Kitabı oku: «SchattenHaut & SchattenWolf»
Inhalt
Titelseite
Impressum
Über die Autorin
SchattenHaut
SchattenWolf
Nané Lénard
SchattenHaut
und
SchattenWolf

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im
Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de
© 2011 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln
Auflage 2015
www.niemeyer-buch.de
Alle Rechte vorbehalten
eISBN: 978-3-8271-9888-4
EPub Produktion durch ANSENSO Publishing www.ansensopublishing.de
Die Romane spielen hauptsächlich in allseits bekannten Stätten, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.
Über die Autorin:
Nané Lénard wurde 1965 in Bückeburg geboren und ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Nach dem Abitur und einer Ausbildung im medizinischen Bereich studierte sie später Rechtsund Sozialwissenschaften sowie Neue deutsche Literaturwissenschaften.
Von 1998 an war sie als Freie Journalistin für die regionale Presse tätig. Ab 2009 arbeitete sie für unterschiedliche Firmen im Bereich Marketing und Redaktion. Seit 2014 ist Lénard als freiberufliche Schriftstellerin tätig.
Von ihr wurden neben den Romanen bereits mehrere Gedichte und Kurzgeschichten veröffentlicht.
Mehr über Nané Lénard und ihre Aktivitäten erfahren Sie unter www.nanelenard.de
Nané Lénard
SchattenHaut
Hetzers und Kruses 1. Fall

Inhalt
Titelseite
16. Juli 1963, 21:30 Uhr
16. Juli 1963, 22:25 Uhr
Herbst 2010, Der Kommissar
Der Pfarrer
Wasserwanderung
Der erste Tag
Die Obduktion
Abendgedanken
Im Netz
Die Bescherung
Bennos Verschwinden
Im Verließ
Hetzers Traum
Susis Geheimnis
Die Ratte
Bennos Erkenntnis
Die Obduktion der Ratte
Bennos Ende
Gefüllte Paprika
Bennos Neigungen
Albtraumnacht
In der Eulenburg
Nadjas Entdeckung
Der Mantel
Das Witwenhaus
Sonntagabend
Unter dem Griff
Stille Wasser
Bennos Vermächtnis
Übers Wasser wandern
Die Täuschung
Im Keller
Sabines Verhängnis
Pfarrer Martins Vermutung
Moni
Sabines Erwachen
Das Essen
Die alte Tongrube
Im Beichtstuhl
Schneesturm
Im Iglu
Wasserwürmer
Alles ist eins
Der Kuss
Kopflos
In der Anstalt
Kaminabend in Todenmann
Das Haus am Meer
Nadjas Verhör
Die Untersuchung
Neue Erkenntnisse
Nadjas Weiterbildung
Die Vermutung
Die Axt
Gefangen
Weihnachtsplanung
Endstation
Das Verwirrspiel
Der Liebestraum
Vollendung
Der Schock
Im Element
Eine neue Suche
Das Rätsel der rechten Hände
Eine mögliche Verbindung
Wolfs Dilemma
Ottos erstes Erwachen
Der Vater
Im Krankenhaus
DNA
Ottos Zusammenbruch
Gedanken und Gespräche
In der Zelle
Seppis Nachforschungen
Ottos Weihnachten
Heiligabend 2010
Auf dem Eiffelturm
Das Essen
16. Juli 1963, 22:59 Uhr
In der heiligen Nacht
Haut, die im Dunklen verborgen,
vergiftet das Heute ins Morgen
und tötet die Seele aus Leid.
Denn was am Anfang geborgen,
geliebt und bewahrt war vor Sorgen,
muss weichen den Zeichen der Zeit.
Was schmerzlich als Fluch nur dem Träger vertraut,
lebt schweigend und lichtlos als Schattenhaut.
Anfang und Ende
16. Juli 1963, 21:30 Uhr
Sie konnte ihr eigenes Blut riechen. Der Schmerz, dieser unglaubliche Schmerz wollte nicht von ihr verschwinden. Er ließ ihr kaum die Möglichkeit zum Atmen. Sie schrie, doch es kam nur noch ein heiseres Krächzen. Noch während sie gegen das Messer ankämpfte, das in ihr zu stecken schien, war plötzlich alles vorbei.
Ende und Anfang.
Und während der Tag und ihre Kraft dahindämmerten, hörte sie wie von Ferne, dass ihr jemand etwas zurief.
16. Juli 1963, 22:25 Uhr
„Es ist ein Mädchen!“, sagte die Hebamme und strahlte die Mutter an.
Ein Glück, dachte sie, er hatte sich so sehr ein Mädchen gewünscht. Allmählich kehrten ihre Kräfte zurück. Der kurze Schlaf hatte ihr gut getan.
„Hier ist Ihre Tochter. Wie soll sie denn heißen?“
Vorsichtig bettete Hebamme Ute die Kleine in die Armbeuge der Mutter.
„Wir wollten sie gerne Susanne Michaela nennen“, antwortete Gisela abwesend und hatte nur Augen für das winzige Gesicht. Sie bemerkte nicht einmal, wie sich leise die Tür schloss und sie plötzlich allein im Raum war. Nein, nicht ganz allein. Susi machte auf sich aufmerksam. Sie schmatzte und gluckste im Schlaf.
Herbst 2010, Der Kommissar
Unter der Frankenburg war der Herbst eingezogen. Wolf Hetzer streckte sich gemütlich vor seinem Kaminofen aus und hielt die feuchten Wollsocken in die Wärme. Er hätte Gummistiefel anziehen sollen, dachte er, aber wie gewöhnlich war er in seine Lieblingsschuhe gestiegen und hatte nicht weiter darüber nachgedacht, dass Waldwege feucht sein könnten. Vor allem Wege, wie Gaga sie liebte. Seine Schäferhündin war in allem eine Lady, aber eben ein bisschen gaga. Die Sängerin war nach ihr benannt. Darauf bestand Hetzer, denn seine Hündin trug den Namen zuerst.
Mittlerweile waren die Socken zwar warm, feucht waren sie aber immer noch. Mit einem Seufzer stand Hetzer auf, streifte sie sich von den Füßen und ging auf Zehenspitzen nach oben ins Schlafzimmer. Der Steinfußboden war trotz des Ofens kalt, da waren die Holzdielen im Schlafzimmer eindeutig angenehmer. In der Schublade ging der Sockenvorrat gegen null. Mist, ich muss waschen, dachte er und torkelte auf einem Bein, weil er mit dem Bund an der Hacke hängen geblieben war. Dabei wäre er fast auf Gagas Pfote gestiegen. Sie folgte ihm immer.
Hetzer wohnte erst seit ein paar Wochen in Todenmann. Hinter dem Berg hatte er alles zurückgelassen. Die alte Kate am Waldesrand war ein wenig baufällig gewesen, als er sie Anfang des Sommers zu einem Spottpreis kaufte. Jetzt war er weit weg von allem, von der Vergangenheit und über den Berg, wenn man so wollte. Nach und nach hatte er Altes restauriert und Kaputtes ersetzt. Das hatte ihn abgelenkt von sich selbst. Dreieinhalb Räume mit Küche und Bad waren jetzt sein neues Zuhause. Er teilte sie mit Gaga, Emil und den beiden Katern. Letztere waren ihm geblieben – von ihr. Zwei Kater als Halbwaisen. Emil, der Ganter, hielt draußen Wache, darin stand er Gaga in nichts nach.
Als es zu dämmern begann, streckte sich Hetzer gemütlich auf seinem Sofa aus und strich sich die krausen Haare aus dem Gesicht. Er hatte eben noch Holz nachgelegt und Emil in den Stall gebracht. Die Flammen tanzten hinter der Scheibe. Auf Gaga und ihm lag immer noch der Duft des Herbstes, feucht, leicht modrig und rau von der Nebelluft. Er dachte an den Wald, den er liebte und verdrängte das, was dahinter lag. Das Feuer machte ihn schläfrig und so döste er seinem ersten Arbeitstag im Rintelner Kommissariat entgegen.
Der Pfarrer
Am selben Abend, 21:56 Uhr
Es klingelte. Josef war in seinem Ohrensessel über einem Buch und einem Glas Rotwein eingenickt. Jetzt streckte er sich, sah, dass die Standuhr beinahe zehn zeigte. Schwerfällig quälte er sich aus dem Sessel, alle Knochen taten ihm weh.
Wer rief denn jetzt noch an? Weil er noch nicht ganz wach war, wäre ihm der Hörer fast wieder aus der Hand gefallen. Aber er erwischte ihn noch und riss ihn ans Ohr.
„Guten Abend“, sagte die sanfte Stimme in der Leitung, „spreche ich mit Pfarrer Josef Fraas?“
„Am Apparat!“
„Ich werde mich umbringen.“
Jetzt war Josef mit einem Schlag wach. Er war im Ruhestand. Dachte, dass er diese menschlichen Katastrophen hinter sich gelassen hatte.
„Hören Sie, bitte, es gibt für alles eine Lösung, einen Ausweg. Wie heißen Sie?“
„Es gibt nicht immer einen Ausweg, und wie ich heiße, tut nichts zur Sache. Mein Name gehört ohnehin nicht zu mir.“
„Wer ist Ihr Seelsorger? Soll ich ihn für Sie anrufen? Gehören Sie zur Hamelner Gemeinde?“
„In diesem Fall sind auf jeden Fall Sie mein ,Seelsorger’. Sorgen Sie sich um meine Seele?“
„Dann kennen wir uns? Sind wir uns schon begegnet? Natürlich sorge ich mich um Ihre Seele, ich sorge mich um die Seele eines jeden Menschen. Vielleicht will Ihre heute gerettet werden.“
„Wenn Sie wirklich etwas für meine Seele tun wollen, dann kommen Sie runter zur Weser. Ich bin direkt am Ende der Fontanestraße den Trampelpfad heruntergegangen und dann ein Stück flussabwärts. Hier ist es so schön einsam, wie geschaffen für einen Freitod. Aber lassen Sie sich nicht allzu viel Zeit. Ich stehe schon mit den Füßen im Wasser, ich will nur die letzte Ölung.“
„Warten Sie, es ist viel zu kalt, wir haben Oktober. Herrgott, Maria und Josef. Tun sie nichts Unüberlegtes. Ich bin gleich da und dann reden wir. Ich habe es nicht weit. Ich muss nur schnell was anziehen. In fünf, maximal zehn Minuten bin ich da. Ich bringe Ihnen eine Decke mit.“
„Das wird nicht mehr nötig sein“, sagte die Stimme und legte auf.
Jetzt hatte es Fraas eilig. Der Fremde meinte es ernst, er hatte keine Zeit mehr. Den Notruf wollte und konnte er auch nicht mehr verständigen, außerdem kamen die immer mit so viel Trara. Wer weiß, ob der Mann verschreckt werden würde. Dann konnte es zu einer Kurzschlussreaktion kommen. Nein, er musste da allein hin, und zwar schnell. Im Keller stieg er in seine Schuhe und seinen Wintermantel, griff die große Taschenlampe, warf sich eine Decke über die Schulter und ging so schnell er konnte in Richtung Fluss. Früher hätte er rennen können, aber das ließen seine alten Knochen nicht mehr zu, er war schon über siebzig. Vielleicht war es gut, dass der Fremde ihn angerufen hatte, immerhin hatte er Erfahrung mit Menschen in den schwierigsten Lebenssituationen.
Der Weg hinunter zum Ufer war für ihn eine Herausforderung. Ohne Taschenlampe wäre er sicher gestürzt, hier war es stockfinster. Nur manchmal riss die Wolkendecke durch den starken Wind auf. Da brachte der Mond wenig Licht.
Es war fast Neumond.
„Hier bin ich“, raunte die sanfte Stimme nahe dem Flussufer.
Der Mann stand tatsächlich im Wasser.
„Kommen Sie raus, lassen Sie uns in Ruhe reden.“
„Wir können auch so reden. Was möchten Sie mir denn sagen?“
„Ich möchte Ihnen sagen, dass Sie – egal was Ihnen passiert ist – immer wieder Freude am Leben finden können. Es wird auch wieder schöne Tage geben.“
Ein Lachen durchriss den Sturm. Es war mehr ein Schreien, das nur langsam über dem Flussbett verhallte.
„Das sind leere Worte, Sie können sich gar nicht vorstellen, wie leer diese Worte sind – vor allem für mich. Alles Phrasen, alles Geplapper. Haben Sie nicht mehr zu bieten?“
„Sie müssen mir erklären, was Ihnen geschehen ist. Ich möchte Ihnen so gerne helfen. Aber das kann ich nicht, wenn ich nicht weiß, was passiert ist.“
„Oh, das sollten Sie aber genau wissen, denn Sie sind dafür verantwortlich. Sie gehören zu den Menschen, die mich zu dem gemacht haben, was ich bin. Es war Ihre Entscheidung, Ihr Rat. Sie sind ein Teil des Gerichts gewesen, das über mich geurteilt hat. In diesem Moment haben Sie meine Seele zerstört und darum ist sie jetzt auch nicht mehr zu retten.“
Der Fremde machte einen Schritt rückwärts und stand jetzt bis zu den Knien im Wasser.
„So warten Sie doch! Bitte lassen Sie mich Ihnen helfen. Wie kann ich das Unrecht wiedergutmachen, das Ihnen geschehen ist. Was um Himmels willen habe ich denn getan ...?“
Fraas dachte nach. Sicher hatte er in seiner Amtszeit Fehler gemacht. Und ganz bestimmt war sein Rat nicht immer der richtige gewesen. Aber er hatte stets in guter Absicht, im Sinne Gottes gehandelt. Das musste ihm der Fremde doch glauben.
„... bitte sagen Sie mir, was damals passiert ist, ich möchte Ihnen wirklich helfen. Bitte!“
„Dann müssen Sie zu mir kommen. Ich kann es nicht laut sagen. Es muss im Verborgenen bleiben. Niemand darf es wissen.“
„Hier kann Sie doch niemand hören. Meinen Sie, dass ich zu Ihnen ins Wasser kommen soll? Hier ist doch niemand. Ich bin alt, meine Füße werden nass. Es ist schon so bitterkalt. Bitte nehmen Sie Rücksicht und kommen Sie ans Ufer.“
„Auf keinen Fall. Wenn Sie nicht kommen, haben Sie auch noch den Rest meiner armseligen Seele auf dem Gewissen. Ich gehe jetzt weiter rein. Meine Unterschenkel spüre ich schon nicht mehr.“
„Halt!“, rief Pfarrer Josef und setzte den ersten Fuß schaudernd in die Weser, „ich komme ja.“
Das Gehen im Wasser fiel ihm schwer, sofort drang es in das warme Futter seiner Schuhe. Es war, als hätte er Blei an den Füßen. Als er den Mann erreichte, schaute er ihn direkt an.
Er hatte keine Erinnerung an dieses Gesicht, er kannte ihn nicht. Seine Beine und Füße froren erbärmlich.
„Drehen Sie sich zur Seite, damit ich Ihnen ins Ohr flüstern kann, was mich bedrückt“, bat der Mann.
„Hier kann uns doch nun wirklich niemand hören“, sagte Fraas und neigte sich zu ihm.
Als er nun hörte, was der Unbekannte in seine Ohrmuschel sprach, wusste er, dass es wirklich nur leise gesagt werden konnte. Blankes Entsetzen stand in seinen Augen. Das hatte er alles nicht gewusst. Das waren damals andere Zeiten gewesen. Dafür konnte man ihn doch nicht verantwortlich machen. Und noch während er über das Gesagte nachdachte, das dem Mann angetan und jetzt ihm zur Last gelegt werden sollte, hörte das Denken einfach auf, er atmete nur noch, dann gaben seine Beine nach.
Der Fremde fing den Pfarrer auf. Ja, niemand war schuld. Er war das Opfer, aber niemand trug die Schuld. Er schleifte den Bewusstlosen ans Ufer und legte ihn im Gras ab. Da er eine Anglerhose trug, war er vollkommen trocken geblieben.
Jetzt lag er da, der Geistliche, der Seelenretter, der Seelsorger. Gottes Sprachrohr auf Erden. Es konnte nicht Gottes Wille gewesen sein, zu dem er damals geraten hatte. Das wäre doch ein Widerspruch in sich gewesen. Diese verlogene Ratte. Er war überfordert gewesen. Für ihn hatte es nur schwarz und weiß gegeben. Keine Graustufen. Das Denken war beschränkt, sein Rat tendierte zum kleineren Übel. Es war einfacher, ein Loch zu graben, als einen Pfahl zu bauen.
Dafür würde er jetzt büßen, würde dieselbe Erfahrung machen. Aber nur kurz, denn dann würde er ihn ersäufen, wie eine Ratte. Wie die Ratte, die er gewesen war.
Der fast blutleere Körper versank in der Weser wie ein Stein. So ein Wintermantel konnte viele Kilo schwer werden. Da war Josef Fraas immer noch nicht tot. Aber er war viel zu schwach vor Kälte, vom Schmerz und von der Schmach, dass er den Weg zum Allerhöchsten dankbar annahm und ertrank.
Wasserwanderung
Der entseelte Pfarrer trieb langsam in Richtung Flussmitte, wo die Strömung am stärksten war. Sie nahm ihn gnädig auf und spielte mit ihm. Zog ihn unter Wasser in einen Strudel, spie ihn fünf Meter weiter wieder aus, drehte mit ihm eine Pirouette und ließ sein Haar wie im Wind flattern. Im Tod hatte er sich vor Schmerz zusammengekrümmt. Wie ein großer Embryo mit Mantel und Schuhen meisterte er die ersten beiden Weserkrümmungen vor Wehrbergen und glitt dann etwas gestreckter in nordwestlicher Richtung davon.
Im Bogen bei Hessisch Oldendorf blieb Josef zunächst an einer alten Tonne hängen, die auf dem Wesergrund gestrandet war. Doch der Mantel zog ihn wieder in die Strömung zurück. Inzwischen hatten sich zwei Knöpfe aus den Löchern gelöst.
Westwärts trieb das Wasser ihn jetzt, und die schmale Sichel des Mondes beleuchtete seinen Weg, vorbei an Fuhlen, Rumbeck und Großenwieden, wo die Weser erneut einen Haken schlug und mehrfach die Richtung änderte. Josef hatte seine Not mit den Windungen, denn dort blieb er leicht am Ufer in den Ästen hängen. Einmal sogar über eine Stunde, bis das Holz dem Gewicht nachgab und als Anhängsel mitschwamm. Der Ast war wohl auch der Grund, warum der Leichnam einige Flusskilometer weiter unterhalb des Weserangerbades in Rinteln strandete. Er bohrte sich in eine der Buchten in den sandigen Untergrund. Ein nächtliches Schiff spülte ihn mit seinen Heckwellen an Land.
Und da lag er nun in der Morgendämmerung. Ein schwarzes Stück Strandgut, steif wie ein Baumstamm. Für eine Wasserleiche sah er gut aus. Dafür hatte die Kälte der Weser gesorgt. Nicht einmal die Fingerkuppen waren aufgequollen.
Dass er trotzdem die Spaziergängerin erschreckte, hätte er selbst am wenigsten gewollt. Aber es war nicht zu ändern. Er war tot und genau das sah man ihm an. Martha Schulze stieß einen Schrei aus, zog ihren Dackel so schnell sie konnte in die entgegengesetzte Richtung. Durch den Schrei waren andere Passanten oben auf der Weserbrücke aufmerksam geworden. Als die Polizei gegen neun Uhr am Tatort eintraf, hatte sich dort bereits eine Menge Schaulustiger versammelt, die von der Brücke gafften. Polizeikommissar Wilfried Müller hatte auch von Ferne mit einem Blick erkannt, dass hier andere Kräfte angefordert werden mussten. Über Funk informierte er die Kripo in Nienburg und Rinteln. Er ließ das Gelände weiträumig, sowie die Brücke für Fußgänger, absperren. Dass auf der gegenüberliegenden Seite der Weser bereits ebenfalls Katastrophentouristen lauerten, konnte er nicht verhindern. Die Wasserschutzpolizei aus Hameln war bereits unterwegs. Schichtführer Müller wollte alles Notwendige veranlasst haben, bis die Kripo eintraf.
Der erste Tag
Schon vor dem ersten Weckerklingeln war Wolf Hetzer wach. Er war nicht direkt aufgeregt, aber es war schon ein besonderer Tag. Die Rintelner Beamten, die er sonst nur von städteübergreifenden Ermittlungen kannte, würden ab heute seine neuen Kollegen sein.
Gaga tat, als schliefe sie noch, doch er wusste es besser. Sie hatte ihren Kopf auf seinen Hausschuh gelegt. Vorsichtig stupste er sie mit der großen Zehe, worauf sie sich brummend auf die Seite rollte und den Schuh freigab.
Im Bad war es frisch. Mist, er hatte vergessen, das Fenster zuzumachen. Nachts war es jetzt schon empfindlich kalt. Bibbernd kam er aus der Dusche, stieg sofort in seinen Bademantel und floh in die Küche. Ein heißer Kaffee war jetzt genau das Richtige. Die Brötchen hingen schon an der Haustür. Diesen Luxus leistete er sich. Wo gab es das schon noch, außer in Todenmann, dass einem jemand die Brötchen ans Haus brachte. In den ersten Wochen hatte Gaga noch angeschlagen. Jetzt kannte sie den jungen Mann und blinzelte nur noch einmal müde in Richtung Tür, wenn der Bote kam, der außerdem die Zeitung mitbrachte.
Bevor der Kaffee durchgelaufen war, sprang Hetzer in Jeans und Hemd. Er musste Gaga und Emil rauslassen.
Der Tag schien schön zu werden, leichter Raureif lag auf der Wiese. Weiter oben hing noch der Nebel in den Bäumen und machte das Bunte blasser. Aber kalt war es. Verdammt kalt. Schnell zurück in die warme Küche. Der Duft von Kaffee und Brötchen war berauschend. Es ging doch nichts über ein gemütliches Frühstück. Dafür stand Wolf Hetzer sogar früher auf, denn er hasste Hektik am Morgen. Das Croissant aß er zuletzt. Er musste immer einen süßen Abschluss haben.
Gegen halb acht verließ er das Haus, stieg in seinen Ford und fuhr in Richtung Stadt. Die alten Bahnschienen humpelten noch wie vor zwanzig Jahren. Kurz hinter der Weserbrücke bog er rechts ab und fuhr durch die Drift zum Hasphurtweg. Jetzt hatte er hinter der Wache sogar seinen eigenen Parkplatz.
„Guten Morgen und herzlich willkommen!“, begrüßte ihn Kriminalhauptkommissar Mensching. „Was für ein Einstand! Sie können gleich mitkommen. Wir haben eine Leiche am Weserufer.“
„Klar“, grinste Hetzer, „das haben Sie extra für mich organisiert.“
Mensching stutzte, dann schmunzelte auch er. „Nein, im Ernst, das ist kein Witz. Es ist heute Morgen ein toter Mann westlich des Weserangerbades angespült worden. Und nun zack, zack. Sie fahren mit Kruse. Er ist Ihr neuer Partner.“
Bei Peter Kruse hatte die Wirkung des Polizeisports über die Jahre stark nachgelassen. Er war jetzt Mitte dreißig und schwamm im Wasser auf jeden Fall oben. Dabei sah er nicht fett oder schwabbelig aus, eher in allem ein bisschen zu groß geraten. Mit seinen 195 cm Körperhöhe überragte er auch Hetzer um Haupteslänge. Kruse spielte gerne die zweite Geige. Verantwortung übernahm er durchaus, aber zu viel durfte es nicht sein. Er hatte ohnehin nicht damit gerechnet, dass er Hetzers Posten bekommen würde, und wenn er genau darüber nachdachte, war er auch jetzt heilfroh, dass dieser Kelch an ihm vorübergegangen war. Immerhin schien der Neue kein Spießer zu sein und auch kein arrogantes Arschloch. Er hatte die alte Schleuder gesehen, mit der Hetzer zum Dienst gekommen war.
Als Hetzer Kruses Hand schüttelte, in der sich seine eigene ganz verloren vorkam, zwinkerte er ihm zu und sagte:
„Wolf ist mein Name, aber ich beiße nicht.“
„Na, dann sind wir jetzt Peter und der Wolf!“, witzelte Kruse und musste selbst über seinen blöden Scherz am meisten lachen.
„Wer weiß, vielleicht werden wir so das gefürchtete Ermittlerduo ...“
„Ja, wer weiß ...“, beruhigte sich Peter allmählich und warf Hetzer den BMW-Schlüssel zu. „Hier, jetzt kannst du mal ein ordentliches Auto fahren.“
„Moment, meins fährt immerhin mit Gas und das ist ganz ordentlich – egal, wie es aussieht.“
„Ist schon gut, ich wollte dich nicht ärgern. Komm, lass uns abdüsen. Willst du fahren oder soll ich?“
„Nee, fahr du mal, du kennst dich hier besser aus, außerdem bin ich eh nicht so scharf aufs Autofahren.“
Gegen halb neun erreichten sie den Fundort über den Parkplatz am Weseranger. Hetzer musste feststellen, dass das Gras noch feucht war.
So ein Mist, gerade waren seine Lieblingsschuhe wieder trocken geworden. Na ja, sei’s drum, das war nicht zu ändern. Sie konnten nachher schnell bei ihm zu Hause vorbeifahren. Er musste sowieso mal nach Gaga sehen.
Pfarrer Fraas lag auf dem Bauch. Noch verbarg der Mantel sein nacktes Gesäß. Am Hinterkopf sah es so aus, als habe er dort eine Verletzung. Als Hetzer und Kruse genauer hinsahen, entdeckten sie einen zehn Zentimeter langen Riss der Schädelhaut. Auch am Hals klaffte ein Spalt im Fleisch. Das sah nicht nach einem natürlichen Tod aus.
Kruse rief in Stadthagen an und forderte die Rechtsmedizinerin an. Während sie warteten, sahen sie sich am Ufer der Weser um und überlegten, ob die Leiche flussaufwärts wohl ins Wasser gestoßen worden sein könnte. Sie glaubten nicht, dass er hier in Höhe des Weserangerbades getötet worden war. Der Blutverlust durch die Wunden musste groß gewesen sein, aber hier waren auf den ersten Blick im Gebiet rund um den Körper keine Blutspuren zu finden. Die KTU würde genauere Untersuchungen anstellen. Nachdenklich kehrten sie zum Toten zurück. Dr. Mechthild von der Weiden war eben angekommen.
„Moin“, sagte sie und drückte Wolfs Hand so stark, dass er dadurch fast in die Knie ging. „Sie müssen der Neue sein. Ich bin Mechthild. Rechtsmedizin der MHH, Institut oder Außenstelle Stadthagen. Ganz, wie Sie wollen.“
„Ich bin Wolf, Wolf Hetzer, um genau zu sein.“
„Aber Sie beißen nicht? Kleiner Scherz. Den haben sich Ihre Eltern wohl auch erlaubt, damals – kurz nach Ihrer Geburt.“
„Es konnte doch niemand wissen, dass ich zur Polizei gehen würde. Ich hätte auch Uhrmacher werden können.“
„Auf keinen Fall! Mit dem Namen war das doch wohl Programm. Anderweitig hätten Sie sich eher blamiert. Ich habe mir meinen Namen auch nicht ausgesucht. Mechthild. Macht und Kampf. Aber er passt auch zu meinem Beruf. Vielleicht wird man, wie man geheißen wird? Doch nun genug des philosophischen Plauderns. Wir haben es hier mit einem Mann um die siebzig zu tun. Er ist wahrscheinlich noch keine zwölf Stunden tot. Die kann er gut im Wasser verbracht haben. Er ist steif wie ein Brett. Bei diesen Temperaturen bleibt eine Wasserleiche schön frisch. Die typischen Erscheinungsmerkmale wie Waschhaut an den Fingerbeeren zeigen sich erst nach Tagen oder Wochen. Am hinteren Schädel – schauen Sie hier – sind ganz eindeutig Zeichen einer Verletzung zu erkennen, wahrscheinlich durch einen stumpfen Gegenstand. Ob dies die Todesursache gewesen ist, kann ich nicht sagen. Wenn Sie den Mantel anheben, werden Sie feststellen, dass der Tote keine Hose trägt. Das ist merkwürdig. Wir drehen ihn mal um.“
Hetzer, Kruse und Dr. von der Weiden sogen fast gleichzeitig die kühle Morgenluft ein, als der Leichnam ein weiteres Geheimnis preisgab. Er war kastriert. Penis und Hoden waren mit sauberem Schnitt vom Körper abgetrennt worden.
Das erklärte es auch, dass der Unbekannte keine Totenflecken hatte.
Er war ausgeblutet.
An seiner Halsvorderseite war ebenfalls eine Verletzung zu sehen. Knapp vier Zentimeter lang, wie ein quer verlaufender Schnitt.
„Nichts für ungut, Wolf“, sagte Mechthild zum Abschied. „Du hast mir das mit deinem Namen doch nicht übel genommen?“
„Keineswegs, ich kenne das doch. Oder glaubst du, du wärst die Erste gewesen, die mich deswegen geärgert hätte?“
„Nicht? Das ist aber schade!“, schmunzelte die Pathologin. „Dann muss ich mir für das nächste Mal was besseres ausdenken. Du kannst mich übrigens ruhig Mica nennen.“
„Wieso denn Mica? Fährst du wie eine Wildsau?“
„Vielleicht auch das. Und ich liebe Finnland. Aber nein, das hat nichts damit zu tun. Mica ist eine Koseform von Mechthild und etwas zeitgemäßer für eine Frau, die mitten im Leben steht. Ich rufe dich an, wenn ich noch etwas Interessantes herausfinde.“
Es ließ sich nicht vermeiden, dass Mica zum Abschied Wolfs Hand drückte, aber diesmal war er darauf vorbereitet. Er hielt dagegen und fixierte sie mit seinen dunklen Augen. Sie grinste und stapfte durch das hohe Gras davon.
Hetzer und Kruse machten auf dem Rückweg zur Dienststelle einen kleinen Schlenker durch Todenmann. Wolf musste zugeben, dass der BMW die Steigungen zu seiner Kate unter der Frankenburg viel besser und satter meisterte als sein PS-schwacher Wagen mit Gasflasche. Ob der Heckantrieb natürlich hier im Winter auch so von Vorteil war, blieb mal dahingestellt. Doch noch war es Herbst. Und ein schöner Herbsttag obendrein. Dass er auch noch so spannend werden würde, hätte er nicht geglaubt.
Als die beiden auf den Hof fuhren, bellten Emil und Gaga im Duett. Gaga konnte durch den seitlichen Anbau, in dem heute der Hauswirtschaftsraum lag, das Haus verlassen, wann sie wollte. Das Grundstück war komplett eingezäunt, und er hatte eine Spezialklappe in die Tür bauen lassen. Sie funktionierte magnetisch, das Halsband war quasi die Eintrittskarte. Daher musste er sie normalerweise nicht zwischendurch in den Garten lassen.
Die nassen Schuhe hatten ebenfalls zu nassen Socken geführt. Wolf ließ beide im Hauswirtschaftsraum zum Trocknen und fühlte sich wie neugeboren, als er seine Kate mit einem neuen Fußensemble verließ. Warme Füße waren etwas Wertvolles. Peter hatte im Auto gewartet. Er hatte heute keine Lust, Gaga kennenzulernen. Er konnte ja auch nicht wissen, dass er sich mehr vor Emil hätte fürchten sollen.
Die Obduktion
Während Wolf Hetzer und Peter Kruse zur Dienststelle zurückfuhren, hatte Stefan Berthold von der Wasserschutzpolizei in Hameln per Funk durchgegeben, dass der mögliche Tatort bei Flusskilometer 136 in Hameln, etwas weserabwärts der Fontanestraße, liegen könnte.
