Kitabı oku: «Franzis merry little Christmas»

Yazı tipi:

Myriam Schenke

Franzis merry little Christmas

Eine weihnachtliche Liebsgeschichte

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Gedichte im Buch:

Danke

Impressum neobooks

Kapitel 1

Leise summte Franzi vor sich hin, während sie den Adventskranz großzügig mit silbernem Glitzer bestreute.

»Hey« Felix ließ seine Zeitung sinken und schaute genervt in seine Kaffeetasse. »Wenn du so weiter machst, kannst du dir bald einen neuen Mitbewohner suchen.«

Unbeeindruckt zupfte Franzi eine Schleife zurecht und zündete die erste Kerze an. »Hör auf zu knurren und leg die Zeitung weg.« Liebevoll betrachtete sie ihr Werk. »Ist er nicht wunderschön geworden?«

Felix goss seinen Kaffee in die Spüle. »Ja, ganz entzückend mein Schatz. Aber kannst du mir mal verraten, wo wir jetzt essen sollen? Überall ist Weihnachten.«

Er hatte nicht ganz unrecht. Der Adventskranz vom Ausmaß eines Wagenrades, bedeckte fast vollständig den Küchentisch und in der gesamten Wohnung lauerten, in allen Ecken und Nischen, Weihnachtsstehrumchen. Einzig sein Zimmer hatte er bisher vor der Invasion glitzernder Dinge bewahren können.

»Ach, komm schon, nur noch der Adventskranz. Einen Adventskranz muss man schließlich haben.«

»Einen ja, aber das ist jetzt der Dritte und er nimmt den gesamten Tisch ein.«

»Der an der Tür ist ein Willkommenskranz und der im Wohnzimmer hat nur eine Kerze, ist also eigentlich auch kein richtiger Adventskranz und ...« Als sie Felix` Grinsen sah, brach sie ihre Verteidigungsrede ab. »Aber wenn du ihn nicht magst, nehme ich ihn mit in mein Zimmer.«

Felix seufzte. »Lass mal, er ist wunderschön. Essen wir halt eine Weile nur aus Schälchen.« Er strich sich über seinen Bauch. »Tut mir wahrscheinlich ganz gut.«

Franzi gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Du bist lieb, aber zu Weihnachten gibt es keine Schälchen Diät. Ich muss eine andere Lösung finden.« Sie sah sich um und ihr Blick blieb an dem bunten Kronleuchter über dem Küchentisch hängen. »Wie wäre es, wenn wir den Adventskranz einfach an dem Deckenhaken befestigen? Ich werde morgen gleich das passende Band besorgen.«

Zweifelnd guckte Felix an die Küchendecke. »Und was ist mit dem Kronleuchter?«

»Da finde ich schon eine Lösung.«

Felix verdrehte die Augen und grinste. »Klar. Ich hatte es befürchtet.«

Zur Feier des Tages, oder zur Feier des Adventskranzes, oder wie Felix meinte, weil absolut kein Platz mehr zum Kochen war, hatten sie sich etwas vom Chinaimbiss bestellt.

Felix verteilte zweimal die 47 mit extra Soße und eine Portion Frühlingsrollen auf dem Tisch. »Sag mal Fränzchen, was hältst du von einer Runde Poker heute Abend? Ich habe Fred und Bert Bescheid gesagt.« Felix schaute auf seine Uhr. »Die müssten eigentlich bald hier auftauchen.«

Franzi tunkte ihre Frühlingsrolle in die Sojasoße und überlegte einen Moment, schüttelte dann aber ihren Kopf. »Nee, lass mal, das ist mir zu gefährlich mit euch dreien. Ich muss noch ein bisschen lernen und dann mit den Hühnern ins Bett. Ich schreibe morgen eine Klausur und will fit sein.«

»Oh Franzi, der sittsame Weihnachtsengel, übertreib´ es nicht. Nur ein harmloses Kartenspiel, das macht den Kopf frei.«

»Ja, ja, harmlos. Ich kenn´ euch doch. Morgen ist mein Kopf dann restlos frei von allem, was ich mir da mühsam reingeschafft habe. Nee, nee, spielt ihr Mal schön ohne mich.«

Pappsatt lehnte Franzi sich zurück. Woraufhin Felix seinen leeren Karton zur Seite schob und sich Franzis restliche Nudeln angelte. Er hatte den Mund noch voll, als es an der Tür klingelte. »Ich geh schon. Aber lass mir einen Glückskeks über«, sagte Franzi und rückte ihren Stuhl zurück.

Kaum hatte sie die Tür geöffnet, drückte ihr Bert zwei Flaschen in die Hände und umarmte sie flüchtig. »Seid ihr in der Küche?«, fragte er und warf seinen Mantel über einen Stuhl, auf dem bereits diverse Schals, Mützen und Jacken lagen. Bevor Franzi irgendetwas erwidern konnte, war er auch schon an ihr vorbei.

Fred, der wesentlich zurückhaltendere Teil des Pärchens, bewunderte derweil die Weihnachtsdekoration an der Tür. »Wohnt hier der Weihnachtsmann?«

»Genau. Ho, Ho, Ho!«, sagte Franzi. »Du warst doch sicherlich artig.«

»Ich glaub´ schon.« Fred lachte. »Schön weihnachtlich habt ihr es hier.«

»Ja, nicht.« Franzi strahlte. Mit den beiden Flaschen in der Hand umarmte sie ihn umständlich. »Komm, lass` uns auch in die Küche gehen.«

Dort angekommen, hielt sie Felix die Flaschen entgegen. »Wodka und Whisky, ganz harmlos.«

Achselzuckend zog Bert sich einen Stuhl heran. »Wir konnten uns nicht entscheiden. Du kannst ja auch einfach ein Gläschen Wein trinken, dann bist du beim Pokern schon mal im Vorteil.«

Franzi hob spöttisch eine Augenbraue. »Danke!«

»Sie will gar nicht mitspielen, die Spielverderberin. Sie muss mal wieder lernen.«

»Genau.«, sagte Franzi. »Die Spaßbremse verschwindet jetzt hinter ihren Büchern.«

»Och nee! Zuviel Lernen ist ungesund«, sagte Bert und Fred versuchte es mit einem Dackelblick.

Franzi lachte. »Och doch, ich muss. Aber ich wünsche euch viel Spaß.«

Gegen halb elf legte Franzi ihre Bücher zur Seite. Was sie bis jetzt nicht in den Kopf bekommen hatte, würde auch nicht mehr hineingehen.

Schon im Schlafanzug, schaute sie noch einmal in der Küche vorbei. Die drei hatten sich mit Wein begnügt und waren auf Skat umgestiegen. Den Adventskranz hatten sie auf die Arbeitsplatte neben der Spüle gestellt. Davon war Franzi nicht begeistert, aber irgendwie brauchten sie ja auch Platz zum Spielen. Morgen würde sie eine bessere Lösung finden.

Fred durchsuchte die CDs, die sich neben der kleinen Anlage auf der Fensterbank stapelten. »Sag mal, habt ihr nur noch Weihnachts-CDs?«

Franzi hob entschuldigend die Schultern. »Ich habe da im Moment so eine Phase.«

»Phase ist gut. Vor Ende Dezember wird hier nichts anderes gespielt.« Felix sortierte konzentriert seine Karten. »Warte ..., ich hol gleich etwas anderes aus meinem Zimmer.«

»Ach lass´ mal. Hier Michael Bublé, das ist doch ganz schön.«

»Siehste!«, sagte Franzi und nahm sich eine Flasche Wasser aus der Kiste. »Ich geh´ jetzt ins Bett. Spielt noch schön.«

»Gute Nacht, Mutti«, sagte Felix und grinste.

Woraufhin Franzi ihm die Zunge herausstreckte.

6.05, Franzi blinzelte irritiert auf ihren Wecker, das war eindeutig zu früh. Energisch schlug sie auf den Alarmknopf und drehte sich um. Sie hatte die Augen fast schon wieder geschlossen, als sie aus dem Augenwinkel den Stapel Bücher auf ihrem Schreibtisch sah.

Ach ja, die Kunsthistorik-Klausur. Sie hatte den Wecker so früh gestellt, um noch mal in ihre Aufzeichnungen schauen zu können. Kurzentschlossen schwang Franzi ihre Beine aus dem Bett. »Brr.« Es war empfindlich kalt. Draußen mussten deutliche Minusgrade herrschen, die nicht komplett draußen bleiben wollten. Die Altbauwohnung war zwar sehr schön mit ihren hohen Decken, dem Stuck und dem Dielenboden. Allerdings waren die schönen Fenster auch ganz schön alt und sehr schlecht isoliert. Da würde demnächst eine Investition nötig sein, an die gar nicht zu denken war. Franzi zog sich dicke Wollsocken an und schlurfte zum Schreibtisch. Zufrieden blätterte sie in ihrem dichtbeschriebenen Ringbuch und packte es in die Tasche. Sie packte ein Buch dazu und noch eins, sowie zwei weitere Kugelschreiber - nichts war schlimmer als Kugelschreiber, die mitten in der Klausur ihren Geist aufgaben.

Die Klausur würde sich um die Malerei der Jahrhundertwende drehen, Stilrichtungen, Einflüsse, Maler und so weiter. Sie mochte die Epoche; einige ihrer Lieblingskünstler hatten ihre Werke zu dieser Zeit geschaffen. Eigentlich hätte ich als Künstlerin auch besser in jene Zeit gepasst, dachte Franzi. Sie seufzte. Ein Professor hatte ihr wiederholt zu verstehen gegeben, dass er sie schlicht gar nicht für eine Künstlerin hielt.

Den Gedanken versuchte sie schnell wieder zu verdrängen. Jetzt ging es erst mal um die Kunstgeschichte, und auf diesem Terrain fühlte sie sich relativ sicher.

Auch im Bad war es schweinekalt. Bibbernd packte Franzi an den Heizkörper. Das dauerte morgens immer eine Ewigkeit, bis der warm wurde. Entweder manipulierte jemand an der Therme, zuzutrauen wäre es dem ein oder anderen Spezialisten, oder – schrecklicher Gedanke – die altersmüde Heizungsanlage schwächelte schon wieder.

Nach eiskalter Katzenwäsche zog sie über Jeans und Pulli noch ein Wollkleid und machte sich auf den Weg in die Küche. Vielleicht hat Felix schon Kaffee gekocht, hoffte Franzi. Sie hatte völlig verdrängt, dass er sich ein paar Tage freigenommen hatte.

Sie schnupperte. »Bah!« Das roch ganz und gar nicht nach frischem Kaffee, sondern nach kaltem Rauch. Bert war mal wieder zu bequem gewesen, auf den Balkon zu gehen, und Felix hatte nicht den Arsch in der Hose gehabt, ihm zu sagen, dass in der Küche nicht geraucht werden sollte. Oder es war ihm egal gewesen. Angesäuert öffnete Franzi die Küchentür. Es klirrte und eine Flasche, aus der ein Rest Wein tropfte, rollte ihr entgegen. Sie bückte sich, um die Flasche aufzuheben, und als sie sich wieder aufrichtete, sah sie das Chaos.

Ungläubig wanderte ihr Blick durch die Küche. Das konnte doch echt nicht wahr sein! Der Tisch war voll mit leeren Bierflaschen, Kronkorken, Tabakkrümeln und – igitt! verkrusteten Senfklecksen. Teller mit Essensresten und Dingen, die Franzi gar nicht genauer analysieren wollte, standen auf der Arbeitsfläche. In einem Topf schwamm ein aufgeplatztes Würstchen und in der Spüle – war ja klar – lagen ausgedrückte Kippen. Es sah aus wie nach einem echt fiesen Gelage. Wie konnten drei Mann nur so einen Saustall veranstalten?

Franzi räumte ein paar Flaschen vom Tisch, hielt dann aber inne. Das fehlte noch, dass sie hier aufräumte. Mann! Er wusste doch, dass ich heute eine Klausur schreibe, dachte Franzi. Sie war sauer, irgendwie auch traurig, enttäuscht und vor allem – langsam kam wieder Leben in sie – verdammt wütend. Und ihre Wut paarte sich allmählich gefährlich mit Hunger.

Auf der Suche nach etwas Essbarem blieb ihr Blick an dem kleinen Engelorchester aus dem Erzgebirge hängen und sie musste, gegen ihren Willen, schmunzeln.

Die »Nacktarschkombo«, wie Felix sie liebevoll getauft hatte, spielte jetzt auf kunstvoll zu einer Pyramide gestapelten Gewürzdosen.

Die drei hatten nicht nur rumgesaut und Chaos fabriziert, sie hatten auch umdekoriert. Sämtliche Weihnachtsutensilien hatten einen neuen Platz bekommen. An dem Kronleuchter hingen neben Kellen, Schneebesen, Bratenwendern und anderen Küchenfreunden, gläserne Eiszapfen. Die Gardine hatten sie mit dem Saum am Küchenschrank befestigt, sodass sie jetzt einem Plüschelch als Hängematte diente. Auf der anderen Seite der Gardinenstange seilte sich ein Engel an einer Sternenkette ab und ... Eigentlich war das alles ganz originell, aber Franzis Sinn für Originelles hielt sich im Moment arg in Grenzen. Sie brauchte dringend ein Frühstück und im Brotkasten war kein Fitzelchen Brot mehr.

Als sie auf Zehenspitzen im obersten Fach des Küchenbüfetts nach Knäckebrot Reserven suchte, trat sie mit ihrem Sockfuß in etwas eklig Klebriges.

»Ih!« Angewidert betrachtet sie die braunrote, zähe Masse und sah dann die halb leere, offene Ketchupflasche auf dem Kühlschrank stehen. Da hatte jemand den Ketchup – ohne Deckel – kräftig durchgeschüttelt. In einem Halbkreis um den Kühlschrank waren Sprenkel auf dem Küchenboden verteilt. Wütend knallte Franzi erst den Brotkasten, dann die Schranktür zu. Knäckebrot war auch keins mehr da. Blieb ihr nur Müsli, was sie noch nie sonderlich gemocht hatte.

Ihr lautstarkes, wütendes Geklapper musste Felix geweckt haben. Er hatte im Wohnzimmer nebenan auf dem Sofa geschlafen und kam völlig verschlafen in die Küche geschlurft. »Was machst du denn für einen Krach?« Er blinzelte auf die Küchenuhr. »Und wieso bist du überhaupt schon wach?«

Franzi, die dabei war sich eine Schale abzuwaschen – saubere gab es natürlich nicht mehr – drehte sich, mit der Abwaschbürste in der Hand, abrupt um und starrte ihn nur schweigend an.

»Hey! Du spritzt! Was ‘n los? Bist du sauer?«

»Was für eine Frage.« Franzi schnaubte. »Sieh dich doch mal um. Zu Essen ist nichts mehr da, es stinkt nach Rauch und ...« Sie hielt inne und sah sich Felix genauer an. Er hatte Weihnachtskugeln über den Ohren hängen und diverse rote Schleifen im Haar. In eine Schleife hatten sie ihm einen kleinen Tannenzweig gebunden und ... Sie spürte das sie, gegen ihren Willen, grinsen musste. Aber das kam gar nicht in Frage! Ich muss hier raus, dachte sie und schmiss die Abwaschbürste ins Waschbecken. Sie schob Felix zur Seite, stiefelte in ihr Zimmer und holte ihre Sachen. Während sie sich anzog, versuchte Felix sie zu beschwichtigen. »Aber Franzi, sei doch nicht so sauer, ich ...«

»Nichts aber Franzi!« Sie wühlte in den Klamotten, die auf dem Garderobenstuhl lagen. »Verdammt, wo ist sie denn schon wieder?«

Kommentarlos reichte Felix ihr eine rot/grün geringelte Mütze.

»Danke.«

Sie sahen sich an. Franzi wollte etwas sagen, ließ es dann aber doch bleiben. Schließlich wickelte sie sich ihren Schal um und verließ ohne ein weiteres Wort die Wohnung. Im Hausflur stand sie allerdings erst mal ratlos da. »Mist!« – Was für eine blöde Übersprungshandlung. Wütend schleuderte sie sich ihre Tasche über die Schulter. »Au!« Es fühlte sich an, als würde sie sich die Schulter auskugeln. Wieso hatte sie da bloß so viel reingepackt? So ein Blödsinn! Ihr Magen machte sich lautstark bemerkbar. Ich brauche dringend ein Frühstück, wie soll ich denn sonst die Klausur durchstehen? Zu allem Überfluss stellte sie fest, dass sie mal wieder ihre Handschuhe vergessen hatte. Sie vergrub ihre Hände tief in den Manteltaschen und trat auf den Bürgersteig.

Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, hatte der Weihnachtsbaumverkäufer Franzi entdeckt und grüßte sie freundlich. Missmutig wie Franzi war, konnte sie sich gerade noch dazu durchringen, ihm zuzunicken.

Mit seiner Dogger-Mütze und seinem dunkelblauen Troyer sah er aus wie einer der Hipster, die an der Uni rudelweise rumliefen. Sie war sich allerdings ziemlich sicher, dass er die Kleidung aus praktischen und nicht aus modischen Gründen gewählt hatte.

Seit einer Woche stand er mit seinen Bäumen bereits dort, aber erst jetzt fiel Franzi auf, wie selten dämlich der Platz für einen Weihnachtsbaumverkauf war. Zwischen Tankstelle und Schnellreinigung, in einem Viertel mit nur wenigen, heruntergekommenen Wohnhäusern. Hier wohnten vorwiegend Studenten, Künstler und ein paar Rentner, von denen konnte sicher kaum einer viel Geld für einen Weihnachtsbaum erübrigen. Dabei hatte er wirklich schöne Bäume und riesige wunderschöne Mistelzweige. Bisher hatte Franzi sie jeden Morgen bewundert.

»Ärger gehabt?«, fragte der Weihnachtsbaumverkäufer. »Das ist der erste Morgen, an dem du nicht lächelst.«

Jetzt lächelte Franzi doch. »Ich habe so einen Hunger, dass er meine gute Laune aufgefressen hat.«

»Das kann ich gut verstehen, ich habe auch noch nicht so richtig gefrühstückt.«, sagte er.

»Ich noch nicht mal unrichtig! Und zudem habe ich«, sie schaute auf ihre Armbanduhr, »in gut einer Stunde eine wichtige Prüfung.«

»Oh.« Einen Moment sah er sie ratlos an, dann erhellte sich sein Gesicht. »Da muss etwas geschehen. Warte kurz.« Ohne weitere Erklärung verschwand er in Richtung Tankstelle.

Franzi sah ihm nach. Sie rieb sich die Hände und trippelte von einem Fuß auf den anderen. Warten war keine gute Idee, dachte sie. Es war verdammt kalt geworden. Doch wenige Minuten später änderte sie ihre Meinung: Warten war eine Spitzenidee gewesen!

Der Weihnachtsbaumverkäufer – wie hieß er eigentlich? – kam zurück, beladen mit Milchkaffee und diversen Croissants.

»Süß oder herzhaft?«, fragte er.

»Süß.«, sagte Franzi spontan, zögerte dann aber und floskelte: »Das kann ich doch nicht annehmen.«

»Du kannst.«, sagte er und fügte hinzu: »Ich bekomme Sonderkonditionen, weil der Tankstellenbesitzer ein schlechtes Gewissen hat. Sein Sohn hat mich hierhergelockt und mir weisgemacht, dass das hier ein Spitzenplatz sei. Ich zahle zwar nur eine geringe Miete, aber jeder Cent ist zu viel.«

»Dann vielen Dank!« Franzi biss in ihr süßes, mit Nugat gefülltes Croissant. Zwischen zwei Bissen fragte sie: »Sag mal, wie heißt du eigentlich?«

»Martin, und du?«

»Franzi.«

Für einen Moment begegneten sich ihre Augen, dann konzentrierten sie sich beide wieder, ein bisschen verlegen, auf ihre Croissants.

Schließlich klopfte Franzi sich die Krümel vom Mantel und deutete unvermittelt auf eine besonders schöne Mistel. »Könntest du mir die dort bis heute Abend zurücklegen?«

»Klar. Ich glaub´ zwar nicht, dass ich heute noch einen Ausverkauf befürchten muss, aber auch wenn es einen Riesenansturm gibt, diese Mistel ist für dich reserviert.«

»Prima. Ich glaub´, ich sollte langsam mal los. Vielen Dank für das Frühstück.«

»Gerne.« Im fiel etwas ein. »Warte nur einen Moment.« Mit wenigen Schritten war er an der Beifahrertür seines Transporters. Nervös sah Franzi auf ihre Uhr, langsam saß sie wirklich auf Kohlen. Sie lächelte ziemlich angespannt, während er in seinem Rucksack wühlte und schließlich eine altmodische Blechbrotdose hervorkramte.

»Äh, magst du?« Verlegen drehte er einen riesigen, fladenartigen Keks in seiner Hand. »Das sind die Überlebenskekse meiner Mutter ..., ich weiß, die sehen etwas gewöhnungsbedürftig aus, aber ich dachte ... als Nervennahrung, für deine Prüfung. Oder falls du noch mal Hunger bekommst ...« Einmal angefangen, konnte er nicht aufhören, sich zu verhaspeln. »Und sie schmecken besser als sie aussehen.«

Womit hatte sie so viel Freundlichkeit am frühen Morgen verdient? Franzi war ganz gerührt. »Also ich finde, sie sehen total lecker aus. Und für heute ist mein Überleben auf alle Fälle gesichert.«

Als Martin Franzi den Keks reichte, berührten sich kurz ihre Hände.

»Du brauchst Handschuhe.«

»Ja, stimmt.« Vorsichtig verstaute sie den Müslikeks in ihrer Tasche. »Aber jetzt muss ich wirklich los, sonst schmeiß´ ich mein Studium hin, werde zu einem deiner Tannenbäume und lasse mich rundum versorgen.«

Martin lachte. »Warum nicht?«

»Tja.« Sie zuckte mit den Schultern. »Weiß ich eigentlich auch nicht. Auf jeden Fall vielen Dank!«

Kapitel 2

Franzi überflog ihre Klausur, sie war zufrieden, besser hätte es gar nicht laufen können. Sie schaute zum Pult, dort war Professor Kugler fast vollständig hinter seiner Zeitung verschwunden. Völlig in Gedanken begann sie ihn, aus ihrem Gedächtnis zu zeichnen. Seine hohe Stirn, die lange gerade Nase. Oberhalb des rechten Wangenknochens hatte er eine kleine längliche Narbe, die fast vollständig in den Fältchen um seine Augen verschwand, wenn er lächelte. Dann sah man auch seine Zahnlücke zwischen dem rechten, oberen Eckzahn und den Backenzähnen. Franzi knabberte an ihrem kurz gespitzten Bleistift, als Professor Kugler plötzlich seine Zeitung sinken ließ. »Noch 10 Minuten.«, sagte er und war schon wieder hinter der Zeitung verschwunden. Erschrocken sah Franzi auf ihre Zeichnung, faltete sie schnell zusammen und ließ sie in ihrer Tasche verschwinden. Sie könnte noch einmal alles in Ruhe durchlesen, doch wozu? Sie sortierte ihre Zettel und gab dann ihre Arbeit ab. Leise, um die anderen nicht zu stören, packte sie ihre Sachen zusammen. Sie war eine der Letzten, nur fünf Kommilitonen saßen noch im Raum. Eine von ihnen war Carla, die jetzt hektisch ihre Arbeit zusammenschob, ihre Thermoskanne in die Tasche stopfte und sich ihren Mantel unter den Arm klemmte. Im Vorbeigehen legte sie ihre Klausur auf das Pult und eilte hinter Franzi her. »Warte Franzi, kommst du mit in die Cafeteria?«

»Pscht!« Vorsichtig schloss Franzi die Tür hinter ihrer Freundin und wartete auf sie. Carla hatte ihre Tasche und ihren Mantel vor der Tür fallengelassen und kramte jetzt in aller Seelenruhe Mütze, Schal und einen Apfel hervor. Carla biss von ihrem Apfel ab und fragte dann kauend: »Hat dein Weihnatschwanschinn eigentlisch schon angefangen?« Franzi wischte sich über die Stirn. »Nee, aber beiß´ ruhig noch mal ab! Ich liebe Apfelmus in meinem Gesicht.«

»Oh ´schuldige, aber ich hatte kein Frühstück.«

»Ich auch nicht, oder doch, ach erzähl´ ich dir gleich. Lass´ uns in die Cafeteria gehen. Der Weihnachtsmarkt geht für mich übrigens erst übermorgen los. Morgen habe ich noch Malerei bei Professor Helmer.«

Carla schüttelte sich. »Igitt! Ich auch. Musst du mich daran erinnern? Das hatte ich so schön verdrängt.«

Franzi lachte. »Genau, igitt. Du hast vollkommen recht. Aber es ist ja das letzte Mal vor den Ferien und ab Freitag bin ich dann jeden Tag auf den Weihnachtsmarkt.«

»Jeden Tag? Bist du wahnsinnig?«

»Ich brauch´ die Kohle. Außerdem freue ich mich auch irgendwie darauf.«

»Sag´ ich ja, du bist wahnsinnig.«

»Genau.«, sagte Franzi. »Ach ja, nur montags lass´ ich mich vertreten für den Porträtkurs bei Professor Kugler.«

»Das will ich doch hoffen, dass sie in meinen Kurs kommen.«, sagte Professor Kugler, der unbemerkt hinter sie getreten war.

»Oh!« Franzi drehte sich zu ihm um und wurde rot.

Er schloss die Tür ab und wandte sich wieder den beiden zu. »Na, wie ist es bei ihnen gelaufen? Franka – nein Entschuldigung, Franziska, nicht wahr? – Ihnen müsste das Thema doch gelegen haben.«

Franzi wurde noch röter und murmelte: »Ja, ich denke schon, dass es ganz gut gelaufen ist.«

»Schön.« Er strich seinen grau melierten, etwas zu langen Pony zurück. »Und bei Ihnen, Carla?«

»Ganz fantastisch.«, sagte Carla, ohne eine Miene zu verziehen.

Professor Kugler lächelte. »Sehr schön. Ich würde ja zu gerne mit Ihnen beiden einen Kaffee trinken gehen, doch leider muss ich in mein Seminar.«

Carla zuckte mit den Schultern. »Tja, da kann man nichts machen.« Sie packte Franzi am Arm und zog sie mit sich. »Wir müssen dann jetzt auch los.«

»Vielleicht ein anderes Mal?« rief er ihnen nach.

»Ja, vielleicht.«, sagte Carla unbestimmt im Gehen über die Schulter. Nur wenige Schritte weiter und nur unwesentlich leiser fügte sie hinzu: »Schleimscheißer!«

Franzi machte sich los. »Pst! Wenn er dich hört. Er war doch einfach nur nett. Und überhaupt ich mag ihn.«

»Na, das war ja nicht zu übersehen.«

»Hrmpf!« Hätte Franzi noch röter werden können, wäre sie es sicherlich geworden. »Quatsch! Ich finde einfach, er ist hier einer der wenigen, die wirklich etwas können.«

Carla verdrehte die Augen. »Ach, was kann er denn? Okay, auf seine spezielle, schleimige Art kann er ganz charmant sein. Er sieht ... na ja, für sein Alter relativ gut aus. Und stimmt! Zugegebenermaßen baggert er wie ein Weltmeister.«

Ehrlich entrüstet, schnaubte Franzi regelrecht. »Hast du mal seine Illustrationen gesehen? Die sind großartig!«

»Klar sind sie das. Aber es ist jetzt auch schon zehn Jahre her, dass seine letzten Meisterwerke entstanden sind. Seitdem verkriecht er sich hier in der Kunsthistorik und arbeitet sich durch den weiblichen Künstlernachwuchs. Guck´ nicht so sauer, frag´ mal Gitta.«

»Ach komm´ Gitta ist nun wirklich keine seriöse Quelle. Außerdem kannst du sagen, was du willst, ich finde ihn genial. Seine Kurse sind super und er ist der Einzige, der sich auch mal einfach so für seine Studenten interessiert.«

»Besonders für seine Studentinnen!«

Franzi blieb stehen, und wollte gerade wieder zum Protest ansetzen, als Carla schon beschwichtigte: »Ja, ja schon gut, ich werde nichts mehr gegen den großen Meister sagen. Und gegen Helmer ist er allemal Gold!«

Um diese Zeit war in der Cafeteria kaum etwas los. Noch übertönte kein Stimmengewirr das Geklapper aus der Küche und ihr Lieblingstisch, in einer Nische am Fenster, war frei. Carla verteilte ihr Frühstück, dabei stieß sie gegen Franzis Milchkaffee, so dass er überschwappte und den Kaffeekeks in der Untertasse ertränkte.

»Hey!« Franzi rettete ihre Tasse. »Mach` dich nicht so breit, mit deinem Gelage!« Ihr Blick wanderte über den Muffin, das Franzbrötchen, die Quarkspeise ... »Sag´ mal, willst du das wirklich alles essen?«

Carla schob den Teller mit dem Kopenhagener in die Mitte des Tisches und steckte zwei Löffel in die Quarkspeise. »Wieso? Ich dachte, du hilfst mir.«

»Nö, ich habe eigentlich gar keinen Hunger mehr.« Gedankenverloren rührte Franzi noch einen Löffel Zucker in ihren Kaffee und schaute verzückt hinaus, auf die mit Raureif bedeckten Bäume und Büsche. »Ich liebe es, wenn alles so zart weiß gepudert ist. Sieht das nicht einfach wunderschön aus?!«

Carla folgte Franzis träumerischem Blick. Sie sah das Ganze etwas nüchterner. »Vor allem ist es schon seit Tagen schweinekalt.«

»Stimmt. Aber es will einfach nicht schneien.«, wunderte sich Franzi.

»Hier schneit es sowieso nur ziemlich selten und vor Weihnachten schon gar nicht. Wenn, dann höchstens mal im Januar oder Februar.«, sagte Carla.

»Schade. In München hat es eigentlich immer schon vor Weihnachten geschneit.«

»In Bayern kommt der Weihnachtsmann auch mit seinem Schlitten durch den Schnee gestapft.«

»In Bayern kommt das Christkind!«, sagte Franzi. »Da fällt mir ein ... Weißt du, was Felix gestern gemacht hat? Ich bin immer noch stinksauer.« Sie beschrieb anschaulich das Chaos, inklusive Dekoration und kam schließlich zum Dekorateur. »... an seiner Hose hing noch so eine aufgerollte Sternengirlande aus Draht, es sah aus, als hätte er eine Sprungfeder am Hintern. So ist er hinter mir geschlurft und hat mich ernsthaft gefragt, ob ich sauer sei.«

Carla kicherte.

»Hey! Das ist nicht witzig.« Franzi hielt einen Moment inne und erinnerte sich, wie Felix in seiner ganzen Pracht vor ihr gestanden hatte - und sie musste auch kichern. »Okay, das war doch witzig.«

Zwei Vorlesungen hatte Franzi sich angehört, war zwischendurch in die Mensa gegangen und hatte einen ziemlich üblen Gemüseauflauf gegessen. Anschließend trödelte sie ein bisschen an den diversen Schwarzen-Brettern entlang. Sie hatte einfach keine Lust, nach Hause zu gehen. Klar, im Rückblick war das alles ganz witzig, und sie war sonst alles andere als pedantisch ordentlich und mochte auch gerne feiern, aber Weihnachten wollte sie es nun mal heimelig, schön und gemütlich haben.

Als sie sich schließlich doch auf den Heimweg machte, fuhr ihr der Bus vor der Nase weg. Sie beschloss, zu Fuß zu gehen. Die Dämmerung setzte bereits ein und Franzi bewunderte auf ihrem Weg, die immer zahlreicher werdenden Lichterketten.

Schließlich kam sie zu der Tankstelle und sogar die war mit Weihnachtsbeleuchtung geschmückt. In regelmäßigen Abständen leuchtete eine Sternschnuppe in blau, grün, rot und wieder blau ... Nicht schön und auch nicht selten, aber na ja – irgendwie weihnachtlich.

Martin war schon dabei sein Werkzeug zusammen zu räumen, doch als er Franzi kommen sah, legte er Säge und Beil achtlos beiseite und kam strahlend auf sie zu. »Hi!«

»Hi, hast du meinen Mistelzweig noch?«

»Klar.« Martin hatte ihn extra in seinen Transporter gelegt und holte ihn jetzt schnell.

