Kitabı oku: «Müllers Morde»

Yazı tipi:


Für einen halbwegs seriösen Historiker ist es schon eine Zumutung, einem Mythos nachzujagen. Andererseits ist der Atlantis-Spleen vermögender Männer oft die Rettung für Richard Romanoffs Brieftasche. Doch dann verlangt sein Auftraggeber, dass er einen mysteriösen Mörder jagt. Und wenn Richard bisher Atlantis für seine Nemesis hielt, wird er jetzt unsanft eines Besseren belehrt. Denn seine wahre Nemesis ist der Mann, der sich Müller nennt.

Aber wer ist Müller? Mechaniker bei Kabel Deutschland? Herr über Leben und Tod? Ein ehemaliger Hacker, frustriert vom Establishment? Verführer oder Verführter? Bad Guy oder Rächer?

Monika Geier, bekannt für ihren erfolgreichen Zyklus um Kriminalkommissarin Bettina Boll, inszeniert hier eine furiose Konfrontation. Das Niveau dieser ideenreichen Autorin lässt das Verlegerinnenherz höher schlagen: Ich kann gar nicht genug bekommen von ihren fein dosierten Doppelbödigkeiten, ihrer eleganten Choreographie. Wie Krimikritiker Tobias Gohlis einst in der Zeit schrieb: »Monika Geier verfügt über die Bösartigkeit aller guten Krimiautorinnen, über Witz und die Raffinesse für wirklich subtile Plots.« Und sie setzt immer noch eins drauf. Der nunmehr sechste Roman der souveränen und immer originellen Krimikünstlerin verbindet die echt Geier’sche Kombination aus morbidem Schalk und sezierender Realitäts- und Menschenkenntnis mit dem Mut, etwas ganz Neues zu wagen: Aus einem so ­aktuellen wie bizarren Szenario – unserem Hier und Heute – erheben sich zwei Gegenspieler und fordern einander zum Duell. Die Partie Müller gegen Romanoff bietet Action, Herz und Zündstoff und betört mit satirischen Einlagen und unvorhersehbaren Zügen. Ein Genuss.

Else Laudan

Monika Geier, Jahrgang 1970, wurde in Ludwigshafen geboren. Nach dem Abitur folgte eine Ausbildung zur Bauzeichnerin. Für ihr Debüt wurde Geier mit dem Marlowe geehrt. Inzwischen ist sie Diplomingenieurin für Architektur, Mutter von drei Jungs, freie Künstlerin und Schriftstellerin.

Monika Geier
Müllers Morde

Ariadne Krimi 1200

Argument Verlag

Ariadne Kriminalromane

Herausgegeben von Else Laudan

www.ariadnekrimis.de

Lektorat: Ulrike Wand und Else Laudan

Monika Geier bei Ariadne:

Die Bettina-Boll-Serie

Wie könnt ihr schlafen (Ariadne Krimi 1110)

Neapel sehen (Ariadne Krimi 1136)

Stein sei ewig (Ariadne Krimi 1150)

Schwarzwild (Ariadne Krimi 1174)

Die Herzen aller Mädchen (Ariadne Krimi 1184)

Müllers Morde (Ariadne Krimi 1200)

Deutsche Originalausgabe

Alle Rechte vorbehalten

© Argument Verlag 2011

ISBN 978-3-86754-928-8

Glashüttenstraße 28, 20357 Hamburg

Telefon 040/4018000 – Fax 040/40180020

www.argument.de

Umschlaggestaltung: Martin Grundmann, Hamburg

Satz: Iris Konopik

Erste Auflage 2011

Lektorat: Ulrike Wand und Else Laudan

1. Digitale Auflage 2012

Digitale Veröffentlichung: Zeilenwert GmbH

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsangabe

Über die Autorin

Einleitung

Eins

17.04 Uhr, schon über eine halbe Stunde nach Feierabend

17.28 Uhr

17.35 Uhr

Etwa eine Minute später

Wieder ein, zwei Minuten später

19.11 Uhr

19.30 Uhr

20.02 Uhr

22.00 Uhr

22.11 Uhr

22.40 Uhr

22.43 Uhr

Vielleicht fünf Minuten später

23.30 Uhr

23.33 Uhr

0.07 Uhr

0.45 Uhr

1.30 Uhr

2.41 Uhr

Zwei

17.12 Uhr

17.17 Uhr

17.20 Uhr

18.07 Uhr

18.20 Uhr

18.37 Uhr

Irgendwann kurz vor sieben

Etwa sieben

19.10 Uhr

19.15 Uhr

Immer noch Viertel nach

19.21 Uhr

19.24 Uhr

Halb acht

19.40 Uhr

19.57 Uhr

20.35 Uhr

Drei

15.15 Uhr

20.15 Uhr

21.55 Uhr

22.07 Uhr

22.45

22.23 Uhr

Vier

11.35 Uhr

19.55 Uhr

20.02 Uhr

20.09 Uhr

20.13 Uhr

20.17 Uhr

20.20 Uhr

Etwa halb neun

Kurz nach halb neun

21.23 Uhr

21.31 Uhr

Fünf

7.35 Uhr

11.15 Uhr

11.35 Uhr

12.05 Uhr

12.12 Uhr

12.15 Uhr

16.45 Uhr

16.59 Uhr

17.05 Uhr

17.15 Uhr

17.22 Uhr

17.35 Uhr

18.11 Uhr

20.45 Uhr

Sechs

7.30 Uhr

7.43 Uhr

8.30 Uhr

8.45 Uhr

9.02 Uhr

9.05 Uhr

Kurz darauf

Etwa zehn nach neun

Kurz darauf

9.17 Uhr

9.21 Uhr

9.28 Uhr

9.55 Uhr

10.11 Uhr

Sieben

16.55 Uhr

Kurz nach fünf

Viertel nach fünf

17.23 Uhr

Acht

12.03 Uhr

12.05 Uhr

12.09 Uhr

12.15 Uhr

12.23 Uhr

12.55 Uhr

13.35 Uhr

13.40 Uhr

13.55 Uhr

14.45 Uhr

15.12 Uhr

15.23 Uhr

21.46 Uhr

Neun

Zwölf Uhr mittags, high noon

12.12 Uhr

12.15 Uhr

12.30 Uhr

14.35 Uhr

15.45 Uhr

16.03 Uhr

Irgendwas kurz nach vier

Erst 16.29 Uhr, gefühlt mindestens fünf, halb sechs

Kurz nach halb fünf

Ultimo

Viertel vor fünf

16.50 Uhr

16.55 Uhr

17.04 Uhr

17.23 Uhr

17.29 Uhr

17.47 Uhr

Zehn

22.15 Uhr

Kurz nach halb elf

Mitten in der Nacht

2.00 Uhr

Elf

8.11 Uhr

8.17 Uhr

9.02 Uhr

9.15 Uhr

10.45 Uhr

10.50 Uhr

11.45 Uhr

13.02 Uhr

13.30 Uhr

14.00 Uhr

14.13 Uhr

14.30 Uhr

15.00 Uhr

15.15 Uhr

15.20 Uhr

15.35 Uhr

16.02 Uhr

16.03 Uhr

16.04 Uhr

16.17 Uhr

16.27 Uhr

Epilog

Ulrikes & Elses Best Shots

Und was tun Sie hier?

Danke

Sie waren Hacker?

Ich habe mich früher viel mit Computern beschäftigt, ja.

Warum? Waren Sie einsam? Haben Sie Ihre Jugend vor dem Bildschirm abgesessen?

Ach Quatsch. So läuft das nicht. Einsame Jugendliche werden keine Hacker. Einsame Jugendliche werden Blogger.

Ach so? Und wie wird man ein Hacker?

Sie wollen wissen, wie man ein Hacker wird? Von mir?

Ja.

Ich würde mich nicht so bezeichnen. Ich hab mich nie als Hacker gefühlt, jedenfalls nicht wie einer von diesen Chaos-Computer-Club-Göttern. Ich brauche den Titel auch nicht. Ich meine, wie wird man ein Hacker, da kommt nicht eines Tages einer mit einer Ernennungsurkunde und sagt: Herzlichen Glückwunsch, jetzt dürfen Sie Behördendaten anzapfen.

Haben Sie denn Behördendaten angezapft?

Ach, wissen Sie, das ist schon so lange her –

Wenn’s verjährt ist, können Sie es uns ja sagen.

Nein, ich sag Ihnen was anderes: Hacker zu sein bedeutet nicht, die Zeit bis zum Abi vor dem Computer totzuschlagen, weil man keinen Sex abkriegt. Klar, man braucht ziemlich viel technisches Wissen, das muss man sich irgendwie aneignen, aber das läuft nebenher. Nein, der Witz am Hackersein ist, irgendwohin zu kommen, wo sonst niemand hinkommt. Schranken überwinden. Adressen ermitteln. Passwörter knacken. Im Prinzip bedeutet Hackersein nichts als: Passwörter knacken. Das geht nicht immer mit technischen Hilfsmitteln. Passwörter sind persönlich. Um die rauszukriegen, und um überhaupt zur Passworteingabe vorzudringen, brauchen Sie Wissen über die Leute, die am anderen Ende der Leitung sitzen. Sie brauchen deren Namen, Arbeitsplätze, Telefonnummern, Familienmitglieder und so weiter. Sie müssen dort anrufen als Meinungsforscher und dort vorbeigehen als Klempner. Sie müssen raus in die Büros und Amtsstuben und sich unauffällig die Schreibtische ansehen. Das ist nichts für Typen, die sich nicht aus dem Haus trauen. Und es ist auf jeden Fall viel mehr Detektivarbeit und viel weniger Technik, als man sich so vorstellt.

Eins
17.04 Uhr, schon über eine halbe Stunde nach Feierabend

Wann kam Steenbergen? Ab und zu waren Schritte zu hören, doch stets entfernten sie sich wieder. Spatzen flogen durch das Parkhaus. Das Warten war zermürbend. Kleine Unwägbarkeiten des Plans wuchsen zu riesigen Problemen heran. Der heikelste Punkt war: Steenbergen würde Gelegenheit haben zu betteln. Den Mund zukleben würde nicht helfen, denn Steenbergen musste fahren. Er musste die Hände frei haben. Folglich würde er den Knebel entfernen, sobald er begriff, was auf dem Spiel stand. Dann würde er managermäßig penetrant ein Gespräch suchen, und er würde um sein Leben reden. Er würde logisch sein, gemein, anrührend. Er würde seine Tochter ins Spiel bringen. Da wäre es besser, wenn man ihm von vorneherein das Maul stopfte. Doch mit einem Klebstreifen über dem Mund würde Steenbergen eher begreifen. Und wenn er begriff, würde er kämpfen. Er würde vielleicht auch Sachen mit dem Auto ­machen. Einen Unfall bauen. Das musste man verhindern.

17.28 Uhr

Die Spatzen starben jetzt auch aus. Wobei hier im Zooparkhaus eine letzte große Kolonie überlebt hatte. Sie tschilpten und flatterten durch die schäbigen Schlingpflanzen, die das hässliche Betonskelett umwucherten, und waren nicht wenige. Vielleicht stimmte das ja gar nicht mit dem Spatzensterben. Wer wusste schon, wer hatte wirklich verfolgt, wie viele Spatzen vorher da gewesen waren? Und vor was? Vor der Gründung von Greenpeace?

17.35 Uhr

In dem Sonnenfleck vor der Betonstütze hüpften drei muntere, gesunde Spatzen, ganz zutraulich, ganz nah. Steenbergen hingegen kam nicht. Vermutlich stapfte er händeschüttelnd durch den Betrieb, um sich bei allen verbliebenen Mitarbeitern zu verabschieden, Gutmenschen wie er taten das. Hallo, ich bin dein persönlicher Umweltschutzmanager, jetzt sei mal eben stolz darauf, dass wir heute für die ENERGIE Überstunden machen, denn hier bei uns gibt es immerhin die Gelegenheit, das Richtige zu tun.

Tja.

Für die ENERGIE arbeiten, das war nicht der Punkt. Sich Umweltschützer schimpfen war schon verlogener, denn welcher Mensch konnte bestreiten, dass die Erde ohne ihn ganz einfach besser dran wäre? Aber für die ENERGIE als Umweltschutz­manager arbeiten, das grenzte an –

Schritte.

Ledersohlen.

Steenbergen.

Etwa eine Minute später

Steenbergen war nicht allein. Er verabschiedete sich wortreich von einer Kollegin, Verena Frenzky aus dem Technical Support, küsste sie auf beide Wangen und schaute ihr nach, als sie ging. Glücklicherweise musste die blöde Frenzky auf ein anderes Deck. Sie lief auf ihren hohen Sommerschuhen durch die Lichtflecken zum Treppenhaus und drehte sich an der Tür noch mal um, zum Winken, du ahnst es nicht. Da hatte sie sich aber einen Veteranen ausgesucht, der olle Steenbergen, der war doch sexuell längst nicht mehr aktiv. Und würde es auch nicht mehr werden. Zu spät, um ihn aufzutauen. Die Ex würde nicht um das Haus und das Auto und die Lebensversicherung streiten müssen. Man würde traurig sein, aber nicht verbittert. Global gesehen war es besser so.

Wieder ein, zwei Minuten später

Als die Tür zum Fond geöffnet wurde, blickte Steenbergen sich vom Vordersitz aus überrascht um. Man befand sich in einem silbergrauen Phaeton mit zusätzlichem Elektroantrieb und Hybrid­technologie. Stand jedenfalls hinten drauf, genauso wie das Firmenlogo ENERGIE.

»Schade, gell, dass ich nicht Frau Frenzky bin?«

Steenbergen hatte sich schon angeschnallt und saß nun unbequem nach hinten verdreht. »Ich kenne Sie«, sagte er unwillkürlich, und viel schärfer: »Hey – Sie haben hier nichts verloren! Verlassen Sie meinen Wagen!« Verärgert schnallte er sich ab und machte Anstalten, erst mal selbst auszusteigen.

»Schön sitzen bleiben.«

»Sie –« Steenbergen blickte wieder nach hinten und erstarrte. Dann sagte er fast ungläubig: »Was wollen Sie mit der Pistole?«

»Es ist ein Revolver.« Eigentlich war es nur ein Feuerzeug, das einem Revolver täuschend ähnlich sah, einen spannbaren Hahn besaß und auch schwer in der Hand lag, ein fieses kleines Spielzeug. Eine echte Waffe hatte nicht zur Verfügung gestanden. Und wäre auch zu gefährlich gewesen.

»Sie arbeiten für uns.« Steenbergen hatte sich rasch gefasst und klang nun sehr streng. »Hier im Haus an der Flora. Ich kenne Sie. Sie sind ein Datenschützer, IT-Abteilung, nein … Sie gehören zu Human Resources. Sie heißen –«

Es fiel ihm nicht ein. Das war eine Überraschung. Denn das bedeutete, dass er noch nichts wusste. Wenn er schon etwas gewusst hätte, dann hätte er den Namen sofort parat gehabt. Aber jetzt war es zu spät, jetzt war die Waffe ausgepackt, und ob Steenbergen es heute schon wusste oder erst morgen erfahren hätte, war im Prinzip auch egal. Es war sogar besser. Denn nun ahnte Steenbergen nicht, weshalb er entführt wurde.

»Müller.«

»Nein, so heißen Sie nicht.«

»So dürfen Sie mich nennen, und jetzt möchte ich Ihr Handy haben.«

Steenbergen zögerte. Dr. sc. soc. Dr. rer. nat. Steenbergen, ­eigentlich. Er war ein Vorstandsmanager. Sich einem kleinen ­namenlosen Müller aus der Personalabteilung unterzuordnen, fiel ihm sichtlich schwer. Müller musste ihm dabei helfen. Er schloss die Tür des Fonds, beugte sich vor und presste Steenbergen die Mündung der Waffe ans Jackett. »Mit diesem Revolver hab ich eben meine Frau erschossen«, flüsterte er heiser in Steenbergens rechtes Ohr. »Ich hab nichts mehr zu verlieren, verstanden?«

Steenbergen nickte stumm.

»Handy.«

Steenbergen griff in die Brusttasche seines Anzugs.

»Langsam, keine Spiele.«

Steenbergen reichte Müller sein Smartphone, langsam und ohne Spiele.

Die Idee mit der ermordeten Frau war genial, denn nun würde Steenbergen es tunlichst vermeiden, von seiner eigenen Familie zu reden. Es würde ihn auch von anderen Dummheiten abhalten.

»Ich sag Ihnen jetzt was. Sie sind mir völlig egal. Ich tu Ihnen nichts, wenn Sie nicht nerven.«

Steenbergen nickte, nicht direkt erleichtert, aber doch wieder wie ein Mann mit einer Perspektive.

»Ich will nur aus Köln raus, verstanden? Sie fahren mich, ich sage, wohin. Wenn wir auffallen, sind Sie tot wie die alte Schlampe. Wenn nicht, lasse ich Sie noch heute Abend frei.«

Steenbergen nickte wieder.

»Denken Sie an Ihre Familie.« Müller schaltete das Smartphone aus und steckte es ein. »Und jetzt los.«

19.11 Uhr

Das Besondere am Tod – auch einem fremden – war das Gewicht, das jede Handlung und jeder Satz in seiner Nähe annahmen. »Rosebud«, »Mehr Licht!«, »Es ist vollbracht«, das waren unsterbliche Worte, die ihr Geheimnis doch bloß aus der Situa­tion zogen, in der sie gesagt worden waren. Es war fast eine Kunstform. Bring den Tod ins Spiel, und die Äußerungen aller Beteiligten wachsen ins Monumentale, wirken wie vor Publikum gesprochen. Glücklicherweise wusste Steenbergen nichts von seinem bevorstehenden Ableben, sonst hätte er sicher Schnörkel angebracht. Er wäre kitschig geworden. Er hätte Worte gebraucht wie: Liebe, Vergeltung. Mord. Da war es weit besser, er konzentrierte sich aufs Fahren und sagte nur ab und zu: »Hier jetzt rechts?« oder: »Wenn wir da vorn geradeaus wollen, muss ich aber die Spur wechseln.«

Und war das nicht ein wunderbarer letzter Satz: Wenn wir geradeaus wollen, muss ich die Spur wechseln? War das nicht rätselhaft, uneindeutig, bedeutungsvoll – gut?

»Ja, wechseln wir die Spur«, sagte Müller.

19.30 Uhr

Sie waren am Ziel: Eine kleine Waldlichtung an der L 46 bei Daun, leicht mit dem Wagen zu erreichen, aber einsam und gut versteckt. Müllers eigenes Auto stand da, halb verborgen im Gebüsch.

»Ach so, Sie sind der Typ mit dem Alfa«, entfuhr es Steenbergen, und Misstrauen schlich sich in seinen Ton. Nicht, dass er vorher vertrauensselig gewesen wäre, doch während der Fahrt hatte er die Ruhe bewahrt und versucht, möglichst unpersönlich zu bleiben. Weil er an die Geschichte mit der toten Frau glaubte. Doch ein vorbereitetes Fluchtauto passte nicht dazu. Das war nicht spontan, das war kein Affekt, da steckte mehr dahinter. Nun musste es ganz schnell gehen.

»Jetzt weiß ich es wieder, Sie sind der ehemalige Hacker, und Sie heißen –«

»Maul«, unterbrach Müller und hob den Revolver. »Aussteigen.«

Sie stiegen beide aus und standen einander in dem abendlichen Sommerwald gegenüber. Steenbergens Augen blickten klug und unstet, er war ein schneller Denker, das hatte Müller schon beim Autofahren bemerkt. »Ich brauche einen Vorsprung«, erklärte er, den Revolver fest im Griff, und wies mit dem Kinn auf seinen schwarzen Alfa. »Deswegen fesseln wir Sie jetzt, und ich lasse Sie hier in Ihrem Auto und fahre mit meinem weiter.« Er warf Steenbergen mit der Linken eine Rolle festes, dickes Klebeband zu. »Erst über den Mund.«

»Das kann ich nicht reißen«, sagte Steenbergen. Er drehte die Rolle Klebeband zwischen den Händen. Es wirkte spöttisch.

»Ist schon geschnitten«, sagte Müller scharf und merkte, wie er plötzlich nervös wurde. Ans Klebeband hatte er gedacht, er hatte es geschnitten und wieder aufgewickelt, damit er nicht gleichzeitig mit Revolver und Messer hantieren musste, das war nicht das Problem. Das Problem waren Steenbergens intelligente Augen, die ihn verstohlen musterten, die den direkten Blickkontakt verweigerten, weil Steenbergen nachdachte und auf der rechten Spur war.

Müller hob den Revolver: »Los! Mund!«

Steenbergen riss Klebeband ab, und natürlich waren geschnittene und wieder aufgewickelte Klebstreifen noch weit seltsamer als ein wartendes Auto. Steenbergens Bewegungen wurden langsamer und angespannter, als ob er alles gleich hinwerfen und fliehen würde, und das wäre natürlich eine Katastrophe, denn dann musste Müller ihn einholen und das Messer benutzen. »Na los!«, wiederholte er drängend. Steenbergen blickte ihm plötzlich direkt in die Augen. Müller schob sein Kinn vor, spannte den Hahn des Revolvers und starrte entschlossen zurück. Sein Vorteil war klein, nur weil Steenbergen noch immer nicht richtig begriff, befolgte er die Befehle. Widerstrebend klebte er sich den Mund zu. Anschließend waren die Füße dran. Die Hände übernahm Müller und umwickelte sie auf dem Rücken mit Klebeband. Dann verdoppelte er die Fesseln mit noch mehr Tape. Und schließlich sagte er: »Sie müssen sich in den Fußraum vor die Rücksitze legen.«

Steenbergen schüttelte den Kopf, in seinen Augen standen nun Trotz und Panik, doch er war zu ausgeliefert, um noch eine Chance zu haben.

