Kitabı oku: «Wo die wilden Maden graben»
Nagel
Wo die wilden Maden graben

Nagel, 1976 geboren, Mitte der 80er mit dem Schreiben begonnen: zunächst Artikel über erfundene Bands mit sich selbst als Frontmann, dann acht Ausgaben eines der einflussreichsten Punk-Fanzines der 90er (»Wasted Paper«), 13 Jahre Song- und Textwriting für Muff Potter und 15 Jahre Tagebuch, mit »Wo die wilden Maden graben« das erste Buch.
Das letzte Kapitel des Buches (4. Woche,
7. Tag) besteht aus zwei Muff-Potter-Texten:
»alles was ich brauch« (Nagel, 2005) und
»I love fahrtwind« (Dennis Scheider, 2000)
© Ventil Verlag KG, Mainz 2007
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN: 978-3-931555-80-1
eISBN: 978-3-95575-601-7
Lektorat: Jonas Engelmann, Jörn Morisse
Cover: Oliver Schmitt unter Verwendung eines Fotos von ©steh.de (Sandra Steh)
Ventil Verlag
Boppstraße 25, 55118 Mainz
www.ventil-verlag.de
»You can’t know about everything, only pleasure and pain.« (Cock Robin, »Just Around the Corner«)
Inhalt
Erste Woche
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Zweite Woche
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Dritte Woche
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Vierte Woche
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Dies war meine zwölfte oder fünfzehnte, je nachdem wie man zählt vielleicht sogar zwanzigste Tour mit einer, meist meiner, Punkrockband. Hunderte von Einzelkonzerten und Festivals nicht mitgerechnet. Ich war in PKW auf Tour, manchmal zu fünft mit den Gitarren auf den Knien, in klapprigen Bussen mit Löchern in den Türen, in nicht mehr so klapprigen Bussen mit 220-Volt-Stromanschluss, DVD-Player und Fernseher, in Bullis, Sprintern, Zügen und Nightlinern. Man könnte meinen, ich sei nicht nur im Losfahren, sondern auch im Heimkommen ein alter Hase, aber ich stürze jedes Mal wieder völlig unvorbereitet in den Alltag zu Hause. In einen Alltag, der in meinem Fall die Ausnahmesituation ist, denn Alltag, das ist Tour: siebzehn Uhr Soundcheck, neunzehn Uhr Essen, zwanzig Uhr Türen auf, einundzwanzig Uhr Warmsingen, zweiundzwanzig Uhr auf die Bühne, halb zwölf Saufen, hier der Plan zum Hotel, du hast ein Zimmer mit Mario, Frühstück gibt’s bis um zehn, Abfahrt um elf.
Gestern sind wir zurückgekommen. Vier Wochen Deutschland, Österreich, Schweiz. Auf der Rückfahrt gab es noch die üblichen Scherze:
»Mist, ab morgen müssen wir fürs Bier wieder bezahlen!«
»Wo sind denn all die nach Zugaben schreienden Mädchen plötzlich hin!«
»Scheiße, wie soll ich mich nur zurechtfinden ohne den Zeitplan der Tourneeleitung: siebzehn Uhr Soundcheck, neunzehn Uhr Essen, zwanzig Uhr Türen auf, einundzwanzig Uhr Warmsingen, zweiundzwanzig Uhr auf die Bühne, halb zwölf Saufen …«
Auf jede dieser Bemerkungen folgte raues Gelächter, aber jeder, der schon mal auf einer längeren Tournee war, weiß, wie viel Wahrheit hinter diesen nur scheinbar scherzhaften Sätzen steckt. Und so geisterte auf der Fahrt nach Hause eine seltsame, unartikulierte Melancholie durch den Tourbus.
Oft streitet man sich auch plötzlich, farzt sich an, meist wegen Kleinigkeiten.
»Und was mir schon die ganze Zeit auf den Sack geht – dass du immer so laut gähnen musst!«
»Und du stellst ständig deine scheiß Tasche auf Stühle oder Sofas, damit sich da bloß niemand mehr hinsetzen kann!«
Alle sind nervös und aufgewühlt, gleichzeitig ausgepowert, und jeder geht anders damit um.
Manchmal sind Menschen dabei, die noch nie länger mit einer Band unterwegs waren. Meist sind es Freunde, die Merchandise verkauft oder gefilmt haben, oder nur so mal ein paar Tage mit waren, weil es noch einen freien Platz gab. Sie sagen nachher Sätze wie:
»Oh Mann, wie durchorganisiert das alles ist, ich dachte, es wird die ganze Zeit nur gefeiert und gesoffen, aber das ist ja richtige Arbeit!«
Oder auch, je nach physischer und psychischer Kondition:
»Wahnsinn, wie viel gefeiert und gesoffen wird, ich war nur drei Tage mit und war anschließend eine komplette Woche lang total platt, und ihr seid einfach weitergefahren und habt noch vierzehn Tage so weitergemacht?!«
Unterwegs zu sein ist eine Tretmühle. Es ist stumpf, monoton, kräftezehrend, und gleichzeitig ist es aufregend, glamourös, aufputschend. Man verliert nicht nur schnell den Boden unter den Füßen, sondern auch das klare Urteilsvermögen.
Es gibt einen Satz von Kettcar, die ihn wiederum bei Selim Özdogan ausgeborgt haben, und der auf mich hundertprozentig zutrifft:
»Zu erkennen, dass man glücklich war, ist leicht,
zu erkennen, dass man glücklich ist, ist Kunst.«
Ich habe mir eine Eselsbrücke gebaut, um im richtigen Augenblick zu erkennen, dass es mir gut geht, dass ich ein tolles Leben habe, dass ich tue, was ich will, dass ich selbstbestimmt lebe, dass ich die Guten an meiner Seite habe und dass das alles verdammt noch mal keine Selbstverständlichkeit ist. Eine Eselsbrücke, um den Moment genießen zu können: Ich stelle mir vor, was ich stattdessen machen würde, was ich gemacht habe, machen musste, was mir passiert ist, was hätte passieren können. Erinnerung als Relativierung der subjektiven Wahrnehmung. Fantasie als Sehhilfe. Regelmäßiges Zurückschauen, um sich zu ordnen und wieder nach vorne blicken zu können.
»All names have been changed to protect the innocent.«
(Bomb the Bass, »Beat Dis«)
Erste Woche.
1.
Der Auftritt war echt beschissen. Nicht im Sinne von desaströs, eher lauwarm, also noch beschissener als beschissen. Ich habe keine Ahnung, wieso das erste Konzert einer Tour immer so ätzend sein muss. Wir waren doch gut eingespielt, wir waren nicht übernervös, und wir hatten alle Bock. Ich habe alles gegeben. Vielleicht ein bisschen zu viel, denn nach drei Liedern war ich schon ziemlich aus der Puste. Und das, obwohl ich in der letzten Zeit viel für meine Kondition getan habe. Ich habe Sport gemacht, bin viel gelaufen, um Kraft und Ausdauer für die kommenden vier Wochen zu haben. Aber irgendwie klappt das mit der Krafteinteilung noch nicht so ganz, und die Luft auf der Bühne war quasi nicht vorhanden. Und dann das viele Rauchen vorher. Na ja, vielleicht waren wir auch ein wenig aufgeregt …
Wir haben nicht wirklich gut gespielt, technisch gesehen. Werner hat sich die ganze Zeit verhauen, und obwohl wir uns geschworen haben, nicht mehr so verkrampft auf Fehler zu reagieren und sie stattdessen mit Humor zu nehmen, habe ich gemerkt, wie es mich nervt, dass wir nicht besser spielen. Aber noch schlimmer, als sich leicht zu verhauen, ist es, wenn das Konzert einfach nicht richtig rockt. Und das gerade hat meiner Meinung nach überhaupt nicht gerockt. Auch wenn die Leute es offenbar gut fanden und wir nach der Zugabe sogar eine zweite spielen mussten.
Es gab mal eine Zeit, da war es uns nicht so wichtig, wie wir gespielt haben. Wir waren sowieso die Geilsten und alles andere war Spießerscheiß. Der Auftritt war nur einer von vielen Bestandteilen des Abends, mindestens genauso wichtig war es, wie die Party war, ob wir auf der Hinfahrt ein geiles Mixtape gehört und nachher möglichst viel gesoffen und gegrölt haben. Nichts gegen Mixtapes und Suff, aber das ist für mich alles nur noch Schmuck am Nachthemd. Der Tag auf Tour definiert sich über die sechzig oder fünfundsiebzig oder auch neunzig Minuten, die wir auf der Bühne stehen. Wenn die gut sind, hat sich alles gelohnt. Wenn sie schlecht sind oder langweilig, dann ist der Tag im Eimer. Dann kann kommen, was will, ich gehe mit einem unguten Gefühl ins Bett.
Ich merke es besonders am Tag danach. Das Konzert gestern war gut – mir gehts blendend, ich bin ausgeglichen und glaube an das, was wir tun. Das Konzert gestern war scheiße – ich habe schlechte Laune, bin leicht reizbar und bekomme Zweifel an allem. Bei den anderen ist das nicht so ausgeprägt, und manchmal verachte ich sie dafür. Wie kann man nur Spaß haben, wenn man schlecht gespielt hat! Dafür sind wir doch schließlich hier, nur dafür sind wir all die Kilometer gefahren!
Zum Glück sehen das nicht alle in der Band so extrem wie ich. Nicht auszudenken, was am Tag nach einem schlecht gelaufenen Auftritt sonst für eine Stimmung an Bord herrschen würde. Dazu kommt, dass wir einen Auftritt grundsätzlich völlig unterschiedlich bewerten. Es gibt nur wenige Konzerte, die alle beschissen fanden. Wenn das passiert, kann man davon ausgehen, dass es wirklich ziemlich mies war. Umgekehrt sind wir selten einhellig der Meinung, dass es ein Eins-a-Ding war, und auch hier gilt: Es war mit Sicherheit spektakulär, wenn alle glücklich und aufgeputscht von der Bühne gehen.
Heute gibt es Backstage keine Dusche und keinen Platz. Der Raum hat ein Klo, ein Waschbecken, einen Tisch, eine Bank und einen Schrank von Kühlschrank. In der Ecke stehen auf zwei Stühlen Computer und Drucker der Tourneeleitung. An einem der Stühle klebt ein ausgedrucktes DIN-A4-Blatt: »Produktionsbüro. Bitte anklopfen.« Wir treten uns beim Umziehen gegenseitig auf die Füße. Überall hängen stinkende nasse Sachen. Werner will zeigen, wie doll er geschwitzt hat und wringt sein T-Shirt aus. Beeindruckend, was da für eine Suppe rauskommt, aber muss er das unbedingt mitten im Raum machen?
Ich hätte gerne ein wenig Ruhe, nur ein kleines bisschen Zeit, um auszuatmen und runterzukommen. Aber wo kein Platz ist, ist auch keine Ruhe. Ich habe noch nicht mal eine trockene Hose angezogen, da kommen schon die ersten Bekannten in den Raum gestürmt, versorgen sich mit Bier und Schnaps aus dem Kühlschrank und erzählen uns irgendwas über das Konzert und was man jetzt noch so machen könne und was wir denn jetzt vorhätten und ob wir nicht langsam mal loswollten, die anderen seien auch schon abgehauen.
Lasse stand schon heute Nachmittag mit leuchtenden Augen vor mir. Er besuchte uns beim Soundcheck und meinte es gut, als er sagte: »Geil, nach dem Konzert machen wir richtig einen drauf, wir gehen noch in diese Bar und dann in jene, und um fünf hat Frauke Thekenschluss und wir treffen uns alle im Da-und-dort …«
Ich habe es nicht übers Herz gebracht, ihm zu sagen, dass ich noch nicht weiß, ob ich mitkomme, und dass ich eigentlich viel lieber hier noch was trinken und dann ins Bett gehen würde. Lasse ist einer der besten Typen, die ich kenne. Ich sehe ihn viel zu selten, er freut sich, dass ich da bin, und ich freue mich, dass er da ist, und außerdem hat er immer diesen Hundeblick drauf, dem man nichts abschlagen kann. Und so werfe ich all die guten Vorsätze von wegen diesmal-nicht-gleicham-ersten-Tag-so-übertreiben und das-Hotelzimmer-ist-super-und-ich-will-auf-keinen-Fall-das-Frühstücksbuffet-verpassen über Bord und stürze mich eine knappe Stunde nach dem Konzert mit einem wilden Mob erlebnishungriger Gestalten hinein in die Nacht, gebe mich dem in dieser Stadt üblichen Exzess hin, bis ich, zweiundzwanzig Stunden, nachdem ich aufgestanden bin, in einem Bett lande, das nicht meins ist, mit einer Person, von der ich den Namen vergessen habe. Um neun Uhr geht der Wecker, um zehn Uhr ist Treffen im Hotel, wo wir noch ein wenig Promo machen müssen. Alle Rock-’n’-Roll-Klischees in der ersten Nacht bedient. Hervorragender Tourstart, herzlichen Glückwunsch.
