Kitabı oku: «Novembereis»
Monika Rösinger
Novembereis
Monika Rösinger
Novembereis
Historischer Romanaus dem Toggenburg
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Der Bub lag auf den staubigen Brettern des Dachbodens. Durch die Scheibe der Dachluke linsten Strahlen der späten Abendsonne, die jetzt schon langsam über den Hügeln der Laad unterging. Mit einem Wisch Heu hatte er die Scheibe sauber gerieben. Er mochte es, wenn die Sonne die Staubkörnchen in der Luft zum Tanzen brachte oder die Regentropfen Schlieren in die Scheiben zogen. Niemand wusste, dass er oft hier oben in den Tag hinein träumte. Wenn er zu einer Arbeit gerufen wurde, hielt er den Atem an und bewegte sich nicht. Die Frauen im Haus, die Alten im Webkeller oder der Armenvater gaben das Rufen jeweils bald auf. Manchmal setzte es später eine Ohrfeige, aber die war es wert. Die meisten Arbeiten, zu denen er aufgefordert wurde, waren ihm verhasst. Jeder konnte ihm befehlen, alle konnten ihn herumkommandieren. Die Arbeit mit den Tieren im Stall, die er gern getan hätte, war ihm verwehrt; da arbeitete der Koni und der Meisterknecht wollte nicht zwei Buben im Stall.
So verbrachte er seine Zeit neben dem ungeliebten Schulunterricht oft träumend und ohne Ziel. Auch den Konfirmandenunterricht mochte er nicht. Die Buben rückten in der Kirchenbank von ihm weg, sie verachteten ihn, den Armenhäusler. Die Mädchen rümpften die Nasen und kicherten über seine geflickten Kleider und seine borstigen Haare. Der Pfarrer rief ihn nie auf, er blickte ihn nur hin und wieder sorgenvoll an. Gehänselt wurde er nicht, dafür war er zu stark. Er würde es ihnen schon noch zeigen, den Bubis und den blöden Weibern. Ja, das würde er. Seit ein paar Wochen wusste er mehr als sie alle; die hatten ja keine Ahnung. Sein besonderes Wissen hatte er durch ein Astloch im Boden in seinem geheimen Horst erworben. Unter dem Dachboden lag die Mägdekammer und was er da hin und wieder erspähte und hörte, machte ihn trotzig stolz und gleichzeitig unsicher. Manchmal war es einer der Knechte, manchmal einer der jüngeren Armenhäusler, mit denen sich Rosa auf dem Bett wälzte. Er sah weisse Schenkel und rundes, bleiches Fleisch; er hörte zotiges Gemurmel, grobe, unflätige Kraftausdrücke, heiseres Lachen, Stöhnen und unterdrückte Schreie. Auch grobe Schläge fielen auf weisse, dralle Schenkel. All das weckte etwas in ihm, was er nicht beschreiben konnte. Sein Geschlecht regte sich. Es gefiel ihm und gleichzeitig fühlte er sich abgestossen. Er sprach mit niemandem darüber.
Fineli
«Giuseppina, Giuseppina, wo bist du, komm schnell, ich muss dir etwas zeigen.»
Fineli zog die graue Schürze, die bei den gröberen Arbeiten ihr Kleid schützte, aus und zupfte die feine weisse Schürze, die sie darunter trug, zu recht. Sie beeilte sich. Wenn die Signora sie mit dieser Stimme rief, freute sie sich immer. Dann wusste sie, dass es etwas Schönes, etwas Neues zu bestaunen gab. Sie mochte ihre Signora. Sie war glücklich, in diesem schönen Haus, bei Signore und Signora Pelli zu dienen. Die Arbeitstage waren zwar lang, aber nicht allzu anstrengend. Das Haus in Ordnung halten, Gartenarbeit und stete Verfügbarkeit für die Signora. Für die gröberen Arbeiten kam die Emma aus dem Dorf, und in der Küche führte die Köchin das Regiment. Sie hatte ein eigenes Zimmer unter dem Dach und das gleiche Essen wie die Herrschaft. Der Lohn war ordentlich, sodass sie jeden Monat ein Scherflein zurücklegen konnte. Sie stand allein auf der Welt. Ihre Mutter war in der Besserungsanstalt St. Leonhard nach einem elenden Leben an der Ruhr gestorben, sie selber im Armenhaus aufgewachsen. Mit ihrem Vater, diesem Unflat, hatte sie nichts zu tun. Sie war froh, wenn sie nichts von ihm hörte. Jede zweite Woche hatte sie ihren freien Tag und einmal im Monat durfte sie am Sonntagvormittag zur Predigt. Das war weit mehr, als ihre Freundinnen hatten. Diese dienten bei Bauern oder in den Stickervillen. Sie klagten über Rückenschmerzen und hatten wunde Hände vom ewigen Waschen und Putzen. Ihr Lohn war klein, und freie Tage gab es nur an den Feiertagen oder im Frühjahr und Herbst an den Markttagen im Städtli.
Fineli hatte es gut. Bald würde das Leben in der Villa noch schöner werden, die Signora erwartete endlich ihr erstes Kindlein. In zwei Monaten würde es da sein. Der Signore war ganz aus dem Häuschen. Die Herrschaften waren beide nicht mehr ganz jung und glaubten fest, dass Santa Rita ihnen geholfen habe. Als Reformierte glaubte Fineli zwar nicht an die Heiligen, aber sie freute sich mit ihrer Herrschaft. Die Signora musste sich oft schonen, sie war müde und der schwere Leib machte ihre Bewegungen schwerfällig. So sass sie meistens am Fenster und stickte und nähte für ihr Kindlein. Sicher hatte sie jetzt ein Jäcklein oder ein Hemdchen fertig bestickt; Fineli freute sich und eilte die Treppe hinauf in den Salon.
«Vieni, vieni, Giuseppina». Die Signora streckte Fineli ein winziges Hemdchen aus Seide entgegen, das sie mit feinsten Stichen gesäumt und bestickt hatte.
«Ist das schön», flüsterte Fineli und traute sich kaum, das Hemdchen in die Hände zu nehmen. Ach, wie süss wird das Kindlein dann darin aussehen!
Die Signora besass viele feine Stoffe aus ihrer Heimat am Comersee. Ihr Vater war ein behäbiger Seidenbaron und hatte die Tochter nur ungern mit dem Engenero Pelli, seinem Schwiegersohn, in die kalte Schweiz ziehen lassen. Natürlich waren er und Angelinas Mutter stolz auf den gutaussehenden Giorgio, der sich auf die Planung von Eisenbahnbrücken verstand. Er war klug und eine gute Partie noch dazu. Aber die Trennung von ihrer Tochter war nicht leicht. So schickten sie immer wieder feine Stoffe und Spezereien, um ihre Tochter wenigstens aus der Ferne zu verwöhnen.
Giorgio Pelli gehörte zu den Bauingenieuren, die die Eisenbahnlinien in der Schweiz bauten. Seit zwei Jahren lebte er mit seiner schönen Frau im Herrschaftshaus eines verstorbenen Textilpatrons im Ebnet. Er selber beherrschte die deutsche Sprache gut, er hatte nach Bologna in Zürich studiert. Seine Frau lernte die Sprache mit einem alten Lehrer und freute sich über jeden kleinen Fortschritt, den sie machte. Mit Fineli übte sie die schwierigen deutschen Laute, und gemeinsam lachten sie über Fehler und sprachliche Missverständnisse. Fineli mochte es, dass ihre Herrschaft sie Giuseppina nannte, sie fand es vornehm.
Das feinbestickte Hemdchen hatte wahrlich nichts mit ihrer eigenen Kindheit zu tun. Am liebsten hätte sie ihre Herkunft vergessen und für immer zusammen mit den Erinnerungen in einer alten Kiste verschlossen.
Nur an Berta dachte sie gern. Berta war ihre Gotte und die Köchin im Armenhaus. Dieser Frau hatte Fineli es zu verdanken, dass aus ihr etwas geworden war. Die kinderlose Jungfer hatte sie ohne Aufhebens als Gotte in ihre Obhut genommen, als Fineli kurz nach der Geburt durch den Armenvogt ins Armenhaus gebracht worden war. Ihre Mutter galt als liederliche, unstete Person, solchen Frauen war es nicht erlaubt, ihre Kinder selber aufzuziehen.
Finelis Zuhause war die grosse, warme Küche im Armenhaus. Zuerst in einer gepolsterten Seifenkiste, später in einer Zaine, war sie nie von Gotte Berta getrennt. Verdünnte Ziegenmilch aus einer Flasche und später aus ihrem eigenen Becher war die wichtigste Nahrung, die sie zusammen mit ruhiger Liebe von Berta bekommen hatte. Später legte ihr die Köchin grosse gekochte Gemüsestücke hin und brummte lachend über die Unordnung, die rund um Finelis Stühlchen entstand. Mit Berta machte sie die ersten Schrittchen, mit Berta lernte sie den Küchengarten kennen. In den Falten der weissen Köchinnenschürze fühlte sich das kleine Mädchen geborgen, dort erlebte Fineli Sicherheit und bedingungslose Liebe.
Berta war nicht mehr die Jüngste, ihre Fürsorge für die Kleine hatte sicheren Boden und Bestand. In ihrer Küche führte sie ein straffes Regiment, es lohnte sich, sich mit ihr gut zu stellen. Für die Anliegen der Armenhäusler hatte sie ein offenes Ohr. Gleichzeitig war sie streng und verlangte anständiges Benehmen.
Natürlich musste Fineli von klein auf mitarbeiten, sie hatte kein Prinzessinnenleben. Schliesslich war sie das Kind einer ledigen Taglöhnerin und eines talauf talab bekannten Vaganten und Taugenichts. Niemand wollte so einen Goof. So war es der Armengenossenschaft recht, dass sich die ledige Köchin Berta ihrer annahm, auch wenn es nicht den Vorschriften entsprach. Der Armenvater und seine Frau liessen sie gewähren.
Zusammen mit den andern Armenhäuslerkindern besuchte Fineli die Schule im Dorf, gemeinsam mit ihnen arbeitete sie in der Hauswirtschaft und im Garten. Die karge Freizeit verbrachte sie mit Berta in der Küche und lernte so, fast ohne es zu merken, auch das Kochen. Habermus, Rüben, Kohl, Kartoffeln und hin und wieder Maisribel. Fleisch gab es einmal in der Woche, am Sonntag und an den Feiertagen. Um Martini wurden zwei Schweine geschlachtet, dann kamen zusätzlich Würste auf den Tisch. Manchmal backte Berta Fladen oder zu besonderen Gelegenheiten Kuchen, das waren Finelis liebste Tage. Milch, Sauermilch und Käse waren immer vorhanden, der Armenvater war ein guter, umsichtiger Bauer.
Fineli war eine gute Schülerin.