»Passen Sie auf«, sagte Müller versöhnlich. »Da hinten im Fußraum gibt es jede Menge Metallschienen und so ’n Zeug, Sie werden das Tape spätestens morgen früh durchhaben. Sie werden mir dankbar sein, dass ich Sie in den Fußraum gelegt habe, denn da geht es schneller. Ich mach Ihnen sogar noch eine Decke drunter. Und ich hab meinen Vorsprung, okay?«

Steenbergen wollte nicht. Müller musste ihn erst mit dem Revolver anschubsen. Da fügte der Manager sich, hoppelte zur hinteren Tür und quetschte sich mit viel Mühe auf den Boden, den Müller zuvor mit einem Malervlies ausgekleidet hatte. Ein Malervlies mit Plastikbeschichtung auf der Rückseite, doch das weckte in Steenbergen keinen sichtbaren Argwohn mehr. Schließlich lag er genau so, wie er sollte, und Müller atmete auf. Der Rest war ein Kinderspiel. Er holte die Flasche mit Schutzgas aus seinem Alfa, öffnete ihr Ventil, legte sie in den Fußraum neben den Beifahrersitz des Phaetons und schloss die Türen von außen. Steenbergen begann ordentlich zu zappeln, aber er war auch ordentlich zusammengeklebt.

20.02 Uhr

Steenbergen bewegte sich nicht mehr.

* * *

»Richard«, sagte der Anwalt hinter dem Mahagonischreibtisch, und es klang wie: Mein hoch verehrtes gnädiges Fräulein.

»Ja«, knurrte Richard, er war über zwei Meter groß, hatte einen schon recht kahlen Schädel, saß absichtlich etwas gebückt und trug seine ältesten Jeans. Doch trotz aller Abwehrmaßnahmen fühlte er sich bedrängt und verlegen. Und ärgerlich: Hatte er es nicht gewusst? War es nicht jedes Mal dasselbe? Das abendlich leere Büro. Das gedämpfte Licht. Der fehlende Freund. »Dr. Steenbergen wollte diesmal wirklich kommen, aber wie’s aussieht, werden wir wieder auf ihn verzichten müssen.« Die Verabschiedung der Sekretärin, die tatsächlich bis acht Uhr abends blieb. »Ah – der Schnapswagen, danke, Valeska. Moment mal, das kann doch nicht wahr sein, der Banyuls ist schon wieder alle?«

»Ich fürchte, ja, Herr Welsch.« Die Antwort richtete sich zu einem Gutteil an Richard, wie überhaupt die ganze kleine Szene, und sie erinnerte mit Nachdruck daran, dass man sich hier in ­einer der letzten schönen Villen am Adenauer-Ufer befand. Mein Chef ist reich, mächtig und sympathisch, war Valeskas Botschaft. Ein toller Mann. Der Chef selbst setzte ein kesses Lächeln dazu auf. Plötzlich sah er viel jünger aus, und nicht nur um die ­Augen. Der ganze Welsch-Ruinart mitsamt Seidenhemd und Maß­anzug und der schmalen goldenen Uhr am Handgelenk strahlte wie ein mutwilliger kleiner Junge. Man meinte sogar, Sommersprossen auf seiner Nase zu erkennen. Dabei war er mindestens fünfzig und färbte sich vermutlich die Haare. Und vielleicht, dachte ­Richard, lag da auch das ganze Geheimnis: Haartönung. Oder der Typ hatte oben auf dem Speicher ein Porträt stehen wie ­Dorian Gray. Nun erschienen noch zwei winzige Grübchen in seinen Wangen. Grübchen, die Richard bei jeder Frau hinreißend gefunden hätte.

»Na, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als die Reserve anzubrechen«, sagte der Besitzer der Grübchen wohlgemut. »Valeska, wenn ich bitten dürfte, den grand cru, Sie wissen schon, den für besondere Gelegenheiten, haben Sie vielen Dank.«

Valeska verschwand, brachte wenig später eine verstaubte Flasche und verabschiedete sich diskret. Als sie fort war, füllte Welsch-Ruinart selbst die Gläser, und Richard nippte widerwillig an seinem Banyuls grand cru. Er mochte keine Dessertweine, aber er hatte es nie geschafft, etwas von dem Whiskey zu kriegen, der ihn von der mobilen Bar her golden anfunkelte. Andererseits: Zum Whiskey wollte Richard letztlich gar nicht kommen. Er tat dies hier um des Geldes willen. Also blieb er beim Hauswein. Und lauschte Herrn Welsch-Ruinart. Welsch für die ­Klientschaft. Und Peter für ihn.

»Ich habe Schliemann gelesen«, sagte Peter in vertraulichem Ton und stellte sein Glas auf den rot schimmernden Schreibtisch.

Dessen Holz, überlegte Richard, war sicher illegal geschlagen, welches Mahagoni wäre das nicht? »Schliemann«, wiederholte er.

»Wie Sie empfohlen haben«, sagte Peter.

Niemals, dachte Richard. Ich? Schliemann?

»Die Aufzeichnungen über die Ausgrabung von Troja.«

»Schliemann war ein Visionär«, antwortete Richard höflich. So weit kam es noch, dass er Schliemann empfahl. Schliemann hatte Troja entdeckt, ohne zuvor einen Historiker um Erlaubnis zu fragen, daher ignorierten Historiker ihn ebenfalls. Außerdem: Wer Schliemann las, glaubte am Ende auch an UFOs. Oder an Atlantis. Richard bückte sich und kramte in der Jutetasche, die er neben seinem Sessel auf dem Perserteppich abgestellt hatte.

»Sie wissen schon, die eulenköpfige Vase. Sie sagten, ich sollte mich absichern. Die Quellen prüfen. In der Chronologie zurückgehen.«

»Und da sind Sie gleich bis zu den Anfängen der Zivilisation gegangen«, murmelte Richard.

»Den Anfängen der Archäologie«, verbesserte Peter und begann eine Zusammenfassung des Schliemann’schen Grabungsberichts von Troja. Inzwischen nahm Richard sein Paket aus der Tasche. Er wusste genau, was er gesagt hatte: Vergessen Sie die eulenköpfige Vase, das hatte er gesagt. Die such ich nicht. Er war ja wirklich ein Ass in seinem Fach, und er war auch bereit, einiges fürs Geld zu tun, doch ein Artefakt mit eingebautem Wegweiser nach Atlantis konnte selbst er nicht finden. Dieses Ding existierte nur in der Vorstellung einiger Spinner, und Richard würde den Teufel tun und öffentlich danach fahnden. Wenn er seine Kontakte missbrauchte, um einem Phantom nachzujagen, würde ihn bald überhaupt niemand mehr ernst nehmen. Leider aber wollte sein treuester Kunde durchaus Indiana Jones spielen: »… die drei Papyri befinden sich dem Bericht zufolge in den Kellern der Eremitage von St. Petersburg. Wenn wir die Schriften finden würden, wäre das eine Sensation. Erstens wäre ­Platos Atlantis-Bericht nach Jahrtausenden endlich bestätigt, und zweitens enthalten sie mit Sicherheit auch wertvolle Hinweise auf die Vase.«

»Die Vase ist Blödsinn«, sagte Richard.

Eine Pause trat ein.

Mist, dachte Richard sofort reuig, oh Mist, das war mein letzter zahlungsfähiger Kunde.

Die Pause wurde unangenehm. Richard fiel nichts ein, was die Situation retten konnte, die Vase war tatsächlich Blödsinn, das hätte er nicht so direkt sagen müssen, aber zurücknehmen konnte er es auf keinen Fall.

»Tja«, sagte Peter schließlich trocken, »dürfte ich trotzdem mal sehen, was Sie mir mitgebracht haben – vielleicht?«

»Oh«, sagte Richard, »natürlich. Sofort. Klar.« Hastig entfernte er das Klebeband von seinem Päckchen und öffnete es. Zerknülltes Zeitungspapier quoll hervor. »Bisschen viel Verpackung«, sagte er verlegen und entfernte eilig die obersten Lagen. »Ich habe es nur vor Stößen schützen wollen, immerhin ist es viereinhalbtausend Jahre alt …« Er brach ab und reichte Peter das offene Paket über den Tisch.

»Von Schliemann?«, fragte der und hob vorsichtig ein kleines, unregelmäßig geformtes Terrakottagefäß aus dem Papier.

»Aus Troja. Schicht VI, also aus der wahrscheinlichsten Zeit für den Krieg. Mit dem charakteristischen Eulenschnabel am Rand. Schliemann hat Dutzende davon ausgegraben.«

»Gut, aber hat Schliemann dieses Stück geborgen?« In Peters Augen funkelte plötzlich so etwas wie Mutwille. Es sah fast aus, als ob er innerlich lachte.

Richard holte tief Luft und sagte: »Ja.« Natürlich war »ja« keine ernsthafte wissenschaftliche Aussage. »Ja« konnte ein Historiker nicht mal vorbehaltlos auf die Frage antworten, ob das Troja Homers wirklich existiert hatte, vom Troja Schliemanns ganz zu schweigen. Andererseits ging es hier ums Geldverdienen. Und Peter war, wie es schien, zufrieden. Mit einem leisen Lächeln um die Lippen begutachtete er seinen neuen Schatz. Dann füllte er die Gläser nach, und Richard atmete auf: Glück gehabt, er musste das Eulendings nicht wieder mitnehmen. Dies war ihr Ritual. Peter packte aus, dann tranken sie, und damit war der Handel besiegelt. Viel eifriger als sonst hob Richard sein Glas. Haargenau gleichzeitig mit Peter. Dabei begegnete er dessen Blick. Und verschluckte sich.

Herrgott, dachte er hustend, beim nächsten Auftrag muss ich diesem Mann klipp und klar sagen, dass ich hetero bin.

»Zerbrich die eulenköpfige Vase«, sagte Peter rau.

»Hören Sie –«, begann Richard.

»Sie soll ja aus Bronze sein.«

Richard stellte das Weinglas ab und tastete nach seiner Tasche. »Ich hab heute noch viel zu tun.«

»Ich frage mich, wie man Bronze zerbrechen kann.«

Es war unklug, darauf zu antworten, aber das musste gesagt werden: »Gar nicht.« Jahrtausendealte Bronzevasen, so sie denn existierten und man ihrer habhaft wurde, zerbrach man nicht. Man setzte sie höchstens zusammen.

»Ton wäre natürlich ein viel praktischeres Medium.« Nachdenklich betrachtete Peter sein neu erworbenes Terrakottagefäß. Es würde ihn achttausend Euro kosten. Plus Steuer und Spesen. »Die Metallplakette, die wir suchen, ließe sich weit einfacher in Ton verstecken. Ich frage mich ja, ob das Metallstück mit dem Wegweiser nicht auch in so ein Artefakt eingebettet worden sein könnte.«

Richard erhob sich. Weg hier, dachte er, nur raus. Auf keinen Fall wollte er weiter verantwortlich sein für das Schicksal dieses armen kleinen Topfs. Er war nicht sehr bemerkenswert, aber es hatte ihn Mühe gekostet, ihn zu finden, und so ganz nebenbei war er auch noch unversehrt durch einen mythischen Krieg und mehrere Jahrtausende bis hierher auf diesen eitlen Mahagonitisch gekommen. Wenn sein durchgeknallter Besitzer nun beschloss, ihn zu zerstören, dann wollte er, Richard Romanoff, Privatgelehrter, Historiker und Spezialist für die Beschaffung seltener Artefakte, nicht dabei sein. Eilig bückte er sich nach seiner Tasche. »Ein Tipp von mir, ich würde davor einen Metalldetektor benutzen.«

»Oh. Gute Idee.« Peter lächelte. »Was ja interessant ist«, sagte er sanft, »ist, dass Schliemann irgendwann seine Meinung über diese Schnabelgesichter änderte.«

»Ach ja?«

»Zuerst hat er sie nur für kultische Eulendarstellungen gehalten. Nachdem er aber Dutzende solcher Funde gemacht hatte, konnte er an die bloße Eule nicht mehr glauben.« Peter zog die kleine Terrakottavase zu sich heran und berührte mit dem linken Zeigefinger sacht ihren Bauch, auf dem sich eine Art Nabel befand. »Die schiere Menge der Artefakte machte ihm klar, dass es etwas weit – Elementareres sein musste.« Er sah auf.

Und da wünschte Richard fast, er hätte Schliemann doch gelesen. Dieser helle Blick! Unwillkürlich stolperte er rückwärts. Dann trat er sofort verärgert näher, um das grob getöpferte Gefäß gründlicher in Augenschein zu nehmen. Zum ersten Mal sah er es mit so etwas wie ungeduldigem Interesse. Troja, das war nicht sein Gebiet, eine Siedlung aus einer Zeit, in der die Schrift gerade erst erfunden wurde, mit unsicherer Quellenlage, unsicherer Lage überhaupt, politisch, geografisch, wissenschaftlich, in jeder Hinsicht, ein auferstandener Mythos, lästig für jeden Mann der Wissenschaft. Und dieses Gefäß mit den Brauenwülsten und dem Schnabel am Rand war ein Teil davon. Was sollte es darstellen, wenn nicht die allfällige Eule?

Richard konzentrierte sich. »Es ist eine Frau«, sagte er schließlich. Natürlich: Unter dem herben Gesicht befanden sich zwei winzige Erhebungen, die eigentlich nur Brustwarzen darstellen konnten. Und was zuvor wie ein riesiger Bauchnabel ausgesehen hatte, musste in Wahrheit eine Klitoris sein. Überrascht schaute er Peter an. Eine Frau. Ein Fruchtbarkeitszauber.

Peter erwiderte sein winziges Lächeln sehr freundlich. Und sagte: »Wir wollen die Bronzevase. Den Wegweiser. Der bringt uns nach Atlantis!«

Herrgott, dachte Richard. Lass mir doch einen Rest Würde. Sprich es wenigstens nicht direkt aus. »Dann viel Glück.«

»Sie können die richtige Vase finden!«

Richard schüttelte den Kopf.

»Ich weiß es.« Peter hielt das kleine Gefäß hoch. »Dr. Steenbergen wird schon hiervon begeistert sein.«

»Gut.«

»Bitte!«

Richard wand sich und versuchte, diesem offenen, verbindlichen, beschwörenden Blick zu entkommen. »Na schön, demnächst muss ich sowieso nach Berlin, da schaue ich noch mal bei diesem Sammler vorbei, ich weiß, dass der noch ein, zwei von diesen – Dingern hat, aber versprechen kann ich rein gar nichts.«

»Danke«, sagte Peter. Eigentlich war sein Gesicht eine glatte Herausforderung, unschuldig, aufrichtig, dankbar.

Doch Richard nahm sie nicht an. Er würde nichts weiter sagen und nichts weiter tun. Er zog nur einen leicht zerdrückten Briefumschlag aus seiner Hosentasche. »Meine Rechnung.«

»Kommen Sie heute in einem Monat«, rief Peter ihm nach, als er ging.

* * *

22.00 Uhr

Es war fast dunkel. Nun musste er es wagen, die Autotüren zu öffnen. Und? Ja. Er hatte es geschafft. Steenbergen war äußerlich unverletzt und tot.

22.11 Uhr

Steenbergens Arme mussten nach vorn. Wer wusste schließlich, wie lange das hier noch dauern würde, und wenn die Starre einsetzte, durften die Arme nicht auf dem Rücken sein. Es war auch eine gute Übung: lernen, mit der Leiche umzugehen. Sie roch. Steenbergen hatte einen starken Körpergeruch. Seine Haare klebten verschwitzt am Kopf, die Augen waren geschlossen, Steenbergens Blase hatte sich entleert, das roch man auch. Müller kämpfte mit dem Klebeband. Vorn auf der Straße hielt ein Auto, die Scheinwerfer suchten die Lichtung ab. In einer absolut unwillkürlichen Bewegung knallte Müller die Autotür zu und duckte sich hinter den Phaeton. Trotzdem: Der Besitzer dieser verdammten Scheinwerfer musste gesehen haben, dass er da war. Sein Herz klopfte in mächtigen Schlägen, er spürte es bis in die Zehenspitzen. Da setzte das Auto zurück und fuhr davon. Vermutlich noch jemand, der die Einsamkeit suchte. Müller sank auf den Waldboden und tat fünf Minuten lang gar nichts.

22.40 Uhr

Steenbergens Hände waren nun frei, er lag gut zugedeckt in seinem Phaeton. Müller hingegen kurvte im Alfa langsam am Parkplatz vor dem Totenmaar vorbei. Die Nacht war klar, daher sah man ganz gut. Und Müller sah: nichts. Kein Auto, kein Spaziergänger, niemand. Er wendete auf einem Waldweg und fuhr langsam zurück: Die Luft war rein. Der Teil, der nun kam, war riskant. Ob er es jetzt gleich wagen sollte?

22.43 Uhr

Das Wasser des Totenmaars lag schwarz in der Nacht, ringsumher erhob sich der bewaldete Krater wie ein großes Theaterrund. Darüber leuchteten viele Sterne. Alles war ruhig, sogar die Kühe auf der Weide unten am See hatten sich in ihre Senke gelegt und dösten. Gut so. Und jetzt musste er ran, je eher, desto besser. Die Todeszeiten mussten zumindest grob zusammenpassen. Müller zog ein Paar neue Gummistiefel an, die hatte er mitgenommen. Immer noch niemand. Keine Scheinwerfer, kein knirschender Splitt, kein Liebespaar, nichts. Müller öffnete vorsichtig die Tür seines Wagens. Lautes Grillengezirp und warme Luft drangen herein. Er war ganz allein. Trotzdem wollte er schnell sein.

Vielleicht fünf Minuten später

Der Weidezaun war mit Stacheldraht verstärkt, das hatte er gewusst, aber unangenehm war es trotzdem. Denn natürlich durfte er nicht hängen bleiben. Irgendwie schaffte er es schließlich, sich mit seiner tragbaren Kühltruhe über den Zaun zu wurschteln. Dann schlich er auf die Kühe zu. Sie waren groß, rochen gut und waren furchterregend lebendig, selbst wenn sie lagen und schliefen. Eigentlich schliefen sie auch gar nicht, sie dösten nur. Eine, die hinterste von vier, hob den Kopf und schnaufte, als er näher kam. Müller wäre furchtbar gern weggerannt. Diese Tiere waren viel, viel stärker als er. Sie mussten doch spüren, was für Absichten er hegte! Doch sie lagen nur träge an ihrem Platz. Müller bewegte sich vorsichtig. Ganz nah ran musste er. So. Nun öffnete er stumm seine Kühltruhe und legte der nächsten Kuh, einer hübschen Braunen mit leicht vorstehenden Hüftknochen, ein großes Stück dampfendes Trockeneis vor die Nase. Und das Wunder geschah: Die Braune zuckte nur leicht mit den Ohren und blieb liegen. Ihre unruhige Kollegin hingegen richtete sich umständlich auf. Die beiden anderen hoben ihre Köpfe. ­Müller verteilte, jetzt fast panisch vor Nervosität, Trockeneisstücke ringsum. Dann brauchte er seine ganze Willenskraft, um nicht überstürzt zum Zaun zu rennen. Er zwang sich zu gemessenen Schritten und horchte ängstlich auf das laute Atmen in seinem Rücken. Angespannt wurschelte er sich wieder über den Stacheldraht. Und blickte erst zu den Kühen zurück, als er die Kühlbox in seinem Kofferraum verstaut hatte. Da sah er ein merkwürdiges, surreales Bild: eine Senke, gefüllt mit dichtem, waberndem Bodennebel, der ein paar große Körper umschloss. Und dahinter eine Kuh, die für einen kurzen Moment wirkte, als habe sie diesen Nebelsee ausgeschnaubt. Dann trollte sie sich und suchte sich einen weniger gefährlichen Schlafplatz. Die anderen drei jedoch blieben liegen.

23.30 Uhr

Niemand war auf diesen Parkplatz gekommen, obwohl er weit exponierter lag als der mit Steenbergens Leiche. Nur auf der Straße zum Totenmaar fuhr ab und zu ein einsames Auto vorbei, von deren Fahrern konnte er aber nicht gesehen werden, der Alfa stand zu versteckt. Jetzt kam der schwierigste Teil. Müller stieg aus seinem Wagen, die Nachtluft hatte sich merklich abgekühlt, der Himmel war bezogen. Es war finsterer und stiller als zuvor. Das Wasser lag wie eine große, glatte Falle zwischen den Bäumen. Sicher gab es viele schaurige alte Legenden um das Maar, die Müller zum Glück nicht kannte. Unheimlich war ihm trotzdem zumute. Schließlich schuf er soeben eine neue.