Bewundernd betrachtete Franzi den riesigen Zweig erneut. »Was für ein Prachtexemplar. So filigran und märchenhaft.« Vorsichtig strich sie über die schneeweißen, kleinen Beeren. »Hoffentlich breche ich nicht die Hälfte der Beeren schon beim Transport ab.«

»Ach was, die sind noch ziemlich frisch. Na und wenn sie abfallen, bringt es Glück.«

»Wirklich?«

»Klar!«

»Und wenn sie nicht abfallen?«

»Dann hast du erst recht Glück und Beeren.«

Franzi lachte. »Das hört sich gut an. Scheinen ein echter Glücksfall zu sein, deine Mistelzweige.«

»Das sind sie auf jeden Fall.«

»Und was bekommst du jetzt für diesen Wunderzweig?«

Martin winkte ab. »Lass mal, bei uns sind die Misteln eigentlich eine Plage.«

»Ist klar! Deswegen werden sie auch überall teuer verkauft.«

»Wirklich! Mein Opa hat vor einigen Jahren mit den Mistelbeeren rumexperimentiert und jetzt ist bei uns fast jeder Obstbaum befallen.«

Franzi sah ihn ungläubig an. Sie schüttelte den Kopf und reichte ihm den Zweig zurück. »Trotzdem. Das kommt nicht in Frage. Ich kann das nicht auch noch annehmen. Dabei hätte ich den Zweig wirklich gern.«

»Okay.« Martin gab nach. »Aber dann bekommst du noch einen Punsch von mir.« Als er Franzis Blick sah, fügte er schnell hinzu: »Du weißt doch, Sonderkonditionen ...«

Franzi verdrehte die Augen, doch bevor sie etwas sagen konnte, war Martin schon in der Tankstelle verschwunden. Kurz darauf kam er mit zwei dampfenden Pappbechern zurück.

Sie wärmte ihre eiskalten Hände an dem heißen Getränk. »Danke! Du bist echt ein unglaublicher Geschäftsmann. Sag mal, hast´ du überhaupt schon einen Baum verkauft?«

Er grinste verschämt. »Nö, eigentlich habe ich letzte Woche nur ein paar Adventskränze verkauft und heute noch einen Mistelzweig. Aber das Autoüberbrückungsgeschäft läuft richtig gut. Ich habe schon dreimal Starthilfe gegeben und einmal sogar Trinkgeld bekommen.«

»Na prima. Willst du denn mit deinen Bäumen hier stehen bleiben?«

Martin zuckte mit den Schultern. »Was soll ich machen? Außerdem, es ist ja noch ein bisschen hin bis Heiligabend. Bestimmt entschließt sich der ein oder andere noch, einen Baum zu kaufen.«

Franzi war sich da nicht so sicher, aber sie wollte ihm auch nicht seine Illusion nehmen. »Also, ich kaufe auf jeden Fall einen Weihnachtsbaum. Nächste Woche such ich mir den Allerschönsten bei dir aus. – So.« Sie versuchte Zweig und Tasche, möglichst geschickt, zusammen zu greifen. »Jetzt muss ich, glaub ich, wirklich los. Vielen Dank für den Zweig, den Punsch und ...«

Er unterbrach sie: »Da nich´ für!«

Franzi lächelte, so ein Schnack.

Leise Weihnachtsmusik war im Hausflur zu hören. Ella Fitz Gerald sang vom Winterwunderland. – Wie schön. Franzi kramte nach ihrem Schlüssel und hielt einen Moment inne. Wer hier wohl Weihnachtsmusik hörte?

Plötzlich, bevor sie ihren Schlüssel im Schloss drehen konnte, ging die Tür auf und Franzi landete in Felix´ Armen.

»Hoppla!«, sagte Felix. Er wollte sie gleich an sich drücken, doch sie hielt ihn mit ihrem Mistelzweig auf Abstand und ignorierte seinen Dackelblick. Dabei stand er da wie das personifizierte schlechte Gewissen. »Verzeihst du mir, mein süßer Weihnachtsengel?«

Mühsam hielt Franzi ihre Mundwinkel unter Kontrolle und schielte um die Ecke. »Erst mal sehen, wie es hier aussieht.« Langsam zog sie ihren Mantel aus, den Felix ihr sofort abnahm und auf einen Bügel an die Garderobe hängte. »Es ist alles wieder picobello, Prinzesschen. Ich habe geschuftet wie ein Ackergaul, und jetzt habe ich ein Küsschen verdient!« Er deutete über sich. »Schau wir stehen direkt unter einem Mistelzweig.«

Franzi guckte nach oben, wo wirklich ein gewaltiger Mistelzweig an der Decke hing. Er musste der andere Kunde bei Martin gewesen sein, dachte sie und gab ihm endlich seinen ersehnten Kuss. »Mistkerl, blöder!« Sie grinste. »Und wo soll ich jetzt damit hin?« Fragend hielt sie ihm ihren Mistelzweig entgegen.

»Ach, den hängen wir nachher in den Hausflur, damit sich die Nachbarn auch ein bisschen liebhaben. Aber jetzt komm, ich will dir was zeigen.« Er war zappelig wie ein kleines Kind, das seine Bastelei hinter dem Rücken versteckt hält. Zugegebenermaßen ziemlich neugierig folgte Franzi ihm in die Küche, und die war wirklich kaum wiederzuerkennen. Alles war auf Hochglanz poliert. »Welch seltener Glanz in dieser Hütte, äh Küche«, staunte Franzi. Nichts deutete mehr auf das nächtliche Gelage hin. Lediglich die Eiszapfen hingen noch am Kronleuchter – aber das sah eigentlich richtig gut aus.

Dann sah Franzi, was er noch für sie angerichtet hatte: Im Küchenfenster hing ein Schwein, ein herrliches Schwein! Es hatte große goldene Engelsflügel, ein Grinsen im Gesicht und es schickte sich an, mit seinem wohlgeformten Hintern eine Arschbombe zu machen. Unter dem Schwein stand, auf der Fensterbank, ein flacher silberner Korb, gefüllt mit einer Wolke aus rosa Zuckerwatte.

Gerührt drückte Franzi Felix. »Das ist ja schön.«

Er grinste stolz. »Ja, nicht! Und guck mal hier, ich habe einen Platz für unseren Adventskranz gefunden.« Er deutete auf den Kühlschrank, der durch das grüne Monstrum ganz verändert aussah. »Ich habe extra meine Müsligläser weggeräumt.«

Oh ha, das war wirklich ein Opfer. Denn sein Müsli, das er jeden Morgen aufs Neue zusammenstellte, war ihm heilig.

»Das ist ein super Platz, aber wo hast du denn dein Vogelfutter untergebracht?«, fragte Franzi.

Felix öffnete einen Küchenschrank, in dem die Gläser mit den Nüssen, Kernen und getrockneten Früchten dicht gedrängt und übereinandergestapelt standen. »Ich habe ein bisschen umgeräumt – ist ja nicht für lange?!«

»Nein, nein, spätestens Anfang März, kannst du alles wieder zurück räumen.«

Als Franzi sein Gesicht sah, lachte sie. »Ich habe nur Spaß gemacht.«

Sichtlich erleichtert nahm er sie in den Arm. »Alles wieder gut?«

»Ja, du lieber Chaot.« Sie gab ihm noch einen Kuss. »Ich glaub, ich war ganz schön empfindlich und hab vielleicht auch ein bisschen übertrieben mit meiner Schmückerei.«

»Vielleicht ein klitzekleines bisschen.«, sagte Felix, fügte aber schnell hinzu: »Aber hör bloß nicht auf damit. Ich liebe es.«

»Klar.« Sie schnupperte. »Mm, was riecht denn hier so lecker? Wenn du jetzt auch noch gekocht hast, fall ich gleich hintenüber.«

Felix war Koch mit Leib, Seele und Leidenschaft. Zu Hause jedoch kochte er nur äußerst selten. Er hatte sein Hobby zum Beruf gemacht und konnte sich so in seiner Freizeit anderen schönen Dingen widmen, meinte er.

»Ich hab mit dem Gedanken gespielt«, sagte Felix.

»Nein!«

»Doch! Aber dann fiel mein Blick auf die Nummer vom Pizzaservice und ich erinnerte mich, dass du schon seit einer Ewigkeit nicht mehr deine Lieblingspizza gegessen hast.«

Er öffnete den Ofen. »Und hier ist sie – die Spezial Parmaschinken, Pfirsich, Rucola Pizza, frisch wieder aufgebacken. Ta, Ta!«

Mit dem Tusch stellte er die Pizza auf den Tisch und holte noch eine zweite aus dem Ofen. »Allein Essen ist doof. Holst du Weingläser? Ich habe uns noch einen guten Bordeaux mitgebracht.«

»Sag mal, woher wusstest du eigentlich, wann ich komme?«, fragte Franzi zwischen zwei Bissen, mit halb vollem Mund – die Pizza war einfach zu köstlich. »Du hast ja direkt hinter der Tür gelauert, als ich aufschließen wollte.«

Felix setzte sein Glas ab. »Ich habe euch schon eine ganze Weile beobachtet, dich und den netten Weihnachtsbaummenschen.« Nachdenklich fügte er hinzu: »Wäre der nicht was für dich? Der ist doch echt niedlich.«

Franzi verdrehte die Augen. »Felix, lass den Quatsch! Er ist wirklich ein netter Mensch – aber nein danke, kein Bedarf.«

»Na, wer nicht will, der hat schon.« Forschend beobachtete Felix Franzis Gesicht. »Ach nee, Franzi! Doch nicht immer noch der Prof?«

Ärgerlich, verlegen und leider ziemlich rot, wie Franzi spürte, murmelte sie: »Quatsch! Du verstehst das nicht.«

Betrübt schüttelte Felix den Kopf. »Stimmt, ich versteh das wirklich nicht.« Als er ihren Blick sah, seufzte er. »Schon gut, vergessen wir das Thema.« Er lehnte sich zurück und sagte betont munter: »Lass uns eine deiner Weihnachtsdrogen gucken.« Womit er Franzis gut sortierte Sammlung von Weihnacht-DVDs meinte. Von Klamauk bis Kitsch war alles vorhanden, was irgendwie mit Weihnachten zu tun hatte. »Mir ist heut so, nach der ganzen Schmückerei. Wir kuscheln uns aufs Sofa und glotzen bis der Bildschirm schneit.«

»Au ja!« Franzi war schon dabei sich durch ihr Sortiment zu wühlen. »Aber welche Generation bist du denn? Der Bildschirm schneit doch heut nicht mehr.«

»Na, bei dir schon. Du freche Göre! Und jetzt rück mal, der Opa bringt den Wein mit. Denn Weihnachten muss Opa auf den Wein achten! Da kennt er sich aus.«

Felix ließ sich in das große, plüschige Sofa fallen, ein Erbstück seiner Oma, das er mit einem wunderschönen, tiefblauen Samt hatte beziehen lassen. Das Sofa war das Prunkstück in dem kleinen, an die Küche angrenzendem Raum, den Franzi und Felix zu ihrem Wohnzimmer auserkoren hatten. Nachdem Franzi noch fast ein Dutzend Kerzen angezündet hatte, kuschelte sie sich in die andere Ecke des Sofas und griff nach der Fernbedienung.

»Was gibt es denn Schönes?«, fragte Felix.

»Das Wunder von Manhattan.«

Daraufhin summte Felix: »Wunder gibt es immer wieder«

»Mm ...«

»Oh Fränzchen!«

»Pst!«

Kapitel 3

»Ach Mädchen nee, das ist doch Schrott! Das hatten wir doch alles schon! Mit diesem altbackenen Mist kannst du hier nichts mehr werden.«

Ein Loch – bitte ein Loch. Franzi sackte immer mehr in sich zusammen. Sie wünschte sich sehnlichst, dass der Boden sich auftun und sie samt ihrer Werke verschlucken würde. Professor Helmer machte sie – mal wieder – vor dem versammelten Kurs fertig. Sie wusste ja, dass sie keine wahnsinnig geniale, moderne oder innovative Künstlerin war, aber diesmal gefielen Franzi ihre eigenen Bilder – eigentlich. Das Thema hatte ihr wirklich gelegen, zumindest hatte sie das bis jetzt angenommen. Ausnahmsweise war es mal nicht erschöpfend originell, wie zum Beispiel das des letzten Sommersemesters: »Explodierendes Glas vor amorphem Hintergrund – die Härte der Vergänglichkeit«. Diese Themen brachten Franzi zur Verzweiflung, und sie haderte regelmäßig mit sich und ihrem Studienfach. Diesmal hatte das Thema schlicht und ergreifend »Landschaft« gelautet. Ihre Kommilitonen hatten unisono aufgestöhnt und vermutet, Helmer war zu faul gewesen, sich etwas Anständiges auszudenken. Franzi jedoch hatte sich gefreut. Endlich ein Thema, mit dem sie wirklich etwas anfangen konnte. Außerdem liebte sie es, in der Natur zu malen. Voller Tatendrang war sie zu all ihren liebsten Orten in der Umgebung geradelt, hatte sorgfältig Ausschnitte gewählt, mit unterschiedlichen Materialien und Techniken experimentiert, versucht ihre Gefühle in die Arbeiten einfließen zu lassen und ... verdammt ihr Herzblut lag in diesen Bildern. Und dennoch stand sie wieder mal da – puterrot, mit glühenden Ohren – und wollte sich einfach nur in Luft auflösen. Was hatte sie hier zu suchen? Es war zwecklos. Sie war keine Künstlerin und würde auch nie eine sein. Wieso tu ich mir das bloß an, dachte Franzi.

»Wer hat sie bloß zum Studium zugelassen?«, polterte Professor Helmer weiter.

Die ganze Zeit schon hatte Carla ihre Freundin besorgt beobachtet. Dass Helmer ein Arsch war und sich immer wieder einzelne Studenten herauspickte, um sie runterzumachen, war hinlänglich bekannt. Doch hier ging es um Franzi, und er war eindeutig zu weit gegangen! Ihr platzte der Kragen. »Jetzt machen sie aber mal einen Punkt! Franzis Arbeiten sind großartig! Sie wird hier nur fertiggemacht, weil keiner mehr so malen kann. Jeder kleckst und kleckert doch nur, wer weiß wie spektakulär und schräg, um irgendwie aufzufallen.«

»Ho, ho!« Professor Helmer machte Geräusche, als würde er ein temperamentvolles Pferd beruhigen wollen. Langsam ging er zu Carla hinüber und legte seine Hand beschwichtigend auf ihren Arm.

Carla schnaubte und schüttelte angewidert seine Hand ab.

»Na, na, immer mit der Ruhe.« Helmer lächelte gutmütig und blätterte in Carlas Arbeiten. »Mit ihnen bin ich sehr zufrieden, Carla! Sie haben Temperament und dieser Pinselstrich ist wunderbar kraftvoll und mutig.«

Es war zu blöd und sie wollte es nicht, aber sie konnte es nicht verhindern: Sie fühlte sich geschmeichelt.

Ein großformatiges, besonders farbenprächtiges Bild stellte Professor Helmer heraus, um es genauer zu betrachten. »Das ist großartig, so lustvoll!«

Und wieder empfand Carla, gegen ihren Willen, diesen verflixten Stolz.

Professor Helmer kniff die Augen zusammen. »Diese Brüste, die hier hervorquellen.« Er formte die Rundungen mit seinen Händen nach. »Wundervoll zum Greifen nah, sehr natürlich nachempfunden.« Sein Blick wanderte vom Bild zu Carlas Dekolleté.

Der ganze Stolz war futsch. Carla trat einen Schritt zurück und warf ihre langen, schwarzen Haare ärgerlich zurück. »So ein Quatsch! Das sind Hügel in einer abstrakten Landschaft. Sie müssen aber auch in allem etwas Sexuelles sehen!«

»Kindchen, Kunst ist Lust, Genuss, Experiment und immer wieder auch sexuell.«

»Blödsinn! Sie sind einfach ein lüsternes Arschloch!«

Der ganze Kurs hielt den Atem an. Carla hatte bei Helmer ein Stein im Brett, doch wie würde er auf diesen Ausbruch reagieren?

Unglaublicherweise schien Helmer Carla nichts übel zu nehmen. Im Gegenteil, er kicherte, sodass seine ganze schwabbelige Körperhülle vibrierte. »Hui, das nenne ich Leidenschaft! Sie inspirieren mich.« Abrupt wurde sein schnaufendes Gekicher von dem Klingeln seines Handys unterbrochen. Er schaute auf das Display, runzelte die Stirn und machte dann mit seiner freien Hand eine Bewegung, die irgendwo zwischen Verscheuchen und Winken angesiedelt war. Schon das Handy am Ohr rief er ihnen zu: »Schluss für heute, Kinder! Ich muss telefonieren.« Und verschwand eilig im Nebenraum.

