Kitabı oku: «LebensLichtSpuren»
Nanaja Meropis
LEBENSLICHTSPUREN
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2021
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Idee der LebensLichtSpuren und Herausgeber: Peter Völker
Copyright (2021) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte bei den Autoren*innen und Übersetzern*innen
Coverfoto © Klaus-Peter Kubik (KPK)
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Vignetten © Gexam [Adobe Stock]
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH
INHALTSVERZEICHNIS
Cover
Titel
Impressum
Geleitwort
Vorwort
Quadratisches Meer
Worte prägen
Ackerfreuden
Mit einem Vogel im Bauch
Kindheitsnest
Mundraub
Das Gehirn
Musikdusche
Eine Hand voll Rosinen
Die alten Hausrezepte
Eisbruch
Die Erzählungen meiner Oma
Sauerkraut
Eingeweide der Dunkelheit
Glaswand
Primelwiese
Das Weiße des Universums
Die Sprache der Freundschaft
Vorkosten
Architektinnen
Der Eintrag
Hahnentod
Schwebend zwischen Sternen
Mitten in der Hölle
Auswandern für immer
Hahnschlagen
Die Mauer
Großvater
Wespenstiche
Masern
Wie groß ist das Meer?
Mäuseretten
Bücher
Lachen oder weinen
Schläge
Korrekturlesen
Mit einem Riesen spielen
Stillzeit
Meine Lieblingsmärchen
Aufwachen
Auf dem Schulhof
Flug über das Tor
Gitter des Tages
Lieblingsschriftsteller
Schmetterlinge im Bauch
Das neue Fahrrad
Farben der Illusion
Im Nebel
Gordana
Ein bisschen höher
Die gute Fee in unserem Haus
Ein trockener Badetag
Der Hafen
Richtig argumentieren
Sexismus
Eine heilige Handlung
Jahre des Wanderns
Waldgänger
Schwänzen beim Religionsunterricht
Türkis
Sternschnuppen-Nacht
Mopedunfall
Unsere Hausbibliothek
Leere Schale
Musikbox
Lichter
Unruhen in meiner Heimat
Liebesbriefe
Orion
Musik und Gesang
Lesen
Schäferstochter
Sonne in mir
Schelmenmarkt
Die Schreibtischlampe
Wilde Hunde
Am Meer
Einprägsame Augen
Schwebende Schneeflocke
Begegnung
Nüchternheit
Bienenstreicheln
Verhaftung
Auftauchen ins Leben
Der Unfall
Fischbuden-Homage
Gefühlsverständnis
Verfolgung
Künstlerfest
Zu spät
Diagonole der Wasserblase
Schweigen herrscht in einem Land
Immer nur lächeln
Landungsbrücken
Abschied
Die Angst, die ich in mir aufbewahre
Monemvasia
Wohnungsvergrößerung
Sehnsüchtig
Logbuch
Strandperle
Wenn das Leben aus Zwängen besteht
Sturm und Drang
Wunderbare Begegnung
Eros und Thanatos
Terzo Mondo
Die neue Heimat
Prügelnde Polizei
Leben und Sterben auf Facebook
Wusstest du
Schwamm drüber
Ewige Liebe
Apfelbaum
Glaube
Abwesenheit von mir
Besuch der alten Heimat
Blutmond
Zurück in die Zukunft
Sehnsüchtiges Wiedersehen
Briefe
Sehnsucht
Ich bin nur nicht da
Du
Ende und Neubeginn
Meine Stürmische Seele
Griechenland
Pünktlich unpünktlich
Die neue Mitbewohnerin in mir
Das Lied
Hexengarten
Kontaktpause
Melancholie
Allianz
Nachtfahrt
Zweimal zur Grenze
Heimweh
Der Planet im Bauch
Marathonlesung
Neuer Hafen
Besuch
Perfektion der Unvollkommenheit
Weggabelung
Wohlstand
Weininsel
Sehnsucht nach dir
Die Flucht
Exil
Schreiben
Wenn ich Gott bin
Bartheke
Im Zug
Die Zimmerdecke
Ausflug
Nicht vergessen
Versäumtes
Fliege
Mut zum Lachen
Vergiss den Gesang des Augenblicks nicht
Glückliches Ende
Illusion
Lyrikfestival
Hassliebe
Liebeserkenntnis
Vorname
Nichts ist so stimmig, wie es scheint
Milonga
Abschied
Lebenstraum
Die Stärke eines Spinnengewebes im Wind
Morgenstunde
Gemeinsame Gene
Ende der Milchzähne
Leben und Sterben
Otto-Dix-Haus
Spuren deiner Liebe
Kalter Sommer
Geliebte
Dichtung und Wahrheit
Abschied für immer
Wilde Stille
Zuletzt
Die allmenschliche Sprache der Poesie
СВЕЉУДСКИ ЈЕЗИК ПОЕЗИЈЕ
Biografische Notizen der Autorinnen und Autoren von „LebensLichtSpuren“
Fantasie-Autorin für die Titelseite
Danksagung und Selbstbetrachtung
GELEITWORT
Es ist ein schöner Gedanke, bewegende Lebensszenen von miteinander wohlvertrauten Literaten zu einem gemeinsamen Werk zu vereinen. Das ist wörtlich zu nehmen, denn die Beiträge der Autorinnen und Autoren sind alle nach einem sorgfältig ausgeklügelten Plan zunächst anonym miteinander „vermischt“ – ein Mix. Daraus ist in der Tat ein echtes Experiment mit verschiedenen schriftstellerischen bzw. poetischen Eingangsgrößen entstanden. Liegt somit eine Art kulturanthropologischer Neu(er)findung von Literatur in unserem Zeitalter der zunehmend globaler werdenden Welt vor? Auf die Bedeutung dieser Frage für die Dichtung von gestern und heute geht in seinem Essay der Schriftsteller Stevan Tontić am Ende dieses Buches ein.
Mit dem experimentellen Charakter dieser literarischen Kompositionen wird echtes Neuland auch in psychologischer Hinsicht betreten. Ja, es wird das Wagnis auf sich genommen, die herkömmlichen Schranken („Grenzen“) von poetischen Gewohnheiten und Ambitionen zu sprengen zugunsten des harmonischen Zusammenwirkens von verschiedenen Repräsentanten aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen. Lässt sich auf eine solche Weise der Grundgedanke des griechisch-deutschen Denkers Peter Coulmas einlösen mit dessen kosmopolitischer Erfahrungswelt, im Bemühen um ein sozial-kultures Weltbürgertum – jetzt mit den Mitteln des künstlerischen Schaffens von Literaten? Vielleicht.
Seinerzeit hat Max Wertheimer im nordamerikanischen Exil mit dem Klassiker „Produktives Denken“ neue Wege aufgezeigt, um festgefahrene negative Gewohnheiten und unbewusst-rigide Einstellungen („Vorurteile“) aufzubrechen mit dem Ziel eines möglichst produktiven Zusammenwirkens von Motivationen und Geisteskräften sehr verschiedener Persönlichkeiten – das also heißt möglichst kreativ miteinander umzugehen. Über dieses im jeweiligen Alltag schwer einzulösende Anliegen hat auch sein Sohn, Michael Wertheimer (USA) – ebenfalls ein Psychologe – immer wieder nachgedacht (dabei das Thema des Denkens und Verhaltens speziell von Nichtjuden versus Juden in Europa und in aller Welt berührend). Und vor einiger Zeit habe ich meinerseits auf der Insel Samos ein Buch von Karl Popper aufgeschlagen – mit dem Blick auf die nahe türkische Festlandsküste – und dabei über die Welt der Vorsokratiker Parmenides, Xenophanes und Heraklit nachgedacht, die psychologisch-philosophische Relativität unseres Wahrnehmens und Strebens reflektierend. Vielleicht lassen sich solche und andere Gedanken mit dem Anliegen verknüpfen, welches die Dichtung in dem vorliegenden Werk zum Ausdruck bringen will? Sehen Sie selbst, liebe Leserin und lieber Leser, was dieses experimentelle Poesiebändchen für Sie bedeutet.
Viktor Sarris
Frankfurt a. M., Dezember 2020
VORWORT
Liebe Leserin, lieber Leser,
Sie haben Interesse an dem Buch „LebensLichtSpuren“, darüber freuen wir uns. Es ist als weltumspannendes Experiment geschrieben worden. Wir bitten Sie: Lassen Sie sich auf das Geheimnis dieser LebensLichtSpuren ein und lesen Sie das Werk zunächst unvoreingenommen, ohne im hinteren Teil zu suchen, wer sich hinter den zahlreichen Szenen verbirgt.
Wir alle wissen, dass diese Welt und die darin lebenden Menschen von künstlich gesetzten Grenzen, Dogmen und Konventionen behaftet sind und das Andere, das Fremde, oft angstbesetzt erscheint. Dagegen wollen wir mit „LebensLichtSpuren“ ein Zeichen setzen. Wir wissen, dass es diesen von Menschen gesetzten Rahmen gibt, aber wir sind fest davon überzeugt, dass er nur eine kalte Hülle für die Menschen auf dieser Erde ist, egal, wo sie sich aufhalten.
Aber es gibt eine andere Sichtweise. Das warme Leben kennt nur die Vielfalt der Kulturen und die Einzigartigkeit von jedem von uns. Dies ist ein Schatz für die Völker und das gelebte Leben des einzelnen Menschen, und in dieser Betrachtung wird die Begegnung mit dem Fremden, dem Anderen, zum inneren und äußeren Reichtum der Individuen.
Wenn Sie sich beim Lesen auf diesen Pfad begeben, hoffen wir, dass Sie entdecken, welche und wie viele Leben sich hier offenbart haben. Vielleicht entsteht für Sie eine Weltseele, die in den bewegenden Elementen des Lebens keine künstlichen Barrieren kennt, sondern das Einfache, Wertvolle, Abenteuerliche im Alltag in sich vereint und dem Fremden, dem Anderen, zugeneigt ist. Dann wären die interessengeleiteten Grenzen, Dogmen und Konventionen überwunden, eine Brücke zwischen den Kulturen und den Mitmenschen wäre gebaut. Bauen Sie bitte beim Lesen an dieser Brücke mit. Danke!
Autorinnen, Autoren und Verlag
QUADRATISCHES MEER
Das erste Mal, als ich das Meer sah, war es quadratisch und es lag am Ende der Straße. Meine Mutter, zwei Tanten, meine Schwester, meine älteren Cousins und ich trugen Stühle, Regenschirm und Matten. Als die Straße ihr Ende erreichte, erstreckte sich das Meer vor mir. Ich trat auf den Strand, und das Meer wurde noch größer. Seine rechte Seite war von einem Berg begrenzt, die linke Seite verschwamm mit der Stadt in einem heißen Nebel, ganz hinten spaltete es den Horizont. Das Meer schien mit seinem fettleibigen Bauch nach oben zu liegen. Meine Mutter und meine Tanten pflanzten den Regenschirm in den Sand, klappten ihre Stühle auf und setzten sich. Meine ältere Schwester lief mit meinen beiden Cousins ins Wasser. Ich ging hinterher. Doch als ich das unbekannte Terrain betrat, zögerte ich. Die Wellen, die sich an meinen Beinen brachen, schienen mich auf den Grund zu ziehen, der Schaum verwirrte mich. Ich wollte nicht weitergehen. Aber meine Schwester und meine Cousins waren schon weit vor mir. Die Angst, nicht zu wissen, was dies war, hielt mich zurück.