Dort habe man eine Hose mit Blutanhaftungen in einem Strauch am Wasser gefunden.
Hetzer und Kruse machten sofort kehrt, stiegen wieder in den silbernen BMW und rasten auf der 433 in Richtung Hameln davon.
„Hast du gesehen, Wolf, die Kollegen aus Nienburg sind auch schon da.“
„Ja klar, der schwarze Volvo stand ein Stück weiter hinten.“
„Na, dann ist es ja gut, dass wir schon weg sind. Die Verteilung der Aufgaben können wir uns auch noch nachher anhören. Das waren noch Zeiten, als die einzelnen Dienststellen auch bei Kapitalverbrechen autark waren. Jetzt müssen wir immer erst abwarten, was Papi dort oben meint.“
Hetzer konnte sich das Grinsen nicht verkneifen.
„Nun sei doch nicht so hart, Peter, du wirst doch einsehen, dass hier einfach nicht genug passiert in unserem beschaulichen Weserbergland. In ganz Deutschland sind im letzten Jahr nur 365 Menschen ermordet worden. Die Gewalttaten halten sich auch in Grenzen. Da lohnt es sich einfach nicht, in jeder kleinen Stadt eine eigene Abteilung für Gewaltverbrechen zu beschäftigen. Und glaube mir, es wird bestimmt eine Sonderkommission eingerichtet werden, die wir leiten sollen.“
„Hm“, brummte Peter, „dann ermitteln wir mal mit Aussicht auf die gnädige Erlaubnis von ,Papi’.“
Der wenig liebevoll „Papi“ genannte Vorgesetzte war Kriminaloberrat Siegfried Eberlein, der – besonders bei Kapitalverbrechen – seine Finger im Spiel hatte.
Meist entsandte er einen seiner ihm untergebenen Hauptkommissare zur Sondierung der Lage, um anschließend durch dieses Sprachrohr Einfluss auf die Ermittlungen zu nehmen.
Sowohl Hetzer als auch Kruse kannten das Prozedere. Sie waren gespannt, wer ihnen diesmal zugeteilt werden würde.
Inzwischen hatten sie auf der Höhe von Hessisch Oldendorf die Weser überquert und fuhren nun auf der B 83 in Richtung Fischbeck.
Per Funk hielten sie mit den Kollegen auf dem Wasser Kontakt.
Sie hätten sie auch so nicht verfehlen können, denn das Boot war von der Straße aus gut sichtbar.
Direkt gegenüber der Einmündung zur Fontanestraße stellten sie den Wagen ab und schlenderten zum Ufer.
Hier war schon einiges los, die Spurensicherung war bereits vor Ort. Sie hatten den Bereich um den Strauch im Wasser und den Platz, wo das Opfer vermutlich ermordet worden war, abgesperrt. Hetzer und Kruse ließen sich zu der Stelle führen, wo das Gras wie im Kampf plattgewalzt und stellenweise wie mit rostroter Farbe bespritzt war.
„Wenn wir wüssten, wer der Tote ist, dann könnten wir besser verstehen, warum der Mann in der Nacht hierher gekommen ist, um seinen Mörder zu treffen.“
„In dem Alter ist es auf jeden Fall nicht normal, so am Flussufer entlangzuspazieren, vor allem ohne Hund. Vielleicht ist er auch entführt worden.“
„Auch mit Hund würdest du dich im Alter von siebzig Jahren nicht diesen Unebenheiten in der Dunkelheit aussetzen. Ich glaube ganz bestimmt, dass es einen wichtigen Grund gegeben haben muss, warum der Mann hier war. Komm, Peter, wir befragen mal die Bewohner in den Häusern an der Straße. Vielleicht hat jemand etwas gesehen oder gehört. Er muss doch geschrien haben, als er verletzt wurde.“
In diesem Moment klingelte Hetzers Handy.
„Na, böser Wolf“, stichelte Mica, „schon was erlegt? Oder hast du dein braun-graues Fell nur in den Wind gehalten?“
„Nein, meine liebe Mechthild.“ Hetzer sprach den Namen, den sie selbst so verabscheute, mit besonderer Inbrunst aus.
„Ist ja schon gut. Lassen wir den Mist. Ich wollte dir ein paar Informationen geben. Das Opfer muss gestern irgendwann zwischen 22:30 Uhr und Mitternacht gestorben sein. Dass der Mann kastriert war, hast du ja selbst gesehen, oder? Da lebte er leider noch. Es fehlt alles komplett und – man kann sagen, dass der Schnittverlauf fachlich nichts zu wünschen übrig lässt. Es könnte also sein, dass der Täter sich mit medizinischen Dingen auskennt oder Schlachter ist oder Bestatter.“
„Oder Pathologe. Das vereint alles in einem. Mensch, Mica, du hast vielleicht eine Phantasie!“
„Ohne die könnte ich auch meinen Beruf nicht ausüben, glaub mir. Er ist übrigens nicht an dem Schlag auf den Kopf gestorben. Der war zwar ziemlich heftig und ich tippe auf eine Taschenlampe als Tatwaffe, aber zum Tod hat der Aufprall nicht geführt, wenigstens nicht in dem Moment. Es waren Glassplitter in der Wunde. Vielleicht liegt die Lampe noch irgendwo.“
„Bisher ist keine Taschenlampe gefunden worden. Sie könnte natürlich auch in der Weser liegen.“
„Könnte sie. Übrigens ist der Mann ertrunken. In seinen Lungen war reinstes Weserwasser. Ansonsten wäre er aber auch verblutet oder an den Spätfolgen des Schlags gestorben. Drei Möglichkeiten für einen Exitus. Der Mörder ist auf Nummer sicher gegangen, denke ich. Aber es ist noch etwas merkwürdig.“ Mica zögerte.
„Ach ja, was denn?“
„Der Schildknorpel des Kehlkopfes wurde entfernt. Vor seinem Tod. Das kann man – wie im Genitalbereich – auch hier an den Hautunterblutungen feststellen.“
„Was hat das zu bedeuten?“
„Das weiß ich nicht. Auf jeden Fall konnte er so nicht mehr schreien. Vielleicht sollte er mundtot gemacht werden. Deshalb hat auch niemand etwas gehört. Leider ist sein Gesicht ein wenig lädiert. Er muss wohl beim Treiben im Wasser irgendwo entlang geschürft sein. Das war aber postmortem.“
Hetzer bedankte sich und teilte der Pathologin noch mit, dass sie Blut vom möglichen Tatort zu ihr ins Institut schicken würden und die Hose des Opfer, falls sie ihm gehörte, aber davon ging er aus. Es passte einfach alles zu gut zusammen.
Wolf Hetzer und sein Kollege ließen die Spurensicherung ihre Arbeit machen.
Für sie beide war hier nichts weiter zu tun. Kruse hatte inzwischen über Funk nachgefragt, ob im Bereich Hameln/Rinteln Männer um die siebzig vermisst wurden. Die Antwort war negativ.
In den Häusern rund um die Fundstelle kamen sie auch nicht weiter. Niemand hatte etwas gehört oder gesehen. Nur der alte Pfarrer Fraas sei nach zehn Uhr noch spazieren gegangen, erzählte Wolfgang Wehrmann aus der Fontanestraße.
Er habe ihn gesehen, als er mit Whiskey Gassi gewesen sei. Er schien es eilig gehabt zu haben – und ja, er sei in Richtung Weser unterwegs gewesen.
Hetzer und Kruse bedankten sich und klingelten an der Tür von Josef Fraas.
Niemand öffnete.
Der Nachbar, der im Hof Laub fegte, erzählte ihnen, dass die Haushälterin bis Dienstag bei ihrer Schwester sei, möglicherweise sei ja auch der Pfarrer verreist. Das wisse er nicht. Kruse notierte den Namen der Haushälterin und seufzte. Ihm knurrte der Magen.
„Sag mal, können wir irgendwo zwischendurch anhalten, wenn wir zurück zur Wache fahren. Ich könnte ein ganzes Schwein auf Toast essen.“
Hetzer lachte und nickte.
So viel Menschenmasse musste natürlich versorgt werden.
Im Polizeikommissariat am Hasphurtweg war alles durch die übergeordnete Dienststelle geregelt worden. Der Beamte war sogar schon wieder weg.
„Na, siehst du, Peter, alles halb so wild!“, sagte Wolf und klopfte dem Hünen auf die Schulter. Dabei musste er fast auf die Zehenspitzen steigen.
„Was ist halb so wild?“, fragte Dienststellenleiter Mensching.
„Ich meinte, wir kommen ganz gut voran. Möglicherweise wissen wir bereits, wer das Opfer ist.“
„Das ist gut. Sie werden nämlich die Sonderkommission ,Orchidee’ leiten. Kruse wird Ihnen zur Seite stehen.“
„Das ist gut. Ich meine, dass ich die Kommission leite. Aber wieso ,Orchidee’? Ich kann überhaupt keinen Zusammenhang erkennen. Gibt es dafür einen besonderen Grund?“
„Uns fiel kein besserer Name ein. Wir kennen bisher den Namen des Opfers nicht. Moko ,Wasserleiche’ war uns zu spektakulär. Einziges auffälliges Merkmal ist die Kastration. Die Staatsanwältin kam auf die Idee, als sie einem Telefongespräch mit der Rechtsmedizin zuhörte. Der Tote sei einer Orchiektomie zum Opfer gefallen, hieß es da. Frau Dr. Kukla hat das Wort nicht richtig verstanden. Es war also mehr oder weniger Zufall. Wir fanden das alle sehr lustig. Klingt ja auch schön unverfänglich. Sie hat übrigens großes Interesse daran, dass wir die Sache möglichst schnell aufklären. Wir möchten, dass Sie uns täglich Bericht erstatten. Ich werde zu Frau Dr. Kukla Kontakt halten.“
„Moko Orchidee“, grummelte Kruse, als sie wieder in ihrem Büro waren, wo Hetzer noch nicht einmal dazu gekommen war, seinen Platz einzurichten, „da ist man einmal außer Haus und schon fällt denen nur Mist ein. Eine Blümchen-Ermittlung.“
„Das sind halt die Studierten. Da kannst du nichts machen. Sie haben immer Recht. Machen wir das Beste daraus.“
Hetzer zog seinen Lieblingsstift aus der Tasche und stellte seine Tasse auf den Schreibtisch. „Ich habe überhaupt nur Lieblingssachen“, dachte er. „Ich bin ein glücklicher Mensch.“
„Wie gehen wir weiter vor, Wolf?“
„Versuch du mal, die Nummer von der Schwester der Haushälterin rauszukriegen. Dann können wir sie fragen, ob Pfarrer Fraas verreist ist. Ich frage mal eben nach, ob es weitere vermisste Personen im Umkreis gibt.“
Nach einigen Telefonaten mit dem Hamelner Pfarramt hatte Kruse endlich die Nummer von Hilde Sawatzki notiert.
Das war ein großes Glück, denn er hatte keine Ahnung gehabt, wie die Schwester heißen könnte. Doch Datenbanken waren etwas Tolles. Und so dauerte es keine halbe Stunde, bis er Heide Brüderl am Apparat hatte.
„Brüderl.“
„Guten Tag, Frau Brüderl. Bitte bekommen Sie keinen Schreck. Hier spricht die Kriminalpolizei Rinteln. Mein Name ist Wolf Hetzer. Wissen Sie, ob Pfarrer Fraas verreist ist?“
„Jesses, Maria und Josef. Na. Soweit i woaß, is der Herr Pfarrer scho dahoam. I hob mir a verlängert’s Wochenend frei genumma, um mei Schwester in Hildesheim zu b’such’n. Herrgott na. I bet zum heiligen Antonius, dass ihr iam wiederfinden dat. Is iam woas zug’stoßen? I hob doch ois zurecht g’moacht g’hoabt. Es is a g’nug zum Essen do g’wen. Er hoat sei Wohnung überhaupts net verlassen müssen. Woas is denn g’schehn?“
„Das wissen wir nicht so genau. Wir wissen überhaupt nicht, ob es den Pfarrer Fraas betrifft. Haben Sie vielleicht ein Foto von ihm?“
„Es is oans im G’meindehaus von St. Elisabeth im Arndtweg. Doa sann Bilder von oall die ehemaligen Pfarrer. Oaber um Himmels wuill’n. Bitt’ schön, so soagen ’s mir doch, woas g’schehn is.“
„Heute Morgen ist der Körper eines älteren Mannes in Rinteln am Weserufer angeschwemmt worden. Es gibt keine Vermisstenfälle in der Gegend. Bei unserer Befragung rund um den möglichen Tatort hat einer der Nachbarn angegeben, dass er Pfarrer Fraas spätabends gesehen hat, wie er in großer Eile Richtung Ufer gegangen ist.“
„Na, des ko net sei. Des is net möglich, unser oider Pfarrer. So spat is der no nia aus’m Haus goanga.“ Ihre Stimme klang jetzt ein wenig ruhiger. „Des is a Irrtum. B’schtimmt is er verwechselt worn.“
„Aber warum öffnet er dann jetzt nicht? Wir haben gegen Mittag bei ihm geklingelt. Niemand hat aufgemacht.“
„Ah geh, wissen’s, er ist scho ein bisserl taub auf die Ohrn, der guade Josef. Effentwell hoat er a a Musi g’hert. Mozart und Bach hoat er am liebsten mögn ...”
„Frau Brüderl, wir werden jetzt nach Hameln fahren und nach dem Foto fragen. Wenn sich etwas Neues ergibt, werden wir Ihnen Bescheid geben. Vielen Dank erst mal.“
„Gern g’schehn, Herr Kommissar. Gott hoab Sie selig. I bet zum Herrgott, dass em Herrn Pfarrer nix Schlimm’s g’scheng is.“
Inzwischen war es halb vier geworden. Noch einmal Richtung Hameln, aber das war nicht zu ändern. Sie hätten auf diesen vagen Verdacht hin keinen Durchsuchungsbeschluss für das Haus von Josef Fraas bekommen.
Die katholische Pfarrgemeinde St. Elisabeth lag nicht allzu weit von der Fontanestraße entfernt.
Sie mussten die Löhner Eisenbahnlinie überqueren und ein Stück die Roseggerstraße Richtung Nordost fahren. Das Kirchenbüro war noch besetzt. Lisa Schäfer, die Pfarrsekretärin, führte die Beamten zu Pfarrer Josefs Foto, das in einer Reihe mit seinen Vorgängern hing.
Ohne Zweifel, das war der Mann aus dem Wasser. Sie hatten recht gehabt mit ihrer Vermutung. Das war eben der siebte Sinn, der Riecher, mit dem gute Kriminalbeamte ausgestattet waren.
„Unser guter Pfarrer Josef ist jetzt seit ein paar Jahren im Ruhestand. Er war Leiter der Verwaltungsstelle der katholischen Jugend, und darüber hinaus war er bei der Gemeinde sehr beliebt. Immer korrekt. Immer freundlich und hilfsbereit. Eben das, was man sich unter einem guten Hirten vorstellt. Was möchten Sie denn von Pfarrer Fraas? Sie erreichen ihn nur noch privat in der Fontanestraße, Richtung Weser. Soll ich ihn für Sie anrufen?“
„Das wird nicht möglich sein, Frau Schäfer. Pfarrer Fraas ist heute Morgen in Rinteln am Flussufer tot aufgefunden worden. Wären Sie bereit, ihn zu identifizieren?“
Lisa Schäfer wich zurück. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Der Pfarrer tot? In Rinteln? Was hat er denn da nur gewollt? Und wieso ist er tot? Identifizieren? Nein, nein, das kann ich nicht. Ich hole Ihnen Pfarrer Martin.“
Sie rannte davon, als ob der Leibhaftige hinter ihr her war.
Wolf Hetzer blieb verdutzt zurück. Kruse zuckte mit den Achseln. „Ich kann sie verstehen.“
Auch Pfarrer Martin war schon gesetzteren Alters und die Ruhe selbst.
„Frau Schäfer sagt, Sie haben unseren Pfarrer Josef tot aufgefunden? Am Flussufer in Rinteln hat er gelegen? Das ist ja unfassbar.“
„Das müssen wir leider bestätigen. Dürfen wir uns vorstellen? Ich bin Kriminalhauptkommissar Wolf Hetzer und das ist mein Kollege Peter Kruse.“
„Vielleicht können wir uns in mein Büro setzen, meine Herren? Das wäre angenehmer und der Situation angemessener, denke ich.“
„Ja, vielen Dank. Kannten Sie Josef Fraas schon lange?“
„Oh ja, wir haben uns im Priesterseminar kennengelernt. Da war er fast fertig und ich noch ein Frischling.“
„Was war er für ein Mensch?“
„Er war ruhig, besonnen, sehr ehrlich – auch wenn es unbequem war. Meist war er auch kompromissbereit. Nur zum Schluss hat ihm seine Starrköpfigkeit da manchmal einen Strich durch die Rechnung gemacht.“
„Als Katholik würden Sie da sagen, dass er ein eher konservativer Geistlicher war, oder war er modernen Ideen gegenüber aufgeschlossen?“
„Oh, das lässt sich nicht so leicht sagen. In gewissen Ansichten war er im Mittelalter stehen geblieben. Dann wieder überraschte er uns mit Aussagen, die keiner von ihm erwartet hätte.“
„Können Sie uns dafür ein Beispiel nennen?“
„Fraas hatte zum Beispiel Verständnis für geschlechtliche Liebe vor der Ehe, auch wenn sie nicht zur Zeugung von Nachkommen diente, aber er hätte nie einer Legalisierung der Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare zugestimmt.“
„Die liberalen Ideen, hat ihm die jemand übel genommen? Wissen Sie, ob es Menschen gab, die ihn verabscheuten?“
„Sie fragen so, als ob Pfarrer Josef keines natürlichen Todes gestorben sei.“
„Das ist er auch nicht. Mehr können wir Ihnen aber zum momentanen Zeitpunkt nicht sagen.“
„Soweit ich weiß, hatte er keine Neider und Feinde. Aber wer weiß, es gibt so viele schlechte Menschen.“
„Wären Sie bereit, Herrn Fraas in der Rechtsmedizin in Stadthagen zu identifizieren? Wir würden das seiner Hausangestellten gerne ersparen.“
„Selbstverständlich. Bitte rufen Sie mich einfach an.“
„Uns wäre es am liebsten, wenn wir das gleich machen könnten. Wir nehmen Sie mit, wenn es Ihnen recht ist.“
„Ja, gut, einverstanden. Wenn es so dringend ist. Einen Moment, ich muss nur kurz regeln, wer meine Jugendgruppe übernimmt. Dann stehe ich Ihnen zur Verfügung.“
Pfarrer Martin Braun ging gemessenen Schrittes davon. Hetzer nahm sein Handy aus der Hosentasche und rief Mechthild an.
Hoffentlich war sie noch da.
„Ja?“
„Mica, bist du das? Hier ist Wolf.“
„Grrr, ich kann jetzt schlecht. Ich stecke mitten in einer Leiche. Kannst du später anrufen?“
„Nein. Ich mache es kurz. Wie lange bist du noch da?“
„Ein paar Nieren und Eierstöcke lang.“
„Ok, wir sind gleich da!“, sagte Hetzer und legte auf, bevor sie Nein sagen konnte.
Gemeinsam mit Pfarrer Braun fuhren Hetzer und Kruse über die B 83 in Richtung Steinbergen. In Buchholz nahmen sie die 442, die Abkürzung durch den Bückeberg. Knapp eine halbe Stunde später erreichten sie das Kreiskrankenhaus Stadthagen.
Mica war noch da.
Sie wusch ihre Hände von all dem rein, was niemand zu genau wissen wollte.
„Na, Wolf, hast du eine Fährte aufgenommen? Du klangst so ruhelos.“
„Darf ich vorstellen, das ist Dr. Mechthild von der Weiden. Ich weiß nicht, was spitzer ist, ihr Skalpell oder ihre Zunge.“
Kruse verdrehte die Augen. Jetzt ging das schon wieder los.
„Wir wissen jetzt, wer der Mann ist, der heute Morgen in Rinteln angeschwemmt worden ist. Es handelt sich um den 72-jährigen ehemaligen Pfarrer der St. Elisabeth Gemeinde. Josef Fraas heißt, äh, hieß er. Pfarrer Braun ist sein Nachfolger. Er soll ihn identifizieren.“
„Ah, na, dann kommt mal mit, ihr drei. Er liegt auf Nummer fünf, bestens restauriert – bis auf die kleine Schwachstelle natürlich.“
Pfarrer Braun hob die Brauen.
„Was für eine Schwachstelle meinen Sie?“
„Das kann ich aus ermittlungstechnischen Gründen leider nicht sagen. Aber ich würde gerne mit Hauptkommissar Hetzer gleich noch ein paar Worte unter vier Augen wechseln, wenn Sie nichts dagegen haben.“
Mica öffnete die Edelstahl-Tür, aus der es leicht dampfte. Dezent zog sie das weiße Laken gerade so weit vom Gesicht, dass dem Pfarrer der Anblick des Halsloches erspart blieb. Es klaffte leicht seitlich und sah unappetitlich aus. Braun hielt sich trotz allem bisher gut.
Er kämpfte wie alle mit der chemikalienlastigen Luft und den Gerüchen des Todes, die hier und dort unweigerlich in die Nase stiegen. Wer das nicht gewohnt war, brauchte starke Nerven oder einen starken Magen – am besten beides.
Pfarrer Braun nickte beim Anblick seines Vorgängers.
Es war eindeutig Fraas, kein Zweifel. Und es drängte ihn zu gehen. Kruse machte Wolf ein Zeichen, nahm den Geistlichen am Arm und verließ den Obduktionssaal.
„Du wolltest noch mit mir reden, Mica? Hast du noch etwas herausgefunden?“
„Ich habe über etwas nachgedacht. Wieso hat ihn der Mörder nicht einfach nur kastriert? Wieso hat er noch zusätzlich den Adamsapfel entfernt? Es hätte doch gereicht, ihm die Stimmbänder zu durchtrennen, damit er nicht schrie.“
„Adamsapfel? Du hattest doch Schildknorpel gesagt?“
„Ach, wusstest du nicht, dass das dasselbe ist? Schildknorpel oder Cartilago thyroidea, im Volksmund auch Adamsapfel genannt.“
„Und was wundert dich dann daran? Mich wundert nämlich jetzt nichts mehr. Er ist doch auch ein männliches Attribut, genau wie die Genitalien. Er sollte entmannt werden – in jeder Hinsicht. Nur warum?“
„Ja, warum? Dafür habe ich auch keine Erklärung. Vielleicht eine verschmähte Liebe. Aber du hast recht, das könnte eine sinnvolle Erklärung sein. Manchmal muss man Dinge erst aussprechen, bevor sie einem richtig ins Bewusstsein dringen.“
„Morgen werden wir die Haushälterin befragen. Sie ist momentan bei ihrer Schwester. Mal sehen, ob sie mehr weiß oder eine Idee hat. Als Tatverdächtige fällt sie aus. Sie ist schon seit Samstag verreist.“
„Selbst wenn sie in den Pfarrer verliebt war oder mit ihm eine Beziehung hatte, dann wird sie doch nicht so lange gewartet haben, um ihn jetzt noch umzubringen. Sie fällt sowieso aus, weil sie den schweren Körper unmöglich von der Kastrationsstelle ins Wasser gezogen haben kann. Und von selbst gegangen ist er bestimmt nicht. Du kannst davon ausgehen, dass er bewusstlos war. Der Schmerz, der Blutverlust – keine Chance.“
„Sei’s, wie es ist. Wir wissen noch zu wenig. Aber jetzt fahre ich erst mal nach Hause. Morgen früh geht es weiter.“
„Dann gute Nacht, Herr Isegrim, Grünkäppchen muss noch aufräumen.“
„Du bist plemplem, ehrwürdige Mechthildis, die Leichen haben dich wuschig gemacht. Beschäftige dich mal mehr mit den Lebenden.“
Hetzer schmunzelte über die schrullige Pathologin und dachte, dass sie mindestens so gaga war wie seine Lady zu Hause.
Jetzt noch schnell nach Rinteln zur Dienststelle, dachte er, den Wagen tauschen und dann nach Hause in sein Paradies am Hang.
„Hör mal“, sagte Peter zum Abschied, „ist dein Hund eigentlich sonst den ganzen Tag allein?“
„Nee, eine Nachbarin geht zweimal am Tag mit Gaga, außerdem sind die Katerbrüder da, die mit ihr kuscheln.“
„Ich wollte nur sagen, ich hätte nichts dagegen, wenn wir sie gelegentlich mitnehmen.“
„Du bist ein feiner Kerl, dass du an so was denkst. Ich bin froh, dass wir jetzt zusammenarbeiten. Also, dann bis morgen. Mal sehen, was der Tag bringt.“
Abendgedanken
Hetzer schwang sich in seinen Ford. Er war doch noch gut in Schuss. Was sind schon acht Jahre. Hetzer gehörte nicht zu den Menschen, die spätestens alle zwei Jahre ein neues Auto brauchten. Für ihn war es einfach ein Transportmittel, mit dem man trocken von A nach B kam. Solange keine Macken auftraten, gab es keinen Grund für eine Veränderung. Veränderungen waren überhaupt nichts für ihn, dachte er und fragte sich, seit wann er das so massiv empfand.
Vielleicht seitdem es sie nicht mehr gab. Da musste wenigstens alles andere möglichst so bleiben wie es war, damit er Halt fand.
Nachdenklich fuhr er den Kirschenweg hinauf und parkte auf seinem Hof. Emil kam ihm schon flügelschlagend entgegen. Als Hetzer ihm den langen Hals kraulte, dachte er, dass es besser wäre, spätestens im Frühjahr einen Artgenossen anzuschaffen. Es war nicht gut, so allein zu sein. Für Emil. Im Sommer war es einfacher, da war Hetzer viel draußen. Und Emil in seiner Nähe. Gaga war inzwischen auch schon am Gartentor und wedelte. Sie hatten eigentlich nichts auszustehen, denn es gab Moni. Moni Kahlert war seine Nachbarin. Anfang 60, sehr sportlich und tiervernarrt. Ihr ultrakurzer Haarschnitt ließ die zierliche Frau zehn Jahre jünger aussehen. Moni war die Einzige, die ohne Furcht Stall, Hof und Haus betreten konnte. Die Tiere liebten sie. Manchmal hatte er den Eindruck, dass sie auch heimlich Staub wischte, doch er stellte ihr diese Frage nie. Im dämmernden Tageslicht kam es ihm heute so vor, als ob er besser durch die Fensterscheiben sehen konnte. Doch auch das würde ein offenes Geheimnis zwischen den beiden bleiben. Es war gut, dass es Menschen wie Moni gab. Hetzer wusste das zu schätzen und lud sie ab und zu zum Essen ein.
Als er vor dem Kaminofen kniete und die Asche entfernte, strichen die Katerbrüder um seine Beine. Das war das allabendliche Ritual. Sie wussten genau, dass es gleich warm werden würde und machten es sich auf dem Biedermeiersofa bequem.
Hetzer wartete, bis er sicher sein konnte, dass das Feuer nicht wieder ausgehen würde und ging in die Küche. Die Kartoffeln waren schnell geschält, halbiert, mit Öl und Rosmarin bestrichen und nach dem Salzen in den Ofen geschoben. Zwei Scheiben Rinderbraten in einer Rotweinsoße mit Gemüsebindung waren noch vom Sonntag übrig geblieben. Jetzt konnte er sich genüsslich ein Stündchen vor den Kamin legen, bis die Rosmarinkartoffeln fertig waren.
Emil war schon gefüttert und im Stall, Gaga lag ihm zu Füßen und die Kater schmiegten sich an seine Beine. Das waren fast Abende wie früher. Als sie noch da war. Aber daran wollte er nicht denken, oder doch? Er hatte dazugelernt. Am Anfang hatte er die Leere verdrängt, war viel unterwegs gewesen. Hatte Freunde getroffen oder eingeladen. Nur nicht allein sein mit sich. Mit sich und dem Schmerz. Der Schmerz, dieser unerträgliche, der nicht vorbeiging. Für den es keine Heilung gab.
In den Monaten, in denen er vom Dienst freigestellt gewesen war, musste er irgendwann begreifen, dass er sich ihm stellen musste, dass er ihn annehmen musste. Es machte keinen Sinn, die Orte zu meiden, an denen er mit ihr glücklich gewesen war. Was nützte es, das Schicksal zu verfluchen. Sie war fort und er musste weiterleben. Ohne sie und doch mit ihr. Mit den Erinnerungen an sie. Mit dem wohligen Gefühl, mit der Liebe, die er fühlte. Manchmal sprach er mit ihr und ahnte, was sie geantwortet hätte. Er war immer noch verbunden mit ihr. Mit niemandem würde er jemals wieder so eins sein. Bei diesen Gedanken und dem beruhigenden Schnurren der Katerbrüder schlief er ein, bis ihn der Backofen mit lautem Piepen weckte. Mühsam stand er auf, reckte sich und ließ das Fleisch auf dem Herd kurz in der Soße warm werden. In diesen Minuten deckte er rasch den Tisch, entkorkte eine Flasche Rotwein und nahm die Rosmarinkartoffeln aus dem Ofen. Hetzers Essbereich war eine wundersame Mischung aus alten Stühlen und einer Bank, die er in Nienstädt zusammengesucht hatte. Etwas aufgearbeitet, neu gepolstert und mit Lederbezügen versehen, sahen sie trotzdem nicht aus wie neu. Zusammen mit dem Tisch schmiegten sie sich in die Ecke des Wohnzimmers, wo die Treppe nach oben führte. Meist saß Hetzer auf der Bank. So hatte er den Raum im Blick und konnte auch von hier das Feuer sehen. Gaga verfolgte Wolf mit Nase und Augen, doch sie wusste, dass sie nichts bekam.
Man konnte Hetzer ruhigen Gewissens als Gourmet bezeichnen. Während er einen Schluck Rotwein im Mund zergehen, einen weiteren mit dem Rindfleisch melangieren ließ, dachte er an den toten Pfarrer. Es war für ihn so wenig verständlich, warum jemand Interesse daran haben könnte, einen alten Mann zu verstümmeln und dann in die Weser zu stoßen. Die kriminelle Energie des Tathergangs war enorm. Inwieweit das auf die Motive des Täters hindeuten würde, mussten sie herausfinden. Er würde morgen mit der Haushälterin sprechen, ob in der nahen Vergangenheit irgendetwas Außergewöhnliches passiert war oder ob der Pfarrer sich verändert hatte. Er musste auch Mechthild fragen, ob die DNA-Spuren der Kleidung schon ausgewertet waren und ob sich daraus irgendein Hinweis auf den Täter ergab.
Die Backofenkartoffeln waren vorzüglich. Hetzer bestreute sie ein bisschen mit Fleur de Sel. Dieses besondere Meersalz hatte ein anderes Aroma als herkömmliches Salz. Seine früheren Kollegen hatten immer abgewunken, wenn er so viel Aufheben um sein Essen machte oder gar seinen Tee genau nach Temperatur und Ziehzeit kochte. Sie machten gerne ihre Witze über ihn, aber sie waren Freunde gewesen, als es darauf ankam. Das war das Wichtigste. Über die Flachserei hatte er sich eher amüsiert und beim Fastfood angeekelt die Brauen hochgezogen. Wobei er gelegentlich einer Portion Pommes frites gegenüber nicht abgeneigt war, wenn sie gut gemacht war.
Nach dem Essen legte er sich noch ein Weilchen mit einem Buch auf sein Sofa und verpasste den Moment, als ihm die Augen zufielen. Das führte später dazu, dass die zunehmende Kälte ihn weckte und nach oben ins warme Bett trieb.
