Kitabı oku: «Herz über Bord»
Herz über Bord
Rudere, wenn der Wind fehlt
Nadine Gerber
Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Copyright 2021 by Prinzengarten Verlag
Dr. Hans Jacobs, Am Prinzengarten 1, 32756 Detmold
ISBN 978-3-89918-821-9
Teil I:
«Alles verändert sich mit dem, der neben mir ist oder neben mir fehlt.»
Kapitel 1
Drama um Triathlon-Olympiasieger
Sebastian Fischer stirbt bei Canyoning-Unglück
Der erst neununddreißigjährige Sportler hinterlässt seine Partnerin, die Ruder-Olympiasiegerin Hanna Caminada, sowie die gemeinsame vierjährige Tochter.
Er legte ganz langsam sein Tablet auf den Tisch. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und er bemerkte, dass er unter Schock stand. Es war schon so lange her, seit er Hanna zuletzt gesehen hatte. Zwölf Jahre.
«Ich werde dich nie vergessen.»
Das hatte er ihr damals bei ihrem letzten Treffen gesagt. Er hatte sich daran gehalten. Immer wieder hatte er an sie denken müssen. Manchmal hatte er gehofft, dass sie glücklich war. Manchmal hatte er sie vermisst. Und ziemlich oft hatte er sie in seinen Träumen gesehen. Darin hatte er nie die Entscheidung getroffen, nicht mit ihr zusammen zu sein. In seinen Träumen waren sie glücklich gewesen, hatten eine Familie gegründet.
Sie musste inzwischen fünfunddreißig Jahre alt sein. Er selbst feierte bald seinen vierundvierzigsten Geburtstag. Er fühlte sich plötzlich uralt. Aber er war noch am Leben. Im Gegensatz zu diesem Sebastian, der noch einiges jünger gewesen war als er selbst.
Er schaute in den Spiegel, der im Wohnzimmer über einer hölzernen Kommode hing. Wie scheußlich er ist dachte er mit einem Mal. Rechteckig mit einem silbernen Rand. Modern vielleicht, wenn man ihn richtig kombiniert hätte. Aber um eine schöne Einrichtung hatten sie sich noch nie bemüht. Er fand, er sah bleich aus, fahl. Er saß noch immer regelmäßig im Ruderboot, joggte oder ging wandern oder Fahrrad fahren. Seine Sportlichkeit hatte er sich bewahren können. Doch seine dichten, einst blonden Haare wurden immer grauer. Immerhin waren sie noch vollzählig.
Er kam sich plötzlich dumm vor, als ihm klar wurde, dass er sich um sein Äußeres sorgte, während Hanna um ihre große Liebe trauerte. Früher hatte sie immer gesagt, er sei ihre große Liebe. Er war sich nie sicher gewesen. Natürlich hatte er ihr geglaubt, doch sie war damals so jung gewesen und hatte noch ihr ganzes Leben vor sich gehabt – und er hatte immer ein bisschen die Befürchtung gehabt, sie könnte es sich anders überlegen und ihm das Herz brechen. Gebrochen wurde es dann sowieso.
Er griff erneut nach dem Tablet und las den ganzen Artikel. Sebastian Fischer war ein Olympiaheld. Natürlich kannte er ihn. Nicht persönlich. Aber aus den Medien. Er wusste, dass er Hannas Partner gewesen war. Sie mussten sich kennengelernt haben, als sie selbst bei Olympia an den Start ging – und sensationell Gold holte. Vor acht Jahren also. Damals war Fischer «nur» sechster geworden. Doch vor vier Jahren und erst jetzt, vor wenigen Wochen, hatte er geglänzt – und war zweimal als bester Triathlet der Spiele zuoberst auf das Treppchen geklettert. Er war ein Vorbild. Ein verwegener Kerl, witzig, eloquent, gutaussehend. Er war nie abgehoben, hatte immer allen geholfen, ein offenes Ohr gehabt. Vor allem Kinder hatten ihm am Herzen gelegen. Aber er war auch ein Abenteurer gewesen. So ein völlig anderer Typ als er selbst.
Fischer hatte Extremsportarten geliebt, war ein routinierter Canyoning-Sportler gewesen, der auch Touren geleitet hatte. Zusammen mit einem Kollegen hatte er eine Kletterstelle sichern wollen, als die Fluten eines Wildbachs die beiden Männer erwischten. Sie waren sofort tot gewesen.
Warum waren die Männer in dem Canyon?, fragte auch die Zeitung. Eigentlich hätten sie es wissen müssen. Solche Wildbäche waren trügerisch. So schnell konnten die Wassermassen ansteigen.
Es hatte in den letzten Jahren einige Gelegenheiten für ihn gegeben, sich bei Hanna zu melden. Ihr Olympiasieg, ihr Rücktritt, die Nachricht von der Geburt ihrer Tochter. Als Sportheldin war sie ein begehrter Talk-Gast gewesen, auch wenn sie selbst nicht den Anschein gemacht hatte, dass sie Lust auf diese Publicity hatte. Sie hatten sich damals oft darüber unterhalten. Dass dies ein Teil des Erfolgs sei. Keiner von ihnen hatte diesen Aspekt des Sportlerdaseins gemocht.
Doch dank der Medien hatte er einiges aus ihrem Leben mitbekommen. Natürlich auch wegen der Popularität ihres Partners. Immer wieder hatte er zum Handy gegriffen und einige Worte getippt – und sie dann wieder gelöscht. So war über ein Jahrzehnt vergangen. Zwölf Jahre, in denen er konsequent seinen Plan B gelebt hatte.
Er stand auf und holte sich einen Kaffee. Doch er merkte schnell: Das reichte nicht. So griff er nach der Flasche mit dem Whisky. Er trank tagsüber nie Alkohol. Eigentlich trank er generell sehr selten Alkohol. Doch in diesem Moment hatte er das Gefühl, Whisky sei das Einzige, das helfen konnte. Wobei? Den inneren Aufruhr zu unterdrücken. Sich zu beruhigen. Nachzudenken. Mutig zu werden. Und dann das Richtige zu tun.
Er kippte zwei Gläser, dann griff er nach seinem Handy. Dieses Mal würde er auf «senden» drücken.
«Liebe Hanna. Ich bin erschüttert. Ich weiß nicht, was ich sagen oder schreiben soll. Aber ich kann diese Nachricht nicht einfach ignorieren. Es tut mir so unendlich leid. Ich möchte dir gerne sagen, dass ich an dich denke. Jetzt. Und in den vergangenen zwölf Jahren. Wenn es etwas gibt, das ich tun kann, bitte lass es mich wissen. Dein Simon»
«Senden».
Er drückte darauf und dann brauchte er noch einen Whisky. Anschließend nahm er sein Fahrrad und fuhr zum See. Es war ziemlich kalt für einen Oktobertag. Doch er wagte es nicht, sich nach drei Gläsern harten Alkohols noch ans Steuer seines Wagens zu setzen. Ein kurzer Ausflug mit seinem Ruderboot würde ihm bestimmt helfen. Die Nachricht war abgeschickt, jetzt konnte er nur warten. Obwohl er eigentlich nicht damit rechnete, eine Antwort zu bekommen. Er wusste noch nicht einmal, ob Hanna ihre alte Handynummer behalten hatte.
Doch sein Handy bimmelte, er war noch nicht einmal beim See angekommen. Er stieg vom Fahrrad und holte sein Smartphone aus der Tasche.
«Simon. Bitte hilf mir!»
Er bemerkte, dass er ein kleines bisschen schwankte. Der Whisky war wohl doch keine sehr gute Idee gewesen – auch wenn er ihn zugegebenermaßen innerlich beruhigt hatte. Er stiess das Rad über den mit Kieseln bedeckten Weg hinunter zum See. An Rudern war nicht mehr zu denken. Er legte das Rad auf den Boden und setze sich auf die kleine Mauer, die den See vom Ufer trennte. Dann holte er tief Luft.
Die Message war klar: Sie wollte seine Hilfe. Sie klang verzweifelt. War er der Richtige? War das wichtig? Wichtig war, dass er ihr half, wenn sie es sich wünschte. Und er war bereit dazu. Oder?
«Darf ich zu dir kommen?»
«Ja!»
«Wohin?»
Sie nannte ihm eine Adresse in einem Ort, ungefähr eine halbe Stunde Autofahrt von ihm entfernt. Mist! Er bereute nun seinen Whisky-Konsum definitiv. Zunächst fuhr er mit seinem Rad wieder nach Hause. Es war jetzt kurz nach Mittag. Lisa arbeitete. Elias war bei seinen Großeltern, und für den Sonntag war ein Ausflug in den Zoo geplant. Heute war Samstag. Er hatte frei. Und Zeit. Zuhause angekommen stellte er sich unter die Dusche und zog sich frische Kleider an. Die Aussicht, Hanna zu sehen, machte ihn nervös. Er musste sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass der Anlass ein trauriger war. Dass sie nicht in der Stimmung war, über ihre gemeinsame Vergangenheit zu sinnieren. Und dass er nicht klar wusste, wie er ihr helfen konnte. Warum sie ausgerechnet seine Hilfe wollte. Er zog sich eine Jeans an und ein weißes T-Shirt, darüber einen braunen Cardigan. Mit inzwischen deutlich über vierzig war er nicht mehr jung genug für seine Schülerinnen, die hin und wieder für ihn schwärmtenDeshalb hatte sich sein Lehrerdasein merklich entspannt – und er hatte einen gewissen Sinn für Mode entwickelt. Braune Schuhe aus Wildleder und eine dunkelblaue Jacke rundeten sein Outfit ab. Seine Haare trug er weiterhin gerne ungekämmt – doch sie waren etwas länger als früher und standen ihm nicht mehr um den Kopf wie bei einem Igel. Auch den Bart hatte er belassen.
Er aß einen grossen Teller Suppe mit einem Stück Brot – dies mit dem einzigen Ziel, den Alkoholpegel in seinem Blut zu senken. Er hatte vor, mit dem Auto zu Hanna zu fahren. Allerdings hielt er sich selbst nicht für fahrtauglich, nicht nur wegen des Alkohols. Er bestellte sich ein Taxi. Eine gute Stunde nachdem er die Nachricht erhalten hatte, machte er sich auf den Weg. Und wieder eine halbe Stunde später stand er mit zitternden Händen vor dem schmucken Einfamilienhaus. Er brauchte einen Augenblick, um sich zu sammeln. Das Haus war neu, es hatte ein Flachdach und einen grauen Anstrich. Es wirkte sehr klein, doch er bemerkte, dass das Haus in einen Hang hinein gebaut worden war – auf der anderen Seite musste es deutlich höher sein. Er dachte an seine eigene Wohnung, die kahl und nüchtern war. Etwas, das er mit einem Mal bedauerte. Was für ein Blödsinn. Er stand vor Hannas Haus und sobald er den Mut hatte, auf die Klingel zu drücken, würde er sie wiedersehen. In welchem Zustand?
Er holte noch einmal tief Luft und dann drückte er auf den schwarzen Knopf. Er wusste nicht, was er erwarten konnte. Hanna. Wie würde sie aussehen und was erwartete sie von ihm? Würde er ihre Tochter sehen? Wie ging es wohl dem kleinen Mädchen? Das seinen Papa verloren hatte. Er hatte sich alles aus Hannas Leben gemerkt, so gut er konnte. Wie ein Schwamm hatte er alle News über sie aufgesaugt, alle Sendungen, in denen sie aufgetreten war, geschaut. Er hörte Schritte, dann öffnete sich die Tür. Doch vor ihm stand nicht etwa Hanna, sondern eine Frau, die ihm sofort vertraut vorkam. Er musste auch nicht lange überlegen, wer sie war: Laura, Hannas beste Freundin. Er war erleichtert, dass Hanna nicht allein war und dass Laura nach all den Jahren noch immer eine so wichtige Person in ihrem Leben war. Doch er wusste auch: Laura war nicht wahnsinnig gut auf ihn zu sprechen und er konnte sie verstehen. Sie erkannte ihn ebenfalls sofort.
«Was machst du hier?»
«Hallo Laura. Entschuldige.» Er stammelte. «Hanna hat mich gebeten herzukommen.»
«So ein Quatsch. Das hätte sie mir gesagt.»
«Das ist noch keine zwei Stunden her. Wo ist sie? Wie geht es ihr?»
«Warte hier», sagte Laura und verschwand. Es war keine gute Idee gewesen, hierher zu kommen, dachte Simon. Hanna war in ihrem Zustand bestimmt nicht ernst zu nehmen. Sie war wohl nicht in der Lage, eine Entscheidung zu treffen, die gut für sie war. Er sollte wieder gehen. Und wenn er ihr wirklich helfen konnte? Manchmal, gerade in schwierigen Augenblicken, tat es gut, mit jemandem zu reden, der eine gewisse Distanz hatte und mit dem man sich trotzdem verbunden fühlte. Das ergab einen neuen Blickwinkel.
Nach ein paar Minuten ging die Tür wieder auf. «Ich weiß zwar nicht, was das soll, aber du kannst zu ihr.»
«Wo ist sie?»
«Wenn du ihr weh tust, trete ich dich dahin, wo es dir weh tut, das verspreche ich dir.» Simon lief rot an.
«Ich will ihr nicht weh tun. Ich möchte ihr gerne helfen. Wenn ich es kann. Wo ist sie? Und wie geht es ihr?»
