Kitabı oku: «Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen»
Nadia Bolz-Weber
„Ich finde Gott
in den Dingen,
die mich wütend
machen“
Pastorin der Ausgestoßenen
Aus dem Amerikanischen
von Christian Rendel
Mit einem Vorwort
von Christina Brudereck

„Dies ist ein erstaunliches Buch … ansteckend, ehrlich, packend … ein seltenes Geschenk … ich merke, ich komme ins Schwärmen, aber so ist das nun einmal, wenn ein Buch einen inspiriert und bewegt und berührt, so wie dieses.
Rob Bell, Autor
„Pastorin Nadia Bolz-Weber spricht die Wahrheit über unser Menschsein aus, die wir allzu oft am liebsten verleugnen. Sie verkündet die radikale Kraft der Gnade Gottes um Jesu willen, die wir so oft lieber verwässern, als täglich darin zu ertrinken. Ja, lesen Sie auf eigene Gefahr.“
Mark Hanson, Vorsitzender Bischof
der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Amerika
„Dieses witzige, unverblümte Buch voller Wahrheit ist auf genau die richtige Weise anstößig. … Es erinnert mich daran, warum ich eigentlich Christ bin, und ich hatte nach dem Lesen Tränen der Dankbarkeit in den Augen.“
Rachel Held Evans, Bloggerin und Autorin
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-86506-803-3
© 2015 der deutschsprachigen Ausgabe by
Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
First published by Jericho Books, Hachette Book Group, New York, NY 10017,
under the title “Pastrix. The Cranky, Beautiful Faith of a Sinner & Saint”
© 2013 by Nadia Bolz-Weber. All rights reserved
Dieses Werk wurde vermittelt durch die
Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen
Einbandgestaltung: Medienteam Vreden
Titelfoto: Courtney Perry
Satz: Brendow Web & Print, Moers
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
www.brendow-verlag.de
Für Dick und Peggy
Inhalt
Cover
Titel
Zitate
Impressum
Widmung
Anmerkung des Übersetzers
Vorwort zur deutschen Ausgabe von Christina Brudereck
Herbst 2005
1. Das Ruderteam
2. Gottes Tante
3. Albion Babylon
4. La Femme Nadia
5. Danke, ELCA!
6. Sturm und Demütigung
7. Ich habe dich nicht wegen diesem WahrheitsBullshit angerufen
8. Klinische Seelsorgeausbildung
9. Eunuchen und Zwitter
10. Zuckerwatte
11. Der christliche Pirat
12. Der haitianische Kreuzweg
13. Dämonen und Schneeengel
14. Fußabtreter und zerknautschte Talare
15. Gespenster im Himmelreich
16. Schmutzige Fingernägel
17. Anders auf die falsche Art
18. Er ist ein Vollchaot, aber er ist unser Vollchaot
19. Bier und Choräle
Danksagungen
Fußnoten
Anmerkung des Übersetzers:
Die Autorin verwendet, im Einklang mit den Gepflogenheiten der lutherischen Kirche in den USA, die Begriffe „Kommunion“ und „Eucharistie“, wo deutschsprachige Lutheraner vom „Abendmahl“ sprechen würden.
Nadia Bolz-Weber
Pastrix (pas · triks) Subst.
1 Beleidigende Bezeichnung fantasieloser Kreise in der Kirche für Frauen im Pastorenamt.
2 Weibliche Kirchensuperheldin: Trinity aus Matrix mit Beffchen. „Was war das für ein Geräusch?“ „Eine Pastrix hat gerade einen Dämon per Dropkick in den siebten Höllenkreis befördert!“
3 Der wunderliche, wunderbare Glaube einer heiligen Sünderin.
– NewWineskinsDictionary.com
Vorwort zur deutschen Ausgabe
Authentisch. Auffällig. Außenseiterin, anerkannt. Alkoholikerin, trocken. Autorin, ausgezeichnet. Attraktiv. Aufgeweckt. Amerikanerin. Berufen. Begabt. Bissig, manchmal. Beherzt. Botin! Christin. Charmant, oft. Davongekommen. Damenhaft, nein, gar nicht. Ehrlich, ja, überaus. Echt. Emergent. Empathisch. Entlarvend. Einladend. Eigenwillig. Engagiert. Exzentrisch, ja. Fein. Forsch. Frei. Frech. Fehlbar. Fromm. Gescheitert. Gnade. Gnade. Gnade ist die Größte. Gottvoll. Geistreich. Geradeheraus. Grenzgängerin. Gläubig und glaubhaft. Herz. Was für ein herzlich riesiges Herz! Hoffnung, wie ihr Name bedeutet. Humorvoll. Herausfordernd. Heilige. Mit Hund. Interessant. Interessiert. Jesusliebhaberin. Klerikal, etwas. Kirchenkritisch. Kirchentreu. Kreativ. Klug. Kämpferin. Lutherisch. Ja, Lutheranerin. Launig. Lustig. Mutig. Mutig. Mutter, was aus Rücksicht auf ihre Kinder kaum erwähnt wird. Missionarin. Menschenfreundin. Nadia eben. Originell. Offen. Priesterlich. Mit Piercing. Pastorin. Predigerin. Pfingstlich. Provozierend. Querdenkerin. Respektlos, bei allem Respekt. Risikofreudig. Schön. Sünderin. Sympathisch. Städterin. Tattoo. Ach ja, die Tattoos! Theologin. Trotzig, zum Glück. Unbefangen. Unvollkommen. Unverhohlen. Unterhaltsam. Verrückt, etwas. Verständnisvoll, sehr. Wahrhaftig. Weiblich. Weltoffen. Würdigend, sehr. Zart. Zynisch. Ja, zynisch, aber nicht gemein. Zerrissen. Zerbrechlich. Zugänglich. Zeugin.
Das alles steckt in dieser Frau und in diesem Buch. Von A bis Z, Seite 1 bis zum Schluss ein Gewinn und ein Genuss. Für die Gemeinde ein Muss. Für alle wunden Seelen ein heilsamer Kuss.
Christina Brudereck
Herbst 2005
„Scheiße“, dachte ich, „ich komme zu spät zum NT-Seminar.“ Auf der I-25 in Denver ging nichts mehr. Der Verkehr floss nicht nur zäh, sondern gar nicht. Aus irgendeinem Grund (höchstwahrscheinlich Misanthropie) gehe ich immer davon aus, dass Staus und Verkehrsbehinderungen nicht auf Baustellen oder Unfälle zurückzuführen sind, sondern auf die menschliche Dummheit, so als hätte irgendjemand plötzlich vergessen, wie man Auto fährt, oder beschlossen, mitten auf der Schnellstraße anzuhalten und am Wegesrand Blümchen zu pflücken.
Um meine bodenlose Verachtung für den menschlichen Schwachsinn, der dazu führte, dass wir hier alle auf dem Freeway festsaßen, in andere Kanäle zu steuern, unternahm ich einen meiner zahllosen Versuche, mich „geistlicher“ zu verhalten, und bemühte mich, im Augenblick zu leben und irgendetwas Schönes zu finden, um mich abzulenken. Nach der landschaftlichen Schönheit Colorados muss man nicht erst lange suchen – man müsste sie schon absichtlich ignorieren. Aber das vergesse ich oft. Der Himmel strahlte an jenem Tag in jenem klaren Blau, das sich einfach nicht wiedergeben oder auch nur einigermaßen beschreiben lässt. Die meisten menschlichen Versuche, dieses spezielle Blau abzubilden, sind zwar gut gemeint, aber sie haben keine Tiefe. Man muss es einfach erleben. Und an diesem Herbsttag füllte es den ganzen Himmel bis in den letzten Winkel aus, nur hier und da unterbrochen von einer bauschigen kleinen Kitschpostkartenwolke.
Der Himmel sah so prachtvoll aus, dass ich alle meine Fensterscheiben herunterkurbelte und mich nach vorn beugte, um durch die Windschutzscheibe mehr sehen zu können. Ein LKW-Fahrer neben mir zwinkerte mir zu und beäugte meine tätowierten Arme – bestimmt ahnte er nicht, dass das große Tattoo auf meinem Unterarm Maria Magdalena darstellte und dass ich eine lutherische Theologiestudentin war und bald lutherische Pastorin werden würde. LKW-Fahrer, Motorradfahrer und ehemalige Strafgefangene lächeln mir viel häufiger zu als beispielsweise Investmentbanker. Ich lächelte zurück, wandte meinen Blick dann wieder dem blauen Himmel über mir zu und verlor mich in Gedanken an die unfassbar unendliche Weite des Weltalls. Die Schönheit unseres Himmels ist eigentlich nur eine hübsche Methode der Erde, um uns vor dem Schrecken der Gewaltigkeit und Unerforschlichkeit zu schützen, die jenseits davon liegt. Die Grenzenlosigkeit des Universums ist zutiefst beunruhigend, wenn man darüber nachdenkt. Es ist zu groß, und wir sind zu klein. In diesem Moment konnte ich plötzlich nur noch einen Gedanken fassen: Was fällt mir eigentlich ein? Theologie? Allen Ernstes? Wie groß ist angesichts dieses riesigen, unerforschlichen Universums wohl die Wahrscheinlichkeit, dass diese Geschichte von Jesus wahr ist? Komm schon, Nadia. Es ist ein bescheuertes Märchen.
Und beim nächsten Atemzug dachte ich: Nur, dass ich es mein ganzes Leben lang immer wieder als wahr erfahren habe.
Irgendwann hat mir mal jemand gesagt, mein Glaube an Jesus wecke in ihm den Verdacht, dass ich intellektuell gesehen nachts am Daumen lutsche. Aber so gerne ich es manchmal auch täte, ich kann nun einmal nicht so tun, als hätte ich nicht mein Leben lang die befreiende, alles ins Wanken bringende Liebe eines Gottes voller Überraschungen erlebt. Auch wenn mein Verstand bisweilen dagegen protestiert, kann ich doch meine Erfahrungen nicht verleugnen. Diese Sache ist für mich real. Manchmal erfahre ich Gott, wenn jemand mir die Wahrheit sagt, manchmal in Momenten, in denen ich Irrtümer einsehe, manchmal durch die Liebe zu jemandem, den ich gar nicht liebenswert finde, manchmal durch eine Versöhnung, die sich anfühlt, als ob sie von irgendwo außerhalb von mir selbst kommt. Aber fast immer nimmt meine Begegnung mit Gott die Gestalt einer Art Tod und Auferstehung an.
