Kitabı oku: «Hexenherz. Goldener Tod»
Monika Loerchner
Hexenherz
Goldener Tod

Loerchner, Monika : Hexenherz. Goldener Tod, Hamburg, acabus Verlag 2020
Originalausgabe
Dieses eBook ist auch als Printversion erhältlich und kann über den Handel oder den Verlag bezogen werden.
Print: ISBN: 978-3-86282-788-6
Lektorat: Svenja Nordmann, acabus Verlag
Buchsatz: Laura Künstler, acabus Verlag
Cover: © Annelie Lamers, acabus Verlag
Covermotiv: pixabay.com
Karte: © Carl Wilckens und Monika Loerchner
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© acabus Verlag, Hamburg 2020
Alle Rechte vorbehalten.
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Inhalt
Widmung
Karte
Teil I: 7 Monate
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Über die Schöpfung
Teil II: 7 Wochen
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Die Schöpfung
Teil III: 7 Tage
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Die Autorin
So manche Nebenfigur dieser Reihe
ist in meinem Leben ein Hauptdarsteller.
Und das seit 21, 23, 27 und 34 Jahren.
Danke fürs Mitspielen, Mädels – Ihr seid die Besten!

Teil I: 7 Monate

Kapitel 1
Das ist also Bürgerinnenkrieg. Oder ist es eine Revolution? Welches Wort auch benutzt wird, welche Bezeichnung auch immer am zutreffendsten sein mag – es hat begonnen.
So heimlich, still und leise, dass es fast lächerlich ist. Und doch auf eine Art blutig und grausam, dass mir der Atem stockt. Ich sehe es in all ihren Augen. Da wendet sich Tochter gegen Mutter und Schwester gegen Schwester. Ehemänner wenden sich von ihren Gattinnen ab, allein um der Macht Willen.
Ich lebe hier inmitten des Ausgangspunktes dieser stillen, blutigen Neuerungen. Mein eigener Sohn war es, der den Stein ins Rollen gebracht hat. Niemals gegen meinen Willen, so doch auch nicht auf meinen oder seinen Wunsch hin. Die Ereignisse haben uns einfach mitgerissen; seine Fluten spülen uns wie winzige Kiesel ans Ufer und erst im Nachhinein erkennen wir das Muster, dessen Teil wir geworden sind.
Mehr als 550 Jahre ist es her, dass Beatrix und Stefanie begannen, das Geheimnis des Frauentums, nämlich die in uns allen schlummernde Magie, zu teilen. Sie erweckten die Magie in hunderten Frauen und einige davon zogen aus und taten es ihnen nach. Das Hexentum breitete sich aus, bis die ganze Welt die Wahrheit kannte und die unrechtmäßige Regentinnenschaft der Männer ins Wanken geriet.
Und fiel: Jahr um Jahr, Land um Land erhoben sich die Frauen gegen ihre Unterdrücker, um jahrhundertelang begangenes Unrecht auszumerzen und sich selbst an die Spitze der Schöpfung zu stellen, wie es die Große Göttin von jeher gewollt hat.
Frauen zahlreicher Länder schlossen sich zusammen und während die feigsten, brutalsten, uneinsichtigsten Männer in die Ostlande flohen, Bündnisse mit den Chinesen, den Moldawiern, den Türken und anderen Völkern schlossen und eine Mauer bauten, hinter der sie sich verstecken konnten, formten die Frauen die neu entstandene Schwesternschaft des Goldenen Reiches. Wo die Goldenen Gesetze und die der Göttin gelten, in der ein jede so frei ist wie die Magie, die für die Dauer ihrer fruchtbaren Jahre durch ihre Adern strömt.
Doch als wäre die Geschichte nichts weiter als ein Rad, das sich dreht, zeigt dieselbe Speiche nun wieder nach oben: So wie einst Beatrix und Stefanie alle Weiber zu Frauen machten und die Magie mit ihnen allen teilen wollten, so wollen Adrian und die anderen nun das Geschenk der Göttin mit den Männern teilen.
Was soll ich davon halten? Männer mit Magie … Und zwar nicht irgendwelche Männer, nicht die klugen, tapferen, besonnenen, sondern alle!
Die Sorge, dass der schwache männliche Körper gar nicht in der Lage ist, Magie zu verkraften, konnte Kolja ihnen nehmen. Mein eigener Sohn hat als erster Mann überhaupt wochenlang Magie angewandt. Er hat mir alles erzählt und doch kommt es mir unwirklich vor. Widernatürlich.
Und jetzt sitze ich hier und bin die verdammte Beraterin eines verdammten Anführers von Aufständischen und soll ihm helfen, die ganze verdammte Welt auf den Kopf zu stellen und eine Veränderung herbeizuführen, an die ich nicht glaube und von der ich nicht weiß, ob ich sie überhaupt will. Bei den Sieben Finsterhexen, da habe ich mir ja was Schönes eingebrockt –
»Was soll das denn sein?« Wieder einmal hat es Adrian geschafft, sich unbemerkt an mich heranzuschleichen. Sollte sich mein Körper nicht langsam mal daran gewöhnt haben, dass ich keine Magie mehr habe? Ist immerhin schon drei Jahre her, dass sie mir in der Hauptstadt alles genommen haben, was mich zur Frau gemacht hat. Sollten sich nicht meine anderen Sinne schärfen, um das auszugleichen? Anscheinend nicht.
»Erschreck mich nicht immer so«, grummele ich den Anführer der Rebellinnengruppe an. »Und was soll das heißen, was soll das sein? Du wolltest doch, dass ich alles aufschreibe, was dieser Tage vor sich geht.«
Adrian lacht. »Ich habe dich gebeten, eine Art Chronik zu verfassen, ja. Aber ein Blick über deine Schultern und schon lese ich zigmal das Wort ›verdammt‹. Willst du wirklich damit in die Geschichte eingehen, dass du in so einer wichtigen Aufzeichnung ständig fluchst?«
»Ich fluche, wann und wie es mir passt«, zische ich ihn an, »Du solltest lieber dankbar sein, dass du eine Dumme für das hier gefunden hast!«
Er hebt die Hände. »Ich meine ja nur, dass für eine Beschreibung dieser, nun, geschichtsträchtigen Ereignisse vielleicht eine etwas nüchternere Wortwahl angemessener wäre.«
»Ich gebe dir gleich ›geschichtsträchtige Ereignisse‹! Da ist einer aber ganz schön von sich eingenommen!«
Wie immer, wenn sich Adrian amüsiert, tanzen goldene Funken in seinen Augen. »Es ist, wie es ist, meine liebe Helena! Aber bitte, mach du mal.«
Im Gehen dreht er sich noch einmal um.
»Und glaub nicht, dass ich das mit dem ›verdammten Anführer‹ nicht gesehen hätte!«
Kaum ist er draußen, stehe ich auf und werfe die Tür hinter ihm zu, schiebe den Riegel vor. Als er draußen an meinem Fenster vorbei geht, lacht er immer noch.
Es kommt nicht allzu häufig vor, dass wir in einem Dorf lagern. Zu gefährlich. Mangelnde Sesshaftigkeit ist unsere Stärke – und unsere Schwäche. »Unsere«, bei den Sieben Finsterhexen, jetzt sehe ich mich schon als eine von ihnen an! Aber egal, ob mir das passt oder nicht, mitgefangen, mitgehangen. Auf jeden Fall genieße ich den zusätzlichen Luxus, den mir diese Hütte hier bietet: Ein richtiges Bett. Ein ganzer, warmer Raum, und das Tag und Nacht. Eine Tür, die ich hinter mir zuknallen kann. Ein bisschen riecht es nach alter Frau hier drin, steht ja nicht umsonst leer das Ding. Aber ich habe es für Kolja und mich allein. Alle anderen sind bei den Dorfbewohnern untergebracht.
Schreiben – Göttin, ist es das, wozu ich auf dieser Welt bin? Hier dumm rumzusitzen und zuzuschauen, wie mein Hintern immer breiter wird, während all die anderen da draußen für ihre Überzeugung kämpfen? Ich könnte nur noch gegen Männer antreten und müsste dafür zu Waffen greifen. Mit dem Messer kann ich ganz gut. Nicht so gut wie Mirja, aber … Und mit einem Schwert? Werde ich wohl nie so gut wie Glenna. Tot, sie sind alle tot, und ich lebe noch, zwar ohne Magie, aber dafür voller Selbstmitleid, bei den Sieben Finsterhexen! Ich sitze hier und gehe mir selbst auf die Nerven. Kein Wunder, dass keine zu uns ins Haus wollte. Das Einzige, worauf ich mich derzeit freue, ist, dass es sicher nicht mehr allzu lange dauern wird, bis Kolja eine Frau mit nach Hause bringt. Die kann ich dann … Aber nein, natürlich nicht, ich bleibe brav. Das würde ich ihm nie antun. Er ist immer noch viel zu ernst für sein Alter. Ist ganz schön erwachsen geworden, während er in Annaburg war. Er braucht mich nicht mehr lange. Dann ist das auch wieder vorbei.
Verdammt.
Ich muss mir etwas Neues suchen.
Es klopft.
»Ja, bitte?«
Marzena kommt herein. Adrians Gefährtin und ich waren sehr lange sehr gut befreundet. Nun sind wir … immer noch Freundinnen. Aber ich kann nicht leugnen, dass es mir einen kleinen Stich gibt, wenn ich die beiden zusammen sehe. Was natürlich völliger Blödsinn ist.
»Hallo, komm rein. Was kann ich für dich tun?«
Marzena deutet auf den freien Stuhl neben mir.
»Darf ich?«
»Ja, klar!«
Sie setzt sich hin, steht aber sofort wieder auf und dreht den Stuhl so, dass wir einander schräg gegenübersitzen. Einmal Gardistin, immer Gardistin: Sie hat etwas mit mir zu besprechen.
Die Ereignisse der letzten Jahre haben ihre Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Auf ihrer Stirn zeichnen sich Falten ab, die vorher noch nicht da waren. Oder doch? Ich kann mich nicht erinnern, mir je Zeit genommen zu haben, meine Freundinnen eingehender zu betrachten. Sie waren immer da, verdammt, und mehr war nicht wichtig.
Marzena wendet den Kopf ab und starrt in das Kaminfeuer.
»Willst du etwas trinken? Ich weiß allerdings nicht, ob wir was hier haben.«
Sie lächelt, ohne mich anzuschauen.
»Als Gastgeberin taugst du echt nicht.«
»Sehe ich aus wie ein Hausväterchen?«
»Nee. Sag ich ja.«
Jetzt sieht sie mich an und ich sehe den Schalk in ihren Augen. Marzena ist – im Gegensatz zu mir – eigentlich immer gut gelaunt. Sie hat auch mal schlechte Tage, klar, doch sie hat diese optimistische Grundeinstellung: Hey, das Leben macht Spaß!
Das habe ich immer schon an ihr geliebt – und kann es Adrian nicht verübeln, dass es ihm genau so geht.
»Helena, wir müssen reden.«
Ja, da ist sie, die ernste Marzena.
»Dann mal los. Was gibt es?«
Sie mustert mich aus ruhigen, freundlichen Augen.
»Hand aufs Herz, Helena, nervt es dich, dass Adrian und ich zusammen sind?«
»Nein.« Aber ihre Frage nervt mich. »Adrian und ich sind nie zusammen gewesen. Ein Kuss, und da war ich hackendicht. Nicht, dass ich ihn sonst nicht geküsst hätte, aber … Egal. Wir waren nie ein Paar, ihr dagegen seid eins, Fall erledigt.«
»Gut.« Marzena nickt, doch ich höre ihr an, dass sie ihre Zweifel hat.
»Und jetzt du Hand aufs Herz!« Ich grinse extra breit. »Nervt es dich, dass Adrian mit mir zusammen sein wollte und ich ihn weggeschickt habe?«
»Nein.« Marzena verdreht die Augen und schnauft. »Nicht im Geringsten. Ich meine, damals kannten wir uns ja kaum. Es ist ja auch nicht so, dass ich die Zweitbesetzung oder sowas wäre, also … «
Sie zuckt mit den Schultern. Das reicht: Ich lache los.
Marzena zuckt kurz und fällt dann in mein Lachen ein.
»So viel also dazu«, erkläre ich, nachdem ich mich beruhigt habe.
Meine Freundin nickt.
»Ich fasse dann mal zusammen: Klar nervt es dich, dass wir zusammen sind. Nicht, dass du noch in ihn verknallt wärst. Aber ab und zu fragst du dich sicher, was gewesen wäre, wenn du damals Ja zu ihm gesagt hättest.«
»Und dir«, erkläre ich, »wäre es tausendmal lieber, wenn zwischen uns nie etwas gewesen wäre. Du weißt, dass er dich liebt, aber ab und zu fragst du dich sicher, ob du doch nur … «
Verlegen breche ich ab. Es ist nicht nötig, alles auszusprechen.
Marzena zuckt mit den Schultern und für einen Moment kann ich Schmerz in ihren Augen sehen. Dann wischt sie ihn jedoch beiseite und lächelt wieder, ganz so, wie es ihrer Persönlichkeit entspricht. Bei den Sieben Finsterhexen, wie gut, dass nicht jede so eine alte Grantlerin ist wie ich!
»Nachdem wir das nun geklärt haben, muss ich dir etwas sagen.«
»Aha? Jetzt bin ich neugierig. Andererseits war das für meinen Geschmack schon recht viel an Enthüllungen«, ich schüttele den Kopf, »du könntest mich ruhig in der nächsten Zeit damit verschonen. Oder besser gleich für den Rest meines Lebens. Können wir nicht einfach übers Wetter plaudern?«
»Das könnten wir tun«, lautet ihre ruhige Antwort, »aber aus diversen Gründen halte ich es für ratsam, dich vorzuwarnen.«
»Mich vorzuwarnen?« Mit einem Schlag ist mein Kopf leer. Und doch nicht: Nebelschwaden verdicken sich darin, trüben mir die Sicht und greifen kalt nach meinem Herzen. Früher, als ich noch Eismagie hatte, hat mich das immer getröstet und mir geholfen, die Fassung zu bewahren. Ohne Magie ist der Effekt von Kälte – sei sie nun echt oder eingebildet – nichtmal annähernd so gut. Vielmehr kleistert sie mir den Mund zu, verlangsamt meine Bewegungen, mein Denken.
»Mich vorzuwarnen?«, wiederhole ich krächzend. »Wieso?« In meinen Ohren rauscht es. »Ihr wollt doch nicht weggehen oder sowas, oder?« Göttin, das könnte ich nicht ertragen, nicht noch eine Veränderung!

Kapitel 2
»Aber nein.« Sie lächelt. »Im doppelten Gegenteil.«
»Was ist denn bitte das doppelte Gegenteil von nicht weggehen?«
Marzena lächelt schief, holt tief Luft, strafft ihre Schultern.
»Meine Magie hat sich nicht erneuert.«
»Und?« Die Göttin weiß, wieso, aber es ist, als könnte ich auf mich selbst schauen, wie ich Marzena anglotze, die Augen fragend aufgerissen, den Mund offen stehend, während es in meinem Kopf rattert und rattert. Ich habe wirklich schonmal intelligenter ausgesehen.
»Du bist 31 Jahre alt, also … noch etwas früh für das Ende deiner Magiejahre.«
»Das denke ich auch.«
»Bist du krank? Brauchst du eine Ärztin?«
»Nein und ja, Helena.«
»Also … « Ich fühle mich unschlüssig. »Könnte das vielleicht noch mit damals zu tun haben, mit der Magiesperre, die die Gardistinnen in Annaburg in dich gelegt haben?«
»Helena … «
»Ich meine, du hast ja nie den Schlüssel dafür bekommen oder so. Ja ich weiß, du sagst, die Sperre wäre während der nächsten Magieerneuerung einfach abgefallen. Aber wer weiß, ob das nicht doch jetzt irgendeine Langzeitnebenwirkung ist?«
»Ach Helena.« Marzena schüttelt den Kopf, in ihren Augen mischen sich Belustigung und Sorge.
Ich stehe auf. Muss mich bewegen. Gehe im Zimmer hin und her. Starre erst in die Flammen, dann aus dem Fenster. Irgendwo da draußen ist Adrian, sicher damit beschäftigt, irgendwelche Pläne zu schmieden, irgendwem Feuer unterm Hintern zu machen, irgendwo bei irgendetwas mit anzupacken.
»Mein Adrian«, durchzuckt es kurz und vollkommen schwachsinnig meine Gedanken. Er war nie mein Adrian. Er hätte meiner werden können, aber das ist längst vorbei. Dennoch, wie ich mir gnadenlos eingestehen muss, hatte ich immer das Gefühl, dass ich mir ihn – trotz Marzena – immer noch hätte nehmen können, wenn ich nur gewollt hätte. Diese Einsicht ist schmerzhaft und so gar nicht schmeichelhaft. Marzena ist meine Freundin und hat es nicht verdient, dass ich so fühle. Aber sie muss es ja nie erfahren. Oder weiß sie es schon?
Der Schmerz hat sich angeschlichen und stößt jetzt mit aller Brutalität zu. Fährt mir direkt ins Herz und ich flehe die Göttin an, mir wieder Eis zu schicken. Ich kann das nicht ertragen!
»Helena?«
Komm schon, Helena, reiß dich zusammen! Bring das hier hinter dich und lass Marzena gehen. Danach kannst du von mir aus wie ein kleiner Junge rum heulen!
Ich drehe mich zu ihr um und bemühe mich, so etwas wie ein Lächeln zustande zu bringen. Ich weiß nicht, warum ich ihr unbedingt etwas vormachen will. Bei den Sieben Finsterhexen, wir waren gemeinsam in der Ostgarde, haben Blut vergossen und um gefallene Schwestern getrauert. Haben um unser eigenes Leben gefürchtet und allen Unbilden getrotzt. Als mich die Umstände auf die falsche Seite des Lebens katapultiert hatten, kam sie und kämpfte an meiner Seite. Riskierte alles für Menschen, die sie nicht kannte, die, im Gegenteil, für sie Verräterinnen waren. Und das alles nur aus Freundschaft zu mir. Ich muss ihr nichts vormachen, denn so sehr ich mich auch dagegen sperre: sie kennt mich. Sie hat mich längst durchschaut und weiß, wie ich mich fühle. Deshalb ist sie hier, vermutlich war sie noch nicht einmal bei Adrian, das wäre genau ihre Art.
Und wie es ebenfalls ihre Art ist, zieht sie sich angesichts meines Zustandes taktvoll zurück.
»Ich muss jetzt mal wieder los, Helena. Wir sehen uns ja sicher später.«
Es ist verführerisch, dass sie es mir so einfach macht. Doch bei meiner Ehre, ich kann sie so nicht gehen lassen.
»Marzena?«
»Ja?« Ihr Lächeln, als sie sich in der bereits offenen Tür zu mir umdreht, ist voll aufrichtiger Freude.
»Herzlichen Glückwunsch!«
Sie legt eine Hand auf ihren Unterbauch.
»Danke.«
Marzena ist schwanger. Adrian hat ihr also ein Kind geschenkt und sie werden eine Familie sein. Eine Familie, von der er schon immer geträumt hat. Damals mit Mirja wollte er kein Kind, das Leben eines Rebellen auf der Flucht verträgt sich nicht mit einem Säugling. Das hatte er damals gesagt, ruhig und vernünftig, natürlich. Dabei hatte er seinen Schmerz darüber nicht vor mir verborgen. Überhaupt ist Adrian immer so offen zu mir, dass ich nicht begreifen kann, wieso ihn das nicht verletzlich macht.
Ich stehe mitten im Raum und weiß nicht so recht, wohin mit mir. Ich könnte wahlweise in den Kamin oder aus dem Fenster starren, doch würde das meiner Stimmung ganz gewiss nicht gut tun. Trinken wäre eine Möglichkeit, wenn es Abend wäre. Nicht in einer Million Jahre würde ich es wagen, um diese Uhrzeit Apfelwein zu trinken; ich bin 32 Jahre alt, doch ein Teil von mir ist noch immer fest davon überzeugt, dass mein Vater das mitbekommen und mich tüchtig ausschimpfen würde. Ob das jemals aufhört?
Nichts hilft so gut gegen Kummer, wie sich zu beschäftigen. Nur womit? Ich habe ja keine Magie mehr, kann also nicht wirklich etwas Gescheites tun, obwohl, ha, ich könnte ja rausgehen und den Männern zur Hand gehen. Bei den Rebellinnen ist es sowieso einerlei, ob es sich um Männer- oder Frauenarbeit handelt: Viele Frauen benutzen ihre Magie nicht; es gibt ebenso magielose Fräulein wie solche, die die Erweckung ihrer Magie verweigert haben. Männer gelten Frauen als gleichgestellt und keine ist sich zu schade, zu kochen, zu waschen oder sonst wie niedere Arbeiten zu verrichten. Keine außer mir, sollte ich wohl sagen. Nur weil ich mehr oder weniger gezwungen bin, bei den Rebellinnen zu leben, muss ich ja nicht gleich die ganze Weltordnung auf den Kopf stellen!
Schlimm genug, dass ich mich mittlerweile an den Anblick gewöhnt habe, den die so wenig fügsamen Männer hier bieten: Die Köpfe hochmütig gereckt schreiten hier einige breitbeinig aus, lächeln nach hier und da, als seien sie die wahren Regentinnen der Welt. Unfassbar. Am schlimmsten von allen ist Gero. Ich muss nur seine Visage sehen und schon juckt es mich in den Fingern.
»Du gehst mir aus dem Weg«, befindet Adrian, als wir am Abend unser Lager aufschlagen.
Er hat recht: Seit mir Marzena vor nunmehr sechs Wochen von ihrer Schwangerschaft erzählt hat, habe ich den Anführer der Rebellinnen gemieden. Adrian war auch nach unserem Aufbruch aus »Sumpfeiche« regelmäßig zu Kolja und mir gekommen, um sich nach dem Befinden meines Sohnes zu erkundigen. Selbst dabei hatte ich es vermieden, ihn anzusehen und war häufig einfach unter irgendeinem Vorwand geflüchtet.
»Stimmt doch gar nicht!«
»Stimmt ja wohl!« Er grinst. »Und das weißt du auch. Also, was ist los?«
»Nichts!« Ich löse die Riemen meines Rucksacks und lasse ihn so galant wie möglich zu Boden. Was nicht viel bedeutet, das verflixte Ding ist nämlich ziemlich schwer.
»Verdammt, was hat der Junge alles eingepackt?«
»Jetzt lenk nicht ab, Helena.«
»Ich lenke nicht ab«, grummele ich halbherzig. »Aber im Gegensatz zu dir habe ich keine Lust, stundenlang in der Kälte rumzustehen. Ich würde es vorziehen, wenn sich heute Nacht zwischen der Mondin und mir eine kälteabwehrende Zeltplane befinden würde. Alles klar? Also wenn du schon meinst, hier rumstehen und plaudern zu wollen, kannst du mir genauso gut helfen!«
Zu meinem Verdruss zuckt Adrian mit den Schultern und ist wenige Augenblicke später dabei, die Zeltplane auszuschütteln.
»Na los, nimm die anderen beiden Enden!«
Es gibt nicht viele Dinge, die ihm die Laune verhageln. Insofern hätte die Göttin Marzena ruhig zu einem Mann schicken können, der ihre Frohnatur nötiger hat!
Ich seufze. Meine Grantelei nervt mich mittlerweile selbst.
»Ach, es ist das alles hier«, versuche ich, Adrian meine Gemütsverfassung zu erklären – ohne freilich zu viel zu verraten. »Erst hängen wir wochenlang in diesem Kaff fest. Jetzt sind wir endlich wieder unterwegs, aber ohne Ziel und Richtung. Oder habe ich da etwas verpasst?«
Ich werfe ihm einen prüfenden Blick zu, dem er standhält.
»Nein, leider. Ich warte noch auf Meldung von Ruben und ein paar anderen. So lange ich nicht weiß, wo genau sich die Südgarde befindet und welche Route der diesjährige untere Ausbildungszug nimmt … « Er zuckt mit den Schultern und schafft es gleichzeitig, sich hinzuknien und die ersten Zeltschlaufen mit Pflöcken am Boden zu befestigen.
Ich senke meine Stimme. »Wir sind länger als üblich in dem Dorf geblieben. Viel länger.«
Adrian passt seine Stimme der meinen an. »Du weißt, warum.«
»Ist es schon offiziell?«
Der Anführer steht auf. »Ja, wir haben es nach und nach allen erzählt.«
»Ist das klug?«
»Inwiefern?«
»Nun … « Göttin, wieso kann ich nicht einmal meine Klappe halten? »Na ja, du weißt schon … . Die ersten drei Monate … sind ja nun meist eher kritisch. Und wenn es dann schon alle wissen … «
»Es war Marzenas Entscheidung. Es passiert, was passiert. Aber ich denke, wir alle können dieser Tage ein bisschen Hoffnung gebrauchen.«
Ich hoffe für die beiden, dass die nicht enttäuscht werden wird.
»Aber zurück zu dir, meine Liebe!« Mist. »Warum gehst du mir aus dem Weg?«
»Das sagte ich doch schon.« Ich krabbele in das Zelt, um von innen die mittlere Stange zu befestigen. Als ich wieder herausgekrochen bin, steht Adrian noch immer da, die Arme verschränkt, und grinst mich an. Mir entgeht allerdings nicht, dass in seinen Augen weniger ein Lachen, als Sorge steht. Er macht sich ernsthafte Gedanken.
»Ich gehe dir nicht aus dem Weg. Nicht direkt wenigstens.« Ich breite die Arme aus. »Das alles hier hebt nicht gerade meine Laune. Ist einfach so. Ich habe keine Magie mehr, ich bin unnütz. Halt« – ich hebe die Hand, um ihm zu bedeuten, dass er mich ja nicht unterbrechen soll – »Ich bin für meine Verhältnisse einfach verdammt untätig. Das nervt mich. Das Schlimmste ist, dass ich nicht weiß, wie ich das ändern soll.«
»Du bist also mit deinem Leben unzufrieden?«
Ich zucke mit den Schultern. »Scheint so.«
»Und wenn du wieder unterrichten würdest? Es gibt hier genug Leute, die sich gern von dir im körperlichen Kampf helfen lassen würden.«
»Ja klar«, spotte ich, »und mit Gero fange ich an. Wer weiß, vielleicht können wir danach ja noch eine Runde kuscheln.«
Adrian bleckt die Zähne. »Deinen Biss hast du nicht verloren, so viel steht fest. Komm schon, raus mit der Sprache, was spricht dagegen? Dass du damit indirekt helfen würdest, deine ehemaligen Gardeschwestern zu bekämpfen?«
Es nervt, wie gut er mich kennt.
»Mmh.«
»Na schön. Aber Kolja unterrichtest du doch!«
»Ja, wenn du ihn nicht gerade mit irgendeiner Aufgabe von mir fern hältst!«
Der Anführer lacht schallend. »Ach Helena! Als ob irgendetwas auf der Göttin Erdboden deinen Sohn von dir fernhalten könnte! Aber dein Selbstmitleid ist köstlich, zugegeben, das ist bei dir mal echt was Neues!«
Wenn der wüsste …
»Wenn du mit der Situation unzufrieden bist, dann ändere was.«
»Ach ja, und was?«
Er schüttelt den Kopf. »Das musst du schon selbst wissen. Es ist ja nicht so, als würde dich eine zwingen, hier zu sein. Du wolltest zu uns zurückkommen.«
»Ja. Weil ich ehrlich gesagt gedacht hatte, dass es ein bisschen aufregender wäre.«
»Aufregender?«
»Du weißt, was ich meine. Kolja hat bewiesen, dass auch ein Mann Magie mit Hilfe von Speichersteinen anwenden kann. Aber ihr macht nichts draus!«
Er schaut mir ernst in die Augen. Noch immer halte ich in ihnen nach den Funken Ausschau, die einst darin tanzten. Ich sollte das nicht mehr tun.
»Wir sind dabei, Helena. Vertrau mir. Aber du kennst mich: Ich werde kein Blutvergießen beginnen, wenn ich es verhindern kann!«
Ja, das weiß ich und ja, ich vertraue dir. Doch reicht das, um den Rest meines Lebens hinter dir her zu marschieren?
Ich spreche den Gedanken nicht aus. Doch vergessen kann ich ihn auch nicht.

