Kitabı oku: «Der Fall des verschlüsselten Briefes»
Titel der Originalausgabe:
The case of the gypsy good-bye. An Enola Holmes Mystery
Zuerst erschienen in den USA bei Philomel Books, einer Marke
der Penguin Young Readers Group
Copyright © Nancy Springer 2010
Copyright Coverillustration © Hugh D’Andrade
Coverdesign: Jeanine Henderson
Deutsche Erstausgabe
Copyright © 2021 von dem Knesebeck GmbH & Co. Verlag KG, München
Ein Unternehmen der Média-Participations
Lektorat: Theresa Scholz, Knesebeck Verlag
Umschlagadaption: Fabian Arnet, Knesebeck Verlag
Satz und Herstellung: Arnold & Domnick, Leipzig
eISBN 978-3-95728-590-4
Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise.
www.knesebeck-verlag.de

Für meine Mutter.
Inhalt
Juli 1889
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Juli 1889
»Mister Sherlock, ich bin ja so froh, Sie zu sehen, das können Sie mir glauben! Und Ihnen so verbunden …« Mrs Lane, die treue Angestellte im Hause Holmes, die den großen Detektiv schon als kleinen Buben in kurzen Hosen gekannt hat, kann sich weder das Zittern in der Stimme noch die Tränen in den trüben alten Augen verkneifen. » … so verbunden, dass Sie gekommen sind …«
»Unfug.« Sherlock Holmes, der wie üblich vor jeder Zurschaustellung von Gefühlen zurückschreckt, mustert die dunklen Holzvertäfelungen von Ferndell Hall. »Ich freue mich über die Gelegenheit, mein Geburtshaus wieder einmal aufzusuchen.« Gekleidet in Garderobe, die sich für einen Sommer auf dem Land ziemt (beiger Leinenanzug, leichte beige Lederstiefel und Handschuhe, Deerstalker-Mütze), legt er Handschuhe und Mütze, ebenso seinen Gehstock auf den Tisch des Empfangszimmers und macht sich augenblicklich an die Arbeit. »Mr Lanes Telegramm war recht geheimnisvoll. Himmel, was hat dieses Päckchen denn so Ungewöhnliches an sich, dass Sie sich nicht trauen, es zu öffnen?«
Bevor sie darauf eine Antwort geben kann, kommt ihr Gatte, der weißhaarige Butler, ins Empfangszimmer geeilt, und zwar mit reichlich wenig seiner gewohnten Würde. »Mister Sherlock! Oh, haben Sie vielen Dank!« Und noch einmal muss der große Detektiv so ziemlich dieselbe Leier über sich ergehen lassen. » … Trost für meine alten Augen … so ungeheuer gut von Ihnen … ein sehr warmer Tag – darf ich davon ausgehen, Sir, dass Sie im Freien Platz nehmen möchten?«
Also platziert man Sherlock Holmes gastfreundlich auf die schattige Terrasse, wo eine Brise in dieser Hitze für Abkühlung sorgt, während Mrs Lane eisgekühlte Limonade und Makronen serviert. Erst dann gelingt es Holmes, die Sprache wieder aufs Wesentliche zu bringen.
»Lane«, fragt er den altehrwürdigen Butler, »was genau finden Sie und Mrs Lane an dem Paket, das Sie erhalten haben, denn nun so alarmierend?«
Jahrzehntelang darin geübt, Ordnung in einen chaotischen Haushalt zu bringen, antwortet Lane mit Methode: »Zunächst und vor allem, Mister Sherlock, aufgrund der Art und Weise, wie es bei uns ankam, nämlich mitten in der Nacht, ohne dass wir wissen, wer es überbrachte.«
Zum ersten Mal macht der große Detektiv keinen vollkommen gelangweilten Eindruck und beugt sich in seinem gepolsterten Korbstuhl vor. »Wo wurde es abgestellt?«
»Vor der Küchentür. Wäre Reginald nicht gewesen, hätten wir es überhaupt erst am nächsten Morgen gefunden.«
Der zottelige Collie, der ganz in der Nähe auf der Seite liegt, hebt den Kopf, als er seinen Namen hört.
»Wir lassen ihn jetzt drinnen schlafen«, erklärt Mrs Lane, während sie sich mit ihrer ausladenden Figur auf einem anderen Stuhl niederlässt, »immerhin kommt er allmählich in die Jahre, genau wie wir.«
Reginald legt den Kopf wieder ab und klopft mit dem wedelnden Schwanz auf die Holzdielen der Terrasse.
»Vermutlich hat er gebellt?« Allmählich verliert Sherlock Holmes die Geduld.
»Oh, wie ein Tiger hat er gebellt, und wie!« Mrs Lane nickt bekräftigend. »Trotzdem hätten wir ihn wahrscheinlich nicht gehört, hätte ich nicht auf dem Sofa in der Bibliothek geschlafen – Sie verzeihen, Mister Sherlock. Nur sind die Stufen für meine Knie so eine Plage.«
»Ich war allerdings in unserem ordentlichen Quartier«, sagt Lane betont, »und bekam von all dem nichts mit, bis Mrs Lane mir läutete und mich zu sich rief.«
»Hat die Küchentür angesprungen und wie ein Löwe gebellt, der Gute!« Vermutlich redet Mrs Lane von dem Hund. Ihre aufgeregten Kommentare stehen in auffälligem Kontrast zu dem bedächtigen Bericht ihres Gatten, vor allem, wenn man bedenkt, dass weder Tiger noch Löwen überhaupt bellen. »Ich hatte Angst, etwas zu unternehmen, bis Mr Lane runterkam.«
Sherlock Holmes lehnt sich in seinen Stuhl. Seine greifvogelartigen Gesichtszüge nehmen den typischen Ausdruck von Enttäuschung über die Torheit der Menschen an. »Als Sie also schließlich nach dem Rechten sahen, fanden Sie ein Päckchen, aber keine Spur von der mysteriösen Person oder den Personen, die es dort zurückgelassen hatten, um … Wie spät war es?«
Lane antwortet: »Zwanzig nach drei am Donnerstagmorgen, oder so in etwa, Mister Sherlock. Ich ging nach draußen und habe mich umgesehen, aber es war finstere Nacht, bewölkt und nichts zu entdecken.«
»Natürlich. Also holten Sie das Päckchen ins Haus, öffneten es aber nicht. Warum nicht?«
»Diese Freiheit würden wir uns nie erlauben, Mister Sherlock. Außerdem ist dieses Päckchen in mehrerlei Hinsicht merkwürdig, wenngleich es sich schwer in Worte fassen lässt.«
Mr Lane ist drauf und dran, dennoch den Versuch zu wagen, es in Worte zu fassen, doch Sherlock Holmes hebt herrisch eine Hand, um ihm Einhalt zu gebieten. »Ich werde mir ein eigenes Bild machen. Seien Sie so gut und bringen Sie mir dieses geheimnisvolle Päckchen.«
Weniger ein Päckchen als vielmehr ein flacher, übergroßer Umschlag aus schwerem braunem Papier, das man zusammengeleimt hat, ist es so leicht, dass sich im Innern nichts zu befinden scheint. Doch was darauf abgebildet ist, bringt sogar Sherlock Holmes zum Staunen. Jeder Zentimeter der Umschlagvorderseite ist bedeckt von grobschlächtigen Verzierungen, ganz in Schwarz. Alle vier Kanten des Rechtecks sind mit dicken Linien eingefasst, zickzack-, spiral- und schlangenlinienförmig. Schräg in den Ecken sitzen intensiv umrandete mandel- und kreisförmige Ornamente, die den Betrachter wie primitive Augen anstarren.
»Machen mir eine Gänsehaut, die Dinger«, sagt Mrs Lane dazu und bekreuzigt sich.