23.33 Uhr

Von weitem konnte man nicht erkennen, ob die Kühe sich regten, es war schon zu dunkel. Immerhin lagen sie aber in der Senke, und Nebel schien dort auch noch zu stehen. Noch einmal stieg Müller über den verflixten Zaun, wie gern hätte er den blöden Draht einfach durchgezwickt! So. Drüber. Die Kühe blieben ruhig. Er stapfte auf sie zu, mit Schleichen hielt er sich nicht mehr auf. Wenn er sie jetzt noch erschrecken konnte, funktionierte sein Plan sowieso nicht. Die drei Körper lagen reglos in der Senke. Müller berührte die Braune an der Stirn, sie fühlte sich weich an und warm. Sie war hübsch. Und sie schlief fest. Ihr Atem ging leicht, ein wenig Sabber rann ihr aus dem Maul. Jetzt sollte er testen, ob sie wirklich bewusstlos war. Nach kurzem Überlegen und mit größter innerer Anspannung setzte Müller sich auf ihren Nacken. Sie zuckte, sonst nichts. Na schön. Er fasste ihr Maul an. Sie rührte sich nicht. Da nahm er die drei ineinandergezogenen großen Plastiksäcke mit dem Stück Trockeneis darin. Und schaffte es irgendwie mit viel Drücken und Ziehen und Glück, die Säcke über den warmen Kuhkopf zu bekommen. Endlich zog er an dem Zugband des obersten Sacks. Danach richtete er sich auf und blickte zum Maar. Er war nassgeschwitzt.

0.07 Uhr

Wieder im Auto. Jetzt ein Bier! Aber nein, die Arbeit war noch lange nicht zu Ende. Doch erst einmal galt es zu warten.

0.45 Uhr

Jetzt sollte auch die Braune tot sein. Ein letztes Mal stieg Müller über den Zaun zu den Kühen. Er entfernte die Tüten vom Kopf der Braunen, sie setzte ihm keinen Widerstand entgegen. Die beiden anderen Rindviecher neben ihr gaben ebenfalls nicht den kleinsten Mucks von sich, und die vierte Kuh war nicht zu sehen. Nun noch die Spuren verwischen, zum Glück wuchs Gras auf der Weide. Müller scharrte ein wenig mit seinen Gummistiefeln auf dem Boden und benutzte sogar eine Taschenlampe. Keine Spuren. Er leuchtete um die Kühe herum, er verfolgte seinen Weg zum Zaun zurück. Nichts. Dann konnte er endlich Steenbergen holen.

1.30 Uhr

Steenbergens Elektroauto sprang ein bisschen anders an, aber das war kein Problem. Die Fahrt zum Totenmaar dauerte nur knapp zehn Minuten. Schwierig war es allerdings, Steenbergen aus dem hinteren Fußraum rauszukriegen, daran wäre Müller fast verzweifelt. Er trug jetzt einen weißen Overall, wie man ihn für den Aufenthalt in Reinräumen benutzte, und obwohl das Ding sehr dünn war, schwitzte Müller darunter wie blöd, das Schwitzen auf der Weide bei den Kühen war nichts dagegen gewesen. Steenbergen lag wie festgewachsen und ließ sich kaum bewegen, vermutlich hatte die Totenstarre schon eingesetzt, klar, nach gut sechs Stunden. Müller hatte gehofft, diese blöde Starre würde noch ein wenig warten, aber man konnte nicht alles haben. Immerhin hatte er an die Arme gedacht. Und da er Steenbergen rauskriegen musste, kriegte er ihn schließlich auch raus. Dann schleppte er ihn zu der Bank, die direkt an der Weide ganz in der Nähe der Schlafsenke der Kühe stand. Schließlich lag Steenbergen wirklich auf der Bank, mit angewinkelten Armen und Beinen, als ob er sich zum Schlafen dort hingelegt hätte. Sitzen wäre natürlich besser gewesen, aber das konnte man mit der totenstarren Leiche nicht machen, ohne ihre Gelenke zu brechen. Also musste Steenbergen liegen. Was aber im Tod auch keine ungewöhnliche Haltung war.

2.41 Uhr

Nur noch aufräumen. Er entfernte alles Verräterische aus Steenbergens Auto, er saugte mit einem kleinen Tischstaubsauger die Polster und Fußräume und Steenbergen ab, er steckte der Leiche Handy und Autoschlüssel ins Jackett, zog das Klebeband von ihrem toten Mund ab und behandelte alle Stellen, an denen das Tape geklebt hatte, mit Hautcreme, weil er gehört hatte, dass man damit verräterische Spuren entfernen konnte. Schließlich zog er den schrecklichen Overall aus und packte den ganzen Kram, den er gebraucht hatte, in seinen Rucksack. Er suchte nach weiteren Spuren – auf dem Schotter des Parkplatzes gab es ein paar Schleifspuren, die er mit der Fußspitze verwischte, ansonsten wies nichts mehr auf ihn hin. Dann machte er sich, endlich, in den schwitzigen Gummistiefeln und mit geschultertem Rucksack auf den Weg zu seinem eigenen Auto.

Sie haben einen Menschen getötet.

Das war nötig.

Die Entschuldigung hört man öfter.

Es war kein Familienvater mit fünf unterversorgten Kleinkindern, okay? Es war ein reicher Sack, der niemandem fehlt. Für mich war er eine echte Gefahr. Und sagen Sie selbst: Der ENERGIE-Manager mit CO2 am Totenmaar – das ist doch abgefahren!

Sie spielen Cluedo?

Wie kommen Sie denn darauf?

Na, es hat sich so angehört: Der ENERGIE-Manager mit CO2 am Totenmaar. Das ist Cluedo.

Hören Sie bloß auf. Der hätte kurzen Prozess mit uns gemacht. Und zufällig weiß ich von meiner, hm –

Komplizin?

Was soll denn der Ton? Ja, meinetwegen: Komplizin, wenn sie das nur wäre! In Wahrheit wollte sie alles auffliegen lassen, aber ich hab’s ihr gezeigt. Ihr lieber Steenbergen ist tot – jetzt wird sie spuren!

Da Steenbergen tot ist, wird sie aber auch nicht mehr viel nützen.

Sie wird den Mund halten, das ist erst mal das Wichtigste. Mit Steenbergen als Chef konnte es eh nicht mehr lange gut gehen, um den hätte man sich sowieso bald kümmern müssen! Von allen Vorgesetzten, die ich bisher hatte, hat keiner, wirklich keiner wie Steenbergen nachts im Büro herumgehockt und bereits geprüfte Geschäftsvorgänge noch mal geprüft.

Sie rationalisieren.

Natürlich! Egal, wer da nachkommt – es kann nur besser werden. Außerdem will ich sowieso weg von diesen simplen Tarngeschäften. Das ist mir zu anspruchslos. Ich hab ganz andere Pläne.

Nein, ich meine, Sie rationalisieren Ihre Tat. Den Mord.

Also erstens mal ist das im Moment noch ein einfacher Todesfall, der sich, wie ich fest glaube, als ein Unglück entpuppen wird, als Naturkatastrophe, als höhere Gewalt –

Mord.

Ah! Wissen Sie was: Es gibt sowieso zu viele von uns. Wir sind sieben Milliarden Menschen auf der Erde, und bald werden wir noch mal so viele sein! Wir werden uns kloppen um jeden Tropfen Öl, um jeden einzelnen Baum, um jeden Meter Land, und zwar noch in dieser Generation! Was macht es da, wenn die gehen, die sowieso niemand braucht?

Sie haben also ein ökologisches Motiv.

Eher ökonomisch, würde ich sagen. Ich glaube einfach nicht, dass es für alle reicht. Und ich will auch noch was von meinem Leben haben.

Wieso wenden Sie Ihre Überzeugungen nicht auf sich selbst an? Oder auf Ihre – Komplizin? Sind Sie nicht ebenso überflüssig wie Steenbergen es war?

Ach, lecken Sie mich doch am Arsch.

Zwei

Er hatte sich nie richtig verändert. Wenn Richard Romanoff, 42, freiberuflicher Historiker, sich in die Mitte seiner Wohnung stellte – also in die Küche –, dann konnte er mit einem Rundumblick die gesamte Misere betrachten: Er lebte in einer Studentenbude. Einer dreckigen Studentenbude. Er war der Freak, der in der WG-Wohnung hängen geblieben war, der Letzte von vielen. Noch heute zehrte er von den vergangenen Partys, den Dramen und Krächen, den selbstgebauten Möbeln, den Kinoplakaten. Niemals hatte er eigenes Geschirr gekauft. Und neben der Fensterbank am Esstisch hing nach wie vor der verblichene Spülplan, den die nervige Yvonne damals dorthin gepinnt hatte, damit ihn auch wirklich jeder sehen konnte. Yvonne war übrigens immer noch nervig. Wenn sie vorbeikam – das tat sie! –, konnte es passieren, dass sie Tassen mitnahm. Sie nagelte ihre High Heels in den Parkettboden, der schon vor zwanzig Jahren vernachlässigt gewesen war, zog ungeniert Schubladen auf und wunderte sich, wie klein alles war. Richard seinerseits fand Yvonne klein: Sie hatte ihr Studium abgebrochen und den Prof geheiratet. Oder umgekehrt. Auf jeden Fall war sie nun Mitglied der Unigemeinde und dekoratives Anhängsel des Fachgebietes, für das auch Richard arbeitete. Er hielt als freier Mitarbeiter die Vorlesungen über Karl den Großen, leider allerdings nicht etwa, weil man seine wissenschaftliche Kompetenz besonders schätzte, sondern weil der Chef des Fachgebiets selbst sich an den ­Ottonen festgefressen hatte und den großen Karl nur für ein lästiges Hindernis seiner Forschung hielt. Wobei der Prof in seiner Abneigung sogar heimlich mit der Illig-These sympathisierte. Die Studierenden kamen zuweilen völlig überdreht aus seinen Seminaren und zettelten dann bei Richard heiße Diskussionen darüber an, ob es Karl den Großen und die ganze Karolingerzeit überhaupt gegeben hatte. Eventuell war das aber auch nur eine kleine Rache dafür, dass der Prof jetzt die nervige Yvonne an der Backe hatte, die hatte er nämlich seinerzeit hier in der WG kennengelernt. Wie auch immer, auf jeden Fall hatte Richard außerdem die Übersetzungen aus dem Russischen und dann, mit etwas Glück, seine Aufträge. Die waren seine eigentliche Arbeit. Er besaß nämlich einen besonderen Riecher für bedeutsame ­Altertümer, und wenn er Glück hatte, wurde er von anerkannten Museen und Wissenschaftlern um Hilfe gebeten. So hatte er bereits mehrere seltene Papyri wiederentdeckt, außerdem eine anderthalb Meter hohe Sandsteinstatue des persischen Königs Solsol in der Rolle des Volkshelden Rostam und noch so einiges andere, was verborgen und unerkannt in Museumskellern gelegen hatte. Man konnte sogar gut Geld damit verdienen, nur eben leider nicht regelmäßig. Manchmal war dermaßen viel zu tun, dass er einen Helfer einstellen musste, doch darauf folgten stets wieder Durststrecken. So wie jetzt gerade.

Richard seufzte tief. Er stand immer noch in der Küche und zwang sich, den Anblick des chaotischen Flurs mit fremden Augen zu sehen. Mit den Augen einer jungen, attraktiven Museumskuratorin beispielsweise, die ihn beauftragen würde, den Schatz des Priamos nach Deutschland zurückzuführen. Unmöglich, würde er sagen, da könnte ich noch so gut russisch reden, St. Petersburg rückt den nicht in hundert Jahren raus, die haben viel zu viel Angst, dass wir ihn behalten, ist ja Beutekunst gewesen. Eine Million, würde sie sagen, vorausgesetzt, dass der Flur aufgeräumt war, mein Publikum will den Schatz sehen, und Sie allein, mein lieber Herr Romanoff, sind in der Lage –

Das Telefon klingelte.

Richard durchquerte den dreckigen Flur in Richtung Arbeitszimmer.

Es war Peter Welsch-Ruinart. Richard seufzte innerlich und blickte zum Wandkalender. So dringend konnte die Wiederentdeckung von Atlantis auch wieder nicht sein, er war doch erst vor vierzehn Tagen bei dem Anwalt gewesen, Geld für das Eulengefäß war noch keins überwiesen worden, und vor einer weiteren Woche würde er für diesen Spinner nicht den kleinsten Finger rühren. »Ihr Auftrag mit dieser Vase ist ziemlich – bizarr«, sagte er abweisend. »Aber ich bin dran, und sowie ich Erfolg habe, melde ich mich bei Ihnen, versprochen.«

»Es geht um etwas anderes«, sagte Peter. »Könnten Sie bitte sofort in mein Büro kommen?« Seine Stimme hörte sich müde an, zittrig, doch auch gewohnheitsmäßig autoritär. »Ich meine natürlich nicht – entschuldigen Sie, das sollte keine – wie soll ich sagen: Bitte. Ich >muss mit Ihnen sprechen, so bald wie möglich.«

»Hm.« Wenn es nichts mit Atlantis zu tun hatte, wollte Richard erst recht nicht in Peter Welsch-Ruinarts Löwenhöhle. Nie und nimmer. »Tut mir leid«, sagte er. »Heute ist nichts zu machen.«

»Dann komme ich zu Ihnen«, verkündete Peter ohne Umschweife. »Sie telefonieren übers Festnetz, also sind Sie in Ihrem Büro, Ihre Adresse hab ich, und eine Viertelstunde werden Sie sicher erübrigen können.«

»Nein.« Richard sah sich entsetzt in seiner Wohnung um, und erst jetzt, mit der realen Bedrohung eines Besuchs, sah er die Wohnung wirklich mit fremden Augen, die Fliegenleichen auf der Fensterbank, das Fahrradskelett im Flur, das Mordillo-Poster über seinem Schreibtisch. »Aber ich habe nichts für Sie! Der Sammler, der für Ihr Projekt interessant ist, empfängt erst nächste Woche wieder Kundschaft, und bis dahin können wir gar nichts tun! Was wollen Sie überhaupt? Können wir das nicht telefonisch klären?«

»Leider nicht«, sagte Peter düster und ließ eine noch düsterere Pause folgen.

Richard schloss die Augen, schüttelte den Kopf, ballte die Linke zur Faust und sagte: »Okay, in einer halben Stunde bei Ihnen.« Weil er eben kein glatter, wohl frisierter Geschäftsmann mit straffem Terminkalender war. Sondern Richard Romanoff, der heute noch nichts Besonderes vorhatte und der es sich nicht leisten konnte, diesen Atlantis-Spinner zu verlieren.

Tagsüber sah die Kanzlei Welsch-Ruinart anders aus, sie summte vor Aktivität, Menschen in Businesskleidung kurvten mit Papieren und Handys durch die Gänge, als hätten sie Rollen unter den Füßen, sie zogen Wolken von künstlichen Düften hinter sich her, aufreizende Parfums, kantige Aftershaves, je akkurater sie angezogen waren, desto animalischer rochen sie. Unter ihnen fiel Richard auf wie ein Trapper, aber er fiel immer auf, weil er gut zwei Meter groß war und immer noch seinen Pferdeschwanz trug. »Zu Herrn Welsch-Ruinart«, sagte er zu der Elfe, die am Empfang der Chefetage saß. Sie hatte schräge Augen, weißblonde Haare und trug ihr helles Kostüm wie ein lästiges Zugeständnis an irdische Konvention. »Dr. Romanoff?«, fragte sie. In ihrem süßlichen Parfum lag eine leicht schmutzige Straßennote. Wie Kastanienblüten im Regen.

»Richard Romanoff.«

Sie lächelte. »Peter Welsch-Ruinart erwartet Sie.«

»Vulkanische Gase!«, schnaubte Peter kurz darauf, nichts war mehr mit Likörchen und der tüchtigen Valeska und dem aufreizenden Lauern hinter Mahagoni auf einem maßgeschneiderten Lederthron. Fiebrig vor Wut tigerte Peter durch sein riesiges Büro, das im Tageslicht weit gediegener wirkte, und wedelte mit einem Packen Zeitungen. »Hier: Dr. Gunter S., Manager eines bekannten Energiekonzerns, von CO2 aus Vulkangas erstickt. – Und stellen Sie sich vor: Das ist alles! Die Ermittlungen sind seit einer Woche eingestellt, beziehungsweise haben nie stattgefunden, niemand ist verantwortlich, und dann sagt mir dieser Polizist ins Gesicht, dass Gunni an diesem Maar tatsächlich von vulkanischen Gasen erstickt worden wäre! Dass es ein Unfall war! In einem spontan entstandenen Kohlendioxid-See! Ist das nicht irre?!«

Richard fand es allein schon irre, dass der unbekannte Steenbergen, dessen Existenz er massiv bezweifelt hatte, nun einfach tot und sogar schon seit einer Woche begraben sein sollte, dass Peter sich dermaßen menschlich aufregen konnte und dass er selbst, der gebildete und stets informierte Richard Romanoff, von dieser Geschichte so gar nichts mitbekommen hatte. Dabei war sie offenbar durch die Vermischtes-Spalten sämtlicher Zeitungen gegangen: »Tod am Totenmaar«, hatte es da saftig geheißen, oder schadenfroh: »ENERGIE-Manager stirbt an CO2-Vergiftung«. Peter hatte alle Artikel gesammelt, Richard kurz unter die Nase gehalten und trug sie nun herum wie die letzte schwache Verbindung zum Verstorbenen. Es sah hysterisch und gleichzeitig furchtbar traurig aus. Das Jungenhafte, das Peter umgab, machte es nur schlimmer. Er wirkte wie ein Bub, der es einfach nicht fassen konnte, dass sein bester Freund tot war.

»Es tut mir leid, dass Sie so einen Verlust hinnehmen mussten«, sagte Richard ehrlich. »Und es tut mir auch leid, dass ich es jetzt erst von Ihnen erfahren habe, ich – na ja, ich lese selten diese Klatschspalten, Sie wissen schon.« Er verstummte, weil er sich unglücklich ausgedrückt hatte, doch Peter hatte kaum zugehört.

»Vulkane!«, wiederholte er verächtlich. »Jetzt sagen Sie mal selbst, das ist doch irre!«

»Die Eifel ist aber ein Vulkangebiet«, gab Richard zu bedenken.

Peter hielt inne und starrte ihn an. »Und eines Tages hat dieses Vulkangebiet beschlossen, meinen Freund Gunni zu sich zu bestellen, um es ihm mal so richtig zu zeigen.«

»Das klingt natürlich grotesk«, erwiderte Richard vorsichtig, »aber ich habe die Dämpfe selbst schon gesehen, wir waren mal mit der Schule da, das ist lange her, klar, aber da war so ein kleiner Kratersee, und dort im Sumpf sind tatsächlich Gase aufgestiegen, oder war es im Wasser –«

»Mofetten«, unterbrach Peter unwirsch. »Aber die Mofetten sind am Laacher See. Nicht am Totenmaar. Dort ist keine einzige.«

»Hm«, machte Richard, der zum Thema Mofetten nichts weiter beitragen konnte.

»Und ganz abgesehen von diesem Vulkan-Irrsinn, fragt man sich doch, was er dort eigentlich wollte, am Totenmaar.«

Richard fragte sich vor allem, was er selbst hier sollte. Sogar einem Peter Welsch-Ruinart würde es doch schwerfallen, eine Verbindung zwischen dem Tod des Freundes und der Suche nach Atlantis herzustellen?

»Gunni hatte keine Freunde oder Projekte in der Eifel«, sprach Peter indessen. »Vielleicht war er mal mit seiner Tochter dort, in den Ferien, aber die lebt seit Jahren in Argentinien und ist nicht mal zur Beerdigung gekommen! Und es ist ja auch nicht so, dass Gunni sich abends ins Auto gesetzt hätte und zwei Stunden gefahren wäre, um auf einer Bank am Totenmaar den Kühen zuzugucken. Aber erzählen Sie das mal der dortigen Polizei. In der Eifel sitzt jedermann abends auf Bänken, die haben kein Fernsehen, von Theater und Kino ganz zu schweigen, die gucken Kühe.«

»Tja«, sagte Richard und blickte unauffällig auf seine Uhr. Offenbar musste Peter sich nur ausheulen, das durfte er noch maximal zehn Minuten lang, und dann würde Richard gehen. »Sie haben mein tiefes Mitgefühl«, versicherte er.

Peter hörte nicht hin. »Das Problem ist«, wetterte er, »dass die Eifel noch zu Rheinland-Pfalz gehört, dass also jetzt irgendwelche Provinz-Bullen für den Fall zuständig sind, während Gunni in Köln gelebt hat und die Ermittlungen eigentlich hier in NRW geführt werden müssten, verstehen Sie? Aber da sind nun leider zwei Bundesländer zuständig, und deswegen bewegt sich überhaupt nichts. Die einen sehen bloß ihre Vulkane und trauen sich nicht über die Grenze, und die anderen sind überarbeitet und schieben alles, was irgend geht, an die Nachbarn ab. Und obwohl ich Gunnis offizieller Nachlassverwalter und Testamentsvollstrecker bin, will keiner von denen offen mit mir reden.«

»Wenn es Vulkangase waren, muss doch sowieso nicht ermittelt werden«, sagte Richard und meinte es völlig ernst.