«Nimmt mich wunder, woher du das hast», bemerkte der Lehrer hin und wieder, wenn sie als einzige ihres Jahrgangs die Antwort auf eine Frage wusste, oder die Rechenaufgaben schneller löste als alle anderen. Selbstverständlich sass sie wie alle Armenhauskinder in der hintersten Bankreihe, darüber war sie sogar froh. Da Berta und Finelis Lehrer nebeneinander im Kirchenchor sangen, wurde sie sonst fast gleich wie die anderen Kinder behandelt. Natürlich wurde sie nie zuerst aufgerufen, obwohl sie die Antworten wusste. Der Lehrer lobte sie nie und ihre Aufsätze durfte sie nie vorlesen, aber das verstand sie. Schliesslich war ihr Vater ein Vagant.
Den Konfirmandenunterricht beim Pfarrer Zuber besuchte sie gern. Die biblischen Geschichten gefielen ihr, und sie lernte die Psalmen gern auswendig, auch wenn sie die schwierigen Sätze nicht immer verstand. Die Psalmen von den Bergen oder von den Adlerflügeln mochte sie am liebsten, und am besten gefiel ihr die Geschichte von Ruth. Aus der Unterweisung kannte sie auch die meisten Geschichten aus dem Neuen Testament. Die Geschichte von der Brotvermehrung gefiel ihr besonders. Sie stellte sich das praktisch vor: Man müsste nur wenige Brote backen und hätte trotzdem immer genug für alle im Armenhaus. Fisch hatte sie noch nie gegessen. Sie dachte, dass ihr diese nicht schmecken würden.
Berta hatte ihr vor langer Zeit ein eigenes Gebetsbüchlein geschenkt, sie hütete es sorgfältig. Fast jeden Sonntag ging sie mit Berta zur Predigt, das machte sie irgendwie stark. Die Gotte war im Dorf und besonders in der Kirchgemeinde angesehen, man schätzte sie. Ob ihrer Herkunft von einem der grössten Bauernhöfe wegen oder wegen ihres freundlichen, selbstbewussten Auftretens; niemand behandelte Berta wie eine ledige Jungfer. So sass sie an Finelis Konfirmation stolz bei den anderen Eltern und Verwandten in der neuen Kirche. Finelis Konfirmationskleid hatte sie selber genäht, und die Armenhausmutter hatte ein weisses, fein geklöppeltes Spitzenkräglein dazu gestiftet. Nur die besseren Damen im Dorf hatten solche Spitzen, das wusste Fineli. Sie kamen aus Flandern.
Der Bruder der Armenhausmutter war ein Mann von Welt. Er reiste als Verkäufer für die Weberei durch ganz Europa, ja hin und wieder sogar an den Zarenhof in Russland. Oft brachte er seiner Schwester etwas aus den fremden Ländern mit. Er hatte keine eigene Familie, seine Schwester war seine Heimat. Die Armenhausmutter hatte einen kleinen Schrank, den hatte er aus Spanien mitgebracht. Dieses besondere Möbel stand in der Stube der Armeneltern, und darin bewahrte sie die Kostbarkeiten aus aller Herren Länder auf: Glasfigürchen aus Murano, feinen Leinenstoff aus Riga, Seide aus Italien, eine weisse Wolljacke aus Irland, Kristallglas aus dem Schwarzwald, Bernstein von der Ostsee und eben Spitzen aus Flandern.
Fineli platzte in der Kirche beinahe vor Stolz, gleichzeitig hatte sie ein bisschen Angst, dass die anderen Mädchen sie beneiden würden. Es war ein wunderbarer Tag.
An dieses Spitzenkräglein dachte Fineli jetzt, als sie das hübsche Seidenhemdchen mit den feinen Spitzenbörtchen betrachtete und den weichen Stoff über ihre Hände fliessen liess. So ein Glück! So ein Glück, dass die Signora ein junges Mädchen für den Haushalt gesucht und der Pfarrer Fineli für diese Stelle vorgeschlagen hatte.
Pfarrer Zuber und Herr Pelli kannten sich vom akademischen Zirkel. Der Herr Notar aus dem Städtchen hatte diesen Verein vor ein paar Jahren gegründet. Als Zugezogener aus St. Gallen wollte er Kultur in das Tal bringen. Der Städtlipfarrer, der Prädikant, die geistlichen Herren aus Wattwil, der Herr Bezirksammann, der Herr Doktor vom neuen Spital und der Patron der grossen Textilfabrik und eben Herr Pelli trafen sich allmonatlich zu einem guten Glas Wein und zum Austausch kluger Gedanken. Sonst blieben die Reformierten und die Katholischen in den Dörfern des Tales unter sich; aber die noblen Herren sahen sich gern als fortschrittliche Freigeister. Bei seinem monatlichen Besuch im Armenhaus war der Herr Pfarrer kurz nach der Konfirmation in die Küche zu Berta und Fineli gekommen, um mit der Gotte über die Stelle bei Signore und Signora Pelli zu sprechen.
Zwar, sagte er hüstelnd, seien die Herrschaften aus Italien natürlich katholisch, aber sie wisse ja wohl, dass sie nicht auswählen könne.
Fineli hatte vor lauter Freude gejubelt und ihre Gotte umarmt und in der Küche herumgedreht, bis diese ausser Atem war. Der Pfarrer hatte wohlwollend gelächelt, die Freude des Mädchens tat ihm wohl.
Nach kurzem Bedenken meinte die Gotte: «Fineli, Katholiken sind auch Christen, und wir haben ja wohl den gleichen Herrgott, wird dir also schon nichts passieren.»
«Eben», meinte der Pfarrer und widmete sich wieder dem dampfenden Kaffee und dem Hefekuchen, den Berta bei seinen Besuchen jeweils aufstellte.
So war aus dem Armenhäuslerkind Fineli wenige Wochen nach der Konfirmation Giuseppina im Herrschaftshaus geworden. Fineli war glücklich.
«Vieni, Giuseppina, eute wir wollen öffnen das Kiste.» Die Signora erhob sich ächzend von ihrem Stuhl. Fineli fand es immer lustig, dass die Schwangere seit einiger Zeit ächzte wie die alten Weiber im Armenhaus, aber sie sagte natürlich nichts. Schliesslich war die Signora eine feine Dame und das Kindlein in ihrem hoch gewölbten Bauch war sicher schwer. Miteinander gingen sie in die Remise neben dem Haus. Vor zwei Tagen hatte der Camioneur die grosse Kiste gebracht.
«Das Wiege, das Wiege!», hatte die Signora gejubelt und ihren Giorgio umarmt.
Er hatte als Überraschung für seine «Carina» die Wiege aus ihrem Elternhaus in Como kommen lassen. Erst am Morgen hatte er seiner Frau beim Espresso davon erzählt. Durch das offene Remisentor schien die Sonne direkt auf die Kiste aus hellen Tannenbrettern, die neben der Kutsche auf dem sandigen Boden auf zwei kleinen Balken stand. Auf dem Deckel klebten verschiedene Zettel in italienischer und deutscher Sprache. Auch Stempel waren darauf, und an zwei Seiten waren dünne, gedrehte Drähte mit einer Bleiplombe eingelassen. Fineli holte Hammer, Zange und Stemmeisen von der Werkbank an der hinteren Wand. Diese drei Werkzeuge lagen immer bereit, denn die Signora erhielt hin und wieder plombierte Kisten und Kistchen von ihren Eltern. Sie konnte es nie abwarten, dass Giorgio am Abend die schweren Behälter öffnete. Darum hatte Fineli einige Übung in dieser Männerarbeit.
Zuerst zwickte sie mit der Zange die beiden Plomben auf. Dann begann sie geschickt den Bretterdeckel aufzustemmen. Die Nägel sassen fest und knarzten beim Herausziehen. Fineli bekam vor Anstrengung rote Wangen. Die Signora trippelte wie ein Kind um die Kiste und konnte es kaum erwarten, bis der Deckel entfernt war. Das letzte Brett war noch daran, als sie schon in die Holzwolle griff und diese ungeduldig auf den Boden warf. Gut gepolstert und in ein grosses Stück schweren Seidenstoffs eingeschlagen stand die geschnitzte Wiege im Viereck. Gemeinsam hoben die beiden Frauen sie sorgsam heraus und stellten sie auf den bereitgestellten Handwagen. Rasch entfernte die Signora einzelne Holzwollenknäuel und das Seidentuch und verharrte für einige Augenblicke gerührt vor dem wunderschön gearbeiteten Wiegenbettchen. Das Holz schimmerte rötlich und die Blumenranken mit den geschnitzten Glockenblumen und den kleinen Rosen spielten im Sonnenlicht.
«Schau, Giuseppina, das mein Papa, das mein Onkel, das mein Tante.» Die Signora fuhr mit ihrer feinen Hand über die geschnitzten Namen und Jahreszahlen an der Wiege. «Und das mein Bruder, mein Schwester und das meine Name, Angelina. Ich sein die jüngste von alle.» Sie rieb sich rasch ein paar Tränen vom Gesicht und lachte wieder fröhlich.
Fast hätte Fineli auch ihr Taschentuch gebraucht. Sie war froh, dass die Signora wieder strahlte und brachte, um ihre Rührung zu verbergen, das Werkzeug zurück an seinen Platz. Die Holzwolle warfen sie in die leere Kiste zurück. Gemeinsam zogen sie den Wagen mit der Wiege über den Hof zum Haus. Dort fasste Fineli das kleine Möbel mit beiden Händen und trug es, schwer atmend hinter der Signora hergehend, in den Salon. Dass die zukünftige Mama dabei half, liess sie nicht zu, obwohl das Schaukelbettchen aus Kastanienholz viel schwerer war, als sie gedacht hatte. Im Salon stellte sie die Wiege aufatmend neben den Kachelofen auf den weichen Teppich aus dem Morgenland. Da passte sie gut hin, fand Fineli.
Wenn sie am Freitag jeweils den Salon putzte, setzte sie sich immer einen Augenblick auf den weichen roten Flor und fuhr mit den Fingern die schönen Muster nach. Die Fransen mussten jederzeit schön gekämmt daliegen, darauf legte die Signora grossen Wert. Der Herr hatte den Teppich von einer technischen Studienreise mitgebracht. Ein Land, in dem so wunderbare Teppiche geknüpft wurden, musste ein prächtiges, wundersames Land sein. Persien hiess es. Der König dort hiess Schah. Und die Menschen dort glaubten nicht an den Herrgott. Fineli hätte dem Signore gern viele Fragen gestellt oder sich einfach dazugesetzt, wenn der Signore seiner Frau und den Gästen davon erzählte, aber das gehörte sich nicht.
Die Signora gab der Wiege einen leichten Schubs und strahlte, dann entfernte sie das Seidenpapier, das den weichen Bettinhalt schützte. Die Decke und das kleine Kissen in der Wiege waren aus Seide und reich mit Wappen und Blumenranken bestickt. Es waren die gleichen Ranken wie auf der Wiege. Als die Signora die Decke heraushob, lag da ein Brief auf der kleinen Matratze. «Oh, Mamma.» Angelina liess sich schwer neben der Wiege auf den weichen Teppich nieder und hielt den Brief an die Wangen, den Tränen liess sie jetzt ihren Lauf.
Leise ging Fineli aus dem Salon.
