost selbst Staub ins Maul geworfen.
Betrunken ging ich gestern auf der Flur vorüber,
Die Rose hat vom Mund mir Zweifel aufgeworfen.3
Die Veilchen kräuselten die Schelmenlocken,4
Da hat der Ost von deinem Haar das Wort geworfen.
Ich war enthaltsam, wusste nichts von Wein und Sänger,
Da hat die Knabenlust in beides mich geworfen.
Jetzt wasch’ ich ab mit rotem Wein die Ordenskutte;
Allein es wird das Los von mir nicht abgeworfen.
Man wusste von zwei Welten nichts, da war schon Liebe,
Die Zeit hat nicht erst heut dazu den Grund geworfen.
Zerstöret bin ich durch die Linien der Wangen,
Welch eine Feder hat, o Gott! den Riss entworfen?
Vielleicht ist die Zerstörung für Hafis ein Ausweg,
Ihm hat das Los den Wein des Wirtes zugeworfen.
Nun geht nach meinem Wunsch der Kreislauf dieses Glückes,
Es hat mich in den Dienst des Herrn der Welt geworfen.
1Die Narzisse unterstand sich, liebäugeln zu wollen, wie du; du zürntest dieser Vermessenheit und brachtest die ganze Welt in Aufruhr.
2Der Jasmin ist sehr beschämt durch die Vergleichung, die man zwischen ihm und dir anstellt, und aus Verdruss frisst er Staub, den er sich durch den Ostwind selbst ins Maul werfen lässt.
3Die Rose warf mir den Zweifel auf, ob ihre Blätter oder deine Wangen, ihre Knospen oder deine Lippen schöner seien.
4Die Veilchen kräuselten sich ganz ruhig das Haar, als der Ostwind den Duft des deinigen herbeiführte und sie alle in Unruh’ setzte.
XLII.
O Morgenwind, der Freundin Ruheplatz, wo ist er?
Der Wohnort dieses seltnen Monds,
Der die Verliebten mordet,
Wo ist er?
Die Nacht ist finster, vor uns liegt das Tal der Ruhe,
Wo ist das Feuer Sinais?1
Wo ist der verheißne Anblick?
Wo ist er?
Wer auf die Welt kömmt, trägt in sich Zerstörung,
Verstöret schauet er umher,
Und fragt, wo ist der Weise?
Wo ist er?2
Wer Liebe kundig ist, darf gute Kunde bringen,
Denn der Geheimnisse sind viel,
Wem wurden sie vertraut?
Wo ist er?
Mit jeder Spitze deines Haars hab’ ich viel tausend
Geschäfte abzutun, ha! wo
Bin ich? wo ist der Lästrer?
Wo ist er?
O bind’ mit deinem Haare den Verstand, er raset.
In einem Winkel sitzt mein Herz,
Wo ist der Brauen Bogen?
Wo ist er?
Bereitet sind der Wein, die Sänger und die Rosen,
Doch ohne den Geliebten wird
Kein Freudenfest bereitet.
Wo ist er?
Ich bin der Zelle und des Scheichs längst überdrüssig,
Wo ist der Christenknab’, mein Freund?
Wo ist der Ort des Weines?
Wo ist er?
Des Herbstwinds zürne nicht, vernünftig sollst du denken,
Hafis, wo ist der Rosenstrauch,
Der keine Dornen hat?
Wo ist er?
1Unter dem Feuer des Berges Sinai wird hier der Abglanz der Wangen verstanden.
2In dieser und der folgenden Strophe ist das persische Wortspiel zwischen charab und charabat, ischaret und bescharet durch Zerstörung und Verstörung, kundig und Kunde nachgeahmt.
XLIV.
Des Gartens fröhliche Flur,
Der Freunde Gespräch ist lieblich.
Den Rosenhainen Heil! sie sind für
Trinkende lieblich.
Das Morgenlüftchen erquickt
Die Seele mit frischen Düften,
Fürwahr, fürwahr! verliebter Seelen
Düfte sind lieblich.
Die Ros’ ist unaufgeknospt
Der Flur zu entfliehen willens,
O klag’ Bulbbul! der wunden Herzen
Klagen sind lieblich.
Viel Glück dem Sänger der Nacht
Im Liebesgebiet! die Klagen
Verliebter so die Nacht durchwachen
Dünken ihm lieblich.