Etwas verwundert schauten die Studenten Professor Helmer hinterher, der Kurs hätte eigentlich noch gut eine Viertelstunde dauern sollen. Da sie von ihm jedoch Einiges gewohnt waren, packten sie ihre Mappen ein und wunderten sich nicht länger. Während einer nach dem anderen den Raum verließ, schnaubte und schimpfte Carla noch vor sich hin. »... ich könnte ihn killen, diese eklige Schwabbelbacke!«

Franzi, die ihre Mappe inzwischen verschnürt hatte, versuchte Carla zu besänftigen. »Ach komm, lass dir von dem Idioten doch nichts einreden. Und anrühren würde ich den auch nicht, das wäre echt eklig! – Obwohl? Wenn ich mir das so überlege – er liegt da, angestochen, in einer Blutlache, daneben eine weiße Leinwand ... Doch etwas mit seinem Blut Gemaltes könnte ich mir gut vorstellen.«

Carla lächelte. »Du hast echt eine morbide Fantasie.«

»Wieso? Du hast doch damit angefangen. Wahrscheinlich würde er krepierend mit seinem letzten Atemzug hauchen: Endlich Franzi! Sie inspirieren mich!«

»Wieso sollen wir ihn eigentlich immer inspirieren? Und überhaupt, du hast mehr Talent in deinem kleinen Finger als er in seinem ganzen schwabbeligen Körper!«, sagte Carla.

Franzi machte eine abwehrende Handbewegung. »Nett von dir, aber Quark.«

»Nein, ich meine das wirklich ernst! Wahrscheinlich braucht er die ganze Inspiration, um seine Unfähigkeit zu kompensieren. Apropos ...« Carla hielt einen Moment inne. »Warte ... hm ... ich glaub, jetzt hat er mich inspiriert.« Sie strahlte Franzi an. »Ich werde einen Arschlüster kreieren und ihn irgendwo gut sichtbar aufhängen.«

»Aha!? Und was soll das sein?«

»Eine Mischung aus Arsch und Kronleuchter oder eben Lüster«, sagte Carla, als wäre es die normalste Sache der Welt. Weil Franzi sie weiterhin fragend ansah, erklärte Carla: »Ich modelliere einen Hintern aus Pappmaschee oder so, den häng ich unter einen alten Kronleuchter und dann ...« Gedankenversunken starrte Carla an die Decke und murmelte vor sich hin: »Das wird gut, das wird richtig gut! Ich sehe den riesigen Arsch schon vor mir. Ich werde ...«

Franzi kannte diesen Blick, Carla war bereits dabei, ihre Idee gedanklich umzusetzen. Nichts und niemand würde sie mehr davon abhalten.

Bevor Carla ihre Pläne weiter ausführen konnte, unterbrach Franzi sie: »Das wird auf jeden Fall großartig, mein Schatz. Und ich wette, auch dafür werden sie dich lieben. Aber jetzt lass uns bitte los. Ich muss hier endlich raus.«

»Ja klar, entschuldige! Ich komm gleich.« Carla begann, ihre Kunstwerke zu verstauen. Stirnrunzelnd betrachtete sie das Hügelbild. »Busen! Wie kommt er nur auf Busen?«

»Helmer ist und bleibt ein Idiot. Und jetzt komm!« Franzi stand schon in der Tür und wartete ungeduldig. »Mann, bin ich froh, dass ich ab morgen auf dem Weihnachtsmarkt stehe und den ganzen Verein hier ne Weile nicht mehr sehen muss.«

»Du hast echt einen Weihnachtsknall!« Carla schulterte ihre voluminöse Mappe. »Na komm, lass uns die Mappen wegbringen und dann lad ich dich zu einem Glühwein auf deinem geliebten Weihnachtsmarkt ein.«

Gebannt schaute Franzi in die bläuliche Flamme über dem riesigen Zuckerhut. Dicke Zuckertropfen fielen zischend in einen großen, glänzenden Kupferkessel und die Mischung aus karamellisierendem Zucker und brennendem Rum verbreitete einen betörenden Duft.

»Mm.« Franzi atmete tief ein.

»Hey, träum nicht. Rück lieber mal ein Stück«, sagte Carla und quetschte sich neben Franzi auf die Bank. Sie pustete in ihren Becher. »Der erste Glühwein ist immer der leckerste. Sag mal, wenn du schon auf dem Weihnachtsmarkt arbeitest, warum dann nicht am Glühweinstand? Das würde doch wenigstens Sinn machen.«

»Habe ich ja anfangs, aber von den Dämpfen hier wird man schon am frühen Morgen high, und dann diese wunderbaren Kostüme ...« Franzis Blick streifte die aufwendig kostümierten Weihnachtselfen hinter dem Tresen.

»Wieso?« Carla lächelte einem männlichen Weihnachtself zu. »Die sind doch niedlich.«

»Na ja, wer´s mag.« Franzi beobachtete, wie der Elf rot wurde und verlegen grinste. »Auf jeden Fall ist man ständig unter Kontrolle, weil der Chef alle naslang schaut, ob alle Zipfelmützen richtig sitzen und dass sich ja keiner am Glühwein vergreift. Dabei kann man den schon nach einem Tag hinterm Tresen nicht mehr riechen. Nee, da ist mir meine Erbsensuppe wirklich lieber.«

»Na dann ...« Carla hob ihren Becher an. »Prost!«

»Genau!«, sagte Franzi und sie ließen ihre Becher gegeneinander scheppern.

Während Carla noch ein bisschen mit dem wirklich ganz schmucken Weihnachtself flirtete, wärmte Franzi ihre Hände am Glühweinbecher und träumte vor sich hin. Sie liebte die Atmosphäre auf dem Weihnachtsmarkt, das glitzernde Leuchten der Lichterketten in der Dämmerung, den Duft von Tannengrün, gebrannten Mandeln, Bratwurst und Kerzenwachs. In das Stimmengewirr mischten sich die etwas blechern, aber fröhlich klingenden Weihnachtslieder vom Kinderkarussell. Hier und da klingelten Glöckchen und irgendwo war ein »Ho Ho Ho!« zu hören. Ihr war so weihnachtsglitzerig wie damals auf dem Münchner Christkindlmarkt. Bilder aus längst vergangenen Tagen entführten sie für einen Moment in eine andere Zeit, an einen anderen Ort ... Franzi seufzte leise und konzentrierte sich schnell wieder auf Carla, die inzwischen von ihrem Kobold abgelassen hatte und ihr jetzt detailliert beschrieb, wie ihr Arschlüster aussehen würde.

Es blieb nicht bei einem Glühwein ... Und Lilly gesellte sich zu ihnen. Sie hatte sich durch die Traube von Menschen gedrängt, die sich mittlerweile vor dem »Feuerzangenbowlenkessel« gebildet hatte. Völlig durchgefroren hauchte sie in ihre Hände. »Hallo ihr beiden. Wieso seid ihr nicht auf irgendeinem kuscheligen Sofa? Wie kann man bei dem Wetter freiwillig rausgehen?« Sie zappelte fröstelnd. »Brr! Ist das verflixt kalt, ich brauch dringend etwas Warmes.«

Lilly hatte vor drei Jahren mit Carla und Franzi das Kunststudium begonnen, dann aber ihre Leidenschaft für das Singen entdeckt und kurzerhand das Studium an den Nagel gehängt. Der Job auf dem Weihnachtsmarkt war einer von vielen gewesen, eine Zwischenlösung bis zu ihrem großen Durchbruch. Da der aber auf sich warten ließ, hatte Lilly inzwischen ihren eigenen Weihnachtsmarktstand und spielte mit ihrer Band unverdrossen auf Hochzeiten, Jubiläen, Firmenfeiern und allen Veranstaltungen, die sich sonst noch anboten.

Der Weihnachtsmarkt wurde immer voller. Für die erste Woche war ganz schön was los. Franzi wunderte sich, dass Lilly keine Anstalten machte, schnell wieder an ihren Stand zurückzueilen. »Hast du eine Vertretung?«, fragte sie.

»Ja, Jürgen. Der kam grad vorbei, er hat schon Feierabend und anscheinend nichts zu tun«, sagte Lilly.

»Wenn du den nicht hättest! Du nutzt den armen Kerl ganz schön aus.«

»Wieso? Er macht das gern, sagt er. Außerdem bring ich ihm gleich ...«, Lilly trank einen Schluck. »... ich meine nachher, einen Glühwein mit.«

Carla stieß Franzi an. »Siehst du, für den Mann wird gesorgt. Wir müssen jetzt auch mal an uns denken. Wie heißt dein Chef noch mal?«

»Äh? Siegfried ...« Weiter kam Franzi nicht, denn wenn man vom Teufel spricht ... Er kam gerade zu ihnen herüber.

Chefmäßig tippte er an seine Mütze. »Hallo Franzi, Lilly und ...?«

»Carla«, sagte Carla und schenkte ihm ihr schönstes Lächeln. »Mach uns doch noch eine Runde Glühwein, Sigi!«

Oha, Franzi war gespannt, wie ihr Chef reagieren würde. Normalerweise konnte er solche Vertraulichkeiten gar nicht gut vertragen. Doch Carlas Lächeln zeigte mal wieder seine Wirkung. Vielleicht lag es aber auch am guten Umsatz, denn bei dieser Kälte brachte er seinen Glühwein hektoliterweise unter das frierende Volk. Er verbesserte Carla lediglich: »Feuerzangenbowle! Bei mir gibt es keinen gewöhnlichen Glühwein!«

Und dann – es geschahen noch Zeichen und Wunder – reichte er ihnen drei dampfende Becher über die Theke. »Die gehen aufs Haus!«

Franzi staunte nicht schlecht, das hatte es ja noch nie gegeben. Und es brachte sie auf eine Idee. Wenn er gerade so gut drauf war, könnte sie doch ... »Sagen sie, wieso gibt es in diesem Jahr eigentlich keinen Weihnachtsbaumverkauf? Hinter dem Zinnschmuckstand wäre doch noch genügend Platz.«

Da hatte sie ins Schwarze getroffen. Ihr Chef grummelte sofort los: »Ja, das habe ich auch gedacht, aber der Weihnachtsbaumhöker aus Westensee hat mir quasi in letzter Minute abgesagt. Hatte wohl was Besseres gefunden. Eine Sauerei ist das!« Düster schaute er in seinen Becher. Die ganze Welt hatte sich gegen ihn verschworen. »Aber zerbrich du dir mal nicht dein hübsches Köpfchen. Sieh lieber zu, dass du Erbsensuppe verkaufst! Mit Karl am Stand haben wir nur die Hälfte an Umsatz.«

»Oh Chef, soll das etwa ein Kompliment sein?«

»Bild dir mal nüscht drauf ein, hast nun mal das hübschere Näschen als der Karl. Aber immer diese Flausen mit dem Studium im Kopp!« Unwirsch schüttelte er seinen Kopf. »Jetzt ist Weihnachtsmarktzeit, da geht das Geschäft vor!«

Lilly schnappte nach Luft. »Das kann ja wohl ...«, setzte sie an, wurde aber von Franzi mit einem Fußtritt unterbrochen. »Au!« Lilly rieb sich ihr Schienbein und sah Franzi vorwurfsvoll an. »Warum? ...«

»Später!«, zischte Franzi und wandte sie sich wieder ihrem Chef zu. »Ihr Weihnachtsmarkt hat so viel Atmosphäre!«, schmeichelte sie sich bei ihm ein. »Er ist, glaube ich, einer der schönsten in ganz Norddeutschland.«

»Nicht nur in Norddeutschland!«, unterbrach sie ihr Chef.

Carla und Lilly guckten sich an und verdrehten die Augen.

»Eben, das meine ich auch«, fuhr Franzi unbeirrt fort. »Aber was fehlt, ist ein Weihnachtsbaumverkauf. Das ist ja auch immer ein Publikumsmagnet.« Sie schielte kurz zu ihm hinüber – es hatte funktioniert: Die Dollarzeichen blinkten in seinen Augen. »Ich wüsste da zufällig jemanden, der für seine wirklich schönen Bäume einen Platz sucht.«

»Nachtigall ick hör dir trabsen!« Er lächelte, blöd war er nicht. »Na, dann schick ihn mal vorbei – den jemand. Mal sehen, was sich da machen lässt.«

Franzi strahlte ihn an. »Danke Chef! Sie werden sehen, die Weihnachtsbäume werden sich großartig auf ihrem Weihnachtsmarkt machen.«

»Na, erst mal abwarten.« Er wollte sich vorerst bedeckt halten, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen. Und dieses Grinsen wurde von Carla sofort registriert. »Ich finde, wir trinken jetzt noch eine Runde auf den Weihnachtsbaummann«, sagte sie.

Doch da wurde er wieder geschäftig – man durfte sich schließlich nicht auf der Nase rumtanzen lassen. »Ohne mich, Mädchen, ich muss jetzt mal wieder was tun!« Und im nächsten Moment war er auch schon an das andere Ende des Standes entschwunden, um dort einen seiner Weihnachtselfen auf das Fehlen von Servierten hinzuweisen.

»Oller Geizkragen!«, schimpfte Carla. »Der will bloß nicht noch eine Runde ausgeben.«

»Egal. Hauptsache das klappt mit dem Platz«, sagte Franzi.

»Wer ist das eigentlich mit den Weihnachtsbäumen?«, fragte Lilly.

Franzi dachte nach. »Seinen Namen habe ich völlig vergessen. Aber er ist echt nett und tut mir ein bisschen leid. Er versucht bei uns gegenüber, zwischen Tanke und Schnellreinigung, seine Bäume zu verkaufen.«

»Nicht ganz so pfiffig, der Mann?«, fragte Lilly und Carla versuchte, in Franzis Augen zu lesen, was es mit diesem Weihnachtsbaumverkäufer auf sich hatte.

»Ach nee, ich weiß nicht - vielleicht ein bisschen naiv. Aber ich glaub, da hat ihn einfach jemand blöd beraten«, sagte Franzi.

Lilly guckte in ihren leeren Becher, stellte ihn mit Schwung auf die Theke und sang: »Also los dann, auf zum Weihnachtsbaummann! Schubidu und schubidann ...«

»Hast du nicht was vergessen?«, fragte Franzi.

Schulterzuckend unterbrach Lilly ihren Gesang. »Nö, wieso?«

»Was ist mit Jürgen und deinem Stand?«

»Stimmt, jetzt wo du es sagst ... Wartet ihr kurz? Ich sag Jürgen nur schnell Bescheid, dass er zumachen soll. Jetzt ist Glühweinnasenzeit, da kauft eh keiner mehr was!«

Als die drei wenig später ihre frohe Botschaft verkünden wollten, war der Weihnachtsbaumplatz verwaist. Zwar waren auf dem ganzen Platz dicht an dicht Bäume verteilt und die Zaunelemente, mit denen am Abend der Platz umzäunt wurde, standen noch an der Wand zum Waschcenter, aber nirgendwo war der Weihnachtsbaumverkäufer zu sehen.

»Komisch, so früh ist er sonst nie weg«, wunderte sich Franzi. »Der ist hier bestimmt noch irgendwo.« Der Platz war nicht groß, aber unübersichtlich, also fädelte sich Franzi durch die Tannenbäume, was eine ganz schön pieksige Angelegenheit war.

»Warte!«, rief Lilly ihr hinterher, sie war mit ihrem Schal hängen geblieben und musste sich erst mühselig wieder befreien. Carla hingegen hatte keine Lust, sich auch nur noch einen Meter zu bewegen. »Von wegen, vom Weihnachtsmarkt hierher ist es nur ein Katzensprung,« Ihre hohen Stiefel waren zwar sehr chic, aber ziemlich unbequem. Die Füße taten ihr tierisch weh. »Die Katze möchte ich sehen«, murmelte sie und setzte sich auf einen Baumstumpf. Dabei entdeckte sie ein paar Arbeitshandschuhe und eine Pudelmütze. »Hey! Ihr beiden, ich habe was gefunden!« Lilly war als Erste zurück, sie betrachtete den Fund und schloss messerscharf und ein bisschen schwankend: »Er hat sich aufgelöst.«

Franzi, die sich auch wieder eingefunden hatte, nahm Lilly die Mütze aus der Hand. »Nee, aber er friert, der Arme.« Sie guckte sich die Mütze genauer an, sie war ziemlich unförmig und in der Farbzusammenstellung recht eigenwillig. »Komisch, an die müsste ich mich doch erinnern.« Kurzerhand setzte sie die Mütze auf die Spitze eines hübschen kleinen Baumes.

»Sehr schön!«, sagte Carla. Ihr Blick fiel auf die Arbeitshandschuhe in ihrer Hand. Sie lächelte und steckte sie links und rechts über Zweige des bemützten Baumes. Lilly wollte nicht nachstehen. »Opfer müssen gebracht werden!«, sagte sie, pflückte zwei große, blaue Weihnachtskugeln von ihrem Hut und befestigte sie als Augen unterhalb der Mütze.