2.
Fielmann ist von Anfang an dabei. Für die ersten Proben dieser Band hat er mir seine Gitarre geliehen, weil ich keine eigene hatte. Nach einem halben Jahr hat er mir eröffnet, dass er unsere Band super findet, wir aber nie Erfolg haben werden, weil wir »Musik für Mädchen« machen. Später ist er ab und zu mit zu Konzerten gefahren, um unsere ersten Merchandiseprodukte zu verkaufen (ein Demotape, eine Platte, irgendwann sogar ein T-Shirt). Außerdem ist er als Straight Edger meist gefahren, weil wir die ganze Zeit rotzbesoffen waren. Später hat er nicht nur angefangen zu saufen, er war auch den Merchjob leid. Es kam aber nicht in Frage, ohne ihn loszufahren, also brauchten wir eine neue Aufgabe für ihn. Schließlich kam er als gute Seele mit, die sich um alles kümmert. Den Begriff »Tourmanager« kannten wir damals noch nicht. Aber kaum hatten wir ihn das erste Mal vernommen, beschlossen wir, dass Fielmann ab sofort unser Tourmanager ist.
Sobald wir den Bus besteigen, schlüpft er in seine Rolle und wird fortan kaum noch mit seinem Namen, sondern nur noch mit seinem Titel angesprochen: »Die Tourneeleitung«. Er ist mittlerweile ein Profi, verdient seinen Lebensunterhalt damit. Durch Freundschaft und Loyalität in einen Rockberuf geschlittert. Wie herrlich romantisch das ist, und dabei auch noch die Wahrheit!
Als wir vorgestern Abend den Bus einluden, rief er mich an:
»Hey, ich schaffs leider nicht, mitzuhelfen, aber denkt unbedingt dran, den Stahlhelm einzupacken!«
Diesen Helm – keine Ahnung wie der überhaupt in den Proberaum gekommen ist – setzt er nun immer bei Bandbesprechungen auf. Für die Tour hat er sich zusätzlich einen Vollbart stehen lassen, weil er meint, dass dieser ihm bei Gagen- und sonstigen Verhandlungen mehr Autorität verleiht. Er sagt sowas immer halb im Scherz, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass er wirklich daran glaubt. Er hat einen großen alten Koffer dabei, in dem sich sein Laptop, ein Aktenordner und eine Flasche Jack Daniels befinden. Dieser Koffer ist der Grund dafür, dass ich im Sprinter nicht die Beine ausstrecken kann, denn der Koffer muss immer in greifbarer Nähe sein. Wenn er damit im Produktionsbüro auftaucht (vorausgesetzt, es gibt ein Produktionsbüro, das aus mehr als zwei Stühlen im Backstageraum besteht), plus Bart, hm, das könnte tatsächlich Eindruck schinden. In welche Richtung auch immer.
Nie will die Tourneeleitung während der Fahrt woanders sitzen als auf ihrem Stammplatz, dem Beifahrersitz. Da sitzt der Chef und checkert und plant und dirigiert, das Ziel vor und den Fahrer neben sich, und hinten die Kids, die sich balgen und streiten und lachen und herumalbern und singen und schreien und fragen, wie weit es noch ist und wann wir endlich da sind.
Soviel zur Theorie. Die Realität sieht etwas anders aus: Kurz nach Abfahrt schläft die Tourneeleitung auf ihrem Tourneeleitungssitz ein. Ein amüsanter Anblick, wie der Kopf langsam nach unten sinkt, dann mit einer ruckartigen Bewegung wieder nach oben schnellt, um gleich wieder nach unten zu sinken, wo er in einer Position rumbaumelt, bei der man vom bloßen Hinsehen Nackenschmerzen bekommt. Beim nächsten Halt fragen wir ihn, ob er denn nicht mal hinten sitzen will, da kann man sich anlehnen, und es gibt hier sogar Kissen! Aber nein, die Tourneeleitung sitzt vorne, und wenn sie sich dabei die Wirbelsäule zu einem »S« wie »Schleudertrauma« verknotet, basta.
Auf allgemeinen Wunsch hat die Tourneeleitung für diese Tour wieder Tourregeln aufgestellt. Heute Morgen wurden sie ausgedruckt und während der Fahrt an alle verteilt.
1.Wir sind nicht zum Spaß hier. Dies ist euer Job (Hättet ja was Vernünftiges lernen können).
2.Also reißt euch zusammen.
3.Es wird täglich mindestens fünf Stunden gepennt.
4.Es werden täglich mindestens drei Mal die Hände gewaschen (mit Seife).
5.Es wird täglich mehr Obst als Junkfood gegessen (A Kiwi a day keeps the doctor away).
6.Es wird täglich mehr Wasser als Alkohol getrunken.
7.Es ist verboten, der Tourneeleitung während der Fahrt auf die Schulter zu tippen.
8.Verpedert wird später.
9.Schnauze.
Unnötig zu erwähnen, dass kaum eine der Regeln jemals eingehalten wird. Trotzdem ein gutes Gefühl, sie zu haben. Man kann außerdem wunderbar Veranstalter und andere Bands irritieren, wenn man sie gleich nach Ankunft für alle sichtbar im Backstageraum und neben der Bühne aufhängt.
Vor allem Punkt sieben sorgt für allgemeine Erheiterung. Dabei ist es durchaus verständlich, dass er hier aufgeführt wird. Wer würde nicht wahnsinnig, wenn einem während einer sechsstündigen Autofahrt alle zwei Minuten jemand auf die Schulter tippt, um Dinge zu fragen wie: »Duuu, was gibts denn heute zu essen?«, oder »Ey Tourneeleitung, ham die da Internet im Backstage und ist die Freundin vom Veranstalter eigentlich hübsch?«
Punkt acht ist ein bisschen universaler, denn »verpedern« kann alles mögliche bedeuten. Man kann nach dem Konzert die Taschen in den Bus »verpedern«, oder vor dem Auftritt die Kabel mit Gaffatape am Boden fest-»pedern«. Manchmal wacht auch jemand mit einer höllischen »Nackenverpederung« auf (z.B. auf dem Beifahrersitz). Aber meistens heißt es »saufen, picheln, verhaften, schütten, sich wegballern«, und so ist es hier auch hauptsächlich gemeint.
Die Regeln wurden auf der letzten Tour zum ersten Mal aufgestellt, aber die einzige verbliebene und wichtigste ist die neunte. Werner, der alte Trucker, bemängelt, dass der ursprüngliche fünfte Punkt nicht mehr auftaucht: »Kritik am Fahrer ist außer in Notfällen nicht gestattet.« Als wir das bemerken, freuen wir uns diebisch. In den nächsten Stunden wird aufs Niederträchtigste Werners Fahrstil kommentiert, bis auch das zu langweilig wird.
Wir würden gerne eine DVD gucken, haben aber kaum welche dabei. »Ich hab meine Filme zu Hause gelassen, weil ich die alle schon gesehen hab!«, ist die gängige Ausrede. Wir beschließen, dass jeder mindestens eine DVD kaufen muss, und befehlen Werner, er soll verdammt nochmal nicht so schleichen, sondern ein bisschen aufs Gaspedal treten, damit wir Zeit rausschlagen für den nächsten auffindbaren Media Markt.
»Punkt fünf!«, ruft er.
»Gibts nicht mehr, also heiz ein!«, schallt es aus dem Fond zurück.
Wunschlos unglücklich vegetierst du tagelang vor dich hin. Tagsüber bringt das gute Wetter dir Schuldgefühle, weil du deine Tage so sinnlos verschwendest. Hast du als junger Mensch nicht die Pflicht, dich zu amüsieren, etwas zu erleben, etwas zu leisten? Der Saft der Jugend, er verdorrt dir in den Adern. Nachts macht der Mond dich ganz komisch. Du hast Fernweh, von der Sorte, die so seltsam nach Heimweh schmeckt. Für den Heimatlosen ist Heimweh der Motor für die Flucht nach vorn. Aber dein Motor hat einen Getriebeschaden. Du versuchst, nicht aus dem Fenster zu sehen. Du blickst nicht mehr gen Himmel, weil du dich gegenüber Sonne und Mond so klein und elend fühlst. Außerdem willst du es um jeden Preis vermeiden, eine Sternschnuppe zu sehen, die dich doch nur daran erinnern würde, dass du nicht weißt, was du dir wünschen sollst. Dir fällt einfach nichts ein, was dich aus diesem Loch ziehen könnte.
Morgens liegst du im Bett, wirst immer wieder wach, ausgeschlafen, und bleibst liegen. Es gibt nichts, wofür es sich aufzustehen lohnt. Erst wenn Muskeln und Gelenke zu schmerzen beginnen, schälst du dich aus deinem Laken und stellst den Computer an.
Tagsüber rufst du mindestens dreißig bis vierzig Mal E-Mails ab. Manchmal im Minutentakt. Meistens hast du keine Post oder nur Werbung. »Penis«, »Business«, »Finance«, »Viagra«. Die Betreffzeilen der Hölle. Wenn dir jemand schreibt, freust du dich. Du schreibst sofort zurück und hast zwei Minuten drauf wieder nichts zu tun.
Du onanierst mehrmals täglich, aber selbst das macht keinen Spaß. Es dient lediglich dem Druckablassen, wird zu einer reinen Beschäftigungsmaßnahme. Wenn du ejakuliert hast, fühlst du dich einen Moment lang angenehm erschöpft, leer und müde. Das hält aber nur ein paar Minuten an. Manchmal liegst du zum dritten, vierten oder fünften Mal am Tag auf dem Bett, drückst verzweifelt an dir rum und musst schließlich einsehen, dass du völlig ausgepumpt bist und nicht mehr kommen kannst.
Heute ist das komplette Gegenteil von gestern. In diesem Jugendzentrum gibt es vielleicht ein oder zwei Musikveranstaltungen im Monat, während der Laden gestern so gut wie jeden Tag in der Woche eine Band da hat. Dieser Ort zählt ca. fünzigtausend Einwohner, die Stadt in der wir gestern waren, hat mehr als das Fünfundzwanzigfache davon. Das Durchschnittsalter lag bei Anfang bis Mitte zwanzig, heute liegt es ein paar Jahre drunter. Die Leute gestern trugen lässige Klamotten und hatten einen guten Musikgeschmack. Es waren hauptsächlich Studenten anwesend. Studenten, die aussahen wie Studenten und Studenten, die aussahen wie Studenten, die auf keinen Fall wie Studenten aussehen wollen. Sie trugen coole Jeansjacken, Tattoos und Dreitagebärte, standen lässig herum, rauchten wie die Blöden und waren allgemein ziemlich übersättigt. Einige hatten kleine Papierbriefchen mit weißem Pulver in den Hosentaschen, das sie hinter mit Bandstickern übersäten Klotüren wegsnieften.
