Kitabı oku: «Nordwestbrise»

Yazı tipi:

Monika Dettwiler

NORDWESTBRISE

Monika Dettwiler

NORDWESTBRISE

Roman

Appenzeller Verlag

I. Auflage, 20I2

© Appenzeller Verlag, CH-9I0I Herisau

Alle Rechte der Verbreitung,

auch durch Film, Radio und Fernsehen,

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Tonträger, elektronische Datenträger und

auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Umschlagbild: iStockphoto / Stiftsarchiv St. Gallen

ISBN Buch: 978-3-85882-593-3

ISBN eBook: 978-3-85882-634-3

www.appenzellerverlag.ch

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Für Lavinia und Emma

1

Die Schiffe sahen grösser aus als Fischerboote. Hart stiessen sie gegen den Steg von Arbon. Waren lagerten keine auf den Planken, da standen Männer, einer neben dem anderen. Sie trugen rote Wadenbinden, wie kein Alemanne sie hatte. Wuchtig stürzten sie von den Schiffen an Land. Metall blitzte auf, der Steg zitterte. Jetzt schwärmten die bewaffneten Männer über den Platz aus. Einer stürmte mit dem Schwert in der Hand auf Utinas Haus zu. Sie hatte Angst, war wie gelähmt und starrte durch den Mauerspalt nach unten.

Hier, vom Kastell aus, hatte Utina etwas früher am Nachmittag in die andere Richtung geschaut. Über die Ställe hinweg zu den Wäldern. Die Sonnenstrahlen waren über feuchte Frühlingsblätter getanzt. Auf dem vom Regen aufgeweichten Pfad hatte Utina ihren Vater entdeckt. Otpert trug wieder das Tuch mit den zwei Löchern und den Holzreif bei sich. Er ging rasch, bald würde er im Wald verschwunden sein. Utina stieg über die Vorsprünge der Mauer nach unten und eilte ins Haus. In der Wohnhalle stand Utalind. Die ältere Schwester trug ihre helle Tunika und strich mit den Fingern über das feine Leder ihres neuen Täschchens, das am Gehänge an ihrem Gürtel befestigt war.

«Heute folge ich Vater, ich will wissen, wohin er geht», sagte Utina. «Kommst du mit?» Die Zwölfjährige reckte energisch das Kinn empor und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. Obwohl ihr rotbraunes Haar im Nacken in einen Zopf floss wie bei Utalind, war es weniger sorgfältig gescheitelt.

«Kommst du nun mit?», wiederholte Utina, weil die Schwester schwieg.

Nein, wollte Utalind sagen, und du gehst auch nicht! Aber sie sah Schalk und Lebensfreude in Utinas grünen Augen aufblitzen. «Lass dich von Gutan begleiten», sagte Utalind, lachte gutmütig, als die Schwester sie umarmte, und sah dann wieder zu den weissen Tüchern, die in einer offenen Truhe für sie bereitlagen.

Utina nahm ein kleines Messer vom Herd, eilte vor das Haus und sagte zum Diener, ihr Vater habe etwas vergessen, sie müssten ihm folgen. Sie liefen schnell, und in Utinas Nacken tanzte der Zopf zum Takt des Liedes in ihr. Kurz vor der grossen Waldlichtung erblickten sie den Vater. Utina hielt Gutan zurück. Sie beobachteten, wie Otpert vor seltsamen Holzkästen halt machte, sich das Tuch über den von weissen Strähnen durchzogenen Rotschopf stülpte und mit dem Reif befestigte. Um die Hände wand er sich Lederstreifen. Während er eine Bienenwabe nach der anderen behutsam herausnahm und den Honig in einen Topf fliessen liess, sang Otpert leise vor sich hin. Utina schien es, als summe er mit den Bienen, die ihn immer hektischer umschwirrten.

«Soll ich dir mein Versteck zeigen?», flüsterte Utina. «Von dort aus sehe ich alles, und niemand sieht mich.» Gutan nickte. Sie war die Tochter des Herrn und er ein Kirchenknecht, aber da Waldram, Utinas Grossonkel, Eigentümer der Kirche war, gehörte er der ganzen Sippe und damit ein bisschen auch ihr. Gutan war etwas älter als Utalind.

Jetzt, in der Abenddämmerung, hörte Utina Gutans Atem hinter sich, sie umklammerte seine Hand. Durch die Mauerritze sahen sie, wie bewaffnete Männer durch die Gassen schwärmten. Einer trat gegenüber Utinas Haus die Tür ein, zwei weitere stürmten ins Innere und wieder hinaus. Ihre Umhänge waren mit Blut bespritzt, ihre Gesichter zu Grimassen verzerrt. Sie stiessen grauenvolle Schreie aus. Utina wollte schluchzen, aber kein Ton kam heraus, als die Krieger ins Haus ihres Grossonkels Waldram stürzten, das schönste Haus Arbons. Knechte warfen sich mit blossen Händen den Fremden entgegen, zwischen ihnen Waldram mit dem Schwert. Die Hörigen wurden beiseitegestossen und mussten zusehen, wie die Angreifer ihren Herrn niedermetzelten.

Gott, hilf uns, schrie Utina, aber es war nur ein Gedanke, ihre Lippen bewegten sich nicht. Sie sah, wie ein Bewaffneter grinsend sein bluttriefendes Schwert am Körper des toten Waldram abstreifte. Als drei Männer in ihr eigenes Haus einbrachen, grub Utina ihre Fingernägel in Gutans Fleisch. «Utalind», brüllte er, riss sich los und drängte an ihr vorbei. Seine Augen hatten sich zu Schlitzen verengt. Im letzten Moment schob Utina ihm das Messer in die Hand. Dann sah sie, wie zwei Krieger die Schwester aus dem Haus schleppten, ein Dritter trug ihre Tücher. Plötzlich war Gutan da und ging mit seinem Messer auf die Feinde los, bis er unter dem Schlag eines Schwertknaufs zu Boden sank. Utalinds Schreie verebbten zwischen den Häusern, dann sah Utina, wie die Schwester über den Steg in ein Schiff gezerrt und festgebunden wurde. Utina sank in sich zusammen und umklammerte zitternd ihre Knie. Im Dunkeln auf dem Mauerboden verschmolz das Klirren der Schwerter mit den Schreien zu einem Summen, das aus weiter Ferne zu kommen schien.

Das strohbedeckte Pfostenhaus befand sich in einer Waldlichtung östlich von Arbon. Dahinter lagerten Holz und Schindeln neben mehreren Ochsenkarren. Dicht drängten sich Rinder und Schweine in einem Pferch. Hühner flatterten zwischen den vielen Menschen umher, die im Haus am Boden sassen oder an die Wände lehnten und kaum etwas sahen, weil das Licht nur durch eine einzige schmale Öffnung im Giebeldach drang.

Er fühle sich matt und alt, aber er gebe nicht nach wie Waldrams Sohn, er gehe nicht nach Romanshorn, sagte Otpert zu seinen beiden Söhnen, die den blutigen Abend überlebt hatten. Utina wollte nicht zuhören, sie wollte um Utalind trauern, aber die Worte des Vaters waren laut. Alle in der Halle mussten erfahren, weshalb die Wehrmänner vom Nordwesten her über den See gekommen waren: Die Franken wollten den ganzen Kastellbezirk räumen. Im Namen des königlichen Hofs. Waldram hatten sie schon im Herbst angewiesen, seinen Besitz in Arbon aufzugeben und mit der Sippe auf seine Ländereien in Romanshorn zu ziehen. Aber Waldram hatte den Rat in den Wind geschlagen, er hatte einfach nicht damit gerechnet, dass die Franken mit so vielen Schiffen und Wehrmännern kommen und angreifen würden.

«Zum Glück hat Waldram es mir erzählt, da habe ich als Fluchtort dieses Haus gebaut. Nun sind wir frei», fuhr Otpert fort. Utina bemerkte den seltsamen Singsang, in den er verfiel, wenn er lange sprach und alle ihm zuhörten.

«Frei wofür?», hörte Utina ihren älteren Bruder fragen. Wolfgang trug sein blondes Haar schulterlang wie alle freien Alemannen, er war stolz auf seinen vollen rötlichen Bart.

«Für unsere Rache», sagte Otpert, und sein jüngerer Sohn Waldo stimmte zu. Der Kleinwüchsige versuchte, seiner hellen Stimme einen kräftigen Klang zu geben. «Wir segeln über den See in die Fremde und holen Utalind zurück.»

Otpert erklärte, die Franken hätten es nicht auf ganz Arbon abgesehen gehabt, nur auf Waldrams Familie. Aber dessen Sohn Waldbert habe durch Zufall überlebt. Der Mann, der bei den Franken alles lenke, heisse Karl. «Merkt euch seinen Namen, Wolfgang und Waldo! Karl, man nennt ihn auch den Hammer. Wer für ihn ist, ist euer Feind. Nicht ein König hat den Überfall befohlen, es gibt ja gar keinen mehr, sondern dieser Hausmeier, der sich über alle stellen will. Er hasst unser Alemannien.»

«Was ist ein Hausmeier?», fragte Waldo.

«Hausmeier sind Leute, die in einem Teil des Merowingerreichs an der Spitze der königlichen Hofverwaltung stehen.»

«Und welchen Reichsteil regiert dieser Karl?»

«Eigentlich den Nordosten. Aber jetzt glaubt er, der Führer aller Franken zu sein, und will auch Alemannien seinem Willen unterwerfen.»

Utina wollte nichts mehr hören und nichts mehr denken. Zuhinterst in der Halle sah sie eine Ecke, wo niemand war, weil der Frühlingsregen durch die Dachritzen auf den Boden tropfte. Sie kauerte sich auf den verschmierten Lehmboden und starrte vor sich hin. Wirre Bilder tauchten vor ihr auf, Utalind, wie sie wob oder die Tücher aus Leinen ordnete und an ihre Zukunft dachte. Dann wieder schrie sie und sperrte sich gegen die Fremden.

Erst als eine Hand sie am Kopf berührte, merkte Utina, dass sie wimmerte wie ein junges Tier. «Ich bin da», flüsterte eine Stimme, die sie aus allen heraus erkannt hätte. Utina kuschelte sich an ihre Grossmutter Amelia, lauschte ihrem Atem und schlief ein.

Jeden Abend, beim Warten auf Otpert und seine Söhne, wiegte Amelia ihre Enkelin in den Schlaf, so, wie sie es nach dem Tod von Utinas Mutter oft getan hatte. Amelia war eine Langobardin mit dunklem Haar und dunklen Augen. Ihre Stimme klang kehlig und tief, wenn sie Utina in ihrer Muttersprache, die in Arbon nur sie beide verstanden, Geschichten erzählte.

«Du bist doch auch geraubt worden, als du jung warst», sagte Utina. «Kann es sein, dass es Utalind gut geht wie dir?»

«Bestimmt bringen die Männer sie zurück.»

«Aber wenn nicht?»

«Utalind ist eine schöne junge Frau, jemand wird sie beschützen.» Das sei bei ihr auch so gewesen. Amelia holte weit aus, obwohl Utina alles schon gehört hatte. Im Süden der grossen Berge habe sie gelebt, eine Braut vor ihrem Hochzeitstag. Da hätten Männer aus dem Norden ihr Langobardendorf überfallen. «All mein Brautschmuck lag schon für die Hochzeit bereit», erzählte Amelia. «Da gelang es mir, das Gold in den Kleidern, die ich trug, zu verstecken.» Der Anführer der Fremden habe sie auf sein Pferd gehoben und sei mit ihr davongaloppiert, obwohl ihr überrumpelter Vater und ihr Bruder schreiend hinter ihnen hergelaufen seien. «Aber dein Grossvater hat mich bis zu seinem Tod gut behandelt», sagte Amelia und zog zwei Fibeln aus ihrem Umhang hervor. «Schau, hier hat er sogar einen Liebesschwur eingraviert, den ich allerdings nicht lesen konnte.» Sie befestigte die Fibeln an Utinas Gürtel und sagte leise, sie selbst brauche keinen Schmuck mehr, sie gehe mit Waldbert fort und werde mit den frommen Frauen in der Kirche von Romanshorn leben.