In der Amtsstube
Verlegen trat Susanne von einem Fuss auf den andern. Gleichzeitig zerrte sie ihren kleinen Buben näher zu sich. Sie warteten im grossen dunklen Korridor des Gemeindehauses. Sie traute sich nicht, sich hinzusetzen, auch wenn der Rücken schmerzte und Beine und Füsse geschwollen waren. Die Stühle neben der Türe schienen der einfachen Frau zu vornehm. Susannes Kleidung und Haube waren sauber, schliesslich war sie Wäscherin. Der Rock und die Jacke waren geflickt, die Strümpfe grobgestrickt und kratzig. Die braunen derben Schuhe waren an den Spitzen abgestossen, die Absätze schiefgetreten. Über den Rist spannte sich eine feine Landschaft aus Rissen und Risslein. Auch wenn Susanne sich hätte Schuhfett kaufen können, diese Schuhe wären nicht mehr zu retten gewesen. Das Leder war alt und ausgetrocknet, die Nähte hielten kaum noch.
Susannes Hände waren rot und schrundig aufgerissen. Da half kein Melkfett, das sie manchmal auf den Höfen zum Einreiben erhielt, die Haut erholte sich nie von der Seifenlauge und dem heissen Wasser. Die Nägel waren stumpf und blassbläulich verfärbt. Das Waschblau, das der Weisswäsche der Reichen eine elegante Note gab, war in die feinen Rillen ihrer Nägel eingedrungen. Die Haare der Wäscherin waren früher glänzend kastanienbraun gewesen und hatten ihrem Josua gut gefallen. Aber das war lange her. Jetzt zeigte sie ihre Haare schon längst niemandem mehr. Sie waren stumpf und hatten die Farbe alten Buchenlaubes angenommen. Es störte sie nicht. Sie selber hatte keinen Spiegel, und dass sie einem Mann hätte gefallen wollen, war lange vorbei. Ihr Josua war vor acht Jahren beim Holzen verunglückt und hatte sie mit drei Kindern zurückgelassen. Ein späterer Liebhaber hatte sich davon gemacht, als sie schwanger geworden war. Mit dem kleinen Bub, der dann zur Welt kam, war ihr guter Ruf dahin. Eine Witwe, die zur Unzeit noch ein Kind zur Welt bringt, beim besten Willen, nein, das gehörte sich einfach nicht. Viele Haushaltungen, in denen sie all die Jahre die Wäsche zur Zufriedenheit der Meisterinnen erledigt hatte, brauchten plötzlich keine Wäscherin mehr, oder waren mit ihrer Arbeit nicht mehr zufrieden. Andere Meisterinnen sagten ihr ins Gesicht, dass sie ihre Wäsche nicht in die Hände einer liederlichen Person geben würden. Einer der Bauern hatte sie gar als wohlfeile Dirne betrachtet und sich im Waschhaus an sie herangemacht. Sie hatte ein Stück Wäsche aus dem kochend heissen Sudhafen gezogen und es ihm auf die Hände gepatscht. Fluchend hatte er sich verzogen und sie bei seiner Frau scheinheilig angeschwärzt. So verlor sie auch diese Stelle.
Zum Glück dachten die Wirtsleute im Dorf etwas grosszügiger, so hatte sie wenigstens vier Plätze als Wäscherin behalten können. Aber es reichte einfach nicht. Die beiden grösseren Kinder halfen zwar schon mit, aber ihr kleiner Lohn für Viehhüten oder Botengänge machte die tägliche Suppe nicht fett. Für die drei Kinder ihres Josua erhielt sie auch hin und wieder einen Zustupf aus der Armenkasse, aber für Johann, «das Uneheliche», erhielt sie nichts. Zwar brauchte er wenig. Die Kleider und Schuhe trug er von den Grossen nach, bis sie zerfielen oder zu klein wurden. Einen eigenen Strohsack brauchte er noch nicht, er war klein und schmächtig. Aber es ging einfach nicht mehr. Er hatte ein rebellisches, widerspenstiges Wesen. So klein, wie er war, brachte er die Halbgeschwister durcheinander und sie selber oft fast zur Verzweiflung. Ihre Meisterinnen wollten ihn nicht in ihren Waschküchen haben, da er sich oft mit den Meisterskindern auf Händel und Streitereien einliess oder kleine Schäden anrichtete. So hatte die «Kronen»-Wirtin Susanne letzte Woche vor die Wahl gestellt, nachdem er dem Wirtssohn beim Händeln das neue Hemd zerrissen hatte. «Entweder, du gibst den Saubub ins Armenhaus, oder du musst nicht mehr kommen.»
Auch wenn der Wirtsbub einen Kopf grösser war als ihr schmächtiger Johann und Susanne das Hemd rasch und sorgfältig geflickt hatte, es war nichts zu machen, es ging einfach nicht mehr. Er musste weg.
So stand sie nun im dunklen Gang und wartete. Der kleine Johann stand gleichmütig daneben. Er wusste ungefähr, worum es ging, es berührte ihn nicht. Die Halbgeschwister hatten ihm am Tag zuvor hämisch erzählt, dass ihn die Mutter nicht mehr wolle. Als Baschter habe er sowieso bei ihnen nichts verloren, man kenne ja nicht einmal seinen Vater. Er solle froh sein, wenn ihn der Armenvater im Armenhaus bei den Waisenkindern aufnehme. Richtig verstanden hatte Johann das Ganze nicht, aber schon lange gespürt, dass er allen im Weg war.
Für die Schmähung seines unbekannten Vaters hatte er die Schwester in die Hand gebissen. Sie hatte geheult, und man sah einige blaue Punkte, die seine Zähne hinterlassen hatten. Dafür hatte er von der Mutter zwei harte Schläge kassiert. Wenigstens hatte sie diesmal auch die Geschwister geschlagen, weil sie ihn verspottet hatten. Das schien ihm schon viel und half etwas über den eigenen Schmerz hinweg. Scheinbar mochte sie ihn doch ein wenig. Der Geruch in diesem dunklen Gang gefiel ihm, es roch leicht nach Bodenwichse und stark nach Zigarrenrauch. Beides kannte er aus den Wirtshäusern. Beide Gerüche mochte er gern, besonders der Geruch nach Zigarren schien ihm heimelig. Ob sein Vater auch Zigarren rauchte?
Jetzt trat der Schreiber in den Gang, mit ihm wehte den beiden ein Schwall von Zigarrenrauch aus der Amtsstube entgegen. Daneben nahm Johann den Schweiss des Schreibers und den ranzigen Geruch seiner strähnigen Haare wahr.
Der Schreiber war ein schmächtiger, fahriger Mann in einer Hose aus grobem Fischgratwollstoff. Über einem weissen Hemd mit speckigem Kragen trug er eine Weste, bis zu den Ellbogen schwarze Überärmel. Nach kurzem Gruss forderte er Susanne auf einzutreten; Johann beachtete er nicht. Die Amtsstube war gross; Johann hatte noch nie ein so schönes Zimmer mit glänzenden Möbeln und so grossen Fenstern gesehen. An zwei Wänden standen schwere Regale mit dickeren und dünneren Papierbündeln. Die Riemen des Bodens glänzten und bildeten ein schönes Muster. Es war das gleiche Muster wie auf der Hose des Schreibers. Johann stellte es mit Verwunderung fest. Neben der Türe stand ein Kleiderständer mit Hüten und Kitteln, daneben auf dem Boden ein Spucknapf mit frischem Sand.
Der Gemeindeammann sass auf einem Drehstuhl hinter einem grossen Schreibtisch aus dunklem, rötlichem Holz. Er war ein grosser schwerer Mann mit einer knolligen Nase. Sein Gesicht war glattrasiert, über den fleischigen Lippen trug er einen gezwirbelten Schnauz, wie ihn Johann noch nie gesehen hatte. Von einem Knopfloch in der Weste hing eine goldene Kette über den Bauch in ein Täschchen an der Seite. Im Mund hatte er eine brennende Zigarre. Johann sog den Geruch der bläulich aufsteigenden Schwaden ein, er tat ihm wohl. Jetzt drehte sich der Gemeindeammann auf die Seite und legte die Zigarre auf den Fenstersims.
Johann wunderte sich über den Stuhl, der unter dem schweren Mann zwar knarrte, aber sich leicht zu drehen schien. Er kannte nur Stühle mit vier Beinen oder die Dreibeiner in ihrer ärmlichen Küche. Auch die grüne Glaslampe auf dem Tisch gefiel ihm, sie schimmerte wie ein riesiger Edelstein. Er bestaunte das gedrechselte Holzhäglein, das den vorderen Rand des Schreibtisches abschloss. Es erinnerte den Buben an den kleinen Bauernhof und die geschnitzten Holzkühlein, mit denen er beim «Kreuz»-Wirt jeweils spielen durfte. Da gab es auch so einen kleinen Zaun rund um den Stall. Aber die Pföstchen waren nicht so schön, sie waren nur aus Haselstecken gemacht. Ob der Gemeindeammann auch Holzkühlein auf seinem Tisch hatte? Neugierig trat er näher heran, um die Kühlein zu suchen, aber der Schreiber schob ihn neben seine Mutter zurück, und diese packte ihn wieder fest an der Hand. Dann stellte sie ihn eng vor sich hin und legte ihm beide Hände auf die Schultern. Das hatte sie noch nie gemacht. Es gefiel ihm und tat ihm gut, obwohl er durch den Stoff seines dünnen Kittels spürte, dass ihre Hände zitterten. Der Schreiber legte eine graue Mappe geöffnet vor den Ammann, dann ging er zurück an sein hohes Schreibpult.
«Die verwitwete Susanne Bleiker, geborene Brunner, stellt den Antrag, ihren Sohn Johann der Armengenossenschaft zu übergeben und ihn ins Armenhaus aufzunehmen», las der Ammann leise murmelnd in der Akte. Er nahm den goldenen Zwicker von der Nase und rieb sich die Augen. «Susanne Bleiker, geborene Brunner?»
«Ja.»
«Verwitwet seit 1832, also acht Jahre?»
«Ja, mein Josua ist beim Holzen in der Scheftenau verunglückt.»
«Hkm, hkm, böse Geschichte damals, ich erinnere mich.»
«Drei Kinder?»
«Ja, der Josi, der Peter und das Martheli.»
«Und woher kommt denn der Bub da, der ist doch erst vier-, fünfjährig?»
«Ja, das ist halt so passiert, man ist ja schliesslich aus Fleisch und Blut, hab halt gemeint, dass er mich heiratet, der Sepp.»
«So, so, halt passiert, halt gemeint.» Der Ammann blickte amüsiert zum Schreiber. Dieser erwiderte den Blick mit hochgezogenen Brauen und abschätzigem Achselzucken.
Susanne blickte verschämt auf den Boden. Dann fasste sie sich ein Herz und trat einen Schritt auf den Ammann zu. Dabei schob sie Johann vor sich her. «Herr Ammann, bitte nehmt meinen Buben ins Armenhaus auf, es geht einfach nicht mehr mit ihm. Er braucht eine starke Hand. Ich verliere sonst meine Stellen. Wie sollen wir dann leben?»