Im Netz
Montag, 4. Oktober 2010, 21:49 Uhr
Männer ließen sich leicht fangen. Sie waren so vertrauensselig. Vor allem bei Frauen. Denen konnten sie meist nicht widerstehen. Alkohol vernebelte ihnen zusätzlich die Sinne. Doch er hatte eine besondere Gabe. Er wirkte auf beide Geschlechter gleichermaßen anziehend.
Die Damen begehrten ihn fürs Bett und als Lebenspartner. Die Männer sahen in ihm einen echten Kumpel. Er war der Typ Mensch, mit dem man durch dick und dünn gehen konnte, das fühlten beide. Männer und Frauen.
Benno Kuhlmann saß nach der Ratssitzung noch mit einigen Parteibrüdern im „Stadtkater“ und merkte nicht, dass er beobachtet wurde. Als sich das Lokal nach und nach leerte, fiel ihm der sympathische Mann auf, der da hinten so einsam am Tisch saß. Wähler waren immer wichtig. Vor allem neue. Kuhlmann schnappte sich sein Glas und ging – bereits leicht schwankend – auf den Fremden zu.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“, fragte er mit seinem gewohnten Politikerlächeln.
„Bitte, gerne.“
„Sie sind sicher neu in der Stadt, wenn Sie hier so spät noch allein sitzen.“
„Nicht so neu, dass mich noch nichts stört, aber ich bin auch noch nicht so lange hier, dass ich wegziehen müsste.“
Und hier konnte Benno Kuhlmann einhaken. Er fragte nach. Wollte alles über den angenehmen Fremden wissen, vor allem, wo er ursprünglich herkam, wie es ihn hierher verschlagen hatte und wie es um seine politische Gesinnung stand. Auch, was er in Rinteln machte, wie es ihm dort gefiel, und so verstrickte sich Kuhlmann genau in dem Netz, das extra für ihn gesponnen worden war. Benno war sich sicher, einen neuen Wähler, ja vielleicht sogar einen Freund gefunden zu haben.
Lachend verließen sie später am Abend das Gasthaus, gingen über den Marktplatz und durch den Park, wo sie sich im Dunkel verloren.
Marga Kuhlmann merkte noch in der Nacht, dass etwas nicht stimmte. Benno mochte ihr nicht immer treu gewesen sein, aber gegen drei, halb vier kam er spätestens nach Hause. Jetzt war es halb fünf und somit fast schon Morgen, doch die Seite neben ihr im Bett war leer geblieben.
Sie stand auf und ging durch die hohen Räume. Vielleicht war er auf dem Sofa eingeschlafen. Doch auch dort war niemand. Sie geriet in Panik. Sah ihn im Geiste angespült am Weserufer oder mindestens aber im Wassergraben ertrunken. Sie wusste, dass er gerne dem Alkohol zusprach.
Gegen acht informierte sie die Polizei. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass er nie wiederkommen würde. Etwas war zu Ende. Sie fragte sich, ob sie traurig wäre, wenn sie recht hätte und konnte sich diese Frage nicht beantworten. Ihre Ehe hielt nun schon über zwanzig Jahre – mehr oder weniger. Die Kinder waren aus dem Haus, sie hatte nie in ihrem Beruf gearbeitet. Sonst hatte sie für ihn alles gemacht. Immer adrett, alles aufgeräumt, der Garten ordentlich. Sie hatte vielversprechende Gäste bekocht, Kuchen gebacken für Hinz und Kunz und alten Leuten vorgelesen.
Er hatte repräsentiert, wichtig geguckt und sich nicht in die Karten sehen lassen. Sie wusste nichts von ihm. Ein Fremder war er für sie im Laufe der Zeit geworden. Ein Schwätzer, der sich selbst am liebsten reden hörte und manchmal dabei sogar in den Spiegel sah. Es verband sie nichts mehr mit ihm als die Vergangenheit und vielleicht die Gewohnheit des Alltags. Doch ohne ihn hatte sie gar nichts.
Es klingelte. Das wenigstens war ein Vorteil von Bennos Bekanntheitsgrad. Die Beamten kamen zu ihr und nahmen die Vermisstenanzeige auf.
Die Bescherung
24. Dezember 1971, gegen 17 Uhr
„Susi, du kannst reinkommen, der Weihnachtsmann war da. Beeil dich, dann kannst du ihn noch mit dem Schlitten durch die Nacht wegfahren sehen.“
Die Mutter gab immer alles in der Weihnachtszeit. Schon Tage vorher wurde eingekauft, gekocht und gebacken. Eigentlich begann der Zauber zum ersten Advent, wenn sich die ganze alte Villa veränderte. Dort ein Mistelzweig über der Tür, Tannenzweige in Vasen, Kugeln im Fenster und Kerzen auf dem Adventskranz. Es duftete anders zu dieser Zeit, es fühlte sich auch anders an. Irgendwie weicher und ruhiger.
Susi hatte die ersten Tage der Weihnachtsferien damit verbracht, Winnetou II zu lesen.
Andere in ihrer Klasse waren noch nicht so weit, dass sie Bücher lesen konnten. Susi hatte sich das Lesen schon vorher selbst beigebracht. Das war im Grunde ganz einfach gewesen.
Sie wusste nicht, wieso die Erwachsenen so ein Geheimnis daraus machten.
In den Winnetou-Büchern war Susi völlig aufgegangen. Da war sie selbst zum Indianer geworden, hatte jedes Pferd im Griff und beherrschte die Kunst der Rauchzeichen. Im Sommer war sie nie anders anzutreffen als mit Köcher und Federschmuck. Pfeil und Bogen hatte sie sich selbst geschnitzt. Ein Stück Angelschnur hatte sie von Thomas bekommen. Die Prärie rund ums Haus und der angrenzende Wald gehörten ihr.
Sie war ganz gespannt auf die Bescherung. Schließlich hatte sie sich wichtige Dinge gewünscht. Reitstunden, eine Angel und natürlich Winnetou III. Den wollte sie bis zum Ende der Ferien durchgelesen haben. Darum zögerte sie auch nicht einen Moment, als Mutter nach ihr rief. Sie stürmte ins Wohnzimmer, in dem der Weihnachtsbaum stand. Eine Riesentanne von über drei Metern. Über und über mit Äpfeln, Nüssen, Kugeln und Kerzen geschmückt. Sie rannte auch zum Fenster, weil sie wusste, dass Mutter dachte, sie glaube noch an den Weihnachtsmann.
„Ach, schade Mama, er ist schon weg!“
„Da kann man nichts machen“, sagte Mama mit einer Spur Bedauern in der Stimme. „Na, dann lass uns mal die Geschenke auspacken.“
Susi rannte zu den Päckchen unter dem Baum. Wie herrlich, alles bunte Schachteln mit Schleifen – eine schöner als die andere.
„Dies hier ist für dich!“, sagte Mama und strahlte.
Susi zog die Schleife auf, wickelte den Gegenstand aus dem Papier und erstarrte. „Hanni und Nanni sind immer dagegen“ von Enid Blyton. Das war nicht ganz das, was sie sich gewünscht hatte.
„Freust du dich?“, fragte Mutter, und sie brachte es nicht übers Herz, sie zu enttäuschen.
„Ganz toll, Mama, wirklich.“
„Und hier kommt das Hauptgeschenk!“, erklärte Vater mit Stolz in der Stimme.
Es war nur ganz klein, eigentlich mehr ein Briefumschlag. Ah, dachte sie, das muss der Gutschein für die Reitstunden sein, den sie sich so gewünscht hatte. Eilig riss sie das Geschenkpapier ab und öffnete die Karte: Ballettstunden, zweimal wöchentlich.
Welche Schmach. Was sollte das? Kannten die eigenen Eltern sie so wenig? Zu nichts anderem war sie weniger geeignet. Sie konnte auf Bäume klettern, Dämme bauen. Notfalls konnte sie einen Regenwurm essen – aber Ballett?
Kleine Tränen rannen ihr die Wangen herunter.
„Sieh nur, Otto!“, rief Mutter, „Susi ist ganz überwältigt. Wir haben alles richtig gemacht. Jetzt wird aus unserem Mädchen eine feine Dame.“
Mit Mühe packte Susi ihr Tütü aus und ihre ersten Ballettschuhe. Sie weinte immer noch.
„Na, na, so beruhige dich doch wieder“, sagte Vater ganz gerührt.
Für Susi war eine Welt zusammengebrochen. Ein Teil ihrer unbeschwerten Kindheit endete in dem Moment, als sie – ihrem Stand gemäß – in die richtige Richtung geleitet werden sollte. Mit Liebe zwar, aber auch mit der Unwissenheit blinder Eltern, die ihre Kinder zu dem machen wollen, was sie selbst für sich nie gehabt hatten.
Bennos Verschwinden
Kurz nachdem sich Peter und Wolf an ihren Schreibtischen niedergelassen und den ersten Kaffee getrunken hatten – für Wolf war es der zweite – klingelte das Telefon.
Der bekannte Politiker Benno Kuhlmann sei verschwunden, teilte ihnen Mensching mit. Sie sollten sich sofort auf den Weg machen.
„Den Kaffee wird man doch wohl noch austrinken dürfen!“, grummelte Peter.
„Davon taucht er auch nicht sofort wieder auf, wenn wir uns die Zungen verbrennen oder ihn kalt werden lassen.“
„Ich koche dir später neuen. Jetzt nimm noch einen Schluck und dann komm. Wir wollen Frau Kuhlmann nicht warten lassen. Sie ist bestimmt unruhig und ängstlich. Heute Morgen stand schon in der Schaumburger Zeitung, dass gestern ein Toter an der Weser gefunden worden ist.“
„Ja und? Ihr Mann ist doch erst heute Nacht verschwunden, wenn ich den Chef richtig verstanden habe. Das kann er dann ja wohl nicht gewesen sein.“
„Nein, aber sie könnte in der Angst leben, es könne ihrem Mann ähnlich ergehen.“
„Nur, weil der beim Vögeln irgendwo verschlafen hat? Der ist doch als Schürzenjäger bekannt.“
„Egal, da kann sie ja nichts dafür. Wir müssen Rücksicht nehmen.“
Mit einem letzten Schluck Kaffee schnappte sich Peter seine Lederjacke und grinste.
„Ist ja schon gut. Ich komme.“
Das Haus der Kuhlmanns war in jedem Fall sehenswert. So eine gut restaurierte Villa aus der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts sah man nicht so oft von innen. Für Hetzer war sie ein Traum. Er liebte nicht nur Antiquitäten, sondern auch alte Häuser. Dieses war zwar einige Nummern zu groß für ihn, aber wunderschön. Ein Teil der Möbel schien auch noch aus der Zeit zu stammen. Alles war bestens in Schuss und stilvoll mit Neuem kombiniert worden.
Marga Kuhlmann saß etwas verloren auf dem cremeweißen Sofa. Man sah ihrem Gesicht an, dass sie geweint hatte. Jetzt machte sie aber einen eher gefassten Eindruck.
„Frau Kuhlmann“, begann Hetzer, nachdem er sich vorgestellt hatte, „wann haben Sie Ihren Mann zum letzten Mal gesehen?“
„Das ist gestern Abend so kurz vor halb acht gewesen, als er zum Stammtisch in den ,Stadtkater’ gegangen ist.“
„Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen? Hat er sich anders benommen? Hat er sich anders gekleidet? Hatte er eine Tasche dabei oder fehlen sonst irgendwelche Kleidungsstücke?“
„Meinen Sie, mein Mann hätte mich verlassen? Das glauben Sie doch selber nicht. Das würde er nie tun. Hier hat er doch alles. Ansonsten macht er sowieso, was er will.“
„Wie meinen Sie das? In Bezug auf Frauen? Hatte Ihr Mann Affären?“
„Das kann ich mir nicht vorstellen. Wir führen eine gute Ehe.“
„Ist es nicht so“, warf Peter ein, „dass es im letzten Jahr einen kleinen Skandal gegeben hat? Dass ihr Mann eine Liaison mit einer sehr viel jüngeren Frau hatte? Das wird Ihnen doch nicht entgangen sein. Immerhin stand es sogar in der Zeitung.“
Marga Kuhlmann begann wieder zu weinen.
„Er ist trotzdem nachts immer wieder zu mir nach Hause gekommen ... Er hat auch keine Tasche gepackt. Es fehlen nur die Sachen, die er gestern Abend anhatte.“
„Es tut mir leid, wir müssen Sie das fragen. Wissen Sie, welche Geliebte Ihr Mann zurzeit hat? Oder gibt es mehrere? Es wäre sehr wichtig, wenn Sie uns die Namen sagen könnten.“
Marga schüttelte den Kopf, aber Hetzer und Kruse hatten den Verdacht, dass sie es nicht wissen wollte und ihre Augen davor verschlossen hatte.
„Wir können jetzt nicht viel tun, wenn wir keinerlei Anhaltspunkte haben, Frau Kuhlmann. Wir werden uns aber bei seinem Stammtisch und im ,Stadtkater’ erkundigen, ob gestern Abend irgendetwas anders war als sonst. Oder ob jemand etwas gesehen hat. Wo waren Sie eigentlich gestern Abend?“
„Ich war beim Chor“, sagte Marga geistesabwesend. Sie schien irgendwo ganz weit entfernt zu sein.
„Vielen Dank!“, sagte Kruse, „bitte bleiben Sie sitzen. Wir finden schon allein hinaus.“
Später im Wagen sagte er zu Hetzer: „Jetzt sag mir mal, wie man an so einem Mann hängen kann? Da ist doch irgendetwas schief. Ich bin ein anständiger Kerl und suche schon seit Jahren nach einer Frau. Und? Was passiert? Rein gar nichts. Es interessiert sich einfach keine für mich.“
„Du musst dir auch eine Lady anschaffen“, schmunzelte Hetzer, „das ist die Lösung. Sie hat alle Eigenschaften, die man bei einer Frau schätzt – bis auf ein paar Kleinigkeiten. Darum koche ich auch lieber selbst.“
„Du bist echt eine Witzpille! Nee, aber mal im Ernst. Meinst du, die Kuhlmann liebt ihren Mann wirklich? Ich wäre doch froh, wenn das Schwein weg wäre. Er hat hier in Rinteln wirklich einen üblen Ruf. Hinter der hohlen Hand werden ihm krumme Machenschaften vorgeworfen. Es heißt, er biege sich Recht und Gesetz in manchen Dingen ganz schön zurecht. Außerdem hat er teilweise sehr radikale Ansichten. Zum Beispiel, was Lebensgemeinschaften gleichgeschlechtlicher Paare betrifft.“
„Puh, wirklich ein sympathisches Kerlchen und politisch etwas weit rechts, denke ich. Aber dienstlich ist es nicht unsere Aufgabe, darüber zu urteilen oder zu denken, es sei weniger wichtig, ihn zu finden, bloß weil er ein korruptes, unehrliches und leicht braun angehauchtes Arschloch ist.“
„Das habe ich auch nicht gesagt, Wolf, ich wollte dir nur möglichst viel über ihn erzählen, damit du dir ein Bild machen kannst. Man kriegt nicht so mit, welche Politiker in den Nachbarstädten ihr Unwesen treiben.“
„Da hast du recht. Ich denke, wir fahren jetzt erst mal zum ,Stadtkater’ und sprechen mit dem Personal. Vielleicht hat jemand doch etwas gesehen. Es könnte sein, dass er mit einer Frau weggegangen ist. Das ist der erste Punkt, an dem wir ansetzen werden.“
Im „Stadtkater“ entschlossen sich Hetzer und Kruse, auch eine Kleinigkeit zu essen. Es war inzwischen fast Mittag und so war das Angenehme mit dem Nützlichen sinnvoll zu verbinden. Wolf entschied sich für Zanderfilet, doch Peter brauchte etwas Deftiges und wählte den Elsässer Flammkuchen.
Während sie auf das Essen warteten, fing Hetzer den Kellner ab, als er die Getränke brachte.
„Entschuldigen Sie, waren Sie gestern Abend auch hier?“
„Ich bin fast immer hier!“, entgegnete der junge Mann mit gelangweiltem Blick.
Hetzer zeigte seinen Ausweis.
„Wir sind von der Kriminalpolizei und haben ein paar Fragen. Haben Sie einen Moment Zeit für uns?“
Sofort war der Mann wach und sagte: „Selbstverständlich, die Herren Kommissare. Einen Moment bitte, ich muss nur kurz an der Theke Bescheid geben.“
„Sagen Sie“, fragte Kruse, als der Kellner wieder bei ihnen am Tisch stand, „haben Sie gestern Benno Kuhlmann hier gesehen? Und setzen Sie sich doch bitte.“
Der junge Mann nahm zwischen Wolf und Peter Platz.
Endlich geschah hier mal etwas Aufregendes.
„Ja, der war wie jeden Montag mit seinem Stammtisch hier.“
„Und ist Ihnen etwas Besonderes an diesem Abend aufgefallen? War einer seiner Freunde komisch oder verändert? Hat es Streit gegeben? Sind alle gleichzeitig gegangen?“
„Halt, halt, das sind ganz schön viele Fragen auf einmal!“
„Ok, fangen wir mit der ersten an. Ist Ihnen etwas Besonderes aufgefallen?“
„Eigentlich nicht. Bis auf diesen einen älteren Stammtischbruder waren auch gestern alle da. Sie haben wie immer viel gequatscht – meist über Politik oder Weiber – und viel getrunken.“
„War bei den Gesprächen irgendetwas nicht so wie sonst?“
„Nein, ich glaube nicht. Es ist auch nicht heftig gestritten worden. Klar, bei diesen Diskussionen geht es immer ein bisschen heiß her, aber so einen richtigen Streit gab es nicht. Die ersten sind auch schon so gegen halb zehn nach Hause gegangen.“
„Und Kuhlmann? Wann hat der das Lokal verlassen?“
„Das muss so gegen halb elf gewesen sein.“
„Hm, knapp eine Stunde später ... Was hat er denn so lange gemacht?“
„Der letzte vom Stammtisch ist so kurz vor zehn gegangen und dann hat sich Herr Kuhlmann noch zu einem Herrn gesetzt, der dort hinten am Tisch saß.“ Er zeigte in die hintere Ecke des Gastraumes.
„Kannten Sie den Mann?“
„Nein, den habe ich hier noch nie gesehen.“
„Haben Sie ihn woanders schon mal irgendwo gesehen?“
„Nein, noch nie!“
„Wissen Sie, ob Benno Kuhlmann das Lokal später gegen halb elf allein verlassen hat oder ist er in Begleitung des Fremden weggegangen?“
„Wenn ich es richtig gesehen habe, waren beide plötzlich weg. Kuhlmann hatte mir schon vorher gesagt, dass der Verzehr und die Getränke des Mannes mit auf seine Rechnung geschrieben werden sollten. Ich war dann aber zwischendurch in der Küche. Als ich wiederkam, waren beide weg. Es kann gut sein, dass sie zusammen gegangen sind. Sie haben sich die ganze Zeit sehr angeregt unterhalten. Herr Kuhlmann schien völlig fasziniert zu sein.“
„Hat irgendjemand anders hier gesehen, ob beide zusammen gegangen sind?“
„Nein, ich war um diese Zeit allein im Schankraum. Die beiden waren die letzten Gäste. In der Woche ist um diese Uhrzeit meist nicht mehr so viel los, besonders montags.“
„Können Sie beschreiben, wie der Mann aussah?“
„Er war nicht besonders auffällig. Mittelgroß, dunkelblondes Haar, gepflegte, aber keine besonders teure Kleidung, für sein Alter ein bisschen zu bieder vielleicht. Die Augenfarbe konnte ich bei dem Licht hier nicht genau erkennen. Ach, eine Besonderheit ist mir noch aufgefallen. Er hat nach einem fleischlosen Gericht gefragt. Das muss natürlich nicht unbedingt heißen, dass er Vegetarier ist.“
„Das ist doch schon mal ein Anfang. Vielen Dank, dass Sie uns so detaillierte Auskünfte geben konnten. Das hilft uns bestimmt weiter.“
„Gern geschehen, ah, da klingelt die Küche, Ihr Essen ist fertig.“
Zander und Flammkuchen konnten sogar vor Wolf Hetzers kritischem Gourmetblick bestehen. Das Fischgericht sei ein Gedicht gewesen, erklärte er Peter, als er sich dezent mit der Serviette den Mund abtupfte.
„Der Flammkuchen war auch lecker, nur ein bisschen klein für einen wie mich“, grinste er.
„Es ist übrigens schade, dass der fremde Gast nicht mit Karte bezahlt hat. Dann hätten wir ihn.“
Peter lachte.
„Das wäre ja wohl zu einfach. Wie in einem schlechten Krimi. Wir werden schon unsere grauen Zellen noch ein bisschen fordern müssen.“
Auf der Dienststelle erwartete Hauptkommissar Mensching umgehend Bericht, damit er mit der Staatsanwältin Frau Dr. Kukla Kontakt aufnehmen konnte, um sie über den Stand der Ermittlungen zu informieren.
„Das ist ja noch äußerst mager, meine Herren, was Sie mir hier präsentieren. Mehr haben Sie noch nicht? Ein paar Befragungen im Umfeld des Pfarrers ohne Erfolg, außer, dass Sie jetzt wissen, dass es Josef Fraas ist und ein bisschen Palaver im ,Stadtkater’. Ich erwarte, dass Sie sich umgehend verstärkt um das Verschwinden von Benno Kuhlmann kümmern. Das hat höchste Priorität!“
„Verzeihen Sie, aber wir haben auch einen Mord aufzuklären! Benno Kuhlmann ist vielleicht bei einer seiner Geliebten ...“
„Habe ich mich undeutlich ausgedrückt? Ich wünsche, dass Sie den Fall Kuhlmann vordringlich behandeln. Das heißt nicht, dass Sie den Mordfall vergessen sollen. Und nun los, meine Herren. Sie haben genug zu tun.“
Hetzer und Kruse verabschiedeten sich knapp und verdrehten vor der Tür die Augen. Das war ja mal wieder klar. Die Seilschaften funktionierten immer. Der kleine Mann schien dagegen machtlos – aber nicht grundsätzlich ...
„Also: Vordergründig werden wir Menschings Anweisung befolgen, aber der Mord an Fraas hat für uns weiterhin Vorrang in den Ermittlungen.“
„Das sehe ich genauso“, knurrte Peter und machte ein verdrießliches Gesicht. „Und ich lasse mir überhaupt ungern in meine Arbeitsmethoden reinreden. Ich bin schließlich nicht erst seit gestern im Dienst.“
„Gut, dann sind wir uns ja einig. Also auf nach Hameln, zu Pfarrers Haushälterin. Und danach besuchen wir noch mal Bennos Frau. Mal sehen, ob sie eine Ahnung hat, wer der Fremde sein könnte.“
„Ziemlich vage Beschreibung, trotz allem. Das könnte auf viele zutreffen. Ich meine, er hat gut beobachtet, aber die Gestalt ist so nichtssagend.“
„Das ist vielleicht Absicht. Wenn es sich doch um ein Verbrechen handelt, will er nicht auffallen. Ich denke, es hat auch wenig Sinn, ein Phantombild zeichnen zu lassen. Wir sollten auf jeden Fall noch ein paar Tage damit warten. Es könnte doch sein, dass Kuhlmann plötzlich geläutert und verschämt wieder auftaucht und unter Muttis Rock kriecht.“
„Meinst du, sie würde ihn wieder aufnehmen, wenn er so lange bei seiner Liebsten war?“
„Bestimmt, du glaubst gar nicht, welche Anziehungskraft Macht und Geld haben. Stell dir vor, sie ließe sich scheiden. Neben der Schmach und dem Schmerz hätte sie einen enormen Verlust an Ansehen und Stellung hier in der Stadt. Nein, ich denke, es würde alles fein unter den Teppich des Vergessens gekehrt und das Leben liefe normal weiter. Was man in diesen Kreisen eben als normal empfindet.“
„Wahrscheinlich hast du recht, aber mir wird bei dem Gedanken schlecht.“
Kurz vor drei kamen sie in der Fontanestraße an. Sie beschlossen zu warten, bis die Mittagszeit vorbei war. Gegen 15:10 Uhr schlenderten sie Richtung Haustür und klingelten bei Heide Brüderl. Sie bewohnte die Räume oberhalb der ehemaligen Pfarrwohnung.
„Ja Jesses, kommens doch rein, meine Herrn. Darf ich Ihnen etwas anbieten. An Kaffee vielleicht und a paar Platzerl.“
„Ja, sehr gerne“, nickte Peter, der schon wieder ein Loch im Magen verspürte.
„Einen Moment bittschön, ich bin gleich wieder bei Ihnen.“
„Leicht bayrischer Einschlag, oder?“, fragte Hetzer mit einem Schmunzeln in der Stimme. Die Namen Fraas und Brüderl kommen mir auch nicht so eindeutig norddeutsch vor.“
„So, hier kommt der Kaffee und a paar Kipferl hätt i noch do dazua.“ Heide Brüderl verfiel zusehends in ihren Dialekt.
„Sagen Sie, kommen Sie ursprünglich aus Bayern?“
„Jo, hert ma des no? I bin damals mit’n Herrn Pfarrer von Minga kumma, Verzeihung, von München gekommen. Ober mir san jetzad scho fast vierzig Jor hier o’m bei die Preiß’n. Un jetzt is er oam von dene zum Opfer g’foin.“
„Frau Brüderl, wir sind aber schon ein Volk, auch wenn Bayern ein Freistaat ist. Außerdem wissen Sie überhaupt nicht, ob der Mörder nicht auch ein Bayer gewesen sein kann. Ein Feind aus alten Zeiten.“
Heide Brüderl schluchzte. Das Wort Mörder hatte sie aus der Fassung gebracht. Aber sie riss sich zusammen und versuchte, möglichst hochdeutsch zu sprechen.
„Der Herr Pfarrer hat überhaupt keine Feind net gehabt. Er ist ein guter Mensch gewesen. Mir ham hier ganz zurückgezogen gelebt. Nur immer mit dem Blick auf den Herrgott und die Jungfrau Maria.“
„Frau Brüderl, sagen Sie, haben Sie ein Verhältnis mit Pfarrer Fraas gehabt? Gibt es möglicherweise andere Damen, die ein Auge auf den Pfarrer geworfen hatten?“
Jetzt musste Heide trotz allem lachen.
„Ah geh, nur weil ich dem Pfarrer seine Haushälterin so viele Jahre gewesen bin, muss ich nicht gleich auch in sein Bett eini g’hupft sein. Nein, mir ham a guade Freundschaft g’pflegt und mehr net. Die Zeit schweißt einen halt trotzdem zamm.“
„Meinen Sie, dass es eventuell trotzdem jemanden geben könnte, der dem Pfarrer irgendwie etwas übel genommen hat? Hatte er woanders eine Freundin? War ein anderer Pfarrer auf ihn eifersüchtig oder neidisch?“
„Net, dass i wüst. Es hot vielleicht mal des oane oder andere G’schpusi ge’bn, aber des is fei a long her. Na, i könnt nix soagn, des oaner unsam guaden, oiden Herrn Pfarrer ebbes Boeis hot dun woill’n.“
„Wenn Ihnen noch etwas einfällt, würden wir uns freuen, wenn Sie uns anrufen würden.“ Hetzer überreichte ihr seine Visitenkarte, die er am Morgen druckfrisch auf seinem Schreibtisch vorgefunden hatte.
„Wann könn’ wir ihn denn begroab’n?“
„Das kann ich noch nicht sagen. Wenn die Untersuchungen abgeschlossen sind, melden wir uns sofort bei Ihnen. Vielen Dank für Ihre Hilfe.“
„A guade Hilf bin i eahna net gwe’n. Entschuldigen’s schon und an schena Dog no.“
„Immerhin habe ich jetzt nicht mehr so großen Hunger!“, sagte Peter Kruse erleichtert und streckte sich im Dienstwagen aus.
Er hatte fast die ganze Schüssel Kipferl verdrückt und hielt sich jetzt den Magen. Darum musste diesmal auch Hetzer fahren, der den Sitz erst einmal vier Raster nach vorn schieben musste.
„Mann, bist du ein Riese, Peter. Das ist ja unglaublich. Wie groß bist du eigentlich?“
„Ich bin nur 1,99 m groß. Das geht doch noch. Ist unter zwei Meter.“
Während der Fahrt zurück nach Rinteln schlief Peter, der Große, ein wie ein Baby nach seinem Mittagsbrei. Wohlig zurückgelegt schnarchte er an der Schaumburg vorbei und ließ sich bis zu Bennos Haus kutschieren, das jetzt vielleicht schon das von Marga war, wenn Benno Pech gehabt hatte. Pfui, was für Gedanken, schalt sich Wolf. Inzwischen war es fast Feierabend, aber das wollten sie noch erledigen. Sie wollten Marga Kuhlmann fragen, ob sie den Fremden kannte, mit dem sich ihr Mann im ,Stadtkater’ getroffen hatte oder ob es eine Zufallsbekanntschaft war. Es konnte auch sein, dass Benno inzwischen wieder aufgetaucht war. Obwohl — dann hätten ihn die Kollegen informiert.
Vor Kuhlmanns Haus weckte er Peter, was eine schwere Aufgabe war, denn der Hüne steckte in tiefsten Träumen.
„Los, aufwachen, du Vielfraß. Wenn du nicht so reingehauen hättest, wärst du jetzt fitter. Zuviel Fett und Kohlehydrate! Das macht müde. Los jetzt!“ Er knuffte seinen Kollegen unsanft in die Seite.
„Hä?“, fragte Peter in diesem Moment wenig intelligent.
„Feuer auf dem Luhdener Klippenturm!“, rief Hetzer, und Kruse war wach. Er fuhr hoch und stieß sich den Schädel an der Fahrzeugdecke.
„Immer schön ruhig bleiben. Fehlalarm!“, lachte Hetzer.
„Du warst nicht zu wecken. Auf jetzt, wir sind bei Marga Kuhlmann und wollen sie nach dem Fremden fragen. Geht das rein in dein müdes Hirn?“
„Ich bin doch schon längst wach!“, meckerte Peter und rieb sich den Kopf. „Du Leuteschinder!“
Es dauerte ein bisschen, bis Marga Kuhlmann an die Tür kam. Es war erst sechs Uhr, doch sie wirkte verschlafen. Vielleicht hatte der Arzt ihr ein Beruhigungsmittel gegeben.
„Frau Kuhlmann“, sagte Hetzer an der Haustür, „wir wollen Sie nicht lange stören, wir haben nur noch ein paar Fragen. Ihr Mann ist mit einem Fremden gesehen worden, der mit ihm den ,Stadtkater’ verlassen haben soll. Hat Ihr Mann kürzlich eine neue Bekanntschaft gemacht? Kennen Sie den Mann?“
„Benno macht ständig neue Bekanntschaften. Er ist Politiker und immer auf Wählerfang. Wie sah der Kerl denn aus?“
„Mittelgroß, dunkelblondes Haar, eigentlich ziemlich durchschnittlich. Er könnte Vegetarier sein.“
„Das sagt mir nichts. Das könnte auch auf viele zutreffen.“
„Da haben Sie recht. Bis jetzt gibt es aber keine weitere Spur. Es hat sich auch niemand bei Ihnen gemeldet? Keine Drohbriefe? Keine Geldforderungen?“
Marga fiel in sich zusammen. Sie wirkte auf einmal ganz klein.
„Meinen Sie, dass mein Mann auch entführt worden sein könnte?“
„Das können wir nicht sagen, aber wir müssen alle Möglichkeiten in Betracht ziehen. Bitte halten Sie Augen und Ohren offen. Gehen Sie ans Telefon, auch wenn es Ihnen schwerfällt. Sollte Ihr Mann entführt worden sein, werden die Entführer sich melden und ihre Bedingungen mitteilen.“
„Sollen wir Sie hineinbringen?“, fragte Kruse, der sich Sorgen machte, dass Marga Kuhlmann gleich an der Haustür umkippen würde.
