Kitabı oku: «Unheilige Heilige»

Yazı tipi:


Aus dem Amerikanischen von Christian Rendel


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-86506-912-2

© 2016 der deutschsprachigen Ausgabe by

Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

First published under the title

„Accidental Saints. Finding God in all the wrong people”

© 2015 by Nadia Bolz-Weber. All rights reserved

This translation published by arrangement with Convergent Books,

an imprint of the Crown Publishing Group

a division of Penguin Random House LLC

Einbandgestaltung: Brendow Verlag

Titelfoto: Private collection/​Prismatic Pictures/​Bridgeman Images;

fotolia Anelina; fotolia Seamartini Graphics

Satz: Brendow Web & Print, Moers

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016

www.brendow-verlag.de


Für die Leute im House for All Sinners and Saints.

Ihr lasst mich glauben!

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Vorbemerkung der Autorin

1. Heiligenplätzchen für Sünder

2. Absolution für Arschlöcher

3. Mein Niedrigstes für sein Höchstes

4. Walspucke im Superdome

5. Ihr seid nicht „Der Segen“

6. Ein Dieb in der Nacht

7. Maria, die Mutter unseres Herrn

8. Das Gemetzel an den unschuldigen Heiligen von Sandy Hook

9. Frances

10. Panikattacke in Jericho

11. Salons

12. Die Gelähmte

13. Schmutzige Füße

14. Die Hunde vom Karfreitag

15. Vignetten einer Osterwache

16. Holzkohlenfeuer und eine Gefängniszelle

17. Judas wird dir jetzt die Beichte abnehmen

18. Das beste beschissene Gefühl der Welt

19. Selig sind die

Ein Wort an die Leser

Danksagungen

Ein Gespräch mit der Autorin

Weitere Bücher

Fußnoten

Vorbemerkung der Autorin

Die Geschichten in diesem Buch sind nach meinem besten Wissen getreu so wiedergegeben, wie ich sie in Erinnerung habe. Manche bezeichnenden Einzelheiten wurden verändert, um die Privatsphäre einiger großartiger Menschen zu schützen. Stellenweise habe ich zeitliche Abläufe um des Erzählflusses willen verdichtet. Wie es bei Memoiren immer der Fall ist, kann sich die Geschichte, die ich in Erinnerung habe und erzähle, in mancher Hinsicht davon unterscheiden, wie andere dasselbe Ereignis erlebt haben mögen.

Frohlocket, all ihr seligen Chöre der Engel,

frohlocket, ihr himmlischen Scharen,

lasset die Posaune erschallen,

preiset den Sieger, den erhabenen König!

Lobsinge, du Erde,

überstrahlt vom Glanz aus der Höhe!

Licht des großen Königs umleuchtet dich.

Siehe, geschwunden ist allerorten das Dunkel.

Auch du freue dich, Mutter Kirche,

umkleidet von Licht und herrlichem Glanze!

Töne wider, heilige Halle,

töne von des Volkes mächtigem Jubel.1


Heiligenplätzchen für Sünder

In der Frühzeit des House for All Sinners and Saints entstand bei uns die Tradition, zu Allerheiligen „Heiligenkekse“ zu backen.2 Wir begingen den Brauch zum ersten Mal am 1. November. Wir läuten eine Glocke für jeden geliebten Menschen, der seit dem letzten Allerheiligenfest gestorben ist, und wir, die Heiligen, die noch auf der Erde sind, ehren all jene, die auch Heilige genannt werden und schon von diesem Leben in das künftige übergegangen sind.

Schon damals, ganz am Anfang, zog es uns zu den uralten Bräuchen der Kirche hin, wie dem Verbrennen von Palmzweigen am Palmsonntag, um die Asche dann am folgenden Aschermittwoch zu verwenden, dem Vergraben der Halleluja-Fahnen am Fest der Verklärung oder dem Singen des Trisagion am Karfreitag.

In jenem ersten Jahr stöberte ich im Internet nach alten oder merkwürdigen Bräuchen rund um Allerheiligen. Ich bin mir sicher, dass ich dabei irgendwo las, wie die Leute in Finnland oder so Heiligenplätzchen backen – kleine Lebkuchen-Männer und -Frauen, die dann im Rahmen der Allerheiligen-Feier verteilt werden. Ich schwöre, so habe ich es in Erinnerung.

Also versammelten sich damals, als wir dabei waren, uns unsere Kirchengemeinde zurechtzubacken, ein paar Leute in meiner Küche, um Lebkuchenfiguren zu backen, in der Meinung, das wäre so üblich.

Irgendwann merkte ich, dass unseren kleinen braunen Heiligenplätzchen etwas fehlte – Heiligenscheine natürlich. Also bemalten wir die runden Köpfe unserer Lebkuchenfiguren mit einem Kranz aus leuchtend gelber Glasur (wodurch sie weniger heilig als vielmehr blond aussahen).

„Wie wär’s mit denen hier?“, fragte Victoria, als sie dazukam, und hielt zwei besonders große Plätzchenformen hoch. Für eine Sozialarbeiterin hatte sie schon immer eine ziemliche Neigung zum Unfug gehabt. Es muss wohl an den roten Haaren liegen. Ehe der Abend vorbei war, zeigte Victoria stolz zwei ganz besondere Heiligenplätzchen vor, die ihre Artgenossen um Haupteslänge überragten. Das eine, eine Frau, trug einen Rock, der von roten und gelben Flammen umzingelt war. Außerdem hatte sie riesige Augen und einen kreisrund geöffneten roten Mund.

„Die heilige Johanna?“, tippte ich zutreffend. Gleich neben Johanna lag ihr Mitheiliger, und der sah aus, als trüge er ein gegürtetes Fell mit einem Schulterträger wie ein Höhlenmensch. Außerdem fehlte ihm der Kopf. „Fred Feuerstein, der Märtyrer?“, riet ich, doch diesmal lag ich falsch.

„Johannes der Täufer“, sagte sie stolz. Natürlich. Victoria erbot sich, den Korb mit den fertigen Heiligenplätzchen am nächsten Tag mitzubringen, um sie nach dem Gottesdienst zu verteilen. Erwartungsgemäß stellte sich heraus, dass sie sich wunderbar dafür eigneten, ein wenig Heiterkeit in eine ansonsten schwermütige Liturgie hineinzubringen.

Inzwischen wissen wir, dass es die Tradition der Heiligenplätzchen nirgendwo gibt außer im House for All Sinners and Saints – zumindest konnte ich nirgends etwas davon finden, als ich später noch einmal im Internet nachschaute. Offenbar hatte ich den ganzen Blödsinn nur geträumt.

Victorias Korb mit Heiligenplätzchen stand ganz am Ende einer langen Reihe weißgedeckter Tische an der Wand, die eine anschauliche Darstellung der Allerheiligenlitanei waren, eines liturgischen Gesangs, bei dem die Namen von Heiligen (entweder eine Liste, die von der Gemeinde aufgestellt wird, oder eine vorgegebene Reihe bekannter Namen) ehrfürchtig gesungen werden, um Gott für die Glaubenshelden zu danken, die uns vorausgegangen sind. Auf jedem Tisch befanden sich Kerzen, Ringelblumen und verschiedene Gegenstände, die an die Toten erinnerten: der abgetragene Overall eines Großvaters, der Bauer gewesen war. Eine Ikone von Maria Magdalena. Eine Ikone von Cesar Chávez. Ein Foto von einer Gruppe von Freunden aus den Achtzigern. Die Krabbeldecke eines Kindes. Ein Schrein, den mein Gemeindeglied Amy Clifford für Vincent van Gogh angefertigt hatte – ein kleines, aufrecht stehendes bemaltes Kästchen, in das sie sein Selbstporträt hineingeklebt hatte. Außen waren zwei Ohren angeklebt. An einem davon fehlte ein Stück.

Abgesehen von denen, die im Krieg gefallen sind, neigen wir Amerikaner dazu, unsere Vorfahren zu vergessen, und wir verbringen so wenig Zeit wie möglich damit, öffentlich um sie zu trauern. Doch in der Kirche tun wir etwas ganz Seltsames: Wir verkündigen, dass die Toten immer noch ein Teil von uns sind, ein Teil unseres Lebens, ja, dass sie sogar eine belebende Präsenz in der Gemeinde sind. Der Apostel Paulus bezeichnet die Heiligen als „eine große Wolke von Zeugen“. Auch wenn sie von uns gegangen sind, halten wir sie immer noch in Ehren und hoffen vielleicht, dass ihre Tugenden – ihre Fähigkeit, im Angesicht eines bedrückenden Regimes, einer verlorenen Ernte oder der Geißel des Krebses, auf Gott zu vertrauen – uns selbst Tugendhaftigkeit und Kraft geben mögen.

Zwei Monate zuvor war ich mit einer Frau aus meiner Gemeinde, Amy Clifford, die Sherman Street in Denver entlanggegangen. Amy ist eine intelligente, leidenschaftliche Frau mit viel Sinn für Kunst, die immer an meiner Seite gewesen war und mitgeholfen hatte, unsere Gemeinde aufzubauen. Bei unserem Spaziergang damals war uns eine Art Denkmal im Hof einer großen, seltsam aussehenden Kirche gegenüber dem Regierungssitz des Staates Colorado aufgefallen.

Das Dach der „Pillar of Fire Church“ ist gekrönt von einem riesigen Logo aus den pinkfarbenen Buchstaben KPOF, die nachts leuchten und das Ganze so aussehen lassen wie das, was es ist: eine Pfingstkirche, die gleichzeitig ein Radiosender ist.