Der freien Lilie Zung’1
Erteilte mir diese Kunde:
Der Leichtgeschürzten Tun auf dieser
Erden ist lieblich.
Vergnügten Herzens allhier
Ist keiner, und wird es einem,
So wird es nur dem Schelmischen und
Trunknen lieblich.
Der Welt entsagen Hafis,
Dies leitet zur Herzensfreude.
Du meine nicht, es sei der Stand der
Mächtigen lieblich.
1Die Lilie gilt unter den Blumen, so wie die Zypresse unter den Bäumen, für die Freie und Unabhängige; weil die eine und die andere hoch und frei aufschießt und der gerade Wuchs derselben von Ästen und Nebenzweigen frei ist. Saadi sagt: Sei wie Palmen, fruchtbar, oder sei wenigstens wie Zypressen, hoch und frei.
XLVI.
Der Gram ob der Geliebten hat die Brust verbrannt,
Das Feuer hat im Haus mein Kämmerlein verbrannt,
Mein Leib ist durch die Glut der Trennung ganz zerschmelzt;
Die Seele ist durch ihrer Wangen Glut verbrannt.
Wer je gesehen hat die Bande ihrers Haars,
Ward aus Begier zum Toren wie mein Herz gebrannt.
O schau die Brust! die Glut der Tränen meines Augs
Hat wie den Schmetterling aus Liebe mich verbrannt.
Mich wunderts nicht, dass Freunde meinethalben entglühen;
Denn Fremde sind, als ich von Sinnen kam, entbrannt.
Das Kleid der Eingezogenheit trug fort der Rausch,
Und des Verstandes Haus ward von dem Glas verbrannt.
Der Stein der Reue schlug des Herzens Glas entzwei;
Es kocht wie Wein und ist wie’s Wirtshaus abgebrannt.
Lass das Vergangne, komm zurück, mein Auge hat1
Die alten Kleider ausgezogen und verbrannt.
Hafis, lass diese Kosereien, trinke Wein!
Durch Kosen ist die Kerze, da ich schlief, verbrannt.
1Um dieses kühne Bild ganz zu fassen, ist es notwendig zu wissen, dass im Persischen der Augapfel merdümi tscheschm, d.i. der Augenmann oder Augenmensch heißt, als ob im Auge der ganze Mensch sich darstellte. Nun sagt Hafis: mein Augenmensch hat die alten Kleider ausgezogen und verbrannt, statt: ich habe den alten Menschen ausgezogen. Wo die Perser einen Mann sehen, dort der Grieche ein Mädchen, der Engländer nichts als eine Kugel, der Franzose eine Pflaume und der Deutsche einen Apfel.
XLVII.
Der Weise hat im Glanz des Weins
Verborgenes erkannt,
Denn es wird jedermanns Natur
Durch diese Perl’ erkannt.
Den Wert der Rose hat allein
Die Nachtigall erkannt;
Nicht jeder, der ein Blättchen liest,
Hat auch den Sinn erkannt.
Die beiden Welten bracht’ ich dar
Dem vielerfahrnen Herz;
Es hat nur deiner Liebe Wert,
Den Rest für nichts erkannt.
Die Rose und den Wein verkehrt
Durchs Anschaun in Rubin,1
Wer nur den wahren Wert des Hauchs
Der Seligkeit erkannt.
Vorbei ist nun die falsche Scham
Vom Angesicht des Volks,
Seitdem mich im Verborgenen
Der Wächter hat erkannt.2
Du, der vom Buche der Vernunft
Die Liebe lernen willst,
Ich fürchte, du hast diesen Punkt
Nicht, wie du sollst, erkannt.
Bring Wein! denn mit der Rose prahlt
Kein Mensch auf dieser Welt,
Der die Verwüstungen des Winds
Im Herbste hat erkannt.
Der Schöne meinte: dass für jetzt
Nicht Zeit zur Ruhe sei;
Deshalb hat er dem armen Geist,
Verläng’rung zuerkannt.3
Hafis hat diese Perlenschnur,
So die Natur ihm gab,
Für unleugbare Wirkungen
Der Held Assafs erkannt.4
1Der wahre Glaube bewegt Berge, wer den Wert überirdischer Dinge erkennt, kann durch bloßes Anschauen Rosen und Steine in Rubinen verwandeln.
