Kitabı oku: «Kill dein Kaninchen!»
RALF SCHMITT / MONA SCHNELL
KILL DEIN
KANINCHEN!
Wie du irrationale Ängste
kaltstellst

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN Buchausgabe: 978-3-86936-832-0
ISBN epub: 978-3-95623-701-0
Lektorat: Claudia Franz, Augsburg | info@text-it.org
Umschlaggestaltung: total italic (Thierry Wijnberg), Amsterdam / Berlin
Titelillustration: Shutterstock / SAAC
Autorenfoto Ralf Schmitt: Marco Grundt
Autorinnenfoto Mona Schnell: Jan Kohlrusch
Satz und Layout: Das Herstellungsbüro, Hamburg | www.buch-herstellungsbuero.de
© 2018 GABAL Verlag GmbH, Offenbach
Das E-Book basiert auf dem 2018 erschienenen Buchtitel “Kill dein Kaninchen!” von Ralf Schmitt und Mona Schnell, ©2018 GABAL Verlag GmbH, Offenbach
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Inhalt
Wenn das Kaninchen tot ist, gibt’s ein Happy End!
Angst: Der Kein-Grund-zur-Panik-Teil
Jeder hat Angst
Was ist Angst eigentlich?
Angst ist noch so viel mehr
Das Gegenteil von Angst
Angst ist gut!
Vom Urinstinkt zum Wirtschaftszweig
Was hilft gegen Angst?
Die Ängste der Deutschen
German Angst – die geerbte Angst
Das 21. Jahrhundert: Jahre der Angst?
Die Generation Angst: Sind die Alten schuld?
Wann haben wir Menschen Angst?
Ängste loswerden: Der Kill-dein-Kaninchen-Teil
Ängste unter der Lupe
Diese Ängste betrachten wir genauer
1. Angst vor Einsamkeit: Das Kein-Kontakt-Kaninchen
Was ist real an der Angst vor Einsamkeit?
Was ist irreal an der Angst vor Einsamkeit?
Tod dem Kein-Kontakt-Kaninchen!
2. Angst vor Armut: Das Keine-Kohle-Kaninchen
Was ist real an der Angst vor Armut?
Was ist irreal an der Angst vor Armut?
Tod dem Keine-Kohle-Kaninchen
3. Angst vor Unbekanntem: Das Neu-Phobie-Kaninchen
Was ist real an der Angst vor Unbekanntem?
Was ist irreal an der Angst vor Unbekanntem?
Tod dem Neu-Phobie-Kaninchen
4. Angst vor Veränderung: Das Traditions-Kaninchen
Was ist real an der Angst vor Veränderung?
Was ist irreal an der Angst vor Veränderung?
Tod dem Traditions-Kaninchen!
5. Angst vor Verlust: Das Es-gehört-mir-Kaninchen
Was ist real an der Angst vor Verlust?
Was ist irreal an der Angst vor Verlust?
Tod dem Es-gehört-mir-Kaninchen!
6. Angst vor dem Scheitern: Das Schiefgeh-Kaninchen
Was ist real an der Angst vor dem Scheitern?
Was ist irreal an der Angst vor dem Scheitern?
Tod dem Schiefgeh-Kaninchen!
7. Angst vor Krankheit und Tod: Das Apotheken-Umschau-Kaninchen
Was ist real an der Angst vor Krankheit und Tod?
Was ist irreal an der Angst vor Krankheit und Tod?
Tod dem Apotheken-Umschau-Kaninchen
Ausblick: Angst vor der Zukunft?
Wie sieht die Angst in der Zukunft aus?
Der Absch(l)uss: Das Ende unseres Kaninchenstalls
Quellen und Literatur
Die Autoren
Wichtiger Warnhinweis!
»Kill dein Kaninchen!« ist rein metaphorisch zu verstehen.
Die Autoren bitten ausdrücklich darum, davon abzusehen,
sich auf die Jagd nach realen Kaninchen zu begeben.
Wenn das Kaninchen tot ist, gibt’s ein Happy End!
An einem Nachmittag im Sommer 2016 sitzen wir zusammen bei einem Arbeitslunch im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. Es ist eines unserer monatlichen Treffen, bei denen wir uns über den Stand unserer gemeinsamen Projekte informieren, neue Ideen spinnen und von Hölzchen auf Stöckchen kommen. Ein ganz zentrales Thema an diesem verregneten Sommertag ist die Angst. Ob bei der Arbeit oder im Privatleben: Wir beobachten beide, wie um uns herum das Thema Angst immer präsenter wird. Die Grundstimmung bei unseren Freunden und Bekannten scheint immer ängstlicher zu werden, sich manchmal sogar in Panik zu ergießen. Und medial wird diese Angst auch noch geschürt. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Horrormeldungen und Warnungen über TV, Radio, Print, Online und die sozialen Netzwerke verbreitet werden.

Um uns herum verbreitet sich die Angst!
Es fängt jedoch bereits viel kleiner an. So mancher quält sich durch eine unglückliche Beziehung, weil er das Alleinsein mehr fürchtet als häufige Streitigkeiten und permanente Unzufriedenheit. Einige trauen sich aus Angst vor Überfällen nur noch mit Pfefferspray in der Tasche aus dem Haus. Andere gehen nicht mehr ins Kino, nicht mehr auf Konzerte und schon gar nicht auf Großveranstaltungen, weil sie überall Terrorgefahr wittern. Bedauerlicherweise entdecken wir auch bei uns selbst Tendenzen – sagen wir mal – der Besorgnis.
Wir, das sind Spontaneitätsexperte Ralf Schmitt und Kommunikationsprofi Mona Schnell. Beide selbstständig, erfolgreich mit dem eigenen Unternehmen, beide glücklich liiert und beide immer wieder in kleinen oder größeren Momenten gefangen, in denen das Panik-Kaninchen uns dominiert. Das heißt: Uns beschleicht zum Beispiel mal mehr, mal weniger häufig das Gefühl, unsere Fixkosten seien zu hoch, unsere Ausgaben nicht mehr überschaubar oder unsere Investition in ein Thema zu groß. Ralf sorgt sich darum, wie seine Kinder aufwachsen und was das Bildungssystem noch leistet. Mona fragt sich manchmal, ob Reisen noch sicher ist und was man aufgrund der ganzen Lebensmittelskandale überhaupt noch essen kann.

Ängsten mit einem Augenzwinkern begegnen!
Auch in unserer jahrelangen Zusammenarbeit, die naturgemäß mal besser, mal schlechter läuft, spielt die Angst davor, zu viel zu investieren – sei es Geld oder Arbeitsaufwand im Vergleich zu entgegengebrachter Wertschätzung – immer wieder eine Rolle. Zu unseren Stärken als Team zählt aber, dass wir offen über diese Thematiken sprechen können und auch in vermeintlich schlechten Momenten dem anderen nie die Tür vor der Nase zugeschlagen haben. Trotzdem waren und sind auch wir nie wirklich dagegen gefeit, in Panik zu verfallen. Als Team aus Flexibilitätsprofi (Ralf Schmitt) und Öfter-mal-was-Neues-Junkie (Mona Schnell) können und wollen wir das aber nicht so einfach auf uns sitzen lassen. Wir haben uns mit diesem Buch darangemacht, Ängsten entgegenzutreten und konstruktiv mit ihnen umzugehen. Dafür haben wir Tipps und Kniffe entwickelt, die wir entweder selbst ausprobiert und für tauglich befunden oder die andere für uns erfolgreich getestet haben.
Wir sind beide keine Psychologen, Psychoanalytiker oder Heilpraktiker in diesem Bereich, auch wenn wir hier an mancher Stelle Studien und Meinungen von Fachexperten zu Rate ziehen. Wer eine medizinisch fundierte Betrachtungsweise erwartet, sollte dieses Buch lieber gleich weiterverschenken. Wir heilen keine Traumata und kurieren keine Phobien. Wir führen keine Gesprächstherapie durch und machen keine Familienaufstellung. Dafür gibt es Fachleute, die Sie unbedingt konsultieren sollten, wenn Sie sie brauchen.
Unsere Ergebnisse und Übungen beruhen ausschließlich auf persönlichen Erfahrungen und setzen auf das, was wir als gesunden Menschenverstand betrachten. Mit einem Augenzwinkern und jeder Menge Humor im Umgang mit uns selbst und anderen versuchen wir, Themen anzugehen, die uns und unser Umfeld belasten. Wir identifizieren reale Gründe für Ängste, enttarnen irreale Einflüsse und zeigen persönliche Wege auf, um das Panik-Kaninchen in uns zu killen.

