Kitabı oku: «Dattans Erbe»

Yazı tipi:


Nancy Aris

Dattans Erbe

Roman

mitteldeutscher verlag

Nancy Aris, geboren 1970 in Berlin, Studium der Russistik, Polonistik und Neuesten Geschichte in Berlin, Moskau und Wrocław. Promotion zur Geschichtsschreibung im Stalinismus und umfangreiche Archivrecherchen in Moskau. Seit 2003 ist sie stellvertretende Sächsische Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen. Diverse Publikationen zur Diktaturgeschichte. Im Mitteldeutschen Verlag erschien 2014 „Passierschein, bitte! Nachtnotizen aus Wladiwostok“.

2016

© mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)

www.mitteldeutscherverlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

Lektorat: Erdmute Hufenreuter

Umschlagabbildung: fotolia.com – alien185

Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)

ISBN 978-3-95462-764-6

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016

Inhalt

Cover

Titel

Die Autorin

Impressum

Die Anzeige

Erstkontakt in den Neunzigern

Post aus München

Ankunft in Wladiwostok

Treffen in Naumburg

Versal & Flober

Im Archiv des Fernen Ostens

Wohnungssuche

Nadezhda, meine Hoffnung

Erste Begegnungen im Block

Regentin des Lesesaals

Olgas Verschwinden

Wolodja

Tom Sawyer streicht ein Zimmer

Kreuzzug in Schlappen

Doppelter Fund

Unliebsamer Besuch

Böse Entdeckungen

Eingangskontrolle

Pflanzenfresser mit Biss

Ljudmila nahe am Wahnsinn

Fotoalben und die Kiste

Sackgasse und Sprint

Bewachung rund um die Uhr

Demut vor dem Dokument

Briefe, Briefe, Briefe

Die Stunde der Wahrheit

Plötzliche Gelassenheit

Magnet

Überraschung im Trott

Die Kündigung

Neue Wege

Kehrtwende

Der Durchbruch

Späte Klärung

Übergabe

Drei Namen

Orakelstimmen

Der Entschluss

Wodka früh um zehn

Aussichten am Meer

Noch mal von vorn

Verbannungsgeschichte reloaded

Krieg

Verhaftet

Verbannt

Eroberer

Verbannung mit Tea-Time

Schwimmendes Massengrab

Geplante Dreharbeiten

Neu in Petrograd

Verzögerte Rückkehr

Ossendowski privat

Unerwarteter Besuch

Flucht nach vorn

Minkchens Briefe

Zweifel

Nichtfinden als Auftrag

Beleidigte Leberwurst

Zettelwirtschaft

17.02.1921-aussergewoehnlich-interessant.doc

Gruß aus Japan

Brief-Finale

Kleine Helfer

Geordneter Rückzug

Minkchen

Abschied

Wieder zu Hause

Die Inspektion

Übergabevorbereitung

Die Offenbarung

Seelentröster

Jetzt erst recht

Die Mühen der Ebene

Das russische Berlin

Alexander

Reisevorbereitungen

Ankunft

Berlin

Premiere

Paris

Zum Buch und Dank

Weitere Bücher

Die Anzeige

Ich hatte gekündigt. Meine Kollegen hielten mich für verrückt. Sie verstanden nicht, wie jemand in meiner Position alles aufgeben konnte. Einfach so, von heut auf morgen. Solide Posten wie dieser waren rar gesät und auch ich war nicht mehr die Jüngste. Sie begriffen die Welt nicht mehr. Warum hörte ausgerechnet ich auf? War ich nicht diejenige, die nie Probleme im Job zu haben schien, die immer gut gelaunt ins Büro kam? Alle wussten, dass mir meine Arbeit Spaß machte. Viele beneideten mich. Die Freiheiten, die ich genoss, waren für mich alltäglich. Doch auch ich wusste, dass es woanders ganz anders zuging. Es gab also keinen Grund, einfach aufzuhören. Und auch für mich hätte es ihn nicht gegeben.

Aber ich tat es.

Von denen, die mich zum Bleiben drängten, wusste keiner etwas von meinem Vorhaben. Außer Bernd, mein Chef. Auch ahnte keiner, dass ich seit einem halben Jahr reich war. Sehr reich sogar. Ohne real etwas dafür getan zu haben, hatte ich über Nacht so viel Geld, dass ich mir um nichts mehr Sorgen machen müsste. Auch für Martin und Paul würde es reichen. Geldprobleme waren mir ohnehin fremd, aber nun wusste ich, dass ich auch in Zukunft nie in Geldnot geraten würde, egal wie viel ich verdiente. Es würde immer reichen. Und das war ungemein beruhigend.

Trotzdem verhielt ich mich nach diesem Geldsegen ganz normal, so wie immer. Ich ging weiter arbeiten, kaufte im Discounter ein und putzte selbst. Äußerlich war kein Unterschied zu bemerken. Wir hatten immer noch kein Auto, wohnten weiterhin in unserer Mietwohnung, und ich kleidete mich nicht bei Max Mara ein, sondern blieb bei meinen Jeans. Nur gingen wir öfter schick essen, nahmen ein Taxi oder buchten im Urlaub teure Hotels. Ich genoss diese Annehmlichkeiten und das Gefühl, nicht mehr darüber nachdenken zu müssen, ob wir uns das leisten konnten oder nicht. Wir konnten.

Warum also hatte ich plötzlich genug von meinem Job?

Angefangen hatte alles an diesem Sonntag im Mai, eine Woche vor meinem Geburtstag. Wir saßen im Garten und frühstückten, obwohl es zu kühl dafür war. Ich hatte Martin und Paul dazu überredet, weil ich gern im Garten saß. Eine gemütliche Frühstücksatmosphäre kam trotzdem nicht auf. Ich hatte sie zwar rumgekriegt, aber sie saßen fröstelnd da, tranken einsilbig ihren Kaffee und verschwanden bald wieder. Ich blieb demonstrativ sitzen, kuschelte mich in eine Decke und begann mit der Sonntagslektüre. Ich liebte es, am Wochenende faul im Garten zu sitzen und in der ZEIT zu blättern. Und plötzlich war da diese Annonce. Ich las keine Stellenanzeigen, hatte das Inserat nur zufällig beim Umblättern entdeckt, weil es riesig war und mir ein russisches Wort in fetten roten Lettern in die Augen sprang:

ВНИМАНИЕ!

Russischsprachige Anzeigen in der ZEIT? Ich las weiter.

Suche ab sofort Historiker für Archiv-Recherche in Wladiwostok. Vorausgesetzt werden sehr gute Russischkenntnisse, Abenteuerlust und Beharrlichkeit. Bei zufriedenstellenden Rechercheergebnissen erwartet den Bewerber eine überdurchschnittliche Bezahlung.

Dann eine Chiffre-Nummer. Was war das denn? Ich las noch einmal. Es schien ein Widerspruch in sich: Abenteuerlust & Beharrlichkeit, Archivrecherche & gute Bezahlung. Das passte nicht zusammen. Alles wirkte unseriös, auch die russische Überschrift. Und dann noch in der ZEIT. Und wer setzte über eine Stellenausschreibung schon ein „Achtung!“, ein sprachliches Warnschild? Wovor sollte der Rechercheur gewarnt werden? Und was sollte die Chiffre-Nummer? So etwas kannte ich nur von Partneranzeigen. Alles war geheimnisvoll und doch so unprofessionell. Warum stand da nicht, wer der Auftraggeber war und worum es ging? Kein Institut, keine noch so blasse akademische Einrichtung würde so inserieren. Der ganze Duktus war antiquiert, wie aus einer anderen Welt. Offenbar war da jemand am Werk, der noch nie eine Anzeige aufgegeben hatte. Jeder seriöse Historiker hätte weitergeblättert, hätte die drei Sätze, die verloren im protzigen, überdimensionierten Rahmen bibberten, nicht einmal zur Kenntnis genommen. Nur ich hatte sie entdeckt, weil ich immer erst die abseitigen Dinge sah, bevor ich das Offensichtliche bemerkte. Mittlerweile saß ich schon zwanzig Minuten vor dieser Anzeige und grübelte fieberhaft, was dahinterstecken konnte. Was gab es am östlichsten Rand des Russischen Imperiums, kurz vor Japan, zu recherchieren? Mir fielen irgendwelche Geschäfte ein – Pelze, Gold, Kaviar. Vielleicht ein Business mit japanischen Gebrauchtwagen? Aber warum das Archiv und warum ein Historiker, der zudem auch noch beharrlich sein sollte?

Ich schaute wieder auf die Anzeige, in der Hoffnung, eine Antwort in diesen drei Sätzen zu finden. Der riesige Rahmen musste Unsummen gekostet haben. Wer gab so viel Geld für solch eine Anzeige aus? Und plötzlich sah ich es. Die Chiffre-Nummer. Dort stand mein Geburtsdatum: ZA130570. Ich erschrak und fühlte mich ertappt. War das für mich bestimmt? Sollte ich es finden? Das konnte kein Zufall sein.

Ich legte die Zeitung beiseite. Was für ein Quatsch. Warum sollte ausgerechnet ich darauf reagieren? Ich war Historikerin und hatte trotz karrierebremsendem Philologiestudium und Promotion einen Traumjob ergattert. Seit knapp zehn Jahren arbeitete ich nun schon als Beraterin im Innenministerium. Meine Expertise war gefragt. TVL 14. Ich war angekommen. Abenteuerreisen in russische Gefilde gehörten der Vergangenheit an. So etwas hatte ich längst hinter mir gelassen. Warum sollte ich überhaupt darüber nachdenken?

Zum Glück gab es im Garten immer etwas zu tun. Ich beschnitt die Hecke und zupfte Unkraut. Stundenlang war ich beschäftigt, bis mir der Rücken wehtat. Hin und wieder dachte ich an die Anzeige. Die Sache ging mir nicht aus dem Kopf. Mir war schleierhaft, was sich dahinter verbergen konnte. Ich wollte wissen, worum es ging. Letztlich würde ich das Angebot nicht annehmen müssen. Doch wenn ich nicht wenigstens versuchte, herauszubekommen, worum es ging, würde ich mich später vielleicht ärgern.

Und plötzlich war es da, das Fernweh, gepaart mit der alten Wehmut. Russland … Wie oft hatte ich davon geträumt, noch einmal dieses chaotische Land zu bereisen, noch einmal zurückzukommen und diese Weite zu durchqueren. Getan hatte ich es nie.

Wladiwostok. Wie lange war das her?

Vielleicht war diese komische Chiffre-Nummer genau meine Chance. Die Gelegenheit, die nur einmal kam. Ich musste reagieren. Aber Halt.

Ich wollte nicht zu viel Aufwand betreiben, keinen förmlichen, mit Referenzen gespickten Bewerbungsbrief aufsetzen, sondern etwas abschicken, das schnell ging und meiner Laune entsprach. Ich wollte mich nicht verstellen oder verbiegen, wusste ich doch nicht einmal, worum es ging. Warum sollte ich mich verrückt machen und mich überschwänglich anpreisen?

Ich ging ins Haus, bürstete meine erdverkrusteten Hände und setzte einen Tee auf. Dann holte ich meine Karten-Kiste hervor. Ich sammelte Postkarten. Manche schlummerten schon seit über zwanzig Jahren in der Kiste. Gut, dass ich immer alles aufhob. Martin machte das wahnsinnig. Ich suchte nach einer passenden Postkarte und stieß auf den Kamtschatka-Postkarten-Satz, den ich 1991 dort gekauft hatte. Kamtschatka lag noch weiter östlich, aber gemessen an den russischen Weiten war es ein Katzensprung von dort bis nach Wladiwostok. Das Postkarten-Set hatte etwas Skurriles. Erst jetzt fiel mir auf, dass Inhalt und Form völlig auseinanderklafften. Das, was abgebildet war, zog die edle Ausstattung der Karten fast ins Lächerliche. Vom Motiv her waren es Anti-Postkarten: ein Kindergarten im Neubaugebiet, ein Verladekran im Hafen oder das Gebäude der Parteizentrale. Trotzdem waren die Karten aus bestem Karton gestanzt und auf jeder dieser fragwürdigen Sehenswürdigkeiten thronte ein edler goldener Prägestempel mit dem Schriftzug des Ortsnamens: Petropavlovsk-Kamčatckij. Mir kam in den Sinn, dass die Karten genauso widersprüchlich waren, wie die Anzeige. Das würde passen. Ich entschied mich für das Motiv des Handelshafens in der Abenddämmerung – eine Bucht mit unzähligen Kränen, Schiffen und grellem Scheinwerferlicht, im Hintergrund ein goldgelber Himmel mit wilden, dunkelgrauen Wolkengebilden. Immerhin eine Spur von Landschaft. Und dann schrieb ich in Windeseile und ohne weiter darüber nachzudenken:

Sehr geehrte Damen und Herren,

nur meine Beharrlichkeit und Abenteuerlust haben mich nach Wladiwostok gebracht, zu einer Zeit, als es für Ausländer strengstens verboten war. Gern würde ich nach über zwanzig Jahren wieder einmal dorthin fahren. Wenn ich dies mit einer spannenden Recherche verbinden könnte, wäre das wunderbar. Ich schreibe Ihnen mehr zu meiner Person, wenn ich weiß, worum es geht.

Viele Grüße

Anna Stehr

Dann fügte ich meine Adresse hinzu. Ich dachte kurz an Brians Geschenk, die Million. Zufrieden grinste ich in mich hinein. Hätte ich vorher je gewagt, so etwas abzuschicken? Wohl kaum. Es war schön, nicht mehr angewiesen zu sein. So roch also die Freiheit der Reichen. Das war vor drei Monaten. Jetzt saß ich im überfüllten Transit-Bereich auf dem Flughafen Moskau-Scheremetjewo und wartete auf meinen Anschlussflug. Ich würde am Nachmittag losfliegen. Wenn ich ankäme, hätte der nächste Tag schon begonnen. Acht Zeitzonen hätte ich dann durchquert.

Erstkontakt in den Neunzigern

Wladiwostok – Beherrsche den Osten! Was für ein Name … Vor über zwanzig Jahren hatte ich mich schon einmal auf den Weg dorthin gemacht. Es war eine der abenteuerlichsten Reisen, die ich je unternommen hatte. Eigentlich wollte ich gar nicht nach Wladiwostok, sondern nach China. Angefangen hatte alles mit Qiang, einem Nachbarn im Studentenwohnheim. Ich hatte in Moskau studiert. Nach der Wende, als es fast alle in den Westen zog, nahm ich die andere Richtung. Ich wollte Russisch lernen. Eigentlich eine Schnapsidee, denn es war eine total chaotische und harte Zeit damals. In den Geschäften gab es nichts zu kaufen, und wir Studenten bekamen wie zum Trost Lebensmittelmarken ausgehändigt. Cafés suchte man vergeblich und in der Mensa gab es tagein tagaus trockene Buchweizengrütze ohne etwas dazu. Überall leere Auslagen, in denen die Kakerlaken verloren umhereilten. Wohl dem, der ein Stück Land besaß und sich selbst versorgen konnte. Auf privaten Märkten fand man alles. Die Preise waren horrend, aber dank D-Mark blieb für uns die Versorgung billig. Ich weigerte mich, dort einzukaufen, weil ich nicht besser gestellt sein wollte als die Einheimischen, aber ich hasste den strengen Geschmack des Buchweizens. Von Anfang an hatte ich mir angewöhnt, immer einen Rucksack dabei zu haben. Sah ich eine Schlange, schaute ich, was es gab und stellte mich an. Das starre System der sozialistischen Planwirtschaft war kollabiert. Ein noch nie gesehener Manchesterkapitalismus machte sich breit. Marx hätte gestaunt. Betriebe und Wohnungen wurden privatisiert, aus linientreuen Apparatschiks wurden Oligarchen, die das Volkseigentum aufgeteilt hatten, bevor die Masse überhaupt verstand, was vor sich ging. Die Preise explodierten, aber die Mehrheit arbeitete für den alten Sowjetlohn, der hinten und vorne nicht reichte. Viele erhielten monatelang keine Kopeke. Im Straßenbild tauchten erste Obdachlose auf, marodierende Kinderbanden, beinlose Afghanistanveteranen, die auf kleinen Wagen in den Metroeingängen saßen und bettelten, weil der Staat seine Fürsorgepflicht vergessen hatte. Das öffentliche Leben löste sich auf: Busse kamen nur noch sporadisch, Vorortzüge wurden nicht mehr beheizt, aus Schlaglöchern wurden Fallgruben. Die Gesellschaft schien aus den Fugen, kein Stein blieb auf dem anderen, doch in der Uni herrschte unbeirrt das alte Sowjetregime, es ging zu wie unter Breschnew. Wir Ausländer wurden separiert, der Kontakt zu einheimischen russischen Studenten war zwar nicht ausdrücklich verboten, aber die Uni-Leitung achtete peinlich genau darauf, jedwede Berührungspunkte zu vermeiden. Wir sollten unter uns bleiben, immerhin waren wir jetzt die aus dem Westen. Die Angst vor dem Klassenfeind saß tief. Das Studium in meiner „Berliner Seminargruppe“ war eine Farce. Da saß ich in Moskau mit den gleichen Leuten zusammen, mit denen ich auch an der Humboldt-Uni studierte, nur dass eine verknöcherte Altstalinistin ihren Frontalunterricht abspulte. Als ich einmal vorschlug, mehr dialogisch zu lernen, stellte sie mich als Lehrerin vor die Gruppe. Ich mied die Lehrveranstaltungen mehr und mehr, ließ mich stattdessen durch die Stadt treiben, schaute mir Ausstellungen an, ging auf Konzerte und lernte dabei unaufhörlich neue Leute kennen. Irgendwann verliebte ich mich in einen Amerikaner, der eigentlich Brite war. Und ich verreiste viel, denn ich wusste, dass ich unterwegs mehr lernte als beim todlangweiligen Übersetzen mit Nina Andrejewna. China jedoch stand damals nicht auf meinem Wunschzettel. Wäre Qiang nicht gewesen …

Qiang kam aus China. Er wohnte auf der gleichen Etage und manchmal trafen wir uns in der Gemeinschaftsküche. Immer schwärmte er von seiner Heimat. Er riet mir, unbedingt dorthin zu fahren. Moskau sei die Hälfte des Weges, von Berlin aus sei es weiter und viel teurer. Qiang wohnte mit drei Landsleuten in zwei Zimmern. Zwei von ihnen waren sehr alt, ganz offensichtlich keine Studenten mehr. Wie sie das arrangiert hatten, war mir schleierhaft, denn unser Wohnheim war ausschließlich westeuropäischen und amerikanischen Studenten vorbehalten. Es herrschte strengstes Reglement. Das zentral gelegene Nobelheim für die Besserverdiener war keine Herberge für chinesische Studenten, schon gar nicht für deren Verwandte. Die zwei ausgemergelten Alten, die mit Qiang und Wei zusammenlebten, wären der rund um die Uhr besetzten Eingangswache unweigerlich in die Hände gefallen. Sie mussten also irgendeinen Deal ausgehandelt haben. Die schon gebeugt gehenden Herren, Jian und Kang, stellten sich mir als schamanische Wunderheiler vor, deren Namen so viel wie Gesund und Glücklich bedeuteten. Anfangs hielt ich das für einen Witz. Wahrscheinlich wollten sie mich damit aufziehen, weil für uns alle Chinesen gleich aussahen, fast jeder Ling hieß und Akupunkturexperte war … Und in der Tat, rein äußerlich hätte ich sie ohne Zögern in die Schublade „buddhistische Ginsengwurzelsucher“ gesteckt. Ich schenkte dem also keine Beachtung und lachte innerlich, wenn Glücklich und Gesund meinen Weg kreuzten. Als mir Qiang später erzählte, dass sie tatsächlich so hießen, war ich fast ein wenig enttäuscht.

Irgendwann tauchte mein Exfreund Sebastian in Moskau auf. Eigentlich wollte er nur kurz vorbeischauen, einer seiner gefürchteten Überraschungsbesuche. Aber dann wurde sein Pass geklaut und er musste länger bleiben. Im penibel überwachten Wohnheim waren diese Tage, vor allem aber die Nächte absoluter Stress. Jeden Abend musste ich Sebastian vor den Kontrollen der Eingangswache verstecken, weil sie zuvor jeden Besucher notiert hatten. Wer bis 23 Uhr die Pforte nicht wieder passiert hatte, wurde im Wohnheim gesucht. Nach drei Nächten verzweifelten Versteckspiels und waghalsiger Ausreden suchte sich Sebastian ein Zimmer bei einer Oma um die Ecke. An jedem Bahnhof standen die Alten und hielten nach Untermietern Ausschau, um im wütenden Raubtierkapitalismus überleben zu können. Plötzlich war er Teil dieser altmodischen und zugleich chaotischen Welt, die komplett anders tickte als sein Berliner Leben. Sebastian fand das so aufregend, dass er trotz ausgehändigtem Ersatzpass beschloss, in Moskau zu bleiben. Aber wie sollte das gehen? Er hatte kein Visum und gerade erst seinen Zivildienst angefangen. Zur Armee wollte er nicht, aber auch der Zivildienst nervte ihn. Eine unzumutbare Zwangsmaßnahme. Als Künstler wollte er sich in kein System pressen lassen. Auch wenn er die Geschichten der Alten mochte, hatte er keine Lust, ihre Windeln zu wechseln. Altenpflege war was für Weicheier. Allein der hilfsbereit weinerliche Ton in seiner Sozialstation reizte ihn.

Und genau hier gerieten Glücklich und Gesund wieder ins Blickfeld. Sebastian hatte die Idee, dass ihm die Schamanen, die vorgaben, zertifizierte Alternativmediziner zu sein, eine Bescheinigung ausstellen könnten. Ein Attest über ein plötzlich eingetretenes Rückenleiden. Es klang absurd, aber warum nicht? Ein Versuch war es wert. Ich bahnte über Qiang den Kontakt an und Sebastian ging zur Sprechstunde ins Wohnheimzimmer 412. Die Chinesen nahmen sich seiner an. Sie schrieben Sebastian ein Attest und bescheinigten ihm, dass er eine akute Nerveneinklemmung habe, nicht transportfähig sei und nur durch eine schonende, aber sehr langwierige Therapie genesen könne. Sebastian blieb schließlich zwei Monate in Moskau, genoss sein Leben bei der betagten Jewfrosinija Petrowna und erfreute sich bester Gesundheit.