Kapitel 3
Die nächsten Tage verlaufen eintönig und auch wieder nicht. Wir marschieren am Tag und schlafen in der Nacht. Ich hasse es, dieses Herumgereise ohne festes Ziel. Zu viel Zeit, nachzudenken. Zu viel Zeit, zu grübeln. Ich weiß, dass im Hintergrund zig Dinge ablaufen. Da wäre zunächst einmal Kolja, der gemeinsam mit Désirée anderen Nicht-Frauen beibringt, wie sie Magie aus den Speichersteinen ziehen und anwenden können. Dafür ist natürlich notwendig, dass uns ein stetiger Strom an Speichersteinen erreicht. Woher Adrian sie bekommt und von wem sie abgebaut werden, weiß ich nicht, es spielt auch keine Rolle. Die Steine, die bei uns ankommen, werden dann von einigen Rebellinnen mit Magie in vorgefertigte Schmuckstücke eingesetzt. Auch diese Schmuckstücke – Ringe, Ketten mit Anhängern, Armbänder, Ohrringe – kommen von irgendwoher. Und all das will bezahlt werden: Adrian schickt Leute aus, damit sie Geld oder Sachspenden einsammeln. Hier treibt er seine Leute unentwegt an, zu jagen, wann immer es sich ergibt, nachts Fallen aufzustellen und nach anderen, verkaufsfähigen Dingen wie besonders schmackhaften Kräutern Ausschau zu halten. Der Geruch frisch gegerbter Felle durchströmt unser Lager, kaum dass wir es aufgeschlagen haben. Unentwegt wird irgendwo geschnitzt, gesammelt, angefertigt. Je mehr Tiere wir unterwegs erlegen, desto größere Vorsicht müssen wir walten lassen: Es ist nur Anwohnerinnen erlaubt, in den Wäldern zu jagen. Umherziehende, wie wir es sind, sind unerwünscht und jeder unachtsam verstaute Tierkadaver kann eine Garde auf unsere Spur bringen. Ich muss es wissen, ich bin selbst früher so vorgegangen.
Hier rächt sich nun, dass so wenige der Rebellinnen über Magie verfügen. Immerhin ist die ein oder andere Erweckungsverweigerin mittlerweile unter der Last der Arbeiten eingeknickt. Nichts täte ich lieber, als mich ebenfalls auf handwerkliche Weise nützlich zu machen. Doch ich habe nie wirklich gelernt, dies ohne Magie zu tun.
Wurde eine ausreichende Menge Magiespeichersteine in Schmuckstücken getarnt, müssen die wiederum zu anderen Rebellinnen oder Adrian wohlgesonnenen Frauen gebracht werden, die ihre Magie dann einspeisen. All dies führt zu einem ständigen Strom an Menschen, die kommen, Dinge und Nachrichten bringen, andere Dinge wieder mitnehmen und das Lager wieder verlassen. Dabei sind wir ständig unterwegs. Adrian benutzt nur die nötigsten Wegmarkierungen; er traut den regimetreuen Hexen nicht, befürchtet, einer seiner Leute könnte ihnen in die Hände fallen und sie könnten durch Magie die Bedeutung der Zeichen aus ihr herauspressen. Auch diese Furcht ist begründet, auch das habe ich selbst schon während meiner Zeit bei der Ostgarde getan, beziehungsweise angeordnet. Also müssen wieder Menschen ausziehen, die an Treffpunkten ausharren, und Ankömmlinge dann zum nächsten Treffpunkt schicken. Wie Perlen auf einer Schnur hat Adrian seine Leute über ein riesiges Gebiet verteilt. Und ein jede kennt nur die jeweils nächste Stelle. Das minimiert das Risiko, das dennoch bleibt.
Die Südgarde kommt uns ein paar Mal gefährlich nahe. Deren Obere scheint eine neue Taktik zu haben, um unliebsame Personen aufzuspüren: Sie setzt vermehrt auf schlagkräftige Zweiergruppen, die sie auch über mehrere Tage hinweg allein die Wälder durchstreifen lässt. Lästig sind sie, diese Patrouillen, da auf diese Weise zahlreiche Trupps unterwegs sind. Keiner von ihnen darf auffallen, dass wir uns in ihrem Gebiet aufhalten. Sonst schlagen sie Alarm und ziehen ihr tödliches Netz um uns zusammen. Wir hätten nicht den Hauch einer Chance.
Überhaupt finde ich es fast schon bewundernswert, worauf sich Adrian alles einlässt. Über die Hälfte seiner Anhängerinnenschaft besteht aus Menschen ohne anwendbare Magie, also aus Fräulein, Erweckungsverweigerinnen, auch der ein oder anderen Großmutter, und Männern. Als ich das erste Mal bei Adrians Truppe gelandet war, hatten sich auch die meisten Frauen geweigert, im Alltag Magie zu benutzen. So drückten sie ihre seltsame Ansicht darüber aus, wie gleichgestellt wir alle doch sein sollten. Das hat sich mittlerweile geändert, wie ich nicht ohne Schadenfreude feststelle; die Frauen unter den Rebellinnen wirken ob des Arbeitspensums abgehärmt und müde.
Während meiner Zeit bei der Ostgarde hatten die Rebellinnen ganz anders agiert: Fallen für die Garden wurden aufgestellt und trickreiche Manöver erdacht, uns um Lebensmittel und andere Dinge zu erleichtern. Wege wurden uns versperrt oder unsere Späherinnen kunstvoll in die Irre geführt. Zu Kämpfen kam es zugegeben nur, wenn wir Rebellinnen gestellt hatten, von sich aus hatten sie uns nie angegriffen.
Das alles ist jetzt vorbei. Adrians einziges Augenmerk gilt der weiteren Erforschung der Magiespeichersteine. Denn sie sind die einzige Chance, die seine Gruppe langfristig hat, um gegen die immer stärker werdenden Garden anzukommen. Sollte er es schaffen, die Fähigkeiten seiner Leute damit zu verbinden, dass er jeder Frau und jedem Mann jede Magie verschaffen kann, käme die Goldene Frau ernsthaft in Bedrängnis. Und das weiß sie. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Goldene Frau seit den Ereignissen vor drei Jahren danach giert, Adrian in die Finger zu bekommen. Keine Ahnung, ob sie weiß, dass ich von Zuhause weg bin. Doch sollte sie je erfahren, dass ich hier bin, ist die Teufelin los, so viel steht fest.
Und in all diesem Trubel hänge ich nur herum und habe Langeweile. Ja, Langeweile. Ich fühle mich seltsam isoliert. Klar, ich gehöre nicht wirklich zu denen hier. Ich bin mit meinem Sohn mitgekommen, weil ich bei ihm sein wollte und weil ich sehen wollte, was passiert. Neugier also, wenn ich ehrlich bin. Doch gerechnet hatte ich mit etwas ganz anderem: Wie ein Lauffeuer, so dachte ich, würde sich die Magie unter den männlichen Rebellen verteilen, so dass nur wenige Wochen vergehen würden, bis Adrian in den Krieg ziehen würde: Gegen die Hauptstadt Annaburg oder für den Anfang erstmal gegen eine Garde!
Doch nichts, Pustekuchen. Stattdessen das übliche Wanderleben und jede Menge Organisationskram. Das habe ich schon damals bei der Ostgarde gehasst, ich bin eine Frau der Tat! Und dummerweise gibt es nichts für mich zu tun.
Ich habe es ja versucht, weiß die Göttin! Habe mich abends an ein Lagerfeuer gesetzt, ein paar Becher Apfelwein getrunken und tiefsinnige Gespräche darüber geführt, wie die Welt wohl aussehen wird, wenn sich Männer von dem ihnen von der Göttin angestammten Platz erheben. Nicht, dass ich das gut finden würde. Aber spannend, immerhin.
Doch auch solche Gedankenspiele verlieren mit der Zeit ihren Reiz, wenn du jeden Abend wunde Füße hast und nicht weißt, wohin mit dir. Ich habe meinen Platz in dieser Welt schon vor Jahren verloren. Eine Zeit lang sah es so aus, als wäre es meine neue Bestimmung, Koljas Mutter zu sein. Das hat mich gerettet, ansonsten hätte ich mich sicher schon auf die ein oder andere Weise zur Großen Göttin befördert.
Aber dann musste ich ihn gehen lassen und zurück kam ein junger Mann, der weiterwachsen und mich irgendwann nicht mehr brauchen wird. Ja, ich habe meinen Platz in der Welt verloren. Und ich weiß nicht, wie ich je wieder einen finden soll.
»Hallo Mama!«
»Du bist spät dran heute!«, schimpfe ich halbherzig. Mit meinem ganzen Selbstmitleid habe ich mich wieder einmal selbst in trübe Stimmung versetzt. »Ich musste alles allein aufbauen und auspacken.«
»Tut mir leid.« Er schnieft. »Es hat heute eben alles ein bisschen länger gedauert.«
»Ist alles in Ordnung bei dir und Désirée?«
»Ja, wieso fragst du?«
»Ach, nur so. Wie kommt ihr denn voran?«
Kolja zuckt mit den Schultern. »Bei mir ging es damals schneller, aber wir sind dran.«
»Natürlich ging das bei dir damals schneller«, sage ich voller Stolz. »Du bist der intelligenteste Junge … junge Mann, den ich kenne!«
»Ach Mama, das sagst du ja nur, weil du –« Er stockt.
Ich weiß, was ihn dazu gebracht hat: Der Gedanke daran, dass ich ja eigentlich gar nicht seine Mutter bin, zumindest nicht im biologischen Sinn, sondern Ada. Und dass sie so etwas Schönes nie über ihn oder zu ihm gesagt hat. Weil sie eine dämliche, egoistische Mistkröte ist, der ich am liebsten mal ganz gehörig ein paar Ohrfeigen verpassen würde. Leider, leider besteht mein Sohn darauf, dass Ada allein seine Angelegenheit ist. Aber ich werde ja wohl noch träumen dürfen.
»Weil ich deine Mutter bin«, vollende ich seinen Satz. Dingen, die weh tun, muss er sich stellen, damit sie aufbrechen und heilen können. Auch wenn er es immer und immer wieder tun muss. Es wird jedes Mal besser, verdrängen bringt nichts außer schwärenden Wunden, die nach innen wachsen. »Ja, ich bin deine Mutter und nein, das sage ich nicht nur deswegen.« Ich schnaufe übertrieben. »Oder kannst du dir vorstellen, dass ich sowas zum Beispiel zu Corey sagen würde, wenn er mein Sohn wäre?«
Ich habe es geschafft, Kolja lächelt. Ganz vorsichtig. Er sieht immer so zerbrechlich aus!
Überhaupt: Jetzt, da das Licht meiner Öllampe über sein Gesicht huscht, sieht er kleiner aus, als er ist. Mehr Kind noch als Mann, und doch sagen seine Augen etwas anderes.
»Sag mal, irre ich mich, oder hast du Ränder unter den Augen?«
»Was?« Kolja kramt einen Spiegel aus seiner Tasche und mustert dann kritisch sein Antlitz. Ich betrachte ihn indessen insgesamt etwas genauer. Dass er das mit den Augenringen nicht sofort abgestritten hat, macht mich stutzig. Normalerweise besteht er immer darauf, dass es ihm gut geht.
Waren seine Schultern nicht mal breiter? Zumindest waren sie mir so vorgekommen, als er aus Annaburg zurückgekommen war. Schlank war er, seit ich ihn kenne, und die Wachstumsschübe, die er in den letzten zwei Jahren gemacht hat, haben ihr Übriges getan. Aber dass er so dünn ist? Ja, die Versorgung ist hier nicht so gut, wie er es von Zuhause in Smaleberg gewöhnt ist, aber dennoch ausreichend. Er hatte viel zu tun in der letzten Zeit: Erst das Abenteuer in Annaburg und der harte Ritt zur Gefängnisburg-über-Almetal. Kaum angekommen, waren wir gemeinsam aufgebrochen und als wir dann auf Adrian gestoßen waren, ging es fast sofort wieder weiter. Von dem etwas längeren Aufenthalt in diesem Kuhkaff mal abgesehen, waren wir ständig auf Reisen. Und kaum, dass wir irgendwo unser Lager aufgeschlagen hatten, war Kolja mit Désirée und ein paar anderen im Wald verschwunden, um sein Wissen weiterzugeben. Mein Sohn sieht schon seit einiger Zeit ständig müde aus, ja, aber ich hielt das für normal, es geht uns ja allen so.
Während Kolja den Spiegel wieder wegpackt und sichtlich verlegen mit den Schultern zuckt, lasse ich meinen Blick wieder über sein Gesicht gleiten. Mag sein, dass es an den Lichtverhältnissen liegt, aber was sind das für dunkle Stellen unter seinen Wangenknochen?
»Mojserce, bist du krank?«
Er weicht meinem Blick aus. »Nein Mama, nur ein bisschen überanstrengt vielleicht. War ein bisschen viel in der letzten Zeit, ich bin auch ein bisschen müde.«
Dreimal »ein bisschen«, das ist mir aber ein bisschen zu viel!
»Schau mich an!«
Gehorsam richtet er seinen Blick auf mich. Darin liegt so knochentiefe Erschöpfung, dass ich mir Mühe geben muss, um nicht zusammen zu zucken.
»Kolja, Mojserce, du bist krank!«
»Ach nein, Mama, mach dir keine Sorgen! Es geht mir … na ja, es ging mir schon besser, aber ehrlich, es ist nichts. Ich bin nur total müde.«
»Dann schlaf jetzt, mein Schatz!«
Muss ich mir Sorgen machen? Nein, sicher nicht, beschließe ich. Kolja ist einfach nur erschöpft, wie wir alle.

Kapitel 4
Als Désirée am nächsten Morgen kommt, um Kolja abzuholen, erwarte ich sie bereits vor unserem Zelt. Sie und Kolja hatten es sich zur Angewohnheit gemacht, ihr Frühstück morgens mitzunehmen und unterwegs zu verzehren. Himmelfraugöttin nochmal, wieso habe ich das nicht unterbunden?
»Weil du keine dieser unbedarften, hilflosen Mütter sein wolltest, die meint, alles kontrollieren zu müssen, nur weil sie keinen Mann hat, der sich um das Kind kümmert. Weil du locker sein wolltest« – so in etwa würde wohl die richtige Antwort lauten. Was im Endeffekt – und dafür brauche ich nun wirklich keine Seelenärztin zu befragen – einfach darauf hinausläuft, dass ich will, dass mein Sohn mich nicht nur liebt, sondern auch mag. Verdammt. Erziehungskompetenztechnisch der totale Reinfall also. Wenn ich allerdings jemals gedacht hätte, den Kleinen noch erziehen zu müssen, wäre ich wahrscheinlich schreiend weggerannt. Und wenn ich »erziehen« einfach durch »beschützen« ersetze? Dann klingt es tausendmal besser, bei den Sieben Finsterhexen, und nicht so verflucht nach Kerlekram. Gut, beschützen also. Und dazu gehört, dass ich jetzt erstmal dafür sorge, dass Kolja Ruhe bekommt.
»Guten Morgen!«, begrüßt mich Désirée gut gelaunt. »Ich wollte Kolja abholen.«
»Sorry, das wird heute nichts.« Noch bevor die Rebellin etwas einwenden kann, füge ich hinzu: »Und morgen auch nicht. Kolja ist krank.«
»Was?« Sofort nimmt das Gesicht der blonden Rebellin besorgte Züge an. Ich kann nur hoffen, dass ihre oberste Sorge meinem Sohn und nicht der Mission gilt. »Was hat er denn?«
»Das weiß ich noch nicht genau. Auf jeden Fall ist er total erschöpft und soll erstmal ausschlafen. Danach sehen wir weiter.«
»Hm.« Sie senkt den Blick, knabbert an ihrer Unterlippe.
Ich hake nach: »Ist dir in der letzten Zeit etwas an ihm aufgefallen?«
Sie lacht hart auf. »Er sah müde aus, das ja. Aber tun wir das nicht alle? Adrian treibt alle an, weil wir Geld brauchen, um die nötigen Dinge zu kaufen. Das Leben als Rebellin war immer schon hart, aber die letzten Wochen … Wer nichts Materielles beisteuern kann, wird auf Botinnengänge geschickt. Und alles hängt davon ab, dass wir vorwärtskommen.« Sie reibt sich das Gesicht, es wirkt eingefallen und grau. Ich bin wohl wirklich die Einzige hier, die vor lauter Nichtstun schon Fett angesetzt hat.
»Kolja und ich stehen unter enormem Druck.« Sie lässt die Schultern hängen. »Ich hätte besser auf ihn Acht geben sollen. Bei der Göttin, er ist erst 15!«
»Lass das.« Ich knurre es eher, als ich es sage. »Mir ist auch nichts aufgefallen, und ich bin seine verdammte Mutter!«
Einen Moment lang starren wir uns unglücklich an.
»Kann ich etwas tun?«
Ich zucke mit den Schultern. »Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, was. Oder doch, vielleicht … Kennst du dich mit Kräutern und so Zeugs aus? Oder kennst du eine, die es tut?«
»Du meinst Heilkräuter?«
»Ja, etwas in der Art. Ach, keine Ahnung!« Wieso nur hat es Adrian in all den Jahren nicht gebacken gekriegt, eine Frau mit Heilmagie anzuwerben? »Irgendwas halt. Zur Stärkung, oder für die Atemwege, falls es eine Erkältung ist.«
»Hustet Kolja denn?«
»Nein.«
Göttin, ist das deprimierend. Kolja war nie groß krank gewesen und wenn er mal Bauchschmerzen hatte, hat ein ganz normaler, heißer Tee immer ausgereicht. Ich weiß, dass Baldrian beim Einschlafen hilft, Pfefferminze gegen Halsschmerzen und Kamille oder Fenchel gegen Übelkeit. Wie diese Pflanzen allerdings aussehen und welche Teile genau davon benötigt werden, ist mir ein Buch mit sieben Siegeln. Wenn Kire und Selym krank waren, hat sich immer mein Vater um sie gekümmert, oder eben die Ärztin aus dem Nachbarinnnenort. Jetzt wünschte ich, ich wüsste mehr über so etwas.
»Na ja«, Désirée seufzt, »weißt du was? Dann mache ich eben mal frei. Wenn man das bei all dem Chaos hier so nennen kann. Ich hole mir Frühstück – soll ich dir etwas mitbringen?«
»Nein, danke!« Obwohl … »Ja, bitte! Rieche ich da Speck?« Das wäre ja mal was! »Falls ja, bitte eine doppelte Portion, bevor wieder alles weg ist!«
Ein Rascheln lässt mich herumfahren: Kolja ist aufgewacht.
Ich krieche in das Zelt. Mein Sohn hat sich ein Stück weit aufgerichtet und blinzelt verschlafen umher.
»Guten Morgen, Mama«, sagt er heiser und räuspert sich dann. »Wie spät ist es?«
»Egal«, bescheide ich und würde am liebsten losheulen, weil er so verdammt normal klingt. »Du hast heute frei und die nächsten Tage auch. Keine Widerrede, ich habe Désirée schon Bescheid gegeben. Sie ist übrigens ganz auf meiner Seite. Sie kann eine Pause auch gut gebrauchen, also keine Sorge.«
Seufzend lässt er sich wieder auf das Fell sinken, das ihm als Matratze dient.
»Willst du noch liegen bleiben?«
»Geht das denn?«
»Alles, was du willst!«
»Ach nein«, er rappelt sich wieder auf. »Wir müssen doch sicher weiter.«
»Das hat Adrian nicht allein zu bestimmen. Alle sind müde und erschöpft.« Außer mir, versteht sich. »Ich werde ihn fragen und wenn er was dagegen hat, dann kann er mich mal im Ar–«
»Mama!«
»Na ist doch wahr!«
Ich krieche rückwärts aus dem Zelt. Da Désirée noch nicht wieder da ist, scheint das mit dem Speck noch etwas zu dauern. Also kläre ich die Sache mit Adrian am besten gleich. So wie ich ihn kenne, ist er vermutlich sogar froh darüber, einen Grund zu haben, seinen Leuten eine Pause zu verschaffen. In seiner Brust schlagen zwei Herzen: Eigentlich will er nur in Ruhe gelassen werden und mit Gleichgesinntinnen ein Leben führen, wie sie alle es für richtig halten, fern der Goldenen Gesetze. Andererseits ist er aber intelligent genug um zu wissen, dass die Goldene Frau dies nie zulassen wird. Und dass er seine Leute daher auf den Ernstfall vorbereiten muss.
»Ein Leben auf der Flucht ist nur dann etwas wert, wenn du es auch Leben nennen kannst«, hatte er mir einmal anvertraut und so auf die Diskrepanz hingewiesen, die ihm jeden Tag zu schaffen macht. Nie hat er eine daran gehindert, wieder in die Gesellschaft zurückzukehren, wenn sie es wollte, und immer haben diejenige Adrians beste Wünsche begleitet.
Ich gehe Richtung Marzenas und Adrians Zelt. Noch bevor ich es erreiche, ruft der Anführer meinen Namen.
»Helena!«
Keuchend kommt er von hinten auf mich zu gerannt. Hinter ihm Marzena, Franko und Julian, einer von Martinas Leuten.
Adrian packt mich am Arm. »Wir müssen weg hier, Helena! Die Südgarde! Stufe 5! Treffpunkt Sumpfeiche!«
Mehr sagt er nicht, sondern rennt weiter und gibt dabei hektisch Kommandos. Stufe 5, da muss die Garde verdammt nah an uns dran sein.
Kolja!
Ich renne zurück zu unserem Zelt. Göttin sei Dank, dass es nichts Ernstes ist und mein Sohn anscheinend wirklich nur etwas Schlaf gebraucht hat!
Obwohl ich nicht gerade leise bin, rührt sich nichts, als ich ins Zelt krabbele.
»Mojserce? Steh auf, wir müssen weg hier. Stufe 5, Treffpunkt Sumpfeiche!«
Zu wissen, wo wir alle wieder zusammenkommen würden, ist fast so wichtig, wie die Flucht an sich.
»Komm schon, Kolja, steh auf!«
Er rührt sich nicht. Neben ihm auf dem Boden liegt ein leerer Becher. Offenbar hat er sich mit Hilfe von Magie etwas Wasser hergeholt.
»Ach komm schon«, sage ich und beginne, meine nötigsten Sachen zusammen zu packen. Das ist schnell erledigt, denn bei Alarmstufe 5 darf jeder nur exakt drei Dinge mitnehmen. Die meisten hier haben auf die harte Tour gelernt, dass die meisten Gegenstände ersetzt werden können, Freiheit oder gar das eigenen Leben aber nicht. Nun ja, oder sie haben es eben nicht gelernt.
»Kolja!« Langsam werde ich wütend. »Ich find`s ja schön, dass es dir wieder gut genug geht, dass du mich hier veräppeln kannst. Aber ich mache keine Scherze, hörst du? Alarmstufe 5, es ist die Südgarde. Also beweg gefälligst deinen kleinen Hintern!«
Ich stupse ihn an. Nichts. Wahrscheinlich hat dieser Schlingel nur irgendwelchen Kram unter seine Decke gestopft und hat sich weggeschlichen, um mir den Frühstücksspeck wegzufressen. Na warte!
Mit einem Ruck ziehe ich die Decke weg. Mir stockt der Atem. Da liegt Kolja. Das Blut, das aus seinem Mund geflossen ist, gerinnt bereits. Seine Augen sind auf mich gerichtet, aber er sieht mich nicht.
»Kolja!«
»Kolja!«
Ich lasse mich auf die Knie fallen und rüttele an seiner Schulter. Nichts. Göttin, das darf nicht wahr sein!
»Adrian!«, schreie ich, »Hilfe!«
Wieder rüttele ich an Koljas Schultern, weiß nicht, ob ich zuerst nach seinem Herzschlag tasten oder seinem Atmen fühlen soll. Dann endlich, nach den längsten Sekunden meines Lebens, blinzelt er.
»Mojserce!«
»Mama?«
Er hustet und weiteres Blut quillt aus seinem Mund. Vor einer Sekunde war ich noch erleichtert, dass er nicht tot ist. Jetzt legt sich die Angst wieder wie eine Klammer um mein Herz, schnürt mir die Kehle zu. »Kolja, was ist denn mit dir?«
Er hustet weiter. Ich habe nichts hier, nichtmal ein verdammtes Glas Wasser, wenn ich doch nur Magie hätte …
»Komm, setz dich auf, dann bekommst du besser Luft!« Behutsam helfe ich ihm, seinen Oberkörper aufzurichten. Schwer lehnt sich Kolja an mich. Ich greife mir das nächstbeste Ding aus Stoff – ein Oberteil? – und tupfe ihm damit das Blut vom Kinn.
Kolja hustet weiter, doch zu meiner unendlichen Erleichterung erscheint kein neues Blut mehr.
Eine kommt ins Zelt, ich drehe mich kurz um. Adrian.
»Was ist los?«
»Wasser«, antworte ich knapp. Er gibt den Befehl nach hinten weiter.
»Irgendwas ist mit meinem Jungen!«
»Kolja?« Wie kann Adrian in dieser Situation so besonnen klingen? »Kolja, Junge, schau mich an!«
Der tut, wie ihm befohlen.
Adrian mustert ihn, registriert das Blut, das ich nicht ganz abbekommen habe.
»Bekommst du richtig Luft?«
Kolja nickt.
»Kannst du sprechen?«
»Etwas.« Es klingt wieder wie ein Krächzen.
»Tut dir etwas weh?« Mein Sohn schüttelt den Kopf und stöhnt. »Ich bin nur so … unfassbar … müde.«
Hätte ich mich nicht hinter ihn gehockt, er hätte sich wohl einfach zu Boden fallen lassen. Schwer drückt Koljas Gewicht gegen mich. Göttin hilf, was ist nur los mit meinem Kleinen? So etwas kommt doch nicht von heute auf morgen. Was hat mein Junge? Und was habe ich übersehen?
Es ging ihm gestern Abend schon nicht gut. Ich hätte mir Sorgen machen und die ganze Nacht über ihn wachen sollen! Stattdessen habe ich geschlafen wie ein Stein – und jetzt …
Ich kann nicht verhindern, dass mir Tränen über die Wangen laufen. Der Schmerz ist zu wild, meine Angst zu groß.