Niemand erklärte mir, was für eine Kraft an meinen Beinen zog, und ich stieg wieder aus dem Wasser. Lieber wollte ich stundenlang mit Eimer und Schaufel im Sand spielen. Der Sand würde mich nirgendwohin ziehen, nicht gegen meinen Willen. Aber das Meer bewegte sich die ganze Zeit, die Wellen kamen und gingen, immer unterschiedlich voneinander. Manchmal waren sie nett, manchmal aggressiv, unbeugsam, und ich verstand nicht, was dahinter steckte und warum nur ich diese Angst hatte. Dort drüben war der dicke Bauch des Meeres größer als ich. Und der Horizont schien sich nicht darum zu kümmern. Meine Mutter unterhielt sich mit meinen Tanten und meine Schwester und meine Cousins waren weg. Ich war ganz allein mit den Wellen und der Kraft des Wassers. Auf dem sicheren Boden des Sandes grub ich ein großes Loch, in das sie alle hineinfallen konnten, das ganze Meer und auch der Horizont.
WORTE PRÄGEN
In unserem Haus wohnte auch die Schwester meines Großvaters. Bei ihr verbrachte ich täglich – nicht nur, wenn meine Eltern berufsbedingt keine Zeit für mich hatten – mehrere Stunden meiner Kindertage. Damals gab es noch keine flächendeckenden Kindergärten, und nicht einmal im letzten Jahr vor meinem Schuleintritt besuchte ich einen solchen regelmäßig, obwohl dies viele Pädagogen und auch manche Pseudopädagogen als sehr hilfreich anpriesen.
Aus einer viel früheren Zeit rührt meine erste Lebenserinnerung: als ich mit knapp zwei Jahren erlebte, dass meine Großmutter gestorben war. Man brachte mich zu meiner Tante, von deren Wohnung aus man ideal in den Hof blickte konnte, was sie auch viele Stunden am Tag praktizierte.
„Jetzt tragen sie deine Großmutter hinaus!“, sagte sie mit lauter, aber keinesfalls trauriger Stimme zu mir, und irgendwie prägte sich dieser Satz bis zum heutigen Tag fest in meinem Gedächtnis ein.
Vielleicht war es von meiner Tante genau so gewollt, entscheidende Lebensschnittstellen mit großer Entschiedenheit weiterzugeben, wie das schon die Ureinwohner vieler Stämme taten, ohne jemals auf Geschriebenes oder auf Film, Internet und andere moderne Medien zugreifen zu können. Dieser Gedanke allein führt mich zu der Erkenntnis, dass meine Tante eine sehr weise Frau mit großer Lebenserfahrung gewesen sein muss.
Auch wenn meine Familie große Festvorbereitungen tätigte, „durfte“ ich zu meiner Tante gehen, was ich auch immer mit Begeisterung tat. Ich liebte es, bei ihr zu sein und ich liebte sie. Bei ihr durfte ich Kind sein, wie ich es wollte, ohne Einschränkungen.
So verbrachte ich auch einmal einen Heiligen Abend bei ihr, als meine Eltern an diesem Tag, für mich völlig unverständlich, beschäftigt waren. Es schneite, als meine Tante sich plötzlich aus ihrem Lehnstuhl erhob, zum Fenster ging und mit leiser, aber fester Stimme sagte: „Schau, jetzt fliegt das Christkind vorüber!“
Ich sah zum Fenster hinaus und sah tatsächlich das Christkind! Seit jenem Tag glaube ich an das Christkind, wenngleich in den Folgejahren immer mehr Freunde und Mitmenschen diese Tatsache energisch bestritten. Meine Tante war doch eine weise Frau.
ACKERFREUDEN
Das Spielen auf dem Felde, wenn die Erwachsenen die Ernte einfuhren, gehörte zu den schönsten Freuden meiner Kindheit. Brütende Hitze des Hochsommers hängt über dem Land, die Luft flirrt über den vom Wind gestreichelten Ähren. Sechs Mäher mit Sensen, bekleidet mit Cordhosen, Leinenhemden und Halstüchern, stöhnen bei jedem Schnitt vor dem dicht stehenden Korn. Ihre Köpfe schmücken Strohhüte, in deren Bünden Feldblumen stecken. Hinter ihnen laufen Frauen mit Schürzen, rechen und binden die Getreidehalme zu großen Garben. Sechs oder sieben solcher Garben werden zu einer Dieme zusammengestellt, die an ein Indianerzelt erinnert. Für uns Kinder ein idealer Schattenplatz.
Neben mir sitzt meine kleine Freundin. Ein pralles, von blonden Locken umspieltes Gesicht mit einem meist verschmitzten Ausdruck. Wir blinzeln durch die Ritzen zwischen den Garben und beobachten die Erwachsenen, wie sie sich auf dem Felde abmühen. Plötzlich nehmen wir vor unseren Füßen einen winzigen Feldhamster wahr, der wohl seine Mutter vermisst. Sein Fell leuchtet selbst im Schatten der Dieme edel, als er Männchen macht und sich die Barthaare putzt. Unendlich langsam schiebe ich meine offene Hand auf ihn zu, bis er darauf sitzt und präsentiere ihn stolz meiner Freundin. Verzückt streichelt sie ihm mit dem Zeigefinger gegen den Fellstrich über den Rücken. Wenig später setze ich ihn ab, und er verkriecht sich in einer Garbe. Wir strahlen uns an, fühlen eine tiefe Nähe zwischen uns und zu dem kleinen Wesen. Meine Freundin hat wässerige blau-grüne Freudenaugen.
MIT EINEM VOGEL IM BAUCH
Einmal stand ich hinter der Mauer unseres Hinterhofs und beobachtete einen Jungen, der einen von ihm selbst hergestellten Drachen hin und her in der Luft bewegte. Die Jungs auf der Straße spielten oft mit Drachen. Er zog den Drachen hoch, nahm die Spannung von der Schnur, wickelte sie in die Dose auf, ließ die Schnur los, bewegte die Arme, lockerte die Hände oder drückte an der Schnur. Der Drachen bewegte sich am Himmel hin und her und machte Kurven. Plötzlich näherte er sich mir. „Willst du es versuchen?“ Meine Eltern hatten mir verboten, mit Jungs zu spielen, mit ihnen zu reden oder so zu spielen wie sie spielen. Ich nickte. Ich wusste, dass ich etwas Verbotenes tat und ich musste aufpassen, dass mich niemand sah. Er gab mir die Schnur zum Halten. „Nimm sie!“
„Warte!“ Ich hielt ihn fest. „Nein, nicht so. Du musst dich bewegen, zieh die Schnur zur Seite!“ Ich war überrascht von der Kraft des Windes, die durch die Schnur ging. Es war, als ob ich die Zügel eines Tieres in der Hand hielt. Ich zog sie zurück, dann zur Seite. „Wenn du ihn nicht mit dem Wind bewegst, fällt der Drachen.“ Er sah aus wie ein fliegender Vogel in meiner Hand, die Kraft des Windes war wie das Gefühl der Freiheit, die am Ende der Drachenschnur mit schweren Flügeln flatterte. Der Drachen beschrieb eine Kurve, aber nicht so, wie er sollte, er drohte zu fallen. Der Junge nahm ihn mir wieder aus der Hand, und ich rannte ins Haus. Mein Herz schlug schneller, mein Bauch schmerzte vor Glück. Damals waren die Tage so lang wie Kaugummi, den man mit der Hand aus dem Mund zieht.
KINDHEITSNEST
Bilder aus meiner Kindheit, Fantasiefarben, tanzende Erinnerungen, Glück, Geborgenheit. Wir sind fünf Kinder, die mit meinen Eltern in einer kleinen Wohnung leben. Mitten in der Hauptstadt leben wir in einem großen Haus zusammen mit sechs anderen Familien, die auch kinderreich sind. Der große Teich mitten im Hof des Hauses ist der Schauplatz unserer Kinderspiele und die Begegnungsstätte der Frauen, die immer am Waschen oder Vorbereiten anderer Besorgnisse für ihre täglichen Hausarbeiten sind. Eine Schar Kinder erfährt täglich wunderbare, einzigartige Erlebnisse, wie sie uns keine anderen Gelegenheiten schenken, kein Gedanke daran, ob es außerhalb unserer Welt auch eine andere gibt. Wir sind unbefangen und sorglos. So nisten wir uns in einer schönen Welt ein und erfassen unser Glück.
MUNDRAUB
Nebelfetzen hängen an diesem Morgen in den Dorfstraßen. Mein Freund und ich schlendern dem Baumstück am Rand des Dorfes zu. Dort gibt es eine Hecke mit dicht gewachsenen Büschen. Darin sitzen wir oft, beäugen das Draußen, die vorbeigehenden Spaziergänger, ohne von ihnen erkannt zu werden. Ein seltsam wohliges und erregendes Gefühl von Sicherheit und Abenteuer zugleich. Man gelangt dorthin über eine schmale, den Berg hinaufführende Gasse, die von der Hauptstraße abbiegt. An diesem Morgen spüren wir wieder diese prickelnden Gefühle in unseren Kinderköpfen. Gleich am Anfang der Gasse rechts geht der Metzger seinem Handwerk nach. Es duftet nach frisch gekochten Würsten in der frühen, kühlen Stunde aus dem offenen Fenster der Metzgerküche. Gerade als wir die Gasse betreten, schiebt sich eine Stange mit dampfenden Würsten aus dem Fenster. Wir bleiben erstaunt stehen. Der Geruch der Würste vermischt sich mit dem Morgennebel. Einen Moment lang schauen wir uns an, ein Lächeln auf meinen Lippen und denen meines Freundes. Ich angele vorsichtig eine Wurst von der Stange, dann rasen wir unserem Buschnest entgegen. Nie zuvor hatte ich gestohlen. Später teilen wir die Beute, verspeisen sie gierig und bereuen nichts.
DAS GEHIRN
Es war das erste Mal, dass ich das Schullabor betrat. Das erste Mal, dass ich ein menschliches Gehirn sah. Ich starrte auf das Glas, das wie die Glasgurken im Kühlschrank meiner Mutter aussah. Ich starrte auf das Glas mit dem Gehirn in Äther. Ich blieb lange Zeit ohne zu blinzeln, bis die Lehrerin mich anrief und ich einen Schrecken bekam, der meine Augen weitete, meinen Körper zittern und meine Lungen mehr Luft schlucken ließ, was ich nicht wollte, weil mein Magen von dem seltsamen Geruch krank war.
Doch ich folgte der Lehrerin nicht. Und meine Augen waren nun auf die trübe Flüssigkeit im Glas gerichtet. Ich betrachtete die gelbliche Substanz und die scheinbar mit der Flüssigkeit vermischten Fragmente des Gehirns. Dann zog sich mein Interesse tief in die Linien des Gehirns, die Umrisse, die nicht entzifferbare Farbe, die Dicke, seine Größe, und es fehlte mir nur das Gewicht, die Temperatur und das Gefühl zu empfinden.
Ich öffnete das Glas, steckte die Hand hinein und nahm das Gehirn. Erst mit der rechten, dann mit der anderen Hand. Die ganze ovale Form hatte ich in meinen Händen. Ich nahm es dicht ans Ohr und dachte, etwas gehört zu haben, ein nicht zu entzifferndes Geräusch von Unermesslichkeit wie das, was wir in der Meeresschnecke hören. Ich dachte daran, es zu riechen, aber mir fiel ein, dass der Duft nicht das Original sein würde. Für einen langen Moment starrte ich auf das Gehirn in meinen Händen, ich wollte es von dem starken Geruch wegwaschen, der meinen Blick störte. Mitleid fühlte ich, und trotz des Geruchs umarmte ich es, lehnte es an meine Brust, nah an mein Herz und mit dem Kopf gesenkt, bedeckte ich es mit der linken Wange.