Qiang lag mir weiter in den Ohren. Irgendwie fühlte ich mich verpflichtet. Immerhin hatte er Sebastian aus der Klemme geholfen. Und so beschloss ich, meinen alten Reisekumpanen Jan zu fragen, ob wir nicht gemeinsam in Qiangs Heimat fahren sollten. In ein paar Tagen würde er ohnehin nach Moskau kommen. Aber Jan war von meinen Abwegen nicht begeistert. Er wollte nach Moskau kommen, um Freunde zu besuchen. Mal keine Fernreisen, mal kein Abenteuer. Auch mir passte das nicht, weil ich eine Amerikareise geplant hatte und in Gedanken schon im Flugzeug nach New York saß. Andererseits … Jan und ich waren das perfekte Reise-Duo. Wir hatten unzählige Orte in der Sowjetunion bereist, in Zentralasien, in Sibirien, im Kaukasus, am Schwarzen Meer, im Baltikum. Wir waren überall, manchmal in brisanten Zeiten, fast nie mit gültigen Papieren, dafür immer abenteuerlich und irgendwie erfolgreich an den Behörden vorbei. Wir fanden immer die richtigen Tricks, mit denen wir uns durchmogeln, die Polizisten oder andere Kontrolleure hinters Licht führen konnten. Irgendwie hatten wir immer Glück. Nur einmal musste das deutsche Außenministerium eingeschaltet werden. Da waren wir sechs Wochen ohne Visum durchs Land gereist, vom Baltikum bis an die iranische Grenze, alles mit einer Einladung aus Litauen. Damit wollte uns verständlicherweise keiner ausreisen lassen, weder an der Grenze zur Türkei noch an der Grenze nach Polen. Letztlich klappte auch das. Wie immer. Warum also nicht ein Abstecher nach China? Jan blieb stur, nein, diesmal bitte kein Chaos. Aber kaum war er in Moskau gelandet und kaum hatte er Glücklich und Gesund kennengelernt, hatte ihn die Abenteuerlust gepackt. Doch in Berlin durfte keiner davon erfahren.

Wir besorgten uns kurzerhand ein Visum in der Chinesischen Botschaft in Moskau. Das war unkompliziert und nicht teuer. Für Russland hatten wir ein Dauervisum. Wir gaben unsere DDR-Pässe ab und nahmen sie eine Woche später mit Visum in Empfang. Das Ganze hatte etwas Skurriles. Da bekamen wir ein Visum in den Pass eines Landes, das seit Monaten nicht mehr existierte. Der Pass hingegen würde noch bis Juni 1992 seine Gültigkeit behalten. Komisch. So beständig die deutsche Verwaltung war, so flatterhaft arbeiteten die russischen Ämter. Und so war es nicht verwunderlich, dass wir genau einen Tag vor unserer geplanten Abreise böse überrascht wurden. Man hatte bei der staatlichen Fluggesellschaft Aeroflot verfügt, ausländischen Studenten ab sofort keine Flugtickets mehr für Rubel zu verkaufen. Auch wir sollten von nun an die teuren Valuta-Tickets für Ausländer kaufen. Der Studenten-Schalter in der Aeroflot-Zentrale war geschlossen. Auch wenn wir schon vorher mehr bezahlten als die Einheimischen, so war Fliegen trotzdem spottbillig. Es war wie U-Bahn-Fahren in Berlin. Auch deshalb hatten wir uns so leichtfertig auf das China-Abenteuer eingelassen. Wir wollten bis Wladiwostok fliegen und von dort den Zug nehmen.

Und dann diese Ticketpleite, genau einen Tag vor der Abreise. Wir hatten uns vorher nicht darum gekümmert, weil es keine große Sache war, Flugtickets zu besorgen. Nicht wie bei uns, wo damals nur Reisebüros die wichtig anmutenden Flugscheine ausstellten. Die Russen flogen viel. Es war nichts Exklusives. Man ging zum Schalter und holte sich ein Ticket, so wie für den Zug. Es gab immer genug.

Nun waren wir aufgeschmissen. Wir beschlossen, direkt zum Flughafen zu fahren. Vielleicht würde sich dort etwas ergeben. Wenn ich heute, in Zeiten paranoider Terrorangst und minutiöser Sicherheitskontrollen, daran denke, wie wir uns damals verhielten, dann erscheint es mir vollkommen absurd.

Wir wussten, wann der Flug nach Wladiwostok gehen sollte. Also betraten wir den Flughafen, in dem Glauben, jemanden bestechen zu können. Wir gingen in die Abflughalle und verfolgten das Prozedere ganz genau, erst die Abfertigung und dann den Einstig in die Maschine. Gepäck hatten wir kaum. Ich kann mich heute nicht mehr daran erinnern, wie wir es schafften, die Kontrolle zum Einstieg zu umgehen, aber plötzlich standen wir auf dem Flugfeld. Wir rannten über das Rollfeld mit einem Geldbündel in der Hand. Ringsherum Schnee, eisiger Wind und der Lärm der Flugzeuge. Ich hatte die Geldrolle mit einem Gummi zusammengebunden, damit nichts wegflog. Es dämmerte bereits. So blieb die Hoffnung, dass uns keiner bei unserer Wahnsinns-Aktion bemerken würde.

Die Passagiere gingen bereits die Treppe hinauf und wir standen unten mit unserem Geldbündel. Nach und nach eilten sie an uns vorbei. Und langsam wurden es weniger.

War das überhaupt die richtige Maschine? Wir hatten den Überblick verloren. Und was, wenn die Stewardess sich nicht darauf einließ? Vielleicht waren nicht alle bestechlich. Was, wenn unser Bündel zu klein war? Wir hatten keine Ahnung, was angemessen war. Und was, wenn die Maschine ausgebucht war und es gar keinen Sitzplatz mehr für uns gab? Erst nach dem letzten Passagier wollten wir hochgehen, denn keiner sollte hinter uns stehen. Bloß keine Zeugen! Aber als der Letzte angehetzt kam und die Treppe hinaufgerannt war, bekamen wir es plötzlich mit der Angst zu tun. Auch wenn wir im anarchistischen Russland waren, wo fast jeder korrupt schien, dämmerte uns, dass man auch hier nicht auf dem Rollfeld eines Hauptstadtflughafens spazieren gehen durfte.

Wir gerieten in Panik. Und noch bevor die Stewardess die Einstiegstür verriegelt hatte, rannten wir wieder zurück. Zum Glück hatte uns niemand bemerkt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie frustriert ich war. Warum hatten die mit ihrer bescheuerten Regelung nicht ein paar Tage warten können? Warum musste es ausgerechnet uns treffen?

Plötzlich hatte Jan eine Idee.

„Warum lassen wir uns die Tickets nicht von einem Einheimischen kaufen? Wenn die uns nicht als Ausländer wollen, dann gehen wir eben als Russen durch. Bei der Bahn machen wir das doch auch immer so.“

Genau, warum nicht? Flugtickets wurden sogar in Metrounterführungen an Kiosken verkauft. Man bekam einen Zettel, auf dem Fluglinie, Reisedatum und der Passagiername standen. Keine Ausweisnummer, kein Geburtsdatum.

Wir hatten Glück, jemand kaufte uns die Tickets für den nächsten Tag. Jan hieß laut Ticket Razumnij – der Vernünftige. Ich musste lachen, denn vernünftig war das alles nicht. Auf meinem Küchentisch in Berlin lag ein Flugticket nach New York in nicht einmal drei Wochen …

Nun hatten wir zwar die Tickets, aber trotzdem war alles ungewiss. Wie würden wir wieder zurückkommen? Mit der Transsib würden wir sechs Tage brauchen.

Wir durften nicht auffallen mit unseren russischen Tickets. Damals fertigte man ausländische Fluggäste gesondert ab. Es gab einen speziellen Schalter mit separatem Wartebereich. Das war ein Überbleibsel aus der Sowjetzeit, als es galt, jedwede Kontaktaufnahme mit dem Klassenfeind zu unterbinden. Wir mussten also wie Russen aussehen und durften nicht auffallen. Aber nicht aufzufallen war gerade damals viel komplizierter, als man es sich heute vorstellen würde. Jeder Ausländer fiel auf, allein schon wegen der Schuhe, der Kleidung und auch, weil sich die Frauen in Russland auffallend anders schminkten. Ich versuchte eine äußerliche Annäherung und machte mich betont auffällig mit viel Wimperntusche, Lidschatten und einem pinkrosa Lippenstift zurecht. Meine langen schwarzen Haare steckte ich kunstvoll zu einem Frisurturm hoch. Dann borgte ich mir ein folkloristisches Wolltuch mit buntem Blumenmuster, das ich mir über die Schultern legte. Es war der Look einer Fünfzigjährigen. Ich war einundzwanzig. Jan lachte. Ja, die Männer hatten es leichter.

Wir wussten, dass die Ausweise stichprobenartig kontrolliert wurden. Natürlich hatten wir Angst, aufzufliegen, aber wir versuchten, nicht darüber nachzudenken, welche Konsequenzen das haben könnte.

Ich hatte eine Idee. Die Flucht nach vorn. An Zeitungskiosken wurden Schutzhüllen verkauft. Sie sahen genauso aus, wie ein Reisepass – gleiches Format, gleiche Farbe, gleicher Aufdruck. Nur das Material war anders. Fast alle benutzten diese Hüllen. Ich kaufte zwei Hüllen für unsere DDR-Pässe. Ein Glück, dass wir uns noch nicht von ihnen getrennt hatten, denn der grüne Bundespass hätte nicht in die Hülle gepasst.

Natürlich war es absurd, anzunehmen, dass diese Hüllen helfen würden, aber es gab uns Sicherheit. Jan Razumnij kaufte sich eine russische Zeitung und las darin. Ich mimte die gelangweilte Gattin, hielt meinen Pass demonstrativ in der Hand und zog ab und zu meinen Lippenstift nach. Dann kam der Aufruf zum Einstieg. Wir gingen ganz langsam am Kontrollpunkt vorbei und ich kramte in meiner Tasche, um den Milizionär nicht anschauen zu müssen, immer den falschen Pass in der Hand. Dann waren wir durch. Wir stiegen in den Bus zum Flugzeug, gingen die Treppe hinauf und ließen uns erleichtert in die Sitze fallen. Erst als die Maschine zum Abflug bereit war und die Kabinentür geschlossen wurde, sprachen wir wieder miteinander. Wir waren wie im Rausch. Ja, wir hatten es wieder einmal geschafft und das starrsinnige System ausgetrickst. Jan amüsierte sich den ganzen Flug über mein Aussehen und ich kam mir absolut bescheuert vor mit meiner Kriegsbemalung und der Turbanfrisur. Fast schade, dass wir davon kein Foto gemacht haben.

Leider hatten wir von Wladiwostok nicht viel gesehen, weil wir gleich weiterfuhren. Die Stadt gehörte zu den „Geschlossenen Städten“, die für Ausländer absolute Tabuzonen waren. Sogar Sowjetbürger brauchten eine Genehmigung für Wladiwostok, wenn sie dort nicht gemeldet waren. Im Hafen von Wladiwostok lag die russische Pazifikflotte, deshalb galt strengste Geheimhaltung. Ich weiß nicht, ob die Regelung damals noch galt, die Sowjetunion brach zusammen, es war die chaotische Übergangsphase, eine Zeit der Ungewissheit, in der jeder alles und nichts bestimmen konnte. Erst im Sommer hatte ich bei meiner Ankunft in Simferopol erlebt, dass ein unangenehm aufdringlicher Typ sich als Verwaltungsbeamter ausgab und uns direkt auf dem Bahnsteig abkassieren wollte, sozusagen als Eintrittsgebühr für die Krim.

Also vermieden wir möglichst jedes kleinste Risiko und fuhren schnurstracks zum Bahnhof. Bloß nicht auffallen, bloß nicht verhaftet werden. Aber auch ohne viel von der Stadt gesehen zu haben, blieb Wladiwostok in meinem Gedächtnis. Wie überhaupt die ganze Reise. Vielleicht, weil China ein Schock war und sich komplett anders präsentierte als Qiang uns vorausgesagt hatte. Vielleicht, weil wir den Rückweg tatsächlich mit der Transsib antreten mussten und die sechs Tage todkrank auf unseren Schlafwagenpritschen darniederlagen, weil wir in China, wo selbst in besseren Hotels die Leitungen eingefroren waren, ununterbrochen gefroren hatten. Wahrscheinlich hatte genau deshalb diese mysteriöse Anzeige eine solche Anziehungskraft auf mich gehabt. Sie hatte mich in diese wilde Zeit zurückkatapultiert. Nun saß ich wieder hier in Moskau auf dem Flughafen. Aber diesmal hatte ich ein anständiges Visum, ein korrektes Flugticket und sogar ein im Voraus gebuchtes Hotel. Siegfried Bornecker hatte für alles gesorgt.

Post aus München

Drei Wochen nach meiner übereilten Postkartenaktion bekam ich einen Brief. Es war ein edler Umschlag, mit Sorgfalt ausgewählt, nichts aus dem gängigen Schreibwarensortiment. Ich hatte diese Episode fast schon wieder vergessen. Nun war ich gespannt. Hatte meine eilig hingehuschte Nachricht tatsächlich Erfolg gehabt? Ich öffnete den Brief und las:

München, der 30. Mai 2013

Sehr geehrte Frau Stehr,

vielen Dank für Ihr zugegebenermaßen eigenwilliges Schreiben. Uns haben zahlreiche Zuschriften erreicht, viele von hochkarätigen Wissenschaftlern mit besten Referenzen. Ich habe mich ungeachtet dessen dafür entschieden, den Kontakt zu Ihnen zu suchen, auch wenn ich kaum etwas von Ihnen und Ihren fachlichen Qualifikationen weiß. Ich tue dies, weil Sie in kühner Weise reagiert haben und ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, worum es mir gehen könnte, eine Brücke zu meinem Anliegen geschlagen haben: die Karte vom Handelshafen. Zudem hat mir ein befreundeter Journalist erzählt, dass es Anfang der 1990er Jahre für Ausländer strengstens verboten war, nach Wladiwostok zu reisen. Es war eine geschlossene Stadt und es war gänzlich unmöglich. Wenn Sie dennoch dort waren, sind Sie vielleicht genau diejenige, die ich suche.

Ich würde Sie gern persönlich kennenlernen, Frau Stehr, um einschätzen zu können, ob Sie die Richtige für dieses ambitionierte Vorhaben sind. Bei der Recherche geht es um eine Familiengeschichte, konkret um meinen Großvater Adolph Dattan. Er war einer der Pioniere, der vor etwa hundertfünfzig Jahren ein ganzes Handelsimperium in Russisch Fernost mit aufgebaut hat. Das erste deutsche Kaufhaus gab es nicht in Deutschland, sondern in Wladiwostok.

Ich selbst habe die achtzig bereits überschritten und es ist mir ein Herzenswunsch, unsere Familienchronik abzuschließen. Ich habe unzählige Firmenunterlagen ausgewertet, aber mir fehlt der russische Teil der Überlieferung. Leider bin ich des Russischen nicht mächtig. Zudem habe ich das Gefühl, dass mir die Zeit davonläuft.

Wissen Sie, ich bin sehr stolz auf meinen Großvater. Er hat Großes vollbracht, hat viel erdulden müssen, aber heute kennt ihn kaum einer. Ich will versuchen, ihn mit dieser Chronik dem Vergessen zu entreißen. Und ich will die Wahrheit ans Licht bringen. Dazu brauche ich fundierte Hilfe. Aber nicht nur das. Ich brauche jemanden, der das nicht nur als Auftrag sieht, weil er sonst gerade nichts zu tun hat, sondern jemanden, der hundertprozentig dahintersteht, jemanden, der kämpft, selbst wenn es brenzlig wird.

Ich würde mich freuen von Ihnen zu hören.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Siegfried Bornecker

Ich musste mich hinsetzen. Was war das denn? Dieser Brief war kryptisch und aufschlussreich zugleich. Er war formell und trotzdem persönlich. Und er legte sofort den Rahmen fest. Siegfried Bornecker suchte keinen Rechercheur, sondern einen Verbündeten und er glaubte, ihn in mir gefunden zu haben. Ich schrieb gern Briefe und ich sah, dass sich hier jemand gründlich Gedanken gemacht hatte. Siegfried Bornecker sprach in Andeutungen, er legte Fährten und offenbar war er sich sicher, dass ich sie zu lesen verstand. Seit fast zehn Jahren tat ich nichts anderes, als Menschen dem Vergessen zu entreißen oder ihrer Geschichte überhaupt ein Gesicht zu geben. Wusste er davon? Etwas nahm mich sofort gefangen und als ich den Brief das dritte Mal gelesen hatte, war für mich klar, dass ich für Siegfried Bornecker nach Wladiwostok fliegen würde. Wenn es dort etwas gab, würde ich es für ihn finden.

Ich hätte nie erklären können, warum gerade Russland diese Faszination auf mich ausübte. Vielleicht war es einfach nur, weil ich meine Zeit des Studiums, verrückte Reisen, wilde Männergeschichten, kurz meine Jugend, damit verband. Aber das hätte wohl nicht gereicht, mich aus meinem bisherigen Leben zu reißen. Nach zehn geordneten Jahren in der deutschen Verwaltung war es vielleicht einfach die Lust auf ein Abenteuer, die Sehnsucht nach Irrationalem, nach einer geheimnisvollen Welt, in der sich nicht alles sofort erschloss. Wie hatte Tjutchew doch gleich gesagt? „Verstehen kann man Russland nicht, und auch nicht messen mit Verstand. Es hat sein eigenes Gesicht. Nur glauben kann man an das Land.“ Was er im 19. Jahrhundert postuliert hatte, schien unverändert. Und so oft ich mich über Russland geärgert und mir fast die Zähne daran ausgebissen hatte, so sehr liebte ich das Land. Es war eine Hassliebe. War ich dort, wollte ich weg, war ich weg, wollte ich hin. Nun erhielt ich vielleicht die Gelegenheit, dort zu sein und das Land wieder nicht zu verstehen.

Ankunft in Wladiwostok

Die Lautsprecherstimme der Stewardess meldete den bevorstehenden Landeanflug. Leider war kaum etwas von der Stadt am Pazifik zu sehen, ein dichter Nebel hing über der Bucht. Ich spürte, wie die Aufregung in mir hoch kroch. Dabei gab es gar keinen Grund. Alles war geregelt. Mein Visum galt drei Monate. Für die ersten drei Nächte hatte ich ein Hotel. Siegfried Bornecker hatte komplett durchbuchen wollen, aber ich war dagegen. Ich wollte mir vor Ort selbst ein Bild machen. Schließlich konnte ich mir dann immer noch etwas Besseres suchen. Vielleicht würde ich gar nicht die ganze Zeit in Wladiwostok bleiben.

Ich folgte dem Menschenstrom.

Passkontrolle, Gepäckband, Ausgang.

Alles war unkompliziert. Der Flughafen wirkte hochmodern. Das hatte ich so nicht erwartet. Ich hatte zwar gelesen, dass man für den APEC-Gipfel, der hier im letzten Jahr zusammengekommen war, alles auf neuesten Stand gebracht hatte, aber diese futuristisch anmutende Welt irritierte mich. Die lichtdurchflutete Eingangshalle und die riesige Glasfront blendeten mich. Die Weite der Halle und die spiegelnden Oberflächen hatten etwas Künstliches und Beängstigendes. Man fühlte sich wie eine winzige Ameise, endlose Strecken überwindend, für alle weithin sichtbar. Ich kam mir vor wie in einer Computeranimation. Überall moderne Technik, edles Design und erlesene Materialien. Das musste Millionen gekostet haben. Schön war es trotzdem nicht. Unweigerlich musste ich an das Debakel um den Berliner Großflughafen denken und plötzlich überfiel mich ein Gefühl der Scham. Warum waren wir immer so arrogant und hielten uns für etwas Besseres? Es war so provinziell und peinlich, was die Berliner seit Jahrzehnten abzogen. Sie bekamen es einfach nicht hin, einen Flughafen zu bauen. Tempelhof hatte man bereits bei Baubeginn geschlossen. Tegel und Schönefeld sollten in Kürze folgen. Der BER war Politposse und Milliardengrab. 75 000 Baumängel hatte man gefunden. Trotzdem war ich mir sicher, dass sich die Berliner – zum Flughafen in Wladiwostok befragt – abfällig äußern würden. Sie würden eine Holperpiste als Landebahn erwarten und eine muffig-dunkle Halle für den Check-in. Und die Flugzeuge? Hatten die Russen nicht immer Hühner und Ziegen auf dem Schoß? Reichten die Sitzplätze überhaupt? Mussten in Russland nicht immer Passagiere im Gang stehen?

Ich war noch nicht einmal richtig angekommen und schon überfiel mich ein komisches Gefühl. Ich ahnte, dass wir nichts von dem Leben hier wussten. Wir, die aufgeklärten Westeuropäer.

Sogar die aufdringlichen Taxifahrer, erstes Begrüßungszeichen am Eingangsbereich eines jeden russischen Flughafens, waren mittlerweile fast verschwunden. Früher war es ein Krampf, sich zu einem öffentlichen Verkehrsmittel durchzuschlagen. Man wurde förmlich von Taxifahrern umzingelt, die einem im Chor ein „Taksi“, ein „Kuda?“ oder „Kuda vam nado?“ – Wohin? Wohin müssen Sie? – entgegen riefen. Verwies man auf den Bus, erhielt man als Antwort, dass er nur alle drei Stunden führe oder heute gestreikt würde. Wenn man es nicht gerade eilig hatte, bot dieses Ritual sogar gewissen Unterhaltungswert.

Ich brauchte kein Taxi, denn ich hatte gelesen, dass man bequem mit dem Bus ins Stadtzentrum fahren konnte. Oder mit dem kürzlich eröffneten Aeroexpress. Ich ging zum Express und kaufte mir ein Ticket. „Businessclass?“, fragte die Dame am Schalter. Ich entschied mich für ein normales Ticket für 200 Rubel, umgerechnet fünf Euro. Auch das hatte sich verändert. Damals war der Flug von Moskau nach Wladiwostok billiger als der Zubringer in die Stadt heute.

Treffen in Naumburg

Das erste Mal hatte ich Siegfried Bornecker in Naumburg getroffen. Wir hatten nach unserem brieflichen Erstkontakt ein paar Mal hin und her gemailt und ich wusste im Groben, worum es ihm ging. Dennoch hatte er sich mit seinem „Auftrag“ noch nicht hundertprozentig für mich entschieden. Mir war klar, dass dieses Treffen die Nagelprobe sein würde. In Naumburg, in der Heimat seines Großvaters, sollten wir uns nun persönlich kennenlernen und er wollte unbedingt seine Schwester Ursula dabei haben.

Unsere Verabredung erinnerte an ein konspiratives Agententreffen.