2Was brauche ich mich noch vor den Leuten zu schämen, seitdem mich der Wächter im Verborgenen ertappt hat.
3Mein Geliebter hat mich auf die Hoffnung des Genusses angewiesen.
4Assaf, der Weise Salomons, worunter hier der Wesir Hadschi Kawameddin, Hafisens Mäzen, verstanden wird.
Der Blick seiner Huld verwandelt Staub in Perlen, wie durch Elixier der Chemiker Ton in Gold.
L.
Die Nachtigall hat in dem Mund
Ein Rosenblatt gehalten,
Und über dieses Blatt Genuss
Der Reden viel gehalten.
Ich sprach zu ihr: Was soll dies Lied,
Dies Klagen vom Genusse?
Sie sprach: es hat mein Liebchen mich
Mit Hoffnung hingehalten.
Wenn die Geliebte mich verschmäht,
So darf es mich nicht wundern;
Des Bettlers Umgang hat der Schah
Zur Unehr’ sich gehalten.
Der Freundin Schönheit bleibet stets
Den Bitten unzugänglich,
O glücklich, wer von Schönen hat
Ein bessres Los erhalten.
Steh auf! dass wir die Seele vor
Des Meisters Pinsel opfern,
Der die Gemälde dieser Welt
So meisterlich gehalten.1
Wenn du den Pfad der Liebe gehst,
Denk nicht auf bösen Namen,
Sein Kleid hat Scheich Sanaan2
Zum Weinglas hingehalten.
Wie däuchte ihm die Zeit so süß,
Dem Süßesten der Kalendere,3
Als er statt Kutt’ und Rosenkranz
Den Gürtel musste halten!
Ein Eden, unter dessen Flur 4
Die Ströme sich ergießen.
Es hat Hafis bisher dein Dach
Fürs Paradies gehalten.
1Preise den Schöpfer, der das Bild der Schöpfung so herrlich gemalet hat.
2Der Scheich Sanaan, ein alter, gar frommer und im Rufe der Heiligkeit stehender Mann, wallfahrtete mit siebenhundert Jüngern nach Mekka; erblickte aber unglücklicherweise auf dem Wege ein junges griechisches Mädchen, in das er sich verliebte und demselben zuliebe er nicht nur die Enthaltsamkeit, sondern auch den Glauben abschwor.
3Der süßeste der Kalendere, nämlich der Scheich Sanaan; wie deuchte es ihm so süß, statt der Kutte und des Rosenkranzes den gelösten Gürtel des Mädchens zu halten.
4Ein Text des Korans, wodurch das Paradies geschildert wird. Hafis sagt, dass er diesen Vers bisher auf die Wohnung des Geliebten gedeutet habe. Der arabische Text heißt: Tedschra tahtiha elenhar, d.i. unterhalb fließen Ströme. Der Morgenländer kennt in seinem brennenden Klima keine größere Wollust als Schatten und Quellen. Quellen und Schatten sind ihm das Vorbild paradiesischer Fluren. Nur bemerke man die geheimnisvolle Beziehung, die der Dichtergenius Mohammeds in die poetische Beschreibung seines Paradieses legt. Es ist kein gewöhnlicher Garten, von Bächen bewässert, sondern eine von dem Lebenshauche unsichtbarer Wasser beständig getränkte und frisch aufblühende Flur. Oben grünet das Leben und unten fallen die Ströme, deren Geräusch den Seligen mystische Worte zuspricht.
LII.
Ohne deinen Wangenglanz
Ist kein Tag für mich geblieben,
Nichts als eine finstre Nacht
Ist für mich zurückgeblieben.
Von dem vielen Tränennass,
So bei unsrer Trennung strömte,
Ist mein Auge ohne Licht
(Gott behüte dich!) geblieben.
Als dein Bild aus meinem Aug’
Scheidend wanderte, da sprach es:
Mir ist leid um diesen Ort,
Dass er leer und wüst geblieben.
Dein Genuss hielt meinen Tod
Fern bis jetzt von meinem Haupte,
Jetzt da wir getrennet sind,
Ist er nicht mehr fern geblieben.
Sieh! es nahet sich die Zeit,
Wo einst sagt mein Nebenbuhler:
Nah an deiner Tür ist krank
Der Verwiesene geblieben.
Was kann’s nützen, dass der Freund
Herzukommen sich bemühet,
Wenn in meinem Körper einst
Ist kein Odemzug geblieben.