Aufruf zum Kaninchenmord!
Dieses Buch basiert auf einer grundsätzlich positiven Sicht auf die Menschen. Sie bekommen alle einen Vertrauensvorschuss von uns. Verletzungen, die jeder von uns immer wieder erleidet und die sich auch schwer verhindern lassen, wollen wir als Schätze sehen und als Chancen für mehr Wachstum begreifen. Unser Motto: Wenn eine Muschel verletzt wird, entsteht eine Perle. Oder: Wenn das Kaninchen tot ist, gibt’s ein Happy End!
Wir wünschen viele Perlen und den Mut zum Kaninchenmord!
Ralf Schmitt & Mona Schnell
ANGST:
Der Kein-Grund-zur-Panik-Teil

Jeder hat Angst
Wir behaupten: Es gibt einfach niemanden, der nie Angst hat. Spätestens, wenn der Körper nachts das Serotonin abschaltet, weil wir es im Schlaf nicht brauchen, kommen immer wieder auch Alpträume. Oder unsere Sorgen, die wir während des Tages einfach weggedrückt haben, holen uns ein. Wir haben schon so viele Nächte nicht geschlafen, weil das Panik-Kaninchen sich unter unsere Decke geschmuggelt hat und ganz langsam und unbemerkt von den Zehen hochgekrabbelt ist bis zum Kopf und sich ganz nah an uns geschmiegt hat. Spätestens dann wälzen wir im Geiste To-do-Listen, wiederholen Nicht-vergessen-Sätze oder überlegen uns, wie wir aus einer brenzligen Situation wieder rauskommen.

Es gibt niemanden, der nie Angst hat.
Kennen Sie solche Momente? Nein? Okay, Sie hatten also noch nie Geldsorgen, Angst davor, den Job zu verlieren, alleine zu sein, Verlustängste, Angst vor Krankheit, Tod, der Zukunft oder dem Scheitern? Dann möchten wir Ihnen ganz herzlich gratulieren. Sie haben einen Sechser im Lotto oder Sie sind besonders gut darin, sich selbst zu verarschen. Sie haben richtig gelesen. Wir sind davon überzeugt, dass jeder, der sich dieses Buch auch nur ansieht, an der einen oder anderen Stelle sagt: »Kenn ich!« Also lassen Sie sich bitte darauf ein und lassen Sie die sogenannte Schwäche »Angst« zu. Vielleicht können wir Sie ein wenig inspirieren oder Ihnen sogar dabei helfen, die eine oder andere Furcht abzulegen.
KURZ GEFASST: JEDER HAT ANGST
Jeder hat vor irgendetwas Angst – und das ist kein Grund, sich schwach oder hilflos zu fühlen.
Was ist Angst eigentlich?
Wissenschaftlich gesehen ist Angst eine Kettenreaktion im Gehirn, die durch einen Stressimpuls ausgelöst wird. Der führt zur Ausschüttung von chemischen Stoffen, die unter anderem dafür sorgen, dass unser Herz zu rasen beginnt, unser Atem schneller wird und sich unsere Muskeln mit Energie aufladen. Das nennt man die Fight-or-Flight-Reaktion: In kürzester Zeit entscheiden wir, ob wir gegen einen Gegner kämpfen oder doch lieber weglaufen wollen. Diese Angstreaktion geschieht automatisch und ohne dass wir sie bewusst herbeiführen müssen. Sie ist ein Instinkt, dem wir bereits als Urzeitmenschen folgten und der bis heute in uns steckt.
KURZ GEFASST: WAS IST ANGST EIGENTLICH?
Wenn wir Angst haben, reagiert der Körper instinktiv. In Sekundenschnelle entscheidet er, ob wir angreifen oder doch lieber weglaufen sollen.
Angst ist noch so viel mehr
Wir erleben Angst aber nicht nur als Schutzreflex. Vielmehr treffen wir in so vielen verschiedenen Facetten auf das Phänomen, dass wir auf einige später unbedingt noch gesondert eingehen müssen. Offensichtlich hat sich unser Urinstinkt an die heutige Zeit angepasst und sagt sich: »Ich lebe im Zeitalter der Möglichkeiten. Warum soll ich mich also einschränken? Mir steht die Welt offen!« Genau das ist der Grund, weshalb Angst unter anderem in folgenden Formen im Alltag auftaucht:
Angst zeigt sich als Kaninchen-Feeling
Wie bitte? Kaninchen-Feeling! Das ist das Gefühl, dass Sie beschleicht, wenn bei Ihnen die Panik einsetzt. Es kribbelt von den Pfoten bis in die obersten Enden der Löffel – und Sie verharren stocksteif in der Schockstarre. Es ist ein bisschen so, als ob Sie im Lichtkegel vor einem Auto stehen bleiben, das auf sie zurast und nicht zu bremsen gedenkt. Besser wäre natürlich, schnell in den sicheren Schatten zu hüpfen. Das ist klar. Aber ist Ihnen das schon mal passiert, dass Sie so ein Fellknäuel auf der Straße vor sich im Scheinwerferfokus hatten?
In Hamburg gibt es viele Kaninchen, die sich auch im Stadtgebiet bewegen. Wenn sie nachts auf die Straße hoppeln, sind sie fast sicher dem Tod geweiht. Wir gehören beide zu der Spezies Autofahrer, die bremst, wenn ein Tier auf die Straße läuft. Also haben wir schon einige Zeit hinter Kaninchen im Schneckentempo verbracht und sie selbst mit Hupen und Fluchen nicht in den Schatten bekommen. Wenn sie überhaupt hüpfen, dann meist immer weiter im Hellen! Oft bleiben sie aber einfach wie angewurzelt stehen – deshalb Kaninchen-Feeling!
Angst macht Kopfkino
Getriggert von einem Ereignis oder einer Nachricht, spinnen wir in unserem Kopf einen ganz eigenen Plot darüber zusammen, was jetzt alles passieren kann. Es ist erstaunlich, wie kreativ wir dabei sind:

Zugegeben, wir übertreiben hier ziemlich.
Wer Angst vor Gewittern hat, dem reicht oft schon ein fernes Donnergrollen, um sämtliche elektrischen Geräte vom Strom zu trennen, alle Jalousien zuzuziehen und sich unter der Bettdecke zu verschanzen, wie ein Hund, der panische Angst vor Silvesterböllern hat. Man stelle sich nur vor, der Blitz schlägt tatsächlich in unserem Haus ein. Er fährt durch alle Stromleitungen und zerstört sofort unsere Computerfestplatte, unseren Fernseher und den Kühlschrank noch mit. Weil wir dummerweise gerade am Kommunikationskonzept für einen neuen Kunden gearbeitet haben, sind alle Daten »verschmort«, wir können die Präsentation am nächsten Tag nicht halten, verlieren deshalb unseren Job, können die Miete für die Wohnung nicht mehr bezahlen, enden nach einiger Zeit auf der Straße und landen schließlich mit einer Lungenentzündung im Bahnhofshospiz. Da es leider auch den Kühlschrank und das TV-Gerät erwischt hat, ist innerhalb von zwei Tagen alles Essen verdorben und wir bekommen nicht einmal mehr den Wetterbericht mit, der uns sagt, dass das Gewitter in fünf Kilometern Entfernung an uns vorbeigezogen ist.
Zugegeben, wir übertreiben hier ziemlich. Aber nach diesem Schema funktioniert unser negatives Kopfkino – ganz ohne Happy End.
Angst lässt uns zu Theorieentwicklern werden