Susannes Wangen waren rot geworden, zusammen mit ihrem Buben trat sie noch einen kleinen, zaghaften Schritt auf den Ammann zu.
Johann blickte erwartungsvoll auf die glänzende Fläche des Schreibtisches. Er war enttäuscht. Da standen keine Kühlein. Nur Papier und Schreibzeug lagen nebeneinander aufgereiht.
«Ja, ja, man hört so allerlei über deinen Buben. Ja, die ledigen Kinder halt, ist einfach nicht gut, wenn die Frauen nicht anständig zu leben wissen.»
Susanne wollte etwas entgegnen, schluckte den Satz aber hinunter und schwieg. Was sollte sie sagen? Dass zum Kinderkriegen zwei gehörten? Aber das wussten der Ammann und der Schreiber schliesslich selber. So senkte sie beschämt den Kopf. Sie kannte ihren Platz, also blickte sie stumm vor sich auf ihren Buben und drehte verlegen an den Bändeln ihrer Tasche.
«Ja, so ist es wohl am besten, wenn der Bub in feste Hände kommt und das Arbeiten beizeiten lernt. Ihr seid ja sonst eine anständige und fleissige Frau, aber so ohne Vater, das geht halt einfach nicht.» Der Ammann hatte sich erhoben und trat zu Johann. Freundlich strich er ihm über sein struppiges Haar und kniff ihn leicht in die Wange. «Bist ein rechter Strick, wie man hört. Die Dummheiten müssen aufhören. Hast du mich verstanden?!»
Johann verstand zwar nicht, womit er aufhören sollte, aber er nickte brav.
«So nimm deinen Buben und bring ihn dem Armenvater», wandte sich der Gemeindepräsident wieder an die Wäscherin. «Er wird’s gut haben. Der Bachmann ist streng, aber schon recht.»
«Also, Johann, mach deiner Mutter keine Schande und benimm dich.»
Mit diesen Worten waren Susanne und ihr Sohn entlassen. Der Schreiber übergab ihr ein amtliches Papier, das sie sorgfältig in der Tasche verstaute. Sie bedankte sich unterwürfig beim Ammann, der sich wieder behäbig hinter seinen Tisch gesetzt hatte. Sie verliess aufatmend das Amtszimmer und den dämmrigen Korridor und machte sich mit ihrem Jüngsten auf den Weg durch das Dorf zum Armenhaus. Mit eingezogenen Schultern, das Kopftuch weit in die Stirne gezogen und den Buben fest an der Hand, schritt sie voran. Sie überquerte die Strasse, ohne nach links und rechts zu schauen.
Es war viel los im Dorf, die Leute waren auf dem Weg zum Markt ins benachbarte Städtli. Sie war froh um den Betrieb, so beachtete sie niemand mit ihrem Buben, und sie grüsste auch niemanden.
Beim «Kreuz»-Wirt wollte der Kleine abschwenken, wie er es sich von den Waschtagen gewohnt war, aber sie zog ihn unsanft weiter. Erstaunt schaute er zu ihr auf. Sie sagte nichts und er fragte nicht, so gingen sie an der Wirtschaft vorbei. Beim Bäcker Rüedi duftete es wunderbar nach frischem Brot. Sie traten in den Laden, und die Mutter kaufte ihm einen frischen Wecken. Das hatte sie noch nie getan.
«Nimm, bist ja doch mein Bub», sagte sie, gab ihm den Wecken und zog ihn weiter.
Bald gingen sie durch die grosse Hofstatt, zwischen den schwer mit Früchten beladenen Apfel- und Birnbäumen und durch den gut gepflegten Garten auf das Armenhaus zu. Es war ein stattliches, sonnenverbranntes Holzhaus mit langen blanken Fensterreihen. Vor den Fenstern blühten Petunien und Geranien. In einer Rabatte dem Haus entlang wuchsen Studentenblumen, Kapuziner und Fetthennen. Grosse Hauswurze ragten bis über die Steineinfassung, und einige Rosenstöcke verströmten einen betörenden Duft wie im höchsten Sommer. Ein Holzschopf und eine Remise waren links und rechts angebaut und daneben standen die grosse Scheune und der Stall. Vom Kastanienbaum vor dem Haus fielen schon die ersten stachligen Kugeln.
Im Armenhaus
Zaghaft zog Susanne am Glockenstrang. Im Innern des Hauses ertönte eine Glocke. Johann wunderte sich, dass sie nicht einfach eintraten, aber auf seine Frage meinte die Mutter, das gehöre sich nicht. Ein junges Mädchen mit langen, kastanienbraunen Zöpfen öffnete die schwere Türe und liess sie ein. Es war ärmlich, aber sauber gekleidet. Hinter ihm gingen sie durch einen langen Gang, in dem es nach Zichorienkaffee, Kohl und auch nach Abtritt roch. Der Geruch war ganz ähnlich wie zu Hause, darüber war Johann froh. Es würde schon nicht so schlimm werden. Am Ende des Flurs klopfte das Mädchen an eine Türe, und sie traten in ein kleines Zimmer. Der Armenvater sass an einem Tisch und las in einer Zeitung. An den Wänden hingen in einfachen Rahmen drei Tabellen mit grossen bräunlichen Stempeln. In einem offenen Schrank mit vielen kleinen Fächern lagen gebündelte Papiere.
Susanne blieb bei der Türe stehen und grüsste den Armenvater schüchtern. Dann streckte sie ihm das Papier, das ihr der Schreiber mitgegeben hatte, entgegen. Der Mann, der nach einem Nicken ruhig das amtliche Schreiben las, gefiel Johann. Er war um die vierzig und hatte freundliche Augen, ein breites Gesicht mit roten Backen und einem gezwirbelten Schnauz. Er legte das Papier vor sich auf den Tisch und strich mit der rechten Hand darüber. Gemütlich lehnte er sich in seinem Stuhl zurück, schob die Daumen unter die breiten Hosenträger und liess diese zweimal lustig schnellen. Solche Hosenträger hätte Johann auch gern. Sie hatten ein gelbgraues Müsterchen und waren rechts und links mit zwei dicken grauen Gummischnüren mit zwei Knöpfen an der Hose eingehängt. Die Knöpfe waren aus Horn und schimmerten. Das gefiel Johann. Seine eigene geflickte, grobe Hose wurde nur durch einen alten Bändel ohne Schnalle gehalten, mehr schlecht als recht.
Der Armenvater nahm das Streichholz, das er im Mundwinkel gedreht hatte, heraus, legte es neben das amtliche Papier und meinte lächelnd: «So, so, wir bekommen einen neuen Buben, wie heisst du denn?»
Susanne schob ihren Sohn etwas vor und gab ihm einen leichten Schubs.
«Johann, Johann Bleiker», brachte er schüchtern hervor.
«Aha, dann bekommen wir also noch einen Apostel, einen Peter und einen Jakob haben wir schon», lachte der Armenvater.
Johann wusste nicht, was ein Apostel war. Zu fragen getraute er sich nicht, aber es schien etwas Gutes zu sein, wenn der Armenvater lachte. Er hatte keine Angst und gab dem Armenvater gern die Hand.
Die Mutter klaubte ein viereckiges Päckchen aus ihrer Tasche und faltete das bräunliche Wachspapier auseinander. Zwei gefaltete Papiere mit Tinte beschrieben und Stempeln darauf kamen zum Vorschein. Es waren Johanns Taufschein und Geburtsschein. Beide Bogen legte sie wortlos auf den Tisch vor dem Armenvater und zog sich zur Türe zurück. Der Armenvater schob die drei Blätter ineinander und legte sie in eines der kleinen Fächer im Schrank. Er schrieb einige Worte auf ein neues Blatt, drehte es gegen Susanne und forderte sie auf, die Sätze zu lesen und zu unterschreiben. Errötend senkte sie den Kopf und bewegte sich nicht. Johann hätte gern gewusst, was da geschrieben stand, aber er getraute sich nicht zu fragen.
«Aha, aha, na, dann lese ich es dir vor. Schliesslich sollst du wissen, was du unterschreibst», sagte der Armenvater und drehte das Blatt wieder zu sich. «Eintritt Bleiker Johann, Sohn der Bleiker Susanne, verwitwete Brunner. Grund: Armut und mangelnde Aufsicht. Geboren 11. Juli 1840 in Wattwil, unehelich, Vater unbekannt. An Michaelis, 29. September 1844.»
Der Armenvater schob Susanne das Blatt wieder hin und wies mit einem Finger auf die unterste Linie, wo er Susannes Namen hingeschrieben hatte. «Mach einfach deine Kreuze daneben, das reicht auch», meinte er.
Verlegen nahm Susanne den Stift in die Hand und setzte zittrig drei Kreuze neben ihren Namen. Aufatmend übergab sie ihrem Sohn ein kleines Bündel, drückte ihn kurz an sich und murmelte leise einige Abschiedsworte.
Als Johann die Tränen in ihren Augen sah, hätte er gern geweint. Aber er riss sich zusammen. Er legte nur eine kleine Weile den Kopf an den starken Unterarm seiner Mutter und schaute sie ruhig an. Susanne schluchzte leise auf. Entschlossen schob sie den Buben zu dem Mädchen. Dieses zog ihn zu sich und kreuzte die Arme auf seiner kleinen Brust. Stumm verabschiedete sich die Mutter vom Armenvater und ging rasch aus dem Zimmer. Die Türe fiel hinter ihr zu.
Was Johann davon halten sollte, wusste er nicht. Gern hätte er die Mutter gefragt, wie lange er hier bleiben müsse, wann sie ihn wieder holen komme. Er hatte aber keine Zeit, darüber nachzudenken.
Der Armenvater räusperte sich, putzte sich ausgiebig die Nase und zeigte freundlich auf das Mädchen. «Das ist die Vevi. Die zeigt dir, wo du deine Sachen hinlegen kannst. Du schläfst in der Kammer der kleinen Buben, bei Seppi, Röbi, Albert, Ueli und Ernstli. Der Ernstli und du, ihr zwei Kleinen, habt zusammen einen Strohsack, das reicht vorläufig. Ich hoffe, du seichst nicht ins Bett!»
Johann lachte. «Bin doch kein Bubi mehr», meinte er grossspurig.
«Dann ist ja alles in Ordnung, also, Vevi nimm ihn mit. Nachher kommt ihr zum Zvieri, dort können wir den neuen Apostel grad allen vorstellen.»
Vevi nahm ihn freundlich an der Hand. In der anderen trug sie sein Bündel. Es war leicht und es kam Johann eigenartig vor, dass er es nicht selber tragen musste. Überhaupt schien ihm Vevi ein nettes Mädchen zu sein, jedenfalls netter als seine Halbschwester. Deshalb traute er sie auch zu fragen: «Du, Vevi, was ist ein Apostel?»