So war ich, fast am Weinen, als die Lehrerin plötzlich ins Labor kam und blitzend rief: Was machst du da?
Der Schock war so tief, dass sich meine Arme in Panik lösten und das Gehirn auf den Boden fiel.
MUSIKDUSCHE
Zu einer Zeit, als es noch keine Radiowecker gab, wurde ich in meinen Kinderjahren dennoch nahezu täglich unsanft geweckt durch das Aktionsprogramm meines Vaters, der beim Frühstück das Radio in voller Lautstärke genoss. Und so dröhnten abwechselnd Marsch- oder Schlagermusik des örtlichen Regionalprogramms aus dem eigens im kleinen Esszimmer angebrachten Lautsprecher bis hin zu meinem Bett.
Laute Musik zum Aufwachen war das Normale – und ich ersparte mir dabei so manche Kalt-Muntermacher-Dusche am Morgen. Mein Vater brauchte es einfach, die Lautsprecher immer auf volle Fahrt voraus einzustellen, vielleicht auch deshalb, weil er beruflich seinen Schülern im Schreibmaschinen-Unterricht das richtige Tippen – wie damals üblich – im Takt der Marschmusik lehrte. Eine alte Schellack-Übungs-Schallplatte, die ich viel später gefunden habe, stellt eine wahre Rarität dar, und jede Disco müsste unverzüglich schließen, wenn sie diese Platte in voller Lautstärke durch ihre Boxen jagen würde.
Es gab aber auch Tage, an denen ich zu Beginn des allzu frühen väterlichen Morgenprogramms verärgert die Decke über meinen Kopf zog und weiterschlief. Bis dann einige Zeit später meine Mutter meist dreimal, stets etwas lauter, rief: „Zeit zum Aufstehen!“ Das wirkte eigentlich immer und ich kam auch fast nie zu spät zur Schule. Eines Tages aber verschliefen wir alle: Meine Mutter musste kein väterliches Frühstück richten und es gab auch keinen Morgenmarsch, denn mein Vater hatte einen arbeitsfreien Tag.
EINE HAND VOLL ROSINEN
Meine Freundin Anna und ich fassen den Entschluss, von zu Hause abzuhauen. Unsere Mütter sind wie üblich beschäftigt mit ihrer Hausarbeit und bemerken daher unsere Abwesenheit nicht. Wir sind beide vier Jahre alt und sehr neugierig auf die Welt da draußen. Mit Mühe können wir die große, schwere Haustür öffnen. Beschwingt gehen wir Hand in Hand durch die Allee, in der unser Haus steht, und erreichen bald eine lange, breite Straße. Es gibt viele Händler, die hier Obst oder andere Waren verkaufen. Die Verkäufer werben lautstark für ihre Waren. Rote Doppelstockbusse und gelbe Taxen fahren die Menschen in die Stadt, wohin auch immer sie wollen. Fasziniert von diesen Bildern gehen wir weiter und blicken mit großen Augen auf diese neue, wunderbare Welt, ohne zu bemerken, wie weit wir uns von zu Hause entfernt haben.
Wie lange und wie weit wir gegangen sind, wissen wir nicht. Mitten in der Stadt entdeckt uns eine Frau, die gleich bemerkt hat, dass wir ohne Begleitung sind. Sie fragt nach unseren Eltern und unserer Adresse. Doch wir wissen keine Antwort. Sie nimmt uns mit zu einer Polizeistation und übergibt uns dort den Verantwortlichen. Die Beamten fragen nach unseren Eltern. Obwohl wir begeistert von unserem Ausflug sind und auch die Anwesenheit in der Polizeistation als ein Erlebnis empfinden, versuchen sie uns zu trösten. Doch das ist keineswegs notwendig, da wir viel zu sehr damit beschäftigt sind, die neue Umgebung in uns aufzusaugen. Die Beamten sagen, dass unsere Eltern uns sicher suchen werden und geben uns eine Hand voll Rosinen. Glücklich essen wir die Rosinen, voller Genuss, als seien wir zu Hause. Kurz darauf treffen unsere besorgten Eltern ein, die uns seit Stunden gesucht haben.
Es gab keinen Ärger zu Hause. Darüber erstaunt blicken Anna und ich uns an. Ich zeige ihr eine Rosine, die ich noch in der Hand halte, wir lächeln.
DIE ALTEN HAUSREZEPTE
„Ihr Kind soll Kamillentee trinken, mit Salzwasser inhalieren und drei Mal täglich mit Salbeitee gurgeln. Und vielleicht auch eine Hühnersuppe essen. Dann sollte die fieberhafte Erkältung bald zurückgehen“, meinte unsere Hausärztin, nahm ihre große Arzttasche und verabschiedete sich. Meine Mutter fuhr mir zärtlich über den Kopf und meinte: „Das wird schon wieder. Ich koche dir gleich einen Kamillentee!“
Ich lag ermattet in meinem Krankenbett, das direkt gegenüber der Küche im kleinen Speisezimmer lag. Ich durfte es nur benutzen, wenn ich krank war, was es leichter machte, mich mit meiner in der Küche weilenden Mutter auszutauschen. Doch Kommunikation kam diesmal nicht in Frage, ich war benommen, hatte hohes Fieber, neigte zum Phantasieren, und die Essigsocken, die mir meine Mutter mehrmals täglich anlegte, engten meinen Aktionsraum noch mehr ein. Kamillentee war mir als Kind schwer erträglich, dann schon lieber russischer Tee, und am liebsten wäre mir mein Kakao gewesen, aber den gab es im Krankheitsfalle nur selten.
Besonders dramatisch wurde es aber, wenn man mir zuredete, im Krankheitsfalle zumindest einmal täglich „einen kleinen Teller“ warme Suppe zu essen. Ich hatte eigentlich überhaupt keinen Appetit und wollte nur liegen und ausruhen. Auch diesmal kam meine Mutter pünktlich zur Mittagessenszeit mit der von der Ärztin empfohlenen Hühnersuppe, die durch ihre Vitamine und andere wertvolle Inhaltsstoffe mein Immunsystem aufbauen sollte. Wenig begeistert nahm ich den Teller, ließ mir den ersten Löffel von meiner Mutter widerwillig einflößen, blies aber lange und heftig auf die heiße Suppe, sodass letztlich nur weniger als die Hälfte den Weg in meinen Mund fand. Dann begab sie sich wieder in die Küche und überließ mich meinem Schicksal. Mit schwacher Stimme rief ich ihr hinterher: „Ich kann schon alleine weiter essen!“
Nach einigen Minuten, als meine Mutter Nachschau hielt, war mein Teller tatsächlich leer. Ich stellte mich schlafend, was meine Mutter aber nicht davon abhielt, mir noch einen zweiten Suppenteller zu servieren. Am nächsten Tag, an dem es mir ein wenig besser ging, brachte sie mir wieder zwei Hühnersuppenteller zum Mittagessen, die ich zu ihrer Überraschung schnell gegessen hatte. Danach sollte ich kurz aufstehen, um mich ins Wohnzimmer zu setzen. Als meine Mutter in der Zwischenzeit mein Bett neu bezog, entfuhr ihr ein Schreckensschrei: „Mein Gott, hier in deinen Nachttopf hast du also die gute Hühnersuppe geleert!“
Seit diesem Tag, an dem mein kleines Geheimnis entdeckt worden war, wurde ich beim Suppenessen immer streng kontrolliert. Zum Glück hat jedoch niemand herausgefunden, dass zwei unserer schönsten Zimmerpflanzen in dieser Woche verwelkt waren, weil ich sie mit heißer Hühnersuppe gegossen hatte.
EISBRUCH
Über die vom tagelangen Dauerfrost erstarrten Wiesen stapfe ich auf den Fluss zu. Ein graues, kaltes Tuch spannt sich zwischen Himmel und Erde. Ich liebe den Winter, drücke schon im November meine Nase an die Fensterscheiben meines Kinderzimmers unter dem Dach und sehne mich nach Schneeflocken. Verkrusteter Schnee auf den Wiesen knirscht unter meinen Füßen. Bald erreiche ich den Fluss. Eine dicke Eisschicht bedeckt den sonst quirligen Flusslauf. Eisige Stille liegt über dem Gewässer, in dem ich im Sommer schwimme. Ich stelle mir vor, wie das Wasser unter der Eisschicht dahinströmt, und in mir erwacht ein abenteuerlicher Drang, zur Mitte des Flussbettes zu gehen. Wie in Trance setze ich meine Füße auf das Eis, das von einer Schicht Puderzuckerschnee bedeckt ist.
Es hält stand. Eine unsichtbare Energie treibt mich hinaus. Ein paar Schritte vom Ufer entfernt beginnt das Eis zu knacken. Wie gebannt bleibe ich, der Flusseroberer, erschrocken stehen. Rund um meine Schuhe perlt Wasser aus Eisritzen. Eine furchtbare Angst steigt in mir auf. Ich sehe mich unter einer dicken Eisschicht treiben, ohne Chance, je wieder nach oben zu gelangen. Neben mir schwimmen Fische.
„Leg dich langsam auf den Bauch“, höre ich meinen Großvater in mir sagen. Ich gehorche der Stimme und lege mich unendlich langsam auf das Eis, robbe zum Ufer, fasse einen Weidenast und ziehe mich auf die Böschung. Ich schaue auf den Fluss und fühle, wie der Tod mich wieder entlässt.
DIE ERZÄHLUNGEN MEINER OMA
Meine Oma ist anders als alle anderen, denn sie ist seit ihrer Kindheit blind und wurde schon immer von ihren Eltern, ihrem Ehemann und später auch von ihren Kindern betreut. Sie kommt nach unserem Umzug in unser neues Haus zu uns und wird Teil unserer Wohngemeinschaft.
Meine Oma wurde sehr jung verwitwet mit sechs Kindern. Sie ist knapp über 50 Jahre alt, mollig, hat lange dünne Haare, die mit Henna gefärbt sind. Ihr Gesicht ist rund, freundlich, mit einer schönen rosigen Haut. Trotz ihrer Blindheit ist meine Oma ein humorvoller Mensch. Sie erzählt uns oft Geschichten, Sagen, Fabeln oder auch Märchen, die sehr lebendig sind, und entführt uns in eine andere Welt.
Ihre Geschichten fangen immer spannend an: „Es war einmal ein sehr geiziger Mann in einem kleinen Dorf. Er sparte sein ganzes Vermögen und versteckte es in einem großen Koffer unter dem Dach. Jeden Abend schaute er mit Genugtuung seinen Reichtum an und ging dann mit tiefer Zufriedenheit schlafen.
In dem Dorf kam es zu einer Dürre und Trockenheit. Es hatte so lange nicht geregnet, dass die Ernte zum Leben nicht reichte. Die Menschen suchten verzweifelt den Mann auf in der Hoffnung, dass er sie mit einem kleinen Betrag unterstützen konnte. Dies taten sie, um sich damit in der Nachbarschaft etwas zum Essen besorgen zu können. Der geizige Mann sagte: „Nein, ich gebe euch kein Geld, da ich nicht sicher bin, das Geld wieder zurückzubekommen“. Für sich selbst kaufte er gutes Essen und freute sich über seine Klugheit und seinen Reichtum. Seine Nachbarn hungerten, und er war nicht bereit, ihnen unter die Arme zu greifen.