Angst lässt uns die Praxis erst gar nicht erleben.
Wir neigen häufig dazu, schon bevor wir einen Schritt gegangen sind, vor lauter Angst, dass es der falsche ist, genau zu überlegen, was alles eintreten könnte, würden wir diesen Schritt denn tatsächlich gehen. So wird aus einer Befürchtung schnell einmal eine handfeste Theorie, die uns die Praxis erst gar nicht erleben lässt. Ein Beispiel:
Wenn ich nach New York reise, fühle ich mich etwas mulmig, weil ich immer wieder an 9/11 denken muss. Falls die Sicherheitsmaßnahmen nicht ausreichen, könnte es passieren, dass wieder ein Selbstmordattentäter ins Flugzeug steigt. Die sollen ja immer wieder auf neue Ideen kommen. Ich bleibe also lieber zu Hause. Das Abenteuer New York werde ich nicht erleben, solange ich schlimme Theorien über das, was alles sein könnte, entwickle. Doch so kann ich die Praxis nicht erfahren. Schade drum!
Angst ist ein Klischeebediener
Wünschen wir uns nicht alle hin und wieder, dass alles genau so bleibt, wie es ist? Dann können wir uns an Regeln und Klischees entlanghangeln, die uns vertraut sind. Klar, dann bewegt sich nichts. Dafür bekommen wir aber viel Bestätigung. Sätze wie »Das habe ich doch gleich gesagt, dass da nichts Gutes bei rumkommen kann!« festigen dieses Leitbild. Menschen, die sich so ausdrücken, lassen sich auf keinen Fall dazu bewegen, in der Zusammenarbeit mit der jungen und noch etwas unerfahrenen Kollegin etwas Positives zu sehen. Besser, wenn man alles weiterhin so macht wie bisher. Dann ist das Risiko überschaubar. Was man nicht selbst erledigt, wird ja auch nie so gut gemacht, wie man es haben möchte. Und die jungen Leute von heute, die können ja auch gar keine Verantwortung übernehmen. Wenn das Experiment dann tatsächlich missglückt und der jungen Kollegin ein Fehler unterläuft, wurde das Klischee bedient. Was aber eigentlich dahintersteckt, ist in der Regel nicht das vorausschauende Wissen, dass etwas schiefgehen wird. Vielmehr ist es die Angst davor, Verantwortung abzugeben. Denn dann könnte es passieren, dass man nicht mehr wichtig genug ist oder sogar entbehrlich. Plötzlich muss Anerkennung geteilt werden. Oder noch schlimmer: Andere stellen fest, dass man selbst den Job gar nicht so gut gemacht hat. Ein Horror!
Angst ist ein Komfortzonenstörer und Gewohnheitsdieb

Die Angst beginnt gleich nach der Komfortzone!
Es gibt diesen wunderbaren Puffer, den wir um uns herum aufgebaut haben: unsere Komfortzone. Solange wir uns innerhalb dieses Bereichs bewegen, kann uns nichts so schnell aus der Ruhe bringen. Wir bleiben ganz cool – bis wir einen Tritt bekommen, der uns nach draußen katapultiert. Dieser Tritt kann bereits die Meldung sein, dass ein Vegetariertag in Kantinen eingeführt werden soll. Was war das doch für ein lauter Aufschrei, als uns die Grünen einen Tag in der Woche zum Fleischverzicht »zwingen« wollten! Plötzlich fühlte man sich bevormundet. Zu Recht? Klar! Aber das geschieht täglich an vielen Stellen. Es fällt uns nur nicht auf, weil wir uns daran gewöhnt haben. Eine neue Bevormundung wollte man aber nicht dulden.
Jetzt werden Sie wahrscheinlich sagen: »Aber mal was anderes zu essen, das ist doch einfach. Das ist doch kein Schritt aus der Komfortzone!« Doch! Für viele ist es das:
In unserem Bekannten- und Freundeskreis weiß zum Beispiel jeder, wie schlecht Massentierhaltung für die Umwelt und ganz besonders für die Tiere ist. Trotzdem fällt es vielen unendlich schwer, auf Fleisch zu verzichten. Wovor haben wir Angst? Das »neue« und ungewohnte Essen könnte ja nicht schmecken. Die Ernährung könnte nicht ausgewogen sein. Man könnte verschiedene Vitamine, die es vor allem im Fleisch gibt, nicht mehr in ausreichenden Mengen zu sich nehmen. Und, und, und. Also bleiben wir lieber beim Altbekannten und Gewohnten. Da weiß man, was man hat. Alles, was außerhalb der Komfortzone liegt, macht erst einmal Angst.
Angst ist ein Gleichgesinntenblasenerhalter

Die Meinung der Andersdenkenden schockt uns.
Die Blase der Gleichgesinnten nennen wir ein Phänomen, das auf Social-Media-Kanälen und Webseiten inzwischen üblich ist. Anhand dessen, was wir in Suchmaschinen eintippen oder wie wir Social-Media-Plattformen nutzen, wird ein Algorithmus erstellt. Der zeigt uns dann nur noch das, was wir scheinbar sehen möchten. Unser Klickverhalten führt also zu einem Filter. Beispielsweise bekommen wir bei Facebook hauptsächlich das zu sehen, was unsere »Freunde« teilen. Konkret heißt das: Wir werden häufig von diskussionswürdigen Medienberichten oder Meldungen, die wir angeblich nicht sehen wollen, abgeschirmt.
Wer seine Nachrichten hauptsächlich über Social-Media-Kanäle bezieht, bekommt diese vorgefiltert und vorgefärbt. Was hat das mit Angst zu tun? Die Meinung der Andersdenkenden jagt uns immer wieder einen Schauer über den Rücken oder schockt uns sogar. Sie wahrzunehmen, lässt sich aber leicht umgehen. Dazu müssen wir uns in Sachen Information einfach nur innerhalb unserer »Blase« bewegen. Wir kommunizieren überwiegend mit Gleichgesinnten und lesen hauptsächlich deren Meinung. So bekommen wir vor allem Informationen, die mit unseren eigenen Ansichten korrespondieren.
Angst macht uns zu Ausredenerfindern

Zu dick, zu alt …!
Ausreden haben häufig mit Ängsten zu tun. Wir trauen uns nicht, auf eine Veranstaltung zu gehen, weil wir »in dem Kleid zu dick aussehen« oder »zu alt« sind. Tatsächlich handelt es sich dabei aber meist um Glaubenssätze, die wir uns selbst eingeredet haben oder die uns von unserem Umfeld oder den Medien eingeflüstert wurden.
Woher diese Glaubenssätze kommen, spielt eine eher untergeordnete Rolle. Viel wichtiger ist: Wenn wir sie loswerden wollen, müssen wir aktiv etwas dagegen unternehmen! Doch das kostet Zeit und Energie. Also beten wir unsere Glaubenssätze ständig runter, um uns vor Herausforderungen zu drücken. So werden sie immer mehr zu einem Ausdruck unserer Angst vor Veränderung.
Angst ist ein Unwissenheitsvertuscher

Was wir nicht kennen, macht uns Angst.
Oftmals fürchten wir uns vor Dingen, die wir nicht kennen oder die uns gar nicht passiert sind. Zieht zum Beispiel ein Ehepaar aus Afghanistan ins Nachbarhaus, machen sich einige Sorgen darüber, wie das wohl werden wird, weil sie die fremde Kultur nicht kennen. Anstatt abzuwarten, was passiert, werden im Gespräch mit anderen Aussagen gemacht wie: »Man weiß ja, dass DIE sich nicht anpassen!« Oder: »Hoffentlich sind das keine Terroristen!«
Einige erinnern sich vielleicht noch an die Aussage von AfD-Vize Alexander Gauland: »Die Leute finden Boateng als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.« Wir wollen Gaulands Worte an dieser Stelle nicht werten. Aber wir wollen aufzeigen, dass es in diesem Land leider Menschen gibt, die aus Unwissenheit voller Angst auf neue Situationen regieren, anstatt abzuwarten, was passiert, oder allen neuen Nachbarn sogar offen gegenüberzutreten. Wir wagen zu behaupten, dass Angst und Skepsis gegenüber anderen – unabhängig von der Hautfarbe, Konfession oder Kultur – oft dazu missbraucht werden, Unkenntnis zu vertuschen.
Angst wird als Steuerungselement eingesetzt