Bornecker reiste aus München an, seine Schwester aus Berlin, ich aus Dresden. Bornecker hatte alles geplant. Er und seine Schwester hatten nur ein kleines Zeitfenster für unser Treffen. Ich war flexibel. Wenige Tage vor unserer Verabredung erhielt ich einen Ablaufplan:

Liebe Frau Stehr,

wir bitten Sie, den Zug zu nehmen, der um 10.21 Uhr in Naumburg ankommt (vgl. Ihre Mail vom 5.6.). Meine Schwester wird um 10.24 Uhr ankommen. Wir schlagen vor, dass Sie sich in der Bahnhofshalle vor dem Zeitungsladen treffen. Dann können Sie beide gegenüber beim Bäcker ein Tässchen Kaffee trinken, bis ich mit Ankunft 11.17 Uhr dazu komme. Wir stellen uns vor, dass wir in einer Taxe zum Domplatz fahren, wo es zwei Cafés gibt, von denen wir uns eins für unser Gespräch aussuchen. Um 14 Uhr haben wir einen Termin bei einer der Dattanschen Villen und danach haben wir noch weitere Termine. Daher können wir Sie zum Familiengrab, falls Sie dieses sehen möchten, leider nicht begleiten.

Wir freuen uns darauf, Sie kennenzulernen und mit Ihnen ausführlich und in Ruhe über unsere Pläne zu reden. Ich werde etwas Material, insbesondere die Verbannungsgeschichte, mitbringen.

Mit freundlichen Grüßen, auch von meiner Schwester,

Siegfried Bornecker

Ich mochte konspirative Treffen und ich war gespannt darauf, was mich erwarten würde. Ich hatte recherchiert und zur Vorbereitung einiges über Adolph Dattan gelesen. Wahrscheinlich war das Unglaubliche daran der Grund dafür gewesen, warum ich mich nach meiner spontanen Sympathie für den kryptischen Briefeschreiber Bornecker, sogleich mit Feuereifer in dieses Vorhaben gestürzt hatte, ohne auch nur annähernd zu wissen, was meine Aufgabe sein würde. Bornecker hatte es geschafft, mit seinen spärlichen Hinweisen nicht nur meine Neugier zu wecken, sondern auch eine besondere Verbundenheit herzustellen. Denn ob ich wollte oder nicht, ich spürte eine innere Verpflichtung, der Geschichte auf den Grund zu gehen und der Wahrheit ans Licht zu verhelfen.

Borneckers Großvater war ein Abenteurer. Im 19. Jahrhundert war er nach Russland gegangen. Dort, im Fernen Osten, hatte er unter widrigen Bedingungen nach und nach ein riesiges Handelsimperium aufgebaut. Den Anfang machten Gustav Kunst und Gustav Albers. Als sie 1864 in Wladiwostok ihr erstes Geschäft eröffneten, gab es dort gerade einmal vierundvierzig Holzhütten. Hier lebten ein paar Fischer, die den Ort Hǎishēnwǎi nannten, die Seegurkenbucht. Dattan kam 1875. Er übernahm bald die Leitung der Wladiwostoker Zentrale und wurde nach elf Jahren Teilhaber der Firma. In wenigen Jahren entstand unter seiner Regie ein Netz von Kaufhäusern und Handelsvertretungen in Russisch Fernost, in der Mandschurei und im chinesischen Grenzgebiet. In der Blütezeit waren es an die vierzig Handelsstandorte. Kunst & Albers schufen eine Infrastruktur, die Handel und kulturelle Entwicklung erst möglich machten. Die Zentrale in Wladiwostok war dabei nicht nur Verkaufsstelle, sondern, wie ich las, auch Bank, Schifffahrtsagentur und Versicherungsunternehmen. Und bald schon besaß das Unternehmen sogar eine eigene Flotte. Ich hatte noch nie etwas von diesen Kaufhaus-Königen gehört und mir war es fast ein wenig peinlich, nichts darüber zu wissen. Bornecker hatte schließlich schon in seinem ersten Brief daran erinnert: „Das erste deutsche Kaufhaus stand nicht in Deutschland, sondern in Wladiwostok!“ Ich hatte es damals für einen abwegigen Gedanken gehalten, für einen Scherz. Jetzt wusste ich, dass es stimmte, jetzt ahnte ich, was alles hinter diesem Satz stand. Aber wer wusste schon davon? Wer kannte diese Geschichte?

Kaufhäuser … diese altmodischen Einkaufstempel, in die heute keiner mehr ging. Wann war ich das letzte Mal in einem Kaufhaus? Vor Jahren bei Harrots in London, im Lafayette in Paris oder bei Maceys in Los Angelos. Die typischen Touristenmagnete. Man kaufte nichts, sondern staunte nur. Zu Hause ging ich ab und zu in die gut sortierte Lebensmittelabteilung des KaDeWe, ansonsten kaufte ich nichts in Kaufhäusern.

Früher war das anders. Namen wie Karstadt, Wertheim und das berühmte KaDeWe, das Kaufhaus des Westens, waren jedem ein Begriff. Vielleicht wusste nicht jeder, dass Hertie ursprünglich Tietz hieß, in jüdischem Besitz war, von den Nazis arisiert und dann in Hertie umbenannt worden war. Hertie – eine Wortschöpfung aus den Anfangsbuchstaben des Eigentümers Hermann Tietz. Aber Kunst & Albers? Die kannte nun wirklich niemand. Zumindest ich hatte noch nie davon gehört.

Nach meinen ersten Recherchen im Internet besorgte ich mir allerhand Literatur und versank in den nächsten zwei Wochen in einer mir völlig fremden Welt. Fremd vor allem auch deshalb, weil die reiselustigen Unternehmer damals offenbar einen anderen Blickwinkel hatten. Sie hatten eine Region für sich entdeckt, die fernab von begehrten Karriere-Hotspots oder beliebten Urlaubsrefugien lag. Noch heute ist für die meisten der Osten Russlands eine Terra incognita – unerreichbar weit weg und gänzlich unbekannt. Und es stört niemanden, denn eigentlich interessiert sich keiner für diese Welt, die für rückständig und hinterwäldlerisch gehalten wird. Damals war das offenbar anders. Denn obwohl der Ferne Osten tatsächlich rückschrittlich war, schien er auf Gustav Kunst und Gustav Albers keine hinreichend abschreckende Wirkung gehabt zu haben. Je mehr ich las, umso klarer wurde mir, dass sie eine ganz eigene Geografie im Kopf hatten. Auf einer firmeneigenen Landkarte sah ich, dass Russisch Fernost genau in der Mitte ihrer Welt lag, eingebettet von Europa im Westen und Amerika im Osten. Diese für uns Mitteleuropäer ungewohnte Sicht gefiel mir. Vielleicht auch, weil ich in Geografie nie gut war, immer nur mit links und rechts, statt mit West und Ost operierte. Auf dieser Karte fand ich mich endlich darin bestätigt, dass jede Position relativ war und der östlichste Osten irgendwann westlichster Westen sein konnte. Vielleicht war das der Schlüssel. Gustav Kunst und Gustav Albers sahen sich gar nicht im Osten, sondern am westlichsten Zipfel des Westens. Mich beeindruckte, welch abenteuerliche Reisen beide auf sich genommen hatten, um nach Wladiwostok zu gelangen. Sie taten es, obwohl es so unvergleichlich viel komplizierter war als heute und obwohl dort nicht gerade das Schlaraffenland auf sie wartete. Anfangs hatte ich angenommen, dass sie betuchte Kaufleute waren, die dem Zeitgeist folgten und auf Entdeckungsreise nach Fernost aufbrachen. Einfach, um ihrer Hamburger Geschäftsroutine zu entfliehen, um den Alltag mit einer Prise Exotik aufzufrischen und in Geschäftskreisen als verwegen zu gelten. Dann las ich, dass sie alles andere als vermögend waren. Albers war einfacher Seemann und Weltenbummler. Er war fast noch ein Kind, als er anheuerte. Mit vierzehn stach er in See, fuhr nach Chile, Südafrika und Indien. Nach sechs Jahren kehrte er nach Hamburg zurück und legte seine Prüfung zum Steuermann ab. Bei seiner zweiten Fahrt in den Fernen Osten strandete sein Schiff kurz vor der mandschurischen Küste. Albers schlug sich daraufhin nach Shanghai durch. Kunst hingegen war Kaufmann. Nach seiner Kaufmannslehre in Hamburg war er mit zwanzig nach Ostasien gegangen. In Shanghai hatte er eine kleine, mäßig erfolgreiche Handelsfirma gegründet. Als er 1864 von einem Besuch in Hamburg nach Shanghai zurückkehrte, wählte er nicht die gängige Schiffsroute ums Kap der Guten Hoffnung, sondern eine alternative Strecke. Wochenlang war er durch Russland gereist, von einer Poststation zur nächsten. Mit Schlitten oder Kutsche, auf alten Handelsrouten oder Pelzjägerpfaden. Bevor er mit dem Schiff Richtung Pazifik aufbrechen konnte, musste er die Frühjahrshochwasser des Amur abwarten. Dann schipperte er 2 000 Kilometer auf dem mächtigen Strom entlang, immer Richtung Süden. Nach Monaten der Reise lernte er in Shanghai Albers kennen. Beide wurden Freunde und beschlossen, gemeinsam ein Unternehmen zu gründen. Sie waren damals Mitte zwanzig. In Deutschland schienen sie keine Zukunft für sich zu sehen. Aber auch von Shanghai versprachen sich beide nichts. Auf der Suche nach einem günstigen Standort kamen sie schließlich auf eine Gegend, die sie beide als Durchreisende kennengelernt hatten: die Amur-Bucht. Sie kauften eine Warenladung Lebensmittel, Stoffe und Werkzeuge. Dann charterten sie ein Schiff, die Meta. Sie war der Anfang von allem.

Ich versuchte mir das vorzustellen. In den Artikeln hatte ich nichts darüber gefunden, ob beide Russisch konnten. Aber selbst wenn. Man wäre damit nicht weit gekommen, lebten doch vor allem Chinesen, koreanische Fischer und irgendwelche nordsibirischen Ureinwohner in Wladiwostok. Stämme, von denen ich noch nie etwas gehört hatte: Jurchen, Mandschu und Golden.

Was also mochte sie damals dazu bewegt haben, sich in dieser gottverlassenen Einöde anzusiedeln? Eine Gegend, in der von September bis Mai Winter herrschte, wo es gerade einmal ein paar Holzhütten mit nicht einmal hundert Einwohnern gab? Mir war es unbegreiflich, denn Wladiwostok war ein winziger Marinevorposten, der gerade zwei Jahre zuvor gegründet worden war. Dort gab es weder die Verlockungen einer Großstadt, die die gebürtigen Hamburger aus eigenem Erleben kannten, noch die klimatischen Vorzüge südlicher Gefilde. Vielleicht war es einfach der Erfolg, der sie beflügelte und die unendlichen Möglichkeiten, die sie als Unternehmer in Wladiwostok hatten. Sie waren jung, hier konnten sie ausprobieren, was in Hamburg nie gegangen wäre. In kürzester Zeit wurden sie unsagbar reich. Mit dem Ersten Weltkrieg kam der Niedergang. Die Deutschen waren schließlich Kriegsgegner. Adolph Dattan wurde wegen Spionage verhaftet und für Jahre ins Innere Sibirien verbannt. Dann kamen die Bolschewiki an die Macht. Wladiwostok erreichten sie 1925. Sie läuteten unwiderruflich das Ende ein. Das Unternehmen hielt sich trotzdem noch bis 1930.

Was passierte in den letzten Jahren und wie konnte das alles überhaupt gehen?

Mit diesen Fragen und den ersten, eher diffusen Eindrücken kam ich nach Naumburg, wo ich Siegfried Bornecker und seine Schwester Ursula treffen sollte. Die Bahn machte dem perfekten Ablaufplan Borneckers einen Strich durch die Rechnung. Beide hatten Verspätung. Ich wartete wie verabredet in der Bahnhofsbäckerei.

Zuerst kam Ursula, eine kleine, zierliche Dame mit offenem und interessiert verschmitztem Blick. Ursula ging am Stock. Den habe sie nur, erklärte sie lachend, weil die Passanten so furchtbar nett wären. Seitdem sie den Stock habe, würde man in der Bahn für sie aufstehen und ihr sogar die Einkäufe in ihre Wohnung tragen. Im rauen Berlin war das etwas wert. Eigentlich bräuchte sie ihn nicht, denn sie sei noch gut zu Fuß. Und in der Tat, vor mir stand eine agile Person, die ich deutlich jünger geschätzt hatte. Ursula lächelte und ihre wachen Augen verliehen ihr trotz ihres hohen Alters einen Hauch Jugendlichkeit. Kaum hatte sie Platz genommen, erzählte sie von ihrem Leben und überhäufte mich mit einem Schwall an Fragen. Dann hielt sie plötzlich inne, griff meinen Arm, schüttelte den Kopf und lachte über sich selbst.

„Ich weiß, ich weiß. Ich bin immer so. Aber ich kann mich nur schwer zurückhalten, denn mich interessiert so vieles … Was mich aber am meisten interessiert, ist, wie Sie zu Russland gekommen sind? Was hat Sie zu den Russen gebracht?“

Ich fand sie großartig und dachte etwas beklommen an Paul, meinen achtzehnjährigen Sohn, und an diese Facebook-Generation, die so überhaupt nicht neugierig schien und offenbar nie den Drang verspürte, jenseits von Wikipedia einer Sache auf den Grund zu gehen. Die Gemütlichen, die kaum noch aus ihren Zimmern rauskamen, die keine Fragen stellten, nicht provozierten, sondern sich mit einem Brei aus Filmchen, lustigen Spots und den Posts der „Freunde“ begnügten. Dieses Rumhängen machte mir manchmal Angst.

Ich erzählte Ursula wie alles angefangen hatte. Nach einer Viertelstunde waren wir so ins Gespräch vertieft, dass sich Siegfried Bornecker vor uns stehend durch lautes Räuspern bemerkbar machen musste. Alle drei lachten wir. Auch Bornecker sah viel jünger aus, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Er trug einen Rucksack, der überhaupt nicht zu seinem Mantel aus edlem Zwirn passte. Bornecker war braun gebrannt und wirkte insgesamt sehr vital, keineswegs wie ein Rentner jenseits der achtzig. Er meinte, er käme gerade aus Italien – Skifahren in den Dolomiten. Von München aus sei das ja nicht weit …

Wie geplant fuhren wir mit dem Taxi zum Dom und gingen in eines der beiden Gasthäuser. Siegfried Bornecker ging zielstrebig voran und wählte einen geeigneten Tisch für unser Vorhaben – hell genug und groß genug. Es war bizarr, denn er betrachtete den Schankraum als sein ausgelagertes Büro. Bornecker nahm den Tisch in Beschlag, breitete Unterlagen darauf aus und schickte den Kellner, der unsere Bestellung aufnehmen wollte, zwei Mal weg. Ich fragte mich, ob das der übliche Gang der Dinge war, wenn sie für ein paar Stunden nach Naumburg einflogen, um ihre Geschäfte zu erledigen. Der Kellner tat mir leid, aber ich wollte mich nicht einmischen. Wir hatten so viel zu erzählen, dass auch ich es als störend empfunden hätte, etwas zu essen. Als der Kellner den dritten Anlauf nahm, bestellten wir schließlich.

Ich mochte beide auf Anhieb. Die Art, wie sie von ihren Großeltern sprachen, die Ernsthaftigkeit, mit der Siegfried Bornecker versuchte, die letzten Rätsel des Verschwindens seines Großvaters zu entschlüsseln, ohne dabei verbohrt zu sein, imponierte mir. Und mir gefiel eines ganz besonders. Obwohl die Familie damals den Großteil ihres Besitzes verloren hatte, Adolph Dattan ohne Grund in der Verbannung hatte ausharren müssen und dann von Sowjets zur Geschäftsaufgabe gezwungen wurde, hegten sie keinen Groll gegen Russen. Vielleicht war es einfach zu lange her. Siegfried und Ursula waren in Hamburg groß geworden, sie hatten nie einen unmittelbaren Bezug zum Naumburger Familiensitz gehabt, weil dieser in der „Ostzone“ lag. Sie hatten nie in einer Diktatur gelebt und deshalb betrachteten sie das Unrecht, das der Familie angetan wurde, nie als ihrige. Es war etwas, das nicht unmittelbar sie betraf. Wahrscheinlich lag es auch daran, dass Adolph Dattan trotz des immensen Verlustes nicht als Armer zurückgekehrt war. Er hatte seiner Familie einiges hinterlassen, zumindest schienen sie nicht an materieller Not zu leiden. Was sollten sie also verflossenem Geld nachtrauern?

Kaum hatten wir gegessen, kam auch schon der Schornsteinfeger, um die Kehrmodalitäten für verschiedene Immobilien zu klären. Auf dem Tisch häuften sich die Papiere. Einzugsermächtigungen wurden erteilt, Rechnungen geprüft, Gutachten in Auftrag gegeben. Immerhin durfte der Kellner jetzt ohne zweite Nachfrage einen Kaffee bringen. Es amüsierte mich, Ursula und Siegfried bei ihren Geschäften zu beobachten, weil sie so normal bodenständig waren und fast beschaulich wirkten, obwohl sie hier am Tisch Millionenobjekte verwalteten.

Der Handwerker verschwand und uns blieb nur noch eine Viertelstunde bis zum nächsten Termin in der Dattan-Villa. Bislang hatten wir nur geplaudert, aber nichts Handfestes verabredet. Ich wusste nicht einmal, ob ich nun die Richtige war. Offenbar hatte Siegfried Bornecker bemerkt, dass ich darüber nachdachte.

„Wissen Sie Frau Stehr, wir wollen niemandem schaden. Wir wollen nichts zurückhaben. Jahrzehntelang haben wir nicht einmal gewusst, dass es das alles noch gibt – die Kaufhäuser, die Wohnhäuser, das Elektrizitätswerk und die Landhäuser. Meine Mutter hatte mir von klein auf eingetrichtert, dass ich nie nach Russland fahren dürfe, weil dort das Böse warte. Ich musste ihr das hoch und heilig versprechen. Und daran habe ich mich gehalten. 1997 ist sie dann gestorben und drei Jahre später bin ich das erste Mal gefahren. Es war wie eine Reise in eine andere Welt. Die Vorstellung, dass mein Großvater dies alles mitgeschaffen haben sollte, kam mir fast unheimlich vor. Ab da begann mich das ganz konkret zu interessieren, weil ich ein Bild im Kopf hatte. Ich fing an, nach allen nur denkbaren Hinweisen zur Familiengeschichte zu suchen. Und ich erfuhr, dass mein Großvater offenbar Tagebuch geführt hatte. Ich wusste es von Georg Albers. Er hatte die Geschäfte von seinem Vater übernommen. Und dieser hatte damals eine Firmenchronik zum 75-jährigen Geschäftsjubiläum herausgegeben. Georg Albers war im Besitz der Unterlagen. Bei meinem Besuch merkte ich sofort, dass ich nicht sonderlich willkommen war, auch wenn er sich höflich und korrekt verhielt. Es war eine kühle Atmosphäre, eine unnahbare Stimmung, die vor allem von seiner Frau ausging. Vielleicht hätte er allein sich ganz anders verhalten, aber seine Gattin ließ nur ein kurzes Gespräch unter vier Augen zu. Irgendetwas schien ihr zu missfallen. Mir war klar, dass ich Albers bei diesem Treffen regelrecht ausquetschen musste. Ich wollte so viel wie möglich erfahren und alle verfügbaren Materialien bekommen, ahnte ich doch, dass es keinen zweiten Besuch geben würde. Albers gab mir einiges, darunter ein paar lose Seiten, die wie Tagebuchnotizen aussahen, jedoch fehlten Datums- oder Ortsangaben. Jahre später sortierte ich den Nachlass meines Onkels Gori.“

Siegfried Bornecker hielt inne.

„Warum erzähle ich Ihnen das, Anna?“ Er schaute mich eindringlich und auffordernd an. Doch ich wollte nichts sagen, sondern einfach nur zuhören. Deshalb zuckte ich bloß mit den Schultern und machte ein fragendes Gesicht.

„Weil Gori etwas hatte, worum es uns hier und heute geht. Wissen Sie, was ich zwischen dem ganzen Schriftkram, den er gehortet hatte, fand?“ Ich schüttelte den Kopf.

„Tagebuchnotizen von meinem Großvater. Er hatte in der Verbannung Tagebuch geschrieben. Es waren keine hastigen Notizen, handschriftlich mit dem Bleistift gekritzelt, sondern ausführliche Reflexionen, säuberlich mit der Schreibmaschine getippt. Darunter auch die Blätter, die ich bereits von Albers erhalten hatte und nicht einordnen konnte. Nun wusste ich, was es damit auf sich hatte. Diese Notizen hatten ein Deckblatt. Und nur wegen dieser einen Seite sitzen wir heute hier zusammen.“

Ich grübelte, was auf dieser einen Seite gestanden haben mochte. Es musste etwas gewesen sein, das nun von außerordentlicher Bedeutung war. Was steht auf so einem Deckblatt? Der Name, vielleicht auch noch Ort und Zeitpunkt der Aufzeichnung. Was sollte daran also so besonders, so außergewöhnlich sein? Bornecker wusste doch, wo sein Großvater in der Verbannung gesteckt hatte. Auch den Zeitraum hatte er mir genannt. Was also bewegte ihn so dermaßen?

Dann holte er dieses eine, dieses wichtige Blatt aus einer Mappe und legte es vor mir auf den Tisch. Ich schaute auf das Blatt und Bornecker beobachtete mich dabei ganz genau. Und auf einmal war mir klar, dass das die Prüfung war. Das, was ich nun sagen würde, entschied darüber, ob ich den Auftrag erhielt oder nicht. Ich las:

A. Dattan

MEINE VERBANNUNG IN DEN NARYMER KREIS,

Gouvernement Tomsk, West-Sibirien.

IV. Teil

Von Januar 1919 bis Januar 1920

Bornecker schaute mich noch immer prüfend an. Ich kam mir vor, wie ein rettender Prinz im Märchen. Einer, der den Drachen in der Höhle besiegen musste, um die Prinzessin zu retten. Einer, der nur dann Zutritt zur Drachenhöhle erhielt, nachdem er die alles entscheidende Frage richtig beantwortet hatte.

Aber ich hatte keine Ahnung. Was sollte ich sagen? Was ich las, war belanglos. Es war banal. Ich schaute noch einmal auf die fünf Zeilen und dann ging mir ein Licht auf. Aber natürlich … Ich hatte gelesen, dass Adolph Dattan bereits im Januar 1915 verbannt worden war. Das war es, vor mir lag das Deckblatt vom vierten Teil. Es musste noch mindestens drei weitere Teile geben.