Die drei traten einen Schritt zurück und betrachteten ihr Werk. »Der Weihnachtsbaummann!«, murmelte Lilly andächtig.

»Nicht schlecht! Der sieht Martin richtig ähnlich«, sagte jemand hinter ihnen.

Ach genau, Martin hieß er, dachte Franzi. Sie drehte sich um. Rüdiger, der aushilfsweise in der Tankstelle arbeitete, bewunderte ihr Werk. »Schade, ich dachte schon, endlich möchte jemand einen Baum kaufen. Ich soll Martin nämlich heute Abend vertreten. Oder möchtet ihr vielleicht doch einen Baum oder einen Mistelzweig?«

Bedauernd schüttelten die drei ihre Köpfe.

»Wir wollten ihm etwas Wichtiges mitteilen.«, sagte Lilly feierlich.

»Wann ist er den wieder da?«, fragte Franzi.

»Ich fürchte, da müsst ihr bis morgen warten. Soll ich ihm etwas ausrichten?«

»Lass mal, ich komm einfach morgen früh vorbei«, sagte Franzi.

»Gut, dann ... ich glaub, ich muss mal wieder los.« Er deutete in Richtung Tankstelle, wo schon ein Kunde in der Tür stand und sich suchend umsah. »Bis Morgen!«, rief er und sprintete los.

Franzi schaute ihm nach. »Schade. Na egal, morgen ist auch noch ein Tag. Kommt! Wir gehen zu mir und machen es uns gemütlich. Vielleicht ist Felix da, der müsste heute seinen letzten freien Tag haben. Dem können wir von unseren Taten berichten.« Sie stellte sich neben den Weihnachtsbaummann und legte einen Arm um seinen stacheligen Körper. »Mach mal ein Foto!«, sagte sie zu Carla. »Als Anregung für seine nächste Schmückaktion.«

Lilly sah Franzi fragend an. »Versteh ich nicht. Seit wann schmückt Felix denn irgendwas? Ich dachte, nur du bist vom heiligen Weihnachtswahnsinn befallen.«

Carla, die schon ihr Smartphone gezückt hatte, beschrieb Lilly die nächtliche Schmückaktion von Felix.

»Oh, das hört sich gut an!«, sagte Lilly. Sie wickelte sich in ihren bestimmt drei Meter langen Schal. »Dann lasst uns endlich los! Mir ist schon wieder schweinekalt! Außerdem bin ich gespannt auf Felix´ Deko.«

Doch Franzi musste sie enttäuschen. »Alles längst behoben.«

»Schaaade!«, waren Carla und Lilly sich einig.

Kapitel 4

»Guten Morgen!«, sagte Martin zu der Zeitung, hinter der er Franzi vermutete.

Es hatte geklappt, er stand mit seinen Weihnachtsbäumen auf dem Weihnachtsmarkt und sein erster Weg am ersten Morgen hatte ihn direkt zu Franzi geführt.

Nach dem zweiten, nicht mehr ganz so zaghaften, »Guten Morgen!«, ließ Franzi endlich die Zeitung sinken. »Hallo, schön dass du da bist!« Sie strahlte ihn an. »Hat alles geklappt? Möchtest du einen Kaffee?« Ohne eine Antwort abzuwarten, goss sie ihm einen Becher ein und reichte ihn über die Theke. Dann allerdings griff sie wieder zu ihrer Zeitung. »Entschuldige! Ich will nur schnell noch den letzten Absatz lesen.« Im nächsten Moment war sie auch schon wieder hinter ihrer Zeitung verschwunden.

»Schon Okay«, murmelte Martin und nippte an seinem Kaffee. Nur ein paar Locken und ihre Hände waren noch zu sehen. Obwohl ihre Hände leicht gerötet waren, sah man die zarten Sommersprossen auf den Handrücken. - Ob ihre Hände wohl wieder so kalt waren?

Unvermittelt ließ Franzi die Zeitung sinken und lächelte in seine Beobachtungen hinein. »Hast du schon den Bericht über die neue Ausstellung in der Kunsthalle gelesen? - Sehr interessant. Einer meiner Professoren hat den Artikel geschrieben.«

Martin hob entschuldigend die Schultern. »Ich bin heute Morgen noch gar nicht dazu gekommen, mir eine Zeitung zu holen, geschweige denn sie zu lesen. Es hat eine ganze Weile gedauert, die Bäume und Zäune hierher zu transportieren und alles wieder aufzubauen.«

»Klar! Aber vielleicht kommst du nachher dazu. Ich leih sie dir gerne.«, sagte Franzi.

»Das wäre schön. Es werden ja nicht gleich heute früh Heerscharen von Kunden einen Baum haben wollen. Obwohl ich wirklich hoffe, dass es hier besser läuft als bei der Tankstelle.«

»Das wird es bestimmt.« Franzi war entschieden optimistisch. Sie reichte Martin die Zeitung über den Tresen. Im selben Moment kam Lilly an den Stand. Sie sah die Zeitung und den Artikel mit dem großformatigen Foto. »Oh, der Artikel vom Windei Kugler. Was hat dein Schwarm denn wieder Großartiges verzapft?«

Franzi wurde rot. »Er ist nicht mein Schwarm! Lies den Artikel! Er ist präzise geschrieben und voll interessanter Beobachtungen.«

»Interessante Beobachtungen? Was beobachtet er denn, der Gute?«

»Grr! Du weißt schon, was ich meine! Außerdem musst du doch zugeben, dass er wirklich Ahnung hat, und ein fantastischer Künstler ist und ...«

»Schon gut!« Lilly lachte. »Ich werde nie wieder etwas gegen Kugler den Großen sagen. Es gibt ja auch wirklich schlimmere. Und jetzt schau nicht so sauer. Gib mir lieber einen Kaffee.«

Franzi holte einen weiteren Becher aus dem Regal, füllte ihn mit Kaffee und sagte dabei zu Martin: »Darf ich vorstellen, das ist Lilly.«

»Hi Lilly!«, sagte Martin.

»Hi!«, erwiderte Lilly, sie musterte ihn nicht uninteressiert.

Franzi guckte von einem zum anderen. »Lilly hat mal mit uns zusammen studiert, deswegen meint sie, ihre ätzenden Kommentare abgeben zu können.«

»Richtig. Und ich bin heilfroh, aus diesem Kleckstempel der Eitelkeiten entkommen zu sein.«

»Jetzt versucht sie sich im Musikgewerbe, was ja völlig von Eitelkeiten befreit ist.«

Lilly streckte Franzi die Zunge raus. Die grinste nur, sagte dann aber zu Martin: »Lilly hat eine fantastische Stimme und ihre Band ist wirklich klasse! Eigentlich warten sie nur noch auf den großen Durchbruch.«

»Na ja«, Lilly wiegelte ab. »Um bei der Wahrheit zu bleiben: Wir tingeln von Hochzeit zu Hochzeit, auf der Karriereleiter knapp über dem Alleinunterhalter mit Hammond-Orgel.«

»Aber das klingt doch spannend«, sagte Martin. »Was spielt ihr denn für Musik?«

»Ach, so eine richtige Richtung haben wir eigentlich gar nicht. Ein bisschen Soul, R & B und – na ja, wenn ich ehrlich bin, sind unsere eigenen Stücke erstens rar und zweitens nicht sehr gefragt. Meistens covern wir halt. Aber wir arbeiten an neuen Songs. Und im Moment sind wir, glaube ich, auf einem ganz guten Weg. Allerdings brauchen wir alle noch unsere Brotjobs und deswegen steh ich mir hier auf dem Weihnachtsmarkt die Beine in den Bauch.«

»Sie ist unser Glitzerengel.«, warf Franzi ein. »Jedes Jahr kommt ein neues glitzerndes Produkt hinzu. Glitzerkerzen, Glitzersterne, Glitzer...«

»Glitzerkugeln«, vollendete Martin den Satz.

Verwundert schauten Franzi und Lilly ihn an. Er grinste und deutete auf Lillys Hut, auf dem sie ca. ein Dutzend glitzernde Kugeln drapiert hatte. Lachend sagte Lilly zu Franzi: »Das ist ja ein echter Blitzkneisser!« Die antwortete trocken: »Na ja, er wollte Weihnachtsbäume an der Tankstelle verkaufen, das fand ich jetzt nicht so pfiffig.«

»Ach, du bist das mit den Weihnachtsbäumen.«

»Genau, ich bin der Trottel.«

»Ach was«, sagte Lilly. »Ein bisschen naiv vielleicht. Aber sag mal, wie hat dir denn unser Weihnachtsbaummann gefallen?«

»Ihr habt Waldemar so schön geschmückt?!« Lächelnd sah er von Lilly zu Franzi – und Lilly beobachtete seinen Blick. »Er, also Waldemar hat noch eine Nase und einen Schal bekommen und passt jetzt auf den Stand auf, wenn ich nicht da bin.«, sagte Martin.

»Waldemar, wie wunderbar!«, trällerte Lilly. Schwungvoll drehte sie sich und griff nach dem Zuckerstreuer. »Upps!« Sie prallte mit einem großen, äußerst gediegen gekleideten Mann zusammen. »Jürgen! Was schleichst du dich denn so an? Ich habe einen richtigen Schreck gekriegt.« Was man ihr allerdings keineswegs anmerkte. Jürgen hingegen, sah ziemlich verschreckt aus. »Entschuldige!«, murmelte er und klopfte sich verstohlen den Zucker von seinem eleganten, anthrazitfarbenen Wollmantel. Dann erst nahm er Martin und Franzi richtig war. Er schüttelte Martin förmlich die Hand. »Guten Morgen! Jürgen Simmerlich«, stellte er sich vor.

»Äh, hallo, Martin«, sagte Martin.

»Schön, äh, nett sie, äh, dich kennenzulernen.« Verlegen wandte Jürgen Simmerlich, sich an Franzi: »Franzi, könnte ich bitte einen Kaffee bekommen?«

»Gerne! Wie immer mit Milch und Zucker?« Franzi hatte den Becher schon in der Hand, als Lilly sich einmischte. »Ach, Kaffee kannst du auch nachher noch trinken. Du wolltest mir doch mit der Vitrine helfen. Und ...« Sie sah auf eine imaginäre Uhr am Handgelenk. »Es ist schon verdammt spät!« Ungeduldig trippelte sie auf der Stelle. »Kommst du?«

»Ja klar, ich komme.« Er wollte schon hinter Lilly hereilen, drehte sich aber doch noch mal um und lächelte entschuldigend. »Es tut mir leid! Kann ich vielleicht später ...« Was er hatte sagen wollen, blieb offen. Lilly ließ ihm keine Zeit für weitere Erklärungen. Sie zog ihn einfach hinter sich her und quasselte auf ihn ein.

»Wer war das jetzt?«, fragte Martin, während er den beiden nachsah.

»Das war Jürgen, Lillys Schatten. Sie nutzt ihn von vorne bis hinten aus, und er scheint es auch noch zu genießen. In der Bank, in der er arbeitet, nennen sie ihn schon Glitzi, weil er sich andauernd etwas von Lillys Aura einfängt. Dabei ist er ein ziemlich hohes Tier und ein ganz Schlauer.« Erklärend fügte sie hinzu: »Der Freund meines Mitbewohners kennt ihn recht gut, sie haben geschäftlich oft miteinander zu tun.«

»Na ja, allzu unglücklich sah er nicht aus. Jeder wie er mag.«, sagte Martin.

»Da hast du recht.« Franzi räumte die leeren Kaffeebecher weg. »Apropos, ich mag zwar nicht, aber ich muss mich jetzt um meine Erbsensuppe kümmern. Komm doch nachher auf einen Teller vorbei.«

»Gerne!« Martin schluckte. »Ich glaube, ich sollte mal nach meinen Bäumen schauen.« Er versuchte noch, einen Blick von Franzi zu erhaschen, doch die war bereits hinter der Theke abgetaucht. Nicht gerade enthusiastisch machte Martin sich auf den Weg. Doch kaum war er um Franzis Stand herumgegangen, sah er mehrere Leute mit Tannenbäumen im Schlepptau, die sich schon ungeduldig umsahen, und er beeilte sich zu seinem Stand zu kommen.

Den ganzen restlichen Tag hatte Martin fast ununterbrochen zu tun. Er stellte Bäume auf und wieder zurück, drehte sie, passte Ständer an, beriet, verschnürte und verpackte ... Erst am Abend, als bei den ersten Weihnachtsmarktständen schon die Klappen heruntergelassen wurden, ließ der Kundenansturm nach. Fast ein bisschen ungläubig, aber sehr begeistert zählte er das Geld in seiner Kasse.

Mit einem solchen Ansturm gleich am ersten Tag hatte er in seinen kühnsten Träumen nicht gerechnet. Sein Vorrat an Bäumen war allerdings auch sichtlich geplündert. Etwas Nachschub hatte er noch auf seinem Transporter, aber wenn das so weiter ginge, würde er in wenigen Tagen neue Bäume holen müssen.

»Und? Wie ist es gelaufen?« Franzi hatte ihren Stand bereits geschlossen und wollte kurz horchen, wie es Martin ergangen war.

»Super! Wenn es weiterhin so gut läuft, wird der gute Waldemar auch noch dran glauben müssen. Ich hatte heute schon Kunden, die nach ihm geschielt haben.«

»Untersteh dich! Dann wirst du wieder zur Tanke verbannt!« Schützend stellte sich Franzi vor den stacheligen Mann. Dabei fiel ihr wieder die grellbunte, unförmige Mütze auf. Sie tippte an den großen, neongrünen Bommel. »Die ist aber schon speziell«, sagte sie.

»Ja, da hast du sicher recht.« Martin grinste. »Ich habe sie von meinen Nichten bekommen, damit ich nicht friere, wenn ich in der Kälte Weihnachtsbäume verkaufe.«

»Ach, das ist ja süß!«

»Ja, find ich auch. Aber Waldemar steht sie viel besser als mir.« Er fügte hinzu: »Sie kratzt leider ganz fürchterlich. Doch ich fürchte, ich muss sie wieder aufsetzen, wenn ich Weihnachten zu Haus bin.«

»Wie wäre es, wenn du deinen Nichten ein Foto von Waldemar schickst und ...« Ein kleiner, perfekter Schneekristall, der auf ihrem Ärmel landete, lenkte sie ab. Es landete noch einer und noch einer und dann waren es nicht mehr einzelne Kristalle, sondern kleine glitzernde Kristallhäufchen. Franzi ließ ihren Kopf in den Nacken fallen und blickte zum Himmel hinauf. Dicke weiße Flocken flogen ihr entgegen, schmolzen in ihrem Gesicht und hinterließen kleine Wassertröpfchen. »Endlich, es schneit!« Sie strahlte. »Ist das nicht schön!«

Er lachte. »Ja!« Martin fand nicht nur die winzigen, weißen Sterne in ihren Locken wunderschön.

Auf einmal war Franzi gar nicht mehr müde und verschwendete auch keinen Gedanken mehr an die Arbeit, die sie sich für diesen Abend vorgenommen hatte.

»Komm, lass uns zu Fuß gehen«, sagte sie. »So weit ist es nicht und ich habe keine Lust auf die überfüllten Busse.« Wie ein kleines Kind konnte sie vor lauter Freude nicht stillstehen und hüpfte von einem Bein auf das andere.

»Warte einen Moment, ich will nur noch meine Tasche holen.«, sagte Martin.

Franzi blieb stehen. »Sag mal, ich weiß gar nicht, wo du wohnst, musst du überhaupt in die gleiche Richtung?«

»Ja klar! - das heißt, eigentlich wohne ich ein bisschen außerhalb in dem WG-Zimmer von einem Freund.« Als er ihr fragendes Gesicht sah, fügte er schnell hinzu: »Aber es ist die gleiche Richtung und mein Transporter steht noch an der Tankstelle.«

Eine Weile liefen sie schweigend, geschafft aber glücklich und ein bisschen verlegen nebeneinanderher. Sie kamen am Opernhaus vorbei und blieben vor den Schaukästen stehen, in denen Szenenbilder und Kostüme ausgestellt wurden.