«Es geht ihr beschissen, wie du dir vielleicht vorstellen kannst. Sie hat seit Tagen weder gegessen noch geschlafen. Sie ist im Gästezimmer, weil sie nicht mehr in ihrem Bett liegen kann.»
«Oh Mann, Laura, sie tut mir so leid. Das alles tut mir so leid.»
«Warum bist du hier?»
Er zuckte mit den Schultern. «Ich weiß es nicht, um ehrlich zu sein. Ich konnte das nicht einfach ignorieren.»
«Das Gästezimmer ist dort hinten. Erschrick nicht – die schöne Hanna von damals gibt es im Moment nicht mehr.»
«Das ist doch jetzt wirklich egal.»
Er öffnete ganz leise die Tür, die Laura ihm gezeigt hatte. Hanna saß auf einem großen Bett, das aussah, als wäre es ausgeklappt worden. Die Decken waren zerknüllt. Sie war wach, doch sie reagierte nicht. Sie war wirklich dünn. Doch Laura hatte unrecht: Sie sah unsagbar schön aus. Sie schien eine der Frauen zu sein, die mit zunehmendem Alter nur schöner wurden. Natürlich wirkte sie traurig. Doch ihre Haut war noch immer gebräunt, ihre Haare waren lang, dicht und dunkel, und ihre Wimpern umrandeten die grünen Augen, die im Moment an Strahlen eingebüßt hatten. Sie trug eine alte Trainingshose und ein weißes T-Shirt, sie war barfuß. Sie drehte den Kopf in Richtung Tür und sah ihn an. Er ging zum Bett und setzte sich auf den Rand. «Hanna, mein Gott, Hanna. Es tut mir so leid. Was kann ich tun?»
«Kannst du dich zu mir legen und mich ganz fest halten?»
Ihr Wunsch verwunderte ihn. Doch sie sah so elend und traurig aus, dass er genau das sowieso am liebsten getan hätte. Also zog er seine Schuhe aus, legte sich aufs Bett und zog sie fest in seine Arme. Er sagte nichts. Und sie begann zu weinen. Sie schluchzte, ihr ganzer Körper zitterte. Er spürte ihre Rippen und die Schulterknochen. Er streichelte ihr über die Haare, sagte weiterhin nichts. Sie weinte und weinte und weinte. Die Zeit stand still und verging wie im Flug. Irgendwann beruhigte sich der dünne Körper in seinen Armen. Er betrachtete sie. Sie war eingeschlafen.
Er blieb noch einige Minuten neben ihr liegen, bis er sicher war, dass sie ganz tief schlief. Dann stand er auf und machte sich auf die Suche nach Laura. Er fand sie im unteren Stockwerk in der großen, modernen, hellen Küche. Das Haus war eine Wucht, es war neu und äußerst geschmackvoll eingerichtet. Doch er würde sich später ein Bild davon machen. «Was ist mit Hanna?», wollte Laura wissen.
«Sie schläft», antwortete Simon.
«Sie schläft? Ohne Tabletten?»
«Ja.»
«Wow. Das hat sie seit dem Unfall nicht getan. Vielleicht ist es doch nicht so schlecht, dass du hier bist.»
«Ich finde es toll, dass du hier bist, Laura. Ich freue mich, dich zu sehen. Ein liebes Gesicht an Hannas Seite.»
«Ich hätte nicht gedacht, dass du je wieder auftauchst.»
«Es hat viel Mut gebraucht. Aber ich habe Hanna nie vergessen.»
«Du warst ein Arschloch.»
«Ich war ein Feigling», korrigierte er sie. «Ein Arschloch tut etwas aus böser Absicht. Ich habe nie etwas aus Boshaftigkeit getan.» Er konnte ihr ihre negativen Gefühle nicht verübeln. «Könnten wir das Kriegsbeil vorübergehend begraben?» Sie konzentrierte sich wieder auf den Tee, den sie im Begriff war zu kochen.
«Wie lange bleibst du?»
«Solange Hanna mich braucht.»
«Ach komm, du kannst doch nicht einfach aus deinem tollen Leben mit deiner tollen Lisa aussteigen und hier den Seelentröster geben. Gibt’s Lisa überhaupt noch?» Er nickte verlegen.
«Wie lange bleibst du?»
«Solange Hanna mich braucht», äffte sie ihn nach. Das konnte ja heiter werden.
Er nahm sein Smartphone und setzte sich aufs Sofa. Sein Sohn war zumindest bis Sonntagabend versorgt. Es war Samstag. Er schrieb eine Nachricht an Lisa. «Komme heute nicht nach Hause. Erkläre dir alles morgen.» Die Nachricht von Sebastians Tod und Hannas Schicksal hatte ihn bis ins Mark erschüttert. Er merkte, dass er nicht nur für Hanna da sein wollte – er wollte vielmehr über sein eigenes Leben nachdenken, über die Art und Weise, wie er es lebte. Über sein sich selbst auferlegtes Nicht-Glücklichsein. Es fühlte sich an wie ein Weckruf. Das Leben war zu kurz, um nicht glücklich zu sein.
«Hanna ist wach», rief Laura. «Sie fragt nach dir.» Nachdenken konnte er später. Er machte sich wieder auf den Weg zu Hanna.
«Bleibst du bei mir?», fragte sie. «Natürlich nur wenn du kannst.»
Er legte sich wieder zu ihr und nahm sie in seine Arme.
«Möchtest du reden?»
«Nicht jetzt. Ich möchte einfach hier liegen, wenn ich darf.» Er schloss seine Arme noch fester um sie.
«Sicher», murmelte er in ihre Haare. Sie schlief kurz darauf wieder ein, doch er wagte es nicht mehr, sie zu verlassen. So blieb er neben ihr liegen und atmete ihren Duft ein. Es war eine seltsame Situation, in der er sich befand. Er hatte sie immer vermisst – doch jetzt spürte er erst, wie sehr. Es war, als wären sie nie getrennt gewesen und doch war alles anders. Er wusste nicht, wie sie sich verändert hatte. Oder wie sie das alles, was sie jetzt durchmachte, verändern würde. Er hoffte, er könnte wieder ein Teil ihres Lebens werden – in welcher Form auch immer.
Seit er an diesem Morgen die Nachricht in der Zeitung gelesen hatte, war er durcheinander. Es ging nicht mal nur um Hanna – vielmehr schrie alles in ihm nach «Plan A». Nach einem Leben, nach dem er seit seinem eigenen Unfall nicht mehr gestrebt hatte, weil er geglaubt hatte, mit «Plan B» zufrieden zu sein. Und das verwirrte ihn.
Hanna schlief volle drei Stunden und er spürte langsam, dass er Hunger hatte. Schlafen konnte er weiterhin nicht. Aufstehen konnte er auch nicht, weil er Hanna nicht wieder aufwecken wollte. Es schien, als könne sie nur schlafen, wenn er sie in seinen Armen hielt. Er beschloss sich eine Pizza zu bestellen. Er wagte es nicht, in ihrer Küche herumzuschnüffeln und sich etwas Essbares zu suchen. Zum Glück funktionierte das alles tonlos online.
Eine halbe Stunde später wurde die Pizza geliefert und er musste doch aufstehen. Er brachte die duftende weiße Schachtel ins Gästezimmer, zog den kleinen Couchtisch, der sich darin befand, zum Bett und öffnete den Karton.
«Was machst du?», flüsterte Hanna hinter ihm.
«Ich esse Pizza. Magst du ein Stück haben?» Sie setzte sich auf und kam näher, sie schnupperte.
«Ja», antwortete sie dann und er reichte ihr ein Stück, zusammen mit einer Serviette. «Ich habe gar nicht bemerkt, wie viel Hunger ich habe», meinte sie und biss in ihr Pizzastück.
«Du siehst dünn aus.»
«Ich habe einfach nichts mehr runterbekommen.» Sie kam noch ein bisschen näher und setzte sich im Schneidersitz neben ihn an den Rand. «Es tut mir leid, dass ich dich so überfallen habe», sagte sie dann.
«Du hast mich nicht überfallen. Ich habe dir meine Hilfe ja angeboten.»
«Ist es denn okay für dich hier zu sein?»
«Ich hätte mir unser Wiedersehen anders vorgestellt», antwortete er vorsichtig. «Aber es gibt keinen Ort, an dem ich jetzt lieber wäre.» Sie schaute ihn etwas skeptisch an.
«Das glaube ich dir zwar nicht. Aber ich danke dir, dass du da bist.» Sie nahm seine Hand und drückte sie. Dann biss sie wieder in ihre Pizza. «Wo ist Laura?»
«Ich weiß es nicht. Aber es ist auch toll, dass sie da ist.»
«Ja», gab Hanna zu. «Ich bin so froh. Ich weiß nicht, wie lange sie bleiben kann. Sie lebt in Berlin, weißt du?»
«Wir haben uns viel zu erzählen», sagte Simon. «Aber noch nicht jetzt, okay?» Sie nickte. «Wollen wir einen Film schauen?», fragt er dann. Sie nickte erneut.
Im Gästezimmer stand ein Fernsehgerät und er schnappte sich die Fernbedienung. Der Fernseher war recht neu, er bot einen Filmedownload an und Simon zappte sich durch das Angebot. «Worauf hast du Lust?»
«Ich weiß nicht. Nichts Lustiges. Und auch kein Liebesfilm. Ein Thriller vielleicht?»
«Ein Thriller?» Er schaute skeptisch. «Na gut, du bist die Chefin.» Er suchte einen Film heraus, der ihn nicht ganz so dramatisch dünkte und lud ihn herunter. Sie setzte sich aufrecht ins Bett und bedeutete ihm zu ihm zu kommen.
«Wann musst du nach Hause?»
«Gar nicht», antwortete er. «Nicht heute. Außer du möchtest, dass ich gehe.»
«Nein», bat sie. «Bleib bei mir.»
«Hast du noch ein Gästebett?»
«Bleibst du hier? Bei mir?»
«Wenn du das möchtest?»
«Es ist erstaunlich, Simon. Es ist fast, als wärst du nie weggewesen. Es geht mir dreckig.» Sie schaute ihn an. «Aber jetzt, wo du da bist, fühle ich mich nicht mehr so alleine.» Er legte den Arm um sie und sie kuschelte sich an ihn heran. Dann schauten sie gemeinsam den Film. Simon fand ihn nicht wirklich passend, es war ein Psychothriller und es floss reichlich Blut. Aber viel schien Hanna nicht davon mitzukriegen.
Er hatte bald den Eindruck, dass sie sehr viel Schlaf nachholen musste. Der Unfall war nun fast eine Woche her und Laura hatte gemeint, dass sie seither kaum ein Auge zugekriegt hatte. Es waren noch keine dreißig Minuten vergangen, bis sie erneut in seinen Armen eingeschlafen war. Da er langsam selbst etwas müde war und er keine Lust hatte auf Mord und Totschlag, beschloss er einfach es ihr gleich zu tun.
Kapitel 2
Drama um Triathlon-Olympiasieger
Sebastian Fischer stirbt bei Canyoning-Unglück
Der erst neununddreißigjährige Sportler hinterlässt seine Partnerin, die Ruder-Olympiasiegerin Hanna Caminada, sowie die gemeinsame vierjährige Tochter.
Er ließ langsam sein Smartphone sinken. Und was nun? Jetzt war alles vorbei – bevor es überhaupt je eine Chance gegeben hatte, anzufangen. Er war tot. Tot. Niemals würden sie zusammen reden, lachen, trainieren oder verreisen. Nie. «Sag niemals nie», hatte sie gesagt. Doch dieses «Nie» war endgültig und unwiderruflich. Nie. Nie. Nie. Nie. Nie. Er hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Sein Herz war schwer. Er konnte nicht einmal sagen, dass er besonders traurig gewesen wäre. Wie denn auch? Trotzdem war das Kapitel für ihn nicht einfach abgeschlossen. Er wollte Antworten auf alle seine Fragen. Doch er hatte keine Ahnung, wie er vorgehen sollte.
Kapitel 3
Er wusste erst gar nicht, wo er war. Es war dunkel und er tastete nach seinem Handy, damit er ein bisschen Licht hatte. Der Blick auf die Uhr zeigte, dass es früher Morgen war. Als er sich auf die Seite drehte, bewegte sie sich. Hanna, schoss es ihm sofort durch den Kopf. Er war bei ihr. Er bewegte sich nicht mehr und atmete ihren Geruch ein. Sie roch nach Hanna. Nach dem Duschmittel, das sie benutzt hatte, aber auch ein bisschen salzig von den vielen Tränen. Sie hatte teure Parfüms nie gemocht. Der Geruch kam ihm sofort vertraut vor. Als wäre er nie weggewesen. Ja, so war es. Es ging ihr furchtbar und er hatte Angst, etwas zu tun, was sie verschrecken oder verwirren könnte.