„Sie suchen Teil 1, 2 und 3, Herr Bornecker. Habe ich recht? Und ich soll sie Ihnen beschaffen, aus Russland, stimmt’s?“

Bornecker strahlte. Die Drachenhöhle öffnete sich und die Rettung der Prinzessin konnte beginnen.

Danach ging alles ganz schnell. Wir beredeten ein paar organisatorische Dinge und verabredeten ein nächstes Treffen. Als wir das Café verließen, wurde Siegfried Bornecker plötzlich wieder ernst.

„Wissen Sie Frau Stehr, Sie haben zwar gesagt, dass ich fit und jung aussehe. Das war sehr charmant, aber man weiß nie, was passiert. Im Oktober haben wir unser Familientreffen. Alle zwei Jahre kommen die Dattan-Erben zusammen, es ist mittlerweile ein Großereignis. Ich würde gern bis dahin die Sammlung abschließen. Und ich möchte gern eine Chronik der Unternehmensgeschichte in Auftrag geben.

Wissen Sie, das Jahr 2014 ist ein besonderes Jahr. Vor 150 Jahren begann alles, dort im wilden Osten, bei den vierundvierzig Holzhütten. Am 16. September 1864 erreichte die Meta mit der ersten Hamburger Warenladung den Hafen von Wladiwostok. Ich möchte ein Buch schreiben, aber dazu brauche ich Sie. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit, glauben Sie mir, Anna.“

Was sollte ich dazu sagen? Ich wusste nicht, ob ich diesen Erwartungen je gerecht werden könnte. Was wäre, wenn ich nichts finden würde? Die Enttäuschung wäre größer denn je. Ich dachte plötzlich wieder an die Annonce: Bei zufriedenstellenden Rechercheergebnissen erwartet den Bewerber eine überdurchschnittliche Bezahlung. So ein Quatsch – zufriedenstellende Rechercheergebnisse … Was wäre zufriedenstellend? Nur das Tagebuch. Was wäre, wenn ich nichts oder etwas ganz anderes entdecken würde? Kein ernst zu nehmender Forscher konnte das Ergebnis vorhersehen. Kein seriöser Wissenschaftler konnte sich auf so etwas einlassen. Ich war Historikerin, kein Detektiv. Ich musste die Reißleine ziehen, auch wenn ich ihm gern geholfen hätte, auch wenn ich gern nach Russland gefahren wäre. Die Erwartungen waren einfach zu hoch.

„Es tut mir schrecklich leid, Herr Bornecker, aber es geht doch nicht. Ich kann den Auftrag nicht annehmen.“

Siegfried Bornecker sah mich entsetzt an. Es war, als ob ich ihm ins Gesicht geschlagen hätte.

„Ich kann Ihnen das nicht versprechen. Das Tagebuch kann überall sein, wenn es überhaupt noch existiert. Wer weiß, ob es nicht zerstört wurde, ob es überhaupt in Russland liegt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich es finde, ist winzig klein. Vielleicht entdecke ich stattdessen Dinge, die nicht in Ihr Bild passen, von denen Sie lieber nichts wissen wollen. Vielleicht ist es besser, sich mit den Lücken abzufinden.“

Plötzlich lachte Bornecker. Ich wusste nicht, was es da zu Lachen gab, denn ich hatte ihm gerade eine Abfuhr erteilt.

„Ich habe Sie richtig eingeschätzt, Anna. Ich wusste, dass Sie das sagen würden, ich wusste, dass Sie zweifeln würden, weil Sie die Sache ernst nehmen. Das beruhigt mich. Und trotzdem. Wenn ich suche, ist die Chance noch unvergleichlich viel kleiner. Sie fahren, Anna Stehr. Ich weiß, Sie sind die Richtige. Wenn jemand etwas findet, dann Sie. Den Test mit dem Deckblatt habe ich mit drei Historikern gemacht. Mit drei renommierten Historikern, wohlgemerkt. Der Erste hat minutenlang das Papier studiert und aus der Analyse der Fasern das Alter des Blattes geschlussfolgert. Der Zweite hat mir einen Vortrag über die Schrifttype der verwendeten Schreibmaschine gehalten und die Vorzüge der Erika Nr. 1, der ersten deutschen Reiseschreibmaschine, gepriesen. Und wissen Sie, was der Dritte gesagt hat? Dass der Narymer Kreis nach der Gebietsreform von 1918 genau genommen gar nicht mehr im Gouvernement Tomsk lag, sondern knapp hinter der Grenzlinie. Ich kann das alles nicht beurteilen Anna, aber auf das Naheliegende ist keiner dieser drei Experten gekommen, weil sie zu spezialisiert sind – Gefangene in ihrem Elfenbeinturm der Wissenschaft. Sie sind anders, Anna. Sie wissen auch viel, aber Sie sind trotzdem normal und haben einen klaren Blick. Sie denken logisch und trotzdem haben Sie sich die Neugier eines Kindes bewahrt. Ich weiß, das klingt schrecklich naiv und kitschig, aber es ist so. Und deshalb werden Sie fahren, Anna. Wenn Sie nichts finden, bin ich der Letzte, der damit nicht leben kann. Sie werden natürlich trotzdem angemessen bezahlt. Vergessen Sie die Annonce, das war wirklich Unsinn, was ich da geschrieben habe. Aber ich habe noch nie eine Anzeige aufgegeben und ich wollte, dass das jemand findet. Jemand wie Sie. Schlagen Sie ein, Anna!“

Bornecker hielt mir seine Hand hin. Ich wusste nicht, ob ich gerade einen Pakt mit dem Teufel schloss, irgendetwas warnte mich, aber plötzlich war meine Hand in seiner. Ursula freute sich wie ein Kind und umschloss herzlich unsere beiden Hände. Der historische Händedruck, dachte ich kurz …

Dann fuhren wir zum alten Familiensitz, den die Erben unlängst veräußert hatten. Eine riesige Villa, direkt an der historischen Stadtmauer. Im Nachhinein bereute ich es, nicht mit ins Haus gegangen zu sein.

Ursula und Siegfried hatten es mir angeboten. Aber ich hatte abgelehnt, weil sie einen Termin mit der neuen Besitzerin hatten. Da wollte ich nicht stören. Jetzt war mir klar, dass ich nie mehr so einfach in diese Villa kommen würde.

Versal & Flober

Die Fahrt in die Stadt mit dem Aeroexpress dauerte eine Dreiviertelstunde. Der Flughafen lag weit draußen. Wir fuhren am Meer entlang, durch kleine Dörfer. Alles schien wie vor zwanzig Jahren. Dann aber kamen die ersten Vorortsiedlungen – neu gebaute Häuser, darunter kitschige Villen und protzige Anwesen. Ein Sammelsurium verschiedenster Stile. Neureiche Hässlichkeit. Dann durchfuhren wir die obligatorischen Neubauviertel. Da war sie, die alt bekannte Sowjettristesse, gut konserviert. Schließlich erreichten wir das Zentrum. Der Bahnhof lag direkt oberhalb des Hafens. Von Weitem waren Verladekräne und Frachter zu sehen und schrille Lautsprecherdurchsagen zu hören. Offenbar koordinierten sie das Be- und Entladen. Auf Anhieb mochte ich die Nähe zum Meer und diese Geschäftigkeit. Es war eine spröde Schönheit. Nichts, das mit einem verwinkelten Küstenort an der Amalfi-Küste zu vergleichen war. Das, was da unten vor mir lag, war kein Touristenmeer. Ich sah riesige Containerschiffe. Hier löschte man Ladung, belud aufs Neue. Frachter wurden betankt und gewartet. Container auf Züge geladen. Ich dachte, dass die Gleise da unten nicht irgendwelche Gleise waren. Dort, am Hafen, endete die Transsibirische Eisenbahn nach knapp 10 000 Kilometern Strecke. Die Züge, die von hier auf die Reise gingen, hätten einen weiten Weg vor sich. Aber warum ans Wegfahren denken, ich war ja gerade erst angekommen. Ab ins Hotel, dachte ich. Gut, dass ich mir eine kleine Wegbeschreibung ausgedruckt hatte, denn weder auf dem Flughafen noch auf dem Bahnhof war ein Stadtplan zu bekommen. Zumindest das hatte sich nicht geändert. Das Hotel war nicht weit weg. Siegfried Bornecker hatte darauf bestanden, mich die ersten Nächte im Stadtzentrum unterzubringen. Aber nicht irgendwo. Nein, es sollte das Versal sein, wo er mich „mit allem Komfort und ein bisschen so wie früher“ einquartieren wollte.

„Wenn Sie erst einmal dort sind, Anna, können Sie unterkommen, wo es Ihnen beliebt. Machen Sie mit Ihren Spesen, was Sie wollen, aber ich möchte, dass Sie, wenn Sie ankommen, zumindest ein einziges Mal den Geist der alten Zeit atmen, auch wenn die Konkurrenz damals dort saß.“

Die Konkurrenz … Tschurin & Co. hatten damals ein Konditorgeschäft dort. Ich holte meinen Google-Plan aus der Tasche. Der Weg war einfach: einmal nach rechts, dann an der nächsten großen Kreuzung links. Ich musste zur Swetlanskaja Ulitza, damals wie heute eine Prachtstraße und gleichzeitig die Hauptschlagader der Stadt. Vom Bahnhof waren es zehn Minuten, höchstens eine Viertelstunde.

Als ich in das Hotel eintrat, wusste ich, was Bornecker gemeint hatte. Mich empfing ein Vestibül mit verschnörkelten, goldverzierten Stuckdecken, von denen ausladende Kronleuchter herabhingen. Die Säulen und Rundbögen an der Seite gaben dem Raum eine herrschaftliche Atmosphäre. An den Fenstern hingen edle Brokatvorhänge. Der Marmorboden spiegelte fast besorgniserregend. Ich ging zur Rezeption und erst da verstand ich, was der Name des Hotels eigentlich bedeutete. Ich kam darauf, als ich auf meinen Pass wartend, den Namen des Hotel-Cafés las: Flober. Komisch, dachte ich, was für ein ulkiger Name, klingt überhaupt nicht russisch. An der Wand hing ein Plakat, das für eine Lesung im Café warb. Das Flober schien ein Literaturcafé zu sein. Auf dem Tresen pries ein Schild Leckereien der hauseigenen französischen Patisserie an. Und plötzlich machte es Klick. Ich las noch einmal und musste lachen. Ich war im Hotel Versailles und das Café war das Flaubert. Das fing ja gut an. So eine Verballhornung … Versal & Flober.

Die Dame an der Rezeption versprühte den Charme einer Dezhurnaja aus fernen Sowjetzeiten. Damals saßen sie nicht nur an der Rezeption, sondern im Aufgang jeder Hoteletage. Rund um die Uhr hielten sie Wache, sorgten angeblich für den Gast, aber eigentlich für Ruhe und Ordnung. Doch der über Jahrzehnte in Fleisch und Blut übergegangene Kommandoton, der bei der ersten Begrüßung noch durchschimmerte, schien auf eigenartige Weise abgeschliffen. Offenbar hatte Marina – ein Schild neben dem Patisserie-Hinweis verriet mir ihren Namen – einen Kurs in „Wie begrüße ich Hotelgäste freundlich?“ absolviert. Sie mühte sich redlich. Schon wieder musste ich lachen.

Mein Zimmer war nicht halb so glamourös wie die Lobby, aber egal, ich hatte ein Dach über dem Kopf und konnte den schweren Rucksack abwerfen. Endlich duschen. Nach dem langen Flug war das dringend nötig.

Als Allererstes wollte ich das Kaufhaus sehen, schließlich das Ziel meiner Reise. Kunst & Albers, das erste Haus am Platze, lag natürlich auch auf der Swetlanskaja. Ich hatte es also nicht weit. Das Kaufhaus war immer noch Kaufhaus, schon von Weitem sah ich die Leute hineinströmen und mit Einkaufstaschen bepackt hinauskommen. Es war komisch. Für mich war es ein mythisch aufgeladener Ort. Bornecker hatte so viel darüber erzählt, ich hatte Unmengen dazu gelesen. Für mich war es viel mehr als einfach nur ein Kaufhaus. Davor stehend fragte ich mich, ob die Passanten eine Ahnung davon hatten, was hier vor über hundert Jahren passiert war. So ein Quatsch, dachte ich.

Eigentlich war schon der erste Blick von außen ernüchternd. Ich weiß selbst nicht, was ich erwartet hatte. Vielleicht lag es daran, dass vieles von dem, was ich gelesen hatte, die Anfangszeit beschrieb. Damals war das stattliche Gebäude das einzige Bauwerk aus Stein und Eisen weit und breit. Die Baumaterialien hatte man extra aus Hamburg per Schiff herangeschafft. Das Kaufhaus thronte wie ein Monolith über der Innenstadt. Ringsherum gab es nur Holzhütten, die Straße war nicht einmal befestigt. Heute sah alles anders aus. Kunst & Albers, das seit der Verstaatlichung unter dem Namen GUM firmierte, war komplett umbaut. GUM war die Abkürzung für „Staatliches Kaufhaus“. Es markierte in jeder sowjetischen Stadt den zentralen Einkaufspunkt. Das berühmteste stand in Moskau, direkt am Roten Platz.

Als ich ins Innere trat, dachte ich, dass der Einkaufstempel zwar immer noch GUM hieß, es aber kein Kaufhaus mehr war, ein staatliches schon gar nicht. Ich bemerkte, dass von den großzügigen Hallen kaum noch etwas geblieben war. Der einstige Glanz war verschwunden. Offenbar hatte man das Gebäude an verschiedene Händler verpachtet und die Mietfläche dementsprechend aufgeteilt. Dafür hatte man umbauen müssen. Was ich sah, war übel: ein Kiosk neben dem anderen, Miniboutiquen, winzige Läden – abgehangene Decken, dazwischen Rigips-Wände. Die prächtigen Räume mit den edlen Holzvertäfelungen, den Regaleinbauten, den Säulen und Stuckverzierungen gab es nicht mehr. Geblieben war nur noch die Hülle. Nur zwei Relikte konnte ich ausmachen: einen Raum im Erdgeschoss mit den schönen Hamburger Mosaikfliesen, mit denen die Fußböden kunstvoll ausgelegt waren, und zwei gusseiserne Heizkörper in einer Nische im Eingangsbereich. Wahrscheinlich hatte man beides bei den Renovierungsarbeiten übersehen. Nur deshalb hatten sie als Überbleibsel einer längst vergangenen Ära überlebt.

Ich ging schnell raus, wollte ich mir nicht gleich den ersten Tag verderben. Der Nebel über der Bucht war verschwunden, herrlichster Sonnenschein empfing mich. Auch wenn ich todmüde war, weil der Jetlag an mir zehrte, wollte ich noch ans Meer. Ich schlenderte die Flaniermeile hinunter zur Strandpromenade und setzte mich ans Ufer. Ja, hier konnte man es aushalten. Die Stimmung war viel entspannter als in Moskau, die Menschen saßen auf Bänken, aßen Eis und flanierten, statt mit Tunnelblick und ausgestreckten Ellenbogen aneinander vorbeizuhetzen. Festpavillons an der Promenade kündigten ein Filmfestival in den nächsten Tagen an.

Ich musste an Zuhause denken. Martin und Paul waren nicht sonderlich begeistert von dieser Reise. Verübeln konnte ich es ihnen nicht, war ich doch erst vor einem Jahr völlig überstürzt auf eine schottische Insel aufgebrochen und drei Monate dort geblieben. Martin beobachtete diese Rastlosigkeit mit Sorge. Doch eigentlich gab es keinen Grund dazu, denn genau genommen war die Tour hierher ein ganz normaler Job und alles war wohlgeordnet. Außerdem wusste er nur zu gut, dass es überhaupt keinen Sinn hatte, mir Dinge auszureden, weil ich es dann erst recht machen würde. Manchmal tat er mir leid. Andererseits … er selbst arbeitete zwölf Stunden am Tag, hatte nie Zeit. Was sollte er sich also aufregen? Vielleicht würde ich nicht lange bleiben, wer weiß, was mich hier erwartete. Dieses Tagebuch konnte sonst wo liegen. Eigentlich war es wahrscheinlicher, dass ich es in Kolpaschewo oder in Tomsk finden würde. Dort, wo sich Dattan während seiner Verbannung aufgehalten hatte. Warum also ausgerechnet Wladiwostok? Warum hätte er es hier lassen sollen? Wenn er die Aufzeichnungen auf dem langen und beschwerlichen Weg von Kolpaschewo bis Wladiwostok mitgenommen hatte, warum sollte er dann nur einen Teil der Unterlagen mit in seine Heimat, nach Naumburg, genommen und einen Teil hier zurückgelassen haben? Das war vollkommen unlogisch. Mittlerweile war ich der Ansicht, dass die Suche in Deutschland oder bei den Angehörigen, die nunmehr über die ganze Welt verstreut lebten, viel sinnvoller wäre. Es war grotesk, denn ursprünglich war ich diejenige, die unbedingt hierher wollte. Aber irgendwann war ich von der Suche nach dem Tagebuch so eingenommen, dass ich jede Fährte verfolgte, egal, wohin sie führte. Mein herbeigesehntes Russlandabenteuer geriet dabei fast ins Hintertreffen. Doch Bornecker mochte nicht auf mich hören, er wollte unbedingt, dass ich dort begann, wo auch damals alles begonnen hatte. Er bestand darauf, weil er felsenfest daran glaubte, dass die Suche nach der Nadel im Heuhaufen nur dann gelänge, wenn allem Anfang ein besonderer Zauber innewohne. Und dieser Zauber konnte sich nur am authentischen Ort entfalten. Ich tat ihm den Gefallen. Schließlich war ich diejenige, die unbedingt nach Russland wollte, für die die Recherche anfangs nur willkommener Anlass war. Bornecker war es, der dieses Abenteuer bezahlte. Außerdem war er jemand, dem man nichts abschlagen konnte. Jetzt fand ich, dass er richtig gelegen hatte. Ich war froh, diesen weiten Weg auf mich genommen zu haben.

Im Archiv des Fernen Ostens

Am nächsten Tag ging ich ins Archiv. Es befand sich mitten im Zentrum, nur ein paar Minuten zu Fuß. Zu Hause hatte ich mir über meine Kontakte zu verschiedenen Dozenten ein paar Empfehlungsschreiben ausstellen lassen. Ohne ein amtliches Schreiben ging in Russland nichts. Stempel waren wichtig. Und ich hatte meinen Besuch und den Grund meiner Recherche angekündigt. Natürlich hatte ich das Tagebuch nicht erwähnt. In Russland erwähnte man das, was man wollte, besser nie sofort und nie direkt. Man umkreiste die Dinge behutsam.

Der Wachhabende am Eingang kontrollierte meinen Pass, notierte sich die Daten und schickte mich direkt in den Lesesaal. Meine Sachen sollte ich einschließen. Im Lesesaal begrüßte mich eine hagere Dame um die fünfzig. Auch dort der obligatorische Eintrag ins Besucherbuch und die Frage nach dem Empfehlungsschreiben, das mich berechtigte, dort zu recherchieren. Ich wusste es. Auf meine erste Anfrage hin hatte man mir mitgeteilt, dass ich nichts dergleichen bräuchte und einfach so kommen könne. Ich wollte mich darauf nicht verlassen, weil ich wusste, dass in Russland Stempel verehrt, gefürchtet und geliebt wurden. Wer einen Stempel hatte, hatte das Sagen, wer etwas Gestempeltes vorzeigen konnte, hatte recht. Eine Unternehmung war erst dann von Bedeutung, wenn sie durch ein Schreiben unterfüttert war. Je gewichtiger der Absender, umso bedeutungsvoller das Vorhaben. Ich war froh, meinen Erfahrungen vertraut zu haben.

Nachdem ich eine Reihe von Papieren ausgefüllt hatte, wurden mir sogleich die ersten Akten gebracht. Sie hatten das aufgrund meiner E-Mail-Anfrage schon vorbereitet. So etwas hatte ich in Moskau nie erlebt. Dort musste man grundsätzlich erst einmal zwei Tage warten.

Das war es also, das Archiv des Fernen Ostens. Es hörte sich groß an. Groß und sagenumwoben. Was ich sah, war alles andere als das. Der Lesesaal war unwesentlich viel größer als unser Wohnzimmer. Dennoch beherbergte er sechzehn kleine Arbeitstische, in vier Reihen aufgestellt. Auf der rechten Seite des Raumes gab es ein paar Computerarbeitsplätze und in der Ecke stand der Schreibtisch von Ljudmila Petrowna. Ich setzte mich in die zweite Reihe. Ein bisschen fühlte ich mich wie in der Schule. Vielleicht lag es auch am strengen Blick der Aktenverwalterin. Aber immerhin saß sie mit uns in einem Raum, war Teil des Ganzen. In Moskau bekam man seine Akten aus einer Luke herausgereicht. Der Lesesaal war durch eine Wand von den Akten und den Archivmitarbeitern getrennt. Nur das unscheinbare Fenster bildete die Verbindung zu den dahinter befindlichen Aktenregalen. Doch der Aktenbereich war tiefer gelegen, weil er offenbar zu einem anderen Gebäudeteil gehörte. Jeder, der etwas bestellen wollte oder eine Frage an die Archivare hatte, musste sich in Bückhaltung begeben, weil die Mitarbeiter wegen des Höhenunterschiedes ansonsten nur die Bäuche der Archivnutzer gesehen hätten. Man hätte in die Hocke gehen können, weil die Ausgabeluke ohnehin niedrig war. Doch um etwas Würde zu behalten und dies zu vermeiden, hing man schräg oder kopfüber. Ich hatte es gehasst damals, weil die Archivare ohnehin in einer Machtposition waren und diese nun auch noch mit der körperlichen Erniedrigung der Nutzer Tag für Tag feierten. Und ich hatte eine Theorie aufgestellt: Je wichtiger die Angelegenheit war und je weiter man in den Osten kam, umso niedriger und kleiner wurden die Fenster. In Zentralasien gab es auf Bahnhöfen winzige vergitterte Fahrkartenverkaufsfenster, vor denen Menschentrauben hingen. Hier war ich nun am östlichsten Ende angekommen. Nach meiner Theorie hätte ich am Boden liegend mit der Lupe das Fenster suchen müssen, aber nichts dergleichen. Es gab kein Fenster, nicht einmal eine Trennwand. Man begegnete sich auf Augenhöhe, auch wenn vor Ljudmilas Augen eine großformatige Brille saß. Es war so ein ehemaliges Sowjetmodel aus jener Zeit, als große Brillengläser noch ein Zeichen vorbildlicher Gesundheitsfürsorge waren. Das Archiv des Fernen Ostens war mir sympathisch.