„Nein, nein, das geht schon, vielen Dank.“
„Bitte informieren Sie uns umgehend, falls sich jemand melden sollte! Hier ist meine Karte. Sie können Tag und Nacht anrufen.“
Marga Kuhlmann nickte und schloss die Tür. Sie tat den Beamten leid. Es war schon mit Benno schwer gewesen, doch ohne ihn wirkte sie wie ein Häufchen Elend. Nicht lebensfähig, so als ob sie beschützt werden müsste. Doch das war nicht ihre Aufgabe.
Wolf und Peter beschlossen, Feierabend zu machen. Für heute war es genug. Morgen war ein neuer Tag. Selbst Hetzer beschloss später, nur noch ein Brot zu essen, denn jetzt war er zu allem zu müde. Auch der Kamin würde heute ausbleiben. Ihn gelüstete es nach seinem warmen, kuscheligen Bett, in dem er sofort in einen tiefen Schlaf fiel.
Im Verließ
Als Bennos Sinne zurückkehrten, spürte er, dass es kalt war. Widerlich kalt. Er lag auf blankem Stahl und konnte sich nicht rühren. Irgendwo tropfte es. Wieder und wieder. Er hatte keine Kraft herauszufinden, wo. Tropf, tropf, tropf, immer derselbe Rhythmus. Ganz dicht. Doch er konnte nichts erkennen. Schwärze. Nacht – in ihm und um ihn herum.
„Hallo, haaaallooo!“, kam es leise und verzerrt aus seiner Kehle. Sie war rau, tat weh, und da war noch ein anderer Schmerz. Tiefer, dumpfer. Irgendwo weiter unten.
Tropf, tropf, tropf. Das Monotone dieses Geräuschs machte ihn langsam verrückt. Es war sonst nichts im Raum. Außer ihm und dem Tropfen. Sein Krächzen hallte von den Wänden zurück. Warum war er hier? Warum fror er so und warum kam er hier nicht weg? Er hatte auch keine Ahnung, wie lange er schon hier war. Es war so dumpf um ihn herum. Als ob Nebel alles Laute und Grelle verschluckte.
Erst langsam kehrten die Sinne zurück. Je wacher er wurde, desto größer wurde seine Panik. Vorsichtig fühlte er mit den Fingern auf dem Stahl und an sich selbst entlang, so weit er konnte. Er war nackt und er war festgeschnallt. Der Schmerz wurde immer stärker. Es tropfte jetzt lauter.
„He, zeig dich, du mieses Dreckschwein“, brüllte er und verschluckte sich dabei an seiner eigenen Spucke. Etwas war mit seinem Hals nicht in Ordnung. Der Schmerz in seinem Körper wurde unerträglich. Die Stille auch und das Tropfen in ihr. Vom Schleim musste er husten, doch das Husten durchbohrte ihn wie ein Dolch. Er schrie und auch das brachte nur noch mehr Schmerz.
„Ich wäre vorsichtig“, warnte eine sanfte Stimme. „Du könntest ersticken. Oder verbluten, wenn du so weitermachst.“
„Wieso denn verbluten?“, wimmerte Benno, „bin ich denn verletzt?“
„So kann man es auch nennen“, wisperte die Stimme. „Aber ich würde es eher als versehrt bezeichnen.“
Auf einmal klang die Stimme ganz nah. Was sollte das heißen, versehrt? Er lauschte. Das Tropfen war jetzt schneller. Und noch während er darüber nachdachte, warum das so war, dämpfte gnädiger Schlafall seine Ängste und Empfindungen.
Der Fremde war noch einmal zurückgekommen. Er breitete eine Decke über Benno aus. Das Projekt durfte nicht gefährdet werden, sein Werk war noch nicht vollendet. Dazu brauchte er Benno. Und er brauchte Benno lebend.
Hetzers Traum
Eine Kugel schwebte über ihm. Sie war doppelt so groß wie er selbst. Er wusste nicht, woraus sie bestand. Sie glitzerte leicht. Das Licht brach sich in ihr, als ob sie aus Tausenden von Scherben zusammengesetzt war. Das hätte schön sein können, doch irgendwie wusste er, dass sie böse war.
Er wagte es nicht, sich zu bewegen, auch nicht, als die Ratte an seinem Hosenbein hochkletterte. Sie quiekte leise. Die Kugel surrte drohend. Sie schien auf Geräusche zu reagieren. Vielleicht auch auf Bewegungen. Die Ratte würde sie beide umbringen, dachte er, aber er konnte sie nicht abschütteln. Das hätte noch stärkere Schwingungen verursacht. Hetzer konnte nicht erkennen, wie die Kugel befestigt war. Sie schien einfach im Raum zu schweben. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er hatte gelernt, selbst in den schwierigsten Situationen Ruhe zu bewahren. Er konnte auch länger als andere Menschen auf einem Platz stehen, ohne sich zu bewegen. Aber er war nicht darauf vorbereitet worden, dass dabei auch noch eine Ratte an ihm hoch lief. Sie war jetzt schon bis zu seinem Hals gekrabbelt. Dort war er empfindlich.
„Es ist gar nicht so schlimm!“, flüsterte die Ratte leise in sein Ohr. „Ich habe auch keine mehr.“ Dabei lachte sie so schrill, dass die Kugel in tiefer Resonanz anfing zu brummen und sich zu vergrößern.
„Halt die Klappe!“, zischte Hetzer, immer ihr Glitzern im Blick. Sie vibrierte jetzt und drehte sich um sich selbst.
Die Ratte rückte näher.
„Du brauchst auch keine. Bleibst sowieso ein einsamer Wolf.“
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“
„Von allem und nichts.“
Die Kugel war in symmetrische Schwingung geraten. Ihre Ausdehnung wurde immer größer. Das Brummen war fast nicht mehr zu ertragen.
Da öffnete die Ratte das Maul und biss Hetzer mit aller Wucht ins Ohr. Sein Schrei entfesselte das Inferno über ihm. Die Kugel platzte.
„Ich bin nicht schuld, du hast geschrien“, lachte die Ratte in jedem Spiegelbild der Skalpelle, die sich aus der Kugel gelöst hatten und wie Moskitos auf ihn zuschwirrten.
Hetzer wachte schweißgebadet auf. Er lebte noch. Genüsslich rollte sich der Kater auf ihm zusammen und schnurrte. Sofort fühlte er sein Ohr. Aber da war alles in Ordnung. Was für ein merkwürdiger Traum, die Anspannung fühlte er immer noch.
Hatte er etwas zu bedeuten?
Hetzer gehörte nicht zu den Männern, die solche Gedanken einfach wegwischten. Er selbst hielt viel von Intuition und Dingen, die unter der Oberfläche verborgen waren. Manches hörte man, ohne es zunächst für wichtig zu halten, aber es war da. Im richtigen Moment drängte es sich vielleicht ins Bewusstsein und war genau das Puzzleteil, das einem gefehlt hatte.
Warum war die Ratte dagewesen?
Warum die Skalpelle? Und was hatte das widerliche Vieh gesagt? Sie hätte keine und er bräuchte auch keine?
Weil er einsam sei und es auch bleiben würde?
Was brauchte man denn nicht in der Einsamkeit? Ohren? Weil niemand mit einem sprach? Nein, das konnte nicht sein, die Ratte hatte mit ihm gesprochen und ihn gehört.
Er nahm sich vor, das Bild im Kopf zu behalten. Eine Erklärung konnte er jetzt nicht finden.
Mühsam stand er auf und ging hinunter in die Küche. Er fühlte sich wie zerschlagen und trotzdem unruhig. Seine Oma hatte immer eine Milch getrunken, wenn sie nachts nicht schlafen konnte. Er hatte das von ihr übernommen. Die Milch hinterließ ein wohliges Gefühl. Stundenlanges Grübeln brachte nichts. In der Gemütlichkeit des warmen Bettes kehrte der Schlaf rasch zurück.
Als er am Morgen die Brötchen hereinholte, trat er auf etwas Weiches. Im Halbdunkel konnte er nicht genau erkennen, was es war. Bestimmt hatte Gaga irgendein Spielzeug herumgeschleppt. Er bückte sich, und als er genauer hinsah, wich er vor Ekel zurück. Da lag eine tote Ratte auf seiner Fußmatte.
Susis Geheimnis
An dem Weihnachtsabend im Jahr 1971 hatte Susi begriffen, dass ihre Eltern eine ganz andere Vorstellung von dem hatten, womit sie ihre Zeit verbringen sollte. Mit Überwindung ging sie in den Folgejahren zu den Ballettstunden. Tapfer trug sie das Tütü, in dem sie sich einfach lächerlich vorkam. Aber sie wollte ihren Eltern gefallen. „Hanni und Nanni” hatte sie an die Seite gelegt und auf „Winnetou III” gespart. Die albernen Internats-Geschichten interessierten sie nicht.
Glücklicherweise waren Vater und Mutter tagsüber beschäftigt. Die eigene Praxis im Haus kostete viel Zeit. Für Susi war das gut und schlecht. Wenn sie die Ballettschuhe aufgehängt hatte, schnappte sie sich Pfeil und Bogen und lief nach draußen. Immer draußen. Sie war so gerne draußen in der Natur. Sprach mit dem Wind, kletterte auf die alten Kirsch- und Apfelbäume und baute Dämme im Bachlauf. Zu jener Zeit gab es viele Kinder in den Gärten. Es war immer jemand zum Spielen da. Wenn sie sich heute zurückerinnerte, hatte sie den Eindruck, die Sommer waren immer schön gewesen. Keine Regentage. Nur ein Gewitter ab und zu.
Die Eltern sahen, dass Susis Noten hervorragend waren. Für den Tanz hatte sie wenig Talent. Und obwohl Vater und Mutter das bald erkannt hatten, waren sie doch der Meinung, dass diese Art körperlicher Ertüchtigung wichtig für sie sei, vor allem für die Haltung. Darüber hinaus ließen sie Susi in Ruhe, wenn sie mit Federschmuck durch die Gärten tobte.
Nur einmal – und das war ein unseliger Zufall – bekam Susi Hausarrest. Aus Bequemlichkeit wollte sie es den Jungen gleich tun, die es so einfach hatten, wenn sie draußen mal mussten. Einfach ran an den Busch, nicht erst umständlich nach Hause laufen und verpassen, wie Old Shatterhand mit Roter Büffel die Friedenspfeife aus Weide und Maiskolben rauchte. Es war so lästig, das Spiel zu unterbrechen. Susi dachte, dass sie als Indianer bestimmt ebenso gut an den Busch pinkeln, konnte und nach ein paar Mal hatte sie es auch raus, sich so geschickt in der Mitte nach vorn zu beugen, dass der Strahl einen Bogen machte. Immerhin ging sie grundsätzlich an einen Ort, wo sie allein war. In Gegenwart der Jungs schämte sie sich. Sie kam jetzt in das Alter, wo ein unbestimmtes Schamgefühl sie davon abhielt, sich in der Gemeinschaft zu entblößen. An einem Sommertag Ende August sahen die Eltern zufällig aus dem Fenster, als Susi direkt an der Hausecke ihr Höschen auszog, den Rock hob und gegen einen Busch pinkelte. Mit einem Vortrag über Verhaltensweisen, die von einer Heranwachsenden aus den besten Kreisen erwartet wurden, erstickten sie das Nachahmen noch im Keim. Drei lange Sonnentage musste Susi im Zimmer bleiben für ihr unziemliches Verhalten. So etwas tat eine junge Dame nicht, auch wenn sie erst zehn Jahre alt war.
Die Ratte
Wolf Hetzer mochte keine Ratten, und diese hier vor seiner Tür erst recht nicht. Es war schon steif, das eklige Tier, und er dachte darüber nach, ob sie ihm absichtlich vor die Tür gelegt worden war. Vorsichtig griff er das Vieh mit dem Taschentuch und ließ es in einen Beutel gleiten, der eigentlich für Tatortspuren vorgesehen war.
Er würde sich wieder Micas Spott zuziehen, wenn er ihr die Ratte brachte. Aber es konnte sein, dass der Mörder sich durch die Ermittlungen gestört fühlte und ihm eine Botschaft gesandt hatte. Das musste er wissen und vielleicht hatten sie Glück und, wer auch immer, hatte dabei nicht aufgepasst und es waren Spuren an dem Kadaver, die ihnen Hinweise geben konnten.
Noch während des Frühstücks rief er Peter an. Es schmeckte ihm heute nicht besonders. Was für ein Morgen. Sein Kollege lachte ihn nicht aus.
„Wieso kommst du darauf, dass dir jemand die Ratte vor die Tür gelegt hat?“
„Vielleicht sind wir Pfarrer Fraas’ Mörder schon gefährlich nahegekommen!“
„Du, mir fällt da noch was ein. Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass es Parallelen zum Mord geben könnte?“
„Inwiefern?“
„Na ja, der Pfarrer wurde schließlich ersäuft wie eine Ratte – und das in Hameln, wie es aussieht. Das ist ja fast ein kulturhistorisch interessantes Verbrechen. Und jetzt legt er dir eine Ratte vor die Tür. Quasi als Warnung. War die eigentlich kastriert, die Ratte?“
„Was? Na, du kommst auf Ideen. Also, ehrlich gesagt, habe ich ihre Genitalien nicht untersucht. Das kann Mica machen. Ich fasse das Biest nicht ein zweites Mal an. Deine Idee ist aber interessant. Ich bin gespannt, ob da was dran ist.“
„Dann lass uns abzischen. Ich bin gleich mit dem Dienstwagen bei dir. Du brauchst nur mit deiner Beute einzusteigen.“
Mica zog die Brauen hoch, als Peter und Wolf in der Tür zum Seziersaal standen. Zwei der Edelstahltische hinter ihr waren mit Tüchern bedeckt. Darunter etwas Unförmiges, was sie lieber nicht sehen wollten. Der Geruch war atemraubend. Mica hatte sich stark riechende Creme unter die Nase geschmiert.
„Einen wunderschönen guten Morgen, ihr Helden. Habt ihr schon neue Erkenntnisse? Kommt ihr voran?“
„Vielleicht“, sagte Hetzer und hielt der Pathologin den Beutel hin.
„Ist das ein Geschenk für mich?“
„Vielleicht eher für mich, ich weiß es nicht genau.“
„Und von wem hast du das?“ Mica schielte belustigt in die Tüte. „Ich bin ja froh, dass es nicht für mich ist.“
„Na ja, in gewisser Weise ist es jetzt für dich. Ich möchte nämlich, dass du das Tier auf menschliche DNA untersuchst.“
„Das ist doch nicht dein Ernst oder? Das ist eine Ratte.“
„Ich weiß, dass das kein Schmetterling ist. Ich denke, dass sie mir von Josef Fraas’ Mörder vor die Tür gelegt worden ist.“
Mica lachte. „Ach so. Hmm. Wieso sollte er das tun?“
„Um mich einzuschüchtern? Um mir einen Hinweis zu geben? Um eine Parallele zu zeichnen? Keine Ahnung. Ich muss zwei Sachen wissen – neben dem DNA-Abgleich. Ist die Ratte ertränkt worden und ist sie kastriert?“
„Auch wenn ich denke, dass du ein klein wenig paranoid bist, das erste haben wir gleich“, sagte Mica und zog das Tier aus dem Beutel. „Also, Eier hat sie augenscheinlich keine, aber ob sie mal welche hatte? Da muss ich erst genauer nachgucken. Es könnte auch sein, dass sie einen Hodenhochstand hat.“ Mica grinste über ihren eigenen Scherz. „Ob sie ertrunken ist, kann ich euch erst später sagen. Im Moment ist sie noch zu steif. Ich muss ein bisschen warten mit der Obduktion. Aber ich rufe euch nachher an.“
Mit diesen Worten ließ sie die Ratte los, die knisternd in den Plastikbeutel fiel und legte sie auf den freien Seziertisch.
„Glaubt jetzt aber nicht, dass ihr mir jeden Kadaver, den ihr bei euch zu Hause findet, hier abladen könnt mit irgendwelchen wilden Geschichten.“
„Nein, ehrwürdige Mechthild, Forscherin in den Körpern Verstorbener, nur wenn es die Ermittlung erfordert.“
„Du hast echt ‘nen Knall, Hetzer!“, lachte sie. „Also ich würde mir das an deiner Stelle mit dem Polizeipsychologen überlegen. Ein leichter Ansatz von Verfolgungswahn ist durchaus erkennbar.“
Mit diesen Worten entschwand sie in die heiligen Hallen ihrer Kühlkammer und ließ die Kommissare stehen.
„Tja“, schüttelte Peter den Kopf, „jetzt habt ihr es euch ja wieder so richtig gegeben. Könnt ihr eigentlich nicht anders?“
„Ich weiß auch nicht. Wenn ich sie sehe, mit ihrer provozierenden Art, dann muss ich einfach Kontra geben. Das geht wirklich nicht anders. Ich habe immer das Gefühl, sie nimmt uns auch nicht ernst. Sie hat keinen Respekt vor uns.“
„Muss sie den denn haben?“
Hetzer rieb sich das Kinn.
„Oh doch, ich bin schon der Meinung, dass jeder Mensch vor dem anderen Respekt haben sollte. Bei Mica bin ich mir da aber nicht sicher. Ich fühle mich immer auf den Arm genommen. Wahrscheinlich meint sie das gar nicht böse, sie ist eben so. Vielleicht sieht sie andere und sich selbst auch immer mit Ironie. Wer weiß. Auf jeden Fall ist sie mir entscheidend lieber als so ein stocksteifes Akademikerarschloch, das uns arrogant von oben herab behandelt.“
„Aber genau das tut sie doch auf ihre Art. Nur zieht sie es ins Lächerliche. Ob das besser ist? Ich weiß nicht. Sie ist schon ein komischer Mensch.“
„Vielleicht wären wir das auch, wenn wir ständig in Toten rumwühlen müssten. Vielleicht schafft das eine Ironie den Lebenden gegenüber.“
Peter schüttelte den Kopf und grinste.
„Schon klar, du magst sie. Ich weiß. Und du findest immer Entschuldigungen für das Verhalten anderer. Hetzer, du bist zu gut für diese Welt. Ich weiß überhaupt nicht, wie du diesen Beruf ergreifen konntest, wo du immer mit dem Gegenteil konfrontiert wirst.“
„Vielleicht grade deshalb!“, sagte Hetzer und streckte sich auf dem Beifahrersitz aus.
Bennos Erkenntnis
Als Benno wieder erwachte, hörte er das Tropfen nicht mehr. Obwohl es ihm vorher Angst gemacht hatte, vermisste er es jetzt. Es war gespenstisch still in dem dunklen Raum. Die Panik ergriff ihn wieder. Aber er lag wenigstens nicht mehr auf diesem kalten Brett. Und er war nicht mehr angeschnallt. Ein bisschen benommen war er noch, kauerte in irgendeiner Ecke. Alle Knochen taten ihm weh in dieser komischen Haltung. Er rückte ein bisschen hin und her, tastete mit den Händen an der Wand lang. Komisch, die eine war glatt mit einem rauen Linienmuster. Das mussten Fliesen sein. Die andere war ein Geflecht aus Metall. Er konnte vier Finger bis zum ersten Glied hindurchstecken. Als er sich aufrichten wollte, stieß er gegen die Decke. Mist. Die war zu niedrig. Er schätzte die Höhe auf unter anderthalb Meter. Auf dem Boden lag eine Art Felldecke. Vorsichtig tastete er sich weiter. In einer Ecke fand er eine Flasche. Sie schien voll zu sein. Er öffnete sie und roch daran. Nichts. Er hatte Durst. Jetzt, wo er die Flasche gefunden hatte, war der Durst noch größer geworden. Nur ein kleiner Schluck. Es war den Versuch wert. Benno setzte die Flasche an die Lippen und war erleichtert. Wasser, es war Wasser. Gierig trank er und fühlte sich gleich besser. Nur sein Hals tat noch etwas weh.
Nach und nach wich die Benommenheit. Dafür fühlte er jetzt wieder das Ziehen im Unterleib. Er tastete an sich herum und spürte einen dünnen Draht zwischen seinen Fingern. Ein weicher Draht, den er zusammendrücken konnte. Er zog daran. Das unangenehme Gefühl wurde stärker, tat fast weh. Vorsichtig fuhr er an dem Draht entlang, der durch das Gitter nach draußen führte. Wohin, konnte er weder sehen noch durch das Geflecht fühlen. In der anderen Richtung führte der Draht direkt zu ihm. Zu seinem Schwanz. Ihm wurde schlecht. Das war kein Draht, das war ein Katheter. Er fühlte. Und er fühlte nichts. Öffnete den Knopf der Hose. Der Reißverschluss war bereits offen. Tastete am Schlauch entlang in seine Unterhose. Der endete im Nichts. Er würgte. Erbrach Wasser und Galle, denn sein Magen war noch leer. Schrie ohne Worte und weinte gleichzeitig. Konnte es nicht glauben, dass da nichts war. Tastete wieder und wieder, auch unten zwischen den Beinen, und fühlte nur Reste von Fäden. Er war ein Krüppel, ein Nichts, weniger als Nichts. Und er saß in einem Käfig. Gefangen wie ein Vieh. Allmählich ging seine Wut in Schluchzen über. So lag er lange auf dem feuchten Fell, bis der Stress und die Nachwirkungen der Narkose ihm Schlaf schenkten.
Die Obduktion der Ratte
Es wurde Abend, bis Mica ihn auf seinem Handy zurückrief.
„So, du von Verfolgung geplagter Wolf, jetzt kann ich Licht in deine düsteren Gedanken bringen“, sagte sie ernst. „Im Halsbereich der Ratte fanden sich mehrere kleine Einstiche.“
„Heißt das, sie ist ermordet worden?“, rutschte es ihm heraus.
„Hängen wir es nicht so hoch auf, Hetzer. Sie ist auf jeden Fall getötet worden und nicht eines natürlichen Todes gestorben. Wobei diese Formulierung auch nicht genau zutrifft.“
„Ich verstehe nur Bahnhof. Kannst du dich nicht vielleicht ein bisschen deutlicher ausdrücken. Es ist echt wichtig für die Ermittlung.“
„Ist ja schon gut. Also, in den Wundkanälen habe ich Speichel von Feliden gefunden. Du hast wohl eine Verehrerin oder einen Verehrer.“ Wolf konnte im Geiste Micas Grinsen sehen und grummelte innerlich. Sie hätte auch Katzenspucke sagen können. Aber das war typisch Mica, die jetzt beim Sprechen das Lachen kaum unterdrücken konnte: „Eier hatte sie übrigens keine, weil sie ein Weibchen war. Und ersoffen ist sie auch nicht. Vielleicht, weil sie übers Wasser wandeln konnte ...“
Hetzer schäumte, aber er wollte ihr den Triumph nicht gönnen.
Darum ließ er sich nichts anmerken und sagte gelangweilt: „Gut, dann ist sie von einer Katze erlegt worden. Vielen Dank.“
Danach legte er einfach auf, ohne ihre Reaktion abzuwarten. Mica starrte den Hörer an. Hatte er einfach aufgelegt? Wenn das kein Verbindungsfehler war, war er sauer. Schade. Sie hatte einen Spaß machen wollen und der war mächtig nach hinten losgegangen.
Wolf Hetzer kam sich vor wie ein Riesenrindviech. Er konnte Mica den Schabernack nicht einmal verübeln. Es war wirklich dämlich gewesen zu glauben, dass ihm jemand eine ertränkte, kastrierte Ratte vor die Tür gelegt hatte, nur weil ein Pfarrer aus Hameln so gestorben war. Völlig blöd. Er hatte sich selbst zu wichtig genommen. Sie hatten noch nicht einmal den Ansatz einer Spur. Wer sollte ihn da also im Visier haben? Er hoffte, dass Mica diese Geschichte einfach auf sich beruhen ließe und nicht weiter in der Wunde bohrte.
Wütend über sich selbst beschloss er, den Tag wenigstens gut ausklingen zu lassen. Die Ermittlungen hatten sie nicht weitergebracht. Weder in Hameln noch in Rinteln. Sie hatten so wenig in der Hand. Kaum Spuren am Tatort von Pfarrer Fraas. Keine im Fall Benno Kuhlmann, der immer noch verschwunden war, und von dem sie nicht wussten, ob er überhaupt noch lebte. Bei diesen trüben Gedanken beschloss er, den Kaminofen anzuzünden und sich ein schönes Essen zu kochen.
Er holte gerade Holz aus dem Schuppen im Hof, als Moni mit Gaga um die Ecke bog. Bei ihr machte selbst Emil kein Geschrei.
„Hallo, ihr zwei!“, sagte er und griff den schweren Korb. „Wollt ihr mit reinkommen?“
„Ich nicht, ich muss gleich zum Yoga!“, sagte Moni und strich sich eine nasse Strähne aus der Stirn. Es hatte zu regnen begonnen. „Und danach will ich noch in die Sauna!“
„Oh, wie schön!“, seufzte Hetzer und dachte daran, dass er unbedingt noch eine Sauna an sein Hexenhäuschen anbauen wollte. In diesem Jahr würde das nichts mehr werden.
Bennos Ende
Als Benno wieder erwachte, war es nicht mehr dunkel im Raum. Er sah, dass er sich in einem von mehreren Käfigen befand, die in einer Art Souterrain oder Keller standen. In der Mitte stand ein Edelstahluntersuchungs- oder, ihn schauderte, Seziertisch mit Schnallen aus Leder. Wo war er? Und warum war er hier? Da fiel ihm sein Zustand wieder ein. Und er begann erneut zu weinen. Er konnte jetzt auch sehen, wie die gelbe Flüssigkeit, die sein Urin sein musste, den Schlauch entlangfloss und irgendwohin geleitet wurde. Noch einmal fühlte er in seiner Hose nach, aber es war alles weg, was ihn zum Mann gemacht hatte. Er war ein Neutrum. Ein Nichts. Konnte er überhaupt noch geil werden? Und wenn ja, wie sollte er sich abreagieren. Da war nichts mehr, woraus er spritzen konnte. Da war auch nichts mehr, womit er spritzen konnte, fiel ihm ein. Er hatte keine Eier mehr. Wieder liefen ihm Tränen übers Gesicht. Wo war der Mensch, der ihm das angetan hatte? Und was hatte er noch mit ihm vor? Er wollte nach Hause. Aber was sollte er seiner Frau erzählen? Wie lange ließ sich dieser Zustand geheim halten?
Plötzlich waren Schritte auf der Treppe zu hören. Sie kamen näher. Die Tür wurde aufgeschlossen und eine dunkle Gestalt näherte sich ihm.
Benno hatte Angst. Er kauerte sich in seine Ecke zurück und zitterte.
„Hast du schon bemerkt, dass du kein Mann mehr bist?“
Benno antwortete nicht. Er brachte keinen Ton aus seiner Kehle, obwohl er es versuchte.
„Du musst nichts sagen. Ich weiß, du kannst nicht sprechen.“
Benno erstarrte. Wieso konnte er nicht sprechen. Er versuchte es mit einem „Aaaa“ und hörte sich nicht. Er versuchte es lauter und versuchte zu schreien. Um Hilfe oder Gnade. Um etwas, das ihn erlöste.
„Streng dich nicht so an!“, sagte das Flüstern neben ihm beruhigend. „Du kannst nicht sprechen, weil ich dir deine Stimme genommen habe. Du hast eh nur Scheiße erzählt. Viel Blabla und lauter Lügen. Versprechungen, die du nie gehalten hast. Meinungen, die keiner hören wollte. Ansichten, die Menschen verletzen, so wie mich. Aber du wirst nie wieder etwas sagen.“
Mit tränenüberströmtem Gesicht begriff Benno Kuhlmann, dass der Mann sich an ihm rächen wollte. Er hatte doch nie wirklich jemandem etwas getan. Vielleicht hatte er seine Vorteile als stadtbekannter Politiker ausgenutzt. Ein bisschen geschachert und betrogen, aber das machte doch jeder.
„Wie fühlst du dich eigentlich, so ohne Gemächt? Die Wunden sind gut verheilt. Du könntest damit alt werden. Die Lust würde allmählich nachlassen, falls du aufgrund deiner Situation überhaupt welche hättest.“
Benno wurde kalt. Wieso der Konjunktiv? Wieso würde, hätte und könnte? Der Mann wollte ihn nicht am Leben lassen. Angst war auf einmal überall in ihm. Er spürte den Hass jetzt deutlich durch das Käfiggitter. Wie eine böse Aura, die den Raum überschwemmte.
„Glaub mir, ich weiß genau, wie du dich fühlst. Man gehört nicht mehr dazu. Weil Leute wie du glauben, Dinge besser zu wissen, von denen sie nicht das Geringste verstehen. Und man will nie entdeckt werden. Davor brauchst du dich nicht zu fürchten, denn jeder wird es wissen. Sie werden es sehen, wenn sie dich finden.“
Benno drängte sich noch tiefer in die Käfigecke.
„Keine Angst, Kuhlmann. Du wirst nicht lange leiden. Ich werde dich als das umbringen, was du zu Lebzeiten warst – ein Schwein.“ Die Stimme lachte und entfernte sich.
In Bennos Kopf ging alles wild durcheinander. Filme der Vergangenheit liefen in ihm ab. Er sah seine Villa, seine Frau, die Kinder an einem Sommertag. Er sah sich beim Rasieren mit Schaum im Gesicht. Seine Mutter nickte ihm zu. Der Biergarten wurde in seinen Gedanken greifbar. Er wollte trinken. Wo war die Flasche? Er robbte in die andere Ecke, aber er war fahrig. Die Flasche glitt ihm aus der Hand und zersprang auf dem Boden. Überall Scherben. Vor Wut riss er an den Gittern und an sich und an dem Schlauch. Mit einem Ruck und einem dumpfen Schmerz glitt der Katheter aus seiner Blase. Nicht einmal schreien konnte er. Aber er konnte sich umbringen mit einer Scherbe. Er wollte nicht darauf warten, dass der Fremde wiederkam. Mit Überwindung senkte er die Scherbe ins Fleisch. Diese war nicht scharf genug. Er kam nicht weiter. Die Haut blutete nur oberflächlich. Diese hier war spitzer. Er musste zustechen und den Schmerz aushalten.
Beim ersten Versuch blieb das Glasstück stecken. Er jaulte innerlich. Zog es wieder heraus und hörte Schritte. Der Fremde kam zurück.
„Na, na, na, Benno, was machst du denn da? Du willst mir doch nicht die Arbeit wegnehmen. Hast du dir den Katheter gezogen? Das war aber dumm von dir. Jetzt läuft es einfach aus dir heraus und deine Hose wird nass. Kleiner Fehler von mir bei der Operation. Willst du was trinken? Deine Flasche ist kaputt.“
Mit diesen Worten öffnete der Mann die Käfigtür. Benno war mit blutenden Handgelenken wieder in die Ecke geflüchtet. Der Durst war groß. Er hatte vorhin alles wieder ausgebrochen. Aber er traute sich nicht heraus. Nicht in die Nähe des Fremden.
Der Mann schien seine Gedanken zu erraten.
„Keine Angst. Ich gehe solange. Du kannst sowieso nicht flüchten. Also versuch es erst gar nicht. Es hört dich auch niemand. Hier ist Verbandszeug für deine Arme.“
Benno folgte dem Mann mit den Augen, der die geflieste Treppe hochging, die Tür hinter sich zuzog und absperrte. Er wartete noch eine Weile. Dann kroch er aus dem Käfig. Er streckte sich. Endlich wieder aufrecht stehen. Aber das tat weh. Es war ungewohnt und zog in seiner Wunde. Durst, so großer Durst. Mühsam schleppte er sich zum Tisch und trank direkt aus der Flasche.
