Kitabı oku: «Reisen ins innerste Afrika»

Yazı tipi:

Mungo Park

REISEN INS INNERSTE AFRIKA

Dem Geheimnis des Niger auf der Spur

Herausgegeben von Heinrich Pleticha



Mungo Park

INHALT

Einführung

Mungo Parks erste Reise im Inneren von Afrika

Erster Abschnitt

Zweiter Abschnitt

Dritter Abschnitt

Vierter Abschnitt

Fünfter Abschnitt

Sechster Abschnitt

Siebter Abschnitt

Achter Abschnitt

Neunter Abschnitt

Zehnter Abschnitt

Elfter Abschnitt

Zwölfter Abschnitt

Dreizehnter Abschnitt

Vierzehnter Abschnitt

Fünfzehnter Abschnitt

Sechzehnter Abschnitt

Siebzehnter Abschnitt

Achtzehnter Abschnitt

Neunzehnter Abschnitt

Zwanzigster Abschnitt

Einundzwanzigster Abschnitt

Zweiundzwanzigster Abschnitt

Dreiundzwanzigster Abschnitt

Mungo Parks zweite Reise im Inneren von Afrika

Erster Abschnitt

Zweiter Abschnitt

Dritter Abschnitt

Vierter Abschnitt

Fünfter Abschnitt

Das Tagebuch Isaakos

Amadi Fatoumas Bericht

Fortsetzung von Isaakos Tagebuch

Anhang

Worterklärungen

Quellenverzeichnis


Köcher und Pfeil eines Bambarra-Häuptlings

EINFÜHRUNG

Im Jahre 1788 wurde in London die »British Association for promoting the discovery of the interior parts of Africa« gegründet. Diese »British African Association«, auf Deutsch »Afrikanische Gesellschaft«, wie man sie allgemein kurz nannte, hatte nichts mit den zahlreichen Handelsgesellschaften dieser Zeit zu tun. Sie wollte, wie die Gründungsakte betont, die Zivilisation der Eingeborenen heben und den Sklavenhandel bekämpfen, vor allem aber die Erforschung Innerafrikas vorantreiben.

Bis zu diesem Zeitpunkt war von Afrika so wenig bekannt, dass es nicht nur wegen seiner Bewohner mit Recht der »dunkle Erdteil« genannt werden durfte. Die Fahrten der portugiesischen Entdecker hatten in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts wenigstens die Küsten erschlossen und ein verhältnismäßig klares Bild der Umrisse des Erdteils erbracht. Gelegentlich waren Händler und Missionare ein Stück in das Innere vorgedrungen. So hatte beispielsweise schon 1613 der Jesuit Pedro Paez den Tanasee in Äthiopien als den Quellsee des Blauen Nils entdeckt. Aber solche Reisen bildeten Ausnahmen. Auch Nachrichten arabischer Händler über Innerafrika gelangten an die Küste, erbrachten aber nur ungenaue Vorstellungen, sodass schon Jonathan Swift (1667–1745), der geniale Autor von »Gullivers Reisen«, über die Karten Afrikas spötteln konnte:

»Geographers in Afric maps

With savage pictures fill their gaps

And over inhabitable downs

Place elephants, for want of towns.«

(Das heißt: »Die Geografen füllen auf den Karten Afrikas ihre Lücken mit wilden Zeichnungen und malen in unbewohnbare Flächen aus Mangel an Städten Elefanten ein.«) Erst 1749 fasste der französische Kartograf Bourguignon d’Anville (1697–1782) die Kenntnisse seiner Zeit in einer für die damaligen Verhältnisse gründlichen, wissenschaftlich fundierten Karte zusammen. Die riesigen weißen Flecken im Innern konnte er dabei allerdings auch nicht ausmerzen.

Glücklicherweise waren die Mitglieder der »African Association« keine Fantasten, sondern gingen bei ihren Planungen sehr methodisch vor und setzten von vornherein einige Schwerpunkte, zu denen vor allem die Erforschung des Nigers gehörte. Hier mochte nicht zuletzt das Interesse an der geheimnisumwobenen Handelsmetropole Timbuktu mitspielen. Nachrichten über Größe, Macht und Reichtum dieser Stadt, der alten Residenz der Songhai-Herrscher, waren längst nach Europa gedrungen, bisher hatte sie aber noch kein Weißer erreicht. Man wusste nur, dass sie an einem großen, nach Osten fließenden Strom lag, der entweder in einem See – dem nur vage bekannten Tschadsee – mündete oder einen Nebenfluss des Nils bildete. Zwar war schon seit dem 16. Jahrhundert das Mündungsdelta des Nigers bekannt, ob und wie aber dieser Fluss mit dem Stromsystem des Sudans zusammenhing, wusste niemand zu sagen.

Die ersten vier Expeditionen der »African Association« nach Innerafrika scheiterten. Der britische Major Houghton, der den Lauf des Nigers erforschen und nach Möglichkeit bis Timbuktu vordringen sollte, war unterwegs ermordet worden. Deshalb übertrugen die Herren in London diese Aufgabe nun dem erst zweiundzwanzigjährigen schottischen Arzt Mungo Park.

Park war am 10. September 1771 als siebtes Kind eines Packers in Powlshiels bei Selkirk in Schottland geboren worden. Nach dem Medizinstudium in Edinburgh war er 1792/93 als Schiffschirurg nach Sumatra gereist und nach seiner Rückkehr in die Dienste der »African Association« getreten. Nach sorgfältigsten Vorbereitungen und Studien in London reiste er schließlich am 22. Mai 1795 von Portsmouth aus mit dem Handelsschiff »Endeavour« an den Gambia und erreichte am 21. Juni den kleinen Hafen Dschillifrih. Hier setzt sein Reisebericht ein, in dem er ausführlich alle Erlebnisse bis zum Juni 1797 schildert.

Am Weihnachtstag des gleichen Jahres traf er wieder in London ein, wo seine Rückkehr eine Sensation bildete. Die Londoner Gesellschaft riss sich geradezu um ihn, doch zeigte er sich sehr zurückhaltend und wortkarg. »Er benimmt sich wie ein Negerkönig«, warf ihm eine seiner zahlreichen Gastgeberinnen vor.


Mungo Parks erste Reise 1795–1797

Schon im Sommer des folgenden Jahres überreichte er der »African Association« seinen ersten Rechenschaftsbericht, den er dann zusammen mit Brian Edwards, dem Sekretär der »African Association« ausarbeitete. Man ist verschiedentlich der Frage nachgegangen, welchem der beiden Männer die größeren schriftstellerischen Verdienste an den ungemein lebendigen und farbigen Schilderungen zukommen. Edwards selbst hob hervor, dass Park nach anfänglichen Schwierigkeiten ein beachtenswertes schriftstellerisches Talent entwickelt habe. Die weitgehend unbearbeiteten Aufzeichnungen der zweiten Reise lassen daran allerdings wieder Zweifel aufkommen; denn selbst in diesen einfachen Niederschriften hätte sich dieses Talent doch wenigstens einigermaßen äußern müssen. An den großartigen Leistungen Parks mindern solche Fragen nichts, ebenso wenig an dem Vergnügen, das die Lektüre seines Buches bereitet, das 1799 erschien und dessen erste Auflage in Höhe von 1500 Exemplaren innerhalb einer Woche verkauft war.

Deutlich zeigte sich, dass mit Park nicht nur eine neue Epoche in der Erforschung Afrikas begonnen hatte, sondern dass er auch der Reiseliteratur neue Impulse gab. Gewiss war er noch in starkem Maße dem Denken der Aufklärungszeit verhaftet, wenn er sich etwa mit Problemen der Zivilisierung der Negervölker auseinandersetzt. Seine Auffassung, dass die Farbigen Barbaren seien, solange sie dem Heidentum verfallen bleiben, spiegelt sogar das alte Denken der spanischen Konquistadoren des 16. Jahrhunderts, das im Grundsätzlichen von jenen anderen europäischen Nationen übernommen wurde, die eine Rechtfertigung ihres Kolonialismus suchten.

Aber er zeigt auch schon Verständnis für den Afrikaner, lehnt Pauschalurteile über ihre allgemeine Trägheit ab und sucht eine Erklärung dafür aus den klimatischen Verhältnissen zu geben. Die Habgier mancher Farbiger, unter der er so schwer zu leiden hatte, entschuldigt er aus der vergleichbaren Haltung ärmerer Bevölkerungsschichten in England. Mitfühlend beschreibt er die Trauer einer Mutter um den getöteten Sohn oder den Schmerz einer jungen Sklavin, die überraschend verkauft wird.

Sein besonderes Interesse gilt zwar naturwissenschaftlichen Problemen, doch liefert er auch gute ethnologische Beiträge. Wichtig – und im Allgemeinen viel zu wenig beachtet – sind seine Beobachtungen zum innerafrikanischen Sklavenhandel. Hier geht er sogar auf die historischen Ursprünge ein, analysiert die verschiedenen Arten der Sklaverei und ermöglicht Einblicke in die Bevölkerungsschichten. Sein Bericht über den Weg einer Sklavenkarawane aus dem Innern an die Küste gehört zusammen mit den späteren Schilderungen seines Landsmannes David Livingstone (1813–1873) zu den erschütterndsten und zugleich wichtigsten Aussagen eines europäischen Augenzeugen über die afrikanische Sklaverei. Wenig Beachtung dagegen schenkte er, wie seine Vorgänger und wie viele spätere Forscher, historischen Fragen. Immerhin bereiste er Gebiete, die im Mittelalter zu afrikanischen Großreichen gehörten. Noch konnten nicht alle Spuren der Vergangenheit ausgelöscht sein, doch scheinen sie ihn nicht interessiert zu haben. Am wichtigsten waren natürlich die geografischen Ergebnisse seiner Reise, so knapp sie sich auch in wenigen Worten zusammenfassen lassen. Er hatte nachweisen können, dass kein Zusammenhang zwischen den Stromgebieten der westwärts gerichteten Flüsse Senegal und Gambia und dem nach Osten fließenden Niger bestand. Die Breite des Stromes, den er von Sego aus noch etwa hundertzwanzig Kilometer abwärts verfolgte, ließ darüber hinaus den Schluss zu, dass kein Zusammenhang mit dem Nil bestand.

Mit der Veröffentlichung des Reiseberichts sah Park seine Aufgabe als erfüllt an. Kurz nach Erscheinen des Buches heiratete er im Sommer 1799 und ließ sich für die nächsten Jahre in Schottland nieder. Die Einnahmen aus seinem Buch und das Honorar der »African Association« ermöglichten ihm ein sorgenfreies Leben, und so ist es durchaus verständlich, dass er Vorschläge der britischen Regierung ablehnte, sich als Arzt in der Kolonie Neu-Südwales niederzulassen. 1801 übernahm er eine bescheidene Landpraxis in Peebles/Schottland.

Im gleichen Jahr schrieb ihm Sir Joseph Banks, der Präsident der »African Association«, dass diese zusammen mit der Regierung eine neue Forschungsreise an den Niger ausrichten wolle und man beabsichtige, ihm die Leitung zu übertragen. Die Verhandlungen zogen sich noch bis 1803 hin. Obgleich ihm einige Nachbarn, unter ihnen der große schottische Dichter Walter Scott (1771–1832), abrieten, entschloss er sich doch, das Angebot anzunehmen. Die Vorbereitungen waren diesmal dank der persönlichen Erfahrungen Parks ungemein gründlich. Sein Schwager Alexander Anderson und der Zeichner George Scott sollten ihn zusammen mit einigen Schiffszimmerleuten und Handwerkern von England aus begleiten. Am 30. Januar 1805 schifften sie sich in Portsmouth ein und erreichten sieben Wochen später die afrikanische Westküste. In den Briefen, die Park von unterwegs an seine Familie und an Mitglieder der »African Association« schrieb, zeigte er sich ungemein zuversichtlich. Er hatte nach wie vor alle gut gemeinten Warnungen zurückgewiesen, glaubte fest an den Erfolg seines Unternehmens. Wieder wollte er den Weg ostwärts vom Senegal bis nach Sego am Niger wählen, dort mit den ihn begleitenden Handwerkern ein größeres Boot zimmern und dem Strom flussabwärts bis zur Mündung folgen. Zum Schutz des ganzen Unternehmens sollte ihn ein Trupp Kolonialsoldaten begleiten.

Diese auf Weisung des Kolonialministeriums abkommandierte Schar bestand aus Leutnant Martyn und fünfunddreißig altgedienten Soldaten des Afrikanischen Korps, die in Kaye (bei Kisania) zu ihm stießen. Man scheint ihm von vornherein nicht die besten Leute gegeben zu haben, denn nur so sind die so rasch einsetzenden Verluste überhaupt zu erklären. Überhaupt stand das ganze Unternehmen unter einem denkbar unglücklichen Stern, doch lag ein erheblicher Teil der Schuld bei Park selbst. Er hätte aufgrund seiner Erfahrungen erst die bevorstehende Regenzeit abwarten und den Aufbruch in das Innere um sechs Monate verschieben müssen. In seinem übertriebenen Optimismus unterschätzte er aber die Schwierigkeiten und überschätzte wohl auch das Leistungsvermögen und den Gesundheitszustand seiner europäischen Begleiter.

Die Karawane, die am 27. April 1805 von Kaye aufbrach, bestand aus Park, Anderson, Scott und vier Schiffszimmerleuten, Leutnant Martyn mit seinen fünfunddreißig Soldaten und einem Mandingoführer namens Isaako. Das umfangreiche Gepäck war auf zweiundvierzig Esel verladen.

Mögen die Aufzeichnungen über die nun folgende Reise kaum mit den farbigen Schilderungen des ersten Reiseberichts konkurrieren können, so sind sie doch das erschütternde Dokument eines fehlgeplanten Unternehmens. Während der bald nach dem Abmarsch ausgebrochenen Regenzeit mit ihren schweren tropischen Gewittern erkrankten die meisten Leute und starben unterwegs. Die scheinbare Gefühllosigkeit Parks, mit der er diese Todesfälle registriert und über sie hinweggeht, lässt sich wohl nur aus den ungeheuren Anstrengungen erklären, die er aufwenden musste, um die Karawane wenigstens einigermaßen zusammenzuhalten und weiterzuführen. Immerhin war es die erste größere Forschungsexpedition dieser Art, und Park hatte keine Erfahrungen im Führen einer Gruppe. Noch siebzig Jahre später musste Henry Morton Stanley (1841–1904) bei seinen Expeditionen durch den Kongo-Urwald mit ähnlichen Schwierigkeiten kämpfen, weil auch er die Kräfte und die Energie seiner europäischen Begleiter überschätzte.

Als die Karawane nach knapp vier Monaten, sieben Wochen später als ursprünglich vorgesehen, am 19. August den Niger erreichte, lebten nur noch Park, Anderson, Scott, Martyn und sieben Soldaten, fast alle mehr oder weniger krank. Angesichts dieser Tatsache befremdet die Notiz Parks in seinem Tagebuch: »Es gewährte mir aber doch eine gewisse Genugtuung, feststellen zu können, dass ich einen Trupp Europäer samt vielem Gepäck über eine Strecke von mehr als fünfhundert Meilen geführt und dabei immer gute Beziehungen mit den Eingeborenen gehalten hatte.« Kein Wort der Klage über die hohen Ausfälle!

Während Park zusammen mit einem Soldaten aus mehreren Eingeborenenbooten ein flusstüchtiges Fahrzeug zusammenzimmerte, starben auch Anderson und Scott sowie weitere vier Soldaten. Bis zum 15. November waren alle Vorbereitungen abgeschlossen. Die Reise sollte am folgenden Tag beginnen, doch scheint sie sich noch etwas verzögert zu haben, denn der letzte Brief an seine Frau, den er den Tagebuchaufzeichnungen beifügte, trägt das Datum des Neunzehnten. Darin schrieb er: »Ich befürchte, dass Du aus weiblicher Furcht und der Ängstlichkeit einer Gattin Dir meine Lage viel schlimmer denkst, als sie wirklich ist. Es ist freilich wahr, meine geliebten Freunde, Anderson und Scott, haben beide von dieser Welt Abschied genommen; und der größte Teil der Soldaten ist während der Regenzeit auf der Reise gestorben; aber, glaube mir, ich selbst befinde mich recht wohl. Der Regen ist nunmehr völlig vorüber, und die gesunde Jahreszeit hat angefangen, sodass nichts von Krankheit zu fürchten ist; auch habe ich noch immer Macht genug, mich auf der Fahrt den Fluss hinab vor jedem Anfall zu schützen.

Wir haben alle unsere Sachen bereits eingeschifft und werden in dem Augenblick, wo ich diesen Brief geendigt habe, absegeln. Ich bin nicht willens, irgendwo anzuhalten oder zu landen, bis wir die Seeküste erreicht haben, was ungefähr gegen Ende Januar geschehen wird. Wir schiffen uns dann auf dem ersten nach England gehenden Fahrzeug ein. … Ich halte es nicht für unmöglich, dass ich noch eher in England sein werde, als Du dies erhältst. Sei überzeugt, dass ich mich glücklich fühle, wieder heimwärts zu fahren. Diesen Morgen wurde der Verkehr mit den Eingeborenen eingestellt, und jetzt zieht man die Segel auf zur Abreise nach der Küste.«

Das waren die letzten Zeilen aus der Hand des Forschers. Seine Briefe und das Tagebuch wurden von Isaako an die Küste gebracht und von da nach England geschickt. Dann hörte man nichts mehr.

Erst im Lauf des Jahres 1806 kamen Gerüchte aus dem Innern, wonach Park und seine Begleiter unterwegs ermordet worden seien. Der britische Gouverneur von Senegal beauftragte nun Isaako mit Nachforschungen am Niger. Dieser brach Anfang 1810 auf und kehrte nach zwanzig Monaten im Herbst 1811 an die Küste zurück. Die Ergebnisse seiner Nachforschungen übergab er in einem arabisch geschriebenen Tagebuch. Obgleich er mit der Aussage von Parks letztem Eingeborenenführer Amadi Fatouma einen Augenzeugenbericht vom Tod des Forschers und seiner letzten Begleiter liefert, bleiben doch Fragen und Zweifel offen. Merkwürdig erscheint vor allem die Behauptung, Park habe erklärt, nicht mehr in das Gebiet von Yaour zurückkehren zu können. Demnach hätte ja Amadi eigens einen Boten zu dem auf dem Schiff wartenden Park schicken müssen, um diese Auskunft einzuholen, die in ihrer Art nicht den sonstigen Äußerungen des Forschers entspricht. Ausgerechnet davon die Ermordung abhängig zu machen, erscheint widersprüchlich. Ebenso unwahrscheinlich ist die Behauptung, dass sich im Boot nur noch eine Art Gürtel befunden habe, den der Eingeborene eigens nach achtmonatiger Reise zurückgebracht habe. Hier trägt Isaako wieder zu stark auf, dramatisiert eine Kleinigkeit, um entweder von wichtigeren Dingen abzulenken oder um die Tatsache zu verschleiern, dass er in Wirklichkeit gar nichts erfahren hatte.

In England verzögerte sich die Veröffentlichung der Tagebuchaufzeichnungen unverhältnismäßig lange. Sie erschienen erst 1815 unter dem Titel »The Journal of a Mission to the Interior of Africa«. Das brennende Interesse weiter Kreise an den Reisen und Schicksalen des Forschers hatte allerdings einen deutschen Verleger nicht ruhen lassen. Schon 1807, zu einem Zeitpunkt, an dem noch keine Einzelheiten über das Ende Parks bekannt waren, erschien in Hamburg ein Buch mit dem Titel »Mungo Parks neueste und letzte Reise ins Innere von Afrika nebst dem Tode dieses merkwürdigen Reisenden aus seinem Tagebuche und den Relazionen seiner übrig gebliebenen Gefährten niedergelegt bei der Afrikanischen Gesellschaft zu London. Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Harry Wilkens. Vollständige Übersetzung«.