Heute sind sie alle da: die Muckertypen, die Dorfpunker, die Aktivistinnen von der örtlichen Attac-Gruppe, die Kids in den viel zu großen, mit frechen Sprüchen bedruckten T-Shirts. »Wir sind das OB-Team, in der Regel sind wir voll« und ähnliche Klopper. Fremdschämen ist angesagt, und gleichzeitig muss ich über diesen T-Shirt-Aufdruck lachen. Ich muss an die Sexminister denken. Der von China: Schwingdeinding, und von Schweden: Lasse Samenström. Ich kichere in mich hinein und komme mir ziemlich pubertär dabei vor. Auf dem Jungsklo steht in Krakelschrift: »Achmed B. ist schwuhl.« Draußen am Ende des Parkplatzes sitzen Jungs mit per Sicherheitsnadeln befestigten Anarchie-Aufnähern auf dem Parka und teilen sich eine Bong mit Bretter-piece. Am Merchandisestand versucht die eine Hälfte, drei CDs auf den Preis von einer runterzuhandeln, während die andere fragt, warum wir keine signierten Autogrammkarten haben.
Was alle Besucher heute Abend vereint: Sie sind nicht cool, aber sie haben Bock. Sie sind laut, enthusiastisch und hungrig. Sie wollen was erleben. Ich kenne ihr Leben, ich habe es auch gelebt. Ich weiß, woher sie kommen. Die erdrückende Enge der Kleinstadt, die Beklemmung, das Gefühl, dass man jeden Straßenzug in- und auswendig kennt, dass es nichts zu entdecken gibt außer Alkohol und Zigaretten. Langeweile und Tristesse lauern hinter jedem Vorhang. Und wenn dann doch mal was los ist, sind sie alle da.
So wie heute. Schon bei der Vorband ist der Konzertraum gerammelt voll. Die Hälfte des Publikums heute Abend wird sich in zwei Wochen beim Stadtfest wieder über den Weg laufen. Wer nach dem Abitur nicht abhaut, hat gute Chancen, sein ganzes Leben hier zu verbringen.
Schon beim ersten Song bricht die Hölle los. Während unseres Auftritts muss unser Backliner Dr. Menke nach jedem Song meine Monitorboxen wieder auf ihre Position rücken, weil die Testosteron verballernde Jugend nicht mehr an sich halten kann. Welcome to the Kleinstadt-Jungle. Ständig fliegt der Mikroständer um, ein paarmal bekomme ich ihn genau in die Fresse. Dinge fliegen durch die Gegend. Ein Turnschuh landet auf der Bühne, und unaufhörlich wird ein Ritual zelebriert, das bei unter Energie-Überschuss leidenden Dorfjungs als Zeichen von Lebenswut und Hedonismus gilt: die Bierdusche. Sepp hat Mühe, das Mischpult trocken zu halten. Ein paar Kids versuchen zu stagediven, sind aber zu blöd dazu und reißen mit ihren tollpatschigen Bewegungen die Kabel aus unseren Effektgeräten. Der einsame Ordner vor der Bühne kriegt Anweisung von Dr. Menke, die Leute von der Bühne fernzuhalten. Er hat damit alle Hände voll zu tun. In der ersten Reihe neben den Boxen stehen zwei betrunkene Teenager, die das ganze Konzert über abwechselnd tanzen und knutschen. Gegen Ende des Auftritts zieht Dr. Menke ein Mädchen aus der ersten Reihe auf die Seite der Bühne, weil sie offenbar kurz vorm Kollaps steht. Hell on earth.
Der Backstageraum befindet sich nicht hinter der Bühne, sondern am anderen Ende des Raums, und die Leute lassen uns nach Ende der Playlist nicht von der Bühne. Sie bilden in den ersten drei Reihen eine Mauer und singen Sprechchöre zur Melodie von »Brown Girl in the Ring«:
»So einfach geht das nicht, scha-la-la-lala!«
Also bleiben wir oben und gehen direkt in die Zugabe über. Das Pärchen ist immer noch zugange. Ich sehe wie das Mädchen dem Jungen beim Küssen die Hand in die Hose schiebt. Seine Hand wandert unter ihr T-Shirt. Mario und ich tauschen Oh-Gott-wo-sind-wir-denn-hier-gelandet-Blicke aus. Nach drei Liedern ist die Zugabe vorbei. Ich bin klatschnass und fertig. Ich bräuchte dringend was zu trinken, etwas mit Zucker drin, aber das Publikum will uns immer noch nicht gehen lassen. Wir beratschlagen uns kurz vorm Schlagzeug und entscheiden, zwei weitere Songs zu spielen und dann aber wirklich aufzuhören. Während des letzten Songs liegen die beiden Teenies zwischen meinen und Marios Monitoren auf der Bühne. Er liegt auf dem Rücken, sie sitzt halb auf ihm drauf und reibt ihren Unterleib an der Beule in seiner Hose. Dabei lecken sie sich ab als gäbe es kein Morgen. Dr. Menke kniet am Rand der Bühne und sieht leicht überfordert aus. Er weiß nicht so recht, ob er eingreifen soll, entscheidet sich dann aber dagegen und lässt die beiden einfach machen. Mario und ich können vor Lachen kaum singen. Normalerweise hasse ich es wie die Pest, wenn Leute auf der Bühne sitzen oder liegen, oder wenn sie stundenlang vorne herumstehen, um dann mit den Füßen voraus in die Menge zu springen, und es mit ihrer Hampelei nicht nur an jeglichem Gespür für Stil mangeln lassen, sondern auch unschuldige Musikliebhaber terrorisieren und mich daran hindern, vernünftig zu spielen. Aber hier ist alles so grotesk und übertrieben, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als es mit Humor zu nehmen. Wir sind hier zwar die Feldherren, aber wie das Feld bestellt ist, darauf haben wir keinen Einfluss. Entweder aufhören oder durchziehen. Dies ist nicht der Moment für reading between the frontlines.
Beim allerletzten Ton schmeißen wir unsere Instrumente in die Ecke, bedanken uns für den außerordentlichen Abend und springen von der Bühne. Während die Leute schreien, johlen und an unseren T-Shirts zerren, bahnen wir uns mit Gewalt einen Weg durch die Menge. Hier ist man schon rockstarverdächtig, wenn man eine Gitarre halten kann. Die Tourneeleitung steht am Backstageraum, lässt uns rein und postiert sich dann draußen vor der Tür, um uns wahnsinnige Teenage-Werwölfe vom Leib zu halten.
Wir lassen uns in die Sofas fallen und sind fix und fertig.
Ich trinke einen halben Liter Fanta auf ex. Kowalski zündet sich eine Fluppe an und hilft dann Werner aus seinem T-Shirt, der es nicht alleine schafft. Seine Augen sind von Anstrengung und Schweiß rot geschwollen. Wieder wringt er sein T-Shirt aus, diesmal immerhin über dem Waschbecken. Er sagt, wir hätten eigentlich noch einen weiteren Song spielen müssen, dann hätten wir und alle anderen den beiden Teenagern noch beim Vögeln zugucken können.
Derweil tobt draußen Krieg. Die After-Show-CD von Sepp fliegt nach nur einem Song raus, denn die Lemonheads sind hier nicht gefragt. Der DJ legt in ohrenbetäubender Lautstärke Turbonegro auf. »Get it on«. Jetzt gehts los, volle Kanne Dorfdisco. Dr. Menke muss derweil auf der Bühne unser Equipment vor durchdrehenden Kids beschützen. Er gibt Setlisten raus, Plecs und ausnahmsweise sogar alte Drumsticks, die Werner normalerweise für Proben und Soundchecks behält. Aber er hat nicht genug für alle und winkt panisch zwei ihm unbekannte, aber halbwegs seriös wirkende Typen von der Vorband ran, die ihm beim schnellen Verstauen von Fußschaltern, Gitarren, Kabeln und Mikros helfen. Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wird auf kurzem Wege in irgendwelche Koffer geworfen. Kabel aufrollen, Mikros sortieren, das kann man später immer noch machen. Jetzt ist es oberste Priorität, unseren Kram zu retten, bevor hier alle total ausrasten.
Der Alkohol fließt in Strömen. Minderjährige pissen, scheißen und kotzen die Klos zu. Ein Nachwuchspunker legt sich beim Pogen aufs Maul und verliert auf dem gekachelten Boden einen Zahn. Wild aus dem Mund blutend wird er von seinen Freunden aus dem Saal geschleppt. Schreiend versucht er sich von ihnen zu befreien: »Lasst mich, ich will pogen, ich hab nichts, lasst mich los, ihr Schweine!«
Mein Mitgefühl gilt Simon, dem Mann an der Front. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, mit was für Gestalten er es gerade am Merchandisestand zu tun hat. Die arme Sau.
Als wir kurze Zeit später unser Equipment mitten durch die tanzende, stolpernde, schlafende, lallende und kotzende Meute tragen, beobachte ich den Zivildienstleistenden des Ladens, wie er versucht, einen Altrocker zu wecken, der im Stehen mit dem Gesicht auf der Theke eingeschlafen ist. Seine fettigen langen Haare liegen in einer Bierpfütze, seine Arme hängen schlaff an ihm herunter. Als er endlich aufwacht, taumelt er wirr mit sich selbst redend durch den Raum und sucht den Ausgang am falschen Ende des Gebäudes. Dann kommt er zurück, stellt sich vor mir auf und schreit mich an, dass er wieder kommen und meinen ganzen Laden anzünden wird. Speichel läuft aus seinem Mund.
Wir verstauen unseren Kram und machen, dass wir da raus kommen.
Abends surfst du angeödet durchs Internet und bietest aus lauter Langeweile bei eBay auf ein paar Neunziger-Jahre-Gitarrenpop-CDs, über die du damals immer gelästert hast, wie es sich für einen coolen Punkrocker gehörte. In Online-Fanzines liest du Interviews mit Bands oder Künstlern, die du nicht kennst und die überhaupt nichts Interessantes zu erzählen haben. Dabei trinkst du Alkohol. Rotwein, Weißwein, Wodka-O, Whiskey mit Eis. Du trinkst und trinkst, wirst aber nicht besoffen. Deine Bewegungen werden unkoordinierter, deine Augen schummrig, aber der Rausch, dieser gute, befreiende, kreative große Bruder, er will sich einfach nicht einstellen.
In der Zwischenzeit werden die Menschen besser an ihren Instrumenten, probieren neue Sachen aus, lernen Dinge wie Fotografieren oder Tauchen, haben tolle Körper, machen Sport, ziehen in fremde Städte oder erforschen ferne Länder, sie studieren Geschichte oder Biologie, machen außerordentliche Erfahrungen mit synthetischen Drogen, sie verlieben sich oder werden Sexprofis, erhalten Unmengen an Geld, Befriedigung oder Fans, und du machst einfach nicht mit. Während die Welt sich in atemberaubender Geschwindigkeit weiterdreht, liegst du, von ein paar spastischen Zuckungen abgesehen, vollkommen regungslos in deinen paar Quadratmetern und suhlst dich in deiner Lethargie. Du fühlst dich nicht gut dabei, du bist alles andere als glücklich mit diesem Einsiedler-Dasein, aber du kannst dich nicht aufraffen, etwas Neues anzufangen. Die Welt ist so schnell und gut drauf, alle sind so gut in ihrer Abteilung, dass du dich in ihrer Gegenwart blöd, lächerlich und alt fühlst und jeglichen Elan verlierst, an deiner Situation etwas zu ändern.
Wenn du auf der Straße entfernten Bekannten begegnest, versuchst du, ihnen aus dem Weg zu gehen. Du schaust auf den Boden, tust so, als würdest du telefonieren, oder kramst in deiner Tasche, als würdest du etwas suchen. Manchmal biegst du sogar in eine Seitenstraße ein und nimmst einen Umweg, nur um nicht in die Verlegenheit zu kommen, mit jemandem reden zu müssen. In den Supermarkt gehst du nur mit dem MD-Player in der Tasche. Die Musik auf den Ohren gibt dir einen Schutzschild, ohne den du nur ungern das Haus verlässt. Du guckst dir bewusst Phrasen von anderen ab, kopierst ihren Plauderton, übernimmst ganze Sätze, damit du beim von Zeit zu Zeit unvermeidbaren Smalltalk nicht auffällst, damit du dein Gegenüber schnell wieder los wirst, ohne ihm ein mulmiges Gefühl zu geben. Niemand soll dich fragen, was mit dir los ist. Du weißt es doch selbst nicht.