Als der Fremde zurückkam, war Benno bereits willenlos. Er grinste und starrte ihn mit wirren Augen an. Ohne Widerstand ließ er sich das Gespensterkostüm überstreifen, die Handgelenke verbinden und mit einer Kette umwickeln. Jetzt waren von Benno nur noch Hände, Füße und Augen zu erkennen.
Er selbst streifte sich die Totenkopfmaske über und zog die Kapuze tief ins Gesicht.
An der Kette zog er Benno mit sich zum Auto, das er direkt an der Kellertür geparkt hatte. Er würde den dummen Politiker an einen Ort der Weisheit und der Kultur bringen. Schon vor Wochen hatte er sichergestellt, dass er Zugang zur Eulenburg haben würde. Nachts war dort wenig los. Gegen halb zwei näherten sich die beiden dem alten Gebäude, ohne dass sie jemand gesehen hatte. Der Fremde hatte Benno eine genau berechnete Anzahl an K.-o.-Tropfen verabreicht. Daher ließ die Wirkung auch erst nach, als Benno längst kopfüber und nackt am Balken hing. Ihm war schlecht und er konnte sich nicht erinnern, wie er hierhergekommen war. Er fror.
„Na Benno, wie fühlst du dich jetzt? Hast es bald geschafft!“
Nach und nach kehrten die Erinnerungen der letzten Tage wieder und mit ihnen das Grausen.
Das Letzte, was er hörte, war nur für seine Ohren bestimmt. Der Fremde flüsterte ihm etwas Unglaubliches zu und durchstach gleichzeitig in seinem Hals die Hauptschlagader.
Gefüllte Paprika
Hetzer war mit Gaga und dem Holz ins Haus gegangen. An einem diesigen Tag wie heute dauerte es immer, bis der Kamin richtig zog. Am besten machte er ein Höllenfeuer mit Zeitung und kleinem Geäst, ein paar Stückchen Baumrinde. Damit die kalte Luft dem Schornstein entwich. Dann immer größere Scheite und nach und nach tanzte ein freundliches Feuer hinter der Scheibe. Für Wolf Hetzer war ein Kaminofenfeuer der Inbegriff aller Gemütlichkeit. Am Feuer war oder wurde alles gut. Die Wärme war eine andere, das Licht der Flammen strahlte weicher. Im Herd schmurgelte schon eine gefüllte Paprika – lecker mit Käse überbacken. Ihr Duft kroch durchs Haus bis zum Biedermeiersofa in Wolfs Nase und weckte ihn aus einem Kurzschlaf, gerade, als er im Traum einen Schweinebraten anschneiden wollte.
Der Hunger war stärker gewesen als der Schlaf. Er setzte sich auf. Vorsichtig, um die Kater nicht zu wecken, die es sich an seiner Seite bequem gemacht hatten. Aus der Küche piepte der Ofen. Endlich! Sein Magen knurrte gewaltig.
Gaga folgte ihm. Sie wusste, dass sie nichts vom Tisch bekam, aber sie wollte auch nichts verpassen. Hetzer nahm die Auflaufform aus dem Ofen. Hmm. Diese Rosésoße, köstlich. Das letzte Glas aus der Flasche hatte er aufgehoben. Er stellte es neben seinen Teller auf den Esstisch im Wohnzimmer und lehnte sich zurück. Wenn sie noch da wäre, hätte er eine zweite Flasche aufgemacht. Er schob den Gedanken beiseite, nahm einen Schluck und schnitt die Paprika an. Sie zerging auf der Zunge. Er hatte sie mit Reis und Zucchini gefüllt. Kochen war eine seiner Leidenschaften. Dafür nahm er sich Zeit. Sie hatte immer so gerne bei ihm gegessen. Auch wenn sie bei manchen Gerichten befürchtet hatte, er wolle sie vergiften. Mit Fenchel zum Beispiel und Chicorée.
Immer wieder diese Gedanken. Er wurde sie nicht los. Kam in einen Strudel, der ihn immer weiter nach innen zog, wenn er es nicht schaffte, sich abzulenken. Er wollte sie auch nicht loswerden, dachte er und hatte ein schlechtes Gewissen, weil er überhaupt darüber nachgedacht hatte. Sie gehörte zu ihm. Immer noch. Auch wenn sie nicht mehr da war.
Als Gaga bellte, riss sie ihn aus der Gedankenspirale und holte ihn ins Jetzt zurück. Hetzer hätte das kurze Bellen nicht weiter wichtig genommen, wenn nicht auch Emil im Stall Theater gemacht hätte. Er fauchte noch, als Hetzer in Richtung Tür ging. Das war seltsam. Normalerweise meldete er nicht, wenn er nachts im Stroh schlief. Es sei denn, es wäre jemand direkt aufs Grundstück gekommen oder hätte sich am Stall zu schaffen gemacht.
Hetzer gab Gaga das Kommando, ihm direkt bei Fuß zu folgen, und verließ durch den Hauswirtschaftsraum den Anbau in Richtung Hof. Sofort schalteten die Bewegungsmelder alle Lampen rund um das Haus an. Gaga spitzte die Ohren. Emil meckerte nur noch ein bisschen unwirsch vor sich hin und freute sich, als Hetzer zu so ungewohnter Zeit in seinen Stall kam.
„Ist doch gut, Emil“, beruhigte er den Ganter. „Hast du geträumt oder war hier jemand?“
Er streute dem Tier ein paar Getreidekörner hin und schloss den Stall wieder ab. Er sah, wie seine Hündin entlang des Zauns witterte, zwischendurch stehenblieb und mit gespitzten Ohren horchte.
Hier war jetzt niemand mehr, aber er hatte das Gefühl, dass dort jemand gewesen war. Vielleicht sogar näher, als er wollte.
Die Paprika war inzwischen kalt geworden. Er stellte sie noch einmal kurz in die Mikrowelle und legte Holz nach. Gerade, als er sich wieder zu Tisch gesetzt hatte, klingelte es.
„Das darf doch nicht wahr sein!“, sagte er zu Gaga, die ihn nicht hörte, weil sie bellend zur Tür gelaufen war.
„N’Abend Wolf, störe ich?“
Peter stand fragend in der Tür und sah Gaga skeptisch an.
„Nee, komm rein, aber lass mich eben essen. Ich habe die Paprika schon zum zweiten Mal warm gemacht. Willst du einen Schluck Wein? Gaga, ab in deinen Korb.“
Widerwillig gehorchte sie und ließ sich mit einem Brummen nieder, ohne Peter aus den Augen zu lassen.
„Beißt die auch nicht?“
„Kommt drauf an, ob du mich ärgerst“, lachte Hetzer, „oder aus ihrem Napf frisst. Sie ist so futterneidisch wie du. Möchtest du was von meiner Paprika?“
„Nein danke, das ist mir hier zu gefährlich, außerdem hatte ich einen leckeren Döner in Minden. Da gibt es die besten.“
„Und dafür fährst du extra nach Minden?“ Hetzer schüttelte den Kopf. „Der Sprit ist echt noch nicht teuer genug für solche wie dich.“
„Vielen Dank für die Moralpredigt, Herr Umweltapostel. Hast du schon gehört, wie diese vielen Kaminofenemissionen die Luft schädigen? Also, was soll’s. Wir sind alle Störfaktoren fürs Ökosystem. Ach, und ich hatte noch vergessen zu erwähnen, dass ich meine Mutter im Grillepark besucht hatte. Es lag quasi auf dem Weg.“
Hetzer kam sich doof vor. Manchmal sollte er sich lieber auf die Lippen beißen. Aber es gab genug Weggucker und Nichtssager. Dann lieber mal ein peinlicher Moment.
„Sorry, das konnte ich ja nicht wissen, dass deine Mutter in Minden wohnt.“
„Wie solltest du auch?“, grinste Peter. „Dafür hab ich es dir jetzt mal schön zurückgegeben, denn für dein verschwenderisches Heizen mit Holz hast du keine Ausrede – den Genuss mal ausgenommen. Was hast du denn für einen Wein?“
„Das hier ist ein Zinfandel Rosé. Ich habe noch eine Flasche im Kühlschrank. Setz dich schon mal, aber Finger weg von meiner Paprika. Gaga sieht alles!“
Peter nahm den größtmöglichen Abstand zum Hundekorb ein und setzte sich.
Dieses Miststück verfolgte ihn immer noch mit halboffenen Augen.
Jederzeit zum Sprung bereit.
Die Paprika duftete köstlich. Gut, dass er satt war, sonst hätte er jetzt glatt mal probieren wollen. Mit dem Sattsein war es bei ihm allerdings so eine Sache. Das hielt nie lange an. Und so ein Duft beschleunigte den Vorgang.
Hetzer kam mit Glas und Flasche zurück. Er schenkte Kruse ein und sich selbst nach. Er war froh, jetzt nicht allein sein zu müssen. Das lenkte von den Gedankenspiralen ab.
„Warst du eben schon mal hier?“
„Nö, wieso?“
„Kurz bevor du gekommen bist, haben Gaga und Emil ein Mordsspektakel gemacht. Da dachte ich, du hättest vielleicht schon mal geklingelt und ich hätte nichts gehört, weil ich in der Küche war oder so.“
„Nee, das war ich nicht. Ich bin jetzt erst gekommen. Aber ich glaube, es steht bei dir was vor der Tür. Das wollte ich dir eben schon sagen. Ich hab es nur im Angesicht des vierbeinigen Feindes vergessen.“
„Ach so, was denn?“
„Ein Topf oder eine Auflaufform oder so. Wenigstens sah es so aus.“
„Ach, das wird Moni gewesen sein – meine Nachbarin. Sie stellt mir manchmal was zu essen vor die Tür, wenn sie Eintopf macht. Das könne man nicht in so kleinen Mengen kochen, meint sie. Für sie allein lohne es sich nicht. Dann brauche ich ja morgen nicht zu kochen. Ich hole den Topf nachher rein. Da steht er ja schön kühl. Prost Peter!“ – „Prost Wolf!“
Hetzer setzte das Glas ab und begann seine inzwischen wieder lauwarme Paprika zu essen.
„Du“, sagte Peter, „es hat noch einen weiteren Grund, dass ich hier bin, nicht nur, um dir deinen Rosé wegzutrinken. Du weißt doch, dass ich Hinz und Kunz kenne in Rinteln und auch einige von Benno Kuhlmanns Spezis aus der Politikerszene. Ich weiß jetzt noch ein sehr delikates Detail aus seinem Leben. Ich habe quasi eine inoffizielle Befragung in Kleinenbremen durchgeführt, bevor ich zu meiner Mutter gefahren bin.“
Peter Kruse grinste geheimnisvoll und nahm noch einen Schluck Wein.
„Nun mach es doch nicht so spannend!“
„Ich weiß jetzt, wer Bennos Geliebte ist – oder sind.“
„Hä?“
„Na ja, es ist ein Paar. Der Kerl ist bi.“
„Gibt’s doch nicht! Der predigt doch andauernd gegen Homosexualität und dergleichen. Also, wenn ich alles geglaubt hätte, aber so etwas bestimmt nicht. Da kann man doch mal sehen, dass man bei den Ermittlungen nichts außer Acht lassen kann, auch nicht das Unwahrscheinlichste.“
„Ja, aber das Beste kommt noch. Hat mich ein paar Bier gekostet, bis sein Kumpel das ausgespuckt hat. Das geile Pärchen steht im Mittelpunkt des öffentlichen Lebens. Rate mal, um wen es sich handelt?“
„Mensch Kruse, raus mit der Sprache. Wie soll ich das raten? Das könnten viele sein.“
„Marlies König, Samtgemeindebürgermeisterin von Exten!“, sagte Peter genüsslich.
„Ist das nicht der Hammer!“
„Oh weh, das sollten wir allerdings erst mal unter der Hand weiter recherchieren. Denn falls sie und ihr Mann mit Bennos Verschwinden nichts zu tun haben, würde ich sie gerne aus den Ermittlungsberichten fernhalten. Du weißt doch, Dreck bleibt immer kleben, und wenn das rauskommt, dass die beiden in dieser Weise sexuell aktiv sind, dann sind ihre Tage als Frontfrau von Exten gezählt.“
„Ja, das wäre schade, denn sie hat viel für die Gemeinde getan. Und ehrlich gesagt: Ich finde, die Gelüste anderer gehen niemanden etwas an. Solange alles immer freiwillig und schön ist für die Beteiligten.“
„Politische Gegner und die Presse sähen das sicher anders. Aber ich bin deiner Meinung. Da morgen Samstag ist, sollten wir Marlies und ihrem Gatten einen kleinen Kaffeebesuch aufnötigen.“
„Vielleicht war da doch Eifersucht im Spiel?“, überlegte Peter.
„Wenn aus der Lust Gefühle geworden sind oder einer der drei nur gemeint hat, da wären welche.“
„Meinst du denn, sie haben ihn umgebracht und versteckt? Oder einer von beiden?“
„Oder sie halten ihn gefangen, als Lustsklaven!“ Peter lachte. „Keine Ahnung. Es ist nur eine weitere Spur. Wohin sie führt, wissen wir nicht. So, ich will dann mal auf die Piste. Weck mich morgen nicht, bevor ich dich anrufe!“
„Ist ja schon gut. Treib dich nicht zu lange rum!“
Es war halb zehn, als Wolf seinen Kollegen zur Tür brachte.
„Hier, vergiss deinen Topf nicht!“, sagte Peter und drückte ihn Wolf in die Hand. „Riecht ein bisschen komisch.“
Das fand Wolf auch und hob den Deckel.
Bennos Neigungen
Benno hatte zu Lebzeiten politisch ganz klar Stellung bezogen zur Sexualität und allem, was damit zu tun hatte. Man hätte seine Meinung als erzkonservativ bezeichnen können. Das brachte ihm bei manchen Wählern einen Bonus ein, andere, liberalere Anhänger seiner Partei konnten mit diesen Aussagen wenig anfangen. Benno erklärte eindeutig, dass er von Homosexualität nichts hielt. Die Schwulen und Lesben waren ihm zuwider, vor allem, wenn sie sich öffentlich dazu bekannten und er sehen musste, wie sie sich abschleckten. Dieses erzählte ihnen Marga Kuhlmann, bei der sie auf dem Weg nach Exten vorbeifuhren, um zunächst sie nach Bennos Vorlieben zu befragen.
„Verzeihen Sie, Frau Kuhlmann, dass wir Sie mit solchen Fragen belasten“, erklärte Hetzer bedauernd, „aber es haben sich Spuren ergeben, die eine solche Nachfrage erforderlich machen.“
„Ist mein Mann einem Verbrechen zum Opfer gefallen? Haben Sie einen Verdacht?“
„Das wissen wir nicht. Hat er sich irgendwie gemeldet oder ist er über Dritte mit Ihnen in Kontakt getreten? Haben Sie irgendetwas über seinen Verbleib gehört?“
„Nein, gar nichts“, schluchzte Marga. Kruse und Hetzer warteten, bis sie sich wieder gefangen hatte.
„Bitte sagen sie uns, ob Ihr Mann irgendwelche sexuellen Vorlieben hatte. Sie sagten, dass er den eigenen Geschlechtsgenossen gegenüber abgeneigt war.“
„Er hätte nie im Traum daran gedacht, sich mit einem Mann einzulassen“, erwiderte Marga empört.
„Warum auch, bei uns im Bett war alles normal. So wie es sein soll, wenn Mann und Frau sich lieben. Mit der Zeit stehen eben auch andere Dinge im Vordergrund, verstehen Sie.“
„Ach so, darum hatte er auch mindestens eine Geliebte, von der Sie angeblich nichts wissen.“ Kruse lehnte sich zurück.
„Es mag da mal die eine oder andere gegeben haben, aber ganz bestimmt nichts Festes oder Verpflichtendes, für das er sein jetziges Leben aufgegeben hätte. Belangloses. Gespielinnen eben, für eine Nacht. Was bedeutet das schon.“
„Wir haben Kenntnis davon erhalten, dass Ihr Mann eine regelmäßige und intensive Beziehung zu einem Paar aus Exten unterhalten hat.“
Marga stockte der Atem. Sie wurde bleich.
„Bitte verlassen Sie sofort mein Haus. Solche schmutzigen Beschuldigungen muss ich mir nicht anhören. Sie wissen nicht einmal, wo mein Mann ist oder ob er noch lebt, aber Sie haben die Unverfrorenheit, solche Behauptungen in den Raum zu stellen. Ich werde mich über Sie beschweren.“
„Das können Sie gerne tun, Frau Kuhlmann, aber ich an Ihrer Stelle würde es mir noch einmal überlegen. Wir würden diese Tatsache nämlich gerne aus den Ermittlungen heraushalten, wenn sie sich als nicht tatrelevant erweist. Das müsste doch ganz in Ihrem Sinne sein. Darum sind wir auch heute unterwegs, obwohl Samstag ist. Wir wollten nur wissen, ob Ihnen diese Geschichte bekannt ist.“
„Nein, das ist sie nicht, und ich würde meine Hand für meinen Mann ins Feuer legen, dass er niemals einen Kerl anfassen würde. Nicht einmal einen umoperierten. Von diesen weibischen Schwuchteln hielt er nämlich auch nichts. Alles wider die Schöpfung und die Natur. Und jetzt gehen Sie bitte!“
Hetzer und Kruse waren froh, wieder im Auto zu sitzen.
„Hättest du gedacht, dass sie überhaupt so ein Wort kennt, unsere feine Dame? Sie hat Schwuchtel gesagt. Das ziemt sich doch gar nicht in den besseren Kreisen.“
„Das ist ihr bestimmt rausgerutscht, weil sie sich so aufgeregt hat. Viel schlimmer finde ich die radikalen Ansichten, die sie vertritt. Ich dachte, das hätten wir schon mehrere Jahrzehnte hinter uns gelassen.“
„So etwas kommt immer mal wieder aus dem Gully gekrochen, glaub mir.“
„Da hast du wahrscheinlich recht, aber es ist erschreckend. Mal sehen, was uns in Exten erwartet.“
Als Wolf und Peter an der Haustür der Familie König klingelten, machte zunächst niemand auf. Es war halb drei. Sie klingelten erneut und hämmerten auch mit dem Löwenkopf gegen das Metallschild im Türbalken.
„Ja, ja, ich komm ja schon“, rief es durch die Tür. „Kann man nicht mal am Wochenende ein Nickerchen machen?“
Die Beamten sahen auf die Uhr.
„Was wünschen Sie?“, fragte eine leicht verschlafene Stimme durch den Türschlitz.
„Kripo Rinteln. Wir hätten da in einem Vermisstenfall ein paar Fragen an Sie.“
„Können Sie sich ausweisen?“
Hetzer und Kruse hielten ihre Ausweise durch den Spalt.
„Na, dann mal hereinspaziert. Ich bin gespannt, wobei wir Ihnen helfen könnten.“ Der Mann schlurfte ins seinen Puschen voraus. Er war unrasiert und circa Mitte fünfzig.
„Entschuldigen Sie, wir waren gestern lange wach. Ich hole mal meine Frau.“
Wolf und Peter nahmen Platz. Sie sahen sich um. Nichts Besonderes. Ein eher biederes Wohnzimmer mit Dreisitzer, Zweisitzer und Sessel, in der Ecke eine Stehlampe. Der Fernseher war allerdings neuester Bauart.
„Verzeihen Sie, mein Mann hat mir gesagt, dass wir Besuch haben. Ich bin noch leicht derangiert. Wir waren bis spät in die Nacht auf einem Ball in Hameln. Eigentlich war es schon Morgen.“ Sie zog ihren Morgenrock fester um sich und nahm im Sessel Platz. „Was kann ich für Sie tun, meine Herrn?“
„Frau König, Sie sind Samtgemeindebürgermeisterin von Exten. Ist das richtig?“
„Das ist korrekt.“
„Stimmt es, dass Sie Benno Kuhlmann aus Rinteln kennen? Ich glaube, er gehört derselben Partei an wie Sie.“
Marlies wurde ein bisschen blass um die Nase, aber sie hatte ihre Fassung wieder, bevor sie sprach:
„Benno ist ein früherer Schulfreund von mir. Ein ganz alter Kumpel. Das hat mit Politik weniger zu tun. Wir haben nie den Kontakt zueinander verloren über die Jahre. Wenn wir uns auch nur sporadisch mal gesehen haben. Was ist denn mit Benno? Ich habe mich schon gewundert, dass er gestern nicht beim Ball war. Da haben wir uns jedes Jahr getroffen.“
„Benno ist seit mehr als zehn Tagen verschwunden. Wir wissen nicht, wo er ist. Wir dachten, dass Sie vielleicht einen Anhaltspunkt für uns hätten – eine Idee, wo er sein könnte.“
Inzwischen war auch Jochen König zurückgekehrt. Er hatte sich rasiert und angezogen.
„Keine Ahnung. So eng war der Kontakt nun auch wieder nicht!“, sagte Marlies bedauernd.
„Ach“, entgegnete Hetzer, „dann würden Sie eine sexuelle Beziehung also für nicht allzu eng halten?“
Marlies wurde so weiß wie ihr Morgenrock.
„Ich bitte Sie, meine Herren, wie kommen Sie denn auf so etwas?“
„Ein Vöglein hat das vom Dach geträllert. Wir haben nur genau zugehört.“
„Dann muss ich Sie enttäuschen. Ich betrüge meinen Mann nicht. Wir führen eine glückliche, christliche Ehe.“
„Von Betrügen habe ich auch gar nicht gesprochen. Sie beide hatten ein Verhältnis mit Benno. Eine ,Ménage à trois’, wie der Franzose so schön sagt. Aber keine Angst, das bleibt so lange unter uns wie möglich. Wenn Sie mit uns zusammenarbeiten und alles dafür tun, dass wir Benno finden, bleibt ihr kleines Geheimnis bei uns sicher. Aber wir müssen alles über Benno wissen, damit wir uns ein Bild machen können, was mit ihm passiert ist.“
„Komm Marlies, jetzt gib es schon zu. Wenn du es weiter abstreitest, werden die beiden einen Weg finden, die Wahrheit auf andere Weise herauszubekommen. Ja, wir hatten ein Verhältnis mit Benno. Beide. Aber mit seinem Verschwinden haben wir nichts zu tun. Wir haben uns schon gewundert, warum er beim JoyClub nicht mehr aktiv ist. Wir dachten, Marga hätte wieder mal Stress gemacht.“
„Weiß Marga von Ihrem Dreierverhältnis?“
„Ich glaube nicht. Vielleicht ahnt sie, dass irgendwo irgendetwas mit irgendwem läuft. Mehr sicher nicht. Sie kann auch nicht mit dem Computer umgehen, so halten wir Kontakt mit ihm. Telefon wäre zu auffällig.“
Marlies schüttelte den Kopf.
„Jetzt hast du uns eine schöne Scheiße eingebrockt! Da kann ich ja mein Amt am besten gleich niederlegen! Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir: ,Die Bürgermeisterin vögelt mit zwei Kerlen.‘ Ein gefundenes Fressen für die Zeitungen.“
„Frau König, das sehen Sie falsch. Wir möchten auch nicht, dass etwas an die Öffentlichkeit dringt. Wir müssen nur sicherstellen, dass Bennos Verschwinden nichts mit seinen sexuellen Neigungen zu tun hat. Und genau das möchten wir herausfinden. Es gibt sonst nicht den Ansatz einer Spur – außer, dass er mit einem Fremden aus dem ,Stadtkater’ in Richtung Park gegangen ist. Wir brauchen Ihre Hilfe.“
„Ok, ist ja jetzt eh schon egal. Also, ich kenne Benno wirklich aus der Schule, aber wir haben uns viele Jahre nicht gesehen, bis ich sein Profil bei JoyClub gelesen habe. Auch da wusste ich noch nicht, dass es sich um ihn handelt. Die Personen dort sind anonym. Jochen und ich sind als Paar registriert. Wir suchen andere Personen oder Paare mit bisexuellen Neigungen, mit denen wir uns treffen können, um unsere Wünsche auszuleben. Da wir an dauerhaften Partnerschaften interessiert sind, haben wir von Exten aus einen Umkreis von 25 Kilometern angegeben. Wirklich rein zufällig haben wir Benno so wiedergetroffen. Als er uns sein Foto schickte, musste ich erst schlucken und dann lachen. Wir haben überlegt, ob es etwas ausmachen könnte, dass wir uns aus der Vergangenheit kannten. Sympathisch war er mir immer. Wir dachten dann, dass es eigentlich gut sei, ihn für die Treffen auszuwählen, da ihm genauso viel daran lag, unentdeckt zu bleiben wie uns. Stellen Sie sich vor, das würde bekannt. Ein gefundenes Fressen für alle, die uns zerreißen wollten.“
„Gut, das klingt logisch. Können wir davon ausgehen, dass Benno beim Sex durchaus auch an Ihrem Mann Gefallen gefunden hat?“
„Herr Kommissar, so eine Begegnung lebt von der Vielzahl der Möglichkeiten. Man will entdecken. Da schreckt man doch nicht vor dem anderen zurück. Man fasst sich an, ergründet die Körper, streichelt, liebkost und bietet sich an. Sex mit einer Person kann schon schön und vielfältig sein. Sex mit mehreren eröffnet ganz neue Räume. Sie sollten es einmal probieren.“
„Dann hat also Benno, der vehement gegen Homosexualität gewettert hat, auch mit Ihrem Mann geschlafen?“
„So eindeutig kann man das nicht benennen, das wäre zu einfach, aber ja, er hat meinen Mann berührt, ihm Lust bereitet und ist auch sonst mit uns satt geworden.“
„Vielen Dank für Ihre Offenheit. Können Sie uns sagen, wo Sie vor zwölf Tagen waren, so in den Abendstunden nach 22 Uhr?“
„Das kann ich Ihnen ganz genau sagen. Wir sind nämlich erst vor einer Woche aus dem Urlaub zurückgekommen. Wir waren zwei Wochen auf Teneriffa. Herrlich. Ein traumhaftes Klima.“
„Ich gehe davon aus, dass Sie das belegen können. Gut, dann haben wir erst einmal keine weiteren Fragen.“ Hetzer stand auf und schüttelte Marlies König die Hand. Ihr Mann hatte unterdessen eine Schrankschublade geöffnet und wedelte mit den Flugscheinen. Peter warf einen Blick darauf.
„Vergessen Sie Ihr Versprechen nicht, Herr Hetzer.“
„Kein Wort wird über meine Lippen kommen.“ Hetzer verriegelte seine Lippen mit einem unsichtbaren Schlüssel und folgte Peter in Richtung Tür. Draußen holte er erst einmal tief Luft.
„Puh, was für eine Miefbude. Die hatten heute bestimmt noch nicht gelüftet.“
„Vom Waschen ganz zu schweigen. Da war auch noch niemand aufgestanden, bevor wir geklingelt haben.“
„Kann sein. Ist mir im Prinzip auch egal, wenn ich nicht in dem Mief sitzen muss.“
„Jetzt sind wir so schlau wie vorher. Es nützt uns rein gar nichts, dass wir wissen, dass er es gerne sehr phantasievoll trieb.“
„Ich habe mir auch mehr davon versprochen, wenn ich ehrlich sein soll. Und dann haben die auch noch ein todsicheres Alibi.“
„Was heißt Alibi. Wir wissen noch nicht mal, ob es ein Verbrechen gegeben hat. Der Pfarrer ist wenigstens tot. Aber da tappen wir auch im Dunkeln.“
„Ja, völlig. Ob Kuhlmann sich noch mit anderen hier aus dem Umkreis getroffen hat? Vielleicht mit Fraas?“
„Jetzt bist du völlig übergeschnappt, Hetzer. Ein politischer Mittfünfziger mit einem alten katholischen Geistlichen? Das ist doch wohl mehr als unwahrscheinlich.“
„Da hast du wohl recht. Auf die Verbindung kam ich eben auch nur, weil wir in beiden Fällen rein gar nichts wissen. Vielleicht taucht Benno auch schon bald wieder auf.“
„Hoffentlich hast du das nicht wörtlich gemeint“, grummelte Peter. „Ich habe keine Lust auf eine weitere Wasserleiche. Es ist schon so kalt draußen. Sag mal, was hast du eigentlich mit dem Inhalt des Topfes gemacht?“
„Mit dem Inhalt? Ich habe den ganzen widerwärtigen Topf in die Mülltonne geschmissen.“
„Habe ich mich geirrt oder bewegte sich dessen Inneres?“
„Können wir vielleicht von etwas anderem reden? Ich möchte gleich noch kochen!“
„Klar, wir können darüber nachdenken, wer dir den Topf vor die Tür gestellt hat. Deine Nachbarin doch sicher nicht.“
„Moni habe ich heute Vormittag schon gefragt. Sie hat gleich ein schlechtes Gewissen bekommen, weil sie den versprochenen Eintopf noch nicht gekocht hat. Aber sie hatte mir nichts hingestellt.“
„Das ist doch aber merkwürdig. Kann es einer deiner anderen Nachbarn gewesen sein? Freunde, Bekannte mit einem schlecht funktionierenden Kühlschrank? Jemand, der unter deinen Kochkünsten gelitten hat? Jemand, der dir einen Schreck einjagen wollte?“
Hetzer wurde innerlich kalt. Ihm fiel wieder ein, dass seine beiden Wachposten an dem Abend, bevor Peter vorbeigekommen war, so ein Spektakel gemacht hatten.
„Peter, erinnerst du dich, dass ich dich gefragt hatte, ob du vorher schon einmal da gewesen warst? Gestern Abend meine ich.“
„Stimmt, das hattest du gesagt. Also muss vor mir jemand an deiner Tür gewesen sein, der etwas abgestellt hat. Aber wer?“
„Keine Ahnung. Man kann allerdings nicht behaupten, dass es ein Akt der Nächstenliebe oder Zuneigung war. Eher im Gegenteil.“
„Wer also könnte etwas gegen dich haben? Sind wir vielleicht doch im Fall Fraas oder Kuhlmann auf irgendeiner Spur, von der wir nichts wissen?“
„Nee, nee, da habe ich mich schon einmal zum Horst gemacht, als ich Mica die Ratte gebracht hatte. Den Triumph gönne ich ihr nicht ein zweites Mal. Darum habe ich den Topf sofort weggeschmissen.“
„Hmm, eine tote Ratte vor der Haustür ist etwas anderes als ein Topf mit verdorbenem Fleisch. Die Ratte kann von einer Katze erlegt worden sein. Der Schweinebraten kann sich nicht selbst in den Topf und mit ihm auf deine Matte gelegt haben. Das ist ein Unterschied.“
„Trotzdem, Peter, lass es gut sein. Weg ist weg.“
„Wie du meinst“, erwiderte Kruse, der vor Hetzers Tor hielt, „aber sei wachsam.“
„Dafür habe ich Emil und Gaga“, lachte Wolf, mehr, um der Sache das Gewicht zu nehmen. Etwas war faul – nicht nur das Fleisch. Und er hatte heute etwas gehört, das von Bedeutung war, aber er konnte es nicht fassen. Es war in sein Bewusstsein eingedrungen und lag dort verborgen unter der Oberfläche.
Albtraumnacht
Hetzer rührte und rührte. Er stand auf einem riesengroßen Gerüst. Sein Löffel war knapp drei Meter lang. Das Rühren fiel ihm unendlich schwer. Die Hitze der Flammen stieg am Topf empor und durch das Gerüst auch zu ihm hinauf. Es war längst zu heiß geworden. Sogar seine Füße brannten. Lange würde er es hier nicht mehr aushalten. Springen konnte er nicht, ringsum nur Flammen oder der Tod, wenn er falsch aufkam. Er musste rühren. Das Gulasch war noch nicht fertig. Wenn der Riese kam und merkte, dass das Fleisch noch nicht zart war, würde er wieder kopfüber aufgehängt werden. Eine gemeine Strafe.