«Dann ziehen wir also doch nach Romanshorn?» Zwischen Utinas Augen bildete sich eine Falte. «Das kann ich nicht glauben. Vater will doch vom See weggehen.»

Amelia legte die Arme um sie. «Es tut mir leid, Utina. Aber ich bin zu alt für eine so beschwerliche Reise.» Und Utalind ist bald wieder da, wollte sie hinzufügen. Oder: Du kannst mit mir kommen, nach Romanshorn. Aber sie kannte das Leben und ihren Sohn Otpert und schwieg. Ihre Hand war feucht von Utinas Tränen.

Im Mai des Jahres 740 zog Otpert mit den Söhnen und Utina, mit Gefolgsleuten, Knechten, Mägden und seiner ganzen Habe, drei Pferden, Geflügel, Schweinen, Ziegen, Schafen, zwei Ochsen und einer Kuh nach Süden, zum Arboner Forst, einem Urwald, der bis zum Alpstein reichte. Weil die Karren mit Werkzeug, Sicheln, Eggen, einem Pflug, mit Saatgut und Hausrat beladen waren, mussten alle zu Fuss gehen. Sie folgten einem Weg, der sie in die Richtung des Klosters St. Gallen führen sollte und der ihnen genau beschrieben worden war.

Da Otpert gehört hatte, Abt Otmar pflege mit seinem Esel auf einer Strasse von St. Gallen nach Arbon zu reisen, war er bald nicht mehr sicher, ob sie den richtigen Weg genommen hatten. Der Pfad war eng und sah aus, als werde er nur selten begangen, er war verwachsen und holprig. Immer wieder mussten sie anhalten, um Gehölz aus dem Weg zu räumen. Als es am zweiten Tag zu regnen begann, sanken die Räder in den Morast ein, und vor die Ochsen wurden Pferde gespannt. Dreimal mussten alle Geräte abgeladen, über eine seichte Stelle getragen und wieder aufgeladen werden. «Jeden Tag kommen wir so weit wie ein Alter am Stock», versuchte Otpert zu scherzen, denn er war froh, dass er Arbon und die Feinde hinter sich lassen konnte, aber niemand hatte Lust zum Fröhlichsein.

Weil es weiterregnete, schwollen die Bäche an, und plötzlich ging es nicht mehr weiter. Ein Stück Pfad war einfach weggerutscht, hinunter in die Steinach. Utina hörte, wie die Männer hin und her diskutierten, ob man gleich dableiben oder weiterziehen solle. Einer schlug vor, bis nach St. Gallen zu reisen. Dort hätten schon zu Zeiten des heiligen Gallus Flüchtlinge aus Konstanz und Arbon Unterschlupf gefunden. Ganz so weit wollte niemand gehen, aber alle zog es vorwärts, auch Otpert. Er sagte, hier fühle er sich noch nicht sicher genug, und was Otpert wollte, galt.

Im strömenden Regen machten sich die Männer daran, zwischen den Baumstämmen einen Weg durchs Gehölz zu hauen. Sie kamen nur langsam vorwärts und mussten Bogen schlagen, weil die Bäume manchmal so nahe beisammenstanden, dass die Karren nicht durchgekommen wären. Wo der Waldboden wegen der Wurzeln zu holprig war, mussten sie die Wagen hochstemmen und tragen.

In der Nacht wurden Feuer angezündet, um die Bären fernzuhalten. Denn Otpert hatte darauf bestanden, seine Bienenstöcke mitzunehmen, und wo Honig war, da tauchte früher oder später ein Bär auf. Utina hatte Glück. Sie durfte mit anderen Frauen auf dem Holzbett schlafen, das ihr Vater für sich selbst mitgenommen hatte. Sie lagen aber direkt auf dem harten Holz, und Utina beneidete die anderen ein wenig, die sich in Tücher gewickelt auf den weichen Waldboden legten.

Während alle schliefen, tastete Utina nach dem Amulett, das die Grossmutter in ihren Rocksaum eingenäht hatte. «Schau, wie schwer es ist, fast aus reinem Gold!», hatte Amelia geflüstert. «Es wird dich durchs Leben begleiten – wie früher mich. Zusammen mit diesem hier!» Amelia lachte und berührte mit dem Finger das herzförmige Muttermal auf Utinas linker Schulter. Das sei ein Erbe der Frauen ihrer Langobardenfamilie, das von Generation zu Generation weitergegeben worden sei wie das Amulett. Dann, kurz vor ihrer Abreise nach Romanshorn, hatte die Grossmutter Utina ihr Geheimnis anvertraut. Sie sprach langobardisch, so waren sie vor Lauschern sicher. «Das Amulett ist nur der kleinste Teil meiner Aussteuer gewesen. Ich verstehe heute noch nicht, weshalb dein Grossvater den Schatz nicht bemerkt hat», erzählte Amelia und lächelte. «Ich war so schwer, als er mich mit all den Münzen, Ketten, Ringen und Edelsteinen auf seinen Sattel hob!» Auf der anderen Seite der grossen Berge, in Begleitung dieser Männer, die sie nicht kannte und die nie mit ihr sprachen, habe sie plötzlich Angst bekommen um ihren Schatz. Da habe sie ihn irgendwo im Flachland an einem kleinen See neben alten Kastellmauern versteckt. Unter dem Herd des winzigsten Grubenhauses, das sie je gesehen habe.

Fast jede Nacht erinnerte sich Utina an diese Geschichte und nahm sie in sich auf. Wenn ich gross bin, werde ich Amelias Schatz suchen, machte sie sich Mut, um an anderes als an Utalind und an Waldram zu denken, den sie bei der Kirche von Arbon begraben hatten.

Der Vater, Wolfgang und Waldo waren Utalind ans andere Ufer des Bregenzersees nachgereist. In eine Gegend, wo sie noch nie gewesen waren. Auch dort gab es Alemannen, aber es waren andere Sippen und fremde Gesichter. Zuerst fragten sie überall am Ufer, dann weiter im Landesinneren, bis ein Bauer von einer weinenden jungen Frau erzählte, für die einige Bewaffnete um Brot und Wasser gebeten hätten.

Sie fanden Utalind auf dem Hof eines Freien. Otpert forderte ihn auf, ihm seine Tochter zurückzugeben oder wenigstens die übliche Entschädigung, das Wergeld, zu bezahlen. Aber der Mann lachte nur und liess sie nicht zu Utalind. Er sei aus Ostfranken gekommen, auf Befehl des Hausmeiers Karl persönlich, und alemannisches Recht gehe ihn nichts an. Beim Besuch in Arbon sei er gar nicht dabei gewesen. Wehrmänner hätten ihm die Alemannin als Hörige verkauft, aber er behandle sie wie seine Frau. Als er das sagte, grinste er und sprach davon, Otpert das Wergeld für eine gewöhnliche Magd zu entrichten, doch dann besann er sich anders, wies die Besucher vom Hof und hetzte ihnen die Hunde nach.

Aber Otpert und seine Söhne wollten den Weg in die Heimat nicht mit leeren Händen antreten. Auf dem Feld gleich hinter dem Hof nahmen sie zwei freie Bauern gefangen, schoren sie kahl und verkauften sie als Kirchenknechte nach Romanshorn, an Waldrams Sohn Waldbert. Das Entgelt, ein mit Weizen beladener Wagen und einige Waffen, kam ihnen mehr als gelegen.

Als sie endlich auf dem gestampften Weg weiterziehen konnten, hörte der Regen auf. Otperts Knechte schwärmten nach allen Seiten aus, um einen Siedlungsplatz zu finden. Sie entdeckten einen nicht weit vom Weg, der nach St. Gallen führte. Er war viel grösser als eine Waldlichtung und lag an einem Rinnsal, das weiter unten zu einem Bach anschwoll, der sich in die Steinach ergoss. Otpert sagte, da habe vielleicht früher schon jemand gesiedelt. Er beschloss, gleich alle nötigen Häuser und Ställe zu bauen, und meinte, es sei sogar genug Land da, um nach dem Winter Erbsen, Bohnen, Rüben und Zwiebeln zu ziehen.

In dieser Nacht schliefen die meisten tief, weil sie einen Ort zum Leben gefunden hatten. Nur Otpert lag wach. Er dachte an die Franken, die über den See gekommen waren, um sich in Arbon festzusetzen. Vor allem Karl, der Hausmeier, von dem er sich kein Bild machen konnte, brachte seine Gedanken in Aufruhr. Früher hatte es am merowingischen Hof immer einen König gegeben, und einen König konnte man sich irgendwie vorstellen, auch wenn man ihn nie sah. Aber dieser Hausmeier, der sich wie ein König aufführte und doch keiner war, der die Macht an sich reissen und das Leben in Alemannien bestimmen wollte, machte ihm Angst.

Die munteren Rufe und Sprüche des ersten Morgens veränderten für Utina wenig. Sie sass herum und wollte an nichts denken. Die Bäuerinnen, die schon früher für Otpert gearbeitet hatten und jetzt mit ihm gekommen waren, kümmerten sich um die Vorräte. Utina sah zu, wie sie Steine für einen Herd zusammentrugen und auf dem Feuer Gerstenbrei kochten.

«Willst du helfen und die Töpfe im Bach waschen?», fragte eine Verwandte, die im vergangenen Winter Stoffe für Utalind gewoben hatte. Utina zögerte, doch als die Frau ihr den Rücken zukehrte, stahl sie sich weg. Ausserhalb der Siedlung waren Männer daran, gegen Süden hin Bäume zu fällen. Andere sägten die grössten Stämme zu gleichmässigen Bohlen und legten sie zu denen, die sie auf Karren aus Arbon mitgenommen hatten.

«Du musst hier weg, Utina», sagte ein kräftiger Mann mit harzverklebten Armen, dem der Schweiss an Händen und Haaren herunterlief.

Utina sah vom Boden auf. «Gutan, du lebst!»

«Für einen mit kurzgeschorenen Haaren haben die bestimmt keinen Schwerthieb verschwendet», sagte der Hörige und machte eine wegwerfende Bewegung.

Utina wollte fragen, ob er bei der Suche nach Utalind dabei gewesen sei und ihr davon erzähle, aber sie spürte eine verhaltene Wut in ihm, die ihr Angst machte. Sie schwieg und sah ihm zu, wie er einen geraden jungen Baumstamm über einen anderen schob und das angehobene Ende zuzuspitzen begann. Der erste Pfosten, der in den Boden gerammt wird, um das Dach unseres Hauses zu halten, dachte Utina, die schon oft bei Bauarbeiten zugesehen hatte.

«Komm, wir schauen uns um, wo wir Felder anlegen könnten», hörte sie den Vater hinter sich sagen. Als sie keine Antwort gab, nahm er sie am Arm und zog sie mit sich fort in den Wald. In der freien Hand trug er einen Topf mit Hühnerblut, den eine Magd beim Schlachten gefüllt hatte. Amelia würde mich jetzt fragen, wie es mir gehe, sie würde von Utalind sprechen und sagen, dass sie in der Fremde zurechtkommen werde, dachte Utina. Aber der Vater setzte nur zu praktischen Erklärungen an: «Wir müssen Wald roden, in der Siedlung ist für Weizenfelder kein Platz.» Er bestimme nun die Felder und markiere die Bäume an den Rändern rot. Dann wolle er von allen Stämmen im Feld ein breites Stück Rinde abschneiden, um die Bäume absterben zu lassen. «In zwei, drei Jahren ist das Holz so dürr, dass wir das ganze Waldstück abbrennen und das Feld von den Strünken befreien können», erläuterte der Vater, während er die Laubblätter, die er an ein Hölzlein geschnürt hatte, ins Hühnerblut tauchte.

Als der Winter früher als andere Jahre hereinbrach, hatten alle Familien Häuser mit Strohdächern, aus deren Ritzen der Rauch von Herdfeuern aufstieg. Ställe gab es noch keine. Bei grosser Kälte würde man das Vieh in die Häuser nehmen müssen, aber einen Zaun um die ganze Siedlung hatten sie gebaut, als Schutz vor wilden Tieren.