Mungo Parks erster (– – –) und zweiter (– – –) Reiseweg, 1795/97 bzw. 1805/06

Bis zum heutigen Tag immer wieder unter der Mungo-Park-Literatur zitiert, ist es in Wirklichkeit nur ein übler Trick eines geschäftstüchtigen Verlegers. Ob tatsächlich ein englisches Original dazu existiert, konnte nicht festgestellt werden. Da aber keines im Britischen Museum vorhanden ist, scheint vielmehr ein deutscher Autor die Nachrichten vom Tod des Forschers auf seine Weise ausgenutzt zu haben. In einer Zeit, in der selbst gebildete Kreise so gut wie nichts von Afrika wussten, konstruierte er eine Reise, die Park angeblich vom Sudan aus nach Äthiopien führte. Dafür schlachtete er ungeniert das kurz zuvor erschienene große Reisewerk von James Bruce (1730–1794) aus. Im letzten Viertel des Buches sprang er, wieder zeitgenössisches Material benutzend, an die afrikanische Westküste hinüber, um schließlich Park von der Goldküste aus irgendwo im Innern verschwinden zu lassen:

»Ich beschloss, weiter nordöstlich zu gehen. Nach einem Marsche von zehn Tagen hörte der fruchtbare Boden wieder auf, und eine schreckliche Wüste mit Flugsand dehnte sich vor unseren Augen. Meine Begleiter murrten und machten mir die bittersten Vorwürfe, die ich diesmal nicht ablehnen konnte. Man sprach von zu großen Aufopferungen und dass es unmöglich der Wille der afrikanischen Gesellschaft sei, Menschen hier in Wüsteneien zu schicken und verhungern zu lassen. Alles Zureden half nichts, und ich beschloss, mit einem Beispiel, das in solchen Fällen die beste Wirkung tut, voranzugehen.

Wohlan! sagte ich, ich kann euch nicht zwingen, mit mir zu gehen, aber ebenso wenig sollt ihr’s vermögen, mich zu zwingen, euch zu folgen. Ich habe meine erste Reise einsam und unter tausend Gefahren gemacht – auch jetzt komme ich zurück und bringe euch gute Nachricht. Wohlan, so könnt ihr folgen, wo nicht – so kehrt zurück.

Wir beredeten ihn vergebens, bei uns zu bleiben. Er eilte allein und im größten Zorne von uns. Bald verschwand er aus unseren Augen.

Zwei Tage hatten wir gewartet, als einige Neger uns begegneten, welche die uns wohlbekannten Kleider trugen. Sie konnten uns keine Auskunft geben, woher sie die Kleider bekommen hätten. Aber uns ward es mit einem Male deutlich genug: Mungo Park sei beraubt, wohl gar erschlagen. Weit konnte er nicht von uns sein. Wir brachen auf, und schon am Ende der ersten Tagereise fanden wir seine blutige Leiche in einem Felsentale. Er war von allen Kleidungsstücken beraubt und allen Anzeichen nach mit Keulen vor den Kopf geschlagen, denn seine Hirnschale war bei genauer Untersuchung zerschmettert. Wir begruben ihn sehr tief im Sand, und um seinen Körper keinen weiteren Misshandlungen auszusetzen, ebneten wir den Boden, sodass keine Spur vom Grabe sichtbar war. Spätere Nachrichten bestätigten unsere Vermutung. Ein König, dem er vorher vorgestellt worden war und der ihm alles in seinem Lande zeigen ließ, hatte ihn meuchelmörderisch umbringen lassen. Wir zogen nun wieder zurück nach unseren Faktoreien und kehrten mit dem nächsten Schiff nach England, da unsere Reise geendigt war.«

Die »African Association« setzte auch nach dem tragischen Ende der Expedition ihre Bemühungen um die Lösung des Nigerrätsels fort. Wenn die Angaben Isaakos und Amadis zutrafen, war das Boot etwa elfhundert Kilometer an Timbuktu vorbei flussabwärts gelangt. Wir wissen heute, dass damit nur noch achthundert Kilometer bis zur Flussmündung fehlten! Nach mehreren erfolglosen Unternehmen gelang es den Engländern Dixon Denham (1786–1828) und Hugh Clapperton (1788–1827), von Tripolis aus quer durch die Sahara bis in den Zentralsudan vorzustoßen und Sokoto, die Hauptstadt der Fulbe, zu erreichen. 1824 kehrten sie durch die Wüste wieder nach Norden zurück. Da zwischen den beiden Forschern ein Streit über den Lauf des Nigers entbrannte, ging Clapperton sogleich wieder nach Afrika und zog mit seinem Diener Richard Lander (1804–1834) von der Guineaküste aus nordwärts an den Niger und weiter nach Sokoto, wo er an der Ruhr starb. Damit war eine Verbindung der nördlichen und südlichen Reiseroute hergestellt. Das Werk vollendete dann der fünfundzwanzigjährige Lander, der 1830 erneut von der Guineaküste aus bis an den Niger vorstieß und ihn ungefähr an der Stelle erreichte, wo Mungo Park umgekommen sein muss. Von da aus fuhr er flussabwärts bis zur Mündung.

Unsere Ausgabe vereint die Berichte über beide Reisen sowie Ausschnitte aus den Aufzeichnungen des Mandingoführers Isaako. Sie geht auf die ersten deutschen Übersetzungen von 1799 und 1821 zurück. Bei der teilweise vom englischen Original abweichenden Namensschreibung wurde die deutsche Form gewählt. Die Texte sind nur leicht gestrafft und sprachlich geringfügig modernisiert.

Nicht aufgenommen wurden im 1. Teil ein Kapitel mit Nachrichten über die Küstenvölker (ursprünglich Abschnitt 2), einige überholte Aufzählungen afrikanischer Völkerschaften, ein Kapitel über die Sahara und ihre Tiere (ursprünglich Abschnitt 12) und einige Hinweise auf die Vorstellungen der Mandingos von der Erdgestalt. Im 2. Teil sind einige Aufzählungen von Geschenken, geografische Ortsbestimmungen, eine Beschreibung des Verfahrens der Indigo-Färberei und die Aufzählung der Stationen von Sego nach Miniana am Schluss des Tagebuches gestrichen.

HEINRICH PLETICHA


Faksimile des Titelblattes der deutschen Erstausgabe von Mungo Parks erstem Reisebericht

MUNGO PARKS ERSTE REISE IM INNEREN VON AFRIKA

ERSTER ABSCHNITT

VERANLASSUNG ZUR REISE.

DER VERFASSER SCHIFFT SICH NACH AFRIKA EIN.

SEINE ANKUNFT UND AUFENTHALT IN

PISANIA BEI DR. LAIDLEY.

ABREISE VON DA IN DAS INNERE DES LANDES.

Als ich im Jahre 1793 aus Ost-Indien nach London zurückkam, suchte die Afrikanische Gesellschaft jemanden, der zur Erforschung Innerafrikas eine Reise den Gambia aufwärts versuchen sollte. Dies war mir eine erwünschte Nachricht; denn ich wollte gern ein so unbekanntes Land wie Afrika näher erforschen und den Charakter und die Lebensweise seiner Bewohner durch eigene Erfahrung kennenlernen. Ich bat also den Präsidenten der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften, Sir Banks, der zugleich einer der Kommissare der Afrikanischen Gesellschaft war, dass er mich für dieses Unternehmen vorschlagen wolle. Zwar war Captain Houghton als mein unmittelbarer Vorgänger auf eben dem Weg, den ich jetzt einschlagen sollte, wahrscheinlich verunglückt. Er war nämlich von Fort Goree aus, wo er das Kommando führte, auf Veranlassung und Kosten der Gesellschaft zu dem jetzt mir vorgeschriebenen Zweck den Gambia hinaufgesegelt, doch hatte man schon lange keine Nachricht mehr von ihm erhalten, also war er vermutlich von dem ungesunden Klima hinweggerafft oder vielleicht gar von Eingeborenen ermordet worden. Allein dadurch ließ ich mich nicht abschrecken. Ich wusste, dass ich Beschwerlichkeiten aller Art ertragen konnte, und hoffte, dass mich meine Jugend und feste Gesundheit vor den Einwirkungen des Klimas schützen würden. Die Gesellschaft gab eine ansehnliche Besoldung an, die mir genügte, ohne dass ich wegen einer künftigen Belohnung im Voraus etwas festsetzte. Sollte ich auf meiner Reise umkommen, dachte ich, so sterben eben meine Erwartungen und Hoffnungen mit mir. Gelänge es mir aber, meine Landsleute mit der Geografie Innerafrikas bekannter zu machen und ihrer Betriebsamkeit durch bisher unbekannte Handelswege eine neue Quelle des Reichtums zu erschließen, so wusste ich, dass ich in den Händen ehrliebender Männer war, die mir den wohlverdienten Lohn meiner gelungenen Bemühungen nicht vorenthalten würden. Da die Gesellschaft mich mit den nötigen Kenntnissen für eine solche Reise hinreichend ausgerüstet fand und auch die Erkundigungen, die sie über mich einzog, zu meinem Vorteil ausfielen, so nahm sie mich in Dienst und verfuhr gegen mich in allen Stücken so zuvorkommend und freigebig, wie ich es nur wünschen konnte.

Ursprünglich war die Rede davon, dass ich bis nach Senegambia mit Herrn Willis reisen sollte, der dort zum Konsul ernannt worden war und mir in dieser Eigenschaft hätte nützlich werden können. Allein diese Aussicht wurde dadurch vereitelt, dass die Regierung die Konsulstelle einzog. Indes ersetzte mir die Vorsorge der Gesellschaft den von dieser Seite erhofften Vorteil auf andere Weise.

Der Sekretär der Gesellschaft, der verstorbene Henry Beaufoy, war so gütig, mir ein Empfehlungsschreiben an Dr. Laidley zu geben, der schon mehrere Jahre bei einer englischen Faktorei an den Ufern des Gambias lebte. Auch versah er mich mit einem Kreditbrief von zweihundert Pfund Sterling. Nachdem auf diese Weise alles eingeleitet war, begab ich mich an Bord der Brigg »Endeavour«, auf der ich die Überfahrt machen wollte. Es war ein kleines Schiff, das vom Kapitän Richard Wyath kommandiert wurde und Wachs und Elfenbein am Gambia einzuhandeln pflegte.

Meine Instruktion war einfach und bestimmt. Ich sollte bei meiner Ankunft in Afrika entweder durch Bambuk oder auf einem anderen bequemeren Weg bis zum Niger vorstoßen, dann den Lauf und womöglich den Ursprung und das Ende dieses Flusses erforschen und mein Möglichstes tun, die dort liegenden Orte zu besichtigen, besonders die Städte Timbuktu und Hussa. Dann sollte ich entweder auf dem Gambia oder auf irgendeinem anderen Wege, der mir meiner Lage und meinem Plane nach dazu am bequemsten erscheinen würde, nach Europa zurückkehren.

Am 22. Mai 1795 segelten wir von Portsmouth ab. Am 4. Juni erblickten wir die Gebirge von Afrika und gingen am 21. des gleichen Monats nach einer angenehmen Reise von dreißig Tagen bei Dschillifrih vor Anker. Dies ist eine Stadt am nördlichen Ufer des Gambias gegenüber der Jamesinsel, wo die Engländer vormals eine kleine Festung hatten.


Europäische Station an der westafrikanischen Küste und Sklavenschiff

Das Königreich Bara, in dem Dschillifrih liegt, ist überaus fruchtbar. Die Einwohner handeln vor allem aber mit Salz. Sie schiffen diese Ware in Booten den Fluss hinauf bis nach Barraconda und bringen indianisches Korn, Baumwollzeug, Elefantenzähne, ein wenig Goldstaub und andere Dinge mehr wieder dafür zurück. Die große Zahl der Boote und die vielen Leute, die beständig zu diesem Handel benötigt werden, lassen den König von Bara für die Europäer wichtiger sein als irgendeinen anderen Regenten in der Nachbarschaft des Flusses. Dieser Umstand ist wohl schuld daran, dass es sich dieser anmaßt, von allen Nationen, die hier handeln, hohe Eingangszölle zu erheben. Für jedes Schiff, es sei groß oder klein, müssen beinahe zwanzig Pfund Sterling erlegt werden. Dieser Zoll wird gewöhnlich vom Gouverneur von Dschillifrih selbst eingefordert. Bei diesem Geschäft hat er stets ein ansehnliches Gefolge von Eingeborenen bei sich, unter denen sich auch stets einige finden, die infolge des häufigen Umgangs mit Engländern etwas Englisch gelernt haben. Sie sind bei dieser Gelegenheit äußerst beschwerlich und betteln mit solcher Zudringlichkeit um alles, was ihnen in die Augen fällt, dass die Kaufleute gezwungen sind, ihnen alles zu geben, was sie nur verlangen, um sie wieder loszuwerden.

Am 23. fuhren wir von Dschillifrih zwei englische Meilen weiter nach Wintain, einer am südlichen Ufer des Flusses an einer Bucht gelegenen kleinen Stadt, die wegen ihres starken Handels mit Wachs von den Europäern häufig besucht wird. Das Wachs wird von den Felupen in den Wäldern gesammelt und hier zum Verkauf gebracht. Sie sind ein wildes, ungeselliges Volk, das einen Landstrich bewohnt, in dem außerordentlich viel Reis gedeiht. Die Kaufleute, die auf dem Gambia und auf dem Casamance Handel treiben, pflegen sich daher in diesem Land mit Reis, mit Ziegen und Federvieh zu versorgen, weil hier alles billig zu haben ist. Den Honig, den die Felupen sammeln, verbrauchen sie größtenteils selbst. Sie machen nämlich ein stark berauschendes Getränk daraus, fast wie unseren englischen Met.

Bei dem Handel mit den Europäern bedienen sich die Felupen gewöhnlich eines Maklers vom Volk der Mandingo, der etwas Englisch spricht und mit dem Verkehr auf dem Fluss Bescheid weiß. Dieser Makler schließt den Handel, gibt aber mit Vorwissen des Europäers den Felupen nur einen Teil der Zahlung, den Rest, der daher mit Recht das Truggeld heißt, lässt er sich erst auszahlen, wenn der Felupe schon wieder abgereist ist, und behält ihn für seine Mühe.

Am 26. verließen wir Wintain und setzten unsere Reise auf dem Fluss fort. Während der Ebbe gingen wir jedes Mal vor Anker, oft ließen wir uns auch von einem vorausgeschickten Ruderboot ziehen. Der Fluss ist tief und trüb, die Ufer sind mit undurchdringlichem Dickicht bewachsen, und das ganze umliegende Land scheint flach und sumpfig zu sein. Der Gambia ist sehr fischreich. Einige seiner Fischarten schmecken überaus gut, aber so wie ich mich erinnere, ist keine davon in Europa bekannt. An der Mündung gibt es viele Haifische und höher hinauf Krokodile und Flusspferde.

Am sechsten Tag nach unserer Abreise von Wintain erreichten wir Dschonkakonda, einen ansehnlichen Handelsplatz, wo unser Schiff einen Teil seiner Ladung einnehmen sollte. Am folgenden Morgen kamen die europäischen Kaufleute von den verschiedenen Faktoreien, um ihre Briefe in Empfang zu nehmen und sich nach Art und Wert der Ladung zu erkundigen. Der Kapitän schickte sogleich einen Boten an Dr. Laidley, um ihm von meiner Ankunft Nachricht zu geben. Dieser traf am nächsten Morgen in Dschonkakonda ein. Ich übergab ihm den Brief des Herrn Beaufoy, und er lud mich sogleich gastfrei ein, so lange in seinem Hause zu wohnen, bis ich eine Gelegenheit fände, meine Reise fortzusetzen. Dieses Anerbieten nahm ich dankbar an. Der Doktor verschaffte mir ein Pferd und einen Führer, sodass wir schon am 5. Juli von Dschonkakonda aufbrechen konnten und noch am gleichen Vormittag um elf Uhr bei der Wohnung meines Wirts ankamen.

Pisania ist ein kleines Dorf, das im Gebiet des Königs Jany liegt. Es besteht bloß aus einer englischen Faktorei und wurde auch nur von Engländern und deren schwarzen Sklaven bewohnt. Es liegt am Ufer des Gambias, sechzehn englische Meilen von Dschonkakonda entfernt. Bei meiner Ankunft wohnten außer dem Doktor nur noch zwei Weiße da, die Brüder Ainsley, aber diese drei Personen hatten eine zahlreiche schwarze Dienerschaft. Die kleine Siedlung stand unter dem Schutz des Königs, und die Europäer wurden von den Eingeborenen so geachtet und geehrt, dass sie alles zur Genüge hatten, was ihnen das Land bot. Auch ging der größte Teil des Handels mit Sklaven, Waffen, Elfenbein und Gold durch ihre Hände.

Da ich für einige Zeit bequem hierbleiben konnte, bemühte ich mich, die Mandingo-Sprache zu lernen, weil diese fast in ganz Afrika gesprochen wird und ich nicht hoffen konnte, ohne sie eine richtige Kenntnis vom Land und seinen Bewohnern zu erwerben. Dr. Laidley, der durch einen langen Aufenthalt im Land und durch den beständigen Umgang mit den Eingeborenen die Sprache meisterhaft beherrschte, stand mir beim Erlernen bei. Gleichzeitig suchte ich auch Erkundigungen über die Gegend einzuziehen, die ich besuchen wollte. Man verwies mich deshalb an die Slatihs. Dies sind schwarze freie Kaufleute, die in diesem Teil von Afrika im großen Ansehen stehen und aus dem Innern des Landes Negersklaven zum Verkauf bringen. Ich merkte bald, dass ich mich auf ihre Nachrichten eben nicht sehr verlassen konnte; denn einer widersprach immer wieder dem andern gerade in den wichtigsten Dingen, und keiner schien es gern zu sehen, dass ich meinen Weg weiter fortsetzen wollte. Diese Umstände vergrößerten aber nur meine Begierde, durch eigene Beobachtungen zur Wahrheit zu gelangen.

So verstrich mir die Zeit auf eine angenehme Weise, und schon schmeichelte ich mir, der Hoffnung, dem Fieber, dem fast jeder Europäer bei seinem ersten Besuch unter einem heißen Himmelsstrich ausgesetzt ist, entgangen zu sein. Unvorsichtigerweise aber setzte ich mich am 31. Juli dem Nachttau aus, als ich eine Mondfinsternis beobachten wollte, um die Länge des Orts zu bestimmen. Am anderen Morgen befiel mich ein böses Fieber, und ich erkrankte so schwer, dass ich den größten Teil des Augusts im Haus verbleiben musste. Meine Genesung schritt nur langsam vorwärts, indes nutzte ich jede kleine Zwischenzeit, in der es mir besser ging, um auszugehen und mich mit den Produkten des Landes bekannt zu machen. Auf einem dieser Streifzüge, an einem heißen Tag, wagte ich mich weiter als gewöhnlich und bekam von Neuem das Fieber, sodass ich bis zum 10. September das Bett hüten musste. Bei diesem Rückfall war jedoch die Krankheit nicht so heftig wie zuvor, und nach drei Wochen war ich imstande, meine botanischen Spaziergänge von Neuem vorzunehmen, wenn es das Wetter erlaubte. Regnete es aber, so zeichnete ich Pflanzen in meinem Zimmer. Die Sorgfalt und Aufmerksamkeit Dr. Laidleys halfen mir, die Krankheit leichter zu ertragen. Seine Gesellschaft und seine Unterhaltung verkürzten die langweiligen Stunden der trüben Jahreszeit, in der es in Strömen regnet, erstickende Hitze am Tag zu Boden drückt und des Nachts das Gequake der Frösche, deren Anzahl hier alle Einbildungskraft übersteigt, und das durchdringende Geschrei der Goldwölfe oder das tiefe Heulen der Hyänen den Schlaf des Fremdlings verscheuchen oder das Getöse des fürchterlichsten Donners ihn immer wieder aufweckt, ein Getöse, von dem man keinen Begriff haben kann, wenn man es nicht selbst gehört hat.