Das Mysterium des Universums (desselben Universums, das mich immer noch dazu bringt, mich zu fragen, was ich eigentlich auf dem theologischen Seminar zu suchen habe und ob das alles nicht in Wirklichkeit nur ein Märchen ist) wurde von Gott erschaffen. Und Gott hat beschlossen, uns zu zeigen, wer er ist, indem er sich eine Haut überstreifte und als Jesus mitten unter uns unterwegs war. Und die Liebe und Gnade und Barmherzigkeit Jesu kamen uns so anstößig vor, dass wir ihn umbrachten. Am Abend, bevor das passierte, setzte sich Jesus mit einem Haufen totaler Nieten an einen Tisch, hielt ein Stück Brot hoch und sagte: Nehmt und esst, dies ist mein Leib für euch. Und dann ging er ans Kreuz. Aber der Tod konnte Gott nicht festhalten. Gott sagte „ja“ zu all unserem höflichen Abwinken, indem er von den Toten auferstand. Tod und Auferstehung. Das ist die christliche Geschichte, wie sie mir erzählt wurde, angefangen von Maria Magdalena, die sie als Erste erzählte; und sie hat sich durch meine Erfahrungen bestätigt.
In den folgenden Kapiteln habe ich nichts zu bieten als mein Bekenntnis – das Bekenntnis meiner eigenen realen Zerbrochenheit und das Bekenntnis meines eigenen realen Glaubens. Ich erzähle meine Geschichte nicht ganz chronologisch – die Zeit dreht das ganze Buch hindurch immer mal wieder eine Schleife –, sondern eher thematisch geordnet. Sie handelt von der Entwicklung meines Glaubens, vom Ausdruck meines Glaubens und von der Gemeinschaft meines Glaubens. Und die Geschichte handelt davon, wie ich diese Sache mit Jesus als wahr erlebt habe. Davon, dass es im christlichen Glauben, wenn er auch in der amerikanischen Kultur oft wüst entstellt wird, in Wirklichkeit um Tod und Auferstehung geht. Sie handelt davon, dass Gott immer wieder mit seiner Hand in die Gräber hineingreift, die wir uns selbst ausheben, und uns herauszieht, uns neues Leben gibt, mal auf dramatische, mal auf ganz unspektakuläre Weise. Dieser Glaube hat mir geholfen, trocken zu werden. Er hat mir geholfen (bzw. hilft mir bis heute), meine fundamentalistische Erziehung in der Church of Christ zu vergeben, und er verhilft mir dazu, dass ich nicht immer recht haben muss.
Die Fernsehprediger mit ihrem breiten Lächeln mögen Ihnen erzählen, bei der Nachfolge Jesu gehe es darum, schön brav zu sein, damit Gott Sie mit einem Haufen Geld und hübschen Preisen segnet, aber in Wirklichkeit ist die Sache viel grausiger und bedeutungsvoller. Es geht um geistliche Physik. Etwas muss sterben, damit etwas Neues leben kann.
Tod und Auferstehung – das immer wiederkehrende Erlebnis, die Leere zu sehen, darüber zu weinen, dass wir unfähig sind, sie auszufüllen oder auch nur zu verstehen, und dann darauf zu horchen, wie Gott uns beim Namen nennt, und Gottes Geschichte zu erzählen – das ist eine ziemlich knifflige Sache. Aber es ist meine Sache, und es ist mit Abstand das Schönste, wovon ich je erzählen könnte.

Kapitel 1
Das Ruderteam
Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
– Matthäus 5,3 (Luther)
In meinen ersten trockenen Jahren verbrachte ich die meisten Montagabende in einem rauchgeschwängerten Gemeindesaal, wo ich mit ein paar Freunden, die ebenfalls trockene Alkoholiker waren, schlechten Kaffee trank. Bildnisse der Jungfrau Maria blickten auf uns herab, während Gebete, Verzweiflung, Zigarettenrauch und Hoffnung zur Saaldecke emporschwebten. Wir waren ein streitlustiger Haufen von Leuten, deren Leben sich in unterschiedlichen Stadien der Besserung befand. Da war Candace, eine Hausfrau aus der Vorstadt, die bei ihrem Debütantinnenball von Heroin high gewesen war; Stan, der depressive Dichter, der kein gutes Haar an sich selbst ließ und vor Gefühlen überströmte; und Bob, der Anwalt im Ruhestand, der schon trocken gewesen war, bevor Jesus auf die Welt kam, aber aus irgendeinem Grund immer noch ein bisschen obdachlos aussah.
Wir redeten über Gott und den Zorn, den Groll und die Vergebung – immer schön von Kraftausdrücken untermalt. Wir waren nicht so sehr ein Narrenschiff als vielmehr ein Ruderboot voller Idioten. Ein kleines Ruderteam, das sich wild paddelnd in die Riemen legte, mal füreinander, mal jeder für sich, und wenn einer von uns über Bord sprang, mussten wir anderen umso kräftiger paddeln.
Als ich 1992 zu dem „Ruderteam“ stieß, wie ich es tatsächlich bald nannte, arbeitete ich in einem Klub in der Innenstadt als Standup-Komikerin. Ich war kaputt, erst seit ein paar Monaten trocken, und gab mir alle Mühe, wieder heil zu werden. Da ich mir eine Therapie nicht leisten konnte, schien mir die zweitbeste Lösung zu sein, mich auf die Bühne zu stellen und sarkastische, zynische Sprüche von mir zu geben. Außerdem bin ich wirklich witzig, wenn es mir dreckig geht.
Das ist nicht gerade etwas Ungewöhnliches. Wenn man alle Komiker der Welt an einem Ort versammeln und dann alle Alkoholiker, Kokainsüchtigen und Manisch-depressiven wieder wegschicken würde, dann bliebe … nun ja … außer Carrot Top fällt mir keiner ein. So eine Affäre mit der Finsternis bringt manche Leute dazu, die Wahrheit auf ungeschminkte, schräge Weise zu sehen, so als richteten sie eine Schwarzlichtlampe aufs Leben, um seine ganze Absurdität zum Leuchten zu bringen. Komiker sprechen eine Wahrheit aus, die man nur von der Schattenseite der Psyche her sehen kann. Komik ist bestenfalls Prophetie und gesellschaftliche Traumdeutung. Schlechtestenfalls besteht sie nur aus Witzen über Schwänze.
Als ich noch als Komikerin arbeitete, sagten normale, nichtkomische Leute oft zu mir: „Wow, wie schaffst du das nur, dich einfach nur mit einem Mikrofon vor so viele Leute zu stellen?“ Worauf ich dann antwortete: „Wow, wie schaffst du das nur, dein Haushaltsbuch zu führen und jeden Morgen zur Arbeit aufzustehen?“ Jedem von uns fallen im Leben andere Dinge schwer. Vor Hunderten von Leuten zu sprechen, war für mich längst nicht so ein Riesenakt wie einen Termin beim Zahnarzt zu vereinbaren.
Als Komikerin auf der Bühne zu stehen, kostete mich so gut wie überhaupt keine Mühe, denn auf der Schattenseite fühlte ich mich zu Hause – da, wo alles in Ironie und Sarkasmus mariniert, bis es so weit ist, gegrillt und einem nackten Kaiser serviert zu werden. Ich fand regelmäßig Engagements, kam aber in der Comedyszene nicht sehr weit. Dafür gab es mehrere Gründe. Erstens brachte ich die anderen Komiker viel häufiger zum Lachen als das eigentliche Publikum, für das ich nur Verachtung übrig hatte (was die Sache vielleicht erklärt). Dazu kam, dass ich keinen besonderen Erfolgsdrang verspürte: Sobald es anstrengend wurde, verdrückte ich mich. Aber der Hauptgrund, warum es mit der Comedy bei mir nicht so recht klappte, war, dass ich allmählich gesünder wurde und einfach nicht mehr so witzig war. Weniger unglücklich = weniger witzig. Während ich trocken wurde und versuchte, mich auf Gott zu stützen und mich ehrlich meinen Unzulänglichkeiten zu stellen, wuchs in mir die Bereitschaft, mich verletzlich zu zeigen. Das machte mich zur leichten Beute im Künstler-Aufenthaltsraum eines Comedyklubs, der im Grunde eine Brutstätte des emotionalendarwinistischen Überlebenskampfes ist. Deshalb hatte ich keine Lust, dort sehr viel von meiner Freizeit zu verbringen. In anderer Hinsicht konnte es irgendwie auch toll sein, mit Komikern abzuhängen. Im Vergleich zu den meisten von ihnen war ich ein Urbild psychischer Gesundheit. Ich freundete mich mit einem drahthaarigen, kontaktfreudigen Komiker namens PJ an – und mit anfreunden meine ich, dass ich gelegentlich mit ihm schlief –, der einen scharfen, wenn auch unglaublich verdrehten Verstand besaß. PJ war nicht gerade der Typ fürs Gentleman’s Quarterly. Statt gut geschnittener Jeans zog er eine bedauerliche Kombination aus ausgeleierten Shorts, Button-down-Hemden und Sportsandalen vor. Er hatte etwas ausgesprochen Wildes an sich, das ihn ein bisschen hundeähnlich erscheinen ließ. Obwohl er praktisch keinerlei Stil besaß, war in PJs sozialem Leben der Bär los. Er liebte die Frauen, das Leben, den Schnaps, die Nacktmagazine, das Pokern und die Comedy, wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.
Außerdem arbeitete er parallel zu seiner Standup-Karriere an seiner Doktorarbeit in Kommunikationswissenschaften, was ihm allerdings durch die erwähnte Fülle seiner Laster nicht gerade erleichtert wurde. Eines Tages lud ich ihn zum Ruderteam ein, und für die nächsten acht Jahre blieb er ein treues Mitglied und lud nach dem Treffen oft zum Pokerspielen bei sich zu Hause ein.
Wenn man PJ nicht gut kannte, wirkte er gar nicht so clever, aber hinter seinen unflätigen Tiraden verbarg sich ein genialer Intellekt. Seine Auftritte waren mit die versautesten in Denver. Viel Hochgestochenes kam darin nicht vor. Auf der Bühne stellte er sich dumm, und das konnte er hervorragend. Einmal rief ich PJ an, um mich zu erkundigen, was seine Doktorarbeit mache. „Läuft super“, sagte er, „aber keiner merkt, dass ich in meinem Büro an der Uni wohne.“
PJ war wie eine von diesen Stoffpuppen mit langen Röcken, die man von unten nach oben kehren kann, indem man den Rock umstülpt – und plötzlich ist sie keine Oma mehr, sondern der große böse Wolf. Richtig herum gehalten ist seine Puppe ein Einfaltspinsel mit losem Mundwerk, aber wenn man sie umdreht, wird ein Doktor der Kommunikationswissenschaften daraus. Die richtig herum gehaltene Puppe ist der immer zu Späßen aufgelegte und ausstrahlungsstarke Gastgeber einer wöchentlichen Pokerpartie, doch umgekehrt wird ein lebensuntüchtiger, depressiver Mensch daraus.
PJ passte goldrichtig ins Ruderteam, und er brachte Leben in die Treffen mit seinen brüllend komischen, finsteren Tiraden. „Heute Morgen wollte ich mich umbringen“, sagte er zum Beispiel, „aber dann fiel mir ein, wie bescheuert ich es fände, euch Armleuchtern einen Grund zu liefern, euch noch mehr um euch selbst zu drehen, als ihr es sowieso schon tut, also … “ Mit „also … “ beendete er die meisten seiner Sätze, so als wüssten wir alle, was in die nächste Lücke gehörte. Ich hielt mich gern in seiner Nähe auf, als könnte seine Aura auf mich abfärben und mich genauso schlagfertig und clever und sympathisch machen wie ihn.