Ach! ich weiß wohl, dass Geduld
Deiner Trennung Schmerzen lindert,
Aber zur Geduld ist mir
Keine Kraft zurückgeblieben.
Ob des Weinens und des Klagens
Kann Hafis nun nicht mehr lachen,
Dem, der Trauerkleider traget,
Ist kein Freudenkleid geblieben.
LV.
Der Liebe Weg ist unbegrenzt,
Die Seele wird dort aufgeopfert,
Sonst ist kein Mittel.
Erschreck’ mich nicht mit der Vernunft,
Bring Wein; denn nichts hat sie als Wächterin
Uns hier zu schaffen.
Wenn du dein Herz der Liebe gibst,
Ists gute Zeit und gute Dinge
Brauchen nicht Rat erst.
Dein Auge frag, wer mich erschlug,
Mein süßes Kind! dies kömmt nicht meinem
Schicksal zu Schulden.
Wie für den Neumond brauchts für Sie
Ein scharfes Auge, denn nicht jeder
Schauet den Mondkreis.1
Benütz’ die Trunkenheit mit Klugheit,
Der Weg dazu ist, wie ein Schatz, nicht
Jeglichem offen.
Hafisens Träne rührt dich nicht,
Bestaunenswürdig ist dein Herz, es
Weicht nicht dem Marmor.
1Um den neuen Mond, der den Monat der Faste anfängt und beschließt, zu beobachten, werden auf erhabenen Orten besondere Beobachtungen angestellt. Aber es braucht gute Augen, um denselben, sobald er sichtbar ist, wahrzunehmen; so ist es auch nicht jedem gegönnt, deinen Neumond, das ist deine Schönheitsform im Neulichte, zu schauen.
LVII.
Ein Wörtlein hörte ich, das Jakob einst gesagt,
Der Schmerz der Trennung von dem Freund wird nicht gesagt,
Was uns der Prediger vom jüngsten Tag erzählt,
Hat er als Gleichnis nur vom Tag der Flucht gesagt.
Wer gibt mir Kunde von dem fortgereisten Freund,
Der Ost hat alles so verwirret angesagt.
Vertreibt den alten Gram mit Wein, mit altem Wein,
Dies macht das Herz vergnügt, so hat der schlaue Greis gesagt.1
O weh! Der Freunde Feind, der liebelose Mond,
Hat ohne Müh’ den Freunden Lebewohl gesagt.
Ich will getrost, selbst Nebenbuhlern dankbar sein,
Mein Herz, gewohnt an Schmerz, hat Arznei’n entsagt.
Vertrau nicht auf den Wind, selbst wenn er günstig bläst.2
Dies Sprichwort hat zu Salomon der Ost gesagt.
Gibt dir das Schicksal Frist, verlasse nicht den Weg,
Wer sagt, dass eine Metze dem Betrug entsagt?3
Du frag nicht um Warum und Wie, ein treuer Knecht
Vollzieht ein jedes Werk, das ihm sein Sultan sagt.
Wer sagt, es sei Hafis von dir zurückgekehrt?
Ich nicht. Wer’s sprach, hat aus Verleumdung es gesagt.
1Der Alte von Kanaan, d.i. Jakob wie Joseph, der Mond von Kanaan.
2Diese Weisheitslehre musste also schon Salomon von seinem Reitpferd, dem Ostwind, anhören.
3Das Schicksal, die Welt, das Glück wird von den persischen Dichtern immer als ein betrügerisches altes Weib personifiziert. Das Letzte (wie ein persischer Dichter so schön es malet), nicht blind, hat ein Auge, aber nicht auf der Stirne, sondern auf dem Scheitel des Kopfes. Es tappt mit den Händen herum, um Menschen zu greifen, statt deren es aber meistens nur Esel greift, die es hinaufhebt bis zum Scheitel, um zu sehen, was es gegriffen. Sobald es sieht, dass es Esel statt Menschen sind, wirft es dieselben ferne von sich und greift dafür andre Esel.
LX.
Noch niemand sah dein Angesicht,
Doch harren dein schon tausend Nebenbuhler;
Noch in der Knospe harren dein
Schon tausend Nachtigallen.
Wenn ich mich deiner Wohnung nah’,
Was nimmt es dich, sprich, was nimmt es dich wunder?