Wenn der Riese ganz gemein war, hängte er ihn so über die Flammen, dass er den Geruch seiner verbrannten Haare in der Nase hatte. Im Topf brodelte es jetzt. Die weißlichen Fleischstücke kamen wieder und wieder an die Oberfläche und grinsten ihn an. Sie wollten nicht gar werden. Sie lebten noch.
Zuerst hatte er gedacht, sie bewegten sich durch das Brodeln, aber nein. Sie tanzten und lachten. Die Hitze schien ihnen nichts auszumachen. Immer höher stieg das Gulasch im Topf. Er hatte nichts, um die Flamme kleiner zu stellen. In seiner Not pinkelte er ins Feuer, aber das half auch nur für einen kurzen Moment. Er hörte jetzt, dass die länglichen Fleischstücke auch singen konnten.
Sie zischten. Einmal schwamm eines länger an der Oberfläche hin und her und kicherte:
„Ist dir heiß? Das macht nichts. Was du nicht hast, kann nicht verbrennen!“
Wolf rührte den Fleischwurm weg. Ekelig, was der Riese so aß. Und was sollte das überhaupt bedeuten. Was hatte er nicht, das nicht verbrennen konnte?
Wieder und wieder kamen die ekeligen Dinger nach oben und stiegen gleichzeitig im Topf in die Höhe.
Er musste sich entscheiden. Flamme oder siedender Sud. Da kam ihm die Idee. Der Löffel, mit dem er jetzt schon seit Stunden rührte, war aus Holz. Kurz bevor das Gulasch überkochte und dabei die Flamme löschte, schwang er sich an den Löffel und balancierte wie ein Matrose im Ausguck auf dem Mast. Nur, dass der fest hielt.
Gerade, als er sich nicht mehr halten konnte, ging die Tür auf ...
Wieder einmal wachte Wolf schweißgebadet auf. Was waren das nur für Träume?
Gaga begleitete ihn hinunter in die Küche. Ihm war noch jetzt ganz schummerig. Der Traum hatte ihn an den Topf erinnert. Ekelig. Ob Peter doch recht gehabt hatte? Egal, er fischte das Ding jetzt nicht mehr aus dem Müll. Im Geiste hörte er Peter, der sagte „Das kann auch die Spusi machen!“. Auch wenn er recht hatte, Wolf wollte seine Ruhe haben. Und morgen würde er ausspannen. Da war Sonntag. Schon in der Frühe ein gemütliches Feuer im Ofen und alles würde gut. Mit diesem tröstenden Gedanken schlief er nach einem Glas Milch den Rest der Nacht traumlos und genoss den freien Tag, bis sein Telefon klingelte.
In der Eulenburg
Das Blut, das aus der Wunde geflossen war, glich nur im ersten Moment versengter Wüstenerde. Doch es lag ein Glanz auf der Oberfläche der Kruste, die sich an manchen Stellen wölbte oder in rotbraunen Zacken vom Boden abstand.
Ein beinahe faszinierendes Stillleben, wäre da nicht ein zu gut abgehangener Körper gewesen, der an einem Seil von der Decke hing – gerade so tief, dass die Hände nicht auf den Boden reichten und das Blutbild zerstörten.
Der Gestank war widerlich, genau wie das Wimmeln weißer Maden, die aus der klaffenden Halswunde und den Körperöffnungen ein- und auskrochen.
In der Luft lag ein leichter Brandgeruch. Er konkurrierte mit dem der Verwesung und schien zu unterliegen. Wo vorher Bein-, Scham- und Brusthaare gewesen waren, zeigte der Körper Verbrennungen. Der Kopf war gänzlich schwarz. Jemand musste die Haare von der Haut geflammt haben. Wie bei einem geschlachteten Schwein, dachte Nadja und hielt beim Näherkommen den Atem an.
Sie erinnerte sich an die alten Geschichten, daran, dass ihre Großmutter als Kind oft zugesehen hatte, wenn ein Tier geschlachtet worden war.
In Nadja kämpfte die Faszination mit der Übelkeit. Sie wickelte sich ihr Tuch um Nase und Mund und fotografierte den Leichnam aus verschiedenen Blickwinkeln. Der Gestank kroch durch die Maschen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Das Bild war gestört. Doch sie wusste nicht wodurch.
Die Redaktion hatte sie zur Recherche historischer Dokumente hierher geschickt.
Auf den Dachboden der alten Eulenburg. Wo sonst niemand hinkam. Und jetzt bestimmt niemand hinwollte. Man hatte ihr unten im Museum den großen Schlüssel gegeben. Doch am Ende der Treppe hatte der Tag eine ganz andere Überraschung für sie bereitgehalten. Den Tod. Aus der geöffneten Tür hatte sie dessen greifbare Existenz wie ein Faustschlag getroffen. Im diffusen Licht war er nur mit der Nase wahrnehmbar gewesen. Die alten Lampen, die Schatten aus verschiedenen Richtungen auf das menschliche Pendel warfen, konnten das Grauen nicht vertreiben. Es schauderte sie. Doch das hier war greifbarer als vergilbtes Papier. Besonders für die ehemalige Medizinstudentin, die immer noch nebenbei für die Schaumburger Zeitung schrieb.
Seitdem sie begonnen hatte, ihren Facharzt im Bereich der Rechtsmedizin zu machen, kam sie nur noch selten dazu, ihre Redaktionskollegen zu unterstützen. Das hier war ein echter Höhepunkt in ihrer medizinischen Ausbildung. Sie hatte schon einiges auf dem Seziertisch gesehen, aber ein Leichnam in diesem Verwesungszustand war etwas Besonderes. Und er war noch unversehrt. Keiner hatte ihn vor ihr gesehen. Er gehörte nur ihr. Wie er so von der Decke baumelte, wie es auf ihm krabbelte und wuselte, wie er roch. Das alles war einzigartig. Sie blieb noch einen Moment – mit flauem Magen zwar – aber sie wollte diese Eindrücke ganz in Ruhe für sich sammeln. Erst dann klappte sie ihr Handy auf und rief den Notruf an. Während sie auf die Beamten wartete, wunderte sie sich über sich selbst. Sie wunderte sich über das, was dieser Tote in ihr auslöste. Und sie wusste, dass sie beruflich auf dem richtigen Weg war.
Kruse und Hetzer hatten sich ihren Sonntagnachmittag ruhiger vorgestellt. Aber das war in ihrem Beruf nicht zu ändern. Der Kaminofen brannte in Hetzers Kate vor sich hin. Jetzt allerdings ohne ihn, er würde bald ausgehen. Heute war an Entspannung nicht mehr zu denken. Bei dem Bild, das sich den Kommissaren auf dem Boden der Eulenburg bot, kam Hetzer der Traum wieder in den Sinn. Es gab eine Parallele: Maden im Topf, Fleischstückmaden im Traum, Maden auf Benno.
Der Gestank war nicht auszuhalten. Hinter ihm auf der Treppe hörte er das Stapfen von Füßen.
„Puh, diese persönliche Note ist nicht von schlechten Eltern!“, ächzte Mica. „Aber ihr könnt euch glücklich schätzen. Im Sommer wär’s noch schlimmer.“
„Toll, danke Mica, du bist so aufbauend wie immer!“, sagte Peter mit erstickter Stimme.
„Darum liebt ihr mich ja“, erwiderte sie schmunzelnd und warf Hetzer einen zwinkernden Blick zu.
„Wir können einfach nicht ohne dich.“
„Das weiß ich ja und darum gebt ihr euch auch solche Mühe, mich sonntags mit derartigen Besonderheiten zu überraschen.“
Mica umrundete den Leichnam und machte sich Notizen.
„Kannst du uns schon was sagen?“
„Also, er ist tot!“
„Was du nicht sagst. Ich dachte schon, er hält sich einen Zoo auf der Haut.“
„Seid froh, dass die Tierchen da sind, denn sie verraten uns eine ganze Menge über sein Ableben.“
„Vielleicht verrätst du uns ja erst mal ein bisschen?“
Mica schaute auf das Thermometer.
„Ihr könnt davon ausgehen, dass er ungefähr eine Woche hier abhängt.“
„Wie kommst du darauf?“
„Hier oben haben wir jetzt 18 °C. Der Boden ist wegen der Dokumente leicht temperiert. Wenn wir von einer Nachtabsenkung ausgehen, sprechen wir von einer durchschnittlichen Temperatur in Höhe von 15/16 °C. Die Maden sind ungefähr einen Zentimeter lang und ihr Darm ist im ersten Drittel gefüllt. Ich muss sie später noch genau vermessen. Das bedeutet, dass der Eintritt des Todes vor sieben bis acht Tagen geschehen sein muss.“
„Wahnsinn. Das erkennst du an den Viechern?“
„Das kann ich euch später noch genauer sagen. Gestorben ist er wahrscheinlich an dem Stich in den Hals. Dort ist auch das Blut ausgetreten. Viel Blut. Seht ihr die große Pfützenkruste? Das ist ziemlich eindeutig. Man kann auch gut erkennen, dass irgendwer mit einer Flamme den Körper versengt hat. Falls man den Braten nicht schon vorher gerochen hat.“
„Mica, du bist echt widerlich.“
„Danke für das Kompliment. Soll ich nun weitererzählen oder ist euch das Märchen zu gruselig?“
Wenn sie so freundlich grinste, konnte man ihr nichts übelnehmen.
„Ich meine doch nur. Du bist so pietätlos.“
„Nicht ich bin so, sondern der Tod selbst mit all dem Ekel, der um ihn herum ist. Denkt ihr, ich bin gerne hier? Mit meinem Sarkasmus kann ich die Tatsache nur besser ertragen.“
„Ok, mach weiter!“
„Was ihr nicht so genau seht – wenigstens nicht auf den ersten Blick – ist, dass er nicht vollständig ist. Das liegt an seiner Haltung und an dem Stich in seinem Hals.“
„Was fehlt ihm denn? Außer der Kleidung meine ich?“
„Siehst du, Wolf, jetzt fängst du auch schon so an. Es fehlen seine Genitalien, und wenn ich es recht erkenne, hat man sich auch an seinem Hals zu schaffen gemacht, bevor er erstochen wurde.“
„Heißt das, er wurde vor seinem Tod verstümmelt wie der Pfarrer aus Hameln?“
„Ungefähr.“
„Wieso ungefähr? Ja oder nein?“
„Ja und nein!“
„Und im Detail bitte?!“
„Pfarrer Fraas ist vor Ort kastriert und von seinem Adamsapfel befreit worden. Bei Benno hat sich jemand die Mühe gemacht, ihn zu operieren und erst noch ein bisschen leben zu lassen. Hier, seht ihr die frischen Narben? Wenn ich es trotz der Verbrennungen richtig erkenne, verstand da jemand sein Handwerk. Das ist eine richtige Plastik.“
„Dann können wir also davon ausgehen, dass der Mörder Arzt ist?“
„Das könnte sein. Möglich wären auch Studenten der Medizin, Bestatter oder Schneider mit medizinischer Vorbildung, OP-Schwestern, die gut aufgepasst haben. So, mir stinkt’s jetzt. Ich haue ab. Ihr könnt ihn abnehmen lassen, wenn ihr wollt. Morgen Abend könnt ihr nachfragen, nicht eher.“
Wolf und Peter hatten auch genug.
Sie folgten Mica nach unten, wo die Zeugin Nadja Serafin auf die beiden wartete.
„Hey, wir kennen uns doch“, rief Mica. „Sie haben doch eine Weiterbildung bei mir gemacht, oder?“
„Frau Dr. von der Weiden. Das ist ja irre. Haben Sie den Toten gesehen? Klar haben Sie. Deswegen sind Sie ja hier. Verzeihung, ich bin ein bisschen durcheinander. Ich habe noch nie eine so interessante Leiche gehabt.“
„Oh je“, stöhnte Hetzer, „jetzt haben wir schon zwei von der Sorte. Komm, wir gehen etwas Luft schnappen, Peter, bis die beiden sich ausgetauscht haben. Mir ist nicht gut. Ich habe das Gefühl, ich rieche Benno immer noch.“
„Kein Wunder. Ich glaube, du musst dir gleich erst mal den weißen Schutzoverall vom Leib schaffen. Du riechst nämlich wirklich wie Kuhlmann und das wird bei mir nicht anders sein. Das stinkt nachher noch aus der Mülltonne, glaub mir!“
„Ist mir wurscht, ich schmeiße alles zu meinem Madentopf. Ekel zu Ekel.“
„Apropos ... Madentopf ... Wolltest du nicht ...?“
„Nein, wollte ich nicht. Aber jetzt vielleicht. Die Dinge haben sich eben geändert.“
Nadjas Entdeckung
Die Magennerven von Kruse und Hetzer hatten sich langsam wieder beruhigt, als Mica mit der Zeugin die Eulenburg verließ. Sie winkte noch einmal, riss sich den weißen Schutzanzug ab und stopfte ihn samt Koffer ins Auto. Mica stand mit dem Heck ihres Volvos direkt vor dem historischen Gebäude. Sie verlor keine Zeit, sprang in den Wagen und fuhr zügig davon. Dabei wollte Hetzer sie noch auf den Topfinhalt angesprochen haben, seinen Vorsätzen zum Trotz. Er würde sie später anrufen.
Die junge Frau, mit der sie sich unterhalten hatte und die gleichzeitig ihre Tatortzeugin war, stand etwas verloren auf der Treppe und sah Mica nach.
Als Wolf behutsam „Sie sind Frau Serafin? Sie haben die Leiche entdeckt?“ fragte, schien er sie aus ihren Träumen zu reißen.
„Äh ja, das war einfach umwerfend!“
Hetzer und Kruse sahen sich an. Beide fanden die Ausdrucksweise ein bisschen merkwürdig.
„In der Tat umwerfend, wenn man zart besaitet ist. Geht es Ihnen nicht gut?“
Wer hatte dafür mehr Verständnis als Hetzer und Kruse?
„Mir geht es phantastisch. Ich habe noch nie ein so morbides Biotop gesehen und das auch noch vollkommen unberührt. Dass ich einmal ein Mordopfer finden würde – völlig krass!“
Peter und Wolf waren perplex. Das hatten sie noch nie erlebt. Eine so unverhohlene Begeisterung bei einer derart widerlichen Situation.
„Sie müssen mich für zweifelhaft halten“, lachte Nadja. „Es ist nur so, dass ich mich eben endgültig dafür entschieden habe, Rechtsmedizinerin zu werden. Zell- und Gewebeproben reichen mir nicht. Fälle wie diesen hier aufzuklären, das ist meine Zukunft.“
„Verstehe“, sagte Hetzer und verstand nix.
„Sehen Sie, ich bin Ärztin und habe schon Weiterbildungen in dieser Richtung absolviert. Ich scheute mich aber, ganze 60 Monate dafür zu opfern. Jetzt weiß ich, dass ich dazu beitragen möchte, solchen Schweinen das Handwerk zu legen, die Menschen brutal umbringen. Apropos Schwein. War das Opfer auch eins?“
„Wie kommen Sie darauf? Äh, ich verstehe Ihre Frage nicht.“
„Na, weil er geschlachtet worden ist wie ein Schwein. Aufgehängt und angestochen, danach alle Haare abgeflammt – überall. Fehlt nur der Bottich, in dem jemand sein Blut gerührt hätte.“
Kruse schluckte.
„Frau Serafin“, sagte Hetzer. „Nun wollen wir mal ganz von vorn anfangen. Ihre Begeisterung und Ihr Engagement für die Belange der Rechtsmedizin in Ehren. Aber wir müssen erst einmal wissen, wie sich das Auffinden der Leiche zugetragen hat.“
„Gelegentlich schreibe ich immer noch für die Schaumburger Zeitung. Das habe ich bereits während meines Studiums getan. Jetzt mache ich eher Reportagen, am liebsten historische. Die aktuelle soll von der Zeit der Hexen in Rinteln handeln. In der Woche arbeite ich momentan an der MHH in Hannover. Da ist es schwierig für mich mit den Recherchen. Ich war mit der Museumsleitung so verblieben, dass ich am Wochenende, wenn geöffnet ist, nach alten Dokumenten suchen darf. Die Ergebnisse stelle ich hinterher dem Museum zur Verfügung. Geschichte ist mein zweites Steckenpferd, wissen Sie!“
„Sie sind also die Treppe zum Boden hinaufgestiegen. Wann war das genau?“
„Das muss so gegen 14:15 Uhr gewesen sein. Ich war hier, kurz nachdem die Eulenburg aufgemacht hat, und habe dann gewartet, bis man mir den Schlüssel aushändigt.“
„Ist Ihnen bereits auf der Treppe etwas aufgefallen?“
„Der Geruch war schon kurz vor der Tür in der Luft. Ich dachte aber eher an ein totes Tier, einen Marder oder so etwas. Diese alten Dächer sind nie ganz dicht und oft ein Zuhause für unerwartete Gäste. Als ich die Tür dann aber aufgemacht habe, traf mich der Gestank wie ein Hammer.“
„Das spricht für die Qualität der Tür!“, warf Peter ein.
„Diese massiven Holztüren sind mindestens 20 cm dick. Sehen Sie sich mal das Schloss an. Ein Meisterwerk historischer Schmiede- und Schlosserkunst!“
„Als Sie die Tür geöffnet hatten, haben Sie da sofort gesehen, was passiert war?“
„Nur diffus. Es gibt dort oben ein paar Fenster, aber sie beleuchten nicht alles.“
„Dann haben Sie also Licht gemacht? Hatten Sie keine Angst?“
„Angst, wieso? Wenn eine Leiche schon stinkt, kann man doch wohl davon ausgehen, dass sich niemand anders in ihrer Nähe aufhält, oder würden Sie das tun? Ja, ich habe Licht angemacht. Ich wollte doch sehen, was da genau hing. Wären Sie nicht neugierig gewesen?“
Hetzer überging die Frage.
„Haben Sie noch etwas anderes berührt? Ich meine, außer dem Lichtschalter? Überlegen Sie genau. Das ist wichtig für die Ermittlungen.“
„Sie müssen mich für dämlich halten. Natürlich habe ich nichts angefasst. Das sieht man doch in jedem Tatort. Den Lichtschalter habe ich übrigens mit dem Schal betätigt. Ich ahnte ja schon, dass da kein Tier hängt. Es hätte natürlich auch Selbstmord sein können, aber sicher ist sicher.“
Kruse war genervt durch die selbstgefällige Art der jungen Frau. Er fragte:
„Wieso hat es dann noch eine halbe Stunde gedauert, bis Sie uns angerufen haben?“
Nadja Serafin antwortete nicht gleich. Die Frage war ihr unangenehm.
„Sie werden das nicht verstehen. Ich habe beobachtet. Den Körper, die Versengungen, die Narben, den Stich, die Maden.“
Bei diesen Worten musste Hetzer wieder an seinen Topf denken und war sich jetzt ganz sicher, dass er etwas mit dem Fall zu tun hatte. Fleisch mit Maden wie hier. Er hätte schwören können, dass die Ratte auch vielleicht von einer Katze erlegt worden war, aber dass sie bestimmt jemand anders auf seiner Fußmatte drapiert hatte.
„Wenn Sie keine Ärztin wären, würde ich Sie für gestört halten. In Ihrem Fall kann ich das Interesse sogar ansatzweise verstehen. Dumm ist nur, dass Sie eventuelle Fußspuren durch Ihre ,Beobachtungen’ zerstört haben.“
„Das wird sich in Grenzen halten. Ich habe den Mann durch das Zoomobjektiv meiner Kamera betrachtet. Ich bin also gar nicht so dicht rangegangen.“
Mist, dachte Nadja, ich hab mich verplappert. Jetzt kassieren sie die Kamera samt Bildern ein.
„Wo ist denn das gute Stück jetzt? Haben Sie auch Bilder gemacht?“
„In meiner Hosentasche und ja, ich habe ein paar Mal abgedrückt.“
„Dann darf ich Sie bitten, uns die Kamera zu überlassen. Sie bekommen sie dann später wieder – ohne die Tatortfotos.“
Nadja fluchte innerlich, zog aber die Digicam aus der Tasche und händigte sie Hetzer aus.
„Haben Sie noch irgendwelche Beobachtungen gemacht? Etwas, das Ihnen komisch vorkam?“
„Ich hatte nur so einen Gedanken. Wenn ich es richtig gesehen habe, dann fehlte dem Herrn ein entscheidendes Detail.“
„Dazu können wir Ihnen aus ermittlungstechnischen Gründen keine Auskunft geben.“
„Ok, aber mal angenommen, es wäre so. Bei Schweinen – um mal bei dem Bild zu bleiben – entfernt man den jungen Ebern nur die Hoden. Allgemein wird doch bei Kastrationen im Tierreich das männliche Glied belassen, wo es ist. Hier war aber keins. Warum?“
„Sagen Sie mir, warum.“
„Er sollte kein Mann mehr sein – nicht nur hormonell, sondern auch optisch.“
„Ah, meinen Sie“, Hetzer streckte sich. „Vielen Dank, Frau Serafin. Wir müssen hier noch weitere Befragungen vornehmen. Ich gebe Ihnen hier meine Karte. Wenn Ihnen noch etwas einfällt, möchte ich Sie bitten, mich anzurufen.“
Als Kruse und Hetzer ihre Befragungen in der Eulenburg beendet hatten, war die Spurensicherung immer noch nicht fertig.
Wolf kam eine Idee. Er kannte den rothaarigen Seppi schon aus früheren Ermittlungen.
„Hör mal, Seppi?“, fragte er an der Tür zum Dachboden.
Der Gestank war immer noch ekelerregend.
„Ich hab da ein Problem. Parallel zu den Morden in Hameln und auch hier sind mir Dinge vor die Tür gelegt worden, die eventuell in Zusammenhang mit den Delikten stehen könnten. Das habe ich aber jetzt erst erkannt, weil die Leiche von Benno Kuhlmann gewisseÄhnlichkeiten mit der von Pfarrer Fraas aufweist. Könntest du einen Topf Gulasch aus meiner Mülltonne mit untersuchen? Ist aber nicht lecker.“
Seppi, der immer gut gelaunt war, hielt sich den Bauch vor Lachen. Wolf war in dieser Umgebung überhaupt nicht zum Lachen zumute.
„Hast du etwas zu lange gekocht? Oder etwas Gekochtes zu lange stehen gelassen? Probieren will ich es aber nicht.“
„Mensch Seppi, du sollst es nur untersuchen. Was da für Maden drin sind, was es für Fleisch ist und so. Ob DNA-Spuren des Kochs zu finden sind, am Topf vielleicht. Du würdest mir echt einen Gefallen tun.“
„Na gut, Wolf, klingt verlockend. Ist schon ein echt spezieller Gefallen, aber ich fahre nachher bei dir vorbei. Wo steht denn die Tonne? Ich meine, falls du nicht zu Hause bist.“
„Meine Kate wird schwer bewacht. Klingel bitte bei meiner Nachbarin, Moni Kahlert. Sie zieht dir die Tonne an die Straße.“
„Wird gemacht. Ich rufe dich dann später an. Heute werde ich es aber wahrscheinlich nicht mehr schaffen.“
„Dank dir“, sagte Hetzer und stieg die Stufen wieder hinab.
Kruse stand in der Herbstsonne und hielt sein Gesicht mit geschlossenen Augen in die Wärme.
„Herrlich, Hetzer. Wenn der da oben nicht wäre, könnten wir glatt im ,Stadtkater’ oder in der Eisdiele am Marktplatz einen Kaffee trinken.“
„Vergiss es. Wir haben eine andere Aufgabe. Und die bringt eher Wolken. Marga Kuhlmann muss wissen, dass ihr Mann nicht mehr lebt.“
„Theoretisch kommt es da aber auf eine halbe Stunde nicht an.“
„Nix da, lass es uns hinter uns bringen. Wenn du willst, können wir nachher zusammen kochen. Ich nehme an, du hast heute keine Lust, noch nach Hameln zu fahren und die Haushälterin zu befragen?“
„Bist du irre? Irgendwann muss ich mich auch mal erholen. Das kann doch nun wirklich bis morgen warten.“
Die Sonne stand schon merklich tiefer, als sie vor Marga Kuhlmanns Haustür standen. Für Hetzer war es auch nach Jahren immer noch unverständlich, wie Personen Gesichter lesen konnten. Besonders, wenn sie schlechte Nachrichten übermittelt bekamen. Oftmals waren Worte überflüssig. Marga wurde einfach bleich, als Kruse und Hetzer diesmal vor ihrer Tür standen. Sie fing an zu weinen und ging voraus. Mit einem Mal war dieses Haus verändert. Die Gardinen, das Licht, das hineinfiel, die Möbel, der Duft. Es gehörte jetzt einer einsamen Witwe, die nicht gelernt hatte, dass es nicht ausreichte, nur der kleine Teil eines Ganzen zu sein.
Der Mantel
Wer in den Tagen der frühen 80er-Jahre im Weserbergland oder dem Schaumburger Land etwas auf sich hielt, fuhr in die größeren Städte zum Einkaufen.
Susis Eltern hatten sich einen Wintermantel mit Hirschhornknöpfen für Susi vorgestellt – einen echten englischen Dufflecoat. Den fand Susis Mutter einfach ganz entzückend für ihre Tochter. In rot oder dunkelblau. Ein Marathon durch Hertie, Mäntelhaus Kaiser, C&A und etliche weitere Geschäfte in Hannover begann. Susi hasste Hirschhornknöpfe. Die Geweihe gefielen ihr auf den lebenden Tieren viel besser und sie hasste diese Art von Wollmantel überhaupt. Kratzig und steif wie die Dinger waren, konnte sie sich schon bei der Anprobe nicht in ihnen bewegen. Und bewegen wollte sich Susi immer. Vor allem draußen, auch im Winter. Es war schon schlimm genug, dass Mutter ihr immer diese Fellmützen aufsetzte, die unten mit Bommeln zugeknotet wurden. Wie ein Schneeball sah ihr Kopf dann aus. Aber da konnte sie sich immerhin vorstellen, sie sei ein Eskimo auf einem Hundeschlitten.
Als Susi nach dem neunten Dufflecoat immer noch etwas auszusetzen hatte, wurde Mutter langsam ärgerlich. Sie waren zu groß, zu weit, zu klein, zu rau, zu irgendwas. Da entdeckte Susi IHN auf einem Bügel. Dunkelbeige aus Steppstoff mit gesticktem Muster, innen dunkelbraunes Fell, das um Ärmelenden und Kapuze herumgezogen war. In der Mitte einen Reißverschluss. Bevor irgendjemand etwas sagen konnte, hatte Susi den Mantel angezogen und sagte: „Bitte, ich möchte diesen Mantel.“
„Ach“, rief Mutter, „der ist doch schon fast zu klein.“
„Wir haben ihn auch noch eine Nummer größer!“, antwortete die Verkäuferin.
„Eigentlich möchten wir aber einen Dufflecoat.“
„Nein, Mama, bitte nicht. Den oder keinen. Ich möchte auch nichts zu Weihnachten.“
„Ach Susi, lass uns erst einmal noch weitergucken.“
Nach Dufflecoat Nummer siebzehn fing Susi an zu weinen. Es konnte keinen anderen Mantel für sie geben als den, in den sie sich verliebt hatte. Ein echter Eskimomantel. Warm, weich, zum Rumspringen und Elche jagen. Oder Rentiere. Zum Eisfischen und Hundeschlittenrennen war er wie gemacht.
Und dieses eine Mal gaben Vater und Mutter nach. Schweren Herzens kauften sie ihrer Tochter einen Mantel, der sich von dem ihrer Vorstellungen so sehr unterschied wie der Sommer vom Winter.
Susi war an jenem Tag der glücklichste Mensch auf der Welt.
Das Witwenhaus
Hetzer und Kruse begleiteten Marga Kuhlmann ins Wohnzimmer. Wortlos deutete sie ihnen an, Platz zu nehmen.
„Wo ist er? Wo haben Sie ihn gefunden? Wie ist er gestorben?“, fragte sie mit leiser Stimme.
„Das können wir Ihnen noch nicht genau sagen, Frau Kuhlmann. Es ist auf jeden Fall durch Fremdeinwirkung geschehen. Einen Selbstmord oder einen Unfall können wir ausschließen. Wir möchten Sie bitten, eine Liste seiner Freunde und Bekannten zu erstellen. Vielleicht ergibt sich darüber die Möglichkeit, noch etwas über den Fremden aus dem ,Stadtkater’ zu erfahren. Er war der letzte Kontakt Ihres Mannes, soweit wir wissen. Der Kellner hat die beiden im Lokal gesehen. Danach verliert sich jede Spur. Wir wissen auch nichts über den zwischenzeitlichen Aufenthaltsort Ihres Mannes. Ich meine, wo er in den Tagen zwischen seinem Verschwinden bis zu seinem Tod gewesen ist. Wir können momentan noch nicht einmal sagen, wie viele das gewesen sind, in denen er versteckt oder gefangen gehalten wurde. Er ist heute Nachmittag in der Eulenburg gefunden worden.“
„In der Eulenburg? Wieso wissen Sie nicht, wie lange er vermisst wurde? Das verstehe ich nicht. Ich habe Ihnen doch genau gesagt, wann er nicht nach Hause kam.“
„Das haben wir auch protokolliert, Frau Kuhlmann. Ihr Mann ist aber nicht heute und auch nicht in der letzten Nacht gestorben.“
Marga Kuhlmann holte tief Luft und schien auf dem großen Sofa noch zu schrumpfen.
„Wollen Sie mir sagen, dass Benno schon längere Zeit in der Eulenburg lag? Und niemand hat ihn gesehen?“
„So ungefähr.“
„Was heißt so ungefähr, meine Herren? Würden Sie mir jetzt bitte genau sagen, was passiert ist? Ich muss es doch wissen und ich werde es sowieso erfahren.“
„Bitte entschuldigen Sie, Frau Kuhlmann. Wir möchten Ihnen nur einfach ein paar unangenehme Details ersparen. Die Nachricht vom Tod Ihres Mannes ist schon schlimm genug.“
Marga Kuhlmann setzte sich ganz aufrecht hin und legte das Taschentuch zur Seite.
„Damit ich irgendwann verstehen kann, warum Benno starb und warum er so starb, muss ich wissen, wie er starb. Bitte nehmen Sie keine Rücksicht. Ich muss ihn ja ohnehin noch identifizieren.“
„Das müssen Sie nicht, Frau Kuhlmann. Mein Kollege Kruse kannte Ihren Mann. Dieser Gang bleibt Ihnen erspart. Sie sollten Ihren Mann so in Erinnerung behalten, wie Sie ihn kannten, als er noch lebte.“
„Dann war er also schlimm zugerichtet!“
„Wenn Sie darauf bestehen, werde ich Ihnen in groben Zügen erklären, was wir bis jetzt wissen.“
„Bitte, Herr Hetzer, meine Gedanken werden sich sonst die schlimmsten Dinge ausmalen und die Ungewissheit ist grausamer, glauben Sie mir. Als ich ein junges Mädchen war, ist meine Katze verschwunden. In den Nächten der folgenden Jahre ist sie auf jede nur erdenkliche Art in meinen Träumen gestorben, misshandelt und umgebracht worden.“
„Hier haben wir es aber mit einem Menschen zu tun und mit der Realität. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen einen Gefallen tue.“
„Wenn Sie es mir nicht sagen wollen, dann habe ich andere Möglichkeiten, es herauszufinden. Mein Mann hatte bedeutende Persönlichkeiten in seinem Bekanntenkreis – auch bei der Polizei.“
„Gut, Frau Kuhlmann, dann werde ich Ihnen sagen, was wir wissen. Ihr Mann muss einige Tage gefangen gehalten worden sein. In dieser Zeit ist er operiert worden. Man hat ihm seine Geschlechtsorgane entfernt.“ – Marga schlug sich die Hand vor den Mund. – „Soweit wir das in seinem Zustand erkennen konnten, hatte er neben der Halsstichwunde auch noch eine weitere Narbe im vorderen Halsbereich. Ihr Mann hing kopfüber an einem Balken auf dem Dachboden der Eulenburg. Durch die Halswunde ist er vermutlich verblutet. Die Obduktion steht aber noch aus. Zusätzlich weist seine Haut Brandspuren auf. Die Körperhaare fehlen komplett.“
Marga Kuhlmann holte tief Luft.