Comedyklubs haben montags Ruhetag. Dafür stand uns nach unseren Ruderteamtreffen PJs Bude zum Texas-Hold’em-Pokerspiel offen. Ich bin ziemlich sicher, dass er, als er trocken wurde und den Fusel aus der Gleichung herausnahm, die Lücke einfach mit mehr Frauen, Poker und Comedy füllte. Die Montagabende bei PJ wurden zu einem düsteren Karneval mit lauter Komikern, trockenen Alkoholikern und Komikern, die trockene Alkoholiker waren. Das Pokerspiel dauerte bis spät in die Nacht, aber eigentlich drehte sich der Wettbewerb darum, wer die schlagfertigsten Sprüche machte. Wann immer ich konnte, schob ich den unvermeidlichen Stapel Schmuddelmagazine von PJs Klavierhocker und setzte mich hin, um ein paar Stunden lang aus vollem Halse zu lachen. Die fünfundzwanzig Dollar, die ich dabei jedes Mal an die anderen verlor, waren mir das allemal wert.
Doch hinter seinen akademischen Erfolgen, seinem hingerissenen Publikum im Comedyklub, den vielen Frauen und der Schar von Freunden nagte etwas an ihm. Über ein Jahrzehnt hinweg fraß eine Macht, ein Dämon oder eine Krankheit an unserem Freund PJ, die sich in einem Winkel seines Geistes eingenistet hatten und wie die Rote Armee entschlossen vorwärtsmarschierten, um immer mehr Gelände einzunehmen.
PJ wurde von einer Menge Leuten geliebt, die aber keine Ahnung hatten, wie sie ihm helfen konnten. Das Ruderteam wachte über seine letzten Jahre, während die moderne Pharmakologie an seiner psychischen Krankheit herumzerrte und -zupfte, ohne ihn je wirklich heilen zu können. Immer seltener erschien er an den Montagabenden, und jedes Mal sah er dünner aus. Es war, als hätte sein Körper begonnen, seiner Seele und seinem Geist zu folgen, die sich nach und nach verabschiedeten. Irgendwann rief er nicht mehr zurück.
Einige Tage, bevor er sich aufhängte, rief PJ mich an. Er wollte, dass ich für ihn betete. Es war zehn Jahre her, dass ich ihn kennengelernt hatte, und in der Zwischenzeit war ich zum christlichen Glauben zurückgekehrt. Ich glaube, ich war der einzige gläubige Mensch, den er kannte. Er stellte sich Fragen über Gott: War er für Gottes Liebe unerreichbar? Ich ließ all meine Coolness und meinen Sarkasmus fahren und betete am Telefon für ihn. Ich bat, er möge die ganz reale und immer verfügbare Liebe Gottes spüren. Ich betete, er möge die rückhaltlose Gewissheit bekommen, dass er ein geliebtes Kind Gottes war. Bestimmt habe ich noch eine Menge anderes Zeug gesagt. Ich wollte gern in der Lage sein, diesen Dämon auszutreiben, der unseren PJ im Griff hatte, von ihm Besitz genommen hatte, der ihn mit Lügen fütterte und das Licht der Liebe Gottes von ihm fernhielt.
Anderthalb Wochen später saß ich in einem riesigen Hörsaal der Universität von Colorado in Boulder (wo ich mit meinen fünfunddreißig Jahren und als verheiratete Mutter von zwei Kindern endlich mein Studium abschließen wollte), als mein Handy klingelte. Ich rannte nach draußen, und die kalte Luft trieb mir die Tränen in die Augen.
Sean, ein Comedy- und Ruderkumpan, sagte: „Nadia, es geht um … um PJ, Liebes.“ „Scheiße“, sagte ich.
„Es tut mir leid“, sagte Sean. Es tat uns allen leid. „Kannst du die Trauerfeier für ihn machen?“
Und das war meine Berufung in den vollzeitlichen Dienst. Meine wesentliche Qualifikation? Ich war die einzige Fromme in unserem Haufen.
Die Trauerfeier fand an einem frischen Herbsttag vor vollem Haus im Klub „Comedy Works“ in der Innenstadt von Denver statt. Das Alkoholiker-Ruderteam und die Komiker von Denver, die Mitarbeiter der Comedyklubs und die Akademiker. Das waren meine Leute. Während ich die Traueransprache für PJ hielt, wurde mir klar, dass ich vielleicht dazu bestimmt war, ihre Pastorin zu sein.
Nicht, dass ich mir besonders heilig oder seelsorgerlich vorgekommen wäre. Aber dort in diesem Kellerraum, in dem es nach abgestandenem Bier und schlechten Witzen roch, schaute ich mich um und sah so viel Schmerz und Fragen und Verlust, dass niemand, auch ich nicht, wusste, wie damit fertig zu werden war. Und ich sah Gott. Gott mitten unter all den Komikern, die da mit verschränkten Armen an der Wand standen, als könnten sie sich mit ihren höhnischen Bemerkungen jegliche peinlichen Emotionen vom Leib halten. Gott dicht an der Seite der Frau, die dort die Bühnentreppe hinabstieg, nachdem sie sich ein bisschen zu offenherzig darüber geäußert hatte, was für ein heißer Liebhaber PJ gewesen sei. Gott mitten unter den Zynikern und Alkoholikern und Tunten.
Ich bin nicht die Einzige, die gleichzeitig die Schattenseite und Gott sieht. Es gibt eine Menge von uns, und wir sind zu Hause in den biblischen Geschichten von Antihelden und Leuten, die nichts kapieren, von Prostituierten und ungehobelten Fischern. Ist denn ein manisch-depressiver Alkoholiker so verschieden von diesem Figurenensemble? Hier, mitten in meiner eigenen Gemeinschaft von Schattenseitenbewohnern, konnte ich nicht mehr anders, als das Evangelium wahrzunehmen, die umwälzende Realität, dass Gott nicht weit weg ist, sondern hier in der Zerbrochenheit unseres Lebens. Und nachdem ich das gesehen hatte, konnte ich nicht mehr anders, als darauf hinzuweisen. Mir wurde klar, dass ich aus Gründen, die ich nie ganz verstehen werde, dazu berufen war, von dorther, wo ich bin, das Evangelium zu verkünden, und vom Evangelium her zu verkünden, wo ich bin.
Angefangen hatte es in der ersten Zeit meiner Trockenheit damit, dass ich mich widerstrebend darauf einließ, wieder mit dem Beten anzufangen. Das hatte zu meiner Rückkehr zum christlichen Glauben geführt, und nun sogar zu etwas noch Ungeheuerlicherem: Ich war zur Pastorin für meine Leute berufen.
Kapitel 2
Gottes Tante
Eine Frau lerne in der Stille mit aller Unterordnung. Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann Herr sei, sondern sie sei still.
– 1. Timotheus 2,11 - 12 (Luther)
Fünfundzwanzig Jahre, bevor ich in einem Comedyklub eine Trauerfeier halten sollte, wurde ich getauft. Es war ein Sonntag im Frühjahr 1981, und ich hatte weiße Sandalen an. Der Prediger in seinem jeansblauen Polyesteranzug hatte seine Predigt mit einem Bekehrungsaufruf nach vorn beendet. Wenn du bereit bist, dein Leben dem Herrn zu übergeben, oder wenn du dich taufen lassen möchtest, dann komm jetzt nach vorn, während wir alle aufstehen und singen.
Die Leute standen auf und sangen, und ich ging durch den Mittelgang auf den Pastor zu. Ein anderer Mann überreichte mir eine Karte und einen kurzen Bleistift, als ich mich auf die gepolsterte Kirchenbank setzte. Nachdem ich angekreuzt hatte, dass ich mich taufen lassen wollte, trat wieder ein anderer Mann an die Kanzel, um es der Gemeinde bekannt zu geben.
Dann sagte ich ihnen, von welchem der Männer ich getauft werden wollte.
In der Gemeinde, in der ich meine Kindheit verbrachte, wurde gelehrt, ins „rechenschaftspflichtige Alter“ komme man mit etwa zwölf Jahren. Ins rechenschaftspflichtige Alter zu kommen hieß, dass man geistlich gesehen nicht mehr bei den Eltern mitversichert war. Mit zwölf fängt in geistlicher Hinsicht die Uhr an zu ticken. Man kann jetzt richtig und falsch unterscheiden, und deshalb muss man auch für jeden Mist, den man baut, Rechenschaft ablegen. Wenn man sündigt, obwohl man richtig und falsch unterscheiden kann, und dann stirbt, bevor man sich für die Taufe entscheidet, landet man für alle Ewigkeit im Höllenfeuer. In dieser Zeit fangen also Kinder an, sich für die Taufe zu entscheiden. Die Zeitspanne zwischen dem Eintritt ins rechenschaftspflichtige Alter und dem Tag, an dem man durch die Taufe reinen Tisch macht, ist manchmal voller Schrecken. Viele von uns beteten, bloß nicht bei einem Autounfall ums Leben zu kommen, bevor wir getauft waren, so wie andere Leute beten, dass sie nicht krank werden, bevor sie über den Arbeitgeber krankenversichert sind. Zwölfjährige Kinder in der Church of Christ erleben eine Welle der Frömmigkeit, eine Große Erweckung, die nur aus Sechstklässlern besteht.
Da zwölf das rechenschaftspflichtige Alter war, galt zugleich auch, dass Jungen ab zwölf Jahren in der Sonntagsschule nicht mehr von Frauen gelehrt werden durften. Gemäß 1. Timotheus 2,12 war es Frauen nicht gestattet, Männer zu lehren. Folglich besaß ein zwölfjähriger Junge mehr Autorität als eine erwachsene Frau. Frauen durften nicht als Älteste dienen, predigen oder Gottesdienste leiten. Aus irgendeinem Grund besaßen wir nicht die Vollmacht, einem Mann den Kollektenteller zu reichen. Die Vollmacht hingegen, demselben Mann eine Stunde später beim Gemeindepicknick einen Teller mit Brathühnchen und Kartoffelsalat zu reichen, besaßen wir durchaus.
Dale Douglass war der erste männliche Sonntagsschullehrer, den ich hatte. Er war freundlich und witzig und scheitelte seinen dicken, sandblonden Haarschopf so tief über dem Ohr, dass es völlig unnötigerweise so aussah, als versuchte er, eine Glatze zu verbergen. Dale fing da an, wo die Frau, die uns im Jahr davor unterrichtet hatte (als sie noch die Vollmacht dazu besaß), aufgehört hatte: Er testete uns, um zu sehen, wie viele Fakten über die Bibel wir wussten. Ich wusste viele der Antworten, und es dauerte nur drei Wochen, bis er meine Eltern zu einem Gespräch einbestellte, um ihnen zu erklären, sie müssten meinetwegen etwas unternehmen. Ich beantwortete die Fragen zu schnell und nahm dadurch den Jungen in der Klasse die Chance, eine Antwort zu geben. Eins muss ich meinen Eltern lassen – insgeheim fanden sie das großartig. Immerhin legten sie mir nahe, den anderen auch ein wenig Raum zu lassen, aber im Grunde waren sie einfach nur begeistert, dass ich mich in der Bibel gut auskannte, und es wäre ihnen nie eingefallen, deswegen mit mir zu schimpfen.