Je stärker die Angst, desto leichter sind wir steuerbar.
Verschwörungstheorien scheinen das neue It-Thema unserer scheinbar so unsicheren Zeit zu sein. Je absurder eine Geschichte klingt, desto wahrer muss sie sein. Hinter jeder Rede, die ein Politiker hält, hinter jeder oft zu flapsig dahergebrachten Aussage wird eine Konspiration vermutet.
Zugegeben, wer sich mit gewissen Themen genauer beschäftigt, der kann es schon mit der Angst zu tun bekommen. Doch je mehr Angst wir haben, desto leichter sind wir steuerbar. Ein gutes Beispiel ist der Wahlkampf in den USA, der Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten hat werden lassen:
Was hat Donald Trump im Wahlkampf für Sprüche abgelassen, bei denen sich viele erschrocken und geschockt an den Kopf fassten? Warum wurde er trotzdem gewählt? Weil er mit allgegenwärtigen Ängsten der Amerikaner gespielt hat: zu viele Einwanderer, zu wenige Jobs, zu geringer Einfluss auf das, was die Politiker tun. Trump hat vielen Verdrossenen das Gefühl gegeben, dass er der Korruption in der Regierung – laut einer Studie der Chapman University die größte Angst der Amerikaner – ein Ende macht. Seine Strategie scheint aufgegangen zu sein. Immerhin ist er aktuell einer der mächtigsten Männer der Welt.
KURZ GEFASST: ANGST IST NOCH SO VIEL MEHR
Es gibt zahlreiche Facetten, in denen sich Angst in unserem Alltag zeigt. Alle haben eins gemeinsam: Sie verleiten uns zu irrationalen Entscheidungen oder Handlungen und vernebeln unseren Blick.
Das Gegenteil von Angst
Am besagten Sommertag im Jahr 2016, an dem die Idee zu diesem Buch entstanden ist, kam zwischen uns beiden auch eine rege Diskussion darüber in Gang, was eigentlich das Gegenteil von Angst sei.
Ralf sagt: »Sicherheit ist das Gegenteil von Angst, weil wir Sicherheit mit Kontrolle gleichsetzen und Angst häufig Kontrollverlust zur Folge hat. Wenn wir keine Angst vor etwas haben, dann fühlen wir uns sicher.«
Mona sagt: »Freiheit ist das Gegenteil von Angst. Wenn ich Entscheidungen treffen kann, ohne von Ängsten gesteuert zu sein, dann fühle ich mich frei.«
Da wir uns natürlich gegenseitig beweisen wollten, wer richtiglag, haben wir ein bisschen recherchiert und waren danach verwirrter als zuvor.
Die Psychotherapeutin, Autorin und Zen-Buddhistin Dr. Andrea F. Polard sagt im Interview mit der Zeitschrift »Yoga Aktuell«:
»… Daher ist das Gegenteil von Angst Vertrauen. Und als Menschen haben wir diese Möglichkeit auch in uns und können sie entwickeln – ein grundsätzliches Vertrauen ins Leben aufzubauen …« 1
In Ausgabe 53 des »fluter«, dem Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung, steht:
»Information ist eigentlich das Gegenteil von Angst. Aber nur von beruhigenden Informationen können selbst Qualitätsmedien nicht leben. Dazu kommt, dass Journalisten nicht anders funktionieren als die Menschen, die sie informieren sollen. Auch Journalisten lassen sich manchmal lieber von Angst leiten als von besserem Wissen.« 2
Der Journalist, Philosoph und Autor Gert Scobel sagt in seiner Kolumne »Statt Angst zu haben, sollten wir etwas verändern – Gert Scobels Gedanken zu ›Die hysterische Gesellschaft‹« für 3sat:
»Und die Angst? Das Wort leitet sich vom althochdeutschen Wort für Enge ab. Das Gegenteil von Angst wäre also eine Stimmung, die uns wieder weit und offen macht: Humor beispielsweise …« 3
Ferner haben wir in verschiedenen Yoga-Philosophien Gelassenheit als das Gegenteil von Angst entdeckt. Zudem werden auf den Homepages von Psychologen oder anderen Experten und auf philosophischen Portalen oft auch Mut, Liebe, Lust und einiges mehr genannt.

Angst ist vielschichtig!
Was aus unseren Recherchen klar hervorgeht: Angst kann nicht auf die rein körperliche Reaktion reduziert werden. Das Thema ist sehr vielschichtig. Verschiedene Ängste machen unterschiedlichen Lösungswege und Entwicklungsmöglichkeiten notwendig, damit wir uns nicht von ihnen dominieren lassen. Wir müssen also unterschiedliche Hebel ansetzen, um der jeweiligen Angst entgegenzutreten. Als gemeinsamen Nenner im Umgang mit ihren vielen Facetten haben wir den Einsatz unseres gesunden Menschenverstands identifiziert.
Wir wollen an dieser Stelle noch einmal klar betonen, dass hier NICHT von Traumata oder Angststörungen die Rede ist. Vielmehr möchten wir die kleinen und größeren, mal nötigen, mal unnötigen Ängste im Alltag besprechen und im besten Fall auflösen. Schwierig ist dabei die Einschätzung, wann Angst zu einer Gefahr für uns selbst oder für unser Umfeld wird und wann sie eher als positive Eigenschaft zu werten ist. Fangen wir doch damit an, der Angst etwas Positives abzugewinnen.
KURZ GEFASST: DAS GEGENTEIL VON ANGST
Unsere Ängste sind enorm verschieden. Deshalb lässt sich auch das Gegenteil von Angst nicht einfach mit einem Begriff definieren. Es gibt jedoch eine gute Methode, um irrationale Ängste in den Griff zu bekommen: Setzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand ein und richten Sie Ihren Blick auf die positiven Aspekte der Angst!
Angst ist gut!
Bei einer – sagen wir mal nicht ganz repräsentativen – Umfrage in unserem Freundes- und Bekanntenkreis haben wir viele unterschiedliche Aspekte zum Thema Angst herausgehört. Ganz besonders interessant fanden wir den Ansatz einer Kollegin. Sie arbeitet in einer Trainervermittlung und hat Folgendes zu sagen:
»Ich bin der Meinung, dass Ängste wichtig sind. Manche Ängste sind sogar Stärken. Für mich geht es meistens nicht darum, Ängste zu überwinden, sondern ihnen einen Platz im Leben einzuräumen und sie auch zu schätzen.«
Gehen wir dieser Aussage auf den Grund: Alles, was die Natur für uns vorgesehen hat, dient zunächst einmal dem Überleben. So ist es auch mit der Angst. Sie ist ein Urinstinkt, der uns in erster Linie vor Gefahren schützt. Das ist gut. Sonst würden wir vielleicht einfach vor Autos laufen, uns in freier Wildbahn mit Bären anlegen oder aus dem fünften Stock springen, weil unser Körper uns nicht davor warnt. Wenn wir Angst also ganz genau betrachten, dann ist sie kein Grund zur Panik und keiner sollte sich ihretwegen schlecht fühlen. Ohne die gute alte Angst würden wir Menschen auf der Liste bedrohter Spezies stehen oder wir wären bereits ausgestorben. Angst kann also durchaus als eine Stärke gewertet werden.
Im Hinblick auf die Evolution müssen wir uns alles andere als schämen, wenn wir vor etwas Angst haben. Dennoch werden wir oft deswegen gehänselt. Das fängt schon in der Kindheit an. Wie oft hören wir den Spruch »Sei doch kein Angsthase!«? Kein Wunder, dass wir die Botschaft »Angst ist böse!« verinnerlichen, anstatt sie erst einmal als das zu akzeptieren, was sie ist – ein Überlebensinstinkt.

Wir bekommen Angst davor, Angst zu haben.
Wir bekommen Angst davor, Angst zu haben. Das müssen Sie sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Doch wo Angst ist, steckt auch Entwicklung. Angst sorgt nämlich in gesunden Dosen auch dafür, dass wir nach kreativen Lösungen suchen. Auf kleine Beispiele begrenzt heißt das: Habe ich Angst, durch eine dunkle Gasse zu gehen, sehe ich mich nach einem anderen Weg um. Fürchte ich mich davor, vor einer Menschenmenge zu sprechen, werde ich zum Beispiel vorher vor einem kleineren Publikum proben, mir weitere Personen als Unterstützung dazu holen, eine PowerPoint-Präsentation als roten Faden vorbereiten oder mir mein Lieblingskleidungsstück anziehen, in dem ich mich richtig wohlfühle. Habe ich also vor etwas Zukünftigem Angst, bereite ich mich gut darauf vor.
Denken wir etwas kurzfristiger, dann warnt uns Angst vor drohenden Gefahren. Wir kennen doch alle das Gefühl, dass uns etwas mulmig im Magen wird und wir am liebsten weglaufen würden. Hier ein Beispiel:
Eine Freundin erzählte uns in einem Gespräch, dass sie gerade dabei war, ihre Angst vor Fahrstühlen zu überwinden: Doch als sie den Aufzug einer Berliner Klinik betreten wollte, beschlich sie ein ganz ungutes Gefühl. An diesem Tag hat sie spontan die Treppe genommen, obwohl es ganz schön hoch hinaufging. Als sie ziemlich verschwitzt oben ankam, erfuhr sie, dass drei Menschen in besagtem Aufzug festsaßen. Das Problem mit dem Fahrstuhl konnte zwar innerhalb einer Stunde behoben werden. Unsere Freundin war ihren Instinkten in diesem Moment jedoch sehr dankbar. Ein Steckenbleiben hätte sie in ihrer Bemühung, die Angst vor Aufzügen zu verlieren, sehr zurückgeworfen, und sie wäre so schnell in keinen Lift mehr eingestiegen – so viel ist sicher.
Dramatischer ging es beim Erlebnis eines Freundes zu, der beinahe Opfer eines Gasleitungsunfalls geworden wäre. Kurz vor der Explosion, die keiner vorhersehen konnte, signalisierte ihm sein »eingebautes« Alarmsystem, den Rückzug in eine Unterführung anzutreten. Er erzählte hinterher: »Das war, als ob man eine unsichtbare Wand vor mir aufgebaut hätte, die mich zwang, einen anderen Weg zu gehen. Ich konnte einfach nicht geradeaus weiterlaufen!« Was auch immer das Warnsignal seines Körpers ausgelöst hatte, es hat ihm wahrscheinlich das Leben gerettet. Deshalb raten wir dringend dazu, in solchen Situationen auf die Angst zu hören.
KURZ GEFASST: ANGST IST GUT!
Die Vorteile von Angst:
Sie schützt unser Überleben.
Angst ist ein Urinstinkt, der uns auch heute noch aus zahlreichen Gefahrensituationen befreit.
Sie schärft die Sinne.
Wer Angst hat, dessen Sinne laufen auf Hochtouren und nehmen mehr wahr, als wenn sich der Körper im »Normalzustand« befindet.
Sie bringt uns ins Tun.
Habe ich vor einer Situation oder einem bevorstehenden Ereignis Angst, bereite ich mich intensiv darauf vor. Ich werde also aktiv, um möglichst gefasst mit den Dingen umzugehen, die auf mich zukommen.
Die Nachteile von Angst:
Sie lähmt uns, macht uns unbeweglich.
Wer Angst hat, fühlt sich häufig scheinbar ausweglos in die Ecke gedrängt und kann nicht mehr »frei« handeln.
Sie lässt uns die Menschlichkeit verlieren.
Ängstliche Menschen bedienen sich gerne Klischees und Schlagzeilen, um über andere zu urteilen.
Sie blockiert neue Ideen und killt die Neugier.
Habe ich Angst, versuche ich zunächst einmal, gewohnte Wege zu gehen. Alles, was von der Norm abweicht, sorgt für mehr Angst und blockiert im ersten Moment die Kreativität und die Lust auf Neues.
Sie verhindert rationale Entscheidungen.
Wer Angst hat, handelt selten rational, sondern häufig wie ein fremdgesteuerter Roboter.
Vom Urinstinkt zum Wirtschaftszweig