Peter starrte ihn an. »Sie sagen es! Das ist ein Skandal!«

»Wenn es aber keine Vulkangase waren«, improvisierte Richard daraufhin, »was war es dann?«

»Wer«, sagte Peter hart. »Die Frage ist: Wer war es dann?«

Sie sahen sich an, und Richard wusste plötzlich, dass er niemals hätte kommen dürfen.

»Deswegen habe ich Sie herbestellt«, erklärte Peter prompt. Er baute sich direkt vor Richard auf, packte dessen Oberarm und blickte ihm mit all seiner jungenhaften Verzweiflung ins Gesicht. »Sie sind der Einzige, dem ich zutraue, dass er das heraus­bekommt.«

»Nein.« Richard wand sich aus Peters Klammergriff. »Da haben Sie was verwechselt. Ich bin kein Detektiv.«

»Ach, natürlich sind Sie das! Sie recherchieren den ganzen Tag! Sie stöbern Sachen in Kellern auf, von denen kein Mensch je etwas geahnt hätte! Sie sind ein Detektiv.«

»Da gibt es bessere als mich. Echte.«

Peter schüttelte den Kopf, und man sah ihm den heftigen Impuls an, Richard abermals zu packen, um ihn zur Not körperlich zur Hilfe zu zwingen. Doch dann tätschelte er nur Richards Schulter. »Nein«, sagte er. »Ich will keinen, der sonst bloß Scheidungsermittlungen macht, das ist nicht das Richtige für Gunni. Sie müssen mir helfen. Sie sind – eben Sie.«

»Nein.«

»Bitte.«

»Das kann ich nicht.«

»Sie können es versuchen.«

»Ich habe kein Auto.«

Peter stutzte. »Sie haben kein Auto?«, wiederholte er, als hätte Richard gestanden, er habe nie lesen gelernt.

»Und ich kann auch nicht Auto fahren«, setzte Richard obendrauf.

Peter rückte näher. Sein Blick war tief und misstrauisch. »Wieso können Sie nicht Auto fahren?«

»Ist besser für meine Energiebilanz.« Richard hob die Achseln. »Denken Sie nur an den CO2-Ausstoß.« Beim CO2 zuckte Peter zurück. Oh, sorry, dachte Richard, aber du hast gefragt. Die Antwort hast du gewollt, und wenn dein Gunni hundert Mal an Kohlendioxidvergiftung gestorben ist. »Verzeihen Sie«, bat er nicht sehr reumütig.

»Zehntausend Euro plus Spesen«, erwiderte Peter kühl, und nun war es Richard, der zuckte.

»Nach allem, was ich über Detektive weiß, leben die praktisch in ihren Autos«, sagte er zögernd.

Peter beugte sich vor und brachte sein Gesicht dicht vor Richards. »Ich will Ihren Kopf, nicht Ihre Füße. Beziehungsweise Räder, na Sie wissen schon. Sonst würde ich mir aus dem Telefonbuch die nächste Detektei raussuchen lassen. Und Sie können doch sicher Rad fahren?«

»Natürlich.«

»Das muss dann eben reichen. Zur Not nehmen Sie ein Taxi.«

»Sie machen sich eine falsche Vorstellung von mir.«

»Die Zehntausend meine ich übrigens netto.«

Richard schluckte. Trotzdem, es ging nicht. Das war unmöglich. Er war Historiker, Wissenschaftler, Beschaffer, wenn man so wollte, aber doch nur, wenn es antike Artefakte betraf! Ein Lohnschnüffler war er nicht! Außerdem würde er als Allererstes Steenbergens Beziehung zu Peter aufarbeiten müssen, wenn er den Auftrag annahm, und das wäre wirklich das Letzte. Ausgeschlossen, dass er sich da in irgendeiner Weise engagierte. ­Richard verschränkte die Arme und schlug die Beine übereinander.

Peter lauerte ihn vom Fenster aus mit schmalen Augen an. »Außerdem verzichte ich dann darauf«, sagte er betont boshaft, »Gunnis Atlantis-Aufsatz, in dem er Sie lobend als wissenschaftlichen Berater erwähnt, postum in Esoterik leben erscheinen zu lassen. Obwohl der Chefredakteur ein ganz lieber Freund ist und mich stündlich bestürmt, das Dokument freizugeben.«

»Was?!« Mit einem einzigen Ruck hatte Richard sich entknotet und erhoben.

Peter blickte trotzig. »Ach! Gunni war ein Abenteurer im Geiste. Das wissen Sie doch! Er hat einen wunderbaren Atlantis-Aufsatz verfasst, in dem er auf Ihre Recherche, lieber Richard, wahre Lobreden singt. Im Grunde genommen ist es meine Pflicht als sein bester Freund und Nachlassverwalter, dieses Vermächtnis unverändert zu veröffentlichen, auch wenn es ein schiefes Licht auf Sie als Wissenschaftler wirft. Das müssen Sie dann eben erdulden.« Sprach es und hob sein Kinn und befand sich plötzlich direkt vor Richard. Der merkte, dass er selbst sich dem Anwalt genähert hatte. Was ein Fehler gewesen war, denn Peter schenkte ihm nun einen Blick, der ebenso durchtrieben wie traurig war und der eigentlich nur mit einer Ohrfeige beantwortet werden konnte. Oder mit –

»Sie gemeiner Erpresser!«, fauchte Richard und dachte sofort, dass es nicht wahr sein konnte, dass er so etwas tatsächlich gesagt hatte, er klang ja wie ein viktorianisches Fräulein.

Peter drehte sich zum Fenster. »Er war mein Freund. Und es macht mich rasend, dass alle Welt sich so über seinen Tod freut. Wir alle benutzen fossile Brennstoffe, nicht wahr, aber wenn ein ENERGIE-Manager an Kohlendioxidvergiftung stirbt, dann findet das plötzlich jedermann wahnsinnig lustig. Und nicht mal klammheimlich. Ich könnte Ihnen Pamphlete zeigen –« Er griff nach dem Zeitungsstapel und begann zu blättern.

Richard räusperte sich. »Klar. Doppeltes Feindbild.« Unauffällig brachte er sich außer Reichweite des Anwalts. »Manager und Energiekonzern.«

Peter ließ von den Zeitungen ab, doch sah nicht auf. »Ich weiß, dass Sie Geld brauchen«, sagte er leise. »Sie müssen sich mit zweifelhaften Privatkunden abgeben. Sie sind pleite.«

Richard schwieg. Das war leider absolut richtig.

»Und jetzt mal ganz im Ernst: Dieser Mörder ist sicher leichter zu finden als – Atlantis. Das haben Sie sich ja auch irgendwie zugetraut, nicht wahr? Also schlage ich vor, wo Sie gerade nichts zu tun haben, finden Sie den Kerl und verdienen etwas Geld damit.«

»Dr. Steenbergens Mörder ?«

»Ja.«

Richard schüttelte den Kopf. »Fünfzehntausend«, hörte er sich dann fordern.

»Im Erfolgsfall«, erwiderte Peter und reichte Richard die Rechte. Erfolgsfall, dachte der grimmig, während er die warme Hand ergriff und drückte. Da seh ich die Kohle eh nie.

Die tüchtige Valeska trat dann doch noch in Aktion: Sie hatte ihm ein Dossier zusammengestellt. Sie bot Richard sogar ein Büro an, ganz selbstverständlich: Wenn Sie keine Flatrate haben oder schnelles Internet zum Recherchieren, dann können Sie gerne hier bei uns, sehen Sie mal, das ist eins von unseren freien Arbeitszimmern, und es ist sicher auch bequemer für Sie als in Ihrer Privatwohnung. Sie standen in einem hohen Zimmer mit Schreibtisch, über dem eine Collage in kreidigem Gelb hing, das Bild eines endlosen Sommers, es war perfekt. Als wäre ein Mitarbeiter der Kanzlei heimlich bei ihm zu Hause gewesen und hätte erspäht, dass Richard eine neue Perspektive in seiner Arbeitsorganisation brauchte. Und das bedrückte ihn, denn irgendwie hing da noch viel mehr Perfektion in der Luft, Düfte nach gutem Leben, echter Lavendelpolitur, dem originalen alten Haus, nach richtigen Bäckerbrötchen und einer gerechten Welt. Hier roch es so, wie es nie gewesen war, er musste hier raus.

»Vielen Dank«, sagte er, »aber ich besitze ein Büro.«

»Natürlich«, sagte Valeska verständnisvoll und reichte ihm das Dossier, eine adrette Pappmappe mit CD-Fach, fest eingeklemmten Schlüsseln und allen möglichen Papieren drin. »Das ist selbstverständlich nur ein Vorschlag. Sie können auch später noch darauf zurückkommen.«

»Danke«, sagte Richard.

Valeska lächelte, so professionell, dass es richtig sympathisch wirkte. »Bis bald«, sagte sie.

Richard versuchte, all die Perfektion abzuschütteln, indem er die Mappe unverzüglich ins Vladi trug. Das Vladi Rockstock war eine Kneipe, die wie er aus alten Zeiten übrig geblieben war, eine abgefuckte alte Spelunke in einem abgefuckten alten Haus, das aber einst recht schmuck und bürgerlich ausgesehen hatte, mit einem geschwungenen Treppenhaus mitten in der verrußten Gaststube und einem zugewucherten Hof, in dem man neben einem Graffito von Led Zeppelin an der Mauer Frühstück aus hartgekochten Eiern und Aldi-Croissants zu sich nehmen konnte. Um diese Zeit war nicht viel los. Die Bedienung war mindestens zwanzig Jahre jünger als Richard. Er setzte sich in den Hof, auf einen Stuhl, der in einem riesigen taufeuchten Grasbüschel stand, und bestellte einen chat noir, das war grauenvoller französischer Kaffee mit einer Kanne heißer Milch dabei.

»Was?«, fragte die Bedienung.

»Chat noir«, wiederholte Richard, er dachte, die junge Frau hätte nicht verstanden.

»Wein haben wir nur roten oder weißen«, zählte die Bedienung auf.

Richard seufzte. Er war länger nicht mehr hier gewesen. Fast ein Jahr, um genau zu sein. »Kaffee, bitte.«

»Oh«, sagte sie. »Klar. Was zu Essen dazu?«

»Eine Kanne heiße Milch.«

Das Mädchen warf ihm einen seltsamen Blick zu, zuckte dann die Achseln und sagte: »Alles klar.« Und ging mit wackelndem Hintern zurück ins Haus.

Richard bekam einen perfekten Kaffee mit leichter Crema obendrauf, nicht zu bitter, nicht zu dünn, aromatisch duftend, heiß, doch nicht kochend, perfekt eben, aber nun wusste er nicht mehr, was er mit der Milch machen sollte. In den Kaffee schütten war unmöglich, nicht trinken Verschwendung, doch pur schmeckte sie ihm nicht. Also sah er ziemlich ärgerlich zu, wie sie langsam kalt wurde, und studierte an dem wackelnden Tisch (wenigstens das Wackeln hatten sie gelassen) das perfekte Leben von Gunter Steenbergen. Es war eine von diesen atemberaubenden Karrieren, für die ein Normalo mindestens neun Leben braucht: Studium in Regelstudienzeit, Doktor in anderthalb Jahren, verschiedene Stellen nur in solventen Instituten, noch ein Doktortitel nebenbei für irgendein halbkommerzielles Forschungsprojekt, und dann: Umweltmanager einer der größten CO2-Emittendinnen Europas. Richard bestellte sich einen weiteren Kaffee.

Natürlich war es eine Frechheit, von ihm zu verlangen, dem Herrn ENERGIE-Doppeldoktor zu helfen, auch wenn der jetzt bemitleidenswert tot war. Zumal er obendrein vorgehabt hatte, Richards wissenschaftlichen Ruf einer albernen Veröffentlichung in Esoterik leben zu opfern. Doch seltsamerweise brachte ausgerechnet der Atlantis-Artikel Richard dazu, Steenbergen letztlich doch irgendwie menschlich zu finden. Er schob die fünf Druckseiten auf dem Tisch herum, und da lagen sie dann mit einem Mal neben der nutzlosen Milchkanne, weit weg vom Riesenpapierstapel mit Steenbergens Erfolgen und Eroberungen. Der Schrieb war kompletter Unfug, nicht wegen der Theorie (Atlantis im Atlantik), sondern weil es müßig war, Atlantis überhaupt zu suchen, das war kein wissenschaftliches Thema. Es war ein Loser-Thema. Leute, in deren Leben etwas fehlte, suchten nach Atlantis. Richard starrte auf die Milchkanne. Deren Inhalt war nun kalt. Ein Regentropfen setzte sich rund und glänzend auf den Deckel, ein weiterer folgte. Warum vermisste er bloß den ollen chat noir, der doch wirklich kaum trinkbar gewesen war?

Was hatte in Gunter Steenbergens Leben gefehlt?

Richard erhob sich und beschloss, es herauszufinden.

Steenbergen hatte eine Tochter gezeugt, als er achtzehn war, mit neunzehn hatte er geheiratet und mit zweiundzwanzig wurde er geschieden. Im März war er siebenundvierzig geworden. ­Richard wälzte diese Daten in seinem Kopf, während er sein Fahrrad in die Stadtbahn schob. Steenbergens Haus, das Richard besichtigen wollte, lag im Kölner Süden, in Bayenthal, das war ein Stück, und da es regnete, nahm er die Fahrt in der überfüllten Bahn auf sich. Eine junge Mutter mit nassem Kinderwagen musterte missbilligend sein sperriges Rad, er schob es, so gut es ging, aus der Reichweite ihres Sohnes. Kevin, lass dat Rad von dem Mann. Diese Worte waren allein an Richard gerichtet und sagten eigentlich: Was willst du, Öko-Opa, mit deinem blöden Fahrrad in unserer Bahn, deine Zeit ist vorbei, kannst du nicht endlich Auto fahren wie die anderen und hier Platz machen für Leute, die ihn ehrlich brauchen. Richard seinerseits fand Kevin zu alt für den Kinderwagen, wenn Mama auf den Wagen und den unhandlichen Regenschutz verzichtete und Kevin laufen ließe, wäre es weit weniger eng hier und Kevin vielleicht auch nicht so dick, Mama gib misch de Flasch. Nä Kevin, dat heißt nit, gib misch de Flasch. Dat heißt, gib misch de Flasch BITTE.

Tja, ein supererfolgreiches Familienleben hatte Steenbergen nicht gehabt, aber immerhin: ein Kind, eine Frau. Manche der Besten und Tapfersten erreichten nicht mal das. Schließlich waren selbst Kevin und seine Mama vielleicht Schicksal und Lebens­inhalt für irgendwen. Richard stellte sich vor, mit dieser blondgefärbten, kräftig geschminkten jungen Frau liiert zu sein. Es fiel ihm nicht leicht. Dann versuchte er sich vorzustellen, eine knapp dreißigjährige Tochter zu haben, das kriegte er gar nicht hin. Steenbergens Tochter war fast dreißig, und Kevins Mama schien höchstens so alt. Was würde diese Frau tun, wenn ihr Vater starb? Ein Jahr in Schwarz gehen? Auf seinem Grab tanzen, weil er sich nie um sie gekümmert hatte? Sie würde erben, dachte Richard. Er hatte Steenbergens Kontoauszüge gesehen. Sie würde in das Haus ziehen und das Bankkonto plündern und sich einen neuen Kinderwagen kaufen. Einen knallroten mit hundertzehn PS.

Als er dann etwas später in der Bernhardis-Straße stand, einer angenehm ruhigen Gegend, wo die Kinder vermutlich Alexander und Julia und Benjamin hießen, da fragte er sich, wer Steenbergen eigentlich beerben würde. Vermutlich die Tochter. Natürlich, das stand hier im Dossier, Steenbergen hatte eine Art Konzept-Testament hinterlassen, einen kleinen Schrieb, in dem er alles der Tochter vermachte, Richard hatte das Dokument zuvor im Vladi übersehen, weil es so kurz war. Nun hantierte er mit einem Stapel rutschender Papiere in Steenbergens Straße und stützte sein Fahrrad mit der Hüfte und war wieder einmal das Chaos in Person, die wandelnde Slapsticknummer: Niemandem außer ihm würde es einfallen, vor einem fremden Garten neben einem ständig wegrollenden Fahrrad im Nieselregen eine Mappe mit wichtigen losen Blättern auszupacken und durchzusehen. Schließlich schaffte er es aber, alles sorgfältig zu parken, das Fahrrad am nächsten Laternenpfahl, die Papiere in seiner Tasche. Dann versuchte er, Steenbergens Haus auszumachen. Doch hier stand weit und breit nichts Großes und Protziges. Schließlich merkte Richard, dass er an der Hausnummer siebzehn, die er suchte, glatt vorbeigegangen war. Beschämt kehrte er um und stoppte vor einer kleinen weißen Häusergruppe mit langen Fensterbändern und einer mächtigen alten Schlingpflanze, die sich über alle Eingänge zog. 17c suchte er, das war das dritte in der Reihe. Es war auch das einzige Haus der Gruppe ohne Kranz an der Tür, und aus irgendeinem Grund stimmte Richard das froh. Der gute alte Steenbergen. In seinem Vorgarten duftete, blühte, summte und zierte sich nichts, da stand nur alter Buchs, streng und knorrig, und eine Holzbank auf hellen Travertin-Platten. Am liebsten hätte Richard sich erst mal hingesetzt und die Gegend betrachtet, doch diese Gegend hatte viele Fenster und wirkte etwas lauernd im regenfeuchten Sommernachmittag. Herumtrödeln sollte er auch nicht. Also kramte er den Schlüssel aus dem Dossier hervor und steckte ihn ins Schloss. Und dann sah er sich plötzlich unwillkürlich um. Ein Auto fuhr hinter ihm vorbei, es nieselte wieder, Passanten waren nicht unterwegs. So etwas hatte er noch nie gemacht. Mit einem sehr unguten Gefühl öffnete Richard die Tür zum Privatleben des Verstorbenen, spähte ins dumpfe Zwielicht des Vorraums und trat ein.

17.12 Uhr

Mist. Als Müller sollte ihm das nicht passieren. Nun war er schon als Jäger unterwegs und hatte trotzdem nicht aufgepasst. Weil er gleichzeitig auf die Straße und in seinen Computer auf dem Beifahrersitz schauen musste. Da entgingen einem die Details: Hatte da eben die Tür zu Steenbergens Haus offen gestanden oder nicht? War jemand hineingegangen? Oder herausgekommen? Wenn doch nur der Regen nicht alles auf der Scheibe verwischte! Müller blickte zurück, sah ein stilles Haus zwischen anderen stillen Häusern und glaubte an eine Täuschung. Seine Nerven waren überreizt. In dem Haus konnte doch gar niemand sein. Die Lichter waren aus, und es stand weit und breit kein Auto davor.

* * *

Sobald man den Vorraum passiert hatte, wirkte das Reihenhäuschen hell und groß, vermutlich deshalb, dachte Richard, weil Steenbergen den Stil der Zwanziger Jahre begriffen hatte. Beginnende Moderne, das bedeutete große Fenster, Einbaumöbel und unverstellte Räume. Voll widerwilliger Bewunderung sah er sich um. Schlichtheit war kein einfaches Lebenskonzept. Es war weit leichter, ein Bild aufzuhängen, als die Leere einer Wand zu ertragen. Richard selbst hatte das nie geschafft. Steenbergen jedoch schon: Sein Erdgeschoss war ein einziger weiter Raum, Küche, Wohnzimmer und Essplatz in einem, nirgends wurde der Blick unnötig aufgehalten, er konnte frei schweifen und wurde höchstens durch den Wintergarten hinaus in dunstiges Grün gezogen. Richard seufzte. Plötzlich sah er seine eigene große Gestalt schemenhaft in einem der Fenster des Wintergartens gespiegelt und straffte unwillkürlich seine Haltung. Er selbst schleppte immer so viel Ballast mit sich herum, dass er sogar dann gebeugt wirkte, wenn er einfach nur dastand und schaute. Ja sogar, wenn er sich absichtlich gerade hinstellte. Richard hob das Kinn und spannte die Schultern an und ballte seine Fäuste. Nun sah er aus wie ein dicklicher Jeff Goldblum. Ohne Locken. Es war hoffnungslos. Er ging ins Obergeschoss.

* * *

17.17 Uhr

»Müller, Kabel Deutschland«, sagte Müller in sein Handy, dem ein kleines Störgerät aufgeschnallt war. Er musste – musste! – an Steenbergens Computer, an dessen privaten E-Mail-Account. Das Passwort dafür war vom Geschäftscomputer aus nicht zu ermitteln, und leider, leider hatte er an jenem Abend am Totenmaar versäumt, sich dieses Passwort aus Steenbergens Laptop oder iPhone zu ziehen. Da hatte er allerdings auch noch nicht gewusst, dass er es brauchte. Er warf einen Blick auf sein eigenes Laptop, mit dem er das Telefonbuch von Köln aufgerufen hatte. »Frau Zangerle, Bernhardis-Straße 17b?« Das Störgerät knackste leicht.

»Stimmt«, sagte Frau Zangerle.