Wir kniffen die Augen zusammen, um die Inschrift auf dem Denkmal zu lesen: „Alma White, Gründerin der Pillar of Fire Church, 1901“. Ich drehte mich zu Amy um und sagte: „Alma? Das ist doch ein Frauenname, oder? Hat etwa eine Frau 1901 in Denver eine Gemeinde gegründet?“

Ich kannte nicht viele Frauen, die sich ganz allein darangemacht hatten, eine Gemeinde zu gründen, und schon gar nicht an der Schwelle zum zwanzigsten Jahrhundert. Insofern konnte ich dringend jemanden brauchen, den ich in die Kategorie „Heldin“ und „Vorbild“ einsortieren konnte (da ich mich auch gerade daranmachte, die weibliche Pastorin einer neuen Gemeinde in Denver zu sein). Also holte ich mein Telefon hervor und googelte Alma White. Meine Begeisterung darüber, eine Heldin entdeckt zu haben, stieg noch mehr, als ich ihren Wikipedia-Eintrag las: „Alma Bridwell White (geboren 1862 – gestorben 1946) war die Gründerin und ‚Bischöfin‘ der Pillar of Fire Church. (Nicht zu fassen! Es stimmt tatsächlich!) 1918 wurde sie die erste ‚weibliche Bischöfin‘ in den Vereinigten Staaten. Sie war bekannt für ihren Feminismus (Ja!) und ihre Verbindung zum (jetzt kommt es …) Ku-Klux-Klan in New Jersey, ihren Anti-Katholizismus, Antisemitismus, Rassismus und ihre Feindseligkeit gegenüber Immigranten.“

Am nächsten Tag rief ich meine Freundin Sara an, die zur Episkopalkirche gehört, und erzählte ihr, wie ich gedacht hatte, ich hätte eine Heldin gefunden, nur, um dann herauszufinden, dass sie nur eine bescheuerte Rassistin war. Saras Antwort? „Schick mir per Mail ihren Namen. Ich setze ihn auf die Heiligenlitanei, zusammen mit allen anderen kaputten Typen Gottes.“

Aber ich wollte Alma White nicht auf der Heiligenlitanei stehen haben. Die Vorstellung fühlte sich falsch an, dass ihr Name dort auf dem Tisch läge, beleuchtet von der Passakerze2 daneben, zusammen mit den Namen des heiligen Franziskus und Cesar Chávez´. Ich will, dass Rassisten in ihrer „Rassistenschublade“ bleiben. Wenn sie anfangen, sich in die „Heiligenschublade“ hinüberzuschleichen, macht mich das nervös. Aber so läuft das nun einmal. An Allerheiligen bekomme ich es mit kniffligen Widersprüchlichkeiten zu tun, mit Heiligen, die böse waren, und Sündern, die gut waren.

Ich persönlich finde es irgendwie wichtig, den Unterschied zwischen einem Rassisten und einem Heiligen zu kennen. Aber wenn Jesus immer wieder so Sachen sagt wie, die Letzten werden die Ersten sein, und die Ersten werden die Letzten sein, und die Armen sind glücklich, und die Reichen sind verflucht, und Prostituierte sind willkommene Gäste beim Abendessen, dann muss ich mich fragen, ob unser Bedürfnis danach, Schwarz und Weiß säuberlich voneinander zu trennen, vielleicht gar nicht dem Glauben entspricht, sondern sogar eine Sünde ist. Wenn wir wissen, in welche Kategorie Schierling gehört, dann hilft uns das sicher, zu entscheiden, ob wir gefahrlos davon trinken können oder nicht. Aber zu wissen, in welche Kategorie wir uns selbst und andere einsortieren sollten, hilft uns überhaupt nicht dabei, Gott so gut kennenzulernen, wie die Kirche ihn oft zu kennen behauptet.

Und überhaupt habe ich die Erfahrung gemacht, dass nicht unsere eigene Fähigkeit, heilig zu leben, uns zu den Heiligen Gottes macht, sondern Gottes Fähigkeit, durch Sünder zu wirken. Der Titel „Heiliger“ wird immer verliehen, niemals verdient. Oder um es mit dem Apostel Paulus zu sagen: „Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen“ (Philipper 2,13). Mir ist klar geworden, dass alle Heiligen, denen ich je begegnet bin, aus Versehen dazu geworden waren. Es sind Leute, die unversehens in die Erlösung hineinstolpern, so als wären sie gerade auf der Suche nach etwas ganz anderem gewesen. Leute, die ein kleines Problemchen mit dem Alkohol haben und es schaffen, nüchtern zu werden, und dann anderen dabei helfen, es ebenso zu schaffen. Leute, die gleichermaßen freundlich und feindselig sind.

Neben Alma befand sich auf unserem Allerheiligen-Tisch eine Ikone von einem anderen zufälligen Heiligen: Harvey Milk. Er wurde als erste Person, die sich zu ihrem Schwulsein bekannte, in Kalifornien in ein öffentliches Amt gewählt und 1978 von einem anderen städtischen Beamten erschossen. Auf unserer Ikone hatte Harvey Milk fünf silberne Einschusslöcher in der Brust und stand mit einem goldenen Heiligenschein auf dem Kopf vor der Golden-Gate-Brücke. Ein Künstler aus unserer Gemeinde, Bill McConnell, hatte die Ikone gestaltet. Später rief er mich an, weil jemand ihn zur Rede gestellt hatte, weil er eine christliche Heiligendarstellung von jemandem geschaffen hatte, der gar kein Christ war.

Ich erklärte Bill, dass wir die Heiligen nicht wegen ihrer Frömmigkeit oder Vollkommenheit feiern, sondern weil wir an einen Gott glauben, der in dieser Welt rettende und heilige Taten ausgerechnet durch Menschen vollbringen lässt, die allesamt mit Fehlern behaftet sind.

Daran glaube ich wirklich. Und doch konnte ich, nachdem ich aufgelegt hatte, an nichts anderes denken als daran, wie schwer es mir fällt, zu glauben, dass das, was für Alma White oder Harvey Milk gilt, auch für mich gelten könnte – dass Gott mich vielleicht gebrauchen kann, obwohl ich doch in so vieler Hinsicht für die Arbeit, die ich tue, völlig ungeeignet bin.

Doch das ist meine Erfahrung. Ich mache immer wieder Fehler, sogar immer wieder dieselben. Ständig versuche ich (vergeblich), mir Gott und meine Mitmenschen auf Armeslänge vom Leib zu halten. Ich sage nein, wenn ich ja sagen sollte. Ich sage ja, wenn ich nein sagen sollte. Ich platze in heilige Momente hinein und merke gar nicht, wo ich bin, bis sie vorbei sind. Es fällt mir schwer, anderen Liebe zu zeigen, und dann sage ich aus Versehen das Richtige im richtigen Moment, ohne es zu merken. Ich vergesse, worauf es ankommt, und zeige wieder Freundlichkeit, wenn sie gebraucht wird, um dann erneut allzu oft auf dem Absatz kehrtzumachen und nur an mich selbst zu denken.

Ich bin und bleibe einfach ein Mensch, an dem Gott arbeitet. Und um ehrlich zu sein, ich bemühe mich nicht einmal darum. Ich bewundere Leute, die sich „geistlichen Übungen“ unterziehen, die durch Yoga oder Meditation oder Stille Zeit für ihr Wohlbefinden sorgen, aber außer dass ich jeden Morgen im Fitnessstudio richtig schwere Gewichte pumpe, fallen mir ehrlich gesagt keine Übungen ein, die ich mache, um geistlicher zu werden. Allerdings kann ich endlos davon erzählen, wie ich durch die Bibel, die kirchlichen Bräuche und das Volk Gottes – kurz, durch den Glauben – immer wieder auf den Pott gesetzt werde.

Kürzlich fragte mich ein junger Seminarstudent während einer Fragestunde: „Pastorin Nadia, was tun Sie persönlich, um Gott näher zu kommen?“

Bevor ich selbst merkte, was ich da sagte, erwiderte ich: „Was? Nichts. Kommt mir vor wie ein schauderhafter Gedanke, Gott näher kommen zu wollen.“ Oft wäre es mir am liebsten, er würde mich in Ruhe lassen. Gott näher kommen, das könnte ja bedeuten, dass er mir aufträgt, jemanden zu lieben, den ich überhaupt nicht leiden kann, oder noch mehr von meinem Geld abzugeben. Es könnte ja bedeuten, dass mir irgendein lieb gewordener Gedanke oder Traum weggerissen wird.

Mein geistliches Leben ist besonders in solchen Momenten aktiv, in denen ich merke, dass Gott vielleicht durch mich etwas Schönes vollbracht hat, obwohl ich ein Arschloch bin. In Momenten, in denen mir die Barmherzigkeit des Evangeliums so sehr vor Augen steht, dass ich meine Feinde nicht hassen kann, und in denen ich unfähig bin, die Sünde eines anderen Menschen zu verurteilen (was ich, ehrlich gesagt, liebend gern tue), weil mir mein eigener Mist zu sehr bewusst ist. In Momenten, in denen ich Zeugin des Leides eines anderen Menschen werden muss, trotz meines Verlangens, in Ruhe gelassen zu werden. In Momenten, in denen andere Menschen mir vergeben, obwohl ich es nicht verdiene, und in denen diese Anderen das tun, weil auch sie vom Evangelium gefangen sind. In Momenten, in denen in der Welt verheerende, traumatische Dinge geschehen, die ich nirgendwo einsortieren und auf die ich mir keinen Reim machen kann. Es ist gut, dass ich dann eine Gruppe von Leuten habe, die sich jede Woche mit mir trifft, damit wir in diesem Raum Worte sprechen, um unsere gemeinsame Trauer über ein Unheil wie eine Schießerei in einer Schule auszudrücken und dafür zu beten. In Momenten, in denen ich dadurch verändert werde, dass ich lerne, jemanden zu lieben, den ich mir nie aus einem Katalog aussuchen würde, den Gott mir aber über den Weg schickt, damit ich seine Liebe besser kennenlerne. Doch nichts von alledem ist das Ergebnis geistlicher Bräuche oder Übungen, so bewundernswert solche Dinge auch sein können. Sie werden aus einem Leben des Glaubens heraus geboren, einem Leben, das von Riten und von Gemeinschaft eingerahmt ist, von Wiederholung, von Arbeit, von Geben und Nehmen, von der Pflicht zur Barmherzigkeit.

All das spiegelt sich in unserer Praxis im House for All Sinners and Saints wider. Stephen, ein Mann aus meiner Gemeinde, drückt es so aus: „Unser ‚Dienst‘ besteht aus Wort und Sakrament – alles andere entspringt daraus. Wir sehen ein Bedürfnis; wir erfüllen es. Wir bauen Mist; wir sagen, es tut uns leid. Wir bitten um Gnade und Fürbitte, wenn wir sie brauchen (fast dauernd). Jesus begegnet uns durch uns gegenseitig. Wir essen, wir beten, wir singen, wir fallen hin, wir stehen wieder auf und dann wieder von vorn. Gar nicht so kompliziert.“

Es gibt viele Gründe, sich vom Christentum fernzuhalten. Keine Frage. Ich kann es total verstehen, wenn Leute sich so entscheiden. Das Christentum hat unsägliche Abscheulichkeiten durchgemacht: die Kreuzzüge, Sexskandale bei Geistlichen, Korruption im Vatikan, betrügerische Fernsehprediger und Clowns auf der Kanzel. Aber es wird auch uns überleben. Es wird unsere Fehler überleben, unseren Stolz und unser ausgrenzendes Verhalten gegenüber anderen. Ich glaube, dass die Kraft des Christentums nicht unterzukriegen ist – das, was die allerersten Jünger dazu brachte, ihre Netze niederzulegen und alles Vertraute hinter sich zu lassen, das, was Maria Magdalena dazu brachte, vom Grab zurückzukehren und den auferstandenen Christus zu verkündigen, das, wofür die frühen Christen sich zu Märtyrern machen ließen, und was mich bis heute bei Jesus hält (oder bei der „Arbeit für die Firma“, wie es mein Freund Paul, ein Priester der Episkopalkirche, nennt). Die Kraft der grenzenlosen Gnade, die Kraft des Evangeliums, wie wir es nennen, lässt sich nicht durch Korruption und grinsende Fernsehprediger zerstören. Denn schließlich ist Jesus immer noch da.