Die ungeheuere Ebene des Landes ist mit Wäldern bedeckt, die einen ermüdenden und einförmigen Anblick bieten. Wenn auch die Natur den Einwohnern die Schönheiten einer romantischen Landschaft versagt, so hat sie ihnen doch mit freigebiger Hand den reicheren Segen des Überflusses und der Fruchtbarkeit gespendet; denn auch ohne sonderliche Bestellung trägt der Boden doch reichlich. Die Wiesen geben vortreffliche Weiden für die Herden, und der Gambia liefert wohlschmeckende Fische. Getreide und Reis werden in großen Mengen angebaut, auch haben die Eingeborenen in Städten und Dörfern bei ihren Wohnungen Gärten, in denen sie Zwiebeln, Jamswurzeln, verschiedene Kürbisarten, Wassermelonen, Erdnüsse und einige andere Küchengewächse anbauen. In der Nähe der Städte sah ich auch kleine Felder mit Baumwolle und Indigo angepflanzt. Aus Ersterem stellen sie ein Tuch her, und mit Letzterem geben sie ihm eine schöne blaue Farbe.

Wenn sie das Korn für die Speisen bereiten, stampfen sie es in einem großen hölzernen Mörser so lange, bis es aus den Hülsen fällt. Dann lassen sie es durch den Wind von der Spreu säubern und stampfen es dann im gleichen Mörser wieder zu Mehl. Am Gambia machen sie daraus eine Art von Pudding, der Kuskus heißt und folgendermaßen bereitet wird: Zuerst feuchten sie das Mehl an, rütteln es in einem großen Kürbis, bis es in kleinen Kügelchen zusammenklebt wie Sago, dann schütten sie es in einen irdenen Topf, dessen Boden voll kleiner Löcher ist. Dieser Topf wird nun entweder mit einem Teig aus Mehl und Wasser oder mit Kuhmist auf einen anderen festgeklebt und so aufs Feuer gesetzt. In dem unteren Gefäß ist gewöhnlich Fleisch und Wasser, dessen Dünste durch den durchlöcherten Boden des oberen Gefäßes dringen und so den Kuskus locker und gar machen. In allen Gegenden, die ich durchreist habe, war dies ein Lieblingsgericht. Man sagte mir, dass diese Art der Mehlzubereitung auch an der Küste der Barbarei allgemein üblich sei und das Gericht dort ebenfalls Kuskus heiße, wahrscheinlich haben also die Neger diese Zubereitung samt dem Namen von den Mauren gelernt.

Man macht hier aus Mehl noch eine andere Art von Pudding, den Miling. Auch bereiten sie den Reis auf zwei oder drei verschiedene Arten. Die niedere Volksklasse bekommt nur selten Fleisch, ist aber nicht völlig von seinem Genuss ausgeschlossen.

An Haustieren findet man hier, was wir in Europa haben. Schweine gibt es in den Wäldern. Man isst sie aber nicht gern. Vermutlich ist der entschiedene Abscheu, den die Mohammedaner gegen dieses Tier hegen, auch auf die Heiden übergegangen. Federvieh gibt es überall und in verschiedenen Arten. Das Perlhuhn und das rote Rebhuhn findet man sehr häufig auf den Feldern, und in den Wäldern hält sich eine Art von kleiner Antilope auf, deren Fleisch mit Recht für sehr schmackhaft gilt.

An wilden Tieren kommen im Mandingo-Land häufig Hyänen, der Panther und der Elefant vor. Es ist sonderbar, dass in keiner Gegend dieses großen Weltteils die Eingeborenen die Kunst der Inder besitzen, dieses starke und lenksame Tier zu zähmen und zum Dienst der Menschen zu nutzen. Wenn ich einigen Eingeborenen erzählte, dass man das in östlichen Ländern könne, so lachten sie mich geradezu aus und riefen einmal übers andere: »Topaupo Fonnio – Lüge eines Weisen!« Die Neger schießen den Elefanten besonders wegen der Zähne, die sie dann gegen andere Dinge bei den Elfenbeinhändlern verkaufen. Das Fleisch essen sie und finden es köstlich.

Das gewöhnliche Lasttier in allen Teilen von Afrika ist der Esel. Zum Ackerbau aber wird nirgends ein Tier verwendet. Deshalb ist auch der Pflug völlig unbekannt. Die Feldarbeit verrichten gewöhnlich Sklaven mit der Hacke.

Am 6. Oktober hatte das Wasser des Gambias seinen höchsten Stand erreicht, nämlich fünfzehn Fuß über dem Zeichen der gewöhnlichen Flut. Dann begann es allmählich zu fallen, erst langsam, bald aber sehr schnell, oft sank es in vierundzwanzig Stunden um mehr als zwölf Zoll. Anfang November hatte der Fluss wieder seine gewöhnliche Höhe und auch wiederum Ebbe und Flut. Zugleich war die Luft weniger feucht, sodass ich mich allmählich erholte und an meine Abreise denken konnte. Die beste Jahreszeit zum Reisen kam, die Ernte war vorüber, Lebensmittel gab es genügend und billig. Dr. Laidley machte um diese Zeit eine Geschäftsreise nach Dschonkakonda. Ich bat ihn, mir durch seinen Einfluss bei den Slathis oder Sklavenhändlern eine Gelegenheit zu verschaffen, in Gesellschaft und unter dem Schutz der nächsten Koffle (oder Karawane), die von Gambia nach dem Innern des Landes ginge, die Reise anzutreten. Zugleich trug ich ihm auf, mir ein Pferd und zwei Esel zu kaufen. Nach wenigen Tagen kam Laidley nach Pisania zurück und sagte mir, dass während der trockenen Jahreszeit gewiss eine Koffle nach dem Innern des Landes abgehen würde. Weil aber mehrere Kaufleute ihre Waren noch nicht beisammen hätten, lasse sich noch nicht der genaue Zeitpunkt sagen.

Weil mir nun die Slatihs und das andere Volk, aus dem die Karawane bestand, völlig unbekannt waren, sie auch meinem Plan feindlich gegenüberstanden und überhaupt nichts weniger als geneigt schienen, sich mit mir in irgendetwas einzulassen, auch die Zeit der Abreise noch sehr ungewiss war, entschloss ich mich, die gute Jahreszeit zu nutzen und mich ohne sie auf den Weg zu machen. Dr. Laidley pflichtete mir bei und versprach, nach Möglichkeit dafür zu sorgen, dass ich bequem und sicher reisen könne. Der Entschluss war gefasst, und ich bereitete die Abreise vor.

ZWEITER ABSCHNITT

DER VERFASSER REIST VON PISANIA AB

UND ERREICHT DSCHINDI.

ER GEHT WEITER NACH MEDINA, DER

HAUPTSTADT VON WULLI.

UNTERREDUNG MIT DEM KÖNIG. AMULETTE.

ER KOMMT NACH KOBRA.

BESCHREIBUNG DES MUMBO JUMBO.

ER KOMMT NACH KUDSCHAR UND ERREICHT

TALLIKA IM KÖNIGREICH BONDU.

Am 2. Dezember 1795 verließ ich die freundliche Wohnung Dr. Laidleys. Glücklicherweise hatte ich einen Negerbedienten namens Johnson, der Englisch und Mandingo sprach. Er stammte aus diesem Teil Afrikas, war in seiner Jugend als Sklave nach Jamaika gekommen, hatte dort seine Freiheit erhalten, war mit seinem Herrn nach England gegangen, wo er sich mehrere Jahre aufhielt, und endlich nach seinem Vaterland zurückgekehrt. Dr. Laidley empfahl ihn mir, und ich mietete ihn als Dolmetscher für monatlich fünfzehn Barren, wovon er zehn und seine zurückbleibende Frau fünf erhielt.

Dr. Laidley gab mir auch einen seiner Negerjungen namens Demba mit, einen lebhaften Burschen, der die Mandingo-Sprache redete und bei unserer Rückkehr seine Freiheit erhalten sollte, wenn er mir treu dienen und sich gut aufführen würde. Ich besorgte mir ein Pferd, ein kleines, aber lebhaftes Tier, das mich sieben Pfund zehn Schilling kostete, und zwei Esel für meine beiden Begleiter. An Gepäck nahm ich so wenig wie möglich mit, nur Lebensmittel für zwei Tage, etwas Korallen, Bernstein und Tabak, um mir neuen Mundvorrat zu verschaffen. Etwas Wäsche, die unentbehrlichsten Kleidungsstücke, einen Sonnenschirm, einen Taschensextanten, einen Kompass und ein Thermometer, zwei Vogelflinten, zwei Paar Pistolen und einige andere Kleinigkeiten.

Ein freier Mann, ein Mohammedaner namens Madibu, der nach dem Königreich Bambarra reiste, zwei Slatihs, die nach Bondu gingen, und ein Neger namens Tami aus Kasson, ebenfalls ein Mohammedaner, der mehrere Jahre Dr. Laidley als Schmied gedient hatte und jetzt mit seinen Ersparnissen in seine Geburtsstadt zurückkehrte, boten mir ihre Dienste an, so weit unsere Reise uns miteinander führen werde. Sie gingen alle zu Fuß und trieben ihre Esel vor sich her.

So hatte ich nicht weniger als sechs Begleiter, in deren Augen ich ein bedeutender Mann war; denn man hatte ihnen angekündigt, dass ihre glückliche Rückkehr in die Gegenden am Gambia lediglich von meinem Wohlergehen abhinge. Dr. Laidley und die Herren Ainsley waren so gütig, mich die ersten zwei Tagereisen mit einem Teil ihrer Bedienten zu begleiten. Ich glaube gewiss, sie befürchteten, dass sie mich nie wiedersehen würden.

Nachdem wir über den Walli-krik, einen Arm des Gambias, gesetzt hatten, erreichten wir noch am gleichen Tag Dschindi und stiegen im Haus einer schwarzen Frau ab, die vormals die Geliebte eines weißen Handelsmannes gewesen war und deshalb vorzugsweise Seniora genannt wurde. Am Abend spazierten wir nach einem benachbarten Dorf, das einem der reichsten Slatihs namens Jemaffu Mamandu gehörte. Wir trafen ihn zu Hause, und er fühlte sich durch unseren Besuch so geehrt, dass er uns ein schönes Rind schenkte, das gleich geschlachtet und teilweise für unser Abendbrot zubereitet wurde. Die Neger essen gewöhnlich sehr spät. Um uns nun während der Zubereitung des Abendessens die Zeit zu vertreiben, forderte man einen Mandingo auf, einige lustige Geschichten zu erzählen, die wir auch drei Stunden lang mit anhörten. Diese Erzählungen sind den arabischen ähnlich, nur sind sie mehr scherzhafter Art. Ich teile hier im Auszug eine mit.

»Vor mehreren Jahren wurden die Einwohner von Dumasansa, einer Stadt am Gambia, sehr von einem Löwen geplagt, der jede Nacht ihre Herden anfiel. Wütend über die ewige Plage, beschloss das Volk, Jagd auf das Raubtier zu machen. Sie zogen aus, den Feind zu suchen, und fanden ihn im Dickicht verborgen. Sie feuerten sogleich auf ihn und waren glücklich genug, ihn so stark zu verwunden, dass ihn die Kraft verließ, als er auf sie losspringen wollte. Er sank zwar zurück, zeigte aber doch so viel Stärke, dass sich ihm niemand zu nähern wagte. Man beratschlagte, wie man sich seiner lebendig bemächtigen könne, weil es der sicherste Beweis der Tapferkeit sei und ihnen zugleich einen ansehnlichen Verdienst eintragen würde, wenn sie das Tier nach der Küste brächten und es den Europäern verkauften. Ein alter Mann schlug vor, das Sparrenwerk eines Hausdachs abzunehmen und es über den Löwen zu werfen. Sollte er auf sie losspringen, während sie sich ihm näherten, so dürften sie nur das Dach über sich herabfallen lassen und durch die Öffnungen feuern.

Dieser Vorschlag wurde angenommen. Die Löwenjäger hoben ein Hüttendach ab und zogen mutig damit zu Felde. Jeder hatte in der einen Hand ein Schießgewehr und trug auf der anderen Schulter das Dach. So näherten sie sich dem Feind, der aber wieder Kräfte gesammelt hatte und so grimmig aussah, dass es die Jäger für klüger hielten, für ihre eigene Sicherheit zu sorgen, und sich mit dem Dach zudeckten. Unglücklicherweise war der Löwe aber zu schnell. Während sie das Dach niederließen, machte er einen Sprung und war mit seinen Verfolgern im gleichen Käfig gefangen. Zum Entsetzen und Jammer der Dumasanser verzehrte das Tier einen nach dem andern. Noch jetzt ist es in jener Gegend gefährlich, diese Geschichte zu erzählen; denn die Einwohner haben sich dadurch in der ganzen Nachbarschaft zum Gelächter gemacht, und mit nichts kann man sie so aufbringen, als wenn man sie auffordert, einen Löwen lebendig zu fangen.«

Am 3. Dezember nahm ich um ein Uhr nachmittags von Dr. Laidley und den Herren Ainsley Abschied und ritt langsamen Schrittes in den Wald hinein. Ein grenzenloser Wald lag vor mir, und zwar in einem Land, dessen Einwohner so roh sind, dass ein Weißer meistens zum Gegenstand der Neugier oder der Raubsucht wird. Die Freunde, denen du eben Lebewohl gesagt hast, sind wahrscheinlich die letzten Europäer, die du gesehen hast, dachte ich. Von nun an bist du vielleicht auf immer aus der Gesellschaft der Christen ausgeschlossen. Solche Gedanken trübten meine Seele, und ich mochte vielleicht drei Meilen im tiefen Nachdenken geritten sein, als ich in meinen Träumereien durch einen Haufen Volks gestört wurde, das auf uns zulief, die Esel anhielt und uns andeutete, dass wir nach Peckaba gehen und uns bei dem König von Wulli melden oder den gewöhnlichen Zoll hier auf der Stelle erlegen müssten. Vergebens suchte ich ihnen begreiflich zu machen, dass ich unmöglich Abgaben entrichten könne, da ich gar nicht in Handelsgeschäften reiste. Sie erwiderten, alle Reisenden müssten dem König ein Geschenk machen; wenn ich das nicht wolle, so dürfe ich nicht weiterreisen. Da sie zahlreicher als wir und überdies sehr laut waren, hielt ich es für das Klügste nachzugeben, und reichte ihnen vier Barren Tabak für den König, worauf sie mich meines Weges ziehen ließen. Bei Sonnenuntergang kam ich in ein Dorf nahe bei Kutacunda und blieb dort über Nacht.

Am Morgen des 4. Dezember kamen wir durch Kutacunda und wurden in der Nähe in einem kleinen Dorf angehalten, um dem König von Wulli Zoll zu entrichten. Die folgende Nacht ruhten wir in dem Dorf Tabajang, und am nächsten Mittag, dem 5. Dezember, erreichten wir Medina, die Hauptstadt des Gebietes von Wulli. Das ganze Land zeigt hier leicht ansteigende Hügel mit großen Waldungen. In den dazwischen liegenden Tälern befinden sich die Städte. Bei jeder Stadt ist hinreichend Land angebaut, um die Einwohner zu ernähren. Der Boden ist sehr fruchtbar. In den Tälern werden vornehmlich Baumwolle, Tabak und allerhand Küchengewächse erzeugt, die Hügel aber werden mit Korn besät. Bloß gegen die Gipfel hin deuten kurzes Gesträuch und roter Eisenstein die Grenze der Fruchtbarkeit an.

Die Einwohner sind Mandingos, die man in Mohammedaner (Buschrihns) und in Heiden (Kafiren – Ungläubige) aufteilt. Die Heiden bilden bei Weitem die größere Anzahl, und auch die Regierung liegt in ihren Händen. Obschon bei wichtigen Vorfällen die vornehmsten Mohammedaner zurate gezogen werden, sind sie doch von der ausübenden Gewalt ausgeschlossen, die allein in den Händen des Mansah oder Fürsten und seiner vornehmsten Staatsbedienten liegt. Den ersten Rang unter ihnen behauptet der Farbanna oder nächste Thronerbe. Auf ihn folgen, entsprechend der Autorität, die sie besitzen, die Alkaids oder Provinzgouverneure, die auch Kimohs genannt werden. Das übrige Volk teilt man in Freie und Sklaven. Unter den Ersteren sind die oben erwähnten Slatihs die Vornehmsten, in allen Klassen aber wird das Alter geehrt.

Der älteste Sohn ist Erbe des Throns. Ist er aber noch unmündig oder gibt es überhaupt keinen männlichen Nachfolger, so versammeln sich die Vornehmsten und übergeben dem nächsten Verwandten des verstorbenen Monarchen die Regierung, nicht etwa als Vormund oder Regent, sondern für sich, indem sie den Unmündigen ausschließen. Die Staatsausgaben werden durch Tribut vom Volk und durch Zollabgaben von den durchgehenden Waren bestritten. Kaufleute, die landeinwärts gehen, müssen ihre Abgaben in europäischen Waren entrichten; die aus dem Innern des Landes zur See wollen dagegen in Eisen und Baumbutter, und zwar in jeder einzelnen Stadt, welche sie unterwegs passieren.

Medina (d.h. arabisch »Stadt«, ein Name, den die Neger wahrscheinlich von den Mohammedanern entlehnt haben), die Hauptstadt des Königreichs, in dem ich mich jetzt befand, ist von ansehnlicher Größe. Sie zählt achthundert bis tausend Häuser und ist nach allgemeiner Landessitte mit einer hohen Lehmmauer, einer Umzäunung mit spitzigen Pfählen und dornigem Gesträuch umgeben. Die Mauer ist aber sehr verfallen, und die Umzäunung hat von der Hand rüstiger Hausfrauen, die die Pfähle als Brennholz wegschleppten, manches gelitten. Ich wohnte bei einem nahen Verwandten des Königs, der mir in Absicht der Etikette sagte, dass ich dem König nicht die Hand reichen dürfe, wenn ich ihm vorgestellt werde. Diese Freiheit gestatte er keinem Fremden. Ich wollte ihm nämlich am Nachmittag meine Aufwartung machen und mir die Erlaubnis erbitten, durch sein Gebiet nach Bondu reisen zu dürfen.

Der König hieß Dschatta und war ein ehrwürdiger Greis. Ich fand ihn auf einer Matte vor seiner Tür sitzend, zu beiden Seiten viele Männer und Frauen, die sangen und in die Hände klatschten. Ich grüßte ihn ehrerbietig und trug mein Anliegen vor. Der König antwortete gnädig, dass er mir nicht nur die Erlaubnis gebe, durch seine Staaten zu reisen, sondern auch für meine Sicherheit beten wolle, worauf einer von meinen Begleitern wahrscheinlich zum Dank für die Gnade des Königs ein arabisches Lied zu singen oder vielmehr zu brüllen begann. Zwischen jeder Pause schlugen der König und alle Anwesenden die Hände gegen die Stirn und riefen mit andächtiger Feierlichkeit »Amen, Amen«. Der König versprach mir auch, mich am anderen Tag sicher bis an die Grenze seines Reichs geleiten zu lassen. Ich beurlaubte mich und schickte am Abend dem König eine Anweisung für zwölf Maß Rum auf Dr. Laidley. Dafür bekam ich von ihm einen großen Vorrat Lebensmittel als Gegengeschenk.