Sie lachte. «Ach, das lernst du dann schon noch in der Unterweisung.» Was Unterweisung war, wusste Johann auch nicht, aber er wollte nicht nochmals fragen und schwieg. Über zwei breite Treppen und einen langen Gang kamen sie zu einer einfachen Kammer mit zwei Fenstern. Die Wände waren aus gehobelten Brettern, Möbel gab es keine. In einer Ecke stand ein Nachttopf mit einem hölzernen Deckel, der gleiche, der zu Hause auch seinen nächtlichen Dienst tat. In einfachen Verschlägen lagen fünf Strohsäcke, ordentlich mit groben Laken aus gräulichem Leinenstoff eingeschlagen. Auf der Kopfseite lagen rotweiss karierte Kissen, auf der Fussseite lag je eine braune, grobe Wolldecke. An der kürzeren Wand sah Johann ein Regal. In den vielen offenen Fächern lagen die Habseligkeiten der anderen Buben. Sie waren ebenso ärmlich wie die Sachen in seinem Bündel: fadenscheinige Hemden, geflickte Hosen aus grobem Stoff, bemalte Holzkistchen, zerbeulte Blechdöschen. In einem Fach lag ein gefaltetes buntes Taschentuch, in einem andern schaute eine kleine Haselpfeife unter einer Wollmütze hervor. Zuunterst standen fünf Paar Schuhe mit Holzsohlen, gleich abgetragen und verschrammt wie seine eigenen. Socken sah er keine. In seinem Bündel lag ein Paar Socken. Die hatte seine Mutter vor einiger Zeit zu stricken begonnen; erst vorgestern waren sie fertig geworden. Es machte ihn stolz, dass er sie besass, getragen hatte er sie noch nie. Sie waren für den Winter bestimmt; die Mutter hatte sie extra zu gross gestrickt.
«So, stell deine Schuhe hier zu den andern, bis zum Gallustag brauchst du sie nicht», befahl ihm Vevi und räumte seine Sachen in ein Fach. Den leeren Beutel versorgte sie zuhinterst. «Den brauchst du erst, wenn du wieder gehst.»
Er zog seine Schuhe aus und krümmte beschämt die Zehen. Seine Füsse waren schmutzig. Die Mutter hatte ihm am Morgen nur das Gesicht gewaschen.
«Ich kümmere mich darum, dass du ein eigenes Kissen bekommst, die Decke könnt ihr teilen, der Ernstli und du, ihr seid ja beide noch klein. Am Gallustag bekommen wir alle für den Winter zwei Wolldecken. Du wirst sehen, hier hast du es gut.»
Daran zweifelte Johann nicht. Er ging zuversichtlich mit Vevi die Treppen hinunter in die grosse Stube. Er hatte vorher eine Glocke gehört. Es war nicht die Glocke vom Hauseingang. Sie tönte heller und schepperte ein bisschen.
«Auf diese Glocke musst du immer Acht geben», sagte Vevi, «wenn du zu spät zum Essen kommst, lässt die Armenmutter nicht mit sich spassen, sie ist streng.»
Johann konnte sich nicht vorstellen, dass man nicht sofort zum Essen ging, er hatte immer Hunger. In der grossen Stube wurde ihm nun doch ein wenig ängstlich zu Mute. An langen Tischen sassen viele ältere und jüngere Kinder. Alle blickten ihm entgegen und musterten ihn. Einige schauten freundlich, andere zogen Grimassen, und zwei kleine Mädchen schienen durch ihn hindurchzublicken. Diese beiden und die Augen der alten Männer und verschrumpelten Frauen, die ihn hinter den Tischen hervor beobachteten, machten ihm ein wenig Angst. Er fasste Vevi bei der Hand und schob sich hinter sie. Der Armenvater erhob sich von seinem Platz am separaten Tisch am Fenster. Er trat auf ihn zu, fasste Johann leicht beim Arm und sagte laut, dass es alle hörten: «Das ist der Johann. Er ist vier Jahre alt, und er wird jetzt bei uns wohnen. Jetzt haben wir schon drei Apostel, wird immer besser bei uns. Johann schläft bei den kleinen Buben, und er hilft mit im Garten. Die Vevi wird ihm alles Nötige zeigen.» Ruhig führte er ihn an den Tisch, an dem die kleinen Buben sassen und wies ihm den Platz neben Ernstli zu.
Alle Buben und Mädchen hatten ein Stück Brot vor sich. In der Mitte der Tische standen irdene Schüsseln mit Apfelmus. Daraus schöpfte sich jedes einen grossen Löffel voll und klatschte ihn auf das Brot. Die Männer hatten Käse zum Brot, die alten Frauen assen das Brot ebenfalls mit Apfelmus. In Krügen stand für die Alten Most und für die Kinder Milch bereit. Die Grossen schenkten den kleinen Kindern ihre Becher voll. Einer der grösseren Buben leierte ein Tischgebet herunter, nachher war es ruhig; nur Kaugeräusche und Schmatzen waren zu hören. Von der Ecke der alten Männer ertönten auch Rülpser und grobe Fürze. Die grossen Buben lachten, die Mädchen kicherten.
Der Armenvater riss ein Fenster auf und meinte gutmütig: «He, Störi, plagen dich die Saubohnen von heute Mittag?»
Johann wunderte sich, dass er ein zweites Musbrot bekam, das hatte er zu Hause nie erlebt. Niemand sprach mit ihm, die kleinen Buben musterten ihn neugierig, die grösseren feixten, aber alle liessen ihn in Ruhe. So sagte er auch nichts.
Bald erhoben sich die Alten und schlurften aus dem Raum. Die Kinder schwangen ihre Beine ebenfalls über die Bänke und verschwanden. Vevi und zwei der grossen Mädchen sammelten die Schüsseln ein und putzten die Tische. Sie wischten den Boden und warfen die Krümel zum Fenster hinaus, wo Johann Hühner gackern hörte.
«Komm», sagte Vevi, «wir müssen das Geschirr in die Küche bringen und nachher gehen wir in den Garten.»
Zusammen mit den anderen kleinen Buben und den beiden stumpfsinnigen Mädchen klaubte Johann bis zum Abendessen Steine aus den Beeten und trug sie in einem Drahtkorb an den Rand des Gartens. Seppi zeigte ihm einen schönen Käfer; der kleine Ueli legte ihm einen dicken Regenwurm auf den Kopf. Röbi lachte, als er den Wurm aus den Haaren nahm und auf dessen Kopf legte, und Albert schaute stumm zu. Er verzog keine Miene.
Johann merkte, dass Albert nicht sprechen konnte und überhaupt etwas sonderbar war. Auch bei den grösseren Kindern, die ebenfalls im Garten arbeiteten, bemerkte er einige, die ihm seltsam vorkamen. Beim Eindunkeln läutete wieder das scherbelige Glöcklein, und alle bewegten sich gemächlich auf das Haus zu. Am Brunnen im Hof wuschen sie sich die Hände und tauchten die schmutzigen Füsse ins Wasser. Die drei grossen Buben kamen aus der Scheune und wuschen sich. Mit nassen Füssen patschten alle in die grosse Stube und setzten sich an die Tische. Die alten Frauen sassen schon da, die alten Männer schlurften nach den Kindern langsam und schwerfällig herein und liessen sich ächzend nieder.
Diesmal betete der Armenvater selber. Das Unser Vater kannte Johann, aber er konnte es noch nicht beten. Die zwei anderen Gebete, die folgten, hatte er noch nie gehört.
Grosse Schüsseln mit geschwellten Kartoffeln standen bereit. Jedes der Kinder nahm sich davon auf einen eigenen hölzernen Teller, dazu etwas Salz mit Kümmel und dicke Milch. Die Grossen tranken wieder Most, die Kinder erhielten Buttermilch.
Unterdessen war es im Raum dunkel geworden und der Armenvater zündete drei Petroleumlampen an. Sie hingen über den Tischen und verbreiteten ein heimeliges Licht. Der schwere Geruch des Petrols überdeckte beinahe den Altleutegeruch, der dumpf im Raum hing. Einige der alten Frauen nahmen Strickzeug aus einem Korb, die Männer holten ihre Tabakpfeifen hervor und pafften. Die grossen Buben zogen Hefte aus dem Schrank, um ihre Hausaufgaben zu erledigen. Vevi und die anderen grossen Mädchen räumten wieder die Tische ab und fuhren mit dem Lappen darüber. Auch sie setzten sich nachher an ihre Hefte, während die jüngeren Kinder mit Astkühlein und kleinen Stoffpuppen auf dem Boden spielten.
Johann fielen fast die Augen zu. Er war froh, als das Glöcklein schepperte und der Armenvater und die Armenmutter wieder hereinkamen. Sie sprachen das Nachtgebet und wünschten allen eine gute Nacht.
Die Mädchen verschwanden in den Abtritt hinten im langen Gang, die Buben erleichterten sich draussen neben dem Stall. Die Grossen lachten die Kleinen aus und zeigten ihnen, wie man einen grossen Strahl erzielen konnte; das kannte Johann von seinen Halbbrüdern. Zusammen mit Ernstli und den andern verzog er sich in die Kammer. Jemand hatte ein eigenes Kissen für ihn auf den Strohsack gelegt. Kaum hatte er die Hose ausgezogen und sich im Hemd auf den Strohsack gelegt, schlief er tief und traumlos. Die anderen tuschelten eine Weile über den Neuen, er hörte nichts mehr.
Durch die gleichförmigen Tage und Monate gewöhnte sich der kleine Johann bald an sein neues Leben, er fühlte sich wohl. Zwar schien ihm das stete Arbeiten streng und das frühere Herumstromern in den Wirtshäusern vermisste er. Aber zusammen mit Ernstli und den andern Buben aus seiner Kammer war es meistens lustig, und alle wurden gleich behandelt.
Der Ignaz aus der grossen Bubenkammer hatte ihn einmal wegen seiner Mutter gehänselt und sie eine billige Schnepfe genannt. Zwar hatte er den Ausdruck nicht verstanden. Aber am rohen Lachen der anderen hatte er gespürt, dass es eine Gemeinheit war. Auch wenn seine Mutter ihn noch nie besucht hatte, beleidigen liess er sie trotzdem nicht. So hatte er Ignaz ohne lange Überlegung kräftig ins Schienbein getreten. Das war nach dem Gallustag gewesen, als sie schon Schuhe trugen. Seither liessen ihn die Grossen in Ruhe.
Er vermisste sein altes Zuhause kaum. Im Armenhaus war alles ähnlich wie bei seiner Mutter, auch das einfache Essen. Nur dass er hier immer so viel zu essen bekam, wie sein Bauch es wünschte. Seit dem Gallustag trug er am Sonntag voll Stolz seine neuen Socken. Sie kratzten und waren ihm viel zu gross, aber das machte ihm nichts aus. Der Strohsack war neu gefüllt, und er hatte jetzt auch zwei eigene Wolldecken. Der Armenvater war gerecht und behandelte alle gleich. Von der strengen Armenmutter setzte es hin und wieder eine Kopfnuss. Das berührte ihn nicht weiter, er hatte sie meistens verdient. Die Mutter hatte härter zugeschlagen.