Vor mir lag ein Aktenstapel und schon ein flüchtiger Blick verdarb mir die Laune. Das meiste waren handschriftlich verfasste Dokumente, zudem noch in alter Schreibweise. Irgendwelche Schriftwechsel der Stadtverwaltung. Ich bräuchte eine Ewigkeit, wenn ich das alles durchackern wollte. Deshalb entschied ich mich sofort, es gar nicht erst zu versuchen. Die nächsten Stunden verbrachte ich mit Blättern. Ab und zu fand ich mal eine Seite, die entfernt etwas mit Dattan zu tun hatte, aber alles war belanglos und brachte mich nicht weiter. Egal. Ich hatte ein paar Wochen Zeit. Morgen würde ich mir ein paar Findbücher kommen lassen, für heute war es genug.

Wohnungssuche

Ich ging ins Hotel. Schon jetzt nervte mich, dass ich mir nichts kochen konnte. Fast Food hasste ich. Ich musste mir eine Wohnung suchen. In der Stadt hatte ich an Bushaltestellen Dutzende Zettel mit Wohnungsinseraten gesehen. Doch fast überall las ich die gleiche Telefonnummer. Außerdem stand dort nicht, in welchem Stadtteil die Wohnung überhaupt lag. Eins war von Anfang an klar. Ich wollte auf keinen Fall in einem Neubaublock in einem der Außenbezirke wohnen, sondern im Zentrum, am besten irgendwo am Meer. Ich brauchte einen Stadtplan. Die Stadt schien riesig, sie franzte in alle Richtungen aus, und obwohl hier nur 500 000 Menschen lebten, hatte man den Eindruck, in einer Mega-City zu sein.

Im Hotel hatte ich WLAN. Ich setzte mich mit meinem Laptop in die Lobby und fing an zu suchen. Kaum hatte ich die ersten Seiten aufgerufen, ärgerte ich mich über mich selbst. Da war ich vor Ort, konnte mit den Leuten reden, konnte durch die Straßen streifen und dort nach Inseraten suchen oder mir eine Zeitung mit Annoncen kaufen. Aber was tat ich? Ich hing im Netz. Das hätte ich auch in Berlin tun können. Dafür hätte ich keine 12 000 Kilometer fliegen müssen. Ich war sauer, denn das, was ich im Internet sah, war viel ausführlicher und besser als die nichtssagenden Klebezettel. Was brachte die Realität, die ich mit eigenen Augen sah? Ich schrieb drei Anbietern eine kurze Mail, dann klappte ich den Computer zu. Irgendwie gefiel mir das nicht. Früher hatte ich einfach gefragt. Je abwegiger die Frage schien, umso Erfolg versprechender war oft die Antwort. Warum es nicht einfach so machen wie früher?

Ich ging zur Rezeption. Marina sortierte ein paar Papiere, dann blickte sie zu mir auf. Bisher hatte ich nur sie hier gesehen, offenbar schien sie rund um die Uhr zu arbeiten. Ich hätte lieber jemand anderen angesprochen, denn Marina schien jede Frage zu stören. Aber manchmal täuschte man sich. Wie oft hatte ich erlebt, dass gerade die Grantigen und Unnahbaren sich als die Herzlichsten entpuppten, sobald das Eis gebrochen war.

„Marina Iwanowna, hätten Sie mal ein Sekündchen Zeit, nur ganz kurz“, versuchte ich es betont freundlich. „Ich habe eine klitzekleine Frage, vielleicht können Sie mir helfen.“ Wer in Russland etwas will, dachte ich bei mir, muss in Verniedlichungen reden. Da erhob sich Marina sogleich aus ihrem Sessel, verschränkte die Arme vor ihrer Brust, legte den Kopf schräg und kräuselte die Stirn. Das alles ohne ein Wort. Oje, was hatte ich da nur wieder für eine Schnapsidee. Aber jetzt stand sie da. Sollte ich lieber nach einer Zeitung oder etwas anderem fragen? Nein. Auf in den Kampf!

„Marina Iwanowna, ich habe eine etwas ungewöhnliche Frage. Vielleicht auch ein wenig unpassend, hier im Hotel. Wissen Sie, ich habe das Zimmer hier im Hotel für drei Nächte gebucht. In Wirklichkeit bleibe ich aber länger, vielleicht sogar sehr viel länger. Ich bin aber nicht der Typ, der sich in Hotels auf Dauer wohlfühlt. Wissen Sie, ich koche gerne und ich brauche ein privates Umfeld, eine Atmosphäre, die mir vertraut ist. Ich mag es nicht, wenn ständig jemand hinter mir herräumt, auch wenn es praktisch ist. Deshalb wollte ich Sie fragen, ob Sie vielleicht jemanden kennen, der mir ein Zimmer oder eine Wohnung hier im Zentrum vermieten könnte. Gern auch ohne Rechnung. Vielleicht ein Verwandter von Ihnen?“

Marina stand unverändert da. Der strenge Blick hinter der Riesenbrille war schwer zu deuten. Dann setzte sie in ruhigem Ton an. „Junge Frau, Sie fragen mich, die Empfangssekretärin eines der besten Hotels in Wladiwostok, ehemals das Grandhotel, ob sie Ihnen privat, unter der Hand, ein Zimmer vermietet? Würden Sie das bei sich zu Hause auch so machen? Im Adlon oder im Hilton? Wir sind hier nicht auf dem Basar, junge Dame!“

Dann setzte sie sich wieder in ihren Sessel und ordnete weiter Papiere, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Das hatte gesessen. Was sollte ich sagen? Natürlich wäre ich in Deutschland nie auf so eine Idee gekommen. Aber in Russland? Da habe ich es nie anders gemacht. Ich fühlte mich ertappt und eilte davon. Erst einmal raus an die Luft, dachte ich.

Als ich vor dem Hotel stand, wusste ich nicht, wohin. Irgendwie nervte alles. Bornecker hatte es gut gemeint mit diesem Hotel, aber ich hätte mir von Anfang an etwas auf eigene Faust suchen sollen. Ich lief ziellos umher. Eigentlich war es Zeit fürs Abendessen, aber mir war der Appetit vergangen. Vor dem Kino Okean, ein alter Sowjetfilmpalast direkt an der Strandpromenade, sah ich eine Menschenmenge. Irgendetwas schien dort los zu sein. Es gab eine Filmpremiere, irgendeine Komödie. Die Vorstellung begann in wenigen Minuten. Ich kaufte eilig eine Karte und ging hinein.

Das war genau das Richtige. Die nächsten anderthalb Stunden bräuchte ich mir zumindest keine Gedanken zu machen über Akten, die ich nicht lesen konnte, über eine Bleibe, die ich nicht hatte. Gut, dass es Komödien gab, denn plötzlich war ich wieder voller Zuversicht. Alles halb so wild, dachte ich, ich könnte auch erst einmal in ein Hostel ziehen. Irgendeine Lösung würde sich finden.

Nadezhda, meine Hoffnung

Als ich am nächsten Morgen zum Frühstück ging, fand ich unter meiner Zimmertür einen Zettel. Irgendjemand musste ihn in der Nacht unter der Tür hindurchgeschoben haben. Ich hob das zusammengefaltete Blatt auf und las:

Sehr geehrte Frau Anna,

natürlich weiß ich etwas, aber was sollte ich gestern sagen? Ich musste so reagieren, denn Jurij, unser Junior-Chef, saß im Hinterzimmer. Entschuldigen Sie, dass ich so streng war. Ein bisschen taten Sie mir leid. Sie müssen unbedingt mit meiner Tante Nadezhda sprechen. Sie hat eine Wohnung, die sie vermietet. Nicht besonders groß, nur ein Zimmer, und auch nicht sehr komfortabel, aber für eine Person sollte es reichen. Das Gute – es ist nicht weit vom Stadtzentrum entfernt und direkt am Meer mit einer wunderbaren Aussicht. Hinten, auf dem Egerscheld, eine sichere Gegend. Sie haben verdammtes Glück, denn die Wohnung war drei Jahre lang vermietet. Jetzt ist sie frei, erst seit Kurzem. Nadezhda Walentinowna wird Ihnen alles zeigen, wenn Sie mögen. Mit ihr reden Sie auch über den Preis. Keine Angst, alles wird gut. Nadezhda wartet um elf Uhr am Kiosk neben dem Hotel. Sprechen Sie mich an der Rezeption nicht darauf an. In diesem Haus, kein Wort darüber.

Gruß

Marina Iwanowna Apraksina

Ich musste lachen. Gestern noch hatte ich gegrübelt, war ernsthaft ins Zweifeln geraten. Darüber, ob ich mich tatsächlich falsch verhalten hatte, darüber, ob das Land, das ich so gut zu kennen glaubte, in den letzten Jahren nicht doch ganz anders geworden war. Gestern kam ich mir vor, wie jemand, der unwiederbringlich den Anschluss verpasst hatte, jemand, der nur noch an einer Erinnerung hing, eine Erinnerung an etwas, das es längst nicht mehr gab. Nun war wieder alles im Lot. Nadezhda, die Hoffnung. Gestern noch war ich so unglücklich gewesen und heute schon wies mir die Hoffnung den Weg. Es war verrückt, aber hier war es immer so: Größtmögliche Einschränkung und absolute Freiheit lagen in Russland so dicht beieinander wie sonst nirgendwo. Wie pflegte Jan immer zu sagen: „Entweder du bekommst nichts oder musst viel zahlen oder du bekommst alles und zwar geschenkt. Ein Dazwischen gibt es in Russland nicht.“ Wahrscheinlich stimmte das. Allerdings begleitete uns diese Lebensweisheit vor über zwanzig Jahren auf unseren Reisen. Ich hatte geglaubt, dass sich in der Zwischenzeit doch einiges verändert hatte.

Nach dem Frühstück checkte ich aus, ließ aber mein Gepäck im Hotel. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, dass die Wohnung meine einzige Chance sei. Nadezhda sollte ruhig etwas im Ungewissen bleiben. Marina tat geschäftig gelangweilt wie immer und ich verabschiedete mich wie ein ganz normaler Hotelgast unverbindlich freundlich. Als ich aus dem Hotel heraustrat, sah ich sie sofort. Eine kleine drahtige Frau, bestimmt schon um die siebzig. Auch sie hatte so eine große Brille. Komisch, von fast allem hatten sie sich getrennt, nur die sowjetischen Brillen hatten offenbar überlebt. Nadezhda erkannte mich sofort und kam auf mich zu. „Guten Morgen Anna, was für ein Glück, dass wir uns treffen. Ich suche eine Mieterin und Sie eine Wohnung. Meine Nichte hat mir erzählt, dass Sie aus dem fernen Berlin gekommen sind. Was hat Sie denn hierher verschlagen, ans Ende des russischen Reiches?“ Sie fasste sich an den Hinterkopf und verzog das Gesicht. Offenbar litt sie an Migräne. „Naja, immerhin haben Sie Glück mit dem Wetter. Kommen Sie, wir nehmen den Bus. Zu Fuß ist es zu weit, das schaffe ich heute nicht, auch wenn die Sonne so herrlich scheint.“ Ich hatte noch keine Bustickets. Auch hatte ich nirgendwo einen Automaten oder ein Tickethäuschen gesehen. Nadezhda erklärte, dass man beim Fahrer bezahle, alles kein Problem. Sie plapperte ohne Unterlass und eilte im Stechschritt los, ich hatte fast Mühe hinterherzukommen.

„Das stimmt. Ich will hier etwas erforschen und ich möchte einer Person, die früher einmal hier gelebt hat, nachspüren. Vielleicht kennen Sie ihn? Es geht um Adolph Dattan.“ Nadezhda blieb stehen. „Gehört habe ich den Namen schon einmal, aber ich komme nicht darauf. War er Künstler?“

Wir liefen wieder weiter. „Nein, er war der letzte Geschäftsführer und Teilhaber von Kunst & Albers, dem großen Kaufhaus auf der Swetlanskaja.“

„Achja, richtig, das GUM. Eine wahre Augenweide, nicht wahr?“

Ich dachte an den zerstückelten Innenraum und an die vergammelte Hinterfassade, an die Birken, die auf den Balkonen gediehen. Nein, das Thema wollte ich jetzt nicht diskutieren und nickte deshalb nur.

Der Bus kam, wir fuhren ein paar Stationen. Bezahlt wurde beim Ausstieg. Egal wie viele Stationen man fuhr, der Preis war immer der gleiche, 17 Rubel. Wir liefen ein Stück. Ständig kamen uns Matrosen entgegen. Dann standen wir vor einem fünfgeschossigen Haus direkt am Meer. So, wie Marina es beschrieben hatte. Aber was war das denn? Genau vor das Haus hatte man ein Hochhaus hingesetzt, nur eine Straßenbreite dazwischen, obwohl nicht einmal 100 Meter bis zur Brandung blieben. Würde mir jemand so ein Monstrum vor die Nase setzen, müsste ich mich arg zusammenreißen, um friedliche Koexistenz zu praktizieren. Wir gingen in die dritte Etage. Irgendwie wirkte das Haus nicht wie ein normales Wohnhaus, sondern wie ein Wohnheim. Der Flur, von dem die Wohnungen abgingen, war fast hundert Meter lang. An der Decke flackerten Neonlampen, am Boden wellte sich ein hellbrauner PVC-Belag und an den Seiten bröckelte ein himmelblauer Ölsockel von den Wänden. Nadezhda schloss die Tür auf und da standen wir auch schon mitten im Zimmer. Vorn, direkt neben der Eingangstür war ein Tisch, auf dem eine Kochplatte stand, daneben ein Abtropfgitter für das Geschirr. Eine Küche gab es nicht. Der etwas überdimensionierte Kühlschrank – ein amerikanisch wirkendes Modell aus den Siebzigern – stand deshalb mitten im Zimmer. Die Einrichtung war spartanisch: ein Schlafsofa, ein Regal, ein Fernseher und ein Stuhl. An der Decke hing eine Neonleuchte, der Fußbodenbelag war der gleiche wie im Treppenhaus. Direkt gegenüber von der Kochecke, also rechts neben dem Eingang, befand sich das Bad. Ich schaute hinein und stellte sofort fest: Alles Marke Eigenbau, natürlich ohne Fenster, wo sollte das auch sein? Man hatte einfach eine Ecke vom Zimmer mit Spanplatten abgetrennt und Toilettenbecken, Duschtasse und Waschbecken darin installiert, ohne die Wände zu fliesen oder auch nur zu isolieren. Eine Duschkabine gab es nicht, von oben hing nur ringsherum ein lila geblümter Duschvorhang, der aussah, wie die Gummitischdecke von meiner Oma. Alles in allem waren es nicht mehr als 20 Quadratmeter. Nun ja. Luxus sah anders aus. Ich war nicht verwöhnt und konnte mit wenig auskommen, aber das hier war ganz schön wenig. Das Einzige, was diese Bruchbude zu bieten hatte und was für alles entschädigte, waren die drei großen Fenster. Der grandiose Blick aufs Meer, das einen Steinwurf entfernt vor sich hin plätscherte, hatte schon was. Wirklich toll. Ich überlegte. Vielleicht könnte ich eine Lampe kaufen, ein paar Kerzen aufstellen. Ich brauchte nicht viel, um mich wohlzufühlen. Trotzdem musste ich über den Preis verhandeln. Nadezhda schaute mich an, als ob sie mit mir den Spiegelsaal von Versailles präsentiert hätte. Ich erwartete nichts Gutes.

„Es ist nicht ganz so, wie ich mir meine zukünftige Bleibe vorgestellt hatte“, sagte ich etwas zögerlich, „aber vielleicht sagen Sie mir erst einmal, was Sie dafür haben wollen.“

Nadezhda setzte sich hin und schob ihre Brille nach oben. „Wissen Sie Anna, es ist äußerst schwierig, eine Wohnung zu finden, hier in Wladiwostok. Aus den umliegenden Dörfern und Kleinstädten wollen alle hierher und sie kommen in Scharen. Wenn sie in den Außenbezirken etwas finden, können sie schon froh sein. Aber hier sind sie direkt am Meer und trotzdem mitten in der Stadt. Es ist ruhig, kein Straßenlärm, der stört. Das gibt es so gut wie gar nicht auf dem Markt. Und …“

Nadezhda hielt den Atem an, um mit bedeutungsschwangerem Blick und tiefer Stimme fortzufahren. „Das kommt noch hinzu. Nicht zu unterschätzen. Das Haus befindet sich auf dem Campus der Meeres-Universität. Alles ist umzäunt und überwacht, hier gibt es keine Überfälle, keine Bettler, keine Störenfriede. So eine in jeder Hinsicht vorteilhafte Wohnung finden Sie woanders nicht noch einmal.“ Ich schaute mich um. Mein Blick glitt über die vergilbte, an einigen Stellen abgeschabte Blümchentapete in sepia, die vielleicht gerade noch zu Breschnews Zeiten modern war. An der Wand zum Bad entdeckte ich ein faustgroßes Bohrloch, durch das ein Kabel hing. Der durchfallbraune Bodenbelag warf Blasen und sah aus wie ein überdimensioniertes Pickelgesicht. An der Decke hing eine blanke Neonleuchte. Ich fragte mich, was nun kommen würde. Nadezhda wollte gerade ansetzen und genau in dem Moment rüttelte der Kühlschrank und sprang an. Ein Dröhnen durchzog das Zimmer. Nun fühlte ich mich auch noch wie in einer Motorenhalle. Das Ding würde als Erstes rausfliegen, dachte ich bei mir. Nadezhda musste nun deutlich lauter sprechen.

„Ich denke, wenn Sie mir 35 Eurochen die Nacht zahlen, wäre das ein gutes Geschäft für Sie. Ich mache das nur, weil Sie so interessiert an der Geschichte unserer Stadt sind. Von einem Fremden würde ich mehr nehmen.“

Ich überschlug das kurz. Pro Monat wären das über 1 000 Euro. Euro, nicht Eurochen. Es war absurd. Aber was sollte ich sagen, in Russland hatten alle, die im Immobiliengeschäft tätig waren, völlig übergeschnappte Vorstellungen. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass der Wohnungsmarkt der einzige Bereich war, in dem sich für Normalbürger überhaupt noch einigermaßen Geld verdienen ließ. Die Menschen vermieteten, anstatt zu arbeiten. Es gab Familien, die in einer Wohnung zusammengepfercht dahinvegetierten, nur um die andere Wohnung teuer zu vermieten.

„Nadezhda Walentinowna, es tut mir leid, aber das geht nicht. Entschuldigen Sie, dass ich Sie ganz umsonst bemüht habe und Sie Ihre Zeit mit mir verschwendet haben, aber es geht einfach nicht. Wissen Sie zu Hause bezahle ich das Gleiche, aber da habe ich eine Wohnung mit fünf Zimmern. Riesige Räume mit tollen Stuckdecken und wunderschönen Holzfußböden, eine Wohnung mit Küche und zwei Bädern, mit Wintergarten, Balkon und Garten. Und dazu in einem Villenviertel, eine echte Nobelgegend. Da kann ich für das, was ich hier sehe, nicht das Gleiche bezahlen. Es ist ja nicht einmal eine Wohnung, sondern nur ein Zimmer. Und schauen Sie sich doch einmal um, alles ist provisorisch und abgenutzt.“

Ich überlegte, was so ein Zimmer bei uns kosten würde. Das Problem war, dass so etwas überhaupt niemand anbieten würde. „Ich kann Ihnen 300 Euro im Monat geben. Das ist in etwa der Monatslohn einer Verkäuferin. Ich denke, dass das real ist.“

Nadezhda sah aus, als ob sie gerade von einer Tarantel gestochen worden war. „Nein, 500!“

„Wissen Sie, ich gebe Ihnen 350, aber das ist mein letztes Wort. Bei uns würde man so ein Zimmer überhaupt nicht vermieten. Man würde es erst einmal renovieren und auf Vordermann bringen, bevor man es anbietet. Ich nehme es nur wegen des Ausblicks. Wenn Sie nichts dagegen haben, könnte ich es streichen, dann würde es schon viel freundlicher aussehen. Vielleicht eine neue Decke fürs Sofa, eine gemütlichere Lampe. Ich könnte es etwas netter machen. Was meinen Sie dazu? Vielleicht hätten Sie ja auch noch einen kleineren Kühlschrank. Ich brauche so ein Riesengerät gar nicht.“

Nadezhdas Gesicht heiterte sich etwas auf. Sie überlegte, rechnete hin und her. Man sah es ihr an. „Gut, abgemacht. Sie zahlen mir 350 Euro und machen es hübscher. Und ich hole nächste Woche den Kühlschrank ab und bringe Ihnen einen Kleineren. Wissen Sie denn, wie lange Sie bleiben wollen?“

Das war ein wunder Punkt. Nach meinem gestrigen Tag im Archiv hatte ich das Gefühl, keinen Tag länger bleiben zu müssen. Aber wer weiß, was sich alles noch ergeben würde.

„Einen Monat auf jeden Fall, vielleicht auch zwei oder drei.“

Dann ließ sie sich meinen Pass geben, füllte allerhand Zettel aus und verschwand mit den Unterlagen. Unten am Treppenaufgang wurde kontrolliert. Hinter einem Fenster taten drei Damen in Kittelschürzen ihren Dienst, die Dezhurnajas. Neuankömmlinge und Fremde wurden sofort erkannt. Hatten Sie weder Passierschein noch Ausweis dabei, konnte es ungemütlich werden. Mancher Besuchswunsch endete an diesem Fenster. Damit es mir nicht auch so ging, wurden die Alten im Kontrollkabuff gut informiert. Nadezhda schrieb mir ihre Telefonnummer und Mailadresse auf und ich gab ihr die erste Rate. Der Schlüssel steckte innen. In Russland schloss fast jeder nach Betreten der Wohnung von innen ab. Manche hatten Stahltüren mit mehreren Schließbolzen. Ich hatte drei Bolzen. Nadezhda schärfte mir ein, das Schließreglement auch so zu handhaben. „Und wenn irgendetwas sein sollte Anna, dann gehen Sie bitte zu Wolodja. Er wohnt schräg gegenüber, in der 324. Er kann Ihnen helfen. Ansonsten sprechen Sie lieber niemanden an. Und grüßen Sie hier am besten auch keinen. Zu viel Freundlichkeit fällt nur auf. Bitte auch keine Gespräche auf dem Flur. Besser nicht. Und immer schön ans Abschließen denken.“ Dann war sie weg.

Da saß ich nun in meiner neuen Bleibe. Ich öffnete das Fenster und lehnte mich aufs Fensterbrett. Was für ein herrlicher Ausblick: am Horizont die Silhouette einer Insel, davor ein paar Segelboote, dazu das gleichmäßige Plätschern der Wellen und das Möwengeschrei. Fast einen Tick zu idyllisch. Trotzdem, so wollte ich immer schon wohnen. Ich brauchte mich ja nicht umzudrehen … Mir fiel ein, dass ich noch nach der Internetverbindung hatte fragen wollen. Blöd, dass ich das vergessen hatte. Egal, ich würde ihr noch vom Hotel aus eine Mail schicken. Ohnehin sollte ich mich auf den Weg machen, denn ich wollte auch noch einmal ins Archiv. Gestern hatte ich wegen der Akten so gedrängelt, da konnten die Mitarbeiter schnell pikiert sein, wenn ich mich schon am zweiten Tag nicht blicken ließe.