Es hatte auch schon eine Beerdigung gegeben: Eine Bäuerin, die ein Kind erwartete, bekam im Herbst Fieber. Die Frauen gaben ihr einen Aufguss aus Eisenkraut zu trinken und legten Wadenwickel an, aber es war nichts mehr zu machen. Ein Knecht aber, auf den beim Baumfällen ein schwerer Ast gestürzt war, konnte wieder gehen, weil die Männer sein Bein geschient hatten.

Kurz vor dem ersten Schnee brachten zwei Familien einen mit Obst und Getreide beladenen Wagen in die Siedlung, den ihnen Waldbert mitgegeben hatte. Es waren Verwandte Otperts, die in Romanshorn nicht zurechtgekommen waren und nicht mehr nach Arbon zurückkehren durften. Lieber wollten sie in der Wildnis siedeln. Die Leute sagten, sie seien zuerst auf der Strasse bis nach St. Gallen gegangen. Als sie Otpert und seine Leute nicht gefunden hätten, seien sie dem anderen, schmaleren Pfad zurück gefolgt, und nun seien sie da. Otperts Getreue wurden unsicher, ob man am richtigen Ort sei und hier überhaupt bleiben könne, aber Otpert sagte, das gesamte Arboner Hinterland bis zur Galluszelle gehöre Waldbert, wie es schon seinen Vorfahren gehört habe. Ob man da oder dort bleibe, sei ohne Bedeutung. Otpert fühlte sich sogar sicherer, weil sie weitab von der belebten Strasse gesiedelt hatten, aber das verriet er den anderen nicht.

Weil es in Arbon und in Romanshorn eine Kirche hatte, wollte Otpert auch in der neuen Siedlung auf den Segen eines Priesters nicht verzichten. An vielen Abenden sass er mit seinen Verwandten zusammen, und sie berieten sich, wo und in welcher Grösse man eine Kirche bauen solle. Aber niemand wusste genau, in welche Himmelsrichtung man sie ausrichten und was sie von einem normalen Pfostenbau unterscheiden musste. Schliesslich wollten sie Waldbert um Unterstützung bitten, aber der Bote, den sie ihm geschickt hatten, kehrte nie in den Forst zurück. Da beschloss Otpert, sich an das Kloster zu wenden. Vielleicht lebten dort Mönche, die Priester waren und ihn beim Bau der Kirche beraten konnten. Vielleicht kam sogar einer von den Klosterbrüdern mit, um bei ihnen zu bleiben. Otpert war noch nie in St. Gallen gewesen, aber wenn er mit zwei bewaffneten Begleitern dem Pfad folgen würde, konnte er in einem Tag bestimmt dort ankommen.

Als Otpert zurück war, sagte er, St. Gallen liege näher als Arbon. Tagelang sprach er nicht mehr vom Bau der Kirche, sondern nur noch vom Abt. Er erzählte jeden Abend, wenn die Familie beisammensass, mit einem solchen Feuer, dass sogar Utina manchmal aufhörte, an die Wand zu starren, und seinen Worten gebannt folgte.

«Er ist nicht mehr jung, er könnte mein Vater sein», sagte Otpert. «Aber er scheint enorme Kräfte zu haben. Die Leute dort sagen, er schlafe fast nie. Jede Nacht steht Abt Otmar auf, um ins Haus zu gehen, wo die Kranken liegen. Aber er spricht ihnen nicht nur Trost zu, er pflegt sie auch selbst mit Salben und Aufgüssen.»

«Und was ist mit unserer Kirche?», fragte Wolfgang.

«Der Abt wird uns bald einen Klosterbruder schicken. Es gebe so viele, dass er sicher einen entbehren könne, hat er gesagt.» Als Wolfgang wissen wollte, wie gross diese Einsiedlerzelle denn sei, erwiderte Otpert, St. Gallen sei jetzt ein richtiges Kloster mit vielen Gebäuden und einer Siedlung darum herum. Otpert sah auf seine Hände, spreizte die Finger und meinte: «Ich habe im Kloster gegessen. Da sassen so viele Mönche wie fünf oder sechs Männer Finger haben.»

Ob dort auch Frauen seien, wollte Utina wissen, aber Otpert sagte, es gebe nur Männer, er habe aber auch schon von Frauenklöstern gehört. Die Frage brachte Otpert zum Nachdenken. Seine Tochter schaute oft so trübsinnig vor sich hin, dass er zweifelte, ob irgendein Mann ein solches Geschöpf ohne Leben zur Frau nähme. Er selber konnte Utina die Mutter nicht ersetzen wie Utalind. Im Haus sorgte eine alte Magd für Ordnung, aber die war seit ihrer Abreise aus Arbon so mürrisch, dass niemand Lust hatte, sich ihr anzuvertrauen. Und die anderen Mädchen waren entweder noch Kinder oder woben und kochten schon zusammen mit ihren Müttern. Otpert war froh, dass sein Sohn wieder von der Kirche zu sprechen begann, und schob die trüben Gedanken beiseite.

An einem milden Wintertag kam ein Fremder in die Siedlung. Zwei Gefolgsleute ritten hinter ihm her. Es war nicht klar, ob er auf der Jagd war oder den falschen Weg nach St. Gallen genommen hatte. Utina war die Erste, die ihm vor ihrem Haus über den Weg lief, aber er beachtete sie nicht. So entging ihm auch, wie sie ihn von Kopf bis Fuss musterte. Der Fremde war ungefähr so alt wie ihr Vater, und das an den Schläfen leicht angegraute dunkle Haar fiel ihm bis auf die Schultern. Silberfäden zogen sich auch durch seinen Bart. Über dem Hemd trug er eine braune Wolltunika und einen kostbaren Gürtel, an dem seine Waffe befestigt war. Seine Beine waren wie üblich bis zu den Knien mit Bändern umwickelt, aber als Utina die Farbe sah, hätte sie fast geschrien. Sie waren vom selben Rot wie die Binden der Wehrmänner, die Utalind mitgenommen hatten. Utina rannte ins Haus. Weil die Fensteröffnung im Giebeldach zu weit oben war, suchte sie eine Ritze zwischen zwei Wandbohlen und spähte hinaus. Der Fremde gestikulierte, und sie hörte ihn mit resoluter Stimme nach dem Mann fragen, der in dieser Siedlung das Sagen habe.

«Seid ihr auf dem Weg nach St. Gallen?», fragte Otpert, der zwischen zwei Bäumen hervorgetreten war. Seine Stimme klang tiefer und bestimmter als sonst, er reckte sich und zog sein harzbeflecktes Hemd zurecht. Als die Fremden ihn von ihren Pferden herab musterten, fragte er: «Wollt ihr drei nicht absteigen? Ich bin Otpert aus Waldrams Sippe.»

«Und ich Titrich aus Arbon.»

Otpert hatte die Beinbänder gesehen und fragte: «Des Hausmeiers neuer Befehlshaber?»

«Ja, ich bin ein Vertrauter Karls und für das Königsgut im Arbongau verantwortlich. Das macht oft Reisen zum Abt nötig. Und wem gehört die Siedlung hier?»

«Ich bin aus Waldrams Sippe», wiederholte Otpert. «Waldram hat mir das Land hier überlassen.»

«Mir scheint, es gehöre dem König.»

Im Haus hielt Utina den Atem an, als sie den Ausdruck auf dem Gesicht ihres Vaters sah. Jetzt sagt er dem Franken, es gebe gar keinen König, und es gebe hier nichts zu fragen, dachte sie. Aber Otpert scharrte nur leicht mit dem Fuss und sagte mit fester Stimme: «Waldrams Vorfahre Talto ist Kämmerer bei König Dagobert gewesen. Der König hat ihm das ganze Gebiet von Arbon bis St. Gallen geschenkt.»

«Unser König Dagobert in Ehren, aber diese Siedlung gehört jedenfalls nicht dir. Du musst sie räumen. Ich gebe dir bis zum nächsten Vollmond Zeit.»

«Das Land gehört mir», wiederholte Otpert, aber der Fremde wendete sein Pferd und galoppierte mit seinen Begleitern davon.

Utina war beunruhigt und lief in den Wald, wie immer, wenn sie enttäuscht oder traurig war und allein sein wollte. Der Vater hatte es verboten, aber jetzt dachte er hoffentlich nicht daran, nach ihr zu suchen. Sie sass auf einem Stamm und sah den Ameisen zu, als sie ein Geräusch hörte, ein fernes Schnarchen oder Schnurren, das sie nicht einordnen konnte. Mit Händen und Füssen bahnte sie sich einen Weg durch das dichte Unterholz und fand am Fuss einer Tanne ein zusammengerolltes Tier, das sie an den jungen Hund erinnerte, der am Tag, als die Wehrmänner Utalind abgeholt hatten, aus Arbon verschwunden war. Utina hörte den Vater rufen, aber sie ging weiter und streckte die Hand nach der Pelzkugel aus. Das Bärenjunge brummte leise, aber nicht bedrohlich, und blinzelte sie mit verschlafenen Augen an.

Plötzlich stand der Vater bei ihr. Er packte Utina am Arm und zerrte sie mit sich fort. «Du unvernünftiges Kind!», stiess er atemlos aus. «Bären tun uns nichts, wenn wir sie in Ruhe lassen. Aber fasst du ein Junges an, so reisst die Mutter dich in Stücke, um es zu schützen.»

«Vielleicht hat es keine Mutter mehr.»

Er wollte nicht darauf eingehen, aber Utinas Stimme klang so lebendig, dass er einlenkte. «Wir kehren morgen mit drei bewaffneten Männern zurück. Wenn die Mutter das Junge noch nicht geholt hat, kannst du ihm Ziegenmilch geben.»

«Darf ich es dann behalten?»

«Nicht für lange.» Er sah sich das Tier genauer an und schüttelte den Kopf.

«Weshalb?»

«Weil es rasch wächst. In einigen Monden ist es so schwer, dass du es nicht mehr tragen kannst, und es wird gefährlich. Aber im Wald ist ihm ohnehin wohler als in einer Siedlung.»

Tagelang hielt Utina ihren kleinen Bären im Arm und flösste ihm mit einem Tüchlein honiggesüsste Milch ein. Otpert hörte sie sogar wieder lachen, aber selten, nur dann, wenn das Bärenkind nach der Fütterung ihre Hand leckte oder wenn es herumtollte und ihm seine patschigen kleinen Tatzen in die Quere kamen.

Bevor der kleine Bär so viel wog, dass Utina ihn nicht mehr aufheben konnte, setzten sie ihn im Wald aus. Otpert fand heraus, dass seine Tochter ihrem Schützling trotz des Verbots noch lange einen Kübel mit Milch hinstellte, aber nach einiger Zeit sah er in der Nähe der Siedlung keine Bärenspuren mehr.

Noch vor Ende des Winters kam ein Bote des Gerichts und brachte ein versiegeltes Schreiben. Otpert habe nach neunzehn Nächten am Samstag vor Gericht zu erscheinen. Titrich habe ihn angeklagt, auf Königsland eine Siedlung errichtet und behauptet zu haben, das Land gehöre ihm.

Otpert hatte Angst um sein neues Zuhause und wusste sich nicht zu helfen. Waldbert würde ihm sagen können, was zu tun sei. Am nächsten Tag ritt er mit zwei Verwandten nach Romanshorn.

Diesmal wollten sie die breitere Strasse nehmen. Da nur wenig Schnee lag, hofften sie, ihr Ziel am gleichen Tag zu erreichen. Als sie versuchten, quer durch das Gehölz zur Strasse zu stossen, hörten sie nach einiger Zeit ein Wolfsrudel heulen. Otpert glaubte, es käme aus der Richtung der Siedlung, und spielte mit dem Gedanken, zurückzureiten, aber er wollte vor den anderen nicht ängstlich wirken. So sagte er, es sei unsinnig, auf der Suche nach der unbekannten Strasse weiter durch den Wald zu irren, und machte kehrt. Als sie kontrolliert hatten, dass keine Wölfe ihre Siedlung bedrohten, beschlossen sie, einen Umweg über St. Gallen zu machen, und fanden dort endlich die Strasse.