Die Frühreife wich dem Sarkasmus, als ich die Fähigkeit entwickelte, die Lehren und die soziale Dynamik in der Gemeinde zu analysieren. Sobald ich merkte, dass es einen Unterschied gab zwischen dem, was die Leute sagten (jeder Sex außerhalb der heterosexuellen Ehe ist verboten), und dem, was sie taten (heimliche Affären untereinander), und ebenso einen Unterschiedzwischen dem, was sie lehrten (Frauen waren minderwertig und den Männern untergeordnet) und der Wirklichkeit, die ich in der Welt erlebte (wieso bin ich dann schlauer als mein Sonntagsschullehrer?), wusste ich, dass ich da rausmusste. Ich war ein starkes, cleveres und vorlautes Mädchen, und die Gemeinde, in der ich aufwuchs, konnte mit jemandem wie mir nichts anfangen, auch wenn die Leute mich liebten.
Als ich schließlich die Gemeinde verließ, stellte ich alles infrage, was ich je gelernt und gewusst hatte, und ging davon aus, dass ich mit Sicherheit eine „Nichtchristin“ sei. Allerdings schaffte ich es dennoch nicht, Atheistin zu werden, wie man es hätte erwarten können. Ich hatte nie aufgehört, an Gott zu glauben. Nicht wirklich. Immerhin aber musste ich für eine Weile bei seiner Tante abhängen. Man nennt sie die Göttin.
Meine erste Begegnung mit dem Wiccakult hatte ich in den Bergen westlich von Denver auf einem braunen, grasbewachsenen Hügel, an dessen Fuß eine Jurte stand – ein rundes Nomadenzelt, in dessen Innern alle Lampen mit roten Tüchern verhängt waren, wodurch es darin aussah wie in einem Campingplatzbordell.
Ich war etwa zwanzig Jahre alt, als meine Freundin Renna (die vom Kopf bis zu den Zehenspitzen hetero ist) mich fragte, ob ich mit ihr zu einer lesbischen Hochzeit gehen wollte. „Ich kann mir nichts Besseres vorstellen“, antwortete ich, und so fuhren wir los und hörten unterwegs fünfundvierzig Minuten lang die Indigo Girls, um in die richtige Frauenpowerstimmung zu kommen. Auf dem Schoß hatte ich eine riesige Schüssel Erdbeeren. Offenbar gibt es bei lesbischen Hochzeiten oft ein Mitbringbüfett.
„Es ist eine Wicca-Hochzeit“, informierte mich Renna. Ich wusste nicht genau, was das bedeutete, aber es hörte sich „nichtchristlich“ an, genau wie ich, und ich vermutete, dass meine Eltern nicht viel davon halten würden. Außerdem würde es wahrscheinlich Hummus geben. Also war es mir recht.
Die Zeremonie gefiel mir sehr, und ich hatte noch nie so viele starke Frauen gesehen. Frauen mit gestrafften Schultern und kurz geschorenen Haaren, die nichts zu verbergen hatten. Wir standen im Kreis und sangen einfache Litaneien, und die beiden Bräute waren überglücklich wie andere Bräute auch, nur dass diese beiden im Stil eines Renaissancejahrmarktes gekleidet waren und sich gegenseitig heirateten. Es war die Rede von vollkommener Liebe und vollkommenem Vertrauen, und wir fütterten uns gegenseitig mit Brot und Wein und sagten: „Mögest du niemals hungern und niemals dürsten.“ Es fühlte sich an wie eine Kommunionsfeier.
Irgendwie gab es mir ein sicheres Gefühl, unter lauter Frauen zu sein. Sie ließen mich bei Gottes Tante abhängen, und ich wurde den Eindruck nicht los, dass sie mich mochte. Ich verbrachte ein paar Jahre mit diesen Frauen. Wir feierten den Wechsel der Jahreszeiten und teilten unser Leben miteinander, und immer gab es Mitbringbüfetts. Wir redeten über Beziehungen und Schwangerschaften, die keinen Bestand hatten, über Chefs und Mitbewohnerinnen, die uns nicht zu schätzen wussten, und darüber, wie viel Knoblauch an ein veganes Salatdressing gehört. Einmal brachte jede von uns zum Mitbringbüfett einen Nachtisch mit, und niemand sah ein Problem darin.
Eine Lehre gab es nicht. Wir redeten nie über Glaubensüberzeugungen, sondern lebten einfach nur zusammen und sprachen von der göttlichen Weiblichkeit in uns und in der Welt. Die Göttin, von der wir redeten, fühlte sich für mich nie wie ein Ersatz für Gott an, sondern einfach wie ein anderer Aspekt des Göttlichen. Gottes Tante eben.
Ich glaube, wenn ich anderen Christen von meiner Zeit mit der Göttin erzähle, erwarten sie von mir, dass ich sie als eine Lebensphase schildere, in der ich einen Irrweg ging, von dem ich nun zum Glück zu Jesus und zu meinem Verstand zurückgefunden habe. Aber so ist es nicht. Ich kann mir nicht denken, dass der Gott des Universums auf unsere Gottesvorstellungen beschränkt ist. Ich kann mir nicht denken, dass Gott sich nicht selbst auf unzählige Weisen jenseits des Symbolsystems des Christentums offenbart. Ich brauche gewissermaßen einen Gott, der größer und geschmeidiger und geheimnisvoller ist als das, was ich je begreifen oder mir ausdenken könnte. Sonst würde es sich so anfühlen, als ob meine Anbetung sich nur auf mein eigenes Begriffsvermögen des Göttlichen richtete.
Tatsächlich fühlte ich mich während der ganzen Zeit, in der ich fernab der Gemeinde unterwegs war, von Gott geführt. Die göttliche Quelle meines Lebens und meiner Identität wusste vielleicht, dass ich das Bedürfnis hatte, mich eine ganze Weile lang in einem weiblichen Gesicht Gottes zu sonnen, während ich der Gemeinde fern war, bevor ich heil zu ihr zurückkehren und fähig werden konnte, das göttliche Weibliche in meiner eigenen Tradition zu erkennen. Wenn die feministische Gelehrte Mary Daly recht hatte, als sie sagte: „Wenn Gott männlich ist, dann ist das Männliche Gott“, dann musste in mir einiges zurechtgerückt werden, nachdem ich meine ganze Kindheit lang immer wieder zu hören bekommen hatte, Gott sei männlich und ich nicht (aber Jimmy aus der sechsten Klasse da drüben schon!).
Jahre später, als ich Mitte dreißig und PJ schon gestorben war, wurde mir klar, was ich eigentlich mehr als alles andere wollte: eine Pastorin für meine Leute sein – vorzugsweise junge, clevere Städter, die ihre Identität nicht bloß aus den Kategorien des Spätkapitalismus zusammenbasteln wollten. Inzwischen war ich meinen Zorn auf den Fundamentalismus meiner Kindheit durch die richtige Mischung aus Zeit, Nüchternheit und Therapie losgeworden. Aber ein kleines Problem stand meiner Zukunft als Pastorin im Weg: Ich bin eine miserable Kandidatin. Ich fluche wie ein Bierkutscher, bin mit Tätowierungen bedeckt und habe einen Hang zur Selbstsucht. Eine lutherische Pastorin würde niemand in mir vermuten.
Darum hatte ich Angst. Was mir Angst machte, war die Tatsache, dass ich mich, um eine Pastorin zu werden, wie sie mir vorschwebte, erst einmal mit ein paar meiner persönlichen Eigenschaften auseinandersetzen musste, die ich bisher am liebsten ignoriert hatte. Der Gedanke, eine geistliche Leiterin zu sein, fiel mir schwer. Ebenso das Wissen, dass ich eigentlich emotional bedürftige Menschen nicht besonders mag und mich, wenn irgend möglich, aus dem Staub mache, wenn ich sie kommen sehe. Ich hatte Schwierigkeiten mit der Vorstellung, ständig für Leute verfügbar zu sein, obwohl ich eigentlich ein bisschen misanthropisch bin. Viele Dinge machten mir Mühe, doch was mir trotz meiner Erziehung überhaupt nicht schwerfiel, war mein Geschlecht. Meine Berufung zur Pastorin schockierte mich zwar immer noch, aber sie war immer unzweideutiger geworden und mir sogar richtig ans Herz gewachsen. Deshalb wollte ich auch meinen Eltern nichts davon sagen.
Vielleicht zum ersten Mal in meinen Leben sah ich so etwas wie ein Ziel und einen Sinn vor mir, und das wollte ich mir von ihnen auf keinen Fall kaputt machen lassen. Aber irgendwann mussten sie es ja erfahren. Also saß ich an einem Samstag im November 2005 auf dem überreich gepolsterten Brokatsofa im Wohnzimmer meiner Eltern, und während sie auf das brandneue Tattoo von Maria Magdalena starrten, das jetzt meinen Unterarm bedeckte, setzte ich zu meinem nicht sehr eleganten Geständnis an.
„Ich … äh … bin sehr gern am theologischen Seminar, und ich muss euch sagen, dass ich meinen Studiengang vom akademischen zum pastoralen Abschluss geändert habe. Also, äh … wisst ihr … ich glaube, es könnte vielleicht sein, dass Gott mich beruft, eine Gemeinde zu gründen, und ich habe so das Gefühl, ich soll Pastorin für meine Leute werden, aber ich habe Angst, und, na ja … ich habe eben Angst, … aber … “ Ich hatte keine Ahnung, ob mein Gefasel irgendeinen Sinn ergab, aber wenigstens war es jetzt heraus. Meine größte Sorge war, sie könnten den Gedanken rundheraus ablehnen und mir eine Standpauke halten, weil ich nicht respektierte, dass die Schrift den Frauen das Lehren verbietet. Ich wusste nicht genau, was ich schlimmer fand – die Möglichkeit, sie könnten mich dazu bringen, mich zu schämen, oder die Tatsache, dass sie dazu überhaupt noch in der Lage waren.
In diesem Moment stand mein Vater schweigend auf, ging zum Bücherregal und nahm seine abgegriffene, in Leder gebundene Bibel heraus. Jetzt kommt’s, dachte ich, jetzt haut er mich mit dem Bibelknüppel.
Er schlug sie auf und las. An der aufgeschlagenen Seite sah ich, dass es keiner der Paulusbriefe am Ende des Buches war, sondern eine Stelle irgendwo in der Mitte. Mein Vater las nicht den Abschnitt aus 1. Timotheus, wo es heißt, dass Frauen in der Gemeinde schweigen sollen. Er las aus dem Buch Esther.