Erste Begegnungen im Block

Ich wollte gerade das Fenster schließen, als ich ein sanftes Klopfen an der Tür hörte. Erst dachte ich, dass die Geräusche vom Nachbarn kämen, aber dann wurde das Klopfen energischer. Und ich hörte eine Stimme.

„Olga, bist du es?“

Was sollte ich machen? Ich hatte gerade erst den Schlüssel bekommen, Nadezhda hatte mich indirekt vor den Nachbarn gewarnt und ich war nicht Olga. Aber was sollte mir eine Frau mit solch zarter Stimme schon antun? Leider hatte ich keinen Spion. Egal, ich schloss auf. Vor mir stand eine zierliche Frau um die dreißig. Sie sah blass und kränklich aus, fast ein bisschen abgemagert. Ihre krumme Haltung ließ sie älter wirken. Sie war in eine dicke Strickjacke gewickelt, die ihr eindeutig zu groß war. Darunter kam eine graue Jogging-Hose zum Vorschein. Die Haare trug sie kurz, einfach abgeschnitten, ohne erkennbare Frisur. Ihr Äußeres entsprach nicht dem Standard der sonst eher schicken und rausgeputzten Russinnen.

„Ach, Sie sind ja gar nicht Olga. Wie schade. Ich hatte die Sluchina unten gesehen und gehofft, dass sich alles wieder eingerenkt hätte.“

Eingerenkt? Die Sluchina? Marina hatte in ihrem Brief angedeutet, dass die Vormieterin lange hier gewohnt hatte und unerwartet ausgezogen war. Das Zimmer sah dementsprechend aus. Aber was hatte das „eingerenkt“ zu bedeuten? Vor mir stand eine verzweifelt wirkende Frau, der ich gerade eine Hoffnung genommen hatte. Bei meinem Anblick wurde sie gleich noch krummer.

„Entschuldigen Sie, ich möchte Sie nicht belästigen. Es ist nur so, dass wir gute Freundinnen sind. Plötzlich war Olga weg. Seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört. Ich mache mir einfach Sorgen. Und als die Sluchina, also ich meine Nadezhda Walentinowna, mir über den Weg lief, hatte ich gehofft, alles wäre wieder beim Alten. Aber entschuldigen Sie, ich habe mich ja nicht einmal vorgestellt. Ich heiße Tatjana, Tatjana Petrowna.“

Sie hielt mir ihre Hand hin und ich erwiderte den zarten, fast lapprigen Händedruck. ‚Die bräuchte mal ein richtiges Steak‘, war mein erster Gedanke …

„Und ich bin Anna. Ich habe die Wohnung hier gerade vor einer halben Stunde gemietet, da wusste ich nichts von einer Olga. Und Nadezhda Walentinowna hat auch nichts erwähnt. Nur ihre Nichte hatte angedeutet, dass die bisherige Mieterin Hals über Kopf ausgezogen ist. Was für Probleme gab es denn? Aber setzen Sie sich doch. Wir stehen hier an der Tür herum wie die Möbelpacker … Leider kann ich Ihnen nichts anbieten, nicht einmal einen Tee.“

Tatjana lachte. „Sie sind nicht von hier, stimmt’s? Bei uns sagt das keiner – „herumstehen wie die Möbelpacker“.

Bei uns auch nicht, dachte ich, aber mir fiel gerade nichts Besseres ein. „Ich bin aus Deutschland, aus Berlin. Zuerst habe ich im Hotel gewohnt, im Versal, aber das ist nichts für mich. Ich bin erst seit ein paar Tagen in Wladiwostok. Im Hotel habe ich Marina kennengelernt. Sie arbeitet an der Rezeption und hat mir das Zimmer hier vermittelt.“

„Im Versal?“

Tatjana musterte mich: Schuhe, Fingernägel, Frisur. Wahrscheinlich hätte ich das nicht sagen sollen. Eigentlich war das Hotel nichts Besonderes, aber sein Ruf aus alten Zeiten hing ihm noch an. Jeder, der Versal hörte, dachte Kempinski. Seine Gäste konnten nur reiche Schnösel sein.

„Es war ein Geschenk, eine sentimentale Geste eines älteren Herrn, der besondere Erinnerungen mit dem Haus verbindet. In seinem Auftrag bin ich auch hier.“

Nun hellte sich das Gesicht wieder auf, vielleicht auch, weil ihr taxierender Blick und die Analyse von Schuhwerk, Zwirn und Haarstyling keinen Anhaltspunkt für überbordenden Reichtum geliefert hatten.

„Das hört sich ja aufregend an. Vielleicht mögen Sie mit zu mir kommen. Dann koche ich uns einen Tee und Sie erzählen mir von Ihrer Mission. Ich habe ganz ausgezeichnete Pasteten. Die hat meine Mutter selbst gemacht und heute Morgen erst vorbeigebracht. Sie ist zu Besuch hier. Mögen Sie Pilze? Sie werden sie lieben!“

Ich dachte an das Archiv, an den Rucksack im Hotel, an Nadezhda – keine Gespräche auf dem Flur bitte … Alles sprach dagegen, diese spontane Einladung anzunehmen. Andererseits … Es war genau das, was ich an Russland so mochte.

„Gern, aber ich kann nicht lange bleiben, weil ich einiges zu erledigen habe. Mein Gepäck ist noch im Hotel.“

Zwei Stunden später saßen wir schon beim Cognac – die bürgerliche Alternative zum Wodka. Ich mochte keine harten Sachen, wollte aber nicht unhöflich sein. Früher wurde mir das oft zum Verhängnis. Heute war ich schlauer und nippte nur ab und zu mal am Glas. Tatjanas Wohnung lag gegenüber, nur zwei Türen weiter. Dass sie komplett anders wirkte, lag daran, weil sie zwei Wohnungen zusammengelegt hatte. Die Trennwand war bis zur Mitte herausgerissen, sodass man direkt in einen großen Raum trat, die Küche. Eigentlich ganz gemütlich, wenn es nur ein Fenster gäbe. Von der Küche kam man in ein Schlaf- und Wohnzimmer. Dort waren neue Wände eingezogen. Die zweite Wohnungstür war mit einem Regal zugestellt. Ein Bad konnte ich nicht entdecken. Man sah, dass viel Arbeit im Umbau steckte. Ich fragte mich, ob Tatjana das alles selbst bewerkstelligt hatte oder ob es einen Mann im Haus gab.

Bisher hatte Tatjana nur von Olga erzählt – wie sie ins Haus gekommen war, was sie beruflich machte und warum es Probleme gab. Für mich hörte sich das alles ein bisschen unheimlich an. Wäre Tatjana mir heute beim Frühstück begegnet und hätte ich erfahren, was hier alles passiert war, wäre ich wahrscheinlich nicht eingezogen. Jetzt war es zu spät. Ich tröstete mich damit, dass vielleicht nur die Hälfte ihrer Geschichten stimmte. Um nicht noch mehr zu erfahren, drängte ich zum Aufbruch. Die Arbeit im Archiv konnte ich abhaken, vielleicht würde ich noch kurz vorbeischauen, um wenigstens ein Findbuch durchzugehen. Aber sicher würde man den Cognac riechen. Nein, das konnte ich nicht riskieren. Trotzdem wollte ich los. Obwohl ich aufstand, legte mir Tatjana noch eine Pastete auf den Teller und redete einfach weiter.

„Jetzt habe ich Ihnen so viel von uns hier erzählt, Anna. Dabei habe ich ganz vergessen, Sie auszufragen, was Sie hierher verschlagen hat. Das holen wir nach, ganz bestimmt. Sie müssen unbedingt wieder zu mir kommen. Jetzt, wo Olga weg ist. Und bitte seien Sie nicht allzu besorgt. Hier wohnen ganz anständige Leute. Man muss sie nur zu nehmen wissen.“ Dann zeigte sie auf den Teller. „Und hier nehmen Sie die Pastete mit auf den Weg.“

‚Zu nehmen wissen‘ – ich kannte ihre Sprache nicht einmal richtig, wie sollte ich wissen, wie wer richtig zu nehmen war. Tatjana kam mir ganz recht. Sie könnte mich in die Hausregeln einweihen und mir erklären, wer welche Macke hatte. Wenn ich recht darüber nachdachte, fand ich es eigentlich ganz spannend. Ich war von meinem Heimatstern in ein mir fremdes Universum geknallt und bekam sogar eine Übersetzerin zur Seite gestellt. Alles würde sich fügen.

„Vielleicht haben Sie am Wochenende Zeit und kommen zu mir zum Tee, Tatjana Petrowna? Da habe ich ein paar Tage, um die Wohnung etwas auf Vordermann zu bringen. Wissen Sie, ich würde die Wände gern streichen. Es sieht alles so alt und abgenutzt aus. Vielleicht finde ich irgendwo auch einen Schrank oder ein Regal. Ich möchte es etwas netter machen, habe nur keine Ahnung, wo hier ein Baumarkt in der Nähe ist. Vielleicht ist es Quatsch, den Aufwand zu betreiben. Und Geld kostet es auch. Aber eigentlich ist es schnell gemacht. Nur ein Tag und danach ist es sicher schöner und ich fühle mich wohler.“

Tatjana sprang vom Stuhl auf und klatschte in die Hände, fast wie ein Kind.

„Ich liebe streichen, das erinnert mich an meine Kindheit, als wir selbst gebastelte Zeitungshüte trugen. Lassen Sie mich Ihnen helfen. Hier hat auch garantiert noch jemand die nötigen Utensilien. Das brauchen Sie nicht kaufen, völlig unnötig. Ich höre mich morgen mal um bei den Nachbarn. Und dann gehen wir mit Wolodja runter in den Keller. Wissen Sie, er ist so etwas wie ein Hausmeister, allerdings ein selbst ernannter. Früher wurde er von der Genossenschaft bezahlt, aber nachdem der Block privatisiert wurde, wollte man dafür kein Geld mehr ausgeben. Trotzdem kommen alle, wenn sie etwas zu reparieren haben oder was brauchen. Und er hilft, weil er es nicht anders kennt. Außerdem hat er Zeit, denn er ist Rentner. Dafür bekommt er von jedem etwas geschenkt: Kartoffeln von Irina, Fisch von Wadim und ich fülle ihm Formulare aus, wenn er Ärger mit den Ämtern hat.

Immer wenn jemand auszieht und Möbel dalässt, schaut Wolodja, was noch zu gebrauchen ist. Dann schafft er das Zeug in seine Schatzkammer – im wahrsten Sinne ein Labyrinth. Sie müssen sich das unbedingt ansehen. Ganz hinten ist das Herzstück, seine Werkstatt, wo er Sachen repariert oder ausbessert. Oft sitzt er aber nur da und hört Radio oder löst Kreuzworträtsel. Wolodja hat mir viel geholfen, als ich eingezogen bin, Sie werden ihn mögen. Lassen Sie uns morgen zu ihm gehen, ich stelle Sie ihm vor.“

Hier lief alles in Zeitraffer. Ich dachte daran, dass ich vor wenigen Stunden nicht einmal wusste, wo ich die Nacht verbringen sollte. Jetzt hatte ich eine Wohnung, eine nette Nachbarin, die offenbar der Schlüssel zu einem mir fremden Mikrokosmos war.

Besser hätte es nicht sein können. Wenn da nicht die Geschichte mit Olga gewesen wäre. „Gern. Aber morgen habe ich zu arbeiten. Ich kann erst am Nachmittag, so gegen fünf.“

„Sehr gut, klopfen Sie einfach bei mir, wenn Sie da sind. Rechts neben Wolodja. Ich bin zu Hause. Meist bin ich da, weil ich von zu Hause aus arbeite. Ich bin Übersetzerin.“

Auch darüber hatten wir kein Wort gesprochen. Nachdem ich mich verabschiedet hatte, ging ich noch einmal in mein neues Domizil. Ich setzte mich aufs Fensterbrett und staunte über den Ausblick. Ja, ich hatte mich richtig entschieden und ich hatte Glück, denn das Hochhaus vor „unserem“ Block lag links von mir. Ich konnte aufs Meer blicken, aber meine Nachbarn fünfzig Meter weiter links schauten auf den Zwanziggeschosser. Wer kam nur auf so eine Idee?

Dann fuhr ich zum Hotel. Im Bus dachte ich die ganze Zeit an Olga. Mir ging die Geschichte nicht aus dem Kopf. Eigentlich war es ja gar keine Geschichte, sondern nur Fragmente und Fetzen. Ich war mir nicht einmal sicher, ob das, was Tatjana mir erzählt hatte, überhaupt stimmte.

Marina saß immer noch an der Rezeption, offenbar im Dauerdienst rund um die Uhr. Kein Wunder, dass ihre Freundlichkeit irgendwann erschöpft war.

„Und, wie finden Sie die Wohnung? Ist es nicht ein Schmuckstückchen? Ein richtiges kleines Liebesnest, nicht wahr?“

Ich wunderte mich über ihre Offenherzigkeit, denn heute Morgen lautete die Anweisung noch strikt „im Hotel kein Wort!“.

„Man könnte sicherlich Einiges daraus machen, der Ausblick ist toll“, antwortete ich nicht allzu diplomatisch. Ich hatte keine Lust auf das ewige Süßholzraspeln, bei dem jeder wusste, dass der andere ihm etwas vorlog und trotzdem mitmachte. Mir ging Olga nicht aus dem Kopf, darüber wollte ich mehr erfahren.

„Wissen Sie, warum die Vormieterin ausgezogen ist? Kennen Sie sie vielleicht?“

Marina schaute etwas erschrocken auf. Gleichzeitig überspielte sie ihre Unruhe mit einer etwas zu schnell ausgesprochenen Floskel. „Heute die, morgen jene. Wenn ich mir das alles merken wollte, bräuchte ich einen Elefantenkopf.“

Ich wollte so schnell nicht aufgeben, denn heute Morgen hatte Marina erwähnt, dass Olga drei Jahre dort gewohnt hatte. Nichts Flüchtiges. „Olga, sie hieß Olga. Sie selbst haben mir doch in Ihrem Brief geschrieben, dass sie sehr lange dort gewohnt hat. Und jetzt wissen Sie plötzlich gar nichts von ihr?

Marina schaute nach unten. Das alles war ihr furchtbar unangenehm. Das Gespräch war damit beendet.

Eine Stunde später war ich wieder in meinem Block. Da ich nichts zu essen hatte, zog ich gleich wieder los. Kein zweites Mal wollte ich ohne Tee und Gebäck dastehen, wenn Tatjana käme. Gleich hinter unserem Haus gab es ein Lädchen, wo sich die Studenten mit Wodka, Zigaretten und den nötigsten Lebensmitteln eindeckten. Ich fand, was ich brauchte.

Mir gefiel der weitläufige Campus der Meeres-Universität, überall junge Leute – die Studenten mit ihren Freundinnen, grüppchenweise Matrosen, mal in blauer, mal in weißer Uniform. Mein erster Tag fern der Borneckerschen Obhut ging langsam zu Ende und ich fand, dass er gar nicht schlecht verlaufen war.

Regentin des Lesesaals

Die Lesesaalchefin schaute etwas desinteressiert von ihrem Buch auf. Offenbar hatte ich sie beim Lesen gestört.

„Ihren Passierschein bitte! Und“, sie zeigte auf eine aufgeschlagene Kladde an der Seite ihres Tisches, „tragen Sie sich ins Benutzerbuch ein.“ Sie verschwand in den Hinterraum, holte meine Akten und legte sie genau auf den Tisch, an dem ich vorgestern gesessen hatte. Dann ging sie wieder zu ihrem Platz und sagte fast lautlos: „So dringend scheint es ja doch nicht zu sein …“

Sollte ich darauf reagieren? War sie im Selbstgespräch? Wer wollte dabei schon ertappt werden? Natürlich war es kein Selbstgespräch, sondern ein Seitenhieb, weil ich gestern nicht da war. Ich musste was sagen, denn ich wollte nicht als faul oder unzuverlässig dastehen.

„Ich musste mich gestern um eine Unterkunft kümmern. Das hat sich hingezogen. Tut mir leid.“

Ljudmila saß mittlerweile wieder hinter ihrem Buch und schaute nur kurz auf. Ihr Blick galt jedoch nicht mir, sondern einem imaginären Punkt neben der Eingangstür. Diese gespielte Ignoranz … Ich wusste ganz genau, dass sie zu gern wüsste, was die Neue aus Deutschland zu berichten hatte. Aber auch ich konnte ignorant sein. Also setzte ich mich wortlos an meinen Tisch und begann zu blättern. Die Akten nahmen mich mit in eine andere Welt. Allein das steife Papier, die aufwendigen Briefbögen und die verschnörkelte, mit Federkiel zu Papier gebrachte Schrift, begeisterten mich. Man sah, dass dieser Art Korrespondenz eine hohe Wertschätzung entgegengebracht wurde. Trotzdem war es kompliziert, das alles zu entziffern. Ich war langsam, verstand fast nichts. Erst nach und nach fuchste ich mich ein. Und obwohl ich kaum etwas fand, das mich weiterbrachte, durchblätterte ich mit Vergnügen einen Folianten nach dem anderen. Notizen machte ich kaum welche. So saß ich bis zum Nachmittag da. Nur einmal ließ ich mir ein Findbuch geben, um neue Akten zu bestellen. Mir dämmerte, dass ich auf diese Weise das Tagebuch nie finden würde. Aber ich verstand mehr und mehr, worum es eigentlich ging. Adolph Dattan war jemand, der in der Bürgerschaft der Stadt einen zentralen Platz innehatte. Er war in unzähligen Gremien, engagierte sich für dieses und jenes, hatte Geld und Einfluss. Die dicken Bände verrieten, dass er angesehen war und die Geschicke der Stadt wesentlich mitbestimmte. Was er nicht alles gefördert hatte … Die Universität hätte es ohne sein Zutun sicher so nicht gegeben. Doch war er nicht nur geachtet, sondern auch beliebt. Die Menschen schätzten ihn – nicht nur seine Geschäftspartner, auch seine Mitarbeiter, ja sogar die Kunden.

Ljudmila schaute ab und an hinter ihrer Brille zu mir rüber, immer unauffällig, aber doch wachsam prüfend. Ich war ein Fremdkörper in diesem Lesesaal und sie wusste nicht, wie sie mit mir umgehen sollte. Eine Historikerin, die nichts aufschrieb, die nur blätterte, manchmal schmunzelte, zuweilen sogar lachte. Ja, einmal musste ich wirklich laut lachen. Dattan war zum Schweizer Honorarkonsul berufen worden und hatte zudem einen Verdienstorden erhalten. Nun befand er es als vordringliche Angelegenheit, die Gouvernementverwaltung über diesen Sachverhalt zu informieren, damit diese die Titel bei künftigen Einladungsschreiben bitte entsprechend verwenden möge.

Dass so jemandem von heute auf morgen fast alles genommen wurde, nicht nur der Besitz, sondern vor allem die Ehre, muss ein Schock gewesen sein. Einen kurzen Moment dachte ich an Olga. Auch sie hatte offenbar viel verloren, aber von ihr wusste ich noch viel weniger. Ich hing in Gedanken ihrer Geschichte nach, dann schaute ich wieder in die Akten. Nein, ich durfte mich nicht verzetteln. Nachher würde ich Tatjana sehen, vielleicht würde ich dann mehr erfahren.

Als ich meine Arbeit beendet hatte und die Akten zum Tisch brachte, kam ein kurzes: „Zurück?“. Ich wusste, dass das im Archiv ausgesprochene „Zurück?“ eigentlich ein: „ganz zurück, ins Depot?“ bedeutete. Keiner gab gern Akten „ganz zurück“. Man konnte nie wissen, ob nicht doch noch etwas nachgeschaut werden musste. Ich brauchte aber keine Nachschlagesicherheit und hatte deshalb zwei Stapel vorbereitet. Der Große links konnte ganz zurück, den Kleinen rechts wollte ich behalten.

„Ja.“

„Das alles hier soll zurück? Haben Sie das überhaupt sorgfältig gelesen? Sie hatten den Stapel gerade mal einen Tag. Ich bezweifle, dass Sie das hinreichend gründlich durchgearbeitet haben.“

Diese graue Maus ging mir schon jetzt auf den Geist. ‚Hinreichend gründlich …‘ Aber ich hatte das untrügliche Gefühl, dass es sie am meisten ärgern würde, wenn ich gar nicht erst darauf reagierte.

„Ich glaube schon“, sagte ich deshalb, lächelte sie an und nahm meinen Passierschein. Das heißt, ich wollte es, denn nun schlug die Regentin zurück.

„Erwähnten Sie nicht vorhin, dass Sie eine neue Adresse haben? Da müssen wir einen neuen Passierschein ausstellen.“ Oje, das konnte dauern …

Olgas Verschwinden

Um fünf klopfe ich wie verabredet bei Tatjana. Sie war zwar immer noch blass, wirkte aber nicht mehr ganz so niedergeschlagen wie gestern.

„Da sind Sie ja. Kommen Sie doch bitte herein, ich koche uns einen Tee. Ich habe Neuigkeiten. Stellen Sie sich nur vor, ich habe eine Postkarte von Olga bekommen. Genau heute, wenn das kein Zufall ist. Sie sind mein Glücksbringer! Olga hat geschrieben, dass es ihr gut geht und dass sie mir beizeiten alles erklären wird. Wo sie steckt, hat sie nicht erwähnt, aber schauen Sie mal auf den Stempel. Das ist doch etwas Asiatisches, oder? Entweder China, Japan oder Korea. Ist auch egal, Hauptsache sie lebt.“

Eigentlich wollten wir zu Wolodja runter, in seine Schatzkammer, und uns um die Streichutensilien kümmern. Stattdessen ging es gleich wieder nur um Olga. Leider.

„Wer war denn derjenige, der ihr so zugesetzt hat?“ Ich wollte das wissen, um hier nicht zufällig diesem Typen in die Arme zu laufen.

„Dimitrij. Dimitrij Ibraimowitsch. Er wohnt auf unserer Etage, ganz hinten in der 311.“

Ganz hinten … Ich wohnte in der 321. Wenn ich mir das genau besah, trennten uns nur vier oder fünf Wohnungen.