Sie war fünfunddreißig Jahre alt. Sie war noch immer so atemberaubend schön wie damals. Er war mit beinahe vierundvierzig Jahren dagegen fast ein alter Mann. Der Alterstunterschied zwischen ihnen hatte ihn schon damals beschäftigt. Damals war er außerdem ihr Lehrer gewesen. Was der Grund gewesen war, warum er sich gegen eine Beziehung mit ihr entschieden hatte. Diesen Entscheid hatte er oft bedauert. Er spürte, wie nah er sich Hanna noch immer fühlte. Er hoffte, er konnte sie unterstützen, ohne ihr zu nah zu kommen. Er wusste noch nicht, was es für ihn bedeutete, sie wieder in seinem Leben zu haben. Doch er wusste – er wollte die Geschehnisse als Anlass nehmen, sein Leben so zu verändern, dass er wieder glücklich war. Mit oder ohne Hanna. Er war seit Langem nicht mehr glücklich. Wahrscheinlich seit damals, vor zwölf Jahren, als er nach einer letzten Liebesnacht ihre Wohnung verlassen und nie wieder etwas von ihr gehört hatte. Er hatte sich immer eingeredet, seine Entscheidung sei richtig gewesen. Zu diesem Zeitpunkt war sie das auch gewesen. Doch je mehr er darüber nachgedacht hatte, desto mehr hatte er den Eindruck bekommen, dass er nicht genügend gekämpft hatte. Nicht um Hanna, sondern um die Akzeptanz ihrer Liebe.
Nach ein paar Minuten wachte sie auf. Sie drehte sich zu ihm um und schaute ihn an. Zum ersten Mal, seit er bei ihr angekommen war, lächelte sie.
«Wie geht es dir?», fragte er sie.
«Es ging mir schon einmal besser», meinte sie. «Es tut mir leid, dass du mich so siehst.» Er lächelte sie an.
«Das ist Quatsch, du machst es so toll. Erzählst du mir von ihm?»
«Ich weiß nicht, ob ich das schaffe.»
«Kein Problem. Möchtest du etwas essen?» Sie drehte sich auf den Rücken und schaute an die Decke. Dann begann sie ganz leise zu sprechen.
«Ich konnte mich viele Jahre lang nicht wieder verlieben. Du hast mir damals das Herz gebrochen. Ich dachte für eine lange Zeit, dass ich mich nie wieder verlieben könnte. Ich hatte ein paar Angebote, weißt du. Aber mein Herz war noch nicht soweit.» Sie schaute ihn an. Ihre Aussagen schmerzten. «Ich habe mich ein bisschen ausgetobt, ich bin da ehrlich. Ich hatte viele Affären. Ich wollte nicht immer alleine sein. Aber ich wollte auch niemanden in mein Leben lassen. Ich hatte immer den Eindruck, ich wäre nicht ehrlich. So wie damals bei Felix. Sebastian war anders. Um ehrlich zu sein – er hat mich umgehauen. Er hat meine Argumente, warum ich keine Beziehung haben kann, einfach ignoriert.» Sie lächelte bei der Erinnerung und es gab ihm einen kleinen Stich ins Herz.
«Wo hast du ihn denn getroffen? Bei den Spielen?» Es musste fast so gewesen sein, aber Simon wusste es natürlich nicht definitiv.
«Ja. Er war Triathlet. Aber damals war er noch nicht so gut wie später. Wir haben uns im Olympischen Dorf getroffen. Es war nach den Qualifikationsläufen. Sein Rennen war da schon durch. Er hatte noch ein paar Tage bleiben und das olympische Gefühl leben wollen. Er hatte keine Ahnung, wer ich war und er wollte mich unbedingt auf einen Drink einladen. Oder mit mir etwas essen gehen. Doch ich wollte mich auf meine Läufe konzentrieren. Das hab ich ihm auch gesagt. Ab da war er quasi mein persönlicher Assistent. Er hat mir jeden Wunsch von den Augen abgelesen und mir alles hinterhergetragen. Später hatte er einmal gesagt, es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen. Er habe mich vom ersten Augenblick an gewollt.» Sie schwieg.
«Ich kann ihn gut verstehen», sagte Simon.
«Ich war ganz schön kratzbürstig. Ich habe immer wieder versucht ihn loszuwerden. Doch er wollte mich nur umso mehr. Nach dem ganzen Drama mit dir war das irgendwie ein schönes, neues Gefühl. Es tat mir gut so begehrt zu werden. Er war ein schöner Mann. Ein Lebenskünstler, und ich wusste am Anfang nie so richtig, woran ich bei ihm war. Obwohl er mir immer wieder versichert hatte, dass er mich liebt.» Was für ein Idiot er selbst gewesen war, dachte Simon. Er hätte es ganz genauso machen sollen. Er bewunderte Sebastian für seine Hartnäckigkeit. Und er war so furchtbar eifersüchtig. Natürlich konnte er sich das nicht anmerken lassen. «Ist es ok für dich, wenn ich dir das erzähle?» Es war schon damals so gewesen, dass sie oft genau das ansprach, was ihn beschäftigte. Als könnte sie in seine Seele blicken.
«Natürlich ist es ok. Sprich ruhig weiter.» Es kostete ihn einige Mühe, dies zu sagen, doch hier ging es nicht um ihn.
«Es hat ihn nie interessiert, ob ich das Finale gewinne oder verliere. Viel später sagte er mir einmal, dass es ihm lieber gewesen wäre, wenn ich nicht gewonnen hätte. Auch weil es ihn ein bisschen unter Druck gesetzt hat. Obwohl er sich gefreut hat, weil es mein großer Traum gewesen war. Doch der ganze Rummel nach dem Sieg führte dazu, dass wir uns nicht mehr so unbeschwert kennenlernen konnten. So sahen wir uns erst einmal eine ganze Weile nicht. Und da habe ich gemerkt, wie sehr ich ihn vermisste. Als wir uns dann wieder trafen, war es klar: Wir wollten zusammen sein und bleiben.»
«Was war er für ein Mensch?»
«Er war chaotisch. Diese Beschreibung hat am besten zu ihm gepasst. Er kannte keine Regeln und hat alles einfach so gemacht, wie er es für richtig hielt. Er tat alles auf eine sehr charmante Art und Weise, sodass man ihm nie böse sein konnte. Er war sehr intelligent und er hat mir die Welt erklärt. Wir sind so viel gereist. Nach meinem Rücktritt habe ich ihn unterstützt, habe viele Trainingslager und Rennen mit ihm besucht. Ich habe es genossen, mich bei ihm fallen zu lassen und schwach zu sein. Er war irgendwie immer stark und hatte alles im Griff. Der Sport war sein Leben. Er hat wirklich viel trainiert, was gar nicht zu seinem Naturell passte. Es war sein Traum, selbst bei Olympia erfolgreich zu sein. Und er hat es ja dann geschafft. Aber auch andere Sportarten faszinierten ihn, es war ganz egal was: Langlauf, Fussball oder Fallschirmspringen. Er musste alles ausprobieren. Besonders aufgeblüht ist er immer, wenn er in der Natur war. Klettern oder eben Canyoning.»
Die Tränen liefen ihr über das Gesicht. Er reichte ihr den Zipfel der Bettdecke, damit sie sich die Wangen trocknen konnte.
«Wollen wir rudern gehen?», fragte er.
Sie schaute ihn an.
«Ich saß seit dem Olympiasieg in keinem Ruderboot mehr», schniefte sie. Das erstaunte ihn.
«Warum nicht?»
«Ich hatte all meine Ziele erreicht. Auf einmal hatte ich das Gefühl, leer zu sein. Ich glaube, ich konnte so lange weitermachen, bis ich Olympia erlebt hatte. Danach war die Luft raus. Es gab zu viele schmerzhafte Erinnerungen an das Rudern. Es war nicht länger mein Leben. Ich habe dann viele andere Dinge ausprobiert. Sebastian hat mich angesteckt mit seinem Sportfimmel. Wir haben uns immer bewegt. Aber das Ruderboot hab ich nicht vermisst.»
«Willst du es versuchen?»
Sie überlegte eine Weile.
«Ja», sagte sie dann bedächtig. «Vielleicht wird es mir guttun.»
Kapitel 4
Laura hatte Frühstück gemacht, und zum ersten Mal seit dem Unfall setzte Hanna sich an den Tisch und aß ein Stück Brot mit Honig und trank ein Glas Saft dazu. Hannas Tochter Julia, die sie gerne einfach nur Juli nannte, war bei Hannas Eltern, sie konnte dort so lange bleiben, wie es nötig war.
«Wir gehen rudern», sagte Hanna zu Laura.
«Was? Du bist seit Jahren nicht mehr gerudert.»
«Ja ich weiß, aber ich würde es gerne versuchen. Ich habe die Stille auf dem See immer geliebt. Vielleicht hilft es mir ja?»
«War das deine Idee?», fragte Laura Simon.
«Ja, es war mein Vorschlag. Aber es muss nicht sein.»
«Doch, ich will das», erklärte Hanna bestimmt. Und dann zu Laura: «Ich bin froh, dass Simon da ist. Okay?» Laura nahm Hannas Hände.
«Tut mir leid, Süße. Alles, was dir hilft, ist okay für mich. Ich wünsche mir nur, dass deine Situation nicht noch schlimmer wird.» Hanna lächelte ihre Freundin an.
«Ich weiß. Es bedeutet mir viel, dass du so denkst. Ich spüre, dass er mir guttut. Er wird mich nicht wieder verletzen.» Simon hörte zu, wusste aber nicht so richtig, was er dazu sagen sollte. War er fehl am Platz? Wäre es für Hanna vielleicht besser gewesen, wenn er nicht gekommen wäre?
«Ich werde Hanna nie wieder verletzen, ich verspreche es», sagte er dann ganz leise. «Alles, was zählt, ist sie und was sie möchte.»
«Ich möchte mit dir rudern gehen», erklärte Hanna. Laura nickte – und lächelte.
Simon wusste, warum er sie sofort wiedererkannt hatte. Es war die alte Laura von damals. Das gleiche offene, herzliche Lachen Hanna gegenüber, das gleiche böse Funkeln in den Augen, wenn sie ihn, Simon anblickte. Ihre Haare waren kürzer, ihre Hüften ein bisschen breiter – aber ihr Gesicht war jugendlich schön wie eh und je.
«Ich werde euch nicht im Weg stehen, versprochen. Du hast recht, Simon, alles, was jetzt zählt, ist, dass Hanna wieder auf die Beine kommt.
Kapitel 5
Es war ein schönes, modernes Haus mit Flachdach, es war grau, doch ein Teil war mit Holz eingekleidet. Die Namen S. Fischer und H. Caminada standen auf dem Schild neben der Klingel. Er brauchte sie nur zu drücken. Es war nicht sonderlich schwierig gewesen die Adresse ausfindig zu machen. Trotz der Bekanntheit der beiden Bewohner. Hier lebten sie also. Oder hatten gelebt … Was sollte er schon sagen? Sebastians Tod war gerade ein paar Tage her. Seither hatten sich die Ereignisse überschlagen und er hatte keine Zeit gehabt, alles zu sortieren.
Die Seite mit dem Eingang hatte tatsächlich kein einziges Fenster. Das Haus war seltsam gebaut, es stand in einem Hang, weshalb es auf der oberen Seite eher klein schien, aber von unten her gesehen richtig gross war. Die Fenster waren an der Seite. Und wenn er den schmalen Kiesweg, der links um das Haus herumführte, ein Stück hinunterging, konnte er durch die Terrassentür ins Wohnzimmer sehen. Es brannten keine Lichter. Was nicht erstaunlich war, es war fast Mittag und es war hell genug. Aber so konnte er nicht erkennen, ob jemand zuhause war oder nicht.
Er ging zurück zur Eingangstür und hob seinen Finger erneut an die Klingel. Und drückte erneut nicht darauf. Es ging nicht. Er schaffte es nicht. Hatte keinen Mut. Er ließ seinen Arm sinken. Dann drehte er sich um. Plötzlich hörte er etwas an der Innenseite der Tür. Er hechtete, so schnell er konnte, um die holzverkleidete Garage herum und schlüpfte um die Ecke, wo er sich gegen die Wand drückte. Die Tür ging auf.
Kapitel 6
Direkt nach dem Frühstück schlüpfte ich in meinen alten Einteiler. Ich hatte ihn seit Jahren nicht mehr getragen. Aber ich hatte mich nie dazu aufraffen können ihn wegzugeben oder zu entsorgen. Zu viele Erinnerungen hingen daran. Früher war er hauteng gewesen, jetzt war er viel zu groß. Früher hatte ich nur aus Muskeln bestanden, jetzt war ich nur noch Haut und Knochen. Ich zog einen Trainingsanzug darüber und schnappte mir meine Turnschuhe. Das konnte ja heiter werden. Meine Kraft würde wohl nur bis in die Mitte des Sees reichen – und nicht wieder zurück.
«Bist du bereit?», fragte Simon.
«Ja.»
Wir mussten mein Auto nehmen, da Simon mit dem Taxi hergekommen war. Er erklärte sich jedoch bereit zu fahren. Ich drückte auf den Knopf, der das Garagentor öffnete. Wir fuhren rückwärts hinaus und Simon bog nach links auf die Strasse ab. In diesem Augenblick hatte ich das Gefühl, im Rückspiegel Sebastian zu sehen. «Was ist los?», wollte Simon wissen, der mir den Schrecken im Gesicht wohl angesehen hatte. «Ich dachte, da wäre Sebastian gewesen. Ich sehe schon Gespenster.»
«Das ist sicherlich normal», meinte Simon. «Es ist erst so kurz her. Magst du noch rudern?»
«Ja», sagte ich so zuversichtlich wie ich konnte. Ich freute mich wirklich auf den Ausflug im Boot.