Kapitel 5
»Adrian!«
»Ich weiß, Helena, ich bin ja jetzt hier.«
Marzena kommt mit einem Eimer Wasser und einem Becher zurück. Sie gießt etwas ein und hält Kolja den Becher hin.
»Hier, trink etwas!«
»Hm?«
Er öffnet nur halb die Augen, wirkt benommen. Gemeinsam flößen Marzena und ich ihm ein paar Schlucke ein. Wenigstens hustet er nicht wieder. Ich taste am Hals nach seinem Puls – und finde keinen. Bevor die Panik mich überrollen kann, versuche ich es an seinem Handgelenk. Da ist er ja, wenn auch beunruhigend schwach.
»Wir brauchen eine Ärztin!«
Marzena und Adrian tauschen einen verzweifelten Blick.
»Wir haben keine.«
»Dann … besorgt eine, ist mir doch scheißegal«, schreie ich. »Seht ihr denn nicht, wie schlecht es ihm geht?«
»Ist ja gut, Helena, wir finden eine Lösung!«
Er dreht sich um.
»Marzena, geh! Schick mir wen du willst, aber komm nicht wieder her. Kümmere dich um die anderen, wir müssen weg hier.«
Die Klammer um meine Brust zieht sich enger zusammen.
»Denkst du, es könnte etwas Ansteckendes sein?«
»Ich weiß es nicht.«
Schwäche, Müdigkeit, Bluthusten …
»Schwindsucht?«
Adrian schüttelt den Kopf. »Wo sollte er sich angesteckt haben?«
»Aber was ist es dann?«.
»Ich weiß es nicht. Das Naheliegendste wäre etwas mit der Lunge, denke ich.«
Meine Gedanken rasen. »Was hilft dabei?«
»Was meinst du?«
»Wir haben keine Heilmagie«, erkläre ich so ruhig ich kann. »Aber die haben andere auch nicht. Ganze verdammte Länder mit ihrem Scheiß-Magieverbot leben ja auch noch, also muss es doch irgendwelche Heilkräuter oder was-weiß-ich-was geben!«
»Salbei«, krächzt Kolja mit geschlossenen Augen. »Zitrone, Ingwer, Pfefferminze. Honig.«
»Haben wir sowas da?«
»Kann schon sein«, ich höre die Verzweiflung in Adrians Stimme, »aber ich kann jetzt keinen Tee kochen. Helena, wir müssen weg! Die Garde wird bald hier sein!«
»Soll ich meinen Sohn deswegen sterben lassen?« Ein Gedanke formt sich. »Die Südgarde hat Ärztinnen!«
»Helena, sei vernünftig!« Adrian legt mir eine Hand auf den Arm. »Sie würden euch beide einsperren!«
Ich schüttele seine Hand ab. »Soll Kolja etwa so enden wie Chris?«
Der Anführer zuckt zusammen. Vielleicht war es nicht fair, seinen Freund ins Spiel zu bringen, der sich mit der Wutkrankheit infiziert hatte und ohne heilmagische Behandlung an deren Folgen gestorben war.
»Du hast recht«, sagt er leise. »Besser so, als dass er stirbt. Ich bleibe bei euch.«
»Das wirst du nicht!«
»Ich lasse dich und den Jungen nicht im Stich!«
»Aber Marzena und das Baby?«
»Ach verdammt!«
»Ich habe hier was!« Simone kommt ins Zelt gestürmt, in der Hand eine Kette. Sie deutet auf den Anhänger: »Wir haben alles durchsucht, Helena, hier drin ist Heilmagie! Nicht viel, aber … !«
Fast hätte ich ihr das Ding aus der Hand gerissen.
»Woher… ? Ach egal! Mach schon, schnell!«
Koljas Atem ist wieder in ein leises Röcheln übergegangen. Entsetzt sehe ich, wie erneut ein dünner Blutfaden aus seinem Mundwinkel rinnt.
»Simone!«
Die Frau zögert. »Helena, ich habe so etwas noch nie gemacht! Es ist gerade mal drei Jahre her, dass meine Magie erweckt wurde. Ich bin ja froh, dass ich mit meiner eigenen Magie klarkomme!«
Ich habe jetzt keine Zeit für so einen Scheiß! »Gib her!«
Ich reiße ihr die Kette aus den Händen. Sie zerreißt, aber egal, auf den Anhänger kommt es an! Darin steckt der Magiespeicherstein, in dem sich die Heilmagie befindet.
Für einen winzigen Moment halte ich inne. Es ist fast drei Jahre her, dass ich Magie angewandt habe. Ich hätte jederzeit versuchen können, welche aus einem Speicherstein zu ziehen, doch ich hatte nie gewollt. Auf die Magie anderer Frauen angewiesen zu sein, kam mir unfassbar demütigend vor. Jetzt danke ich der Göttin und allen Rebellinnen dafür.
Es ist wie ein Nachhausekommen.
Ich greife nach der Magie in dem Stein, als würde sie vor mir liegen. Nehme sie in mir auf und verspüre ein unfassbar triumphales Gefühl. Baby, ich bin wieder da!
Süße Macht rauscht durch meine Adern. Keine Ahnung, was ich mir da alles genommen habe. Die Frauen werden darauf geachtet haben, nur miteinander verträgliche Magiearten in den Stein eingespeist zu haben. Da mache ich mir keine Sorgen. Und selbst wenn, ich hätte mir in diesem Moment alles genommen, egal, mit welchen Konsequenzen!
Kein Vergleich kann beschreiben, wie es sich anfühlt, nach all der Zeit wieder Magie zu haben! Alles verblasst und erscheint nichtig dagegen. Fast alles.
»Weg!«, sage ich und eine Magie in mir – Wind? – fegt Adrian aus dem Weg, als wäre er nicht viel mehr als ein winziges Kätzchen.
Ich brauche die Heilmagie nicht zu suchen: Mein Herz drängt nach meinem Sohn und sie folgt ihm.
Ich habe nie gelernt, wie man Heilmagie anwendet. Das macht nichts, vieles geht da intuitiv. Das Problem ist nur, dass ich die Magie nicht in Kolja aufrechterhalten kann. Was immer ich also vorfinde, muss ich irgendwie von der Magie so richten lassen, dass es hält, wenn ich sie wieder loslasse.
Aufgeregte Schreie dringen an mein Ohr. Die Garde wird bald hier sein, ich muss mich beeilen! Ich spüre mit jeder Faser meines Seins, wie sie näher kommen. Adrian hat sich wieder aufgerappelt und hält Koljas Hand. Ich liebe Marzena, aber ich werde ihn nicht noch einmal wegschicken.
Ich öffne meine Sinne und greife nach Kolja. Lasse die Heilmagie zunächst nur als winzigen Strahl in ihn hinein gleiten. Erst muss ich wissen, womit ich es zu tun habe!
Die Magie berührt ihn, dringt in ihn ein und zuckt zurück. Fast hätte ich aufgeschrien, so hastig kommt die Kraft auf meinen Befehl hin zurück zu mir.
»Adrian!«, rufe ich, »hol Désirée! Schnell!«
Er hastet weg, ohne Fragen zu stellen. Guter Mann.
Ich nehme Koljas Hand in meine Linke und den Speicherstein in meine Rechte.
»Mojserce? Bist du wach? Hörst du mich?«
Er stöhnt, seine Augen bleiben geschlossen. Verdammter Mist! Wenn er wach wäre, könnte er sich selbst heilen! Jetzt, da ich weiß, was meinen Sohn krank macht, kann ich ihm helfen. Ich muss es können!
Ich greife mit der ersten Magie aus, die ich finde: Wind. Nur wie soll ich sie benutzen, ohne dass sie Kolja berührt? Kann ich sie saugen lassen?
»Helena!« Désirée, der Göttin sei Dank! »Er hat eine Magievergiftung«, keuche ich. »Es muss alles raus! Ich kann nichts tun, kannst du?«
»Lass mich da hin!«
Désirée schubst mich weg und nimmt Koljas Hände. Ein konzentrierter Ausdruck erscheint auf ihrem Gesicht. Ich weiß, dass sie damals als Koljas Lehrerin ausgewählt worden war, weil sie über Rauchmagie verfügt. Damit ist sie in der Lage, sich und andere vor Magie zu schützen, indem sie durch abertausende Partikel fremde Magien absorbiert. Wenn sie meinem Sohn nicht helfen kann, dann …
»Ich habe was«, flüstert Désirée. Sie ist bleich und ich sehe Schweißtropfen auf ihrer Stirn. »Aber die andere, ich bekomme sie einfach nicht zu fassen. Die Magie ist zu glitschig.«
Glitschig?
»Du hast Rauch, stimmt`s?«
»Ja.«
»Hier«, ich reiche ihr den Speicherstein. »Benutz das Eis darin, um die Partikel in deinem Rauch einzufrieren. Dann rutschen sie nicht ab!«
Die Rebellin nickt. »Gute Idee!«
Was auch immer sie tut, sie macht es rasch. Farbe kehrt in Koljas Gesicht zurück und sein flacher Atem wird wieder tiefer. Er öffnet die Augen.
»Mama!«
»Sch, alles ist gut, mein Schatz!«
Adrian beginnt, ein paar Dinge in meinen Rucksack zu stopfen.
»Helena!«
»Ich weiß.«
Er schaut zu Désirée. »Kann er fliehen?«
Sie nickt. »Er schafft das, ich habe fast alles erwischt. Helena hatte recht, es ist eine Magievergiftung. Er wird wieder.«
Große Göttin, ich danke dir!
Adrian reicht den Rucksack an Désirée weiter und hilft mir, Kolja auf die Beine zu bekommen. Höchste Zeit: Das Lager ist mit Ausnahme von uns und Simone leer.
»Macht schnell«, keucht sie. »Hier entlang!«
Ohne uns abgesprochen zu haben, vereinen Simone, Désirée und ich unsere Magie und schaffen es so, Kolja neben uns her schweben zu lassen.
Adrian sprintet zu seinem Zelt, holt eine weitere Tasche und dann rennen wir, so schnell die Göttin uns lässt, in den tiefen, dunklen Wald.
Als wir den Treffpunkt Sumpfeiche, eine von außen nicht einsehbare Höhle, erreichen, sind wir alle am Ende unserer Kräfte. Hätten mir Désirée und Simone nicht geholfen, ich hätte Kolja nie hier hochbekommen. Es sind bereits einige Rebellinnen da, die nach uns Ausschau gehalten und Wachen postiert haben. Adrian schließt wortlos Marzena in die Arme, die an seiner Schulter schluchzt. Corey und ein paar andere nehmen uns Kolja am Höhleneingang ab, tragen ihn behutsam auf ein Lager aus Decken. Désirée, Simone und ich schleppen uns irgendwie ins Innere und lassen uns dann einfach irgendwo fallen. Es ist so herrlich warm hier drinnen, dass die anderen lange vor uns hier gewesen sein müssen.
»Hier, Helena, trink das!« Marzena hält mir einen Becher an die Lippen. Heißer Apfelwein.
»Ich liebe dich!«, erkläre ich der Frau und trinke einen Schluck.
Marzena lacht leise.
»Ich bin so froh, dass ihr hier seid. Und Kolja wird wieder gesund?«
Ich nicke.
»Ich schäme mich.« Sie senkt den Blick. »Ich hätte mich nicht wegschicken lassen dürfen.«
»Adrian hatte nur Angst um dich und das Baby.«
»Und?«
»Sei ihm nicht böse.«
»Bin ich nicht. Dafür bin ich viel zu erschöpft.«
Sie lächelt und faltet ihre Hände über dem Bauch.
»Dann ist ja gut.« Soll ich? Ach komm, besser jetzt, als morgen. »Und ich hätte ihn wegschicken sollen.«
»Hm. Hast du es denn versucht?«
»Ja. Nein. Ach, nicht wirklich.«
»Er wäre sowieso nicht weggegangen. Ihr gehört zu unserer Familie.«
»Stimmt.« Ich leere den Becher. »Wo ist Kolja?«
»Da hinten, tiefer in der Höhle, wo das Feuer ist.«
»Passt du auf ihn auf?«
»Das werde ich, Helena, versprochen!«
»Und weck mich, wenn was ist.«
»Mach ich. Jetzt schlaf.«
Außer den Wachen verlässt keine die Höhle. Sie ist gut genug getarnt, um die Garde in die Irre zu führen. Dank des schmalen Eingangs reicht eine Frau aus, um uns magisch abzuschirmen. Nach wie vor verlassen sich die Rebellinnen darauf, dass die Garde unmöglich das ganze Gebiet nach Leben absuchen kann. Solche Magie ist hoch anstrengend und unterscheidet zudem nicht zwischen Mensch und Tier. In der Höhle, die recht schmal, dafür aber tief ist, sind wir überdies von drei Seiten von meterdickem Stein umgeben. Da kommt keine so schnell durch. Von vorne sind wir für eine magische Wahrnehmung sozusagen hintereinander gestapelt. Das dürfte die Dinge um Einiges verkomplizieren.
Das Feuer in der Höhle wird klein gehalten, gekocht oder gebraten wird nicht. Einzige Ausnahme sind die Tees, die Marzena rund um die Uhr für Kolja zubereitet. Anfangs war ihm dieser Mehraufwand sichtlich unangenehm – auch beim Teekochen muss eine Frau dann ständig daneben stehen und die Gerüche daran hindern, die Höhle zu verlassen – doch nach und nach hatten auch die anderen Interesse an dem Heißgetränk bekundet, eine willkommene Abwechslung zu der kalten Rohkost, mit der wir Vorlieb nehmen müssen, und Koljas schwacher Protest wurde einfach ignoriert.
Wäre ich nicht so mit meinem Jungen beschäftigt gewesen, ich hätte mich wohl zu Tode gelangweilt. Kolja war noch nie ernsthaft krank, seit er bei mir ist. Mit Verblüffung stelle ich fest, wie zeitaufwendig, nervenaufreibend und kräftezehrend so eine Krankenbetreuung ist. Doch woher hätte ich das auch wissen sollen? Sowas ist Zuhause gemeinhin Männersache und auch in den Krankenhäusern sind es meist Männer, die sich neben den Ärztinnen um Kranke und Verwundete kümmern. Ich möchte aber gar nicht, dass sich wer anders um meinen Sohn kümmert. Ich bin seine Mutter, schlimm genug, dass ich mich bei seinem Befinden so fatal verschätzt habe. Bei der Göttin, ich werde es wieder gut machen!
Kolja kommt langsam wieder zu Kräften. Désirée berät sich mit einigen anderen Rebellinnen, die wie ich Erfahrung damit haben, fremde Magie aus einem Speicherstein zu ziehen. Widerwillig erlaube ich einigen, Kolja ebenfalls zu untersuchen. Wir sind uns einig, was die Magievergiftung anbelangt; was wir nicht wissen ist, wie es dazu kam.