»Sie spielen Hänsel und Gretel, richtig schön klassisch weihnachtlich.« Martin hatte die unverkennbaren riesen Pappmaschee-Kekse entdeckt. »Wie ist die Oper hier eigentlich?«, fragte er. Franzi zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht, ich war noch nie in der Oper.«

»Noch nie?«

»Noch nie!«

»Oh, das müssen wir ändern! Wir könnten doch vielleicht mal zusammen gehen?!«

»Ja vielleicht nach dem Weihnachtstrubel. Eigentlich würde ich furchtbar gerne mal in die Oper gehen. Meine Mutter wollte mich immer mitnehmen ...« Ihre Worte blieben in der Luft hängen. Franzi schaute zum hell erleuchteten Eingang des Opernhauses, vor dem sich die ersten Gäste sammelten. Bewundernd betrachtete sie die festlich gekleideten Menschen. »Wow! Schau dir die Kleider an. Was heißt Kleider?! Das sind ja richtige Roben! Ich dachte, so was gibt es nur im Film.«

Martins Blick streifte nur kurz, die aufwendig gekleideten Premierengäste und wanderte dann gleich wieder zu Franzi zurück. »Du gefällst mir besser!«

Franzi guckte an sich herunter. »Ist klar!« Sie drehte sich. »Der neueste Weihnachtsmarktchic!« Über ihren Jeans trug sie ein dunkelrotes Strickkleid, darüber einen grünen Parka mit Plüschrand an der Kapuze. Braune Strickstulpen ragten aus ihren robusten Lederstiefeln und um den Kopf hatte sie einen grünen Mohair Schal geschlungen, überall guckten ihre feinen, dunklen Locken hervor. Trotzdem sie so dick eingepackt war, erahnte man ihre zierliche Figur. Von der Kälte waren ihre Wangen leicht gerötet und die großen braunen Augen strahlten. - Sie sah aus wie ein Wintermärchen!

Langsam schlenderten Franzi und Martin weiter. Ihr Weg führte sie aus der geschäftigen Innenstadt in ruhigere Straßen. Einige Fenster waren hell erleuchtet und manche auch weihnachtlich geschmückt.

»Guck mal!« Franzi war vor einem Haus stehen geblieben. Durch ein Fenster sah man eine Frau, die eine mintfarbene Wand mit grell pinker Farbe überpinselte. »Krasser Farbwechsel!«

»Die haben wohl einen ganz besonderen Sinn für Farben.«, sagte Martin.

Franzi lachte. »Scheint so!« Sie deutete auf ein weiteres Fenster, in dem man einen Mann mit Schürze beim Bügeln beobachten konnte. »Und dort wohnt jemand mit viel Sinn für Ordnung.«

»Oder für Falten.«

»Stimmt, da hast du sicher Recht! Machst du das auch so gerne? In Fenster luschern und sich ausdenken, was die Leute wohl so machen? Wie sie leben ...?«

»Luschern?«

»Na ja, sagt man hier oben im Norden doch so ... oder?«, sagte Franzi ein bisschen verlegen. »Ich weiß, das ist nicht die feine englische Art, aber ...«

Martin unterbrach sie. »Ich find luschern auch super«, gab er grinsend zu.

Im nächsten Moment ratterte neben ihnen ein Rollo herunter. Vor Schreck sprang Franzi ein Stück zur Seite. »Uh! Das sind bestimmt Leute mit Sinn für dunkle Geschäfte.«, sagte sie. »Lass uns lieber schnell weiter!«

Sie liefen von Fenster zu Fenster, rätselten und dachten sich kleine Geschichten aus. Ihre Fantasie hatte Auslauf und ihre Wörter bekamen Flügel.

Dann standen sie vor Franzis Wohnung.

»Wer hier wohl wohnen mag? Hm?« Martin strich sich über seinen, nicht vorhandenen, Bart. »Auf jeden Fall jemand mit viel Sinn für Weihnachten!«

»Da könntest du recht haben. Magst du vielleicht noch mit raufkommen? Auf ein Glas Wein oder so?«

Kaum hatte Franzi die Haustür geöffnet, hörten sie ein lautes, markantes Lachen aus der Küche. »Gisi?« Ungläubig lauschte Franzi erneut, sie ließ Martin einfach stehen und eilte in die Küche. – Sie hatte richtig gehört. »Gisi, wie schön! Wo kommst du denn her? Du bist doch noch in Mexiko!« Sie verschwand fast vollständig in seinen Armen. Gisi war fast zwei Köpfe größer und bestimmt doppelt so breit wie Franzi. »Bah, dein Jackett kratzt! Wieso ziehst du es nicht aus? Wir sind hier doch nicht in deiner Bank.«

Gisi lachte gutmütig. »Ich freu mich auch, dich zu sehen. Aber ich glaub, wenn hier jemand dringend etwas ausziehen muss, dann bist du das.«

Sie schaute an sich herunter. »Stimmt!«, sagte sie lachend.

Inzwischen war Martin unschlüssig in der Küchentür stehen geblieben. Er hatte die Begrüßungsszene beobachtet und rang sich jetzt zu einem zögerlichen »Hallo« durch.

»Ach entschuldige!« Franzi winkte Martin zu sich heran. »Das ist Martin, ein Kollege vom Weihnachtsmarkt. Der Mann mit den besten Weihnachtsbäumen diesseits der Elbe!«

Martin schmunzelte und schüttelte Gisi und Felix die Hände. Franzi legte ihre Hand auf Felix Schulter. »Das ist Felix, mein Mitbewohner, der meinen Weihnachtsfimmel kaum noch ertragen kann, und das ...« Sie griff nach Gisis Hand. »... ist sein Liebster und mein allerliebster Freund Gisi, der eigentlich Gisbert heißt, den man aber auf gar keinen Fall so nennen darf. Und der eigentlich in Mexiko verschollen ist.« Sie wandte sich wieder zu Gisi. »Wieso bist du eigentlich schon da? Du wolltest doch erst Anfang nächster Woche kommen?« Ihr rutschte der Schal von der Schulter. »Oh warte, erzähl es mir gleich, ich muss erst schnell das Zeug loswerden. Ach, und nehmt Martin die Jacke ab. Und versorgt ihn mit einem Glas Wein.«

Franzi eilte durch den Flur zu ihrem Zimmer. Die Tasche glitt von ihrer Schulter, sie ließ sich auf den Schreibtischstuhl fallen, öffnete ihre Schnürsenkel und kickte die Stiefel von sich. Erst jetzt merkte sie, wie müde sie war. Ihr Blick wanderte zu dem Buch auf dem Schreibtisch. »Selbstsicht – die Geschichte des Selbstporträts« von Maximilian H. Kugler. Vor zwei Wochen hatte sie es sich ausgeliehen und wollte es schon längst gelesen haben. Einen Moment blätterte sie in dem Buch, dann schlug sie es entschlossen zu und machte sich auf den Weg zurück in die Küche.

Dort saßen die drei Männer einträchtig beisammen, tranken Wein und schienen sich prächtig zu unterhalten. Franzi zog einen Stuhl heran und setzte sich dazu. Felix goss ihr ein Glas Wein ein. Besorgt sah er sie an. »Du siehst geschafft aus«, sagte er.

Auch Martin nahm jetzt im Licht des Kronleuchters wahr, wie blass und müde Franzi auf einmal wirkte.

»Ach was«, sagte Franzi. »Das sind die ersten Tage auf dem Weihnachtsmarkt, das ist nur ungewohnt.« Sie trank einen Schluck Wein und richtete sich auf. »So Gisi, jetzt erzähl mal, wie war es in Mexiko?«

»Ganz wunderbar! Mexiko ist unglaublich aufregend. Auf der einen Seite faszinierend und schön, auf der anderen Seite leider auch elend, gefährlich, regelrecht furchteinflößend. Aber Geschäft ist Geschäft, und wenn man sich den Gepflogenheiten des Landes anpasst, läuft es überall ähnlich ab. Wir sind viel früher als erwartet zu einem Abschluss gekommen. So konnte ich vier Tage früher zurückfliegen.« Gisi lehnte sich zurück. »Und kaum bin ich gelandet, eile ich auf dem schnellsten Wege hierher, weil ich denke, man verzehrt sich nach mir. Und dann will mein Schatz, herzlos wie er ist, zu seinem Chor gehen. Wie findest du das?«

»Völlig in Ordnung findet sie das«, mischte Felix sich ein. »Und ich im Übrigen auch. Wenn ich mich dauernd nur nach dir richten würde, käme ich nie zu etwas. Wer düst denn ständig in der Weltgeschichte herum?«

Martin guckte etwas erschrocken. In einen männlichen Zickenkrieg zu geraten, war nicht gerade seine Vorstellung von einem gemütlichen Abend.

Franzi sah seinen Blick und lachte. »Keine Angst, das machen die beiden immer. Sie lieben sich heiß und innig, aber ohne das Frotzeln geht es nicht.« Sie wandte sich an die vermeintlichen Streithähne: »Und ihr hört jetzt auf mit dem Gezicke!«

»Määäh!«, machte Felix. »Ich hab´s! Kommt doch einfach alle mit zum Singen.«

Franzi wehrte als Erstes ab: »Glaub mir, dass ich singe, möchte wirklich niemand!«

»Ich glaub dir nicht nur, ich weiß es sogar«, sagte Felix. »Aber Singen kann jeder lernen.« Er grinste Franzi an. »Na ja, fast jeder!«

»Sag ich doch! Außerdem möchte ich mich noch für meinen Kurs bei Professor Kugler vorbereiten.«

»Gib ihm doch endlich die Kugel!«, murmelte Felix. Fragend sah er Gisi an. Doch der schüttelte den Kopf. »Beim besten Willen nicht. Geh du ruhig singen, ich muss erst wieder Nachtigall und Lerche in die richtige Reihenfolge bringen.«

»Was jettest du auch dauernd durch die Gegend, wenn du es nicht verträgst?« Liebevoll streichelte er Gisis Hand. »Ruh dich aus, mein Schatz, morgen ist auch noch ein Tag und ich sehe zu, dass ich meine Schicht tausche.« Felix wandte sich mit wenig Hoffnung an Martin: »Hast du vielleicht Lust? Wir sind ein kleiner Chor und singen einfach aus Spaß an der Freud. Männer sind übrigens immer besonders begehrt und willkommen.«

»Jetzt gleich?«, fragte Martin.

»In zehn Minuten müssten wir los.«

Martin sah, wie Franzi mühsam ein Gähnen unterdrückte.

»Ja, ich würde gerne mitkommen«, sagte er kurz entschlossen.

Die beiden Sänger waren zur Tür hinaus und Gisi und Franzi saßen allein am Küchentisch. Gisi nahm die Flasche Wein und wollte Franzi etwas nachschenken, doch die hielt schützend die Hand über ihr Glas. »Für mich nicht mehr, ich muss gleich noch ein bisschen was lesen.«

»Ach komm, du bist doch viel zu müde. Außerdem kannst du mich nicht auch noch im Stich lassen. Erzähl lieber mal von dem Martin. Scheint ein netter Kerl zu sein und total in dich verknallt.«

Franzi gab ihr Glas frei. »Quatsch! Er ist einfach so ein ganz lieber, netter Mensch und mir vielleicht ein bisschen dankbar, weil ich ihm geholfen habe, seinen Weihnachtsbaumverkauf in Schwung zu bringen.«

»Das hat er erzählt, und wie er es erzählt hat, lässt schon einiges erahnen ...«

»Hör auf, Gisi! Wer sich in mich verknallt, der hat höchstens einen Knall. Ich weiß ja manchmal selber gar nicht, warum ich so idiotisch bin. Zum Beispiel studiere ich Kunst, obwohl mir jeder meiner Profs immer wieder klarmacht, dass ich völlig unfähig bin.«

Gisi schüttelte den Kopf. »Was hat denn das damit zu tun? Und zudem glaube ich erstens nicht, dass dich alle für unfähig halten, und zweitens weiß ich, dass du es nicht bist! Du bist eine wunderbare, warmherzige, talentierte Person, die dazu noch sehr hübsch ist!« Franzi lächelte. »Du bist lieb und ich glaub dir heute einfach mal ein bisschen.«

»Kannst du ruhig, ich bin ja schließlich ein sehr seriöser Mensch.« Er schielte über seine auf die Nasenspitze gerutschte Brille.

Lachend umarmte sie ihn. »Ja, und ein ganz besonders lieber!«

»Apropos seriöser Mensch, ich habe Felix gar nicht mehr gesagt, dass ich ihm den Simmerlich in seinen Chor geschickt habe, weil er sich ja immer beklagt, dass sie zu wenig Männer wären.«

»Welchen Simmerlich meinst du? Muss ich den kennen?«, fragte Franzi.

»Na Jürgen Simmerlich, der turnt doch immer bei euch auf dem Weihnachtsmarkt herum und glitzert seitdem so schön.«

»Ach, Glitzi meinst du! Da fällt mir ein, ich habe Lilly noch gar nichts von seinem niedlichen Spitznamen erzählt.«

»Untersteh dich! Er wirkt ein bisschen unscheinbar und steif, doch er ist sehr nett und stille Wasser sind bekanntlich tief. Ich weiß nicht mehr wieso, aber neulich haben wir uns über Musik unterhalten, dabei ist er richtig aufgetaut. Irgendwie kamen wir auch auf den Chor und er war ganz angetan. Vielleicht ist er ja wirklich hingegangen.«

»Hoffentlich!«, sagte Franzi. »Dann bekommt Felix heute gleich zweifach männlichen Zuwachs, das wird ihn freuen.«

»Genau! Und dann muss er uns nicht mehr belatschern und wir können in Ruhe ein Glas Wein trinken.«

»Oder auch zwei.«

Kapitel 5

Franzi schaute auf ihre Uhr, Viertel nach elf war es erst. Sie war früher als sonst mit den Vorbereitungen für den Mittagsansturm fertig geworden. Der Weihnachtsmarkt war wie ausgestorben. Die Väter und Mütter mit ihren Kinderwagen waren nach Hause geeilt und die Geschäftsleute hatten noch keine Mittagspause. Erst gegen zwölf würde der Weihnachtsmarkt sich wieder füllen. Franzi goss sich eine Tasse Kaffee ein und beobachtete vier Mädchen, die nur wenige Meter entfernt vor dem großen Drogerieschaufenster ihre Instrumente auspackten. Zwei Geigen, eine Klarinette und eine Querflöte kamen zum Vorschein. Nachdem die Mädchen Noten, Notenständer und den obligatorischen Geigenkasten in die richtige Position gebracht hatten, begannen sie zu spielen. Zunächst waren sie etwas zögerlich, wurden aber schnell selbstbewusster. Gar nicht mal so schlecht! Schade, dass sie nur so wenige Zuhörer haben, dachte Franzi.

Lilly kam singend an Franzis Stand. »We wish you a merry Christmas...« Franzi klimperte dazu mit Löffeln gegen die Becher im Regal. Gerne hätte sie mitgesungen, doch sie traute sich nicht. Aber Martin traute sich. Er fiel in Lillys Gesang mit ein. Und dann kam auch noch Jürgen dazu, der mit seiner tiefen Stimme den Liedern eine warme Fülle gab.

Die vier Mädchen kamen, ohne ihre Instrumente abzusetzen, zu Franzis Stand herüber und Weihnachten klang über den ganzen Weihnachtsmarkt.

Da Franzi es jedoch fertigbrachte, bei »Jingle Bells« mit ihrem Geklimper wirklich alle aus dem Takt zu bringen, beendeten sie ihre »Jam Session« schließlich lachend.

»So, nu habe ich hoffentlich meine ganzen Weihnachtohrwürmer für dieses Jahr abgenudelt«, sagte Lilly und zog sich ihren Schal zurecht. »Hast du ein Glas Wasser für mich?« Franzi goss ihr ein Glas ein und fragte die Mädchen: »Möchtet ihr auch etwas? Ich gebe einen aus! Apfelschorle oder Holunderpunsch?«

Die Mädchen nahmen das Angebot dankbar an. Und auch Jürgen und Martin ließen sich gerne zu einem winterlichen Heißgetränk überreden.

Einträchtig standen Sänger und Musiker beieinander, pusteten in ihre Becher und ließen Weihnachten in sich nachklingen.

Franzi dachte an das Weihnachten ihrer Kindheit, an die Lieder, an die wundervolle Stimme ihrer Mutter ... In die Stille hinein fragte sie: »Könnt ihr auch: `Maria durch ein Dornwald ging`?«

»Klar!« Die Mädchen nickten eifrig. »Dafür brauchen wir noch nicht einmal Noten.«

Martin räusperte sich. »Aber ich! Ich bin nicht so textsicher.«

Auch das war kein Problem, die Noten waren schnell herausgesucht. Jürgen setzte seine Lesebrille auf und stellte sich dicht neben Martin. Das Mädchen mit der Querflöte improvisierte eine kleine Einleitung, die anderen drei griffen zu ihren Instrumenten und sahen sich an. Gemeinsam begannen sie zu spielen. Die beiden Männer setzten ein, Lilly schloss für einen Moment die Augen und sang dann mit ihrer wunderschönen klaren Stimme die alte Melodie.