Waldbert nahm sich wie immer Zeit für seine Verwandten. Er fuhr sich mit den Händen durch das drahtige schwarze Haar und reckte sich, weil er mit seiner rundlichen Gestalt kleiner wirkte als Otpert; selbst seine imposante Nase glich das nur ungenügend aus. Das ganze Arboner Hinterland bis und mit St. Gallen habe er über eine lange Ahnenkette von Talto vererbt bekommen, dem Kämmerer König Dagoberts, beantwortete er Otperts Fragen. Deshalb habe Waldram, sein Vater, sich ja auch um St. Gallen gekümmert und Otmar beauftragt, aus der Galluszelle ein Kloster zu machen. Zeugen der Schenkung existierten keine mehr, das sei zwei oder drei Menschenleben her.

«Gibt es eine Urkunde?»

«Wenn etwas geschrieben wurde, dann ist es verbrannt. Du weisst ja, dass Karls Franken unser Haus geplündert und angezündet haben.»

Als Otpert zum Thing ritt, war er so entmutigt, dass er am liebsten umgekehrt wäre. Aber Waldbert hatte ihm eingeschärft, unbedingt hinzugehen, sonst schulde er dem Gericht zwölf Schillinge. Da dies der Preis für einen Deckhengst war und Otpert nur einen besass, befolgte er Waldberts Rat. Aber es gab gar keine Verhandlung. Titrich musste lediglich ein Pfand hinterlassen, seinen Anspruch auf das Land anmelden und geloben, mit Schwurhelfern zum nächsten Termin zu erscheinen. Otpert hatte dasselbe zu geloben, aber wenigstens verlangte ihm niemand ein Pfand ab.

Einen Mond später ritt Otpert mit Waldbert und all ihren vornehmen Verwandten zum Gerichtsplatz südlich von Arbon. Trotz der schlecht zum Frühling passenden Kälte war der Richterstuhl im Freien unter einer grossen, noch fast kahlen Linde aufgebaut worden. Der Richter trug einen Wollumhang, den eine kostbare Fibel zusammenhielt. Mit seinen eng zusammenliegenden Augen und der Habichtsnase gefiel er Otpert nicht. Ob der Greis überhaupt das Recht habe, Richter zu sein, und ob er etwa im Dienst des Hausmeiers stehe, fragte Otpert, als sie ihre Pferde vor dem Thing zurückgelassen hatten. Waldbert beruhigte ihn. Der Richter sei von ihrem Herzog Teudbald persönlich ernannt worden, und dass Teudbald der beste Alemanne überhaupt sei, brauche er nicht zu betonen.

Auch Titrich kam mit grossem Gefolge an. Weil das Königsland, auf das er Anspruch erhebe, den Wert von sechs Schillingen bestimmt übertreffe, habe er gleich fünf Schwurhelfer mitgebracht. Alles Männer, die Otpert noch nie gesehen hatte. Da er zwei ablehnen durfte, zeigte er auf die beiden, die ihn am finstersten anstarrten.

«Ich verlange das Land, auf dem der Freie Otpert eine Siedlung errichtet hat, als Königsland für den Hof zurück», sagte Titrich, als die Männer im Thing endlich verstummt waren, weil der Richter seine Haselrute gehoben hatte. Als der Richter ein Zeichen gab, legten Titrich und seine Schwurhelfer ihre Hände auf einen Schrein, in dem eine Reliquie lag, und Titrich wiederholte, dass sein Anspruch rechtmässig sei. Otpert warf einen Blick auf den Richter, und als der ihm hoheitsvoll zunickte, legte er seine Hand über die Hände der anderen. Sie zitterte, und weil seine Kehle trocken war, schluckte Otpert ein paarmal leer, ehe er mit fester Stimme sagte: «Ich schwöre, dass dieser Anspruch falsch ist und ich unschuldig bin, so wahr mir Gott helfe.»

«Hat die Siedlung überhaupt einen Namen?», fragte der Richter.

Otpert zögerte und kratzte sich an der Backe, was seine Sommersprossen noch mehr zum Leuchten brachte. Mit der Hand auf dem Schwertknauf sagte er stolz: «Utinishusen, weil das Land mir gehört.»

«Gibt es eine Urkunde?»

Otpert antwortete, was Waldbert ihm geraten hatte: «Schriftliches verlangt das Gesetz nur bei Landhändeln mit der Kirche. Diese Schenkung wurde meinem und Waldberts Vorfahren per Handschlag gemacht.»

Obwohl Waldbert und seine Zeugen bestätigten, das stimme, und jeder im Arbongau wisse, dass der Kämmerer Talto vom König das ganze Gebiet geschenkt bekommen habe und Waldbert das Recht habe, dieses Land an seinen Verwandten Otpert weiterzugeben, war der Richter weder von den Argumenten des Angeklagten noch von jenen des Anklägers überzeugt. Einerseits seien diese Besitzverhältnisse allen im Süden des Bregenzersees bekannt, anderseits gälten Zeugnisse vom Hörensagen nicht. Schliesslich entschied er, es gebe keine andere Lösung als eine Landbegehung mit Zweikampf, um festzulegen, ob Otperts Siedlung ihm gehöre.

Statt etwas zum Urteil zu sagen, warf Titrich ein, der angeklagte Otpert habe überdies den Arboner Kirchenknecht Gutan gestohlen.

Der Richter sperrte den Mund auf, um Titrich zurechtzuweisen, aber Otpert kam ihm zuvor. Mit einem Blick auf Titrich sagte er, der Zweikampf sei ihm recht, und den Hörigen Gutan habe er der Kirche abgekauft. Er nutze nun ebenfalls die Gelegenheit, um einen eigenen Anspruch vorzubringen.

«Alle hier wissen, dass Titrich der neue Befehlshaber von Arbon ist, weil seine Leute Waldram ermordet und seine Sippe vertrieben haben», holte er aus und sprach rasch weiter, weil er zwischen den Augen des Richters eine tiefe Falte sah. «Ich klage Titrich an, meine Tochter Utalind in den Norden des Sees verschleppt und als Magd verkauft zu haben. Bringt er sie mir zurück, gebe ich mich mit achtzig Schillingen zufrieden. Sonst verlange ich nach Gesetz das ganze Wergeld von vierhundert Schillingen.»

Ein Raunen ging durch den Thing, und Titrich wurde blass. Er fürchtete um sein Leben und seine Ehre, denn eine solche Entschädigung konnte niemand aufbringen.

Aber der Richter schlug seinen Stab auf den Tisch und fand endlich seine Stimme wieder, die vor lauter Verblüffung versagt hatte. Das seien zwei andere Fälle, schrie er. Otpert und Titrich müssten wegen der Tochter und des Knechts auf einen nächsten Thing hin klagen. Mit einem Blick auf Otpert fügte er hinzu, falls er nicht schwören könne, dass Titrich persönlich seine Tochter geraubt habe, lasse er es lieber gleich bleiben und wende sich an ein Gericht am anderen Seeufer.

Otpert fürchtete sich vor der Landbegehung, weil er noch nie bei einer dabei gewesen war. Überhaupt hatte er sich bisher mit Richtern und Grafen nicht ausgekannt, weil in Arbon immer Waldram alles geregelt hatte. Jetzt war er selbst verantwortlich für seine Siedlung und all die Verwandten, und das verunsicherte ihn.

An einem sonnigen, trockenen Tag im Mai kam auf richterlichen Befehl Titrich in die Siedlung, und von weither auch ein alemannischer Graf namens Petto, von dem Otpert meinte, er sei irgendwie mit ihm versippt. Otpert war erleichtert, dass Titrich den Grafen ohne weiteres akzeptierte, denn er wusste nicht viel von Gesetzen und hatte von diesem Tag die Entscheidung erwartet. Auf Pettos Geheiss mussten Otpert und Titrich aber nur die Stelle bezeichnen, an der ihrer Meinung nach die Grenze zwischen Otperts Siedlung und dem Königsland lag. Wie zu erwarten, ging Titrich nach Osten, bis zum Tobel, das zur Steinach hinunterführte, während Otpert sich so weit westlich aufpflanzte, dass neben der Siedlung auch der Wald mit den künftigen neuen Feldern zwischen ihm und dem Fluss lagen. Das strittige Gebiet dazwischen wurde mit Pflöcken eingegrenzt. Auf halbem Weg trafen sich die beiden, wie das Gesetz es verlangte, und hoben gemeinsam Erde aus, steckten Zweiglein hinein und übergaben sie dem Grafen. Petto wickelte die Scholle in ein Tuch, setzte vor allen sein Siegel darauf und sagte, er bewahre sie in Treuhand bis zum nächsten Gerichtstermin auf.

Otpert reiste mit seinem Gefolge schon einen Tag früher nach Arbon und übernachtete in jenem Pfostenhaus, in dem sie sich nach dem Überfall zusammengefunden hatten. Auch Waldbert kam, um ihm Mut zu machen, aber unglücklicherweise erzählte er Otpert, was er über den Gegner erfahren hatte. Titrich sei am Merowinger Königshof aufgewachsen und habe den dort üblichen Waffendrill mitgemacht. Otpert erschrak. Er war zwar eher jünger als Titrich und kräftiger gebaut, aber er hatte mit Schaufel und Egge mehr Erfahrung als mit dem Schwert. Ich bin im Recht, sagte er sich schliesslich. Gott weiss das und wird mir beistehen. Alles Zögern würde nichts helfen. Er hatte einen Eid geschworen und jetzt viel mehr Angst, sich dagegen zu versündigen, als im Zweikampf zu sterben.

Im Thing legten Graf Petto und der Richter die Erdscholle mit den Zweiglein auf den Boden, Titrich berührte sie mit seinem Schwert und rief: «Gott, unser Schöpfer, gibt dem den Sieg, der im Recht ist!» Als auch Otpert gesprochen hatte, standen sie sich mit gezogenen Schwertern gegenüber.

Otpert war bleich, noch nie hatte er sich so elend und ausgeliefert gefühlt. In einer Schlacht, stellte er sich vor, ist man einer von vielen, man kann losstürmen in die eigene Kraft. Aber hier, im Thing, stand er mit Titrich allein. Einem Titrich, den er in Gedanken zum gefährlichsten Schwertkämpfer des Reichs gemacht hatte. Otperts Unruhe wuchs, und als Titrich ihm mit erhobenem Schwert entgegenkam, ging Otpert vorwärts, zögerte, begann heftig zu schwitzen, machte wieder einen Schritt vorwärts und stolperte so unglücklich über eine Wurzel, dass er hinfiel und sich den Schwertarm brach.

Gott habe gesprochen, urteilte der Richter, der Zweikampf sei zu Ende. Das strittige Gelände gehöre dem königlichen Hof und nicht dem Angeklagten. Weil Otpert schon genug gestraft sei, erlasse er ihm aber die Busse von zwölf Schillingen.

Utina schlich sich aus der Siedlung; der Vater und die Brüder waren auf der Jagd, und sonst achtete niemand auf sie. Dem Rinnsal entlang ging sie zur Steinach und sah sich die Bäume über dem Tobel genau an. Da, neue Kratzspuren an der Rinde. Am Boden entdeckte sie auch einen grossen frischen Kothaufen. Sie legte sich auf die Lauer. Plötzlich sah sie ihn, weiter südlich, wo das Ufer weniger steil war. Der Bär stand im Wasser und versuchte tolpatschig, mit seiner Tatze zu fischen. Aber da keine Mutter da war, die ihm zeigte, wie es ging, gab er bald auf und machte sich über einen Brombeerstrauch her. Einmal richtete er sich auf, wackelte mit dem Kopf und drehte sich in Utinas Richtung. Sie wusste, dass Bären eine gute Nase haben, und freute sich.

Lange sah sie dem Bären zu. Sie hatte keine Lust, nach Hause zurückzukehren; so ging es allen in der Siedlung. Seit der Richter entschieden hatte, dass sie Utinishusen dem Königshof überlassen mussten, fühlte sich hier niemand mehr sicher, obwohl Otpert gegen alle entschieden hatte zu bleiben. Der Richter werde bestimmt nicht kommen, um sie zu vertreiben, und Titrich habe einfach recht haben wollen, aber die Siedlung sei ihm kaum die Mühe wert, nochmals in den Thing zu gehen. Keiner getraute sich, Otpert zu widersprechen, aber wohl und zu Hause fühlte sich niemand mehr.