Mindestens fünf Mal fängst du an, »Moby Dick« zu lesen. Immer hörst du nach wenigen Seiten wieder auf, weil du aus Zwang, nicht aus Lust liest. Nichts macht dir Spaß. Du bist so einsam und verzweifelt, dass du nicht mal schreibst, liest, Gitarre spielst, Freunde besuchst oder irgendwen anrufst. Du hältst dich für durch und durch unzumutbar und möchtest nicht, dass dich jemand so sieht. Du schwankst zwischen Selbsthass und Selbstmitleid, zwischen Weltschmerz und Verachtung, zwischen Hass und Gleichgültikeit. Du kotzt dich selber an.
Dann fängst du an, mit dir selbst zu reden. »Schnauze«, sagst du, wieder und wieder. Fernseher an, »Schnauze, Arschgeburt«, Fernseher aus. Du singst Melodien von bekannten Songs mit einem einzigen Wort nach: Schnauze. Schnauze Schnauze Schnauze.
3.
Wir halten bei McDonald’s. Die Tourneeleitung findet das gut, weil es schnell geht und überall gleich schmeckt. »Überall gleich scheiße«, füge ich hinzu. Die Auswahl an vegetarischem Essen ist hier extrem begrenzt. Design und Geräuschkulisse sind unerträglich. Ich fühle mich jedes Mal wie ausgekotzt, wenn ich da rauskomme. Als hätte ich mich total gehen lassen. Eklig, aufgeschwemmt, übersatt und trotzdem noch immer hungrig. Ich würde lieber eine halbe Stunde eher losfahren und dafür an einer vernünftigen Pizzeria halten, wo man sich in Ruhe hinsetzen und einen Wein zum Essen bestellen kann. Ist das denn zu viel verlangt? Ist das etwa spießig, oder was?
Burger-Restaurants sind der reine Terror. Für die Gesundheit, für die Nerven. Ich beschließe, da nicht mehr reinzugehen, auch wenn ich das Wort »Boykott« nicht ausstehen kann. Zum ersten Mal habe ich es im Geschichtsunterricht in Verbindung mit dem 9. November 1938 gehört und seitdem ein gespaltenes Verhältnis dazu. Boykott erinnert mich außerdem an pubertären Aktionismus und gutmenschlerische Onanie. Aber egal wie man es nennt, ich versuche, es zu vermeiden, hier zu essen. Sollen die anderen sich doch ihren Scheißfraß holen, sind ja eh kaum noch Vegetarier an Bord. Alle eingeknickt, erst heimlich, dann ab und zu mal Fisch essen, und schließlich so richtig loslegen. Wie alle ehemaligen Vegetarier scheinen sie sich jetzt ausschließlich von Fleisch zu ernähren. Haben wohl einiges nachzuholen.
Sollen sie sich doch ihre schmierigen Fish- und Bigmäcs reinschieben, den pulvrigen Brei mit dickflüssigen Milkshakes runterspülen und sich als Dessert noch ein nur aus Zucker und Kälte bestehendes Eis hinterherzwängen. Ich gehe lieber mit Mario zur Tanke und kaufe mir eine Tüte Erdnussflips. Das ist nicht geil, kostet aber ein Zehntel, bei doppelter Nahrhaftigkeit.
Du willst euer neues Lied hören, das du bei der letzten Bandprobe auf Mini-Disc aufgenommen hast. Du musst es unbedingt laut hören, aber es ist schon spät. Aus Rücksicht gegenüber deiner Mitbewohnerin, die einen sozialen Beruf ausübt und morgen früh raus muss, hörst du es nicht über die Stereoanlage, sondern stopfst dir den MD-Player in die hintere Pyjamatasche und die Stöpsel in die Ohren. Ein guter Song, noch ohne Gesang, aber schon sehr mitreißend. Noch vorm ersten Refrain hast du deine Gitarre umhängen und stehst vor dem Spiegel. Je öfter und lauter du es hörst, desto besser siehst du dabei aus. Die Massen jubeln dir zu, du bewegst dich unheimlich cool und hast einen aggressiven Gesichtsausdruck drauf. In der Bridge, kurz vorm letzten Refrain, lächelst du einmal ganz leicht, das wirkt in diesem Zusammenhang ein bisschen irre, aber irgendwie auch süß. Auf einer Empore neben der Bühne entdeckst du vier oder fünf Mädchen, die du heiß findest, und bist dir sicher, dass keine von ihnen diesem Blick widerstehen kann!
Am Ende gibt es einen richtigen Showdown, eine derbe Steigerung, bei der die Gitarren heulen und kreischen, während Schlagzeug und Bass einen monotonen, lauter werdenden Beat spielen. Du wirbelst einmal um deine eigene Achse und denkst: »Boah, ich bin ein freshes Biest! Ich bin ganz schön …«
Du hast nicht bemerkt, wie der MD-Player aus der Hosentasche gerutscht ist, plötzlich reißt es dir die Stöpsel aus den Ohren und du hörst nur noch den Aufprall: ein großes BAZONG! Mit vielen kleinen SCHATENG!s hinterher. Die Batterieklappe ist aufgesprungen, die Batterie rausgekullert. Du willst sie wieder einlegen, aber die Klappe lässt sich nicht mehr schließen.
In Pyjamahose und T-Shirt sitzt du auf deinem Bett, die Gitarre auf den Knien, das Plektrum im Mund, und drückst und schiebst, aber die Klappe will einfach nicht einrasten. Du bist sehr ungeschickt in diesen Fummelarbeiten. Genau genommen bist du ungeschickt in allen Dingen, für die man Hände braucht. Aber schließlich erkennst sogar du das Problem. Ein kleiner Nippel vom Verschluss ist abgebrochen. Wird mit Batterie nicht mehr funktionieren, das Gerät.
Du könntest das Netzteil benutzen, dann allerdings nicht mehr dazu vor dem Spiegel rumposen. Du könntest das Lied über die Stereoanlage weiterhören, aber es ist spät, und die Dame nebenan hat doch diesen sozialen Beruf. Du könntest auch einfach ins Bett gehen.
Zum Einschlafen hörst du Pinback und ziehst dir die Decke ans Kinn. Nachdem alle zwölf Lieder durch sind und du die Augen noch keine Minute am Stück geschlossen hattest, stehst du auf, drückst auf Play, und hörst die CD nochmal. »I wish that you were here, we’d have a tea party to celebrate, drive a cop car into the lake, hold our breath for two long boring days«.
Zwischen Soundcheck und Auftritt ist noch Zeit, im Hotel einzuchecken und dort ein wenig abzuhängen. Wir wussten vorher nicht, dass das vermeintliche Hotel ein ehemaliges Studentenwohnheim ist. Es ist bereits dunkel, als wir dort ankommen. Ein riesiges Gelände, auf dem kaum noch Menschen wohnen. Eine Geisterstadt. Unheimlich. Überall werden hier im Osten jetzt Viertel wie dieses abgerissen. Ich habe heute in einer Tageszeitung, die im Bus rumflog, gelesen, dass zum Beispiel Hoyerswerda seit der Wende mehr als ein Drittel seiner Einwohner verloren hat. Ganze Vororte werden da abgerissen. Was muss das für ein deprimierendes Wohn- und Lebensgefühl sein, wenn um einen rum alles zusammenbricht, ausdörrt, den Bach runtergeht. Wenn alle nur weg wollen. Mir tun die Leute leid, die aus beruflichen oder familiären Gründen dort bleiben müssen. Sie haben vielleicht einen Job, den sie hassen, müssen aber im gleichen Moment froh sein, überhaupt einen zu haben. Müssen froh sein, sich morgens aus dem Bett zu quälen und etwas zu tun, das sie nicht tun möchten. Wie absurd. Wie schrecklich. Und ich weiß ja selbst, wie es ist, in einer Stadt zu wohnen, aus der alle abhauen, sobald sie können. Ich habe so viel Zeit dort verbracht, komplette Freundeskreise verloren, weil ich immer der Jüngste war, während meine älteren Freunde irgendwann wegzogen. Die, die blieben, versanken in Lethargie, Drogensucht oder bürgerlicher Zweisamkeit.
Die Zimmer sind karg, hässlich und gammelig. »Funktional« nennt man das auch verklärend. Der Teppichboden ist abgewetzt und staubig, eine nackte Glühbirne baumelt von der Decke. Die Nachttischlampe ist gelb von zu viel Rauch und zu viel Zeit. Die Vorhänge sind schwer, speckig und braun. Es gibt keinen Fernseher und kein Radio. Keine Ahnung, wer auf die Idee gekommen ist, hierher zu fahren. Ich würde lieber bis zum Konzert im Club abhängen, ein paar Leute treffen oder lesen oder schreiben. Ich hänge meine Bühnenklamotten auf die Heizung, Hose, T-Shirt, Unterhose. Sie sind noch klamm, ich habe sie nicht trocken bekommen, weil der Heizkörper im Hotel letzte Nacht schon mit Marios Sachen belegt war. Ich drehe die Heizung auf volle Kanne, aber nichts passiert. Duschen wäre eine Idee, aber es kommt kein heißes Wasser. Nach der langen Fahrt wäre es ein gutes Gefühl, mal die Socken auszuziehen. Der schuppige, dreckige Boden sagt mir: Lass es lieber bleiben. Ich lege mich aufs Bett. Mario liegt auf seinem und döst. Ich lese ein paar Seiten in meinem Buch. »Fräulein Smillas Gespür für Schnee«. Smilla ist ein genauso eigenwilliges, toughes und beeindruckendes Frollein, wie ihr geheimnisvoller, wunderschöner Name andeutet. Aber bereits nach wenigen Seiten fallen auch mir die Augen zu.
Ich befinde mich gerade in einem nicht wirklich entspannenden Halbschlafzustand, als neben mir mein Handy piept. Eine SMS von der Tourneeleitung aus dem Zimmer nebenan. »Heißwasser lange laufen lassen!«, steht drin. Süß, wie er sich um uns kümmert. Ich probiere es. Nach ein paar Minuten wird das Wasser endlich warm. Danke, Tourneeleitung.
Am nächsten Morgen hasst du die Welt, als du siehst, dass du das Gerät vor genau einem Jahr und zwei Wochen gekauft hast. Dein Mitbewohner sagt dir allerdings, dass es dank irgendeiner neuen EU-Verordnung jetzt zwei Jahre Garantie auf technische Geräte gibt. Geil, danke, EU! Du hasst die Welt jetzt nur noch ein bisschen, und zwar, weil du zur Reklamation ein Karstadthaus betreten musst. Die Abteilung ist groß, überfüllt und unterbesetzt. Während du auf einen freien Verkäufer wartest und dich dabei anscheinend als Einziger nicht dreist vordrängelst, schlenderst du durch die Gänge und bist erstaunt über all die Geräte, von denen du noch nie gehört hast. MD-Player sind kaum noch im Angebot, dafür diese MP3-Player. Wahnsinn, in wie vielen verschiedenen Größen es die gibt. Du fragst dich, wer das alles kauft, und wer sich die Mühe macht, all die kleinen Unterschiede zwischen den diversen Ausführungen, Marken und Preisklassen herauszufinden. Große Auswahl schüchtert dich ein. Du willst haben, was du brauchst, und das dann für immer behalten. Deine Jeanshose ebenso wie deinen Verstärker, deine Gitarre wie deine Kaffeemaschine, deine Schuhe wie dein Minidiscdingens. Und dann all die neuen Geräte – wirst du langsam alt, wenn du nicht weißt, was das alles ist und es dich auch gar nicht interessiert?
»Müssen wir einschicken«, sagt der Verkäufer, »kann aber dauern, drei Wochen oder vier, ist bei Sharp normal, was soll ich tun, kann ich ja auch nichts dran machen.«
Als hättest du nach dieser Entschuldigung verlangt, als du ihm das Ding mit den Worten »Ist mir runtergefallen, müsste noch Garantie drauf sein«, in die Hand gedrückt hast. Du scheinst irgendetwas an dir zu haben, das Menschen das Gefühl gibt, du willst ihnen was. Dabei pocht in dir doch ein großes Herz für arme Leute wie Karstadtverkäufer, Pommesbudenfrauen oder Aldikassiererinnen, die sich Tag für Tag rabiate, boshafte »Kunde-ist-König«-Mentalitäten gefallen lassen und dabei dann noch freundlich und geduldig bleiben müssen.