Und ich kann Jesus nicht abschütteln, obwohl ich es schon versucht habe. Das Evangelium, diese Geschichte von einem Gott, der durch Jesus zu uns gekommen ist, der uns grenzenlos liebt und uns rückhaltlos vergibt und sagt, dass wir die Kraft haben, das Gleiche zu tun, lässt sich nicht zerstören durch all die blöden Fehler, von denen du in den folgenden Kapiteln lesen wirst. Es sind meine Fehler, meine Sünden und mein Versagen, aber vielleicht sind es auch unsere. Und auch die Erlösung ist unsere. Denn wenn Alma White das Licht nicht zerstören kann, das in ihre Dunkelheit hineinleuchtet, dann können wir es vielleicht auch nicht.

Auf diesem Allerheiligen-Tisch, zwischen dem Korb mit den Heiligenplätzchen und der Karte mit dem Namen von Alma White, stellten wir unsere erste Passakerze auf, die wir kürzlich in der katholischen Buchhandlung erstanden hatten. Während der Osterwache und immer wieder während des kommenden Jahres würden wir sie verwenden, um die Gegenwart Christi in unserer Mitte zu symbolisieren.

In jenem Jahr war die Kerze neu und weiß. Doch seither hat Victoria jedes Jahr unsere Passakerze aus den Überresten all der Kerzen hergestellt, die in den Gottesdiensten der vorausgegangenen Monate verwendet worden waren, sodass die Kerze in unserer Mitte, genau wie unsere Gemeinde selbst, jede Menge schöner Unvollkommenheiten an sich hat. Das Bienenwachs ist glatt und golden, aber durchsetzt mit kleinen verbrannten Dochtresten und Verunreinigungen. Wie die heruntergebrannten Überreste unserer eigenen Geschichten, die wir mit uns herumschleppen, und wie die unvollkommenen Stücke unserer Menschlichkeit, die der göttlichen Liebe, die wir auch in uns tragen, ihre Maserung geben.

Wir werden eingeschmolzen und neu geformt, aber die verbrannten Stücke bleiben.


Absolution für Arschlöcher

Mein Kaffee war schon alle, als Larry endlich zu unserer Verabredung erschien. Dass er ein paar Minuten zu spät kam, war nicht so schlimm, aber es bedeutete, dass ich, als wir uns auf das Ledersofa im Untergeschoss meines Lieblingscafés in Denver setzten, nichts mehr zu trinken hatte, womit ich mich von diesem Gespräch, vor dem mir ziemlich graute, hätte ablenken können.

„Cooler Laden!“, sagte er und ließ seinen Blick durch das Café schweifen, das aussieht wie eine Mischung aus einem Bordell und einer Bibliothek. „Ich habe nur ein bisschen länger hierhergebraucht, als ich dachte. Aber ich bin froh, dass ich hier bin. Ich hab mich riesig darauf gefreut, mit dir Kaffee zu trinken!“

„Ich auch!“, log ich.

Von wegen gefreut. Ich fühlte mich total unwohl. Am vergangenen Sonntag war Larry zum ersten Mal in unserem Gottesdienst gewesen und hatte mich gleich angesprochen. Er hatte mich am Arm gepackt, mich unangenehm lange mit seinen glasigen Augen fixiert und angefangen, davon zu reden, wie toll ihm meine Predigt in Red Rocks1 gefallen habe und wie begeistert er gewesen war, als er herausfand, dass er sogar in meine Gemeinde kommen konnte.

Er redete viel über Roosevelt und die Demokratische Partei – zwei seiner Leidenschaften. Viel mehr habe ich von diesem Treffen nicht mehr in Erinnerung, außer dass ich keine Ahnung hatte, was ich sagen sollte.

Ich wusste nie, was ich zu Larry sagen sollte. Es kam mir vor, als käme er nur in die Gemeinde, weil er den Kontakt zu mir suchte, nicht, weil er hoffte, Verbindung zu Gott und zu anderen Menschen zu finden. Mag durchaus sein, dass ich im Blick auf seine Motive falschlag, aber so etwas ist mir unangenehm, ob es nun real ist oder nicht. Außerdem mochte ich ihn einfach nicht. Und das nicht einmal aus interessanten Gründen: Es waren bloß das Alter, das Geschlecht, die Postleitzahl, der Atem, die Hosenbundweite. Eben all die blöden Kriterien, derentwegen miese Charaktere sich über ganz normale nette Leute echauffieren, weil wir einfach elende Mistkerle sind. Also hielt ich mir Larry auf Armeslänge vom Leib und gab mir nie viel Mühe, einen Zugang zu ihm zu finden oder ihm zu helfen, mit anderen in Kontakt zu kommen. Aber bald würde es zu spät sein.

„Hallo?“ Gott sei Dank war Caitlin gleich am Telefon.

„Können wir uns zur Beichte und Absolution treffen? Möglichst jetzt gleich?“ Ich wünschte mir eines dieser alten Telefonkabel, die man sich um die Hand wickeln konnte. Manchmal lässt sich das Zittern aus der Stimme in die Finger ableiten, wenn man etwas hat, womit man herumfummeln kann.

Caitlin und ich hatten uns in einem Seminar kennengelernt. Sie war genau wie ich in der Church of Christ aufgewachsen und hatte das Luthertum erst später im Leben während der Pastorenausbildung entdeckt. Aber damit erschöpfen sich die Ähnlichkeiten auch schon. Vor ein paar Jahren, als wir beide die Partys für unseren vierzigsten Geburtstag planten – ich mietete dazu eine Rollschuhbahn für eine Rollschuh-Disco-Party an, während sie mit einer kleinen Gruppe enger Freunde auf einem Hügel über der Stadt den Sonnenaufgang betrachtete –, machte ich die Bemerkung, dass der Unterschied zwischen unseren Geburtstagsfeiern ein bezeichnendes Licht auf den Unterschied zwischen unseren beiden Persönlichkeiten warf. Sie hat so viele liebenswerte Charaktereigenschaften, die mir einfach fehlen. Sie entgegnete: „Die hast du natürlich auch, Nadia, es sind bloß nicht deine Lieblingseigenschaften.“

So ist Caitlin, und deshalb ist sie auch meine „Beichtmutter“. Sie kennt mich. Richtig gut. Und sie ist von meiner Sünde überhaupt nicht beeindruckt. Ich habe ihr schon Dinge erzählt, über die ich mit keinem anderen Menschen gesprochen habe, und sie will trotzdem noch meine Freundin sein. Nicht, weil sie so großzügig ist, sondern weil sie an die Kraft der Vergebung und der Gnade Gottes glaubt. Man könnte meinen, dass das für alle Geistlichen gilt, aber glaub mir, das tut es nicht.

„Ein Mann aus meiner Gemeinde ist heute gestorben“, sagte ich ihr, „und ich kann nicht hingehen, um seine Frau zu trösten, bevor ich etwas richtig Ekliges gebeichtet habe.“

„Komm rüber“, sagte sie.

Als ich eine Stunde später in ihr Büro trat, witzelte sie: „Moment mal. Du hast ihn doch wohl nicht umgebracht, oder?“

Nein. Umgebracht hatte ich ihn nicht. Ich hatte ihn bloß nicht leiden können, obwohl er im Gegensatz zu mir ein richtig netter Kerl war. Und jetzt war er tot, und ich musste seine Witwe trösten und wusste doch genau, dass ich überhaupt nicht imstande war, ihr in ihrer Trauer zu begegnen, solange ich nur daran denken konnte, wie blöde und unfreundlich ich ihn kürzlich behandelt hatte.

Es war eine Sache, von der nie jemand erfahren würde, aber ich musste sie einfach bekennen und mich davon freisprechen lassen: Ich hatte eine Rundmail verschickt, um Leute daran zu erinnern, sich für die Frühjahrsfreizeit anzumelden, und dabei absichtlich Larrys Adresse weggelassen. Im Ernst. Wer tut so etwas? Das hatte seither schwer auf mir gelastet, auch wenn es in der großen Welt des Verbrechens und des Verrats schlimmstenfalls ein kleines Vergehen sein mochte.

Es ist ein furchtbares Gefühl, wenn bei einem Menschen, den man liebt, ein Hirntumor festgestellt wird. Aber noch furchtbarer ist es, wenn die Diagnose jemanden trifft, von dem man schlecht gedacht hat – jemanden, der eigentlich ein richtig netter Kerl ist, aber man selbst ist ein Arschloch und hat versucht, dafür zu sorgen, dass er mit seinen viel zu weiten Hosen und seinem Mundgeruch nicht mit zur Gemeindefreizeit kommt. Es lastete schwer auf meinem Gewissen, und ich hätte mich in Grund und Boden geschämt, wenn irgendjemand anderes davon gewusst hätte. Das heißt, eigentlich schämte ich mich auch so in Grund und Boden, obwohl ich die Einzige war, die es wusste. Aber wir haben alle Dinge, die wir für uns behalten – wie wir unserem Kind einen viel zu festen Klaps auf den Hintern gegeben haben, wie oft wir schon unseren Browser-Verlauf löschen mussten, wie wir damals geschwindelt haben, um einen Job zu bekommen, oder der Online-Flirt, von dem unser Ehepartner nichts weiß. Was auch immer, wir alle haben unsere Geheimnisse. Die alten Kettenraucher in meinem Zwölf-Schritte-Programm sagen immer: „Du bist immer nur so krank wie deine Geheimnisse, Mädchen.“ Deshalb musste ich Caitlin von meiner Sünde gegen Larry erzählen, bevor ich mit reinem Gewissen zu seiner Frau gehen konnte, um sie zu trösten.

Okay, na schön, da gab es noch etwas, was ich Larry angetan hatte. Kaum der Rede wert …

Eine Woche, nachdem der Hirntumor bei Larry festgestellt worden war, hatte er mir eine E-Mail geschickt. Seine Freundin und er hätten Angst, dass er sterben würde, schrieb er, und deshalb wollten sie in der folgenden Woche heiraten. Ob ich sie trauen würde? Zum Glück hatte ich eine Ausrede. Wie ich Caitlin in ihrem Büro erklärte, war es mein Prinzip, immer zuerst eine Reihe von Ehevorbereitungsgesprächen zu führen, bevor ich ein Paar traute. Also sagte ich, es täte mir leid, ich könne das nicht machen. Letzten Endes konnten sie einen Schamanen, der ein Freund seiner Braut war, dazu bewegen, sie zu trauen.