»Höchstwahrscheinlich ist eben dies ihr Zweck. Doch wer …?« Sherlock Holmes lässt die Frage auf seinen Lippen ersterben, während er die anderen Muster auf dem Umschlag betrachtet: grobschlächtige Zeichnungen von Vögeln, Schlangen, Pfeilen, Tierkreiszeichen, Sternen, Mondsicheln und strahlenden Sonnen füllen jeden Fleck Papier, als hätte der Künstler Angst gehabt, Platz für etwas anderes zu lassen – abgesehen von einem großen Kreis, direkt in der Mitte des Umschlags. Scharf umgrenzt von mehreren Reihen aus überkreuzten Linien, erscheint dieser Teil auf den ersten Blick leer. Doch Sherlock Holmes, der seine Lupe hervorgeholt hat, um den Umschlag Millimeter für Millimeter zu untersuchen, konzentriert sich auf dieses Zentrum mit einer Intensität, die selbst für ihn bemerkenswert ist.
Nach einer Weile legt er die Lupe beiseite, scheinbar ohne zu merken, dass er sie auf dem Teller mit Makronen platziert, und setzt sich mit dem Umschlag im Schoß hin. Sein Blick ist in die Ferne gerichtet, auf die Eichenwälder von Ferndell.
Sherlock Holmes blinzelt, beäugt den schlafenden Hund und wendet sich dann an den Butler und dessen Frau. »Hat einer von Ihnen beiden«, fragt er, »die Bleistiftzeichnung bemerkt?«
Merkwürdig formell, ja direkt vorsichtig, antwortet Mr Lane: »Ja, Sir, haben wir.«
»Meine alten Augen haben sie völlig übersehen«, sagt Mrs Lane, als würde sie eine Sünde beichten, »bis Mr Lane sie mir im Morgenlicht gezeigt hat. Auf dem braunen Papier ist sie schwer zu erkennen.«
»Ich vermute, es war leichter, bevor jemand sie so krude mit den Kohlezeichnungen eingefasst hat.«
»Kohle?«, rufen Butler und Köchin gleichzeitig.
»Unverkennbar. Bei näherer Betrachtung sieht man die Körnung und wo sie verschmiert wurde. Kohlepulver hat die Zeichnung, die meiner Überzeugung nach zuerst angefertigt wurde, fast gänzlich ausgelöscht. Und was die Zeichnung selbst angeht – was halten Sie davon?«
Mr und Mrs Lane wechseln einen betretenen Blick, bevor Mr Lane antwortet: »Eine äußerst hübsche, feine Darstellung einer Blume –«
»Eines Stiefmütterchens«, wirft Sherlock recht schroff ein.
»… inmitten eines grünen Kranzes.«
»Efeu«, sagt Sherlock noch barscher. »Und erkennt einer von Ihnen rein zufällig die Hand des Künstlers?«
Schweigen. Beide Lanes wirken äußerst unglücklich.
»Nun«, sagt Mrs Lane schließlich, »es erinnert mich an …« Doch woran, das scheint sie nicht über die Lippen zu bringen.
»Das zu entscheiden steht uns kaum zu, Mister Sherlock«, sagt Mr Lane flehend.
»Ach, nun kommen Sie.« Sherlocks Tonfall offenbart einen höchst launischen Geisteszustand. »Sie beide wissen so gut wie ich, dass dieses Bild von meiner Mutter gezeichnet wurde.«
Er redet von Lady Eudoria Vernet Holmes, die nun seit beinahe einem Jahr vermisst wird, obwohl man nicht davon ausgeht, dass ein Verbrechen vorliegt. Scheinbar ist die ältliche Exzentrikerin einfach ausgebüxt.
Und kurz nach ihr lief auch ihre Tochter, Sherlocks wesentlich jüngere Schwester Enola Eudoria Hadassah Holmes fort, die gerade erst vierzehn Jahre alt ist.
Nach einer beträchtlichen Pause fragt Mrs Lane zögerlich: »Mister Sherlock, hören Sie hin und wieder etwas von Lady Holmes oder Miss Enola?«
»Ah.« Sollte der große Detektiv bei Erwähnung des Namens seiner Schwester eine seltsame Konstellation von Gefühlen verspüren, so zeigt sich zumindest keines davon in seinem habichtartigen Gesicht. »Ja, ich habe Enola mehrere Male in London getroffen, jedoch nie zu meiner Zufriedenheit.«
»Doch es geht ihr gut?«
»Es geht ihr unerhört gut. Und zu Anfang schien sie mit ihrer Mutter unter einer Decke zu stecken. Sie kommunizierten mithilfe verschlüsselter Botschaften in den Kleinanzeigen der Pall Mall Gazette.«
Mrs Lane blickt zu Mr Lane, der sich räuspert, bevor er einen Vorstoß wagt. »Sie haben diesen Code entschlüsselt?«
»Mehrere Codes. Selbstverständlich habe ich sie entschlüsselt. Das heißt, alle außer einem, aus dem ich einfach nicht schlau werde.« Dieses Eingeständnis verschärft den Tonfall des großen Detektivs. »Dennoch kann ich unmissverständlich versichern, dass der Codename meiner Mutter Stiefmütterchen und der meiner Schwester Ivy ist, was Efeu bedeutet.« Mit ausgestrecktem Finger tippt er auf die blasse Bleistiftzeichnung auf dem Umschlag in seinem Schoß.
Mr Lane und Mrs Lane schnappen beide so heftig nach Luft, dass Collie Reginald sein Schläfchen aufgibt, sich auf seine vier weißen Pfoten erhebt und den schlauen Kopf reckt, die Ohren spitzt und die Nase schnuppernd in die Luft hält.
»Reginald.« Sherlock spricht den Hund so voller Ernst an, als würde er den Fall Watson darlegen. »Monatelang gab es keinerlei Nachricht von Lady Holmes. Warum meldet sie sich ausgerechnet jetzt, noch dazu auf diese Art?« Seine schlanken Finger vollführen einen Trommelwirbel auf dem braunen Papierpäckchen. »Und was befindet sich darin?«
Mr Lane bietet an: »Soll ich einen Brieföffner holen, Sir?«
»Nein. Ich kann es nicht öffnen.« Ein Gentleman würde sich im Traum nicht einfallen lassen, in der Post eines anderen zu schnüffeln. »Es ist für Enola bestimmt.« Sherlock Holmes steckt seine Lupe ein und erhebt sich, ebenso wachsam wie der Hund an seiner Seite. Ganz wie ein Bluthund, der eine Fährte wittert. »Ich werde es mit nach London nehmen und ihr überbringen.«
Mr Lane und Mrs Lane, die ebenfalls aufgestanden sind, blicken ihn an. Der Butler bringt ihre Zweifel zum Ausdruck: »Aber Mister Sherlock, wissen Sie denn, wie Sie sie finden können?«
»Ja.« Mit einem Funkeln in den Augen lässt sich der Detektiv beinahe zu einem Lächeln herab. »Ja, ich glaube schon.«
Kapitel 1
Als ich an jenem schicksalhaften Morgen mein Büro betrat (genauer gesagt, das Büro von Dr. Leslie T. Ragostin, Wissenschaftlicher Perditor, meinem erdachten Arbeitgeber), trug ich ein maßgeschneidertes Prinzesskleid aus gerippter Seide in Mistelzweig-Grün mit einem breiten Kragen aus Organzaseide. Auf meiner geschmackvollen rotbraunen Frisur (Perücke) saß ein passender Hut und am üblichen Finger ein Ehering.
»Guten Morgen, Mrs Jacobson!«, rief der Hauspage, der mir die Tür aufhielt.
»Guten Morgen, Joddy!« Ich lächelte, ja strahlte sogar. Endlich, nach einem Monat, hatte der schlichte Bursche es geschafft. Was für ein Unterschied zum ersten Morgen, als ich in einem maßgeschneiderten Kleid (pflaumenfarbener Musselinstoff mit Besätzen aus Filethäkelei) und mit dem Ring erschienen war!
»Von nun an haben Sie mich Mrs Jacobson zu nennen«, hatte ich »Dr. Ragostins« versammelten (und verblüfften) Angestellten streng erklärt: Mrs Fitzsimmons, der Haushälterin, Mrs Bailey, der Köchin, und Joddy. »Mrs John Jacobson.« Ich streckte ihnen die linke Hand hin, damit sie meinen Ehering in Augenschein nehmen konnten, den ich in der Nacht zuvor in einer Pfandleihe erstanden hatte.