Schon kurze Zeit später kamen wir beim Ruderclub an. Erneut hatte ich den Eindruck, Sebastian zu sehen, dieses Mal in einem Auto oben an der Straße. Ich musste verrückt werden. Und das wollte ich nicht. Ich kniff meine Augen zusammen und versuchte mich auf das bevorstehende Rudern zu konzentrieren.
Ich stieg aus dem Auto und schaute mich um. Ich war seit zwölf Jahren nicht mehr hier gewesen und erstaunt, wie wenig sich verändert hatte. Die beiden Gebäude sahen von außen aus wie früher. Ich fühlte mich auf einmal auf eine sonderbare Weise geborgen. Es war ein bisschen wie nach Hause kommen. Auf der rechten Seite des Kieswegs stand die altehrwürdige Villa, das eigentliche Clubhaus. Es war zweistöckig und umzäunt. Ich betrachtete das Fenster neben der Tür. Damals, als ich Simon ganz neu kennengelernt hatte und er noch mein Lehrer gewesen war, hatte ich durch dieses Fenster nach draußen klettern wollen, weil die Tür abgesperrt gewesen war. Ich war vom Stuhl gefallen und Simon hatte mich zum ersten Mal geküsst. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich ihn geliebt.
Er bemerkte meine Blicke in Richtung Fenster. Er griff nach meiner Hand und drückte sie. Er wusste, was ich dachte und er dachte dasselbe. Vor fünfzehn Jahren hatte es angefangen, seit zwölf Jahren war es vorbei. Bis heute.
«Komm, wir holen uns ein Boot», riss mich Simon aus meinen Gedanken.
Auf der linken Seite des Kiesweges stand ein alter Holzschuppen. Dort waren die Boote gelagert. Ein Zugang auf der anderen Seite der Tür führte direkt zum See.
Alles, was ich jetzt brauchte, waren ein Boot und zwei Ruder. «Ich ziehe mich schnell um», erklärte Simon. «Ich habe da drinnen einen Einteiler. Magst du mitkommen oder wartest du hier?»
«Ich setze mich da vorne an den See», antwortete ich. Es würde nicht lange dauern und ich wollte mich mit der Umgebung, die ich so gut gekannt hatte, erneut vertraut machen.
Simon kam schon nach ein paar Minuten zurück und führte mich zum Lagerhaus. Er war inzwischen im Clubvorstand und hatte damit freien Zugang zu allen Bereichen. Eine Funktion als Assistenztrainer hatte er jedoch nicht mehr inne, wie er mir auf der Hinfahrt zögerlich erzählt hatte. Er hatte sich gescheut mir etwas von sich zu erzählen. Es ginge jetzt um mich, hatte er gemeint.
«Welches Boot magst du haben?» Ich stand staunend vor den ganzen Reihen, dutzende Boote in allen Farben und Längen waren hier übereinander gelagert. Früher war dieser Anblick Alltag gewesen. Jetzt war er sonderbar, doch ich bemerkte, wie er doch ein leises Kribbeln in mir auslöste. Hatte ich das Rudern vermisst, ohne es überhaupt bemerkt zu haben? «Weißt du noch, welche Größe dir passt?» Natürlich hatte ich es nicht vergessen, aber Simon brauchte meine Antwort nicht.
Er hob, ohne meine Antwort abzuwarten, ein Boot herunter und trug es zum Wasser. Er wusste viel besser als ich, welches Boot ich brauchte. Dann kam er zurück und reichte mir zwei Ruder. Anschließend nahm er ein Boot und Ruder für sich selbst.
«Komm», sagte er und nickte mir aufmunternd zu. Es war ein kühler Herbstmorgen und einige Nebelschwaden hingen tief über dem See. Das verlieh dem Ganzen eine traurige Stimmung, was in diesem Augenblick gut zu mir passte. Ich setzte mich ins Boot und packte die Ruder. Das Boot wackelte ein bisschen. «Brauchst du Hilfe?» Ich schüttelte den Kopf und stieß die Ruder ins Wasser und hatte bald das Gleichgewicht gefunden. Es war ein bisschen wie Fahrrad fahren – man verlernt es nicht, wenn man es mal gekonnt hatte. Und ich hatte es mal wirklich gut gekonnt. Ich lächelte ein bisschen, als ich mich daran erinnerte. Insbesondere an meinen Karrierehöhepunkt, den Olympiasieg. Das war schon acht Jahre her. Trotzdem, meine Arme waren eingerostet und diese spezifische Bewegung nicht mehr gewohnt. Ich würde üblen Muskelkater haben. Aber ich fühlte mich gut. Simon ruderte neben mir her. Ich hatte kein Bedürfnis zu sprechen und er bemerkte dies und schwieg ebenfalls. Nachdem er sich sicher sein konnte, dass ich nicht kentern würde, ging er sogar einen Schritt weiter und stoppte sein Boot. So ruderte ich alleine weiter durch den Nebel. Ich lauschte dem leisen Plätschern des Wassers, wenn ich die Ruder hob und wieder hineinstieß.
Als ich Simon zugesagt hatte, mit ihm rudern zu gehen, hatte ich mir vorgestellt, dass ich mit ihm über Sebastian sprechen würde oder ich wenigstens über ihn und seinen Unfall nachdenken würde. Doch jetzt waren all diese Gedanken auf einmal weg. Ich konnte auf einmal an gar nichts mehr denken. Das verwirrte mich. Ich spürte nur, wie mir die Tränen über die Wangen liefen und verstand noch nicht einmal, weshalb. Es war nicht nur Trauer, es war auch dieses seltsame Gefühl, dass ich angekommen war. Ich hatte das Rudern vermisst – und es war mir gar nie bewusst gewesen. Ich erkannte so viele Dinge, eine Bank am Ufer, einen Baum, einen großen Stein. Tausende Male war ich daran vorbeigerudert und das alles hatte sich in mein Hirn eingebrannt. Es war erstaunlich, wie ich mich auf einmal an alles erinnerte und wie ich mich um über ein Jahrzehnt in die Vergangenheit versetzt fühlte.
Ich ruderte einmal durchs Seebecken auf die andere Seite. Simon war stehengeblieben. Als ich mich drehte, konnte ich ihn in der Ferne erblicken. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht fuhr ich langsam zu ihm zurück.
«Alles okay?», fragte er mich, als ich wieder auf seiner Höhe war.
«Alles okay», versicherte ich ihm. «Es hat mir wahnsinnig gutgetan. Danke, dass du mich dazu überredet hast. Es war, als wäre ich nie weggewesen. Es hat meine vielen Gedanken gestoppt.»
«So geht es mir immer. Deshalb habe ich auch nie damit aufgehört.» Simon half mir, das Boot und die Ruder im Bootshaus zu verstauen.
«Wir können das jederzeit wiederholen, wenn du magst.»
«Ja, das möchte ich wirklich gerne. Wenn du Zeit hast.»
Kapitel 7
Am Nachmittag saßen sie zusammen auf dem Sofa. Sie schwiegen beide. Simon war hin- und hergerissen. Er wollte nicht gehen, er wollte aber auch nicht ohne Hannas Einverständnis bleiben. Und wenn er bleiben würde, musste er einige Dinge in die Wege leiten. Hanna schien ganz in ihre Gedanken versunken und er wollte sie nicht mit seinen Problemchen belasten. Deshalb beschloss er abzuwarten. Nach einer langen Weile blickte sie ihn an.
«Kannst du noch ein bisschen bleiben?» Sie räusperte sich. «Ich meine, du musst natürlich nicht. Ich verstehe, wenn du gehen musst, wirklich. Du hast schon viel für mich getan.»
«Ich würde sehr gerne bleiben», hörte er sich sagen.
«Kannst du das denn überhaupt?»
«Ja, ich denke schon. Ich muss nur ein paar Dinge erledigen.»
«Lisa?» Er nickte.
«Sie sollte wenigstens wissen, wo ich bin.»
«Bitte bleib nicht, wenn sie das nicht will, okay? Es war schon sehr egoistisch von mir, dich um Hilfe zu bitten. Ich möchte uns nicht wieder alle drei herunterreißen, so wie damals. Du kannst nicht hierbleiben, wenn du noch mit ihr zusammen bist.»
Er hätte am liebsten laut aufgelacht. Lisa würde ihm den Hals umdrehen. Aber es war ihm egal. Ja, er war mit ihr zusammen. Gefangen in einer Ehe, die noch nie so richtig glücklich gewesen war. Mit einer Frau, die kaum noch mit ihm redete. Die ihm nichts mehr zu sagen hatte. Und der er nichts mehr zu sagen hatte. Er konnte nicht behaupten, er hätte sich in der letzten Zeit sonderlich um sie bemüht. Sie war einfach immer da gewesen. Eine Selbstverständlichkeit. Er kam sich so daneben vor, wie er über sie dachte. Es war nicht okay. Sie hatten auch schöne Zeiten gehabt und sie war die Mutter seines Sohnes. Aber er wusste genau, wie sich Liebe anfühlte. Und damit hatte die Beziehung zu Lisa nichts zu tun. Er überlegte, wie viele Paare er kannte, die in Gewohnheit verharrten, unfähig und mutlos, daran etwas zu ändern und um ihr eigenes Glück zu kämpfen. So wie er. Hannas Schicksal hatte ihm gezeigt, wie schnell das Leben vorbei sein konnte. Musste er nicht alles tun, um selbst glücklich zu sein?
«Mache dir darüber keine Gedanken, Hanna. Ich bin ein großer Junge und ich bin vernünftig geworden. Ich weiß genau, was ich tue. Und wenn ich bei dir bleiben möchte, dann kann mich niemand davon abhalten. Auch nicht Lisa.»
Trotzdem war ihm bewusst: Er würde sich gleich in die Höhle des Löwen begeben. Aber da musste er jetzt durch. Er brauchte ein paar Klamotten und er musste Lisa wenigstens eine Erklärung liefern und sicherstellen, dass Elias gut versorgt war. Er hatte seine Entscheidung bereits gefällt. In einer Woche würden die Herbstferien beginnen. Bis dahin würde er sich krankmelden. Danach hatte er zwei Wochen Urlaub und somit konnte er ohne Probleme drei Wochen bei Hanna bleiben – wenn sie ihn so lange bei sich haben wollte. Und auch sonst würde ihm die Auszeit guttun.
Sein Sohn Elias war inzwischen neun Jahre alt. Ein zweites Kind war ihm und Lisa verwehrt geblieben. Er fragte sich, ob ausschließlich Hannas Rückkehr in sein Leben dazu geführt hatte, dass seine Ehe ihm jetzt so gleichgültig war. Er wusste, er durfte sich nicht an Hanna klammern. Jede Entscheidung, die er fällte, musste er ganz alleine für sich selbst fällen. Und wegen Elias. Er überlegte sich jetzt erst auf die drei Wochen zu konzentrieren und die Zeit zu nutzen, sich vor allem Gedanken über seine eigene Zukunft zu machen. Das Glück war so zerbrechlich. Und so wundervoll. Er wusste, dass er bisher in seinem Leben nicht viel Glück gehabt hatte. Was vor allem deshalb der Fall war, weil er es nicht gesucht hatte. Er war immer mit dem halbleeren Becher zufrieden gewesen. Auf einmal machte ihn das wütend. Wütend auf sich selbst. Er würde ab sofort keine Zeit mehr vergeuden und versuchen sein eigenes Glück zu finden.
Er musste für den Rückweg wieder ein Taxi nutzen. Er fuhr mit einem unguten Gefühl im Bauch nach Hause. Lisa erwartete ihn im Wohnzimmer. Und auch sie war wütend. Nicht auf sich selbst, sondern auf ihn, Simon. «Wo ist Elias?», fragte er.
«Wo warst du? Und warum bist du nicht ans Handy gegangen?» Er betrachtete sie. Er wusste, dass er sie nicht liebte. Und er vermutete, dass es ihr umgekehrt genauso ging. Wahrscheinlich wäre auch sie glücklicher ohne ihn.
«Ich war bei Hanna», erwiderte er ruhig. «Wo ist Elias?»
«Hanna!», presste sie hervor. «Und was wolltest du bei ihr?»
«Ich erkläre dir gleich alles, sag mir nur, wo Elias ist.»
«Er ist mit meinen Eltern im Zoo, wie abgemacht.» Er fühlte sich als schlechter Vater, weil er wusste, dass er die heile Welt des Jungen zerstören würde – und er konnte es ihm noch nicht mal persönlich erklären.
«Ich wollte Hanna helfen. Nein, ich will ihr helfen. Ich werde gleich wieder zu ihr fahren.»
«Wenn du das tust, sind wir beide Geschichte», drohte sie. Er schaute sie traurig an.
«Lisa, wir beide sind längst Geschichte. Du weißt es genauso gut wie ich. Wir waren beide nur zu feige das zuzugeben.» Er versuchte ruhig zu bleiben.
«Und dann kommt Hanna und du denkst, du kannst einfach dort weitermachen, wo du vor x Jahren aufgehört hast?» Sie redete sich in Rage.
«Darum geht es nicht. Hanna hat ihre eigenen Probleme. Und ich habe meine. Alles, was ich weiß, ist, dass ich nicht mehr so weitermachen kann und werde. Ich bin noch jung genug, um noch einmal glücklich zu sein.» Er schaute sie an. «Wir haben alles versucht, doch uns beiden gemeinsam ist das Glück nicht vergönnt, das weißt du genau. Wir haben eine Zweckbeziehung, weil wir beide nicht mutig genug sind, die Komfortzone zu verlassen. Doch das soll sich jetzt ändern. Brich auch du aus, Lisa. Tue, was du schon immer mal tun wolltest. Geh in die Welt hinaus.»