Zu Weihnachten erhielten alle Buben einen Lebkuchen und ein neues Hemd. Die Mädchen erhielten ihre Lebkuchen in eine neue Schürze eingewickelt. Die Frau des Pfarrers hatte zusammen mit anderen Frauen zwei Körbe mit diesen Geschenken gebracht. In der grossen Stube stand ein Christbaum. Etwas so Zauberhaftes hatte Johann noch nie gesehen. Er wäre am liebsten den ganzen Tag in der Stube geblieben, nur um den Baum zu bestaunen. Überhaupt waren die Weihnachtstage wunderbar. Seine Mutter hatte ihm eine Mütze gestrickt. Josi, sein älterer Halbbruder, hatte sie gebracht. Mutter habe keine Zeit ihn zu besuchen, hatte er gesagt und war rasch wieder gegangen. Das tat Johann weh, aber was sollte er tun? Er hätte seine Mutter gern wieder einmal gesehen, obwohl er sie kaum vermisste.
Der bucklige Heiri hatte für die kleinen Buben neue Astkühlein geschnitzt, und Peter hatte aus einer alten Kiste einen Stall gezimmert. Nun hatten sie zwei Ställe und fühlten sich als Grossbauern. Zwar schimpften die grossen Mädchen, dass überall in der grossen Stube Heu und Stroh herumlag, aber es war ihnen nicht richtig ernst dabei. An Silvester gab es Schlorzifladen. Die Birnen dazu hatten sie im Herbst selber zusammengelesen. Ihr süsser Duft aus dem Kachelofen war wunderbar gewesen. Und hin und wieder war es den Kindern gelungen, ein paar zu stibitzen. Am Neujahrsmorgen lag für jedes Kind ein Fünfbätzler auf dem Tisch. Nein, Johann vermisste sein Zuhause nicht.
Im dritten Jahr trat er im Frühling zusammen mit Seppi und Ernstli in die erste Klasse der Dorfschule ein. Das Zuhören und Stillsitzen behagte ihm nicht. Der Lehrer war streng; die Armenhäusler konnten ihm wenig recht machen. Die Rute auf dem Katheder lag stets bereit, und seine Hand war kräftig. Als Unehelicher war Johann in der Schule noch eine Stufe unter den Armenhäuslern, diese waren wenigstens nur Waisenkinder. Die Sache mit den Buchstaben erlernte er leidlich, aber mit den Zahlen konnte er wenig anfangen. Unterdessen war er zwar nicht viel gewachsen, aber stämmiger geworden. Er liess sich nichts gefallen, und die Schläge, die er in der Schulstube vom Lehrer einsteckte, gab er rasch und ohne lange zu überlegen auf dem Schulplatz weiter.
Er wurde mit den Jahren eigenbrötlerisch und mürrisch. Hin und wieder lachten ihn die Mädchen aus. Dann packte er sie grob, kniff sie hart in die Schenkel oder verdrosch sie. Die meisten mieden ihn. Das Spielen mit den Astkühlein, die er so geliebt hatte, war schon lange vorbei. Er war nun ein grosser Bub und bald in der letzten Klasse. Die Schule war ihm ein öder Ort, und die Arbeit auf den Gemüseäckern des Armenhauses war ihm längst zuwider. Lieber stromerte er in der Gegend herum oder verzog sich an versteckte Plätze an der Thur. Am liebsten hätte er mit den Zugochsen gearbeitet oder die Kühe versorgt, aber Ruedi, der Meisterknecht, wollte ihn nicht im Stall haben.
Seit Ernstli in der siebten Klasse an einer Lungenentzündung gestorben war, wäre Johann am liebsten davongelaufen, aber wohin? Zur Mutter konnte er nicht, seinen Vater kannte er nicht. Er mochte niemanden, und niemand mochte ihn. Den Armenvater verehrte er, trotzdem verschloss er sich mehr und mehr auch vor ihm. Über die Erzählungen im Konfirmandenunterricht lächelte er spöttisch. Was sollten diese Geschichten?! Stand da etwas von Armenhäuslern oder von Buben ohne Vater und Mutter? Die Bilder dieses Jesus mit den gewellten, langen Haaren kamen ihm seltsam vor. Welcher Mann ging in einem bodenlangen Hemd und spazierte einfach so durch die Tage? Was ein Apostel war, hatte er inzwischen gelernt, aber auch diese zwölf Männer, die da mit Jesus unterwegs waren, fand er eher eigenartig. Die verliessen ihre Familien, um im Land herumzuziehen. Ja, das wiederum kannte er von seinem Vater, der hatte sich auch davongemacht. Seinen Konfirmationsspruch «Selig sind die Friedfertigen, denn ihnen gehört das Himmelreich» lernte er brav auswendig, obwohl er ihn nicht verstand. Seine Mutter und die Halbgeschwister waren nicht zur Konfirmation gekommen, warum auch? Er hatte mit ihnen nichts zu tun. Zum Mittagessen hatte er ein besonderes Stück Fleisch erhalten und dazu zum ersten Mal einen Becher sauren Most bekommen. Der Armenvater hatte ihm einen blanken Zweifränkler neben den Teller gelegt. Die Armenmutter hatte ihm ein neues Hemd geschenkt. Es bestand zwar aus dem Hemd eines verstorbenen Armenhäuslers, aber sie hatte es extra für ihn angepasst und neu genäht. Er freute sich darüber und war stolz darauf. Noch nie hatte er ein so schönes Geschenk erhalten.
Nach der Konfirmation
Bald nach der Konfirmation ging seine Zeit im Armenhaus zu Ende. Gern wäre er da geblieben, aber die Armenkommission hatte eine Arbeitsstelle für ihn gefunden. Er musste für sein eigenes Auskommen sorgen, er war alt genug. Gefragt wurde er nicht. Der Gerbermeister Kappler im Schmiedenbach brauchte einen Taglöhner; also holte Johann den alten Beutel aus dem Regal und packte sein Bündel. Ausser zwei Astkühlein vom alten Heiri, dem Zweifränkler und den Fünfbätzlern, die es jeweils zum Neujahr gab, war nichts dazugekommen. Die Socken von damals waren ihm längst zu klein geworden. So trat er in Kapplers Dienst.
Zusammen mit zwei älteren Taglöhnern schlief er in einer zugigen Kammer über der Gerbe. Es waren rohe Kerle aus dem Oberland, die ihn mit ihren zotigen Sprüchen gern in Verlegenheit brachten. Gegessen wurde in der Küche, zusammen mit den Meistersleuten, mager genug. Eine Lehre kam für ihn als Armenhäusler nicht in Frage, wer sollte das Lehrgeld für ihn aufbringen? Die Arbeit war streng. Der Gestank der Gerbe machte ihm nicht viel aus, aber dass er seine Hände nie mehr sauber bekam, das störte ihn. Er arbeitete gern neben Hans, dem Lehrling. In ihm hatte er einen guten Kameraden gefunden.
Nach drei Jahren erhielt Hans den Gesellenbrief und verliess den Meister, um in St. Gallen eine Stelle anzutreten. Johann konnte sich seine Arbeit in der Gerbe ohne Hans nicht vorstellen. Schon der Gedanke daran tat ihm weh. Kurzerhand, gegen den Willen des Meisters, wanderte er mit Hans in die Hauptstadt. Am liebsten wäre er mit dem Freund in der Stadt geblieben. Aber da gab es keinen Platz für ihn und ohne Papiere war sowieso nicht daran zu denken, das machte ihm Hansens Meister klar. Er trieb sich noch vier Tage ziellos und hungrig in der Stadt herum, übernachtete einmal in einem Pferdestall und ein anderes Mal in einem Schopf neben dem Friedhof im Osten der Stadt. Am anderen Tag half er dem Totengräber, zwei Gräber auszuheben, und erhielt dafür Brot, Speck und Schnaps. Übelgelaunt machte er sich hungrig auf den Heimweg.
Im Hoffeld bei Degersheim begegnete er in einem kleinen Waldstück zwei Mädchen, die ihn neugierig anblickten.
«Was glotzt ihr so blöd?», fragte er sie unwirsch.
«Wir glotzen gar nicht, wir kennen dich ja nicht.»
«Doch glotzt ihr, ihr frechen Goofen, ich werde euch lehren.» Mit diesen Worten packte er die beiden Schulkinder und schlug ihnen hart die Köpfe zusammen. Er stiess beide zu Boden, hob ihnen die Röcke und schlug sie auf den blanken Hintern. Sie schrien und heulten. Sie rappelten sich auf und liefen schluchzend davon.
Johanns Zorn war rasch abgekühlt. Er griff sich, einen zotigen Spruch murmelnd, wollüstig an sein Geschlecht und machte, dass er wegkam. Rasch schritt er aus und langte am Abend auf dem Hemberg an. Dort übernachtete er im Schuppen des Pfarrhauses, ohne dass ihn jemand bemerkte.
Am nächsten Morgen riss er einige unreife Äpfel von einem Baum und stahl aus einem Hühnerstall zwei Eier. Gegen Abend langte er hungrig in Wattwil bei seinem Meister an. Dieser nahm ihn ohne grosses Aufhebens wieder auf; die Meisterin stellte ihm einen Teller Suppe hin. Das Vertrauen zwischen Kappler und Johann war aber zerstört. Nach drei Wochen bat Johann um den Abschied. Der Meister stellte ihm trotz seiner Eskapade ein gutes Zeugnis aus.
So machte sich Johann auf in ein neues, freies Leben. Auf dem Amt holte er seine Schriften, verwahrte diese sorgfältig in einem Stück Leder, das er hatte mitlaufen lassen. Sein Rucksack war leicht, Geld hatte er wenig, aber immerhin hatte ihm die Meisterin neue, gute Kleider gegeben. Es zog ihn wieder nach St.Gallen, das Stadtleben schien ihm verlockend. Er fand keine Arbeit, die ihm zusagte, so zog er weiter nach Rorschach. Er übernachtete in Heuschobern und Ställen. Hin und wieder verdiente er sich ein Essen und etwas Geld mit Taglöhnerei. Manche Tage verbrachte er in Spelunken und spielte mit anderen Vaganten.
In Rorschach verlor er bald seine Papiere bei einer Rauferei und wurde von einer Wirtin vor die Tür gesetzt. Kein Betteln und kein Jammern halfen. Sie wollte ihn nicht in ihrem Haus haben, obwohl sie mit seiner Arbeit zufrieden gewesen war. Sie hatte junge Mägde und traute ihm nicht. Seine lüsternen Blicke schienen ihr gefährlich, sie wollte keine Scherereien.