Unendlich viel der Fremden gibts
Im Lande, die mir gleichen.
So weit bin ich von dir entfernt,
O möchte niemand sich von dir entfernen!
Doch des Genusses Hoffnung ist
Sehr nahe mir gelegen.
Die Kloster- und die Schenkenluft1
Sind wenig voneinander unterschieden,
Das Antlitz des Geliebten strahlt,
Wo immer es sich findet.
Wo frommer Zellen heilig Werk
Betrieben wird mit regem Geist und Eifer,
Dort tönt des Mönches Glockenschall,
Dort tönt des Kreuzes Name.
Ist ein Geliebter, welcher nicht
Den Liebenden des Anschauns würdig hielte?
Ich bin nicht krank, und wenn ichs bin,
So ist der Freund beihanden.
Hafisens Klagen um den Freund
Sind doch zuletzt nicht in den Wind gesprochen.
Sie sind ein altes Fabelbuch
Und eine Wundersage.
1Nicht nur die mystischen Kommentatoren Schemi und Saruri, sondern auch selbst Sudi meint, dass hier unter der Klosterliebe der Islam und unter der Schenkenliebe alle übrigen Religionen verstanden würden, und dass Hafis habe sagen wollen, es gelte gleich viel, Gott auf diese oder jene Art anzubeten. Dies wollen wir nun auch so verstanden wissen, obgleich die darauf folgenden Strophen zur Vermutung berechtigen, dass sowohl die Kloster- als auch die Schenkenliebe im eigentlichen Sinne genommen ist.
LXI.
In deinem Locken-Netz hat sich mein Herz verstricket,
Durchbohr’s mit einem Blick, es hat es wohl verdienet.
Wenn meines Herzens Wunsch von deinen Händen kommet,
Sei schnell, es ist das Gute hier an seinem Orte.
An deiner Seite schwör’ ich es, mein süßer Abgott,
Wie Kerzen will ich mich des Nachts für dich verbrennen.
Als du auf Liebe sannst, Bülbül, hab’ ich gesprochen:
Tu’s nicht, denn selbstisch sorgt die Rose ihretwegen.1
Der Moschus Sinas braucht nicht erst des Rosenduftes,2
Die Blase nimmt den Wohlgeruch vom eignen Kleide.
Geh nicht in den Palast empfindungsloser Herren,
Der Schatz des Heiles liegt zu deinen eignen Füßen.
Verbrannt ist zwar Hafis, allein im Bund der Liebe
Hält er stets fest, was Treue sich bedinget.
1Der durch das ganze Gasel laufende Reim ist chuischten est, d.i. selbst ist, durch dessen Beibehaltung das Deutsche hie und da vollends unverständlich geworden wäre, teils wegen der unnatürlichen Versetzung des Hilfszeitwortes, teils wegen der verschiedenen Bedeutung des persischen Chuischten, das nicht allein selbst, sondern auch sein Eigen bedeutet und hier bald in einem, bald in dem andern Sinne genommen wird.
2Moschus aus Tschin und Thigil, d.i. aus Sina und Tutistan bedarf des Rosenduftes nicht. Unter diesem Moschus wird aber hier nicht der eigentliche Moschus, sondern das moschusduftende Haar schöner Knaben aus Sina, und besonders aus der Stadt Thigil, die daher berühmt ist, verstanden. Kaaba, das hier mit Kleid übersetzt worden, ist ein persischer Kaftan, von vorne offen und unter dem linken Arme aufgebunden, oder vielmehr in dem Gürtel aufgeschlagen.
LXII.
Dir mein Herz zu eröffnen verlangt mich,
Und von deinem zu hören verlangt mich.
Zu verstecken das Mädchen der Liebe,
Nebenbuhlern und Neidern verlangt mich.
Eine heilige Nacht, wie die Nacht Kadr,1
Ganz mit dir zu verkosen, verlangt mich.
Wehe! ähnliche liebliche Perlen
In der Nacht zu durchbohren verlangt mich.2
Diesen Abend nur eile zu Hilfe,
Morgen wieder zu blühen verlangt mich.
Wie Hafis zum Verdrusse der Gegner,
Trunken Lieder zu singen, verlangt mich.
1Kadr, die heilige Nacht des Mondes Ramasan, in welcher das von Ewigkeit her geschriebene Wort Gottes, der Koran, vom Himmel zuerst zur Erde auf den Propheten niedersank.