„Dann ist mein Mann einem Sexualverbrechen zum Opfer gefallen?“
„So würde ich das nicht nennen. Ich glaube nicht, dass der Täter sexuelle Handlungen an Ihrem Mann vorgenommen hat. Wenn es sich um ein und dieselbe Person handelt, die ihn gefangen genommen und getötet hat, dann würde ich eher davon ausgehen, dass derjenige Benno Kuhlmann der Männlichkeit berauben wollte. Dafür könnte es dann mehrere Gründe geben. Möchten Sie uns jetzt vielleicht den Namen seiner Geliebten nennen?“
„Mich hat es nie interessiert, mit wem er sich traf. Ich hätte das aufgrund seiner politischen Aktivitäten sowieso nicht kontrollieren können. Neulich hat mir eine Freundin gesagt, dass sie seinen Wagen oft vor einem Haus am Dingelstedtwall gesehen hat. Aber das hat mich nicht interessiert. Vielleicht wohnt da auch ein Parteibruder.“
„Wir prüfen das. Schreiben Sie uns doch bitte die Adresse auf. Vielen Dank.“
„Wenn Sie erlauben, würde ich jetzt gerne allein sein.“
„Das verstehen wir, Frau Kuhlmann.“ Peter drückte ihr die Hand. „Es tut uns sehr leid.“
Als Hetzer und Kruse wieder an der frischen Luft waren, mussten sie erst mal tief durchatmen. Wie Blei lastete dieser Sonntagnachmittag auf ihnen. Auch hier draußen hatte sich der Himmel bezogen.
„Kommst du nun noch mit zu mir zum Essen?“, fragte Hetzer.
„Och nö, du. Das ist echt nett von dir, aber ich sehe dich morgen früh schon wieder. Manchmal bin ich auch gern allein. Ich hole mir auf dem Weg eine Currywurst und vielleicht ein paar Pommes.“
„Wie du meinst, bei mir gibt es Nudeln in Gorgonzolasoße mit Feigen. Aber wenn du Fastfood vorziehst ...“
Kruse lachte und tippte sich an die Stirn.
„Na dann, guten Appetit! Hauptsache, es ist kein altes Gulasch.“
„Du Idiot!“, sagte Hetzer und verzog angewidert das Gesicht. Er dachte, dass er für einige Zeit ganz bestimmt kein Gulasch essen würde, auch wenn sein Bœuf bourguignon eine ganz besondere Delikatesse war.
Sonntagabend
Als Hetzer nach Hause kam, sah er erleichtert, dass die Mülltonne schon an der Straße stand. Ein Glück, das scheußliche Zeug war aus seiner Tonne verschwunden. Dafür warf er jetzt die Overalls hinein und zog die Tonne wieder auf den Hof. Irgendwie fühlte er sich durch diese ungewollte Gabe bedroht. Jemand war auf sein Grundstück gekommen und hatte ihm schaden wollen. Und dieser Jemand war in seine Privatsphäre eingedrungen. Gaga stand längst am Tor, als er den Wagen in der Garage geparkt hatte. Emil machte hinter seinem Zaun einen langen Hals und schlug mit den Flügeln. Er hatte sich einen ganz besonderen Begrüßungston angewöhnt. Man hätte das sanfte Gackern fast „Gurren“ nennen können.
Weil es mittlerweile dämmerte, war es wohl am besten, wenn er den Ganter gleich in den Stall brachte. Dann musste er später nicht noch einmal raus. Sobald die Sonne unterging, wurde es jetzt schon empfindlich kalt. Nachdem sich vorhin erste Wolken gezeigt hatten, sah es jetzt so aus, als ob es bald regnen würde.
„Komm, Emil, mein Guter. Willst du ein paar Körner? Put, put, put“, lockte er das Tier in den Stall, füllte Wasser nach und machte die Wärmelampe an. Dann kraulte er Emil zwischen den Flügeln und an der Brust. Er streckte sich vor Vergnügen.
Aus dem großen Sack füllte er mit einer Schütte das Körnergemisch in Emils Napf. Sofort ließ dessen Interesse an ihm nach. Hetzer lachte und sagte: „Da seid ihr alle gleich. Wenn es ums Fressen geht, bin ich abgeschrieben.“
Gaga wartete vor dem Stall. „Ja, du auch! Von wegen treue Seele. Alle korrupt.“
Mit diesen Worten ging er zufrieden schmunzelnd durch den Hauswirtschaftsraum ins Haus. Es waren eben Tiere und das sollten sie auch bleiben dürfen. Sein Magen sagte ihm, dass er auch essen wollte. Da fiel ihm der Topf wieder ein. Er vermutete, dass dessen Inhalt einmal Benno gehört hatte. Ein unteres, delikates Stück Benno. Gut, dass es heute kein Fleisch bei ihm gab. Wahrscheinlich würde er in den nächsten Tagen eher Fisch oder vegetarisch essen. Wenigstens bis er wusste, ob seine Vermutung richtig war. Nach einem Abend ohne besondere Vorkommnisse schlief Wolf friedlich ein. Dazu hatten auch das Nudelgericht und der Weißwein ihren Beitrag geleistet.
Mitten in der Nacht schreckte er plötzlich hoch. Er musste wieder geträumt haben. Aber das Einzige, woran er sich noch erinnerte, war ein riesengroßer, haarloser Säugling mit den Gesichtszügen eines alten Mannes. Etwas stimmte an dem Bild nicht. Doch er wusste nicht was, weil es längst verblasst war.
Unter dem Griff
Es war Seppi, der ihn schon früh am Morgen zu Hause anrief.
„Du, Hetzer, hör mal, dein Topf hat mir keine Ruhe gelassen. Ich konnte sowieso nicht schlafen. Da hab ich ihn mir mal vorgenommen.“
„Ja und?“
„Nix!“
„Wie, nix?“
„Ganz normales, vergammeltes Schweinegulasch mit ein paar Maden drin. In unterschiedlichen Lebensstadien. Es ist also schon länger her, dass das gekocht wurde. Der Topf ist nichts Besonderes. Billige Supermarktware. Da kommen wir nicht weiter. Aber eine Sache hab ich noch.“
„Jetzt lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen, Seppi. Das ist anstrengend. Das hast du schon immer so gemacht.“
„Macht ja auch Spaß. Also: Ich habe noch ein klein wenig DNA gefunden. Menschliche DNA.“
„Könnte die auch von mir sein?“
„Könnte schon, weil es männliche ist. Aber ist es nicht. Ich meine, deine ist es nicht. Die war natürlich auch vorhanden, aber ich habe unter dem Griff noch eine weitere gefunden und die könnte von diesem miserablen Koch stammen.“
„Sehr interessant. Aber jetzt sag mir mal, woher du weißt, dass das meine DNA ist, die da auch an dem Topf war.“
„Deine Nachbarin war so freundlich, mir deine Bürste zu bringen, zwecks Abgleich. Da waren übrigens auch weibliche Haare drin. Aber das geht mich ja nix an, wer deine Bürste so benutzt. Von einem anderen Mann habe ich jedenfalls keine Haare gefunden. Das spricht für die Dame oder dafür, dass du nicht homosexuell veranlagt bist.“
„Deine Schlussfolgerungen bezüglich meines Privatlebens sind sehr aufschlussreich. Mich interessiert aber mehr diese unbekannte, männliche DNA. Kannst du mir mehr sagen?“
„Ich kann dir noch sagen, dass es eher kein Schwarzer ist und dass es eher auch kein kaukasisch- oder asiatischstämmiger Mann ist. Das war es dann aber auch schon. Zu Haar- und Augenfarbe kann ich dir nichts sagen. Es gibt bestimmte ethnische Marker, die bei unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen vermehrt auftreten. Die habe ich hier aber nicht gefunden. Behinderungen aufgrund von Chromosomenveränderungen liegen auch nicht vor.“
„Dann suchen wir also eher einen gesunden Europäer? Na, davon gibt es ja nicht so viele.“ Hetzer war enttäuscht. Er hatte sich mehr erhofft. „Und der Abgleich mit der Kartei hat auch nichts ergeben?“
„Nein, unser Unbekannter ist ein unbescholtenes Blatt.“
„Danke dir, Seppi, dass du dir die Zeit genommen hast. Darf ich dich bitten, dass du die DNA noch aufhebst? Ich habe noch etwas damit vor. Ich möchte sehen, ob Mica an der Leiche welche findet und sie dann vergleichen.“
„Kein Problem, ist eh gespeichert. Bis dann, Hetzer, mach’s gut und viel Glück bei der Suche.“
Stille Wasser
Die Staatsanwältin Frau Dr. Kukla und Kriminalhauptkommissar Mensching erwarteten sie schon, als das Team Hetzer/Kruse eintraf.
„Wir erwarten umgehend Ihren Bericht, meine Herren. Jetzt sofort mündlich und heute noch schriftlich. Gegen 12 Uhr haben wir eine Pressekonferenz anberaumt. Halten Sie sich bitte zur Verfügung.“
„Wir müssen ermitteln!“, entfuhr es Kruse. Der Blick von Frau Dr. Kukla traf ihn wie ein Messer.
„Wenn Sie schon vorher intensiver und gewissenhafter ermittelt hätten, wären wir heute vielleicht nicht an diesem Punkt, an dem wir jetzt stehen. Nämlich wie wir der Presse erklären sollen, dass wir es nicht verhindert haben, dass Benno Kuhlmann umgebracht worden ist. Obwohl er so viele Tage verschwunden war.“
„Hatte ich Ihnen nicht ausdrücklich aufgetragen, dass dieser Fall oberste Priorität hat?“, bemerkte Mensching spitz.
„Und was haben Sie getan? Einen Pfarrer und eine Haushälterin in Hameln befragt ...“.
„Moment“, sagte Hetzer bestimmt, „wir wollen doch bei der Realität bleiben. Es ist schon richtig, dass wir auch im Mordfall von Pfarrer Fraas ermittelt haben, aber wir sind durchaus zweigleisig gefahren und haben alles darangesetzt, Bennos Aufenthaltsort ausfindig zu machen. Es gab aber überhaupt keine Spuren – bis auf einen mysteriösen Unbekannten, der sich in der Nacht einfach aufgelöst hat.“
„Bleiben wir doch bitte bei den Realitäten!“
„So war es aber. Wir hatten einfach keine Anhaltspunkte. Suchen Sie mal in einer Kneipe nach DNA. Sie können sich aber beruhigen, Chef. Es ist nämlich egal, ob wir erst da oder da oder gleichzeitig ermittelt haben.“
„Wieso?“
„Da bin ich aber mal gespannt!“ Frau Dr. Kukla setzte sich auf die Tischkante und schlug die Beine übereinander.
„Das ist ganz einfach. Ich habe eine Vermutung.“
„Dann schießen Sie mal los.“
„Ich denke, dass die beiden Fälle zusammengehören könnten.“
„Wieso das?“
„Weil die beiden Toten etwas gemeinsam haben. Sie sind beide kastriert. Komplett. Bei Pfarrer Fraas und bei Benno Kuhlmann fehlen das männliche Glied und die Hoden. Es gibt einen Unterschied. Bei Fraas sind die Genitalien kurz vor seinem Tod einfach abgeschnitten worden. Bei Kuhlmann hat sich der Mörder die Mühe gemacht, ihn zu operieren und kurzzeitig leben zu lassen. Dennoch könnte es derselbe Täter sein. Nach der Obduktion wissen wir mehr.“
„Ich habe schon mit Frau Dr. von der Weiden gesprochen, Hetzer. Sie beeilt sich und gibt uns sofort Bescheid. Das wäre natürlich ein Ding. Dann hätten wir es vielleicht mit demselben Mörder zu tun. Das hieße dann auch, dass es möglich wäre, dass wir mit weiteren Verbrechen rechnen müssen. Bitte untersuchen Sie, ob es weitere Vermisstenfälle in Hameln oder Rinteln und Umgebung gibt.“
„Jenseits des Berges auch?“
„Sie meinen Kleinenbremen, Bückeburg und so weiter? Das wird wohl nicht nötig sein. Aber von mir aus. Sie tun doch sowieso, was Sie nicht lassen können, oder?“
Hetzer ließ die Aussage von Frau Dr. Kukla unkommentiert und nahm sich vor, seinen Kollegen Schütte vom LKA anzurufen. Er konnte im ViCLAS-System prüfen, ob irgendwo Taten mit einer ähnlichen Vorgehensweise verübt worden waren. Das Analysesystem zum Verknüpfen von Gewalttaten wurde bereits seit zehn Jahren in Deutschland eingesetzt.
„Wären Sie denn so freundlich, uns eben noch die Situation in der Eulenburg zu beschreiben, damit wir uns nachher nicht blamieren, Kruse.“ Mensching sprach mit lauerndem Unterton.
„Benno Kuhlmann ist auf dem Dachboden der Eulenburg von einer jungen Ärztin gefunden worden. Er hing kopfüber an einem Deckenbalken. Nackt. Um die Füße eine Metallkette. Der Tod erfolgte wahrscheinlich am Fundort nach einem gezielten Stich in den Hals. Es fand sich eine große Blutlache unter dem Toten und zahlreiche Spritzer ringsum. Frische Narben im Bereich des vorderen Halses und im Genitalbereich. Dort war das gesamte Gemächt entfernt worden. Die Körperoberfläche war leicht rußig überzogen. Es fehlten die Haare. Wir vermuten, dass sie abgeflammt worden sind. Die Verwesung hatte schon eingesetzt. Er war von Maden bevölkert.“
„Vielen Dank für die detaillierte Schilderung. Dann können wir doch davon ausgehen, dass der Täter in jedem Fall ein Mann gewesen sein muss. Es gehört schon einige Kraft dazu, einen so großen Körper wie den von Kuhlmann kopfüber an einen Dachbalken zu hängen.“
Hetzer überlegte.
„Ja, das ist wohl wahrscheinlich, obwohl es auch starke Frauen gibt. Wenn es sich wirklich um einen Serientäter handelt, spräche das auch für einen Mann. Es gibt nur sehr wenig Frauen, die Mordserien verübt haben.“
„Diese Kastrationen – falls die Fälle zusammenhängen – sprechen doch für ein Beziehungsdelikt oder einen Racheakt nach Missbrauch. Vielleicht sollten Sie da, besonders bei dem Geistlichen, genauer nachhaken. In der nahen Vergangenheit sind so viele Fälle aufgedeckt worden. Möglicherweise wehrt sich hier ein Opfer auf eine andere Art.“
„Es könnte sich auch um sexuellen Sadismus handeln. Wir müssen in jede Richtung weiterermitteln. Wichtig ist jetzt erst einmal das Ergebnis der Obduktion. Daraus werden sich Hinweise für unser weiteres Vorgehen ergeben. Bitte entschuldigen Sie uns jetzt. Wir müssen noch einen schriftlichen Bericht anfertigen.“
Kruse und Hetzer zogen sich in ihr Büro zurück.
„Diese olle Mistzicke!“
„Meinst du etwa die Frau Staatsanwältin, Peter?“
„Nie im Leben, wie kommst du denn darauf?“
Hetzer grinste und begann seinen Bericht zu tippen.
Bennos Vermächtnis
Das Schreiben ging ihnen schwer von der Hand. Sie waren viel zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt. Auf einmal waren die Fälle vielleicht nur noch einer und viel komplexer, als sie vermutet hatten. Das wirkte sich bereits auf ihren Bericht aus. Noch bevor sie konkret wussten, dass Fraas und Kuhlmann demselben Mörder in die Augen geschaut hatten, konnten sie beides nur noch schwer gedanklich trennen. In ihr Schweigen hinein klingelte das Telefon.
„Hallo Wolf, ich bin es, Mica. Alles klar bei euch? Ich dachte, ich rufe euch zuerst an, bevor ich die Chefetage informiere.“
„Das ist aber nett von dir, Mica. Du zeigst ja direkt menschliche Züge.“
„Jetzt hast du aber angefangen, Hetzer!“, schmunzelte Mica empört durchs Telefon. „Aber Schwamm drüber. Apropos Schwamm. Er schwamm in Maden. Benno, meine ich.“
„Das haben wir schon vor Ort gesehen. Da erzählst du uns nun nichts Neues.“
„Nun wartet doch mal. Ich will euch doch etwas über die Maden erzählen.“
Hetzer stöhnte: „Muss das sein?“
„Wenn ihr wissen wollt, wie lange er tot ist, schon.“
„Na gut, dann raus mit der Horrorstory.“
„Ist gar nicht so schlimm. Ich will euch etwas über das Nahrungsverhalten der Maden erzählen. In diesem Fall über die Spezies Calliphora vomitoria, auch Schmeißfliege genannt. Diese Tierchen bevölkerten nämlich überwiegend unseren lieben Benno. Als ich ihn mir angeschaut habe, hatten die Maden eine Größe von circa 13 mm. Das vordere Drittel ihres Darms war mit Nahrung gefüllt. Bei einer mittleren Temperatur von durchschnittlich 15 °C und nicht zu dunklen Lichtverhältnissen bedeutet das, dass Benno ca. acht Tage tot war, als Nadja ihn fand. Er starb also ungefähr vor einer Woche. Genauer möchte ich mich nicht festlegen.“
„So, und das kannst du anhand dieser Viecher erkennen?“
„Exakt!“
„Erzähl uns mehr. Was hast du sonst noch gefunden?“
„Wie schon gesagt, ist Benno ziemlich fachgerecht kastriert worden. Man kann zwar sagen, dass derjenige diese Operation wohl noch nie oder nicht oft durchgeführt hat, aber er wusste, was er tat oder tun musste. Das Resultat ist eine wirklich zufriedenstellende Genitalplastik. Mit einem kleinen Fehler im Bereich des Blasenausgangs. Aber wenn er noch ein bisschen üben würde, tja, dann könnte man ihn einstellen.“
„Du bist pervers, Mica, echt!“
„Nun stell dich mal nicht so an, Wölfchen. Ach, noch etwas, und da wird die Sache interessant. Wenn man sich bei den Kastrationen von Fraas und Kuhlmann noch unsicher war, ob sie aufgrund der Vorgehensweise von ein und demselben Täter gemacht worden sind, dann hilft einem ein weiteres, klitzekleines Detail weiter. Benno Kuhlmann war wie Fraas seines Schildknorpels, also seines Adamsapfels, beraubt worden. Was sagt ihr nun? Ich hatte das wegen der Narbe schon vermutet, aber nun ist es sicher. Also: Zwei Entmannungen und zwei Entäpfelungen, wenn auch unterschiedlich ausgeführt.“
„Gibt es weitere Gemeinsamkeiten?“
„Also eine Sache ist komisch. Obwohl ja nun Kuhlmann längere Zeit in der Gewalt des Täters gewesen sein muss, habe ich keine DNA von ihm gefunden. Das bedeutet, dass er absolut sorgfältig gearbeitet haben muss. In Schutzkleidung gewissermaßen. Das Abflammen des Körpers am Tatort hat natürlich auch noch alles Mögliche zerstört, falls etwas da gewesen ist. Nadja hatte mich da übrigens auf eine gute Idee gebracht. Sie sagte, er sei abgeflammt worden wie ein Schwein. Das ist wohl früher bei Hausschlachtungen auch so gemacht worden. Damit gäbe es eventuell eineweitere Übereinstimmung in gewisser Weise. Ratet mal!“
„Och Mica, komm, das führt doch zu nix. Sag uns, was du weißt.“
„Also, das ist nur so eine Überlegung von mir. Muss absolut nichts zu sagen haben, aber im Prinzip hat mich deine Ratte – du weißt schon, die nicht ersäufte – darauf gebracht.“
„Ah ja, wieso?“
„Guck mal. Der Pfarrer ist – und das ausgerechnet in der Rattenfängerstadt Hameln – wie eine Ratte ersäuft worden. Habt ihr mal etwas über seinen Charakter recherchiert? Und Bennochen ist wie ein Schwein abgestochen worden. Man hat ihn wie eins ausbluten lassen und seine ,Borsten’ abgefackelt. Na, klingelt da was? Der eine war eine miese Ratte und der andere ein fieses Schwein. Das soll bei Klerus und Politik schon mal vorkommen.“
„Mensch Mica, ich glaube, da hast du wirklich eine gute Idee! Er bringt sie um wie die Tiere, die sie waren. Das ist noch ein Schritt weiter. Er zeichnet ihre Charaktere in seinem Mordbild. Aber warum kastriert er sie? Und warum so unterschiedlich?“
„Also, den ganzen Fall kann ich jetzt auch nicht für euch lösen. Ein bisschen müsst ihr schon selber machen. Bennos Blasenschließmuskel war übrigens ein bisschen zu Schaden gekommen. Ich glaube, er konnte das Wasser nicht mehr halten. Er hätte einen Katheter gebraucht in Zukunft oder Windeln. Aber das ist ihm ja erspart geblieben.“ Mica lachte.
„Du hast wirklich einen komischen Humor. Aber in deinem Fachgebiet bist du ein Ass! Hut ab, Mica!“
„Gibt es sonst noch etwas zu berichten?“
„Außer ein paar Hämorrhoiden und Marisken nichts Besonderes. Wobei letztere darauf hindeuten könnten, dass er gerne heftigen Analverkehr hatte.“
„Was bitte sind Marisken?“
„Das sind kleinere Vernarbungen am Schließmuskel. In diesem Fall infolge von Rissen. Die können auf unterschiedliche Art entstehen.“
„Bitte erspar uns jetzt die Einzelheiten“, rief Kruse, der das Gespräch mitgehört hatte. „Mir ist auch so schon schlecht.“
„Hast du bei dem Pfarrer auch so etwas gefunden?“
„Schon, aber das kann auch von Analthrombosen kommen. Wie gesagt: Es gibt unterschiedliche Ursachen. Das beweist nichts. Ich denke, im Laufe seines Lebens hat fast jeder solche Vernarbungen an dieser Stelle.“
„Danke Mica, dass du uns vorab informiert hast. Und danke, dass du so mitdenkst. Du hast uns wirklich sehr geholfen. Ich denke, da ist was dran an deiner Theorie mit dem Charakter der Opfer. Charakterliche Mängel auf Tiere projiziert. Da hat er das Schwein und die Ratte einfach umgebracht. Das erklärt auch, warum ich Schweinefleisch im Topf hatte.“
„Wie bitte? Was haben die Morde jetzt mit deinen Kochkünsten oder Essensgewohnheiten zu tun?“
Hetzer hatte sich verplappert. Eigentlich hatte er nicht gewollt, dass Mica seine Aktion mit dem Topf mitbekam.
„Weißt du noch – die Ratte, Mica?“
„Klar, wie sollte ich das vergessen? Das war ein Spaß ...“
„Was du noch nicht weißt, ist, dass ich nach dem Mord an Benno einen Topf mit lebendem Schweinegulasch vor der Tür hatte. Es wimmelte vor Maden in ihm. Nach der Geschichte mit der Ratte wollte ich mich nicht ein zweites Mal vor dir lächerlich machen. Da habe ich Seppi gebeten, den Topf samt Inhalt zu untersuchen und siehe da: Er hat die DNA eines Unbekannten unter dem Topfgriff gefunden, also da, wo der Griff am Topf befestigt ist.“
Mica prustete los. Sie konnte sich nur schwer wieder beruhigen.
„Mensch Hetzer, was bist du für ein Feigling! Glaubst du, ich hätte dir den Kopf abgerissen oder dich gezwungen, das Gulasch zu essen oder was? Du hättest doch ruhig zu mir kommen können. Nur weil ich manchmal etwas sarkastisch bin, heißt das noch lange nicht, dass ich dich nicht ernst nehme. Ok, ich fand deine Rattenreaktion ein bisschen überzogen, aber angesichts der Lage könnte da trotzdem etwas dran sein. Das war aber damals noch nicht zu erwarten. Hinsichtlich deiner DNA muss ich dich allerdings enttäuschen. Sie könnte von jedem in der Produktionskette oder aus dem Verkauf stammen. Es ist nicht gesagt, dass sie vom Täter ist. Habt ihr sie isoliert und gespeichert?“
„Ja, haben wir. Nur nützt das ja leider nichts, weil du an Benno keine DNA zum Vergleichen gefunden hast. So ein Mist.“
„Stimmt, das ist schade. Aber das wäre auch zu einfach. Wenn ich der Mörder wäre, und ich sage mal, ich wäre vielleicht auch ein intelligenter Mörder, dann würde ich natürlich zusehen, dass ich keine Spuren hinterlasse. Wenn ich also überlege, dass der Täter bisher außerordentlich vorsichtig agiert hat und dass er – falls es derselbe ist – beim Kastrieren sehr schnell dazugelernt hat, muss man davon ausgehen, dass er uns mental nicht unterlegen ist. Darüber hinaus muss er Benno entweder in Narkose gelegt oder hypnotisiert haben. Alkohol oder Tabletten wären noch eine Möglichkeit oder ein K.-o.-Schlag, um eine Operation überhaupt durchführen zu können. Da hätte ich aber bei der Obduktion Spuren der Medikamente oder der Verletzungen gefunden. Auf jeden Fall es ist ganz klar ersichtlich, dass Benno die OP überlebt hat und dass die Wunden verheilt sind. Wenigstens bis er starb ...“
„Ich denke, da hast du recht, Mica. Wir haben es hier mit einem äußerst intelligenten Täter zu tun. Und das wird uns noch zu schaffen machen.“
„Na gut, Jungs, dann werde ich mal die Chefetage anrufen und Frau Dr. Klugscheißer informieren.“ Mica kicherte. „Mensching natürlich auch. Bis später dann.“
Übers Wasser wandern
Wolf Hetzer hatte nach der Pressekonferenz ein komisches Gefühl. Sie hatten nur wenige Fakten weitergegeben. Gerade so viel, wie gesagt werden musste. Die Ermittlungen durften nicht gefährdet werden.
Während er Mensching zugehört hatte, war dieses Gefühl immer stärker geworden. Er fühlte sich, als ob ihm der Täter über die Schulter schaute und sich amüsierte. Es war, als spüre er dessen Existenz. Etwas war in seinem Bewusstsein, doch er konnte es nicht greifen. Ein Wissen, das sich nicht abrufen ließ wie bei einem Trauma oder einer Amnesie. Vielleicht auch etwas, das er selbst ausblendete?
Er wusste es nicht.
Und da war noch etwas. Man konnte es nicht direkt Angst nennen, aber er fühlte sich auf eine subtile Art bedroht. Ein Unbekannter war in sein Leben eingedrungen. Der Feind blieb im Schatten. War schlecht einzuschätzen, aber nicht zu unterschätzen. Die Ermittlungen hatten gezeigt, dass er es sehr wohl verstand, sich unangreifbar zu machen.
Eine Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
„Herr Hetzer, hätten Sie wohl die Güte, mich zu informieren, wie Sie und Ihr Kollege Kruse nun weiter vorgehen wollen? Sie haben nichts, aber auch gar nichts in der Hand.“
Hetzer sparte sich die passende Erwiderung.
„Kruse und ich werden jetzt nach Hameln fahren und die Haushälterin des Pfarrers wegen seiner sexuellen Vorlieben befragen. Anschließend bitten wir Pfarrer Martin noch um ein paar Informationen. Vielleicht hat es Gerüchte über Missbrauchsfälle gegeben oder ähnliches.“
„Wie Sie an diesem ersten Mord kleben, Hetzer. Ich verstehe das nicht. Aber meinetwegen, jetzt, wo die Vermutung naheliegt, dass es eine Verbindung zwischen Kuhlmann und Fraas geben könnte, fragen Sie von mir aus zunächst dort nach.“
„Geben könnte ist gut“, murmelte Kruse.
„Wie sagten Sie? Ich habe Sie nicht verstanden.“
„Ich sagte, dass es mehr als eine Vermutung ist, wenn beiden – zwar auf unterschiedliche Art, aber das ist doch sekundär – die kompletten Genitalien und der Adamsapfel entfernt worden sind.“
„Meinen Sie! Es könnte immerhin auch Zufall sein oder ein Nachahmungstäter, falls etwas durchgesickert ist. Es gibt auch eindeutige Unterschiede zwischen beiden Opfern.“
Hetzer hatte keine Lust auf diese Diskussionen. Sie brachten nichts.
„Na komm, Peter, lass uns losfahren. Wenn wir noch alles erledigen wollen, was wir uns vorgenommen haben, kostet das Zeit. Entschuldigen Sie uns bitte, Herr Mensching.“
Als die beiden draußen waren, atmeten sie auf.
„Puh, immer dasselbe Theater: Kuhlmann, Kuhlmann, Kuhlmann ...“
„Glaub mir, Peter, der kriegt Druck von oben. Der kann gar nicht anders. Ich bin froh, dass wenigstens die Kukla schon weg war. Die nervt mich viel mehr.“
„Da hast du natürlich recht!“, lachte Peter.
„Diese olle Zimtzicke.“
Es war schon kurz vor drei, als sie das Ortsschild von Hameln passierten. Es regnete in Strömen. Selbst auf stärkster Stufe konnten die Scheibenwischer das Wasser kaum in Schach halten.
„Widerlich, einfach widerlich und wir haben natürlich keinen Schirm dabei.“
„Wie sähe das auch aus? Stehen wir beide unter dem Schirm an der Tür wie die Zeugen Jehovas.“
„Du kommst vielleicht auf Gedanken. Ist eher unwahrscheinlich an der Haustür eines katholischen Geistlichen.“
„Siehst du, und darum nehmen wir auch keinen Schirm.“
„Ähh, tolle Logik.“ Peter schüttelte sich und suchte unter dem Vordach Schutz. Sie konnten hören, wie es innen klingelte. Doch nichts geschah. Gerade, als sie nach einem weiteren Klingelversuch aufgeben wollten, hörten sie Schritte auf der Treppe. Etwas verschlafen öffnete Pfarrer Fraas‘ Haushälterin.
„Ah, die Herrn Inspektoren, entschuldigens schon, aber ich hatt mich a bisserl hi’glegt. Bin ja net mehr die Jüngste. Kommens nur rein. Des is ja a grauslig’s Wetter. Da dät ma ja kein Hund vor die Tür nausjag’n wolln.“
„Vielen Dank.“
„Dätn’s a paar Platzerl mög’n? Und an Kaffee?”
„Ja, sehr gerne, Frau Brüderl.“
„Dann geh i geschwind. A Momenterl Geduld, bittschön!“
Peter Kruse hatte es sich im Sessel bequem gemacht. Er streckte die Füße aus und fühlte sich wohl. Die Kekse kannte er schon. Er befand sich also in freudiger Erwartung. Hetzer saß eher nachdenklich da. Er überlegte, wie er der alten Dame diese delikaten Fragen am besten servieren konnte.