»Prima, hallo«, sagte Müller. Der Name Müller, übrigens, gefiel ihm. Er dachte jetzt öfter von sich als Müller. Auch wenn er nicht in einer Mission unterwegs war. »Frau Zangerle, wir haben Probleme mit den Anschlüssen in Ihrer Straße, wie steht’s bei Ihnen, hatten Sie in letzter Zeit Störungen bei Fernsehen, Telefonie oder Internet?«

Nein, sagte Frau Zangerle, und sie wolle ganz sicher keinen Receiver-Kasten oder wie das hieße kaufen, vielen Dank und auf Wiederhören.

Müller lächelte sich in seinem Rückspiegel zu. Alte Schachtel, keine Ahnung von gar nichts. Prima. »Es geht um das Leitungsnetz«, sagte er. Knacksen. Er blickte durch die Windschutzscheibe und den Regen hinaus auf die weiße Häusergruppe. Keine Satellitenschüsseln, im ganzen Stadtteil nicht. »Auch Sie haben einen Anschluss und zahlen daher indirekt Miete für das Kabelnetz.«

»Ja?«, sagte Frau Zangerle gleichgültig. »Ach so.«

Die Häuser waren mindestens sechzig, siebzig Jahre alt. Und der Straßenbelag sah auch nicht superneu aus. »Die Leitungen in Ihrem Bezirk sind, wie ich meinen Unterlagen entnehme, schon etwas älter und vermutlich sanierungsbedürftig. Wir haben hier einige Beschwerden aus Ihrer Straße, und Sie – Sie ­leben in einer Hausanlage, nicht wahr?« Er verrenkte sich, um die Hausnummern neben den alten Türen durch die verregneten Scheiben seines Autos zu erkennen. Es knackste wieder. »Nummer 17a bis 17d?«

»Stimmt«, sagte Frau Zangerle.

»Wenn wir bei Ihnen und in der Nachbarschaft einen tatsächlichen Bedarf feststellen, würden wir eine Sanierung der Straßenkabel ins Auge fassen. Beziehungsweise bei der Telekom ­einen entsprechenden Antrag stellen. Dann können Sie schnelles Internet kriegen und damit sogar fernsehen.«

»Ach je«, sagte Frau Zangerle nicht unfreundlich. »Das brauche ich doch gar nicht.«

Es knackste wieder. »Da!«, sagte Müller. »Das merke ja sogar ich! Stört Sie das denn nicht? Diese Geräusche in der Leitung?«

»Oh«, sagte Frau Zangerle. »Ja, ich glaube, da war was – wissen Sie, ich höre nicht mehr so gut.«

»Ich wette, Ihr Fernseher grieselt auch«, sagte Müller frech.

Frau Zangerle seufzte. »Na ja, das dritte Programm ist bei mir nicht so doll.«

Bei wem wäre es das je gewesen, dachte Müller und sagte befriedigt: »Aha. Da haben wir’s doch. Ich bin jetzt noch Tacitusstraße, aber so in einer halben Stunde könnte ich bei Ihnen vorbeischauen. Sind Sie dann da?«

»Äh – ja. Natürlich«, sagte Frau Zangerle.

* * *

Das Schlafzimmer barg keine Überraschung: Satinbettwäsche und ein begehbarer Kleiderschrank, nicht ordentlich, nicht wirklich groß, aber wieder mit diesem umwerfenden Eindruck von Weite. Daneben lag ein nicht ganz so weiter Raum mit ­einem rosa Himmelbett und gründlich aufgeräumten Schränken. Dies war ein konserviertes Kinderzimmer. Zur Südseite hin prangte dann offen das Büro, in dem Bücher und Papiere einfach der Wand entlang aufgestapelt waren, was kreativ aussah und außerdem für ein konzentriertes Arbeiten sprach. Es war der Werkraum eines intensiv denkenden Menschen, das Herz des Hauses, gewissermaßen, und dort herumzustöbern widerstrebte Richard besonders. Er würde es müssen, klar: Im Büro, in den Papieren war Steenbergen sicher noch am lebendigsten. Doch all das durchzusehen und zu verstehen würde Jahre dauern. Dann lieber ins Bad. Doch neben der halb geöffneten Badezimmertür fand Richard eine Nische, die spannender war als jede noch so sorgsam erhaltene Zwanziger-Jahre-Wanne. Vielleicht sogar interessanter als die Papiere im Büro: Die kleine Nische enthielt einen Treppenaufgang. Er war eng, dunkel und so niedrig, dass Richard sich bücken musste, um die erste Stufe zu nehmen. Lichtschalter gab es auch keinen. So tastete er sich in der Finsternis nach oben und um einen schmalen Viertelwendel herum, an dessen Ende er eine Tür fand, die beim Öffnen knarrte. Dahinter war es hell. Richard blickte direkt auf ein schmales Dachfenster, das fing Regentropfen auf, was irgendwie heimelig wirkte. Doch unter dem Fenster war schon wieder Schluss mit der Gemütlichkeit, da schien ein wilder Garten zu wuchern, ein Geflecht aus riesigen, dornigen, sturmzerzausten Rosen auf schwarzviolettem Grund. Rot flammten die riesigen Blüten aus einer alles bedeckenden Tapete hervor, rankten über die schrägen Wände und sahen in der Masse irgendwie hungrig aus, eine Menge roter Münder, die gleichzeitig schrien und geiferten. Es war verdammt voll in diesem Räumchen auf dem Dachboden des Steenbergen-Hauses, das sonst so überzeugend die Weite zelebrierte. Richard ging in die Hocke.

* * *

17.20 Uhr

»Du, Axel«, sagte Müller in sein Handy, »ich hab mir eben ein Sofa gekauft.«

»Aha«, nuschelte Axel höflich, und Müller hörte schwere, dröhnende Schläge aus dem kleinen Telefon. Vermutlich stand Axel in der Werkstatt. So wie Müller das sah, schlief Axel in seiner Werkstatt, der hatte wahrscheinlich gar keine Wohnung.

»Und ich wollte mal fragen, ob ich deinen Van haben kann, etwa für zwei Stunden.«

Axel machte ein Geräusch, das Müller als »Ja« interpretierte, und sagte dann: »Maße.«

»Bitte?«

»Die Maße?«

»Es passt garantiert rein«, sagte Müller rasch, »es ist ein kleines Sofa. Mehr ein Sessel. Du weißt ja, ich hab hier nur ein Zimmer. – Kann ich ihn kriegen? Jetzt sofort?«

»Klar«, nuschelte Axel.

»Super«, sagte Müller, schaltete das Handy aus und fuhr los.

* * *

Es war ein Mädchenzimmer gewesen, dieses Rosenkämmerchen, und die fürchterliche Tapete war alt. Vermutlich, dachte Richard, waren die Monsterrosen die Antwort der letzten Hausangestellten auf die raumhohen Fenster und offenen Grundrisse ihrer Arbeitgeber. Man konnte zwar kaum glauben, dass jemand so leben wollte, aber die Spuren waren offensichtlich: In einer Nische war ein winziges Waschbecken angebracht, auf dem Holzfußboden zeigten verblichene Rechtecke, wo einst ein Schrank und das Bett gestanden hatten, und rund um die ehemalige Schlafstatt war eine Vorhangschiene abenteuerlich an den Dachschrägen befestigt. Ansonsten war die Kammer noch in zweierlei Hinsicht interessant. Zunächst mal besaß sie eine weitere Tür. Diese Tür mochte auf einen anderen Teil des Speichers führen, allerdings sah sie nicht aus, als sei sie in den letzten fünfzig Jahren je geöffnet worden. Sie war vollständig eintapeziert und besaß keine Klinke, dafür aber ein sichtbares Schlüsselloch. Zweitens stand vor dieser Tür ein Tisch. Er war jüngerer Bauart, und was darauf lag, kannte Richard, das hatte er alles selbst mühevoll herangeschafft: Vulkangestein, Muscheln, eine Seefahrerkarte und weitere ähnliche Dinge. Da ruhten sie also zusammen, die Kuriositäten und Werkzeuge, waren gestrandet in diesem Kabuff ohne Fluchtweg. Hierher zu Steenbergen hatte Peter Welsch-Ruinart seine Schätze gebracht, und der hatte sie unter Rosen gebettet. Dies war das geheime Zimmer von Gunni. Richard seufzte und berührte spontan eine der Muscheln, wie um ihr Trost zu spenden. Dann wandte er sich zurück zur Treppe. Wenn jetzt ein Vulkan ausbräche und das alles hier zweitausend Jahre lang konservierte, dachte er grimmig, als er sich die enge Stiege hinunterzwängte, dann hätte dereinst die Archäologenschaft was zum Staunen: eine Ledermappe mit einer einzelnen Briefmarke darin, etwas Sand in einem urnenartigen Gefäß, eine sehr abgegriffene Seefahrerkarte in einer besonderen Klimaschutzkiste und noch weitere, ähnliche Dinge, alles im kleinsten, höchsten und geheimsten Raum eines mitteleuropäischen Intellektuellenhauses auf einer Art Altar aufgestellt – daraus konnte man glatt einen geheimen Historienkult konstruieren.

Nun also zu Steenbergens Büro. Das lag immer noch prächtig nach Süden hinaus, mit Aussicht auf die Straße. Widerwillig näherte Richard sich den herumliegenden Papierstapeln. Sogar den Computer fuhr er hoch und sah sich die Mailbox an, die ließ sich ohne Passwort öffnen, klar: Dies war Steenbergens Privatcomputer, da war der Zugangscode vermutlich eingespeichert. Das war ja ganz gut, so kam er an Steenbergens private Korrespondenz, aber leider empfing die Mailbox sofort mindestens fünfhundert Mails. Frustriert sank Richard auf Steenbergens ergonomisch geformten Hocker. Er hatte es gewusst: Das würde ein netter Abend werden.

* * *

18.07 Uhr

»Müller, Kabel Deutschland«, sagte Müller zu der alten Frau Zangerle aus Nummer 17b. »Wir haben telefoniert.«

Axels Van parkte am Straßenrand hinter ihm und gab eine plausible Kulisse für seinen Auftritt als Müller von Kabel Deutschland ab. Als Kostüm hatte er sich eine blaue Arbeiter­weste übergeworfen. In den Händen hielt er eine beeindruckende Werkzeugtasche, sein Laptop und ein Klemmbrett. Darauf prangte ein Kabel-Deutschland-Aufkleber, und über der Adressenliste, die er aus dem Internet-Telefonbuch ausgedruckt hatte, steckten noch drei Kabel-Deutschland-Visitenkarten. ­Einen entsprechenden Ausweis hatte er auch gefälscht.

Frau Zangerle musterte ihn neugierig. »Ja«, sagte sie. »Aber Sie sind nicht von Kabel Deutschland.«

Müller war einen kurzen, erschrockenen Moment lang sprachlos. Versuch ja nicht, mich aufzuhalten, blöde alte Kuh, lag ihm auf der Zunge, ich hab das Auto, die Jacke, die Visitenkarten, den Ausweis, was willst du denn noch? Doch eine Stimme in ihm mahnte zur Ruhe. Das ist ein Witz! Sie macht einen Witz! Sie sagt dir gleich, dass dein Namensschild verrutscht ist, dass sie sowieso nicht lesen kann, dass sie Kabel Deutschland immer anders ausspricht, dass …

»Ich habe dort angerufen«, sagte Frau Zangerle stattdessen klar und deutlich. »Es kam mir komisch vor, dass Sie nach fünf noch Hausbesuche machen wollen, wo doch jeder weiß, dass den Leuten von der Telefongesellschaft ihr Feierabend heilig ist. Kabel Deutschland weiß von keiner Störung.« Sie blickte Müller triumphierend ins Gesicht. Es war wie in einem schrecklichen Traum: Er konnte nichts sagen. Er musste ihrem Blick ausweichen. Sie hatte ihn zu plötzlich zu direkt angesehen, ihn überrascht und aus dem Konzept gebracht. Jetzt benahm er sich schuldbewusst, ohne etwas dagegen tun zu können. Das war der Super-GAU, da half nicht einmal mehr der gefälschte Ausweis, diese Alte würde ihm einfach nicht glauben.

»Und wieso«, brachte er heraus, »haben Sie mir dann aufgemacht?«

»Neugier«, sagte die alte Frau. Müller sah auf, in ihre Augen, und da funktionierte er wieder. Er schob den Fuß nach vorn. Gerade rechtzeitig, denn sie hieb die Tür zu. Vielmehr, sie versuchte es.

»Was wollen Sie?«, fragte sie verächtlich, als er kurz darauf drinstand im Haus, all seine Sachen inklusive Laptop einfach fallen ließ und die Tür, in der noch der Schlüssel stak, zitternd hinter sich schloss. »Wollen Sie Geld? Ich habe kein Geld. Und ich bin alt. Schauen Sie mich an. Sie werden keine Freude an mir haben.«

Müller sah Frau Zangerle an. Alte Schachtel, von nichts eine Ahnung? Alt war sie tatsächlich. Ein verhutzeltes kleines Weiblein, dünn, grau, mit wässrigen Augen, die ihn aber entschlossen fixierten. Die Angst sah er auch, die konnte sie nicht ganz verstecken. »Ich wollte eigentlich nur mal an Ihr Telefon«, flüsterte er voll ehrlichen Bedauerns.

»Warum?«, fragte sie mit einer Schärfe, die ihm vermutlich suggerieren sollte, sie stünde noch direkt neben ihm. Tatsächlich bewegte sie sich langsam rückwärts. Zum –

Müller war mit zwei Schritten bei ihr und zerrte sie von ihrem Telefonapparat weg. Ein vorsintflutliches Teil, mit einem Spiralkabel, das den Hörer mit dem eigentlichen Gerät verband. Viel hätte sie damit nicht ausrichten können, aber Müller wollte nichts riskieren. Er reagierte über. Beruhige dich, schrie er sich innerlich an, beruhige dich! Die gezerrte Frau Zangerle gab ­einen angstvollen, erstickten Laut von sich und suchte automatisch Halt bei ihm. Müller spürte ihren Griff an seinem Arm. Er war rührend zart. Die ganze alte Dame wirkte leicht wie ein Korb voll Laub und nicht besonders sicher auf den Beinen. Uralt eben. Auch sie zitterte, verhalten, aber voller Panik. Damit hatte sie sicher nicht gerechnet, als sie die Tür aufmachte: dass der entlarvte Betrüger mit hereinkam.

»Alles in Ordnung?« Müller hatte seine normale Stimme wiedergefunden und packte Frau Zangerle an den Schultern, um sie zu halten, vielleicht auch nur, um sich selbst aufzurichten an ihr. Er drückte sie an sich, damit sie aufhörte zu zittern, denn sein eigenes Zittern war schlimm genug.

Doch Frau Zangerle beruhigte sich nicht. Sie schloss nur die Augen, ballte die Fäuste und flüsterte heiser: »Sie sind ein Russe, gell? Machen Sie nur schnell, es ist nicht das erste Mal.«

Müller ließ sie los, und sie stolperte gegen die Wand. Er dachte, sie würde fallen, doch sie fing sich. »Frau Zangerle«, sagte ­Müller.

Sie warf ihm einen misstrauischen Blick zu, hasserfüllt und so flammend, wie das mit ihren wässrigen Augen eben möglich war.

»Passen Sie auf«, sagte Müller. »Ich möchte Ihnen nichts tun. Ich will nur an den Telefonanschluss, und eigentlich nicht mal an Ihren, sondern an den von 17c, doch da erreiche ich niemanden, daher dachte ich, probier’s mal in der Nachbarschaft. Sie haben hier eine alte Hausanlage, und will’s der Teufel, vielleicht sogar noch einen gemeinsamen Anschluss.«

»17c?«, fragte Frau Zangerle, räusperte sich und strich, immer noch zitternd, ihren Rock gerade. »Sie meinen den Herrn Steenbergen?«

»Genau.«

»Den werden Sie niemals mehr erreichen«, sagte Frau Zangerle befriedigt. »Haben Sie es nicht gelesen?«

»Was?«, fragte Müller und ein merkwürdiges, glühendes Gefühl machte sich in ihm breit. Haben Sie es nicht gelesen. Haben Sie es nicht gehört. Es stand in jeder Zeitung.

»Er ist erstickt worden«, sagte Frau Zangerle feierlich.

»Ach was«, sagte Müller.

»Von einem Vulkan.«

* * *

Nach kurzer Suche gab Richard auf: Steenbergens Mails waren eigentlich nur Werbenachrichten, und von den Millionen Dokumenten, die er besessen und bearbeitet hatte, konnte jedes einzelne brisant und geheim sein. Allerdings hätte schon »geheim« und »brisant« draufstehen müssen, um ihm aufzufallen. Er war eben kein Ingenieur und auch kein Wirtschaftskriminalist. Er verstand kaum die Titel von Steenbergens Dissertationen, das einzig Lesbare für Richard war der Spesenordner, in dem der Herr Umwelt-Doppeldoktor seine Dienstreisen aufgelistet hatte, natürlich war er Vielflieger. Es mochte an seiner eigenen Beschränktheit als Historiker liegen, aber das Einzige, was er hier bemerkenswert fand, war das kleine Zimmerchen und diese rührende Suche nach antiken Mysterien. Doch ein richtiges fieses Geheimnis, ein Mordmotiv steckte da nicht drin. Die richtig fiesen Geheimnisse, dachte Richard, fand man eben niemals offen auf einem Tisch herumliegend. Fiese Geheimnisse befanden sich unter der Matratze, im Badezimmerschrank, im Keller, im Safe. Tapfer stand er auf und begann seine Suche von vorne.

* * *

18.20 Uhr

Es war jetzt nicht mehr die Frage, aber Müller fragte es sich trotzdem: Hätte er diesen GAU verhindern können? Hätte er einfach umkehren und gehen können, mit Laptop und Klemmbrett zurück in sein weißes Auto steigen und wegfahren und es anderweitig versuchen? Oder den Ausweis rausholen und sie überzeugen?

»Was immer Sie auch vorhaben«, sagte die alte Frau Zangerle im Ton einer gereizten Gräfin, »Sie sollten es schnell tun, denn ich erwarte jeden Moment meinen Enkelsohn. Er kommt immer um die Zeit. Genau. Halb sieben oder früher. Gleich wird er da sein.« Sie verschränkte die dünnen Arme und blickte Müller streng an.

Hätte man ihr nicht vorlügen können, dass die Mädels in der Telefonzentrale von Kabel Deutschland notorisch schlecht informiert waren und Störungen grundsätzlich erst einmal abstritten, sodass sein abendlicher Besuch ungewöhnlich kundenorientiert, aber sonst völlig korrekt war? Wäre das so abwegig gewesen? Und was würde sie tun, wenn er jetzt einfach ging? Die Nachbarschaft vor Betrügern von Kabel Deutschland warnen? Die Redakteure von irgendeiner Reality-Krimi-Doku anrufen? Still den Triumph genießen, dass sie eine Lüge durchschaut hatte?

»Er ist Maurer.«

Vor fünf Minuten war er noch Boxer gewesen, dieser ominöse Enkel. Ein Zweieinhalbmetermann, ohne Zweifel, und er verbrachte alle Abende bei der Oma. Ein Hirngespinst. Müller sammelte seine Sachen vom Boden auf und schob Frau Zangerle vor sich her in die Küche. »Sind diese Reihenhäuser hier gleich gebaut?«, fragte er. »So vom Grundriss her?«

»Vor langer Zeit mal, ja«, antwortete Zangerle. »Aber das hat dann jeder nach seiner Fasson geändert. Wir mussten erst mal Wände einziehen, als wir es gekauft haben, da war ja nichts.« Erschöpft sank sie auf ihren einzigen Küchenstuhl und hob dann erschrocken das Kinn, als wäre ihr eingefallen, dass sie keine Schwäche zeigen durfte. »Mein Enkel wird sich fragen, was so wichtig an Herrn Steenbergens Telefon ist, dass Sie deshalb bei mir eindringen müssen«, sagte sie drohend. »Ungebeten!«, setzte sie noch hinzu.

Ja, genau das, dachte Müller, von schlimmsten Ahnungen erfüllt, war das Problem. Er durfte nicht auffallen. Darum war er ja auch nicht einfach ins leere Nachbarhaus eingestiegen. Das Gebäude war leider eine Art natürliche Festung: Den rückwärtigen Garten umschlossen Rasenflächen, die allesamt klein, intensiv bespielt oder wahnsinnig überschaubar waren, und direkt am Vordereingang stand eine Straßenlaterne, die nachts hell auf die Häuserfront strahlte. Außerdem besaß er keinen Dietrich. Das Risiko eines Bruchs war einfach zu hoch. Alles, was Steenbergens bizarrem Tod nur den kleinsten Verdachts­moment hinzufügte, musste den GAU auslösen. Allerdings würde man den Manager und Wissenschaftler Steenbergen nicht unbedingt mit seiner greisen Nachbarin in Verbindung bringen. Der Typ, der die Abende im Haus nebenan verbrachte, war er kaum gewesen. »Haben Sie Herrn Steenbergen gut gekannt?«, fragte Müller, während er sein Laptop auf den Küchentisch legte und kurz untersuchte. Hoffentlich hatte es den Sturz heil überstanden.

»Na ja«, antwortete Frau Zangerle wortkarg und beobachtete ihn angestrengt. Sie trägt keine Brille, dachte Müller. Sie kann mich wahrscheinlich gar nicht richtig sehen und daher auch nicht gut beschreiben. Sie ist nur eine arme alte Frau. Und sie hat Format. Aber es half nichts: Er nahm ein Paar weißer, leichter Baumwollhandschuhe aus seiner Werkzeugtasche und streifte sie über.