Kapitel 6
»Wir alle haben schon unsere Erfahrung damit gemacht, eine Magieart zu erwischen, die unserer natürlichen Magie zuwider läuft«, fasst es Simone eines Abends zusammen.
Kelly, eine ältere Rebellin, nickt. »Mir war noch nie so dermaßen schlecht!«
Auch ich habe schon Bekanntschaft mit dieser Art der Unverträglichkeit gemacht. Es war Amphibienmagie, die dermaßen heftig auf meine damalige Eismagie reagiert hatte, dass ich sogar in Ohnmacht gefallen war. Doch so krank wie Kolja war nie eine geworden.
»Vielleicht ist der männliche Körper einfach zu schwach für Magie?«, mutmaßt Jana.
»Blödsinn«, mischt sich Désirée ein. »Kolja hat damals in Annaburg mehrere Wochen Magie benutzt und nichts ist passiert!«
Mehrere Wochen – da muss ich nachhaken! »Wie lange war das genau?«, überlege ich laut. »Er ist von Smaleberg aus zu euch und zwei Wochen später zum Ausbildungszug, richtig?«
Die blonde Rebellin nickt. »Leonie und Kolja brauchten zwei Tage, um ihn zu treffen. Der Zug selbst brauchte dann fünf Tage bis Annaburg.«
»Mojserce«, rufe ich nach hinten, »Wie lange bist du in Annaburg gewesen?«
Kurze Stille.
»Drei Wochen und zwei Tage.« Er lacht auf. »Wie seltsam – es kam mir viel länger vor!«
»Hm.« Ich rechne: »Von da aus bist du zu deiner … in den Norden, richtig?«
»Ja.« Koljas Stimme wird mit jedem Tag fester. »Zwei Tage.«
»Und dann … « Wieder stocke ich und beschließe, eine Etappe seiner Reise ungenannt zu lassen. »Zurück nach Smaleberg. Das waren wie viele Tage?«
»Zwei.«
»Das macht insgesamt genau sieben Wochen. Hm.«
»Was denkst du, Mama?«
Ich kann es noch nicht ganz benennen. »Hast du auf dem Rückweg irgendwelche Magie angewandt?«
»Ja«, antwortet er. »Im Bibertal. Du weißt schon, um –«
»Ja«, schneide ich ihm das Wort ab. Falls sich eine darüber wundert, lässt sie es sich nicht anmerken. Gut so, der Schmerz meines Sohnes geht schließlich keine etwas an!
»Und außer dem einen Mal?«
Wieder überlegt Kolja eine Weile.
»Zuletzt so richtig Magie angewandt hatte ich in Annaburg, als ich auf meinem Zimmer einige Experimente gemacht habe. Danach habe ich nur noch ganz wenig Magie benutzt. Ich war zum größten Teil damit beschäftigt, Robert bei seinen Sachen zu helfen. Acht Tage später habe ich mich auf den Weg nach … Norden gemacht. Da habe ich auch Magie angewandt, ich musste mein Pferd ja irgendwie auf die Sandstraße bekommen und abends wieder hinunter. Und noch für ein paar Kleinigkeiten, ihr wisst schon.« Verlegen zuckt er mit den Schultern. Und ja, wir verstehen schon. Eine gewöhnt sich sehr schnell daran, Magie zu haben. »In Ha… im Norden dann einmal mehr«, fährt Kolja fort, »und sicherlich ein paar Mal zwischendurch. Ach Mama, ich weiß es wirklich nicht mehr so genau!«
»Auf jeden Fall über sieben Wochen am Stück. Verdammt!«
»Was ist denn los?« Marzena schaut mich fragend an.
»Nun, ich hatte ehrlich gesagt so eine Idee gehabt. Die sich aber nicht bestätigt hat. Schade.«
»Und was war das für eine Idee?«
»Nun, es dürfte doch wohl kaum ein Zufall sein, dass sich unsere Magie alle drei Wochen erneuern muss, richtig?«
»Woran denkst du?«
»Was, wenn die Göttin uns diese eine Woche Pause im Monat auferlegt hat, damit sich unser Körper davon erholen kann?«
»Ich weiß nicht.« Marzena rümpft die Nase. »Also ich hatte nie das Gefühl, eine Pause zu benötigen, im Gegenteil: Ich empfinde es als extrem nervtötend, so schwach zu sein.« Sie streichelt ihren Bauch. »Vor allem jetzt. Ehrlich, meine Magie fehlt mir!«
Die anderen Frauen haben während ihrer Ausführungen genickt. Ich stimme meiner Freundin ebenfalls zu: In all meinen Jahren unter Magie hatte ich nie das Gefühl, dass sie mir eine Last wäre. Was aber, wenn doch?
»Nun, Kolja hat so lange Magie angewandt, und zwar über sieben Wochen, ohne irgendwelche Nebenwirkungen gespürt zu haben«, ich zucke mit den Schultern, »dass es anscheinend sowieso eine Schnapsidee war.«
»Sag das nicht, Mama!«
»Wieso?« Wir drehen uns zu Kolja um. Der ist aufgestanden, ignoriert meinen besorgten Blick und kommt zu uns herüber, seine Decke fest um die schmalen Schultern geschlungen. Er lässt sich mit einem Seufzer neben mir nieder. Er sieht immer noch krank aus, aber seine Augen funkeln.
»Ich glaube, du könntest recht haben!«
»Ach ja?«
»Ja! Sieh mal, Mama: Ich hatte doch zwischendurch gar keine Magie!« Er erklärt Marzena und den anderen: »Meine Magiereserven waren, als ich in Annaburg ankam, fast aufgebraucht. Wegen der Lügen, die Leonie erzählt hat, war ich dann erstmal ohne Magie, weil kein Nachschub mehr für mich ankam. Erst als Désirée ihre Zwillingsschwester Sabrina geschickt hat, konnte ich wieder an aufgefüllte Speichersteine kommen!« Er tippt sich mit dem Finger gegen die Wange. »Also habe ich … einen Augenblick … Ich hatte an meinem dritten Tag im Refugium, also auch an meinem vierten Tag in Annaburg, meinen Finger geheilt.« Er wirft mir einen um Verzeihung heischenden Blick zu. Ich weiß, wie es zu der Verletzung gekommen ist und wüsste nicht, was es zu verzeihen gäbe. »Danach hatte ich nur noch Magie für den Notfall, die habe ich aber nicht angewandt. Am nächsten Tag kam Sabrina und drei Tage später brachte sie mir neue Steine. Erst dann habe ich wieder Magie benutzt. Ich war eine Woche unter Magie im Refugium. Am nächsten Tag dann der Ritt in den Norden, ins Almetal und zurück nach Smaleberg, macht zusätzlich vier Tage.« Er strahlt mich an. »Das sind gerade einmal elf Tage gewesen! Und vorher… «
»Das waren die zwei Wochen bei den Rebellinnen«, rechne ich jetzt laut vor, »plus die zwei Tage zum Zug und dann fünf Tage bis Annaburg. Vier Tage dort, macht«, dummdidumm, »genau 23 Tage!«
»Das sind mehr als 21 Tage«, stellt Simone trocken fest.
»Eiskalt kombiniert.« Ich nicke. »Ist aber nur wenig drüber. Einige Frauen bekommen ihre Zeit der Magieerneuerung ja auch etwas unregelmäßig. Es wäre also möglich, dass ich recht habe.«
Marzena runzelt die Stirn. »Also womit jetzt genau?«
»Dass sich Kolja eine Magievergiftung eingefangen hat, weil er zu lange am Stück Magie benutzt hat. Ich meine, seit wir hier sind, hat er ja jeden Tag mit Désirée und den anderen geübt. Das sind mittlerweile«, ich muss ja nur daran denken, wie weit Marzena ist, »dreizehn Wochen!«
Die schwangere Frau nickt langsam. »Da könnte tatsächlich etwas dran sein. Ich erinnere mich: als ich noch die Sperre drin hatte, habe ich ja begonnen, Pflanzenmagie aus Steinen zu ziehen und zu benutzen. Als dann meine Zeit der Magieerneuerung kam, habe ich das aber irgendwie nicht getan, es fühlte sich, hm, falsch an irgendwie. Und dann ist ja die Magiesperre gefallen und es war sowieso wieder alles beim Alten.«
»Und hast du denn später mal während deiner Tage Magie von anderen Frauen benutzt? Oder eine von euch anderen?«
Die Frauen sehen sich an und schütteln langsam den Kopf.
»Du hast recht, Mama, das ist es also!« Kolja strahlt mich an. »Du bist echt die Beste!«
»Ich weiß! Das heißt aber noch lange nicht, dass ich damit hundertprozentig richtig liege.«
»Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Sinn ergibt es«, meint Simone. »Drei Wochen Magie, eine Woche Pause. Es macht schon Sinn, dass das dann auch für Nicht-Frauen gelten sollte.«
»Was bedeutet, dass du jetzt erstmal Pause hast, mein Lieber! Und zwar nicht nur eine Woche, sondern so lange, wie ich es für richtig halte!«
Ich hatte mit Protest oder Trotz gerechnet, doch Kolja nickt einfach.
»Das denke ich auch, Mama.«
Wir bleiben zwei Wochen in der Höhle. Immer, wenn mir die Zeit lang zu werden droht, denke ich daran, was ich fast verloren hätte.
Meinem Sohn geht es mit jedem Tag besser, der Göttin sei Dank! Als Adrian es für sicher befindet, wieder aufzubrechen, kann Kolja problemlos Schritt halten. Als ich kommentarlos seinen Teil des Gepäcks nehmen will, protestiert er und beginnt, zu debattieren. Natürlich hat er gegen mich keine Chance, doch mein Herz hüpft vor Freude: Er ist wieder ganz der Alte!
Alle genießen es, endlich wieder draußen zu sein. Tatsächlich waren nicht wenige von einem kleinen Höhlenkoller befallen gewesen. Das bleibt nicht aus, wenn viele Menschen auf so engem Raum zusammen hocken, da ist Streit vorprogrammiert. Das Ganze hat mich ein wenig an einen Winter erinnert, als es tatsächlich so viel geschneit hatte, dass wir trotz unserer Stärke gezwungen gewesen waren, in unseren Zelten zu bleiben und still zu halten. Ausgerechnet wir, die Ostgarde, die Garde mit dem härtesten Ruf überhaupt, war zum Nichtstun verdammt gewesen. In diesen winterdunklen Tagen ist jede Menge Alkohol und Magie geflossen und meine Obere, Frau Helmich, hatte so manche Frau an die frische Luft gesetzt, ihr Mütchen im Schnee zu kühlen …
Auch das kalte, karge Essen – schrumpelige Äpfel, Nüsse, die weiß die Göttin wie alt waren, und löffelweise Mehl, was halt in Notverstecken so herumliegt, weil es sich lange hält – hatte auch nicht unbedingt zu guter Laune beigetragen. Entsprechend fröhlich sind alle, als es endlich wieder nach draußen und weitergeht. Die Rebellinnen reißen sich darum, von Adrian auf einen Botinnengang geschickt zu werden und mein Hunger auf Fleisch ist so gewaltig, dass ich selbst ein Eichhörnchen nur einmal kurz durch die Flamme ziehen würde.
Wir finden schnell in den gewohnten Trott: tagsüber marschieren, abends Lager aufschlagen, schlafen oder Wache halten, aufstehen, Frühstück, Lager wieder abbauen und weiterziehen. Und doch hat sich etwas verändert. Koljas Zusammenbruch hat bei allen ein beklemmendes Gefühl hinterlassen. Adrian treibt seine Leute längst nicht mehr so hart an wie vorher. Muss er auch nicht, denn während unseres Zwangsaufenthaltes in der Höhle wurden zig Gegenstände gefertigt, die zum Tausch oder Verkauf geeignet sind. Außerdem konnte uns kein frischer Nachschub an Magiespeichersteinen und Schmuck erreichen. Kein Wild wurde erlegt, das zerwirkt und weiter verarbeitet hätte werden müssen. Ohne Kolja hatte auch Désirée den Unterricht nicht fortgeführt, es war allgemeiner Stillstand. Nun scheint Adrian bestrebt zu sein, die Dinge seinen Leuten zuliebe etwas langsamer angehen zu lassen.
Der Alltag spielt sich aber auch so wieder ein. Bald verlässt Désirée auch morgens wieder mit ein paar Freiwilligen das Lager, um weiter an der Anwendung der Magie zu forschen. Sie und Marzena haben einen Plan ausgearbeitet, der sicherstellen soll, dass sich so etwas wie bei Kolja nicht wiederholt. Obwohl noch nicht bewiesen, gilt meine Theorie von der Überlastung durch das Überspringen der eigentlich magiefreien Tage als richtig.
»Ihr könntet das eigentlich nach mir benennen«, meine ich eines Tages zu Marzena, während wir auf das Abendessen warten.
»Ach ja?« Sie zieht die Augenbrauen hoch. »Du meinst sowas wie ›die Helena-Krankheit‹? Klingt aber wenig schmeichelhaft!«
»Pfff, du hast einfach keine Fantasie! Alle guten Krankheiten sind nach ihren Entdeckerinnen benannt.«
»Oder nach deren Heilerinnen!«
»Na bitte: ich bin beides!« Ich grinse sie an. Während der Zeit in der Höhle war schlichtweg kein Platz für irgendwelche Peinlichkeiten. Wir sind wieder so eng miteinander wie vor der ganzen Sache mit Adrian.
»,Morbus Helena‹«, spinne ich das Ganze weiter. »Oder wie wäre es mit dem ,Rinasdother-Syndrom‹?«
»Du bist doof!«
»Bin ich nicht!«
»Helena, hast du mal einen Augenblick!« Göttin, bin ich froh, dass Adrian nicht zu den Männern gehört, die ihren Partnerinnen bei jeder sich bietenden Gelegenheit einen Kuss auf die Wange hauchen.
»Ja klar, was gibt`s?«
»Komm mit!«, sagt er und geht mit mir ein Stück abseits. Was er mir zu sagen hat, sollen die anderen anscheinend nicht mitbekommen.
»Ich muss mit dir über etwas sprechen«, sagt er, als wir mit den Schatten des Waldes verschmolzen sind. »Wie du weißt, hat uns Kolja ausführlich über seine Erfahrungen mit den Magiespeichersteinen und seiner Anwendung der verschiedenen Magiesorten berichtet und auch gemeinsam mit Désirée versucht, dieses Wissen in seiner praktischen Anwendung an andere zu vermitteln. Das Problem ist nur … «
»Ja?«
»Es funktioniert nicht.«

Kapitel 7
Wie bitte? »Was genau funktioniert nicht?«
»Was Kolja uns berichtet hat, dass auch Männer Magie anwenden können. Es klappt einfach nicht! Wir haben auch Désirée dazu geholt. Sie war es, die damals mit Kolja geübt hat. Aber nichts, gar nichts.«
»Wer hat es denn versucht?«, verlange ich zu wissen. »Gero? Corey?«
Adrian seufzt. »Wir haben es alle versucht.«
Das überrascht mich jetzt doch. »Auch du?«
»Auch ich.«
»Wieso klappt es nicht?«
»Wenn ich das wüsste, liebe Helena, dann würde ich längst daran arbeiten, das Problem zu lösen.«
Immer, wenn er mich ›liebe Helena‹ nennt, bin ich versucht, ihm die Zunge herauszustrecken. Darf man das bei einem angehenden Vater überhaupt noch?
»Also nochmal ganz langsam: Du willst mir also erzählen, dass mein Sohn die einzige Nicht-Frau ist, die es geschafft hat, Magie anzuwenden!?«
»Ganz genau.«
»Hast du die Steine überprüft?«
»Was denkst du denn? Désirée und Simone haben das getan, mehrfach sogar. Sie hatten kein Problem damit, die Magie herauszuziehen, die andere Frauen eingespeist hatten. Nein, an den Steinen oder Magiesorten liegt es nicht. Es muss etwas anderes sein. Irgendetwas stimmt da nicht.«
Ich verenge meine Augen zu schmalen Schlitzen, »Du willst doch wohl nicht etwa sagen, dass mein Junge lügt, oder?«
»Ach Quatsch!« Adrian scheint dem Ton nach mehr verblüfft als wütend zu sein. »Mach dich nicht lächerlich! Keine hier zweifelt an dem, was dein Sohn erzählt hat. Im Gegenteil, er hat es uns ja selbst gezeigt. Doch was wir auch versuchen, keinem unserer Männer oder Fräulein ist es bislang gelungen, es ihm gleich zu tun.«
»Hm.« Ich lege den Kopf in den Nacken und sehe zum Himmel herauf. Die Mondin schimmert als sanfte Sichel, einzelne Sterne scheinen sich in den Vordergrund zu drängen und der Wald um uns herum kommt langsam zur Ruhe. Ebenso die Rebellinnen: Das Lager scheint fertig zu sein, ich erkenne die vielen Zelte als dunkle Schemen; in deren Mitte ein Feuer, auf dem sicher gleich etwas gekocht wird. Hoffentlich etwas mit Fleisch!
Bleibt nur eine Frage: »Warum, zu den Sieben Finsterhexen, hast du mir das nicht gesagt? Wieso erfahre ich das erst jetzt, nachdem ich wochenlang« – ich stiere ihn finster an – »dumm rumgesessen habe. Ich hätte euch helfen können!«
»Jetzt guck nicht so böse«, Adrian lacht. Woher weiß er das? Unmöglich, dass er bei dieser Dunkelheit meinen Gesichtsausdruck sehen kann! »Wir hatten … . Na gut«, er seufzt, »Ich hatte den Eindruck, dass du Zeit für dich brauchst.«
»Zeit für mich?«, echoe ich. »Wofür denn?«
»Um mit der Situation zurechtzukommen?«
Noch während ich »Welche Situation?« frage, dämmert es mir: Marzenas Schwangerschaft.
»Scher dich doch zu den Sieben Finsterhexen«, fauche ich, »Du bist ganz schön aufgeblasen, weißt du das? Als ob ich nichts Besseres zu tun hätte, als den ganzen Tag über anderer Leute Familienplanung nachzudenken oder mir sonst irgendwelche Gedanken zu machen.«
»Stimmt, du bist immer schon eher eine Frau der Tat gewesen.«
»Jetzt komm mir nicht so! Das ist ja wohl der größte Mist, den ich in den letzten drei Jahren gehört habe. Mindestens. Ihr habt ein Problem und sagt es mir nicht. Ehrlich, das ist ja wohl das Letzte!«
»Du hast recht.«
Adrians Eingeständnis nimmt mir den Wind aus den Segeln. Doch dann kommt mir noch etwas in den Sinn: »Moment mal! Kolja hat mir auch nichts gesagt! Und auch sonst keine.« Ich fasse es nicht. »Soll das etwa bedeuten, dass du allen gesagt hast, sie sollen mir nichts sagen?« Meine Stimme ist immer lauter geworden. Gut so, mir ist nämlich auch nach schreien. »Soll das etwa heißen, dass du meinem Sohn gesagt hast, dass er etwas vor mir verheimlichen soll?«
»Helena, bitte nicht so laut!«
»Du kannst mich mal!«
»Göttin! Ja, du hast recht.« Der Rebellinnenführer atmet laut aus. »Du hast recht«, wiederholt er. Dieses Mal klingt es traurig, resigniert. »Ja, ich habe Kolja und die anderen gebeten, dir nichts zu sagen. Nicht, um dich auszuschließen oder weil du uns keine Hilfe gewesen wärst. Sondern, weil ich alle Sorgen von dir fernhalten wollte.«
»Du wolltest mich beschützen?« Ich fasse es nicht.
»Hast du nicht schon genug durchgemacht?«, erwidert Adrian.
Das ist so dermaßen dämlich, dass ich einen Moment brauche, um Worte zu finden.
»Ehrlich, Adrian, das ist … Und dann auch noch Kolja, den Einzigen, der … Ehrlich, weißt du was? Du kannst mich mal!«
Ich drehe mich um und stapfe zurück zum Lager. Für heute habe ich die Nase voll.
Als Kolja ins Zelt kommt, ist er noch stiller als sonst. Normalerweise weiß ich sein ruhiges Wesen sehr zu schätzen – nicht auszudenken, er wäre eines dieser ewig plappernden Kinder gewesen! – doch heute stört es mich.
»Du denkst, ich bin sauer«, sage ich daher, um das Schweigen zu brechen.
Er sieht mich aus seinen großen, viel zu erwachsenen Augen an.
»Ja, Mama.«
Ach Göttin, was soll ich nur machen? Dies hier ist ein ganz besonderer Zauber; ich kann dem Jungen einfach nicht böse sein! Oder zumindest nicht lange. Wie gern ich mich auch hineinsteigern würde, dass er mir etwas verheimlicht hat, ich kann es einfach nicht: mich wütend auf ihn zu wissen, würde Kolja das Herz brechen.
»Ich bin dir nicht böse, Mojserce.« Um meine Aussage zu unterstreichen, benutze ich meinen alten Kosenamen für ihn. Er ist jetzt 15 Jahre alt – ich bin gespannt, wie lange er sich noch von mir »mein Herz« nennen lässt.
»Wirklich nicht? Adrian meinte … « Er zuckt unglücklich mit den Schultern.
»Ich bin dir nicht böse, weil ich dich verstehe«, erkläre ich. »Auf Adrian bin ich allerdings böse, er hat dich in eine blöde Situation gebracht!«
»Er wollte nur, dass du Ruhe hast.« Koljas Einwand klingt weniger nach Protest, als nach einer Frage. Er liebt Adrian, keine Frage, will ihn aber auch nicht zu meinen Lasten verteidigen. Loyaler, kleiner Mann!
»Und wer sagt, dass ich Ruhe haben wollte?« Ich schüttele den Kopf. »Die einzige Person, die darüber zu bestimmen hat, was ich will oder nicht will oder brauche, bin ich, damit das klar ist!«
»Ja, Mama.«
»Jetzt lass den Kopf nicht hängen. Die Sache ist dumm gelaufen und ich werde den lieben Herrn Anführer dafür noch büßen lassen. Aber zwischen uns ist alles gut.« Koljas Miene erhellt sich. »Außerdem kann ich euch vielleicht sogar helfen … «
»Was? Soll das heißen, du weißt, weswegen ich der einzige Mann bin, der Magie aus den Steinen ziehen kann?«
Ich grinse, wie jedes Mal, wenn sich mein Sohn selbst als Mann bezeichnet. Es ist ein stolzes Grinsen.
»Ja, das wäre durchaus möglich.«
»Mama, das wäre ja großartig!«
»Tja, was soll ich sagen? So bin ich eben.«
Kolja legt den Kopf schief und lächelt mich an. Er grinst nie, sondern lächelt immer, so richtig ehrlich und echt. Er wird einmal ein großartiger Mann werden. Aber noch ist er mein kleiner Sohn, der Flüchtlingsjunge, den ich fast gegen meinen Willen bei mir aufgenommen habe. Der es irgendwie geschafft hat, sich mit seiner ruhigen Art und seinem Löwinnenmut in mein Herz zu schleichen. Ich habe ihn einmal gehen und sein eigenes Abenteuer erleben lassen. Fast wäre er dabei umgekommen. Aber eben nur fast, er ist doch ganz mein Sohn.
Ich hätte nichts dagegen, Adrian noch weiter auf die Folter zu spannen, doch die anderen nutzen gnadenlos meine Schwäche aus, zu etwas nütze sein zu wollen. Den Anfang hatte Simone gemacht, die mich auf betont unschuldige Art gefragt hatte, ob ich mich schon mit Kolja über die männliche Anwendung der Magie unterhalten hätte. Adrian war so klug gewesen, mich erstmal in Ruhe zu lassen, hatte mir aber als nächstes Désirée auf den Hals gehetzt. Als sie ging, hat sie breit gegrinst. Es scheint ab und an wirklich, als befände ich mich in einem Irrenhaus unter Wahnsinnigen, statt unter freiem Himmel und Rebellinnen. Eingeknickt bin ich aber erst bei Marzena. Weiß die Göttin, wieso schwangere Frauen so gefühlsduselig sind! Eine so starke Frau weinen zu sehen, hätte das härteste Herz erweicht. Entsprechend halte ich es für mein gutes Recht, mich bei Adrian zu beschweren.
»Das mit Marzena war ja wohl eine ganz üble Nummer!«, hatte ich ihn zur Rede gestellt. Wie nicht anders zu erwarten, hatte mich der Anführer der Rebellinnen erst freundlich ausgelacht und mich dann irgendwie überredet, ihnen nun doch weiter zu helfen. Ehrlich, ich sollte mich vielleicht doch langsam zur Ruhe setzen.
Ich denke zurück an meine Zeit in Smaleberg. Von der Goldenen Frau meiner Magie beraubt, war ich zurück in meine Heimat gekehrt, um mich um Kolja zu kümmern. Eine Weile hatte das auch gut funktioniert: Der Junge hatte sich bei mir, meinen Eltern, meinen Großeltern und meinen Nichten eingelebt, hatte Deutsch gelernt und sich mit unserer Hilfe ein Leben aufgebaut. Zwei Jahre lang. Mit Sicherheit nicht das spannendste Leben unter der Sonne, aber ehrlich gesagt hatte ich an so einigem zu knapsen. Ich hatte mich so viele Jahre lang an meine Magie gewöhnt, meine wunderschöne, mächtige Eismagie; zudem an meine Basismagie, die es mir ermöglichte, jede Sprache dieser Welt zu verstehen, kleine Dinge zu bewegen und vieles mehr, dass ich sehr lange gebraucht habe, um damit klar zu kommen. Oder zumindest etwas: so ganz werde ich es wohl nie verkraften, mit 28 schon Großmutter geworden zu sein … Kolja zu beschützen, groß zu ziehen und ihm beizustehen hat den Rest meiner Zeit in Anspruch genommen. Wobei auch das etwas beschönigt ist; an vielen Tagen wäre ich ohne ihn nichtmal aufgestanden. Stattdessen habe ich mit ihm zig Spaziergänge gemacht, bin nach langen Abenden mit Apfelwein am Kaminfeuer mit heftigem Kater durch die Botanik spaziert, während sich mein Vater um Koljas eingenässte Bettwäsche gekümmert hat.
Ich hatte irgendwie erwartet, dass es ewig so weitergeht, doch hatte ich meinen Sohn unterschätzt. Die Ungewissheit, was das Schicksal seines Vaters und den Verbleib seiner Gebärerin anbelangt, hatte dazu geführt, dass Kolja einen tollkühnen Plan schmiedete und hinaus in die Welt zog. Ohne mich. Ich durfte ihn darauf vorbereiten, das war alles. Nichts auf der Göttin Erde, keine Prüfung ist mir je so schwer gefallen, wie ihn ziehen zu lassen. Ich wusste, dass die Reise gefährlich wird und er dabei sterben könnte. Ich wusste aber auch, dass Koljas Seele krank war und dies die einzige Möglichkeit, zu genesen. So haben wir beide etwas gewagt, als er loszog, und wenn ich ehrlich sein soll, haben wir beide dabei etwas verloren, aber umso mehr gewonnen.
So auch die Erkenntnis, wie unsagbar öde das Leben in einem Dorf sein kann. Ohne Kolja, der mir Auf- und Antrieb gewesen ist, wurde ich mir erst darüber klar, was ich da eigentlich tat: Ich versteckte mich vor dem Leben.
Das Problem ist nur, dass sich eine Helena Rinasdother von Smaleberg nicht versteckt, niemals!
Also war ich mit Kolja gegangen, als er loszog, sein Versprechen gegenüber den Rebellinnen einzulösen, sie in die Anwendung der Magie durch Nicht-Frauen einzuweihen. Wie sich aber herausstellte, habe ich hier bislang noch keine neue Aufgabe für mich und mein Leben gefunden. Ich könnte also weiter mit Adrian schmollen, oder aber verdammt nochmal froh sein, dass ich mich wieder nützlich machen kann!