Die einzigen Worte, die ich von meinem Vater zu hören bekam, waren diese: „Aber du wurdest für einen Tag wie diesen geboren.“ Er schlug das Buch zu, und meine Mutter und er nahmen mich gemeinsam in die Arme. Sie beteten über mir und segneten mich. Und manchmal begleitet einen ein Segen, so wie der, den meine konservativen christlichen Eltern ihrer Tochter spendeten, der angehenden lutherischen Pastorin, die ihnen das Leben höllisch schwer gemacht hatte, fürs ganze Leben. Das ist die Sorte Segen, von der man nicht einmal sprechen kann, ohne dass einem wieder die Tränen kommen.
Kapitel 3
Albion Babylon
Circa 1988
„Jemand sollte mal diese Lampe in Ordnung bringen“, sagte meine ältere Schwester Barbara. Die langen Leuchtstoffröhren in dem düsteren Kellerflur, der zu dem ebenerdigen Drei-Zimmer-Apartment führte, in dem ich jetzt mit sieben Mitbewohnern lebte, flackerte an und aus wie ein Strobespot und ließ unseren Weg zur dritten Wohnungstür rechts trügerisch kurz erscheinen.
Meine Schwester und ich hatten uns die meiste Zeit meines Lebens sehr nahe gestanden. Sie gab sich auch noch mit mir ab, nachdem ich in diese schmuddelige Wohnung gezogen war. Vor Kurzem hatte ich, schon nach dem ersten Semester, das College geschmissen und besaß nur wenige Habseligkeiten, während Barb gerade ihren Doktor in Englisch an der Universität von Indiana machte und Dinge wie eine Waschmaschine und einen Trockner ihr eigen nannte. Mit meinen neunzehn Jahren besaß ich im Winter 1988 eine einzige Apfelkiste mit lebenswichtigen Dingen: ein zerfleddertes Exemplar der Vegetarischen Landküche, meine Springerstiefel, einen alten Schaufensterpuppenkopf und mehrere unverzichtbare Tonkassetten: Ziggy Stardust, Violent Femmes, Road to Ruin.
Die Ramones. Ich war zwölf, als ich im Big Apple Tapes & Records, gegenüber vom Zuckermaisstand in der Mall of the Bluffs in Colorado Springs, das Album Road to Ruin erstand. Bis zu jenem Tag hatte es in unserem christlichen Mittelschichthaushalt nur Jim Croce, John Denver und das Kingston Trio gegeben. Doch nun mussten diese Burschen mit ihren manikürten Schnurrbärten und milden Manieren Platz machen für vier Jungs aus Queens, weil ich mein ganzes Taschengeld für Road to Ruin von den Ramones ausgegeben hatte. Wochenlang saß ich jeden Nachmittag in meinem Kinderzimmer und nudelte diese Kassette auf meinem orange-weißen Fisher-Price-Plastikkassettenrekorder ab, während ich das Cover anstierte. Im Stillen hoffte ich, vielleicht würden ja Joey und Dee Dee Ramone wie durch Zauberei in ihren zerrissenen Levis und Lederjacken bei mir zu Hause auftauchen und mich mitnehmen. Die zornige Punkmusik kam mir vor, als wäre sie eigens für mich gemacht.
Als meine Liebesaffäre mit den Ramones begann, ahnten meine Eltern nichts davon, dass ich mir Punkrockalben kaufte. Ebenso wenig wussten sie, dass ich in der Schule Essen klaute. Die Lehrer in meiner Junior High School ließen Snacks auf ihren Pulten liegen, und ich hatte solchen Hunger, dass ich mir ihre Müsliriegel oder Chipstüten schnappte, nicht etwa, weil es zu Hause nicht genug zu essen gegeben hätte, das schon, aber ich konnte einfach nicht genug kriegen, egal, was ich mir alles in meine Brotdose oder in den Mund stopfte.
Ich war elf, als ich allmählich anfing, immer weniger zu wiegen und immer mehr zu essen. Und meine Eltern, Dick und Peggy, mit ihrer liebevollen Art und ihrem unerschütterlichen Optimismus, dachten sich, das sei bestimmt nur ein Wachstumsschub, und munterten mich auf, stolz auf meine Größe zu sein und mich gerade aufzurichten. Als im Jahr darauf meine Handschrift so schlecht wurde, dass meine Noten ins Trudeln gerieten, kaufte mir meine Mutter ein wunderschönes Kalligrafieset in der Hoffnung, mich dadurch zu etwas mehr Ehrgeiz bei meinem Federschwung anzuspornen. Und als ich blass und antriebslos wurde, war meine Mutter der Meinung, ich müsse eben mehr hinaus an die frische Luft von Colorado und ging mit mir zum Skilanglauf. Das war der Tag, als sie merkte, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte, und zwar nichts, was sich mit Disziplin und Optimismus wieder in Ordnung bringen ließ. Auf dem Weg in die Berge schlief ich auf dem Rücksitz unseres Chevy Citation, und die Bewegungen des knüppelgeschalteten Wagens drehten mir den Magen um. Später, als wir uns endlich ausstaffiert hatten und auf die Loipe gingen, kam mir mein Wollpullover so schwer vor wie eine von diesen bleiernen Röntgenschürzen, und meine Beine wollten sich einfach nicht bewegen. Schließlich quengelte ich so lange, bis wir uns auf den Heimweg machten. Außerdem hatte ich den ganzen Proviant bereits vertilgt. Als wir nach Hause kamen, vereinbarte meine Mutter einen Termin beim Arzt.
Wie sich herausstellte, hatte ich Morbus Basedow. Das ist eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, die im Körper allerlei lustigen Unfug anstellt: beschleunigter Herzschlag, Handzittern, Blässe der Haut, gesteigerter Stoffwechsel, Antriebslosigkeit, Manie, Depression und Hitzeempfindlichkeit. Sie wirkt wie Methamphetamin, nur ohne das gute Gefühl dabei. Ach ja, und sie ist kostenlos.
Durch die Krankheit hatte sich hinter meinen Augen Fettgewebe angesammelt, sodass sie aus ihren Höhlen nach vorn gedrückt wurden. Meine Augäpfel wölbten sich so weit aus meinem Schädel heraus, dass ich meine Lider nicht mehr schließen konnte. Das Weiße war überall rund um die Iris zu sehen, so als hätte ich gerade einen Stromschlag abbekommen oder etwas Grauenhaftes gesehen … nur dass ich immer so aussah.
Immer.
Von zwölf bis sechzehn Jahren. Jeden Tag meines Lebens.
Meine Mutter fuhr jeden Monat mit mir nach Denver zu irgendwelchen Augenärzten, die darüber wachten, dass meine Hornhäute keinen Schaden nahmen (ich schlief jetzt immer mit einer Augensalbe, damit mir die Augen nicht austrockneten), aber zugleich auch meine Gesichtsknochen vermaßen. Die Sache mit den Glupschaugen ließ sich operativ korrigieren. Aber erst, wenn meine Gesichtsknochen aufgehört hatten zu wachsen. Und wie ich herausfand, kann man seine Gesichtsknochen nicht durch Disziplin oder Optimismus vom Wachsen abhalten.
Die meisten Jugendlichen in der Junior High School fanden, sie sähen aus wie Insekten. Bei mir stimmte das wirklich. Im Schulbus verbrachte ich an den meisten Tagen die zwanzig Minuten Fahrzeit damit, meine Handflächen auf die Augen zu pressen, weil ich dachte, wenn ich mich nur entschlossen und beharrlich genug anstrengte, könnte ich meine Augen wieder zurück in den Schädel zwängen. Aber das funktioniert einfach nicht. Jugendliche können ihre geschiedenen Eltern nicht wieder zusammenwünschen. Sie können auch nicht durch Superleistungen in der Schule ihre manisch-depressive Mutter davon abhalten, verrückt zu sein. Und sie können ihre Froschaugen nicht zurück in den Schädel zwingen, indem sie auf der Busfahrt in die Schule zwanzig Minuten lang draufdrücken. Aber das alles hat noch keine Jugendlichen davon abgehalten, es zu versuchen.
Ich weiß nicht genau, ob der Tyrann auf der letzten Sitzreihe zur Serienausstattung aller Schulbusse in Amerika gehört, zusammen mit dem Feuerlöscher und dem großen Türhebel beim Fahrersitz, aber es kam mir jedenfalls so vor. Meine serienmäßige Tyrannin war gar nichts Besonderes: ein Mädchen namens Becky, größer als die meisten anderen, mit zerzausten Haaren, das immer Def-Leppard-T-Shirts anhatte.
Sie bemerkte meine Handflächen über den Augen, und als sie die anderen darauf hinwies, log ich. „Was machst du denn da?“, fragte Becky höhnisch. „Willst du dir etwa die Froschaugen wieder reindrücken?“
„Ich meditiere“, sagte ich. „Buddhistisch.“ Und dann setzte ich mich mit meinen dünnen Beinen im Schneidersitz auf die Bank im Bus.
Am nächsten Tag setzte ich einfach eine Sonnenbrille auf.
Irgendwann fing ich dann an, die Augen zuzukneifen und niemanden direkt anzuschauen, wenn ich durch die niedrigen Flure der Horace Mann Junior High School ging, so wie die Frühentwicklerinnen unter den Mädchen sich ihre Mappen vor die Brust hielten. Doch wenn ich auch die Augen abwandte – das Kinn ließ ich niemals sinken. Nicht ein einziges Mal.
Jeder hat seine eigene Horrorgeschichte aus der Schulzeit. Es ist eine Feuerprobe, und was für ein Mensch schließlich aus uns wird, lässt sich meist in die siebte Klasse zurückverfolgen. Dabei reagiert jeder anders auf seine Schulerlebnisse. Was sich in mir zusammenbraute in jenen niedrigen Fluren, war mehr als nur ein „Zornproblem“, wie es später genannt wurde. Das tägliche Sperrfeuer bösartiger Bemerkungen, das mir Becky und andere entgegenspien, machte mich zwar zornig, aber irgendwie war der Zorn auch ein Schutz. Dieser Schutz bestand aus Zynismus und einem geschärften Gespür dafür, wenn Leute Bullshit erzählen. Nach einer Weile konnte ich das riechen wie ein Drogenspürhund auf einem kolumbianischen Flughafen.
Meiner Kirchengemeinde muss ich bei all ihren Fehlern eines lassen: Sie war der einzige Ort außerhalb meines Elternhauses, wo die Leute mich nicht angafften oder sich über mich lustig machten. In der Gemeinde wurde ich mit meinem Namen begrüßt anstatt mit irgendwelchen Spottbezeichnungen. In der Gemeinde konnte ich zur Jugendgruppe gehören. In der Gemeinde starrte mich niemand an. Deshalb war es auch so schlimm für mich, dass es letzten Endes andere Gründe gab, warum ich dort nicht hinpasste.