Um nicht mit leeren Händen zurückzukehren, suchte Utina nach Beeren, aber sie fand nicht mehr viele. Der Sommer war fast zu Ende. Als sie von weitem die ersten Häuser sah, hörte sie Menschen schreien. Rauchsäulen stiegen zum Himmel auf. Sie sah überall Feuer und Männer, die mit Fackeln durch die Siedlung ritten oder liefen und Türen eintraten.

In Panik griff Utina an den Saum ihres Hemdes, erinnerte sich, dass sie für den Waldspaziergang alte Kleider angezogen hatte, und kehrte im Zickzackkurs heim, um niemandem zu begegnen. Während sie rannte, schlug der Zopf hart an ihren Nacken. Als sie das Haupthaus sah, fuhr sie zusammen. Die hintere Bohlenwand stand in Flammen, sie züngelten schon zum Strohdach. Utina stiess die Tür auf und stürzte zu ihrer Truhe. Mit einem Griff packte sie ihre gute blaue Tunika und das Gehänge mit Amelias Fibeln, ertastete das Amulett und rannte durch den brennenden Türrahmen ins Freie.

Utina schnappte nach Luft; sie fühlte sich verloren. Wo waren die anderen? Sie schlug den Weg zur Steinach ein und kam unbehelligt zum Dorfrand, wo die Häuser ebenfalls brannten. Um Glut und brennenden Holzstücken auszuweichen, folgte sie dem Bach, aber plötzlich stürzte ein Dachstück des letzten Hauses mit solcher Gewalt herunter, dass sie nicht schnell genug zur Seite springen konnte. Der Balken krachte in einem Funkenmeer gleich neben ihr auf den Boden, und ein brennendes Holzstück traf ihren Arm. Utina schrie und verlor vor Schmerz fast die Besinnung, weil das glühende Holz sich in ihrer Tunika verheddert hatte und sie es nicht wegschütteln konnte.

Als ein Mann sie packte und zum Bach schleppte, stach ihr der Geruch ihres eigenen versengten Fleisches in die Nase. Wie gebratenes Huhn, dachte sie, und alles wurde schwarz um sie. Vorsichtig tauchte der Mann ihren Arm ins Wasser, aber sie schreckte auf und wunderte sich, dass es nicht zischte. Der Schmerz liess nach. Erst als er sie im Arm hielt und den Stoff der Tunika sorgfältig von der verbrannten Haut löste, sah Utina, dass es nicht wie vermutet Gutan war, sondern ein Fremder mit schulterlangen dunklen Haaren und braunen Augen, ein Junge fast noch. Er trug keinen Mantel, weil es warm war, nur eine blaue Tunika mit kostbarer goldener Borte. Utina wollte etwas sagen, aber da kam ihre alte Magd herbeigelaufen, und plötzlich war der Fremde verschwunden.

Als der Vater mit den Brüdern von der Jagd zurückkam, brannte die Siedlung lichterloh. Überlebende waren dabei, Tiere zusammenzutreiben, die in den Wald gelaufen waren. Männer und Frauen mit versengten Haaren und rauchgeschwärzten Kleidern schleppten Habseligkeiten herbei, die sie aus ihren brennenden Häusern gerettet hatten. Otpert bemerkte, dass er neben einem Baum stand, den er mit Hühnerblut markiert hatte, weil hier das neue Feld hätte beginnen sollen. Er riss einem Bauern, der Werkzeug unter dem Arm trug, die Axt weg und hieb immer wieder auf den Baum ein, kam ins Schwitzen, fluchte und schrie, hieb weiter, brüllte, hieb, bis sein älterer Sohn ihn an den Schultern packte und schüttelte.

«Hör auf!», übertönte Wolfgang ihn. «Utina ist verletzt, es sieht bös aus. Komm mit, Vater!»

Sie umgingen die Siedlung in weitem Bogen und trafen auf Knechte und Mägde, die verstört herumsassen und nicht wussten, was zu tun war. Otpert rief allen zu, sich östlich von Utinishusen zu sammeln.

Utina lag in ihrer guten Tunika neben dem Gemüsebeet auf einem Karren. Die Magd stand neben ihr und war dabei, ihr klatschnasses Hemd an einem Haken zu befestigen. Das Mädchen sei eingeschlafen, aber das Schlimmste noch nicht überstanden, sagte sie.

«Wer hat denn die kluge Idee gehabt, den verbrannten Arm in den Bach zu tauchen?», fragte Otpert, als er die klaffende Wunde und die verbrannte Haut seiner Tochter sah.

Sie mache gleich Umschläge gegen das Fieber, murmelte die Magd und stahl sich davon, weil sie in ihrem langen Leben gelernt hatte, dass man als Hörige am besten fuhr, wenn man möglichst viel für sich behielt.

Utina hatte alles gehört. Ich müsste ihm vom Fremden erzählen, dem Vater ist man Treue und Gehorsam schuldig, dachte sie müde. Aber die Magd hatte geschwiegen, und er würde denken, sie selber sei bewusstlos gewesen und erinnere sich an nichts.

Weil es bald dunkel sein würde, beschloss Otpert, die Siedlung zu inspizieren. Sein jüngerer Sohn wollte ihn begleiten, und als sie allein waren, sagte Waldo, er habe einige Angreifer gesehen und Titrich erkannt. Otpert hatte das vermutet, war aber froh, es sicher zu wissen, und klopfte Waldo anerkennend auf die Schulter. Ein hochaufgeschossener Knabe sei bei Titrich gewesen, fuhr Waldo fort. Einer mit langem dunklem Haar. Wohl auch so ein vornehmer Franke. Seine Tunika habe golden geschimmert.

Utinishusen sah aus, wie Otpert sich während Besuchen in der Kirche die Hölle vorgestellt hatte. Drei freie Männer und zwei Knechte waren von den Angreifern erschlagen worden, einige hatten böse Brand- oder Schwertverletzungen. Die meisten Häuser waren dermassen beschädigt, dass keine Pfosten oder Holzbohlen gerettet werden konnten. Nun waren sie alle ärmer, viel ärmer als bei ihrer Abreise aus Arbon, weil die grossen Vorräte aufgebraucht waren und viel Hab und Gut und auch einige Tiere mit den Häusern verbrannt waren.

Am Abend setzten sich die Männer zusammen und berieten, was zu tun sei. «Wir gehen nach Osten», schlug einer vor. «Das Land jenseits der Steinach gehört uns.»

Aber Otpert winkte ab. «Der Richter hat nicht entschieden, dass das Hinterland von Arbon Waldbert gehört. Und selbst wenn er es ihm und mir zugesprochen hätte, wäre das nichts wert. Arbon gehörte auch nicht Titrich, und er hat uns trotzdem vertrieben. Wer die Macht hat, nimmt sich, was er will. Alemannisches Gesetz gilt heute nichts mehr.»

«Dann können wir nirgendwo hingehen. Der Arm des Hausmeiers wird immer länger», warf Wolfgang ein.

«Wir ziehen nach Westen und siedeln irgendwo im Urwald, weitab von jeder Strasse», entschied Otpert. «Da vermutet uns niemand, weil das immer Königsland war.» Er beschloss bei sich, Waldbert um Waffen zu bitten und seine Leute, auch die einfachen Bauern, im Kampf auszubilden. Und in der neuen Siedlung Tag und Nacht Wachen aufzustellen.

Einige Männer waren einverstanden, andere schüttelten den Kopf, einer zweifelte, ob man es noch vor dem Winter schaffen würde, eine neue Siedlung zu bauen, aber dann verebbte die Diskussion, weil Otpert die Sache als erledigt ansah und schlafen ging.

In der Nacht erwachte Utina; sie spürte, wie die Magd an ihrer Tunika herumhantierte. Bald fiel sie wieder in einen unruhigen Schlaf und wusste nicht, ob es Traum oder Wirklichkeit war, als sie die Magd in der Morgendämmerung tanzen sah. Die Alte sang leise und streckte etwas gegen den Himmel, es blitzte im ersten Sonnenlicht. Das nächste Mal erwachte Utina, weil sie Schlamm und Metall auf ihrer Wunde spürte, aber dann hörte sie ein rhythmisches Murmeln und schlief weiter.

Ohne sich ein einziges Mal umzudrehen, verliessen sie die Siedlung. Weil Pfade nur von Norden nach Süden führten, mussten sie sich quer durch den Forst zwängen und sich nach dem Sonnenstand richten. Um keine Spuren zu hinterlassen und besser zwischen Bäumen und Büschen durchzukommen, montierten sie den vom Feuer verschonten Wagen die Räder ab und trugen sie mit. Was an Hausrat und Werkzeug noch da war, banden sie sich auf den Rücken oder schleppten es hinter sich her. Utina bestand darauf, selber zu gehen, sie sei ja am Arm verletzt und nicht an den Beinen. Müde nickte der Vater, aber er führte seine Leute nicht an, wie sie es von ihm erwartet hatten. Stattdessen schickte er Verwandte mit Knechten voraus und hielt sich mit seinen Kindern in der Mitte des traurigen Zugs. Utina knickten immer wieder die Beine ein, sie hatte heiss und kalt und wieder heiss. Schliesslich knüpfte Wolfgang eine Trage aus Leder und schleppte die Schwester auf dem Rücken durch den Forst. Wenn er erschöpft war, löste ein Vetter ihn ab. Auch Waldo hätte Utina gern getragen, aber er war klein und schwach für sein Alter und hätte sie kaum halten können.

Ab dem späten Nachmittag schauten sie sich jede Waldlichtung, durch die der Zufall sie führte, genau an. Als sie auf eine stiessen, die etwas grösser war als die anderen und in deren Nähe ein Bach floss, meinte Otpert, es habe keinen Sinn, tagelang weiterzuziehen, sonst würden sie womöglich auf einen Pfad stossen, der weiter westlich nach St. Gallen führte. Weil es warm und trocken war, übernachteten sie auf dem Waldboden, und am Morgen schickte Otpert je zwei bewaffnete Männer in alle Richtungen aus, ausser nach Osten. Sie mussten sich bis zum Abend durch den Forst kämpfen und unterwegs Markierungen setzen, um wieder zurückzufinden. Als alle wieder da waren und niemand auf eine Strasse oder einen Pfad gestossen war, beschloss Otpert, hier zu siedeln.

Weil es Unglück gebracht hatte, dass er der alten Siedlung erst auf Geheiss des Richters einen Namen gegeben hatte, erteilte Otpert der Waldlichtung am zweiten Tag feierlich seinen Segen und nannte sie Otpertswil. Dann wurden die Toten begraben. In der Nacht waren wieder zwei Verletzte gestorben. Fast alle hatten in den letzten Tagen Angehörige verloren.

Otpertswil, das war Enttäuschung und Trauer. Nur in den Augen weniger junger Männer funkelten Hoffnung und Abenteuerlust. Otpert selber tröstete sich mit dem Gedanken, dass Gott im Thing gegen ihn entschieden und Titrich das Feuer gebracht hatte, weil eine Siedlung ohne Kirche kein gottgefälliger Ort war. Hier, in Otpertswil, würde er eine Kirche bauen, grösser als das Haupthaus. Aber Otpert wusste, dass die Lichtung klein war und sie vor dem Winter nur wenige Häuser erstellen konnten, in denen alle zusammengedrängt schlafen mussten. Jahrelang würden sie roden müssen, um ein Dorf mit Weiden und Feldern zu schaffen, und niemals und nirgends würden sie vor den Franken des Hausmeiers sicher sein.

An diesem und am nächsten Abend sagte die Magd, sie wache über den Schlaf seines kranken Kindes, aber weil Otpert misstrauisch war und das Fieber stieg und stieg, stand er in der zweiten Nacht selber auf, trocknete Utinas schweissnasses Haar und flösste ihr Wasser ein, ohne dass sie aus ihrem unruhigen Schlaf erwachte.

Im Morgengrauen blieb er im Schatten eines Baums stehen und schaute zu, wie die alte Frau den Verband von der Wunde nahm, Kräuter aus einem Beutel zog und sie mit etwas Schlamm vermischte. Dann zog sie ein rundes Metallstück hervor, tauchte es in die Mischung, streckte es singend dem Mond entgegen und drückte es auf die Wunde.