Kapitel 8
»Da sind wir also«, stelle ich fest, als Kolja und ich die Lichtung betreten. Die anderen haben sich bereits versammelt: Adrian, Marzena, Simone, Désirée, zwei Männer, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe, und meine beiden Lieblingsrebellen.
»Ich gehe dann mal«, erklärt Corey, bedenkt mich mit einem Blick, den er sicherlich geübt hat, der seine Wirkung bei mir aber völlig verfehlt, dreht sich um und geht. Zu meinem Verdruss scheint sich Gero ihm nicht anschließen zu wollen. Ob ich nachhelfen kann?
»Gero, Süßer«, schnurre ich und zeige mein schönstes Lächeln. »Husch, ab mit dir nach Hause, das hier ist nur was für große Kinder!«
Der Rebell reckt das Kinn. »Ich denke nicht daran, Helena! Und an deiner Stelle wäre ich schön vorsichtig! Immerhin kann ich vielleicht bald Magie benutzen!«
»Und dann?«
»Dann«, er grinst, »bin ich stärker als du!«
Ich bekomme einen Lachanfall.
Gero läuft hochrot an. Zu meinem Vergnügen müssen sich auch Adrian und Simone das Lachen verkneifen. Désirée hustet verdächtig und Marzenas Schultern zittern.
»Mama!«, flüstert mir Kolja vorwurfsvoll zu. Er weiß ganz genau, dass ich bei Gero einfach nicht anders kann. Ihm zuliebe versuche ich, mich zu beruhigen. Allerdings werde ich mir den dummen Gesichtsausdruck des Rebellen ebenso merken, wie die so herrlich amüsante Vorstellung, wie er vor mir steht und angefüllt mit Magie vor mir herumfuchtelt. Der würde doch seinen eigenen Hintern nicht finden, wenn er ihn nicht dauernd kratzen müsste! Der liebe Gero ist einmal mehr ein ganz wunderbares Beispiel dafür, zu welch absurden Vorstellungen dieser ganze Blödsinn von wegen Gleichwertigkeit der Geschlechter führt. Als ob es allein an der Magie läge, Männer haben einfach keine mentale Stärke! Nun ja, bis auf einige Ausnahmen natürlich.
»Helena?« Wie immer ist Simone vernünftiger als ich. »Wärst du dann so freundlich, uns zu sagen, was du weißt?«
Ich atme bewusst langsam ein und aus und meide den Blick auf Gero – sonst würde ich gleich wieder losprusten.
»Aaaaalso. Euer Problem ist, dass es zwar Kolja und einigen Frauen gelungen ist, Magie aus den Speichersteinen zu ziehen, nicht aber anderen Männern, richtig?«
Marzena nickt. »Wir haben die Steine überprüft, mehrfach, Kolja auch. Trotzdem und trotz Désirées Anleitung ist es keinem anderen Mann gelungen.«
Ich spüre, wie sich Kolja neben mir ein wenig weiter aufrichtet. Göttin, das mit dem Mann-Sein scheint ihm ja wirklich wichtig zu sein!
»Wer hat es denn schon alles ausprobiert, wenn ich fragen darf?« Ich deute auf den schmollenden Rebellen. »Also wenn es nur Gero war, dann … «
»Ich habe es ebenfalls versucht«, fällt mir Adrian ins Wort. »Wie du sehr wohl weißt. Ebenso übrigens Dennis und Sascha.« Er nickt den beiden anderen Männern zu. »Keinem von uns ist gelungen, was dein Sohn geschafft hat. Was auch der Grund dafür sein mag, wir haben ihn noch nicht gefunden.«
»Eieiei.« Ich grinse, so breit ich kann. »Kinder, könnt ihr denn gar nichts ohne mich?«
Adrian geht nicht auf mein Geplänkel ein. Vielmehr schüttelt er den Kopf auf eine Art, die mir zeigt, dass er jetzt nicht mehr zum Scherzen aufgelegt ist. Das hier ist ernst.
»Na schön«, sage ich. »Ich sage es euch ja. Ich meine, nicht, dass ich es mit absoluter Sicherheit wüsste, aber eine Idee habe ich schon. Dass euch das nie in den Sinn gekommen ist … Ich meine, was ist denn der große Unterschied zwischen Kolja und euch anderen Männern?«
Jetzt habe ich jederfraus Aufmerksamkeit. Auch mein Sohn sieht mich fragend an.
»Nun ja«, sagt er zögernd, »ich komme aus dem Großen Moldawischen Reich.«
Adrian winkt ab. »Daran kann es nun wirklich nicht liegen, Kolja.«
»Hm.« Simone legt den Kopf schief und mustert den Jungen an meiner Seite. »Ehrlich, Helena, ich kann keinen Unterschied entdecken, der eine Rolle spielen sollte. Außer vielleicht«, sie tippt sich an die Nasenspitze, »sein Alter? Sein Alter! Ja genau, das muss es sein! Die anderen sind aus irgendeinem Grund, den nur die Göttin kennt, zu alt dafür!«
Ich schüttele den Kopf. »Netter Versuch. Aber ehrlich gesagt vollkommener Blödsinn.«
»Was ist es dann?«
»Komm schon, Helena, spann uns nicht länger auf die Folter!« Marzenas Lächeln ist kein bisschen mütterlich, sondern im Gegenteil ganz schön fies. »Sonst fange ich wieder an zu weinen!«
Große Göttin, alles, bloß das nicht!
»Schon gut, ich verrate es euch ja! Also, ihr Heldinnen, es ist doch, so denke ich zumindest, im Grunde ganz einfach: Kolja hat etwas ganz Entscheidendes, etwas, das offenbar dafür gesorgt hat, dass er fähig ist, Magie zu benutzen.« Ich wette, dass ich gerade wie die Selbstgefälligkeit in Person aussehe. »Er hat mein Blut.«
Gero lacht auf. »Dein Blut? Na, da lässt sich drankommen! Andererseits – nun ja, liebe Helena, du hast ja immer schon dazu geneigt, dich selbst zu überschätzen. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie du darauf kommst, dass ausgerechnet du hier mal wieder der Schlüssel bist. Ist ja schließlich nicht so, als wärst du Koljas biologische Mutter.«
Ignorieren oder töten? Ich entscheide mich für Ersteres. Göttin, ich werde alt.
»Damals in Annaburg«, wende ich mich an die anderen, »habe ich Kolja adoptiert.«
»Ja und?«
»Warst du nicht mit dabei?«
Marzena schüttelt den Kopf.
»Ich war erst später gekommen.«
»Ach ja, stimmt ja. Und bei der Gerichtsverhandlung warst du auch nicht, stimmt`s?«
»Genau.«
Erinnerungen steigen hoch. Eine Kerkerzelle, Kolja und ich. Birgit und Jenny, zwei Nordgardistinnen. Ihre Obere Frau Breuer. Ein Anwalt namens Devon und eine Bluthexe: Rona NicMara. Sie alle waren anwesend, als ich Kolja offiziell zu meinem Sohn gemacht habe, um ihn vor Heidrun von Borgentreich, der drittmächtigsten Frau im Reich, zu beschützen.
»Stimmt, keiner von euch war dabei. Aber ihr wisst doch, dass ich Kolja adoptiert habe.«
Adrian nickt. »Stimmt. Mit Blutmagie, habe ich recht?«
»Ganz genau. Nachdem ich ihn als Sohn angenommen habe« – die Erinnerung ist erstaunlich schmerzhaft – »hatte sich mein Magiemuster vollkommen verändert.«
»Nun mal langsam«, sagt Adrian und hebt den Arm. »Erzähl uns doch bitte ganz genau, wie das damals vonstattengegangen ist.«
Ich zucke mit den Schultern. »Viel zu erzählen gibt es nicht. Die Bluthexe hat Kolja und mir die Haut am Handgelenk aufgeritzt und dabei irgendwas vor sich hingemurmelt, Blutmagie eben. Sie hat unser Blut miteinander vermischt und es dann zurück in unsere Körper geschickt.« Ich entblöße mein linkes Handgelenk und zeige die dünne, rotgoldene Narbe, die geblieben ist.
Mein Sohn tut es mir gleich.
»Wie gesagt: Das war es auch schon. Seitdem ist Kolja mein Sohn, durch Blutmagie und vom Goldenen Gericht anerkannt.«
Désirée ist vorgetreten und mustert fasziniert unsere Narben.
»Damit seid ihr so verbunden, als wärt ihr tatsächlich miteinander verwandt?«
»Keine Ahnung. Rechtlich gesehen auf jeden Fall.«
Die Rebellin nickt. »Zwischen Mutter und Tochter besteht immer Magie, ebenso, wenn auch sicherlich schwächer, zwischen Mutter und Sohn. Liebe ist etwas Magisches, das sogar Nicht-Frauen mit einschließt. Ein mit Liebe und Blutmagie geknüpftes Band – ich kann mir nichts Stärkeres vorstellen.«
»Du willst damit also sagen, dass Kolja deshalb Magie anwenden kann, weil dein Blut in seinen Adern fließt?«
»Ist nur so eine Vermutung. Könnte aber was dran sein, oder?«
Marzena und Adrian tauschen einen Blick.
»Jaaaa«, sagt sie schließlich langsam, »das könnte tatsächlich Sinn machen. Die Frage wäre nur, wieso das dann bei den anderen Männern nicht klappt.« Sie tätschelt ihren mittlerweile schon recht runden Bauch. »Die haben ja schließlich im Mutterleib auch das Blut einer Frau bekommen.«
Sie lächelt. »Ha, aber ohne Magie! Das könnte der springende Punkt sein: Sobald eine Frau schwanger ist, kann sich ihre Magie nicht erneuern! Während der gesamten Schwangerschaft nicht. Als du Kolja adoptiert hast, hattest du aber noch Magie, nicht wahr?«
»Genau. Sie war gefesselt, aber vorhanden. Sonst hätten wir ja auch keine Magiemuster anlegen können.«
Einen Moment lang hängen wir alle unseren Gedanken nach. Gut, bis auf Gero vielleicht, der einfach nur dumm aus der Wäsche guckt.
Ich lächele ihn an. »Nur, damit auch du das jetzt verstehst, lieber Gero-Spatz: Mein Blut nützt dir jetzt also nichts mehr! Keine Magie, kein Nutzen. Kannst also aufhören, davon zu träumen, mich mit deinem Kartoffelmesser zu piksen!«
Bevor der Rebell etwas erwidern kann, tritt Marzena vor mich hin und umarmt mich dann zu meiner Verblüffung.
»Helena, du bist genial!«
Ich mache mich stocksteif. Muss das sein? Ihr Bauch ist erstaunlich fest, ich hatte mir das weicher vorgestellt. Dennoch hätte ich auf diese Erfahrung gern verzichtet.
Endlich löst sie sich von mir und strahlt mich an. Rundherum – mit Ausnahme natürlich von Mister Vollpfosten – glückliche, geradezu fröhliche Gesichter, deren Augen auf mich gerichtet sind. Hilfe!
Eine Hand schiebt sich in meine. Mojserce. Wie immer beruhigt mich sein vorsichtiger Händedruck. Dennoch mache ich vorsichtshalber einen Schritt rückwärts. Nicht, dass hier noch eine auf die Idee kommt, mich durchzuknuddeln!
Es ist schließlich Simone, die in ihrer durchdachten, ruhigen Art die Dinge zusammenfasst.
»Wir müssen also nichts weiter tun, als Frauen Männer und Fräulein adoptieren zu lassen. Dafür brauchen wir willige Frauen – das dürfte kein Problem sein« – Adrian nickt. »Ich schicke gleich eine rüber zu Martinas Gruppe.« – »Willige Männer, ebenfalls kein Thema, und, und das dürfte zweifellos das größte Problem sein, eine Bluthexe, die bereit ist, uns zu helfen.«
»Das können wir knicken«, sagt Désirée betrübt. »Jede Bluthexe muss sich in Annaburg registrieren lassen und einen Eid schwören, der Goldenen Frau zu gehorchen und niemals zu schaden.«
»Das verlangt ja auch keine!«
»Trotzdem. Wir können keine Bluthexe auf unsere Seite ziehen, ohne ihr zu erklären, was wir vorhaben.« Désirée rümpft die Nase. »Und wenn wir das tun, kann sie schwerlich so tun, als würde das der Goldenen Frau nicht langfristig schaden oder gegen deren Gesetze verstoßen. Es ist ja eine Menge möglich in dieser Welt, aber nicht, einen blutmagischen Eid auszutricksen.«
Kolja neben mir schaudert. »Oh ja!«
»Also was ist die Alternative?« Adrian beginnt, hin und her zu gehen. »Wir brauchen eine Bluthexe, die uns hilft, ungewöhnliche Adoptionen durchzuführen. Eine, die keine Fragen stellt, weil sie uns nicht mehr helfen wird, wenn wir sie beantworten.«
Marzena nickt langsam. »Du meinst, so tricksen wir sie aus: Durch Nichtwissen.«
»Ganz genau.«
»Das ist doch vollkommen lächerlich!«, plustert sich Gero auf. »Keine Bluthexe auf der ganzen Welt würde uns helfen, ohne den Grund zu wissen!«
Kolja zupft mich am Arm.
»Was ist denn, mein Schatz?«
Er weicht meinem Blick aus, windet sich.
»Ich hätte da eine Idee.«
Es liegt nicht in Koljas Natur, sich in den Vordergrund zu drängen. Auch vor anderen spricht er nur ungern, vor allem, wenn es so viele sind wie hier. Ich fürchte, da muss er aber durch.
»Kolja hat eine Idee«, wiederhole ich laut, so dass es alle hören können.
»Und welche?« Adrian hält inne und lächelt Kolja aufmunternd zu.
Mein Sohn holt tief Luft. »Die Bluthexe in Annaburg!«

Kapitel 9
»Sie heißt Frau NicMara«, stößt Kolja hervor, »und sie schuldet mir noch einen Gefallen! Außerdem ist sie ganz schön gierig. Wenn wir sie also gut bezahlen … «
Ich nicke. »Kolja hat recht! Damals die Adoption, da hat sie auch keine Fragen gestellt. Gut, oder doch, eine. Aber mehr auch nicht. Sie war neugierig, aber der Lohn war ihr wichtiger.«
Marzenas Augen glitzern. »Sie ist käuflich?«
»Aber sowas von!« Kolja nickt eifrig. »Die schreckt vor nichts zurück, um sich ein paar Taler dazu zu verdienen.«
»Woher weißt du das?«
Adrian und die Rebellinnen starren Kolja neugierig an. Offenbar hat er ihnen nicht alles über seinen Aufenthalt in der Hauptstadt erzählt.
Ich stupse meinen Sohn an. Er erwidert meinen Blick und nickt.
»Weil er mit ihr zu tun hatte«, erkläre ich. »Als er in Annaburg war. Sie hatte ihn erkannt, ist aber zum Glück davon ausgegangen, dass er sich als Fräulein tarnt. Doch ob Frau oder Fräulein: Sich als weiblichen Mensch zu verkleiden, darauf steht die Todesstrafe. Also hat sie ihn damit erpresst.«
»Was?« Simone schüttelt den Kopf. »Wahnsinn, Mensch, wieso bist du dann nicht geflohen?«
Kolja reckt das Kinn. Einige Leute sagen, das hat er von mir.
»Ich war in Annaburg, um etwas über meinen Vater herauszufinden. Nicht, um beim kleinsten Problem aufzugeben.«
Ich spüre, wie sich ein stolzes Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitet. Das ist mein Junge!
»Sie hat mich erpresst, aber ich habe verhandelt.« Kolja lächelt mir zu. »So, wie Mama es mir beigebracht hat. Ich habe mit Frau NicMara eine Vereinbarung getroffen, und so hat sie mich schließlich in Ruhe gelassen.«
»Und was war das für eine Vereinbarung?«
Ich kann es Adrian nicht verdenken, dass er das wissen möchte, aber ich muss auch meinen Sohn beschützen.
»Ist gut jetzt!«, sage ich bestimmt. »Das tut jetzt nichts zur Sache. Und wir reden auch nicht gern darüber, also lass Kolja in Ruhe damit! Wichtig ist doch, dass wir eine Bluthexe kennen, die käuflich ist und ganz allgemein wenig Skrupel hat. Perfekt also für unsere Zwecke, würde ich sagen.«
Der Anführer nickt. »Stimmt.«
»Immer vorausgesetzt«, schnarrt Gero, »dass Helena überhaupt recht hat. Bis jetzt ist das ja wohl nichts weiter als eine unbewiesene Theorie. Eine recht konfuse Theorie, wie ich anmerken möchte.« Er schaut mich herablassend an. »Ich meine, mal ernsthaft: Wie wahrscheinlich ist das, dass es daran liegt? Viel mehr vermute ich, dass unser Kolja hier irgendeinen Gendefekt oder sowas hat.«
»Vorsicht!« Ich lasse Koljas Hand los. »Ganz vorsichtig, mein Freund. Sag noch einmal etwas gegen meinen Sohn, und … «
»Und was?« Noch immer versucht Gero, einen auf starke Mackerin zu machen, weicht aber dennoch zurück, als ich vortrete.
»Das wirst du dann sehen. Oder besser gesagt, spüren.« Ich brauche keine Magie, um einem Mann seinen Platz in der Welt zu zeigen.
Der Rebell macht wieder einen Schritt vorwärts. »Ach ja? Lass mich raten: Das ist keine Drohung, sondern ein Ratschlag!«
»Nö.« Ich blecke die Zähne. »Das war sehr wohl eine Drohung! Sag noch einmal was gegen meinen Jungen und ich tue dir weh. So einfach ist das.«
»Mama!« – »Helena!«
Kolja und Adrian reden gleichzeitig auf mich ein, aber ich winke ab.
»Schon gut. Musste aber mal gesagt werden. Und jetzt, bitte, kann eine diesen Vollpfosten wegschicken, damit wir uns in Ruhe unterhalten können?«
Ich ignoriere Adrians bittenden Blick. Wir hatten dieses Thema schon mehrfach: In so einer kleinen Gruppe, deren Überleben davon abhängt, dass alle zusammenhalten, können persönliche Aversionen ein echtes Problem werden. Ich schwöre bei der Göttin, ich hab`s versucht! Sowohl mit Gero, als auch mit Corey – der immerhin einen guten Grund hat, mich zu hassen. Vor ein paar Jahren habe ich Rebellinnen an die Nordgarde verraten; beim anschließenden Kampf kam Coreys Mutter Glenna ums Leben. Nicht, dass ich Corey vorher gemocht hätte, aber ich kann ihn verstehen und lasse ihn in Ruhe. Gero dagegen hatte es sich bereits von der ersten Sekunde an mit mir verscherzt, bevor ich ihn gesehen hatte: Wer mich weckt, indem er mir eine Knarre vors Gesicht hält, muss mit meinem Unmut rechnen. Dass der feine Herr zusätzlich zu dumm war zu erkennen, dass er mir da eine ganz miserable Fälschung einer Sidana an den Kopf hielt, hatte meine Meinung über ihn nicht unbedingt positiv beeinflusst. Seitdem hat er nichts getan, was daran etwas geändert haben könnte. Dass wir nun auf derselben Seite stehen, hätte die Dinge ändern können, hat es aber nicht. Gero ist und bleibt ein Vollpfosten und da er nicht so schlau ist, mir einfach, wie Corey es tut, aus dem Weg zu gehen, geraten wir immer wieder aneinander. Mittlerweile ist es für mich auch nicht mehr vorstellbar, dass ich ihn einmal betrauert habe: Nach dem Kampf, bei dem wir Adrian und einige andere aus dem Männerturm in Annaburg befreit hatten, war Gero verletzt worden. Da so viele dabei gestorben waren, hatte ich angenommen, dass es ihn auch erwischt hatte. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass es ausgerechnet Gero schaffen würde, verwundet und auf eigene Faust durch die Wälder zu flüchten und sich bis zu einem sicheren Treffpunkt durchzuschlagen. Als ich ihn für tot hielt, habe ich aufrichtig um ihn getrauert – heute würde ich ihn mit Freude gegen jeden einzelnen der Gefallenen eintauschen. Gero weiß das, aber das macht nichts: Unsere Gefühle beruhen auf absoluter Gegenseitigkeit.
Ein beunruhigender Gedanke taucht unvermittelt in mir auf: Was, wenn ich gerade mein eigenes Todesurteil unterschrieben habe? Was, wenn ich recht habe und die Rebellinnen es nun tatsächlich schaffen, mit Frau NicMaras Hilfe auch Männern die Anwendung von Magie zu ermöglichen?
Ich habe keine Angst vor Gero, aber wenn er Magie hat und ich nicht … sieht die Sache anders aus. Ganz anders.
Wir überlegen eine Weile hin und her, doch im Grunde ist die Sache klar.
»Eine muss nach Annaburg reisen und diese Frau NicMara davon überzeugen, mitzukommen«, fasst Adrian zusammen. »Wir vereinbaren einen Treffpunkt und versuchen es dann zunächst mit einer Frau, die bereits Magie verwendet und einem Mann.« Eine Frau IST eine Person, die Magie verwendet, doch unter den Rebellen wird die Bezeichnung für jeden erwachsenen weiblichen Menschen verwendet. Ich gebe zu, das irritiert mich immer noch. »Wenn es klappt«, fährt der Anführer fort, »können wir mit anderen weiter machen.«
»Stellst du dir das nicht etwas zu einfach vor?« Marzena runzelt die Stirn. Eine Hand hat sie schützend auf ihren Bauch gelegt. »Immerhin darf die Bluthexe nichts davon mitbekommen, wieso wir die Adoptionen vornehmen möchten.«
»Das bekommen wir schon hin.«
»Und überhaupt«, mischt sich Simone ein, »warum lügen wir nicht einfach? Helena hat damals Kolja adoptiert, damit sie vor Gericht nicht über ihn aussagen muss. Wir könnten der Bluthexe gegenüber denselben Grund anführen.«
»Was uns dann aber in die Bredouille bringen könnte, was ihren Eid gegenüber der Goldenen Frau betrifft.« Adrian schüttelt den Kopf. »Die Goldene Frau führt zwar offiziell nicht den Vorsitz über das Goldene Gericht, sondern ist wie alle anderen auch an die Gesetze gebunden, aber ich will das Risiko nicht eingehen, dass Frau NicMara das anders sieht. Nein, wir bleiben dabei, dass wir ihr nichts verraten und sie einfach nur bezahlen.«
»Wir brauchen einen freiwilligen Mann und eine Frau mit Magie, die bereit ist, ihn zu adoptieren«, zählt Désirée auf. »Letzteres kann gern ich übernehmen.«
Adrian nickt. »Ich bin ebenfalls mit dabei.«
»Oh nein!«, entfährt es Marzena.
Ich stimme ihr zu. »Das kannst du nicht machen, Adrian. So lange wir nicht wissen, ob wir NicMara zumindest ein Stück weit trauen können, musst du dich zurückhalten.«
Der Anführer nickt grimmig. »Ihr habt recht. Das ist die Bürde derjenigen, die Verantwortung tragen.«
»Niemand wird dich für einen Feigling halten«, sagt Marzena leise.
Während die anderen hin und her überlegen, wie sich das Ganze in der Praxis am besten bewerkstelligen lässt, fühle ich mich zunehmend unwohl. Ich muss ganz dringend etwas mit Adrian besprechen und dies ist der beste Zeitpunkt dafür. Die meisten würden das wohl lieber unter vier Augen tun, aber ich nicht. Das könnte den Eindruck erwecken, es handele sich um eine private Angelegenheit. Doch auch wenn viele von uns miteinander befreundet sein mögen, muss das echt nicht sein. Außerdem geht es alle etwas an. Eigentlich hatte ich ja gedacht, dass die beiden mal von sich aus die Sprache darauf bringen würden. Marzena ist mittlerweile im vierten Monat und ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ihr Bauch noch um ein Vielfaches dicker werden wird.
Eine Patrouille der Südgarde, die uns ein paar Mal verdammt nahe gekommen war, hatte uns in den letzten Wochen in Atem gehalten. Ich war insgeheim froh darüber gewesen, dass wir vorerst nicht in Sachen Magie weiterforschen konnten – und dass ich Zeit hatte, mich in Ruhe an die Lage zu gewöhnen. Doch irgendwann muss sich jede der Realität stellen. Da ist es das Beste, es hinter sich zu bringen, als in Angst davor zu leben.
»Was habt ihr eigentlich vor?«, unterbreche ich das Gespräch der anderen. Jeder ist klar, wen ich damit meine. »Marzena, du bist schwanger, ihr werdet Eltern! Ich weiß ja nicht, wie ihr das seht, aber mit einem Baby auf der Flucht zu sein, stelle ich mir schwierig vor.« Genau aus diesem Grund hatte mein Bruder Richard damals seine Frau Jessica zu uns gebracht. Wie er hatte sie sich den Rebellinnen angeschlossen. Ihr erstes Kind hatte sie bei uns zur Welt gebracht. Wann genau sie in welchem Raum erneut schwanger geworden ist, will ich gar nicht so genau wissen. Das Ergebnis, meine Nichten Selym und Kire, kann sich sehen lassen. Fakt ist aber auch, dass Jessica – mein Bruder hat ja auch so eine seltsame Ansicht von wegen Gleichwertigkeit der Geschlechter – dafür ihr Leben unter den Rebellinnen aufgegeben hat. Und ihr Leben im Ganzen, leider, da es bei der zweiten Geburt Komplikationen gab.
»Was willst du damit sagen?«, unterbricht Adrian meine Gedanken.
»Dass ich mich frage, und da bin ich sicher nicht die Einzige, ob ihr überhaupt vorhabt, noch länger bei uns zu bleiben?«
An den Reaktionen der anderen erkenne ich, dass ich wieder einmal ausgesprochen habe, was sich keine sonst zu fragen traute.
Marzena senkt den Blick, legt eine Hand auf ihren Bauch und nimmt mit der anderen die ihres Gefährten. Adrian wiegt den Kopf hin und her, scheint mit sich zu ringen. Dann endlich schaut er mich an.
»Ich hätte mir denken können, dass ausgerechnet du das fragen würdest.« Irre ich mich, oder tanzen kleine Funken in seinen Augen? »Ja, wir werden ein Kind bekommen, so es die Göttin will. Und ja, unser Leben, das wir bisher geführt haben, dieses Leben können wir nicht weiter führen. Daher überlege ich schon seit geraumer Zeit … Nein, nicht nur deswegen, denkt das bitte nicht! Es geht mir nicht nur um Marzena, das Kind und mich.«
»Das würden wir dir nie unterstellen!«
Wir alle nicken, um Simones Einwand zu bekräftigen: Seit ich Adrian kenne, ist er nicht ein einziges Mal egoistisch gewesen!
»Gut. Ich wollte es zur Sprache bringen, aber es waren immer andere Dinge wichtiger. Die Südgarde, die Erforschung der Magieanwendung … Außerdem wollte ich erst … Aber das spielt keine Rolle mehr.« Er lächelt schief. »Vermutlich ist es ganz gut, dass Helena es jetzt angesprochen hat. Wir können so nicht weitermachen.« Er schaut Marzena an, die nickt. »Und das wollen wir auch gar nicht. Wir sind müde, und ihr seid es auch.«
»Woran denkst du?«
Ich weiß es, bevor er es ausspricht.
»Ich denke an Frieden.«