Dass ich zur Church of Christ gehörte – und somit Christ war –, bedeutete vor allem, dass ich sehr gut darin war, gewisse Dinge nicht zu tun. Nicht zu trinken natürlich, nicht bissig oder sarkastisch zu sein, keinen Sex außerhalb der Ehe zu haben, nicht zu rauchen, nicht zu tanzen, nicht zu fluchen, mich nicht in Leute außerhalb der Gemeinde zu verlieben und natürlich, was vielleicht das Wichtigste überhaupt war, nicht mit einer gemischten Gruppe baden zu gehen. Je besser man es hinkriegte, diese Dinge nicht zu tun, desto besser war man als Christ. Schon damals kam es mir nicht so vor, dass es die Gnade Gottes oder die radikale Liebe Jesu war, die die Leute in der Church of Christ vereinte; es war ihre Fähigkeit, gut zu sein. Oder zumindest ihre Fähigkeit, gut zu scheinen. Und das kriegt nicht jeder hin.
Während ich also trotz meiner Froschaugen in der Gemeinde akzeptiert wurde, waren die Wut und der Zynismus, die sich in mir infolge dieser Froschaugen angestaut hatten, ganz und gar „nicht christlich“. Meine neu entdeckte Vorliebe für das Wort „Bullshit“ zum Beispiel war nicht christlich. Der Punkrock bewies mir, dass es da draußen noch andere Leute gab, die auch schreien und einen draufmachen wollten, und das veränderte mein Leben. Aber auch Punkrock, Schreien und einen draufmachen waren – nicht christlich. Und damit war ich nicht christlich.
Ich setzte meinen unchristlichen Weg fort, indem ich sechs Monate vor meiner Augenoperation anfing zu trinken. Wenn wir dann vier Jahre vorspulen, war ich eine nun nicht mehr froschäugige Neunzehnjährige mit lila Haaren, einem Alkoholproblem, einem Einstellungsproblem und einem Kein-Tagohne-Joint-Problem.
Die meisten Gleichaltrigen waren inzwischen auf dem College. Ich hatte das auch versucht, war aber schon nach vier Monaten gescheitert. Mit meiner Fähigkeit, zu trinken „wie ein Mann“, hatte ich zwar bei den Verbindungsstudenten mächtig Eindruck gemacht, aber ich hatte es nicht geschafft, mich auch mal im Hörsaal blicken zu lassen. Erst später dämmerte mir, dass es zwischen diesen beiden Dingen vielleicht einen Zusammenhang gab.
Nach meinem eher mittelmäßigen Schulabschluss hatte ich mich, sozusagen, in die Pepperdine-Universität hineingeschmeichelt. Genau genommen war das eine Hochschule der Church of Christ, aber da sie sich in Kalifornien befand und nicht in einem richtigen christlichen Staat wie Texas oder Tennessee, war sie den Traditionalisten suspekt. Bedenkt man, wie die Gemeinde über „gemischtes Baden“ dachte – Jungen und Mädchen gleichzeitig im selben Schwimmbad –, muss ihnen eine Hochschule der Church of Christ im Strandparadies Malibu ähnlich widersinnig vorgekommen sein wie ein amisches Internat auf dem Strip in Las Vegas.
Nach meinem kurzen Ausflug aufs College ging ich zurück nach Denver. Nachdem ich dort ein paar Monate lang in einem schicken mexikanischen Restaurant mit vernachlässigbarem Essen Teller gewaschen hatte, traf ich Scotty, einen neunzehnjährigen Kiffer mit langem Kreuz und großem Herzen, der eine Wohnung in der Albion Street hatte und sagte, da könne jeder unterkommen. Keine Woche später half Barb mir beim Einzug.
An dem Abend, als ich einzog, deutete meine Schwester von der offenen Wohnungstür aus auf den versifften Küchentresen, eine riesige grüne Bong, ein Zimmer voller Matratzen auf dem Fußboden und einen Kerl, der auf einem zerfledderten Sofa schlief. „Schätzchen“, flüsterte sie, „ist das dein Ernst?“
Wir haben nun mal nicht alle das Zeug zur Akademikerin, Barb, dachte ich im Stillen.
Die Wohnung wurde rasch zu meinem Heim und die Leute dort meine Ersatzgemeinschaft. Wir teilten unsere Drogen redlich und versuchten, dafür zu sorgen, dass jeder etwas zu essen bekam. Schon vor meiner Ankunft hatte jemand einen blaugelben „Sag-nein-zu-Drogen“-Aufkleber auf die über einen Meter lange Fiberglas-Bong im Wohnzimmer geklebt. Sie stand an einer nikotinvergilbten Wand, an der ein „Reaganstein“-Poster hing (Ronald Reagan mit grünem Gesicht und Bolzen im Kopf, die Arme drohend erhoben). Gekocht wurde nicht viel in der Wohnung, höchstens mal eine Packung Ramennudeln. (Und einmal briet jemand eine Klapperschlange; eine dieser Suffaktionen, um die Mitbewohner bei Laune zu halten und allen Konventionen zu trotzen. Sie vergammelte, bevor jemand – ich war es nicht – auf den schlauen Gedanken kam, sie auf den Müll zu schmeißen.) Wir nannten unsere Schmuddelbude „Albion Babylon“.
An meinem ersten Abend in Albion Babylon packte ich meine Habe aus und merkte bald, dass die Apfelkiste das einzige Möbelstück war, in dem ich meine Sachen verstauen konnte. Also stellte ich sie auf die Seite wie einen kleinen Geschirrschrank und stapelte darin alles so ordentlich auf, wie es eben ging. Dann nahm ich einen schwarzen Markierstift, zeichnete einen Kreis um den Apfel und überlegte, ob ich ein Friedens- oder ein Anarchiesymbol daraus machen sollte. Frieden. Nein … Anarchie. Ich versuchte, beides zu kombinieren, sodass es schließlich aussah wie irgendein Emblem aus Star Trek. Die alte Matratze auf dem Fußboden bedeckte ich mit einem fröhlich gelb geblümten Laken und meiner Bettdecke. Ich war so dankbar dafür, einen Platz zum Schlafen zu haben, der nicht mit lauter Erwartungen an mich befrachtet war wie mein Elternhaus, mein Wohnheim an der Pepperdine oder, Gott behüte, die Church of Christ.
Doch trotz all dem Blödsinn dort und der Versessenheit darauf, gut zu sein, und der Ausgrenzung von Leuten, die nicht auf deren spezielle Weise „gut“ waren, war die Church of Christ, in der ich aufwuchs, doch eine Gemeinschaft. Als Gemeindeglieder teilten wir unser Leben miteinander. Dreimal in der Woche versammelten wir uns in einer großen Schar zum Gottesdienst, um zu singen, zu beten und miteinander Abendmahl zu feiern. Und während der übrigen Woche verbrachten wir unsere Zeit mit Leuten aus der Gemeinde. Insbesondere das Haus meiner Eltern war ein beliebter Treffpunkt. Immer aßen irgendwelche Leute mit an unserem Tisch, schliefen auf unseren Sofas und studierten in unserem Wohnzimmer die Bibel.
Einmal stand ein junges Pärchen bei uns auf der Matte. „Wir sind Freunde von den Slaters aus Detroit und gerade auf Durchreise in Denver. Sie haben gesagt, wir könnten vielleicht hier übernachten.“
„Zieht euch ein Sofa aus“, sagten meine Eltern dann. „Hier habt ihr ein paar Handtücher. Helft ihr mir beim Karottenschälen?“
So ging es bei uns zu Hause zu, und es war irgendwie schön. Doch so wie jedes andere Kind auf unserem Planeten merkte ich erst viel später, wie komisch meine Familie eigentlich war. Im Gegensatz dazu, wie ich über den christlichen Fundamentalismus dachte, von dem ich mich bald trennen würde, habe ich nie aufgehört, diese geistliche Merkwürdigkeit der Gastfreundschaft und Gemeinschaft zu schätzen. Und ohne es zu merken, verbrachte ich die nächsten zehn Jahre mit dem Versuch, mir selbst so eine geistliche Gemeinschaft zu erschaffen. Nur war ich auf der Suche nach einer Gemeinschaft, in die wirklich alles an mir hineinpasste.
Kurz, ich war begeistert davon, dass ich Albion Babylon gefunden hatte. Wir fühlten uns wie eine Gemeinschaft. Wir lachten jede Menge in unserem ebenerdigen Apartment, tranken um die Wette und gingen nicht oft vor die Tür. Scotty, der Typ aus dem mexikanischen Restaurant, hatte schon einen Entzug hinter sich. Einmal zeigte er mir ein Buch, dass er angefertigt hatte: eine Art Sammelalbum in einem braunen Umschlag mit Fotos, Zeichnungen und Texten. Das war so ein Selbsterkenntnisprojekt, das er in der Therapie hatte machen müssen. Jetzt versteckte er sein Gras darin. Ich liebte ihn wegen seiner Gedichte und Bilder, und weil er Gras in seinem Patientenalbum aufbewahrte. Es kam mir vor wie ein schallendes „Leckt mich“ an seine Eltern, die sich „solche Sorgen“ um ihn machten.
Daraufhin machte ich mir auch so ein Buch: eine Zeichnung, ein schlechtes Gedicht, eine Liste meiner Helden, meiner Fehler und meiner Stärken. Helden: 1. Jesus Christus, 2. Che Guevara. Stärke: Humor. Fehler: Weglaufen. Ich notierte, Jesus sei ein echter Revolutionär gewesen, und das Christentum hätte leider seinen Ruf ruiniert. Meine Ziele mit neunzehn waren: mehr zu reisen, in einer Kommune oder irgendwie gearteten verbindlichen Gemeinschaft zu leben und durch revolutionäres Handeln zum Weltfrieden beizutragen.
Als mit der Zeit zwei weitere Mitbewohner zu uns stießen, beschlossen wir, uns ein Haus zu mieten, ein Ranchhaus aus hellen Ziegeln an der Humboldt Street, ganz in der Nähe der Iliff School of Theology. Dort würde ich später einmal studieren, aber damals bemerkte ich sie überhaupt nicht. Im Humboldthaus, unserem neuen Zuhause, fühlten wir uns alle frei von Einschränkungen und Konventionen und Bemutterungsversuchen unserer Eltern, und einen Garten hatten wir auch.
Meine Freunde und ich hatten nun also ein richtiges Zuhause, und während der Typ mit den gelichteten Zahnreihen aus Alabama in einigen Zimmern Hydrokulturen für unser Gras anlegte, beschloss ich, mich um die traditionelleren Haushaltstätigkeiten zu kümmern. Ohne die leiseste Ahnung vom Brotbacken oder von der Gemüsegärtnerei zu haben, versuchte ich mich an beidem. In beiden Fällen fielen die Resultate trocken und krümelig aus. Ich schmiss einfach Samenkörner auf den trockenen Boden und dachte, wir könnten von dem leben, was dabei herauskam. Aber es wuchs nichts. Und ich hatte immer noch Hunger. Daneben dekorierte ich den Rand des Linoleumfußbodens in meinem Kellerzimmer mit meinen leeren Wodkaflaschen, die ständig von meinen Mitbewohnern und ihren Freunden und Freundinnen (mit denen ich hin und wieder „versehentlich“ schlief) umgestoßen wurden.