Franzi vergaß zu klimpern; Kerstin vom Nachbarstand hatte sich weit vorgebeugt und hörte mit geschlossenen Augen zu; eine Mutter mit Kinderwagen, die heute spät dran war, blieb lächelnd stehen; ihr Kind lauschte mit offenem Mund, sogar der Taschenverkäufer und die Frau vom Fellstand unterbrachen ihren Plausch ...

»... Jesus und Maria.« Der letzte Ton klang lange nach.

»Wow!« Lilly lächelte. »Da musste ich aber ziemlich in meinen Untiefen wühlen. Ich wusste gar nicht, dass ich mich noch an das Lied erinnere.«

»Das war wunderschön.« Franzi war ganz sentimental zu Mute, ihre Stimme zitterte leicht und ihre Augen glitzerten verdächtig.

Und noch jemand war völlig begeistert. Jürgen konnte kaum an sich halten in seiner Bewunderung. »Wahnsinn! Ich wusste ja, dass du gut bist, aber dass du so wundervoll singst ... Ich meine ich habe es geahnt, aber ...«

»Ach Quatsch!«, Lilly unterbrach ihn. Sie war rot geworden vor Verlegenheit. »Das war einfach ein kitschiges Weihnachtslied, das hat nichts mit dem zu tun, was ich eigentlich mache, äh singe. Wobei ich nicht sagen will, dass ich nicht gut bin. Natürlich bin ich gut! Aber nicht so, ach ...« Sie verhaspelte sich immer mehr, doch dann fiel ihr etwas ein. »Wisst ihr was? Am 20. spielen wir im Kunkel. Das erste Mal nur wir als Band. Also ohne ein Event, das heißt, schon im Rahmen der Tanzparty, aber es ist keine Hochzeit oder so etwas. Na, auf jeden Fall seid ihr alle eingeladen.«

»Echt? Wir auch?«, fragte eines der Geigenmädchen.

»Klar!« Lilly kramte in ihrer Tasche nach den Eintrittskarten.

Eine nach der anderen bedankten sich die Mädchen artig. Während Martin sich seine Karte genauer anschaute. Er lachte. »LA, LI, La, klingt wie ein Kinderlied.«

Lilly grinste. »Stimmt! Wenn man es so ausspricht – wir haben da nicht wirklich lange drüber nachgedacht.«

»Wieso?«, mischte sich Jürgen ein. »Wenn man es richtig ausspricht, klingt es doch sehr schön. Ihr hättet allerdings auch La Lilly nehmen können.«

»Klar!« Lilly schüttelte lachend den Kopf.

Immer noch wie ein Honigkuchenpferd grinsend, fragte Jürgen unvermittelt: »Spielt ihr am 20. auch Weihnachtslieder?«

»Nee! Ich habe doch mit Weihnachten nichts am Hut«, sagte Lilly ziemlich schroff.

»Na ja!« Grinsend tippte Martin gegen die Kugeln an ihrem Hut.

Sie kicherte. »Alles Tarnung.«

Jürgen sah von Lilly zu Martin. Ihm war sein Honigkuchenpferd davongaloppiert.

In der Zwischenzeit hatten die Mädchen ihre Sachen geholt und kamen nun strahlend zurück. Stolz zeigten sie die Münzen in ihrem Geigenkasten. »Nicht schlecht!«, sagte Lilly anerkennend.

»Wir wollten euch etwas abgeben, weil ihr ja mitgesungen habt und so«, sagte das Mädchen mit der Klarinette.

»Nein, nein!«, wehrte Jürgen schnell ab. »Das ist auf jeden Fall euer Verdienst, ihr habt sehr schön gespielt! Aber sagt mal, wieso seid ihr um diese Zeit eigentlich nicht in der Schule?«

»Unsere Orchesterprobe ist ausgefallen. Und da haben wir gedacht, wir könnten ein bisschen Straßenmusik machen.«

»Das war eine sehr gute Idee!«, sagte Martin. »Das fördert die Weihnachtsstimmung auf dem Weihnachtsmarkt und das wiederum fördert den Umsatz. Deswegen bekommt ihr etwas von uns.« Er holte sein Portemonnaie aus seiner Hosentasche und auch die anderen ließen sich nicht lumpen. Artig bedankten sich die vier und das Mädchen mit der Querflöte meinte: »Das machen wir noch mal!«

»Ja, aber vielleicht besser am Nachmittag, wenn mehr los ist«, riet Lilly.

»Gute Idee, dann haben wir auch mehr Zeit. Apropos Zeit.« Der Blick der Musikerin wanderte zu der Rathausuhr. »Unser Bus kommt in fünf Minuten!« Hektisch packten sie ihre Instrumente ein, verabschiedeten sich eilig und rannten mit wehenden Schals in Richtung Bushaltestelle.

Jürgen sah ihnen nach. »Ich muss dann auch mal wieder.« Er wandte sich zum Gehen, doch Lilly hielt ihn auf. »Warte! Hast du ihnen da so viel reingelegt?«

»Na ja, ein bisschen was, ich fand, man sollte sie unterstützen. Aber es war nicht alles von mir. Ich habe auch einige Kollegen gesehen, die etwas hineingelegt haben. Aber ...« Jürgen unterbrach sich. »Vielleicht ...« Begann er, nestelte an seinem Mantel und holte aus der Innentasche eine Papierrolle. Einen Moment drehte er sie unschlüssig in seinen Händen, schließlich reichte er Lilly die Rolle. »Vielleicht kannst du ja doch etwas damit anfangen.« Er nickte den beiden anderen zu und ging schnellen Schrittes, ohne weiteren Gruß, davon.

Verdutzt schaute Lilly ihm hinterher und entrollte dann langsam das Papier. Eine ganze Weile starrte sie darauf. Nachdenklich begann sie vor sich hin zu summen, sie lächelte. »Bis später«, murmelte sie und ging leise singend zu ihrem Stand zurück.

Martin und Franzi guckten sich an. »Was war das jetzt?«, fragte Martin. Franzi zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung!«

Martin stellte den Metallzaun um seine Bäume und mühte sich, die letzten Elemente mit einem Vorhangschloss zu verbinden. Endlich schnappte das rostige, alte Schloss ein – da waren dringend ein paar Tropfen Öl nötig. Aber nicht heute Abend. Er steckte den Schlüssel in die Hosentasche, schwang seinen Rucksack über die Schulter und beeilte sich, zu Franzi zu kommen. Die war zwar noch dabei ihren Stand zu schließen, aber eigentlich war sie schon auf dem Sprung. Sie war mit Carla verabredet und die wartete schon ungeduldig. Sobald die letzte Luke geschlossen war, wünschten Franzi und Carla Martin einen schönen Abend und zogen ohne ihn los.

Enttäuscht schaute Martin ihnen nach. Sie hatten ihn kaum beachtet und nicht gefragt, ob er vielleicht Lust hätte mitzukommen. Er zog seine Mütze tiefer ins Gesicht, er hatte das Gefühl, es wurde immer kälter. Erst wollte er noch einen Abstecher in einen Supermarkt machen, um sich etwas zum Kochen zu besorgen, entschied sich dann aber dagegen. Er sprang auf dem Weg nur schnell in einen Bäcker und kaufte zwei belegte Brötchen.

Die Wohnung war kalt und verlassen. Der Freund, der Martin sein WG-Zimmer überlassen hatte, absolvierte ein Auslandssemester, sein Mitbewohner hatte das Semester abgekürzt und war bereits zu seinen Eltern irgendwo in Süddeutschland gefahren.

Martin drehte die Heizung ein bisschen weiter auf, was nicht viel brachte, denn das Kälteste in dieser Wohnung war der komplett und scheußlich gekachelte Boden. Die ganze Wohnung hatte absolut nichts Anheimelndes. Männer haben nur selten die Gabe, es sich wirklich gemütlich zu machen, und die beiden Bewohner dieser Wohnung hatten sie definitiv nicht.

Mit seinen Brötchen setzte Martin sich an den grauen Resopal Küchentisch. Aus dem einen Brötchen hing ein trauriges, schlaffes Salatblatt und aus dem anderen guckte eine an den Rändern angetrocknete Käsescheibe. Die Brötchen waren genauso trostlos wie die Wohnung, der ganze Abend und ... War echt eine super Idee gewesen, hier Weihnachtsbäume zu verkaufen, dachte Martin.

Aber mit den Brötchen im Magen (sie hatten besser geschmeckt, als sie aussahen) und nachdem er das Geld in seiner Kasse gezählt hatte, sah die Welt schon wieder ein bisschen besser aus. - Schluss mit dem Selbstmitleid. Es war doch eigentlich ganz gut gelaufen die letzten Tage. Er holte sein Handy aus der Tasche, starrte einen Moment auf das Display – seufzte und wählte.

Sein Vater war ziemlich schnell am Telefon. »Lindhöft!«

»Hallo Vaddern, du am Telefon? Ist Mama gar nicht da?«

»Nee, hörst du doch. Was wolltest du denn von Ihr?«

»Ach nichts, nur weil sie sonst immer ans Telefon geht.«

»Ja, sie ist nicht da. Soll ich ihr etwas ausrichten?«

»Nö, ich wollte eigentlich nur mal berichten, dass es jetzt ganz gut läuft mit den Weihnachtsbäumen, ich habe schon eine ganze Menge verkauft und ...«

Sein Vater unterbrach ihn. »Ja schön, ich muss jetzt Schluss machen, ich habe im Moment andere Sorgen.«

Martin hörte Gemurmel im Hintergrund und im nächsten Augenblick hatte sein Vater auch schon aufgelegt.

Verdutzt starrte Martin auf sein Handy. Was war das jetzt wieder? Okay, er verstand sich momentan nicht wirklich gut mit seinem Vater, aber so hatte er sich noch nie verhalten.

Das Verhältnis zu seinem Vater war eigentlich erst seit der ganzen Weihnachtsbaumgeschichte so mies. Vorher hatten sie ihre Meinungsverschiedenheiten gehabt, aber immer miteinander reden können. Doch seit Martin die Weihnachtsbaumschonung von seinem Großvater geerbt hatte, hatte er das Gefühl kein vernünftiges Wort mehr mit seinem Vater wechseln zu können. Wie hatte bloß diese völlig verfahrene Situation entstehen können? Martin starrte auf die geschmacklose Tapete. Wie konnten sich zwei erwachsene Männer nur mit so etwas in der Wohnung abfinden?

Mist, dachte Martin, jetzt habe ich vergessen, ihn zu fragen, ob er mir Nachschub bringen kann.

Restlos gefrustet zappte er sich durch das Fernsehprogramm, das frustrierte jedoch nur noch mehr. Nachdem er bei der fünften Quizshow gelandet war, gab er auf. Er holte sich sein Buch aus dem Rucksack, machte es sich auf der Schlafcouch bequem, stopfte sich noch ein Kissen in den Nacken und schlug das Buch auf. Doch er konnte sich nicht auf sein Buch konzentrieren, immer wieder schweiften seine Gedanken zum Weihnachtsmarkt. Franzi wie sie Erbsensuppe servierte – es schüttelte ihn, wenn er nur an den Anblick der grünen Pampe dachte. Dann dominierte jedoch glücklicherweise Franzis Gesicht seine Traumbilder. Ihr Lächeln, die zarten, kaum erkennbaren Sommersprossen auf ihrer Nase; die Art wie sie ihre feinen widerspenstigen Locken aus der Stirn pustete ... Martins Augen fielen zu.

Kapitel 6

Franzi verteilte Zuckerstreuer und Milchkännchen auf ihren Stehtischen. Dabei schielte sie beunruhigt zu der Hütte ihrer Nachbarin. Es war schon zwanzig Minuten nach Weihnachtsmarktbeginn und von Kerstin war immer noch nichts zu sehen oder zu hören. Ich glaub ich, ruf sie lieber an, bevor hier noch der Bauchbauer auftaucht, dachte Franzi. Doch als sie in ihrer Tasche nach ihrem Handy wühlte, hörte sie, wie nebenan die Klappen quietschend geöffnet wurden. Nur wenige Augenblicke später war Kerstin bei Franzi am Stand.

»Du solltest deine Scharniere ölen.« Empfing Franzi sie. »Wo bleibst du denn? Ich wollte schon anrufen. Der olle Bauchbauer macht immer ein riesen Theater, wenn man nicht pünktlich die Luken auf hat.«

»Ja, ja.« Kerstin schnaufte. »Ist ja gut, jetzt bin ich ja da. Ich habe vielleicht einen Ritt hinter mir! Ich ...« Sie unterbrach sich. »Gib mir bitte erst mal irgendwas zu essen, ich fall sonst gleich vorne über!«

»Bloß nicht! Ich habe meine Theke grad so schön hergerichtet.« Franzi reichte ihr ein Käsebrötchen, das Kerstin mit wenigen Bissen verschlang. Noch kauend fragte sie: »Mannst du mir noch meins machen?!« Prompt bekam sie einen Hustenanfall.

»Hey, nicht so hektisch!« Martin klopfte Kerstin sanft auf den Rücken. Wie fast jeden Morgen kam er, nachdem er aufgebaut hatte, bei Franzi vorbei. »Mm, das duftet aber gut nach Kaffee!«

Franzi lächelte. »Geht gleich los. Ich muss nur noch schnell meine Suppe umrühren.«

Kerstin schnupperte. »Ich finde, das riecht heut irgendwie komisch bei dir.«

»Halt nach Erbsensuppe.«, sagte Franzi und reichte Martin seinen Kaffee. »Aber jetzt erzähl mal, was war los bei dir? Wieso bist du so spät dran?«

Kerstin nahm noch einen Schluck Kaffee und berichtete dann: »Also Linda, meine Aushilfe hat mich heute Morgen aus dem Bett geklingelt. Sie könne nicht kommen, weil sie bei ihrem Freund in Bremen feststeckt. Ihr Auto hat eine Panne und sie muss erst mal in die Werkstatt. Soweit - so gar nicht gut!« Kerstin fuchtelte theatralisch mit ihren Händen. »Das Problem ist, dass sie mir eigentlich heute Mittag Ware aus der Werkstatt mitbringen sollte, Teller, die ein Kunde heute Nachmittag abholen möchte.«

»Versteh ich nicht. Du kommst doch selbst auf deinem Weg zum Weihnachtsmarkt an deiner Werkstatt vorbei«, sagte Franzi.

»Ja, aber die Teller sind erst gestern Morgen in den Glasurbrand gekommen. Mittags wären sie dann abgekühlt gewesen«, erklärte Kerstin. »So aber musste ich sie schon heute Morgen ausräumen und da waren sie noch verdammt heiß. Ich habe mir zigmal die Pfoten verbrannt. Außerdem musste ich die Teller noch extra dick einpacken, damit sie keine Sprünge wegen dem plötzlichen Temperaturwechsel bekommen. Na, auf jeden Fall hat das alles eine halbe Ewigkeit gedauert. Was nützt einem eine Aushilfe, die nicht aushilft?« Grimmig biss Kerstin in eine weitere Brötchenhälfte.

»Trotz allem hast du es ja noch mal geschafft«, sagte Franzi und rührte wieder in ihrer Suppe. Kerstin schnupperte erneut. »Ich weiß nicht, heute riecht es besonders eigenartig, irgendwie verbrannt.«

»Meinst du?« Franzi guckte sich um. »Aber hier brennt nichts.«

»Nein! – Aber bei Kerstin!«, rief Martin. Im nächsten Moment hechtete er auch schon zu Kerstins Weihnachtsmarkthütte und riss die Tür auf. Qualm schlug im entgegen, er hustete, zog in Windeseile seine Weste aus und schlug mit ihr auf die rauchende Quelle ein.

Die heißen Keramikteller hatten das Zeitungspapier, in das sie gewickelt waren, erst angekokelt und schließlich entzündet.

Geistesgegenwärtig schnappte Franzi sich ihren Wischeimer und goss den Inhalt über das schwelende Feuer.