Viele leben gut vom Geschäft mit unseren Ängsten!
Grundsätzlich ist das Angsthaben heutzutage in den meisten Situationen nicht mehr ganz so überlebenswichtig wie noch bei unseren Vorfahren. Wir müssen nicht mehr fürchten, dass wir plötzlich alleine vor einem Säbelzahntiger stehen, der noch nicht zu Mittag gegessen hat. Allerdings wird heute dafür gesorgt, dass wir Ängste haben und bis zu einem gewissen Grad auch behalten, seien sie auch noch so irrational. Weiterhin bemühen sich ganze Industriezweige darum, dass wir genau wissen, wie wir uns gegen die vermeintlichen Gefahren schützen können.
Unsere Gesellschaft hat die Angst an vielen Stellen pervertiert und so den realistischen Bezug dazu verloren. Ein Urinstinkt hat sich zu einem Wirtschaftszweig entwickelt, mit dem jede Menge Geld verdient wird. Es gibt einen Grund dafür, warum die R+V Versicherung seit 25 Jahren eine Studie zum Thema »Die Ängste der Deutschen« durchführt: Wer die Ängste seiner potenziellen Kunden kennt, kann die passende Versicherung dazu anbieten. Klingt logisch, oder? Versicherungen sind jedoch nicht die Einzigen, die vom Geschäft mit unseren Ängsten leben. Hier nur ein paar Beispiele:
Alle Unternehmen aus dem Bereich Sicherheit
Laut einer Statistik des Bundeskriminalamtes (BKA) ist die Zahl der Einbrüche in Privathäuser, Wohnungen, Gewerberäume oder Garagen zwischen 2005 und 2015 um über 50 Prozent gestiegen.4 Kein Wunder, dass die Angst vor Einbrechern hierzulande immer größer wird. Als Konsequenz erzielte die Sicherheitsbranche 2015 über 14,5 Milliarden Euro Umsatz. Das ist im Vergleich zu 2013 ein Anstieg um 17 Prozent.
Allein in unserem persönlichen Umfeld gab es in den letzten paar Jahren fünf Einbrüche – zu unterschiedlichen Tageszeiten und in verschiedenen Städten:
Monas Mutter erwischte in der Nähe von Stuttgart einen Einbrecher, als sie von der Arbeit nach Hause kam. Der suchte glücklicherweise – ohne Beute – sofort das Weite. Daraufhin wurden alle Fenster und Türen von einem Experten überprüft und bekamen modernere Sicherungen wie abschließbare Fenstergriffe und Sicherheitsschlösser.
Die folgende Geschichte ist erst kürzlich passiert: Während ein befreundetes Ehepaar im Urlaub war, wurde das gemeinsame Haus in Hannover ausgeräumt. Als sie nach 14 Tagen zurückkamen, fanden sie völliges Chaos vor, und die Erholung war im Nu dahin. Nach eigener Aussage fühlen sie sich seither »zu Hause nicht mehr sicher« und »in ihrer Privatsphäre bedroht«. Inzwischen haben sie einen privaten Sicherheitsdienst beauftragt, der eine Alarmanlage installierte und regelmäßig vor dem Haus Streife fährt.
In anderen Ländern ist das Geschäft mit der Sicherheit noch ausgeprägter. Während diese Zeilen entstehen, sitzt Mona in einer kleinen Wohnung im zweiten Obergeschoss im New Yorker Stadtteil Brooklyn hinter vergitterten Fenstern. Wer einmal durch Brooklyn spaziert, dem fällt schnell auf, dass fast alle Häuser in den unteren Stockwerken vergitterte Fenster haben, manche sogar in den oberen Geschossen. Und das, obwohl New York inzwischen unter den Top 10 der sichersten Großstädte zu finden ist.
Die Dating-Industrie

Wer Single ist, gilt oft als unvollkommen.
Wer Single ist, gilt in unserer Welt oft als unvollkommen. Als Mona ihren Facebook-Status vor Jahren von »Single« zu »In einer Beziehung« änderte, gab es so viele Kommentare wie nie zuvor. Das Highlight: »Hat sich endlich einer erbarmt!« Diese Anmerkung kam auch noch von einer Teenager-Liebe. Schönen Dank dafür, du Pappnase! Fühl dich ruhig angesprochen!!!
Aber zurück zum Thema: Viele von uns kennen Feierlichkeiten, wie die Hochzeit von Geschwistern oder Freunden, die man als Single allein besucht. In diesem Fall wird man garantiert gefragt: »Und, wann ist es bei dir so weit?« Ohne genügend Alkohol ist das kaum zu ertragen. Noch schlimmer sind allerdings die Verkupplungsversuche der anwesenden Pärchen. Wer sich vor einer derartigen Festivität noch schön, glücklich und unabhängig fühlte, verlässt das Event meistens mit dem Gefühl, dass eine zweite Hälfte fehlt. Da hilft es auch nur wenig, dass sich die Medien mit Berichten wie »Glücklich Single« oder »23 Gründe, warum es geiler ist, Single zu sein« überschlagen.
Natürlich bringt das Gemeinsam-durchs-Leben-Gehen viele Vorteile, wenn eine Beziehung glücklich ist. Tatsächlich hat jede Zweisamkeit ihre Vorteile. Natürlich gilt das auch für andere Bindungsmodelle. Wir möchten hier niemanden diskriminieren. Aber genau wie das Leben als Single, bringt eine Gemeinschaft eben auch Nachteile mit sich. Es gäbe also – ganz rational gesehen – keinen Grund dazu, als Single zu verzweifeln. Trotzdem boomen Dating-Portale und -Apps wie nie zuvor. Ihre Betreiber machen sich die Taschen voll und die Werbetreibenden auf den Portalen verdienen sich eine goldene Nase damit, dass Menschen sich nach einer Beziehung sehnen.
Besonders das Smartphone bietet bei der Partnersuche schier unbegrenzte Möglichkeiten: App downloaden, Vorschläge bekommen und nach links oder rechts wischen. Ein Match – und schon kann es losgehen mit dem Chatten, Flirten und vielleicht auch Treffen oder gar mehr. Für welche App man sich auch entscheidet, alle haben eines gemeinsam: Sie bekämpfen die Angst vor Einsamkeit, sie sorgen für jede Menge Beschäftigung und helfen dabei, sich als Single nicht als unvollkommenes Mitglied der Gesellschaft zu fühlen.
Die Waffenindustrie