Am 6. Dezember ging ich morgens wieder zum König, um mich zu erkundigen, ob er mir einen Führer und Begleiter besorgt habe. Ich fand seine Majestät auf einem Fell an einem großen Feuer sitzend, denn die Afrikaner sind gegen die geringste Veränderung in der Lufttemperatur äußerst empfindlich und beklagen sich oft über Kälte, wenn ein Europäer es vor Hitze kaum aushält. Er empfing mich sehr freundlich und bat mich dringend, doch von dem Vorhaben abzusehen, in das Innere des Landes zu reisen. Ich solle die Einwohner der östlichen Gegend nicht mit den Wullis vergleichen; denn diese wären mit den Weißen bekannt und ehrten sie, jene aber hätten nie einen Weißen gesehen und würden mich unfehlbar umbringen. Ich dankte ihm für seine gütige Fürsorge, sagte aber, dass ich alles genau erwogen habe und fest entschlossen sei, trotz aller Gefahren weiterzugehen. Er schüttelte den Kopf, drang aber nicht weiter in mich, sondern sagte nur, dass der Führer sich am Nachmittag einstellen werde.

Wirklich kam er um zwei Uhr. Ich nahm also Abschied von dem guten alten König, machte mich auf den Weg, und in drei Stunden erreichten wir Kondschur, ein kleines Dorf, wo wir über Nacht bleiben wollten. Hier kaufte ich für einige Korallen ein schönes Schaf, das meine Begleiter sogleich unter vielen religiösen Zeremonien schlachteten.

Mein Dolmetscher und ein Serawullih stritten sich um die Hörner. Ich legte den Streit dadurch bei, dass ich jedem eines gab. Die Neger verwenden solche Hörner als Kapseln, um die Amulette, die sie beständig bei sich tragen, vor Nässe zu schützen und sicher aufzubewahren. Diese Amulette sind Gebete oder Sprüche aus dem Koran, welche die Priester auf kleine Stückchen Papier schreiben und den unwissenden Eingeborenen verkaufen, die ihnen außerordentliche Wunderkräfte zuschreiben. Einige Neger tragen sie in Schlangenhaut eingewickelt um den Fuß und glauben, dadurch vor dem Biss dieser giftigen Tiere geschützt zu sein. Andere nehmen sie mit in den Krieg und bilden sich ein, dass ihnen dann der Feind nichts anhaben könne. Gewöhnlich aber verwendet man sie als Hilfsmittel gegen Krankheiten, gegen Hunger und Durst. Man sollte kaum glauben, wie ansteckend diese Art von Aberglauben ist; denn obwohl die meisten Neger Heiden sind und die mohammedanische Lehre verwerfen, so habe ich doch keinen gefunden, der nicht an die mächtige Wirksamkeit dieser Amulette fest glaubte. Wahrscheinlich rührt dies daher, dass die Eingeborenen das Schreiben als eine Art von Magie ansehen und mehr Vertrauen auf die Kunst des Magiers als auf die Sprüche des Propheten setzen.

Am 7. verließ ich Kondschur und kam am 8. nach Kolor, einer ansehnlichen Stadt, wo mir am Eingang eine Art von Maskenkleid aus Baumrinde auffiel, das an einem Baum hing und nach der Aussage meiner Begleiter dem Mumbo Jumbo gehöre. Dies ist ein Knecht Ruprecht, den man in allen Mandingo-Städten findet, und mit dessen Hilfe die heidnischen Einwohner ihre Frauen zum Gehorsam bringen. Da sie nämlich so viele Frauen nehmen, wie sie ernähren können, kommt es oft vor, dass diese miteinander in Streit geraten und das Ansehen des Hausherrn nicht hinreicht, sie wieder zur Ruhe zu bringen. So wird der Mumbo Jumbo als Mittler gerufen, und diesem gelingt es immer, die Ruhe wiederherzustellen.

Dieser sonderbare Vertreter der Gerechtigkeit, in dem man entweder den Mann selbst vermutet oder doch jemanden, den er über alles unterrichtet hat, verkündet in dieser auffallenden Verkleidung, mit einer Rute bewaffnet, seine Ankunft durch ein lautes und schreckliches Geschrei in den Wäldern außerhalb der Stadt. Sobald es dunkel wird, beginnt seine pantomimische Rolle. Er kommt in die Stadt und begibt sich nach dem Bentang, wo sich alle Einwohner sogleich versammeln. Für die Frauen ist dieser Vorfall wohl eben nicht erfreulich; denn da der Verkleidete ihnen völlig unbekannt ist, so fürchtet jede verheiratete Frau, dass der Besuch ihr zugedacht sei. Erscheinen aber müssen sie alle, wenn sie aufgefordert werden. Mit Gesang und Tanz, der bis Mitternacht dauert, beginnt die Zeremonie, dann heftet der Mumbo seine Blicke auf die Verbrecherin. Diese Unglückliche wird darauf sogleich ergriffen, nackt ausgezogen, an einen Pfahl gebunden und unter Gelächter und Spott der ganzen Versammlung entsetzlich mit der Mumbo-Rute gepeitscht. Es ist empörend, dass gerade die Frauen sich bei solchen Gelegenheiten am lautesten gegen ihre arme Mitschwester zeigen. Diese unsittliche Szene pflegt bis zur Morgendämmerung zu dauern.


Mumbo Jumbo

Am 9. Dezember fanden wir unterwegs nirgends Wasser und eilten deshalb bis nach Tabakunda. Am Abend des 10. kamen wir nach Kuniakary, einer Stadt, fast so groß wie Kolor. Am 11. erreichten wir Kudschar, die Grenzstadt von Wulli gegen Bondu, von dem es durch eine Wüste von zwei Tagereisen getrennt ist. Mein Führer, dem ich etwas Bernstein für seine Mühe gegeben hatte, kehrte nun zurück. Da man mir hier voraussagte, dass ich in der Wüste nicht immer Wasser finden werde, sah ich mich nach Leuten um, die ich als Führer und zugleich als Wasserträger verwenden konnte. Zwei einheimische Elefantenjäger erboten sich dazu. Ich nahm sie an und zahlte jedem drei Barren im Voraus. Der Tag war indes zum größten Teil verstrichen, wir blieben also diese Nacht noch in Kudschar. Obschon der Anblick eines Weißen den Bewohnern dieser Stadt nicht völlig fremd ist, da mehrere von ihnen die Gegenden am Gambia zu besuchen pflegen, so betrachteten sie mich dennoch mit einem Gemisch von Neugier und Ehrfurcht.

Am Abend gab man mir ein Getränk zur Erfrischung, das wie sehr gutes englisches Bier schmeckte. Mich interessierte die Zubereitung, und ich erfuhr zu meiner Verwunderung, dass es wirklich aus Korn gemacht wird und man dieses, wie in England den Weizen, vorher malzt. Eine Wurzel von angenehmer Bitterkeit ersetzt den Hopfen.

Am Morgen des 12. erfuhr ich, dass einer der Elefantenjäger davongegangen sei. Damit die beiden anderen nicht seinem Beispiel folgen möchten, ließ ich sogleich ihre Kalebassen mit Wasser füllen und trat mit Sonnenaufgang meine Reise durch die Wüste an. Wir hatten kaum eine Meile zurückgelegt, als meine Begleiter anhielten, um ein Safi zu bereiten, damit uns unterwegs nichts Übles geschehe. Am Ende sagten sie dreimal hintereinander ein paar Sprüche her, spien auf einen Stein, warfen ihn dann mitten auf den Weg und zogen nun getrost weiter in der festen Überzeugung, dass der Stein alles Böse auf sich genommen habe, was die höheren Mächte bewegen könnte, uns zu schaden.

Um Mittag gelangten wir an einen großen Baum, den die Eingeborenen Nimba Taba nennen. Er war mit unzähligen Lumpen und kleinen Zeugfetzen behängt, die von den Reisenden wohl ursprünglich an die Zweige geknöpft worden waren, um dem Wanderer anzuzeigen, dass Wasser in der Nähe zu finden sei. Im Laufe der Zeit wurde das eine heilige Gewohnheit, sodass jetzt niemand wagte, an dem Baum vorüberzugehen, ohne etwas daranzuhängen. Auch ich hängte ein schönes Stück Zeug daran auf. Da meine Führer sagten, dass in der Nähe ein Quell oder See sein müsse, so ließ ich die Esel abladen und ihnen Futter geben, während wir uns ausruhten und an unseren Vorräten labten. Inzwischen schickte ich einen Elefantenjäger aus, um den Brunnen zu suchen, da wir die Nacht dort verbringen wollten, wenn er Wasser führte. Der Neger entdeckte eine Tränke, aber das Wasser war dick und schlammig. Am Ufer zeigten sich Spuren eines erst kürzlich erloschenen Feuers und Überreste von Speisen, ein Zeichen, dass Reisende oder Straßenräuber den Ort kurz zuvor verlassen hatten. Meine Begleiter fürchteten das Letztere und rieten mir deshalb, lieber bis zu einem anderen Wasserplatz zu gehen, den wir ihrer Versicherung nach gewiss gegen Abend erreichen würden. Wir brachen also sogleich wieder auf, doch wurde es bald acht Uhr, als wir dort eintrafen. Da wir von der langen Tagereise ermüdet waren, zündeten wir ein großes Feuer an und lagerten uns, umgeben von den Lasttieren, einen Büchsenschuss weit von dem Wald auf dem nackten Boden. Die Neger beschlossen, nacheinander Wache zu halten.

Ich fürchtete keine Gefahr, doch hegten die Neger die ganze Reise über eine unbeschreibliche Furcht vor Straßenräubern. Sobald der Tag anbrach, füllten wir unsere Sufros oder Schläuche und die Kürbisse aus dem See und machten uns auf den Weg nach Tallika, der ersten Stadt in Bondu, die wir am Vormittag des 13. erreichten. Ich kann mich nicht von den Wullis trennen, ohne zu rühmen, dass sie mich überall freundlich empfingen und ich über ihre herzliche Aufnahme an den Abenden die Mühseligkeiten des Tages gewöhnlich vergaß. Obgleich mir die afrikanische Lebensweise anfänglich nicht gefiel, so fand ich doch bald, dass die Gewohnheit alle kleinen Unbequemlichkeiten erträglich macht.

DRITTER ABSCHNITT

EINIGE NACHRICHTEN VON DEN EINWOHNERN TALLIKAS.

ANKUNFT IN KURKERANY. FISCHEREI AM FLUSS FALEMEH.

ANKUNFT IN FATTEKONDA.

UNTERREDUNG MIT ALMANI, KÖNIG VON WONDU.

ZWEITER BESUCH BEI DEM KÖNIG UND SEINEN FRAUEN.

ANKUNFT IN DSCHOHG.

Tallika, die Grenzstadt von Wondu gegen Wulli, wird von mohammedanischen Fullah bewohnt. Die durchziehenden Karawanen pflegen sich hier mit Lebensmitteln zu versehen und Elfenbein einzukaufen; denn die Einwohner sind geübte Elefantenjäger. Ein Verwalter des Königs residiert hier, der dem Herrscher von der Ankunft jeder Karawane rechtzeitig Nachricht geben muss. Der Zoll, den die Karawanen hier entrichten, wird nach Esels-Ladungen berechnet, d.h. für jeden beladenen Esel ist eine Taxe zu entrichten. Ich nahm meine Wohnung in dem Haus des Zolleinnehmers und vereinbarte mit ihm, dass er mich für fünf Barren nach Fattekonda, der Residenz des Königs, begleiten solle. Vor meiner Abreise schrieb ich einige Zeilen an Dr. Laidley und gab meinen Brief dem Führer einer Karawane, die eben nach dem Gambia abging. Sie bestand aus fünf mit Elfenbein beladenen Eseln. Von den großen Zähnen trägt der Esel zwei auf jeder Seite, die kleineren sind in Häute eingewickelt und mit Stricken befestigt.

Am 14. Dezember verließen wir Tallika und ritten ungefähr zwei Meilen weit ruhig fort, als auf einmal ein heftiger Wortwechsel zwischen dem Schmied und einem meiner anderen Begleiter entstand. Es ist merkwürdig, dass der Afrikaner eher Schläge vergibt als ein Schimpfwort auf seine Voreltern. »Schlage mich, aber schimpfe meine Mutter nicht« ist ein gewöhnlicher Ausdruck bei den Sklaven. Diese Art von Beleidigung hatte den einen so aufgebracht, dass er seinen Säbel gegen den Schmied zog, und der Streit wäre gewiss schlimm ausgegangen, wenn nicht die anderen ihm den Säbel aus der Hand gewunden hätten. Auch ich mischte mich ein, gebot dem Schmied Stillschweigen und drohte dem andern, der unrecht hatte, ihn wie einen Räuber auf der Stelle zu erschießen, wenn er in Zukunft wieder seinen Säbel ziehen oder mit einem meiner Leute Händel anfangen würde. Diese Drohung wirkte, und wir ritten verdrießlich den ganzen Nachmittag, bis wir in eine angebaute Ebene gelangten, in der mehrere kleine Dörfer lagen. In einem übernachteten wir. Eine gute Abendmahlzeit und kleine Geschenke beendeten alle Feindseligkeiten unter meinen Begleitern. Es war schon ziemlich spät, ehe wir an den Schlaf dachten. Wir unterhielten uns mit einem umherziehenden Sänger, der kleine Geschichten erzählte und Lieder spielte, indem er über eine gespannte Saite blies und sie zugleich mit einem Stäbchen strich. Diese umherziehenden Barden singen aus dem Stegreif das Lob derer, die sie bezahlen.

Am Morgen des 15. Dezember verabschiedeten sich meine beiden Slatihs mit vielen Gebeten für meine Sicherheit von mir. Eine Meile von Ganado entfernt setzten wir über einen Seitenarm des Gambias. Die Ufer sind steil und mit Mimosen bedeckt. Im Schlamm des Flusses gibt es eine Menge großer Muscheln, die aber von den Eingeborenen nicht gegessen werden. Gegen Mittag, als die Sonne fürchterlich brannte, ruhten wir zwei Stunden in dem Schatten eines Baumes, hielten unsere Mahlzeit mit Milch und gestoßenem Korn, das wir von einem Hirten kauften. Bei Sonnenuntergang erreichten wir Kurkerany, wo der Schmied einige Verwandte hatte. Hier machten wir ein paar Tage Rast.

Kurkerany ist eine mohammedanische Stadt mit einer hohen Mauer und einer Moschee. Ich bekam hier sogar eine Anzahl arabischer Handschriften zu sehen. Am Abend des 17. Dezember brachen wir wieder auf. Ein junger Mann, der Salz von Fattekonda holen wollte, begleitete uns. Gegen Abend erreichten wir ein kleines Dorf ungefähr drei Meilen von Kurkerany entfernt. Hier versahen wir uns mit Lebensmitteln, die so wohlfeil waren, dass ich ein schönes Rind für sechs kleine Stücke Bernstein kaufte; denn ich merkte, dass meine Reisegefährten sich vermehrten oder verminderten, je nachdem ihnen die Kost behagte.

Am folgenden Morgen setzten wir unsere Reise weiter fort. Da sich noch einige Fullahs zu uns gesellten, gewann unser Zug ein recht wehrhaftes Ansehen, und wir mussten nicht befürchten, in den Wäldern geplündert zu werden.

Die Neger haben eine eigene Art, die widerspenstigen Esel zum Gehorsam zu bringen. Sie spalten einen Baumzweig, geben dem Esel das gespaltene Ende wie das Gebiss eines Zaums ins Maul und binden die Enden davon über dem Kopf wieder zusammen. Das andere Ende des Zweiges hängt vom Maul zur Erde herab. Es muss so lang sein, dass es den Boden berührt, wenn das Tier den Kopf sinken lässt. Schlägt der Zweig an Steine oder Wurzeln an, verursacht das ihm einen heftigen Stoß gegen die Zähne. Der Esel merkt dies bald, trägt den Kopf aufrecht und geht sehr ruhig und gravitätisch. Das Ganze sieht lächerlich aus, hat sich aber bewährt und ist bei den Händlern allgemein üblich.

Die Nacht verbrachten wir in einem Dorf in einer elenden Hütte auf Stroh. Am nächsten Tag ritten wir bis zum Mittag einen dürren, steinigen, mit Mimosen bedeckten Hügel entlang. Dann senkte sich das Land nach Osten, und wir stiegen in ein tiefes Tal hinab, in dem ich viel weißen Quarz fand. Der Weg verlief in einem ausgetrockneten Flussbett immer nach Osten, bis wir ein großes Dorf erreichten, in dem wir anhalten wollten. Hier fanden wir viele Eingeborene in dünnen französischen Flor gekleidet, den sie Biqui nennen. Das ist ein leichter luftiger Anzug, der den Wuchs des Körpers durchscheinen lässt und deshalb vermutlich von Frauen besonders geschätzt wird. Das Betragen der Frauen passte indes keineswegs zu dem eleganten Gewand; denn sie sind im höchsten Grad zudringlich. Sie versammelten sich um mich und forderten Bernstein, Korallen und was sie nur bei uns sahen mit solchem Ungestüm, dass ich einfach nachgeben musste. Sie zerrissen mir den Mantel, schnitten meinem Bedienten die Knöpfe vom Rock, und wir mussten weiterziehen, um ihren Zudringlichkeiten nicht länger ausgesetzt zu sein. Ein Schwarm dieser Harpyien verfolgte uns eine halbe Meile weit.

Am Abend erreichten wir Subruduka. Da unsere Gesellschaft inzwischen auf vierzehn Personen angewachsen war, kaufte ich ein Schaf und hinreichend Korn zum Abendbrot. Nachdem wir es verzehrt hatten, legten wir uns bei unserem Gepäck nieder und brachten im starken Tau eine sehr unangenehme Nacht zu.

Am 20. Dezember brachen wir von Subruduka auf und erreichten um zwei Uhr ein Dorf an den Ufern des Falemehs, der hier in einem felsigen Bett reißend dahinströmt. Die Einwohner waren mit der Fischerei beschäftigt. Die großen Fische fangen sie in Körben aus gespaltenem Rohr, von denen einige mehr als zwanzig Fuß lang sind. Diese Körbe verwenden sie wie wir die Reusen. Zu diesem Zweck führen sie quer durch den Fluss einen Damm von Steinen auf und lassen hin und wieder Öffnungen darin, durch die das mit Gewalt sich durchdrängende Wasser die Fische in die dahinter aufgestellten Körbe führt, während die starke Strömung es verhindert, dass sie wieder herausschwimmen. Die kleinen Fische, von der Größe unserer Sardellen, werden in großen Netzen gefangen, die sie sehr geschickt zu bedienen wissen. Sie machen einen Handelsartikel daraus, zerstampfen sie in hölzernen Mörsern und lassen sie danach in großen Klumpen geballt an der Sonne trocknen. Die Mauren aus den Gegenden nördlich von Senegal, die in ihrer Heimat fast gar nichts von Fischen wissen, finden dieses getrocknete Fischmus, so übel riechend es auch ist, doch köstlich und bezahlen es sehr teuer. Die Eingeborenen schneiden ein Stück von diesem schwarzen Klumpen ab, kochen es im Wasser und vermischen es mit ihrem Kuskus.