Tatsache ist aber, dass ich keinen Herzschlag lang gezögert hätte, wenn meine langjährigen Gemeindeglieder Jim und Stuart von einer tödlichen Krankheit betroffen wären und auf der Stelle heiraten wollten – oder irgendein anderes Paar, das ich gut leiden kann. Nur zu dieser Trauung hatte ich einfach keine Lust. Also schob ich die Sache mit den Ehevorbereitungsgesprächen vor und ließ das sogar noch von meinem Bischof mit unterschreiben.

Caitlin hörte mir freundlich zu. Ich redete mich in Fahrt.

Natürlich ist es nicht direkt gelogen, räumte ich ein, wenn man sich hinter einem „legitimeren“ Vorwand als „Ich habe keine Lust“ versteckt, aber es ändert nichts an der Wahrheit. Das ist eine verbreitete Angewohnheit. Wir gebrauchen faule Ausreden, um Verpflichtungen zu entrinnen, oder wir geben anderen Leuten die Schuld dafür, dass wir nicht zur Stelle sein können. Aber manchmal verwenden wir diese Verschleierungstaktik auch, um von Dingen abzulenken, die wir wirklich falsch gemacht haben und mit denen wir uns nicht auseinandersetzen wollen. Also lenken wir die ganze Aufmerksamkeit auf etwas, was jemand anderes getan hat. Oft führen wir uns mit diesen Ausreden selbst hinters Licht, aber bisweilen lässt uns die Wahrheit nicht los. Natürlich kann ich es vermeiden, dass andere mir auf die Schliche kommen, indem ich immer wieder jedem, der mir zuhört, meine geflunkerte Seite der Geschichte erzähle. Aber ich kenne die Wahrheit. Und manchmal holt sie mich nachts ein, wenn ich im Bett liege – in diesem Zwischenzustand, in dem man nicht mehr richtig wach ist und noch nicht richtig schläft. Das sind die Momente, in denen mein Ego abgeschaltet ist, vielleicht die einzigen während des ganzen Tages. In diesem Bewusstsein-minus-Ego-Zustand kämpft sich die Wahrheit durch die Schichten aus Essen und Unterhaltung und allen möglichen Ablenkungen hindurch, mit denen ich sie zugeschaufelt habe, und kriecht ungebeten wieder zurück hinauf in meine Gedanken.

Ob wohl jeder solche Momente hat?, überlegte ich laut, als ich Caitlin gegenübersaß. Vielleicht meinen manche, die Irrtümer in ihrem Leben seien nicht so schlimm, um sich deswegen verrückt zu machen, oder vielleicht haben sie ihr Ego mit so dicken Schutzschichten umgeben, dass es ihnen tatsächlich gelingt, sich jedes Schamgefühl wegen ihrer Geheimnisse vom Leib zu halten. Aber wenn man sich vor sie hinstellen und ihnen wie der Therapeut, den Robin Williams in dem Film Good Will Hunting spielte, grenzenlose und immer wieder neue Gnade anbieten würde, dann würden sie irgendwann genauso zusammenbrechen wie Matt Damons Figur. Nicht, weil sie müssen, sondern weil wir alle das tun. Oder? Denn die hässlichen Dinge, die wir getan haben und immer wieder tun, sind uns doch allen eine Last.

Bei mir ist es so: Solange ich wach bin, schirmt mein Ego mich wunderbar ab, aber wenn ich kurz davor bin, einzuschlafen, verflüchtigt es sich, und dann kommen die hässlichen Wahrheiten an die Oberfläche gekrochen. Komischerweise fühle ich mich ausgerechnet dann „Gott am nächsten“. Nicht wenn ich auf einem Berggipfel stehe, sondern wenn ich im Halbschlaf im Bett liege und mich schutzlos fühle.

Aber sobald mein Ego sich wieder einklinkt, ist das Spiel vorbei. Dann komme ich wieder wunderbar zurecht.

Wenn ich zurückdenke, kann ich sagen, dass meine Sünde gegenüber Larry vielleicht nicht auf derselben Ebene liegt wie die Unterschlagung von Spendengeldern oder ein Schäferstündchen mit dem Chorleiter. Aber wenn jemand in deine Gemeinde kommt und du dich in Ausreden flüchtest, um ihm nicht mit Gnade und Liebe zu dienen, dann ist das trotzdem abscheulich. Und die Tatsache, dass ich aus alldem „gelernt“ und so etwas seither nicht mehr gemacht habe, macht es auch nicht wieder gut, denn wenn ich eine Minute überlegen würde, würden mir zweifellos andere Dinge einfallen, die ich stattdessen getan habe. Und das bedeutet, dass ich ständig auf Gnade angewiesen bin.

Caitlin hörte sich das alles schweigend an. Dann trank sie einen Schluck Wasser, griff nach meiner Hand und sagte: „Nadia, Jesus ist für unsere Sünden gestorben. Auch für diese.“

Auch für diese. Auch für jede.

Es hört sich irgendwie seltsam und abstrakt an, wenn man sagt: „Jesus ist für deine Sünden gestorben.“ Und ich habe schon fässerweise Tinte verbraucht, um gegen den Gedanken zu argumentieren, Gott habe Jesus töten müssen, weil wir so böse waren. Aber als Caitlin mir sagte, Jesus sei für unsere Sünden gestorben, auch für diese, wurde ich wieder daran erinnert, dass es nichts gibt, was wir getan haben, was Gott nicht erlösen könnte. Kleine Verrätereien, große Übertretungen, geringfügige Verstöße. Alles.

Manche würden sagen, dass es beim Kreuz nicht so sehr darum geht, dass Jesus an unsere Stelle tritt, um sich von Gott die Tracht Prügel verabreichen zu lassen, die für unsere Ungezogenheit fällig wurde (der schlaue theologische Ausdruck dafür lautet „stellvertretende Sühne“), sondern dass am Kreuz ein „heiliges Tauschgeschäft“ vor sich geht. Gott sammelt all unsere Sünden, all den Müll unseres Lebens in sich selbst auf und verwandelt all das Tote in neues Leben. Jesus nimmt unseren Mist und tauscht ihn gegen seine Seligkeit ein.

Der Gedanke dieses heiligen Tauschgeschäfts hat mir schon immer viel mehr eingeleuchtet. Aber manchmal werden solche Gedanken Wirklichkeit. So war es, als in Larrys Garten ein heiliges Tauschgeschäft vonstatten ging, nachdem ich bei der Trauerfeier für ihn eine kurze Andacht gehalten hatte.

Ich wünschte, ich könnte sagen, nachdem Caitlin mir die Absolution zugesprochen hatte, sei ich von aller Gewissenslast vollkommen frei gewesen, aber das stimmt nicht ganz. So ganz kam es dazu erst, als eine Frau mittleren Alters, eine Weiße, auf mich zukam und sagte: „Du bist Nadia, nicht wahr?“

Sie ergriff meine Hände und schaute mir so gerade in die Augen, dass es mich fast erschreckte. „Ich wollte dir für deine Gemeinde danken, in der Larry sich so willkommen fühlte. Er hat immer ganz begeistert von dir und deiner Gemeinde erzählt, und ich weiß, dass es ihm in seinen letzten Monaten viel bedeutet hat, dich als Pastorin zu haben.“

Da war es, das heilige Tauschgeschäft. Mein Mist gegen Jesu Gnade.

Ich werde Larry nie wirklich kennen. Ich werde nie erfahren, wie es ist, ihn zu lieben, ihn zu sehen, zu wissen, aus welcher Quelle die Zärtlichkeit gegenüber seiner Frau kam oder woraus er in seinen letzten Tagen seine Kraft schöpfte. Das alles ist mir entgangen. Aber aus irgendeinem Grund war unsere Gemeinde für ihn ein Ort, an dem er Trost fand.

Manchmal gibt es Dinge, die Gott erledigt haben will, auch wenn ich noch so ein Arschloch bin. Es ist nicht im Entferntesten gerecht, dass Larry so große Stücke auf mich und diese Gemeinde hielt. Aber wenn ich in diesem Leben das bekäme, was ich verdient habe, dann wäre ich geliefert – also nehme ich diese Gnade als das, was sie ist: ein Geschenk.


Mein Niedrigstes
für sein Höchstes

Na dann, Freundin, hast du Lust, mit mir zum Schießstand zu gehen?“, fragte mich Clayton mit einem schelmischen Funkeln in seinen hellbraunen Augen. Beim Stretching vor dem Crossfit-Kurs, den Clayton leitet, hatte ich erwähnt, mir sei kürzlich klar geworden, dass er mein „konservativer Alibifreund“ sei, so wie manche Leute einen „schwarzen Alibifreund“ haben. Seine Reaktion darauf war, dass er mich ausgerechnet zu Schießübungen einlud.

Während ich meine Fingerspitzen nach meinen Zehen reckte, antwortete mein liberales, immer für schärfere Waffengesetze eintretendes Ich voller Begeisterung: „Im Ernst? Klar habe ich Lust.“ Schließlich sollte die Politik niemals dem Spaß im Weg stehen, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt.

In derselben Woche wurde George Zimmerman von dem Vorwurf des Mordes an Trayvon Martin freigesprochen.1 Mein Erlebnis mit Clayton war nur eines von mehreren in dieser Woche, die es mir praktisch unmöglich machten, mich auf den Standpunkt der liberalen Empörung und moralischen Überlegenheit zu stellen, den ich später so gerne eingenommen hätte. Manchmal stürzen das Leben und seine Mehrdeutigkeiten unsere Ideale in eine Krise.

Ein paar Tage nach seinem Angebot sah ich Claytons untersetzte, muskulöse Gestalt auf meine Haustür zukommen. Er hatte eine schwere schwarze Tasche bei sich. Er wollte mir einen Schnellkurs im sicheren Umgang mit Waffen verabreichen, bevor wir zum Schießstand fuhren, denn ich hatte in meinem ganzen Leben noch keine Schusswaffe in der Hand gehabt. Clayton ist Texaner, Republikaner und ein großer Verfechter des zweiten Verfassungszusatzes. Aber da er auch einen Abschluss von der Texas A&M University und einen Teil seines Lebens in Saudi-Arabien verbracht hat, wo sein Vater in der Ölbranche arbeitete, bezeichnet er sich als einen „gebildeten und weitgereisten Hinterwäldler“.

„Vier Dinge musst du wissen“, begann Clayton meine allererste Lektion in Waffensicherheit. „Erstens, geh immer davon aus, dass jede Waffe, die du in die Hand nimmst, geladen ist. Zweitens, ziele nie mit einer Waffe auf etwas, das du nicht zerstören willst. Drittens, lass den Finger vom Abzug, bis du schussbereit bist. Und viertens, kenne dein Ziel und das, was sich dahinter befindet. Eine Pistole ist im Grunde nichts anderes als ein Briefbeschwerer“, fuhr er fort. „An und für sich ist sie nur gefährlich, wenn jemand sich nicht an diese Regeln hält.“

Ich weiß nicht genau, was die Statistik über Todesfälle durch pistolenförmige Briefbeschwerer sagt, dachte ich, aber das werde ich auf jeden Fall mal nachschlagen.