Die alte Frau Zangerle blieb völlig reglos sitzen, doch ihr ­schmaler, runzliger Mund wurde zu einem festen Strich.

»Wo ist denn Ihr Hausanschluss?«, fragte Müller ruhig und sah sich beiläufig in der Küche um. Innerlich verfluchte er sich. Dieser Besuch hatte ein reiner Erkundungsgang sein sollen, nur ein Sondieren der Lage. Und jetzt das. Er brauchte ein Kissen. Frau Zangerle verfolgte seine Bewegungen aus ihren argwöhnischen, wässrigen Augen. Dann, ganz plötzlich, zog sie mit einem absolut schauerlichen Gurgeln Luft ein und begann pfeifend zu hyperventilieren.

Müller stolperte zurück, erschrocken von dem unerwarteten Anfall, und starrte Zangerle an.

»Pillen!«, ächzte sie, was er erst verstand, als sie es wiederholte. »Pillen! Bad!«, dann presste sie ihre Hand aufs Herz und beruhigte sich ein wenig, atmete aber nach wie vor schwer und pfeifend. »Bitte«, sagte sie mit einem flehenden Blick, der ­Müller das Herz brach, »bringen Sie – mir – Pillen. Aus dem Bad. – Oben.«

Er schüttelte langsam und mit tiefem Bedauern den Kopf und trat einen Schritt zurück. Dieser Anfall war ein Zeichen. Ein Geschenk, das man annehmen musste.

»Sie –«, keuchte die alte Frau daraufhin, ballte ihre Hände zu Fäusten und richtete sich halb auf. »Sie wollen in Steenbergens Haus? Das ist von hier ganz leicht!« Ein groteskes Lächeln verzerrte ihr Gesicht. »Ich zeig’s Ihnen. Wirklich leicht. Sie müssen nur«, sie gurgelte wieder so schrecklich, »Pillen. Bitte. Bad.« Die letzten Worte verloren sich in einem Flüstern, dann fiel sie über den Tisch, zuckte, und regte sich nicht mehr.

Und Müller sich erst einmal auch nicht.

* * *

Richard sagte sich, dass er genauer hinsehen musste. Er musste Einzelheiten beachten, er musste treffend interpretieren wie bei einem Übersetzungstext, er musste die einfachen Dinge prüfen, die Konnotationen. In die Zuckerdose schauen. In der Zuckerdose war aber nur Zucker, und auch sonst waren die Details dieses erfolgreichen Steenbergen-Lebens in dem weiten Haus dann doch enttäuschend banal. Das Bezeichnendste war vielleicht der Hunderter-Sparpack Kondome mit abgelaufenem Verfalls­datum, der Richard schmerzlich an sein eigenes Liebesleben erinnerte. Bei den Wertsachen hingegen lag Steenbergen klar vorn: Er hatte eine Rolex in der Nachttischschublade und eine maßgeschneiderte Profi-Musikanlage vom Allerfeinsten, ­allein die Kabel mochten mehrere tausend Euro wert sein. Aber dann die CD-Sammlung: Phil Collins bis Eric Clapton. Im Kühlschrank: vergammelte Singlepackungen Salat, irgendwelcher japanischer Yuppie-Schnickschnack und viele angebrochene Marmeladengläser. Im Schnapsschrank: volle Flaschen, teils noch als Geschenk verpackt. Im Bücherschrank: eine zweibändige Nietzsche-Biografie direkt neben Dan Browns gesammelten Werken, dazu eine große Menge populärwissenschaftlicher Geschichtsbücher sowie eine kleine Sammlung ungelesen aussehender ­Literatur über kritische Umweltthemen. Das Einzige, was Richard zumindest in leichte Unruhe versetzte, war ein Schlüssel, den er am Schlüsselbrett in der Küche fand. An diesem einfachen Zimmerschlüssel hing, mit grober Schnur befestigt, ein uraltes Pappschild, auf dem in gestochenem Sütterlin das Wort Trockenboden stand. Dieser Schlüssel konnte zu nichts Geringerem gehören als zu der geheimnisvollen Tür im Rosenzimmer auf dem Speicher. Zwar war die Tür eintapeziert, und das Sütterlin auf dem Schild legte nahe, dass sie schon lange nicht mehr benutzt worden war, andererseits durfte Richard bei seiner Hausuntersuchung kein Zimmer auslassen; am Ende war die Tapete doch nicht so alt, und auf dem Trockenboden lagerten Waffen und Drogen. Er nahm also den Schlüssel, holte sich ein scharfes Messer aus der Küche und ging hinauf zum Speicher.

* * *

18.37 Uhr

Frau Zangerles Hand fiel schlaff auf den Tisch zurück, als Müller sie losließ. Dass sie noch atmete, glaubte er nicht, wenn, dann war die Atmung sehr schwach. Um ihren Puls zu fühlen, war er selbst zu nervös. Aber sie sah tot aus, oder zumindest komatös und an der Schwelle zum Abnibbeln, und war das nicht ein ungeheuerliches Glück? Nie hätte er selbst diese Szene so authentisch arrangieren können: Frau übern Küchentisch gesunken. Er hätte sie in ihr Bett oder zumindest auf den Fußboden drücken müssen, um sie mit einem Kissen ersticken zu können, es hätte also einen Kampf gegeben, und er hätte sie an Ort und Stelle liegen lassen müssen, denn im Tod, das wusste er von Steenbergen, versagten die Schließmuskeln, und da, wo der Urin war, musste man später auch die Leiche finden. Nein, so wie es nun gekommen war, so war es viel, viel besser. Außerdem hatte die gute alte Frau Zangerle verraten, dass es einen Weg rüber in Steenbergens Haus gab. Vielleicht über einen Durchbruch auf dem Speicher? Oder sie hatten einen gemeinsamen Luftschutzkeller? Genau, einen Luftschutzkeller, den gab es doch in vielen von diesen Häusern, die zwischen den Kriegen erbaut worden waren. Müller warf einen letzten prüfenden Blick auf die alte Zangerle und ging nachsehen.

* * *

Richard räumte den Atlantis-Tisch beiseite und steckte den Schlüssel ins Schloss: er passte. Er ließ sich nicht leicht drehen, aber mit etwas Druck war es kein Problem. Richard drehte nochmals, zog dann am Schlüssel und nahm das Küchenmesser, um die Tür freizuschneiden. Unter seinen tastenden Fingern spürte er den Rahmen der Tür, das Blatt und die schmale Lücke dazwischen, in die er das Messer stoßen musste. Doch sowie das Messer in der Tapete stak, erkannte Richard, dass die Arbeit bereits getan war: Ein scharfer Schnitt verlief rund um die Tür, in der steifen rosenberankten Tapete so unsichtbar, dass Richard ihn mit bloßem Auge nicht erkannt hätte. Aha, dachte er voller Genugtuung. Also doch. Ein geheimes Zimmer in Steenbergens Haus. Mit neuer Energie drehte er den Schlüssel und drückte gegen die Tür, doch nichts tat sich: Ihr fehlte die Klinke.

* * *

Irgendwann kurz vor sieben

Ein Knall. Müller fiel vor Schreck fast in die Wäschetruhe, die er gerade zur Seite gerückt hatte, da war etwas gefallen, dort oben, wo die alte Frau Zangerle lag, das konnte nicht sein. Nun war alles mäuschenstill, und Müller spürte sein Herz pumpen. Als Kind hatte er einmal einen unheimlichen Traum gehabt: Er schlief, und als er aufwachte, saß neben seinem Bett eine böse alte Frau, die ihn aus gierigen Augen stumm anstarrte. Er hatte völlig reglos gelegen, die Luft angehalten, sich tot gestellt bis es fast stimmte, sieben Jahre alt, und die funkelnden Augen der Alten sagten: Das ist genau das richtige Alter, mein Knecht. Man konnte sie nicht einfach wegblinzeln, sie hatte noch eine ganze Weile neben dem Bett des kleinen Jungen gesessen, und manchmal, in den dunklen Nächten, war sie wiedergekommen. Er hatte es an der Kälte gespürt, derselben bewegten Kälte, die auch hier im Keller herumkroch. Dann hörte er ein Rascheln von oben. Tot gestellt. Plötzlich wusste er, was los war.

* * *

Richard ertastete das Loch, in das die Klinke gesteckt werden musste, er pulte es frei, und weil er so angespannt war, hätte er kurz darauf schon nicht mehr sagen können, ob das Papier der Tapete an der Stelle zuvor schon eingedrückt gewesen war oder nicht, er schätzte: ja. Auf jeden Fall fehlte immer noch die Klinke. Kurz dachte Richard darüber nach, die Tapete komplett abzutasten, weil sie in ihrem wilden Gerank vielleicht sogar Dinge verstecken konnte, möglicherweise war hier irgendwo zwischen den Rosen eine Klinke an die Wand geklebt, die man vor lauter Schräge und Dämmerlicht und Trauerflor nicht sehen konnte. Doch da war nichts. Vielleicht, dachte Richard innerlich seufzend, irgendwo beim Schlüsselbrett. Und begab sich nach unten.

* * *

Etwa sieben

Das Entsetzen machte aus Frau Zangerles Mund ein großes, schreckliches O. Sie hielt den Hörer ihres Telefons in der Hand, doch die Hand war herabgesunken und die ganze Person sah klein und runzlig aus und furchtbar ängstlich dazu. Müller nahm ihr sanft den Hörer aus der Hand und horchte: Da war nur das Freizeichen. Gut. »Frau Zangerle«, sagte er, und legte ihr den Arm schwer um die Schulter, »wo ist denn das Wohnzimmer?«

Stumm wies sie auf eine Tür.

»Sie haben doch sicher eine Couch?«

Zangerle nickte. Er sah, dass sie weinte. Tränen liefen über ihre faltigen Wangen, er sah kleine weiche Härchen darauf, wie bei einem Kind, und Altersflecken, darüber dünnes weißes Haar in ordentlichen Wellen, wie nur noch ganz alte Frauen sie trugen. Es war ein schwerer Gang. Er wollte nicht wissen, wie alt sie war. Sie schluchzte unterdrückt, sehr unterdrückt, irgendwie war es fast schade, dass der Zweieinhalbmeter-Enkel nicht kam. Doch niemand hielt sie auf. Der Weg war frei für Müller zu tun, was er tun musste. Da war die Couch. Es war ein antikes, fest gepolstertes Rosshaarsofa mit grünem Chenillebezug, nicht sehr bequem, dachte Müller, nicht so authentisch wie der Küchentisch, aber eine Alternative gab es nicht. »Bitte setzen Sie sich«, sagte er ernst, und Frau Zangerle setzte sich, den Blick gesenkt, die Knie fest zusammengepresst.

»Liegen Sie denn manchmal hier auf der Couch?«, fragte Müller, und sie schüttelte trotzig den Kopf, machte aber eine unwillkürliche Bewegung hin zu der Decke, die gefaltet auf einer Armlehne lag.

»Doch, tun Sie«, sagte Müller, »und Sie gucken von hier aus fern.«

Zangerle hob den Blick zum Fernseher in der Ecke und nickte stockend. Neue Tränen liefen über ihre Wangen. Müller war nahe dran, sie anzuschreien, denn sie zwang ihn auf die falsche Seite, das hier war nicht richtig, diese alte Frau verlangte ihm etwas ab, das er nie getan hätte im wirklichen Leben. »Jetzt«, sagte er rau, »ziehen Sie die Schuhe aus.«

Sie streifte ihre Pantoffeln ab.

»Und legen sich hin.«

Da schaute sie auf, ihr heftiger Blick sprang ihm ins Gesicht, er schrak zurück; sie erschrak selbst und schniefte und fasste sich und sagte so nüchtern sie konnte: »Der Zugang ist auf dem Speicher, ich zeig es Ihnen, wenn Sie wollen.«

Müller starrte sie an und etwas Warmes fiel auf seine Hand, er wischte es weg. »Bitte legen Sie sich hin«, flüsterte er.

»Es ist kein Problem für mich, ich schaffe die Treppe noch ganz gut«, sagte Frau Zangerle tapfer.

»Vielen Dank«, sagte Müller, »ich werde es finden.«

»Besser ich komme mit«, sagte Frau Zangerle. »Der Aufgang ist versteckt.«

»LEG DICH HIN!«, schrie Müller, was er sofort bereute, denn Zangerle schlotterte nun am ganzen Körper und sah ihn an, als sei er ein Monster. »Frau Zangerle, bitte legen Sie sich hin«, sagte er in wieder einigermaßen gemäßigtem Ton.

Sie konnte sich kaum bewegen, so sehr bebte die alte Frau, doch schließlich schaffte sie es, sich hinzulegen. »Sie wollen mich töten!«, stieß sie dann von irgendeiner neuen Energie beseelt hervor und richtete sich wieder auf.

»Nein«, sagte Müller. »Ich will nur auf den Speicher.«

»Warum?«

Er zuckte die Achseln. Neben der Decke lag ein großes Kissen. »Passen Sie auf«, brachte er hervor und hasste sich, weil er schniefen musste, »ich tue Ihnen nichts, ehrlich. Sie legen sich jetzt einfach mal kurz hin und ruhen sich aus. Dieser Anfall da eben, der war ja –«, er mied ihren Blick, »erschreckend. Sie müssen sich erholen. Ich gehe in der Zwischenzeit kurz auf den Speicher –«

»Hören Sie auf«, sagte die Alte müde, »wissen Sie was, ich wollte immer in Würde sterben. In Würde, und nicht allein. Davor hatte ich große Angst. Ich danke dir, Gott«, diese Worte waren nicht mehr an Müller gerichtet, »dass du mich immer gehalten und getragen hast und dass mein Leben so schön war. Für diesen jungen Mann hier danke ich dir nicht, aber immerhin muss ich nicht allein gehen.« Sie richtete ihre Augen wieder auf ihn. »Sie werden Ihr Leben lang an mich denken«, verfluchte sie ihn mit klarer Stimme, und Müller wusste, dass diese Bürde in der Tat eine schwere war. »Ich habe zum Glück nur kurz mit Ihnen zu tun, Sie aber werden mich mit sich herumschleppen an jedem schönen Tag, der Ihnen bleibt.«

Müller senkte den Kopf und nahm das Kissen.

»Und ich bin schwierig«, sagte die alte Dame und kicherte fiebrig. »Das mit der Würde zum Beispiel, ich wusste immer, das krieg ich nicht hin.«

Oh doch, dachte Müller höchst aufrichtig und sah sie an und sah in blitzende, lebendige Augen, und etwas Warmes, Schleimiges landete in seinem Gesicht. Spontan würgte er: Sie hatte ihn angespuckt. Da drückte er sie endlich in die Ecke ihrer Couch, sie wehrte sich, doch herzzerreißend schwach. Er hielt ihr einfach das Kissen aufs Gesicht und presste ihren Kopf tief in die Rosshaarpolster. Diesmal musste sie wirklich sterben.

* * *

Richard kehrte mit einer Auswahl an Klinken zurück, die er im Haus gesammelt hatte, drei Stück: Eine hatte auf einer Heizung gelegen, die beiden anderen stammten aus einer Tür. Auf gut Glück steckte er eine von ihnen in das passende Loch, drückte, drückte fester, drehte am Schlüssel, prüfte noch mal, ob wirklich keine Scharniere da waren, da waren wirklich keine, also waren sie auf der anderen Seite, und die Tür musste gedrückt werden, also drückte er – und sie ging auf. Dann stand er in einem Raum, der gleichzeitig überraschend und enttäuschend war. Das Überraschende an ihm war seine Größe. Dieser Trockenboden sah nicht nur weitläufig aus, er war tatsächlich riesig. Er musste die ganze Länge der Häusergruppe einnehmen, klar: Das war ein gemeinsamer Boden, damit konnte man viel mehr anfangen, lange Wäscheleinen aufspannen, Luft zirkulieren lassen, und vielleicht hatten die Hausmädchen sich hier auf ein Zigarettchen getroffen, wenn sie Feierabend hatten. Ein schöner, dunkler Raum. Trotzdem war Richard enttäuscht von seiner Entdeckung, denn dieser ganze großartige dämmrige Boden schien völlig leer zu sein. Ein paar alte Drähte hingen tatsächlich als Wäscheleinen zwischen den Kehlbalken des Dachstuhls, vier kleine Dachfenster spendeten Licht, so dass man sich umsehen konnte, doch zu sehen war da nichts. Nur altes Holz und die Rückseite der Dachziegel und vier gemauerte kleine Kabuffs mit Türen, die allesamt aussahen, als würden sie nie, niemals geöffnet. Eine davon war sogar mit Brettern vernagelt. Es gab keine alten Truhen, keine Abseiten, nicht einmal eine Dämmung, hinter die man irgendetwas Kostbares hätte stopfen können. Der Raum war einfach leer. Richard suchte noch ein wenig und fand in einer Ecke ein altes Handtuch mit einer gruselig vermoderten Babypuppe darin, dann gab er auf. Er ging zurück in Steenbergens Rosenkabuff, schloss die Tür hinter sich, ließ Schlüssel und Klinke für die Nachwelt stecken, drückte sich wieder an den nicht umfassend untersuchten Papierstapeln vorbei und setzte sich im Wohnzimmer auf die Ledercouch. Es war schon Abend, und er hatte nichts erreicht. Jedes einzelne seiner hundert Kilos drückte ihn schwer auf das kühle Leder. Von draußen hämmerte Regen gegen das Glasdach des Wintergartens. Richard seufzte. Er traute Steenbergen nicht zu, ermordet worden zu sein. An dem Typen war doch kaum was dran, der war nur brillant in seinem Fach gewesen, und vielleicht noch in Einrichtungsfragen, aber ebenso gut konnte es sein, dass hier eine typische Junggesellennotmöblierung zufällig in ein Haus geraten war, dem gerade das hervorragend stand. Und sonst? Der Nachlass enthielt keine Sportutensilien, keine Filmsammlung, keine Spur eines Zeitungsabonnements, keine nennenswerte Bibliothek. Wahrscheinlich hatte Steenbergen nicht mal eine Meinung besessen. Was sollte er da ausrichten? Phil-Collins-Alben auf satanische Botschaften abhören? Sich ins konservative Umweltmanagement einarbeiten? Steenbergens unverständliche Doktorarbeiten entschlüsseln? Richard gähnte. Das Geräusch der fallenden Tropfen auf den Fenstern machte ihn schläfrig. Es war düster im Raum. Steenbergens Couch war erstaunlich bequem. Wenn man das blöde Leder erst einmal warm gesessen hatte, mochte man gar nicht mehr aufstehen. Richard schloss die Augen. Er war hungrig. Er würde jetzt heimfahren, sich eine große Portion ökologisch nicht korrekt angebauter Ofenpommes reinziehen und abends Dr. House gucken. Hier gab es nichts zu holen, und zu Hause hörte man die Schritte der Nachbarn im Stockwerk darüber zwar viel lauter, aber es war warm und es –

Richard war plötzlich hellwach.

Schritte!

Er lauschte angestrengt. Er saß reglos. Er schloss die Augen, um besser zu hören. Er atmete kaum.

Das Geräusch wiederholte sich nicht.

Nach einer endlosen Weile, in der es nur einfach immer weiter geregnet hatte, stand Richard auf. Da war etwas gewesen, nicht nur ein Geräusch, sondern eine charakteristische Abfolge, ein: Laufen. Es mochte eine Täuschung gewesen sein oder ein Tier, aber er musste dem nachgehen.

So lautlos das auf dem alten Parkett möglich war, schlich ­Richard zum Treppenhaus. Das Geräusch war von oben gekommen. Jemand war im Haus. Jemand, der vermutlich nicht ahnte, dass er Gesellschaft hatte, denn von außen konnte niemand sehen, dass Richard sich im Haus aufhielt, die Lichter waren aus, und es stand kein Auto draußen. Langsam bewegte er sich auf die Treppe zu. Eine Waffe. Sollte er nicht eine Waffe haben? Da hörte er es wieder, diesmal deutlicher: Schritte. Schwere Schritte. Ein Klopfen. Und es kam bestimmt nicht aus dem ersten Stock, dazu war es zu leise. Die Schritte und das Klopfen mussten von ganz oben, vom Dachboden kommen.

* * *

19.10 Uhr

Er stand in Steenbergens Haus. So leicht war das gewesen: einfach nur in der Nachbarschaft klingeln und auf den Speicher marschieren. So furchtbar leicht. Müller schluckte und schritt Steenbergens Speicherteil ab. Er hatte einen Lichtschalter gefunden, ein altes Drehding, und nun betrachtete er alles ganz genau im Licht einer funzligen Glühbirne. 17c besaß einen Zugang zum großen Gemeinschaftsboden, eine hölzerne Tür. Müller klopfte ihren Rahmen ab und begutachtete das Schlüsselloch. Soweit er das sehen konnte, steckte der Schlüssel auf der anderen Seite. Und der Spalt unter der Tür war recht breit. Mit etwas Glück würde der alte Trick mit der Zeitung und dem herausgestoßenen Schlüssel hier funktionieren. Wenn nicht, würde sich ein anderes Hilfsmittel zum Öffnen finden. Müller sah sich um: Natürlich war weit und breit keine Zeitung auf dem Speicher, auch in seiner Werkzeugtasche nicht. Aber die gute alte Frau Zangerle, die würde eine haben. Müller zögerte ein wenig. Er ging nicht gern wieder runter in ihre Wohnstube. Doch er brauchte die Zeitung. Er musste.