Ich fand es sonderbar, dass in dieser Jahreszeit an den Ufern des Flusses überall das Korn im schönsten Wachstum stand. Bei genauer Untersuchung zeigte es sich aber, dass es nicht die übliche Kornart war, die am Gambia angebaut wird, sondern der Holcus cernuus, den die Eingeborenen Manio nennen. Er trägt sehr reichlich, wächst in der trockenen Jahreszeit und wird im Januar reif.

Bei meiner Rückkehr in das Dorf begegnete ich einem alten maurischen Scherif, der mir seinen Segen erteilte und mich um ein wenig Papier für Safis bat. Er bettelte auch den Schmied an, der es ihm willig gab, denn es ist Sitte, dass die jungen Mohammedaner den alten etwas schenken, wofür diese ihnen in arabischer Sprache den Segen erteilen, der mit großen Demutsbezeugungen empfangen wird.

Um drei Uhr nachmittags setzten wir unsere Reise am Flussufer entlang nach Norden fort und erreichten am Abend Nayimow, wo uns der vornehmste Mann der Stadt freundlich empfing und mit einem jungen Rind beschenkte. Ich erwiderte diese Freigebigkeit durch etwas Bernstein und Korallen.

Am 21. Dezember ließen wir unser Gepäck mit einem Boot über den Fluss schaffen. Ich selbst ritt hindurch, obschon das Wasser mir bis ans Knie ging. Es ist so klar, dass man von den höchsten Ufern des Flusses den Grund erkennen kann. Gegen Mittag erreichten wir Fattekonda, die Hauptstadt von Bondu. In Afrika gibt es keine öffentlichen Wirtshäuser, deshalb gehen die Fremden zum Bentang und warten dort, bis sie in die Behausung eines Einwohners eingeladen werden. Ein angesehener Kaufmann lud uns zu sich, und wir nahmen das Anerbieten an. Kaum waren wir aber eine Stunde dort, kam ein Bote, um mich zum König zu holen, der, wie er sagte, sehr begierig sei, mich sogleich zu sehen, wenn ich nicht allzu müde wäre.

Ich nahm meinen Dolmetscher mit und folgte dem Boten. Als mich dieser aber zur Stadt hinaus und über die Kornfelder führte, fürchtete ich, dass Hinterlist im Spiel sei. Ich blieb also stehen und fragte den Führer, wohin er gehe. Er zeigte mir daraufhin in einer kleinen Entfernung einen Mann, der unter einem Baum saß, und sagte, dass dies der König sei, der oft an diesem entfernten Ort Audienz gebe, um das Hinzudringen des Volkes zu vermeiden. Jetzt dürfe niemand zu ihm als ich und mein Dolmetscher. Als ich mich ihm näherte, nötigte er mich neben sich auf eine Matte zum Sitzen. Nachdem er sich meine Geschichte hatte erzählen lassen, fragte er, ob ich Sklaven oder Gold kaufen wolle. Als ich erwiderte, dass ich weder dies noch irgend sonst etwas einkaufen wolle, wunderte er sich sehr und verlangte, ich solle am Abend wieder zu ihm kommen, dann wolle er mir Lebensmittel geben.

Dieser Fürst hatte den maurischen Namen Almani, war aber doch ein Heide. Ich hatte gehört, dass er Major Houghton unfreundlich begegnet sei. Sein über alles unerwartet freundliches Benehmen beruhigte mich daher nicht, sondern ließ mich nur desto mehr Hinterlist vermuten. Ich glaubte daher, es sei das Beste, ihn durch einige Geschenke zu gewinnen, und nahm zu diesem Zweck beim zweiten Besuch am Abend eine Büchse Schießpulver, etwas Bernstein, Tabak und meinen Sonnenschirm mit. Für den Fall, dass man mein Gepäck durchsuchen würde, verbarg ich einiges davon unter dem Dach der Hütte, die ich bewohnte, und zog vorsichtshalber meinen besten Rock an.

Alle Häuser, die dem König oder seiner Familie gehören, sind mit einer hohen Lehmmauer umgeben, die ihnen das Ansehen einer Zitadelle verleiht. Das Innere ist in verschiedene Höfe geteilt. Am ersten Eingang stand ein Mann mit einer Flinte auf der Schulter. Der Weg führte dann durch mehrere Gänge, und an jeder Tür stand wieder eine Schildwache. Als wir an den Eingang der eigentlichen Wohnung kamen, in der sich der König aufhielt, zogen mein Führer und mein Dolmetscher der Sitte gemäß ihre Sandalen aus, und der Erstere rief den Namen des Königs so laut, bis aus dem Inneren geantwortet wurde. Wir fanden den König auf einer Matte sitzend und zwei von seinen Gefolgsleuten bei ihm. Ich wiederholte, was ich ihm schon über meine Reise erzählt hatte, doch schien er nicht völlig befriedigt. Die Idee, dass man aus bloßer Neugier eine Reise unternehmen könne, war ihm völlig neu. Es scheine ihm gar nicht denkbar, sagte er, dass ein Mensch bei Sinnen eine so gefährliche Reise unternehme, bloß um das Land und dessen Bewohner kennenzulernen. Als ich mich aber erbot, ihm meinen Mantelsack zu öffnen und alles vorzuweisen, was ich bei mir führte, zum Beweis, dass es keine Handelswaren seien, glaubte er mir endlich. Die Vorstellung, dass jeder Weiße ein Kaufmann sei, hat ihm ohne Zweifel den Argwohn beigebracht, ich könne die Wahrheit verhehlen. Er freute sich über meine Geschenke, besonders aber über den Sonnenschirm, den er zum Erstaunen seiner Bedienten, die den Gebrauch dieser wunderbaren Maschine gar nicht begriffen, immer auf- und zumachte. Als ich mich beurlauben wollte, bat er mich, noch ein wenig zu bleiben, und hielt eine Lobrede auf die Weißen, indem er ihren Reichtum und ihre Gutmütigkeit rühmte. Dann bewunderte er meinen blauen Rock, dessen gelbe Knöpfe ihm besonders zu behagen schienen, und endlich schloss er mit der Bitte, ich möge ihm denselben schenken. Zum Trost für meinen Verlust versprach er mir dagegen, ihn bei jeder feierlichen Gelegenheit anzuziehen und jedem, der ihn sehen würde, meine Freigebigkeit zu rühmen. Die Bitte eines afrikanischen Fürsten in seinem eigenen Reich an einen Fremden ist nicht viel weniger als ein Befehl. Da er sich mit Gewalt hätte nehmen können, was er sich von mir ausbat, zog ich ruhig meinen besten Rock aus und legte ihn zu seinen Füßen nieder. Zum Gegengeschenk erhielt ich einen großen Vorrat an Lebensmitteln.

Am anderen Morgen musste ich wieder zu ihm kommen. Ich fand ihn in seinem Bett sitzen. Er sei krank, sagte er mir, und wünsche, dass ich ihn zur Ader ließe. Kaum aber hatte ich ihm den Arm gebunden und die Lanzette herausgenommen, als er den Mut verlor, mir für meine Bereitwilligkeit dankte und mich bat, die Operation bis zum Nachmittag zu verschieben, da er sich jetzt auf einmal weit besser fühle. Dann bat er mich, seine Frauen zu besuchen, die sehr begierig wären, mich zu sehen. Man führte mich zu ihnen, und kaum war ich in den Hof getreten, als das ganze Serail sich um mich herdrängte. Einige baten um Arzneien, andere um Bernstein, alle aber wollten das große afrikanische Universalmittel versuchen und zur Ader gelassen werden. Es waren zehn oder zwölf Frauen, alle jung und schön, mit viel Korallen und Bernstein in ihrem Kopfputz.

Sie spotteten und lachten besonders über meine weiße Haut und über die hervorstehende Nase und behaupteten, dass beides erkünstelt sei. Die Farbe sei dadurch entstanden, dass man mich als Kind in Milch gebadet habe, und die Nase wiederum sei solange gekniffen worden, bis sie diese hässliche, unnatürliche Form habe annehmen müssen. Statt meine Hässlichkeit zu bestreiten, pries ich ihre Schönheit. Ich lobte das glänzende Schwarz ihrer Haut und die eingedrückten Nasen. Sie sagten mir aber, dass Schmeichelei oder – wie sie sich ausdrückten – ein Honigmund in Bondu nicht geachtet sei. Für meinen Besuch und für das Schöne, das ich ihnen gesagt hatte (wogegen sie also doch nicht so unempfindlich waren, wie sie vorgaben), beschenkten sie mich mit einem Krug Honig und einigen Fischen, die nach meiner Behausung gebracht wurden. Vor Sonnenuntergang musste ich abermals zum König.

Da es Sitte ist, beim Abschied eine Kleinigkeit zu schenken, so nahm ich Korallen und einige Bogen Schreibpapier mit, für die der König mir fünf Drachmen Gold gab. Das sei zwar nur eine Kleinigkeit, sagte er, er schenkte sie mir aber aus echter Freundschaft und ich könne mir doch unterwegs Lebensmittel dafür kaufen. Er erhöhte seine Wohltat noch durch die Erklärung, es sei sonst zwar eingeführt, das Gepäck der Reisenden zu durchsuchen, mich wolle er aber für dieses Mal damit verschonen, und es stehe mir nun frei abzureisen.

Am Morgen des 23. verließen wir Fattekonda und erreichten um elf Uhr ein kleines Dorf, in dem wir den Rest des Tages ruhen wollten. Am Nachmittag sagten mir meine Reisegefährten, dass wir jetzt an der Grenze zwischen Bondu und Katschaaga seien und diese Gegend als unsicher gelte. Es empfehle sich daher, erst mit Einbruch der Dunkelheit aufzubrechen. Ich mietete mir also zwei Führer, die uns durch den Wald bringen sollten. Sobald alles im Dorf schlief, brachen wir bei Mondschein auf. Das Geheul der wilden Tiere und der öde Wald machten einen schauerlichen Eindruck auf mich. Wir sprachen leise miteinander. Meine Gefährten zeigten mir einer nach dem anderen die Wölfe und Hyänen, die wie Schatten von einem Dickicht zum anderen schlichen. Gegen Morgen gelangten wir in ein Dorf, wo unsere Führer einen ihrer Bekannten aufweckten. Hier hielten wir an, um unsere Esel zu füttern und uns einige Erdnüsse zu rösten. Bei Tagesanbruch setzten wir unsere Reise fort und kamen am Nachmittag nach Dschohg im Königreich Katschaaga.

VIERTER ABSCHNITT

NACHRICHT VON KATSCHAAGA. DIE SERAWULLIHS.

NACHRICHT VON DSCHOHG.

DER VERFASSER WURDE AUF BEFEHL DES KÖNIGS BADSCHERI

GEPLÜNDERT. GUTMÜTIGKEIT EINER SKLAVIN.

BESUCH BEIM NEFFEN DES KÖNIGS. ANKUNFT IN SAMI.

ANKUNFT IM KÖNIGREICH KASSON.

Das Königreich Katschaaga, in dem ich nun angekommen war, nennen die Franzosen Gallern. Ich wähle aber den Namen, den es in der Landessprache führt. Luft und Klima schienen mir rein und gesünder als irgendwo weiter gegen die Küste zu. Das Land ist voller Hügel und Täler, durch die sich der Senegal schlängelt, und die einen abwechslungsreichen, reizenden Anblick bieten. Der Senegal kommt aus dem Innern des Landes, strömt über felsige Höhen und hat hier schöne, malerische Ufer.

Die Einwohner heißen Serawullihs, und sie sind von glänzend schwarzer Farbe. Die Regierungsform ist monarchisch und – wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann – ziemlich uneingeschränkt. Indes klagt das Volk nicht über Bedrückung und unterstützte den König willig, als er mit dem König von Kasson Krieg führen wollte. Die Serawullihs sind ein Handel treibendes Volk, das früher viel Verkehr mit den Franzosen hatte, denen es Gold und Sklaven zuführte. Noch jetzt treiben sie mit den britischen Faktoreien am Gambia einigen Sklavenhandel. Wenn ein serawullihscher Handelsmann von einer Geschäftsreise nach Hause kommt, so versammeln sich sogleich die Nachbarn und wünschen ihm Glück zur Ankunft. Bei dieser Gelegenheit zeigt der Reisende seinen Reichtum und seine Freigebigkeit, indem er seinen Freunden kleine Geschenke macht. Ist aber seine Spekulation missglückt, so ist das Fest bald vorbei, jeder hält ihn für einen unverständigen Menschen, der eine große Reise unternehmen konnte und (wie sie sich ausdrücken) nichts mitbringt als das Haar auf dem Kopf!

Am 24. Dezember kamen wir nach Dschohg, der Grenzstadt dieses Königreichs, und kehrten beim ersten Beamten ein, der hier nicht mehr Alkaid, sondern Duti genannt wird. Er war ein eifriger Mohammedaner, aber sehr gastfrei. Die Stadt hat ungefähr zweitausend Einwohner und ist mit einer hohen Mauer umgeben. Ebenso ist jedes einzelne Gehöft mit einer Mauer umzogen, sodass man nichts als kleine Zitadellen sieht; denn eine solche Mauer ist hier, wo man nichts von Artillerie weiß, eine vollkommen hinreichende Befestigung.

Am Abend besuchte Madibu, der mich von Pisania aus begleitet hatte, seine Eltern in der benachbarten Stadt Dramanet, und ich erlaubte dem Schmied, ihn zu begleiten. Mit Einbruch der Nacht wurde ich eingeladen, die Belustigungen der Einwohner mitanzusehen, durch die sie Fremde bei ihrer Ankunft zu unterhalten pflegen. Umringt von einer zahlreichen Versammlung, tanzten beim Schein einiger großer Feuer mehrere Personen zum Schall von vier Trommeln, die regelmäßig und gleichförmig geschlagen wurden. Zum Tanz gehört hierzulande aber weder Kraft noch Geschmeidigkeit der Muskeln, sondern bloß eine üppige Gestikulation. Besonders wetteiferten die Weiber miteinander in den wollüstigsten Bewegungen.

Am 25. Dezember kam um zwei Uhr morgens ein Trupp Reiter in die Stadt. Sie weckten meinen Wirt und sprachen mit ihm. Dann stiegen sie ab und kamen zu meinem Lagerplatz. Einer der Reiter versuchte, die Flinte, die neben mir auf der Matte lag, zu stehlen, bemerkte aber bald, dass ich wachte. Nun setzten sich die Fremden bei mir nieder und blieben bis zum Tagesanbruch. Mein Dolmetscher gab mir durch sein Benehmen bald zu verstehen, dass wir nichts Gutes zu erwarten hätten. Es befremdete mich auch, dass Madibu und der Schmied schon wieder von ihrer Reise zurückkamen. Madibu erklärte mir aber das Rätsel. Kurz nach ihrer Ankunft in Dramanet sei des Königs zweiter Sohn mit neuen Reitern angekommen und habe sich nach dem Weißen erkundigt. Auf die Nachricht, ich sei in Dschohg, seien sie sogleich wieder aufgebrochen, und er und der Schmied hätten sich deshalb ebenfalls auf den Rückweg gemacht, um mir dies zu melden. Er hatte seine Erzählung noch nicht geendigt, als die zehn Reiter ankamen. Sie stiegen ab und schlossen mit den anderen zusammen einen Kreis um mich. Jeder hielt dabei seine Flinte in der Hand. Ich sagte nun meinem Wirt, dass ich Serawullihsch nicht verstünde und sie Mandingo sprechen müssten, wenn sie etwas mit mir zu verhandeln hätten. Nun trug ein kleiner Mann die Sache mit einer weitläufigen Rede vor. Ich sei in die Stadt des Königs gekommen, ohne vorher den Zoll erlegt oder dem König ein Geschenk gebracht zu haben. Nach den Gesetzen des Landes werde daher alles, was ich bei mir hätte, Bediente, Lasttiere und Gepäck, konfisziert. Sie hätten Befehl vom König, mich nach seiner Residenz Mahna zu fahren und mich notfalls mit Gewalt fortzubringen, wenn ich mich weigere. Bei diesen Worten standen sie alle auf und fragten, ob ich bereit sei. Es mit einer solchen Schar aufzunehmen, wäre vergebens und unklug gewesen. Ich bat sie daher bloß, so lange zu warten, bis ich mein Pferd gefüttert und meinen Wirt abgefunden hätte. Mein ehrlicher Schmied merkte nicht, dass diese Nachgiebigkeit nur Verstellung war. Er nahm mich beiseite und sagte, er habe mir immer mit der Treue und dem Gehorsam eines Sohnes gedient, ich würde ihn doch nicht so unglücklich machen und nach Mahna gehen. Es gäbe gewiss bald einen Krieg zwischen Kasson und Katschaaga, dann würde er nicht nur seine kleine Habe verlieren, die er in vier sauren Jahren erworben habe, sondern noch als Sklave verkauft werden, wenn seine Freunde nicht zwei Sklaven für ihn stellen könnten. Ich erbot mich deshalb dem Sohn des Königs gegenüber, ihn zu begleiten, wenn er dem Schmied, der Einwohner eines entfernten Königreichs sei und mit mir in keiner Verbindung stehe, gestatten wolle, bis zu meiner Rückkehr in Dschohg zu bleiben. Das war aber umsonst. Sie erklärten, wir hätten insgesamt gegen die Gesetze gehandelt und seien alle gleichermaßen verantwortlich. Nun ging ich mit meinem Wirt beiseite, schenkte ihm etwas Schießpulver und erbat mir seinen Rat. Er meinte, ich solle nicht zum König gehen; denn wenn dieser unter meinen Sachen irgendetwas von einigem Wert fände, so würde er es mir abnehmen. Es schien also am ratsamsten, mich mit des Königs Leuten abzufinden. So erklärte ich, nicht aus Mangel an Ehrfurcht gegen den König gehandelt zu haben, sondern bloß aus Unwissenheit als Fremder, der mit den Gesetzen des Landes nicht vertraut gewesen sei. Selbstverständlich wolle ich gern einen Zoll erlegen. Bei diesen Worten reichte ich ihnen zum Geschenk für den König die fünf Drachmen Gold, die mir der König von Bondu gegeben hatte. Sie nahmen sie an, bestanden aber trotzdem darauf, auch noch mein Gepäck zu durchsuchen. Alle Gegenvorstellungen halfen nichts. Sie öffneten die Bündel, fanden aber bei Weitem nicht so viel Gold und Bernstein, wie sie erwartet hatten. Dafür nahmen sie dann alles, was ihnen gefiel, zankten und stritten mit mir bis Sonnenuntergang und zogen endlich mit der Hälfte meiner Habseligkeiten ab. Meine Leute hatten durch diesen Vorfall allen Mut verloren. Wir hatten den Tag über noch nichts gegessen und bekamen nur ein kärgliches Abendbrot. Madibu bat mich, wieder umzukehren. Der Dolmetscher lachte darüber, dass ich ohne Geld weiterreisen wollte, und der Schmied ließ sich weder sehen noch hören, aus Furcht, man möchte ihn für einen Eingeborenen aus Kasson erkennen. So brachten wir die Nacht bei einem schwachen Feuer zu. Aber welche Verlegenheit am folgenden Tage! Ohne Geld konnte ich mir keine Lebensmittel verschaffen, holte ich aber etwas Bernstein hervor, musste ich fürchten, dass mir der König auch das wenige, was ich versteckt hatte, noch würde abnehmen lassen. Wir kamen also überein, den Tag über ohne Essen zu verbringen und abzuwarten, bis wir heimlich Lebensmittel kaufen oder uns etwas als Almosen erbetteln könnten.