Mit Gelegenheitsarbeiten bei Bauern und Karrern hielt er sich über Wasser. Eine feste Anstellung fand er nicht, suchte eigentlich auch keine. Nach einigen Wochen kam er mittellos in die Gegend von Wil. Mit Saufen und Kartenspielen hatte er sein letztes Geld verloren. Seinen neuen Kittel hatte er schon lange gegen einen schlechteren eintauschen müssen, seine guten Schuhe trug jetzt ein anderer. Die Hose war inzwischen schmutzig und hatte Risse. Seine Füsse steckten in schlechten Holzböden, die ihn auf den Zehen drückten und an den Fersen scheuerten. In Schwarzenbach kehrte er in einer kleinen Wirtschaft ein und fragte nach Arbeit, Schnaps und Käse. Als die Wirtin sich in die Küche zurückzog, entdeckte er unter der Ofenbank ein Paar neue Stiefel, die ihm gut gefielen. Rasch probierte er sie an, sie passten. So behielt er sie an und stellte seine schlechten Schuhe an den leeren Platz. Die Wirtin bemerkte den Diebstahl sofort, sagte aber kein Wort. Sie bediente ihn, ging hinaus und verschloss die Türen. Sie schickte den Hausknecht zur Polizei. Der rotgesichtige, strenge Beamte, der mit der Wirtin bald in die Wirtsstube trat, befahl dem verdutzten Johann, die Stiefel auszuziehen, was er ohne weiteres tat. Zwei Polizisten führten ihn nun an einer Kette zum Bezirksamt in der Stadt Wil. Dort wurde er eingesperrt und am nächsten Morgen vom Bezirksammann des Diebstahls und Vagantentums angeklagt. Am nächsten Tag brachte ihn die Polizei nach Wattwil.
Der Armenvogt
Wichtigtuerisch trat Pöstler Roth in die Küche im Haus auf dem Büel. Sein Gesicht war rot angelaufen, und der Schweiss tropfte in den Kragen seines nicht mehr ganz frischen Uniformhemds. Die Uniformjacke trug er vorschriftswidrig offen. Den Hut trug er nicht, den hatte er vor der langen Steigung abgenommen. Er hasste es, wenn er dem Armenvogt eine eilige Depesche bringen musste. Im Sommer kam er ins Schwitzen, und im Winter musste er den weiten Weg durch den Schnee stapfen. Beides war ihm von Herzen zuwider. Die Steigung auf den Büel war anstrengend. Er war nicht mehr jung. Er spürte die Schnäpse vom Vormittag und die Hitze des Sommernachmittags.
«Wo ist der Vogt?», raunzte er die Küchenmagd an.
«Sagt man jetzt nicht mehr guten Tag, oder bin ich dem Herrn Pöstler etwa zu wenig?», gab diese schnippisch zurück.
«Hä, also, guten Tag», grüsste Roth. «Also, wo ist der Vogt?», wiederholte er ungeduldig seine Frage.
«Wo wird er schon sein, denk in seiner Amtsstube», gab ihm Annemarei, die Magd, kurzangebunden Auskunft. Sie mochte Roth nicht. Er behandelte sie immer von oben herab. Dabei linsten seine Augen gierig und lüstern. Er war ein alter Bock. Auch widerte sie seine Ausdünstung nach Schnaps an. Sie traute ihm und seinen haarigen Händen nicht, man hörte so manches von den Mägden auf den anderen Höfen. Sie wollte nicht allein mit ihm in der Küche bleiben. So schob sie ihm einen Stuhl hin und ging rasch hinaus. Ohne Eile schritt sie durch den dämmrigen Hausgang über die kühlen Sandsteinplatten zur Amtsstube des Armenvogts. Nach kurzem Klopfen trat sie ein. Der Raum lag auf der Sonnenseite, neben der guten Stube.
Eigentlich war es die Nebenstube, in der Göldi, der Armenvogt, die Schreibarbeiten erledigte, die sein Amt mit sich brachten. Am Tisch schrieb er mit einem Bläuel in einer Liste. Der Gemeinderat verlangte seit neustem eine Auflistung der ledigen Mütter im Dorf. Sie sollten bei ihren Pfarrern antreten und Auskunft zu ihrem Lebenswandel geben. Von den Kindesvätern war nie die Rede. Göldi fand diese neue Regelung ungerecht und unnötig, aber Amt war Amt, er konnte nichts machen. Immer wieder benetzte er den Stift mit der Zungenspitze, damit er besser schrieb. Wie immer hatte er davon blaue Lippen. Annemarei machte ihn darauf aufmerksam und er lachte.
«Ja, ja, die Arbeit färbt halt ab, bei den einen so, bei den anderen so. Was ist, warum störst du mich? Ich sollte die Liste schon längst geschrieben haben.»
Annemarei wusste, dass ihr Brotherr die Schreibarbeiten gern vor sich her schob. Oft machte er nur einen Entwurf und stellte für die Reinschrift seinen Sohn an. Aber dieser war seit Ostern im Welschland. So musste er wohl oder übel selber den Stift in die Hand nehmen. Als Armenvogt hatte er immer Berichte zu verfassen, die hohen Herren wollten Bescheid wissen. Lorbeeren holte man mit dieser Arbeit keine. Wer kümmerte sich schon gern um Arme und Bedürftige?! Der Gemeinderat beriet lieber über neue Strassen, das Pumpwerk im Bergli, das Spital oder am liebsten über die wachsende Textilindustrie im Ort. Er legte den Stift weg und rieb die schmerzende Hand. Das Ziehen in den knotigen Fingern wurde immer schlimmer. Das Schreiben war einfach nicht seine Sache und er war nicht mehr der Jüngste.
«Also, was ist?», fragte er nochmals.
«Der Roth ist da, er will mit Euch sprechen», meldete Annemarei.
Göldi erhob sich langsam und ging in die Küche, wo der Pöstler gleichmütig auf ihn wartete. Bei Göldis Eintreten zog er sofort einen Umschlag aus der inneren Brusttasche seiner Uniformjacke und streckte ihn dem Armenvater hin. Der Umschlag war zerknittert und fleckig vom Schweiss des Pöstlers.
«Nur langsam, langsam, so eilig wirst du es nicht haben», meinte der Armenvogt. Er legte den Umschlag auf den Küchentisch und ging zum Wandschrank neben dem Herd. Dort öffnete er das obere Türchen mit der grünen Glasscheibe. Da standen einige Flaschen: Kirsch, Pflümli und Chrüter. Göldi nahm die Flasche mit dem Pflümli und zwei kleine Gläser aus dem Fach, stellte alles auf den Tisch und setzte sich. Für sich schenkte er nur zwei Finger breit ein, dem Pöstler füllte er das Glas fast bis an den Rand. Sie prosteten sich wortlos zu. Roth kippte den Schnaps auf einmal hinunter. Er ächzte genüsslich und streckte dem Vogt das Glas hin. Dieser füllte es wieder. Dann setzte er den Korken satt auf die Flasche und stellte sie neben sich auf den Boden. Es war immer die gleiche Zeremonie, zwei Gläser, nie mehr. Das ärgerte Roth, und er nannte den Armenvogt in Gedanken einen Geizhals. Das zweite Glas teilte er in kleine Schlucke ein. Göldi öffnete den braunen Umschlag mit dem grossen amtlichen Stempel und las die vom Schweiss des Boten wolkig gewordene Depesche. «So, so», murmelte er, «der Johann wieder einmal.»
«Ja, hab’s auf dem Amt gehört, der Bleiker, der Galöri. Der wird nie schlauer, mit dem werden wir noch etwas erleben, das weiss ich. Einsperren sollte man den. Richtig, nicht einfach nur ins Armenhaus stecken, einsperren im Käfig», ereiferte sich der Pöstler.
«Na, na», meinte der Armenvogt. «Ist ja auch nur ein armer Tschooli, der Bleiker. Ist halt Schicksal, in welche Wiege einen der Storch legt.» Mit diesen Worten erhob er sich.
Das war das Zeichen für den Pöstler zu gehen. Ungeniert trank er das Restchen Schnaps, das er in Göldis Glas erspäht hatte, aus und stand ebenfalls auf. Miteinander traten sie vor die Haustüre, wechselten einige belanglose Worte zum Wetter und verabschiedeten sich. Roth wischte den Schweiss, den der Schnaps auf seine Stirn und in seinen feisten Nacken getrieben hatte, mit seinem grossen bunten Nastuch weg. Er knöpfte die Uniformjacke zu und setzte den Hut auf die Halbglatze. Zügig schritt er vom Hof und verschwand bald auf dem kiesigen Strässchen im Wald.
Göldi schüttelte den Kopf und ging zurück in seine Amtsstube. Dort las er nochmals die kurze Depesche, die er vom Bezirksamt in Wil erhalten hatte: «Überstellung und Massnahme: Bleiker Johann, geb. 11. Juli 1840 in Wattwil. Sohn der Bleiker Susanne, verwitwete Brunner, Vater unbekannt. Delikt: Diebstahl und Vagantentum. Überstellung zwecks Besserung ins Armenhaus Wattwil. Der Besagte ist fünf Tage in Arrest zu setzen und zwei Jahre im Armenhaus zu verwahren. Ankunft gleichentags um die Vesperzeit.»
Er nahm eine schwarzgrün marmorierte Mappe aus dem Sekretär. Den Namen brauchte nicht zu lesen, der Bleiker hatte schon einige Blätter in der Mappe, sein Sündenregister war lang. Seufzend legte Göldi den amtlichen Bescheid aus Wil dazu und schloss die Mappe in den Sekretär ein. Den Schlüssel barg er in seiner Westentasche. Er legte den Bläuel in ein Fach des schönen Möbels und schob die vorher angefangene Tabelle in ein anderes. Die Liste mit den Unehelichen konnte warten.
Zum Glück war das Heu schon eingebracht, und das Emd war noch nicht so weit. Die Zeit hätte ihn sonst gereut. Er ging in den Garten, wo seine Frau und Annemarei in einem Beet knieten und jäteten. Er hörte, wie sich die Magd verärgert über die zudringlichen Blicke des Pöstlers ausliess. Er hatte keine Angst um sie. Sie war nicht auf den Mund gefallen, sie wusste sich zu wehren. Seine Frau sagte nicht viel zu Annemareis Lamento, sie gehörte zu den Schweigsamen. Auch diese Eigenschaft mochte er sehr an ihr. Nie machte sie ein Aufheben um die Dinge. Sie nörgelte nie und wartete geduldig, wenn sie spürte, dass ihn etwas beschäftigte. In ihrer langen Ehe hatten sie viele schwere Tage gehabt. Zwei Kinder waren im ersten Lebensjahr gestorben, eines mit vier Jahren an der Halsbräune und eines war gar nicht geboren worden. Das hatte seine Frau still, aber trotzdem nicht bitter gemacht. Sie strahlte fast immer eine ruhige Heiterkeit aus.
Wenn ihr die Last zu schwer wurde, setzte sie sich in der guten Stube an die farbige Hausorgel, die sie in die Ehe mitgebracht hatte. Die Noten kannte sie nicht, sie spielte Lieder und Weisen nach dem Gehör. Als gläubige Pfarrerstochter aus Wildhaus kannte sie alle Kirchenlieder auswendig, sie gaben ihr Trost und Halt.
Ihre gemeinsame Freude war ihr Sohn Hansueli, der ihnen spät noch geschenkt worden war. Er war ein lustiger, gesunder Bub, ein fleissiger Schüler gewesen und jetzt ein eifriger Lehrling in der Westschweiz, in Lausanne. Französisch, Handel und Buchhaltung lernte er da, sie waren stolz auf ihn. Sie vermissten ihn, aber er würde an Martini wieder heimkommen und dann in der Textilfabrik im Dorf im Kontor arbeiten. Ein Beamter, wie sein Vater war, wollte er nicht werden, das lag ihm nicht. Göldi war froh darüber. Manchmal waren ihm die Aufgaben in seinem Amt eine Last. Wie eben der Gang, den er vor sich hatte. Im Hausflur zog er feste Schuhe an, nahm den Hut vom Haken und hängte den Kittel über die Schulter.