* * *

Richard betrat die kleine Kammer und abermals überwältigte ihn der Eindruck von Enge. Er holte tief Luft, um die Beklemmung abzuschütteln, dann stand er und lauschte. Da war nichts. Nur der Regen tropfte gleichmäßig auf das blinde Glas des Dachfensters und färbte sich blutrot im Widerschein der schrecklichen Tapete. War da wirklich jemand auf der anderen Seite? Und wenn ja, war das so ungewöhnlich? Schließlich konnten alle Nachbarn jederzeit auf den alten Trockenboden gehen, sich dort treffen und Schwätzchen halten. Doch Richard glaubte das nicht. Der Boden hatte verlassen ausgesehen, seit Jahrzehnten ungenutzt. Er dachte an die vermoderte Puppe und an die mit Brettern vernagelte Tür. Und war da nicht ein gespanntes Lauschen von jenseits der Wände?

Wenn man wusste, wie unheimlich groß der Raum auf der anderen Seite war, dann gewannen die Rosenranken der Tapete tatsächlich eine neue Qualität, eine Art perverse Schutzfunktion. Das Mädchen, das einst in diesem Zimmer leben musste, hatte sich vor dem riesigen dunklen Speicher gefürchtet, kein Zweifel. Denn dort auf dem Speicher mochte alles Mögliche herumspuken, dort konnten die Hausherren aus der Nachbarschaft erscheinen und Einlass erzwingen, von dort aus konnte man belagert, belauert und belauscht werden. Und vielleicht geschah das sogar gerade jetzt. Vielleicht presste in diesem ­Moment jemand sein Ohr gegen die Tür, vielleicht an genau der Stelle, wo Richard nun seins gegen die Tür presste, natürlich von der anderen Seite. Vage dachte Richard daran, dass er kürzlich gelesen hatte, Ohrabdrücke seien ebenso individuell wie die Fingerabdrücke eines Menschen, dann meinte er, ganz in der Nähe Schritte zu hören. Tatsächlich. Er war fast erleichtert. Solide, feste Schritte. Nichts Geisterhaftes. Sie kamen näher. Sie waren da.

* * *

19.15 Uhr

Müller versuchte, das Grauen, das in diesem schrecklichen alten Haus herrschte, abzuschütteln, indem er schnell machte. Schnell auf den Speicher zurück, schnell zu Steenbergens Tür, schnell die Zeitung –

Jemand nieste.

Müller stolperte zurück und starrte die Tür an, unter der er in der nächsten Sekunde eine Zeitung hindurchgeschoben hätte. Einen kurzen Moment spürte er echte Panik, die ihn jäh und kalt ergriff: Dort, in der Wohnung des Toten, war jemand. Auf der anderen Seite.

* * *

»Hallo«, sagte Richard, »wer ist da?«

Er hörte heftiges Atmen.

Er öffnete die Tür.

* * *

Immer noch Viertel nach

Miller he’s a killer, Miller he’s a killer, Miller he’s a killer, raste es durch Müllers Kopf. Ich bin Miller der Killer von Kabel Deutschland. Er stand reglos, gebannt vom dunklen Blick ­eines hünenhaften Kerls, der kaum durch die Tür passte, ein Typ mit Pferdeschwanz und Schurwollepullover, ein überdimensionierter, höchst realer Öko-Fundi aus der guten alten Zeit. Müller räusperte sich, zerknüllte die Zeitung in seiner Linken und blickte zu seiner Werkzeugtasche.

»Hallo«, sagte der Hüne abwartend.

»Hallo«, antwortete Müller verbindlich und räusperte sich wieder. Verdammt, er hatte noch Handschuhe an. Rasch versteckte er die Hände hinter dem Rücken. Das hier war kein GAU mehr, das war der Untergang. Der Typ hatte ihn gesehen, der konnte ihn beschreiben, und das war keiner, der sich widerstandslos zu einer Couch führen und – nein, der hier, der würde sich wehren. »Müller von Kabel Deutschland«, krächzte er und musste sich wieder räuspern. Um nicht noch seltsamer zu erscheinen, versuchte er ein Lächeln. »Mann, haben Sie mich erschreckt.«

Der Hüne lächelte zurück, aber misstrauisch. »Sie mich auch. Ich hab Sie von unten gehört. Ich dachte, da wären Einbrecher unterwegs.«

Müller lächelte wieder, stopfte die Handschuhe, die er sich schnell hinter dem Rücken ausgezogen hatte, in die Hose und hob seine Werkzeugtasche auf. »Nein, nein, wir müssen bloß die Anschlüsse überprüfen, wir vermuten eine Störung in einer der Leitungen aus dieser Wohnanlage, was ein bisschen ärgerlich ist, weil die Nachbarschaft deshalb nicht richtig fernsehen kann.« Er gähnte, um seine Anspannung zu verbergen. »Ich bin schon seit acht Uhr morgens unterwegs, und ich finde die Störung einfach nicht, ich komme eben von der Frau Zangerle, da war auch nix, und da dachte ich, vielleicht haben die hier irgendeinen alten Anschluss auf dem Dach, der sich weiß der Geier wie auswirkt.« Er rieb sich die Stirn und linste den großen Typen vorsichtig unter seiner Hand hervor an, was er da improvisiert hatte, war technisch gesehen Blödsinn, aber der Hüne schien es zu fressen. Die allermeisten Leute kannten sich mit Haustechnik überhaupt nicht aus.

»Tja«, sagte der Hüne und blickte in Richtung einer Stütze. Dort hing tatsächlich noch ein alter Stromkasten aus der Oberleitungszeit. Kabel wanden sich heraus, liefen die Stütze hinunter und verschwanden im Boden.

»Tja«, sagte Müller, jetzt mit einem echteren Lächeln. »Aber ich habe schon nachgesehen, die Störung kommt nicht von dort.« Er wandte sich ab. »Ciao.«

»Wiedersehen«, rief der Hüne. Es klang irgendwie zögernd, als wollte er noch etwas sagen. Und da war es, als ob irgendein Faden an Müller zog und ihn zurückdrehte.

»Ach so, Moment mal –« Du musst in Steenbergens Haus, rügte er sich. Noch so eine Tour wie heute ist nicht drin. Du kannst nicht den Hausschlüssel von der Zangerle mitnehmen, viel zu auffällig, und der würde auch nichts nützen, denn du darfst dich von diesem Tag an nie mehr hier blicken lassen. Jetzt musst du rüber, jetzt sofort in dieses blöde Haus an diesen blöden Steenbergen-Computer, unverzüglich, auf der Stelle, now. Er räusperte sich wieder und schaute zu dem großen Mann, der hatte sich nicht gerührt und blickte ihn nachdenklich an. »Sind Sie zufällig aus 17c?«, fragte Müller ihn.

»Dies ist 17c, ja.«

Müller machte einen Schritt auf ihn zu. »Gott sei Dank«, sagte er froh, »ich versuche schon seit Tagen, Sie zu erreichen. Sie sind der Einzige, bei dem wir noch nicht nachschauen konnten, Herr –« Er zückte sein Klemmbrett.

Der Hüne schüttelte den Kopf. »Sie meinen Herrn Steenbergen. Der ist tot.«

»Oh«, sagte Müller. »Mein Beileid. – Aber könnte ich vielleicht trotzdem kurz ins Haus, nur mal eben nach dem Kabelanschluss schauen, das dauert maximal eine Viertelstunde, und die Nachbarn werden es Ihnen danken.«

»Tut mir leid«, sagte der Hüne darauf. »Ich kann Sie nicht hineinlassen. Ich bin kein Angehöriger von Herrn Steenbergen, ich bin selbst nur da, um etwas zu überprüfen.«

Eine Pause entstand. Müller blickte den Öko-Typen interessiert an, und der schien etwas von seiner Sicherheit zu verlieren. Etwas überprüfen? Was sollte das denn sein?

»Es geht ganz schnell«, sagte Müller schließlich, nachdem der Große sich nicht weiter erklärt hatte. »Ich schaue mir den Hausanschluss an, mache den Fernseher an, fahre den Computer hoch und telefoniere einmal. Das ist alles, und vielleicht können dann die Nachbarn heute Abend wieder störungsfrei fernsehen.«

Der Typ hob die Achseln. »Leider geht das nicht. Ich kann Ihnen nur die Adresse des Nachlassverwalters von Herrn Steenbergen geben, mit dem können Sie einen Termin ausmachen.«

»Der Nachlassverwalter«, sagte Müller enttäuscht, »wird der sich denn Zeit nehmen hierherzukommen?«

Sie sahen sich zweifelnd an, und der Hüne hob abermals die Achseln, diesmal bedauernd. »Mehr kann ich Ihnen nicht anbieten«, sagte er, doch es klang nicht mehr ganz so bestimmt.

* * *

Richard ließ ihn dann doch ein, den Sowieso von Kabel Deutschland, es war ja eigentlich albern, sich zu zieren, was machte das schon, wenn die Leitungen eben mal kurz überprüft wurden und die Nachbarschaft nicht monatelang auf störungsfreien Empfang warten musste. Der Mann war auch gar nicht unangenehm, ein junger, treuherziger Typ, der artig Peters Karte entgegennahm (davon steckte mindestens ein Dutzend im Dossier) und Richard respektvoll anschaute. Dann las er die Karte und seine Augen weiteten sich, kein Wunder, bei all den Titeln und Spezialgebieten, die der Anwalt aufführte, noch dazu auf allerfeinstem Bütten.

»Glauben Sie wirklich, dass der hierherkommt, um mir mal eben die Telefondose zu zeigen?« Der junge Mann schaute bittend und ein bisschen verschwörerisch, strich sich seine dunklen Haare zurück, packte seine Werkzeugtasche fester und warf ­einen kurzen Blick durch die Tür in das dunkle Rosenzimmer.

Peter Welsch-Ruinart wird jemanden schicken, dachte ­Richard. Und dann dachte er: Ach, was soll’s, wir Proletarier müssen zusammenhalten. »Kommen Sie rein.«

* * *

19.21 Uhr

Drin! Ha! Wer immer der Riese war, er hatte ihn reingelassen.

»Ich nehme an, der Hausanschluss ist im Keller«, sagte Müller und pfiff durch die Zähne, als er die Rosentapete in dem kleinen Zimmerchen zu Gesicht bekam. Ob Steenbergen die ausgesucht hatte? Und was dieser große Typ hier wohl machte? Etwas überprüfen? Was? Vermutlich war er von der Kanzlei dieses Testamentsvollstrecker-Anwalts, denn von dessen Karten hatte er einen ganzen Stapel. »Auf dem Speicher ist er nämlich definitiv nicht.« Müller lächelte, passierte Wohnräume, die völlig anders aussahen als die der alten Frau Zangerle, und ließ sich die Kellertreppe zeigen. Der Riese tappte ihm hinterher. Der Mann war auch nervös, das spürte Müller. Der gehörte nicht hierher, der war vielleicht sogar selbst illegal im Haus, der hatte keine Lichter angehabt und sein Auto irgendwo anders geparkt, vor der Tür jedenfalls nicht, da hatte weit und breit nichts anderes als Müllers weißes Handwerkerauto gestanden.

»Verrücktes Wetter, was?«, sagte er, weil der andere hinter ihm so unheimlich schweigsam war.

»Für die Jahreszeit«, stimmte der Riese zu.

Dann waren sie im Keller, in der Waschküche, am Hausanschluss. Befriedigt sah Müller den grauen Aufputzkasten mit dem Breitbandverteiler. Er stellte seine Werkzeugtasche ab, holte einen Schlüsselbund mit mehreren handelsüblichen Verteilerschlüsseln heraus und nahm sich das Schloss vor. »Wären Sie so lieb, jetzt mal den Fernseher einzuschalten?«, fragte er beiläufig. Es sah zwar ganz danach aus, als ob der Riese nichts von Telefonanschlüssen verstand, aber es war besser, wenn er nicht die ganze Zeit zusah. »Und den Computer auch?« Müller guckte kurz und auffordernd über die Schulter, und der Riese ging. Er hatte zwar nicht sehr begeistert ausgesehen, aber er ging.

19.24 Uhr

Der dritte Schlüssel passte. Müller öffnete die Tür und drehte mit einem Stromprüfer den Hausanschlussverstärker voll auf. Nun müsste der Fernseher eine saftige Störung zeigen. »Ist der Fernseher an?«, schrie er nach oben.

»Nein«, kam es zurück. »Hier ist kein Fernseher.«

Ach du ahnst es nicht, dachte Müller. Alles musste man selber machen. »Vielleicht ist er im Schlafzimmer«, schrie er. »Manche stellen sie auch in den Schrank!«

»Was?«, kam es von oben.

Müller legte die Werkzeuge hin. »Ich komme mal hoch«, rief er.

* * *

Richard stand in Steenbergens Wohnzimmer neben der Profi-Musikanlage und den Altherrenrock-CDs und dachte, dass es nicht wahr sein konnte, dass er hier in jedes Loch geguckt, aber nicht gemerkt hatte, dass nirgends ein Fernseher war. Dieser Steenbergen hatte allen Ernstes auf seiner Riesenledercouch gesessen, Dan Brown gelesen, Phil Collins gehört und sonst nichts. »Herr Steenbergen hatte keinen Fernseher«, sagte er zu dem Kabel-Deutschland-Fritzen, der soeben aus dem Keller kam.

Der junge Mann blickte ungläubig und sah sich suchend um. Dann schaute er auf sein Klemmbrett. »Aber er steht hier als Kunde. Gunter Steenbergen, Bernhardis-Straße 17c.«

»Es ist keiner da, auch oben nicht«, versicherte Richard und folgte dem Blick des Kabelmannes, der nachdenklich auf einem breiten Regal an der Wohnzimmerwand ruhte, wo ohne weiteres ein Flachbildschirm Platz gefunden hätte.

»Dann war er wohl geschieden.«

»Bitte?«

»Ja. Ein Scheidungsopfer. Seine Ex hat den Fernseher mitgenommen, und er hat anschließend nur noch den Computer benutzt.«

Nun guckte Richard ungläubig.

»Oder das Laptop. Mit den meisten kann man jetzt auch fernsehen.« Der junge Mann seufzte. »Aber uns hilft das nicht weiter. Wir müssen hoffen, dass wir am Computer was erkennen. Vielleicht hat er ja eine TV-Karte da drin.«

* * *

Halb acht

Das hier war ein Himmelfahrtskommando. Das hätte er nie machen dürfen. Dieser Schurwolleriese, der hinter ihm herschlich, sah aus, als würde er es genau nehmen, als würde er in einem halben Jahr noch mal auf das zurückkommen, was ihn heute gestört hatte. Solche Leute hatte Müller gefressen, und jetzt, da er improvisieren musste, war so einer im Nacken ganz besonders unangenehm. Vor allem, da dieser blöde Steenbergen keinen Fernseher hatte. Keinen Fernseher hatte, das musste man sich mal vorstellen! Das bedeutete, dass er einen BNC-Adapter für den Schraubanschluss im Verteilerkasten brauchte. Müller hatte so einen, aber vielleicht nicht dabei. Und wenn nicht unten im Keller der übliche Breitbandverteiler geprangt hätte, dann wäre er jetzt gegangen, denn das Risiko, Kabel Deutschland zu spielen, wo kein Kabel Deutschland war, das war unter den Augen dieses grüblerischen Aufpassers einfach zu groß. Doch dieses Haus hing am Kabelnetz, Fernseher hin oder her. Und er war drin. Der Rest würde ihm auch noch gelingen.

* * *

Das Laptop. Merkwürdige Formulierung, als wüsste der junge Mann genau, dass Steenbergen eines besessen hatte. Nachdenklich stieg Richard hinter ihm die Treppe hoch zu Steenbergens Büro. Doch natürlich befanden sie sich in einem Yuppie-Haushalt, und Yuppie-Haushalte starrten vor elektronischem Gerät, dieser hier machte keine Ausnahme, trotz der schönen weiten Räume. Der fehlende Fernseher war da wohl mehr eine Koketterie, das gab Steenbergen die nötige Facette privaten Verzichts. Und wie absolut vorteilhaft in seiner Position, zwanglose Unkenntnis zu praktizieren: Nein, ich konnte die Reportage über die galoppierende Erderwärmung gestern nicht sehen. Ich besitze keinen Fernseher. Wissen Sie, was die für eine Energie­bilanz ­haben …? Für den jungen Handwerker wiederum war ein Laptop vermutlich so selbstverständlich wie eine Zahnbürste. Und bestimmt hatte er recht: Steenbergen musste einen Zweitcomputer besessen haben. Allein für die Reisen.

Während Richard für den Kabelmann den fest installierten Bürocomputer wieder hochfuhr, ging er im Geiste all die Stellen durch, die er bereits durchstöbert hatte. Bis in die hintersten Winkel war er vermutlich doch nicht gekommen. Oder war das Laptop im Betrieb? Hatte ein Angehöriger es mitgenommen? Lag es bei der Polizei?

»So«, sagte der junge Mann in diese Gedankengänge hinein. »Okay, prima.« Er starrte den Bildschirm an. »Kann gut sein, dass die Störung aus dieser Ecke hier kommt«, sprach er dann im Plauderton, während er in seiner Werkzeugtasche kramte. »Das wäre die Erklärung: Wenn der Bewohner keinen Fernseher hatte, dann hat er es vielleicht gar nicht gemerkt. – Okay.« Er bückte sich, um die Hardware zu untersuchen, und murmelte etwas von Empfängern und TV-Karten.

Richard betrachtete mit gefurchter Stirn den schmalen Rücken des jungen Mannes.

»Okay. Okay«, sagte der halblaut zu sich selbst. Dann richtete er sich wieder auf. »Ich muss noch mal in den Keller.« An der Tür wandte er sich um. »Würden Sie eben mitkommen, bitte? Ich brauche vielleicht jemanden, der mir hilft.«

* * *

19.40 Uhr

Müller durchsuchte ungeduldig seine Werkzeugtasche und fand tatsächlich den Stecker und ein ziemlich mitgenommen aussehendes Kabel. Erleichtert verband er sein eigenes Laptop mit dem Anschluss im Keller und rief ein Fernsehprogramm auf. Es funktionierte, allerdings wurde das Bild durch die Übersteuerung übel gestört. Müller frohlockte innerlich. »Der Anschluss ist da«, murmelte er wie zu sich selbst, »und er funktioniert, aber sehr schlecht. Wir sind der Sache auf der Spur.« Er klopfte auf den Breitbandverteiler. »Komm, Baby, zeig mal, was du drauf hast.« Dann spielte er ein wenig mit dem Verstärker und ließ das Bild noch schlechter werden. Schließlich schüttelte er bedenklich den Kopf. »Ich will das mit allen Geräten im Netz haben. – Tja, würden Sie mal auf den Bildschirm achtgeben? Ich gehe hoch und teste. Sie schreien, wenn sich was ändert, okay? Also wenn es noch griesiger wird.«

»Alles klar«, sagte der Riese ohne sichtliches Misstrauen, und Müller eilte hoch an den Computer. Jetzt erst mal Handschuhe anziehen, die Tastatur konnte er nachher niemals ordentlich abwischen. Gut. Los. Hoffentlich war hier das Passwort eingespeichert. Müller rief Steenbergens lokales E-Mail-Programm auf, und das klappte schon mal. Gut. Darauf war aber nichts Interessantes, nur viel, viel Werbung, das hatte Steenbergen offensichtlich kaum noch genutzt, das war zur Spam-Ablage verkommen, ein Relikt aus den Tagen, da es noch keine Flatrates gab und Internetzeit teuer war. Doch jetzt konnte es noch einmal nützlich sein, denn zur Not würde es Müller helfen, das Passwort für den eigentlichen Account zu finden. Steenbergens eigentlicher Account war online. Es hatte davon mindestens zwei Stück gegeben: den geschäftlichen und einen privaten. Der geschäftliche war inzwischen stillgelegt, das hatte Müller selbst beim Technical Support der ENERGIE angeleiert und das Postfach dabei ganz offiziell noch einmal gesichtet. Doch im geschäftlichen Postfach war die Mail nicht gewesen, da hätte er es ja auch viel zu leicht gehabt. Müller rief den Browser auf und fand oben auf der Bedienerleiste ein kleines grünes Symbol. Er klickte es an und landete auf der Freenet -Eingangsseite. Gut. Weiter. Die Mailadresse kannte er, die konnte er zur Not auch manuell eingeben, das Problem war eben das Passwort, das hatte er in vielen Stunden Probierens nicht herausbekommen, und ein Trojaner nützte ihm nichts, weil Steenbergen seine Computer ja nicht mehr einschalten konnte. Lass ihn das Passwort einfach hier gespeichert haben, dachte Müller aufgeregt und klickte sich fiebrig durch die Fenster. Lass die blöde Mail noch ungelesen sein, lass sie nirgendwo aufgerufen sein, lass mich bitte bitte nicht auch noch das Laptop suchen, den Palm, das Smartphone oder sonst einen verdammten Computer irgendwo auf der weiten Steenbergen-Welt, lass ihn – er hatte das Passwort gespeichert, der liebe gute Steenbergen. Müller war drin. Sofort erschien die Meldung: Es wurde 547 Mal vergeblich versucht, auf Ihr Postfach zuzugreifen. Diese Meldung hatte Müller erwartet, trotzdem trieb sie ihm den Schweiß auf die Stirn. Er löschte sie. Dann öffnete er den Posteingang. Scrollte. Suchte. Und fand sie. Tatsächlich, da war sie, Nataschas Nachricht, Müller erkannte sie am Nachnamen, der Teil der Mailadresse war: Kassin@ENERGIE.de. Im Betreff stand schlicht: Bitte um ein Gespräch, und sie war noch ungelesen. Ungelesen. Müller keuchte vor Erleichterung. Ungelesen bedeutete, dass sie nur im Netz existierte, dass sie nicht schon in irgendeinem Gerät hockte und zufällig von einem Angehörigen oder Nachlassverwalter entdeckt werden konnte. Am dritten Tag nach Steenbergens Tod eingegangen, das war ein Montag gewesen, da hatte man im Betrieb von seinem Ableben noch nichts gewusst, die Bombe war erst später geplatzt. Drei Tage zu spät, Natascha. Diese dumme Kuh! Diese dumme, dumme Kuh! Müller atmete durch. Er zitterte. Er musste runterkommen. Er hob den Kopf.