«Und Elias? Du zerstörst seine Familie.»
«Ich hoffe, wir beide werden vernünftig genug sein, um ihm gute Eltern zu bleiben. Elias ist das Wichtigste für mich. Ich werde weiterhin alles für ihn tun, das verspreche ich. Du kannst dir überlegen, wie du es dir vorstellst. Ob du die Wohnung behalten möchtest, wie viel du arbeiten willst, wann Elias bei dir sein soll und wann bei mir. Denk darüber nach. Ich werde die nächsten Wochen nutzen und ebenfalls darüber nachdenken. Und dann suchen wir gemeinsam nach einer guten Lösung.»
«Geh nicht», flehte sie. Er ließ sich nicht beirren.
«Ich werde in drei Wochen wiederkommen. Elias kann jederzeit bei mir sein, gib mir einfach Bescheid, wann ich ihn holen soll, okay?» Er hatte sich überlegt, dass er dann einfach mit Elias in einem Hotel übernachten würde.
«Nach den drei Wochen können wir in Ruhe reden. Ich hoffe, dass du dir bis dahin ein paar Gedanken machen wirst. Einverstanden?» Sie saß wie ein Häufchen Elend auf dem Sofa. Er war sich ziemlich sicher, dass sie ihn nicht liebte. Es war viel mehr das Gefühl der persönlichen Niederlage, das sie so traurig machte. Das Gefühl, gescheitert zu sein. Dass sie ihn nicht hatte halten können. Ihn womöglich nach all dem Kampf doch noch an Hanna verlor. Hanna. Er durfte nicht daran denken, was vielleicht sein könnte. Wichtig war jetzt nur, ihr zu helfen. Wenn sie ihn danach zum Teufel schickte, würde er es hinnehmen.
Er holte eine große Tasche und packte ein paar Kleider, Duschgel, Shampoo und eine Zahnbürste ein. Er brauchte nicht viel. Auch sein Handyladegerät und seinen Laptop nahm er mit. Dazu noch zwei Bücher, die er schon lange hatte lesen wollen. Er würde zunächst in den Zoo fahren, um Elias zu erklären, dass er für einige Zeit verreisen würde. Er wollte ihn noch nicht vor vollendete Tatsachen stellen. Er hoffte, der Junge würde es verstehen. Dann würde er den Rektor der Schule anrufen und sich krankmelden.
Kapitel 8
Als er wieder bei Hannas Haus ankam, war diese weg. Ihre Eltern hätten sie abgeholt und würden mit ihr und Julia zusammen einen Ausflug unternehmen, erklärte ihm Laura. Es war die Gelegenheit für die beiden, sich endlich auszusprechen. Laura hatte Simon nie gemocht – sie hatte immer ihm die Schuld daran gegeben, dass es Hanna so dreckig gegangen war. Und sie hatte damit recht gehabt.
Simon wusste, dass Hanna ihn oft in Schutz genommen und seine Gefühle für sie betont hatte. Aber Laura hatte bald die Geduld verloren. Simon wunderte sich heute manchmal noch, weshalb Hanna sein Hin und Her so lange mitgemacht hatte. Weil sie ihn geliebt hatte. Aufrichtig geliebt.
«Lass uns einen Kaffee trinken», bat er Hannas beste Freundin. Sie nickte. «Es ist gut, wenn wir mal reden.» Sie gingen in die Küche und Laura legte eine Kapsel in die Kaffeemaschine. Simon wollte ihr helfen, doch sie winkte ab. So setzte er sich an den Esstisch. Kurz darauf kam Laura mit zwei dampfenden Tassen und stellte eine vor ihn hin. Keiner von ihnen wusste, wie er beginnen sollte und so saßen sie eine ganze Weile schweigend am Tisch.
«Ich bin froh, dass du hier bist», brach Simon schließlich das Schweigen.
«Das hast du bereits gesagt», erwiderte Laura schnippisch. So kamen sie nicht weiter, dachte Simon.
«Können wir das, was damals geschah, nicht einfach hinter uns lassen und wie Erwachsene zusammen reden?»
«Nein, Simon, das können wir nicht. Du hast dich damals verhalten wie das letzte Arschloch. Hanna hat unglaublich lange gebraucht, bis sie wieder einigermaßen Tritt fassen konnte. Du kannst jetzt nicht einfach hierherkommen und so tun, als wäre nichts gewesen.» Simon schluckte schuldbewusst. Er hatte diese Worte verdient, das war ihm klar.
«Du hast recht», begann er zögernd. «Es ist jetzt schon so lange her, und alles, was ich tun kann, ist mich dafür zu entschuldigen und es besser zu machen.»
«Warum?», flüsterte Laura.
«Damit du mich verstehen kannst, muss ich dir die Geschichte meiner Kindheit erzählen und ich weiß nicht, ob ich das kann.»
«Kennt Hanna die Geschichte?»
«Ja. Ich glaube, sie hat mich auch ein Stückweit verstanden. Nie so ganz – sie hat immer geglaubt, dass es einen Weg für uns gibt.» Laura schaute ihm direkt in die Augen.
«Hast du sie aufrichtig geliebt?»
«Ja. Sie war … oder sie ist … die Liebe meines Lebens. Ich habe es immer ernst mit ihr gemeint und ich war nie so glücklich in meinem Leben, wie wenn sie bei mir war. Ich erzähle keinen Unsinn, wenn ich dir das sage, Laura, wirklich.»
«Dann erzähl mir die Geschichte», bat sie. Simon war hin- und hergerissen. Er schämte sich für diese alte, dunkle Geschichte seines Lebens und für sein Verhalten, das er diesbezüglich an den Tag gelegt hatte. Er schämte sich für seine Entscheidung, Hanna wegzuschicken. Doch er wusste, Laura brauchte diese Erklärung, damit sie ihn verstehen konnte – und ihm vielleicht nicht mehr böse war. Und so begann er zu erzählen:
«Mein Vater war einst Lehrer am Gymnasium. Physik und Mathematik, genau wie ich. Ich war immer sehr stolz auf ihn – er war nicht nur ein liebevoller und aufmerksamer Vater, er war auch sehr beliebt bei seinen Schülern. Wahrscheinlich deshalb mein Wunsch, selbst Lehrer zu werden.» Er machte eine kurze Pause und blickte Laura an, die ihm aufmerksam zuhörte. «Eines Tages kam heraus, dass er sich in eine gerade siebzehnjährige Schülerin verliebt und mit ihr eine Affäre hatte. Er war damals etwa siebenunddreißig, ich war zehn. Unsere heile Welt brach zusammen. Mein Vater verlor seinen Job, er fand auch keinen neuen, wir wurden verspottet, beschimpft und bedroht. Letztlich mussten wir umziehen und in einer anderen Stadt neu anfangen. Mein Vater hat das alles nicht verkraftet. Der Verlust seiner Liebe, das Ende seiner Karriere, die Schmach: Er hat angefangen zu trinken. Letztlich hat er sich umgebracht. Da war ich fünfzehn. Ich war einfach nur sauer auf ihn. Für mich war er der Sündenbock, der alles kaputt gemacht hat, und ich habe mir geschworen, nie den gleichen Fehler zu machen wie er.» Simon musste sich eine Träne wegwischen. Er holte tief Luft und konzentrierte sich. «Du kannst dir vorstellen, wie ich mich gefühlt habe, als ich merkte, dass ich Hanna liebe. Das alles brach wieder über mich herein und ich hatte Angst, dass ich so enden würde wie er. Und gleichzeitig hatte ich so ein schlechtes Gewissen, weil ich meinen Vater so verleugnet habe. Ich habe ihm nie zugehört. Ich wünschte mir, ich könnte nur noch einmal mit ihm darüber reden. Deshalb konnte ich es nicht, Laura. Es hatte nichts mit Hanna zu tun. Ich habe sie geliebt. Wirklich. Aber ich konnte es einfach nicht.»
Laura schluckte schwer, Simon spürte, dass seine Geschichte sie berührte. «Hanna hat davon gewusst?»
«Ja.»
«Hat sie das nicht verstanden?»
«Doch, ich denke schon. Sie hat nur immer gedacht, dass es doch einen Weg gibt. Vielleicht hatte sie sogar recht und ich war einfach ein Feigling. In ihren Augen war die Ausgangssituation eine andere. Sie war schon über zwanzig und ich war nur wenige Jahre älter. Zudem war sie nur ein Jahr meine Schülerin und danach nicht mehr – sie dachte, das wäre ein Freibrief. Für alle mag das so gewesen sein, aber nicht für mich damals. Es hat mich alles einfach so erschüttert, ich konnte nicht damit umgehen.»
«Es ist eine krasse Geschichte, die du da erzählst.»
«Ja. Es tut mir leid.»
«Mir tut es auch leid, Simon. Ich war nicht immer nett zu dir.»
«Ich verstehe dich. Ich war froh, dass Hanna dich hatte und du so sehr zu ihr gehalten hast. Das hat ihr bestimmt sehr geholfen.»
«Aber du kannst jetzt trotzdem nicht einfach wieder hier auftauchen und alles durcheinanderbringen.»
«Das ist das Letzte, was ich will. Ich hoffe einfach, ich kann ihr helfen.»
«Und wenn nicht?»
«Dann werde ich wieder gehen. Hanna entscheidet. Es geht nur um sie.»
«Und wenn sie sich plötzlich wünscht, dass du für immer bleibst?»
«Dann bleibe ich für immer», flüsterte er. «Ich habe einmal einen Fehler gemacht und ich werde denselben Fehler nicht noch einmal machen, das schwöre ich dir. Aber es ist viel zu früh, um über so etwas nachzudenken. Es geht jetzt darum, dass Hanna wieder auf die Beine kommt. Am meisten hilft es ihr wohl, wenn wir beide an einem Strang ziehen, was meinst du?» Laura lächelte ein bisschen.
«Ich weiß nicht, Simon. Es hilft, dass du mir die Geschichte erzählt hast. Aber ich kann jetzt nicht einfach alles vergessen.»
«Das verlangt ja niemand. Es reicht mir, wenn du mir glaubst, dass ich keine Spiele mit ihr gespielt habe. Ich habe Hanna wirklich geliebt und ich tue es wohl noch heute. Ich muss ja jetzt auch nicht dein bester Freund werden. Es wäre nur schön, wenn wir Hanna helfen könnten, ohne uns zu zoffen oder anzuzicken.» Ihr Lächeln wurde ein bisschen breiter und sie reichte Simon die Hand.
«Das sollte möglich sein.»
«Wie geht es dir mit Sebastians Tod?»
«Ich bin erschüttert», erzählte Laura. «Sebastian war ein wahnsinnig toller Mann. Er hat Hanna geliebt, er war ein toller Vater. Wir haben uns nicht oft gesehen, aber wenn, war es immer lustig. Sebastian hatte irgendwie nie schlechte Laune. Außer, wenn er mal einen Tag lang keinen Sport machen konnte. Er ist selbst mit Baby Julia im Buggy stundenlang durch die Gegend gelaufen.»
«Er ist ja erst neulich noch einmal Olympiasieger geworden.»
«Er hat eine Weile gebraucht, um an die Spitze zu kommen. Ausdauersportler werden ja gerade im Alter immer besser. So war es auch bei ihm. Hanna hatte nach ihrem Triumph keine Lust mehr. Aber er hatte Hummeln im Hintern. Er wollte nicht aufhören. Hanna hat übrigens in den letzten Jahren sogar ein paar Triathlons gemacht. Gar nicht mal so schlecht. Sie hätte Potenzial gehabt.»
«Sie passten gut zusammen.»
«Ich werde dir da nichts anderes erzählen, Simon. Ja, das taten sie. Sie haben sich gegenseitig beflügelt – und nicht heruntergezogen.»
Simon wusste schon, dass dies eine Anspielung auf sein eigenes Verhalten war. Damit musste er nun leben. Er würde so viel anders machen, wenn er könnte. Aber er konnte nicht. Er konnte es nur ab jetzt besser machen.
«Wollten sie noch mehr Kinder?»
«Ich weiß nicht, ob ich dir das alles erzählen soll», seufzte Laura.
«Sorry, ich bin zu neugierig. Ich weiß nicht, was ich sie selbst fragen kann und was nicht. Ich möchte sie gerne einfach erzählen lassen, was sie mag. Hätte aber gerne ein umfassenderes Bild.»
«Jetzt, nach Olympia, wollten sie noch einmal schwanger werden. Sebastian wäre bald offiziell vom Spitzensport zurückgetreten. Er war fast vierzig. Sie wollten die Familie vergrößern und dem Sport nur noch als Hobby nachgehen. Das waren ihre Pläne. Basti hatte sogar schon eine Stelle als Juniorentrainer beim nationalen Verband.»
«Wow.» Simon strich sich mit beiden Händen über das Gesicht. Er hatte nur Hanna gesehen. Und die Trauer. Aber nicht das ganze, tolle, funktionierende Leben dahinter. Je mehr er über Sebastian hörte, desto beklemmter fühlte er sich. Desto mehr wurde er sich seines eigenen Versagens bewusst. Und desto mehr hatte er das Gefühl, völlig fehl am Platz zu sein.