„Warum ist Olga nicht zur Polizei gegangen. Der Typ gehört doch hinter Gitter.“

Tatjana ließ die Schultern sinken und schaute nach unten. „Ja, da haben Sie recht. Aber bei uns, wer hört da schon auf das Klagen einer Frau? Auf der Wache hätten sie gesagt, wer seine Miete nicht allein zahlen kann, der muss sich eben das eine oder andere gefallen lassen. So sind die Männer. Wissen Sie, bei uns gibt es das Sprichwort ‚Wenn der Mann seine Frau schlägt, so liebt er sie.‘ Es ist nicht so selten, dass Frauen öfter mal eine übergezogen bekommen.“

Tatjana stockte.

„Aber das, was Dimitrij mit Olga angestellt hat, ist auch hier nicht normal, auch wenn wir Russen härter im Nehmen sind. Das Schlimme ist, dass es mitzubekommen war. Ich bin mir sicher, dass alle, die in dieser Etage wohnen, davon wussten. Auf den ersten Blick wirkte er schüchtern, fast zärtlich. Olga ist darauf reingefallen. Auch ich fand ihn toll. Am Anfang war es wie ein Rausch. Sie war wie im siebten Himmel. Endlich hatte sie jemanden gefunden, der sie vergötterte, der ihr zuhörte, der mit ihr lachte. Sie machten Pläne, wollten Kinder. Aber Dimitrij ist sehr eifersüchtig und – was anfangs keiner gesehen hatte – besitzergreifend. Es fing mit Kleinigkeiten an – ein Kinoabend mit ihren Freundinnen, der ihm nicht passte, ein Foto ihres ersten Freundes in ihrer Brieftasche, die Nachtschichten, die ihn störten. Olga erzählte mir davon und zog sich in ihre Wohnung zurück, die sie partout nicht aufgeben wollte. Später offenbarte sie mir, dass sie sich gar nicht zurückgezogen hatte, sondern von Dimitrij in seiner Wohnung festgehalten wurde. Wie ein Tier. Irgendwann wurde er gewalttätig. Zwar kam es nur alle paar Wochen zu einem Ausbruch, aber die Veilchen hätte ich nicht haben wollen. Olga kam zwei Mal mit geschwollenem Auge zu mir, ich hörte mir ihre Geschichten an und verarztete sie. Dimitrij sah ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Offenbar schien er allen aus dem Weg zu gehen, um sich nicht erklären zu müssen. Ich war es, die ihr riet, zu verschwinden, denn Dimitrij schien wie besessen. Olga hatte erzählt, dass er sie zum Schluss sogar ans Bett angebunden hatte.

Als sie dann tatsächlich verschwunden war, machte ich mir schreckliche Sorgen, auch weil Dimitrij plötzlich weg war. Vielleicht wusste er, wo sie steckte und war ihr gefolgt? Ich hatte das nicht sofort mitbekommen, weil ich Anfang August eine Woche bei meiner Tante in Chabarowsk war. Olga hatte mir dazu geraten. Ein paar Tage weg, das wäre doch mal etwas Besonderes. Ich hätte damals bemerken müssen, dass sie weg wollte. Sie hatte so ein sündhaft teures Kleid. Und bevor ich los bin zu meiner Tante, kam sie mit diesem Kleid rüber. Es war nicht irgendein Kleid, sondern eins von Prada. Olga hatte drei teure Kleider. Das war das schönste. ‚Hier Tanja, das ist für dich, mir ist es zu knapp geworden.‘ Das stimmte, sie hatte etwas zugelegt in den letzten Wochen, aber kein Grund, mir ihr bestes Stück zu schenken. Es war ihr Abschied, nur wusste ich nichts davon, ich verstand es erst viel später. Als ich wiederkam, merkte ich, dass irgendetwas nicht stimmte. Und dann kam diese SMS von ihr, sie sei weg. Ich bin sofort zu Dimitrij, aber auch er schien verschwunden zu sein. Ihn hatte ich ja ohnehin schon länger nicht gesehen. Ich habe das alles nicht verstanden. Er war kein Schlägertyp oder jemand, der zu tief in Glas guckt. Sonst hätte sich Olga nie darauf eingelassen. Sie hätte alle haben können. Wissen Sie, er hat hier an der Uni unterrichtet, war ein geachteter Forscher. Er hat Olga finanziell unterstützt, alles lief gut, aber irgendetwas hat ihn verrückt gemacht. Ich weiß nicht, was es war. Vielleicht, weil sie nicht schwanger wurde. Olga wollte zwar ein Kind, aber nicht jetzt, weil sie an einem wichtigen Projekt arbeitete, was sie erst abschließen wollte. Sie erzählte, dass er nicht locker ließ. Irgendwann war es kein Bitten und Drängen mehr, sondern Gewalt. Er hat es wieder und wieder versucht, aber Olga wurde einfach nicht schwanger. Ich riet ihr immer wieder, sich zu trennen, woanders hinzuziehen. Ich hatte ihr sogar angeboten mitzugehen, aber ich hatte keinen Erfolg. ‚Dimitrij ist mein Schicksal‘ hatte sie nur gesagt. Ich habe ihn seit Olgas Verschwinden auch nicht mehr gesehen.“

Es war schrecklich. Ich konnte ohnehin nie begreifen, wozu Männer fähig waren, aber dass nun ausgerechnet dort, wo ich wohnte, so ein Typ sein Unwesen hatte treiben müssen und keiner eingeschritten war, lähmte mich. Mir fiel auf, dass ich noch immer an die Tür gelehnt dastand. Ich hatte mich nicht einmal hingesetzt und trotzdem prasselte die volle Ladung auf mich ein. Das gestern schien nur das Präludium. Und schon das hatte mir gereicht.

„Wissen Sie, ob der Kerl einen Schlüssel von Olgas Wohnung hat?“ Mein Magen krampfte sich zusammen. Der Gedanke, dass er von unten Licht in meinem Zimmer sehen könnte, besessen nach oben eilte, um über die zurück geglaubte Olga herzufallen, behagte mir nicht gerade.

„Nein, machen Sie sich keine Sorgen. Die Schlösser hier sind sehr aufwendig, da kann man nicht so einfach einen Schlüssel nachmachen. Olga hatte nur den einen. Und den hat sie bei Wolodja unten versteckt, als sie verschwand. Und überhaupt. Es ist alles ganz friedlich, hier bei uns. Es tut mir so leid. Ich hätte Ihnen das alles gar nicht erzählen dürfen, es belastet Sie nur.“

Tatjana vergrub ihr Gesicht in den Händen und fing an zu weinen.

„Aber ich habe mir so große Vorwürfe gemacht, weil ich zugesehen habe. Ich hätte eingreifen müssen. Aber wie? Es war so schleichend, kaum zu bemerken. Außerdem hatte nur Olga mir das alles erzählt. Dimitrij grüßte mich weiter freundlich, schwatzte sorglos mit mir und den anderen Nachbarn. Kurz, er tat so, als ob nichts sei. Als die Veilchen hinzukamen, sah ich ihn nicht mehr. Aber was hätte ich auch sagen sollen? Es war eine schwierige Situation. Dimitrij war kein Schlägertyp. Wir wollten das nicht wahrhaben, wir alle wollten uns nicht getäuscht haben, nicht sehen, dass der großzügige Intellektuelle zum Tyrannen geworden war. Ja, so war das. Irgendwann war es zu spät. Aber hinterher ist man immer schlauer.“

Tatjana schnäuzte sich laut und rappelte sich auf.

„So, und jetzt ist Schluss mit dem Thema. Sonst denken Sie, dass wir Russen alle so sind. Ich habe uns bei Wolodja angekündigt, aber vorher erzählen Sie mir noch, was Sie hier machen. Das hatten wir das letzte Mal vergessen.“

Mir hatte es die Sprache verschlagen und ich musste mich kurz sammeln. Dann erzählte ich Tatjana vom Archiv, vom alten Bornecker und seinem Großvater und von dem Tagebuch, nach dem ich suchte. Sie saß wie gebannt vor mir, sagte kein Wort, sondern schenkte ab und zu Tee nach. Als ich mit meinem Monolog fertig war, brach es aus ihr heraus.

„Das hört sich ja an wie aus einem Abenteuerroman – diese Verschwörungsgeschichte, die Verbannung, dann die einzelnen Tagebuchteile. Wer sollte das denn auseinandergerissen haben? Da stimmt doch irgendetwas nicht. Wer weiß, was auf den fehlenden Seiten stand … Entweder etwas ganz Persönliches – vielleicht Briefe an eine heimliche Geliebte – oder ein Familiengeheimnis. Vielleicht auch etwas, das das Geschäft betraf, etwas, das nie in die Öffentlichkeit hätte gelangen dürfen. Eine Erfindung? Eine mysteriöse Krankheit? Spionage? Das ist ja wie in einem Krimi. Und das hier, hier in Wladiwostok, in unserer langweiligen Stadt.“

Ich dachte so vor mich hin, dass Geschichte fast immer wie ein Krimi war. Man musste nur eintauchen und schon taten sich ungeahnte Abgründe auf. Das tatsächlich Geschehene wirkte oft viel unglaubwürdiger und spektakulärer als das, was Romanautoren so zu Papier brachten. Würde die Realität sich nicht ständig durch ihre einfache Existenz selbst vergewissern, wir hielten sie für ausgedacht. Ich hatte aufgehört, mich darüber zu wundern. Stattdessen hatte ich mir angewöhnt, der Realität zu misstrauen und alles um mich herum als großen Roman zu betrachten. Man musste nur den Überblick behalten.

„Ja, mal sehen, was ich rausbekomme, in Ihrer langweiligen Stadt. Ich finde sie übrigens gar nicht so langweilig, muss mich nur etwas orientieren. Da prasselt gerade eine ganze Menge auf mich ein. Wollen wir gleich einmal zu Wolodja gehen? Wie heißt er denn richtig? Ich kann ja schlecht Wolodja zu ihm sagen.“

Tatjana winkte ab.

„Aber natürlich, alle sagen Wolodja. Ich kenne nicht einmal seinen Vatersnamen. Vielleicht Wladimir Sergejewitsch? Ich weiß es nicht. Aber bei der Gelegenheit – wollen wir nicht zum Du wechseln? Ich habe Ihnen, habe dir so viele private Dinge erzählt … da wäre es komisch, beim Sie zu bleiben.“

Wolodja

Tatjana zog ihre Strickjacke über und dann gingen wir in den Keller. Vielleicht war es eher Souterrain, denn es kam noch etwas Tageslicht in die Räume. Wir arbeiteten uns durchs Labyrinth. Ganz hinten hörte man leise Klaviermusik. Das war also die Schatzkammer. Wolodja saß im Trainingsanzug in einem Sessel und las in einer Illustrierten. Ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt, irgendwie geheimnisvoller. Als er uns hörte, sprang er aus dem Sessel und schloss Tatjana in seine Arme. Auch Wolodja sah blass aus, wahrscheinlich saß er den ganzen Tag in dem Kabuff hier unten. Mit dem Aufzug konnte er auch unmöglich auf die Straße, denn der Sportanzug sah aus, als ob er dreißig Jahre alt war, verschlissen und ausgebeult, auf jeden Fall ein altes sowjetisches Modell. Dazu trug er karierte Filzpantoffeln. Dass es so etwas noch gab … Er war ein typischer Rentner um die siebzig, eine gut konservierte Sowjetausgabe.

„Tanja – da ist ja meine Sonne. Na endlich. Fast zwei Wochen hast du dich nicht blicken lassen und den guten alten Wolodja allein hier sitzen lassen. Muss erst hoher Besuch aus Deutschland kommen, damit du dich an mich alten Zausel erinnerst?“

Tatjana schaute etwas betreten zur Seite. Da musste ich ihr wohl aus der Patsche helfen. „Ich bin doch kein hoher Besuch. Tatjana hat in höchsten Tönen von Ihnen geschwärmt. Ich bin Anna. Seit gestern wohne ich bei Ihnen schräg gegenüber.“

Tatjana stellte einen Teller mit drei Pasteten auf den Tisch.

„Jaja, schon gut, meine Tanja weiß ja, dass ich ihr ohnehin nichts übel nehmen kann.“ Dann trottete er los und sagte halblaut vor sich hin: „Und ihr braucht also Möbel. Na dann wollen wir mal sehen, was der gute alte Wolodja noch so auf Lager hat.“

Er schloss einen Raum auf und wir standen inmitten von Regalen, Tischen und Schränken. Hier hätte man eine Sozialgeschichte des sowjetischen Wohnens abfassen können. Wolodja meinte, dass wir uns ruhig Zeit lassen sollen. Auch wegen des Hochschleppens sollten wir uns keine Gedanken machen, er könne ein paar Studenten dafür in die Pflicht nehmen. Dann schlurfte er wieder zu seinem Sessel. Ich hatte ohnehin nur das eine Zimmer. Zu viele Dinge konnte ich nicht mitnehmen. Die Wahl war deshalb schnell getroffen. Ich entdeckte einen akzeptablen Couchtisch, eine kleine Kommode, ein Bücherregal, einen Nachttisch und einen schmalen Kleiderschrank. Alles stammte aus den 1970ern, hässliche Furniermöbel, die ich mir zu Hause nie hinstellen würde. Ich hatte vor, sie anzustreichen. Irgendein warmer Farbton. Das würde passen. Dann riefen wir Wolodja und ich zeigte ihm meine Ausbeute.

„Wenn ich diese Dinge hier haben dürfte … Ich will nicht ausverschämt sein, aber wenn Sie vielleicht noch einen Teppich hätten, wäre das großartig. Der PVC-Belag in meinem Zimmer hat schon bessere Zeiten gesehen.“

Wolodja nickte und setzte seine Tour fort. „Kommen Sie mit, junge Dame. Hier hinten finden Sie alles aus Stoff. Ich habe hier einen kleinen Raum, der komplett trocken ist. So schimmelt nichts. Kommen Sie, schauen Sie mal: Gardinen, Decken, Kissen und auch Teppiche.

Und dort hinten“, er zeigte auf einen Nachbarraum, „finden Sie allen restlichen Kleinkram: Dinge für die Küche, Töpfe, Geschirr, Kleiderhaken, Spiegel, alles, was man braucht und nie hat.“ Wolodja lachte selbst über seine Sammelwut.

„Ja, es ist kaum zu glauben, was sich über die Jahre ansammelt, dabei holen sich die Studenten schon mal ab und an was bei mir. Aber schauen Sie – das alles hätten die Leute weggeschmissen. Das ist also die neue Zeit. Die Leute wissen einfach nichts mehr zu schätzen. Ihre Eltern haben ein ganzes Leben für solch eine Schrankwand gespart, aber auf einmal kann alles weg, weil es nicht mehr modern ist.“

Wenn ich ehrlich war, fand ich dieses Sammelsurium abgestoßener Möbel auch nicht sonderlich attraktiv. Aber auch ich tat mich schwer, Dinge, die noch funktionierten, wegzuschmeißen. Ich fand es rührend, dass sich jemand darum kümmerte und denen half, die nichts hatten. Immerhin war es besser als nichts. Für mich war es ideal. Was sollte ich mir für die kurze Zeit Möbel anschaffen?

„Ich finde es wirklich toll, dass Sie sich darum kümmern, Wolodja. So jemanden bräuchte man in jedem Haus. Wie kann ich mich erkenntlich zeigen? Was wollen Sie dafür denn haben?“

Wolodja lächelte und trottete wieder zu seinem Sessel zurück. Er setzte sich und zögerte einen Moment. „Wissen Sie, ich brauche kein Geld. Auch wenn ich nicht viel habe, komme ich damit gut aus. Aber ich bin alt und viel allein. Gescheit kochen kann ich auch nicht.“

Dann stockte er. Offenbar war es ihm peinlich, etwas zu erbitten. Tatjana durchbrach die Stille.

„Nun sag schon. Genier dich nicht. Wir alle wissen, dass du ein Leckermaul bist.“

Wolodja schüttelte den Kopf und hob mahnend seine Hand.

„Nun aber halblang. Naja, wahrscheinlich hast du nicht ganz Unrecht. Also … Ich war mal in der DDR, habe dort auf der Werft gearbeitet. Und ich kann mich daran erinnern, dass es in der Kantine immer Suppe gab. Aber die war viel dicker als bei uns, so richtig nahrhaft und mit viel Fleisch drin. Die Deutschen aßen das als Hauptgericht.

Ich habe in Erinnerung, dass sie nicht Suppe dazu sagten, sondern ,In einem Topf‘. Das hat mir damals sehr gut geschmeckt. Wenn Sie das auch können, dann laden Sie mich doch einmal zu ,In einem Topf‘ ein. Geld brauche ich nicht.“

Ich musste lachen. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich in Russland mit einem Eintopf würde punkten können, aber eigentlich gefiel mir der Vorschlag. Ich kochte für mein Leben gern und so könnte ich ihnen etwas von meiner Kultur zeigen, auch wenn Eintöpfe nicht unbedingt zu meinen Lieblingsgerichten gehörten und ich davon eigentlich nichts verstand.

„Das finde ich eine sehr gute Idee. Morgen ist Sonnabend, da würde ich gern die Wohnung auf Vordermann bringen – die Wände streichen und alles putzen. Danach würde ich mir die Möbel vornehmen. Wenn Sie nichts dagegen hätten, würde ich sie anmalen. Was halten Sie von Sonntag oder Montag? Sie und Tatjana bei mir, zum Eintopf? Ich muss Sie aber warnen. Es wird nach Farbe stinken und es gibt keinen Esstisch, nur den hier.“ Ich zeigte auf den Couchtisch. Ehrlich gesagt, wusste ich nicht einmal, ob es ausreichend Teller und einen großen Topf gab. Ich müsste sicher noch einmal in den Raum mit den Küchen-Utensilien.

„Wenn Sie Werkzeuge brauchen oder einen Pinsel, dann kommen Sie wieder. Das habe ich auch alles hier. Sie wissen ja nicht, was die Leute alles wegschmeißen. Einmal benutzt, dann weg damit. So etwas hätte es früher nicht gegeben.“

Wolodja war Gold wert. Wir schleppten zwei Kisten mit Kleinkram nach oben. Den Rest würden mir zwei Studenten vor die Tür stellen. Tatjana erklärte mir, wo der nächste Baumarkt war und ich machte mich noch schnell auf den Weg, damit es morgen früh gleich losgehen konnte. Wer hätte gedacht, dass alles so einfach sein würde. Ich musste unbedingt Martin davon schreiben. Bornecker sollte ich auch endlich mal informieren. Er platzte sicher vor Neugier. Vielleicht hätte ich am Sonntag Muße. Bisher hatte ich mich nur kurz gemeldet, denn hier überschlug sich alles.

Der Baumarkt war ein besserer Haushaltswarenladen, dafür aber nur zwei Busstationen entfernt. „1 000 kleine Dinge“. Früher hatte ich diese Läden geliebt, weil es dort so viel Kleinkram gab. Man fand all das, was man auch in den nächsten zehn Jahren nicht gebrauchen konnte, kaufte es aber trotzdem. Ich hatte Glück, dass es überhaupt weiße Wandfarbe gab, denn eigentlich tapezierten Russen ihre Wände. Kaum einer strich einfach nur. Aber wahrscheinlich hatte sich auch das geändert. Jetzt brauchte ich nur noch Farbe für die Möbel. Auch da war die Auswahl beschränkt. Ich entschied mich für ein mattes Weinrot, denn bei Wolodja hatte ich eine hellbraune Decke fürs Sofa, einen dunkelbraunen Teppich und Vorhänge in beige mitgenommen. Das würde passen. Ich war froh über meine plötzliche Entschlossenheit. Das war sonst nicht meine Stärke.

Als ich mit meinem schweren Farbeimer endlich zu Hause ankam, war es bereits dunkel. Vor der Tür stand schon der Hausrat. Ich bugsierte den Eimer daran vorbei, machte das Licht an und plötzlich sah ich sie. Oh, nein, das hatte ich komplett vergessen. Kakerlaken. Ich erlegte die zwei aufgescheuchten Tiere, erst dann schloss ich die Tür hinter mir. Dann schaute ich an die Decke. Ich würde Wolodja nach einer Lampe fragen müssen. Dieses Neon-Monstrum war ja grauenhaft. Auch der Kühlschrank musste weg. Das Brummen ging mir schon jetzt auf den Geist.

Tom Sawyer streicht ein Zimmer

Pünktlich um zehn klopfte es an meiner Tür. Tatjana stand in Malerkutte und mit Papierhut auf dem Kopf vor mir. Und sie hielt zwei Rollen, einen Eimer und zwei Stangen in der Hand.

„Hier, das habe ich gerade von Wolodja geholt. Wenn wir noch etwas brauchen, sollen wir einfach runterkommen. Er lebt richtig auf, endlich hat er mal jemanden, dem er von vorn bis hinten helfen kann. Einmal Rundum-Versorgung. Wie war die erste Nacht? Hast du gut geschlafen?“

Ich glaubte fest daran, dass das, was man in der ersten und letzten Nacht an einem fremden Ort träumte, in Erfüllung ging. Es war ein blöder Aberglaube, aber ich glaubte daran. Ich hatte davon geträumt, dass ich als Ärztin unterwegs war, zumindest trug ich einen Arztkittel. An andere Personen konnte ich mich nicht erinnern.

„Ja, alles bestens. Ich muss gleich noch einmal runter, weil ich einen Schraubenzieher brauche. Die Lampe muss weg.“

Tatjana schaute besorgt, fast panikhaft.

„Aber du bist doch keine Elektrikerin, oder? Das solltest du sein lassen. Unbedingt.“

Auch das hatte ich vergessen. Russen hatten instinktiv Angst vor Strom. Ich grinste vor mich hin, weil ich an Lenins Maxime Sowjetmacht + Elektrifizierung = Kommunismus denken musste. Vielleicht hatte es deshalb nicht mit dem Kommunismus geklappt. Oder aber die Verweigerung einfachster Elektroarbeiten war die späte Rache für das Kommunismusexperiment.

„Wenn du magst, kannst du ja schon anfangen, die Sachen abzudecken, dann gehe ich mal runter zu Wolodja.“

Ich zeigte Tatjana, wo alles lag und verschwand in Richtung Labyrinth. Wolodja saß wieder in seinem Sessel, diesmal liefen Schlager. „Guten Morgen, Wolodja. Tut mir leid, dass ich direkt schon wieder da bin und Ihren Rat benötige, aber ich bräuchte mal einen Schraubenzieher. Ich will, bevor wir anfangen zu streichen, die hässliche Neonleuchte abschrauben.“

Wolodja war entsetzt. Noch entsetzter als Tatjana. „Nein, das geht auf gar keinen Fall. Sie als Frau können das sowieso nicht.“

Was war das denn?