2Im Persischen: solche zärtliche Klagen zu durchbohren, d.i. zärtliche Lieder zu dichten; die Verse sind Perlen, welche der Dichter durchbohrt, um sie an dem Faden des Gasels anzureihen. Dasselbe Bild brauchen persische Dichter auch vom höchsten Liebesgenusse; Verse und Mädchen sind Perlen, die gebohrt und gereiht werden zum Halsschmuck.
LXIII.
Morgenwind, o Hudhud! nach Saba will ich dich schicken;1
Siehe, woher und wohin wir dich schicken!
Schad’ ists, dass ein Vogel wie du in Wüsten des Grams lebt,
Lass dich ins Netz der Beständigkeit schicken.
Nichts ist nah und nichts ist ferne dem Pfade der Liebe,
Öffentlich will ich Wünsche dir schicken.
Morgens und abends werd’ ich Karawanen guter Gebete2
Kosend aus Osten und Westen dir schicken.
Du, so ferne dem Blick, und meinem Herzen so nahe,
Täglich will ich Gebete dir schicken.
Dass von dem Heere des Grams des Herzens Ruh’ nicht zerstört werd’,
Will ich die Seele als Herold dir schicken.
Dass von meiner Sehnsucht die Sänger Kunde dir geben,
Will ich die Lieder mit Tönen dir schicken.
Schenke, komm! es bracht’ ein heimlicher Bote dir Kunde
Duld’, ich will Arzneien dir schicken.
Unsre Gesellschaft, Hafis, ist mit deinem Lobe beschäftigt,
Pferd und Kleider will ich dir schicken.3
Schau in deinem Gesicht ein göttliches Wunder, ich werde
Einen Spiegel Gottes dir schicken.4
1Hudhud, der Wiedehopf, Salomons Briefträger an Balbis, die Königin von Saba. Hafis bedient sich statt desselben des Morgenwinds.
2Ich sende dir Karawanen guter Wünsche ist unter vielen andern eine der Wünschungsformeln, mit denen man freundschaftliche Schreiben beginnt.
3Pferd und Ehrenkleid, als die Insignien der Belehnung, oder auch bloß vorzügliche Ehrenzeichen, im ganzen Morgenland üblich.
4Unter dem Spiegel Gottes versteht der Dichter hier sein Herz. Ich will dir mein Herz schicken, damit du dich darin wie in einem Spiegel sehen könnest.
LXVII.
Immer bin ich betrunken
Vom Hauche deiner krausen Locken,
Immer bin ich verstöret
Vom Blicke deines Zauberauges.
Nach so vieler bestandner
Geduld, o Herr! kann ich nicht einstens
Auf der Brauen Altare
Verbrennen meines Auges Kerze!
Sorgsam halt’ ich in Ehren
Den schwarzen Apfel meines Auges,
Weil er gleichsam ein Abdruck
Vom schwarzen Mal ist, für die Seele.
Wenn du wünschest, auf einmal
Das ew’ge Leben uns zu zeigen,
O so sage dem Ostwind:
Dass er den Wangenschleier lüfte.
Wenn du wünschest, auf einmal
Die Welt entkörpert ganz zu schauen,
Lös’ die Locken, es hangen
An jedem Härchen tausend Seelen
Beide, ich und der Ostwind,
Sind ein Paar verwirrter Toren;
Ich vom Zauber des Auges,
Und er von dem Geruch des Haares.
Hoher Geist ward Hafisen!
Von dieser Welt, und von der andern
Springet nichts ihm ins Aug’ als
Der Staub der Schwelle deiner Türe.1
1Bewunderst du nicht Hafisens hohen und großmütigen Sinn, der sich von den Gütern dieser und jener Welt nichts als den Staub deiner Türschwelle verlangt?
LXIX.
Aller Ertrag der Werkstatt des Seins ist nichts.
Bringe mir Wein, die Güter der Welt sind nichts.
Seele wie Leib begehren Genuss und Lust,
Täten sie’s nicht, so wären sie beide nichts.
Glück ist nur das, was blutigen Schweiß nicht braucht,
Denn mit Bemüh’n sind himmlische Fluren nichts.