Im Winter machte er sich ein Feuer an, um sich zu wärmen. In dieser Nacht fiel er in einen tiefen Schlaf und bemerkte nicht, wie sich das Feuer im ganzen Haus verbreitete. Er konnte sich nicht mehr retten, und niemand hörte seine Hilferufe. Von seinem Haus blieb nichts als Asche übrig. Die Nachbarn waren entsetzt und fragten sich, ob er seinen Reichtum wohl in die Hölle mitgenommen hätte, damit es niemandem besser gehen konnte als ihm selbst.“
SAUERKRAUT
Zweifellos bemühte sich meine Mutter immer, mir ein gesundes Essen vorzusetzen. Beim Sauerkraut, das sie mit vielen Gewürzen weichkochen ließ, war das aber gar nicht so einfach. Das Wichtigste in ihrem alten Rezept war nämlich, neben Zwiebeln auch viel Schmalz zu verwenden, umso besser schmeckte es angeblich. Damals war Schmalz noch ein üblicherweise verwendetes Kochfett. Meine Mutter setzte es sparsam ein und achtete darauf, das Sauerkraut regelmäßig umzurühren, damit alles gleichermaßen fein kochen konnte.
Als wieder einmal Sauerkraut mit Knödeln aufgetischt wurde, sagte ich nach einem kleinen Bissen: „Bei der Juli-Tante hat es mir aber viel besser geschmeckt!“ Ich aß nur widerwillig weiter. Am Vortag hatte die Tante mir ein schon sehr braun gebranntes, etliche Male aufgewärmtes Sauerkraut zum Probieren gegeben. Das schmeckte mir ausgezeichnet, besonders die schwarze Kruste, die ich aus dem Topf kratzte, fand ich einfach himmlisch! So habe ich schon als Kind das ungesunde Essen dem gesunden vorgezogen. Und meine Mutter war an diesem Nachmittag ein bisschen traurig.
EINGEWEIDE DER DUNKELHEIT
Ins Bett zu gehen bedeutete für mich, reglos dazuliegen, damit meine Arme, Knie oder Füße nicht an die Kante rutschen konnten. Unter dem Bett befanden sich nämlich ein unendlich dunkler Abgrund und ein großes Krokodil, das mich verschlingen konnte. Es schlief ebenso so regungslos wie ich. Der harte Schuppenpanzer erstreckte sich über seinen gesamten Rumpf, den Schwanz und die Extremitäten. Sein Körper war mit festen Schuppen übersät, es sah aus wie ein rotäugiger Drache. Ich wollte nicht von einem rotäugigen Drachen in die Tiefe der Dunkelheit gezogen werden, aus der ich womöglich nie zurückkäme. Ich erkannte, dass die Dunkelheit die Macht hatte, Dinge zu transformieren, Monster und unheimliche Geräusche zu erzeugen. Tagsüber existierte nichts davon, unter dem Bett befanden sich nur meine Hausschuhe und ganz hinten die Fußleiste. Der Parkettboden glänzte im Licht. Aber nachts in der Dunkelheit war dies die Höhle des Monsters. Ich konnte nur noch in der Mitte des Bettes schlafen, und als ich einmal von der Nässe meines Urins aufwachte, wagte ich nicht, aufzustehen. Mein Schlafanzug war nass und kalt, doch ich durfte mich nicht aufrichten, denn das Krokodil würde mich an den Beinen nach unten ziehen. Lange verharrten wir so, ich bewegungslos in der Mitte des Bettes, das Krokodil darunter.
GLASWAND
Wo seid ihr? Das Bettlaken durchgeschwitzt. Fieberfantasien in mir. Sehnsucht nach Wärme trotz heißer Haut. Mein Kopf schmerzt. Trübe meine Augen, verschwommen das Krankenzimmer. Ganz schwach pfeift meine Lunge bei jedem Atemzug. Diese furchtbare Einsamkeit. Nur mein Teddy bei mir. Wo sind Mama, Papa? Ich brauche euch doch bei diesem hohen Fieber, einsam im Krankenzimmer. Nur weiße Kittel kommen ab und zu zu mir, sie sind kalt. Endlich sehe ich dich, Mama, draußen hinter der dicken Glasscheibe. Ich taumele aus dem Bett, presse meine Händchen und meine Nase an das kalte Glas, spüre meinen Herzschlag. Deine Hand auf der anderen Seite. Und die kühle Scheibe zwischen unserer Haut. Neben dir ein böse blickender Weißkittel. Er lässt dich nicht zu mir. Stimmt‘s? Will in den Arm genommen werden. Ich kann nicht weinen vor Schmerz. Kinder brauchen Nähe. Das muss doch auch der Weißkittel wissen. Deine Tränen tropfen auf deine Hand. Jetzt hältst du mich in Gedanken im Arm. Die Glasscheibe trennt nicht mehr. Ich spüre deine Wärme durch das Glas. Die Angst weicht. Ein kleines bisschen davon nehme ich mit ins Altwerden.
PRIMELWIESE
Zweifellos waren die Wintermonate meiner Kinderzeit wesentlich kälter und schneereicher, der Frühling zeigte sich frühestens Mitte März mit den ersten frühblühenden Pflanzen. Leider gab es damals auf unserem Gartenrasen nur wenige Wiesenblumen, er sah nach der Winterzeit immer sehr traurig aus.
Einer der ersten Frühlingsboten ist die Primel, ihr monatelanges Blühen verbreitet große Freude. So schlug mir mein Großvater eines Tages einen Ausflug zu den nahen Waldwiesen vor, auf denen gelbe Primeln und auch die verwandten Himmelschlüssel in großer Zahl blühten. Wir versorgten uns mit kleinen Stoffsäcken und Messern und spazierten damit zur nahen Waldlichtung. Dort gruben wir zwei oder drei Primelstöcke aus und pflanzten sie dann in unseren eigenen Garten.
Zuvor galt es noch, diverse Unkräuter mit bloßen Händen auszureißen, manche wie den Löwenzahn mussten wir auch mit einem Werkzeug ausstechen. Eine Spezialität meines Großvaters war es auch, den steinigen Weingartenboden mit kräftigem Mist zu düngen. Jedem Pferdekarren, der an unserem Garten vorbeifuhr, lief er hinterher, um die frischen Pferdeäpfel einzusammeln und sie zum Kompostbeet zu bringen.
Nach einigen unserer Waldrunden zeigten sich in den folgenden Jahren immer mehr Primelgewächse als Bodendecker in unserem Garten. Mein Großvater, der eigentlich Tischler war, hatte als Hobbygärtner ein goldenes Händchen. Auch das Veredeln von Rosen und Bäumen zählte zu seinen Lieblingstätigkeiten. Später strahlten dann Primeln und die unterschiedlichsten Rosensorten in unserem Garten um die Wette. Unsere Nachbarin aber zeigte sich jedes Jahr aufs Neue höchst erstaunt darüber, wie es zu der wundersamen Blütenvermehrung in unserem Garten gekommen war.
DAS WEIßE DES UNIVERSUMS
In Kinderzeichnungen haben die Bäume meist keine Wurzeln, aber meine hatten welche. Warum die anderen Kinder in der Schule wurzellose Bäume malten, weiß ich nicht. Meine hatten Zweige, Blätter, Früchte und Blüten. Ich hatte viele Buntstifte und zeichnete gern eine Art Watte, die die Blätter darstellen sollte. Aber meine Bäume hatten immer auch dicke oder dünne gewundene Wurzeln. Wenn ich Früchte zeichnete, mussten sie rund sein, was einfacher war, und der Baum musste ein Orangenbaum oder Apfelbaum sein. Einmal habe ich auch einen Birnbaum gemalt, die Birnen sahen aus wie hängende Fische. Da es keine Fischbäume gibt, habe ich nie mehr einen Birnbaum gemalt. Die Lehrerin interessierte sich sehr für die Wurzeln meiner Bäume. Für sie bedeutete der Baum mit seinen offenliegenden Wurzeln einen Mangel an Schutz, und sie lass meine Eltern rufen. Sie glaubte, dass es mir als Kind an Sicherheit und Vertrauen in der Familie mangelte. Ich glaube, dass die Wurzeln meiner Bäume genauso feststanden wie das Haus, die Sonne, die Blumen und die Menschen, die aus feinen Strichen gemacht waren. Alles war gefangen und gefärbt im Weiß des Universums auf Papier.
DIE SPRACHE DER FREUNDSCHAFT
Es ist mein erster Schultag. Meine Mama weckt mich sehr früh und hilft mir bei den Vorbereitungen. Ich gehe allein zur Schule und bemerke ein Mädchen in meinem Alter, das mir folgt. Ich gehe langsamer, um ihr Gelegenheit zu geben, mich zu überholen. Als wir auf gleicher Höhe sind, schauen wir uns flüchtig, aber auch neugierig mit einem kleinen Lächeln an. Wir passen unser Tempo so an, dass wir in einem kleinen Spiel gegenseitig wie unser Spiegelbild erscheinen. Sie wird rot, ihr Gesicht verrät mir bei jedem unserer Blickkontakte, dass sie schüchtern ist. Doch trotz unseres Schweigens sprechen unsere Blicke eine eigene Sprache. Es ist ein Spiel der versteckten Sprache der Freundschaft, noch nicht aufgeblüht, doch deutlich spürbar ist diese neue Knospe in unserer inneren Heimat.
VORKOSTEN
Da meine Mutter vorwiegend Hausfrau war, genoss ich die vielen Stunden in der Küche, in denen ich weniger spielte, oft aber meiner Mutter meine aktuellen Erlebnisse erzählte, und manchmal durfte ich auch etwas probieren. Ein besonderer Renner für mich war es, wenn meine Mutter einen Teig anrührte. Obwohl roher Teig angeblich ungesund ist, schmeckte er mir vorzüglich. Die Bitte „Iss nicht zu viel!“ befolgte ich fast nie.
Zur Küchenhochzeit zählte für mich das alljährliche Backen der Faschingskrapfen. An diesem besonderen Tag band ich mir eine Schürze um und trug eine Kochhaube, wie sie eben auch Haubenköche haben. Die Schutzkleidung war auch notwendig, denn oft ermahnte mich meine Mutter: „Vorsicht heißes Fett!“ Und mit großer Spannung wartete ich dann auf die goldbraun gebackenen Krapfen, die mir ausgezeichnet schmeckten und die wir bis zum Aschermittwoch in Rekordtempo aufessen mussten. Doch nicht nur beim Backen von Süßspeisen schlich ich mich in die Küche, sondern auch beim Zubereiten der Schnitzel. Dabei gab es meist einige kleine Fleischstücke zum Vorkosten, und diese schmeckten stets besser als die darauffolgende Mittagsspeise.
ARCHITEKTINNEN
Wir spielten in unserem Hof. Wir hatten kein Spielzeug und mussten es erfinden. Mit einem Ast zeichneten wir den Plan des Hauses für eine Familie auf den Boden. Das Haus hatte drei quadratische Räume: ein Wohnzimmer, eine Küche und das Schlafzimmer. Ich wollte nicht der Vater sein. Der Vater ging zur Arbeit und kam spät zurück, aß zu Abend, spielte mit dem Baby und ging dann ins Schlafzimmer. Vater zu sein, war in unserem Spiel eintönig. Ich wollte Mutter sein, das war abenteuerlustiger. Die Mutter hatte viele Aufgaben: sie kümmerte sich um das Kind, das Haus, bereitete das Essen mit einer Handvoll Erde und etwas Wasser in einer alten Erbsendose zu. Unsere einzige Puppe war der Sohn Walter. An diesem Tag sollte ich Vater sein und ging zur Arbeit auf die andere Seite des Hofes. Als ich dann zu früh nach Hause kam, sagte meine Schwester wütend, das sei gegen die Spielregeln.