In den USA werden mehr Waffen denn je verkauft.
In den USA werden mehr Waffen denn je verkauft. 2015 gab es laut einer Statistik des FBI mehr Anträge auf Waffenbesitz von Privatleuten als jemals zuvor. Experten machen dafür zwei Faktoren verantwortlich: zum einen Terroranschläge wie in Paris oder im kalifornischen San Bernardino. Zum anderen steigt der Umsatz der Branche wegen der Angst der Amerikaner vor schärferen Regulierungen beim Waffenkauf und -besitz. In der Ära Trump sollte das zunächst einmal vom Tisch sein. Trump ist seit Ronald Reagan der erste Präsident, der bei einer Veranstaltung der NRA, der National Rifle Association of America oder eingedeutscht der Nationalen Amerikanischen Gewehr-Vereinigung, auftrat. Als er im April 2017 in Atlanta im Bundesstaat Georgia vor die politisch einflussreiche Waffenlobby trat, sagte er: »Ihr habt einen echten Freund und Champion im Weißen Haus!«
In Deutschland verhindert die Gesetzgebung, dass sich der Bürger privat einfach so aus Angst bewaffnet. Allerdings steigt die Zahl der Käufe von Schreckschusspistolen und Reizgassprays. Ein echter Boom war nach den Straftaten in Köln in der Silvesternacht 2015/2016 zu beobachten.
Die Medien

Angst, Hass, Titten und Wetterbericht sorgen für Auflage.
Auch wenn wir uns auf keinen Fall in die Reihen der »Lügenpresse-Schreier« begeben wollen, fällt nicht nur uns auf, dass »Angst, Hass, Titten und Wetterbericht«5 für Auflage sorgen. Wir glauben nicht, dass die Medien Lügen verbreiten, zumindest die meisten nicht. Wir denken, dass die Marketing-Experten unter den Medienschaffenden genau wissen, dass sie mit Geschichten, die Angst machen, Leser, Hörer und TV-Zuschauer erreichen. Reality-Soaps lassen uns in gesellschaftliche Abgründe blicken und seriöse Nachrichtensendungen verbreiten eine Horrormeldung nach der anderen. Tote Kinder, brennende Häuser, grausame Überfallszenen und Mord dominieren unsere mediale Welt. Positive Nachrichten lassen sich anscheinend nicht so gut verkaufen. Dazu ein Zitat des deutschen Aphoristikers Erwin Koch:
»Mit ihrem Fokus auf das Negative zeigen uns die Medien kein Abbild, sondern ein Zerrbild des Lebens, das von den Rezipienten dann auch prompt mit der Realität verwechselt wird.«
Da ist was dran, finden wir. Wir werden also, je nach Häufigkeit der Mediennutzung, den ganzen Tag mit schlechten Nachrichten bombardiert – in der Zeitung, im Radio, im TV und ganz besonders auch im Internet. Wie sollen wir denn dabei noch gut gelaunt bleiben?
Die Pharmaindustrie
Wenn wir in den USA in einer Drogerie vor einem Regal mit Schmerztabletten stehen, trifft uns fast der Schlag. Aspirin und Tylenol, das bei uns Paracetamol heißt, gibt es in allen möglichen Varianten. Die Aspirin-Behälter sind bis oben hin mit bis zu 1000 Pillen gefüllt und kosten nur um die 20 US-Dollar.

Medikamente werden wie Bonbons konsumiert.
Aber auch bei uns in Europa und in Deutschland bekommt man das Gefühl, dass Medikamente wie Bonbons konsumiert werden. Anstatt auf die Zipperlein des Körpers zu hören und ein bisschen Ruhe einkehren zu lassen, gibt es für alles eine passende Pille. Die lindert – zumindest vorübergehend – die Symptome, meist aber nicht die Ursachen.
Wir Menschen haben Angst, dass wir nicht leistungsfähig genug sind oder dass ein Tag mit Kopfschmerzen im Bett nicht vertretbar ist. Ständige Verfügbarkeit muss gewährleistet sein, und wenn der Körper sagt: »Stopp – ich brauche eine Pause!«, dann gehen wir eben chemisch dagegen vor.
Gerade bei Selbstständigen – auch bei uns selbst – haben wir das Phänomen »Angst, etwas Wichtiges zu verpassen« beobachtet. Oft haben wir Ruhephasen immer wieder vor uns hergeschoben und verschoben. Mit dem Ergebnis, dass der Körper irgendwann ganz laut schreit: »Meetings kannst du jetzt vergessen. Du bleibst im Bett!«
Viele von uns haben eine riesige Panik davor, Anrufe oder E-Mails zu verpassen oder gar einmal völlig auszufallen. Und dann kommt auch noch die Angst vor neuen Epidemien dazu. Schweinegrippe, Vogelgrippe, Geflügelpest, BSE …
In den letzten Jahren poppen immer wieder Meldungen mit neuen Gefährdungen auf. Auch die Angst vor Masern und anderen »Kinderkrankheiten« ist zurückgekehrt. Im Fokus steht meist die Frage: impfen oder nicht impfen? Von der Angst der Eltern um die Gesundheit ihrer Kinder oder auch generell der Menschen um die eigene Gesundheit und die von Angehörigen profitiert wieder einmal eine Industrie wie keine andere: die Pharmaindustrie.
KURZ GEFASST: VOM URINSTINKT ZUM WIRTSCHAFTSZWEIG
Wahrscheinlich haben wir an dieser Stelle die eine oder andere Branche vergessen. Es wird aber sicherlich deutlich, dass das Geschäft mit der Angst lukrativ ist. Lassen Sie sich also nicht von jeder Meldung gleich aus der Fassung bringen. Arbeiten Sie stattdessen lieber daran, irrationale Ängste loszuwerden. Das spart nicht nur Geld, sondern schont auch Ihre Nerven.
Was hilft gegen Angst?
Wir müssen nicht immer gleich zu Medikamenten greifen. Denn das Leben stattet uns mit vielen ganz natürlichen Mitteln aus, die uns beim Bekämpfen von Ängsten unterstützen. Den gesunden Menschenverstand haben wir ja bereits erwähnt und können ihn gar nicht genug betonen. Aber es gibt noch viel mehr natürliche und äußerst wirksame Anti-Angst-Mittel – zum Beispiel:
Erfahrung
Je mehr Erfahrung wir mit einer Situation haben, die uns Angst macht, desto leichter wird es meist, damit umzugehen. Wir kennen zahlreiche Musiker, die sich zu Anfang fürchteten, auf die Bühne zu gehen. Viele haben immer Lampenfieber. Dennoch lassen sie zahlreiche positive Erfahrungen – beispielsweise begeisterte Publikumsreaktionen – immer wieder ins Rampenlicht treten.
Ein befreundeter Comedian hat einmal erzählt: »Wenn die Angst ganz weg ist, dann fehlt oft auch die Energie auf der Bühne. Dann wird alles zur Routine. Und das wäre ja langweilig. Aber meine Erfahrung hat mich deutlich ruhiger werden lassen.«
Übung und Routine
Je öfter wir etwas gemacht haben, desto leichter fällt es uns. Wer erinnert sich noch an seine ersten Fahrversuche? So richtig routiniert waren die sicherlich nicht. Wir haben immer noch vor Augen, wie schwer es war, einfach nur loszufahren und sich in den fließenden Verkehr einzureihen. Ein Horror! Worauf wir damals alles noch aktiv achten mussten, schien völlig unüberschaubar. Heute läuft das alles von alleine, und wir denken eher: »Eigentlich ist es ein Wunder, dass nicht mehr Unfälle passieren, wenn man sieht, wie die anderen Auto fahren!«
Freunde

Echte Freunde sind eine Macht gegen die Angst.
Echte Freunde, also nicht unbedingt diejenigen, die sich auf unseren Social-Media-Kanälen tummeln, sind eine nicht zu unterschätzende Macht gegen die Angst. Zum einen geht es im gegenseitigen Umgang offen zu. Zum anderen profitieren wir von den Erfahrungen und Routinen der anderen. Ein Gespräch mit einem guten Freund kann leicht neue Perspektiven aufzeigen, die wir selbst in unserem »Filter« nicht entdeckt hätten. Freunde können aber auch dabei helfen, Ängste abzubauen. Oft genügt es schon, dass sie einem zuhören und einen im Notfall auffangen. Sie bieten starken Rückhalt und sind Menschen, mit denen wir Angstsituationen gemeinsam angehen können.
Fakten
Viele unserer Ängste sind völlig irrational. Wir haben Angst vor dem Fliegen, brettern aber mit 200 Sachen über die Autobahn. Das Flugzeug ist jedoch nachweislich das sicherere Verkehrsmittel. Das können wir in zahlreichen Statistiken nachlesen. Wir haben Angst vor der Überfremdung und vor dem Verlust unserer Identität als Nation. Trotzdem lieben wir es, beim Italiener Pizza zu essen, beim Vietnamesen Frühlingsrollen zu genießen oder beim Libanesen Mezze zu bestellen. Wir sind einfach wirklich gut darin, die Wahrheit selektiv zu sehen. Zudem können verschiedene Studien und Statistiken glaubhaft vermitteln, dass eine »Überfremdung« nicht passieren wird und Deutschland als klassisches Einwanderungsland neue Impulse und Kulturen nicht nur verkraften kann, sondern sogar davon profitiert.6 Bleibt jedoch das Misstrauen, ob diese Studien tatsächlich auf Fakten beruhen oder ob sie selektiv durchgeführt wurden, um ein bestimmtes Bild zu erzielen, das politisch und gesellschaftlich gewünscht ist.