»Verdammt!«, platzte Joddy heraus und machte unter dem lächerlichen Hütchen, das Pagen zu tragen hatten, große Augen. »Gold, nich wa? Echtes Gold?«
»Äh, Glückwunsch«, sagte Mrs Fitzsimmons. »Verzeih’n Sie uns die Überraschung, aber Sie ham uns ganz schön kalt erwischt.«
Nicht halb so kalt, wie es mich erwischt hatte. Doch selbstverständlich konnte ich ihnen nicht erklären, wie ich über Nacht aus dem East End hatte fliehen und alle von Ivy Meshles Kleidern von der Stange zurücklassen müssen, mitsamt den vulgären blonden Haarteilen und dem billigen Schmuck, weil mein Bruder Sherlock während der Affäre um Lord Whimbrel und den rätselhaften Reifrock zu viel über mich erfahren hatte. Ich wusste, ich musste in eine neue Identität schlüpfen.
»Sie haben keins der üblichen, äh, Anzeichen an den Tag gelegt«, führte Mrs Fitzsimmons weiter aus.
»Blödsinn!«, entfuhr es der wesentlich direkteren Köchin, Mrs Bailey. »Ihr Mr Jacobson, der is doch vom selben Schlag wie Ihr Dr. Ragostin, oder nich?«
Die anderen zwei sahen sie mit offenem Mund an. Dies war das erste Mal, dass einer von ihnen es gewagt hatte, mir so etwas ins Gesicht zu sagen und auf die Größenordnung meiner Erfindungen anzuspielen, das weiße Lügengespinst, auf dem meine Karriere aufgebaut war. Gewiss hätte ich sie einen Kopf kürzer machen sollen. Doch wie sie so dastand, wie ein aufgeplusterter Igel, amüsierte sie mich derart, dass ich in schallendes Gelächter ausbrach.
Die drei glotzten mich an, was kein Wunder war. »Wahr und tapfer gesprochen, Mrs Bailey«, krähte ich, noch immer lachend, während ich mich langsam erholte. »Nun sagen Sie mir: Bezahlt man Sie hier gut? Werden Sie gut behandelt? Arbeitet es sich gut hier?«, fragte ich sie der Reihe nach und sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
Jeder nickte eifrig, vielleicht, weil sie an den außerordentlich großzügigen Weihnachtsbonus denken mussten, den ich in der Weihnachtszeit verteilt hatte.
»Nun dann«, fuhr ich fort und schaute diesmal vor allem Mrs Bailey an, »wie lautet mein Name?«
Zweifellos im Nachhinein dankbar dafür, dass ihr Ausbruch ihr keine Kündigung eingehandelt hatte, antwortete sie wie eine Mitverschwörerin: »Sicher, ja doch. Und Sie heißen … heißen … Himmel, ich hab’s vergess’n!«
»Mrs John Jacobson.« Ein Allerweltsname, sodass mein frei erfundener Gatte keinesfalls derselbe John Jacobson sein musste, den jemand derer, die meinen Weg kreuzten, kennen mochte.
Sie knickste sogar vor mir. »Ja, Ma’am, Mrs Jacobson.«
»Sehr gut. Mrs Fitzsimmons?«
»Meinen herzlichst’n Glückwunsch, Mrs Jacobson.«
»Ich danke Ihnen.« Nicht nur mein Erscheinungsbild hatte sich verändert, ich gestattete mir zudem einen aristokratischeren Akzent. »Joddy?«
»Äh, was immer Sie sagen, gnäd’ge Frau. Mrs Jacobson.«
»Gut. Und zufälligerweise bin ich nicht länger Dr. Ragostins Sekretärin, sondern seine Assistentin.«
»Ganz recht, Mrs Jacobson«, stimmten sie alle meiner eigenmächtigen Beförderung zu.
»Eigentlich wird es keinen Unterschied machen«, gab ich zu. »Gehen Sie einfach wie gewohnt Ihren Pflichten nach.«
Und ohne Weiteres taten sie genau das. Mir war bewusst, dass sie mit den anderen Dienstboten der Nachbarschaft tratschen würden. Zum Glück jedoch lag diese Nachbarschaft weit entfernt, sowohl von Sherlock als auch von Mycroft, und was ein noch größeres Glück war: Keiner meiner Brüder beschäftigte Dienstboten. Dennoch seufzte ich auf, besorgt darüber, eine geflüsterte Bemerkung könnte deren unerwünschte Aufmerksamkeit wecken.
Als jedoch der Juni dem Juli wich, wurde meine Sorge kleiner. Der einzig denkwürdige Vorfall war, dass ich in meiner neuen Unterkunft tatsächlich einmal ausreichend aß, sodass mein Gesicht und andere Teile meines Körpers etwas rundlicher ausfielen und ich auf einige der üblichen Polster verzichten konnte. Ich hatte mir ein teures Zimmer im Club für Arbeitende Frauen genommen, in dem ich Mitglied war und auf dessen Grund und Boden Männer unter keinen Umständen Zutritt hatten. Ich fühlte mich dort sicher. Dies und mein verändertes Aussehen wiegten mich in einer Behaglichkeit, die schon bald auf ihr selbstgefälliges kleines Hinterteil purzeln sollte.
Jedoch erst, als es zu einem interessanten Ereignis kam.
Kapitel 2
Kaum, dass ich an dem bereits erwähnten schicksalsschweren Tag, an dem ich das mistelzweiggrüne Kleid trug, in Dr. Ragostins Büro ankam, klingelte es an der Tür. Es klingelte und klingelte und klingelte weiter, als handelte es sich um einen Feueralarm. »Hilfe! Um Himmels willen, so helfe mir doch jemand!«, rief ein Mann mit aristokratischem, melodramatischem, ja beinahe opernwürdigem Tonfall. Mit britischer Zurückhaltung hatte dies nun wirklich nichts zu tun. »Beeilung!« Entdeckte ich in seiner tiefen Stimme nicht den Anklang eines fremden Akzents?
»Meine Güte, Joddy«, wies ich den erschrockenen Jungen von meinem Schreibtisch aus an, »nun öffnen Sie schon die Tür!«
Sobald er dies getan hatte, konnte ich den brüllenden Mann auch sehen. Sein verzerrtes, hochrotes Gesicht erschien lächerlich eingeklemmt zwischen seinem glänzenden Zylinder und dem gestärkten Kragen, der Seidenkrawatte und dem Ausgehmantel. Als er in mein Büro und auf mich zu marschierte, während ich aufstand, um ihn zu begrüßen, brachte der Fremde mit offensichtlicher Mühe Mäßigung in sein Gesicht. Ein durchaus attraktiver junger Lord war er, wenn auch auf eine wilde Art und Weise, sodass ich unwillkürlich an Brontës Heathcliff denken musste. »Ist Dr. Ragostin da?«, wollte er wissen wie jemand, der zwar beinahe seinen Verstand, nicht jedoch seine Manieren verloren hatte: Er zog den Hut, wobei er Haare zum Vorschein brachte, die nahezu so schwarz waren wie die eines Raben.
»Leider nicht. Und wir erwarten ihn auch nicht in naher Zukunft zurück.« Mein damenhaftes Kleid aus gerippter Seide und Organza machte deutlich, dass ich mehr als eine einfache Angestellte war, was mir entsprechendes Selbstbewusstsein verlieh. »Als Dr. Ragostins persönliche Assistentin kann ich Ihnen vielleicht weiterhelfen. Bitte nehmen Sie Platz.«
Er ließ sich auf einen Stuhl fallen, als wäre er am Rande der Erschöpfung. Auf beinahe wundersame Weise, bedachte man seine übliche Unfähigkeit, kam Joddy mit einer Karaffe eisgekühlten Wassers auf einem Tablett herbei. Ich goss ein und der Mann nahm sein kaltes Getränk dankbar an, zweifellos sowohl um sich zu beruhigen als auch um seiner heiseren Kehle etwas Gutes zu tun. In der Zwischenzeit nahm ich meinen Platz hinter dem Schreibtisch wieder ein.
»Ihr Name, wenn ich bitten darf?«, begann ich, Stift und Papier im Anschlag.