»Wie sieht’s aus?«, brüllte er Richtung Tür. Aus dem Keller kam gedämpfte Antwort. Der Mann von der Kanzlei behielt brav das Bild im Auge. Also nur die Ruhe. Ganz entspannt Luft holen. Ausatmen. Er hatte noch Zeit, die Nachricht zu öffnen: Lieber Gunter, stand da, ich möchte Sie dringend um einen privaten Gesprächstermin bitten. Es geht um heikle betriebliche Vorfälle, mit denen ich zu tun habe und die möglicherweise illegal sind. Mit freundlichen Grüßen, Natascha Kassin.

Möglicherweise illegal, dachte Müller grimmig, während er die Mail löschte und den Papierkorb leerte, damit sie auch wirklich verschwunden blieb. Möglicherweise illegal! Natascha-Herzchen hatte immer dick mit abkassiert! Dann musste sie natürlich an Steenbergens Privatadresse schreiben! Und niemand hatte das Passwort für dieses blöde Postfach rauskriegen können! Diese – ach! Jetzt war zum Glück nichts mehr mit Aussteigen und Verraten, nun zitterte und schlotterte Natascha vor Angst, jetzt war sie mit der Geschichte von dieser Mail zu ihm gerannt, weil sie sich schier in die Hose machte. Weil irgendwer – ja wer wohl? Die AUFTRAGGEBER? – den großen unantastbaren Dr. Dr. ­Steenbergen am Totenmaar mit CO2 gekillt hatte, eindeutiger ging es nicht, haltet alle brav den Mund, hieß das, macht gefälligst weiter wie bisher und seid ganz ruhig, sonst kommt Mama Mafia und holt euch alle ans Totenmaar. Müller betrachtete den Computer, der nun rein und jungfräulich vor ihm stand, und fühlte sich klebrig. Man sollte aber doch noch mal nach dem Passwort suchen, dachte er. Für alle Fälle. Er horchte in Richtung Tür. Nichts. Der Typ hockte nach wie vor im Keller. Also rasch: Müller verließ das Freenet -Portal und rief den lokalen Mail-Client auf. Wenn der als Backup für den Freenet -Account angegeben war, dann würde man dort vielleicht eine alte Bestätigungsmail für das Freenet -Passwort finden. In fliegender Hast scrollte Müller sich durch die vielen Werbenachrichten. Und dann fand er sie tatsächlich, die Nachricht von Freenet , die ein Passwort betraf. Der Schweiß rann ihm den Rücken hinab, während er sie öffnete. Dann starrte er verdrossen den Bildschirm an: Das Passwort lautete at1anTI5. Was ein Hohn: Atlantis, das nie gefundene. Ein merkwürdiges Gefühl beschlich Müller. Ein Gefühl, als ob das Schicksal sich heimlich über ihn amüsierte.

* * *

Unter dem Bildrauschen lief auf dem Laptop eine aufgedonnerte Vorabendreportage über den Vulkanausbruch auf Thera vor 3000 Jahren, und Richard war von dem Ton der Mitwirkenden schnell so genervt (Dr. Simon Meyer von der Ben-Gurion-Universität glaubt, einer absoluten Sensation auf der Spur zu sein! Dr. Simon Meyer von der Ben-Gurion-Universität, was haben Sie da gefunden? – Nun, mag sein, dass wir auf einer Spur sind! – Oh, Dr. Simon Meyer von der Ben-Gurion-Universität, das wäre ja eine absolute Sensation!), dass er beschloss, diesem Kabeltypen mal über die Schulter schauen zu gehen. Doch in dem Moment kam der schon die Treppe herabgepoltert und fragte etwas atemlos: »Na?«

»Es hat sich nichts am Bild geändert«, sagte Richard.

»Aha«, sagte der Kabelmann und kratzte sich am Kopf. »Tja, dann – dann ist es vermutlich wirklich das Erdkabel, wie wir schon befürchtet haben. Was natürlich der GAU ist, denn da muss die Straße aufgerissen werden.« Er drehte noch ein wenig an dem Kasten herum und brachte das Bild auf dem Laptop in einen unwesentlich besseren Zustand. Dann sagte er: »Gut, besser geht’s nicht, das war’s, vielen Dank, da werden wir vielleicht auch mal die Telekom kontaktieren müssen.« Er schaltete das Laptop aus und packte seine Sachen zusammen. »Ach ja«, fügte er an, während er Schraubenzieher und Handschuhe in die Werkzeugtasche einsortierte. »Darf ich fragen, wie Sie heißen und wie ich Sie erreiche, wir müssen sehr wahrscheinlich noch mal hier rein.«

»Romanoff heiße ich«, antwortete Richard bereitwillig. »Aber ich hatte mit Herrn Steenbergen eigentlich wenig zu tun. Rufen Sie doch bitte die Nummer von der Karte an, die ich Ihnen gegeben habe. Ich selbst bin nur –«, aus den Augenwinkeln sah er, wie der junge Mann mitten im Packen gespannt innehielt, »– selten im Büro.«

»Hm«, machte der junge Mann desinteressiert und packte fließend weiter, und Richard zweifelte sofort an seiner Beobachtung.

Dennoch sagte er nachdenklich: »Und wie erreiche ich Sie?«

Der junge Mann blickte auf. »Müller ist mein Name«, sagte er nüchtern, »aber rufen Sie Kabel Deutschland an. Ich gebe Ihnen unsere Karte. – Ach so ja, dann muss ich noch mal hoch auf den Speicher. Ich glaube, ich habe da meine Jacke liegenlassen.«

Richard nahm die Karte und brachte den jungen Mann nach oben. Dort war keine Jacke. »Die wird noch bei der Frau Zangerle sein«, sagte Müller. »Ich gehe einfach hier oben herum, denn ich habe ihr sowieso versprochen, die Speichertüren zu schließen. Sie ist nicht mehr gut zu Fuß.« Er ging zum benachbarten Kabuff, brüllte hinein: »Frau Zangerle! Ich komme jetzt wieder runter!«, nickte Richard zu und schloss die Tür hinter sich. Richard ging zerstreut ins Rosenzimmer zurück. Den jungen Müller vergaß er sofort. So sehr dachte er darüber nach, wo das Laptop sein könnte.

* * *

19.57 Uhr

Die zweite Rückkehr in Frau Zangerles Haus war nicht mehr ganz so schlimm. Müller spürte sogar das verrückte Bedürfnis, etwas mitzunehmen. Ein Souvenir. Was natürlich absolut hirnrissig war, nur Serienmörder im Film nahmen Souvenirs mit. Trotzdem verweilte er länger als nötig im Haus der alten Dame, so als ob es noch etwas Wichtiges zu tun gäbe, als ob etwas fehlte und er es irgendwie herbeibringen müsste. Fast träumerisch betrachtete er Frau Zangerles Schlafzimmer, ihr Bad – und da fiel ihm ein, dass es hier vielleicht wirklich noch etwas Interessantes gab: die Pillen. Rezeptfreie Drogen konnte man immer gebrauchen. Müller inspizierte den Spiegelschrank über dem Waschbecken im Bad. Er war voll uralter Medikamente. Die Zangerle hatte gesammelt. Müller sah rasch die vielen vergilbten Päckchen durch, und dann nahm er sich tatsächlich ein Souvenir mit.

Jetzt aber schnell raus aus dem Haus, damit er den Mann mit Zopf nicht verfehlte, er wollte ihm folgen, wenn er nach Hause fuhr. Müller eilte zur Vordertür, in der noch der Hausschlüssel steckte. Er ließ den Schlüssel, wo er war, damit alles so aussah, wie er es aufgefunden hatte, verließ das Haus und zog nur sanft die Tür hinter sich zu.

* * *

Das Laptop war im Auto. Dass er da nicht draufgekommen war, das war doch klar: Die wichtigen Sachen lagen immer im Auto – wenn einer eins hatte. Der schmale Computer befand sich im Fußraum des Beifahrersitzes und war in butterweiches Leder verpackt, in ein wahres Schmuckstück von Tasche. Wenn das kein Fund war. Richard packte die Tasche mit dem Laptop in eine Plastiktüte, die er in der Küche fand, lud alles auf sein Fahrrad und fuhr durch den warmen Regen nach Hause. Diesmal ohne S-Bahn. Er brauchte Luft.

* * *

20.35 Uhr

Das durfte nicht wahr sein: Der Öko-Riese war mit dem Fahrrad da. Natürlich. Deswegen hatte kein Auto vor der Tür gestanden. Nun hatte Müller umsonst in dem blöden weißen Van gewartet – die längste halbe Stunde seines Lebens: umsonst, denn ­einem Fahrradfahrer konnte man nicht unauffällig mit dem Auto folgen. Müller versuchte es, doch der Öko bog natürlich sofort gegen die Fahrtrichtung in die nächste Einbahnstraße, und damit war Müller aus dem Rennen. Verflucht sollten sie sein, diese blöden Alternativtypen, die es lustig fanden, gegen Verkehrsregeln zu verstoßen! Müller war versucht, die Polizei anzurufen. Dann tastete er seine Tasche nach der Büttenkarte Peter Welsch-Ruinarts ab und fuhr zu Axel. Den Van abgeben.

* * *

Zu Hause schaltete Richard erst mal seinen eigenen, ungestörten Fernseher ein und stellte ihn stumm, weil Dr. House noch gar nicht lief. Dann pflanzte er sich mit einer Flache Kölsch, einer Tüte Chips und Steenbergens Laptop auf die Couch. Das Laptop war ein Supercomputer, kantenlos wie ein Ufo, und es hatte eine so gefällige Art, schnell hochzufahren und sich ­widerstandslos in Richards Funknetz einzuwählen, dass er kurz darüber nachdachte, ob nach Klärung des Falls irgendwer dieses Kleinod vermissen würde. Dann aber wusste er nicht recht weiter. Der hübsche Computer schwieg ihn an wie eine Frau, bei der man nicht wusste, ob es sich lohnte, sie anzuquatschen. Halbherzig suchte Richard nach dem Mailprogramm, fand ­einen kleinen grünen Button in der Bedienerleiste, drückte ihn und landete im Freenet -Portal. Steenbergens Passwort war gespeichert. ­Richard rief die Mails auf und entdeckte, dass irgendwer noch am zweiten Tag nach Steenbergens Tod diverse Nachrichten geöffnet hatte. Das fand er zuerst unheimlich, dann interessant, und schließlich fiel ihm ein, dass die Polizei vermutlich das Gerät gesichtet hatte. Seitdem waren dann noch über zweihundert Nachrichten eingegangen. Zweihundert Briefe an einen Toten. Und unzählige gelesene, die davor gekommen waren. Viel Privates schien aber auch hier nicht dabei zu sein. Die meisten Betreffzeilen handelten von Kundentreue und Bonuspunkten. Richard seufzte, schrieb Dr. House ab und ackerte sich durch. Es dauerte drei Stunden und zwei Biere und brachte zwei Erkenntnisse. Erstens: Die ENERGIE war ein riesiges Geflecht von Einzelfirmen, die von ehemals waffenfähigem Uran bis hin zu Trinkwasserleitungssystemen für Entwicklungsländer nahezu alles vertrieben, was mit menschlicher Grundversorgung zu tun hatte. Steenbergen hatte dabei keineswegs zum Vorstand des gesamten Konzerns gehört, wie die reißerischen Zeitungsberichte durchblicken ließen, sondern war »nur« in der Führungsebene der ENERGIEbase beschäftigt gewesen, der Firma, die am direktesten für die eigentliche Energieerzeugung und -verteilung arbeitete, also Betreiberin von Kraftwerken und Stromnetzen war. Zweitens: Steenbergen war vergleichsweise reich gewesen, und Reichsein war anstrengend. Sowie man viel Geld auf einmal ausgab, bekam man von allen Seiten Post und wurde in komplizierte Beratungs- und Bonussysteme eingebunden, die verwaltet werden mussten und die neben Anlagetipps auch so unglaubliche Dinge wie Golfen im Naturschutzreservat, Jungfrauen-Beglücken in Themenbordellen oder Bären-Massakrieren in Sibirien versprachen. Seien Sie nicht dumm! Denken Sie an die Inflation! Machen Sie Schulden und zwar bei uns! Dann bekommen Sie ein einmaliges Jagderlebnis über den Buchten des Baikalsees dazugeschenkt! Das müssen Sie mitnehmen! Wenn Sie zögern, tut es ein anderer! Wer weiß, wie lang es den Euro noch gibt! Oder Bären!

Irgendwann floh Richard in die Küche und holte sich noch ein Bier. Kein Wunder, dachte er wütend, dass man angesichts dieses skandalösen Ausverkaufs einen Hau kriegte und anfing, nach Atlantis zu suchen. Der alte Steenbergen war ja fast noch zu beglückwünschen, dass er so ein – ja: vernünftiges Hobby gehabt hatte, das ihn vom Gebrauch seiner vielfältigen Reichenmöglichkeiten abhielt.

Und dann fragte Richard sich, weshalb er einfach automatisch annahm, dass Steenbergen sich wirklich hatte abhalten lassen. Das konnte man doch gar nicht wissen. Der Typ war zwanzig Tage im Monat auf Reisen gewesen, da konnte gut und gern eine kleine Safari dabei gewesen sein. Vielflieger wie er packten so was vielleicht in ein verlängertes Wochenende. Und wenn man der Theorie folgte, dass sich im Leben alles irgendwie ausglich, dann musste Steenbergen in der Tat irgendwas angestellt haben. So ein Tod wie seiner, das sah mächtig nach Strafe aus. Nach Schicksal. Nach einem Strippenzieher ganz weit oben, der sauer war wegen der Bären und noch so einigem anderen und der sich jetzt auch mal – ein Mal – amüsieren wollte. Ha, ha.

Eine Viertelstunde vor Mitternacht rief Richard schließlich bei Fred an. Fred war so was wie sein freier Mitarbeiter, ein Lehramtsstudent, der keine Arbeit ablehnte, weil er seinen vierjährigen Sohn irgendwie mit durchbringen musste. Richard dachte kurz an Steenbergen, während er wählte: Auch der hatte in sehr jungen Jahren ein Kind gezeugt, doch offensichtlich hatte das seine Karriere nicht behindert.

Irgendwer hob ab und meldete sich nicht, das machte Fred immer so: Er lauschte gespannt ins Telefon wie ein ganz kleiner Junge.

»Fred?«

»Richard?«

»Genau. Du, Fred –«

»Mann, ich hab gerade an dich gedacht.« Freds müde Stimme gewann rasch an Kraft. »Sag mir, dass du Arbeit hast.«

»Na ja«, sagte Richard mit Blick auf Steenbergens Laptop, mit dem er zuletzt versucht hatte, sich eine Bahnverbindung zu dem ominösen Totenmaar herauszusuchen. »So was in der Art schon.«

Fred kaute nun hörbar, das tat er oft beim Telefonieren. Vermutlich legte er sich extra Knabbereien neben den Apparat, um immer gerüstet zu sein, wie für eine Bahnfahrt. »Krass. Dachte schon müsste in diesen befeuerten – mhm – Pfeudo-Veggie-Laden zurück.« Er schluckte. »Ich hab ja rausgekriegt, dass die mit Tiefkühlgemüse aus Spanien kochen und das ist so was von verlogen, echt, und das hab ich Markus auch gesagt, wenn du verstehst, und jetzt zurückmüssen ist voll Kacke.« Er machte eine Pause und raschelte dabei mit irgendeiner Tüte. »Na ja, ­immerhin nehmen sie kein Fleif.«

»Fred«, sagte Richard, »hast du eigentlich ein Auto?«

Nun blieb es still. Für Freds Verhältnisse sehr lange still. »Rick«, sagte er dann völlig klar.

»Also ja.«

»Mann, du, Rick, ich weiß, ich weiß, aber wir brauchen das. Ich muss Simon morgens in die Kita bringen, echt, und das schaffen wir mit der Bahn nicht. Und setz du mal so einen kleinen Knopp bei Regen aufs Fahrrad, und dann muss ich ja über die Zoobrücke, und du weißt, was da für ein Verkehr ist, also das ist mir auch einfach zu gefährlich, Rick, denk nur mal an all die Laster, die da morgens –

»Halt«, sagte Richard. »Fred, ich brauche dein Auto. Und dich, zum Fahren.«

»Oh«, sagte Fred.

»Hast du morgen Zeit?«

»Oh«, sagte Fred wieder. Und: »Na klar, für dich doch immer.«

»Wir müssen ans Totenmaar«, sagte Richard. »Das ist in der Eifel, da kommt man von hier aus schlecht hin. Zu wenig öffentliche Verkehrsmittel. Liegt ein bisschen einsam, dieses Maar –«

»Ich hab davon gehört«, sagte Fred heiter. »Da ist dieser ENERGIE-Typ gestorben, an Kohlendioxidvergiftung, ich hab am Boden gelegen, echt …!«

»Fred!«, sagte Richard streng.

»Du etwa nicht?«

Richard seufzte. »Morgen früh um zehn bei mir.«

»Okay. Ricky?«

»Was?«

»Ich muss es dann in bar haben.«

»Na klar, Fred.«

Fred lachte. »Gibt es da wirklich keinen Bus hin, ans Totenmaar? Oder werden wir jetzt alt?«

»Keinen Bus, den ich erreichen würde«, sagte Richard steif.

Fred lachte wieder. »Also gut, Rick, bis dann.«

Eine alte Frau.

Ja, das war schlimm.

Ach, die hat Sie also gerührt?

Natürlich. Ich bin doch kein Unmensch.

Sie hätten sie leben lassen können.

Soll ich Ihnen mal was sagen: Das da in Steenbergens Haus, das war ein Superjob. Das war der Hammer, ich bin da rein und hab diesen Ökoheini voll abgezockt, und der hat es noch nicht mal gemerkt! Der hat mir alles geglaubt, der hat mich vergessen, als ich aus der Tür raus war! Das ist es, was ich meine mit: Hackersein.

Die alte Dame hatte Sie sofort durchschaut.

Die hätte mir auch geglaubt. Ich war bloß in dem Moment zu vernagelt. Ich habe falsch reagiert. Als sie mich beschuldigt hat, ich wär nicht von Kabel Deutschland, da haben meine Nerven versagt, weil ich einfach nicht damit gerechnet habe. Die alten Damen glauben mir sonst immer! Und die hier, die war auch nicht anders, die hatte nur Langeweile und wollte diskutieren. Ich hätte einfach cool bleiben müssen und ihr eine Geschichte erzählen. Das wär’s gewesen. Aber ich war nervös … Andererseits: Ohne sie wäre ich nie rüber in Steenbergens Haus gekommen, also hatte die Sache dann doch ihr Gutes.

Sagen Sie mal: Was ist das eigentlich für ein Gefühl, wenn ein Mensch unter Ihren Händen stirbt?

Wollen Sie mir jetzt ein schlechtes Gewissen machen?

Nein, es interessiert mich. Ehrlich.

Essen Sie eigentlich Fleisch? Und Eier? Trinken Sie Milch?

Was hat das damit zu tun?

Dann sagen Sie doch mal: Was ist das eigentlich für ein Gefühl, ein Wesen zu essen, das Ihretwegen ein Scheißleben hatte und elend gestorben ist? Was ist das für ein Gefühl, zu wissen, dass tausende Kälbchen in dunklen Ställen an Gumminippeln zutzeln müssen, damit Sie ­Ihren Joghurt zum Frühstück kriegen? Und wie die Hühner gehalten werden, das wissen wir ja alle. Glauben Sie, ich bin grausamer als ein normaler Durchschnittsbauer?

Sie haben doch ein ökologisches Motiv.

Nein. Ich habe das fürs Geld gemacht. Übrigens esse ich auch Fleisch. Ich wollte Ihnen nur mal die Verhältnisse geraderücken.

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22 aralık 2023
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9783867549288
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