Forsche nicht nach dem Tuba des Schattens, halb
Schauest du recht, o Zeder! er sinkt ins Nichts.1
Wenn du verweilst fünf Tage, nur auf der Post,
Ruhe dich aus, denn dieser Termin ist nichts.
Schenke, ich harr’ am Rand des Verderbens, komm,2
Nütze die Zeit, von Lippen zum Mund ist nichts.
Denk nicht an Schimpf und sei wie die Rose froh,
Kräfte der Welt, sie gehen vorbei, sind nichts.
Klausner! o fürcht’ den heiligen Eifergeist,
Zwischen dem Weg der Schenk’ und der Zell’ ist nichts.
Dass ich verbrannt mit Klagen und Wehgeschrei,
Allen die Not bekenne, ist freilich nichts.
Löblichen Ruf zwar hat sich Hafis verdient,
Aber es nützet ihm bei Betrunk’nen nichts.
1Tuba, der Baum des Paradieses; wenn du, meine Zeder, mein Geliebter, demselben gerade ins Gesicht schauest, so versinket er aus Scham vor deinem Wuchse ins Nichts.
2So nahe, als es von den Lippen zum Munde ist, so nahe steh’ ich am Rande des Verderbens.
LXX.
Was für eine seltne Gnade
War es, welche deiner Feder
Alle Dienste unsrer vor’gen
Freundschaft aufgezählet hat?
Mit der Spitze dieser Feder
Hast du einen Gruß geschrieben,
Nie soll das Gebäu der Erde
Bleiben ohne deine Schrift! –
Nimmer sag’ ich: du hast Unrecht,
Meiner dich noch zu erinnern,
Denn es wird dir vom Verstande
Nie ein Fehler aufgemerkt.
Dankbar für des Himmels Leitung
Darfst du mich noch nicht verachten,
Weil das Schicksal dich vor allen
Angesehn und groß gemacht.
Komm, ich will mit deinen Locken
Auf beständig mich verbinden,
Wenn ich dann den Kopf verliere,
Hanget er an deinem Fuß.1
Einstens wird dein Herz von unsrem
Gram und Leiden unterrichtet,
Zu der Zeit, wenn Tulpen blühen,
Aus vermodertem Gebein.2
Von den Locken hat der Ostwind
Jeder Rose viel erzählet,
Wann ließ doch der Nebenbuhler
Diesen Schwätzer ins Harem?
Labe meine durst’ge Seele,
Nur mit einem Tropfen Hefen,
Weil man dich aus Dschemschid’s Becher
Mit den Fluten Chiser’s tränkt.3
Sieh! mein Herz steht vor der Türe,
Halt es doch in Preis und Ehren,
Schon deshalben, weil der Himmel
Keine Qualen dir geschickt.
Überall sind Hinterhalte,
Gehe du nicht zu verwegen,
Von der Straße des Verderbens
Flieget sonst der Staub dir an.
Ostwind; gleich dem Herren Jesus4
Fröhlich seien deine Zeiten!
Denn Hafisens wunde Seele
Ward durch deinen Hauch geheilt.
1Ein sehr zusammengedrängtes Bild, das auseinandergesetzt so heißen würde: Lass mich meinen Kopf an dein Haar anbinden, dann wird denselben nichts davon trennen, eh’ würde er vom Körper als vom Haare loslassen; dein Haar ist lang und geht bis an die Fersen, mein Kopf wird stets an deine Fersen anschlagen.
2Die den Gräbern entsprossenen Blumen: Rosen aus dem Staube schöner Augen, Lilien aus schlanken Leibern, und aus Liebe verbrannten Herzen, Tulpen mit Brandmalen. Im Westen hat der Genius diese orientalische Idee nirgends so schön, so himmlisch erhaben dargestellt als in Rafaels Himmelfahrten, wo Blumen den leeren Särgen entsprossen.
3Chisers Fluten sind der Quell des Lebens, Dschemschid’s Becher das Symbol der Herrlichkeit und Macht.
4Das Wehen des Ostwinds ist wundertätig, wie der Hauch des Herren Jesus. Die Kraft, Wunder zu wirken, die Mitteilung eines höheren Geistes geschieht, nach den Begriffen der Morgenländer, durch das Anhauchen. Daher der Hauch bei der Wasserweihe in der Karwoche; noch heute hauchen die Scheiche der Derwische ihre Schüler an, ihnen den Geist des Ordens mitzuteilen.
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