Sonntagmorgens, wenn ich meinen Kater abschütteln konnte, schlich ich mich manchmal, ohne recht zu wissen, warum, zu einer Quäkerversammlung in der Nähe. Das war eine liberale Gemeinde, wo niemand etwas sagte. Ihr Gottesdienst bestand aus einem gemeinsamen Erleben der Stille. Es gab keine Predigt und keine Männer, die sich in endlosen wichtigtuerischen Gebeten ergingen. Es war ein beruhigendes, vertrautes Gefühl, mit einer Gemeinschaft von Leuten auf diesen Eichenbänken zu sitzen. Außerdem gefiel es mir, dass niemand mir dort sagte, was ich tun müsse, um ein guter Mensch zu sein. Die Leute, die an diesen stillen Vormittagen dort um mich herumsaßen, bestellten richtige Gärten und protestierten gegen Kriege und lasen die New York Times. Sie waren freundlich und verloren nie ein Wort über den Geruch des noch nicht vollständig verstoffwechselten Alkohols vom Vorabend, den ich verströmte.
Doch obwohl die Quäker eine Gemeinschaft waren, gehörte ich nicht wirklich dazu. Ich war eher so etwas wie eine Zuschauerin. Meine Gemeinschaft lag ein paar Häuser weiter noch in den Betten und schlief ihren Rausch aus. Doch bei uns zu Hause liefen die Dinge allmählich aus dem Ruder. Die Leute wurden immer schlampiger. Ein Typ hatte sich eine Knarre zugelegt, und unser Redneck aus Alabama hatte angefangen, mit Speed zu handeln. Immer mehr Fremde tauchten bei uns auf. Um den Garten kümmerte sich niemand. Mir war der Garten eigentlich auch egal. Wir alle taten einfach nur das, wozu wir Lust hatten. Ich war von allen enttäuscht, und Brot zu backen versuchte ich auch nur das eine Mal.
Wie sich herausstellte, hätte eine Gemeinschaft, wie sie mir vorschwebte, aus Leuten bestanden, die nicht auf die Idee kamen, den Motor eines 1981er Honda Civic auseinanderzunehmen und vier Monate lang im Wohnzimmer herumstehen zu lassen. Aus Leuten, die, wenn ihr Kater auf meine Bettdecke pinkelte, in Erwägung ziehen würden, den Kater kastrieren zu lassen oder wenigstens die Reinigung zu bezahlen. Sie würden diesen Vorfall nicht einfach als Gelegenheit nutzen, mich mit glasigem Blick darüber aufzuklären, wie verkrampft ich doch sei und dass eigentlich niemand das Recht habe, sich an den Fortpflanzungsorganen eines anderen Tiers zu schaffen zu machen … Mann! Und vielleicht vor allem anderen wollte ich in einer Gemeinschaft mit Leuten leben, die nicht nur imstande waren, ein einstmals froschäugiges Mädchen zu lieben, sondern auch zuverlässig die Toilettenspülung zu bedienen. Und verdammt, vielleicht legten sie auch Wert auf eine Mitbewohnerin, die nicht mit ihren Freunden und Freundinnen schlief.
Am Anfang hatten wir uns gegenseitig gemocht, aber letzten Endes wusste keiner von uns, wie man sich umeinander kümmert. Doch diese Erfahrung lehrte mich, dass eine Gemeinschaft, die darauf fußt, dass Regeln und Vorschriften bei allen verhasst sind, letztlich genauso enttäuschend und bedrückend ist wie eine Gemeinschaft, die auf der Fähigkeit fußt, Regeln und Vorschriften zu befolgen.
Ich zog aus. Zwei Wochen später nahmen die Bullen das Haus auseinander.

Kapitel 4
La Femme Nadia
Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich.
– Römer 7,15 (Luther)
Am Sonntag nach Neujahr 1992 war ich seit sechs Tagen trocken und saß in einem trüben, schmucklosen Raum voller Zigarettenqualm und trockener Frauen – Vorstadthausfrauen, ausgemergelte Cocktailkellnerinnen, ein paar Großmütter und eine Anwältin – im ersten Stock der York Street. Die „York Street“ ist ein altes viktorianisches Haus, das als Zentrumfür Alkoholiker-Selbsthilfegruppen in Denver dient. Der Glanz des Hauses war in den zwanzig Jahren, in denen es durchweg als Treffpunkt für trockene Trinker gedient hatte, ziemlich verblasst. Auf der prächtigen umlaufenden Veranda, auf der vor langer Zeit viktorianische Damen in Korsetten und elegante Herren im Kummerbund lustgewandelt waren, tummelten sich halb volle Aschenbecher, obdachlose Männer und Anwälte, die flugs in ihre Audis schlüpften, um nicht von Kollegen oder Mandanten, die vielleicht gerade die eigentliche York Street entlangfuhren, in einer Reha-Einrichtung gesehen zu werden.
Früher durfte man in der York Street rauchen, aber nur im ersten Stock. Rauchen hilft, wenn man vom Nichttrinken den Tatterich hat und sowieso schon nicht ganz sicher ist, ob das mit dem Entzug überhaupt funktionieren wird. Ich war mir keineswegs sicher, ob ich das schaffen würde, was ich in der York Street eigentlich zu suchen hatte oder ob irgendeine dieser Frauen je durchgemacht hatte, was ich gerade durchmachte. Ich wusste nur, dass ich sie alle nicht leiden konnte.
Wir saßen im ersten Stock im Kreis, alle schwafelten von Gott, bla bla bla, von Ergebung, bla bla bla, und ich glaubte kein Wort davon. Meine Haut fühlte sich an wie die raue Seite eines Klettverschlusses, und jedes Geräusch riss an meinen Nerven. Mein rechter Fuß ließ mein Bein wild auf- und abwippen, als wäre er zu nichts anderem da. Ich musste an meine trockene Freundin Nora denken, die einmal gesagt hatte, wäre sie keine Alkoholikerin, würde sie sich jeden Tag besaufen. Ich lächelte darüber, wie genau das die Sache traf. Was ich eigentlich wollte, waren ein paar Gläser Wodka, aber was ich hatte, waren sechs trockene Tage und offenbar so etwas wie eine nervöse Störung.
Während die Anwältin redete, wanderten meine Gedanken eine Woche zurück zum Weihnachtstag, an dem ich um zehn Uhr morgens mit dem Trinken angefangen hatte, um vierundzwanzig Stunden später im Bett eines Kochs aus dem Restaurant, in dem ich arbeitete, aufzuwachen. Ich konnte mich nicht erinnern, je Zeit mit ihm verbracht oder ihn auch nur attraktiv gefunden zu haben. Was mich aber am meisten erschreckte, war nicht, dass ich so viel getrunken hatte, dass ich in einem fremden Haus gelandet war, ohne mich an den Vorabend erinnern zu können. Zu dieser Zeit hatte ich mich schon eine ganze Weile lang durchgehend dämlich verhalten: Ich hatte mich im Wohnzimmer eines Junkies tätowieren lassen, auf der Toilette bei Nell’s in New York Koks geschnupft und auf einer vereisten Straße einen Motorradunfall gebaut (da ich nicht nüchtern genug war, um mir zu überlegen, dass der Winter vielleicht nicht unbedingt die beste Jahreszeit fürs Motorradfahren ist). Das eigentlich Erschreckende an jenem Weihnachtstag war, dass nichts von alledem mich noch erschreckte.
Hätte meine arme Mutter auch nur die leiseste Ahnung davon gehabt, so wäre sie geradewegs in Ohnmacht gefallen, aber vor mir hatte ich so getan, als gehörte das alles einfach nur zu meiner Starrolle in Andrew Lloyd Webbers Version von Nadia. Und war ich nicht fabelhaft in meiner Rolle? Ich trug meine Trinkerei mit einer Tollkühnheit, als wäre ich eine Heldin der Ausschweifung. An diesem Weihnachtstag aber fühlte es sich beschissen an. Mir wurde undeutlich bewusst, dass ich einfach nur versuchte, ein bestimmtes Bild von mir zu verwirklichen, das ich für zutreffend hielt.
Ich rechnete damit, mit dreißig tot zu sein. Woher genau dieser Gedanke kam, weiß ich nicht genau, aber ich vermute, aus einem Film über Jim Morrison. Oder vielleicht war es auch Sid and Nancy. Welchen Hollywoodstreifen ich mir auch als Abbild meiner selbst zu eigen gemacht hatte, jedenfalls brauchte ich Jahre, bis ich bereit war, diese Vorstellung von mir selbst zu überdenken. Die Vorstellung, dass ich leicht neben der Spur war (aber auf zauberhafte Weise) und jung sterben würde, war mir zu so etwas wie einem Lieblingsoutfit geworden, das ich nicht variieren wollte, weil ich mir darin so gut gefiel. Anfangs fand ich das toll. Als Teenager fand ich mich super in der Rolle, Drogen zu nehmen und alle Weisheit zu verschmähen. Ich hatte das Outfit anprobiert, mich darin vor dem Spiegel gedreht und mich bewusst für dieses Aussehen, dieses Image, diese Identität entschieden. Aber mit der Zeit hatte ich, ohne es zu merken, die Fähigkeit verloren, darüber zu entscheiden. Ich war zu dem geworden, als was ich mich anfangs nur verkleidet hatte.
Wenn man etwas nicht im Griff hat, wie ich zum Beispiel – ich brauche nur ein Glas zu trinken, und schon sind alle Leinen los, wie sehr ich auch motiviert sein mag, mich zu beherrschen – dann ist es einfacher, sich das Leben so einzurichten, dass es aussieht, als hätte man sich das alles so ausgesucht, als sich der Wahrheit zu stellen: Man ist gar nicht mehr fähig, sich irgendetwas auszusuchen.
Am 26. Dezember 1991, sechs Tage vor dem Treffen, in dem ich jetzt saß, war ich zu meinem ersten Zwölf-Schritte-Treffen gegangen, um meiner Freundin Sandra zu beweisen, dass ich keineswegs eine Alkoholikerin war. Sandra war eine halbprofessionelle Betrügerin, die einen Großteil unseres Geldes zum Saufen damit verdiente, dass sie alte Leute übers Ohr haute, indem sie ihnen mehr Hörgeräte verkaufte, als sie je brauchten. Sie war in letzter Zeit meine bevorzugte Saufkumpanin gewesen und hatte in den letzten sechs Jahren immer wieder Zeiten in Reha-Maßnahmen verbracht.
Wir waren gerade bei unserer vierten Runde bei Ms C’s gewesen, einer Country & Western Bar für Lesben, als sie herausgeplatzt war: „Ich muss mal wieder versuchen, nüchtern zu werden.“ Ihr Gesicht ist noch ganz verquollen gewesen von ihrer letzten Sauftour, und in dem Moment hatte ich im Stillen gedacht: Du Waschlappen willst schon aufgeben? „Und im Ernst, Nadia“, war sie fortgefahren, „du bist eine bekackte Alkoholikerin.“
Ich hatte ihr das Gegenteil beweisen und mir bei der Gelegenheit vielleicht auch ein paar Tipps holen wollen, wie ich mich besser in den Griff bekommen könnte, um das Saufen zu genießen, ohne mich erbrechen zu müssen. So kam es, dass ich am nächsten Tag wichtigtuerisch auf einem alten Sofa in der Ecke eines Gemeindehauskellers gesessen hatte und mich in der Gewissheit wiegte, jeder im Raum wisse bestimmt, dass ich dort eigentlich gar nichts zu suchen hatte.