«Was hat Hanna gemacht nach ihrem Rücktritt?»
«Du wusstest ja, dass sie in Berlin ihr Germanistikstudium beendet hat?»
Simon nickte. Das hatte er gewusst.
«Sie wollte keine Lehrerin werden. Sie hat dann in der Kommunikationsabteilung des Triathlonverbandes gearbeitet. Es war kein Vollzeitjob, sie war ständig mit Basti auf Reisen. Und gerade nach Julias Geburt war es perfekt für sie. Sie ist da auch jetzt noch angestellt, der Verband hat sie aber freigestellt. Sie darf sich so viel Auszeit nehmen, wie sie braucht.»
Er war erleichtert, dass zumindest ihre finanzielle Zukunft gesichert war. Und Sebastian hatte ihr bestimmt auch etwas hinterlassen.
«Julia bleibt noch bei Hannas Eltern. Vorläufig. Sie schauen, dass die beiden sich regelmäßig sehen. Nach den Herbstferien soll Julia wieder in den Kindergarten gehen. Ich muss bald mal zurück nach Berlin. Mein Mann und meine Kinder sind auf sich alleine gestellt – mit etwas Hilfe von meinen Schwiegereltern. Ich muss mal nach dem Rechten sehen. Ich werde in zwei Tagen fliegen, komme ein paar Tage später aber wieder her.»
«Ich werde hier die Stellung halten», sagte Simon. «Und ich werde es nicht versauen.»
Kapitel 9
Simon tat wirklich alles, um mich ins Leben zurückzuholen. Er hörte mir zu, er las mir jeden Wunsch von den Augen ab, er fuhr mit mir zu meinen Eltern, damit ich Julia sehen konnte, während er selbst im Auto wartete oder in ein Café fuhr und dort ein Buch las. Ich wollte ihn nicht mit zu meiner Familie nehmen. Das hätte irgendwie nicht gepasst. Immer wieder machte er mit mir lange Spaziergänge. Oder wir fuhren zum See und unternahmen lange Ausfahrten im Ruderboot.
Er half mir zudem bei den rechtlichen Dingen. Er kümmerte sich darum, dass ich Zugang hatte zu Sebastians Konten, dass ich finanzielle Unterstützung bekam in Form von Waisenrenten für Julia und er sprach mit den Banken, damit ich mein Haus behalten konnte. Ich war so erleichtert darüber, weil ich insgeheim Angst gehabt hatte, mein und Julis Zuhause zu verlieren.
Laura war für kurze Zeit nach Berlin geflogen, doch sie kam bald wieder her. Sie war meine gute Seele, auch sie hörte mir zu, umarmte mich, sie kochte für alle und schaute, dass wir nicht im Chaos versanken. Ich wusste nicht, was ich ohne die beiden gemacht hätte.
Das Haus wollte ich auf keinen Fall verlieren, doch es war mir auch ein Dorn im Auge: Zu viele Dinge erinnerten mich hier an Sebastian. Ich hatte irgendwie nicht die Kraft, mich darum zu kümmern. Deshalb beschlossen Laura und Simon gemeinsam, die Sache in die Hand zu nehmen. Wir besprachen ganz genau, was wegmusste und was bleiben durfte. Dann schickten mich die beiden gemeinsam mit meiner Mutter für drei Tage in ein hübsches Wellnesshotel und begannen das Haus auszuräumen.
Als ich wiederkam, war ich überrascht. Sebastians Kleider und seine persönlichen Gegenstände waren nicht mehr da. Laura und Simon hatten einiges entsorgt und wenige, ganz persönliche Dinge, die ich unbedingt behalten wollte, in den Keller geräumt. Zudem hatten sie die Schlafzimmer getauscht. Wo früher Sebastians und mein Zimmer war, war jetzt das Gästezimmer und umgekehrt. Die beiden hatten sogar nach meinen Wünschen ein neues Bett für mich besorgt, da ich nicht mehr in unserem alten hatte schlafen können, und den Raum liebevoll gestaltet und dekoriert. Die Wand hinter dem Bett war in einem sanften Fliederton gestrichen. Das Boxspringbett war in einem hellen Grau und die Bilder und sonstigen Accessoires waren aus Bronze. Laura hatte schon immer ein Talent für Innendekoration gehabt und sie hatte es hier einmal mehr unter Beweis gestellt. Ich fühlte mich auf Anhieb pudelwohl. Die Möbel des Gästezimmers blieben dieselben – sie waren nur umgezogen.
Ich nahm die beiden in meine Arme. «Danke. Ich weiß gar nicht, was ich sonst sagen soll.»
Ich brach mal wieder in Tränen aus – für einmal war die Trauer gemischt mit Freude und Erleichterung. Ich war einfach nur froh, dass alles geregelt war, ich mir keine finanziellen Sorgen zu machen brauchte und Julia und ich in unserem Zuhause bleiben konnten.
Kapitel 10
Hanna schlief in seinen Armen, doch er brachte kein Auge zu. Er schaute sie an und streichelte über ihr Haar. Sie war so schön. Und so zerbrechlich. Die Wellnesstage mit ihrer Mutter hatten ihr merklich gutgetan. Sie wirkte gelöster und manchmal lächelte sie ein bisschen. Er hatte sie vermisst. Die ganzen drei Tage lang. Er wünschte sich, dass sie ihr Leben bald wieder im Griff hatte. Er wünschte sich, dass sie glücklich war. Sie hatte so viele Schicksalsschläge verkraften müssen und sie hatte sich das Glück so verdient.
Dies brachte ihn mal wieder dazu, über sein eigenes Glück nachzudenken. Seit er bei Hanna angekommen war, wurde ihm immer mehr bewusst, wie trostlos sein eigenes Leben war. Und er hatte alle seine Entscheidungen für dieses Leben selbst getroffen. Er hatte erst einmal gespürt, was Glück bedeutete – vor über zwölf Jahren. Und damals hatte er mit aller Kraft dagegen angekämpft. Für seinen Plan B, so hatte Hanna es genannt. Er wollte nicht alles in seinem Leben schlechtreden. Klar, er hatte seinen Traum von einer Olympiateilnahme nie verwirklichen können. Doch er hatte viele Jahre einen Job gemacht, den er immer geliebt hatte. Und er hatte einen wunderbaren Sohn, den er über alles liebte. Er hatte ein Dach über dem Kopf und genügend Geld. Er hatte viele Gründe, glücklich zu sein. Doch er war es nicht. Wie ihm jetzt bewusst wurde, war er es nie wirklich gewesen. Zufrieden vielleicht, aber niemals glücklich.
Als er sich entschieden hatte, sich vorerst um Hanna zu kümmern, hatte er bereits gewusst, dass in seinem Leben kein Stein mehr auf dem anderen bleiben würde. Und es hatte ihn nicht gestört. Im Gegenteil: Es hatte ein Kribbeln in seinem Bauch ausgelöst, wie er es schon lange nicht mehr gespürt hatte. Er freute sich auf seine Zukunft, so unbestimmt sie im Moment auch vor ihm lag.
Er hatte sich auf keine Diskussionen mit Lisa eingelassen. Er hatte nur einige Male seinen Sohn abgeholt, um mit ihm Zeit zu verbringen, und ihn wieder nach Hause gebracht. Lisa hatte mehrfach versucht mit ihm zu reden, hatte ihn angeschrien. Doch er hatte sie immer vertröstet. Er hatte ihr versprochen, dass sie ihre Antworten bekommen würde – aber erst, wenn er sich selbst über alles klargeworden war. Lisa hatte Angst. Angst, ihn zu verlieren, Angst vor einer ungewissen Zukunft. Das tat ihm leid. Er wusste, dass er nicht die eine Frau haben konnte ohne die andere zu enttäuschen. Das war schon vor zwölf Jahren nicht anders gewesen. Er wusste, dass er offen sein musste. Er durfte seine Kämpfe nicht mehr gegen sich selbst austragen. Deshalb nutzte er solche Gedankengänge wie diese, um sich Klarheit zu verschaffen.
Das Bild in seinem Kopf von seiner Zukunft wurde immer deutlicher. Er spürte, jetzt war der Zeitpunkt da, aus seiner Lethargie auszubrechen und für sein eigenes Leben zu kämpfen. Er hatte diverse Pläne geschmiedet und er freute sich darauf, sie in die Tat umzusetzen – mit Blick auf das Ergebnis. Der Weg dahin würde steinig werden.
Er beschloss, Hanna nicht in diese Pläne einzuweihen. Erst einmal ging es um ihn und um Lisa, und er wollte Hanna nicht damit belasten. Er wollte nicht, dass sie sich unter Druck gesetzt fühlte. Vorerst wollte er einfach bei ihr bleiben und für sie tun, was er tun konnte. Und dann würden sie weitersehen. In wenigen Tagen würde sein Unterricht wieder beginnen und dann mussten sie die Weichen stellen und entscheiden, wie sie weitermachen würden. Vielleicht konnten sie eine Zeitlang einfach Freunde sein? Wobei das ja schon damals nicht geklappt hatte und es sich für ihn auch jetzt nicht danach anfühlte. Doch damals war es schwer, heute war es leichter. Er wusste viel genauer, was er zu tun hatte und er würde keine Fehler machen. Es ging um nichts anderes als um sein Glück. Und – wie er sich von Herzen wünschte – um Hannas.
Kapitel 11
Es blieb uns nur noch ein Wochenende, dann musste Simon wieder zurück zur Arbeit. Wir hatten uns so viel erzählt in den vergangenen Wochen, wir waren uns so nahe gewesen und hatten so viel verarbeitet. Natürlich wusste ich, dass ich nicht auf einmal wieder mit Simon zusammen sein konnte. Dafür war es viel zu früh. Außerdem wusste ich nicht, ob Simon überhaupt für so etwas zu haben war. Er hatte mit mir über alles geredet – auch über seine Ehe mit Lisa. Aber er hatte nie erwähnt, wie es für ihn weitergehen würde. Und ich hatte es nicht gewagt danach zu fragen. Ich wollte ihn nicht in eine Trennung drängen und dann bemerken, dass ich ihn nicht wiedersehen wollte oder konnte. Und ich wollte ihm keine falschen Hoffnungen machen. Ich spürte schon, wie er mich ansah. Es fiel ihm schwer, mich nicht zu küssen oder zu berühren. Er hatte sich besser im Griff als vor zwölf Jahren – seine erzwungene Zurückhaltung führte nicht mehr zu dieser tiefen Verzweiflung. Es schien, als wäre es okay für ihn, auf Distanz zu bleiben. Es gehe ihm nur um mich, das hatte er immer wieder betont. Und er meinte es ernst.
Doch natürlich spürte auch ich: Ich wollte ihm so gerne nahe sein, ihn küssen und berühren. Ich wusste, dass ich es nicht tun durfte. Ich empfand es – nur ein paar Wochen nach dessen Tod – als Verrat an Sebastian. Doch Simon war kein Mann, den ich vor ein paar Tagen in einer Bar kennengelernt hatte. Simon war die Liebe meines Lebens gewesen und es hatte mich alles an Kraft gekostet, was ich hatte, ihn daraus zu verbannen und trotzdem glücklich zu sein. Dass er jetzt wieder da war, war zwar meine eigene Schuld, doch es war schwierig. Denn ich spürte, wie die ganzen weggesperrten Gefühle wieder an die Oberfläche drängten.
Simon brachte mein Herz in Aufruhr. Wieder. Oder noch immer. Ich konnte es nicht so genau sagen. Er hatte sich verändert in den Jahren. Ich hatte den Eindruck, er war mehr bei sich und ließ sich nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen. Er war immer ein Ruhepol für mich gewesen und er hatte immer die Worte gesagt, die ich hatte hören wollen. Damals war er jedoch mit seinem eigenen Leben nicht klargekommen – und das hatte sich auf mich übertragen. Das war heute anders. Ich wusste nicht, was sich in den drei Wochen für ihn verändert hatte. Mir hatte er geholfen, wieder in die Zukunft zu blicken, überhaupt zu erkennen, dass es eine Zukunft für mich gab. Ich wusste aber auch, dass ich den Weg in diese Zukunft zunächst alleine gehen musste. Und ich wusste, dass ich mit ihm darüber reden musste. Bald.
Wir hatten fast jede Nacht zusammen verbracht. Einige Male hatte Simon etwas mit seinem Sohn unternommen und nicht hier bei mir geschlafen. Ich wusste nicht, wo er dann gewesen war – womöglich zuhause bei Lisa? Wobei ich mir irgendwie nicht vorstellen konnte, dass sie seinen Aufenthalt bei mir goutieren würde. Ich nahm mir vor, ihn auf seine Situation anzusprechen.
Ich lag bereits in meinem neuen Bett, als er ins Zimmer trat. Jeden Abend hatte er mich gefragt, ob er bei mir schlafen solle oder nicht. Und jedes Mal hatte ich bejaht. Er trug ein T-Shirt, eine kurze Hose und er rubbelte mit einem Handtuch an seinen Haaren herum. Ich betrachtete ihn. Optisch hatte er sich nicht wirklich verändert, klar, seine Haare waren jetzt mehr grau als blond. Aber er war groß, schlank und sehnig wie eh und je. Er hatte den ganzen Tag mit seinem Sohn verbracht. Ich wollte am nächsten Tag mit ihm reden, jetzt war ich zu müde.