Seine Augenbrauen, schwarze Rabenflügel, schossen in die Höhe. »Meine Gattin, keine Geringere als die dritte Tochter des Earl von Chipley-on-Wye, ist auf unerklärliche Weise und unter höchst seltsamen Umständen verschwunden. Die Polizei besteht aus unfähigen Tölpeln und ich weigere mich, auch nur eine weitere Sekunde mit lächerlichem Firlefanz zu vergeuden. Ich würde viel lieber mit Dr. Ragostin persönlich sprechen.«
»Selbstverständlich. Nichtsdestotrotz bin ich auf ganzer Linie autorisiert, in Notfällen die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Also bitte, ich muss die Fakten notieren. Ihr Name?«
Kerzengerade richtete er sich auf seinem Stuhl auf, wie eine Fahne, die gehisst wurde. »Ich bin Duque Luis Orlando del Campo von königlichem katalanischem Blut.«
Ah! »Du-ke« ausgesprochen – ein spanischer Herzog! »Es freut mich, Ihnen zu Diensten sein zu dürfen, Euer Gnaden«, rezitierte ich automatisch. Wie jedes britische Schulkind waren auch mir die Ränge des Adels eingebläut worden: König, Herzog, Marquess, Earl, Baron. Angeredet werden diese: Euer königliche Hoheit, Euer Gnaden, Lord, Lord und Lord. Für Seltsamkeiten wie Kaiser, Grafen, Ritter, jüngere Söhne und dergleichen zog man ein Buch über Etiquette zurate. »Und was –?«
»Meine Duquessa«, unterbrach er mich mit noch mehr Eindringlichkeit, »ist die edle Lady Blanchefleur, weltbekannt für ihre zarte Schönheit, eine zierliche Blüte auf einem zerbrechlichen Staubfaden der Weiblichkeit.«
»Sehr wohl«, murmelte ich, reichlich sprachlos über seine poetische Beschreibung, auch wenn der Name seiner Frau auf Französisch tatsächlich »weiße Blume« bedeutete. »Und das Unglück von Euer Gnaden ist es, dass die Duquessa vermisst wird?«
»Sie wurde auf unerklärliche Weise entführt, zumindest glauben wir das, als sie mit ihren Hofdamen ihren täglichen Spaziergang genoss.« Nun war seine Haut unter dem schwarzen Haar recht blass geworden.
»Und in etwa zu welchem Zeitpunkt ereignete sich dieser grässliche Vorfall?«
»Etwa um zwei Uhr, gestern Nachmittag.«
Dann hatte er höchstwahrscheinlich die ganze Nacht kein Auge zugetan. Kein Wunder, dass er etwas überreizt erschien. »Und wo kam es dazu?«
»Als sie sich in der Nachbarschaft von Marylebone die Füße vertraten. Baker Street, glaube ich.«
»Ah«, brabbelte ich. »Hm.« Baker Street! Wo mein geliebter und vortrefflicher Bruder Sherlock residierte, womit ich ihm im Rahmen dieses Falls gefährlich nahe kommen könnte. »Äh. Baker Street. So, so. Und wo in der Baker Street genau?«
»Am Dorsett Square …«
Oh weh. Schrecklich nah an Sherlocks Wohnung.
»… wo es angeblich eine Haltestelle der Untergrundbahn gibt.« Der Duque sprach das Wort Untergrundbahn mit der typischen Abneigung eines Gentlemans aus, der von dieser neumodischen, dunklen und ungesunden Art der Fortbewegung nichts hielt, da für gewöhnlich nur die niedrigen Klassen Londons billigste Transportform nutzten. Obwohl die Lokomotiven ihren Rauch in Kammern hinter den Triebwerken lagerten und nur in Belüftungsschächten abließen, die zu eben diesem Zweck angelegt worden waren, stank es im Untergrund nicht nur nach Qualm und Abgasen, sondern obendrein überwältigend nach ungewaschener Menschheit.
Nutzte mein Bruder Sherlock je die Untergrundbahn? In keinem von Dr. Watsons Berichten hatte ich gelesen, dass der große Detektiv einmal einen Fuß in den Untergrundbahnhof gesetzt hätte, der so praktisch nur einen halben Block von seiner Unterkunft entfernt gelegen war.
»Bitte, Euer Gnaden«, drängte ich meinen aristokratischen Klienten, »erzählt mir genau, was sich zugetragen hat.«
»Lächerlich und unnütz!« Duque Luis Orlando del Campo hob abwehrend beide Hände, die in hellem Ziegenleder steckten. »Ich kann diese Geschichte unmöglich länger wie ein Papagei wieder und abermals wiederholen. Ich verlange, dass Sie Dr. Ragostin rufen!«
Ich will dem geneigten Leser die zahlreichen Schmeicheleien, Beruhigungsversuche, Wassergläser und die Zeitverschwendung ersparen, die es mich kostete, bis ich ihm einen verwirrenden Bericht entlockt hatte. Zusammenfassend soll genügen, dass seine Gattin, Ihro Gnaden, die Duquessa, aus unbekannten Gründen in die Unterwelt des Baker-Street-Untergrundbahnhofs hinabgestiegen war. Eine ihrer Hofdamen hatte den Mut, sie zu begleiten. Die andere wartete oben am Eingang. Schließlich war die erste Hofdame höchst verstört die Treppen wieder hinaufgerannt. Wo war die Duquessa? Anschließend gingen beide hinunter, um sie zu suchen, jedoch ohne Ergebnis. Die hochwohlgeborene Schönheit Blanchefleur del Campo war wie vom Erdboden verschluckt.
Wie überaus faszinierend. »Die Polizei hat die Suche aufgenommen, vermute ich?«
Er hob das wild entschlossene, verzweifelte Gesicht. »Ja, sie haben nach ihr gesucht, aber keine Spur von ihr gefunden.«
»Könnte sie einen anderen Ausgang genommen haben?«
»Man hat mir versichert, dass es keinen zweiten gibt. Es ist lächerlich anzunehmen, sie könnte auf den Gleisen spazieren gegangen sein.«
Lächerlich, in der Tat, würde man nicht nur in den Genuss der Gesellschaft von Ratten kommen, sondern auch das Risiko eingehen, von einem herannahenden Zug überfahren zu werden. »Könnte sie aus irgendeinem Grund in einen der Züge gestiegen sein?«
»Als sie verloren ging, passierte kein einziger Zug den Bahnhof. Was das angeht, schwören es beide Hofdamen hoch und heilig, und der Fahrplan der Untergrundbahn bestätigt es.«
»Dennoch, wäre die Duquessa am Bahnsteig geblieben oder die Treppe heraufgekommen, hätten die beiden sie gesehen.«
»Ganz genau! Es ist ein Ding der Unmöglichkeit! Ich weiß nicht mehr ein noch aus.«
»Haben Sie eine Lösegeldforderung erhalten?«
»Noch nicht. Ich wage zu behaupten, dass dies noch eintreten wird. Nicht nur ich bin gut gestellt, auch ihr Vater, der Earl – sehr reich –, dennoch ist solch eine bizarre Entführung unvorstellbar. Unvorstellbar! Wie hat man sie fortgebracht? Ohne gesehen zu werden? Wo doch niemand sich hätte denken können, dass sie einen solchen Ort überhaupt betreten würde – allein eine fixe Laune kann sie dazu bewogen haben!«
»Was für eine Laune könnte das gewesen sein, Euer Gnaden?«
»Das hat mir bisher niemand zu meiner Zufriedenheit erklären können. Die Hofdamen der Duquessa verfallen in Hysterie, sobald ich sie befrage, und der Polizeiinspektor hat ebenso wenig etwas Vernünftiges aus ihnen herausgebracht. Die ganze Welt ist verrückt geworden. Ich glaube, ich verliere selbst noch den Verstand! Ich habe mich bereits an Mr Sherlock Holmes gewandt …«
Welchen Satz mein Herz tat!