Kapitel 10
Adrian schaut uns der Reihe nach an.
»Wir wollten immer nur in Ruhe gelassen werden. Wer mich kennt weiß, dass kämpfen nie meine Absicht war. Ich habe mich nie darum gedrückt, wenn es sein musste, aber es hat mich auch nichts dazu gedrängt.«
Soweit, so klar. Daraus hat er nie einen Hehl gemacht. Aber auch nicht aus seinem eisernen Willen, die Geschicke dieses Landes auf eine andere Bahn zu lenken.
»Du wolltest nie gegen die Garden kämpfen«, stelle ich daher richtig, »sondern für eine Gesellschaft, in der Männer und Fräulein den Frauen gleichgestellt sind.« Warum und wie auch immer. »Was ist daraus geworden?«
Er schaut zu Boden.
»Das habe ich gesagt und ja, dazu stehe ich auch. Aber Marzena ist nunmal schwanger und du hattest natürlich recht: Tatsache ist, dass es keine Dauerzustand sein kann, mit einem Säugling ein Leben auf der Flucht zu führen. Was also bleibt übrig, was sind die Alternativen?« Ich erkenne den gequälten Ausdruck in seinen Augen. »Soll ich meine Familie verlassen? Marzena irgendwo absetzen und sie das Kind allein aufziehen lassen? Sollen wir es nach der Geburt weggeben?« Marzena legt schützend die Hände auf ihren Leib und presst die Lippen zusammen. »Oder soll ich meinen Traum von einer besseren Welt aufgeben?«
»Eins davon wirst du tun müssen«, sage ich bewusst trocken.
Adrian schmunzelt. »Und wenn sich sonst keine zu sagen traut, was Sache ist, auf dich kann ich mich verlassen!«
»Das kannst du.«
»Ich danke dir. Nun, es ist wie es ist und wir haben lange überlegt. Es hat sich eine weitere Möglichkeit aufgetan: Frieden.«
»Du willst also Frieden mit den Hexen schließen, aha.« Gero verschränkt die Arme vor der kümmerlichen Brust. »Und wie willst du das anstellen? Du weißt, wie es läuft: Entweder nach deren Regeln oder gar nicht. Ganz einfach.«
»Ich fürchte, Gero hat recht«, sagt Désirée. »Und wenn sie dich in die Finger bekommen, hängen sie dich auf.«
»Das«, Adrian lächelt schief, »wäre nun wirklich nicht meine Definition von ›Frieden‹!«
»Und wie willst du das anstellen?«
»Noch ist ja nichts entschieden, Helena, also … «
»Du kannst es nicht aussitzen!« Ganz so heftig wollte ich nicht klingen, aber Adrians ungewohnte Passivität nervt mich. Er war immer schon mehr Denker als ich, doch nie habe ich erlebt, dass er die Dinge einfach so hinnimmt. Doch, einmal, jetzt erinnere ich mich. Als es um Chris ging. Es hat ihm das Herz gebrochen. »Entscheide dich, verdammt nochmal, und dann zieh es durch!« Ich rede mich langsam in Rage. »Du weißt doch ganz genau, was du tun willst und drückst dich nur davor, es umzusetzen! Tief in deinem Inneren hast du dich bereits entschieden. Das macht es ja so schwer: dass du ganz genau weißt, was du tun musst! Weil das die Dinge wahrscheinlich ändern wird. Aber ich sage dir jetzt mal was, Herr Samo: Die Dinge ändern sich, und zwar mit oder ohne dein Zutun! Also wenn du auch nur den geringsten Hauch einer Chance haben willst, diese Veränderungen zu beeinflussen, dann ist verdammt nochmal jetzt der Zeitpunkt gekommen, deinen Hintern hochzubekommen! Verdammt nochmal, oder hast du gedacht, eine andere regelt das für dich? Oder dass ein Baum auf dich drauf fällt und du keine Entscheidungen mehr treffen musst? Du bist der Anführer hier also verhalte dich auch so, bei den Sieben Finsterhexen!«
Die anderen starren abwechselnd Adrian und mich an.
»Du hast recht«, sagt er schließlich leise.
»Das habe ich immer.«
Zufrieden bemerke ich, wie er sich aufrichtet. Der unschlüssige, selbstmitleidige Adrian war mir tierisch auf den Nerv gegangen.
»Ja. Ich werde versuchen, ein Friedensbündnis mit der Goldenen Frau zu schließen. Nicht nur um meinetwillen, sondern für uns alle. Es kann so nicht weitergehen. Du hast recht, Helena, die Dinge ändern sich. Die Situation hat sich in den letzten Jahren mehr und mehr verschärft. Woran du übrigens nicht ganz unschuldig bist.« Ich rolle mit den Augen. »Annaburg ist immer weniger gesinnt, uns in Ruhe zu lassen, so lange wir die Füße still halten. Die Goldene Frau weiß, dass wir hinter das Geheimnis der Magiespeicherung gekommen sind. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir Männern Magie verschaffen können. Das weiß sie genau so gut wie wir, nur dass sie es vermutlich nicht für nötig hält, all ihre Leute darin einzuweihen. Wir wissen nicht, wie sie reagieren wird, aber dass sie es tun wird, ist gewiss. Es kann sein, dass sie wartet und uns den ersten Zug tun lässt. Doch das glaube ich nicht. Vielmehr habe ich die Befürchtung, dass sie genau wie wir ihre Vorbereitungen trifft. Wenn wir also einen Pakt vorschlagen wollen, ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt dafür.« Er schüttelt den Kopf. »Ich werde kämpfen, wenn es sein muss. Für euch, für meine Familie und für das, woran ich glaube. Wir stehen so kurz davor, allen Magie zugänglich zu machen. Doch die Folgen, die das herbeiführt … Viel sinnvoller wäre es, die Dinge langsam angehen zu lassen. Und von offizieller Seite her bestätigt. Keine will einen neuen Bürgerinnenkrieg«, Gero schnaubt, »und wer die Gräuel der Hexenkriege vergessen hat, kann sie in jedem Geschichtsbuch nachschlagen. Wir wollen dieses Reich und die Menschen retten, ihnen ein besseres Leben verschaffen, nicht es zerstören.«
Das Motto »der Zweck heiligt die Mittel« war nie Adrians. In seinen Augen kann nur Ehre Ehrenvolles hervorbringen. Das ist zwar sowas von naiv, aber ich unterstütze ihn darin.
»Soll das heißen«, Gero tritt vor, »dass du zu Gunsten einer Friedenserklärung darauf verzichten würdest, allen Männern Magie zu verschaffen? Obwohl das doch die Grundlage dafür ist, dass wir endlich vor dem Gesetz als gleichwertig anerkannt werden?«
»Nein. Das bedeutet genau das, was ich gesagt habe: Dass ich bereit bin, die Dinge langsamer anzugehen – und dabei mit den Hexen zusammenzuarbeiten.«
»Pfff«, macht Gero höhnisch. »Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass die Hexen dazu bereit sind.«
»Das werden wir sehen. Sieh es mal so: Haben wir erst einmal Steine und Wissen verbreitet, gibt es kein Zurück mehr. Das werden sie einsehen müssen.«
Marzena und ich wechseln einen Blick. Wir sind uns eindeutig darüber einig, dass von »das müssen sie« gar keine Rede sein kann. Ärgerlicherweise haben die meisten Menschen da nämlich so ihre eigenen Ansichten, was sie müssen und was nicht.
»Das bedeutet, dass du eine Delegation nach Annaburg schicken willst«, sagt Simone langsam. Das Adrian nicht selbst reisen kann, steht aus offenkundigen Gründen nicht zur Debatte. »Was wiederum bedeutet, dass du diese Delegation zusammensetzen musst.« Sie strafft die Schultern. »Ich bin dabei!«
»Ich auch!« Désirée grinst. »Dann kann ich auch endlich mal wieder mein liebes Schwesterchen besuchen.«
»Ich bleibe besser hier. Das Lager bewachen und so. Wer weiß, was diese hinterhältigen Hexen so alles vorhaben.« Gero, dieser Feigling!
»Ich komme auch mit!«
Mein Junge! Nicht, dass ich ihn noch einmal in dieses Schlangennest von Hauptstadt lassen würde.
Soll ich? Soll ich nicht? Ach was, wieso warten, für mich ist die Sache klar.
»Ihr Süßen könnt ja machen, was ihr wollt, aber ich werde diese Delegation anführen.«
»Was?«
»Bist du von allen guten Geistern verlassen?«
»Helena!«
»Halt!«
Wie immer schafft es Adrian, mit leiser Stimme für Ruhe zu sorgen.
»Du willst also vor die Goldene Frau treten und mit ihr verhandeln?«
»Ja.«
»Nach allem, was sie dir angetan hat?«
Ich zucke mit den Schultern. »Sie hat mir meine Magie nehmen lassen, aber die habe ich ja jetzt wieder. Sozusagen.« Nachdem ich erst einmal gespendete Magie benutzt hatte, hatte es für mich kein Halten mehr gegeben. Mittlerweile habe ich mich mit zahlreichen Magiearten vertraut gemacht, um für einen Kampf gerüstet zu sein. Außerdem trage ich immer mindestens drei volle Speichersteine mit mir herum. Keine Ahnung, ob Adrian das weiß, ist mir aber auch egal. Ich muss eine Närrin gewesen sein, so lange freiwillig auf diese Macht zu verzichten!
»Sie hat Freundinnen von mir getötet und ich einige von ihren Gardistinnen, das gleicht sich sicher irgendwie aus.«
Nichts auf der Göttin Erdboden könnte je die Tode meiner Freundinnen und Gardeschwestern ausgleichen, doch ab und an muss eine sagen, was eine andere Person hören möchte.
»Wir alle«, ich deute auf Marzena, Kolja, und Simone; Gero spare ich bewusst aus, um ihn zu ärgern, und bei Désirée weiß ich es ehrlich gesagt gar nicht, »haben ein Hähnchen mit der Goldenen Frau zu rupfen. Also wenn es danach ginge, dürfte keine von uns losziehen.«
»Stimmt.« Simone nickt. »Gutes Argument. Außerdem, hm, wie soll ich sagen … «, sie schaut mich an und ich bin überrascht, als ich so etwas wie Bewunderung in ihrem Blick erkenne, »ist Helena immer so furchtlos. Keine von uns ist eine Anführerin oder würde es hinbekommen, der Goldenen Frau ins Gesicht zu sehen und Forderungen zu stellen.«
»Stimmt«, Marzena lacht, »das kann nur Helena!«
»Na siehste.« Ich grinse, weil ich weiß, dass sie recht hat. Es bleibt keine sonst. Selbst wenn Marzena nicht schwanger wäre, sie ist keine Mirja. Adrian weiß das. Er nickt.
»In Ordnung.«
»Mama?«
»Nein.«
»Aber –«
»Nein!«
»Mama!«
»Kolja!«
»… ich will hier nicht ohne dich sein.«
»Ach Mojserce … «
»Mama?«
»Na schön, von mir aus!«
Verflixt! Der kleine Kerl schafft es immer wieder, mich rumzukriegen! Und er hat gar nicht mal so Unrecht: Allein der Gedanke, ihn hier allein zu lassen, sorgt dafür, dass sich die Angst wieder auf mein Herz legt. Ich will genauso wenig ohne ihn sein. Der Tag mag kommen, da er mich für immer verlässt. Dann allerdings hoffentlich für eine Frau, die sich um ihn kümmert und ihn beschützen kann.
»Dann kommt jetzt das Schlimmste.« Simone bläst ihre Wangen auf. »Wir müssen festhalten, was wir fordern, was wir bereit sind zu geben und wie viel Spielraum wir haben werden.«
»Außerdem«, ergänzt Adrian, »müssen wir eine Botschaft rausschicken und euch ankündigen. Ich habe keine Lust, eure Leichen von irgendeinem Baum abzuschneiden.«
Ich lache. »Ja klar, als ob die Garden so etwas tun würden!«
»Ich meinte das im übertragenen Sinne.«
»Was ist mit uns?«, will Gero wissen. »Haben wir, was die Inhalte der Verhandlung angeht, auch ein Mitspracherecht?«
Der Anführer nickt vage. »Ich werde eine Versammlung einberufen. Dabei wird Gelegenheit sein, zu diskutieren und Ideen zu erörtern. Jede ist dazu herzlich eingeladen.«
Ach du Scheiße!
»Ohne mich«, sage ich und schaudere gespielt. »Ein Abend rund ums Lagerfeuer mit hitzigen Debatten, bei denen jede Hilda und Tilda ihren Senf dazugeben kann? Nein danke! Mich könnt ihr für den Abend schonmal gern als Wache einteilen, herzlichen Dank.«
»Das wird interessant werden! Und als Delegationsführerin solltest du –«
»Danke, liebe Désirée, aber wenn du mich etwas besser kennen würdest, wüsstest du, dass ich mir lieber einen Strick nehmen würde, als mir so ein stundenlanges Geschwätz anzuhören!« Vor allem, wenn Männer wie Gero und Corey mit dabei sind und so tun, als hätten sie dasselbe Recht wie Frauen, mit dabei zu sein. »Sagt mir einfach hinterher, was dabei herausgekommen ist und gut ist.«
»Und wenn dabei etwas herauskommt, das dir nicht gefällt?«
Ich lache. »Ach Désirée, der ganze Mist hier gefällt mir nicht! Im Grunde bin ich nur hier, weil … Na ja, auf jeden Fall nicht, weil ich davon überzeugt wäre, dass Männer Frauen ebenbürtig sind. Nicht mal, wenn sie Magie hätten.«
Die blonde Rebellin schüttelt den Kopf. »Und wieso willst du dann helfen?«
»Weil sie weiß, dass sich die Dinge ändern, ob sie will oder nicht. Mit ihr oder ohne sie«, wiederholt Adrian leise meine eigenen Worte. »Weil Helena weiß, dass sie nur dann eine Chance hat, diese Veränderungen zu beeinflussen, wenn sie an ihnen teilnimmt.«
Ich schaue meinen Sohn an, meinen wunderschönen, klugen, liebenswerten Sohn, der meine Zukunft ist.
»Genau so sieht es aus.«

Kapitel 11
Es dauert ewig, alles zu arrangieren. Ich weiß, wieso ich mich da rausgehalten habe: Allein schon die Eckpunkte von Adrians Forderungen und Zugeständnissen festzulegen, dauert Wochen. Die Briefe, die uns im Namen der Goldenen Frau freies Geleit zusichern sollen, müssen von unseren Botinnen abgeholt und dann quer durchs ganze Land transportiert werden, damit sie nicht zu uns verfolgt werden können. Marzenas Bauch wird immer runder und die Stimmung immer hitziger. Bis Adrian endlich ein Machtwort spricht. Mal ehrlich: Wenn er jede mitreden lässt, ist es doch kein Wunder, dass nichts zustande kommt! Die richtigen Leute sollten eine Stimme haben und der Rest soll sich heraushalten. Dazu muss es immer eine geben, die das Sagen hat, auch wenn alle anderen anderer Meinung sind. Das ist die einzig funktionierende Form jedweder Regentinnenschaft.
»Glaubst du das wirklich?«, hatte mich der Anführer gefragt.
»Aber natürlich. Weitschweifige Diskussionen sind nichts für Krisensituationen. Schlimm genug, wenn einer sowas den Alltag versaut. Das müsstest du aber eigentlich auch wissen! Mal ehrlich, was willst du denn machen, wenn wir angegriffen werden? Erstmal groß rumdebattieren, oder Befehle geben, denen jede nachkommt?«
Mal ganz davon abgesehen, wie absurd es ist, überhaupt als Mann erwachsenen Personen Befehle zu erteilen.
Adrian hatte genickt.
»Ob du es glaubst oder nicht, ich habe meinen Entschluss, die anderen mit einzubeziehen, bereits mehr als einmal bereut. Andererseits: mit welchem Recht soll ich allein entscheiden?«
»Mit dem Recht eines Anführers.«
»Und wer hat mir das gegeben?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Du selbst? Die Leute? Die Umstände? Was weiß ich. Aber Fakt ist, dass du die Verantwortung trägst.«
»Und wer die hat, darf entscheiden?«
»Ja.«
»So einfach ist das?«
»Ja natürlich.«
»Na dann ist ja gut.«
Er hatte mir noch einen amüsierten Blick zugeworfen und mir dann den Rücken gekehrt. Ehrlich, ich weiß nicht, wieso sich einige Menschen das Leben so unbedingt schwer machen müssen. Als ich noch Zweite der Ostgarde war, war jedenfalls alles klar gewesen: Erst kam Frau Helmich, die Obere, dann ich, und die anderen hatten zu gehorchen. Ob Offizierin oder einfache Gardistin, sie alle unterstanden Frau Helmichs und danach meinem Befehl. So etwas gibt Sicherheit. Wäre meine Obere damals im Lager gewesen, wäre mein Leben ganz anders verlaufen. Diese blöde Kuh Alexandra hätte sich dann einen Scheiß getraut und mich nie im Leben des Hochverrats bezichtigt. Oder Frau Helmich hätte ihr ganz schnell ihren Platz gezeigt. Nie hätte meine Obere zugelassen, dass mir eine Gardeschwester mit einer Intrige das Leben versaut.
Sei es, wie es sei.
Botinnen wurden ausgesandt, noch und nöcher. Immer unter strengster Geheimhaltung, immer darauf bedacht, dass keine Garde unseren Aufenthaltsort aus ihnen herauspressen könnte. Wir waren ständig in Bewegung und uns folgte wie ein unendlich langer Rattenschwanz Adrians Perlenschnur der Wachposten. Die natürlich ebenfalls mit Lebensmitteln versorgt werden mussten.
»Ich glaube, wir werden nie aufbrechen«, beschwere ich mich eines abends bei Marzena. Adrian wuselt noch irgendwo herum, während alle anderen längst ihr Tagesgeschäft beendet haben. Der heutige Marsch war so anstrengend gewesen, dass nicht mal mehr eine an einem Stück Holz herum schnitzt oder eine Geschichte erzählt.
»Doch, werdet ihr. Du musst Geduld haben.«
Ich schnaube. »Ja klar, Helena Rinasdother von Smaleberg ist ja auch im ganzen Goldenen Reich für ihre Geduld bekannt!«
Die ehemalige Gardistin schmunzelt.
»Was soll ich denn sagen? Es dauert neun sagenhafte Monate bis zur Geburt. Neun Monate ohne Magie, wie ich hinzufügen möchte.«
Mich schaudert. »Ehrlich, Marzena – wieso?«
»Wieso nicht?« In ihrem Blick liegen Lachen und Mitleid. »Mal ehrlich, liebe Helena, was dachtest du denn, wo die Babys herkommen? Dass sie auf Bäumen wachsen?«
»Nein, aber … Ist ja deine Sache. Meins wäre es nicht.«
Sie nickt. Etwas Netteres kann ich mir beim besten Willen nicht abringen. Wieso tut sich eine Frau, noch dazu so eine begabte wie Marzena, so etwas freiwillig an?
Kinder gibt es wie Sand am Meer, vor allem mit passendem Mann dazu: Die Kämpfe mit anderen, gewalttätigen Rebellinnentruppen sowie dem Großen Moldawischen Reich fordern ihren Tribut. Jede Garde hinterlässt regelmäßig alleinerziehende Männer. Ein bisschen so wie reife Äpfel auf einer Streuwiese: Eine müsste nur hingehen und sich einen pflücken.
Allein die Vorstellung, neun Monate so hilflos zu sein … nein!
Mir kommt ein neuer Gedanke.
»Hast du Angst?«
»Wovor jetzt genau?«
»Vor der Geburt und allem.«
»Nö«, bekennt Marzena freimütig. »Das haben Millionen Frauen vor mir geschafft, also werde ich das wohl auch hinbekommen.«
»Das ist so ziemlich das Dümmste, was ich je gehört habe«, knurre ich, »das ist doch kein Argument! Nur weil es schon viele vor dir gemacht haben. Mal ehrlich: das gilt auch fürs Sterben!«
Marzena lacht aus vollem Hals. Unerschütterlich, die Gute. Neben ihr komme ich mir vor wie eine missmutige, grantelige alte Meckertante. Kein Wunder, dass Adrian sich in sie verliebt hat. Wo ich nur Schatten, Schmerz und Angst sehe, ist Marzena voller Vorfreude und gespannter Erwartung. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie sie das macht.
»Alle mal herhören!«
Die Gespräche verstummen. Alle Köpfe drehen sich zu Adrian. Es muss etwas passiert sein: Sein Gesichtsausdruck ist verkniffen, seine Hände zu Fäusten geballt.
»Soeben ist Daniel zurückgekommen. Ich hatte ihn losgeschickt, unsere nächste Etappe auszukundschaften. Dabei traf er Sascha.« Der Anführer winkt einen Mann heran. Er scheint um die dreißig zu sein, ist dem Bart nach zu urteilen verheiratet und wirkt müde und ausgezehrt.
»Hallo.« Er hebt zur Begrüßung eine Hand. Daniel gesellt sich ebenfalls dazu. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass er wieder da ist, aber bei dem ständigen Strom an Menschen, die kommen und gehen, ist das ja auch kein Wunder. Ich freue mich, ihn zu sehen, gehört er doch mit seiner aufmerksamen, bescheidenen Art eindeutig zu den angenehmeren Personen.
»Sascha gehört zu Martinas Leuten und hat beunruhigende Neuigkeiten. Sascha?«
Der Mann tritt vor. »Hallo allerseits. Martina schickt mich, euch zu warnen.« Martina leitet ebenfalls eine Rebellinnentruppe, wie ich weiß. Ich kenne sie nicht persönlich, habe aber durch Adrian schon einiges über sie erfahren. Wie er ist auch sie nicht auf Kampf aus, sondern zieht es vor, für ihre Überzeugung von einer Gleichwertigkeit der Geschlechter mit friedlichen Mitteln einzutreten. Soweit ich weiß, war es damals sogar ihre Idee, ihre Tochter Leonie mit Kolja in die Hauptstadt zu schicken, um ihn bei seiner Mission zu unterstützen und gleichzeitig für die Rebellinnen Nutzen daraus zu ziehen.
Ich konzentriere mich wieder auf Sascha. »Wie ihr vielleicht wisst, halten wir uns normalerweise weit im Westen auf. Doch in den letzten Jahren haben wir immer mehr an Boden verloren. Ohne dass uns das so recht bewusst war, hat uns die Garde vor sich her Richtung Reichsmitte getrieben. Immer ein Stückchen, bis wir Karlas Gebiet erreicht hatten.« Wer ist Karla? »Aber das ist nicht das Einzige! Ganz langsam, nach und nach, ist die Westgarde größer geworden.« Aha? »Wir haben es anfangs nicht bemerkt, ihr wisst ja, wie so ein Leben auf der Flucht ist.« Er zuckt mit den Schultern. »Irgendwann wurde es dann aber doch auffällig. Früher kamen jedes Jahr etwa zwanzig, dreißig neue Gardistinnen pro Untereinheit hinzu, während andere dafür aus dem Dienst schwanden.« Das sind Zahlen, von denen wir bei der Ostgarde nur träumen konnten. Die Westgarde war immer schon bei denjenigen beliebt gewesen, die Langweile einem anständigen Kampf vorzogen. Im Westen ist das Meer, keine Grenze, die gegen einen Feind verteidigt werden muss. Nicht umsonst hat die Westgarde einen eher schluffigen Ruf. »Doch im Laufe der Zeit wurde das immer mehr. Jetzt kamen auf einmal jeden Monat neue Gardistinnen an. Wir begannen, Listen zu führen.« Er atmet tief durch. »Und kamen zu erschreckenden Ergebnissen: Die Garde rüstet ganz erheblich auf!«
»Seit wann?«, fragt eine Rebellin.
»Seit mindestens einem Jahr, eher anderthalb. Wie gesagt, ist es uns zunächst nicht aufgefallen.«
Daraus kann ihnen kaum eine einen Vorwurf machen. Im Gegenteil bin ich eher erstaunt, wie gut Martinas Gruppe informiert ist. Ich könnte mittlerweile nichts mehr über Größe und Stärke der Ostgarde sagen. Wie denn auch, wenn wir immer flüchten, noch bevor sie uns sehen?
Der Zeitpunkt passt auf jeden Fall; vor knapp drei Jahren ist der Goldenen Frau endgültig klar geworden, dass die Rebellinnen mit einer gefährlichen Macht experimentieren: den Magiespeichersteinen. So mächtig die Goldene Frau auch ist, von heute auf morgen kann sie nichts ändern. Wohl aber im Laufe der Zeit mehr Frauen für die Gardeakademien rekrutieren. Weiß die Geierin, wie sie das gemacht hat. Das Niveau des Einstellungstests oder der Abschlussprüfungen gesenkt, den Gardelohn erhöht oder Dorf- und Stadtobere »gebeten«, mehr Frauen zu schicken … Es macht Sinn, dass sie die Garden verstärkt. Großen Sinn sogar. Und wenn die Westgarde zumindest teilweise so weit hier rübergekommen ist, dann …
»Sie ziehen sich wie ein Netz zusammen«, sagt Adrian düster. »Finn und Corey waren bei der Ostgarde. Dort sieht es genau so aus.« Er schüttelt den Kopf. »Ich habe mir so viel auf unser Frühwarnsystem eingebildet – und genau das haben sie ausgenutzt. Sie konnten ja quasi machen, was sie wollten. Da wir die Ostgarde immer nur von Weitem im Auge behalten haben, ist uns nichts aufgefallen.«
»Wie viele?«
»Sie jetzt sind? Gute Frage, Bernd. Gesehen haben die beiden sicher nur die Spitze des Eisbergs.« Er fährt sich mit den Händen durch die Haare. »Aber so viel, dass klar ist, was hier vor sich geht. Wir hätten etwas ahnen sollen. Es war schon auffällig, dass sie immer öfter Zweiertrupps losgeschickt haben. Wenn sie so weitermachen … « Er breitet in einer hilflosen Geste die Arme aus.
»Dann haben sie uns bald«, spricht Gero aus, was wir alle denken. »Denn wir sind die Fische in ihrem Netz.«
Der Anführer ballt erneut die Hände zu Fäusten.
»Kein Wunder, dass sie den Verhandlungen zugestimmt haben: Wieder etwas mehr Zeit, während der wir die Augen vor dem verschließen, was direkt vor unserer Nase passiert.«
»Heißt das, die Friedensverhandlungen sind vom Tisch?«, will Simone wissen.
»Nein. Aber ich werde nicht zulassen, dass sie uns nochmal an der Nase herumführen. Ihr«, Adrian deutet auf Kolja, Marzena und mich, die wir nebeneinander sitzen, »werdet wie besprochen nach Annaburg reisen und die Verhandlungen mit der Goldenen Frau beginnen. Doch in der Zwischenzeit werden wir uns bereit machen.« Adrians Augen funkeln wild, als er sich umdreht und jede einzelne Rebellin der Reihe nach fest ansieht. »Wir werden hier nicht stumm und still sitzen bleiben, während die sich zum Kampf rüsten. Sie wollen uns vernichten, darauf müssen wir gefasst sein. Ja, ich habe gesagt, dass ich endlich Frieden will. Mag sein, dass der Zeitpunkt doch nicht so gut war, wie ich gedacht hatte, und Annaburg tatsächlich verhandeln möchte. Es mag ebenso sein, dass sie nicht im Traum an einen Friedensvertrag denken und sich ins Fäustchen lachen, weil wir es tun. So oder so, wir werden bereit sein. Ihr alle werdet doppelt und dreimal so hart arbeiten wie bisher.« Ich schaue mich um, sehe die Wut und Enttäuschung auf den Gesichtern der Rebellinnen, aber auch Entschlossenheit und Zustimmung. Keine hier wird sich kampflos unterkriegen lassen.
»Ich werde noch heute einige von euch losschicken. Wir müssen noch schneller und noch mehr Speichersteine abbauen und mit Magie füllen. Eleganz ist jetzt nicht mehr gefragt. Schluss mit aufwendigen Tarnungen, Schluss mit Schmuck! Jetzt geht es nicht mehr um eine Revolution, die so lange wie möglich im Verborgenen bleibt, jetzt geht es um offenen Krieg.« Adrian hebt seine Stimme. »Geht in eure Heimatdörfer. Werbt an, wen immer ihr finden könnt. Frauen, aber auch Männer, Fräulein und Großmütter. Erzählt ihnen, dass wir sie mit etwas ausstatten werden, was sie kampffähig macht. Sagt gegenüber Uneingeweihten noch kein Wort von der gespeicherten Magie – noch nicht.« Jetzt fällt sein Blick auf mich. »Noch wahren wir das Geheimnis, noch geben wir die Hoffnung nicht auf, dass die Goldene Frau zur Besinnung kommt und mit ihren Hexen endlich die Gesellschaft errichtet, die uns allen als Kindern der Göttin angemessen ist. Und wenn nicht«, seine Augen glitzern, »werden wir bereit sein.«
Über die Schöpfung
Einst schuf die Große Göttin die Weltkugel. Sie schob die Oberfläche an einigen Stellen zu Bergen zusammen und füllte die so entstandenen Täler mit Wasser.
Sie schuf den Tag und die Nacht, den Wind und den Regen, doch die Erde blieb öde und leer.
Da nahm sie einen Teil ihrer Göttinlichkeit, einen Funken bloß, ließ ihn von Wind und Sonne trocknen, zerrieb ihn und streute die Körner über das Weltenrund.
Wo die Samen auf die Erde trafen, wuchs Leben, das im Boden verhaftet war, und wo sie ins Wasser fielen, entstand das bewegliche Leben.
Der Göttin gefielen die Wesen, die sie erschaffen hatte. Sie berührte ein jedes von ihnen und ein jedes wuchs auf andere Weise, um ihr zu gefallen.
Viele Jahre lang schaffte die Göttin neues Leben. Doch mehr und mehr wurde sie sich ihrer Einsamkeit gewahr, denn keines ihrer Wesen vermochte sie zu erkennen. So wollte sie eines erschaffen, das mehr wahrnehmen konnte, als ihm seine Sinne verrieten. Die Göttin nahm von all ihren Lieblingswesen die besten Teile und fügte sie zu einem Ganzen zusammen. Sie nahm ein winziges Körnchen ihrer Göttinlichkeit, legte es in das Wesen und der Mann erwachte.
Die Göttin war sehr angetan von ihren neuen Geschöpfen, denn die Männer sprachen zu ihr, priesen sie und beteten sie an. Doch allzu bald änderte sich ihr Verhalten. Sie wurden mürrisch und streitlustig und nutzten die Kraft ihrer Körper und Geister, um sich die Schöpfung der Göttin untertan zu machen. Sie vergaßen, ihr zu huldigen, wurden wild und versehrten einander.
Die Göttin brachte es nicht über sich, die Mannheit zu töten, denn sie hatte sie lieb gewonnen und wann immer sie ihnen zürnte, sprachen die Männer wieder süße Worte, so dass ihr Kummer verging.
Doch mit der Zeit wuchs der Unmut der Göttin. Sie erkannte, dass der göttinliche Funke, den sie in die Männer gelegt hatte, erloschen war.
Da nahm sie erneut das Beste aller ihrer Lieblingswesen, doch nun fügte sie das Fruchtreiche der Erde selbst hinzu. Und jenen Wesen schenkte sie erneut einen winzigen Teil ihrer Göttinlichkeit und schloss ihn ein in das Fruchtbare, auf dass er nie verglimmen möge. Und so kamen die Frauen zu den Männern, um sie vor dem Zorn der Göttin zu erretten.
Die Männer waren in der Zwischenzeit längst wild geworden, außer sich in ihrer hilflosen Raserei aufeinander, denn sie hatten keine Aufgabe und waren ohne Lebenssinn.
Die Frauen, mit deren Körpern ein Teil der göttlichen Macht erblühte, huldigten der Göttin, aber nicht nur mit süßen Worten, sondern auch mit ihren Taten. Sie lebten in Einklang mit den anderen Geschöpfen, errichteten Heime und Kunst, in der sie die Wunderhaftigkeit der Göttin priesen und ehrten.
Die Große Göttin war sehr glücklich über die Frauen und beschloss, die Männer wieder von der Erde fortzunehmen. Doch die Frauen wiederum hatten die Männer mittlerweile lieb gewonnen. Als sie vom Vorhaben der Göttin erfuhren, baten sie um Gnade. Sie boten der Göttin an, fortan für die Männer verantwortlich zu sein, ihnen beizubringen, im Einklang mit der Schöpfung zu leben und ein Heim zu schaffen, mit ihrer Körperkraft für einander zu sorgen, Feuer zu machen und Bilder, Statuen und Musik zu Ehren der Göttin zu erschaffen. Als Zeichen dieses ewigen Bundes zwischen Frau und Mann nahmen sie einen winzigen Teil ihrer göttinlichen Macht und legten sie in den Schoß der Männer, so dass sie fortan nur noch mit ihnen gemeinsam neues Leben zeugen konnten.
Die Große Göttin zeigte Gnade, blieb aber argwöhnisch und verkündete den Frauen, ein Zeichen zu senden, das die Männer ermahnen möge: Wann immer ein Regenbogen am Himmel erscheint, sollen sich die Männer daran erinnern, alle Schöpfung, gleich welcher Form, Größe oder Farbe, zu achten und zu schützen und der Frau untertan zu sein. Sonst würde der Zorn der Göttin erneut über sie kommen und sie würde sie von der Erde nehmen bis in alle Ewigkeit.
Und so retteten die Frauen die Männer und gaben dafür einen Teil ihrer Göttinlichkeit her.
Teil II: 7 Wochen