„Okay, fertig?“, fragte Clayton.

„Keine Ahnung“, erwiderte ich.

Er legte eine mattschwarze Pistole und eine Schachtel Munition auf unseren Küchentisch. Es fühlte sich ungefähr genauso verboten an, als hätte er gerade ein Kilo Kokain oder einen Stapel Pornozeitschriften auf die Fläche gelegt, an der wir als Familie zusammen beten und essen.

Ich bemühte mich, intelligente Fragen zu stellen. „Was für eine Pistole ist das?“

„Das ist eine Vierziger.“ Als ob ich auch nur die leiseste Ahnung hätte, was das bedeutete.

„Was ist eine Neun-Millimeter? Von denen habe ich schon öfter gehört.“

„Das hier.“ Er hob sein T-Shirt an und zeigte mir seine versteckte Pistole.

„Mann, du trägst dieses Ding doch wohl nicht dauernd bei dir, oder?“

Er lächelte. „Wenn ich nicht gerade in Turnhosen oder im Schlafanzug herumlaufe, doch.“

Später auf dem Parkplatz des Schießstandes, auf dem fast nur Pick-ups herumstanden, machte ich die scharfsinnige Bemerkung: „Nicht ein einziger Obama-Aufkleber.“

„Komisch, was?“, grinste er.

Wenn ich irgendwo an einem coolen Ort bin, sagen wir, in einer alten Kathedrale oder einer angesagten Eisdiele, poste ich das immer auf Facebook. Aber nicht hier. Teils, weil es Montagmorgen war und Clayton unsere Verabredung für diese Schießübung als „Arbeitstreffen“ eingetragen hatte, aber auch, weil ich keinen Ärger mit meinen Freunden oder Gemeindegliedern – fast alles Liberale – haben wollte, die mich bestimmt gefragt hätten, ob ich den Verstand verloren hätte oder von irgendwelchen Rednecks entführt worden sei.

Als wir den Schießstand betraten, dessen Fußboden mit Patronenhülsen übersät und mit einem schwarzen Gummibelag ausgelegt war, wurden mir mehrere wichtige Punkte bewusst. Erstens: Unsere Pistolen waren geladen, und wir beabsichtigten, die Papierzielscheibe vor uns zu zerstören. Zweitens: Ich sollte meinen Finger nur dann an den Abzug legen, wenn ich vorhatte, zu schießen. Drittens: Hinter meinem Ziel befand sich eine Wand aus Gummi und Beton. Und viertens: Ich schwitzte.

Ich hatte schon in meiner Nachbarschaft Schüsse gehört und wusste daher, dass Pistolen laut sind. Und aus Filmen wusste ich, dass es einen „Rückstoß“ gibt, wenn eine Schusswaffe abgefeuert wird. Aber heiliger Strohsack, ich hatte ja keine Ahnung, wie laut es tatsächlich war und wie es einen durchschüttelte, wenn man mit einer Pistole feuerte. Oder wie viel Spaß das macht.

Wir ballerten ungefähr eine Stunde lang, und als wir fertig waren, sagte mir Clayton, fürs erste Mal hätte ich meine Sache ziemlich gut gemacht. (Außer, als mir eine heiße Patronenhülse in den Ausschnitt fiel und ich so blindwütig herumzappelte, dass er meinen Arm packen und die geladene Pistole in meiner Hand wieder aufs Ziel richten musste, wobei ich mir natürlich wie ein Volltrottel vorkam. Ein ausgesprochen gefährlicher Volltrottel.)

Aber ich fand es herrlich. Ich fand es so herrlich wie eine Runde auf der Achterbahn oder mit dem Motorrad: nichts, was ich dauernd machen wollte, aber eine Aktivität, die ab und zu durchaus Spaß macht und mir das Gefühl gibt, lebendig und ein kleines bisschen lebensgefährlich zu sein.

„Können wir das nächste Mal Skeet schießen?“, fragte ich begierig, als wir uns an dem mit Tarnmuster bemalten Fronttresen unsere Ausweise abholten. Der ganze Laden sah aus wie ein Jagdunterstand. So, als ob die jungen Pickelgesichter, die dort arbeiten, eine Deckung brauchten, falls irgendetwas Gefährliches oder Schmackhaftes zur Tür hereinkam, damit sie es gefahrlos abknallen könnten.

Auf dem Weg zurück zu mir nach Hause schlug ich vor, anzuhalten und uns ein paar Papusas zu holen (gefüllte salvadorianische Maiskuchen), damit wir beide an diesem Montag eine neue Erfahrung machen würden.

Wir setzten uns auf zwei der fünf Hocker am Fenster bei Tacos Acapulco – mit Blick hinaus auf die Wechselstuben und die mexikanischen Panaderias am East Colfax Boulevard –, und ich nutzte die Gelegenheit, um eine Frage zu stellen, die mir unter den Nägeln brannte: „Sag mal, warum in aller Welt willst du die ganze Zeit eine Pistole mit dir herumtragen?“ Ich war noch nie bewusst einem Knarrenträger so nah gewesen und sah meine Chance, nach etwas zu fragen, worauf ich schon immer neugierig gewesen war. Ich konnte nur hoffen, dass er meine Frage nicht so empfand, wie es unsere schwarze Freundin Shayla empfindet, wenn Leute sie fragen, ob sie mal ihren Afro berühren dürfen.

Während er versuchte, mit seiner Gabel den geschmolzenen Käse zu bändigen, der sich partout nicht von der Papusas lösen lassen wollte, sagte er: „Um mich verteidigen zu können und aus Stolz auf mein Land. Wir haben dieses Recht, also sollten wir es auch ausüben. Und wenn jemand uns etwas tun wollte, während wir hier sitzen, könnte ich ihn unschädlich machen.“

Es war für mich eine völlig fremde Weltsicht: dass Leute bei jedem Schritt mit der Möglichkeit rechnen, dass jemand versuchen könnte, ihnen etwas anzutun, und sich deswegen eine Pistole umschnallen und damit durch Denver ziehen. Ich konnte das weder verstehen noch gutheißen. Aber Clayton ist nun mal mein konservativer Alibifreund. Ich kann ihn gut leiden, und schließlich hatte er sich die Mühe gemacht, mit mir auf den Schießstand zu gehen. Also beließ ich es dabei.

In derselben Woche, in der ich mit Clayton Schießen übte, feierten meine Mutter und meine Schwester ihren siebzigsten bzw. fünfzigsten Geburtstag. Es war ein Krimi-Dinner. So saß ich fünf Tage, nachdem ich auf dem Schießstand mit Clayton auf Papierzielscheiben geballert hatte, auf der Terrasse des Hauses meiner Eltern in einem Vorort von Denver und schlüpfte für ein ausgedachtes Drama in die Rolle einer Hippie-Winzerin. Normalerweise hält mich meine natürliche Misanthropie davon ab, an derlei peinlichem Unsinn teilzunehmen, aber bald fiel mir ein, wie oft ich mich schon freiwillig verkleidet und eine Rolle in anderen ausgedachten Dramen gespielt hatte, zu denen es noch nicht einmal ein Vier-Gänge-Menü oder nette Gesellschaft gab (wie etwa in dem Jahr, in dem ich versuchte, ein Deadhead zu sein). Also ließ ich mich zwei Frauen zuliebe, die mir sehr am Herzen liegen, auf das Krimi-Dinner ein. Für meine Rolle waren ein langer, weiter Rock, eine Trachtenbluse und Blumen im Haar vorgesehen – alles Sachen, die ich nicht besitze und nicht für Geld und gute Worte anziehen würde. Also mussten ein Nachthemd und jede Menge bunter Perlen genügen.

Den ganzen höchst vergnüglichen Abend über sah ich meine Mutter aus dem Mundwinkel mit meinem Bruder reden, so, wie sie es früher getan hatte, als wir noch klein waren, wenn sie meinem Vater etwas sagen wollte, was wir nicht mitbekommen sollten. Ich beobachtete meine Mutter und merkte gar nicht, wie sich am Rand der ausgedachten Geschichte, für die ich mir Blumen in meinen Stoppelhaarschnitt hätte stecken sollen, noch ein anderes, ungeschriebenes Drama abspielte.

Als ich mich einmal in die Küche schlich, um nach neuen Nachrichten auf meinem Handy zu schauen, folgte mir mein Vater, um mich darüber aufzuklären, was los war. Wie sich herausstellte, ging es bei dem Geflüster meiner Mutter aus dem Mundwinkel um eine ernste Sache. Meine Mutter hatte Drohungen von einer psychisch labilen (und angeblich bewaffneten) Frau bekommen, die ihr die Schuld an einem Verlust gab, den sie erlitten hatte. Meine Mutter hatte mit diesem Verlust überhaupt nichts zu tun, aber das hielt diese Frau nicht davon ab, ihr die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben. Und sie wusste, wo meine Mutter sonntags in den Gottesdienst ging.

„Dadurch ist es jetzt immer ziemlich stressig für uns, in der Gemeinde zu sein“, sagte mir mein Vater.

Mein älterer Bruder Gary, der Vollzugsbeamter in einem Bundesgefängnis ist und mit seiner Frau und seinen drei Kindern in dieselbe Gemeinde geht wie meine Eltern, kam in der Küche an meinem Vater und mir vorbei und sagte: „Furchtbar, oder? Ich gehe seit drei Wochen mit einer Waffe unter der Jacke in den Gottesdienst, für den Fall, dass sie auftaucht und irgendetwas versucht.“

Sofort musste ich an Clayton und seine Weltsicht denken, die mir bisher so fremd gewesen war. Jetzt war ich plötzlich instinktiv froh, dass mein Bruder gewappnet war für den Fall, dass eine Verrückte versuchte, unserer Mutter etwas anzutun. Gleichzeitig kam es mir wie der schiere Wahnsinn vor, dass ich froh darüber war, dass jemand eine Schusswaffe mit in den Gottesdienst nahm. Aber so ist das mit meinen Wertvorstellungen: Manchmal stoßen sie mit der Wirklichkeit zusammen, und wenn das passiert, kann es sein, dass ich sie über Bord werfen muss. Oder aber ich ignoriere die Wirklichkeit. Bei mir sind es meistens eher die Wertvorstellungen, die weichen müssen.

Meine Bauchreaktion auf die Bewaffnung meines Bruders erschreckte mich, aber das war noch gar nichts dagegen, wie sie mich am nächsten Morgen erschrecken würde.

Am Abend der Geburtstagsparty hatte ich nicht mitbekommen, wie durch die Nachrichten ging, dass George Zimmerman, der den unbewaffneten Teenager Trayvon Martin erschossen hatte, in allen Anklagepunkten freigesprochen worden war. Über ein Jahr lang hatte dieser Fall heftige Debatten über Rassismus und das in Florida geltende Notwehrgesetz ausgelöst, das jedem, der glaubt, sein Leben sei in Gefahr, die Anwendung von Gewalt erlaubt.