Gegen Abend, als ich auf dem Markt saß und etwas Stroh kaute, ging eine alte Sklavin mit einem Korb auf dem Kopf vorüber und fragte mich, ob ich schon gegessen hätte? Ich dachte, sie spotte meiner, und gab ihr keine Antwort. Mein Negerjunge aber, der neben mir saß, sagte ihr, des Königs Leute hätten mich ausgeplündert und mir nichts gelassen. Bei dieser Nachricht sah mich die gute Alte mitleidig an, nahm gleich den Korb vom Kopf herunter, zeigte mir, dass Erdnüsse darin waren, und fragte, ob ich essen möchte. Als ich es bejahte, gab sie mir einige Hände voll und ging fort, ohne mir Zeit zu lassen, ihr zu danken. Es war eine Kleinigkeit, die aber meinem Herzen sehr wohltat. Diese Sklavin, so arm und unwissend sie war, fragte nicht erst nach meinem Stand oder nach meiner Lage, sondern tat auf der Stelle, was ihr das Herz zu tun gebot.

Kaum war die Alte fortgegangen, erhielt ich die Nachricht, dass ein Neffe des Mandingo-Königs von Kasson mich besuchen wolle. Er war als Gesandter zum König von Katschaaga geschickt worden, um Streitigkeiten zwischen diesem und seinem Oheim zu schlichten. Nachdem er das vier Tage lang fruchtlos versucht hatte, befand er sich auf dem Rückweg, und dabei trieb ihn die Neugier, den Weißen in Dschohg zu sehen. Den gutmütigen Mann rührte meine Lage so sehr, dass er mir seinen Schutz anbot und mich sicher nach Kasson zu geleiten versprach, wenn ich am anderen Morgen aufbrechen wollte. Mit Dank nahm ich dies an und machte mich mit meinem Gefolge bei Tagesanbruch am 27. Dezember auf den Weg.

Mein Beschützer – er hieß wahrscheinlich nach seinem Oheim Demba Sego – hatte zahlreiche Begleiter. Als wir Dschohg verließen, waren wir etwa dreißig Personen und führten sechs beladene Esel mit uns. Als wir einige Stunden ziemlich frohen Mutes geritten waren, ohne dass etwas Merkwürdiges geschah, kamen wir an einen Baum, nach dem mein Dolmetscher schon oft gefragt hatte. Wir hielten, und er zog ein weißes Huhn hervor, das er zu diesem Zweck in Dschohg gekauft hatte, band es mit den Füßen an einen Zweig und sagte, nun könnten wir sicher fortreiten, es werde uns nichts Übles begegnen. Ich erwähne dies bloß als einen Charakterzug der Neger. Sieben Jahre war dieser Mann in England gewesen und hatte sich doch nicht von den Vorurteilen seiner Kindheit befreien können. Das Huhn, sagte er, sei ein Opfer für die Geister des Waldes. So töricht dieser Wahn ist, so sah ich doch, wie gut er es mit mir meinte.

Mittags kamen wir nach Gungadi, einer großen Stadt, in der wir eine Stunde lang hielten, bis einige von unseren Eseln, die nicht so gut zu Fuß waren wie die übrigen, wieder zu uns stießen. Ich fand hier viele Dattelbäume und eine aus Lehm erbaute Moschee mit sechs Türmen, auf deren Spitzen Straußeneier befestigt waren. Kurz vor Sonnenuntergang kamen wir in der Stadt Sami am Ufer des Senegals an, der hier ein schöner, aber seichter Strom ist und langsam über einen kiesigen Boden hinfließt. Die Ufer sind hoch mit Gras bewachsen; das Land ist eben und angebaut.

Am Nachmittag des 28. Dezember gelangten wir von Sami nach Kayi, einem großen Dorf, das halb auf der Nord-, halb auf der Südseite des Flusses liegt. Etwas weiter flussaufwärts ist ein großer Wasserfall, wo der Strom über die Felsen herabstürzt. Gerade an dieser Stelle sollten unsere Lasttiere den Fluss passieren. Wir gaben deshalb durch Rufen und durch einige Flintenschüsse den Einwohnern jenseits des Flusses ein Zeichen. Endlich bemerkten sie uns und brachten einen Nachen für unser Gepäck herüber. Da das Ufer hier mehr als vierzig Fuß hoch ist, hielt ich es für unmöglich, die Tiere hinabzubringen, aber die Neger ergriffen die Pferde und ließen sie in einer ausgegrabenen Bahn, die anscheinend durch häufigen Gebrauch schon geglättet war, beinahe senkrecht hinabgleiten. Sobald sie auf diese Art in das Wasser getrieben waren, suchte auch ein jeder von uns so gut er konnte hinabzukommen. Der Fährmann zog einige Pferde am Strick ins Wasser und ruderte mit dem Nachen etwas vom Ufer ab. Dann wurden die übrigen Pferde in den Strom gedrängt. Einige junge Leute, die ihnen nachschwammen, begossen sie mit Wasser, wenn sie umkehren wollten, und nötigten sie auf diese Weise, geradeaus zu schwimmen. So glückte es uns, sie in etwa fünfzehn Minuten alle sicher an der anderen Seite zu sehen. Aber desto mehr Zeit und Mühe erforderte es, die widerspenstigen Esel hinüberzubringen. Erst nach vielen Stößen und Schlägen wagten sie sich ins Wasser. Kaum waren sie aber in der Mitte des Flusses, so kehrten sie trotz aller Mühe, die wir anwandten, wieder um. Drei Stunden dauerte es, bis alles vorüber war, und erst gegen Abend kam der Nachen zurück, um Demba Sego und mich zu holen. Es war ein missliches Fahrzeug, das bei der leichtesten Bewegung umzuschlagen drohte. Ausgerechnet da wollte der Neffe des Königs eine zinnerne Büchse betrachten, die mir gehörte und im Vorderteil des Bootes stand. Als er die Hand danach ausstreckte, geriet das Fahrzeug aus dem Gleichgewicht und schlug um. Glücklicherweise befanden wir uns noch nicht weit vom Ufer und konnten es ohne viel Schwierigkeiten wieder erreichen. Nachdem wir das Wasser aus unseren Kleidern gewrungen hatten, setzten wir über und landeten bald in Kasson.


Schwarze im Senegal

FÜNFTER ABSCHNITT

ANKUNFT IN PISI UND WAS DEM VERFASSER DA BEGEGNETE.

SEINE UNTERREDUNG MIT DES KÖNIGS BRUDER.

ABREISE. ER ERREICHT KONIAKARY.

Kaum waren wir in Kasson ausgestiegen, als mir Demba Sego sagte, dass wir nun im Gebiet seines Oheims und daher außer aller Gefahr seien. Er hoffe, ich werde mit Rücksicht der Verbindlichkeit, die ich ihm dafür schulde, es an einer verhältnismäßigen Belohnung für seine Mühe nicht fehlen lassen. Dies kam mir unerwartet, besonders da er wusste, wie man mich in Dschohg ausgeplündert und dass der Rest meiner Habseligkeiten durch das Umschlagen des Fahrzeugs vollends gelitten hatte. Mich zu beklagen wäre aber töricht gewesen. Ich schwieg also und gab ihm sieben Barren Bernstein und etwas Tabak, womit er zufrieden schien.

Am 29. kamen wir abends in Pisi an, und Demba Sego beherbergte uns in seiner Hütte. Am anderen Morgen führte er mich zu seinem Vater, dem Bruder des Königs von Kasson und Statthalter von Pisi. Dieser alte Mann betrachtete mich eine Weile mit großer Aufmerksamkeit, weil er, wie er selbst sagte, außer mir nur einen Weißen in seinem Leben gesehen habe, der Major Houghton gewesen sein muss. Er fragte mich, zu welchem Zweck ich diese Reise unternommen hätte. Ich erwiderte, dass ich das Land und seine Bewohner kennenlernen wolle. Er bezweifelte aber die Wahrheit meiner Aussage und erklärte, ich müsse unbedingt nach Koniakary gehen, wo der König residiere, um diesem Fürsten meine Aufwartung zu machen.

Am Nachmittag entlief einer seiner Sklaven. Darüber entstand ein allgemeiner Tumult. Jeder, der ein Pferd hatte, ritt in die Wälder, in der Hoffnung, den Entlaufenen zu fangen. Demba Sego lieh sich zu diesem Zweck das meine aus. Ich gab es ihm gern, und eine Stunde später kamen die Reiter alle mit dem Sklaven zurück, der gewaltig gestäubt und dann in Fesseln gelegt wurde. Am 31. Dezember erhielt Demba Sego den Befehl, mit zwanzig Reitern nach einer Stadt in Gedumah aufzubrechen, um dort einen Streit mit den Mauren beizulegen, die drei Pferde aus Pisi gestohlen haben sollten. Dernba erbat sich wiederum mein Pferd, und da er in drei Tagen wieder zurück sein wollte, gab ich es ihm auch diesmal. Während seiner Abwesenheit durchstrich ich die Stadt und unterhielt mich fleißig mit den Eingeborenen, die mich mit viel Freundlichkeit und Neugier überall begleiteten und mich billig mit Milch, Eiern und anderen Lebensmitteln versorgten.

Pisi ist eine große Stadt ohne Ringmauer und gegen feindliche Überfälle nur durch eine Art von Zitadelle gesichert, in der Demba Segos Vater mit seiner Familie wohnte. Nach Aussage der Einwohner war die Stadt einstmals nur von einigen sehr reichen Fullah-Viehzüchtern bewohnt, deren Tiere auf den vortrefflichen Weiden genügend Futter fanden. Ihre Reichtümer reizten aber den Neid einiger Mandingos, die sie vertrieben und sich ihrer Grundstücke bemächtigten. Obgleich die jetzigen Einwohner Vieh und Getreide im Überfluss besitzen, sind ihre Speisen doch recht ekelhaft. Ratten, Maulwürfe, Schlangen, Heuschrecken, Eichhörnchen und dergleichen mehr werden von Reichen und Armen gegessen. Meine Leute wurden einmal zu einem Fest eingeladen, und nachdem sie tüchtig von einem Gericht gegessen hatten, das sie für Fisch und Kuskus hielten, fand einer ein Stück harte Haut darin. Er nahm sie mit nach Hause, um mir zu zeigen, welche Art von Fisch sie gegessen hatten. Dabei entdeckte ich, dass sie eine große Schlange geschmaust hatten. Eine andere, noch sonderbarere Sitte besteht darin, dass Frauen keine Eier essen dürfen. Dieses Verbot wird streng befolgt, und man kann eine pisische Frau nicht schwerer beleidigen, als wenn man ihr ein Ei anbietet. In keiner anderen Gegend des Mandingo-Landes habe ich dieses Verbot gefunden.

Am dritten Tag nach Dembas Abreise berief der Statthalter ein Palaver ein, dem ich beiwohnte. Die Debatten zeugten dabei von viel Scharfsinn. Der Fall war dieser: Ein junger reicher Heide, der kurz zuvor eine schöne Frau geheiratet hatte, bat einen mohammedanischen Geistlichen, der im Ruf besonderer Frömmigkeit stand, um Amulette, die ihn im bevorstehenden Krieg schützen sollten. Der Mohammedaner erfüllte sein Verlangen, erklärte aber, dass der andere sich den ehelichen Umgang mit seiner jungen Frau für sechs Wochen versagen müsse, damit das Amulett noch wirksamer sei. So hart dieses Verbot auch war, beachtete es der Heide doch äußerst streng und hielt sich von seiner Frau fern, ohne ihr den wahren Grund zu nennen. Während dieser Zeit verlautete es in Pisi, dass der Geistliche, der sein Abendgebet immer vor des Heiden Hüttentür verrichtete, mit dessen Frau vertrauter wäre, als er sein sollte. Der gute Ehemann war anfangs gar nicht geneigt, in die Rechtschaffenheit seines geistlichen Freundes Misstrauen zu setzen. Es verging wohl ein Monat, bis er eifersüchtig auf ihn wurde. Als aber das Stadtgespräch nicht nachließ, befragte er seine Frau, und diese gestand ihm offen, dass der andere sie verführt habe. Der Heide sperrte sie daraufhin ein und berief ein Palaver, um den Geistlichen zur Verantwortung zu ziehen. Dieser wurde vollkommen überführt und verurteilt, als Sklave verkauft zu werden oder zwei Sklaven zum Lösegeld zu geben, je nachdem es der Kläger verlangte. Der beleidigte Ehemann, der nicht gern mit dieser äußersten Strenge gegen seinen bisherigen Freund verfahren wollte, beauftragte daraufhin, ihn lieber vor dem Haus des Statthalters öffentlich stäuben zu lassen. Dies wurde genehmigt, und man schritt unmittelbar zur Sache. Der Verbrecher wurde mit den Händen an einen starken Pfahl gebunden und bekam mit einer langen schwarzen Rute so kräftige Streiche auf den Rücken, dass er fürchterlich brüllte. Es ist sonderbar, dass die Anzahl der Streiche wie nach dem mosaischen Gesetz vierzig weniger einen war! Die in großer Anzahl anwesenden Zuschauer zeigten durch Zischen und Lachen ihr Wohlgefallen darüber, dass der alte Sünder so gezüchtigt wurde.

Da Pisi als Grenzstadt während des Krieges vor den Räubereien der benachbarten Mauren nicht sicher war und man auch befürchten musste, dass die Feinde das Getreide auf den Feldern vernichten würden, hatte der Statthalter kurz vor meiner Ankunft in die benachbarten Dörfer geschickt, um für das kommende ganze Jahr Lebensmittel teils erbetteln, teils aufkaufen zu lassen. Die Landbewohner bewilligten gern, was sie konnten, und bestimmten einen Tag, an dem sie alle Vorräte nach Pisi bringen wollten. Dies war der 4. Januar 1796. Da zu diesem Zeitpunkt mein Pferd noch nicht zurückgekommen war, ging ich dem Zug entgegen, der die Lebensmittel brachte. Er bestand aus vierhundert Mann, die in einer gewissen Ordnung marschierten. Jeder trug einen Kürbis voll Korn oder voll Erdnüsse auf dem Kopf. Vor ihnen ging eine starke Bedeckung von Schützen, auf die acht Sänger folgten. Sobald sie sich der Stadt näherten, fingen diese an zu singen, und die ganze Prozession beantwortete jeden Vers, nach dessen Ende dann die großen Trommeln gerührt wurden. Unter dem Jauchzen des Volkes erreichten sie das Haus des Statthalters, wo die Vorräte verwahrt wurden. Am Abend versammelten sie sich alle unter einem Baum und brachten die Nacht mit Tanz und anderen Belustigungen zu. Viele der Fremden blieben drei Tage in Pisi, während deren ich überall von Neugierigen umringt war. Da ein jeder mich sehen wollte, fand der Zudrang kein Ende.

Am 5. Januar kam eine Gesandtschaft von zehn Personen im Auftrag des Königs von Tuta Torra, einem westwärts von Bondu gelegenen Landstrich. Diese forderten, dass der Statthalter eine Volksversammlung einberufen solle, und machten folgenden Beschluss ihres Königs öffentlich bekannt: Wenn das Volk von Kasson nicht die mohammedanische Religion annehme und seine Bekehrung nicht durch öffentliches Hersagen von elf Gebeten beweise, könne der König bei den jetzigen Streitigkeiten unmöglich neutral bleiben, sondern werde sich mit dem König von Katschaaga verbünden. Eine Botschaft dieser Art von einem so mächtigen Fürsten musste große Unruhe erregen, und die Bewohner beschlossen daher nach langen Beratungen, sich seinem Willen zu unterwerfen, so demütigend es auch für sie war. Einer wie der andere sagte seine elf Gebete öffentlich her. Das wurde als hinlängliches Bekenntnis angesehen, dass sie dem Heidentum entsagt und die Lehren des Propheten angenommen hatten.

Erst am 8. Januar kam Demba Sego mit meinem Pferd zurück. Ich war herzlich froh, dass ich nun endlich nicht länger warten musste, und ging sogleich zum Statthalter, um ihm meine Abreise für den nächsten Tag anzuzeigen. Der alte Mann machte einige unbedeutende Einwürfe und gab mir endlich zu verstehen, dass ich nicht eher an meine Abreise denken könne, bis ich ihm die Abgaben entrichtet hätte, die er von jedem Reisenden erhebt. Außerdem erwarte er auch noch etwas mehr als Erkenntlichkeit dafür, dass er mich so gütig behandelt habe. Am nächsten Morgen kam mein Freund Demba mit einem beträchtlichen Gefolge, um die Geschenke in Empfang zu nehmen. Ich wusste, dass Widerspruch fruchtlos und Klagen vergeblich waren, und gab ihm also sieben Barren Bernstein und fünf Barren Tabak. Nachdem er sie eine Weile gleichgültig angesehen hatte, legte er alles hin und sagte, dies wäre kein Geschenk für einen so bedeutenden Mann wie seinen Vater, der es in seiner Gewalt hätte, mir zu nehmen, was ihm gefiele. Wenn ich ihm also nicht ein ansehnliches Geschenk machen wollte, so würde er mein ganzes Gepäck zu seinem Vater bringen lassen, damit sich dieser auswählen könne, was ihm beliebe. Ich fand gar keine Zeit für eine Antwort, denn Demba und sein Gefolge öffneten sogleich meine Bündel, streuten alles auf dem Boden umher und stellten weit genauere Nachforschungen an, als man es in Dschohg getan hatte. Demba nahm, was ihm gefiel, unter anderem auch die zinnerne Büchse, die ihm schon bei der Überfahrt über den Fluss so aufgefallen war.

Nachdem ich die zerstreuten Überreste meiner kleinen Habe zusammengesucht hatte, stellte ich fest, dass mir hier wiederum wie in Dschohg die Hälfte geraubt worden war. Selbst der Schmied musste sein Bündel öffnen. Es half ihm nichts, dass er hoch und teuer schwor, alles darin sei sein Eigentum. Was wollte ich machen! Ich war Demba Sego für sein Entgegenkommen, mich sicher von Dschohg hierherzubringen, Dank schuldig. Ich machte ihm also keine Vorwürfe über seine Raubsucht, beschloss aber auf jeden Fall, am anderen Morgen von Pisi aufzubrechen. Um den gesunkenen Mut meiner Gefährten wieder zu heben, kaufte ich ein Schaf zum Mittagessen.

Am Morgen des 10. Januar reisten wir von Pisi ab. Gegen Mittag stieg der Weg zu einer Höhe an, von der wir auf die Berge um Koniakary eine weite Aussicht hatten. Abends erreichten wir ein kleines Dorf, in dem wir übernachteten. Am anderen Morgen brachen wir zeitig auf und setzten nach zwei Stunden über einen schmalen, aber tiefen Strom, einen Seitenarm des Senegals. Um zwei Uhr lag Dubo vor uns, die Vaterstadt des Schmieds, von der er mehr als vier Jahre lang fort gewesen war. Sein Bruder, der zufällig seine Ankunft erfahren hatte, kam ihm mit einem Sänger entgegen, brachte ihm ein Pferd, damit sein Einzug desto stattlicher sein sollte, und bat uns auch, unsere Flinten für eine Ehrensalve zu laden. Der Sänger führte an, die zwei Brüder folgten ihm, und wir waren bald von einer Menge Volk umringt, die ihre Freude, einen alten Bekannten wiederzusehen, durch Singen und Springen auf eine unbändige Art äußerte. Bei Betreten der Stadt begann der Sänger ein Lied aus dem Stegreif zum Lob des Schmieds. Er rühmte seinen Mut, so viele Schwierigkeiten überwunden zu haben, und endete damit, dass er seine Freunde ermahnte, reichlich Lebensmittel für ihn herbeizuschaffen. Als wir an die Wohnung des Schmieds kamen, stiegen wir ab und feuerten unsere Flinten los. Das Wiedersehen zwischen dem Heimkehrenden und seinen Verwandten war rührend; denn diese rohen Kinder der Natur, die von keinem Zwang wissen, äußern ihre Gefühle stark und ausdrucksvoll. Mitten unter diesem Frohlocken wurde die alte Mutter des Schmieds herbeigeführt. Jeder machte ihr Platz, und sie reichte ihm die Hand zum Willkommen. Sie war vollkommen blind, streichelte ihm Hände, Arme und Gesicht und schien sehr glücklich, ihn in ihren letzten Tagen noch um sich zu haben und den Klang seiner Stimme zu hören.