Drei Wochen ohne Musik auf den Ohren. Das heißt drei Wochen ohne Schutzschild in den Supermarkt. Es macht dir Angst.
4.
Werner fährt schon wieder seit Stunden. Er setzt sich einfach morgens ans Steuer und fährt los, hält ab und zu zum Rauchen an und fährt danach weiter. Ich glaube nicht, dass es immer gut für ihn ist, denn er braucht viel Schlaf. Abends ist er oft müde und verspannt. Aber wenn er mal nicht fährt, langweilt er sich sofort. Er kann während der Autofahrt nicht schlafen, also liest er ein bisschen. Dann kriegt er Bierdurst und sitzt angeödet herum, vollends damit beschäftigt, sich das Saufen zu verkneifen. Ich kann mich ohnehin nicht beschweren, ich profitiere wie alle anderen davon, dass er uns die ganze Zeit durch die Gegend kutschiert. Meistens würde ich mich gar nicht trauen, selbst zu fahren, aus Angst vor dem Restalkohol in meinem Blut.
Die Heimfahrt von der Grillparty ist nicht lang, maximal zehn Minuten. Du hast eine Flasche Wein und mehrere Schnäpse getrunken, fährst aber ganz normal. Zumindest bis du kurz vor deiner Wohnung an einer roten Ampel einen Blick in den Rückspiegel wirfst: Ein Polizeiwagen ist hinter dir. Absoluter Zufall zwar, aber er macht dich nervös. Als die Ampel auf grün umspringt, drückst du panisch aufs Gaspedal. In einer Kurve gerätst du kurz auf die Fahrbahn neben dir und ziehst ruckartig wieder rüber. Mein Gott, so eine Ente hat aber auch wirklich eine komische Lenkung. Vielleicht ist es ja auch ein bisschen windig, stürmisch gar, in dieser lauen Sommernacht Mitte Juni …
Es ist Benjas Ente, sie sitzt neben dir und sieht dich entgeistert an. Du wirfst einen Blick auf den Tacho und bemerkst, dass du bei siebzig km/h bist. Das nächste, woran du dich erinnern kannst, ist die »Bitte folgen«-Anzeige auf dem Dach des Polizeiwagens, der euch überholt. Sie fahren rechts ran, du hinterher. Langsam steigen die Beamten aus. Du weißt später nicht mehr, was dir durch den Kopf ging. Totaler Blackout.
»Haben Sie was getrunken?«
»Nein. Na ja, ein Glas Wein.«
»Steigen Sie bitte mal aus.«
Du steigst aus, hauchst dem Kerl vorsichtig ins Gesicht, worauf der das Pustegerät holt. Es sagt »1,0 Promille«. Auch Benja muss pusten. Sie hat genau wie du eine Flasche Wein und ein paar Schnäpse getrunken, ist einen Kopf kleiner und mindestens zwanzig Kilo leichter als du, und das Gerät zeigt bei ihr nur 0,2 Promille an. Sie hat sich nicht mehr fahrtauglich gefühlt, wollte aber auch nicht nach Hause laufen, und als Zeichen deiner Liebe, na ja, vielleicht eher als Beweis deiner Tollkühnheit, hast du gesagt: »Okay, ich fahre«, womit du ausdrücken wolltest: Baby, mach dir keine Sorgen, wenn ich bei dir bin, musst du niemals laufen, ich bin ein tougher Typ und hab alles im Griff, lehn du dich nur an meine starke Schulter und schlummere sanft dahin, während ich dich durch die dunkle Nacht geleite!
»So, dann setzen Sie sich mal ans Steuer und fahren hinter uns her zur Wache«, sagt der Bulle zu Benja. Verdattert schaut sie erst ihn, dann dich, dann wieder ihn an, setzt sich aber schließlich hinters Steuer.
»Scheiße, ich bin total breit, ich kann doch jetzt nicht fahren!«, flucht sie im Wagen. »Und ich krieg bestimmt voll einen an ’n Arsch, weil ich Fahrzeughalterin bin und einen Betrunkenen habe fahren lassen!«
Dass das unwahrscheinlich ist und du außerdem weitaus beschissener dran bist, sagst du ihr nicht. Du sitzt nur schweigend da und hoffst, deinen Alkoholspiegel auf der fünfminütigen Fahrt durch bloßen eisernen Willen auf unter 0,5 Promille senken zu können.
Was dir nicht gelingt. Ihr verbringt eine halbe Ewigkeit auf der Wache. Nachdem deine Personalien aufgenommen und einige Lauf- und Koordinationstests gemacht sind, wartet ihr auf den Arzt, der dir Blut abnimmt. Es stellt sich später heraus, dass du genau 1,06 Promille hast. 0,04 Promille mehr, und es wäre eine Straftat gewesen. Gut, dass du das letzte Glas nur halb ausgetrunken hast. Das nennt man Glück im Unglück, worüber du dich aber nicht wirklich freuen kannst, denn du hast den Führerschein erst seit einem halben Jahr, bist also noch in der Probezeit, und jetzt ist er weg. Erst nach neun Monaten, der Bezahlung einer Geldbuße und dem Absolvieren eines idiotischen Kurses mit zehn anderen Verkehrssündern und einer Psychologin wirst du ihn wiederbekommen.
Irgendjemand traut sich, den Satz zu sagen: »Können wir mal anhalten, ich muss pissen!«
Vier oder fünf Leute denken: Jaaaa, rauchen, rauchen, rauchen!
Zur Antwort gibt es nur das alte Zitat aus »Superstau« – »Nix da, im Fernsehen wird auch nicht gepinkelt!«
Schließlich steuert Werner eine Raststätte an. Wir müssen tanken. Vier oder fünf Leute denken: Jaaaa, rauchen, rauchen, rauchen!
Werner tankt den Wagen voll, die Tourneeleitung stellt sich schon mal zum Bezahlen an. Das habe ich früher gern gemacht. Es war immer super, mit der verbeulten Bandkasse dazustehen, aus der die Scheine nur so hervorquollen, wenn man sie öffnete. Manchmal fielen welche heraus, und man musste sie zwischen Schokoriegeln und Flachmännern wieder einsammeln. Die Tankwarte wussten nicht, dass kaum etwas davon uns gehörte. Sie hatten ja keine Ahnung, dass wir alles wieder abdrücken mussten, für Busmiete, Gitarrensaiten und Sprit. Sie sahen nur den etwas dreckigen, verpennten oder restbetrunkenen Hallodri mit dem großen Haufen Bargeld und dachten: Warum stehe ich hier für einen Hungerlohn, und diesem Bunken fällt die Knete bündelweise aus der Kasse! Oft waren sie merklich irritiert. Drogendealer? Zuhälter? Dieb? Einmal, noch vor der Einführung des Euros, hatte ich einen Fünfhundert-Mark-Schein, und obwohl die Kasse voll war mit Kleingeld vom Merchverkauf, konnte ich es mir nicht verkneifen, mit dem großen Schein zu bezahlen. Die Augen des Tankwarts funkelten vor Hass und Sozialneid.
Seit wir nur noch per Karte zahlen, macht es keinen Spaß mehr, und ich überlasse das Bezahlen gerne der bankkartenverwaltenden Tourneeleitung.
Auf dem Klo trifft man sich und tauscht sich aus: »Na, hast du die ganze Zeit gepennt? Ach, was liest du denn? Wir könnten auch mal wieder einen Film gucken, mal Simon fragen, ob er noch irgendwas Gutes dabei hat. Wie weit ist es eigentlich noch?«
Und: »Ach Mist, ich hab mein Geld vergessen, kannst du mir fünfzig Cent für die Klofrau leihen?«
Ich fühle mich mies, wenn ich an dem Tischchen der Klofrau vorbeigehe und ihrem Blick ausweichen muss, vom schlechten Gewissen geplagt, weil ich kein Geld in die Untertasse lege. Vor einer halben Ewigkeit sind wir mal von Prag nach Wien gefahren, und als wir kurz vor der österreichischen Grenze zum Pissen anhielten, hatte ich keine Münzen dabei. Die Klofrau rannte hinter mir her, hielt mich am Ärmel fest und schrie hysterisch: »Dee-Mark! Dee-Mark!!!« Ich geriet in Panik und rief flehend Mario um Hilfe: »Mario, hast du Geld dabei!« Mario saß auf dem Scheißhaus und schob mir sein Portemonnaie unter der Tür durch. Ich fand ein Zwei-Mark-Stück darin und gab es der keifenden Dame, erst dann ließ sie meinen Ärmel los. Seitdem bin ich etwas traumatisiert und gebe immer was. Seit Neuestem gibt es an immer mehr Raststätten dieses Sanifair-Dingens, wo man fünfzig Cent in einen Automaten werfen muss, bevor die Schranke sich öffnet. Für die fünfzig Cent gibt es einen Gutschein, den man auf den Kopf hauen kann. Pissen für ein Hanuta. Geil. Seit Einführung dieser demütigenden Konstruktion freue ich mich jedes Mal über den Anblick einer guten alten Klofrau.
Und dann: Hunger. Er kommt zur falschen Zeit. So ist das eben, man will immer was, wenn es nichts gibt. Das ist nachts, nach dem Konzert, wenn das Catering längst weggeräumt wurde und die Imbissbuden schon geschlossen haben. Oder eben nachmittags, während der Fahrt, wenn man als Vegetarier zwischen pappigen Raststätten-Pommes und belegten Tankstellen-Brötchen entscheiden kann, beides zu happigen Preisen, beides serviert von unfreundlichen, biestigen Rastplatzangestellten. Sepp bunkert jeden Tag beim Catering Schokoriegel in seiner Tasche und bietet mir während der Fahrt welche an, aber ich kann das Scheißzeug nicht mehr sehen. Also entscheide ich mich für das Brötchen, an dem der Käse dunkelgelb und steinhart raushängt. Es ist eiskalt und schmeckt nach gar nichts. Genausogut könnte ich die Plastikverpackung essen.
Die anderen stehen draußen um einen Coca-Cola-Schirm und saugen schweigend an ihren Zigaretten. Dr. Menke raucht direkt zwei nacheinander. Er ist Anhänger der Theorie, dass man im Voraus rauchen kann. Wenn er jetzt zwei hintereinander wegdampft, überlistet er damit seine Lunge und schlägt mindestens fünfzig Kilometer Fahrt mehr raus, bis sie sich wieder meldet. Wenn er weiß, dass wir in Kürze anhalten, holt er den Tabakbeutel raus und dreht schon mal vor. Während er die Erste raucht, dreht er schon die Nächste.
»Erst mal schön ’nen Böller aufn Zahn rollen!«, raunt er leise, und ich weiß, dass er gerade sehr glücklich ist.
Mit gehörigem Mauldampf wachst du in der Transe auf, eurem eigenen Bandbus, ein zwanzig Jahre alter Ford Transit, der fünfzehn Liter Super mit Bleizusatz schluckt und euer ganzer Stolz ist. Werner liegt neben dir. Ihr wart in der Nacht vorher auf einer Bootsparty, mit der eine befreundete Band ihren neuen Tonträger feierte. Eine schöne Fete. Zweihundert Gäste sind in schicker Abendgarderobe erschienen, das Boot tuckerte ein paar Stunden den Rhein entlang, und es gab einiges zu trinken. Nachher spielte die Band auf dem Boot, und als die ersten Töne ihres derben Hardcoregebretters erklangen, fing eine Bedienstete am Tresen vor Schreck an zu weinen.
Auch ihr seid mit einer stattlichen Anzahl an Leuten angereist. Die meisten nahmen heute Morgen den ersten Zug zurück in die Heimat. Werner und du hattet den Kanal allerdings noch nicht voll und begabt euch auf eine Kneipentour. Irgendwer muss ja schließlich auch die Transe nach Hause fahren, also seid ihr dageblieben und spät nachts zum Bulli gewankt. Im Kofferraum gibt es immer einen großen Vorrat an Schlafsäcken und Decken, die so gammelig sind, dass niemand sie nach einer Tour mit nach Hause nehmen will. Es ist also gar nicht so ungemütlich da hinten.