Wahrheit ist häufig eine Frage der Perspektive.
Ob Fakten tatsächlich Fakten sind, ist heutzutage wirklich nicht mehr so einfach zu überprüfen. Jeder Studie steht eine weitere gegenüber, die das Gegenteil behauptet. Und jeder, der Lust darauf hat, mal etwas zu veröffentlichen oder seine Meinung im etwas anonymeren Rahmen des Internets kundzutun, hält sich für einen Journalisten und verkauft seine Meinung als alleinige Wahrheit. Akzeptieren Sie also nicht so schnell eine Aussage als Fakt. Wahrheit ist leider inzwischen häufig eine Frage der Perspektive geworden.
Schauen Sie bei sogenannten Fakten immer genau hin und fragen Sie sich: »Wer hat eine Studie in Auftrag gegeben? Wer profitiert von welchen Ergebnissen? Sind die Aussagen belegbar?« Wer der Wahrheit nahekommen möchte, sollte sich auf jeden Fall aus verschiedenen Quellen Informationen zusammensuchen und nicht vergessen, den gesunden Menschenverstand einzuschalten. Wir haben davon nämlich mehr, als wir oft glauben.
Unabhängigkeit
Wer sich von anderen Menschen finanziell oder auch emotional abhängig macht, ist viel anfälliger für Ängste als diejenigen, die sich ein Stückchen Unabhängigkeit bewahren. Das gilt sowohl im Privatleben als auch im Job.
Hat man in einer Partnerschaft keine eigenen Freunde mehr, pflegt man keine eigenen Hobbys, steigt die Verlustangst meist an. Das liegt daran, dass wir schnell das Gefühl bekommen, ohne den anderen nichts mehr zu sein. Eine Freundin sagte neulich: »Ich habe meinem Lebensgefährten gedroht: Wenn du mich verlässt und wieder nach da draußen schickst, dann bringe ich dich um!« Im ersten Moment war die Geschichte ein Lacher. Wir sind überzeugt, dass sie ihn nicht umbringen würde. Sie hat sich aber emotional so eng an ihn gebunden, dass sie sich selbst abhängig fühlt. Das jagt ihr eine Heidenangst ein. Viel schlimmer ist für sie aber die Vorstellung, wieder auf dem sogenannten Singlemarkt aktiv werden zu müssen.

Abhängigkeit schürt Ängste!
Im Job sieht das ähnlich aus. Wer selbstständig ist, sollte sich nicht auf ein Standbein und besonders nicht auf einen Kunden verlassen. Wenn der wegbricht, ist von heute auf morgen Panik angesagt. Kurzfristig betrachtet ist die wahrscheinlich sogar berechtigt. Es gibt zahlreiche Beispiele von Firmen, die deswegen Pleite gemacht haben. Die meisten erinnern sich bestimmt noch an Berichte von landwirtschaftlichen Betrieben, die aufgrund von Großaufträgen von Discountern expandiert haben. Danach wurden ihre Preise so gedrückt, dass es besser war, aufzugeben, anstatt zu liefern und draufzuzahlen. Aber auch Kleinunternehmer, die sich aufgrund eines Versprechens von zahlreichen Aufträgen selbstständig gemacht haben, mussten oft wieder aufgeben, weil der vermeintliche Großkunde insolvent war oder intern entschieden wurde, neue Prioritäten zu setzen.
Welcher Lebensbereich auch immer betroffen ist: Abhängigkeit ist nie gut und sorgt häufig für Ängste, die nicht sein müssten. Wir haben übrigens beide mehrere Standbeine. Ralf ist Moderator, Speaker, Eventdesigner, Autor und Veranstalter für Impro-Hotels. Mona arbeitet in der PR, im Künstlermanagement, ist Journalistin und Autorin.
Andersartigkeit
Suchen Sie sich Menschen, die anders sind als Sie. Das erweitert Ihren Horizont ungemein und lässt Sie die Angst vor Neuem und Unbekanntem schnell vergessen, weil Sie noch nie da gewesene Erfahrungen sammeln. Andere Meinungen und Blicke auf Themen sorgen für frischen Wind und unterstützen auch dabei, angstgeprägte Vorurteile abzulegen. Jede Andersartigkeit hilft uns, eine neue Perspektive einzunehmen. Wir beide lieben es zum Beispiel, mit Menschen aus anderen Generationen zu sprechen, am besten außerhalb der eigenen Familie:
Mona hat in New York mit zwei Dozentinnen an unterschiedlichen Colleges in den USA gesprochen. Eine der Damen, die die Position einer Dekanin innehat, weigerte sich zum Beispiel, einer Einladung ins Weiße Haus zu folgen. Sie wollte auf keinen Fall die Trump-Regierung unterstützen. Furchtlos stellte sie sich einem ungeliebten Regime entgegen und hat damit ein klares Statement gesetzt. In Deutschland hätten wir uns höchstwahrscheinlich erst einmal Gedanken darüber gemacht, was alles passieren könnte, wenn wir »den Gehorsam verweigern«. Manchmal scheint es, als ob uns so ein positiver Aktionismus fehlt. Die Dame ist übrigens Einwanderin. Sie stammt ursprünglich aus Jamaika, hat in Kanada studiert und lebt und arbeitet bereits seit über 40 Jahren in den USA. Und: Ihren Job übt sie immer noch aus!
Ralf hat ungefähr zur gleichen Zeit mit seinem Team das Bühnen- und Rahmenprogramm der IdeenExpo in Hannover gestaltet. Hier geht es um Fort- und Weiterbildung für Schüler. Um deren Nerv und auch den der Eltern zu treffen, ist ein ständiger Dialog mit der heranwachsenden Generation unerlässlich. Das baut Vorurteile und Berührungsängste ab und erweitert den eigenen Horizont um ein Vielfaches.
Neugier