Das war jetzt sechs Tage her, und mein Bein hörte einfach nicht auf zu zucken. Ich suchte immer noch nach der Bestätigung, dass ich keine Alkoholikerin sei, damit ich, oh bitte, Herr Jesus, endlich wieder saufen gehen konnte.
Margery, eine ledergesichtige Frau mit New-Jersey-Akzent, redete vom Beten oder irgendwelchem anderen Unsinn, als plötzlich aus der Küche unter uns ein Geräusch heraufdrang, als wäre ein Kugelschreiber auf den Kachelfußboden gefallen. Ich schoss vom Sofa hoch, als wollte ich Granatsplittern ausweichen, aber niemand sonst reagierte. Ohne mit der Wimper zu zucken, wandte sich Margery mit einer langen, schlanken Zigarette zwischen den Fingern zu mir und sagte: „Das geht vorbei, Mädel.“ Sie nahm einen Zug und fuhr fort: „Also, jedenfalls, Gebet ist … “
In diesem Moment wurde mir klar, dass Margery sich nur deshalb so unmittelbar zu mir gewandt und das gesagt hatte, weil sie genau wusste, was es heißt, am ganzen Leib zu zittern, weil man nichts getrunken hat. Sie wusste, dass das offenbar eine vorübergehende Erscheinung war. Und vielleicht wusste sie sogar, wie man mit dem Trinken aufhört, auch wenn es einem total dreckig dabei geht. Ich war am richtigen Ort. Also fing ich ganz allmählich an, regelmäßig zu diesen Treffen zu gehen und alten Hasen wie Margery genau zuzuhören. Selbst dann, wenn sie anfingen, von Gott zu reden.
Und von Gott redeten diese Leute eine Menge. Allerdings nie von einem zornigen Gott, der Leute verurteilte oder verdammte oder ständig nur enttäuscht von ihnen war. Der Gott, von dem sie redeten, war nicht der Gott, den zu fürchten man mich gelehrt hatte.
„Du musst einfach eine höhere Macht finden, mit der du verhandeln kannst“, sagte Margery eines Morgens, als ich zugab, dass das Christentum mir zuwider sei. „Hier geht es nicht um Religion, Mädel.“
Für sie war Gott der entscheidende Faktor, um trocken zu bleiben. Ihre Beziehung zu Gott war nicht dogmatisch. Sie war pragmatisch.
„Hör einfach auf, dauernd darüber nachzudenken. Wenn du morgens aufstehst, bitte Gott, dir zu helfen, trocken zu bleiben, und vor dem Schlafengehen danke ihm.“ Bei dem männlichen Pronomen zuckte ich zusammen, aber ich tat es an diesem Abend trotzdem.
Kennen Sie auch solche Freundschaften, bei denen Zeit und Entfernung gar keine Rolle spielen und man immer wieder da weitermachen kann, wo man aufgehört hat, auch wenn man jahrelang nicht miteinander geredet hat? So war es bei meiner Beziehung zu Gott nicht. Nicht etwa, dass ich nicht an Gott geglaubt hätte. Ich hatte es nie geschafft, wirklich zur Atheistin zu werden. Ich glaubte immer daran, dass es im Universum etwas gab, irgendeine große, schöpferische Kraft, die alles zusammenband. Etwas, womit ich verbunden war. Ich hatte mir angewöhnt, es Geist und Göttin zu nennen, und hin und wieder ließ ich mich auch dazu herbei, es vorsichtig Gott zu nennen, solange nur kein Christentum dabei im Spiel war. Aber das Reden mit Gott fühlte sich so an, als finge ich ganz von vorne an.
Fast jeden Tag ging ich nun zu diesen Treffen in der York Street und diversen Gemeindehauskellern. Ich saß auf Metallklappstühlen auf Linoleumfußböden und trank aus Styroporbechern hellbraunen Kaffee, während trockene Trinker mir etwas von Gott erzählten, den sie oft einfach nur als ihre höhere Macht bezeichneten. Dieses Fehlen konkreter theologischer Aussagen war vielleicht das Einzige, was es mir möglich machte, immer wieder hinzugehen. Einmal jedoch in jenen ersten sechs Monaten, als ich in einem Zwölf-Schritte-Treffen in einem Raum im Obergeschoss einer Freimaurerloge saß, erzählte jemand, er habe in dieser Woche etwas in der Bibel gelesen, was ihm für sein Bemühen um Trockenheit viel bedeutete.
Ich stand auf und verließ den Raum. Die Bibel war die bevorzugte Waffe im geistlichen Gladiatorenzirkus meiner Jugend gewesen. Ich wusste, dass die Bibel, wenn man sie gezielt und präzise schwingt, tiefe Wunden schlagen kann, während derjenige, der sie in der Hand hält, ungestraft behaupten kann, dies komme „von Gott“. Wann immer ein Bibelvers gebraucht wird, um einen anderen Menschen auszuschließen, zu beschämen, zu schädigen oder zu verletzen, dann geschieht das anscheinend, da Gott ja die Bibel geschrieben hat (ein grotesker Gedanke), nicht nur in seinem Namen, sondern auch aus Liebe und Fürsorge für diesen anderen. Und diese Person war ich mehrere Male gewesen und hatte geistlich blutend am Boden gelegen, während die netten, wohlmeinenden und fürsorglichen Christen herablassend lächelnd über mir standen und höchst zufrieden mit sich waren, weil sie ja „die Wahrheit in Liebe ausgesprochen“ hatten.
Das Buch, das Gott „geschrieben“ hatte, war benutzt worden, um mir und anderen wehzutun. Als nun in diesem Zwölf-Schritte-Treffen einer der Teilnehmer darauf zu sprechen kam, war das das Einzige, woran ich denken konnte. Und wenn ich einen „Gott“ finden musste, „mit dem ich verhandeln konnte“, wie Margery es ausdrückte, dann würde das bestimmt keiner sein, der so ein Buch wie die Bibel geschrieben hatte. Wer konnte damals schon ahnen, dass ich später einmal die Bibel lieben lernen würde, nachdem ich erst einmal all die großartigen Teile darin entdeckt hatte, von denen nie die Rede gewesen war, als ich heranwuchs.
Aber die Verbindung – die tiefe, beständige und persönliche Verbindung, die Leute wie Margery zu Gott hatten, zu einer Macht, die größer war als ihr Trinker-Ich – basierte keineswegs auf Frömmigkeit oder Gerechtigkeit. Sie basierte einzig und allein auf etwas, womit ich entschieden mehr anfangen konnte: auf Verzweiflung.
Im Rückblick erscheint mir das alles heute wie eine Unterbrechung. Es war, als würde Gott mich abrupt, ja geradezu grob, in meinem Leben unterbrechen. Mir war es doch prima gegangen mit meinem Streben nach einem frühen Rock’n’Roll-Tod. Ich fand es zum Brüllen komisch, wenn ich mit Schrunden im Gesicht zu meinem Kellnerinnenjob erschien, weil ich wieder einmal in einer Pfütze meines eigenen erbrochenen Wodkas eingeschlafen war. Immer, wenn ich gesagt hatte, ich müsste wirklich versuchen, mit dem Saufen aufzuhören, drückte ich damit in Wirklichkeit aus: Schaut doch mal, wie gut ich als Säuferin bin. Oder anders gesagt: Bin ich nicht eine niedliche gescheiterte Existenz?
Als ich dann also mit dem Trinken aufhörte, als ich meine Abende nicht mehr in Bars, sondern in Gemeindehauskellern verbrachte, hatte ich nicht das Gefühl, als sei das eine Willenssache. Im Gegenteil, es geschah gegen meinen Willen, und ich war stinkwütend deswegen. Ich kochte vor Wut darüber, dass mir der Fusel genommen wurde, wo der doch das Einzige war, was verlässlich die von der Angst und dem Druck des Menschseins verkrampften Muskeln in meiner Brust wenigstens ein bisschen zu lockern vermochte.
Aber ich blieb dran. Ich blieb dabei, nicht zu trinken und Frauen wie Margery zuzuhören, denn in diesen Räumen hörte ich, wie Wahrheit ausgesprochen wurde. Obwohl mein Wunsch eigentlich nur war, wie eine Dame trinken zu lernen, blieb ich dabei, um von diesen Leuten zu lernen, wie Leute wie wir es schaffen können, nüchtern zu bleiben. Ich hatte so oft die vertraute Wahrheit über mein eigenes Alkoholproblem aus dem Mund von alten Männern und Straßenpunks und Anwälten und alten Damen wie Margery gehört, dass ich mehr Willenskraft gebraucht hätte, um es zu verleugnen, als um mich einfach zu ergeben.
Mich erinnert das an den großartigen französischen Film La Femme Nikita (und das spätere grottenschlechte amerikanische Remake Codename: Nina) aus den frühen 1990ern. Nikita ist ein drogensüchtiges junges Mädchen und die einzige Überlebende einer Schießerei zwischen der Polizei und der Diebesbande, zu der sie gehörte. Die Behörden täuschen ihren Tod vor, stecken sie ins Gefängnis und stellen sie dann vor die Wahl, sich entweder tatsächlich in ihr angebliches Grab zu legen oder mit ihnen zusammenzuarbeiten. Quid pro quo.
Trocken zu werden fühlte sich für mich nie so an, als hätte ich mich am eigenen geistlichen Schlafittchen aus dem Sumpf gezogen. Es fühlte sich eher so an, als wäre ich zielstrebig auf dem Weg zur Selbstzerstörung, und Gott hätte mich am Kragen geschnappt und hochgehoben, während ich hoffnungslos um mich trat und strampelte und sagte: „Hau ab. Ich nehme lieber die Selbstzerstörung.“ Worauf Gott mich kleines Würmchen mit meinem wutroten Gesicht anschaute und sagte: „Wie niedlich“, um mich dann schwungvoll auf einen ganz anderen Weg zu setzen. Ich bin so etwas wie eine lutherische Nikita. Ich bekam die Erlaubnis, nicht zu sterben und als Gegenleistung für Gott zu arbeiten. Ich bekam ein Leben zurück, ein reiches Leben, das ich mir nie aus dem Katalog ausgesucht hätte – ein Leben, in dem ich einen netten Mann heiraten, aufs College gehen, zwei Babys bekommen, Theologie studieren, als lutherische Pastorin ordiniert werden und eine Gemeinde gründen würde. Ich sollte mein Leben zurückbekommen, aber dafür würde ich für Gott arbeiten müssen. Ich würde Gottes Zicke werden müssen.
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