Otpert hatte die bösen Fleischränder und den Eiter in der klaffenden Wunde sehen können, aber erst Utinas Stöhnen riss ihn aus der Erstarrung. Wütend stürzte er vorwärts und überhörte die Magd, die beteuerte, das Amulett habe magische Kräfte, es sei in uralten Zeiten dem Gott Wotan geweiht worden.

«Du bist nicht bei Sinnen, unheilige Frau», zischte er und packte sie grob bei den Schultern. «Pack dich und verschwinde aus meiner Siedlung, du gehörst nicht mehr zu uns!» Wütend schleuderte er das Amulett zu Boden und nahm seine Tochter in die Arme, um sie zum Bach zu tragen und die Wunde auszuwaschen. Dann weckte er seine Söhne und sagte, jetzt gebe es nur noch einen, der Utina helfen könne, und das sei der Abt von St. Gallen.

2

Utina wälzte sich hin und her, und plötzlich sah sie durch die halb geschlossenen Lider wieder den Mann mit dem Licht. Im Wachen und im Träumen war sie ihm schon so oft begegnet, dass sie ihn zu kennen glaubte. Er roch nach Wein und Kräutern, und wenn er sich über sie beugte, sah sie seinen buschigen grauen Bart. Mit langen, mageren Fingern strich er ihr das schweissverklebte Haar aus der Stirn und murmelte ein Gebet. Utina jammerte und schloss die Augen, während er den Verband entfernte, die Wunde auswusch und eine Salbe darüberstrich. Als er ihr Honigwein einflösste, merkte sie erstaunt, dass sie Hunger hatte. Sie wollte sich aufstützen, fiel aber kraftlos aufs Bett zurück.

«Schläfst du nie?», fragte sie und hatte Mühe, die eigene matte Stimme zu erkennen.

«Nur wenig. Im Wachen werde ich mehr gebraucht. Dein Vater hat dich zu uns ins Kloster gebracht. Ich bin Otmar, der Abt.» Er zögerte und fügte hinzu: «Du hast viele schlimme Nächte gehabt und bist schwach. Ich bringe dir gleich Brei.»

Utina versuchte, sich zu erinnern, und plötzlich war da wieder der furchtbare Schmerz und der Geruch von verbranntem Fleisch. «Hast du mir so weh getan?»

«Es ging nicht anders. Die Wunde hat stark geeitert, da haben wir das faule Fleisch weggeschnitten und das Blut mit dem Brenneisen gestillt.»

«Wir?»

«Einige Priester und Brüder, die alle mithelfen, Kranke und Verletzte zu pflegen.» Otmar rieb sich die faltigen Augenlider.

«Bist du müde?»

Er seufzte und nickte.

«Umso dankbarer bin ich, dass du dich um mich kümmerst.» Utina versuchte zu lächeln. «Wo ist mein Vater?»

«Er wird in eurer neuen Siedlung gebraucht. Aber er kommt bald zurück.»

Utina schaute sich um. Wie in einer Mönchszelle oder einem Spital sah es nicht aus, eher wie in einem normalen kleinen Pfostenhaus. Es gab aber keinen Herd, dafür ein zweites Holzbett und mehrere Strohsäcke.

«Hier schlafen hohe Frauen, die zum Grab des heiligen Gallus pilgern. Seine Kraft hat dich ins Leben zurückgeholt», erklärte Otmar, und Utina wollte fragen, ob sie denn eine hohe Frau sei, aber sie fühlte sich zu erschöpft und schlief ein.

Die Genesungszeit schien nie zu enden. Fast immer, wenn der Abt kam, musste Utina ein Gebet mit ihm sprechen. Das Vaterunser, das sie in der Kirche gelernt hatte. Sie war von Arbon her gewohnt, es herunterzuleiern. Jetzt, in der Stille, drehten sich die Worte in ihrem Kopf, und sie machte sich Gedanken über ihren Sinn. Alles wollte sie von Otmar wissen: was das Reich Gottes bedeute, was Versuchung und Erlösung. Aber er meinte nur, ihr sei das Reich Gottes sicher, wenn sie weiter bete, und überdies helfe das Vaterunser bei der Genesung.

Weil sie ihn weiter ausfragte, begann Otmar schliesslich, von sich selbst zu erzählen, und sagte, sie beide seien verwandt, und auch er sei in Arbon aufgewachsen. Da verstand Utina, weshalb sie ihm vertraute wie Otpert und früher Waldram. Und weshalb er sie in diesem Haus untergebracht hatte und nicht bei den Armen.

Als Utina einmal wissen wollte, ob Otmar immer im Kloster gewesen sei, berichtete er von seinen Reisen, und ihr schien, als sei er wieder jung geworden. Er habe schon bei den Priestern in Arbon viel gelernt, sagte Otmar, und weil Waldrams Schwester mit dem hohen Herrn Victor aus Chur verheiratet gewesen sei, habe der ihn in seinen Dienst genommen.

«Bei meiner Ankunft in Churrätien bin ich etwa so alt gewesen wie du jetzt. Ich habe dort Theologie studiert und Kinder unterrichtet. Einmal bin ich bis nach Italien gereist, als Bote und Schreiber Victors, der auch dort Ländereien besass. Victor war Präses, das heisst, er durfte regieren und richten.» Später sei er, Otmar, als Priester nach Walenstadt geschickt worden. Das sei kein Pilgerziel, sondern ein wichtiger Durchgangsort für Handelsreisende. Utina wollte mehr über diesen Präses wissen, aber Otmars Gesichtsausdruck verfinsterte sich, und der Abt meinte kurz angebunden, von Victor habe er eigentlich nie mehr sprechen wollen.

Als Utina zum ersten Mal ins Freie gehen durfte, musste sie sich auf den Arm einer Magd stützen, so ungewohnt kam es ihr vor, auf den Beinen zu stehen. Das Licht und die vielen Menschen beunruhigten sie. Fast sehnte sie sich nach der Stille ihres Krankenzimmers zurück und nach den heilsamen Besuchen des Abtes. In vielen dunklen Stunden hatte Otmar an ihrem Bett gesessen, aber jede Nacht ging er auch ins Spital, um die Kranken zu pflegen, und oft machte er noch einen Abstecher ins Armenhaus. Doch immer kehrte er zu ihr zurück, bevor er sich im Morgengrauen für einige Stunden schlafen legte.

Mit jedem Schritt fühlte Utina sich kräftiger, sie wollte die Magd entlassen, aber die hatte offenbar vom Kloster den Auftrag bekommen, ihr zu folgen. Utina achtete nicht mehr auf sie und folgte dem Pfad, der auf einen Hügel führte. Er war mit gelbem und rotem Laub bedeckt, die Bäume rundherum waren schon fast kahl.

Die Aussicht nach Süden erstaunte Utina. So weitläufig hatte sie sich die Zelle des heiligen Gallus nicht vorgestellt. Rund um das Kloster verstreut lagen Felder, durchzogen von Wegen, die in den Ort führten, der ihr nicht viel kleiner als Arbon vorkam. Auf der Strasse waren Menschen, die, wie Otmar ihr erzählt hatte, zu Fuss zum Kloster pilgerten. Der Anblick war anders, doch in seiner Art schön wie jener von Utinishusen vor dem Brand, aber sie fühlte sich hier genauso fremd. Ohne Utalind und ohne den weiten Blick über den Bregenzersee.

Im Ort unten hätte Utina sich lieber ohne Begleitung umgesehen, aber die Magd liess sich nicht abschütteln. Schliesslich kehrte sie zum Haus zurück, hiess die Dienerin, im Kloster den Kräutertrank abzuholen, den der Abt für sie zubereitet habe, und trat wieder ins Freie. Endlich allein. Im Zentrum sah Utina keine Mönche, aber als sie den Weg zur Kirche einschlug, begegnete sie Pilgern.

Das Gotteshaus war massiv und grösser als die Häuser und Scheunen. Direkt daran angebaut befand sich ein hölzerner Gebäudekomplex mit einer schweren Tür. Das musste das Kloster sein.

Utina wollte zum Gästehaus zurückkehren, aber dann sah sie, wie ein Mann vom Pferd stieg und an die Pforte klopfte. Seine vornehme Kleidung wirkte sauber, aber um seinen Kopf war ein blutverkrustetes Tuch gebunden.

Es verging einige Zeit, bis ein Klosterbruder die Tür öffnete. Für Kranke sei der Abt immer da, sagte er mit einem Blick auf den Verletzten, liess die Tür offen und ging davon. Utina sah, wie er durch den Kreuzgang eilte, den Wände mit vielen Türen begrenzten. Als eine Tür aufging und ein Mönch herauskam, konnte sie einen Blick in dessen schmale Behausung werfen. Das mussten die neuen Zellen sein, von denen der Vater erzählt hatte. Früher, zu Gallus’ Zeiten, hatten die Mönche in einzelnen Hütten gehaust, wie der bescheidene Abt es als Einziger heute noch tat.

Die Sonne stand hoch am Herbsthimmel, und Utina hatte keine Lust, sich wieder im Gästehaus zu verkriechen. Ohne Ziel spazierte sie an den Häusern vorbei, zwischen denen Brennnesseln und Disteln wuchsen. Manche Behausungen waren von einem eingezäunten Stück Land umgeben. Utina sah sorgfältig angelegte Kohlbeete, wie sie sie von früher in Erinnerung hatte. Ab und zu flatterte ein Huhn oder eine Gans über den Weg, und einmal begegnete sie einem Knaben, der Schafe vor sich hertrieb. Mägde und Bäuerinnen nickten ihr im Vorbeigehen ehrerbietig zu, aber Utina freute sich mehr über die gutmütigen, freundlichen Blicke als über den Respekt, der wohl eher ihrer Erscheinung als ihr selbst galt.

Zum ersten Mal seit ihrer Krankheit trug sie wieder ihre gute blaue Kleidung. Weil sie sich in St. Gallen sicher fühlte, hatte sie das Amulett aus dem Saum herausgelöst und hielt vorn die Tunika damit zusammen. Ein schmaler Gürtel raffte das langärmlige Unterkleid an der Taille. Auf das daran befestigte Gehänge war Utina besonders stolz. Bergkristalle glitzerten auf dem Leder, und am längsten Riemen baumelten zwei Schmuckschlüssel. Ein Blick auf ihr Täschchen erinnerte Utina an Utalind. Die Schwester hatte Riemen aus zweifarbigem Leder mit Millefioriperlen getragen, ein kostbares Geschenk des Vaters, weil sie sich darauf gefreut hatte, den Mann zu heiraten, den er für sie ausgesucht hatte.

Der Gestank von Unrat riss Utina aus ihren Gedanken. Angewidert schlug sie einen Nebenweg zwischen den Häusern ein, wollte schon umkehren, weil der Boden von Essensresten übersät und schmierig war, aber dann hörte sie ein leises Hämmern, das sie von Arbon her kannte. Sie folgte den Tönen und kam zu einer Schmiede, in der Eisengeräte für die Landwirtschaft um die Esse herumstanden. Weil der Wind ihr fast den Schleier vom Kopf riss, trat Utina ein und wärmte sich die Hände.

Der Schmied war gesprächiger als der, den sie in Arbon gekannt hatte. Utina erfuhr, dass sein Bruder als Mönch im Kloster lebte. Von ihm hatte er gelernt, wie man kostbare Kirchengeräte schmiedete. Der Abt sei grosszügig mit seinem Wissen und seinen Gaben, sagte der Handwerker, keiner, der sich in seiner Zelle verkrieche und die Welt mit ihrem Leid vergesse. Es ist überall gleich, dachte Utina. Alle, die ihn kennen, mögen ihn. Otmar ist schon zu Lebzeiten heilig wie Gallus.

Utina sah dem Schmied eine Weile bei der Arbeit zu. Dann entdeckte sie auf einem Brett an der Wand Gefässe, die silbern und golden schimmerten. Sie nahm eines in die Hand und berührte die Verzierungen mit dem Finger.