Neugier macht Angst zum Fremdwort.
Entwickeln Sie eine Lust darauf, außergewöhnliche Wege zu gehen. Je eingefahrener wir sind, desto wichtiger erscheint es, dass alles so bleibt, wie es ist. Gewohnheit und Altbekanntes schaffen eine scheinbare Sicherheit. Doch wenn dann plötzlich etwas Unvorhergesehenes passiert, gerät die Sicherheit schnell ins Wanken. Wer Lust darauf hat, neue Wege zu gehen, hat weniger Angst davor, diese Pfade auch einmal zu beschreiten, wenn er nicht dazu gezwungen wird. Zudem wird er routinierter im Umgang mit Veränderungen. Je besser wir mit Veränderungen umgehen können, desto leichter wird es. Und je neugieriger Sie sind, desto aktiver gehen Sie in Veränderungen hinein, und Angst wird zum Fremdwort.
Distanz zur Angst
Schaffen Sie eine gedankliche Distanz zu Ihren Ängsten, anstatt sich immer tiefer hineinfallen zu lassen oder sich gar mit ihnen zu identifizieren. Einige Menschen beschäftigen sich so sehr mit ihren Ängsten, dass sie sich im schlimmsten Fall darüber definieren. Wir möchten hier nicht dazu aufrufen, Ängste zu ignorieren. Ein gesunder Abstand dazu ist jedoch dringend anzuraten. Das zeigt auch das folgende Beispiel:
Eine Freundin erzählte uns vor einiger Zeit, dass sie ihre Arbeit nicht mehr schaffen würde, weil sie so große Angst davor habe, ihren Job zu verlieren. Die Angst war auch nicht unbegründet, denn in ihrer Firma gab es bereits die dritte Kündigungswelle innerhalb weniger Jahre. Bisher war sie davon jedoch verschont geblieben. Sie steigerte sich trotzdem immer weiter in die Situation der vermeintlich Entlassenen hinein.
Irgendwann saß sie tagsüber wie gelähmt an ihrem Schreibtisch und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sie machte Fehler, wurde langsam und brachte keinerlei Kreativität mehr in die Firma ein. Innerlich hatte sie mit dem Kapitel bereits abgeschlossen und sich in die Opferrolle begeben. Allerdings war sie auch nicht in der Lage, die Konsequenzen zu ziehen und sich aktiv einen neuen Job zu suchen. Sogar in der Freizeit gab es kein anderes Thema mehr. Ihre Freunde konnten die immer wieder selbe Leier nicht mehr hören.
Zum Glück hatte sie einen Chef, der bemerkte, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Er sprach sie darauf an. Auch er war sich seiner Position im Unternehmen nicht mehr sicher und erzählte ihr, wie er mit der schwierigen Lage umging. Er versuchte, seine Angst zu akzeptieren, sich aber nicht mehr von ihr leiten zu lassen. Anstatt sich permanent einzureden »Das geht alles schief!«, schickte er die Angst in Gedanken jeden Tag ein bisschen weiter von sich weg, bis sie zur Tür hinausgegangen war. Dann schloss er die Tür und versuchte wieder dafür zu sorgen, dass sich die Firma aus der Umsatzflaute herausarbeiten konnte. Unsere Freundin folgte seiner Strategie. Gemeinsam und mit einer gesunden Haltung gegenüber der Situation schafften sie es, die Umsatzflaute zu besiegen. Als das schließlich geschafft war, wurde der Chef befördert und hat unsere Freundin gleich mit in den neuen Aufgabenbereich genommen. Sie hatte zusammen mit ihm die Angst besiegt, die Kehrtwende eingeleitet und sich so ihren Arbeitsplatz gesichert.
KURZ GEFASST: WAS HILFT GEGEN ANGST?
Jeder hat Ängste, und so vielfältig sie sind, so unterschiedlich sind auch die Wege, um sie loszuwerden. Es gilt in jedem Fall zu vermeiden, dass wir uns von unseren Ängsten überfordern und leiten lassen. Sonst kommt das große böse Panik-Kaninchen und wir schlittern Stück für Stück in den totalen Kontrollverlust.
Die Ängste der Deutschen
Die regelmäßige Studie »Die Ängste der Deutschen« im Auftrag der R+V Versicherung basiert auf 16 Grundängsten, die jedes Jahr abgefragt werden. Aufgeteilt sind diese in wirtschaftliche bzw. politische Themen, externe Bedrohungen, persönliche Sorgen und Umweltängste. Alles Wissenswerte dazu gibt es unter:
https://www.ruv.de/presse/aengste-der-deutschen
In den Ergebnissen der Studie aus dem Jahr 2016 sind besonders zwei Tendenzen zu beobachten:
1. Die Ängste der Menschen hierzulande werden immer stärker
Die Studie wurde bereits zum 25. Mal durchgeführt und noch nie waren die Werte so hoch wie heute. In allen Bundesländern nehmen die Ängste der Menschen zu. Hessen liegt mit zurzeit 59 Prozent an der Spitze, dicht gefolgt von Sachsen-Anhalt mit 55 Prozent. In Berlin haben die Menschen mit 40 Prozent am wenigsten Angst. Vielleicht liegt die generelle Gelassenheit der Berliner darin begründet, dass Zuwanderung und Integration dort schon lange Themen sind, mit denen man sich vonseiten der Politik und besonders vonseiten der Bevölkerung beschäftigt. Kein Ort in Deutschland ist multikultureller, keiner vielseitiger, und zumindest aktuell bewegt sich auch keiner im selben Tempo, in dem sich die Hauptstadt dreht. Die Berliner sind es also gewohnt, dass sich permanent etwas verändert, dass man in den Straßen einiger Stadtteile mehr Fremdsprachen als Deutsch hört und dass viele sich eher von Touristen als von Zuwanderern gestört fühlen.
2. Die Menschen in Ost und West haben dieselben Ängste
Eine Erkenntnis der Studie hat uns ziemlich überrascht: Die Top 6 der Ängste der Deutschen sind im Osten dieselben wie im Westen. Angeführt wird die Liste von der Angst vor Terrorismus. In ganz Deutschland fürchten sich 73 Prozent davor. Nahe dran liegt die Angst vor politischem Extremismus (68 Prozent) und vor Spannungen durch den Zuzug von Ausländern (67 Prozent). Weiterhin spielen die Überforderung von Behörden und Bürgern durch Asylbewerber (66 Prozent) und die Überforderung von Politikern (65 Prozent) eine große Rolle. Die Menschen sind aber auch über die Kosten, die durch die EU-Schuldenkrise verursacht werden (65 Prozent), beunruhigt. Die Angst vor Naturkatastrophen, die in der Studie aus dem Jahr 2015 noch ganz an der Spitze stand, ist 2016 nicht einmal mehr in den Top 7 zu finden, die deutschlandweit zusammengefasst wurden.
KURZ GEFASST: DIE ÄNGSTE DER DEUTSCHEN
Noch nie hatten die Deutschen so viele Ängste wie zurzeit. Diese Ängste verändern sich – abhängig von aktuellen Ereignissen. Momentan ist besonders die Angst vor Terrorismus sehr hoch. Dahingegen hat sich die Angst vor Naturkatastrophen, die in der Vorjahresstudie noch ganz oben stand, beinahe in Luft aufgelöst.
German Angst – die geerbte Angst
Aufgrund der aktuellen Studie könnte man das, was man uns Deutschen bereits seit längerer Zeit nachsagt, bestätigt sehen. Viele denken, wir seien ein Volk der Angsthasen: Für uns hat man international sogar den Begriff »German Angst« kreiert, der eine unbegründete Angst oder Besorgtheit – besonders vor dem Verlust des eigenen Lebensstandards – ausdrücken soll.

Das Volk der Angsthasen?!
Aber was genau steckt hinter der German Angst? Wir Deutschen gelten als zögerlich, weil wir die Konsequenzen unseres Handels fürchten. Angeblich liegt die typisch deutsche Zögerlichkeit darin begründet, dass wir Angst davor hätten, unseren Lebensstandard zu verlieren. Deshalb würden wir uns auch nichts trauen. Kurzum: Man macht sich gerne ein bisschen lustig über unser »zitterndes« Volk, das in den Augen vieler doch eher im »Paradies« lebt, also von allem genug hat und sich im Grunde nicht beschweren kann. Zumindest gilt das für die meisten Deutschen. Unser Lebensstandard ist hoch und die Arbeitslosigkeit gering. Tatsächlich haben wir laut der Bundesagentur für Arbeit im Oktober 2017 mit 3,6 Prozent eine ziemlich niedrige Arbeitslosenquote.7 Im Vergleich: Die Arbeitslosenquote in Spanien lag durchschnittlich bei 16,7 Prozent und der EU-Schnitt belief sich auf 7,4 Prozent.8 Außerdem stieg unser Wirtschaftswachstum 2016 – gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) und entgegen den Erwartungen – wieder um starke 1,9 Prozent.9 2015 lag es bereits 1,7 Prozent höher als im Vorjahr. Ist die German Angst also eine Tatsache? Machen wir uns wirklich grundlos Sorgen um unser Hab und Gut?
Sehen wir es zunächst einmal positiv: Wer Angst um seinen Wohlstand und seinen Besitz hat, der hat etwas zu verlieren. Wer nichts hat, braucht sich auch keine Sorgen zu machen. Das heißt aber noch lange nicht, dass die German Angst berechtigt ist. Schauen wir doch in eine Zeit zurück, in der sie besonders stark ausgeprägt war. Als Mitte der 1950er-Jahre Gastarbeiter nach Deutschland kamen, war die Feindseligkeit groß und ebenso die Angst, dass sie den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen könnten und sich ihre Kultur mit unserer vermischen würde. Tatsächlich haben die Gastarbeiter jedoch zum deutschen Wirtschaftswunder beigetragen und wir haben alle profitiert.
Blicken wir einmal kurz auf unsere persönlichen Erinnerungen:
Wir haben beide ähnliche Erfahrungen mit der, nennen wir sie mal »Ängstlichkeit« gemacht. Wir beide sind auf dem Land groß geworden, in Regionen in Süddeutschland, die stark für Traditionsbewusstsein stehen. Beide sind wir schon im Alter von ungefähr 20 in die Großstadt »geflüchtet«. Beide mussten wir Sätze wie »Hast du dir das gut überlegt?« und »Was da alles passieren kann!« von vielen Seiten hören – sei es von der eigenen Verwandtschaft oder auch von Freunden und Bekannten. Die meisten hielten uns für Spinner, die sowieso bald wieder in den Schoß des Bekannten zurückkehren würden. Außerdem war die Sorge darum, welchen Gefahren und Risiken wir in der Großstadt ausgesetzt wären, viel größer und wurde häufiger kommuniziert als die Freude darüber, dass wir uns dazu entschieden hatten, einen neuen Weg zu gehen. Solche Aussagen können einen ganz schön blockieren, wenn man selbst auch noch ein bisschen unsicher ist. Doch der jugendliche Tatendrang und der Wunsch nach Veränderung und dem Ausbruch aus alten Zwängen hat überwogen. Wir haben diese Entscheidung beide nicht bereut.
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