Ich musste an der anderen Hofseite beim Baum bleiben. Aber ich wusste nicht, was ich tun sollte, wie ich als Vater arbeiten sollte. Ich verbrachte also die Zeit damit, dem Rascheln des Baumes zuzuhören oder mir die Pflanzen in der Nähe anzuschauen. „Fertig?“, rief ich eifrig. „Noch nicht!“, antwortete meine Schwester. Das bedeutete, dass der Tag noch nicht zu Ende war und sie noch nicht alle Mutteraufgaben erledigt hatte. Aber ich langweilte mich als Vater. Jetzt wurde ich von einem Käfer abgelenkt, der auf dem Boden herumkrabbelte, und es dauerte lange, bis ich endlich mit meiner imaginären Aktentasche durch die nicht vorhandene Tür ins Haus trat. „Hallo Frau!“, sagte ich mit tiefer Stimme. „Hallo Ehemann!“ „Ist das Abendessen fertig?“ „Ja, Ehemann.“ „Ich bin sehr müde.“ Wir aßen unser Essen aus Erde, ich spielte ein wenig mit Walter und zog mich dann ins Schlafzimmer zurück. Dort sagte ich erwartungsfroh: „Jetzt bist du dran, Vater zu sein!“
DER EINTRAG
Tagelang hatte mir ein Mitschüler mein Buch nicht zurückgebracht. Das war unangenehm, da ich befürchtete, es nicht mehr an die übrigen Schüler weitergeben zu können. Das Schuljahr war doch in wenigen Tagen zu Ende. Ein erstes Abschiednehmen im Leben, das uns aber in unserer unbeschwerten Kindheit nicht wirklich bewusst war.
An meinem Geburtstag hatte ich das Poesiealbum bekommen, etliche Wochen lag es unberührt auf meinem Schreibtisch. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, und eigentlich dachte ich schon, dass es für immer leer bleiben würde. Doch dann gaben mir Schulfreunde ihr Buch, und bald kamen auch die ersten Eintragungen von Familienmitgliedern in meines. So beschloss ich, dass sich auch meine Grundschulfreunde hier verewigen sollten, bevor wir in alle Richtungen auseinander gehen würden.
Nun wartete ich aber schon eine Woche auf mein Buch. Unruhig betrat ich das Klassenzimmer. Meine drei besten Freunde gaben wie immer witzige Kommentare ab. Ihnen brauchte ich es gar nicht zu geben, da wir uns für das kommende Jahr im selben Gymnasium angemeldet hatten. Ich hoffte sehr, dass wir dort wieder eine Klasse besuchen würden … Schließlich kam auch mein spezieller Freund in die Klasse. Er ging lächelnd auf mich zu … und gab mir tatsächlich mein Poesiealbum zurück. Ich bedankte mich und sah mir sogleich seinen Eintrag an:
„Es ließe sich alles trefflich schlichten, könnte man die Sachen zwei Mal verrichten!“ Das Zitat, das mir schon beim ersten Lesen bedeutsam vorkam, war von einem gewissen Johann Wolfgang von Goethe. Es sollte sehr realitätsnah werden in zahlreichen Situationen meines Lebens.
HAHNENTOD
Von den Eltern in den Sommerferien verschickt auf den Bauernhof unserer Vorfahren – ein ärmliches Anwesen voller Wärme und Abenteuer für mich als Kind. Der Bauer schüttet sich nach getaner Arbeit Zucker ins Bierglas, „weil es so bitter schmeckt“. Seine Frau herzt mich, als habe sie mich geboren. Ihre Augen so tief und liebevoll, ihr Körper von der harten Arbeit gebeugt. Der Sommer ist trocken dieses Jahr. Schon seit Wochen kein Regen, nur heißer Wind. Pflanzen und Tiere ducken sich unter den Sonnenpfeilen. Selbst die Vögel verstummen. Fliegen schwirren über dem Misthaufen. Durch den Bauerngarten fließt ein Bach mit spärlicher Strömung. Forellen dösen unter Weidenwurzeln im sauerstoffarmen Wasser. Es gehört zu den großen Gefühlen meiner Kindheit, in den Bach zu steigen und mit den Händen unendlich langsam in die Uferhöhlen des Bachbettes zu tasten, sie vorsichtig unter die Forellenbäuche zu schieben und die Fische mit den Daumen zu streicheln. Im Bauernhof Lärm einer Betonmischmaschine und Stimmengewirr der Maurer. An die Scheune wird ein Kuhstall angebaut. Die Schalbretter für die drei Meter hohe Seitenwand sind schon gesetzt. Über eine Bohle wird mit dem Schubkarren frischer Beton in den Spalt verfüllt. Urplötzlich markdurchdringende Schreie von einem Hahn. Das Tier hat sich zwischen den Schalbrettern verfangen. Ein Maurer grinst und sagt: „Der bringt Glück in die tragende Wand“, und entleert seinen Schubkarren über dem Tier. Sommerbunte Federn versinken im Grau des Betons. Hahnschreie ersticken und mir das Herz.
SCHWEBEND ZWISCHEN STERNEN
Ich träume von einem dunklen, warmen, geräumigen und ziemlich trüben Raum, merkwürdig, und trotzdem ist er sehr vertraut, schwebend zwischen Sternen. Schwerelos bewege ich mich. Mitten in diesem glücklichen Dasein werde ich mit großem Druck auf den schwankenden Boden gestoßen und bin dann jedes Mal direkt wach, spüre den harten Boden unter meinem Gewicht.
Mit dem ersten Schrei der Liebe
erblicke ich das Licht der Welt
und dein Schmerz
um Leben zu schenken
wandelt sich, umhüllt mich
Und ich bejahe das Leben
mit dem Anflug des Glücks.
MITTEN IN DER HÖLLE
Wir kamen dort an, wo die alte Brücke war. Aber es gab keine Brücke mehr, nur ihr Skelett. Ich dachte, wir könnten sie überqueren. Zu Beginn der Brücke waren die Streben noch in Ordnung, doch als ich voranging, mein Cousin hinter mir, brach weiter vorn das Holz. Mein Cousin konnte nicht weitergehen, ich stand schon mitten auf der Brücke. Doch was ich zuvor nicht gesehen hatte: Sie führte nicht weiter. Es gab hier ein tiefes Loch, darunter brodelte der Fluss, dessen schnelle Strömung wie schwarze Zöpfe dahinzog. Ich konnte nicht schwimmen. Ich war mitten im Gerippe der Brücke gefangen. Auf der anderen Seite befand sich eine schmale Betonwand. Wenn ich springen würde und meine Füße sie nicht erreichten, konnte ich hinfallen und mit dem Kopf auf den Beton schlagen.
„Du musst Hilfe holen!“, schrie ich meinen Cousin an, der auf der anderen Seite der Brücke geblieben war und nicht wusste, was er tun sollte. „Ja, das werde ich! Aber zuerst muss ich scheißen!“ „Was? Ich sterbe hier und du musst scheißen?“, fragte ich entsetzt. „Ich muss scheißen!“, wiederholte er aufgeregt und versteckte sich hinter einem Busch.
Ich sah wieder auf die andere Seite der Brücke. Nach unten schauen konnte ich nicht, die Strömung machte mich schwindelig. Der Nachmittag ging zu Ende, und das Licht der Sonne nahm rapide ab. Außerdem würden die Fledermäuse kommen und an meinen Körper fliegen. Ich wusste, ich konnte nicht überleben. Ich konnte nicht schwimmen, hatte Angst vor der schwarzen Strömung, dem Schwarz der Nacht und den unsichtbaren Fledermäusen. Ich kannte meinen Cousin, er würde langsam nach Haus gehen, bis es Zeit zum Abendessen wäre.
„Geh und wasch deine Hände!“, würde seine Mutter sagen. Er säße zum Abendessen am Tisch und erst, nachdem jemand gefragt hätte, wo ich sei, würde er sagen, dass ich auf einer kaputten Brücke wäre, ohne vorwärts oder rückwärts gehen zu können.“ „Welche Brücke, Junge? Erklär die Dinge richtig!“ Und nach einer wirren Erklärung würden meine Eltern und meine Onkel zu meiner Rettung kommen. Wie lange musste ich hierbleiben? Ich richtete meinen Blick auf das Betonfundament, berechnete genau, wo meine Füße aufkommen würden. Ich musste springen, ich konzentrierte mich. Und ich sprang, mit einem Fuß voran und balancierend mit dem anderen, und mit ausgestreckten Armen fand ich mein Gleichgewicht. Ich sah nur auf den Horizont vor mir, nicht nach unten. Nur auf die schmale Betonwand. Ich musste mit ausgestreckten Armen gehen, einen Fuß nach dem anderen und mit maximaler Konzentration. Endlich gelangte ich an das Ufer. Ich war in Sicherheit, rannte glücklich mit offenen Armen den menschenleeren Weg hinunter und spürte, wie der Wind mein Gesicht streichelte. Den salzigen Geruch des Waldes zog ich genussvoll durch die Nase und erblickte vor mir die dunkle Silhouette der Unermesslichkeit des Meeres.
AUSWANDERN FÜR IMMER
Unser Klassenlehrer hatte es uns vor kurzem mitgeteilt, und der Tag X rückte immer näher. Vielleicht wollten seine Eltern ihm bessere Chancen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bieten, ohne Stress, mit einer völlig anderen Art des Lebens. Solch ein einschneidender Schritt sollte sorgfältig geplant werden, besonders wenn man ihn mit Kindern gehen will. Wie wäre es gewesen, wenn mich das alles betroffen hätte? Immer wieder dachte ich seit dieser Zeit über das Auswandern nach. Ein schöneres Leben mit mehr Sonnenschein und unter Palmen? Davon träumten damals viele, Aufbruch in neue Abenteuer … Aber ob das auch für mich interessant wäre?
Dann kam der Tag, an dem unser Lehrer mitteilte, dass unser Schulfreund seinen letzten Schultag hier hätte und schon in wenigen Tagen nach Kanada übersiedeln würde. Ein großes Händeschütteln begann, und dann war das aufregende Ereignis auch schon fast vorüber … Am frühen Nachmittag kam ich nach Hause und eilte weinend zu meiner Mutter, die in der Küche das Essen zubereitete.
„Heute war unser Mitschüler zum letzten Mal in der Schule, wir werden ihn nie mehr sehen. … Oft habe ich ihn gehänselt … und manchmal haben wir nicht nett über ihn gesprochen … Jetzt können wir das alles nicht mehr gut machen, Mama! Eigentlich habe ich ihm noch so viel sagen wollen … Das ist sehr traurig!“, und ich weinte bitterlich wie kaum je zuvor. Meine Mutter nahm mich in die Arme und tröstete mich: „Schau jeden Abend auf den Abendstern, er geht überall auf, ganz egal auf welchem Erdteil du lebst. Durch ihn bist du immer mit ihm verbunden und kannst ihm alles sagen, was dich bedrückt!“ Nach diesem Gespräch war ich sehr erleichtert und fühlte mich an so manchen Abenden mit jenem Mitschüler verbunden.