Es muss gegen Mittag sein. An eurem Parkplatz am Straßenrand rauscht der Verkehr vorbei. Du kannst nicht mehr schlafen. Unterm Rücksitz findest du eine Flasche Cola ohne Kohlensäure, egal, besser als nichts, und sitzt eine Weile da, beschäftigt mit dem Versuch, die letzte Nacht zu rekapitulieren, bis du schließlich Werner aufweckst.
»Ey Alter, wach auf, ich kann nicht mehr pennen!«
»Wass los …?«, murmelt Werner.
»Ich kann nicht mehr pennen. Ist schon zwölf durch, lass uns abhauen hier!«
Nach kurzer Aufweckphase ist Werner zwar prinzipiell einverstanden, sagt aber, dass er noch total besoffen sei und auf keinen Fall fahren könne. Du bist dir deines restalkoholisierten Zustandes durchaus bewusst, aber ein ungeduldiger Typ.
»Na gut, dann fahr ich.«
»Meinst du, dass das so ’ne gute Idee ist?«, fragt Werner. Aber du sitzt schon am Steuer und spulst dein Lieblingsmixtape zurecht. »Little Light« von Jets to Brazil läuft. »Flip the tape, hit rewind …«
Es geschieht hundertfünfzig Meter weiter an einer Kreuzung. Vor dem Verkehrsschild steht ein Baum, sodass du zu spät entdeckst, dass es rechts Richtung Autobahn geht. Die Ampel ist rot, du wirfst einen Blick in den Rückspiegel. Hinter dir scheint niemand zu sein, also setzt du zurück auf die Rechtsabbiegerspur. Du hast nur den Golf übersehen, der dort steht. Toter Winkel, weißt du noch?
Blake Schwarzenbach singt gerade die Zeile »… it’s my turn to drive«, als deine Stossstange krachend auf dem Kotflügel des Golf zum Stoppen kommt. Kein großer Schaden, war ja nur Schrittgeschwindigkeit. Aber als du aussteigst, um den Schaden zu begutachten, hat der Fahrer schon sein Mobiltelefon am Ohr.
»Kein Problem!«, sagt er, »die Polizei ist gleich da!«
»Äh, können wir das nicht auch ohne regeln«, stammelst du, »ich äh, ich habe nämlich getrunken.«
Du wirst dich noch lange fragen, was dich zu dieser Aussage bewogen hat. Vielleicht erschien dir kompromisslose Ehrlichkeit angesichts deiner desaströsen Lage als letzte Möglichkeit, das drohende Unheil abzuwenden. Der Fahrer allerdings setzt sich sofort wieder in seinen Wagen, kurbelt das Fenster hoch und verriegelt die Tür. Du hast gerade Werner losgeschickt, um dir irgendwo Kaugummis zu besorgen – »Oder irgendwas anderes für den Atem!« –, da biegt auch schon der Streifenwagen um die Ecke. Die Polizistin stellt dir eine Frage zum Tathergang, und als du antwortest, rümpft sie die Nase und holt sogleich den Alkometer. Du pustest so sanft wie möglich in das Röhrchen. Es nützt nichts. Sie will dir das Ergebnis nicht mitteilen, hebt aber erstaunt die Augenbrauen und sagt, dass du zum Bluttest mit auf die Wache kommen musst. Wieder einmal.
Ihr sollt im Streifenwagen mitfahren, aber weil die Transe noch halb auf der Straße steht, muss sie weggefahren werden. Zu diesem Zweck wird auch Werner gebeten, einmal zu pusten, und anders als dir wird ihm das Ergebnis sofort mitgeteilt: 0,0 Promille. Du kannst es nicht fassen – erst Benja, jetzt Werner, dazu die dutzenden Geschichten von Bekannten, die volltrunken pusten mussten und anschließend weiterfahren durften – funktionieren diese Dinger denn nur bei dir? Werner erzählt dir später, dass er noch nie so breit am Steuer gesessen hat. Trotzdem schafft er es, den Bulli ohne Auffälligkeiten auf einen nahen Parkplatz zu bugsieren.
Die Prozedur auf der Wache ist dir bereits bekannt.
Du kommst dir vor wie ein alter Hase, ein Ex-Knacki, ein Profiverbrecher. Dein Führerschein wird dabehalten, nach der Blutabnahme könnt ihr gehen. Das heißt, zum Auto gehen, wo ihr eine Weile warten müsst, bis Werner sich nüchtern genug zum Fahren fühlt.
Ungeduldig wartest du in den folgenden Tagen auf das Ergebnis des Bluttests. Mehrmals rufst du bei der Polizeiwache an, bekommst aber nie eine eindeutige Aussage. Nach mehr als einer Woche erreichst du schließlich den zuständigen Beamten.
»0,6 Promille, da haben Sie gerade nochmal Glück gehabt! Der Führerschein ist schon in der Post, unterwegs zu Ihnen!«, bellt er dir freundlich ins Ohr. Du verstehst die Welt nicht mehr. Die Kombination Unfall-unter-Alkoholeinfluss / Immer-noch-Probezeit / Schon-mal-mit-Alkohol-aufgefallen ist doch eigentlich eindeutig: Der Lappen muss mal wieder abgegeben werden.
»Aber das verstehe ich nicht!«, flüsterst du, doch du hast Glück, der Polizist ist offensichtlich in Eile und geht nicht weiter darauf ein. So kommt es, dass du einerseits den Führerschein zurückgeschickt bekommst und somit weiterhin Auto fahren kannst, andererseits aber zu einer saftigen Geldbuße und einer MPU verdonnert wirst.
Die Tourneeleitung kommt vom Bezahlen zurück und ruft: »Dienstbesprechung!«
Fast jeden Tag gibt es kurz vor der Ankunft eine Besprechung, in Businesssprache: ein Briefing, damit zumindest theoretisch jeder auf dem gleichen Wissensstand ist und niemand sich beschweren kann, dass ihm Informationen vorenthalten würden.
»Wenn wir ankommen: sofort ausladen. Der Club ist in einer Fußgängerzone, wir packen die Backline raus und fahren gleich darauf den Bus weg. Nehmt auch eure Taschen mit, der Pennplatz ist um die Ecke. Zwei Viererzimmer, einmal Raucher, einmal Nichtraucher. Ich geh ins Nichtraucher. Verpedert wird woanders. Dann Soundcheck bis um sieben, danach Essen. Zocken ist um zehn, Curfew um zwölf. Nach dem Konzert ist angeblich noch Indie-Disco.«
»Yeah, Disco!«, ruft Kowalski und fängt an, den Moonwalk zu tanzen. Der Rest der Band applaudiert.
»Ey, Punkt neun!«, brüllt die Tourneeleitung. »Ich hab noch zwei Interviews, eins macht Mario, für das andere brauche ich noch ’nen Freiwilligen.«
»Was mache ich?«, fragt Mario.
»Ein Interview. Dieses Radioding, haben wir gestern drüber geredet.«
»Aha, wirklich? Wie heißt das Radio?«
»Radio Schieß-mich-tot, was weiß ich. Die Interviewerin heißt Sonja Hufschmied. Klang nett am Telefon. Ist um halb acht.«
»Okay.«
»Das andere ist um neun.«
»Da muss ich anfangen, mich warmzusingem!«, sage ich erleichtert.
Ich habe nichts gegen Interviews, im Gegenteil, ich begrüße es, dass Menschen an unserer Band interessiert sind und versuche immer, mir viel Mühe dabei zu geben. Aber ich habe im Vorfeld der Tour schon sauviele Interviews gegeben und bin froh, wenn ich als Sänger mich auch mal drücken kann.
»Okay. Also Kowalski und Werner.«
»Also, ich sag eh nix«, nuschelt Kowalski kaum hörbar in seinen Dreitagebart. Er hat diesen Spruch schon so oft gebracht, dass wir wissen, was er gesagt hat, auch ohne ihn akustisch verstanden zu haben.
Werner verdreht die Augen und sagt: »Jaja, ich mach das sowieso lieber alleine.«
»Also Werner. Das wars. Sonst noch Fragen?«
»Haben die einen Raum zum Warmsingen?«
»Weiß ich noch nicht.«
»Spielt die andere Band über unsere Backline?«
»Keine Ahnung.«
»Wo ist der nächste Massagesalon?«
»Es ist nicht meine Aufgabe, das zu wissen.«
»Weißt du überhaupt irgendwas?«
»Leck mich am Arsch. Weiterfahren!«
Wir trotten zum Bus und fahren weiter.
MPU, das heißt »Medizinisch-Psychologische Untersuchung«, eine Untersuchung, die beim TÜV durchgeführt wird und besser unter dem Begriff »Idiotentest« bekannt ist. Der Idiotentest muss vom Teilnehmer selbst bezahlt werden, er kostet über tausend Mark und genießt keinen guten Ruf. »Da fallen fast alle durch«, hört man immer wieder, »beinahe unmöglich, den zu schaffen!«
Tja, und hier sitzt du nun und wartest, dass du dran bist. Der Wartesaal ist voll. Du warst einer der Ersten heute Morgen, und du bist mit Sicherheit der Einzige, der selbst mit dem Auto hierhergefahren ist. Während der letzten zehn Monate ist keiner Behörde aufgefallen, dass dir irrtümlicherweise dein Führerschein zurückgeschickt wurde.
Nett von Kowalski, dass er dir seinen Kadett geliehen hat. Egal wie das heute ausgehen wird, die Fahrt hierher wird dir noch lange in Erinnerung bleiben: entweder als der Weg zum Schlachtfeld, auf dem du tapfer und erfolgreich um deine Unabhängigkeit und Ehre gekämpft hast, oder aber als die letzte Autofahrt deines Lebens.
Du bist wild entschlossen, die MPU zu schaffen. Du hast dir eine gute Story zurechtgelegt, nach der du die Schnauze voll hast vom Alkohol und außerdem dein Leben jetzt voll unter Kontrolle. Du hast den Kontakt zu deinen alten Freunden abgebrochen, bist deswegen mit deiner Freundin in eine andere Stadt gezogen und hast auch dein Studium wieder aufgenommen, das du in der Zeit vor der alkoholisierten Unfallfahrt eher hast schleifen lassen. Bis auf den Umzug, allerdings aus anderen Gründen, ist nichts davon wahr. Alles erstunken und erlogen. Na ja, eine Kleinigkeit noch, die der Wahrheit entspricht: Du willst kein Idiot sein. Du willst es beweisen, dem TÜV-Psychologen, den Polizisten, deinen Freunden und Eltern, der ganzen Welt, vor allem aber dir selbst: »Ich bin kein Idiot!«
Das Gespräch mit dem Psychologen wird ein Balanceakt zwischen »keine Lust mehr auf Saufen« und »trockener Alkoholiker« werden. Immerhin hast du zwei Monate lang keinen Alkohol getrunken, um heute deine Leberwerte in Ordnung zu haben. Von einem Rückfall mit Benja in Prag mal abgesehen, als du es nicht mehr aushalten konntest. Du warst nicht mehr in Übung, und dummerweise habt ihr noch ein paar Gläser Absinth auf die Wodka-Os gegossen. Vielleicht warst du in deinem ganzen Leben noch nie so betrunken. Als du am nächsten Tag aufwachtest, bekamst du es umgehend mit der Angst zu tun. Seitdem hast du keinen Tropfen mehr angerührt und sogar eine sechstägige Tour mit deiner Band trocken überstanden.
Als erstes wurde dir heute Morgen Blut abgenommen, das genauestens auf eventuelle Kurz- und Langzeitspuren von Alkohol untersucht wird. Dann hast du wieder die üblichen Koordinationstests über dich ergehen lassen. Mit geschlossenen Augen eine gerade Linie laufen, den Finger an die Nasenspitze führen und so weiter.
Der Warteraum ist voller Leute, die alle ihre eigene Version haben, warum sie hier gelandet sind.