»… doch er befindet sich derzeit an irgendeinem lächerlichen Ort auf dem Lande und wird erst heute zurückerwartet. Genau genommen …«
Der verstörte Duque Luis Orlando del Campo zog eine prächtige Golduhr aus seiner Weste und warf einen Blick darauf. »Er sollte in diesem Moment bereits auf mich warten. Ich muss los.« Er stand auf. »Wenn Sie Dr. Ragostin bitte ausrichten –«
»Euer Gnaden, ich bin gewiss, der Doktor«, unterbrach ich ihn mit fester Stimme, wenngleich meine Gedanken Purzelbäume schlugen, »wird mit den Hofdamen Eurer Gattin sprechen müssen.«
»Beide stehen vollkommen neben sich.«
»Absolut verständlich. Dennoch muss man sie befragen. Doch wenn sie sich schon nicht Euch oder dem Polizeiinspektor anvertrauten, werden sie erst recht nicht mit einem fremden Mann reden.«
»Wahr. Wie wahr«, murmelte er verzweifelt, während seine wilden Blicke im Zimmer umherschweiften und schließlich an mir hängen blieben, als hätten sie Erleuchtung gefunden. »Vielleicht wäre es besser, wenn Sie, eine Frau, sie befragen würden? Wären Sie damit einverstanden?«
»Selbstverständlich.« Ich unterdrückte es, ihm dazu zu gratulieren, so schlau auf die Lösung gekommen zu sein, auf die ich ihn hatte stoßen wollen. »Eure Adresse, Euer Gnaden?«
Kapitel 3
Als ich Duque Luis Orlando del Campos Residenz in der Oakley Street zum ersten Mal erblickte, blinzelte ich überrascht. Höchst unerwartet handelte es sich dabei um orientalisierende Architektur, und das in dieser exklusiven Nachbarschaft nahe dem Themse-Uferdamm. In nahezu ganz London konnte man neogriechische, georgianische, italienisch anmutende, französische, schweizerische, bayerische Bauten ad infinitum vorfinden – häufig auch bedauerliche Mischungen –, doch kaum trifft man je auf Orientalistik. Das aus gelben Ziegeln erbaute Haus scheute geschmackvollerweise Töne von Ocker, Oliv oder Rostrot und bevorzugte stattdessen zinnoberrote Zierleisten und pfauenblaue Dächer. Rubinrote und smaragdfarbene Buntglasfenster funkelten unter rotweiß gestreiften Spitzbögen. Übergroße Fliesen im Schachbrettmuster bedeckten die Eingänge und die Erkerfenster, Türmchen et cetera wurden nicht nur von gewöhnlichen Schindeln überdacht, sondern von bronzenen Kuppeln, wie etwa aus Tausendundeine Nacht. Während ich mich der Eingangstür näherte und einen Türklopfer in Form eines grinsenden Dschinn betätigte, bereitete ich mich mental auf so ziemlich alles vor. Vielleicht ein Butler mit Turban?
Nein. Ein vollkommen gewöhnliches Zimmermädchen in einem geblümten Kleid öffnete mir die Tür, um mich einzulassen, und hielt mir das obligatorische Silbertablett für Dr. Ragostins Karte hin, die ich handschriftlich um meinen neuen Alias ergänzt hatte: Mrs John Jacobson.
»Ist Mr Sherlock Holmes ebenfalls anwesend?«, fragte ich das Zimmermädchen.
»Noch nicht, Madam. Wir erwarten ihn in Kürze.«
Oh weh. Wenn Sherlock auftauchte, würde ich einen Weg finden müssen, mich rasch in Luft aufzulösen.
Das Mädchen brachte meine Karte zu den Hofdamen. Keine Zofen, wohl gemerkt, oder gar Gesellschafterinnen, sondern Hofdamen, nicht weniger. Hmm. Das könnte interessant werden, überlegte ich, während ich in einer faszinierend bogenförmigen Eingangshalle wartete, die erfüllt war von geschnitztem Rankenwerk und durchlocht von Nischen. Hier gab es nicht das übliche Meissner Porzellan zu sehen, sondern eine Sammlung seltsamer Gefäße aus Ton und Bronze, die wie alle möglichen Tiere geformt waren: Elefanten, Löwen, Störche, kämpfende Hähne, Delfine, Krokodile, Katzen – nein, erkannte ich einigermaßen erschrocken, die Katzen waren echt. Schlanke, schmucke, orientalisch anmutende Hauskatzen fläzten sich inmitten der Kuriositäten und liefen mit unbekümmerter Balance über die schwungvollen Zierden des geschnitzten Holzes. Alles in allem ergab dies eine solch exotische Atmosphäre, dass ich halb erwartete, in einen Harem geführt zu werden, als das Zimmermädchen erneut erschien, um mich nach oben zu bringen.
Das Boudoir enttäuschte mich nicht. Die Wände waren oberhalb ihrer elfenbeinfarbenen Vertäfelungen vollständig bedeckt von herrlich bunten, sternförmigen Fliesen, die man geschickt zusammengesetzt hatte. Entlang der niedrigen Deckenwölbungen verlief eine Borte aus dicken, stilisierten gescheckten Pferden. An einem Teil der Wand hingen persische Miniaturen in Elfenbeinrahmen. Am Boden lag ein überaus weicher türkischer Teppich mit einem prächtigen Muster. Insgesamt war der Effekt erfreulich fremdländisch.
Die beiden Damen jedoch, die mich empfingen, entstammten unverkennbar sittenstrengem, schmallippigem, blassäugigem britischem Adel, höchstwahrscheinlich die jüngeren Töchter eines Vizekönigs oder Barons. Eine der jungen Ladys wurde mir als Mary Hambleton vorgestellt, die andere als Mary Thoroughcrumb. Die erste trug türkisfarbenen hochfeinen Satin, durchzogen von kupfergoldenen Fäden, und die zweite pfirsichfarbenen, bestickten Seidentaft, besetzt mit rosa Mousselin – beide Gewänder zwar geschmackvoll, aber derart luxuriös, dass ich in meinem Prinzesskleid aus gerippter Seide regelrecht schlicht wirkte. Die Frage drängte sich auf: Wenn sich die Hofdamen der Duquessa so zu Hause anzogen, wie, in aller Reichtum Namen, mochte Blanchefleur selbst sich kleiden, wenn sie sich in der Öffentlichkeit zeigte?
Jedoch hob ich mir diese Frage für später auf, da die beiden Marys sich setzten und mir gleichmütig einen dritten Stuhl zuwiesen. Trotz ihres reichen Aufzugs schienen sie recht armseliger Stimmung, waren ihre Augen doch rot und geschwollen.
»Wir sind schrecklich niedergeschlagen«, sagte die Mary-in-Satin, sobald man uns mit Tee versorgt hatte. Mir hatte das Hausmädchen zuletzt eingeschenkt, zudem gaben mir beide Hofdamen durch ihre übertrieben aufrechte Körperhaltung unmissverständlich zu verstehen, wie über die Maßen glücklich ich mich schätzen durfte, überhaupt von ihnen empfangen zu werden.
»Wir haben bereits mit der Polizei gesprochen«, ergänzte Mary-in-Taft verstimmt. »Was ist es denn, was Ihr, äh, Dr. Ragostin noch wissen möchte?«
Gemäß meiner Rolle öffnete ich einen kleinen Handkoffer, den ich mitgebracht hatte, zog mir die Sommerhandschuhe aus Nankingbaumwolle von den Fingern und warf sie hinein, bevor ich einen Schreibblock hervorholte und mich mit gezücktem Stift bereitsetzte. »Zunächst einmal fragt er sich, welches Unterfangen Euch und Eure geschätzte Herrin nach Marylebone führte?«
»Unterfangen trifft es kaum«, keifte Türkissatin. »Unsere liebe Blanchefleur benötigt keinen Grund, um dorthin zu gehen, wohin es ihr beliebt.«
Unsere liebe Blanchefleur? Nicht unsere liebe Lady oder unsere liebe Herrin? Allem Anschein nach stand die Duquessa ihren Hofdamen außergewöhnlich nah.