Kapitel 12
Es ist ein seltsames Gefühl, nach Annaburg zu reisen. Adrian hat sogar extra Pferde für uns aufgetrieben. Mit einem Mal kann es ihm gar nicht schnell genug gehen. Als hätte ihn Saschas Bericht darauf hingewiesen, dass ihm die Zeit davonlief.
Was zweifellos der Fall ist: Marzena hat jetzt nur noch zwei Monate vor sich, bis das Baby kommt. Das ist so klassisch Mann – als ob nicht jeder wüsste, wie lange eine Schwangerschaft dauert! Aber nein, es ist ja noch so viel Zeit. Bis es eben nicht mehr so ist.
Wir reisen langsam und mit Bedacht. Wir tragen Freibriefe mit uns, unterzeichnet von der Silbernen Frau Anita de Candela de Luci von Bilvao. Sie bezeugen uns freies Geleit. Weil mir das im Gegensatz zu den anderen nicht ausgereicht hat, tragen die Briefe außerdem Siegel und Unterschrift der Zweiten der Goldenen Garde, Heidrun von Borgentreich. Die Silberne Frau steht über ihr, klar, aber ich muss keine Seelenärztin sein, um zu wissen, dass Menschen manchmal die knurrende und wild reißende Hündin mehr fürchten als deren Herrin. Außerdem wollte ich sicher gehen, dass die schöne Heidrun von meinem Besuch erfährt. Das letzte Mal sind wir recht friedlich auseinander gegangen. Was angesichts der damaligen Ereignisse an ein Wunder grenzt. Wir hätten Freundinnen werden können, sie und ich, das habe ich damals gedacht. Wenn die Umstände nur anders gewesen wären.
Nun werde ich ihr erneut gegenübertreten – sie würde sich wohl eher schwängern lassen, als das zu verpassen! – und muss ihr dieses Mal mit kühlem Kalkül begegnen. Sie ist weder die Goldene noch die Silberne Frau, doch ganz zweifellos ist sie die gefährlichste Kriegerin, die das Reich je gesehen hat. Die Goldene und die Silberne werden sich niemals die Blöße geben, auf einem Kampffeld zu erscheinen. Zu leicht könnte so herauskommen, wann sie ihre magiefreien Tage haben und verwundbar sind. In Heidrun hingegen habe ich jene Leidenschaft gespürt, die auch mich einst erfüllt hat: Zu den Sieben Finsterhexen mit allen Vorsichtsmaßnahmen, wenn Not an der Frau ist, wird sie da sein!
Neben mir reitet Kolja. Hätte ich gewusst, dass er so gut mit Pferden kann, hätte ich ihm schon früher eins besorgt. Oder besser einen Hund? Auf jeden Fall scheint er glücklich zu sein und kümmert sich hingebungsvoll um die Tiere.
Vor uns reiten Désirée und Simone. Gero ist zum Glück dabeigeblieben, weiter »das Lager zu bewachen«. Zu meinem Verdruss hat sich allerdings Corey irgendwie mit dazu gemogelt. Völlig nichtsnutzig, wie ich Adrian auch gesagt habe. Er hat mich freundlich darauf hingewiesen, mich nicht nach meiner Meinung gefragt zu haben.
»Ach. Und ich dachte, ich bin hier die Verhandlungsführerin?«, hatte ich schnippisch ins Feld geführt.
»Nun ja«, hatte Adrian erwidert, »das bedeutet aber nicht, dass du allein zurechtkommst.«
»Wie bitte?«
»Sieh es so, Helena: Du bist unsere Frau für die Augenhöhe. Für den Mut und die Tapferkeit. Fürs Standhaftbleiben und fürs schnelle Reagieren. Aber bei der Göttin, du bist nicht unsere Frau für Diplomatie!«
Das hatte ich wohl eingesehen und mich zähneknirschend mit dem – zugegeben mittlerweile recht wortgewandten – Rebellen abgefunden. Wobei der Witz ja ist, dass er die Goldene Frau und mich zu so ziemlich gleichen Teilen hasst. Es dürfte also interessant werden.
Weiter sind noch Tracey und Hugo mitgekommen. Letzterer für die Männerquote, nehme ich an, da will Adrian wohl ein Zeichen setzen, und Tracey ist Fräulein. Keine besonders schlagkräftige Truppe also. Immerhin ist mir Hugo bislang durch seine ausgesuchte Höflichkeit aufgefallen, er scheint also nicht so ein Vollhorst wie Gero zu sein. Über Tracey weiß ich praktisch nichts, außer, dass sie bis vor einem halben Jahr noch bei einer anderen Rebellinnentruppe war. Sie stieß auf Empfehlung eines Freundes von Adrian zu uns; offenbar hatte es in ihrer alten Gruppe Streit gegeben und sie hatte – Fräulein halt – das Weite gesucht.
Ich bete zur Göttin, dass Kolja mit seiner Mission Erfolg hat. Er soll, während wir Erwachsenen die Verhandlungen führen, Frau NicMara ausfindig machen und dazu bringen, uns zu helfen. Nur wenn wir es schaffen, Männer und Fräulein von Frauen »adoptieren« zu lassen, haben wir eine Chance, sollten die Verhandlungen scheitern.
Ich spiele mit dem Anhänger meiner Kette. Ebenso wie so manch anderes Schmuckstück an meinem Körper enthält er einen prallgefüllten Magiespeicherstein. Längst ist mir der Umgang damit zur zweiten Natur geworden: Stein nehmen, kurz reinwitschen und die Magien betrachten. Dann fix nach Nützlichkeit, Stärke und Volumen sortieren; dies besser für einen Angriff, klar, das besser zur Verteidigung. Besonders seltene und nützliche Sachen genau untersuchen. Ich bewundere die Weitsicht, mit der die Steine gefüllt worden sind: in jedem finden sich Magien sowohl zur Abwehr als auch zum Angriff. Es ist ungewohnt und es macht Spaß. Einzig die Eismagie in dem Ring an meiner rechten Hand habe ich noch nicht genauer in Augenschein genommen. Ich habe wieder Magie, ja, doch das Eis erinnert mich zu schmerzhaft an alles, was ich sonst noch verloren habe. Daran, dass es trotz allem nie wieder so sein wird, wie je zuvor.
»Ist alles in Ordnung, Mama?«
»Ja, mein Schatz.« Ich lächele Kolja zu. »Ich bin nur ein bisschen besorgt.«
»Wegen mir?«
»Wegen allem. Aber ja, vor allem wegen dir. Das letzte Mal, als du in Annaburg warst, wärst du beinahe getötet worden!«
Mein Sohn strafft seine Schultern. »Aber nur beinahe. Und jetzt weiß ich, was mich erwartet.« Er nickt. »Außerdem bin ich jetzt nicht mehr der kleine Junge von damals!«
Ich muss lachen. »Weil das Ganze schon so lange her ist und nicht erst ein Dreivierteljahr? Schon gut, ich ziehe dich nur auf. Du hast recht, du bist ganz schön erwachsen geworden.«
Ich lehne mich im Sattel so weit nach links wie möglich und wuschele ihm über den Kopf. »Ich schätze, ich werde mir auch in fünfzig Jahren noch Sorgen um dich machen. So ist das eben mit uns Müttern.«
Als ich mich wieder gerade hinsetze, trifft mein Blick den von Corey, der sich zu uns umgedreht hat. Der milde Hass, mit dem er mir für gewöhnlich begegnet, lodert wild auf. Mich wundert, wie beharrlich er daran festhält. Wenn er bei den Verhandlungen auch so unversöhnlich ist …
»Hast du eigentlich mal mit Corey darüber gesprochen?«, fragt Kolja leise.
»Nein. Da gibt es nichts zu besprechen. Ich war Ostgardistin, er, Glenna und die anderen Verräterinnen. Die ich dann ausgeliefert habe. Ganz einfach.«
Kolja druckst ein wenig herum. »Aber, na ja, also … Du lebst, seine Mutter aber nicht, also … «
»Und er lebt«, sage ich nachdrücklich. »Weil ich mein Leben und das meiner Freundinnen und Schwestern riskiert habe, um ihn und die anderen zu befreien. Es dürfte also im Grunde alles ausgeglichen sein. Andererseits: Was hat er eigentlich getan, um all das wiedergutzumachen, was die Rebellinnen meinen Gardeschwestern und mir angetan haben?«
»Corey doch nicht!« Kolja schüttelt den Kopf. »Ein paar Überfälle, bei denen sie Sachen geklaut haben, in Ordnung. Aber Adrians Gruppe war nie gewalttätig, wenn es nicht sein musste. Du kannst doch Corey nicht für das verantwortlich machen, was andere dir angetan haben?«
»Ach, aber Corey darf mich dafür verantwortlich machen, dass seine Mutter im Kampf gegen die Nordgarde gefallen ist, ja?«
Kolja schüttelt den Kopf. »Das ist nicht dasselbe, Mama.«
Verflixter Bengel! »Ich weiß. Trotzdem.«
Es ist ein langer Weg nach Annaburg. Das Leben zu Pferd mit einem festen Ziel vor Augen erinnert mich schmerzlich an meine Zeit bei der Ostgarde. Damals wollte ich alle Rebellinnen und Verräterinnen ausrotten, und mein Herz gehörte der Goldenen Frau, meiner Oberen und meinen Gardeschwestern. Ich war bereit, mein Leben zu geben, um ein jede von ihnen zu beschützen. Nun riskiere ich mein Leben, um einen Frieden mit den Rebellinnen zu verhandeln. Dabei bin ich noch immer von der Richtigkeit der Goldenen Gesetze überzeugt. Schon seltsam, wie das Leben spielt.
Immerhin bin ich noch am Leben. Das kann nicht jede meiner ehemaligen Gardeschwestern von sich behaupten. Marzena lebt noch, doch die Veränderung, die sie erfahren hat, ist unfassbar. Ja, sie war gezwungen zu fliehen und wo hätte sie anders hingekonnt als zu den Rebellinnen? Dass sie sich dort eingelebt hat, kann ich ihr nicht vorwerfen. Auch nicht, dass sie sich verliebt hat. Ach, ich kann ihr gar nichts vorwerfen, welches Recht hätte ich denn dazu? Was mich einfach so fertig macht, ist die Diskrepanz zwischen meiner Gardeschwester Marzena Mariolanka und Adrians Gefährtin Marzena, die mittlerweile eine riesige Kugel vor sich herschiebt. Dabei ist sie jetzt erst im achten Monat, hat also noch acht Wochen vor sich. Bei den Sieben Finsterhexen, wie groß soll ihr Bauch denn noch werden? Auch sonst hat sie sich durch die Schwangerschaft verändert. Sie war immer schon ein fröhlicher Mensch; jetzt ist sie zudem viel gelassener. Trotz der angespannten Lage. Dafür hat sie definitiv ihren Biss verloren. Wenn ich sehe, wie sie, meist eine Hand auf den gewölbten Bauch gelegt, umherwatschelt, könnte ich heulen. Wo ist die elegante, tödliche Kriegerin hin, mit der ich so vieles erlebt habe? Allein wenn ich daran denke, wie sie damals in der Nähe von Todtanz die Kraniche vereint und auf unsere Gegner gehetzt hatte …
Das ist jetzt erstmal vorbei.
Ich kann nur hoffen, dass sich das hier lange genug hinzieht, sodass ich erst wieder zurückkomme, wenn der kleine Schreihals da ist.
Zurückkommen. Zurückgehen. Nach Hause? Und wo ist das überhaupt? In Smaleberg? Nicht mehr. Es ist das Zuhause meiner Kindheit und Jugend. Mehr eine Zeit, als ein Ort. Und in die Vergangenheit kann ich nicht zurück, ich habe es versucht. Ich kann mich dort verstecken, doch kein eigenes Leben führen. Genauso wie ich zu alt bin, mich hinter meinem Vater zu verstecken, wenn mich andere Kinder ärgern, bin ich einfach aus diesem Zuhause herausgewachsen.
Das der Rebellinnen ist anders. Da trifft definitiv der Satz zu, dass es Menschen sind, die einen Ort zu einem Zuhause machen. Das Lager ist ständig woanders, und doch ist es immer gleich. Es ist definitiv eine Familie. Aber nicht meine. Wie könnte das auch sein, wenn ich in so vielen Dingen nicht mit Adrian und den anderen übereinstimme? Ich bin zu ihnen zurückgekehrt, weil mein Sohn das Versprechen abgegeben hatte, ihnen alles über die Magieanwendung durch einen Mann zu erzählen, was er gelernt hat. Und, zugegeben, weil ich dabei sein wollte, wenn sich die Geschichte der Menschheit abermals ändert. Was definitiv nicht so gelaufen ist, wie ich es mir vorgestellt hatte. So viel dazu.
Aber ein Zuhause? Ein Heim?
Mir fällt dazu nur eins ein: Kolja. Mojserce.
Wenn all das hier vorbei ist und wenn wir dann noch am Leben sind, will ich nicht mehr umherziehen. Ich weiß nicht, was ich will, aber ich weiß, was ich nicht will. Ich will nicht mehr auf der Flucht sein. Ich will mich nicht mehr bei meinen Eltern und Mamu verstecken. Ich will nicht mehr aufwachen und nicht wissen, was ich den ganzen Tag lang machen soll. Ich will nicht mehr nutzlos sein. Niemals wieder, das schwöre ich!