Plötzlich fühlte sie sich beobachtet, aber es war nicht der Schmied. Auf der anderen Seite des Ambosses stand der Fremde mit dem langen dunklen Haar, der noch kein erwachsener Mann war, obwohl er an seinem Gürtel eine Scheide mit Kurzschwert trug. An seiner knielangen braunen Tunika glänzte eine helle Borte.

Utina ging auf die andere Seite des Ambosses, und als sie vor ihm stand, war sie plötzlich froh, dass sie am Morgen den Zopf frisch geflochten und aus einem Impuls heraus eine goldene Kette übergestreift hatte.

«Du bist verschwunden, bevor ich dir danken konnte», sagte sie und fühlte, wie ihr das Blut in den Kopf schoss. Er war ihr einige Schritte entgegengekommen und stand jetzt so nah, dass sein Schwertknauf ihren Arm streifte und ihr der herbe Duft seiner Haut in die Nase stieg.

«Danken?» Er zog die Brauen hoch und lachte bitter. In seinen Augen sah Utina bernsteinfarbene Funken tanzen. «Es ist ein Wunder, dass du noch lebst.»

«Mein Vater hat gefragt, wer die gute Idee hatte, meine Brandwunden im Bach zu kühlen.»

«Und, hast du es ihm gesagt?»

Ich bin wieder krank, dachte Utina, weil ihr schwindlig war und sie seinen Blick nicht aushielt. Sie griff nach ihrem Täschchen und nestelte daran herum. «Meine Spange ist entzwei», sagte sie zum Schmied. «Kannst du sie bis morgen reparieren?» Als der Handwerker nickte, flüchtete Utina ins Freie, aber der Fremde war wieder neben ihr.

«Ich heisse Hugo.»

«Ich Utina.»

«Wohin gehst du morgen?»

«Nicht morgen, ich weiss nicht, wann.» Utina zögerte. Sie vertraute Hugo, und das erstaunte sie, denn Fremden durfte man nicht trauen. Aber sie schwieg, weil sie dem Vater versprochen hatte, niemandem von der neuen Siedlung zu erzählen. Zum Glück entdeckte sie etwas Bilsenkraut am Wegrand, bückte sich, um es zu pflücken, und steckte es sich in den Gürtel. «Abt Otmar braucht immer Kräuter», sagte sie und ging neben Hugo her. «Mit seinen Salben hat er mich geheilt.»

«Auch. Aber vor allem hat er dich gesundgebetet.»

«Bist du als Pilger hier?»

«Ich bete gern mit dem Abt. Er hat mir seine Gebete erklärt. Jetzt weiss ich, was Erlösung bedeutet.»

Mir nicht, dachte Utina. Mir erklärt nie jemand etwas. Der Tag im letzten Winter kam ihr in den Sinn, als sie im Wald nach Bärenspuren gesucht und gespürt hatte, dass Blut über ihre Beine rann. Sie fragte den Vater, aber der schickte sie zur Magd, und die schalt Utina, weil sie das alles längst hätte wissen sollen. Das Blut sei normal für eine junge Frau, feixte die Magd, genauso normal wie ihre Brüste.

Utina sah an sich herunter und spürte Hugos Blick. Er war einen Kopf grösser und offenbar doch etwas älter als sie, denn sie sah Flaum auf seiner Haut. Bald würde ein Bart sein markantes Kinn bedecken. Leise sagte sie: «Mir hat der Abt nur Geschichten erzählt. Aber jetzt muss ich gehen.»

«Ich reise morgen mit meinem Vater ab. Willst du mir nicht eine von den Geschichten auf den Weg mitgeben, die Otmar dir erzählt hat?»

Sie wollte weglaufen, aber er durchschaute sie, nahm sie beim Arm und lachte spitzbübisch: «Ich bin dein Lebensretter, hast du das schon vergessen?»

Durch den Stoff hindurch fühlte Utina seine Hand auf ihrer Haut. Plötzlich wünschte sie, er möge sie nie mehr wegnehmen. Der Abt habe ihr von Gallus und der Herzogstochter mit dem bösen Geist erzählt, sagte sie und wich seinem Blick nicht mehr aus. Das sei vor vielen Generationen geschehen. «Gallus war zuoberst in die Alpsteinberge geflüchtet, zu den Bergdämonen. Aber der Herzog liess ihn holen und mit dem Schiff über den Bregenzersee rudern.» Der böse Geist habe immer noch in der Herzogstochter getobt und ihr grosse Schmerzen bereitet, aber Gallus habe sie geheilt. «Als der Herzog ihn zum Bischof von Konstanz machen wollte, flüchtete Gallus zurück in seine Zelle an die Steinach und verteilte alle Geschenke an die Armen.»

«Und ich, dein Retter, was bekomme ich?»

«Ich habe keine Geschenke.»

«Leg deine Hand auf mein Gesicht!» Als sie sich verlegen abwandte, flüsterte er an ihrem Ohr: «Nur einmal.»

Utina hob die Hand und berührte mit dem Finger seine Unterlippe. Dann drehte sie sich um, wich einer Pfütze aus und landete mit der Schuhspitze in einer anderen, ging langsamer und dann doch wieder schnell, bis sie im Haus war und über den Blick der Magd erschrak. Er war so eindringlich, dass Utina sicher war, die Frau sehe in ihr Innerstes.

Im Spätherbst kamen mehr Menschen als sonst nach St. Gallen. Sie nutzten die letzte Gelegenheit, den Forst ohne Schnee und ohne hungrige Wölfe zu durchqueren. Auch Otpert. Er erzählte Utina von der neuen Siedlung. Im Haupthaus lebten jetzt zwei neue Hörige, die Waldbert ihm geschenkt habe. Denn die böswillige Magd, die Utinas Wunde verhext habe, sei nie zurückgekehrt. Knechte hätten sie aber später gefunden. «Sie hat ihre gerechte Strafe bekommen», erzählte der Vater. «Sie ist ins Tobel gestürzt und hat sich das Genick gebrochen.» Otpert berichtete auch, ausser dem Haupthaus hätten sie erst wenige Häuser gebaut, und die Bäume seien zur Rodung vorbereitet. Otpertswil sei noch kein Ort für eine junge Frau wie sie. Utina war enttäuscht, weil niemand gern von dort ferngehalten wird, wo die eigene Familie und die Verwandten leben. Ausserdem war sie jetzt nicht mehr allein im Gästehaus. Vier weitere Frauen schliefen im zweiten Bett oder auf Strohsäcken, und sollte eine fünfte hinzukommen, würde wohl auch sie selbst ihr Bett teilen müssen.

Am nächsten Tag sagte Otpert, sie beide seien zusammen mit Graf Petto zum Abendessen beim Abt eingeladen, es gebe viel zu besprechen. Nach einer Gebetsstunde in der Kirche zog Utina ihr einziges schönes Kleid an, das sie nach Hugos Abreise beiseitegelegt hatte, und verliess das Haus, um den Vater zu treffen. Auf Schritt und Tritt begegnete sie Mönchen und Laienhelfern des Klosters, die Lebensmittel, Kleidungsstücke oder Bettwäsche zu den Häusern brachten, wo die Besucher untergebracht waren. Kontemplation sei wichtig, hatte Otmar einmal zu ihr gesagt, aber wenn Gäste zu betreuen und Kranke zu pflegen seien, müsse das Chorgebet eben warten.

Der Abt liess den Gästen in seiner kargen Hütte Geflügel mit Kohl und gebratenen Fisch servieren, er selber begnügte sich mit einem Ei und etwas Gemüse. Als sie bei den Äpfeln und Nüssen angelangt waren, sagte er mit Blick auf den Grafen, das Wetter schlage um, in den nächsten Tagen gebe es Schnee. Aus Respekt schwiegen die Gäste.

«Die Mönchsunterkünfte sind nun fertig, und das Armenhaus wird erweitert», sagte Otmar. «Aber die grösste Aufgabe wird unsere neue Kirche sein. Ganz aus Stein, ein riesiges Bauunterfangen. Und kostspielig. Ich habe schon Pläne im Kopf, Petto. Wenn ich mit dir und deinen Brüdern bei anderer Gelegenheit darüber sprechen dürfte …»

Petto war ein behäbiger Mann mit übergrossen Händen, der den ganzen Körper vor- und zurückneigte, wenn er sprach. Er griff nach den Nüssen und verstreute sie vor sich auf dem Tisch. Schliesslich nickte er dem Abt zu, murmelte: «Du wirst auf uns zählen können», und richtete seinen Blick dann auf Otpert. «Darf man wissen, was du hier tust?»

Otpert lächelte gutmütig. Von einem Fremden hätte er sich nicht ausfragen lassen. Aber er und Petto hatten schon bei jener unseligen Begehung in Utinishusen geklärt, dass sie Onkel und Neffe dritten Grades waren und beide direkt mit Abt Otmar versippt. «Meine Tochter hatte sich so schwer verletzt, dass nur unser Abt hier helfen konnte. Dann ist sie geblieben, weil Otpertswil erst halb steht. Und ich weiss auch nicht, wie ich sie mit meinen Bauern vor weiteren Überfällen schützen soll.»

Utina wunderte sich über die freimütige Antwort. Ihr hatte der Vater eingebleut, die neue Siedlung sei ein Geheimnis. Sie dachte an Hugo und wie sie sich hatte zwingen müssen, ihn als Fremden zu betrachten.

Auch der Abt sprach offen über seine Klosterwirtschaft, als gehörten Petto und Otpert zu seinen engsten Vertrauten. «Kürzlich habe ich Schenkungen aus dem Schwarzwald bekommen, und auch unsere Ländereien im Süden des Bregenzersees werfen viel ab.»

«Schwierig, das alles zu verwalten», bemerkte der Graf.

«Oft läuft es wie bei dir, Petto.» Der Abt warf Utina einen freundlichen Blick zu, weil sie ihm unruhiger schien als sonst. Da Otpert fragend die Augenbrauen hob, fuhr Otmar fort: «Petto hat dem Kloster viel Land und Hörige in Ober- und Niederglatt geschenkt. Das haben wir in einer Urkunde aufgeschrieben. Einen Teil des Landes habe ich ihm später wieder als Lehen gegeben, und er bezahlt mir dafür Zins. Meist einen Karren Wein und zwei Karren Weizenmehl, manchmal auch Heu, Hühner und Schweine.»

«Ja, und mein jüngster Stiefbruder hat als Mönch bei euch eintreten dürfen.»

«Vor allem hast du etwas für euer Seelenheil getan.» Otmar sagte das nicht tadelnd, aber Utina sah, wie Petto dem Blick des Abts auswich und ehrfürchtig die Hände faltete. «Wir haben auch Schenkungen von Grundbesitzern ohne Nachkommen erhalten, die jetzt bei unserem Herrgott sind», fuhr Otmar fort. «Oft handelt es sich um Streubesitz, so dass es uns fast unmöglich ist, das Land als Lehen zu vergeben.» Manchmal müsse das Kloster Mönche ausschicken, um da und dort die Verwaltung durch freie Bauern zu regeln. Aber wer könne da so genau kontrollieren, ob der Zins richtig berechnet sei?

«Bleibt überhaupt noch Zeit zum Beten?» Petto kratzte sich am Oberkörper, weil man ihm ein Bett zugewiesen hatte, das von Flöhen wimmelte.

Der Abt nickte. «Es ist wichtig, dass wir für das Seelenheil all jener Leute beten, die zu uns pilgern und uns Schenkungen machen. Aber manchmal muss das warten. Unser Reichtum soll vor allem den Flüchtlingen, den Kranken und Verletzten dienen. Es werden immer mehr, und für sie brauchen wir Nahrung, Kleider und Mönche, die sie betreuen.»

«Kann man all das geschenkte Land nicht verkaufen oder gegen anderes tauschen, das näher beim Kloster liegt?», fragte Otpert.

«Das versuchen wir ja, aber nicht alle Mönche sind gute Verhandler, da werden wir manchmal übers Ohr gehauen. Obwohl, ich muss es zugeben, immer mehr Grundbesitzer bei uns eintreten, die im Verwalten von Ländereien Erfahrung haben.» Es fehle auch an anderem, an Kirchenhörigen etwa, fuhr der Abt fort. Im Frühling werde die Armenherberge erweitert, und dazu habe er nicht genügend freie Bauern als Helfer. Auch starke Bauknechte seien nötig.