»Für mich ist das keine Demokratie mehr!«, empört sich ein rotgesichtiger Mann Mitte fünfzig, Typ Landwirt. »Eine Diktatur ist das! 0,5-Promille-Grenze, und wem haben wir das zu verdanken: Schröder und seiner rot-grünen Bande!«
»Völlig richtig«, sagt die Frau neben ihm. »Und wissense watt: Ich hab denen einen Denkzettel verpasst!«
»Einen Denkzettel?«
»Ja. Ich hab Protest gewählt! NPD! Um denen da oben mal zu zeigen, dass wir nicht alles mit uns machen lassen!«
»Ja richtig, ich stand auch kurz davor.«
Etwa zehn weitere Leute sitzen im Raum. Einige geben hier und da einen Kommentar ab, andere starren wortlos ins Leere. Du gehörst zur letzteren Sorte. Es ist nicht einfach für dich, unter dieser Ansammlung von Vollidioten zu sitzen und dein Maul zu halten. Aber was solltest du diesen Leuten auch sagen. Du kannst sie nicht belehren oder erziehen. Eine Pumpgun wäre das einzig Richtige. Du hoffst inständig, dass alle von ihnen beim Psychologengespräch durchfallen und/oder auf der Stelle tot umfallen.
»Die Frau da am Empfang kann uns auch nicht leiden, wie die guckt!«, bemerkt die Protestwählerin.
»Ach, die ist doch nett!«, entgegnet der Saufbauer.
Die Protestwählerin ist anscheinend sofort umgestimmt: »Stimmt, die ist nett.«
Endlich wirst du zum Reaktionstest aufgerufen. Er verläuft wie in der Fahrschule, nur viel härter. Du sitzt vor einem Bildschirm und sollst auf Kästchen und Bälle in unterschiedlichen Farben und Formen reagieren. Für jedes Symbol gibt es einen eigenen Knopf. Zusätzlich bekommst du über einen Kopfhörer hohe und tiefe Tonsignale, bei deren Ertönen du mit dem linken oder rechten Fuß ein Pedal treten sollst. Im Fachjargon nennt sich diese foltergeeignete Übung »Test für reaktive Stresstoleranz«. Das Ganze dauert mehrere Minuten, die Signale werden immer schneller. Ganz besonders die Geräusche auf den Ohren machen dich wahnsinnig. Neben dir sitzt ein älterer Herr, der schnauft und schwitzt und nach zwei Minuten weinend zusammenbricht.
»Ich pack das nicht! Ich pack das einfach nicht!«, brüllt er und bricht ab. Du versuchst, dich nicht von seinem Gejaule ablenken zu lassen. Für kurze Zeit bist du komplett weggetreten, ohne Gefühl für Raum und Zeit versuchst du nur noch, korrekt zu reagieren und nicht durchzudrehen. Der Test kommt dir endlos vor, aber irgendwie bringst du ihn hinter dich. Ohne Umwege wirst du danach zur letzten Station geschickt, dem Gespräch mit Dr. Hansen.
Der Psychologe sitzt hinter seinem Schreibtisch und liest in deiner Akte. Er ist Mitte bis Ende dreißig, trägt einen Oberlippenbart und schaut nicht mal auf, als du dich ihm gegenübersetzt. Im Kopf versuchst du nochmal deine jüngste Lebenswandlung durchzugehen, bist aber noch viel zu durcheinander von dem gerade absolvierten Test. Dr. Hansen schaut dich skeptisch an und zieht dich ohne irgendeine Begrüßung in den Ring.
»Na, dann legen Sie mal los!«
Du krempelst innerlich die Ärmel hoch und stammelst ein paar einleitende Sätze zu der Situation, in der du mit Alkohol am Steuer erwischt wurdest. Du versuchst, zu dem überzuleiten, was sich seitdem alles verändert hat in deinem Leben. Er will nichts davon hören. Er sitzt nur zurückgelehnt in seinem Chefsessel und eröffnet dir, dass du ja ganz offensichtlich ein kompletter Versager seist, dem man gar nichts glauben könne.
»Führerscheinentzug wegen Fahrens unter Alkoholeinfluss in der Probezeit! Und dann, kaum ist die Fahrerlaubnis zurück, das Gleiche noch mal! Da muss man sich doch fragen, ob Sie noch ganz richtig im Kopf sind! Wenn das zweimal passiert, und die Dunkelziffer lasse ich mal unerwähnt, warum dann nicht noch öfter?!«
Eine berechtigte Frage, musst du gestehen. Eins zu Null für ihn. Du bist wie gelähmt. Nach gerade mal zwei Minuten hat er dich bereits in eine Ecke gedrängt und beobachtet nun, ob und wie du da wieder rauskommen willst. Du beginnst zu schwitzen. Es ist ein schmaler Grat. Du weißt, dass du ihm einerseits nicht Recht geben kannst, denn dadurch würdest du dich selbst als Deppen darstellen, zu dumm zum Scheißen und zum Autofahren sowieso. Andererseits kannst du aber auch nicht reagieren, wie du es normalerweise tun würdest, wenn dich jemand so blöd anmacht, denn dann müsstest du diesem Arschloch sofort einen guten Schwinger verpassen, wenigstens verbal. Nein, du musst dich beherrschen, ruhig bleiben. Er will ja nur testen, wie du in Extremsituationen reagierst, ob du dich unter Kontrolle hast oder aber gleich völlig ausrastest. Und du hast dich doch unter Kontrolle, oder?
Oder?
Es zieht sich endlos hin. Du redest und redest und weißt selbst nicht so richtig, was.
»Aha, elftes Semester und noch nicht mal das Grundstudium beendet, von der Sorte sind Sie also!«
»Das ist richtig, ich habe es schleifen lassen, aber ich habe selbst die Schnauze voll davon, ich will jetzt vorankommen im Leben, deshalb ja auch mein Umzug in die andere Stadt, denn so geht es nicht weiter!«
Hast du das gerade gesagt? Nicht schlecht! Damit kannst du zum ersten Mal einen Aspekt deiner vorher zurechtgelegten Geschichte anbringen. Er hat ja keine Ahnung, dass du von Anfang an nur an dem Semesterticket und der Sozialversicherung interessiert warst und in den fünfeinhalb Jahren keine einzige Vorlesung besucht hast. Natürlich könntest du von deiner Musik erzählen, wie wichtig sie dir ist, und damit leicht seine Einschätzung widerlegen, dass du jemand bist, der nichts im Leben durchzieht. Schließlich hast du seit etlichen Jahren diese Band, sie bedeutet dir sehr viel, und du spielst nicht nur Gitarre und singst, nein, du bist auch das Booking, Management und die Plattenfirma der Band, alles in einer Person! Aber du hast dich entschlossen, die Band nicht zu erwähnen, zu groß ist deine Angst, dass der bloße Begriff »Rockmusik« Assoziationen zu Alkohol und Drogen in ihm wachruft. Bon Scott, Keith Moon, Sid Vicious, Jimi Hendrix, Kurt Cobain …: Namen, von denen sogar er schon mal gehört haben könnte.
Nachdem du ihn davon überzeugen konntest, dass du ein aktives Interesse an einem Dasein als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft hast (nimm dies, Hansen!), wird er etwas milder. Ihr redet darüber, wie du vermeiden kannst, dass so etwas noch mal passiert. Du sagst, dass du außer einem Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt seit einem Jahr nichts mehr getrunken hast, und wenn du jemals wieder einen Tropfen trinken würdest – das »wenn« und das »würdest« betonst du in diesem Satz besonders –, dann würdest du das Auto von Anfang an stehen lassen. Das hat gesessen. Du spürst, wie Dr. Hansen einknickt.
»Jaja, immer dran denken: Taxis sind auch Autos, nech!«, lacht er. Heiser lachst du mit ihm. Die Stimmung hat sich jetzt deutlich entspannt, und bis hierher hast du dich wirklich gut geschlagen, doch doch, da kann man nichts sagen. Du glaubst schon fast, dass du es geschafft hast, als er nochmal einen Blick in seine Papiere wirft.
»Sagen Sie mal, das sieht hier aus, als ob Sie Ihren Führerschein noch hätten!«
»Ja«, antwortest du, dir wird plötzlich schwindelig, »der wurde mir wohl irrtümlicherweise zurückgeschickt.«
»Also, das kann doch nicht wahr sein, das geht doch nicht, wie geht das denn?«, schnaubt er.
»Ich habe mich natürlich auch gewundert, wollte mich aber nicht selbst anschwärzen. Ich liebe das Autofahren, und ich fahre seitdem täglich, nüchtern übrigens.«
Dr. Hansen ist verblüfft. Er sagt, so was hätte er noch nie erlebt. »Ich kann Sie ja durchaus verstehen, aber wenn ich das weitergebe, wenn die Kollegen das sehen, die lassen Sie sofort durchfallen!«
Du glaubst ihm nicht. Der kann dir doch nicht weismachen, dass nicht er allein darüber entscheidet, ob du den Fläppen behältst oder nicht! Zumindest, solange deine Blutwerte in Ordnung sind, liegt das Schicksal deines Führerscheins einzig und allein in der Hand dieses Menschen, das weißt du genau. Du hast das Gefühl, dass er sich nur noch ein bisschen am süßen Duft seiner Macht laben und dich auf die Folter spannen will. Nach kurzem Grübeln setzt er zu seinem Lucky Punch an und macht dir einen Vorschlag: Er lässt dich bestehen, wenn du einer »Nachschulungsmaßnahme für alkoholauffällige Kraftfahrer« zustimmst.
»Das ist ein fünfwöchiger Kurs, pro Woche eine Sitzung.«
Genau der Kurs, den du schon einmal gemacht hast und den du wieder selbst bezahlen müsstest. Kostet mindestens achthundert Mark zusätzlich. Also noch mal so ein beschissener Stuhlkreis mit selbstmitleidigen Versagern und einer Laber-Rhabarber-Psychologin, die euch wie Schulkinder vorrechnen lässt, nach welcher Zeit der Alkoholgehalt von fünfzehn Gläsern Bier und dreiundzwanzig Kurzen im Körper abgebaut ist. Die Vorstellung, das noch mal über dich ergehen lassen zu müssen, macht dich fertig. Andererseits gibt es bei diesem Kurs keine Prüfung. Man fällt nur durch, wenn man gar nicht oder aber betrunken zu den Sitzungen erscheint. Wenn du das Angebot annimmst, hast du den Idiotentest also bestanden. Mit einem bitteren Beigeschmack im Mund willigst du ein.
Dr. Hansen hat nach Punkten gewonnen, dich aber immerhin nicht ausgeknockt.
Als du da raus bist, gehst du schnurstracks zum Wagen. Du hast das Tape schon zurechtgespult. »There’s a sign up ahead, says ›No signs for a while‹ …« »Little Light«, dein Autofahrlied Nummer Eins. Du setzt rückwärts raus und machst dich auf den Weg nach Hause.
Was hier an Catering aufgefahren wird, ist der helle Wahnsinn. Es gibt so ziemlich jedes vegetarische Essen, was man sich vorstellen kann. Gefüllte Paprika. Eingelegte Auberginen. Brotsalat. Couscous. Spaghetti. Reis. Gemüse, Soßen, Brot, Antipasti … Sie stehen zu zehnt in der Küche, alle machen was. Eine kümmert sich um die Salate, einer schneidet Gemüse, eine deckt den Tisch, zwei stehen am Herd … Sie haben einen Ghettoblaster in der Küche, mit dem sie selbstgebrannte Mix-CDs spielen.
Ich erstarre voller Ehrfurcht und weiß nicht, womit wir das verdient haben.
»Womit haben wir das verdient?«, frage ich den Veranstalter, der sich am Getränketischchen einen Kaffee einschenkt. Er lächelt nur.
»Ich meine, ist das Catering immer so reichhaltig bei euch?«
»Na ja«, sagt er, »in der Regel geben sich unsere Küchenleute schon große Mühe, aber heute ist es besonders besonders.«
»Warum das?«
»Weil sich so viele Freiwillige zum Kochen gemeldet haben.«
»Und warum?«, frage ich nochmal, begriffsstutzig, wie ich bin.
»Weil die Leute vom Juz sich seit Wochen auf das Konzert gefreut haben. Die sind alle große Fans von euch. Sie wollen, dass ihr euch an diesen Abend erinnert, und wenn es nur wegen des Caterings ist.«
Das ist ihnen gelungen. Ich habe seit langem nicht so gut gegessen. Ich schaffe es nicht mal, von allem zu probieren. Dann bringen zwei Mädels auch noch eine Schüssel Wackelpudding als Dessert. Mit Vanillesauce.