»Ihro Gnaden war … ich meine, sie ist …« Die Hofdame geriet ins Stammeln und schien kaum in der Lage fortzufahren. »… ein rastloser Geist …«
»Jung«, warf die andere Mary ein, obwohl sie selbst kaum älter als zwanzig sein konnte, »und auf harmlose Art abenteuerlustig. Ihr behütetes Leben kommt ihr häufig schrecklich öde vor, wenn also eine spontane Laune verspricht, sie glücklich zu machen …«
Tränen traten in ihre auffallend eng stehenden Augen. Sie scheinen ihre Herrin wahrhaft zu mögen, machte ich mir einigermaßen überrascht eine geistige Notiz.
»Eine Laune?«, hakte ich nach.
»Ja. Sie wollte die ganze Stadt erkunden, abgesehen von den Orten, die besonders abschreckend sind. Irgendwo hatte sie gehört, man könne die Bezirke anhand der verschiedenen Straßenlaternen voneinander unterscheiden …«
Vollkommen richtig – auch ich fand es einigermaßen faszinierend, mir die Zeit damit zu vertreiben, einen lächerlich dekorierten Laternenpfahl vom anderen zu unterscheiden. Allmählich verspürte ich für die junge Gattin des Duque Luis Orlando del Campo eine gewisse Zuneigung.
»… jedenfalls hat sie sie gern begutachtet, daher haben wir an den meisten Tagen die Kutsche hierhin oder dorthin genommen, um spazieren zu gehen.«
»Ein durchaus normaler und interessanter Zeitvertreib«, versicherte ich ihnen. »Und der gestrige Ausflug führte Euch in die Baker Street? Zum Untergrundbahnhof?«
»Ja, aber natürlich würde keine von uns jemals dort hinuntersteigen.« Der Himmel bewahre! Nicht dorthin, wo einem ein Wölkchen Zigarrenrauch, Bier oder gesalzener Heringe ins feine Näschen steigen könnte. »Wir wollten lediglich daran vorbeilaufen, doch am Eingang lungerte eine jämmerliche alte Gestalt …«
»Schniefte und wimmerte, sie wäre lahm und hätte Wassersucht, würde es allein nicht die Treppe hinunter schaffen und sicher ihren Zug versäumen. Inzwischen bin ich sicher, dass all dies nur vorgetäuscht und Teil eines schmählichen Plans war«, warf die lebhaftere türkise Mary ein. »Doch zu diesem Zeitpunkt dachten wir uns selbstredend nichts Schlimmes dabei, als die liebste Blanchefleur …«
Augenblicklich richteten beide den Blick an mir vorbei auf die gegenüberliegende Wand, so abrupt, dass ich mich ebenfalls in diese Richtung umdrehte und dort ein lebensgroßes Porträt einer wirklich liebreizenden jungen Frau entdeckte. Ihr blonder, zerbrechlich wirkender Kopf, vor allem ihre sensiblen, mitfühlenden Augen standen in krassem Gegensatz zu der reichen und schweren roten Samtrobe , die übertrieben mit Perlen aus Gold besetzt war.
»Ist sie das?«, rief ich unwillkürlich, denn nachdem ich den Duque kennengelernt hatte, hatte ich mir irgendwie vorgestellt, seine Gattin wäre ebenso exotisch und temperamentvoll wie er, obwohl ich ja wusste, dass sie die Tochter eines britischen Earl und dessen französischer Frau war.
»Ja, das ist unsere liebe Herrin, wobei es sie nicht annähernd trifft«, sagte Taft-Lady in gänzlich neuem Tonfall, zart, beinahe anhimmelnd. »Sie hat das Gesicht eines Engels und das Herz eines lieben, traurigen Kindes. Eine freundlichere, sanftere Seele …«
»… hat es nie gegeben«, unterbrach Satin. »Ein geduldigeres, heiligeres Lamm …« Und sehr zu meinem Unbehagen begann diese arrogante junge Frau zu weinen.
»Aber, aber, ist ja gut«, sagte die andere zu ihr. »Woher hätten wir das ahnen sollen? Und wie hätten wir es verhindern können?«
An mich gewandt erklärte sie: »Wir machen uns Vorwürfe, dennoch geschah alles so schnell und so selbstverständlich …«
»Diese zahnlose Hexe mit den Borsten am Kinn!«, würgte Satin schluchzend hervor.
»Sie rief unserer Herrin zu«, Tafta gab sich Mühe, einen Cockneyakzent nachzuahmen: »Oh, gesegnet süße Madonna, die zur Erden runtergestiegen is, Se werd’n ner alten lahmen Frau doch helf’n, nich? Die steil’n Stuf’n – würd ich die runterfall’n, wär’s mein Ende, aber wenn ich in Ihre Engelsaug’n schau …«
»Es reicht«, befahl die andere gepresst.
»An mehr kann ich mich ohnehin nicht erinnern«, erwiderte Mary-in-Taft, »denn da war die liebe, impulsive Blanchefleur schon dabei, der alten Bettlerin die Treppe hinunterzuhelfen, und wir haben sie nicht mehr gesehen.«
Obwohl die Hofdamen es nicht aussprachen, bin ich sicher, sie standen wie vom Blitz getroffen auf dem Gehsteig. Um ihnen auf die Sprünge zu helfen, fragte ich: »Wie sah diese alte Frau aus?«
»Wie eine Kröte unter einer abgrundtief hässlichen, alten Strohhaube«, antwortete Satin barsch, als sie sich von ihren Tränen erholt hatte. »Ich sagte zu Mary: Ihr geht Blanchefleur nach und ich bleibe hier, um auf sie zu warten, solltet ihr aneinander vorübergehen.«
Gewiss hatte es über diesen Punkt einigen Zank gegeben, worauf wir jedoch nicht eingingen. Einige Augenblicke mochten verstrichen sein, bevor eine der Hofdamen sich die Treppe hinuntergetraut hatte, während die andere oben wartete.
»Ich habe gesucht und gesucht, inmitten des schändlichsten und heruntergekommensten Gesindels, das man sich vorstellen kann! Die Gleise auf und ab, den gesamten Bahnsteig entlang, doch sie war nicht da! Selbst in einer Besenkammer hinter den Metallstufen sah ich nach …«
»Die Blanchefleur nicht wieder heraufkam, was ich für meinen Teil beschwören kann«, keifte die andere, »also müsst Ihr sie übersehen haben!«
»Aber ich habe überall gesucht!«
»Und die alte Frau?«, fragte ich, bevor sie einen Streit vom Zaun brechen konnten.
»Verschwunden, als hätte es sie nie gegeben! Wie vom Erdboden verschluckt! Genau wie unsere liebe Blanchefleur.«
Kapitel 4
Angesichts ihrer Trauer erschien es mir herzlos, sie noch länger zu strapazieren. Also packte ich meine Notizen ein und war gerade aufgestanden, um zu gehen, als von unten der Klang einer Stimme an meine Ohren drang, die zunehmend zornig und laut wurde.
»… Schlagzeilen in sämtlichen Zeitungen: ‚Schönheit der feinen Gesellschaft entführt‘, ‚Schockierendes Verschwinden von Earl-Tochter‘, ‚Gattin eines katalanischen Adligen verschleppt‘ …«
Unverkennbar, diese Stimme …
Mein Bruder Sherlock!
»… und doch behauptet Ihr, Ihr hättet mit der Morgenpost nichts erhalten?«
Die Antwort war zwar nicht hörbar, aber offensichtlich negativ.
»Ich befürchte, das ganze Tamtam in der Presse könnte sie verschreckt haben.« Sherlock klang deutlich verärgert. »Und solange wir keine Lösegeldforderung vorliegen haben, gibt es reichlich wenig, was wir unternehmen können.«
Ihn das sagen zu hören überraschte mich, denn mir waren allerdings verschiedene Dinge eingefallen, die ich tun wollte – doch solange er im Haus war, musste ich mich im Ankleidezimmer versteckt halten. »Äh, mmh«, wandte ich mich an die beiden Marydamen, »könntet Ihr mir wohl beschreiben, was Ihro Gnaden zu jenem schicksalsschweren Ausflug anhatte, als Ihr sie zuletzt gesehen habt?«
Erfreut beantworteten sie mir meine Frage in allen Details. »Oh, sie trug ihre neue Flanierrobe von Redfern mit Ärmeln nach der allerneuesten Pariser Mode!«
»Bauschig, wissen Sie«, erklärte die andere Mary herablassend, als hätte ich keine Ahnung: Während die Hinterteile weiblicher Garderoben an Volumen einbüßten, schwollen Schultern und Oberärmel auf groteske Ausmaß an. Ohne Puff-irgendwas ging es scheinbar nicht.