«Muss ins Dorf, den Bleiker ins Armenhaus bringen. Der hat wieder einmal etwas angestellt. Wenn er sich doch nur besser im Griff hätte, schade um ihn.» Nach diesem kurzen Bescheid nickte er seiner Frau und der Magd zu und machte sich auf den Weg ins Dorf.
Der halbstündige Weg hinunter durch die Wiesen und der Thur entlang nach Wattwil gab ihm Zeit zum Sinnieren. Sein Amt war nicht leicht. Immer hatte er mit Not und Elend zu tun. Oft fühlte er sich zwischen den Parteien eingeklemmt. Der Gemeinderat erwartete von ihm eine harte Hand. Die Armen sollten zwar versorgt werden, aber nichts kosten. Oft hatte er den Eindruck, als ob der Gemeinderat ihn persönlich für das Elend und die Not der Armen verantwortlich mache. Uneheliche Kinder und deren Mütter, die nicht über die Runden kamen, weil ihre Herrschaften sie auf die Strasse stellten, Invalide und Verkrüppelte, die keiner Arbeit mehr nachgehen konnten, Alte, die keine Familie hatten, oder eben Vaganten und Tunichtgute, wie der Bleiker einer war; für alle war er zuständig. Am meisten taten ihm die Waisenkinder leid. Auch wenn er eine Familie aus ihrer trostlosen Wohnung holen und sie ins Armenhaus bringen musste, weil der Zins nicht mehr bezahlt worden war, war es für ihn ein schwarzer Tag. Diesen Leuten konnte er jeweils nicht in die Augen schauen.
Nach solchen Tagen setzte er sich zu Hause abends auf die Bank neben der Haustüre und blickte schweigend zu den Bergen. Meistens setzte sich seine Frau neben ihn, nahm seine Hand und drückte sie leicht. Sie sprach nichts und fragte nichts, das tat ihm gut. So sassen sie, bis es zu kühl wurde. Es gab Göldi Kraft für den nächsten Tag.
Zügig schritt der Armenvogt Wattwil zu. Die Hitze lag drückend über dem Tal. Er hätte den Kittel zu Hause lassen können. Die Mücken aus den Thurauen plagten ihn. Er war froh, als er bald nach der Brücke beim Gemeindehaus eintraf. Dort setzte er sich in den grünen Schatten der Kastanienbäume und wartete. Gern hätte er ein Glas Most oder wenigstens Wasser getrunken, aber es läutete vom Kirchturm schon zur Vesper und die «Krone» und der «Löwen» waren zu weit weg. Nach einigen Minuten stand er auf und trat ins Haus. Durch den kühlen Flur ging er zur Amtsstube, klopfte an und trat ein.
«Gut, dass du da bist», begrüsste ihn der Gemeindeammann hinter dem Schreibtisch. «Der Bleiker Johann ist im Arrestzimmer, die Landjäger sind schon wieder gegangen, sie müssen zurück nach Wil. Die Schriftlichkeiten sind erledigt, kannst den Hallodri sofort mitnehmen.»
Göldi kannte den Ammann gut. Er hatte oft mit ihm zu tun; sie klopften auch hin und wieder einen Jass zusammen. Er wusste, dass auch ihm solche Amtshandlungen zuwider waren. So fragte er nicht lange, unterzeichnete die Papiere, nickte wortlos und ging ins Arrestzimmer, dessen Schlüssel er als Armenvogt bei sich trug.
«So, Johann, ist es wieder einmal so weit», begrüsste er den Sitzenden.
Bleiker blickte kaum auf. Ihm war übel von der Hitze im stickigen Zimmer, und das Leben war ihm verleidet. Er gab keine Antwort, Göldi hatte auch keine erwartet. Johann erhob sich, und Göldi führte ihn an einer kurzen Kette vom Gemeindehaus weg durch das vorabendliche Dorf. Der Taglöhner hielt seinen Kopf gesenkt. Die Frauen am Dorfbrunnen hielten in ihren Gesprächen inne. Sie starrten Bleiker ungeniert an, und zwei der Frauen spuckten vor ihm aus.
«Endlich kommst du wieder ins Loch, wo du hingehörst, du elender Kerl. Geschieht dir recht», sagte eine, und die andere nickte bestätigend.
«Was hast du mit ihm zu tun?», wollte eine der älteren wissen.
«Darüber will ich nicht reden, jedenfalls hat er es verdient, der Sauhund.» Die andern Frauen nickten wissend. Dann nahmen sie ihre gefüllten Kessel und machten sich auf den Weg nach Hause. Einige Buben beim Brunnenstock lachten hämisch hinter dem Geschmähten her. Zwei junge Mädchen blickten verschämt und strichen ihre Röcke glatt. Bleiker fluchte leise vor sich hin. Er verwünschte diese Weiber und das ganze Dorf.
Der Armenvater schritt eilig voran; der Gang war ihm zuwider. Nach kurzer Zeit erreichten die beiden das Armenhaus, wo Göldi den Delinquenten mitsamt dem amtlichen Überstellungsbescheid dem Armenvater übergab.
«Johann, Johann», sprach ihn der Armenvater an. «Was sollen wir nur mit dir anfangen, wirst du eigentlich nie gescheiter und anständiger?! Was hast du wieder angestellt?»
Bleiker grinste schief und senkte den Blick. Vor dem Armenvater schämte er sich. Ohne ein Wort zu sagen, trottete er hinter Vater Bachmann die Kellertreppen hinunter. Vor der der Türe der Arrestzelle, zuhinterst im dunklen Gang blieb er stehen. Er zog die Senkel aus den Schuhen, riss den ausgefransten Hosenstrick aus den Gurtschlaufen und schlurfte durch die kleine Türe. In der Zelle roch es nach Latrinenkübel, Schweiss und Erbrochenem. Der Strohsack in der Ecke war dünn und roch moderig. Die Decke darauf war fleckig und an den Rändern eingerissen. Durch ein winziges Fenster, eher ein Lichtschlitz unter der Bohlendecke, zwängten sich zwischen den Eisenstäben milchige Sonnenstrahlen herein und bildeten ein Kreuz auf dem gestampften Lehmboden. Dieser war trocken und leidlich sauber gewischt. Auf einer Kiste stand ein gesprenkelter Emailkrug mit Wasser, daneben lag ein Stück Brot.
«Da, wirst dein Urteil kennen», sprach der Armenvater und streckte Bleiker das amtliche Schreiben entgegen. «Diesmal sind es fünf Tage Arrest, die du dir eingehandelt hast, und nachher zwei Jahre Verwahrung hier im Armenhaus.»
Johann fegte das Schreiben mit einer Hand weg. «Ja, zum Arschwischen kannst den Zettel hier lassen», knurrte er grob und liess sich auf den Strohsack fallen. Er drehte sich zur Wand und liess einen dröhnenden Wind fahren.
Bachmann verzog angewidert das Gesicht, schaute Johann bekümmert an und schloss die Fussschelle um den schmutzigen Fussknöchel des Liegenden. Bleiker reagierte nicht, er liess es ohne weiteres geschehen. Bachmann gab dem schweren Kettenblock einen leichten Tritt und verliess die Zelle wortlos.
Es ist jedes Mal das Gleiche mit dem Bleiker, dachte er. Bei jeder neuen Einlieferung ist er noch unflätiger, er lässt keinen an sich heran. Das würde sich mit der Zeit aber wieder geben, wie er aus Erfahrung wusste. Da war nichts mehr von dem Bübchen, das ihm damals vertrauensvoll die Hand gereicht hatte. Bleiker war ein Tunichtgut geworden, einer der ärgsten. Die Tage im Arrest bei Wasser und Brot würden den Kerl zähmen, das war jedes Mal so. Nachher konnte man mit ihm wieder normal reden, und er erledigte die ihm aufgetragenen Arbeiten ohne Widerworte.
So war es auch diesmal. Bleiker hockte seine Arresttage fluchend und lamentierend ab. Hin und wieder schrie er Unflätigkeiten durch das kleine Fenster. Die Buben draussen machten sich ein Spiel daraus, ihn zu reizen.
Das unterband Bachmann, und den Mädchen verbot er strikt auch nur in die Nähe des Arrestfensters zu gehen.
Am Abend des fünften Tages holte der Armenvater Johann aus der Zelle und führte ihn in die Waschküche. Dort lagen ein grobes Handtuch, ein Stück Seife und ein Rasiermesser bereit. Einigermassen sauber und leidlich rasiert schlüpfte Johann in die verhasste Armenhauskluft. Seine stinkenden Kleider warf er in einen Trog. Es würde sich schon eine finden, die seine Kleider wusch, davon war er überzeugt. Mit den anderen im Haus folgte er später dem scheppernden Glöcklein, das zum Nachtessen rief. In der grossen Stube setzte er sich breit auf eine Bank. Der Armenvater brauchte ihn nicht vorzustellen, man kannte ihn. Nach der mageren Kost in der Arrestzelle schmeckten ihm die Kartoffeln und der Käse wie ein Festmahl. Der Most rann köstlich durch seine Kehle. Die Alten beäugten ihn misstrauisch, hielten Abstand. Die Frauen tuschelten. Die grösseren Buben lachten ihn frech und anzüglich an. Die Mädchen blickten ängstlich und verschämt, die Kleinen beachteten ihn nicht. Niemand sprach ihn an, er redete mit niemandem. Die zwei letzten Kartoffeln schnappte er mit seinem Messer aus der Schüssel, sodass einer der Alten seine Hand erschrocken zurückzog.
So rasch wie möglich verliess er den Essraum, schlurfte ums Haus und sass lange auf der Bank vor dem Stall. Gern hätte er geraucht, aber er hatte nichts. Auch seine Schnapsbuddel war im Bündel, das ihm die Polizei abgenommen hatte. Wahrscheinlich liess ihn der Armenvater noch ein wenig schmoren, bis er ihm sein Bündel mit der Buddel und den billigen Stumpen aushändigte. Er schaute den Mauerseglern zu, die unter dem Scheunendach ihre Nester hatten. Ihr Flug gefiel ihm. Sie waren frei. Aus dem Stall hörte er das Schnaufen der Kühe und das Rasseln ihrer Ketten. Den Geruch von Heu und Kuhdung mochte er, es war Heimat für ihn. Später trat der Armenvater aus dem Haus und setzte sich zu ihm.
«Johann, Johann», sprach er und legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. Wortlos beobachteten sie frühe Fledermäuse in der Abendstille und hörten dem Sirren der Mücken zu. Nach einer Weile stand Bachmann auf und ging ins Haus zurück.
Bleiker hätte gern mit dem Armenvater gesprochen, ihm von seinen misslungenen Tagen erzählt, ihn vielleicht sogar nach seinen Gedanken über das Leben gefragt, aber es ging nicht.
Wohl oder übel verbrachte er die vorgeschriebene Zeit im Armenhaus und machte sich nachher wieder auf die Walz.
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