HAHNSCHLAGEN
Dorffeste gehören für uns Kinder zu den bewegenden und prägenden Erlebnissen unseres Daseins, auch wenn der Dorfalltag allein schon voller kleiner Abenteuer ist. Auf das Dorffest spare ich das ganze Jahr, kann es kaum erwarten, mein Geld für Süßigkeiten und die Schießbude auszugeben. In unserem Dorf gibt es eine besondere Tradition, das „Hahnschlagen“, dem ich jedes Jahr aufgeregt entgegenfiebere. Einer der Bauern im Dorf spendiert einen geschlachteten Hahn, den er in einem Leinensack dem Bürgermeister übergibt. Auf einer Wiese wird nach seiner Anweisung ein Loch ausgegraben und der Sack nebst Hahn darin vergraben. Um die Grabstelle herum wird mit einem Seil ein Quadrat mit einer Seitenlänge von ungefähr zehn Metern abgesteckt. Vorher schon werden den 16-jährigen Jungen die Augen verbunden.
In diesem Jahr stehen nun sechs „künstlich erblindete“ Jungen vor der Absperrung, alle bewaffnet mit einem Dreschflegel. Wir Kleinen liegen bäuchlings auf der Wiese, beobachten das Spektakel. Ein Junge nach dem anderen wird auf das markierte Quadrat geführt, und jeder versucht nun, mit den Füßen die Stelle zu erspüren, an der der Hahn vergraben liegt. Wer glaubt, die richtige Stelle gefunden zu haben, tritt einen Schritt zurück und schlägt mit dem Dreschflegel auf den Boden. Drei haben sich schon vertan, jetzt ist der Sohn unseres Nachbarn dran. Mit dem rechten Fuß tastet er die Erde nach einer weichen Stelle ab und wird fündig. Sein Hahnenschlag sitzt. Seiner Augenbinde entledigt, wird er auf den Schultern seiner Freunde durchs Dorf getragen. Abends wird der Hahn für ihn in der Dorfgaststätte zubereitet und er erhält für die ganze Dauer des Dorffestes seine Getränke im Festzelt umsonst. In den Augen der Dorfmädchen ist er für zwei Tage ein Held. Ich bin ein wenig neidisch.
DIE MAUER
Meine Mutter hatte eine sanfte Stimme und viel Geduld. Sie verbrachte den Tag mit der Hausarbeit: Kochen, Putzen, Essen, Wäsche, und immer, wenn ich gerade etwas Neues ausprobieren oder etwas erfinden wollte, sagte sie mir: „Tu das nicht!“ Und ich tat es doch. Und dann war da noch diese Mauer in unserem Garten, und meine Mutter wusste nicht, dass eine Mauer für ein Kind nur gemacht ist, um herauszufinden, was auf der anderen Seite ist. Die Holzkisten neben der Wand waren eine einladende Treppe. Ich stieg auf die zerbrechlichen Kisten, erreichte den Rand der Mauer, ließ ein Bein auf die eine und das andere auf die andere Seite baumeln und entdeckte ein neues Territorium: den Hof der Nachbarn mit ihren Kleidern auf der Wäscheleine.
Der rotgekachelte Boden leuchtete im Sonnenlicht, und die aufgehängte Wäsche bewegte sich wie Laub im Wind. Ein weißes Tuch flatterte in Kurven in der Luft, skizzierte Flüge, hing aber fest an der Wäscheleine, um wieder nach oben zu flattern und zu landen. Ich konnte dort nichts weiter entdecken als eine ferne Insel in der Ecke mit einem blühenden und einem grünen Busch. Als ich heruntersteigen wollte und auf die Holzkisten trat, rutschte ich aus und fiel hin, wobei ich mir das Knie verletzte. Aus einer tiefen Wunde strömte das Blut, und meine schrillen Schreie breiteten sich im Hof aus.
Meine Mutter trat aus der Küchentür und sagte ohne Mitleid: „Ich habe dir gesagt, du sollst das nicht tun!“ Sie brachte mich ins Badezimmer, wo sie die Wunde desinfizierte, Gaze auflegte und mit einem Klebeband befestigte. Meine Mutter ist nie über Mauern geklettert, sie wusste wohl nicht, dass Mauern gemacht sind, um sie zu überqueren, dachte ich, meine Augen voller Tränen.
GROßVATER
Mein Großvater mütterlicherseits ist ein fröhlicher und herzensguter Mensch. Er hat einen großen Weingarten, einen wunderschönen Hahn und viele Hühner, die uns jeden Morgen frische Eier zum Frühstück schenken. Mitten auf seinem Hof, vor der Terrasse, befindet sich ein großer Teich mit Goldfischen. Jeden Abend vor Sonnenuntergang sprengt mein Opa die Blumen und den Boden des Hofes mit Wasser, damit die Hitze im Sommer erträglicher wird. Danach riechen der Hof und die Terrasse nach feuchter Erde. Dieser Geruch ist unser Zeichen, das bald das Abendessen serviert wird. Dann stellen unsere Mütter die wunderbaren Gerichten für die große Familie auf die Terrasse, deren Düfte uns noch hungriger machen. Das Abendessen wird immer wie ein Festmahl gefeiert. So verbringen wir oft die Sommerferien mit der ganzen Familie im Hause meines Großvaters.
Mein Großvater wird plötzlich krank. Wir Kinder spüren einen unsichtbaren Saum der Trauer in der Luft. Meine Mama sagt: „Opa geht es nicht gut, macht nicht so viel Lärm.“ Opa protestiert und sagt mit schwacher Stimme: „Lass doch bitte meine Vögel zwitschern, das schenkt mir viel Kraft“. Doch schon bald erlischt das Lebenslicht meines Großvaters. Sein Platz auf der Terrasse bleibt leer. Mama sagt: „Er ist für immer fort“. „Für immer?“, frage ich entsetzt und spüre zum ersten Mal den Schmerz des Verlustes eines geliebten Menschen, der nie mehr da sein wird.
WESPENSTICHE
Nur langsam verzog sich der heiße Dampf im ersten Stock unseres Ferienhauses, es duftete aber noch immer nach süßem Himbeersaft, den meine Mutter den ganzen Abend über zubereitet hatte. Ich verzog mich bei diesem Vorgang immer nach oben, da mir nicht nur der heiße Riesentopf auf dem Küchenherd Respekt einflößte, sondern auch die vielen Flaschen, die mit heißer Luft sterilisiert werden mussten, bevor der Saft durch einen Schlauch eingefüllt wurde. Meine Mutter tat dies mit weit ausgestreckten Armen, denn manchmal hielt eine Flasche dem Erhitzen nicht stand und zersplitterte.
Nun, ans Einschlafen war an diesem Abend noch lange nicht zu denken. Drückend schwül war der Sommertag verlaufen, mit der dampfenden Küche als abschließendem Höhepunkt, und auch aus den geöffneten Fenstern gab es kaum einen Durchzug. Ein weiteres Problem im überhitzten Holzhaus bestand in einem riesigen Heer von Insekten, die uns ohne Fliegengitter regelrecht heimsuchten. Nachtfalter und Fliegen waren dabei noch die humansten Tiere, Bremsen und Stechmücken erfreuten sich reichlich an unserem Blut, und besonders gefährlich wurde es beim Besuch von Bienen, Wespen oder Hummeln.
Irgendwann musste ich in dieser schwülen Sommernacht doch eingeschlafen sein, als es endlich etwas abgekühlt war. „Aua … au! Mamaaa!“, schrie ich mitten in der Nacht auf und tastete zum Lichtschalter. Es stach, brannte, schmerzte heftig an zwei, drei, ich wusste gar nicht an wie vielen Stellen meiner Beine. Ich zog meine leichte Decke zur Seite und sah sie daliegen, zwei, nein, drei halbtote Wespen, die ich offensichtlich mit meinen Fußtritten betäubt hatte.
Schnell sprang ich aus dem Bett, rannte ins Erdgeschoß und wurde dort von meiner Mutter mit Zwiebelscheiben verarztet. Schnell neutralisierten diese die Stiche, sie wirkten entzündungshemmend und schmerzlindernd. Den Rest der Nacht verbrachte ich im Bett bei meiner Mutter. Noch einige Tage juckten die Einstiche der nächtlichen Ungeheuer, und für alle Zeiten schüttele ich vor dem Einschlafen meine Decke kräftig aus. Es könnten sich ja Wespen darin einquartiert haben.
MASERN
„Du hast zu viel Fantasie“, sagt Mutter und streicht mir durch die feuchten Haare. Draußen trommeln die Regentropfen an den Rollladen. Ihr Lächeln erkenne ich nicht. Ich liege mit Fieber im Bett und weine. Ein Albtraum hatte mich heimgesucht. Meine Augen brennen. Ich sehe alles nur wässrig, die Konturen des Lebens nehme ich nur verschwommen wahr. Schemenhaft bedrohen mich die wenigen Möbel im Raum – wie hungrige Raubkatzen. Mich fröstelt, trotz der hohen Körpertemperatur. Der Raum ist abgedunkelt. Ich liege schon seit mehr als zwei Wochen. Das ist üblich bei Masern. Die Leute sagen, das Licht bedrohe die Masernaugen. Jetzt blendet mich der spärliche Lichtstrahl durch den Türspalt. Mutters Hand auf meinem Haar beruhigt ein wenig. Die Traumschatten der Nacht beben noch in mir. Jede Nacht diese Angsträume. Auch das käme von den Masern, sagte Mutter, als die Träume anfingen. Der letzte Traum hat mir die Urangst gezeigt. Eine riesige grellgelbe Fläche, die mir die Sinne raubt, mit einem winzigen schwarzen Punkt in der Mitte. Mit jedem Herzschlag vergrößert sich der Punkt; pulsierend erwacht die Angst. Schrecklich, dieses innere Zittern. Bald reift der Punkt zum kleinen Fleck, frisst stetig die gelbe Fläche auf, wächst zum wabernden Ungeheuer, verschlingt irgendwann das Gelb. Dann nur noch Schwärze. Mein Herz rast voller Angst in der Nacht, ich schwitze. Mutter nimmt mich in den Arm, gibt mir einen Kuss auf die schweißperlende Stirn. Alles ist gut für diesen Moment.
WIE GROß IST DAS MEER?
Heute werde ich zum ersten Mal in meinem Leben das Meer sehen. Ungeduldig und aufgeregt warte ich auf den ersten Anblick. Ich frage meinem Vater, der ruhig neben mir im Bus sitzt, wie groß ein Meer sein kann, er antwortet: „Sehr groß“. Ich kann mir keinen Reim über die wahre Größe des Meeres machen. Als wir unterwegs einen Fluss sehen, frage ich eifrig, ob wir angekommen seien, ob dies das Meer sei. Mein Vater lächelt, küsst mich sanft auf die Wange und sagt: „Nein, das Meer ist viel größer als ein Fluss. Du musst dir vorstellen, dass im Meer Millionen Fische schwimmen.“ Ich quäle mich, weil ich keine richtige Vorstellung vom Meer habe. Unruhig frage ich: „Wie groß kann eigentlich ein Meer sein? Wohin fließt das ganze Wasser, und wie können so viele Tiere in das Meer passen?“
Endlich erreichen wir das Meer. Soweit das Auge reicht, gibt es keine Erde mehr, nur Wasser. Am Horizont vermischen sich Himmel und Meer, als ob die Erde vom Wasser verschlungen wäre. Der Anblick macht mir Angst. Mir kommt es so vor, als ob ein Riese vor uns säße, der mit einer unheimlichen Kraft alles Lebendige verschlingt. Erst jetzt erfahre ich wie winzig klein ich bin und frage mich: Wenn das Meer so groß ist, wie groß ist dann erst unsere Erde?