„Außerdem ist die Elektrik in diesem Haus unberechenbar. Ich habe hier jahrelang als Hausmeister gearbeitet. Da kenne ich jede Wohnung. Was glauben Sie denn, warum alle diese hässlichen Lampen haben?“

Das musste ich mir nicht anhören. Zu Hause brachte ich alles allein an, hatte sogar Lampen selbst gebaut und dabei einiges an Kabeln verlegt und an der Wand verschraubt. Phase und Erdung, ich kannte mich aus.

„Dann werde ich wohl die Erste sein, die daran etwas ändert. Vielleicht haben Sie ja sogar noch eine überschüssige Lampe für mich?“ Damit hatte er nicht gerechnet. Ich erwartete irgendein biestiges Widerwort, aber stattdessen stand er auf und machte sich mit mir in Richtung Schatzkammer auf.

„Dann komme ich aber mit nach oben. Das kann ich nicht verantworten. Glauben Sie mir. Die Lampen, die hier liegen, haben die Nachbarn abgegeben, weil sie nicht wussten, wohin damit. Keiner konnte sie montieren. Manche sind noch in Originalverpackung, sie wurden nie benutzt.“

Ich sah mir alles an. Eine Lampe war kitschiger als die andere. Dann entdeckte ich eine Glaskugel. Sie erinnerte mich an das Lichtermeer im Palast der Republik, Erichs Lampenladen … Das wäre doch gar nicht so ganz übel, dachte ich bei mir.

„Die dahinten, die würde ich gern nehmen.“

Wolodja packte alles zusammen, nahm seinen Werkzeugkoffer und kam mit nach oben. Die Lampe hatte ich mir unter den Arm geklemmt. Ich kam mir vor wie bei „Tom Sawyer streicht einen Zaun“. Nur hatte ich meine Helfer nicht einmal bestechen müssen.

Das Abbauen ging leichter als gedacht. Ich hatte natürlich Wolodja machen lassen. Mein Einsatz beschränkte sich auf das Halten der Leiter. Tatjana hatte schon in einer Ecke angefangen zu malern. Ab und an war ein Meckern zu hören, weil die Farbe nicht richtig auf der Tapete hielt. Eigentlich hätten wir das einweichen und abspachteln müssen, aber dazu hatte keiner Lust, auch deshalb, weil niemand wusste, was unter der Tapete lauerte. Es war ein lustiges Arbeiten. Drei Leute in einem kleinen Zimmer, in der Mitte das Schlafsofa, auf der Leiter Wolodja. Tür und Fenster standen offen, damit der Farbgeruch schnell verflog. Nadezhda hätte verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen – die offene Tür, die Möbel auf dem Flur, die Nachbarn hier bei mir. Unauffällig sah anders aus. Ständig kam jemand vorbei, der über den Flur schlurfte und dabei verstohlen neugierig unser Treiben musterte. Mich wunderte das rege Begängnis und ich fragte mich, warum die Leute im Morgenmantel unterwegs waren, ein Handtuch über die Schulter geworfen hatten oder eine Zeitung und Klopapierrolle unterm Arm trugen. In Latschen trotteten sie an uns vorbei. Auch eine Frau, die einen großen Suppentopf vor sich hertrug, hatte ich gesehen.

„Was machen die da, Tatjana? Warum kommen hier so viele Leute lang? Der Treppenaufgang ist doch auf der anderen Seite.“

Tatjana drehte sich verwundert um und schaute zur Tür, um zu sehen, wen ich meinte. „Ach die … Na die gehen duschen oder auf die Toilette. Manche kochen auch.“

„Wie, kochen und auf die Toilette? Haben die in ihrer Wohnung etwa keine Küche und kein eigenes WC?“

Schon bei der Frage kam ich mir doof vor, denn das selbst gebastelte Bad war das Erste, was mir negativ in der Wohnung aufgefallen war. „Der Block war mal ein Wohnheim. Früher wohnten zwei oder vier Studenten in so einem Zimmer. Toiletten, Duschen und Gemeinschaftsküche befanden sich am Ende des Korridors. Als 1990 alles privatisiert wurde, blieben viele Bewohner einfach und kauften ihre Zimmer. Manche rüsteten um, so wie die Sluchina, aber das ging nicht überall, weil die nötigen Leitungen fehlen. Bei uns drüben ging es nicht. Und so habe ich zwar eine große Küche und zwei Zimmer, aber nicht einmal ein Bad.“

Plötzlich klopfte jemand am Türrahmen.

„Hab doch gehört, dass sich neben mir was tut. Was um Himmels willen macht ihr denn bloß? Was ist mit Olga? Ist mein Häschen etwa nicht mehr da? Durchgebrannt mit dem Lackaffen von dahinten, oder was?“, fragte ein ungekämmter, stämmiger Typ in Jogginghose, der aussah, als ob er gestern ein paar Biere zu viel hatte.

„Guten Morgen Sergej“, sagte Tatjana betont freundlich. Dann beugte sie sich zu mir und zeigte mit der Rolle in der Hand auf den Typen. „Darf ich vorstellen? Das ist dein rechter Nachbar, er arbeitet auf Montage und ist nur alle paar Wochen hier. Und da wird gefeiert.“ Dann wandte sie sich wieder ihm zu.

„Olga ist ausgezogen. Du hast jetzt eine neue Nachbarin. Das ist Anna aus Berlin, sie erforscht die Geschichte unserer Stadt. Also reiß dich zusammen, wenn deine Kumpels da sind oder du von deinen Sauf-Touren nach Hause gewankt kommst.“

Wir hatten erst eine Stunde gestrichen, aber waren so gut wie fertig. Wolodja hatte die neue Lampe ohne Probleme angeschlossen und das Zimmer strahlte in weißem Glanz. Ich war zufrieden. Sergej hatte es sich derweil auf dem abgedeckten Sofa mit einem Bier gemütlich gemacht und sah uns zu.

„Wenn ich auch etwas helfen kann, dann gebt Bescheid Mädels.“

Wir waren fertig. Das Putzen wollte ich Sergej nicht zumuten. Aber dann dachte ich an den Kühlschrank. Nadezhda könnte ihn auch gut aus Wolodjas Zwischenlager abholen. Was weg war, war weg. Aber weder den alten Wolodja noch die zierliche Tatjana hätte ich darum bitten können, dieses Monstrum drei Etagen nach unten zu hieven.

„Ich hätte vielleicht etwas, aber sicher ist das viel zu schwer für Sie. Das kann ich Ihnen eigentlich nicht zumuten. Nein …“ Ich schüttelte den Kopf und verstummte. Ich wollte ihn locken. Für einen russischen Mann war nichts zu schwer, wenn eine Frau auch nur in Erwägung zog, dass dies so sein könnte.

„Ach was! Wo brennt die Luft? Was soll ich machen?“

Ich zeigte auf den Kühlschrank. „Der müsste runter zu Wolodja. Mir ist er zu groß. Die Sluchina will ihn abholen und mir einen kleinen dafür bringen.“

Sergejs Augen blitzten auf und plötzlich nahm er eine straffe Haltung an. „Was? Das Schmuckstück soll weg?“ Er kratzte sich am Hinterkopf. „Wir können auch tauschen, wenn Sie nichts dagegen haben. Sie bekommen meinen kleinen und ich nehme den hier. Da geht wenigstens ordentlich was rein und richtig kalt ist der auch. Noch einer von der alten Sorte.“

Mir war das nur recht und sicher wäre die Sluchina auch froh, wenn sie nicht noch einmal herkommen müsste.

„Von mir aus gern. Abgemacht. Ist aber nur geliehen, wenn die Sluchina ihn wiederhaben will, dann muss er zurück.“

Dann machten wir die Gerätschaften sauber und meine Helfer verabschiedeten sich. Wir hatten die Möbel reingeholt und nun saß ich wie ein Fremdkörper auf dem Sofa, sah auf die schicken weißen Wände und die ollen Möbel. Ich holte die Dose raus und legte los. Es würde übel stinken. Wer weiß, ob ich bei dem Gestank schlafen könnte, aber ich wollte es hinter mich bringen, außerdem beflügelten mich die Wände. Nadezhda würde das Kabuff von gestern nicht wiedererkennen. Nach gut einer Stunde war ich auch mit den Möbeln fertig. Kaum zu glauben, was aus den hässlichen Furnierteilen geworden war. Ich war im Streichfieber. Von der weißen Farbe war noch reichlich übrig. Also beschloss ich, mir auch das Bad vorzunehmen. Das war leichter gedacht als getan, denn überall hingen irgendwelche Leitungen oder Kabel. Die Decke vom Bad ging noch halbwegs, aber dann kam der hässliche Duschvorhang, der an der Wand festgemacht war. Wenn ich hier an der falschen Stelle zog, konnte alles einkrachen. Deshalb schaute ich mir die Duschtasse und deren Verankerung im Fußboden etwas genauer an. Ich lag auf dem Boden und zog an dem Kram, der unter der Dusche lag. Eine Schüssel, eine Bürste, mehrere Scheuerlappen und Putzzeug kamen mir entgegen. Puuh. Ich dachte an die Kakerlaken, vielleicht hatten sie genau hier ihr Zuhause. Plötzlich spürte ich einen Widerstand. Irgendetwas hing dort. An der Unterseite der Duschtasse klebte ein Päckchen, irgendetwas in einer Plastiktüte. Ich zog es ab, öffnete es und hatte ein kleines Büchlein in der Hand. Leider konnte ich nichts damit anfangen. Es waren Listen, alle etwas durcheinander, ohne erkennbare Ordnung. Obwohl jeder Eintrag fast die gleichen Informationen enthielt, konnte ich kein sich mir erschließendes System erkennen. Mal begannen die Einträge mit dem Datum, dann folgte manchmal ein Ort, ein andermal begann der Eintrag mit ein paar Buchstaben und Ziffern. Das Einzige, worin sich jeder Eintrag glich, waren die letzten beiden Spalten. Hier waren hinter jedem Eintrag zwei Geldbeträge aufgelistet. Der Betrag in der linken Spalte war immer höher. Bei genauem Hinsehen fast immer um ein Drittel. Mal waren die Beträge in Yen, dann in Dollar oder Rubel ausgewiesen. Ich wusste nicht, was das zu bedeuten hatte, aber allein der Umstand, dass das Büchlein hier an dieser Stelle versteckt war, ließ mich misstrauisch werden. Es war eine Frauenhandschrift. Der letzte Eintrag war vom 1. August, also etwa vier Wochen alt. Das musste von Olga sein. Sie musste das unmittelbar vor ihrem Verschwinden vermerkt haben. Ich packte das Päckchen in mein Nachtschränkchen und beschloss, Tatjana nichts davon zu erzählen.

Wo war ich hier nur wieder hingeraten?

Ich strich schnell noch die Bereiche, an die ich problemlos rankam. Einfach weitermachen, dachte ich, bloß nicht zu viel nachdenken. Dann packte ich die Folie zusammen und wischte den Boden so gut es ging. Ich wollte raus. Mir fiel auf, dass ich noch nicht einmal unten am Meer gewesen war. Stattdessen hatte Tatjana meinen Tag gestern und heute komplett verplant und mir kaum eine freie Minute gelassen. Meine neuen Bekannten waren zwar nett, aber irgendwie war mir das fast schon zu viel. Zu Hause war ich meist für mich allein. Martin arbeitete immer lange und Paul machte sein eigenes Ding. Meine Nachbarn zogen mich deshalb manchmal auf. Sah so eine richtige Familie aus? Wahrscheinlich nicht.

Kreuzzug in Schlappen

Die nächsten Tage vergingen im Gleichfluss, tagsüber war ich im Archiv, danach hatte ich es mir zur Angewohnheit gemacht, bei Wolodja und Tanja vorbeizuschauen. Seit meiner Umgestaltungsaktion erlebte Wolodja wieder Zulauf. Tatjana hatte Fotos von meinem Zimmer gemacht und ihm ausgedruckt. Wolodja präsentierte sie wie die letzte Nummer der „Schöner Wohnen“. Die Nachbarn waren neugierig und wollten sehen, wie es in der 321 aussah und wie „die Neue“ die sperrigen Sowjetmöbel zu neuem Leben erweckt hatte. Dabei kam der eine oder andere auf eigene Ideen und Wolodja war wieder ein gefragter Mann. Das tat ihm gut und er lebte richtig auf in seiner neuen, alten Rolle. Auch ich war nicht ganz unbeteiligt daran. Den klobigen Tisch aus der Kochecke hatte ich noch rausgeworfen und stattdessen eine schmale Tischplatte an der Wand befestigt und mit einer ebenso breiten Platte nach unten hin abgestützt. Es sah aus wie ein schmaler Tresen, an dem zwei zierliche Stühle standen, fast wie in einem Bistro. Da drüber hing ein Bord. Oben drauf die Teller, Schüsseln und Töpfe, unten hingen an Schraubhaken die Tassen. Ein Klemmspot sorgte für genug Licht auf dem Tisch. Die Kochplatte stand nun auf dem Kühlschrank von Sergej. Auch dafür hatte ich eine Arbeitsplatte zurechtgesägt und sie auf ein schmales Regal rechts neben dem Kühlschrank geschraubt. Darin hatte ich meine Lebensmittel untergebracht. Alles war minimalistisch geplant, aber gerade das Einfache machte es besonders. Und der kleine Raum war nun perfekt ausgenutzt. Es war unglaublich, was man aus den alten Möbeln noch herausholen konnte. Die ganze Renovierung hatte mich keine hundert Euro gekostet. Anfangs hatte Wolodja gemurrt, weil ich für meine Küchenkonstruktion einen großen Kleiderschrank hatte zerlegen müssen. Aber als er das Ergebnis sah, strahlte er. Ich hatte alles neu gestrichen und neben dem Weinrot kam auch noch ein dezentes Beige hinzu. Und dann war da noch dieses große Bild, das über mein Sofa kam. Eigentlich war es eine der drei Schranktüren, die wir als Abstreichfläche für die Pinsel genutzt hatten. Als wir aufräumten, hielt ich kurz inne. Ich schaute auf die Tafel und fand, dass uns, ohne es geplant zu haben, ein richtiges Kunstwerk gelungen war: die Farben und Formen, dazwischen festgeklebte Zeitungsschnipsel und Lappenreste. Also kam es an die Wand. Mein Zimmer wirkte in seiner asketischen Klarheit und mit der Fensterfront zum Meer tatsächlich wie aus einem Katalog für modernes Wohndesign. Es war mir selbst fast schon ein bisschen peinlich.

Irgendwann hatte ich eine pikierte Mail von der Sluchina im Postfach. Sie schrieb, dass sie gehört habe, dass meine Aktivitäten im ganzen Block die Runde machten. Sogar Fotos würden kursieren. So habe sie sich das nicht vorgestellt, als sie mir das Okay zur Verschönerung gegeben hatte. Sie hatte erwartet, das Zimmer an eine zurückgezogene Forscherin zu vermieten.

Oje, auch das noch. Ich machte drei Fotos und schickte sie ihr. Dann fragte ich, ob sie etwas von Olga gehört hätte. Die Antwort folgte auf dem Fuße und fiel milder aus als erwartet. Sie wusste nichts von Olga. Vom Zimmer war sie geradezu entzückt.

„Anna, Sie sind eine Künstlerin. Es sieht aus wie ein Atelier – so hell, so modern und dabei so elegant. Mit einer ganz eigenen, individuellen Note. Einfach toll!“ Die Mail schloss mit dem Hinweis, dass, wenn sie das künftig vermieten würde, sicher mehr drin sei … Mir fiel ein, dass ich keinen Mietvertrag hatte. Im Prinzip konnte sie mich nach dem bezahlten Monat von heute auf morgen raussetzen. Es war vollkommen bescheuert gewesen, ihr die Bilder zu schicken, aber ich war so stolz auf unser Gemeinschaftswerk aus den Kellerresten, dass ich nicht an mich hatte halten können. Auch Martin und Bornecker hatten sich die Bildserien anschauen müssen. Ich ärgerte mich über meine Naivität und antwortete kurz, dass ich mir vorbehalten würde, das dann abzubauen.

Der Block … Vielleicht hätte Nadezhda eher schreiben sollen: der Flur … Mittlerweile kannte ich fast alle Nachbarn auf dem Flur links der Treppe. Russische Hausflure hatten etwas Gespenstisches: Es gab keine Namensschilder – weder an den Türen noch an den Briefkästen. Überall nur Nummern. Die Bewohner hasteten mit leicht gesenktem Haupt und seitlichem Tunnelblick aneinander vorbei, ohne sich wahrzunehmen oder gar zu grüßen. An der Wohnungstür angekommen, galt es, die Tür blitzschnell aufzuschließen. Dies erfolgte, ohne sich umzudrehen, aber mit leicht geneigtem Kopf, sodass etwaige Verfolger oder Rumlungerer aus dem Augenwinkel erspäht werden konnten. In der Wohnung angekommen, wurde sofort von innen verriegelt, als galt es, die Kronjuwelen vor herannahenden Räubern zu schützen. Viele Türen waren mit einem Schließmechanismus ausgestattet, der an mittelalterliche Trutzburgen erinnerte und den Vergleich mit Alcatraz nicht hätte scheuen müssen. Der Vorgang des Eintretens verlief in Sekundenschnelle und spätestens nach einer Woche hatte der Neuankömmling sowohl Spähhaltung als auch Schließverhalten verinnerlicht. Ich hasste diese Hyperwachsamkeit, dieses paranoide Kontrollverhalten, weil es dem offenen und gastfreundlichen Wesen der Russen komplett widersprach und kaum einer etwas in seiner Wohnung aufbewahrte, das dieses Maß an Wachsamkeit gerechtfertigt hätte.

Russische Hausflure stanken fast immer, entweder nach dem Müllschlucker, nach Katzenpisse oder sonst welchen Exkrementen. Sie sahen heruntergekommen aus, die Farbe blätterte von den Wänden, Lampen fehlten oder flackerten müde. Oft tappte man durchs Dämmerlicht und stolperte, weil der Fußbodenbelag durchlöchert war oder Wellen warf. Es war ein herrschaftsfreier Kosmos, der ganz sich selbst überlassen schien. Das Privatleben begann hinter der Wohnungstür. Alles, was sich davor abspielte, war öffentlich und somit fremd, nicht zur Familie gehörend. Sich darum zu kümmern, war aus russischer Sicht wie Hoffnung auf gesellschaftlichen Wandel an eine Parlamentswahl zu knüpfen. War wie ehrlich Steuern zahlen, wie Geld zum Fenster rauswerfen. Es war vollkommen abwegig. Das fing schon bei der Wohnungstür an: Innen war sie gepflegt, vielleicht sogar gepolstert oder mit Stahl verstärkt, außen zerfiel sie fast.

Als ich bei meinem zweiten Auslandssemester in Moskau in einem richtigen russischen Wohnheim untergebracht war, warfen die Bewohner des Studentenwohnheims – allesamt Doktoranden – gern ihren Müll aus dem Fenster, weil sie zu faul waren, zum Müllschlucker zu gehen. Was sich draußen ansammelte, ging sie nichts an. Unten zog dann regelmäßig eine Putzfrau ihre Runden und hob den Müll auf. Sie trug einen gelben Bauarbeiterhelm, um sich vor dem Flugmüll zu schützen. Einmal hatten es die Akademiker mit der Entsorgung etwas übertrieben und einen Ausländer aus dem Fenster geworfen. Die Polizei ermittelte, drei Wochen flog nichts, aber danach war alles wieder beim Alten.

Nun wohnte ich selbst in so einem Block. Dass ich sie alle kennengelernt hatte, hing nur mit Tatjana, Wolodja und unserer Streichaktion zusammen. Nur deshalb hielten sie in ihrem Stechschritt inne. Manchmal hatte ich aber auch den Eindruck, dass meine Nachbarn vielleicht sogar ein wenig froh waren, dass ich anders war. Sie konnten mich deshalb einfach etwas fragen, ohne misstrauisch beäugt zu werden und hatten einen Vorwand, um mich in ihre Wohnung zu lotsen, um mir etwas zu zeigen oder mich auf einen Tee einzuladen. Mit mir konnten sie auf der Treppe plaudern, ich befand mich jenseits ihres Regelwerkes. Innerhalb weniger Tage lernte ich so viele Menschen kennen, wie in Berlin in Monaten nicht. Jeder erzählte mir seine Geschichte. Eine skurriler als die andere. Wenn ich allein an Aljoscha dachte, der Anfang der 1990er Jahre als dienstältester Kapitän der Pazifikflotte die Nase voll von seinem Job hatte und komplett umgesattelt hatte. Seitdem betrieb er ein privates Puppentheater. „Damals waren wir die Marionetten. Jetzt halte ich welche in der Hand“, hatte er einmal zu mir gesagt. Geschichten, die mir zu Hause keiner abnehmen würde. Und alles hatte auf dem Hausflur begonnen. Nie hätte ich geglaubt, so etwas je erreichen zu können. Es gab zwei Sakramente, die kein Deutscher hätte verändern können und an denen bislang jeder gescheitert war – Hausflur und Toilette. So wie der Hausflur eine feindliche, fremde Zone war, so war die Toilette ein Bereich des Ekels, in dem es nie Toilettenpapier gab. Warum es nicht möglich war, dass Toilettenpapier in einer öffentlich zugänglichen Toilette, zum Beispiel in einer Bibliothek, länger als zehn Minuten an Ort und Stelle verblieb, mochte mir nicht einleuchten. Wer nahm es mit? Selbst die Mitarbeiter des Deutschen Historischen Institutes in Moskau hatten resigniert. Jeder von ihnen – selbst der Direktor – hatte eine eigene Klopapierrolle, die beim Gang aufs Örtchen mitgeführt werden musste. Campingplatzatmosphäre auf hohem Niveau. Als ich im letzten Frühjahr dort war, folgte mir ein Praktikant schnellen Schrittes und wedelte mit der Rolle.

Für meine Freunde in Berlin wäre das nicht nachvollziehbar gewesen, aber ich war euphorisch. Ich hatte den Hausflur zu einem Ort der Begegnung gemacht und kam mir vor wie auf einem Kreuzzug. Die unverrückbaren Grundfesten waren ins Wanken geraten und ich hatte einen Fuß in der Tür. Und weil ich wusste, dass mich ohnehin alle belächelten, klebte ich nach einer Woche ein Schild an meine Tür: Anna Stehr. Daneben hängte ich einen kleinen Notizblock und einen Stift. Mal sehen, ob jemand eine Nachricht hinterlassen würde. Ich nahm mir vor, die erste Nachricht aufzuheben. Ich würde sie einrahmen – ein großes Passepartout mit dem winzigen Zettel in der Mitte. Ja, das gefiel mir.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
25 mayıs 2021
Hacim:
381 s. 3 illüstrasyon
ISBN:
9783954627646
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