»Die ist noch warm. Guten Appetit!«
Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht mehr weiter essen kann. Ich bin gerührt. Alle von uns sind es.
Wir dürfen auf keinen Fall vergessen, diesen Leuten heute Abend ein Lied zu widmen. Früher, auf den Hardcore-Konzerten in den AJZs der Republik, war das gang und gäbe – jede einzelne Band hat sich mindestens einmal während des Auftritts artig für die zerkochte Nudelpampe bedankt. Ich fand das immer aufgesetzt und peinlich. Heute dagegen mache ich mir sogar eine Notiz auf der Playlist. »ESSEN: DANKE.« Ein Ansagen-Stichwort auf der Playlist ist zwar extrem uncool, aber ich kenne mich, im Eifer des Gefechts vergesse ich solche Dinge, und das will ich auf keinen Fall riskieren.
Wackelpudding mit Vanillesauce. Wahnsinn. Das habe ich zum letzten Mal gegen Mitte oder Ende des letzten Jahrzehnts von meiner Mutter serviert bekommen.
5.
Ich erkenne ihn nicht gleich, er fällt mir eher wegen seiner komischen Haltung auf. Etwas unbeteiligt und verloren, als warte er auf irgendwas, lehnt er neben unserem Merchandisestand, ohne sich Platten, Shirts oder Buttons anzugucken oder mit irgendwem zu reden. Ein paar Mal kreuzen sich unsere Blicke, aber auch da erkenne ich ihn noch nicht. Dabei hatte die Tourneeleitung ihn schon angekündigt:
»Ey, da draußen am Merch steht dieser eine Typ, den kennst du, der, der aussieht wie ’ne Frau, die wie ein Mann aussieht!«
Ich hatte keine Ahnung, wovon er redete. Erst, als ich mich aus meiner Unterhaltung mit einem Typen von der anderen Band gelöst habe, bemerke ich, dass mich jemand direkt anguckt, und als ich den Blick erwidere, hebt dieser Jemand grüßend seine Bierflasche. Ach was, Mäse!, denke ich. Beim Auftauchen seines Namens in meinem Kopf durchzuckt es mich leicht, und als er auf mich zukommt, begrüße ich ihn lieber mit einem unverfänglichen: »Moin Alter, was machst du denn hier!«
Matthias Schneider war eigentlich ein unauffälliger Kleinstadtjunge. Er spielte zunächst mit Matchboxautos, dann mit Playmobil- und Actionfiguren, und schließlich mit seinem Penis. Ungefähr zu dieser Zeit fing er an, nach der Schule mit anderen Jungs aus der Klasse auf dem Spielplatz hinterm Freibad rumzuhängen, wo sie durch das Reißen möglichst schweinischer Witze, das Fachsimpeln über die Brüste ihrer Mitschülerinnen oder das heimliche Rauchen von Zigaretten in der Seilbahnhütte ihre Pubertät auslebten. Fast alle hatten Spitznamen, die sich entweder von ihren Vor- oder Nachnamen ableiteten. Johannes wurde zu Jojo, Kampmann zu Kampo, Schlüter zu Schlüti, Jan zu Janni usw.
Matthias Schneider hatte nun das Pech, dass es außer ihm noch einen anderen Matthias in der Clique gab, der von allen »Matze« gerufen wurde. Dieser Matze war ein halbes Jahr älter und schon länger in der Gang, hatte also so was wie ein Erstgeborenenrecht auf diesen Namen. Matze hatte mal Kampos großem Bruder, also dem richtigen Kampo (Der Junge in der Clique war eigentlich nur »Klein-Kampo«, wurde aber nur zu Unterscheidungszwecken so genannt und intern zu seiner großen Erleichterung auch mit »Kampo« angeredet) mal so deftig in die Eier getreten, dass dieser angefangen hatte zu heulen und geschlagen von dannen ziehen musste. Außerdem erzählte man sich, er sei Lisa Hülsböhmer schon mal unter den Pulli gegangen und habe auch sonst einiges los bei den Weibern.
Der Name Matze war also schon vergeben, und Matze war eine Autoritätsperson, er stand ganz weit oben in der hierarchischen Gliederung der Jungsbande. So einem macht man nicht den Spitznamen abspenstig. Man legt sich am besten gar nicht erst mit ihm an, denn ein Disput mit ihm, und man ist bei allen unten durch. Und dann hat man auf ewig die Arschkarte gezogen, wie der Verlierer Uwe Jankowsky, der alleinstehende Alkoholiker aus dem Dachgeschoss, der manchmal betrunken auf der Wiese im Park lag und von den Kindern mit Abfall und Dreck beworfen wurde.
Weil es in einer coolen Gang aber unmöglich zwei Jungs mit demselben Namen geben konnte, und weil »Matze eins« und »Matze zwei« auf gar keinen Fall in Frage kam (zu lang, zu kompliziert, zu bescheuert), wurde Matthias Schneider von den anderen »Mäse« getauft. Mäse ist ein nicht direkt vulgärer, aber doch etwas grobschlächtiger Ausdruck aus dem Plattdeutschen und heißt: Popo, bzw. Hintern, bzw. Arsch.
Anfangs fand er es noch ganz lustig, so angeredet zu werden. Er sah das Ganze mehr als einen vorübergehenden Scherz. Außerdem war es der mit Abstand originellste aller Spitznamen, origineller jedenfalls als Jojo, Kampo oder Fleckmanns Björn, den alle nur »Flecki« nannten. Dann aber verselbstständigte sich die Sache: Er wurde anderen Jungs als »Mäse« vorgestellt, und schließlich, was noch schlimmer war, nannten ihn auch die ersten Mädchen so. Wenige Wochen später hieß er, außer bei seinen Eltern, Großeltern und Lehrern, überall Mäse. In der Schule, im Fußballverein, sogar sein Nachhilfelehrer nannte ihn Mäse.
Als die ersten Veralberungen seines ohnehin schon albernen Namens aufkamen, machte er noch ein paar halbgare Anläufe, stattdessen mit seinem Nachnamen gerufen zu werden. Aber es war zu spät, der Zug war abgefahren. Vorbei. Basta. Finito. Die letzte Chance auf einen halbwegs würdevollen Spitznamen: Futschikato.
Man nannte ihn beispielsweise gerne »Käse-Mäse« und fand das ungemein witzig. Der Belag seines Schulbrotes wurde im Gegenzug zu »Mäsenkäse«. Jeder Protest war sinnlos, vielmehr spornte er die anderen nur noch weiter an, gab ihnen Munition, provozierte sie zu weiteren Beschimpfungen. Eichelkäse wurde zu Eichelmäse wurde zu Speichelmäse …
Pubertierende Jungs sind erbarmungslose Bestien, die mit Vorliebe ihre salzigen Finger in die Wunden von Schwächeren legen. Also fügte Mäse sich zähneknirschend in sein Schicksal, von nun an und für alle Tage nach dem menschlichen Gesäß benannt zu sein. Selbst als er zwei Jahre später in die nächste Universitätsstadt zog, traf er dort hin und wieder auf Kommilitonen, die ihn und damit auch seinen Spitznamen von früher kannten.
Als du ihn dort zum ersten Mal auf einer Party triffst, wird er dir als Matthias Schneider vorgestellt, und irgendwer redet ihn sogar mit Matze an. Was muss das für ein schönes Gefühl sein, was für eine Erleichterung, was für eine späte Genugtuung! Als er aber schon längst gegangen ist, während du noch versuchst, die Mitbewohnerin des Gastgebers dazu zu bringen, dir ihr Bett und ihren Körper anzubieten, erzählt man dir am Küchentisch Mäses wahre Identität, sein stilles Geheimnis, die Geschichte seines Namens. Du musst sogleich an einen früheren Bekannten von dir denken, der ein ähnliches Problem hat, denn er bekam als Fünfzehnjähriger von seinen Heavy-Metal-Kumpels den Namen »Jesus« verpasst. Es soll da wohl eine gewisse Ähnlichkeit gegeben haben, was aber zweitrangig ist, denn wenn jemand einen Spitznamen hat, dann benutzt man ihn meist ungefragt. Auch Jesus versuchte nach einigen Jahren verzweifelt, seinen Namen wieder los zu werden. Er zog in eine fremde Stadt, wurde sogar Vater, doch immer wenn du ihn triffst, denkst du: »Da ist ja Jesus«, und dann rufst du ihn: »Moin Jesus, lange nicht gesehen!«, und er steht vor dir und schämt sich vor seiner Frau, die ihn fälschlicherweise für »Thomas« hält und schnell weitergehen möchte.
Du landest auf dieser Party tatsächlich im Bett der Mitbewohnerin. Ihr trinkt vorher allerdings all ihre Weinreste auf, hört dazu schlimme Musik und brabbelt lallend pseudophilosophischen Unsinn, der dir in dem Moment unheimlich schlau vorkommt. Als auch der Wein alle ist, findet ihr im Kühlschrank noch etwas Whiskey, Marke: St. Johnston’s Bourbon, Herkunft: Aldi, und mit einem leckeren Mix Whiskey/O-Saft auf dem Nachtschränkchen schlaft ihr schließlich halb angezogen beim Fummeln ein. Erst als du morgens wach wirst, bemerkst du das riesige Pearl-Jam-Poster über ihrem Bett. Du fühlst dich elend und schleichst dich leise davon. Du siehst sie nie wieder.
Mäse dagegen läuft dir in den folgenden Monaten und Jahren immer mal wieder über den Weg, und ihr entwickelt eine lose und unverbindliche, aber von gegenseitigem Wohlwollen geprägte Party-Freundschaft.
Der übliche »Du hier?«-»Ja, wohne jetzt hier!«-»Und was machste so?«-Smalltalk füllt gerade mal zwei oder drei Minuten. Ich bin ziemlich verkrampft, da ich die ganze Zeit an seinen Namen denken muss. Weil ich etwas über ihn weiß, von dem er nicht weiß, dass ich es weiß, ist er in meinem Kopf zu einer Art tragischen Figur geworden, die Mitleid verdient. Die Situation wird nicht gerade einfacher durch die Tatsache, dass wir uns nicht sonderlich viel zu sagen haben. Eine weitere zähe Minute vergeht damit, dass er mir für das gelungene Konzert gratuliert und sich erkundigt, wie lange wir schon und wie lange wir noch unterwegs sind. Ich antworte freundlich aber knapp, denn ich mag es nicht, nach einem Auftritt mit Nicht-Bandmitgliedern darüber zu reden, wie das Konzert war, es sei denn, sie haben spezielle Fragen. Mäse hat keine Fragen. Ich sowieso nicht. Also stehen wir rum und knibbeln an den Etiketten unserer Getränke, zünden uns Zigaretten an und lassen die Blicke durch den nur noch schwach gefüllten Raum schweifen.
»Wusstest du, dass Hans jetzt auch hier wohnt?«
»Jaja, neulich noch getroffen.«
»Aber er ist nicht mehr mit Anita …?«
»Nee, lange nicht, lange nicht …«
Mein Gott, sonst wird man am Merch doch immer von irgendwem angesprochen, und wenns nur für ein Autogramm ist. Warum ausgerechnet jetzt nicht! Eine scheinbare Ewigkeit vergeht, bis ich mich traue zu sagen, dass ich mal kurz aufs Klo muss und wir dann bestimmt auch schon bald die Backline einladen. Ich atme innerlich auf, als er sagt, er müsse sich auch verabschieden – »Ich mach dann auch mal ’nen Sittich!« – schließlich müsse er morgen früh raus (gerade hat er noch erzählt, er würde in seinem neuem Job immer erst mittags anfangen) und habe eh schon zuviel getrunken (auf mich macht er einen ziemlich nüchternen Eindruck, damals auf der Fete, da war er wirklich betrunken!) und seine Freunde seien auch gerade gegangen (nach meiner Einschätzung stand er mindestens fünfzehn Minuten alleine am Merch rum).
Wir klopfen uns auf die Schulter: »War schön dich zu sehen.« Das ist sogar ernst gemeint, und doch bin ich so unendlich erleichtert, als wir uns den Rücken zukehren, er zum Ausgang, ich zum Klo. Pinkeln musste ich nämlich wirklich. Und wie.
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