MÄUSERETTEN
Jedes Jahr im Frühjahr und Herbst tritt der nahe Fluss über die Ufer, so, als sei ihm sein Bett zu eng, als sehne er sich nach Weite. Die Hechte nutzen das Hochwasser, um ihren Laich in den Mulden der Wiesen abzulegen, nicht ahnend, dass das Wasser wieder in sein Bett zurückfließen wird. Uns Kinder fasziniert das Naturschauspiel. Wo sonst Kühe und Schafe sattes Gras weiden, breitet sich vor unseren Augen im ganzen Tal eine gräuliche Wasserfläche aus, vom Westwind gekräuselt. Für die Wiesenmäuse eine Katastrophe. Panisch verlassen sie ihre mühsam gegrabenen Gänge, retten sich auf die Holzpfosten der Weidezäune. Darauf haben wir gewartet. Vom Jagdfieber erregt, stapfen wir mit alten Zigarrenkisten unterm Arm in Gummistiefeln durch das Wasser zu den Rettungsinseln der Mäuse, sammeln die piepsenden Tiere an den Schwänzen ein. In der nebligen Abenddämmerung entlassen wir unsere Gefangenen in die Kellerfenster der Häuser von Bauern, die sich uns gegenüber beim Spielen im Sommer böse verhalten haben; zum Beispiel, wenn ein Ball über den Zaun hinweg in den Bauerngarten geraten war und der Bauer das Spielzeug wütend einbehielt. Die unschuldigen Mäuse sind unsere kindliche Rache.
BÜCHER
Ungeduldig warte ich auf meinen Vater an der Tür, denn heute bringt er mir ein neues Buch. Allein durch das Berühren eines Buches werden alle meine Sinne erweckt, das Sehen, Riechen, Schmecken, Hören und Ertasten. Durch diese sinnliche Wahrnehmung wird der Hunger meines Geistes gestillt.
Beim Anblick eines Buches erweitern sich die magischen Bilder meiner Fantasie. Der faszinierende Geruch eines Buches verkündet den Duft der Bäume. Die Wörter schmecken süß, und ich höre eine leise Melodie bei dem Lesen des Titels. Kein Spielzeug der Welt oder auch das Spielen mit Gleichgesinnten können mir so viel Glück schenken wie ein schönes Kinderbuch. Denn die Bücher selbst werden zu einem Spielzeug, wenn sie mich zum Träumen einladen.
LACHEN ODER WEINEN
Tödlich getroffen im karstigen Gebirge, gestützt von seinem Blutsbruder, schweiften seine Gedanken noch einmal in die Vergangenheit, hin zum Silbersee und zum Beginn ihrer jahrelangen Freundschaft, die auch mich immer wieder mit ganzer Leidenschaft in den Bann gezogen hatte.
„Winnetous Seele muss gehen. Winnetou ist bereit. Leb wohl …“
Als man durch die Kinolautsprecher deutlich die Sterbeglocken von Santa Fe vernehmen konnte, kommentierte ich mit meinem Schulfreund das doch allzu pathetische Ende unseres Leinwandidols.
„Requiem im Dom!“, sagte mein Freund.
„Gleich tragen sie ihn hinaus auf den Zentralfriedhof!“, fügte ich hinzu – und dann konnten wir unser bislang unterdrücktes Lachen kaum mehr für uns behalten. Winnetous treuer Rappe wieherte zum Abschied, und die Dame in der Reihe vor uns drehte sich fürsorglich um und meinte mit wässriger Stimme: „Ihr braucht nicht zu weinen, sein Tod ist ja nur im Film, sie werden bald wieder gemeinsam einen neuen Film drehen!“
„Ja!“, platzten wir lachend-weinend im Chor heraus, sahen uns kurz an und mussten dann heftig weiterlachen. Dieses Erlebnis, das ich mit dreizehn Jahren hatte, prägte mich für mein weiteres Leben. Ich wusste seitdem, dass sich ein tiefes, den ganzen Körper berührendes, tränenauslösendes Lachen genauso anhört wie ein trauriges Schluchzen und Weinen. Meine damals gewonnene Erkenntnis half mir auch an jenem bitterkalten Wintertag, als ich mit meinem Großvater einen stark vereisten Platz überqueren musste, um zum großen Weihnachtsmarkt zu gelangen. Es war nahezu ein unmögliches Unterfangen! Einmal, zweimal, nein, dreimal riss es ihm förmlich die Füße vom Boden und er lag auf der eisigen Straße.
Es sah sehr komisch für mich aus und ich musste jedes Mal auflachen, wenn mein Großvater einen weiteren Sturzflug machte. Er aber beruhigte mich lächelnd: „Ist nichts passiert, du brauchst nicht zu weinen!“
Da hatte ich an diesem Tag doppeltes Glück, denn mein Lachen war mir recht peinlich gewesen. Und irgendwie liebte ich doch meinen Großvater noch mehr als diesen Winnetou.
SCHLÄGE
Ich liebe den Keller unseres Hauses. Er ist mein Zufluchtsort, wenn ich Schläge vom Vater oder vom Großvater einstecken muss. Meine Mutter weint dann mehr als ich. Ich werde von Schlag zu Schlag verbitterter, wütender, giere aber auch nach Freiheit. Unter dem Haus fühle ich mich sicher wegen der vielen Verstecke, in denen ich meine kindliche Fantasie auslebe. Mein Großvater reißt mich oft aus den Armen meiner Mutter, wenn ich etwas angestellt habe, und verprügelt mich brutal. Wahrscheinlich gibt er die Schläge seiner Kindheit an mich weiter. Ich habe Angst vor ihm. Mein Vater schlägt mich auch, aber nie fest, weil er unsicher ist, nicht mit mir fertig wird. Durch seine Schläge spüre ich noch seine Liebe.
An einem Ferientag spiele ich wieder im Keller. Im Vorratsraum steht ein Steinfass mit Kleie für die Hühner. Es raschelt im Fass. Eine Maus ist darin, versucht panisch, an der glatten Wand des Fasses hochzuklettern. Sie sieht putzig aus mit ihren runden Miniaturaugen und den feinen Barthaaren. Mir ist, als bäte sie mich um Hilfe. Großvaters feste Schritte nähern sich. Ich erstarre. „Was treibst du dich hier wieder rum?“, tönt er, als er mich sieht. Sein Blick erfasst die hilflose Maus, und mit klobiger Hand versucht er sie zu fangen. Wie in Trance beginne ich zu schreien. „Lass sie frei, lass sie frei!“, brülle ich und trommele mit den Fäusten gegen die Beine meines Großvaters. „Weg da, du Lümmel!“, posaunt er und stößt mich weg, so dass ich auf den Steinboden fliege. Ich gebe nicht auf, schreie um so lauter. Mutter erscheint auf der Kellertreppe mit ängstlichen Augen. Einen Moment trifft mein verzweifelter Blick auf den meines Großvaters. Er hält die Maus in der Hand, will sie erschlagen. Doch mein Blick erweicht ihn. Er öffnet die Kellertür und lässt die Maus in den Hof entkommen. Ich habe ihn und seine Schläge besiegt.
KORREKTURLESEN
Solange ich mich erinnern kann, sitzt mein Vater an einem kleinen Tisch und schreibt. Er schreibt Artikel für Zeitschriften, Wochenzeitungen oder auch seine eigenen Bücher.
Meine älteren Geschwister helfen meinem Vater beim Korrekturlesen. Wenn ich in die vierte Klasse komme, wird auch mir diese Aufgabe zugeteilt. Das Lesen schwieriger Texte ist am Anfang sehr mühselig. Obwohl ich beim Lesen kein Wort verstehe, bin ich fasziniert von der Macht der Wörter. Denn gemeinsam schaffen sie es, etwas auszudrücken. Die Ausdrücke bilden Sätze, und diese Sätze lassen ein ganzes Buch entstehen. Bald lese ich die Texte eifrig und träume sogar oft von ihnen. Die Wörter tanzen vor meinen Augen und ich versuche, ihre Plätze spielerisch zu vertauschen, um dem Satz eine neue Bedeutung zu verleihen. Manchmal male ich die Buchstaben mit bunten Farben, dann werden die Worte lebendig.
MIT EINEM RIESEN SPIELEN
Bei meiner Taufe, als ich zwei Jahre alt war, betrat ich dieses riesige Haus. „Das ist das Haus Gottes!“, sagte meine Mutter. Ich schaute auf die hohe Decke und dachte, Gott sei sicher ein sehr großer Mann, ein Riese. Und warum diese Bänke? „Gott erhält viele Besuche“, erklärte meine Mutter. Also war er ein netter Mann, und bald stellte ich mir vor, wie er sich bückte, um mit mir zu spielen.
„Wo ist er?“, wollte ich wissen, damit wir so schnell wie möglich spielen konnten. Ich hatte noch nie mit einem Riesen gespielt!
„Überall“, antwortete meine Mutter. Aber das war keine Antwort für mich. Ich verstand nicht, was das bedeuten sollte und kam zu dem Schluss, dass Gott wie mein Vater war, der zur Arbeit ging und den ganzen Tag von zu Hause weg war. Und wir gingen in eine Ecke der Kirche, wo der Priester kaltes Wasser über meinen Kopf fließen ließ. Wenn ich meiner Schwester Wasser auf den Kopf gießen würde, hätte man mit mir geschimpft. Aber hier goss der Priester Wasser auf meinen Kopf, und keiner der Erwachsenen sagte etwas. Sie machten ernste Gesichter und der Priester sprach unverständliche Dinge. Ich wollte auf dem Schoß meiner Mutter sitzen und nicht auf dem meiner Patin, und mein Vater sah bedeutsam zu meiner Mutter hin. Als Rettung hatte ich bloß meinen Schnuller. Ich fing an, ihn in meinem Mund zu drehen und am Gummi zu kauen und sehnte mich danach, zu wissen, wann Gott endlich nach Hause kommen würde.
STILLZEIT
Nachmittagssonne durchflutet den Bauernhof. Über dem Misthaufen tanzen hunderte Fliegen und Mücken im orangefarbenen Licht. Wie wohl ich mich an Mutters Hand fühle, die leere Milchkanne in der anderen. Die schwüle Sommerluft schwanger mit dem Geruch aus den Ställen. Ich reiße mich von Mutter los, stürme in den Kuhstall. Schwalben zischen über meinem Kopf. Ich spüre den zarten Hauch ihrer Flügel über meine Haare streichen. Drinnen sitzt die Bäuerin auf einem Schemel, ein Tuch um den Kopf gebunden, die Stirn am warmen Kuhbauch. Meine kleine Seele lächelt ihr zu. Sie liebt mich, weil sie selbst keine Kinder bekommen konnte. „Komm zu mir!“, ruft sie, umarmt mich, als ich bei ihr stehe, die Schuhe voller Gülle. Wie immer nimmt sie mich auf den Schoß. Sie riecht wie die Kühe. Wie ich das genieße, in mich einsauge. Ich schmiege mich an sie, lege meinen Kopf in ihren Arm, schließe die Augen, öffne meinen Mund. Sie spritzt mir frische Milch aus der Euterzitze in den Mund. Nie werde ich das vergessen, dieses Kitzeln im Hals, den warmen Kuhgeschmack und -geruch, die Zärtlichkeit der Bäuerin. Mutter steht neben uns und lacht.