In meinem Facebook-Feed hagelte es Proteste, Empörung und Schimpftiraden. Am liebsten hätte ich eingestimmt und in jener Woche meine Stimme für Gewaltlosigkeit erhoben, aber als ich im Radio hörte, der Bruder von George Zimmerman habe gesagt, Trayvon Martin sei seiner Meinung nach überhaupt nicht unbewaffnet gewesen, Martins Waffe sei ja der Bürgersteig gewesen, mit dem er George die Nase gebrochen habe – nun, als ich das hörte, war meine erste Reaktion nicht Gewaltlosigkeit, sondern ein überwältigender Impuls, mir den Mann durchs Radio hindurch zu schnappen und ihn mit einem Handkantenschlag gegen den Kehlkopf flachzulegen.

Dazu kam, dass ich gerade in dieser Woche Dankbarkeit darüber empfunden hatte, dass ein Bundesbeamter im Justizvollzug jede Woche, wenn er den Gottesdienst in der Gemeinde meiner Mutter besuchte, eine Waffe unter seiner Kleidung verborgen trug. Eigentlich ein Wahnsinn. Normalerweise würde ich über so etwas eine empörte Statusmeldung auf Facebook posten, damit all die Liberalen da draußen, die so denken wie ich, auf „Gefällt mir“ klicken können. Nur dass in diesem Fall der betreffende Justizvollzugsbeamte a) mein Bruder war und b) diese Waffe bei sich trug, um seine (meine) Familie, seine (meine) Mutter vor einer Verrückten zu beschützen, die sie umbringen wollte. Als ich hörte, dass mein Bruder bewaffnet war, um meine eigene Mutter zu beschützen, war ich darüber nicht aufgebracht, wie es sich für eine gute, für schärfere Waffengesetze eintretende Pastorin gehört … ich war erleichtert. Und was soll ich jetzt auf Facebook posten? Was fange ich damit an?

Außerdem musste ich mich damit auseinandersetzen, dass mir meine eigene antirassistische Empörung im Hals stecken blieb, da ich etwas wusste, was niemand sonst wissen konnte, wenn ich es nicht laut aussprach: All meiner liberalen politischen Einstellung zum Trotz ist mir, wenn in meiner Nachbarschaft eine Gruppe junger schwarzer Männer an mir vorbeigeht, instinktiv mulmiger zumute, als es der Fall wäre, wenn diese Männer weiß wären. Mir ist das selbst zuwider, aber wenn ich behaupten würde, in mir stecke überhaupt kein Rest von Rassismus mehr, würde ich lügen. Dieser Rassismus ist mir vierundvierzig Jahre lang durch die Medien und durch die Kultur um mich her eingetrichtert worden, und ich weiß einfach nicht, wie ich ihm entrinnen soll. Auch wenn ich einen Anti-Rassismus-Aufkleber auf dem Auto habe.

Als ich am Morgen nach dem George-Zimmerman-Urteil überlegte, was ich meiner Gemeinde darüber sagen sollte, drängte es mich, meine Stimme für Gewaltlosigkeit, Antirassismus und schärfere Waffengesetze zu erheben, wie ich es für meine Pflicht hielt (oder wie ich es die Leute bei Twitter fordern sah: „Wenn dein Pastor diese Woche nicht über Waffengesetze und Rassismus predigt, such dir eine neue Gemeinde“) – aber ich konnte nur in der Küche stehen und heulen. Ich heulte über meine eigene Inkonsequenz. Über Andrea Gutiérrez, Mitglied meiner Gemeinde und Mutter von zwei Kindern, die mir sagte, Mütter von Kindern mit brauner und schwarzer Haut hätten jetzt das Gefühl, ihre Kinder könnten auf den Vorstadtstraßen ganz legal als Zielscheiben für Schießübungen benutzt werden. Über ein gespaltenes Land, in dem zwei Seiten sich gegenseitig mit erbittertem Hass bekämpften. Darüber, dass ich insgeheim die Dinge, die ich kritisiere, selbst noch nicht überwunden habe. Über die Morddrohungen gegen meine Familie und die Morddrohungen gegen die Familie Zimmerman. Über Tracy Martin und Sybrina Fulton, deren Kind erschossen wurde und denen man nun sagte, das sei mehr seine eigene Schuld als die Schuld des Schützen gewesen.

Wenige Augenblicke, nachdem ich von dem Freispruch gehört hatte, ging ich mit meinem Hund nach draußen und rief Duffy an, eine ausgesprochen besonnene Frau aus meiner Gemeinde. „Ich bin wirklich total durcheinander über die ganze Geschichte“, sagte ich und schilderte ihr dann all die Gründe, wieso ich mich, obwohl ich in diesen Fragen ganz klare Überzeugungen habe, nicht hinstellen und glaubwürdig meinen Standpunkt gegen Gewalt und Rassismus vertreten konnte – nicht, weil ich nicht mehr daran glaubte, dass man dagegen Stellung beziehen muss (das tue ich), sondern weil in meinem eigenen Leben und in meinem eigenen Herzen zu viel Zweideutigkeit steckt. In mir gibt es sowohl Gewalt als auch Gewaltlosigkeit, und doch glaube ich nur an eines davon. Duffy meinte, vielleicht ging es ja anderen genauso. Vielleicht erwarten die Leute von ihrer Pastorin ja nicht die moralische Entrüstung und die Schimpftiraden, die sie ohnehin schon auf Facebook sehen. Vielleicht könne ich ihnen ja gerade dadurch helfen, dass ich mich zu meiner niederschmetternden Inkonsequenz bekenne, damit sie sich auch zu ihrer bekennen können.

Bei dem Gedanken lief es mir kalt den Rücken hinunter, aber ich wusste, dass sie recht hatte.

In der Kirche wird man als Pastorin oder „geistliche Leiterin“ oft als Vorbild für ein „gottgefälliges Leben“ gesehen. Eine Pastorin oder ein Pastor soll jemand sein, der diese Sache mit dem Christentum aus dem Effeff beherrscht – jemand, zu dem andere aufblicken können wie zu einem Paradebeispiel der Rechtschaffenheit. Aber so verlockend es sich manchmal anfühlen kann, diejenige zu sein, die die beste Christin ist, die am engsten „Jesus nachfolgt“, diesen Schuh konnte ich mir einfach noch nie anziehen, und das ist es auch nicht, was meine Gemeindeglieder von mir brauchen. Ich renne nicht Jesus nach. Jesus ist mir auf den Fersen. Ja, ich bin eine Leiterin, aber ich leite die Leute doch nur hinaus auf die Straße, wo sie dann von dem rasenden Bus der Beichte und Absolution, der Sünden und der Heiligung, des Todes und der Auferstehung erfasst werden – von dem Evangelium Jesu Christi. Ich bin eine Leiterin, aber nur dadurch, dass ich sage: „Ach, scheiß drauf. Ich gehe als Erste.“

Am nächsten Tag stand ich im rötlichen Abendlicht in dem Gemeindesaal, in dem sich das House for All Sinners and Saints versammelt, und gestand all dies meiner Gemeinde. Ich sagte ihnen, dass ich aus einer Million Gründen gerne eine prophetische Stimme für Veränderung wäre, aber jedes Mal, wenn ich es versuche, steht mir meine eigene Verkorkstheit dabei im Weg. Ich sagte ihnen, dass ich nicht als Vorbild für irgendetwas tauge, außer dafür, auf Jesus angewiesen zu sein.

Als ich zum ersten Mal eingeladen wurde, auf dem Festival of Homiletics, einer landesweiten Predigerkonferenz, einen Vortrag übers Predigen zu halten, sollte ich darüber sprechen, wie im House for All Sinners and Saints gepredigt wird. Ich wusste nicht recht, was ich dazu sagen sollte. Also fragte ich meine Gemeinde. Ihre Antworten waren voller Leidenschaft, aber keine davon hatte damit zu tun, wie toll sie es fänden, dass ihre Predigerin so ein großartiges Vorbild für sie sei. Nicht einer sagte, er sei begeistert von all den praktischen Lebenstipps in den Predigten, wie man an seiner Ehe arbeiten und sie stärken könne. Dagegen sagten fast alle, sie fänden es schön, dass ihre Predigerin ganz offensichtlich genau die Worte verkündigt, die sie selbst braucht, und alle anderen einfach dabei mithören lässt.

Mein Freund Tullian drückt es so aus: „Die am besten qualifizierten Leute, um das Evangelium zu verkündigen, sind diejenigen, die wirklich wissen, wie unqualifiziert sie dafür sind, das Evangelium zu verkündigen.“

Jesus hat nie seinen Blick durch den Raum schweifen lassen, um das beste Vorbild für einen heiligen Lebenswandel zu finden und diese Person dann auszusenden, damit sie anderen von ihm erzählt. Er hat immer die Strauchler und die Sünder geschickt. Das tröstet mich.


Walspucke im Superdome

Es geschah das Wort des Herrn zu Jona, dem Sohn Amittais: Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen. Aber Jona machte sich auf und wollte vor dem Herrn nach Tarsis fliehen und kam hinab nach Jafo. Und als er ein Schiff fand, das nach Tarsis fahren wollte, gab er Fährgeld und trat hinein, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren und dem Herrn aus den Augen zu kommen.

– Jona 1,1-3

Als die lutherische Konfession, zu der wir gehören, mich einlud, auf ihrem Nationalen Jugendtreffen 2012 in New Orleans vor 35 000 Jugendlichen und Erwachsenen zu sprechen, sagte ich nein danke. Ich habe Jugendliche noch nie als mein Publikum gesehen, und ich bin mir ziemlich sicher, dass Jugendliche mich nicht cool finden. Leute im mittleren Alter meinen zwar immer, dass Jugendliche mich doch cool finden müssen, aber das ist etwas anderes. Sicher, ich sehe nicht so aus wie die typische respektable Frau von Mitte vierzig, und ich benehme mich auch nicht so, aber wahrscheinlich finden mich nur Leute, die älter sind als ich, besonders hipp. Ich weiß das, und deshalb sagte ich nein danke. Zweimal.

Außerdem habe ich kein „Herz für die Jugend“. Manche Leute, mein Mann und meine Freundin Kristen zum Beispiel, lieben Kids. Aber mir ist es einfach lieber, wenn ich keine Zeit mit Jugendlichen verbringen muss (es sei denn mit meinen eigenen Kindern, die ich vergöttere und die mich zum Lachen bringen und die einfach großartig sind). Und vor allem ist es mir lieber, wenn ich mich nicht vor Zehntausende von ihnen hinstellen muss. Wäre ich Jona, so wären Jugendveranstaltungen mein Ninive. Ich will nur in Tarsis Rednerin sein.