«Soll ich bei dir bleiben?», fragte er auch jetzt.
«Ja», erwiderte ich leise und er schlüpfte zu mir unter die Decke. Er lächelte mich an und nahm mich fest in seine Arme, wo ich mich sofort geborgen und beschützt fühlte. So wie in den vergangenen Tagen und Wochen. Und doch war auf einmal etwas anders. Es kribbelte in meinem Bauch. Ich versuchte, das Gefühl zu verdrängen. Ich bewunderte seine Souveränität. Oder ich schätzte seine Gefühle völlig falsch ein.
Ich rutschte ein bisschen nach oben, sodass mein Gesicht auf seiner Höhe war und schaute ihm in die Augen. Wir sagten beide nichts und sahen uns an. Ich war überrascht über meinen eigenen Mut, doch ich bewegte mich das letzte kleine Stück auf ihn zu, so dass meine Lippen ganz sanft auf seine trafen. Er schreckte zurück.
«Was machst du da?»
«Ich …», stammelte ich. «Es tut mir leid.» Ich wandte mich von ihm ab. Ich war ja so ein Esel. Ich hatte ihn offenbar tatsächlich falsch eingeschätzt. Er drehte meinen Kopf so, dass ich ihn wieder anschauen musste, sein Blick war voller Liebe.
«Natürlich möchte ich dich küssen, Hanna. Mehr als alles andere», sagte er dann. «Aber ich will dich und die Situation nicht ausnutzen.» Er streichelte über meine Haare. Ich hielt es fast nicht mehr aus. Die Atmosphäre war wie elektrisch geladen. Ich nahm noch einmal meinen ganzen Mut zusammen und näherte mich seinem Gesicht. Dieses Mal kam er mir ein Stück entgegen. Und dann küssten wir uns. Ganz langsam, ganz zärtlich und voller Gefühl.
Es dauerte eine ganze Weile, bis wir uns wieder voneinander lösten. Unser Gespräch konnte nicht bis zum nächsten Tag warten. Ich war viel zu aufgewühlt und überhaupt nicht mehr müde.
«Was machen wir jetzt?», wollte ich von Simon wissen. Er streichelte meine Wange.
«Das musst du entscheiden, liebe Hanna.»
«Warum?»
«Weil ich nicht hier bin um meine Wünsche zu verwirklichen, sondern um dir zu helfen. Ich weiß nicht, ob dieser Kuss gut war.»
«Wir haben über so viele Dinge geredet, aber nie über uns.»
«Es war einfach nicht der richtige Zeitpunkt».
«Wollen wir es jetzt nachholen?» Er nickte.
«Worüber möchtest du gerne reden?»
«Ich würde gerne wissen, warum du hier bist und was Lisa dazu sagt.»
«Ich bin hier, weil ich nirgendwo anders sein möchte. Ich habe so sehr wie noch nie das Gefühl, dass ich zu dir gehöre.» Ich wollte etwas erwidern, doch er legte mir einen Finger auf die Lippen. «Hanna. Mach dir keine Sorgen – ich erwarte nichts von dir. Gar nichts. Ich weiß, in welch schrecklicher Situation du bist.»
«Was passiert denn mit dir, wenn ich nicht das will, was du willst?»
«Ich habe so viel nachgedacht in den letzten Wochen. Auch über mein Leben. Und darüber, wie schnell alles vorbei sein kann. Ich hatte auf einmal das Gefühl, ich habe total an mir vorbeigelebt. Ich war wohl nie richtig glücklich. Deshalb möchte ich ein paar Dinge in meinem Leben ändern. Einfach für mich alleine. Nicht, weil ich mir etwas davon verspreche. Das habe ich noch nie getan. Ich freue mich darauf.»
«Was willst du denn konkret verändern?»
«Ich weiß es noch nicht. Ich habe ein paar Ideen.» Er schaute mich an. «Ganz sicher werde ich mich von Lisa trennen.»
«Nein, Simon. Tu das nicht.» Ich war erschrocken und er erschrak über meine Antwort.
«Warum nicht?»
«Weil das damals schon so ein Drama war zwischen uns Dreien. Das soll sich nicht wiederholen.»
«Aber das hat gar nichts mit dir zu tun. Ich liebe sie nicht und ich bin nicht glücklich mit ihr. Hast du mir nicht immer gesagt, ich solle mich Plan A zuwenden?»
«Aber dass du es ausgerechnet jetzt tun willst…»
«Weil dein Schicksal mir gezeigt hat, wie wichtig es ist, glücklich zu sein. Du bist mein Vorbild, Hanna. Du hast es geschafft, glücklich zu sein – trotz der Geschichte zwischen uns. Doch das Glück ist so fragil. Ich möchte es einfach noch einmal in meinem Leben spüren. Ich kann nicht noch einmal dreißig Jahre so leben. Nicht mehr. Nach allem, was ich hier gesehen und erlebt habe.»
«Und was will dein Herz?»
«Möchtest du es unbedingt hören?» Er lächelte.
«Was hören?»
«Was ich empfinde. Was versprichst du dir davon?»
«Ich weiß nicht, was du meinst.» Er streichelte zärtlich eine Haarsträhne aus meinem Gesicht.
«Das weißt du ganz genau. Ich weiß zwar nicht, was du mit der Information anfangen willst, aber bitte, hier ist sie: Mein Herz will dich. Natürlich Hanna. Aber ich bin nur ehrlich. Ich weiß, dass das nicht geht. Zumindest nicht jetzt – und vielleicht nie. Das ist okay. Wirklich.»
«Liebst du mich?»
«Das hast du mich schon einmal gefragt, vor vielen Jahren.»
«Und du hast Nein gesagt.»
«Ich habe gelogen.»
«Und heute?»
«Heute lüge ich nicht mehr.»
«Liebst du mich?», fragte ich ihn erneut.
«Ja», flüsterte er, ich konnte es nicht hören. Nur fühlen. Ja, er hatte recht. Ich wusste auch nicht, was ich mit dieser Information anfangen würde, doch mein Herz wurde leicht und ich fühlte mich frei und gut. Er liebte mich. Wieder. Oder noch immer. Es war ganz egal.
«Darf ich dich noch einmal küssen?», fragte er schüchtern. Ich lächelte und verschloss seinen Mund mit meinem.
Kapitel 12
Sie hatte ihn geküsst. Er konnte es kaum glauben. Nie, nie, nie hätte er damit gerechnet oder darauf gehofft. Es war anders als damals. Damals war ihr erster Kuss wild, leidenschaftlich, überraschend. Heute war er sanft, zärtlich und vorsichtig. Und trotzdem war ihm, als wäre ihr erster erster Kuss erst ein paar Tage her. Es fühlte sich so vertraut an. So richtig. Wie falsch hatte er damals entschieden. Ja, er hatte nicht anders gekonnt. Doch Hanna war sein Glück gewesen, das wusste er nicht erst seit heute. Er liebte sie noch immer. Alle Gefühle für sie waren wieder da. Heftiger denn je. Das brachte ihn durcheinander – weil er Hanna alle Zeit geben wollte, die sie brauchte. Er würde sich auch an ihre Bedingungen halten, das hatte er sich geschworen. Trotzdem: Er wollte mit Hanna zusammen sein. Endlich, nach all den Jahren. Und er würde alles tun, was dafür nötig war. Auch warten.
Kapitel 13
Ich hatte mich dicht an seinen Körper gekuschelt.
«Erzähl mir, wie es damals für dich war», bat ich ihn. Er wusste, was ich meinte.
«Es war die Hölle», begann er stockend. «Ich habe mir so sehr gewünscht, mit dir zusammen zu sein. Weißt du das?» Ich sagte nichts. «Es hat mich so fertiggemacht, dass ich es nicht konnte.»
«Was war das mit deinem Knie. Du hast es absichtlich gemacht, stimmt’s?»
«Nicht absichtlich, nein. Ich habe nicht anders gekonnt. Es hat mir geholfen, den seelischen Schmerz mit dem körperlichen zu übertünchen. Ich habe mir solche Schmerzen im Knie zugefügt, dass ich alles andere vergessen konnte. Erst dann konnte ich wieder klar denken.» Er schaute mich an. «Heute schäme ich mich dafür. Damals habe ich einfach nicht anders gekonnt.»
«Ich glaube, ich habe unterschätzt, wie sehr du gelitten hast», flüsterte ich.
«Das weißt du nicht, aber nachdem wir uns das letzte Mal gesehen hatten, nach meiner Entscheidung, habe ich es so sehr übertrieben, dass ich sogar mein Knie noch einmal operieren musste. Ich hatte großes Glück, dass es nicht steif wurde. Danach habe ich es nie wieder getan.» Ich schmiegte mich noch enger an ihn.
«Es tut mir so leid, Simon.»
«Es ist schon gut. Es ist lange her.»
«Ich möchte einfach nicht wieder in diese gleiche Spirale geraten. Nie wieder. Wir haben uns total kaputt gemacht.»
«Aber wir haben daraus gelernt, oder?»
«Warum konntest du es nicht?» Ich hatte ihm diese Frage schon so oft gestellt und er hatte es nie so erklären können, damit ich es vollends verstanden hatte. Wahrscheinlich konnte er es auch jetzt nicht.
«Weil ich Angst hatte. Angst, wie mein Vater zu enden. Angst, vor den Augen meiner Familie mein Gesicht zu verlieren. Angst vor dem Verlust meiner Existenz. Ich dachte, dass ich auch dich verliere, wo ich schon alles andere nicht mehr hatte. Dass du nicht mehr mit einem solchen Versager zusammen sein wolltest. Dann hätte ich gar nichts mehr gehabt.»
«Ich dachte immer, wir hätten einfach ein paar Monate untertauchen können oder in einer anderen Stadt neu anfangen. Ich hätte auch Geld verdienen können. Ich glaube auch jetzt noch, dass wir es geschafft hätten.» Er lächelte mich an.
«Du warst so jung und so schön – und so eine Traumtänzerin.»
«Ich war keine Traumtänzerin», erwiderte ich empört. «Ich wusste ganz genau, was ich fühlte. Und ich habe dich Jahre später noch jeden Tag vermisst.»
«Ich dich doch auch.»
Ich erinnerte mich an den Anfang. «Weißt du noch, wie schlecht ich in Mathe war?» Er lächelte erneut.
«Du warst nicht schlecht. Du hattest nur schlechte Voraussetzungen.»
«Warum hast du das für mich getan?»
«Weil ich dich von Anfang an mochte. Weißt du – du hattest das gleiche Feuer wie ich, wenn du im Ruderboot saßest. Später dachte ich oft, dass du in mir von Anfang an eine Art Beschützerinstinkt geweckt hast – auch wenn ich das nicht sofort erkannt habe.»
«Hast du mich deshalb geküsst, nachdem ich vom Stuhl gefallen bin?» Er ließ sich mit der Antwort Zeit.
«Nein. Das war überhaupt nicht geplant. Ich habe zuvor nicht eine Sekunde lang daran gedacht. Es war eher eine Art Reflex. Ich war selbst total überrascht.»
«Wenn ich nicht schon am Boden gelegen hätte, wäre ich glatt umgekippt», meinte ich und er schmunzelte ein bisschen.
«Weißt du, ich habe keinen Grund, nicht ehrlich zu sein. Wenn ich es geplant hätte, könnte ich es jetzt sagen. Alles, was ich sagen kann, ist, dass ich dich in den Minuten davor anders angeschaut habe als sonst. Ich fand dich auf einmal unheimlich attraktiv. Das hat mich verwirrt. Aber das war echt erst wenige Minuten vor dem Kuss.»
«Und wann warst du verliebt?»
«Ich glaube, direkt danach», erwidert er. «Also nach dem Kuss. Auch wenn ich es nie zugegeben hätte.» Er drehte den Kopf und blickte an die Decke. «Das war schlimm für mich, weißt du. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch dein Lehrer.» Dann schaute er mich wieder an. «Ich hatte mir geschworen, zu jeder Zeit die Hände von all meinen Schülerinnen zu lassen. Das war mir heilig. Und dann kam es einfach so über mich. Ich war vor allem so enttäuscht von mir selbst.»
«Ich habe zu diesem Zeitpunkt schon verstanden, dass du nicht mit mir zusammen sein konntest. Weil es eben nicht sein durfte. Aber ich glaube, ich habe es nie so genau hinterfragt oder mir überlegt, was es für dich wirklich bedeutet.» Ich hielt einen Moment inne. «Jetzt, wo ich mit dir darüber rede, tut mir das sehr leid. Ich glaube, ich habe ziemlich viel Druck gemacht.»
«Ich habe schon gesehen, wie du darum gekämpft hast, mich zu vergessen. Der Druck kam erst am Schluss. Da habe ich manchmal nicht mehr gewusst, was ich machen soll, weil ich dich ja auch so sehr wollte.»
«Deshalb bist du wieder mit Lisa zusammengekommen?»
«Ja. Ich dachte, wenn sie wieder meine Verlobte wäre, könnte ich mich bezüglich dir beherrschen. Aber es wurde alles noch schlimmer, weil ich Lisa mit dir betrogen habe. Und umgekehrt irgendwie auch. Es war manchmal so absurd. Ich war so ein schüchterner Typ und ich konnte mir nicht erklären, wie ich in eine solche Situation geraten konnte. Und dann habe ich mich wieder total geschämt.»