»Aus Moiréseide, schillernd in allen Farben einer Taubenbrust, mit Kellerfalten vorn und einer breiten Gürtelapplikation aus weißen Perlen in einem wirklich hinreißenden Design nach der Art Nouveau …«
Art Nouveau? Möglich, dass ich ratlos wirkte, denn schon rief sie: »Einen Augenblick, ich glaube, wir haben eine Fotografie!«
Ich sah zu, während beide Marys Schubladen voll von prächtiger Unterwäsche durchsuchten. Ein Stapel makellos gebügelter Taschentücher fiel zu Boden. Ich hob sie auf und bewunderte die luxuriösen Randverzierungen aus venezianischer Spitze und die dicht gestickten scharlachroten Monogramme, eingefasst mit Gold: DdC.
»Duquessa del Campo?«, riet ich, als ich die Taschentücher der Taft-Mary reichte.
»Ganz recht. Wo steckt nur dieses Foto?«, jammerte Satin.
Da ich glücklicherweise bereits auf den Beinen war, während sie suchten, nahm ich mir die Freiheit heraus, im Gemach umherzuspazieren und den reichhaltigen Luxus zu bestaunen: ein prächtiger Farngarten, gut bestückte Bücherregale mit Glastür, enorme exotische Vasen, in denen Pfauenfedern steckten, als wären es Blumen, ein absolut herrlicher Schreibtisch mit Intarsien aus Rosenholz …
Auf dem Schreibtisch lag ein halb fertiggestellter Brief, geschrieben mit blauer Tinte auf einem Papier herausragender Güte mit dem DdC-Monogramm darauf. Dieser Brief interessierte mich über alle Maßen, obwohl ich darauf achtgab, den Anschein zu erwecken, als würde ich rein zufällig in seine Richtung schlendern. Anhand der Handschrift einer Person kann ich allerlei über sie ableiten, und Blanchefleurs Schrift erschien außergewöhnlich viel Bescheidenheit auszustrahlen: keinerlei Schnörkel, jeder Buchstabe schlicht und behutsam geformt. In der Tat unterschied sie sich allein durch die Größe von der eines Kindes.
Auch der Inhalt des Briefs war bemerkenswert. Vielleicht sollte ich erklären, dass ich eine Seite mit nur einem Blick vollständig lesen und begreifen kann, womöglich weil ich es als Kind auf mich genommen hatte, die gesamte Encyclopaedia Britannica zu lesen, wodurch ich sehr geübt und schnell wurde. Auch wenn ich es vermutlich nicht Wort für Wort exakt im Gedächtnis abspeicherte, stand im Brief der Lady sinngemäß Folgendes:
Liebste Mama,
ich hoffe, Euch und meinem liebsten Papa geht es gut. Ich vertraue darauf, dass er im warmen Sommerwetter weniger mit seinem Rheuma zu kämpfen hat. Danke, dass Ihr mir Euer Rezept zur Zubereitung von Aal in Minzsoße mit Kürbisgemüse geschickt habt. Ich habe es der Köchin in allen Einzelheiten beschrieben und gewiss werden wir es bald kosten dürfen. Meine größten, und tatsächlich auch einzigen, Neuigkeiten sind mein neues Kleid von Redfern, das mir mein lieber Gatte auf Drängen von Mary T. und Mary H. bestellt hat. Natürlich ist es hinreißend und schon in ein oder zwei Seiten werdet Ihr ausführlich darüber lesen können, versprochen – doch Mama, als Nächstes wollen sie mich nach Paris bringen, um mich von Worth einkleiden zu lassen, und gerade Ihr wisst, wie schrecklich ich mich bei so viel Extravaganz fühle. Was habe ich in meinem Leben je Gutes oder Nützliches getan, um so viel Reichtum zu verdienen? Ich weiß, Papa hat mir immer erzählt, dass wir so gut gestellt sind, weil Gott es so vorgesehen hat, und dass die Armen aus demselben Grund oder aber weil sie faul sind, eben arm sind. Aber damit kann ich mich nicht zufriedengeben. Ich sehe die Armen auf der Straße – hier in London kann man keinen Schritt vor die Tür tun, ohne auf sie zu treffen, die blinden Bettler, verkrüppelten Soldaten, kraushaarigen Frauen, die kleine Blumensträußchen verkaufen, die Kinder in ihren Lumpen – und sie tun mir so schrecklich leid. Ich schenke ihnen Pennys und meine Hofdamen schelten mich dafür, obwohl sie natürlich so gut sind, meinem Gatten nichts davon zu berichten – der liebe Luis. Ihr wisst, wie leidenschaftlich er auf jede Kleinigkeit reagiert, entweder brüllt er wie ein Drache oder bedeckt mich mit so lauten Küssen, dass es mir peinlich ist. Ich hatte angenommen, sein Überschwang würde im Laufe der Jahre abnehmen, da ich mich so unwürdig fühle, seine Frau zu sein, habe ich ihm doch noch immer keine Kinder schenken können, aber nein. Selbstverständlich darf man weder verzagen noch undankbar sein, doch wie ein Kleid von Redfern die Dinge in Ordnung bringen soll, ist mir ein Rätsel. Vergebt mir, sollte ich undankbar erscheinen. Ich weiß kaum, wie ich den Aufruhr meiner Gefühle in Worte fassen soll.
Offenbar entsprach das der Wahrheit, denn an dieser Stelle brach der Brief ab. Tatsächlich ging es mir ganz ähnlich, auch ich wusste meine Gefühle nicht recht einzuordnen. Ich hatte erwartet, Blanchefleur würde sich als verwöhnte und verachtenswerte Aristokratin erweisen, doch sie zeigte offenkundig Gewissen und Bewusstsein, wodurch ich mich fragte, ob ich sie vielleicht sogar mögen würde, sollte ich sie je persönlich kennenlernen.
»Ah! Da ist es ja!«, rief Mary Satin.
Ich eilte zu ihr und sie zeigte mir eine große Fotografie im Klapprahmen, den ich öffnete.
Kapitel 5
Verloren und verlassen wirkte das schmale Gesicht der Duquessa inmitten ihrer eigenen goldblonden Haarpracht und dem alarmierend überschwänglichen Kostüm. Ihr trauriger Blick traf meinen, und zwar über einem unvorstellbar übertriebenen Rüschenkragen aus Seide mit einer weichen Schleife an der Seite statt vorn. Eine dazu passende Schleife fand sich auf der anderen Seite des … Lieber Himmel, was für ein drakonischer Gürtel! Ungläubig starrte ich darauf und platzte heraus: »Ich glaube, Ihro Gnaden hat die schmalste Taille, die ich je gesehen habe.«
»Gut möglich!«, sagte Tafta stolz. »Seit der Kindheit trägt die liebe Blanchefleur ein Löffelkorsett.«
Du meine Güte! Ein Korsett, das komplett Ober- und Unterkörper bedeckt, mit einem »Löffel« aus massivem Metall, der jegliches Hervortreten von Körperteilen unterhalb der Büste minimiert. Und das seit der Kindheit! Ich konnte mir ihr Leiden kaum vorstellen. Notwendigerweise trug ich selbst ein Korsett, um Gegenstände wie etwa meinen Dolch darin zu verbergen, doch ich schnüre es nie fest. Und selbst da kann ich es kaum erwarten, das steife Ding am Ende des Tages endlich loszuwerden …
»Sie trägt es ununterbrochen, selbst beim Schlafen.«
Die Duquessa trug ihr Korsett sogar noch zum Schlafen? Solch ein Martyrium für eine schmale Taille wurde von adligen Damen erwartet, dennoch, wie … wie grässlich.