Kapitel 13
»Da, Mama!« Kolja zeigt nach vorn.
Tatsächlich kann ich bereits die Spitze des Goldenen Schlosses sehen. Annaburg. Hauptstadt des Goldenen Reiches. Sitz der Goldenen Frau und ihrer Goldenen Garde. Inbegriff von Zivilisation und Kultur, Löwinnenarena und Hyäninnenbecken. Voller Chancen und Gefahren. Todesort so vieler meiner Freundinnen. Letzte Ruhestätte ihrer Körper.
Wirkstätte zahlreicher mächtiger Frauen. Voll Wissen und sonnenbeschienener Wunder. Voll Gefahr und Schatten. Hier hat mein Sohn vor nicht allzu langer Zeit eine Reihe seltsamer Todesfälle aufgeklärt. Hier haben sie mir meine Magie genommen.
Das Stadtkrankenhaus: Einziges Zeugnis einer vergangenen Zeit, in der Männer sich hier erdreisteten, Frauen zu regieren, ihnen ihr Geburtsrecht abzuerkennen und in der sie jede, die es wagte, Magie zu benutzen, verfolgten, folterten und grausam töteten. Alles angeblich im Namen eines natürlich männlichen Gottes, dem weibliche Menschen von Beginn an ein Gräuel waren, der sie verfluchte und mit allem versah, das schwach und von Übel war.
So ein Schwachsinn! Eine Lüge, gestrickt, um uns kleinzuhalten und zu kontrollieren. Doch wir haben uns erhoben und sie davongejagt, samt ihres falschen Gottes. Haben die natürliche und göttingewollte Ordnung wiederhergestellt, nach der der Mann unter der Frau steht. Die Rebellinnen wollen das nun ändern, weiß die Göttin, was dann geschieht.
Annaburg – es ist schön, dich zu sehen!
Ich bemerke es im selben Moment, wie Désirée. Die Rebellin ist ganz schön auf Zack! Wenige Sekunden später versteift sich auch Simone in ihrem Sattel, zügelt ihr Pferd und hebt die Hände.
»Da ist eine«, antworte ich auf Koljas stumme Frage. »Sie kommt näher. Nein«, korrigiere ich mich, »es sind mehrere, mindestens vier.«
Nun halten wir alle an und wenden unsere Pferde, so dass wir einen lockeren Kreis bilden. Falls Kolja, Corey, Hugo und Tracey ein Problem damit haben, in dessen Mitte zu sein, lassen sie sich nichts anmerken.
Büsche zu meiner Rechten rascheln, etwas bewegt sich, kriecht über den Waldboden bis zur Straße auf uns zu. Eine Pflanze. Sie schlängelt kurz hin und her und bleibt dann liegen, anstatt sich langsam wieder zurückzuziehen. Wer auch immer auf uns zukommt, kommt also zumindest dem Anschein nach in Frieden. Und möchte mit uns sprechen.
Simone, Désirée und ich tauschen vielsagende Blicke. Auf mein Zeichen hin behält Simone die Männer im Blick; Désirée deckt meinen Rücken.
»Ja bitte?«, sage ich laut.
»Guten Tag. Dürfen wir näherkommen?«
»Aber natürlich!«
Ich setze mich aufrecht hin und nehme Haltung an. Nur weil eine höflich ist, bedeutet das noch lange nicht, dass sie es nicht darauf anlegt, uns anzugreifen und auszurauben.
Vier Reiterinnen kommen aus dem Wald. Sie lassen ihre Pferde die Straße betreten und bleiben in respektvollem Abstand zu uns stehen.
»Guten Tag«, wiederholt die Frau an der Spitze der kleinen Gruppe. Eine lässige Handbewegung lässt die Pflanze zurückschnacken und dann im Erdreich verschwinden.
Routinemäßig versuche ich, die Frauen einzuschätzen. Die Anführerin hat ganz offenkundig irgendeine Pflanzenmagie, offenbar in Verbindung mit dem Boden. Von mir aus. Sie wirkt selbstbewusst, sogar einen Hauch arrogant. Sie weiß, was sie kann und was sie will. Ich bin gespannt, was das sein wird.
Die Frauen hinter ihr, die ihre Hände ebenfalls ein Stück weit erhoben haben – weit genug, um schnell Magie schleudern zu können, aber nicht so hoch, dass es ein Affront ist – wirken gegen sie einen Hauch weniger selbstbewusst, jedoch nicht weniger wachsam. Der kühle, gezügelte Hass, den ich in den Gesichtszügen der Pflanzenmagierin abzulesen meine, ist bei den anderen nicht zu sehen, stattdessen eine Mischung aus Empörung und vor sich selbst gerechtfertigtem Zorn.
»Hallo. Was kann ich für Sie tun?«
Die Frauen sind gut, aber nicht zu gut gekleidet. Also vermutlich keine Wegelagerinnen. Keine macht das geheime Zeichen, das sie als Rebellinnen ausweisen würde.
»Ist Ihnen in den letzten Stunden eine Person begegnet?«
Abzeichen erkenne ich keine. So wie sie sich verhalten – alle hintereinander und überwiegend in dieselbe Richtung starrend – haben wir es mit Zivilistinnen zu tun.
»Nicht, dass ich wüsste.«
Ich gönne der Dame nicht die Genugtuung, nachzufragen. Auf verbale Köder reagiere ich allergisch.
Sie schweigt eine Weile, dann holt sie Luft. Dachte ich mir’s doch, die Wenigsten können der Versuchung widerstehen, sich anderen Menschen mitzuteilen. Was ich noch nie wirklich verstanden, aber schon sehr oft zu meinem Vorteil genutzt habe.
»Wir suchen eine flüchtige Person.«
»›Eine flüchtige Person‹, soso«, brummt Désirée in meinem Rücken. Ihr Tonfall macht klar, wo im Augenblick ihre Sympathien liegen: Nicht bei der Frauengruppe. Ein bisschen voreilig für meinen Geschmack – oder hat sie ein Bauchgefühl?
Ich gebe zu, dass mir die Damen auch nicht sonderlich zusagen. Das bedeutet jedoch noch lange nicht, dass sie im Unrecht sind.
»Ach ja?«
»Einen Mann, um genauer zu sein.« Die Anführerin kneift ihre Augen zusammen. »Und Sie haben wirklich keine Menschenseele getroffen? Oder gesehen?«
Ich mag es nicht, wenn eine an meinen Worten zweifelt. Hätte ich noch meine Eismagie, ich hätte sie längst in meine Fingerspitzen schießen lassen. So tue ich instinktiv das Nächstbeste: Ich ziehe mir etwas aus dem Magiespeicherstein, der in einem meiner Ringe sitzt. Was haben wir da? Schneckenmagie, witziger Zufall. Der Göttin sei Dank, habe ich mich auch mit Weichtiermagie ausführlichst beschäftigt. Obwohl sie echt ekelig ist. Vor allem bei Pflanzen kann eine damit eine Menge Schaden anrichten. Schnecken sind durch so gut wie nichts aufzuhalten. Sofern nicht eine der Frauen über Salzmagie, Sand oder Feuer verfügt, könnte ich damit schöne große Löcher machen und der Tussi binnen Sekunden erstmal eine schöne Ladung Schleim in Augen und Ohren treiben.
Wie von allein verzieht sich mein Mund zu einem Grinsen.
»Schon gut!« Die Frau macht eine beschwichtigende Geste. »War nicht so gemeint.«
»Helena!«, zischt Simone.
Ich seufze theatralisch. Wenn ich die lästige Kuh nur so loswerde, dann, bei den Sieben Finsterhexen, soll es wohl so sein.
»Und wen suchen Sie, wenn ich fragen darf?«, erbarme ich mich.
Unbändiger Hass verzerrt für einen winzigen Moment die Gesichtszüge der Pflanzenhexe, dann hat sie sich wieder unter Kontrolle.
»Wir suchen einen Mann. Meinen Mann.« Sie betont ihren Besitzanspruch mehr, als nötig gewesen wäre.
Die Spannung, die in der Luft liegt, rät mir deutlich, die Fremde nicht zu provozieren. Aber was soll ich sagen? Ich kann’s einfach nicht lassen!
»Wieso?«, frage ich betont unschuldig, »Haben Sie ihn verloren?«
Hinter mir stöhnen Simone und Désirée gleichzeitig auf. Die Männer geben keinen Mucks von sich. Ist vermutlich auch gut so.
Die Fremde bedeutet ihren Freundinnen zu warten, schnalzt mit der Zunge und lässt ihr Pferd näherkommen.
»Was dagegen, wenn ich mir ihre Begleiter einmal näher anschaue?«
Sie meint Kolja, Corey und Hugo.
»Helena, lass sie!«, flüstert Désirée.
Sie hat recht, das wäre der deutlich einfachere Weg. Die Fremde könnte sich selbst davon überzeugen, dass ihr Mann nicht bei uns ist. Danach würde sie mit ihren Anhängseln weiterziehen und uns in Ruhe lassen.
»Von mir aus«, knurre ich. »Aber Sie rühren sie nicht an!« Keine fasst meinen Sohn an!
Die Frau lacht spöttisch. »Wie soll ich denn sonst herausfinden, ob Sie Arno nicht doch dabeihaben und nur tarnen?«
»Keine von uns verfügt über solche Magie«, mischt sich Simone ein. »Das wäre ja auch ein ziemlicher Zufall, meinen Sie nicht?«
Die Fremde hält kurz inne, legt den Kopf schief, schweigt.
»Dem ist wohl so«, sagt sie schließlich. »Entschuldigen sie bitte«, kommt es dann zu meinem Erstaunen. »Ich bin heute nicht ich selbst.«
»Kein Wunder, wenn Sie Ihren Mann vermissen«, gibt sich Simone verständnisvoll. Das heißt, so wie ich sie kenne, IST sie es sogar. »Seit wann ist er denn weg?«
»Seit vierzehn Stunden«, die Stimme der Frau klingt nun düster. »Zumindest vermuten wir das. Wir selbst sind seit vier Stunden unterwegs, um ihn zu suchen.«
Das ungute Gefühl, das mich von Beginn an beschlichen hat, wird stärker.
»Wurde Ihr Mann denn entführt, oder ist er … ?«
Ich beende den Satz mit Absicht nicht, biete der Frau eine Möglichkeit, eine Ausrede zu erfinden.
Doch die denkt gar nicht daran, irgendetwas zu verschleiern.
»Er ist weggelaufen«, ihr bekümmerter Tonfall klingt unecht. »Wir hatten einen kleinen, nun, Streit, wie das schon mal vorkommt unter Eheleuten. Ich habe ihn wohl etwas … erschreckt.«
»Er ist weggelaufen?«, echot Simone. Ich gebe ihr einen Knuff. »Halt die Klappe!«
»Allein?«, frage ich nach.
»Soweit ich weiß, befand sich keine sonst in unserem Haus.« Die Frau spuckt aus. »Es könnte allerdings sein, dass ihn einer seiner kleinen Hausmännerfreunde begleitet. Vermisst gemeldet wurde keiner, doch wer weiß das schon? An Markttagen kommen die Leute aus allen möglichen Dörfern zusammen. Es wäre schon möglich, dass er zu einem von denen gegangen ist, um sich mal so richtig auszuweinen.«
Diese Dame gefällt mir mit jeder Minute weniger.
Eine der anderen Frauen nickt eifrig. »Wir haben mit Sybille schon zig Dörfer abgeklappert. Die liegen hier so verstreut, dass es noch Stunden dauern wird, alle zu überprüfen.«
»Ich denke allerdings eher, dass er nach Annaburg unterwegs ist.«
»Hat Ihr Mann dort Sippschaft?«
»Nein, aber er wollte immer schon mal in die Stadt. Nach Annaburg oder sonst wohin. Hat mir immer das Ohr blutig gelabert von wegen, wie toll es dort sein muss. Dass er als Mann dort auch eine bezahlte Arbeit finden könnte und dergleichen Unsinn mehr. Ich hoffe doch sehr, dass es uns gelingt, ihn vorher zu finden. Seien wir ehrlich: Ein Mann allein in der großen Stadt – das kann sehr unschön enden.« Im Stillen gebe ich ihr recht. Vor allem abends sollte jeder anständige Mann zuhause sein. Zu leicht kann sonst ein gewisser Eindruck entstehen.
Jetzt lässt Simone ihr Pferd nach vorne gehen. Neben mir zügelt sie es, ignoriert meine gezischten Warnungen und schaut die Frau aus mitfühlenden Augen an.
»Aber wenn er doch freiwillig weg ist, dann … «
»Ja?«
»Dann kommt er doch sicher wieder, sobald er sich beruhigt hat?«
So, wie sie es sagt, klingt der Vorschlag eher nach einer Frage.
Sybille beugt sich im Sattel vor.
»Sind Sie verheiratet?«, zischt sie und kneift die Augen zusammen, als Simone den Kopf schüttelt. »Dann können Sie wohl kaum mitreden, wenn es darum geht, was ein hysterischer Mann tut und was nicht. Männer sind nicht so wie wir, zumindest das sollte Ihnen klar sein. Weniger … besonnen, und natürlich viel weniger intelligent. Ein Mann, der von seinen Gefühlen überfraut wird, ist nicht mehr in der Lage, klar zu denken – so er es denn je gewesen ist.«
Die Frauen neben ihr kichern. Ich muss aufpassen, dass ich nicht aus Versehen schmunzele!
»Er ist mein Mann und ich habe das Recht und die Pflicht, auf ihn aufzupassen.«
»Finden Sie das richtig?«
Große Göttin, lass Simone jetzt nicht vor diesen angespannten, kampfbereiten Frauen von den lächerlichen Ansichten der Rebellinnen anfangen!

Kapitel 14
Sybille runzelt die Stirn.
»Ja natürlich, was denn sonst?«
»Was Simone eigentlich meinte«, ich schicke meiner Freundin unauffällig einen kleinen Windstoß in den Mund, um sie am Weiterreden zu hindern, »ist, dass wir ja heutzutage schon davon ausgehen, dass erwachsene Männer zumindest über einen Hauch Selbstständigkeit verfügen.«
»Diesen modernen Ansichten habe ich mich nie angeschlossen«, wischt die Frau den Einwand weg. »Männer gehören ins Haus, wo sie sich um Kinder, Heim und Herd kümmern. So will es die Große Göttin, so will es das Gesetz und ich wüsste nicht, wieso wir daran etwas ändern sollten. Im Gegenteil, wenn ich an diese ganzen ›alleinstehenden Männer‹ denke«, sie deutet finster in Richtung Annaburg, »die sich in Städten tummeln … Das ist doch gegen die natürliche Ordnung!«
»Was sollen sie denn machen? Verhungern?«
»Sich gefälligst eine Frau suchen«, keift die Pflanzenhexe. »Für einen fügsamen Mann, der seinen Haushalt im Griff hat, findet sich doch immer eine Frau.«
Ob ich es wagen kann, die Frau magisch zu beruhigen? Besser nicht. Keine reagiert freundlich darauf, von einer Fremden magisch angegangen zu werden.
»Aber sehen Sie«, sage ich betont freundlich, »immerhin leben diese Männer ja nicht irgendwo, sondern in Wohnheimen. In denen weiblicher Besuch verboten ist. Ihre Tugend bleibt also auch in einer Stadt wie Annaburg bewahrt!«
Sybille schnaubt, belässt es aber dabei. Sie ist etwas altmodisch und definitiv unsympathisch, doch ich verstehe sie in der Hinsicht. Nie im Leben hätte ich Kolja erlaubt, sich als Junge nach Annaburg zu begeben. Allein, dass er sich als Frau getarnt hat, hatte dazu geführt, dass ich ihn gehen ließ.
Die Frau neben Sybille lacht ärgerlich. »Männer und ihre Tugend! Zu leicht vergessen sie heutzutage, wo ihr Platz ist. All dieses Pack, das herumrennt und von dieser obskuren Gleichwertigkeit der Geschlechter spricht«, sie schüttelt den Kopf, während ich hoffe, dass Corey seine Klappe hält, »das bringt unsere braven Männer doch nur auf dumme Gedanken!«
Etwas altmodisch, doch sie hat recht.
»Es gibt Männer«, sagt Simone vorsichtig, »die nicht mehr das wollen, was sie haben, sondern sich nach anderen Dingen sehnen.«
»Was wollen Sie damit sagen?«, zischt die Anführerin.
»Nun ja – vielleicht möchte Ihr Mann ja tatsächlich lieber in der Stadt leben. Sich dort eine Arbeit suchen und eigenes Geld verdienen.«
Große Göttin, muss das jetzt sein?
»Vielleicht sollten Sie einfach umkehren und ihn seine Erfahrungen machen lassen«, fährt Simone fort, »wenn er dann zu Ihnen zurückkommt wissen Sie, dass es wirklich das ist, was er will.«
Ich nehme vom Boden her schwache Vibrationen wahr. Irre ich mich, oder tut sich da etwas unter der Erde? Wir sollten zusehen, dass sich die Wut der verlassenen Frau nicht an uns entlädt.
»Es steht Ihnen nicht zu, sich darüber ein Urteil zu erlauben.«
»Da haben Sie sicher recht«, sage ich rasch und verschließe erneut Simones Mund mit Wind. Und wenn sie erstickt, bei den Sieben Finsterhexen, nochmal lasse ich sie in Gegenwart dieser Frauen nicht den Mund aufmachen!
»Wir werden jetzt weiterreiten.«
»Wenn Sie Arno sehen … «
Ich nicke.
»Außerdem«, Sybille lächelt, »wer soll sich um den Haushalt und meine Tochter kümmern, bis die Magie in ihr erwacht? Ich werde Arno nach Hause holen, dahin, wo er hingehört! Und wenn ich ihn an seinem hübschen Bart hinter mir herziehen muss.« Ihr Lächeln hat etwas Brutales und erinnert mich an die grausame Macht knöchelumschlingender Wasserpflanzen. »Und dann werden wir uns unterhalten. Ich werde zu verhindern wissen, dass er nochmal solche Dummheiten macht.« Ihre scheinheilige Besorgnis weicht einem jovialen Gesichtsausdruck. »Wenn Sie wollen, können Sie uns gerne suchen helfen. Ist doch auch in seinem Interesse. Sehen Sie, bald wird es schon wieder dunkel, und dann ein kleiner, hilfloser Mann, ganz allein hier draußen? Sicher hat er schon längst begriffen, wie dumm er gewesen ist, nach unserem Streit einfach wegzulaufen. Er hat sich sicher nur verlaufen und wollte schon längst zurückkommen. Dabei sollten wir ihm doch helfen, nicht wahr?«
»Tut mir leid«, sage ich knapp, »aber wir müssen wirklich weiter. Wir haben heute noch eine Verabredung einzuhalten.«
Sybille mustert Simone noch einmal mit finsterem Blick, dann erwidert sie mein Nicken. Unter den wachsamen Augen der vier Frauen reiten wir weiter. Désirée und ich sind dabei ebenso wachsam wie sie. Ich traue diesen Schwestern nicht.
Erst als wir sie ein gutes Stück hinter uns gelassen haben, trauen wir uns, aufzuatmen. In Simones Fall ist es eher ein Keuchen.
»Helena, verdammt nochmal! Was –«
»Nichts ›Helena!‹«, fahre ich ihr über den Mund. »Du hast uns mit deinem Gelaber alle in Gefahr gebracht!«
»Helena!«
»Lass, Désirée, du weißt, dass ich recht habe!« Wütend schüttele ich den Kopf. »Ich will von ihr jetzt erstmal keinen Mucks mehr hören!«
In Simones Augen schimmern Tränen, doch das ist mir jetzt egal. Himmelfraugöttin, eine erwachsene Frau sollte mehr Verstand besitzen!
»Was waren das denn für Mistweiber?«, schnarrt Corey.
Wir ignorieren ihn.
»Désirée, was denkst du?«
Die Rebellin schließt die Augen, scheint nachzudenken. Schließlich öffnet sie sie wieder und seufzt.
»Na schön. Ich meine, was nützen uns alle Reden, wenn wir nichts tun?«
»Das denke ich auch.«
»Was denn?« Zum ersten Mal, seit wir den vier Frauen begegnet sind, ergreift Hugo das Wort.
»Wir werden diesen Arno suchen. Das heißt, Désirée und ich werden das tun. Ihr bleibt hier. Simone wird auf euch aufpassen.«
Ich deute auf einen kleinen Wald zu unserer Linken.
»Dort versteckt ihr euch und rührt euch nicht vom Fleck, bis wir wieder da sind.« Ich schaue Simone ernst in die Augen. »Ich verlasse mich auf dich!«
Die Rebellin nickt. Ich kann ihr ansehen, dass ihr mein Anschiss noch in den Knochen steckt. »Ich werde sie mit meinem Leben beschützen!«
»Das musst du gar nicht. Es reicht vollkommen aus, wenn du sie mit deiner Magie und deiner Intelligenz verteidigst!«
»Das werde ich!«
»Gut.«
Wir begleiten die anderen noch bis zu dem kleinen Wäldchen. Da Désirée und ich zwischendurch immer mal wieder vorgeritten und dann wieder zu den anderen zurückgekehrt sind, sind unsere Pferde die erschöpftesten. Wir tauschen sie gegen Traceys und Koljas Pferde.
»Wir sehen zu, dass wir so schnell es geht wieder da sind«, erkläre ich. »Schlagt ein Lager auf, aber kein Feuer« – wie zu erwarten, zieht Corey eine Schnute – »und um der Göttin willen keinen Lärm! Es kann gut sein, dass wir erst mitten in der Nacht wieder da sind.«
»Mama? Wieso wollt ihr diesen Arno suchen?«
Sämtliche Augenpaare richten sich auf mich. Nur Simone macht sich bereits daran, das Lager vorzubereiten.
»Weil sie nichts Gutes mit diesem Mann vorhaben, Kolja, darum.«
»Und woher weißt du das?«
Göttin – mein Sohn hat so viel Zeit in der Hauptstadt verbracht, hat Dinge erlebt, die nur wenige sonst erleben, und doch ist er immer noch so naiv, dass ich ihn am liebsten in den Arm nehmen und nie wieder loslassen würde.
»Gegenfrage, mein Schatz: Wenn dieser Arno angeblich nach einem Streit abgehauen ist – wieso hat es dann volle zehn Stunden gedauert, bis seine Frau ihm hinterher ist?«
Kolja schaut mich aus großen Augen an.
»Du meinst … ?«
»Genau das! Arno wird ihr irgendwas verabreicht haben, vermutlich ein Schlafmittel oder sowas.«
»Du meinst, er hat seine Flucht geplant?«
Ich zucke mit den Schultern. »Entweder das, oder er wollte eine Nacht Ruhe haben.«
Corey kichert und Kolja läuft rot an. Witzig ist die Sache trotzdem nicht.
»Kolja? Du bleibst mit Corey und Hugo zusammen. Bleibt immer in unserer Nähe. Haltet Augen und Ohren offen. Tracey, du hältst zusammen mit Simone Wache.«
Immerhin ist sie ein weiblicher Mensch und hat als solcher ihren Verstand als Waffe. Und für eine Beobachterin wird sie sicher als Frau durchgehen, zumindest bis es zu einem Ernstfall kommt.
»Muss das denn wirklich sein?«, murrt Corey. »Was geht es uns an, wenn diese Sybille mit ihrem Mann einen Streit hat?«
»Wenn vier Frauen einen Mann jagen? Ich denke doch, dass uns das etwas angeht!«
»Wenn Arno entkommt, setzt er damit ein Zeichen.« Dass sich Tracey nur selten zu Wort meldet, hat sie mir bislang sehr sympathisch gemacht. Ich bin gespannt, was sie jetzt zu sagen hat. »Ein Mann gehört seiner Gattin und basta. Das ist Goldenes Gesetz. Wo kämen wir denn hin, wenn die alle machen könnten, was sie wollen?« Sie beantwortet sich die Frage selbst. »Ins Chaos. So denken zumindest Frauen wie diese Sybille, und ihre Freundinnen sicher ebenfalls. Sie haben Angst, dass Arno ihren eigenen Ehemännern Flausen in den Kopf setzt, wenn er damit durchkommt. Es geht also um mehr, als nur darum, Sybilles Mann nach Hause zu holen. Sie werden also an ihm ein Exempel statuieren.«
Désirée und ich nicken. Genau so sieht es aus.
»Außerdem«, Tracey senkt ihre Stimme, »macht es ihnen Angst, ob sie es zugeben wollen oder nicht, dass sich Männer, die in ihren Augen geistig so schwach sind und ihnen körperlich um ein Vielfaches unterlegen, es wagen, sich gegen sie aufzulehnen. Denn das ist etwas, das sie nicht verstehen können. Sie fürchten dahinter eine Macht, die der ihren ebenbürtig ist. Und sie haben recht damit.«
»Welche Macht?« Corey scheint von den Worten der Rebellin fasziniert zu sein.
»Die Macht des Mutes.«
»Das hast du gut auf den Punkt gebracht«, lobe ich Tracey. »Und genau deshalb werden wir Arno suchen. Um ihn zu beschützen.«
Corey verzieht seinen Mund zu einem spöttischen Grinsen.
»Ach schau her, die ach so gute Frau Rinasdother! Woher der Sinneswandel, wenn ich fragen darf? Hast du nicht einst geschworen, das Goldene Gesetz zu achten und zu verteidigen?«
Wenn der kleine Vollpfosten denkt, mich vorführen zu können, hat er sich geschnitten.
»Und? Ich habe mir auch mal geschworen, die schöne Heidrun ins Bett zu bekommen.« Ich grinse. »Ist auch nichts draus geworden.« Leider.
»So, und jetzt los!« Ich klatsche in die Hände. »Lasst Simone nicht alles allein machen, sie hat noch eine anstrengende Nacht vor sich, während ihr anderen schlafen dürft. Baut das Lager auf. Denkt daran: kein Feuer! Seid wachsam, ich traue dieser Sybille nicht über den Weg! Kann gut sein, dass sie zurückkommt, weil sie denkt, wir würden etwas vor ihr verheimlichen. Für sie sind wir Fremde, und glaubt bloß nicht, eine wie die mit unserem Geleitbrief beeindrucken zu können!«
Kolja schmiegt sich wortlos in meine Arme. Seine Ringe drücken gegen meine Haut. Ich hatte ganz vergessen, dass er ja auch über Magie verfügt.
»Hilf Simone«, flüstere ich ihm ins Ohr. »Und hör auf sie, sollte es zu einem Angriff kommen. Sie hat wesentlich mehr Erfahrung als du.«
Kolja nickt und ich muss schlucken, um den Kloß in meinem Hals zu vertreiben. Das ist nicht richtig, ich sollte so etwas sagen wie »Und wenn ihr angegriffen werdet: Lauf! Lauf, so schnell und so weit du nur kannst! Scher dich nicht um die anderen, sondern rette dein Leben!«
Doch welchen Mann würde ich so aus ihm machen, und was für eine Mutter aus mir?
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