Weil Petto gähnte, fand Otpert es an der Zeit, zu seinem Hauptanliegen zu kommen. Mit einem Blick auf den Abt sagte er: «Die neue Siedlung ist nichts für meine Tochter. Kann einer von euch mir raten, wo sie leben könnte, bis ich sie verheirate?» Utina begann, nervös zu husten, weil ihr das Blut in den Kopf schoss und ihre Gedanken zu Hugo sprangen.

«Wenn es weiter nichts ist», sagte Otmar strahlend. «Da kann ich dir helfen, Otpert. All die Landbesitzer, die zu mir kommen und dem Kloster Schenkungen machen, sind vornehme, treue Alemannen. Viele stammen wie wir vom Kämmerer Talto ab. Unter ihren Söhnen wird sich bestimmt ein Mann für Utina finden.»

Otpert zögerte und sah seine Tochter an. Ich muss wie ein Häufchen Elend aussehen, dachte sie, und dann sagte der Vater: «Ich weiss nicht, sie ist fast noch ein Kind.»

Zum ersten Mal war Utina dem Vater dankbar, dass er, der sich früher kaum um sie gekümmert hatte, sich seit Utalinds Verschwinden so um sie sorgte.

«Das mit dem Heiraten eilt ja nicht», mischte Petto sich ein. «Wenn der Schnee geschmolzen ist, habe ich für unseren Abt Geschäfte bei Beata zu erledigen. Deine Tochter könnte eine Weile bei ihr am Zürichsee bleiben, Otpert. Wenn du willst, nehme ich sie in meinem Gefolge mit.» Als der Graf sah, wie Utina ängstlich zu ihrem Vater schaute, fuhr er fort: «Beata ist mit uns allen verwandt. Sie ist die reichste Frau Alemanniens. Grafen und sogar unser Herzog Teudbald persönlich gehen bei ihr ein und aus.» Weil Otpert nichts sagte und zu seiner Tochter blickte, fuhr Petto fort: «Beata ist eine heilige Frau. Sie hat Klöster gegründet und gehört selber auch zu den Gottesdienerinnen der Insel Lützelau im Zürichsee.»

Ob diese Frau auch lesen und schreiben kann wie mancher Mönch in St. Gallen? Utina war jedenfalls beruhigt. In einem Kloster würde man sie wenigstens nicht verheiraten. Und sie musste erst im Frühling abreisen. Da konnte sie hoffen, dass Hugo vorher zurückkehrte. Utina schalt sich, weil sie schon wieder an diesen Fremden dachte. Sie wurde rot, weil die Blicke der drei Männer auf sie gerichtet waren. «Vater, ich …», begann sie, aber der fiel ihr ins Wort: «Im Frühling werden wir sehen, was für dich das Beste ist. Ich gebe dir, Otmar, zeitig Bescheid, ob du meine Tochter mit Petto zu Beata schicken sollst oder nicht. Aber …» Otpert unterbrach sich und dachte nach. Die anderen warteten gespannt. «Wenn, dann wird sie für zwei, drei Jahre bleiben müssen. Erst dann können unsere neuen Felder die Siedlung ernähren, und erst dann habe ich Zeit, für sie einen Mann auszusuchen.»

«Dann ist ja alles bestens geregelt», bemerkte der Abt. Utina sah, wie Petto den anderen zuzwinkerte; aber offenbar vermochte der Vater Pettos Augenzwinkern genauso wenig zu deuten wie sie selbst. «Meine schöne Tochter Utalind war so alt, wie Utina in zwei Jahren sein wird. Sie war, sie ist …» Otpert schwieg, weil jemand an die Tür klopfte.

Der Mönch, der ihnen das Essen gebracht hatte, führte einen keuchenden, verschwitzten Mann herein, der auf Petto zuging und freundschaftlich seinen Arm berührte. Er hatte den gleichen weiss durchzogenen roten Bart wie der Graf, und auch um seine Augen hatten sich Falten eingegraben.

«Das ist Pebo, mein Bruder, der Thurgaugraf», stellte Petto vor. «Setz dich! Otmar bietet dir bestimmt einen Becher an. Otpert hier kannst du vertrauen, er kommt aus Arbon wie unser Abt.»

«Ich bin weitergeritten, obwohl es schon dunkel wurde, weil ich Wichtiges zu berichten habe», stiess Pebo atemlos aus und machte sich dankbar über den Wein her. «Karl, der Hausmeier, ist tot!»

«Das ist unsere Rettung», flüsterte Otpert und faltete die Hände zum Gebet. Er konnte es kaum fassen. Der Hausmeier, der Alemannien bedroht und ihnen Arbon genommen hatte, konnte ihnen nichts mehr antun.

«Zu danken brauchst du dem Herrgott noch nicht», sagte Pebo und ignorierte den tadelnden Blick des Abtes. «Bete lieber, dass es nicht noch schlimmer wird.» Erst jetzt sei bekannt geworden, dass Karl vor seinem Tod das Reich aufgeteilt habe. Karlmann, dem älteren Sohn, habe er den Osten mit Alemannien gegeben und Pippin, dem jüngeren, den Westen. «Von einem neuen König ist nicht die Rede, und die anderen Hausmeier sind entmachtet», schloss Pebo. «Unser Herzog sieht nur einen Ausweg. Wir Alemannen müssen uns alle gegen diese Franken erheben.»

«Immerhin hat Karl mit der Aufteilung das Schlimmste vermieden», bemerkte der Abt. «Stellt euch vor, welch unermessliches Leid ein Bruderkrieg über das Reich gebracht hätte.»

Jetzt, im Winter, waren die Häuser und das Kloster mit einer feinen Schneedecke überzogen, und St. Gallen schien kleiner. Die Pilger waren weg und die Strassen leer, weil Bauern und Knechte in ihren Häusern und Hütten blieben. Viele hatten keine Ställe und nahmen Ziegen, Schafe und Hühner mit in die Häuser. Der Gestank drang durch die Strohdächer nach draussen und stieg mit dem Rauch der Herdfeuer zum Himmel auf. Am Morgen war der Nebel oft so dicht, dass Utina kaum das gegenüberliegende Haus sehen konnte. Aber manchmal schien die Sonne.

Bei einem Spaziergang mit der Magd entdeckte sie, dass es auch ausserhalb des Klosters eine Weberei gab. Hörige fertigten vom Morgen bis zum Abend Bettwäsche für die Gäste und das Spital an. Weil das kleine Grubenhaus keinen Herd hatte, standen die Mägde eng beisammen, um einander zu wärmen. Utina lachte. Es sah komisch aus, wie jede vor ihrem aufgerichteten Webstuhl stand und aufpassen musste, dass sie sich nicht in den gespannten Fäden der Frau hinter ihr verhedderte.

Auf einem Brett sah Utina feines honigfarbiges Tuch liegen. Ihre nächste Begegnung mit Hugo ging ihr durch den Kopf, obwohl sie nicht wusste, ob es eine geben würde. Ich werde mir armselig vorkommen, immer das gleiche Kleid zu tragen, dachte sie, und es ist viel zu kurz. Sie erkundigte sich nach dem Stoff, aber die Hörigen wussten nichts von den Preisen. Das Tuch sei für eine vornehme Pilgerin gewoben worden, die noch nicht genesen sei und den Winter hier verbringe. Utina hätte gern den Abt gefragt, aber sie getraute sich nicht, ihn bei einem seiner selten gewordenen Besuche um ein Stück Stoff zu bitten; sie wollte nicht eitel erscheinen.

Otmar kam nur noch, wenn etwas Besonderes passierte. Einmal schaute er erschöpft bei ihr vorbei und fragte, ob er sich einen Augenblick setzen dürfe. Utina kam es vor, als sei nicht nur sein Körper von der vielen Arbeit ausgelaugt, sondern auch seine Seele. Er keuchte und sagte, jetzt habe ihn auch noch der Husten befallen, aber das sei jedes Jahr so, Gottes Frühlingssonne werde ihn wieder gesund machen. Otmar erzählte von einem Bauernknaben, der ein Huhn hätte schlachten sollen, das aber in den Wald geflattert sei. Als er ihm gefolgt sei, habe ein Wolf ihn angefallen, und obwohl der Bauer dem Tier sofort den Knüppel über den Kopf gezogen habe, sei vom rechten Bein des Knaben nur noch blutiger Brei übriggeblieben. Man habe es bis zum Oberschenkel abschneiden müssen, und jetzt liege er im Sterben.

«Darf ich dir helfen?», fragte Utina, obwohl sie diesen Bauernjungen nicht kannte.

«Das ist christlich von dir, aber ich habe deinem Vater versprochen, dass ich dich behüte. Dazu gehört auch, dich vom Krankenhaus fernzuhalten.»

«Weshalb tust du es dann? Du wirst doch auch krank dabei.»

«Weil ich Jesus Christus nicht nur im Wort nachfolgen will, sondern auch in der Tat.» Otmar merkte, dass sie ihn nicht verstand, und fuhr fort: «Beten ist gut, aber man muss auch anderen helfen. Kranken, Verletzten, Armen, Flüchtlingen.»

«Vater hat letztes Jahr Flüchtlinge aus Romanshorn aufgenommen.»

«Das war grosszügig von ihm, Utina, aber wir müssen allen helfen, Fremden genauso wie Verwandten.»

Fremde sind Feinde, dachte Utina, obwohl das so direkt nie jemand zu ihr gesagt hatte. Sie wusste es einfach, so wie sie plötzlich verstand, dass Utalind für immer unter Feinden leben würde. Und Hugo, den Fremden, weshalb hasste sie ihn nicht?

«Jesus Christus sagt, dass wir Fremde und sogar Feinde lieben müssen», sagte der Abt, und Utina staunte, dass er in ihrem Herzen lesen konnte. Sie fühlte sich erleichtert und freute sich auf den Frühling.

Nach Weihnachten wurde es wochenlang so kalt, dass kein Schnee mehr fiel und die Bäche gefroren. Trotzdem kämpfte Otpert sich mit Knechten und drei Zugpferden durch Eis und Wind nach St. Gallen durch. Denn in der Siedlung herrschte grosse Not.

Viele plagte ein hartnäckiger Husten, zwei kleine Kinder hatten sie schon begraben müssen. Und es gab fast nichts mehr zu essen. Die Vorräte waren aufgebraucht, und Fischen kam bei dieser Kälte nicht in Frage. Zwei Männer hatten es versucht, aber der eine war durch das Eis gebrochen und versunken, und der andere hatte sich beim Rettungsversuch derart erkältet, dass er einige Tage später gestorben war. Die freien Männer gingen auf die Jagd, aber da sie im tiefen Schnee kaum vorwärtskamen, hatten sie selten Erfolg. In den Häusern war es bitter kalt. Sie hatten fast alles Holz verbrannt, und das wenige, das noch bereitlag, behielten sie für die Nächte auf. Das Heulen der Wölfe und die Sorgen um die leeren Essnäpfe schreckten sie immer wieder aus dem Schlaf. Am Morgen hüllten sich alle in Bärenpelze, sassen da und hofften auf ein Wunder.

Als der Vater kam, sass Utina beim Brettchenweben mit der genesenden Pilgerin zusammen, die Otmar im Gästehaus einquartiert hatte, damit sie einander Gesellschaft leisten konnten. Ihr Mann stamme in direkter Linie von Pollo ab, und der sei vor langer Zeit in Arbon Tribun gewesen, hatte der Abt gesagt. Utina hatte bald aufgehört, sich zu wundern, dass diese Frau offenbar keine Alltagskleider besass. Sie trug fein gewobene Unterkleider mit Borten, und an ihrem Gehänge sah Utina immer wieder andere Verzierungen. Ihr blonder Zopf war mit bunten Fäden durchflochten und lag wie eine Krone auf ihrem Kopf. Aber auch sie, Utina, konnte sich freuen. Der Abt hatte ihr das honigfarbene Tuch geschenkt, weil sie ihn doch noch darum gebeten hatte, und jetzt war sie dabei, aus gedrehten Fäden Zierborten für eine neue Tunika zu weben.

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