Während dieser lauten Freudenbezeugungen hatte ich mich etwas abseits an eine Hütte hingesetzt, um nicht zu stören. Alles war so sehr mit dem Schmied beschäftigt, dass mich niemand bemerkte. Als endlich jedermann sich gesetzt hatte, wünschte der Vater des Schmieds zu hören, wie es ihm inzwischen ergangen sei. Man gebot Stillschweigen, und der Schmied begann seine Erzählung. Zuerst dankte er Gott, der ihn überall beschützt und nun auch glücklich wieder nach Hause gebracht habe. Dann erwähnte er alles Wesentliche, was ihm seit seiner Abreise aus seinem Vaterland begegnet war, und berichtete dann, welche Gefahren er auf dem Rückweg ausgestanden habe. In diesem letzten Teil seiner Geschichte erwähnte er mich oft. Nachdem er mich umständlich gerühmt hatte, zeigte er zu meinem Platz und rief: »Affille ibi siring – seht, da sitzt er!« Im Augenblick waren alle Augen auf mich gerichtet. Ich schien ihnen wie aus den Wolken gefallen, jeder war verwundert, mich nicht schon bemerkt zu haben, und einige Frauen und Kinder gerieten in Sorge, einem Menschen von solch ungewöhnlicher Gestalt so nahe zu sein. Allmählich aber schwand ihre Furcht, zumal der Schmied ihnen versicherte, dass ich gutmütig sei und niemandem ein Leid zufüge. Daraufhin wagten einige, das Zeug meiner Kleider zu untersuchen, andere hingegen trauten mir noch nicht so bald. Wenn ich mich zufällig bewegte oder die Kinder ansah, liefen die Mütter in größter Eile mit ihnen davon. Nach Verlauf weniger Stunden waren wir jedoch schon bekannter miteinander.

Mit diesen Leuten brachte ich nun den Rest des Tages und den ganzen folgenden vergnügt zu. Der Schmied erklärte sich bereit, mich nach Koniakary zu begleiten und während meines Aufenthalts dort treulich bei mir auszuhalten. Am Morgen des 14. Januar brachen wir auf und erreichten gegen Mittag das Dorf Sulo, drei Meilen südwärts von Koniakary. Dort besuchte ich einen angesehenen Händler, der mit Dr. Laidley bekannt war, und für den er mir eine Warenanweisung im Wert von fünf Sklaven gegeben hatte. Glücklicherweise fand ich ihn zu Hause, und er empfing mich überaus freundlich.

Der König von Kassen musste gleich Nachricht davon bekommen haben, dass ich von Dumbo nach Sub gegangen war, denn kaum hielt ich mich dort ein paar Stunden auf, als sein zweiter Sohn mit einem Trupp Reiter ankam und sich erkundigte, was mich dann gehindert habe, geradezu nach Koniakary zu gehen und mich bei dem König zu melden, der sehr begierig sei, mich zu sehen. Der Händler verteidigte mich gegen diesen Vorwurf und versprach, er werde mich selbst noch am Abend nach Koniakary geleiten. Gegen Sonnenuntergang machten wir uns auf den Weg und trafen nach Verlauf einer Stunde dort ein. Der König schlief aber schon, sodass die Audienz bis auf den nächsten Tag verschoben werden musste. Sein Sohn beherbergte uns in seiner Hütte.

SECHSTER ABSCHNITT

AUDIENZ BEIM KÖNIG VON KASSON.

DER VERFASSER REIST NACH KEMMU,

DER HAUPTSTADT VON KAARTA, UND VON DA,

OBGLEICH ES IHM DER KÖNIG WIDERRÄT,

IN DAS MAURISCHE KÖNIGREICH LUDAMAR.

ER GEHT, VON DREI SÖHNEN UND ZWEIHUNDERT REITERN

BEGLEITET, NACH DSCHARRA.

Am 15. Januar 1796 verfügten wir uns zur Audienz. Der Zulauf des Volkes war so ungeheuer groß, dass wir kaum durchkonnten. Wir fanden den König, der Demba Sego Dschalla hieß, in einer großen Hütte auf einer Matte sitzend. Er schien ungefähr sechzig Jahre alt. Seine Tapferkeit im Krieg und sein leutseliges Betragen im Frieden hatten ihn bei all seinen Untertanen beliebt gemacht. Er betrachtete mich mit großer Aufmerksamkeit. Als ihm der Kaufmann den Zweck meiner Reise und die Gründe erklärt hatte, weshalb ich durch sein Land ging, schien er durchaus einverstanden zu sein und versprach auch, mir so viel wie möglich bei meinem Vorhaben zu helfen. Er habe den Major Houghton gesehen und ihm ein weißes Pferd geschenkt, sagte er, aber jenseits des Königreichs Kaarta sei er von den Mauren umgebracht worden. Nach der Audienz kehrten wir in unsere Wohnung zurück, wo ich aus dem kläglichen Rest meiner Habe ein Geschenk für den König zusammensuchte, das trotz seiner Geringfügigkeit doch mit Wohlgefallen angenommen wurde und mir vonseiten des Königs einen großen weißen Ochsen zum Gegengeschenk einbrachte. Der Anblick dieses Tieres erfreute meine Begleiter sehr, nicht nur wegen seiner Größe, sondern weil seine Farbe als ein Zeichen besonderer Gnade angesehen wurde. So gütig mich aber der König aufgenommen und so bereitwillig er mir erlaubt hatte, sein Gebiet zu durchqueren, so standen allem Anschein nach weiterhin meiner Reise große Hindernisse bevor. Der Krieg zwischen Kasson und Katschaaga stand nämlich unmittelbar vor dem Ausbruch. Das Königreich Kaarta, durch das mein Weg führte, war auch hineinverwickelt und überdies durch Feindseligkeiten vonseiten des Königs von Bambarra bedroht. Alle diese Umstände hatte mir der König selbst erzählt und angeraten, noch so lange in der Nachbarschaft von Koniakary zu bleiben, bis er Nachrichten wegen Bambarra eingezogen hätte, die seiner Aussage nach in vier bis fünf Tagen einlaufen müssten, zumal er bereits vier Boten nach Kaarta geschickt habe. Ich ging also vorerst einmal nach Sulo, um meine Anweisung einzukassieren, die mir endlich auch der Händler in Goldstaub auszahlte. Da ich so bald wie möglich weiterzureisen wünschte, bat ich ihn, mir beim König einen Führer zu besorgen, der mich über Fuladu brächte, weil der Krieg zwischen Bambarra und Kaarta angeblich bereits ausgebrochen sei. Er ging noch am gleichen Abend nach Koniakary und kam am 20. Januar mit der Antwort zurück, der König habe seit mehreren Jahren einen Vertrag mit dem König von Kaarta geschlossen, alle Kaufleute und Reisenden durch sein Land zu schicken. Wollte ich indes den Weg über Fuladu nehmen, so stehe es mir zwar frei, einen Führer dürfe er mir, dem Vertrag zufolge, aber nicht gestatten. Nun hatte ich auf meiner bisherigen Reise bereits Erfahrung, was es bedeutet, wenn man ohne den Schutz des Landesfürsten reist, und wollte nicht gerne noch einmal eine so bittere Erfahrung machen, zumal mir hier das letzte Geld ausgezahlt worden war, das ich noch zu erhoffen hatte. Ich entschloss mich also, doch die Rückkehr der nach Kaarta ausgeschickten Boten abzuwarten.

Während dieser Zeit verbreitete sich das Gerücht, dass ich eine große Menge Goldes erhalten hätte. Am 23. kam Sambo Sego, der Sohn des Königs, mit einem Trupp Reiter zu mir und bestand darauf, dass ich ihm die Summe genau angeben müsse, die ich von dem Händler empfangen hätte, weil die Hälfte davon, sei es nun viel oder wenig, dem König gebühre. Außerdem erwarte er für sich und für seine Begleiter noch besondere Geschenke. Man kann sich leicht denken, dass mir nicht viel übrig geblieben wäre, hätte ich all diese Forderungen befriedigt. So kränkend es nun für mich auch war, dem ungerechten und willkürlichen Begehren nachzugeben, bedachte ich dennoch, wie gefährlich es sei, einen Löwen zu reizen, und wollte mich unterwerfen, als der Händler sich ins Mittel legte und Sambo überredete, sechzehn Barren europäischer Ware nebst etwas Pulver und Kugeln als meine vollständige Bezahlung für alles, was man mir noch im Königreich Kasson abfordern könnte, abzunehmen.

Am 1. Februar kamen die nach Kaarta ausgesandten Boten mit der Nachricht zurück, dass der Krieg zwischen Bambarra und Kaarta noch nicht ausgebrochen sei und ich wohl doch durchkommen könne, ehe die Armee aus Bambarra in das Land einfallen würde. Daraufhin sandte mir der König zwei Reiter, die mir bis an die Grenze von Kaarta als Wegweiser und Eskorte dienen sollten. Ich nahm also Abschied von dem Händler und trennte mich nun von meinem Reisegefährten, dem Schmied, der mir sehr herzlich alles Wohlergehen wünschte. Um zehn Uhr verließen wir Sulo. Wir reisten den Tag durch eine felsige Berggegend und kamen gegen Sonnenuntergang nach dem Dorf Sumo, wo wir übernachteten. Am 4. Februar setzten wir unsere Reise am Ufer des Flusses Krieko fort, überall wimmelte es von Leuten, zumal eben jetzt wegen des Krieges zahlreiche Menschen aus Kaarta hierher geflüchtet waren. Am Nachmittag erreichten wir Kimo, ein großes Dorf, die Residenz des Madi Kanko, Gouverneur des Hochlandes von Kasson. Hier verließen mich meine Führer, und ich musste bis zum 6. warten, ehe ich Madi Kanko dazu bringen konnte, mir einen Wegweiser und Begleiter nach Kaarta zu bewilligen.

Endlich gab er mir seinen eigenen Sohn mit, und nun brach ich am 7. Februar auf. Nach einem Marsch von zwei Tagen erreichten wir Fisura, wo wir einen Rasttag einlegten, um uns einige Kleidungsstücke zu waschen und genaue Erkundigung nach der Lage einzuziehen, ehe wir uns in die Hauptstadt wagten.

Unser Wirt, der die Unruhen im Land nutzen wollte, forderte für unsere Beherbergung eine so ungeheuere Summe, dass ich argwöhnte, er suche bloß Gelegenheit zu Händeln, und mir deshalb nicht gleich Furcht einjagen lassen wollte. Meine Gefährten aber waren durch die Gerüchte von dem nahen Ausbruch des Kriegs so besorgt, dass sie nicht von der Stelle wollten, bis ich mich mit ihm nicht nur abgefunden, sondern ihn auch noch als Begleiter bis nach Kemmu gewonnen hätte. Dies kostete mich nicht wenig Überredung und obendrein eine Bettdecke, an der er großes Behagen gefunden hatte und die ich ihm zum Geschenk machen musste. Nun setzte er sich zu Pferde und führte den Zug. Er war einer von den Negern, die sich zwar zur mohammedanischen Religion bekennen, doch noch immer dem Aberglauben ihrer Vorväter anhängen. Sie werden Dschoars genannt und sind in diesem Königreich sehr zahlreich und mächtig. Kaum waren wir im nächsten Wald in einer einsamen Gegend, als er ein Zeichen zum Halten gab und auf einem hohlen Baumbusrohr, das ihm wie ein Amulett um den Hals hing, dreimal laut pfiff. Ich gestehe, dass mich dies gewaltig erschreckte, da ich es für ein verabredetes Zeichen hielt, das er seinen Gesellen gäbe, uns zu überfallen. Er versicherte mir aber, er wolle damit nur erfahren, ob wir eine glückliche Reise haben würden. Dann stieg er ab, legte seinen Speer quer über den Weg, sagte einige kurze Gebete her und pfiff wieder dreimal. Danach horchte er, als ob er eine Antwort erwartete, doch als keine erfolgte, sagte er, wir könnten unbesorgt weitergehen, es drohe uns keine Gefahr. Gegen Mittag kamen wir durch eine Menge kleiner ganz verlassener Dörfer, deren Einwohner wegen des Krieges nach Kasson geflüchtet waren. Bei Sonnenuntergang erreichten wir Karankalla, einst eine große Stadt, die vor vier Jahren von den Bambarranern zerstört worden war, sodass jetzt die Hälfte davon in Trümmern liegt.

Da es von hier nur eine kleine Tagereise bis Kemmu ist, zogen wir am 12. Februar langsamer als gewöhnlich und pflückten unterwegs Baumfrüchte, die an der Landstraße wuchsen. Dabei hatte ich mich ein wenig von meinen Gefährten entfernt, und da ich nicht wusste, ob sie hinter oder vor mir waren, so eilte ich nach einer Anhöhe, um mich von da aus nach ihnen umzusehen. Als ich eben hinauf wollte, kamen zwei Neger mit Flinten zu Pferde im Galopp aus dem Busch gesprengt. Bei ihrem Anblick stand ich still, während sie ihrerseits das Gleiche taten, sobald sie meiner ansichtig wurden. Wir schienen einer nicht weniger verwundert und verlegen als die anderen. Endlich ging ich auf sie zu, da jagte der eine mit verhängtem Zügel davon, und der andere, vom Schrecken gleichsam versteinert, hielt die Hände vor die Augen und murmelte einige Gebete, bis sein Pferd, wahrscheinlich ohne dass der Reiter selbst es wusste, umdrehte und seinem Gefährten langsam folgte. Eine Meile westwärts begegneten sie meinen Begleitern und erzählten ihnen die Wundergeschichte. Sie hatten mich für ein Gespenst mit fliegendem Gewand gehalten, und einer von ihnen versicherte, dass ein kalter Windstoß von oben auf ihn herabgeweht sei, als er mich erblickte.

Gegen Mittag sahen wir die Hauptstadt von Kaarta in einiger Entfernung vor uns und kamen gegen zwei Uhr dort an. Sogleich verfügten wir uns nach des Königs Wohnung, wurden aber von einer so ungeheueren Menge Neugieriger umringt, dass ich es nicht wagte, vom Pferd zu steigen, sondern mich durch meinen Wirt und Madi Kankos Sohn beim König melden ließ. Es dauerte nicht lange, so kamen sie von einem Boten begleitet zurück, der mir andeutete, der König wolle mich noch diesen Abend sprechen. Der Bote hatte zugleich Befehl, mir eine Wohnung anzuweisen und dafür zu sorgen, dass das Volk mir nicht lästig werde. Daraufhin führte er mich in einen Hof, an dessen Eingang er einen Mann mit einem Stab stellte, um das Zudringen des Pöbels zu verhindern, und wies mir dort eine große Hütte an, in der ich wohnen sollte. Kaum hatte ich es mir in diesem geräumigen Quartier bequem gemacht, als das Volk, das durchaus nicht abzuwehren war, auch schon eindrang. Die Hütte war gestopft voll, und hatte ein Haufen sich satt gesehen, so machte er einem anderen Platz.

Kurz vor Sonnenuntergang schickte der König und ließ mir sagen, dass er jetzt Zeit habe und mich zu sehen wünsche. Ich folgte dem Boten durch mehrere Höfe, alle mit hohen Mauern umgeben, in denen Heubündel angehäuft lagen, damit es im Fall einer Belagerung nicht an Futter für die Pferde fehle. Ich fand den König von einem großen Gefolge umgeben. Alle saßen in bestimmter Ordnung, die Krieger zur Rechten, die Frauen und Kinder zur Linken des Königs. Dieser hieß Dasi Kurabarri. In seiner Kleidung unterschied er sich durch nichts von seinen Untertanen. Sein Sitz, eine zwei Fuß hohe Rasenbank, über der ein Leopardenfell ausgebreitet lag, bildete das einzige Kennzeichen seiner Würde. Als ich mich vor ihm auf die Erde gesetzt, den Anlass meiner Reise erzählt und mir zur Fortsetzung derselben sicheres Geleit durch sein Land ausgebeten hatte, schien er mit allem wohl zufrieden zu sein, sagte mir aber, dass es jetzt nicht in seiner Macht stehe, viel für mich zu tun, weil alle Gemeinschaft zwischen Kaarta und Bambarra schon seit einiger Zeit unterbrochen sei. Mansong, König von Bambarra, sei in seinem Krieg gegen Kaarta bereits mit seiner Armee in das Gebiet von Fuladu eingerückt, und es bestehe also sehr wenig Aussicht, dass ich auf einem der gewöhnlichen Wege nach Bambarra kommen könne; denn da ich aus einem feindlichen Land käme, so liefe ich Gefahr, geplündert oder für einen Spion gehalten zu werden. Wäre er selbst nicht in den Krieg verwickelt, so würde er mir anheimgestellt haben, ob ich vorerst bei ihm bleiben und einen günstigeren Zeitpunkt abwarten wollte. So aber, wie die Sache jetzt stünde, sähe er es nicht gern, dass ich länger in Kaarta bliebe, da mir ein Unfall begegnen könne und meine Landsleute dann glauben würden, er habe einen Weißen umgebracht. Er rate mir deshalb, nach Kasson zurückzugehen, bis der Krieg, der wahrscheinlich kaum länger als vier Monate dauern würde, beendet sei. Dann aber würde es ihn freuen, mich wiederzusehen, und wenn er unterdes sterben sollte, so würden seine Söhne für mich sorgen.

Ich war zu tadeln, dass ich diesen wohlgemeinten Rat des Königs nicht befolgte. Allein ich wollte nicht gern die gute Jahreszeit ungenutzt verstreichen lassen und dann die Regenzeit im Innern Afrikas untätig zubringen. Diese Besorgnis und der unangenehme Gedanke, zurückzugehen, ohne wichtigere Entdeckungen gemacht zu haben, bestimmten mich, meinen Weg weiter fortzusetzen. Obschon der König mir keinen Führer nach Bambarra geben konnte, bat ich ihn dennoch, wenigstens zu erlauben, dass irgendjemand mich so nahe, wie es ohne Gefahr geschehen könne, bis an die Grenze seines Reiches begleiten dürfe. Da er merkte, dass ich fest entschlossen war, meine Reise fortzusetzen, sagte er mir, es gebe noch einen anderen Weg, doch sei auch dieser nicht frei von Gefahr. Ich müsse nämlich von Kaarta nach dem maurischen Königreich Ludamar gehen und von dort auf einem Umweg nach Bambarra. Wenn ich das wollte, so sollten einige seiner Leute mich bis Dscharra, der Grenzstadt von Ludamar, geleiten. Er erkundigte sich sehr genau, wie man mich auf meiner Reise vom Gambia bis hierher behandelt hatte, und setzte scherzhaft hinzu, wie viele Sklaven ich mit nach Hause zu nehmen gedachte? Er wollte weiterreden, als ein Mann auf einem schönen maurischen Pferd, das mit Schweiß und Schaum bedeckt war, zum Hof hereinsprengte und andeutete, er bringe eine wichtige Nachricht. Der König griff nach seinen Sandalen, ein Zeichen, dass die Fremden sich entfernen sollen. Ich beurlaubte mich also, ließ aber meinen Negerjungen in der Nähe zurück, um bald etwas von der Nachricht zu erfahren, die der Bote gebracht hatte. Nach einer Stunde kam der Junge nach Hause und sagte mir, die feindlichen Truppen hätten Fuladu verlassen und seien auf dem Anmarsch nach Kaarta. Der Mann, den ich gesehen hatte, sei eine Art Kundschafter oder Wächter gewesen, deren jeder seinen bestimmten Standort, gewöhnlich auf einer Anhöhe, habe, um die Gegend zu übersehen und die Bewegungen des Feindes zu beobachten.