Das Team vom Jugendtreffen mailte mir zurück: „Oh nein, Nadia, wir haben doch nie Leute aus der Jugendarbeit als Hauptredner bei diesen Veranstaltungen. Wir holen uns immer berühmte Sportler, Stars von CNN, Desmond Tutu …“

Desmond Tutu?, schoss es mir durch den Kopf. Ja klar, nach dem bin natürlich gleich ich an der Reihe. Aber ich antwortete lediglich: „Damit überzeugt ihr mich nicht gerade, dass ich die richtige Person bin.“

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: „Also, eigentlich wollen wir am ersten Abend des Treffens mit guter alter lutherischer Theologie einsteigen. Wir haben selten echte Lutheraner auf der Hauptbühne, und wir möchten gern, dass die Kids gleich zu Anfang der Veranstaltung mal ein anderes Bild davon bekommen, wie Lutheraner aussehen. Und wir wünschen uns eine starke Gnadenbotschaft.“

Das saß. Der Fremdenverkehrsausschuss von Ninive hat gesiegt. Ich sagte Ja.

Ein paar Monate, nachdem ich die Einladung angenommen hatte, fand ich heraus, dass ich nicht allen Beteiligten dort willkommen war. Auch dass Andrena Ingram eingeladen worden war, eine afroamerikanische lutherische Pastorin, die HIV-positiv ist und eine Suchtvergangenheit hat, war nicht allen recht. Offenbar waren Tausende von Eltern gewarnt worden, ihre Kinder würden womöglich gefährlichen Ideen skandalträchtiger Frauen ausgesetzt, wenn wir nicht wieder ausgeladen würden. Freilich hätte es weder den einzigartigen Anfang noch die glanzvolle Geschichte des Christentums selbst je gegeben, wenn niemand gefährlichen Ideen skandalträchtiger Frauen ausgesetzt gewesen wäre, aber sei’s drum.

Obwohl ich der Meinung war, dass die Jugend der lutherischen Kirche sich eigentlich in der Obhut von Pastorin Ingram und Pastorin Bolz-Weber durchaus sicher fühlen konnte, trug dieses Echo nicht gerade dazu bei, meine Bedenken gegenüber einem Auftritt auf einer nationalen Jugendveranstaltung zu zerstreuen. Anfangs machte es mich wütend. Während ich also versuchte, meine Ansprache zu schreiben, war ich abgelenkt, weil ich immerzu daran denken musste, wie ich irgendeine passiv-aggressive Bemerkung darüber einflechten könnte, wie lächerlich es doch sei, dass manche Leute sich einbilden, meine Vergangenheit und mein persönlicher Stil wären irgendwie gefährlich für die heutige Jugend. Ich war ohnehin schon gebeten worden, vor den Kids keine Kraftausdrücke zu gebrauchen – so als hätten diese Jugendlichen noch nie vorher das Wort „Scheiße“ gehört und würden irreparable seelische Narben davontragen, wenn sie es von einer Pastorin bei einer Jugendveranstaltung hörten. Aber okay, dachte ich, was soll ich mich darüber aufregen.

Am Abend vor meiner Abreise nach New Orleans saß ich mit meinem Mann Matthew, der als Pastor viel Erfahrung in der Jugendarbeit hat, meinem kleinen Sohn Judah und meiner Teenager-Tochter Harper in meinem Wohnzimmer. Da ich ein bisschen Aufmunterung für mein Selbstvertrauen brauchte, fragte ich sie, wie sie meinen geplanten Einstieg in den Vortrag fanden.

Ich trug ihnen die ersten Zeilen vor: „Manche Leute finden, ich sehe nicht sehr lutherisch aus, wegen der Tattoos, aber dann zeige ich ihnen, dass ich auf meinem linken Arm das ganze Kirchenjahr eintätowiert habe, von Advent bis Pfingsten. Lutherischer geht’s ja wohl nicht!“ Alle starrten mich schweigend an, bis mir klar wurde, dass nur unser Hund auf meiner Seite war.

„Jugendliche werden das nicht witzig finden“, meinte Matthew schließlich, „und möglicherweise verstehen sie noch nicht einmal, wovon du redest.“

Worauf unsere Tochter hinzufügte: „Ja, das ist irgendwie doof.“ (Okay, vielleicht vergöttere ich meine eigenen Kids doch nicht so sehr.)

Ich zog eine finstere Miene, schnappte mir die Hundeleine und marschierte ab zu einem Spaziergang, hauptsächlich, um meine Gedanken zu sammeln und Freunde anzurufen, die mehr von der Sache verstanden als mein Mann und meine Tochter und mir sagen konnten, wie großartig meine Ansprache doch sei. Während ich durch mein Stadtviertel in Denver spazierte und den anderen Passanten zunickte, dachte ich immerzu: Ich wette, die Frau, die da drüben mit ihrem Schnauzer aus ihrem 30er-Jahre-Bungalow kommt, ist nicht im Begriff, sich morgen vor Zehntausenden lutherischer Jugendlicher zu blamieren.

Sobald es mir gelang, mein Selbstmitleid zu bezähmen, rief ich meine Freundin Kristen an und ging meine Ansprache mit ihr durch. Sie hatte über zehn Jahre lang Jugendarbeit gemacht und war so freundlich, auf meinen panischen Hilferuf zu reagieren. Sicher würde sie mein erlahmendes Selbstvertrauen wieder auf Zack bringen.

„Das hört sich so an, als ob du zu ihren Eltern sprächest. Stattdessen könntest du Folgendes sagen …“ Und dann entwarf sie eine ganze Ansprache für mich, grundsolide und vollkommen anders als alles, was ich jemals sagen würde. In wachsender Panik beschleunigte ich meine Schritte, zerrte den Hund hinter mir her und rief meinen Freund Shane an, der schon auf solchen großen Jugendtreffen gesprochen hatte, obwohl er genau wie ich nichts mit Jugendarbeit am Hut hatte.

„Kein Wunder, dass du Angst hast, Schätzchen. Jugendliche sind ein hartes Publikum.“

Ich weiß noch, wie mir zwei Dinge durch den Kopf schossen, bevor ich an diesem Abend schlafen ging. Erstens: Ich brauche bessere Freunde. Zweitens: Ich werde mich vor 35 000 Leuten in Grund und Boden blamieren. Wach im Bett liegend, stellte ich mir den ohrenbetäubenden Lärm einer riesigen Schar von Menschen vor, von denen keiner über meinen Einstieg auch nur schmunzelte. Den größten Teil der Nacht verbrachte ich damit, mir auszudenken, wie ich es anstellen könnte, mein Flugzeug zu verpassen, krank zu werden oder einen Nervenzusammenbruch zu erleiden.

Als ich schließlich früh am nächsten Morgen in mein Flugzeug stieg, war ich übernächtigt, von Grauen erfüllt und fühlte mich so, als müsse ich ohne Hilfe eines Dolmetschers einen Vortrag in einem fremden Land halten. Und dann setzte sich Chloe neben mich. Wie eine Gesandte aus Ninive.

Ich war so mit meiner Panik vor dem Jugendtreffen und meiner Verärgerung darüber beschäftigt, auf dem mittleren Platz sitzen zu müssen, dass ich gar nicht bemerkte, wie dieses junge Mädchen den Gang entlangkam. Ihr pinkgefärbter Pony hing ihr wie ein Schutzvisier übers Gesicht, als wollte sie die Aufmerksamkeit gleichzeitig anziehen und abweisen. Mit einer gemurmelten Entschuldigung zwängte sie sich an mir vorbei auf den Fensterplatz, nahm ihren abgeschabten schwarzen Rucksack und holte ein Anime-Heft und ihren Zeichenblock heraus. Sie bog ihre Schulter nach vorn herab, als versuchte sie damit zu verstecken, was ihr pinkfarbener Pony nicht verstecken konnte.

Sie warf einen schüchternen Blick auf meine nackten Arme, ohne mich anzusehen, und sagte: „Schöne Tattoos.“

„Oh, danke. Mir gefallen sie auch. Was ein Glück ist, da ich sie ja noch eine Weile haben werde.“

Sie lächelte. Glaube ich. Es war schwer zu sagen.

Dann saßen wir wieder schweigend nebeneinander, während sich das übrige Flugzeug allmählich mit Reisenden füllte. Viele von ihnen waren ebenfalls auf dem Weg zu unserer Konferenz in New Orleans. (Das erkannte ich daran, dass sie alle passende T-Shirts aus verschiedenen lutherischen Gemeinden anhatten, wie eine Bandenuniform aus dem mittleren Westen.)

„Was zeichnest du denn da?“, fragte ich sie. Das sei Manga (ein japanischer Comicstil), aber sie zeichne auch Fantasy-Gestalten. Das mache meine Tochter Harper auch gerne, sagte ich ihr. „Sie sollten ihr von dieser Website erzählen, wo sie ihre Arbeiten uploaden kann“, meinte Chloe. Das war alles noch vor dem Start, sodass ich Harper eine SMS mit der Internetadresse schicken konnte, die Chloe mir genannt hatte. Prompt kam eine SMS von ihr zurück: „Ja, Mama, die kenne ich.“ (Seht ihr? Nicht cool.)

Chloe zeichnete weiter und musterte dabei aus der Deckung ihres Ponys heraus meine Tattoos. „Hat das wehgetan?“, fragte sie. Gerade eben waren mir die dünnen, glänzenden Linien auf ihren Armen aufgefallen. Nicht so wie das da, dachte ich im Stillen.

„Nicht schlimm“, sagte ich stattdessen, „aber das Tattoo auf meinem Fuß … und ein ganz großes auf meinem Rücken, heilige Scheiße, die taten weh!“ Sie lächelte.

„Ich will auch eins, aber ich habe kein Geld dafür“, sagte sie. Sie schaute mir immer noch nicht in die Augen.

„Irgendwann hast du genug zusammen, und vielleicht bist du dann alt genug, dir nicht so bescheuerte Sachen stechen zu lassen wie ich, als ich in deinem Alter war. Was würdest du dir stechen lassen, wenn du das Geld hättest?“

Damit begann ein langes Gespräch, und als wir auf halbem Weg nach New Orleans waren, erzählte sie mir von ihrem Leben: davon, dass sie nicht wusste, wer ihr Vater war, und von der einstweiligen Verfügung gegen ihre ältere Schwester, von der sie im Jahr davor schwer verletzt worden war. Sie redete davon, wie blöd es in ihrer Schule sei. Sie hätten sie in Nachhilfekurse gesteckt, obwohl sie in Mathe eigentlich richtig gut sei; sie finde nur Kurven doof und weigere sich deshalb, sie zu zeichnen. Ich merkte ihr an, dass sie sehr intelligent war. Sie passte nur nicht ins System. Ich erzählte ihr, meine Beraterin auf der Highschool sei eine blöde Ziege gewesen, die dachte, ich solle auf die Handelsschule gehen, und jetzt hätte ich ein abgeschlossenes Hochschulstudium und schon zwei Bücher veröffentlicht. Wer zuletzt lacht …

Ein Lächeln drängte sich auf ihr Gesicht wie ein ungebetener Gast, und zugleich sah sie viel heller und jünger aus. Für eine Sekunde schaute sie mir sogar in die Augen.