«Wann kamst du wieder mit ihr zusammen?»
«Direkt nach dem Gespräch mit meinem Chef. Nachdem er uns zusammen gesehen hatte, musste ich ja bei ihm antraben. Das hat mir komplett den Boden unter den Füßen weggezogen. Auf einmal stand Lisa in unserer Wohnung und ich habe getan, was ich in dem Moment für richtig hielt.»
«Die Vorstellung, dass du sie küsst und mit ihr schläfst, war furchtbar für mich.»
Er räusperte sich. «So ging es mir, als du mit Felix zusammen warst. Oder die Affäre mit diesem Masseur. Gott, das war schrecklich. Warum hast du das nur gemacht?»
«Eigentlich sollst du ja verhört werden, nicht ich.» Er lächelte ein bisschen. «Aber ich denke, es ist schon ok, wenn ich auch meine Seite erzähle.»
«Nur wenn du kannst. Schließlich geht es um Sebastian, nicht um uns.»
«Ach, Simon. Es geht doch schon lange wieder um uns», seufzte ich. «Ich habe nicht gewusst, was daraus werden soll, wenn ich dich um Hilfe bitte. Ich habe noch nicht einmal gewusst, ob du meinen Hilferuf ernst nimmst und kommst. Jetzt ist es aber so gelaufen und wir haben uns wieder geküsst. Wir können das jetzt nicht mehr einfach zur Seite schieben.» Ich schaute ihn an. «Vielleicht hat das Leben mit uns noch etwas geplant?»
«Es ist noch zu früh», sagte er.
«Ich weiß. Deshalb habe ich mir etwas überlegt.» Er schaute ganz verwundert.
«Und das wäre?»
«Wir haben jetzt Ende Oktober. Ich würde uns beiden gerne ein halbes Jahr Zeit geben. Lass uns ein Treffen vereinbaren Ende April. Bis dahin kannst du dir in Ruhe überlegen, wie es für dich weitergehen soll, ob du diese Trennung wirklich willst und welche Pläne du noch für dein Leben hast. Und ich habe Zeit, um um Sebastian zu trauern ohne schlechtes Gewissen dir gegenüber und vor allem, um alleine meinen Alltag zu meistern und mein Leben wieder in den Griff zu kriegen. Und dann treffen wir uns und schauen weiter. Was meinst du?»
Er lächelte mich an. «Ich werde dich jeden Tag vermissen. Aber anders. Weil ich weiß, dass es nicht für immer ist. Ich finde es eine gute Idee.» Er schnappte sich sein Handy und blätterte in seinem virtuellen Kalender. «Der dreißigste April ist ein Samstag. Wollen wir uns dann treffen? Um dreizehn Uhr beim Clubhaus am See?»
«Ich werde da sein», versprach ich ihm.
Teil II:
«Zu dem, der warten kann, kommt alles mit der Zeit.»
Simon
Es war seine letzte Nacht bei und mit Hanna gewesen. Der Abschied von ihr war ihm schwergefallen. Obwohl er jederzeit gewusst hatte, dass er kommen würde. Es war kein Abschied für immer. Nur für sechs Monate. Sechs ewig lange Monate. Dann würden sie sich treffen und schauen, wo sie standen. Obwohl er Hanna schon jetzt vermisste, hatte er sich fest vorgenommen, sich auf sich und seine Pläne zu konzentrieren und er freute sich darauf. Klar, vieles würde ihm schwerfallen und es waren keine leichten Pläne. Doch er war voller Tatendrang und fest entschlossen, sein altes Leben hinter sich zu lassen, neu anzufangen und glücklich zu werden.
Die letzte Nacht war ohne viel Schlaf geblieben und Simon fühlte sich noch immer müde, als er am Morgen die Tür zu seiner Wohnung aufschloss. Es war ein seltsames Nachhausekommen. Bald würde hier nicht mehr sein Zuhause sein. Es war früher Sonntagmorgen, am Montag würden seine Ferien vorbei sein und er würde wieder unterrichten. Auch hierfür hatte er Pläne geschmiedet. Jetzt musste er aber zuerst mit Lisa sprechen. Elias schien noch zu schlafen, doch Lisa saß am Küchentisch und trank Tee. Sie sah traurig aus und irgendwie um Jahre gealtert. Es tat ihm leid, dass er sie so kurzfristig, so rücksichtslos und so egoistisch alleine gelassen hatte, fast ohne jede Erklärung.
«Hallo Lisa», sagte er leise. Sie blickte auf, ohne dass ihre Traurigkeit verschwunden wäre.
«Hat sie dich rausgeschmissen?»
«Lisa. Lass uns nicht auf diesem Niveau reden, okay?» Jetzt blickte sie ihn an.
«Du willst also die Scheidung?», fragte sie leise.
«Ja», antwortete er genauso leise.
«Sie hat es also wieder geschafft.»
«Was hat Hanna geschafft? Sie hat ihre grosse Liebe verloren. Sie hat keinen Sinn dafür, sich gleich auf den nächsten einzulassen. Wir sind nicht zusammen, Lisa. Und wir waren es nie. Du hast damals gegen sie ‹gewonnen›, wenn du es so nennen willst. Ich habe damals einen Schlussstrich gezogen und dich geheiratet. Erinnerst du dich? Findest du, unsere Ehe läuft gut? Bist du glücklich?»
«Wir hätten daran arbeiten können», meinte Lisa. Und fügte hinzu: «Ich will mich nicht trennen.»
«Ich verstehe dich nicht. Wir sind beide nicht glücklich, schon lange nicht mehr. Und wir könnten beide die Chance nutzen und noch einmal von vorne anfangen.»
«Aber ich liebe dich», meinte Lisa. Das hatte sie seit Jahren nicht mehr gesagt. Simon seufzte und setzte sich zu ihr an den Tisch. Er hatte Lisa noch immer gerne. Das hatte sich nicht geändert und es fiel ihm schwer, sie offensichtlich zu verletzen – sie schon verletzt zu haben mit seiner plötzlichen Abwesenheit. Es überraschte ihn, dass sie ihm ihre Liebe gestand. Er hatte eher damit gerechnet, dass sie ausflippen würde.
«Liebst du mich? Oder hast du Angst, alleine zu sein?»
«Du machst Elias’ Familie kaputt.»
«Ja, für Elias wird sich vieles ändern. Aber wird es schlechter? Denkst du nicht, für ihn ist es wichtiger, glückliche getrennte Eltern zu haben als unglückliche, die zusammen sind?»
«Ich bin nicht unglücklich.»
«Ich bin es aber. Und das lässt sich jetzt hier nicht mehr ändern. Wir sind völlig festgefahren. Und Lisa: Auch wenn du noch lange das Gegenteil behauptest, du bist doch nicht glücklich. Schau dich an: Du arbeitest nur, du hast keine Freunde, keine Hobbys, wir haben schon seit Jahren nicht mehr wirklich zusammen gesprochen. Von Sex will ich schon gar nicht reden. Ich weiß nicht mehr, wir leben hier beide vor uns hin, kümmern uns um Elias – und verkümmern. Willst du das für den Rest deines Lebens? Sind wir nicht noch immer zu jung dafür?»
«Wir könnten eine Therapie machen.»
«Weißt du, das Krasse daran ist, dass mir diese Idee nie selbst gekommen ist. Wäre sie mir vor ein paar Monaten oder Wochen gekommen, es wäre die Lösung gewesen und ich hätte es unbedingt versucht. Die letzten Wochen haben mir aber deutlich gemacht, was ich wirklich möchte. Für die Therapie ist es zu spät.»
«Du willst Hanna, stimmt’s?» Sie schaute ihn traurig an. Er nickte.
«Ja, ich will Hanna. Aber nicht jetzt und nicht unter diesen Umständen. Ich muss zuerst mein Leben auf die Reihe kriegen. Ich kann erst wieder mit einer Frau glücklich sein, wenn ich es auch ohne sie bin. Deshalb kümmere ich mich jetzt einfach mal um mich. Das habe ich noch nie getan. Und ich freue mich darauf.»
«Das sagst du nur, weil sie dich weggeschickt hat. Weil sie dich nicht will.»
«Nein», erwiderte er. «Sie hat mich nicht weggeschickt. Wir haben das so besprochen und wir werden uns wiedersehen. In ein paar Monaten. Vielleicht klappt es, vielleicht auch nicht. Ich will mir darüber jetzt keine Gedanken machen.» Er schaute sie traurig an. «Lisa. Das mit uns ist vorbei. Ich will nicht sagen, dass es nicht richtig war. Ich mag dich. Sehr. Du warst für eine sehr lange Zeit ein sehr wichtiger Teil meines Lebens. Wir hatten viele schöne Zeiten und wir haben Elias, der uns für immer verbindet. Aber jetzt müssen wir beide unseren eigenen Weg gehen.»
Lisa brach in Tränen aus und Simon griff nach ihrer Hand. Doch sie zog sie weg. Sie nickte fast unmerklich. Sie wusste, dass er sich nicht umstimmen lassen würde. Dass es vorbei war. Simon ließ sie weinen. Er wusste, dass er sie jetzt nicht trösten konnte. Er wusste auch nicht, wie er jetzt weiter vorgehen konnte. Das lag alleine an Lisa. Wenn sie gehen wollte, würde er sie lassen. Wenn sie wollte, dass er ging, würde er gehen. Sie alleine sollte entscheiden. Er verließ für eine Weile die Küche und ließ sich im Wohnzimmer auf dem Sofa nieder. Elias schlief noch immer. Er würde auch ihm das alles erklären müssen. Obwohl ihm so viele schwierige Aufgaben bevorstanden, fühlte er sich gut. Er hatte den Eindruck, dass seine Entscheidung richtig war und er fühlte sich auf eine seltsame Weise befreit.
Hanna
Als erstes holte ich Julia bei meinen Eltern ab. Die letzten Wochen war sie abgeschottet gewesen von der ganzen Trauer – und auch von dem sonderbaren Zustand im Haus mit Laura und Simon. Ich hatte sie so oft es ging und so oft ich die Kraft dazu hatte bei meinen Eltern besucht, hatte Ausflüge mit ihr gemacht und hatte mit ihr geredet. Julia war etwas mehr als vier Jahre alt. Sie konnte den Tod ihres geliebten Vaters nicht so ganz erfassen, sie verstand jedoch genau, dass er nicht zurückkommen würde. Sie hatte viele Fragen gestellt, und ich hatte versucht, sie ihr so wahr wie möglich zu beantworten. Mir war wichtig gewesen, dass Juli mich nicht in großer Not erlebte. Sie sollte sehen, dass ich traurig war – aber meine zeitweise totale Handlungsunfähigkeit und meine Verzweiflung wollte ich vor ihr verbergen.
Nachdem Simon gegangen war, wollte ich mit Julia einen neuen, geregelten Alltag leben. Das war mein erstes Ziel. Simon und ich waren beide damit einverstanden, dass wir es zunächst ohneeinander schaffen mussten und ich wusste, es war richtig so. Und doch vermisste ich nicht nur Sebastian, sondern zunehmend auch ihn. Was mein schlechtes Gewissen natürlich befeuerte.
Nach einer Pause von über einem Monat besuchte Julia zum ersten Mal seit Sebastians Tod wieder ihren Kindergarten. Sie ging fröhlich und voller Vorfreude hin und ich war überzeugt davon, dass Julia dieser Schritt zurück in die Normalität guttun würde. Ich arbeitete seit meinem Rücktritt vom Spitzensport in der Kommunikationsabteilung des Triathlonverbandes. Selbst hatte ich mich im Hintergrund gehalten. Ich hatte die Nase voll gehabt von medialer Aufmerksamkeit und Interviews. Ich war nicht nur allein für die Kommunikation des Verbandes zuständig, sondern kümmerte mich auch häufig um die Sportler selbst, organisierte Reisen oder Hotels, begleitete sei zu Wettkämpfen. Es machte mir großen Spaß und ich konnte sehr viel von meinen eigenen Erfahrungen einbringen.
Allerdings schaffte ich es jetzt noch nicht zurück an meinen Arbeitsplatz, doch ich war beurlaubt worden, solange ich wollte – ich wusste, ich konnte jederzeit wieder zurückkehren und mein Platz würde für mich freigehalten. Das war sehr beruhigend und so konnte ich mir alle Zeit nehmen, die ich brauchte.
Simon
Nach einer Weile trat Lisa ins Wohnzimmer. «Wie geht es jetzt weiter?»
«Das liegt alleine bei dir», erwiderte Simon. «Entscheide du, ob du die Wohnung behalten willst oder ob du dir etwas Neues suchen möchtest. Du kannst auch sagen, wann ich Elias sehen kann. Mir ist nur wichtig, dass ich ihn regelmäßig sehe. Dafür werde ich einstehen, egal, was passiert.»
«Ich möchte hierbleiben. Elias soll nicht auch sein Zuhause verlieren und ich möchte gerne, dass er bei mir wohnt.» Simon hatte geahnt, dass sie diese Entscheidung treffen würde. Er konnte nur hoffen, dass sie ihm nicht den Umgang mit seinem Sohn verbot. Den er sich zwar niemals verbieten lassen würde – doch er wollte keine schmutzigen Schlachten schlagen vor irgendeinem fremden Richter, und er wünschte sich, dass er und Lisa alles einvernehmlich regeln konnten.
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