»Allein mit der Ausnahme ihres Wochenbetts.«
Wochenbett? »Dann hat sie, ähm …?«
»Leider waren es beide Male Fehlgeburten.«
Wen wunderte es?!
»Sehr enttäuschend und dabei ebenso schmerzhaft wie eine Lebendgeburt. Sie haben die Gesundheit von Ihro Gnaden stark in Mitleidenschaft gezogen.«
In der Tat. Liebe Güte, so verkrüppelt vom übertriebenen Schnüren, hätte die Duquessa sehr wohl selbst sterben können. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie sie ein Kind zur Welt bringen sollte, was jedoch allem Anschein nach von ihr erwartet wurde.
»Mir scheint«, sagte Mary-in-Satin und nahm mir die Fotografie wieder ab, »dass Mr Sherlock Holmes dies sehen sollte. Ich glaube, ich habe ihn noch vor einem Moment im Erdgeschoss gehört.«
Oh nein. Ich tat so, als hätte ich sie nicht wahrgenommen, und brabbelte: »Ihro Gnaden trug natürlich Handschuhe?«
»Oh ja, aus weißer Spitze.«
»Und was hatte Ihro Gnaden zu ihrem Ensemble sonst noch bei sich?« Denn eine Lady trug in der Öffentlichkeit immer etwas bei sich, etwa einen Pompadour, einen Muff, einen Fächer oder …
»Einen Sonnenschirm aus weißer Spitze mit einem Besatz aus Moiréseide, passend zum Kleid«, antwortete Tafta. »Und in der anderen Hand ein Taschentuch.«
Das überraschte mich etwas. Taschentücher wurden für gewöhnlich von unverheirateten jungen Damen mitgeführt, gehalten exakt in der Mitte, sodass die Ecken sich auffächern und das Tuch umgehend fallen gelassen werden kann, sollte sich ein begehrenswerter Mann in der Nähe aufhalten.
»Blanchefleur brauchte es«, ergänzte Satin, um meine unausgesprochene Frage zu beantworten, »um es sich hin und wieder an die Nase zu halten, da sie leichtes Asthma hatte. Hat, meine ich.« Ihr Tonfall war reichlich steif geworden. Sie ärgerte sich über sich selbst und fühlte sich von mir beleidigt. »Ich werde Sie hinausbegleiten.«
Und so endete meine Audienz abrupt, doch warum rief sie kein Hausmädchen, um mich fortbringen zu lassen?
»Kommen Sie.« Schwungvoll ging sie auf die Tür des Boudoirs zu, den Klappbilderrahmen noch immer an sich gedrückt.
Oh, was für ein Pech! Sie wollte das vermaledeite Ding Mr Sherlock Holmes zeigen. Persönlich. In der Tat, sie konnte es kaum erwarten.
Heiliger Strohsack! Was sollte ich nur tun? Während ich der arroganten Hofdame Richtung Treppe folgte, flitzte mein Geist wie eine Ratte in der Falle hierhin und dorthin, denn sollte Sherlock mich bemerken, könnten die Folgen verheerend sein. Obwohl ich mir einzureden versuchte, dass er mich in meiner schicken und erwachsenen Robe mit dem Hut nicht erkennen würde, könnte er doch fragen, wer ich war, und würde man ihm erzählen, dass ich Dr. Ragostins Assistentin war … Nein, das durfte nicht geschehen. Eine solche Situation konnte ich nicht zulassen. Er durfte von meiner Existenz gar nicht erst Kenntnis nehmen, und …
Sobald wir den Treppenabsatz erreichten, erkannte ich mit klopfendem Herzen mitten im geschwungenen Eingang die unverkennbare, hochgewachsene Gestalt meines Bruders, der sich soeben vom Duque Luis Orlando del Campo höchstpersönlich verabschiedete.
»… hoffe inständig, Sie werden etwas Licht in die grauenvolle Düsternis bringen, die über meine Familie hereingebrochen ist.«
Die Hände hinter dem Rücken verschränkt und den Kopf leicht geneigt, hörte Sherlock ihm zu, sodass es den Eindruck von höchstmöglicher Aufmerksamkeit und ebensolchem Mitgefühl erweckte. Ganz bestimmt jedoch wollte Sherlock nichts dringender, als endlich seinen Hut, seine Handschuhe und seinen Stock vom Tisch in der Halle zu nehmen und sich auf den Weg zu machen …
Dieser spindeldürre kleine Empfangstisch – oder Hutständer – befand sich nahe dem Fuß der Treppe, gegenüber der Haustür.
Fast bevor mein Geist zu Ende gedacht hatte, hatten meine Augen bereits gefunden und meine Hände ergriffen, was ich benötigte. Zwei oder drei Katzen spazierten das Geländer auf und ab. Die größte, ein geschmeidiges Exemplar von der Farbe eines Löwen, hob ich mit einer Hand unter dem Bauch in die Höhe und trug sie auf dem Arm. Während ich mein Köfferchen von zwei Fingern baumeln ließ, kraulte ich den länglichen Kopf mit der freien Hand, damit sie keinen Laut von sich geben würde – noch nicht.
Die Satin-Mary, die ganz auf Sherlock Holmes konzentriert vor mir herraschelte, bemerkte nichts von all dem. Auch sonst sah keiner, wie ich die Katze hochnahm, und schließlich erreichten wir das Erdgeschoss.
Obwohl ich aus Überzeugung grundsätzlich gut mit Tieren umgehe, muss ich gestehen, dass ich das arme Kätzchen kurz am Schwanz packte, um es höchstmöglich zu empören, bevor ich es (mit bewundernswerter Treffsicherheit) auf den Hutständer warf.
Das Ablenkungsmanöver war ein Erfolg auf ganzer Linie. Nicht nur, dass die unglückliche Katze wie ein Milchmädchen kreischte, das von einer Kuh getreten worden war, als das Tier landete, rutschten und kratzten seine Krallen obendrein über das gewachste Holz. Es stieß den Zylinder meines Bruders, dessen Handschuhe und Stock auf den Boden, bevor der ganze Tisch umkippte.
Zumindest hörte ich lautes Poltern, während alle Anwesenden mir den Rücken zukehrten und ich durch die Tür ins Freie schlüpfte. Ich hörte jemanden, vermutlich den Duque, brüllen: »Verfluchte Katzenviecher!« und noch etwas darüber, dass ihretwegen ständig Dinge zu Bruch gingen, doch mehr kann ich nicht berichten. Zu meinem Unglück kann ich solche Szenen wie diese nie voll auskosten, da ich für gewöhnlich die Flucht ergreife, während sie sich abspielen.
Doch man darf sich nicht beklagen. Sobald ich das Haus hinter mir gelassen und um die erste Straßenecke gebogen war, war ich beruhigt, dass weder mein Bruder noch sonst jemand im Augenblick einen Gedanken an mich verschwendete.
Nur in Bezug auf das Schicksal der jungen Duquessa hatte ich keine Ruhe, wusste ich doch, dass sie im Untergrund verschwunden war.
Die wenigsten der Ober- oder auch der Mittelschicht begriffen, in welchem Ausmaß London eigentlich aus zwei Welten besteht, der oberirdischen und der darunter. Schon früh hat es viele Flüsse gegeben, die in die Themse strömten. Während die Stadt sich immer weiter ausbreitete, wurden sie überdeckt und dienten als Abwassersystem, jedoch nur bis zur großen Choleraepidemie, nach der ein neues Abwassersystem angelegt wurde, um Abfälle und Unrat Richtung Meer zu befördern. Dennoch gab es diese alten Flüsse nach wie vor. Und dann war die unterirdische Schienenbahn errichtet worden! Wofür die Arbeiter zahlreiche Tunnel anlegen mussten. Eigentlich war es ein Wunder, dass die Stadt auf einem solchen Schweizer Käse von unterirdischen Gängen und Schächten nicht in sich zusammenbrach. Gewiss gab es in einem solchen Wirrwarr Tunnel, die Schurken dazu nutzen konnten, eine reiche Lady zum Zwecke einer Lösegeldforderung zu entführen, nicht wahr?
Ich musste den Untergrundbahnhof an der Baker Street näher untersuchen.
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