„Also“, fragte ich schließlich, „bist du auch auf dem Weg zum lutherischen Jugendtreffen?“

Sie sah mich verdattert an. „Ja … Moment mal, SIE wollen zum lutherischen Jugendtreffen?“

Lächelnd erwiderte ich: „Ja … zufällig bin ich lutherische Pastorin, und ich soll da morgen Abend etwas sagen.“

„Nee, ne?“, sagte sie, und ich musste lachen. Dann erzählte sie mir, dass nur zwei Mädchen aus ihrer Jugendgruppe überhaupt ein Wort mit ihr wechseln und dass sie eigentlich gar nicht auf diese Reise hatte mitkommen wollen. Sie passte einfach nicht rein. Das könne ich gut verstehen, sagte ich ihr, weil ich auch nicht reinpasse.

Wir verstummten. Ich wandte mich meinem Buch zu, und sie arbeitete an einer Zeichnung, die sie mir schenkte, als wir gelandet waren. Es war eine Mangazeichnung von mir.

Noch im Gang der 737 umarmte sie mich und dankte mir dafür, dass ich mich mit ihr unterhalten hatte. Und ich dankte ihr für die Zeichnung.

Manchmal bin ich so begriffsstutzig, dass Gott nichts anderes übrig bleibt, als so deutlich zu werden, dass es schon fast peinlich ist. Zum Beispiel, indem er mir ein verletztes Mädchen mit glänzenden Schnittnarben am Arm über den Weg schickt – ein Mädchen, das sich hinter einem schützenden pinkfarbenen Pony versteckt, das nicht reinpasst, ein Mädchen, das mir auf seine ganz eigene Weise sagte: Ach übrigens, ich soll dir etwas von Gott ausrichten: Nimm dich nicht so wichtig.

Wenn man auf einer Bühne im Superdome redet, sieht man nicht viel von den Leuten, zu denen man spricht. Das Publikum ist so weit weg, dass es wirklich unmöglich ist, zu erkennen, was für Gesichter die Leute machen, oder ihr Lachen zu hören. Es fühlt sich an wie eine Radioansprache. Oder sagen wir, wie eine Radioansprache unter so grellen Scheinwerfern, dass man sich unwillkürlich fragt, ob es vielleicht gar keine Scheinwerfer sind, sondern in Wirklichkeit Lichter von einem außerirdischen Raumschiff, das einen jeden Moment zu sich heraufbeamen wird. Und dann fängt man an zu reden wie eine geblendete Radiomoderatorin, die gleich von Außerirdischen entführt wird und so tut, als spräche sie auf einem Jugendtreffen, und man kann nur hoffen, dass alles gutgehen wird.

Ich hatte keine Ahnung, ob das, was ich da auf meiner weit entrückten Bühne unter den außerirdischen Traktorstrahlen redete, irgendein Echo fand oder „gut ankam“. Aber immerhin wusste ich, zu wem ich redete, denn kurz bevor ich auf die Bühne gestiegen war, hatte ich ein Stück Papier betrachtet, das zusammengefaltet in meiner Hosentasche steckte – mein Porträt als Mangazeichnung. Und so stand ich nun vor Zehntausenden furchteinflößenden Jugendlichen und wusste, dass ich nur zu Chloe sprach, zu dem Mädchen, das nicht ins System passte.

Also erzählte ich meine Geschichte: ein Mädchen, das nicht reinpasste, aufgewachsen als fundamentalistische Christin, das dann der Gemeinde den Rücken kehrte, süchtig wurde, wieder clean wurde, einen netten lutherischen Jungen kennenlernte, Lutheranerin wurde, lutherische Pastorin wurde, eine Gemeinde gründete.

„Manche eurer Eltern und Pastoren haben sich ziemlich darüber aufgeregt, dass ich heute Abend zu euch sprechen sollte“, sagte ich. „Sie waren der Meinung, jemand mit meiner Vergangenheit sollte nicht vor Tausenden von Jugendlichen sprechen dürfen. Und wisst ihr, was ich dazu zu sagen habe?“ Ich schwieg einen Moment. „Sie haben absolut recht.“

Schweigen. Ich holte tief Luft und fuhr fort: „Jemand mit einer Vergangenheit wie meiner, mit Alkoholsucht, Drogenmissbrauch, Promiskuität, Lügen und Stehlen sollte nicht zu euch sprechen dürfen. Und wisst ihr was? Jemand mit meiner Gegenwart, jemand, der so ist, wie ich jetzt bin, sollte das auch nicht dürfen. Ich bin eine sarkastische, über und über tätowierte, hitzköpfige Person, die flucht wie ein Bierkutscher! Ich bin ein mit Fehlern behafteter Mensch und sollte eigentlich wirklich nicht zu euch sprechen dürfen. Aber wisst ihr was?“, fragte ich. „Das ist der Gott, mit dem wir es zu tun haben, Leute!“

Die Kids rasten. Sie sprangen klatschend und schreiend von ihren Stühlen auf und rasten.

Ich muss sagen, es haute mich um. Bis dahin hatte ich keine Ahnung gehabt, ob sie mir überhaupt zuhörten. Es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder beruhigten, und dann fuhr ich fort: „Lasst mich euch von diesem Gott erzählen.“ Ich erzählte ihnen, dass dies ein Gott ist, der schon immer unvollkommene Menschen gebraucht hat, ein Gott, der unter uns gelebt hat, der sich vorzugsweise mit dem letzten Abschaum zum Essen getroffen und sogar Aussätzige geküsst hat. Ich sagte ihnen, dass dies ein Gott ist, der von den Toten auferstand und dann mit seinen Freunden am Strand Fische grillte, der schließlich zum Himmel aufstieg und uns jetzt in ganz hundsgewöhnlichen Dingen besonders gegenwärtig ist: Weizen, Wein, Wasser, Worten. Ich sagte ihnen, dass dieser Gott noch nie begreiflich war.

„Und ihr müsst Gott auch nicht begreifen, denn dieser Gott wird euch gebrauchen, dieser Gott wird jeden von euch gebrauchen, und nicht nur eure Stärken, sondern auch eure Fehler und euer Versagen. Eure Schwachheit ist für einen vergebenden Gott genau der fruchtbare Boden, aus dem er etwas Neues und Schönes wachsen lassen kann. Bildet euch also nicht ein, ihr hättet nichts anderes zu bieten als eure Gaben. So sieht das aus, wenn man Lutheraner ist.“ Chloe, weißt du, was du bist? Du bist eine Lutheranerin. So wie ich. Und wieder waren sie völlig aus dem Häuschen.

Als ich mich später im Superdome unter die Menge mischte, um mir die Band anzuhören, die zum Abschluss spielte, wurde ich von Kids überrannt. Ein Mädchen in einem pinkfarbenen Hoodie, der ihm zwei Nummern zu groß war, weinte. „Ich bin fünfzehn Jahre alt, und ich habe eine ganz ähnliche Geschichte wie Sie, und ich glaube, Sie haben mir heute Abend das Leben gerettet.“ Ich nahm sie in die Arme und sagte ihr, was für ein wunderbarer Mensch sie sei.

Nachdem ich so ungefähr sämtliche Kids, die an diesem Abend dabei waren, in die Arme genommen hatte, fand und umarmte ich meinen Mann Matthew, der ein paar Stunden vorher mit dem Flugzeug gekommen war, um seine verrückte Frau zu unterstützen, die solche Angst davor hatte, vor Jugendlichen zu sprechen. Wir fuhren durch den prasselnden Regen zurück zu unserem Hotel, setzten uns in unser stilles Zimmer und verzehrten in aller Ruhe das Steak, das ich mir bestellt hatte, um meinen bettelnden Post-Adrenalin-Hunger zu stillen.

„Was ist da eben passiert?“, fragte ich Matthew.

Er blickte nicht einmal von seinem Teller auf, sondern sagte nur: „Du kannst zu Jugendlichen sprechen.“

Ich hatte ins behagliche Tarsis fliehen wollen, ein Land der Erwachsenen, die meine Witze verstehen und mich (vielleicht) cool finden, doch stattdessen war ich am Ufer eines Ninive voller Jugendlicher ausgespien worden, hatte mir die Walspucke abgewischt, Gottes Auftrag ausgerichtet und überlebt. Manchmal ist ein Mensch, der nichts an sich hat, was ihn für eine Aufgabe qualifiziert, genau das, wonach Gott sucht.

Ich bekomme heute noch regelmäßig E-Mails und Tweets und Nachrichten und handgeschriebene Briefe von diesen Kids. Keine Ahnung, wie diese Rechenaufgabe aufgeht. Wie das bisschen Talent als Rednerin, das ich vielleicht habe, plus die (eigentlich kaum nennenswerte) Arbeit, die ich in diese Ansprache gesteckt habe, in der Summe das ergeben sollen, was dann passierte, ist mir schleierhaft. Doch mir wird ganz allmählich klar, dass wir uns immer dann, wenn so eine Rechenaufgabe nicht aufgeht, in einer Region außerhalb der Logik von Ursache und Wirkung aufhalten. Manche Leute nennen das heiligen Boden.

Wir sind in großer Gefahr, uns geistlich selbst zu schmeicheln, wenn wir sagen: „Gott hat mich gebraucht, um etwas zu tun.“ Aber vielleicht trifft das Gegenteil ebenso zu. Wir schmeicheln uns ebenso, wenn wir behaupten, wir wären unfähig, die schweren Dinge zu tun, die Gott uns aufträgt.

Da er nun einmal kein besseres Arbeitsmaterial hat, greift Gott auf uns zurück, um durch uns an anderen und durch andere an uns zu arbeiten. Das ist schon ein eigenartig heilsamer, verwirrender Kuddelmuddel, in dem wir da stecken: Gott zwingt die Menschen Gottes, sich selbst so zu sehen, wie Gott sie sieht. Dinge zu tun, von denen sie wissen, dass sie dazu unfähig sind, damit Gott sie gebrauchen und sie zugleich zu demütigen Empfängern und großzügigen Gebern der Gnade machen kann. All das, damit sie Anteil haben an Gottes großem Projekt auf der Erde und dabei selbst unerwartete Freude durch überraschende Situationen empfangen.

Und damit Pastorinnen im Flugzeug von Mädchen mit pinkfarbenen Ponys und glänzenden Narben dazu ermahnt werden, sich nicht so wichtig zu nehmen.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
244 s. 25 illüstrasyon
ISBN:
9783865069122
Yayıncı:
Telif hakkı:
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