Am Abend schickte uns der König ein schönes Schaf, das uns sehr willkommen war, da keiner von uns den Tag über etwas gegessen hatte. Während wir unser Abendbrot bereiteten, wurde das Abendgebet angekündigt, und zwar nicht wie sonst bei den Mohammedanern durch einen Priester, sondern durch Trommelschlag, zu dem auf großen, ausgehöhlten Elefantenzähnen geblasen wurde. Das letztere Instrument gleicht einem Hifthorn, der Ton ist sehr melodisch und nähert sich, meinem Gefühl nach, hinter allen künstlichen Tönen am meisten der menschlichen Stimme. Da das Haupt-Korps von Dasis Armee hier in Kemmu stand, waren die Moscheen gedrängt voll, und ich sah, dass beinahe die Hälfte der Truppen Mohammedaner waren. Da zu erwarten war, dass die Kriegshandlungen gegen die Hauptstadt gerichtet sein würden, wünschte ich so bald wie möglich von hier wegzukommen und ließ durch den Boten ausrichten, ich bäte, meine Reise unverzüglich fortsetzen zu dürfen, und er möchte mir bald einen Begleiter schicken. Nach einer Stunde ließ der König durch einen Boten für das ihm übersandte Geschenk danken und schickte zugleich acht Reiter mit, die mich bis Dscharra geleiten sollten. Sie sagten mir, der König wünsche, ich solle meine Reise nach Dscharra möglichst beschleunigen, damit sie, noch ehe etwas Entscheidendes zwischen den beiden Armeen vorfalle, zurück sein könnten. Wir brachen sogleich auf, und drei Söhne des Königs mit einem Gefolge von zweihundert Mann zu Pferde waren so gütig, uns eine Strecke weit das Geleit zu geben.

SIEBTER ABSCHNITT

REISE VON KEMMU NACH FONINGKIDI.

INTERESSANTE SZENE BEI DEM TOD EINES VON

DEN MAUREN VERWUNDETEN JÜNGLINGS.

DER VERFASSER ZIEHT NACHRICHTEN ÜBER MAJOR

HOUGHTON EIN. ER ERREICHT DSCHARRA.

KURZ GEFASSTE NACHRICHT ÜBER DEN KRIEG

ZWISCHEN KAARTA UND BAMBARRA.

Am Abend des gleichen Tages, an dem wir Kemmu verlassen hatten, erreichten wir das Dorf Mareina, wo wir übernachteten. Der älteste Sohn des Königs und ein Teil der Reiter waren schon früher zurückgekehrt. Während der Nacht brachen Diebe in die Hütte ein, in der mein Gepäck lag, schnitten eines meiner Bündel auf und stahlen mir viele Korallen, einen Teil meiner Kleidungsstücke und etwas Bernstein, desgleichen Gold, das zufällig in einer meiner Taschen steckte. Ich beklagte mich bei meinen Beschützern darüber, richtete aber nichts aus. Am Morgen des 14. Februar brachen wir ziemlich spät von Mareina auf und reisten wegen der ungeheueren Hitze nur langsam. Nachmittags um vier Uhr sahen wir in einer kleinen Entfernung von der Straße zwei Neger in einem Gebüsch sitzen. Des Königs Leute hielten es für sicher, dass es entlaufene Sklaven seien, zogen den Hahn ihrer Flinten auf und sprengten in verschiedenen Richtungen durch die Büsche, um sie zu umringen und sich ihrer zu bemächtigen. Die Neger ließen uns ganz ruhig bis auf einen Bogenschuss herankommen, dann langte jeder eine Handvoll Pfeile aus dem Köcher, zwei nahmen sie in den Mund, einen legten sie auf den Bogen und winkten uns nun, nicht näher zu kommen. Des Königs Leute riefen ihnen zu, dass sie sagen sollten, wer sie seien. Sie antworteten, dass sie aus einem benachbarten Dorf kämen und hier Tomberongs sammelten. Dies sind kleine mehlige Beeren von gelber Farbe und köstlichem Geschmack. Ich kannte sie schon als die Frucht des Lotus. Die Neger zeigten uns einen großen Korb voll dieser Früchte, die sie im Verlauf des Tages gesammelt hatten. Die Eingeborenen schätzen die Beeren sehr und bereiten eine Art von Brot daraus.

Am Abend kamen wir nach dem Dorf Turda, von wo des Königs Leute zurückgingen, bis auf zwei, die mich nach Dscharra bringen sollten. Am 15. Februar erreichten wir die Stadt Foningkidi. Als wir uns näherten, hielten uns die Einwohner für maurische Räuber, weil einer meiner Führer einen Turban trug. Das Missverständnis klärte sich aber bald, und ein Gambia-Slatih nahm uns freundlich in seiner Hütte auf.

Am folgenden Morgen wollten wir weiter, weil aber die Mauren die Wege unsicher machten und wir hörten, dass am nächsten Tag mehrere Leute von hier nach Dscharra zu gehen gedachten, in deren Gesellschaft wir weniger zu befürchten hatten, legten wir einen Rasttag ein. Man erzählte uns, dass wenige Tage vor unserer Ankunft viele angesehene Einwohner nach Dscharra gegangen seien, um die Flucht ihrer Familien vorzubereiten, während ihrer Abwesenheit aber seien die Mauren hier eingefallen und hätten einen Teil ihres Viehs geraubt.

Ich schlief auf einer Rindshaut hinter der Tür meiner Hütte, als ich um zwei Uhr durch Weibergeschrei und ein allgemeines Lärmen und Laufen der Einwohner geweckt wurde. Anfangs glaubte ich, die Feinde seien schon in der Stadt, und rief meinen Jungen, der unterdessen auf ein Dach geklettert war, um Ausschau zu halten. Da erfuhr ich, dass die Mauren abermals kämen, um Vieh zu rauben. Ich kletterte nun ebenfalls auf ein Dach und sah eine große Herde Hornvieh auf die Stadt zukommen, die fünf Mauren zu Pferde mit ihren Flinten vor sich her trieben. Als sie an die Brunnen kamen, die dicht vor der Stadt liegen, suchten sie sich sechzehn Stück des schönsten Viehes aus und jagten damit in vollem Galopp davon. Während dieses Vorganges standen wenigstens fünfhundert Einwohner dicht an der Stadtmauer, und obwohl die Räuber nur einen Büchsenschuss von ihnen entfernt waren, leisteten sie doch keinen Widerstand. Nur etwa vier Mann feuerten ihre Flinten ab, da sie aber mit schlechtem Pulver geladen waren, zeigten sie keine Wirkung. Bald danach brachte man unter großem Zulauf des Volks einen jungen Mann auf einem Pferd langsam in die Stadt. Es war einer von den Hirten, der einen Speer nach den Räubern geworfen hatte, dafür aber von einem verwundet worden war. Seine Mutter ging, außer sich vor Betrübnis, voran. Sie schlug die Hände zusammen und zählte die guten Eigenschaften ihres Sohnes auf. Als der Verwundete zum Tor hereingetragen wurde, rief die trostlose Mutter einmal übers andere: »I maffo fonnio abada – nie hat er gelogen!« Man legte ihn in seiner Hütte auf eine Matte, und alle Abwesenden beklagten sein Schicksal, heulten und schrien auf jämmerliche Weise.


Rhamnus Lotus

Nachdem ihr Schmerz sich ein wenig gemildert hatte, baten sie mich, seine Wunde zu untersuchen. Ich fand, dass die Kugel gerade durchs Bein gedrungen war, beide Knochen ein wenig unter dem Knie zerschmettert hatte. Der arme Junge war durch den Blutverlust ohnmächtig geworden und befand sich in einem misslichen Zustand. Deshalb sagte ich ihnen, dass ich das Bein über dem Knie abnehmen wolle. Dieser Vorschlag erregte Grausen. Nie hatten sie von einer solchen Operation gehört und wollten auf keine Weise einwilligen. Sie sahen mich für eine Art von Kannibalen an, weil ich ein so grausames und unerhörtes Mittel vorschlagen konnte, das, wie sie glaubten, dem Kranken mehr Schmerzen verursachen würde und gefährlicher wäre als die Wunde selbst. So wurde der Patient der Sorgfalt einiger alter Mohammedaner übergeben, die alle Mühe aufwandten, ihm einen Weg zum Paradies zu bahnen, indem sie ihm einige arabische Sprüche ins Ohr flüsterten, die er wiederholen sollte. Nach vielen vergeblichen Bemühungen sagte der arme Heide endlich: »La ilah l‘allah mahomed rasul allahi – es gibt nur einen Gott, und Mohammed ist sein Prophet!«, worauf denn die Apostel Mohammeds der Mutter versicherten, dass ihr Sohn einen hinlänglichen Beweis seines Glaubens abgelegt habe und gewiss in jenem Leben glücklich sein werde. Er starb noch am gleichen Abend.

Da meine Führer meinten, dass wir wegen der maurischen Straßenräuber besser nur nachts reisen sollten, brachen wir in Gesellschaft von dreißig Personen, die aus Furcht vor dem Krieg mit ihren Habseligkeiten nach Ludamar flüchteten, schon am Nachmittag nach Foningkidi auf. Wir verhielten uns unterwegs so still wie möglich und eilten so sehr wir konnten bis Mitternacht, dann hielten wir bei einer Hürde nahe bei einem kleinen Dorf an und ruhten.

Obgleich das Thermometer auf fast 20° Celsius stand, konnte keiner von den Negern vor Kälte schlafen.

Am 18. setzten wir unsere Reise fort und kamen um acht Uhr durch Simbing, ein Grenzdorf von Ludamar, das in einem engen Pass zwischen zwei Felsen liegt und mit einer hohen Mauer umgeben ist. Von diesem Dorf aus hatte Major Houghton den letzten Brief mit Bleifeder an Dr. Laidley geschrieben. Dieser brave und unglückliche Mann nahm, nachdem er viele Schwierigkeiten bekämpft hatte, von hier aus seinen Weg nach Norden und gedachte durch Ludamar zu gehen, wo ich nachher die traurigen Umstände seines Schicksals erfuhr. Bei seiner Ankunft in Dscharra war er mit einigen maurischen Kaufleuten bekannt geworden, die zehn Tagereisen weit nach Tischiht gehen wollten, um dort Salz zu kaufen. Für eine Flinte und etwas Tabak versprachen sie, ihn mitzunehmen. Dass der Major sich darauf einließ, ist nicht anders zu erklären, als dass die Mauren ihn absichtlich hintergangen und die Lage der Gegend zwischen Dscharra und Timbuktu ganz falsch beschrieben hatten. Allem Anschein nach planten sie von vornherein, ihn zu plündern und in der Wüste zu lassen. Nach zwei Tagen ahnte er dies und bestand darauf, nach Dscharra zurückzugehen. Da er auf diesem Entschluss beharrte, nahmen sie ihm alles ab, was er bei sich trug, und gingen mit ihren Kamelen davon. Der arme Verlassene kehrte zu Fuß bis zu einem maurischen Tränkplatz zurück. Er hatte mehrere Tage ohne Speise zugebracht, und da die hartherzigen Mauren ihm nichts zu essen geben wollten, unterlag er endlich seinen Drangsalen. Ob er nun wirklich vor Hunger umgekommen oder von den rohen Mohammedanern ermordet worden ist, bleibt unklar. Sein Leichnam wurde in die Wälder geschleppt, und man zeigte mir in der Entfernung den Ort, wo er gelegen hatte.

Vier Meilen nördlich von Simbing kamen wir an ein kleines Gewässer, an dem es viele wilde Pferde gab. Sie waren alle von gleicher Farbe und flohen in einem leichten Galopp vor uns, stillstehend und sich umsehend. Die Neger machen Jagd auf sie und essen ihr Fleisch sehr gern. Gegen Mittag kamen wir nach Dscharra, einer großen Stadt, die am Fuß eines felsigen Hügels liegt. Ehe ich aber von diesem Ort und was mir dort begegnete rede, möchte ich erst von dem Ursprung des Kriegs erzählen, der mich bewog, diesen Weg zu nehmen, ein unseliger Entschluss, von dem sich alles Missgeschick herleitet, das mich in der Folge betroffen hat.

Dieser Krieg, der Kaarta zerstörte, bald nachdem ich es verlassen hatte, und in vielen benachbarten Staaten Schrecken verbreitete, entstand aus folgenden Ursachen: Ein Trupp Mauren hatte einige Rinder, die in ein bambarranisches Grenzdorf gehörten, aus diesem geraubt und sie dem Vorsteher einer Stadt in Kaarta verkauft. Die Landleute forderten ihr Vieh zurück, der Vorsteher verweigerte es, und sie beklagten sich deshalb bei Mansong, dem König von Bambarra. Da dieser wahrscheinlich den wachsenden Wohlstand Kaartas mit neidischen Augen sah, benutzte er den Vorfall und erklärte dem Königreich deshalb den Krieg. Er schickte einen Gesandten, von einigen Reitern begleitet, an Dasi, König von Kaarta, und ließ ihm sagen, dass er während der trockenen Jahreszeit mit neuntausend Mann nach Kemmu kommen werde. Dasi möge deshalb durch seine Sklaven die Häuser instand setzen lassen und alles zu ihrer Aufnahme in Bereitschaft halten. Zum Schluss dieser Rede reichte der Gesandte dem König ein Paar eiserne Sandalen mit den kränkenden Worten: Nicht eher solle Dasi vor den bambarranischen Pfeilen sicher sein, bis er diese Sandalen auf seiner Flucht abgenutzt habe. Dasi ging nun mit den Angesehensten seines Landes zurate, auf welche Weise man einem so furchtbaren Feind am besten Widerstand leisten könne. Nachdem sie darüber einig geworden waren, erteilte er dem Gesandten auf die Kriegserklärung eine trotzige Antwort und ließ von einem mohammedanischen Geistlichen auf ein dünnes Brett in arabischer Sprache eine Art Proklamation schreiben, die auf einem öffentlichen Platz an einen Baum gehängt wurde. Mehrere bejahrte Leute mussten in der Stadt umhergehen und sie dem Volk erklären. Diese Proklamation enthielt einen Aufruf an alle, die es mit Dasi wohlmeinten, sich in die benachbarten Königreiche zu begeben. Wenn sie sich neutral verhielten, so solle es ihnen unbenommen sein, nach Ende des Krieges in ihre Wohnungen zurückzukehren. Unternähmen sie aber das Geringste gegen Kaarta, so hätten sie den Schlüssel zu ihrer Hütte zerbrochen und könnten nie wieder zur Tür hinein. Dies war der eigentliche Ausdruck.

Die Proklamation hatte fast allgemeinen Beifall gefunden, aber viele Untertanen, darunter die mächtigen Stämme Dschohr und Kakaru, nutzten die Vergünstigung und zogen nach Ludamar und Kasson. Dadurch verringerte sich Dasis Armee stärker, als er erwartet hatte, und sie bestand nur aus etwa viertausend Mann. Doch waren es lauter mutige, unternehmende Leute, auf die sich der König verlassen konnte.

Vier Tage nach meiner Ankunft in Dscharra rückte Mansong gegen Kemmu vor. Dasi zog sich, ohne eine Schlacht zu wagen, nordwärts nach Dschoko und drei Tage danach in die Festung Gedinguma zurück, die zwischen Hügeln liegt und mit einer hohen Steinmauer umgeben ist. Dasis Söhne missbilligten diesen letzten wehrlosen Rückzug ihres Vaters und wollten sich in Dschoko behaupten. Wenn es bekannt würde, sagten sie, dass Dasi und seine Söhne aus Dschoko geflohen seien, ohne eine Flinte abgefeuert zu haben, so würden die Sänger Spottlieder auf sie dichten. Dasi ließ sie also mit einer Anzahl Reiter in Dschoko zurück, um diesen Posten zu verteidigen. Allein nach mehreren Scharmützeln wurden sie völlig geschlagen, und einer von ihnen geriet dabei in Gefangenschaft. Der Rest floh nach Gedinguma, wo Dasi sich zu behaupten gedachte und deshalb in der Eile Proviant zusammentragen ließ.

Da Mansong sah, dass Dasi einer geordneten Schlacht auswich, legte er eine Besatzung nach Dschoko, um von dort aus die Bewegungen des Feindes zu beobachten. Den Rest seiner Armee teilte er in kleine Einheiten, die das Land in alle Richtungen hin durchstreifen und alle Einwohner, deren sie habhaft werden konnten, zu Gefangenen machen sollten. Diese Operation wurde mit einer solchen Schnelligkeit ausgeführt, dass das Königreich Kaarta in wenigen Tagen ausgeplündert und menschenleer war. Die armen Einwohner wurden größtenteils bei Nacht überfallen, sodass sie sich weder wehren noch durch die Flucht retten konnten. Was an Vorräten und Waffen nicht gleich fortgeschleppt werden konnte, wurde verbrannt oder auf andere Weise zerstört, um Dasi keine Hilfsmittel übrig zu lassen. Während dieser unglücklichen Vorfälle beschränkte Dasi sich darauf, Gedinguma zu befestigen. Diese Stadt hat nur zwei Tore, das eine nach Kaarta zu, dessen Verteidigung Dasi sich selbst vorbehielt, das andere gegen Dschaffnu, das er seinen Söhnen anvertraute. Als die Feinde vor der Stadt anlangten, versuchten sie einen Sturmangriff, wurden aber zu wiederholten Malen und mit großen Verlusten aufseiten der Belagerer abgeschlagen. Da Mansong mehr Widerstand fand, als er vermutet hatte, begnügte er sich, der Stadt alle Zufuhr abzuschneiden, um sie durch Hunger zur Übergabe zu nötigen. Die Einwohner des umliegenden Landes, die in seine Gefangenschaft geraten waren, ließ er nach Bambarra transportieren, brachte Proviant für seine Armee zusammen und blieb mit ihr vor Gedinguma stehen. Die Belagerten unternahmen oft Ausfälle, doch kam es nie zu einer Entscheidung. So verliefen zwei volle Monate, nach deren Ablauf bei den Belagerern der Proviant zur Neige ging. Mansong wandte sich an König Ali von Ludamar und bat ihn, er möge mit 200 Reitern einen Angriff auf das nördliche Stadttor unternehmen, während er von der anderen Seite her abermals einen Sturm versuchen wolle. Ali hatte sich nämlich zu Beginn des Kriegs erboten, Mansong Beistand zu leisten. Jetzt aber weigerte er sich, sein Wort zu halten. Um sich wegen dieses Treuebruchs zu rächen, brach Mansong mit einem Teil seiner Armee auf, um König Ali in seinem Lager bei Benaum zu überfallen. Da die Mauren aber rechtzeitig Nachricht erhielten, zogen sie sich eilig weiter nach Norden zurück, und Mansong musste unverrichteter Dinge umkehren. Nachdem ihm dies nicht gelungen war, hob er die Belagerung von Gedinguma auf und ging nach Sego zurück.

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Yaş sınırı:
0+
Hacim:
410 s. 18 illüstrasyon
ISBN:
9783843806930
Telif hakkı:
Bookwire
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