MEINE LIEBLINGSMÄRCHEN
„Nun kam Johannes an die Reihe, er stieg auf sein Pferdchen und es ging …“
„trapp trapp trapp trapp trapp“, unterbrach ich meine Mutter.
„… und schon waren sie oben auf dem Berg, und nochmals …“ „trapp trapp trapp trapp trapp“, setzte ich fort. „Und sie waren dreimal um das Schloss herum, als ob Johannes´ Pferd schon unzählige Male den gefährlichen Weg gelaufen wäre. Die wunderschöne Prinzessin kam heraus, umarmte Johannes und erkannte ihr entlaufenes Pferd. Johannes und die Prinzessin lebten von nun an glücklich und zufrieden auf dem Zauberschloss des gläsernen Berges …“
„Noch einmal Mama, noch einmal!“, rief ich und wollte absolut nicht schlafen gehen. Das Märchen über den Kaufmann, der drei Söhne hatte, von denen gerade der Jüngste wachend in der Nacht ein Pferd als Hirsedieb entlarvte und schließlich mit ihm die Bergprinzessin erlöste, konnte ich einfach immer wieder hören. Und an manchen Abenden musste meine Mutter das Bechstein-Märchen bestimmt drei- oder viermal erzählen. So heftig bettelte ich übrigens auch bei meinem Vater, der eigentlich gar keine Märchen erzählte. Dafür aber die Geschichte über einen ängstlichen Mann, der sich so sehr gefürchtet hatte, dass er sich mit der eigenen Pistole, die sicherheitshalber stets griffbereit unter seinem Polster lag, in den Fuß schoss, da er diesen, als er sich im Bett bewegte, für einen Einbrecher gehalten hatte. So begleiteten mich die vertrauten Geschichten meiner Eltern immer zur guten Nacht, und ich konnte danach tief und glücklich an die zehn Stunden durchschlafen. Heutzutage gelingt mir das nicht einmal mit zwei Schlaftabletten.

AUFWACHEN
Aufgewachsen bin ich in einem Beamtenhaus mit vielen Vorschriften, doch in mir keimte schon früh ein Freiheitswille, der jedoch bis zum Schulabschluss versteckt bleiben musste. Einem rohen Ei gleich, beginne ich eine kaufmännische Lehre im Binnenhafen, ich getraue mich nicht viel. Wie ein Schleier umfängt mich der Anpassungsdruck durch Vater und Großvater. Ich habe großes Glück, meinen Kollegen kennen zu lernen, in dessen Abteilung ich meine Lehrlingstätigkeit beginne. Er ist äußerst gebildet und ahnt wohl meinen Wissendurst jenseits des Beamtendenkens, denn er verstrickt mich immer mehr in Diskussionen über Moral, Kapitalismus, Demonstrationen, Naturzerstörung und über die Verantwortung, die nach seiner Ansicht jeder zu übernehmen habe, um die Gesellschaft demokratisch voranzubringen.
Er bezieht ein intellektuelles Politmagazin, liest mir im Büro oft Artikel vor und wir diskutieren eifrig über dieses und jenes, und ganz langsam erschließt sich mir ein neuer Horizont. Es ist wie ein Aufwachen. Vor allem im Winter haben wir ungeahnte kommunikative Freiräume, da der Binnenschiffsverkehr mit Baumaterialen weitgehend zum Erliegen kommt. Wenn ich meinem Kollegen nicht begegnet wäre, würde ich sicher immer noch verletzlich wie ein rohes Ei leben. Doch als mich später die Studentenrevolte erfasst, weiß ich, wer Pate gestanden hat.
AUF DEM SCHULHOF
Morgens vor Unterrichtsbeginn ist es üblich, aufgereiht im Schulhof zu stehen. Dann wird die Nationalhymne unseres Landes, welche gleichzeitig ein Lobgesang für den König ist, gesungen. Unsere Schulrektorin, eine kleine korpulente Frau Ende vierzig, geht mit düsterem Gesicht wie ein Monster über den Schulhof, sie verbreitet mit ihrem Erscheinen Angst und Unbehagen. Kein Lächeln, keine freundliche Begegnung kann man von ihr erwarten. Mit einem langen Stock läuft sie herum, damit wir ihre Sprache besser verstehen. Am Ende jeden Monats erinnert sie die Schülerinnen über einen Lautsprecher an die Schulden ihrer Eltern, die noch zu begleichen sind. In unserer Schule mit etwa 200 Schülerinnen, von welchen die meisten aus der Mittelschicht stammen, gibt es auch einige Mädchen aus ärmeren Verhältnissen. Um sie für die Schule anzumelden, müssen die Eltern hohe Gebühren zahlen. Es gab zum einen die Möglichkeit, zu Schuljahresbeginn die gesamte Summe zu begleichen oder diese in monatlichen Raten zu bezahlen.
Eines Tages soll nach der morgendlichen Zeremonie eine Mitschülerin, deren Vater als Hilfsarbeiter bei der Busgesellschaft in der Hauptstadt arbeitet, hervortreten. Wir stehen alle noch aufgereiht im Schulhof. Das zarte Mädchen, ärmlich gekleidet, geht mit gesenktem Kopf nach vorne. Die Schulleiterin nimmt ihren Stock und schlägt gnadenlos auf sie ein. Das Mädchen weint still und schaut auf dem Boden. Die Schulrektorin schlägt unaufhaltsam weiter, sie möchte das Mädchen vor uns erniedrigen. Das Mädchen steht hingegen tapfer da und trägt mit Würde die Last ihrer Armut auf den Schultern, für die sie ebenso wenig kann wie ihre Eltern. In unseren Augen verliert die Schulrektorin gerade ihre letzten menschlichen Züge.
FLUG ÜBER DAS TOR
„Komm, Papa, vielleicht funktioniert es, wenn wir uns gleichzeitig gegen das Tor stemmen … probieren wir es mit Anlauf!“ Gesagt, getan. Wir gingen ein paar Schritte zurück und warfen uns mit aller Wucht gegen das Tor. Doch es bewegte sich keinen Zentimeter. Der Schnee, den ein Schneepflug vor unserem Gartentor aufgeschüttet hatte und der sich nun als vereister Block außerhalb wie auch innerhalb des Gitters fast einen Meter hoch auftürmte, war einfach nicht zu überwinden.
„Ich glaube, wir müssen unverrichteter Dinge wieder heimfahren!“, meinte mein Vater resignierend. Dabei hatte ich mir diesen Winter-Ferientag so schön vorgestellt. Mein Vater wollte nachschauen, ob der strenge Winter im Garten oder am Haus Schäden angerichtet hatte, und ich freute mich auf ein paar schöne Stunden im Schnee, wobei ich einen Schneemann bauen wollte. Nach einem Augenblick der Verzweiflung hatte ich eine Idee: „Papa, du könntest mich über den Zaun werfen, und ich versuche dann von innen das Tor freizubekommen!“
Mein Vater zögerte kurz, vielleicht hatte er Angst, dass ich es von der anderen Seite auch nicht schaffen würde, aber dann willigte er ein, machte eine Räuberleiter und ich stieg von hier aus auf seine Schultern. So packte er mich und schubste mich mit Schwung über das Tor. Und ich genoss den freien Flug durch die Luft … und landete weich im unberührten Tiefschnee.
Mit den Händen in meinen warmen Winterfäustlingen buddelte ich den Schnee zur Seite. Zunächst ging das auch ganz leicht und machte mir durchaus auch Spaß. Dann aber geriet ich an die aufgeschüttete Eisschicht und musste immer und immer wieder kräftig gegen den harten Schnee treten, bis sich nach unzähligen Versuchen endlich etwas rührte. Mein Vater, der die ganze Zeit über von außen kräftig gegen das Tor drückte, hatte Erfolg, das Tor bewegte sich nun. Nach und nach schafften wir gemeinsam einen so großen Türspalt, dass auch mein Vater in den Garten eintreten konnte. Als dieser schöne, abenteuerliche Wintertag zu Ende ging, wollten wir meiner Mutter lieber nichts von meiner Gartentor-Flug-Bezwingung erzählen. Sie wunderte sich nämlich sehr über meine zerkratzten neuen Stiefel.
GITTER DES TAGES
Mehrmals täglich ging ich auf die Toilette, kletterte auf die Kloschüssel und erreichte so das schmale Fenster oben in der Wand. Der Wind fuhr über mein Gesicht und ich sah den Himmel, die Dächer der Häuser und den Platz, der vor der Schule lag. Er war so nah, aber unerreichbar! Im Gefängnis führte eine Treppe bis zu einem fensterlosen Raum, in dem acht Tische Platz fanden. Der Flur erstreckte sich bis zu einer kleinen Küche, am Ende waren die beiden Toilettentüren: für Männer und Frauen. Seitlich der Treppe befanden sich im breiten Korridor zwei Tische, einer für den Leiter der Buchhaltung, der andere für seine Sekretärin. Im vorderen Bereich gab es den einzigen Raum mit einem Fenster, der zur Begrüßung von Gästen genutzt wurde, die aber nur selten erschienen. Die zwölf Angestellten an den Tischen mussten Belege addieren und subtrahieren, Bilanzen machen und auf der Schreibmaschine schreiben. Ich stand oft auf, um auf die Toilette zu gehen. Dann warf ich einen Blick auf den Platz, wo meine Freundin und ich auf einem kleinen Hügel gestanden hatten, um uns Gedichte vorzulesen, die wir selbst geschrieben hatten.
Der Baum gab sein Rascheln und seinen Schatten dazu. Ich war fünfzehn Jahre alt und gefangen in diesem Kerker, ich durfte draußen keine Gedichte mehr lesen. Ich sollte acht Stunden am Tag rechnen, und abends ging ich in die Schule. Meine Arbeitskollegen fühlten sich nicht so eingesperrt wie ich, aber sie schrieben auch keine Gedichte und zeichneten keine Bilder. Ich ging immer wieder auf die Toilette, um das Fenster aufzusuchen wie eine Fliege, die dem Licht folgt und der Freiheit und dabei gegen eine unsichtbare Barriere stößt.
LIEBLINGSSCHRIFTSTELLER
Es gibt einen Autor, der fasziniert mich. Ich habe ihm zwei Jahre meiner Jugend geschenkt. In meinem 16. und 17. Lebensjahr habe ich alles von ihm gelesen, komplett; Gedichte, Dramen, Theaterkritiken. Ich bin wie besessen, berauscht von ihm und vernachlässige dabei mein eigenes Jungsein. Was zieht mich eigentlich so an? Vielleicht seine Einsicht: das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Ich habe aufgegeben, gegen diesen Rausch anzukämpfen, obwohl er mich auch gelehrt hat: wer nicht kämpft, hat schon verloren. Ich glaube, es sind vor allem seine Gedichte, die eine unglaubliche analytische Tiefe haben, auch wenn sie nur ein paar Verse umfassen. Seine Dichtkunst bringt alles auf den Punkt und ist doch voller Poesie. Ja, ich liebe es auch, zu verdichten, eine ganze Weltanschauung in fünf Zeilen zum Leben zu erwecken. Manchmal werde ich ihm allerdings untreu, meine Poesie sucht neben aller intellektuellen Erkenntnis und politischem Drang auch die Liebe und das Glück. Ganz verschämt lese ich jetzt abwechselnd Friedrich Schiller und Nikos Kazantzakis, und so wachsen zwei literarische Vorbilder in mir, bevor ich erwachsen werde.
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