Währenddessen stand Kerstin hilflos daneben. Unfähig selbst etwas zu tun, schaute sie den beiden zu und jammerte: »Oh nein, was soll ich nur machen? Alles ist hinüber, was für eine Sauerei! Oh je, Martin, deine gute Weste ist völlig verdreckt, wie kann ich das nur wieder gut machen?«

»Quatsch!« Martin klopfte seine Weste aus. »Die ist nur ein bisschen nass und riecht im Moment nicht so gut. Das bekommt man mit ner einfachen Wäsche wieder hin. Außerdem ist sie uralt, ich nehme sie nur noch zum Aufbauen, wegen der harzigen Bäume. Im Transporter ist noch eine kundentaugliche. Also, es ist gar nichts weiter passiert. Das bisschen Ruß lässt sich leicht abwischen und deine Ware ist, soweit ich gesehen habe, heil geblieben.«

»Alles wird gut!« Franzi nahm Kerstin in den Arm. »Hey, wir kriegen das wieder hin!«

Martin nickte. »Genau!« Dann sah er allerdings, dass sich bei ihm am Stand mehrere Kunden suchend umsahen. »Ich glaub, ich muss da kurz rüber. Kommt ihr alleine klar? Ich bin gleich wieder da.« Er zögerte.

»Nun geh schon! Wir kommen klar!«, sagte Franzi, und auch in Kerstin kam langsam wieder Leben. »Los! Du musst! Sonst bedienen die sich noch selbst!« Sie knüllte ein paar angekokelte Zeitungen zusammen. »Alles halb so schlimm!«, versuchte sie sich selbst Mut zuzusprechen. »Boah! Aber das stinkt!«

Den größten Teil der Sauerei hatten sie relativ schnell beseitigt. Kerstin war schon dabei die nassen, angekokelten Zeitungen und Handtücher in einen Müllsack zu stopfen, und Franzi wollte nur noch einmal frisches Wischwasser holen, als sie sah, dass Eddy vom Taschenstand gegenüber neugierig näherkam. Schnell stellte Franzi Kerstin den Eimer in den Stand und fing Eddy ab. Geschickt drängte sie ihn sanft, aber bestimmt zu ihrem vorderen Tresen. Dabei redete sie ohne Punkt und Komma auf ihn ein. »Ach, du möchtest sicher deine Suppe!? Es ist verdammt kalt, nicht wahr!? Da braucht man etwas Warmes! Wie immer zum Mitnehmen? Und mit extra viel Brot?« Franzi lächelte zuvorkommend.

»Ja äh, klar, aber was war denn da bei euch heute Morgen los?«, fragte Eddy.

»Wieso? Was meinst du?« Geschäftig löffelte Franzi ihm die Suppe in den Teller.

Eddy runzelte die Stirn. »Irgendwas riecht hier doch auch komisch.«

»Ach, das meinst du« Franzi räusperte sich. »Also, ...« Sie lachte. »Kerstin hat da ein paar neue Räucherstäbchen ausprobiert. Aber wenn du mich fragst, die taugen nichts.« Kurzerhand drückte sie ihm den Teller mit der Erbsensuppe in die Hand. »Guten Appetit! Und ich würde die Suppe lieber schnell mit rüber nehmen, die wird bei dem Wetter trotz Abdeckung verdammt schnell kalt!« Dann räumte und wischte Franzi um ihn herum. »Entschuldige, aber ich muss mich auf den Mittagsansturm vorbereiten.«

»Jetzt schon? Ist doch gar nichts los«, grummelte Eddy ungläubig, trollte sich dann aber schließlich doch.

Erleichtert schleuderte Franzi ihren Lappen in das Spülbecken. Sie wartete kurz, bis sie sah, dass Eddy gegenüber in seinem Weihnachtsmarktstand angekommen war, und klopfte dann bei Kerstin. »Alles in Ordnung bei dir? Brauchst du noch Hilfe?«

Kerstin war dabei die letzten Reste der schwarzen Brühe aufzuwischen und versperrte mit ihrem Hintern die Tür. »Alles halb so schlimm, bin fast fertig. Ich komm gleich noch mal rüber«, sagte sie.

Zurück in ihrem Stand, stellte Franzi fest, dass sie den Deckel nicht auf den Behälter mit der Erbsensuppe gelegt hatte. Sie dreht die Temperatur für das Wasserbad etwas höher. »Boah! Das Zeug riecht echt entsetzlich! Vielleicht brauch ich doch mal eine Suppenpause.«

Franzi hatte gerade angefangen, ihre zweite Runde Brötchen zu schmieren, als Kerstin zu ihr rüberkam. Im Schlepptau hatte sie Martin, der sich nur schnell erkundigen wollte, ob alles wieder in Ordnung sei.

Kerstin sah ein bisschen derangiert aus und roch etwas brandig, konnte aber schon wieder lächeln. Sie wollte jetzt endlich in Ruhe einen Kaffee trinken. Martin setzte sich neben Kerstin an den Tresen und orderte ebenfalls einen Kaffee. »So, ich glaub, das war es erst mal mit dem Ansturm. Ich habe jetzt mein Mittagsloch«, sagte er.

»Mittagsloch ist gut«, sagte Kerstin. »Ich habe immer das Gefühl, es gibt ein Mittwochsloch. Obwohl, heute kann ich ja froh sein, wenn es so ist.«

»Bei mir ist mittwochs auch nie viel los«, sagte Franzi. Nebenbei hatte sie Martin, bevor er abwehren konnte, einen Teller Suppe hingestellt.

»Danke!« Er lächelte etwas sparsam. Was Franzi nicht sah, denn sie wirbelte bereits weiter. »Entschuldigt, ich muss noch ein bisschen weiter machen. Trotzdem hier am Mittwoch Totentanz ist, muss immer alles perfekt vorbereitet sein. Sonst gibt es Ärger mit dem ollen Bauchbauer.«

»Apropos«, fiel Kerstin ein. »Vielen Dank, dass du mir Eddy vom Hals gehalten hast.«

»Wieso?« Martin wunderte sich. »Was geht das denn Eddy an?«

»Na, eben gar nichts!«, sagte Franzi. »Der ist bloß neugierig, wie ein altes Waschweib. Der würde alles sofort seinem Kumpel Sigi berichten und der würde ein riesen Theater machen.«

»Meint ihr nicht, dass er Verständnis hätte? Mir kam er gar nicht so unmenschlich vor.«, warf Martin ein.

»Na, Verständnis ist nun nicht gerade eine Stärke von Herrn Bauchbauer.« Theatralisch wirbelte Franzi mit ihren Händen. »Unverantwortlich! Wie kann man heiße Ware in die Weihnachtsmarkthütte stellen? Mein ganzer Weihnachtsmarkt hätte abbrennen können!«

Die Hälfte der Servietten, die Franzi in der Hand gehabt hatte, flog durch den Stand. »Mist!« Franzi machte sich ans Einsammeln, Martin nutzte die Gelegenheit und entsorgte seine Suppe im Mülleimer, er wollte gerade die Spuren mit einer Serviette abdecken, als Carla ihm auf die Schulter tippte. »Hallo Martin, na lecker Süppchen was!« Sie grinste ihn an und er bekam ganz rote Ohren.

Inzwischen hatte Franzi die Servietten aufgesammelt und stapelte sie auf ihrem Tresen. »Die gehen noch«, murmelte sie vor sich hin. Sie sah Carla. »Was machst du denn hier? Ich dachte, du bist in Kuglers Turner-Seminar.«

Carla ignorierte Franzis vorwurfsvolle Frage und wandte sich an Kerstin: »Du, ich glaub, da wartet jemand vor deinem Stand.« Kerstin stellte ihren Kaffee ab und schaute um die Ecke. »Oh, ein Kunde! Ich eile!«, sagte sie und verschwand nach nebenan.

»Hey du!« Franzi versuchte sich, zu maximaler Größe aufzubauen. »Lenk nicht ab!«

Liebevoll tätschelte Carla Franzis Lockenkopf. »Reg dich ab, du süßer Zwerg. Du hast mich ertappt. Ich schwänze. Aber nächste Woche lausche ich dem Meister wieder, versprochen! Heute muss ich endlich ein paar Weihnachtseinkäufe machen.«

Franzi schüttelte den Kopf. »Tz, tz, tz, wenn das der Weihnachtsmann wüsste ...«

»Wieso? Wegen dem bin ich doch unterwegs.«

Mehr oder weniger unbemerkt saß Martin immer noch auf seinem Hocker, hielt sich an seiner längst geleerten Tasse fest und lauschte den beiden. Was hatte Franzi bloß immer mit diesem verdammten Kugler?

Um an den Zucker für ihren Kaffee zu kommen, beugte Carla sich über Franzis Verkaufstresen. Jetzt schnupperte auch sie und verzog angeekelt ihr Gesicht. »Boah! Franzi, was riecht bei dir denn so komisch? Richtig ekelhaft!«

»Ach.« Franzi machte eine wegwerfende Handbewegung. »Das ist bloß die Erbsensuppe, das ist normal. Ich habe mich inzwischen total daran gewöhnt.«

Carla runzelte die Stirn. »Na, ich weiß nicht, ob das noch normal ist? Irgendwie riecht es auch ein bisschen brandig. Brennt dir da vielleicht gerade etwas an?«

»Nee, nee, bei Kerstin hat es heute Morgen gebrannt. Wahrscheinlich liegen noch Geruchsmoleküle in der Luft. Ich finde, es erinnert ein bisschen an Räucherstäbchen.

»Na, ich weiß nicht.« Zweifelnd schaute Carla nach nebenan zu Kerstin. »Es hat gebrannt? Echt? Man sieht gar nichts.«

»War alles halb so schlimm.« Franzi schilderte kurz die morgendlichen Geschehnisse.

»Nicht schlecht! Auf so einem Weihnachtsmarkt erlebt man ja richtig was. Und ich hatte schon Angst, du könntest dich langweilen.« Carla guckte auf ihre Uhr. »Ich denke, ich sollte jetzt wirklich los.« Grinsend stupste sie den vor sich hinträumenden Martin an. »Hey, du solltest jetzt, glaub ich, auch mal los. Die versammeln sich bei dir schon wieder zur Befreiung der Weihnachtsbäume.«

Martin sprang auf und eilte drei Schritte in Richtung seiner Bäume, drehte sich dann aber noch mal um und kam zurück. »Danke für ...« Er sah Carlas Grinsen. »Äh, bis später.«, murmelte er und war auch schon um die Ecke verschwunden.

Verwundert guckte Franzi ihm nach. »Er ist ja echt ein lieber Kerl, aber ein bisschen verpeilt ist er schon. Einerseits ist er so handfest und andererseits manchmal so ein Träumer.«

»Ja, total komisch!«, sagte Carla immer noch grinsend. »So, jetzt muss ich aber wirklich auf Geschenkejagd gehen, sonst hat sich am Ende die ganze Schwänzerei gar nicht gelohnt. Kann ich meine Mappe bei dir im Stand lassen?«

»Klar, stell sie selber rein, ich habe schmierige Hände«, sagte Franzi, die dabei war, Brötchenhälften mit Aufschnitt zu belegen.

»Schmierig, schwierig ...«, summte Carla vor sich hin und suchte in dem kleinen Raum nach einem geeigneten Platz für ihre Mappe. Hinter ihr klapperte es und kurz darauf war ein eigenartiges Schmatzen zu hören. Carla drehte sich um, sah aber nichts. Ob es hier Mäuse, oder schlimmer, Ratten gab? Sie war wirklich nicht zimperlich, aber Ratten in einer Weihnachtsmarkthütte fände sie schon ziemlich eklig. Vorsichtig guckte sie in jede Ecke. Die Vorstellung, dass ihr irgendwo eine Ratte entgegenspringen könnte, war ganz schön gruselig. Doch sie konnte nichts Ungewöhnliches entdecken. Wahrscheinlich hatte sie sich verhört und die Geräusche kamen irgendwo vom Weihnachtsmarkt.

Es klapperte erneut, diesmal lauter und eindeutig in der Nähe. Etwas warmes Feuchtes klatschte gegen ihre Wade. »Iiiiih!« Carla sprang zur Seite.

Vor Schreck ließ Franzi ihr Messer fallen. »Was ist denn?« Sie wollte sich gerade umdrehen, als sie ein krächzendes »Hallo, hallo! Ist da jemand?«, hörte. Franzi kam mit dem Messer wieder unter der Theke hervor und sah einer kleinen, älteren Frau, die sich auf den Tresen gestützt hatte, direkt in die Augen.

»Ach, da sind sie ja! Ich hätte gerne so ein Roggenkrüstchen mit Käse«, sagte die alte Dame und deutete auf die, von Franzi gerade frischgeschmierten, Mettbrötchen.

»Das tut mir leid! Die sind ja nun schon mit Mett belegt«, sagte Franzi.

»Dann machen sie mir doch bitte ein Neues mit Käse.«

»Die Roggenkrüstchen sind leider alle.«

»Nicht alle bitte, nur eins!«

Franzi biss die Zähne zusammen. Geduld, Geduld! Sie lächelte.

Gleichzeitig zupfte Carla an ihrer Schürze und flüsterte: Franzi, Franzi!« Und dann ein bisschen lauter: »Die Suppe lebt!«

»Waaas?« Franzi wirbelte herum.

Da tönte es empört vor der Theke: »Wie bitte!«

Und von Carla noch eindringlicher: »Franzi!«

»Gleich!«, zischte Franzi ziemlich laut und genervt.

Woraufhin die alte Dame sie anstrahlte. »Ach, jetzt geht es doch?«

Franzi seufzte. »Ich könnte ihnen Käse auf eines dieser Roggenbrötchen legen.« Sie deutete auf die geschmierten, aber noch nicht belegten Brötchenhälften.

»Ach, das sind ja alles Unterhälften, das schaffe ich mit meinen Zähnen nicht mehr.«

»Dann nehmen sie doch eine Käsesemmel, die sind ganz weich, und schauen sie, die sind sogar schon fertig.«

Die Dame nickte. »Warum denn nicht gleich so?«

Weiß ich auch nicht, dachte Franzi. Sie zuckte mit den Schultern, bemühte sich um ein Lächeln und reichet das Brötchen über die Theke.

Einen Moment sah sie der zufrieden davon dackelnden Dame hinterher. Dann drehte sie sich endlich zu Carla um. »Hast du das eben mitbekommen?« Sie hielt inne und starrte auf die Ansammlung verschiedener Töpfe und Schüsseln, die Carla über den Boden verteilt hatte.

»Was ist das denn? Spinnst du?«

»DAS ist deine ganz normale Erbsensuppe.«

Wie aufs Stichwort hob sich klappernd der Deckel des Erbsensuppenbehälters – ein Bluop war – zu hören – zu sehen – und im nächsten Moment spuckte der Behälter ungefähr eine Kelle Suppe auf den Boden.

»Iiiih!« Ungläubig, angeekelt aber irgendwie auch fasziniert starrte Franzi auf die quillende grüne Masse.

»Jetzt steh da nicht so rum, hilf mir lieber! Die Ekelsuppe vermehrt sich schneller als Karnickel im Urlaub.«

»Was? Wieso Karnickel?« Franzi stand komplett neben sich.

»Ist doch egal, wir müssen das Zeug schnellstens hier raus schaffen!«, drängte Carla.

Endlich bewegte sich Franzi. »Warte, ich hol von Kerstin schnell meinen Wischeimer zurück.«

In Windeseile leerten sie sämtliche Töpfe und Schalen, die Carla so schön aufgereiht hatte, in den Eimer. Im Nu war er randvoll mit Erbsensuppe und im Container blubberte immer noch ein Rest vor sich hin. Franzi griff den Eimerhenkel und wollte sich auf den Weg zum Klohäuschen machen, als die immer noch brodelnde Suppe erst rülpste und dann spuckte. Beinahe hätte sie vor Schreck den Eimer fallen gelassen. »Iii!« Franzi wischte sich den grünen Spritzer von der Nase. »Ich brauche etwas zum Abdecken.« Hektisch sah sie sich nach etwas Passendem um. Carla nahm kurzerhand einen Feudel und drapierte ihn über dem Eimer. »So muss es gehen. Du solltest jetzt lieber schnell los. Ich komm gleich mit dem Rest nach.«

Ohne weitere Zwischenfälle erreichte Franzi das Klohäuschen. Doch leider war die einzige Toilette besetzt und vor Franzi wartete bereits eine relativ unentspannt wirkende Frau im Pelzmantel. Hinter der verriegelten Tür hörte man die Stimmen einer Mutter mit Kind, und es klang nicht so an, als würde sich die Tür in absehbarer Zeit öffnen. Die Frau im Pelzmantel fing bereits an rumzuzicken. »Dauert das noch lange? Hier warten noch mehr Menschen mit einem dringenden Bedürfnis!«

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