„So meine Herrn, greifen’s ruhig zua!“ Mit diesen Worten stellte Fraas’ Haushälterin eine Kanne Kaffee und Plätzchen auf den Wohnzimmertisch. „Die sann selbst g’macht. Ist vielleicht noch a bisserl früh, aber die Weihnachtszeit is immer so kurz. Der Herr Pfarrer hot a immer so gern welche mög’n, wenn’s draußen koalt woar. Gott hab ihn selig.“
„Sie haben ihn sehr gern gemocht, Frau Brüderl?“
„Jo freili, er is so a guader Mensch g’wen.“ Sie verfiel wieder zunehmend mehr in ihren Dialekt, wenn sie von Fraas sprach. „I hob’n jo so long scho kennt. Des woarn leicht fuff’zg Joahr.“
„In dieser Zeit wächst man ganz schön zusammen. Fast wie ein altes Ehepaar. Ist es aus diesem Grund zu Komplikationen gekommen?“
„Na, wieso? Woas für Komplikationen meinen’s denn? Ob mir uns oft g’stritten ham oder ob ich’s ihm immer recht g’macht hab?“
„Ich dachte eher daran, ob Sie eventuell aneinander Gefallen gefunden hätten. Vielleicht über das erlaubte Maß hinaus. Ob da Gefühle im Spiel waren und ob Sie im Geheimen ein Paar waren.“
Heide Brüderl guckte verdutzt. Dann lachte sie.
„Ah, so ham Sie des g’moint. Es hot amol a Zeit geb’n, da hätt i gern dem Pfarrer sei Frau sein mög’n. Do woar i jung und a weng hitzköpfig, verstehen’s scho. Jesses, i hob’s direkt drau o’glegt, dass er mi sicht, so im Sommer, mit nur an leichten Kleid oder i hob mi am Fenster umzog’n. Rundum verwöhnt hob i ’n. Es hot ihm bestimmt an goar nix g’fehlt. Nur g’sehn hot er mi nia. So oft i des versucht hob, um ihn rum zum scharwenzeln. Immer freindlich is er g’wen un immer nett. Nur wia a Bruader, net wie a Mo. Irgendwann hob i mir denkt, das er ehm so sehr an sei’m Glaub’n hängt und nur die Jungfrau Maria liabt. Und woas soll i da moachen? Des is a Konkurrenz, geg’n die koa Macht der Welt woas nützen dat. Und um Himmels wuill’n, des hätt i a nia und nimmer probiert. Es is mir nix übrig blie’m. I hob mi in mei Schicksal eini g’fügt, bin bescheiden blieb’n und hob ihm oalles zurecht g’macht. Später hob i mir dann denkt, dass des goar net so schlecht woar, woas der Herrgott da füa mi entschied’n hoat. A ehrbares, saub’res Leh’m als Magd, um ihm zu dienen. Und i hot mei Rua, wenn i des wollt. Der Ohmd und d’Nacht hoam nur mia g’hert.“
„Wenn ich es richtig verstanden habe, dann ist Pfarrer Fraas auf Ihr Werben nicht eingegangen. Hatten Sie das Gefühl, er hätte mal an anderen Frauen Interesse gehabt?“
„Na, goanz g’wiss net. Nur an der Heilig’n Jungfrau. Des wär mir aufg’foin. Des können’s mir glau’m.“
„Wäre es auch möglich“, Hetzer zögerte bei dieser Frage etwas, „dass Pfarrer Fraas mehr dem eigenen Geschlecht zugeneigt war?“
Heide Brüderl zuckte zusammen. „Wia moanen’s na des?“
„Wie ich es gesagt habe. Ich wollte wissen, ob der Herr Pfarrer homosexuelle Neigungen hatte.“
Sie schüttelte sich, als hätte sie in Hetzers Madentopf geschaut. „Net, des i wüst. So an Schweinkram. Naa, des hätt der Pfarrer seelig nia dua. Pfui Spinne.“
„Es hat auch niemals ein Gerücht oder etwas dergleichen gegeben? Vielleicht aus der Gemeinde? Ungereimtheiten oder Gespräche, die Sie sich nicht erklären konnten?“
Heide Brüderl zitterte leicht. „I woas von nix und über an Tod’n sollt ma a net schlecht red’n, selbst wenn doa woas g’wen wär.“
Wolf Hetzer hatte das Gefühl, dass sie nicht die Wahrheit sagte, wollte es aber jetzt auf sich beruhen lassen. Die Seniorin hätte nichts Schlechtes über ihren Pfarrer gesagt, mit dem sie – wie auch immer – so viele Jahre unter einem Dach gelebt hatte. Hetzer würde bei seinem Nachfolger in der Gemeinde weiterbohren. Vielleicht wusste der etwas oder es stand irgendetwas Verwertbares in den kirchlichen Aufzeichnungen.
„Das erwarten wir auch gar nicht von Ihnen“, sagte er zu Fraas‘ Haushälterin. „Sagen Sie, wie war denn der Pfarrer so als Mensch? War er streng oder eher weich? Hatte er Verständnis für die Sünden seiner Schäfchen?“
„Des is schwer zum soag’n. Er woar fei a sehr guader Mensch, oaber er hoat die schwarzen Schafer’l scho a ins G’wissen g’red. Grad recht is er g’wen. Net zu hart und net zu weich. In die letzten Joahr is er a weng milder woarn. Un ruhiger a. Es woar a schene Zeit und jetzad muss i mir a neue Bleibe suachen, auf meine oiden Doag.“
„Ach, das tut uns aber leid. Wir dachten nicht, dass sich etwas für Sie verändern würde. Sagen Sie, hatte Pfarrer Fraas einen Computer?“
„An richtig großen net, nur so a kloan’s Ding zum Auf- und Zuaklapp’n.“
„Ah, ein Laptop also. Dürften wir das mal sehen?“
„Jo mei, warum net. Bitte kommen’s mit nunter in sei Wohnung. Er hoat des Ding imma am Schreibtisch liagn.“
Frau Brüderl hielt sich gut am Handlauf der Treppe fest. Vielleicht war es doch gar nicht so schlecht, wenn sie woanders hinzog, dachte Wolf bei sich. Das Treppensteigen machte ihr sichtlich Mühe. Peter, der sich nur ungern aus dem Sessel gequält hatte, weil er die Kekse verlassen musste, hatte sich während der Befragung Stichpunkte notiert. Er ging jetzt hinter der alten Dame die Treppe hinab, während Hetzer fragte, ob der Pfarrer denn auch Kinder und Jugendliche betreut hätte. Er sah eben noch, wie sie ins Wanken geriet, konnte aber nicht eingreifen. Im letzten Moment bemerkte Wolf, vor allem durch Peters Aufschrei, dass etwas nicht in Ordnung war, und drehte sich um. Nur mit großer Mühe konnte er Heides Sturz abfangen. Mit dem einen Arm packte er sie. Leider etwas unsanft, sodass sie stöhnte. Mit der anderen Hand hielt er sich am Geländer fest, sonst wären sie beide zu Fall gekommen. Heide Brüderl war noch nicht wieder ganz bei sich. Inzwischen hatte ihr Peter jedoch von hinten unter die Arme gegriffen. Gemeinsam trugen sie die alte Dame nach unten, nahmen Fraas’ Schlüssel aus der Tasche ihres Kittels und legten sie auf dessen Sofa. Wolf Hetzer rief Notarzt und Krankenwagen, während Peter ihr die Beine erhöht bettete und sie langsam wieder zu sich kam.
„Jo mei, wo bin denn i? Beim Herrn Pfarrer selig? Ach, meine Herrn, mir is a bisserl schwindelig worn. Jetzad hoab i Eahna a noch Scherereien g’moacht.“
„Das ist nicht so schlimm, Frau Brüderl, der Arzt wird gleich hier sein. Ich glaube, wir haben Sie zu sehr beansprucht.“
„Seit dem Herrn Pfarrer sein Tod bin i net mehr die Oide. Des hoat mit Eahna nix zum dua.“
„Frau Brüderl, Sie sind doch sicher einverstanden, wenn wir den Laptop von Pfarrer Fraas mitnehmen. Vielleicht finden sich dort Hinweise auf das Verbrechen, das an ihm verübt worden ist. Wir würden uns auch gerne noch ein wenig in der Wohnung umschauen.“
„Machens nur, woas sie moana. Und nehmens des Ding nur, meine Herrn Inspektoren. Er koa eh nix mehr damit oafoanga.“
Es dauerte nicht lange, bis Notarzt und Rettungswagen in der Fontanestraße hielten und sich um Heide Brüderl kümmerten. Sie rief ihnen noch ein „Vergelt’s Gott!“ nach, bevor sich die Türen des Krankenwagens schlossen. Immerhin regnete es jetzt nicht mehr. Hetzer dachte, dass er etwas gesagt haben musste, das sie umgehauen hatte.
„Du, Peter, vielleicht ist da was dran, an der Homosexualität. Wenn so gar keine Frauengeschichten bekannt sind.“
„Ich glaube ja eher, dass wir uns auch auf seine Kontakte zu minderjährigen Schutzbefohlenen konzentrieren sollten. Immerhin leitete er in der Gemeinde St. Elisabeth in der Arndtstraße die Verwaltungsstelle für die katholische Jugend.“
„Denkst du an Missbrauch, Peter? Das müsste dann ja wahrscheinlich etliche Jahre zurückliegen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es in der nahen Vergangenheit für ihn möglich war, sich Kindern oder Jugendlichen so einfach zu nähern.“
„Das vermutlich nicht. Er müsste ungefähr zehn bis fünfzehn Jahre außer Dienst sein. Mögliche Opfer wären dann jetzt zwischen zwanzig und – je nach Zeitraum – vierzig oder mehr Jahre alt.“
„Wie willst du das jetzt noch herausfinden? Du glaubst doch nicht, dass die Kirche brisante Dokumente oder Protokolle aufbewahrt hat?“
„Wer weiß, es ist in letzter Zeit so vieles ans Licht gekommen. Lass uns aber erst mal seinen Rechner und die Wohnung kontrollieren. Pädophile können von ihren Vorlieben meist nicht lassen. Es wäre möglich, dass wir irgendetwas, irgendeinen Hinweis finden. Fotos, Dokumente, Briefe.“
Kruse und Hetzer überlegten, wie sie am besten vorgehen sollten.
„Nimm du das Wohnzimmer, ich fange im Arbeitszimmer an“, schlug Peter vor.
„Du, da habe ich eine andere Idee. Wir haben offiziell die Erlaubnis von Heide Brüderl, dass wir uns hier umschauen und den Laptop mitnehmen dürfen. Lass uns die Kollegen von der KTU anrufen. Wenn es irgendwelche Dinge gibt, die in diese Richtung weisen, werden es die Kollegen finden. Wir fahren zu Pfarrer Martin und klopfen einfach mal so auf den Busch. Ich habe da so ein Gefühl.“
„Du immer mit deiner weiblichen Intuition!“, lachte Peter. „An dir ist eine wunderbare Frau verloren gegangen. Du kochst gerne, bist häuslich, hast dein Leben im Griff. Also, ich würde dich glatt heiraten.“ Peter musste lachen, weil Hetzer so vollkommen doof aus der Wäsche guckte, dass er den anderen damit ansteckte. Sie hielten sich am Sofa fest vor Lachen. Die Kekse in Peter hüpften förmlich.
Die Täuschung
Sabine Schreiber, Leiterin der Bückeburger Außenstelle in der Schwenstraße, wollte soeben die Tür des Schaumburger Jugendamtes abschließen. Es war bereits weit nach 18 Uhr und schon dunkel. Als sie die Treppen hinabging, kam wie aus dem Nichts ein Mann auf sie zugelaufen. Er trug einen Trenchcoat und einen Hut und war sichtlich aufgeregt.
„Bitte kommen Sie schnell, Sie müssen mir helfen. Das Mädchen wird sonst totgeschlagen.“
Sabine geriet in Panik.
„Was sagen Sie da? Wo ist das? Wie alt ist das Kind?“
„Schnell, wir müssen nach Obernkirchen fahren, in den Weheweg. Es handelt sich um meine Nachbarn. Sie schlagen ihr Kind. Ich kann diese schrecklichen Schreie nicht mehr ertragen.“
Sabine Schreiber eilte mit dem Mann zu seinem Auto. Er hatte den Wagen vor dem Nachbarhaus geparkt.
„Ich rufe jetzt parallel die Polizei an. Wo ist das genau im Weheweg? Ich kenne mich nicht so genau in Obernkirchen aus.“
„Weheweg 47 bei Schröder. Mein Name ist Hildebrandt. Ich wohne in 49. Das Mädchen ist höchstens acht Jahre alt. Ich hatte neulich schon den Eindruck, dass da etwas nicht stimmt. Aber jetzt diese Schreie aus dem Keller.“
Sabine Schreiber zögerte keine Sekunde. Sie rief 110 an und schilderte den Fall. Gab die Adresse durch. Dass sie vor Ort warten sollten, war ihr sowieso klar gewesen. Sie hätte nicht im Traum daran gedacht, ohne Polizei in das Haus zu gehen.
Sie bat Herrn Hildebrandt, nach Obernkirchen in den Weheweg zu fahren und dort in einigem Abstand mit ihr zusammen auf die Beamten zu warten.
Hildebrandt fuhr sofort los.
Im Keller
Es tropfte. Susi stand im Heizungskeller. Gleich würde er kommen.
Die Heizung sprang an und ging wieder aus. Estropfte. Und es stank entsetzlich nach Öl. Die Tanks hinter der Mauer waren schon Jahre alt.
Susi wartete. Auf ihn. Sie kannte das. Er schickte sie immer hier herunter, wenn sie Mist gemacht hatte. Angst. Die Angst lähmte sie. Nicht einmal im Traum wäre sie auf die Idee gekommen, davonzulaufen. Die Tür war nicht verschlossen. Oder aus dem Fenster nach Hilfe zu rufen. Sie hätte es einfach öffnen können. Aber sie war hier, weil er es gesagt hatte. Dagegen gab es keinen Widerspruch. Das hätte alles noch schlimmer gemacht.
Es tropfte, wieder sprang die Heizung an. Susi zählte die Sekunden, bis sie wieder ausging. 22 und dann wieder 148, bis sie erneut in Betrieb ging. An und aus und an und aus. Sie malte mit der Schuhspitze Muster auf den Boden, die man nicht sah. Er würde sie vielleicht auch nicht so schnell sehen, wenn er kam. Sie stand ganz hinten in der Ecke. Noch hinter der Heizung im Dunklen. Da fühlte sie sich sicherer.
Früher war er immer lieb gewesen. Oft hatte er mit ihr Indianer gespielt oder sie waren angeln gegangen. Am Mittellandkanal oder am Steinhuder Meer. Einmal hatten sie der Großmutter einen Aal ins Bett gelegt. Das war vorbei. Sie war kein Kind mehr. Erwachsen auch nicht. Aber auch er war anders geworden.
Die Heizung sprang wieder an. Es tropfte monoton. Sie wusste nicht, wie lange sie hier schon stand. Vielleicht hatte er sie vergessen. Der Hoffnungsschimmer war klein, denn er hatte sie noch nie vergessen. Es dauerte immer eine Ewigkeit, bis er endlich kam.
Dann war sie fast erleichtert, wenn sie ihre Strafe bekam. Hinterher konnte wieder alles gut werden. Wenigstens mit Vater. Mutter würde bestimmt wieder eine Woche nicht mit ihr sprechen. Das kam, weil sie faul gewesen war. In der Schule. Und weil sie die schlechte Note auch noch verheimlicht hatte. Ein paar Tage länger Ruhe vor dem Sturm, ein paar Tage länger mit Mutter sprechen. Ihr eisiges Schweigen war nicht zu ertragen. Für jemanden, der zwölf war und der so viel im Kopf hatte, der so viel denken musste. Doch das verstand keiner. Einmal hatte sich Mutter sogar eingeschlossen. Damit Susi nicht zu ihr ins Wohnzimmer konnte.
Das war der Tag gewesen, an dem sie überlegt hatte, ob eine Nagelschere lang genug war, um das Herz zu treffen. Sie hatte es nicht versucht. Das Leben war irgendwie weitergegangen.
Mittlerweile hatte es zu dämmern begonnen. Bloß kein Licht machen. Auch wenn ihr das Tropfen jetzt lauter vorkam und die Heizung bereits zum vierundfünfzigsten Mal ansprang.
Plötzlich hörte sie sie. Die Schritte auf der Kellertreppe. Er kam. Sie drückte sich noch tiefer in die Ecke. Wusste, dass er nun die Weidenrute von der Wand nahm. Die Tür ging auf.
„Susi, komm her. Du weißt, dass du faul warst und gelogen hast. Jetzt musst du auch die Folgen ertragen. Mutter möchte, dass dir das eine Lehre ist.“
Mit diesen Worten zog er sie aus der Ecke. Sie sträubte sich nicht. Wusste, dass es sowieso keinen Sinn hatte. Er schob ihr den Nickipullover hoch. Sie duckte sich, als der erste Hieb ihren Rücken traf.
Der Schmerz, vor dem sie solche Angst gehabt hatte, war nun da. Das Warten hatte endlich ein Ende. Wie eine Erlösung war das. Tapfer hielt sie aus. Kein Ton kam aus ihrem Mund. Irgendwann ließ er von ihr ab und ging wortlos aus dem Heizungskeller.
Da stand sie. Zog den Pulli wieder herunter und schlich aus der Tür. Damit niemand sie sah. Vorsichtig die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Erst dort kamen die Tränen. Als sie auf ihrem Bett lag. Die Eltern hatten ja recht. Das wusste sie.
Sabines Verhängnis
Im Weheweg hielt Hildebrandt an. Die Beamten waren noch nicht da. Er bückte sich in den Fußraum hinunter und noch ehe Sabine Schreiber überhaupt begriff, was los war, raubte ihr das Chloroform ihre Willenskraft.
Sofort gab der Unbekannte Gas und verließ über den Jägerweg den Bereich, in dem gleich die Polizei auftauchen würde.
Er fuhr direkt mit ihr zur Kellertür an die Rückseite seines Hauses. Zum Glück war sie nicht so schwer wie Benno. Und noch bevor sie wieder erwachte, legte er ihr eine Infusion und versetzte sie in Narkose. Jetzt musste es schnell gehen. Er legte ihr noch die Platte des Elektrokauters unter das Gesäß und setzte zum Bauchschnitt an. Vorsichtig präparierte er sich durch die einzelnen Hautschichten und das Bauchfell, an Muskeln und Gefäßen vorbei, bis zur Gebärmutter und den Eierstöcken. Wiederholt musste er Blutungen mit dem Elektrokauter stoppen und die Gefäße mit Hitze verschweißen. Das stank, wie neulich, als er Bennos Haare vom Körper gebrannt hatte. Bei Sabine hatte er sich kurzerhand zum Rasieren entschlossen. Erst mal das Nötigste. Nach mehreren Nähten im Bauchraum gab es keine Blutungen mehr. Er konnte Sabine wieder zumachen. Es wurde auch Zeit, denn ihr Blutdruck fiel etwas ab.
Da lagen sie nun vor ihm. Sabines Organe, ihr Frausein in einer Nierenschale.
Ursprünglich wollte er ihr noch die Brüste entfernen. Das musste später passieren, wenn sie wieder stabiler war. Kurz bevor sie aufwachte, rasierte er sie noch gründlich – auch unter den Armen – und deckte sie zu.
Mit einem Hustenanfall wachte Sabine Schreiber auf und schaute verwundert in die OP-Lampe.
„Sie hatten einen Unfall“, sagte der Arzt leise mit verstellter Stimme. Sie konnte ihn kaum erkennen, da er Mundschutz und Haube trug.
„Um Himmels willen, was ist passiert?“, rief Sabine erschrocken. Sie konnte sich an nichts erinnern.
„Keine Angst, Sie werden es überleben. Wir haben Sie mit einer Notoperation gerettet. Und nun schlafen Sie erst mal ein bisschen.“
Über den venösen Zugang spritzte er ihr Fortral und Sabine schlief wieder ein.
Pfarrer Martins Vermutung
Kruse und Hetzer mussten warten, bis Pfarrer Martin endlich Zeit für sie hatte. Sie hätten auch nicht gewollt, dass er seine Bibellesestunde unterbrach. Nach und nach verabschiedeten sich die Frauen von ihm und wünschten ihm einen schönen Abend.
„Bitte kommen Sie in mein Büro, meine Herren“, sagte er und bot ihnen einen Platz in der Sitzecke an.
„Wir kommen heute mit einer etwas delikaten Frage zu Ihnen.“
„Nur raus damit, mir ist nichts Menschliches fremd, glauben Sie mir. Ich denke, es gibt fast nichts, was ich noch nicht gehört habe, beziehungsweise nichts, mit dem ich mich noch nicht auseinandersetzen musste, ob ich wollte oder nicht.“
„Dann wird das, was wir fragen wollen, vermutlich demnächst dazugehören. Was wissen Sie über das private Leben von Josef Fraas? Vor allem in Hinblick auf die Beziehungen zu den Menschen, von denen er umgeben war.“
„Darüber weiß ich wenig. Da ist mir wenig bekannt. Vermuten Sie, dass der Täter ein Bekannter von Josef war?“
„Nicht unbedingt. Uns interessieren viel mehr eventuelle Beziehungen, gefühlsmäßig oder sexuell.“
„Ah, daher weht der Wind. Da brauchen Sie sich doch für Ihre Fragen nicht zu schämen. Es ist doch klar, dass – besonders in diesem Fall – eine solche Frage kommen muss, wenn jemand im Zölibat lebt. Aber ich kann Sie beruhigen. Es ist niemals auch nur der Verdacht aufgekommen, dass Pfarrer Fraas ein Verhältnis hat. Nicht einmal mit seiner Haushälterin. Oder er muss es besonders geschickt angestellt haben. Aber das wäre auch kein Grund, ihn zu ermorden, oder?“
„Haben Sie jemals davon gehört, dass er eventuell auch Männern zugeneigt gewesen sein könnte?“
„Niemals“, antwortete der Geistliche. Hetzer hatte den Eindruck, als ob er auf der Hut war.
„Hat es jemals – auch nur als Verdacht – Übergriffe auf Jugendliche oder Kinder gegeben? Ich meine, die Möglichkeiten sind hier ja groß.“
„Nein, nie. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich muss zur Chorprobe.“
Mit diesen Worten öffnete er die Tür und verabschiedete sich.
„Das war jetzt aber plötzlich, Wolf.“
„Da haben wir wohl doch eine empfindliche Stelle berührt. Was meinst du? Ich bin gespannt, ob die KTU was findet.“
„Ich nicht“, Hetzer sah Peter verständnislos an, „ich habe jetzt Feierabend. Mich interessiert das erst morgen wieder. Hast du mal auf die Uhr gesehen?“
„Oh je, schon so spät. Ich glaube, ich muss Moni jetzt mal zum Essen einladen. Wenn ich sie nicht hätte.“
„Tja, dann müsstest du etwas strukturierter leben. Würde dir auch nicht schaden.“
Peter brummelte vor sich hin und sagte kein Wort mehr, bis sie sich auf dem Hof der Wache am Hasphurtweg verabschiedeten.
Ja, die Tage sind zu lang, dachte Hetzer. Aber eins ergibt sich aus dem anderen. Es werden auch wieder ruhigere Zeiten kommen.
Moni
Als Hetzer an diesem Abend nach Hause kam, lag ein Zettel auf dem Tisch.
Darauf stand: Alle sind gefüttert, Emil ist schon im Stall, die Katerbrüder gestreichelt und mit Gaga bin ich eine Stunde im Wald gewesen. Arbeite nicht so viel. Gönn dir auch mal eine ruhige Stunde. Der Eintopf steht im Kühlschrank. Liebe Grüße, Moni
Ja, sie war wirklich ein Schatz. Er hatte nämlich heute wirklich überhaupt keine Lust, zu gar nix mehr. Kein wirkliches Wochenende, lange Abende – das forderte seinen Tribut. Nicht einmal ein Feuer wollte er noch anzünden. Einfach noch essen und dann ab ins Bett. Mehr oder weniger vorsichtig näherte er sich dem Topf im Kühlschrank. Als er das letzte Mal einen Deckel hochgehoben hatte, war ihm der Appetit vergangen. Jetzt duftete ihm ein Kohleintopf entgegen. Auf einem Teller neben dem Topf lagen vier Kohlwürstchen. Er holte sich einen Suppenteller, legte zwei von den Würstchen hinein und schöpfte den Eintopf darüber, der völlig fleischlos war. Ein Glück. Nach drei Minuten in der Mikrowelle stand der dampfende Teller vor ihm. Der Rest würde für morgen reichen. Mit dem Sattsein kam die Müdigkeit. Doch er wollte noch schnell Moni anrufen und sich bei ihr bedanken.
„Kahlert, guten Abend.“
„Hallo Moni, ich bin’s, Wolf. Ich wollte mich ganz herzlich bei dir bedanken, dass du dich so um uns alle kümmerst. Dein Eintopf war wirklich superlecker.“
„Dann bin ich ja beruhigt, du Rumtreiber. Habt ihr viel zu tun? Ich habe das mit den Morden in der Zeitung gelesen. Da dachte ich mir, du könntest ein bisschen Unterstützung gebrauchen.“
„In der Tat. Im Augenblick ist es ein bisschen viel. Aber es kommen auch wieder andere Zeiten. Ich würde dich gerne am Samstag zum Essen einladen.“
„Nun hals dir mal nicht noch zusätzliche Arbeit auf. Das ist schon alles in Ordnung so. Ich liebe doch Tiere und kochen muss ich sowieso. Du weißt doch, dass sich ein Eintopf nicht für eine Person lohnt.“ Sie lachte.
„Nein, im Ernst, Moni, ich würde mich wirklich freuen. Wir haben doch sonst kaum Zeit, uns mal in Ruhe zu unterhalten. Ich werde sonst ein Dienstkrüppel. Mir fehlt der zwischenmenschliche Austausch mit ganz normalen Leuten.“
„Also gut. Aber dann hätte ich eine Bitte.“
„Und die wäre?“
„Könntest du bitte etwas ohne Fleisch kochen? Ich bin überzeugte Vegetarierin. Ich esse sonst wirklich alles, auch Fisch, nur bitte kein Fleisch von Zwei- oder Vierbeinern.“
„Zweibeiner? Du bist lustig. Ein Kannibale bin ich sowieso nicht.“
„Nimmst du mich auf den Arm? Ich meine Geflügel.“ Moni klang etwas beleidigt.
„Nein, natürlich nicht. Ich wollte nur einen Witz machen. Ok, der war blöd. Siehst du, ich sage doch, ich werde ein Krüppel. Meine Gedanken sind schon ganz versehrt. Ich kann kaum noch normal denken. Nur Ermittlungen um mich herum.“
„Armer Wolf, übertreibst du jetzt nicht ein bisschen?“
„Vielleicht, ich will ja nur, dass du mir nicht mehr böse bist.“
„War ich doch gar nicht. Ich möchte nur ernst genommen werden. Viele Menschen haben kein Verständnis für Vegetarier. Sie betrachten uns mit einem abschätzigen Lächeln.“
„Das würde ich nie tun. Ich habe großes Verständnis dafür. Jetzt weiß ich auch, warum du mir die Würstchen auf den Teller daneben gelegt hast. Vor einiger Zeit habe ich selbst schon darüber nachgedacht, aber ich esse einfach zu gerne Fleisch. Nicht jeden Tag. Aber ab und zu. Wenn ich das aufgäbe, würde mich das in meinen Möglichkeiten einschränken. Ich koche doch so gerne mediterran.“
„Hm, glaub mir, das ist alles nur eine Frage der Gewohnheit. Du würdest dich umstellen und dir würde sich ein neues Spektrum von Möglichkeiten auftun. Man muss sich nur damit beschäftigen. Ich will hier aber kein Apostel sein. Jeder muss so leben können wie er möchte. Dazu gehört auch das Verständnis für den anderen.“
Wolf Hetzer schmunzelte. „Das hast du ja mit den Würstchen bewiesen. Vielen Dank. Ich werde mir etwas Tolles für dich einfallen lassen. Sei gespannt, Moni! Wir werden uns einen schönen Abend machen. So, und jetzt muss ich ins Bett. Mir fallen schon die Augen zu.“
„Na, dann gute Nacht, Wolf. Schlaf schön. Und mach dir keine Sorgen um deine Liebsten. Ich kümmere mich schon um sie. Mir macht das Spaß.“
„Danke, Moni. Wenn ich dich nicht hätte. Gute Nacht.“
Erleichtert legte er auf. Da hatte er gerade noch die Kurve gekriegt. Moni war so ziemlich der letzte Mensch, mit dem er es sich verscherzen wollte. Und er hatte es wirklich nicht so gemeint. Manchmal schossen diese dummen Sprüche einfach so aus ihm heraus. Er musste besonnener werden. Müde spülte er die Zahnpasta aus dem Mund, löschte das Licht und kroch unter seine Decke. Puh, es war kalt geworden. Als sich die Bettwärme ausbreitete, schlief Hetzer ein.
Sabines Erwachen
Als Sabine das nächste Mal die Augen aufschlug, war alles dunkel um sie herum und still bis auf das rhythmische Tropfen. Man hatte doch wohl nicht gedacht, dass sie tot war und sie im Krankenhaus in den Keller geschoben? In Panik wollte sie aufspringen, doch die Lederfesseln hielten sie fest.
„Hilfe!“ schrie sie. „Hilfe! So helft mir doch. Ich lebe noch.“
Schritte auf der Treppe. Ein Glück, es kam jemand.
„Na, na, na, mein Bienchen“, flüsterte eine Stimme. „Du sollst doch nicht so schreien. Hier hört dich niemand. Summ lieber ein Liedchen für mich.“
„Wer sind Sie und wo bin ich und was machen Sie mit mir?“
„So viele Fragen. Weißt du denn nicht mehr, dass du operiert worden bist? Ich musste alles entfernen. Deine Gebärmutter, deine Eierstöcke. Und gleich sind auch noch deine Brüste dran.“
Sabine gruselte es. Diese Stimme, die Worte, das Hallen in diesem Raum. Sie hatte Angst. Erst langsam kam die Erinnerung zurück.
„Hatte ich einen Unfall?“
„So ungefähr, aber das ist schon viele Jahre her. Ich beseitige jetzt nur die Spätfolgen.“
Sabine war verwirrt. Sie verstand gar nichts. Plötzlich sah sie auch nichts mehr. Noch weniger als im Dunkeln, da waren wenigstens Schemen zu erahnen gewesen. Die große OP-Lampe war wieder angegangen. Es dauerte einen Moment, bis sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten.
Das Letzte, was sie sah, bevor sie einschlief, war eine Spritze mit weißlichem Inhalt in der Hand des Arztes. Sie wollte noch „Halt“ rufen, denn sie konnte sich an keinen Unfall erinnern. Da musste eine Verwechslung vorliegen. Aber es kam nur noch das „Ha“ über ihre Lippen und der Arzt schmunzelte unter dem Mundschutz, weil es so wirkte, als lache sie über sich selbst. Und das gefiel ihm.
Da Sabine große Brüste hatte, musste er neben dem Drüsengewebe auch reichlich Haut entfernen. Darüber hätte sie glücklich sein können, denn die Schwerkraft hatte die Brust hängen lassen. Jetzt würde sie platt sein wie eine Wand. Mit ihren 58 Jahren war sie ansonsten noch ganz gut in Schuss. Im Zuge der Brustplastik setzte er auch die Brustwarzen wieder ein. In ihnen würde sie aber kein Gefühl mehr haben. So viel Zeit blieb ihr nicht. Zu guter Letzt durchtrennte er noch ihre Stimmbänder. Das war besser. Verhinderte ungewollte Schreie. Sie hatte sowieso nichts mehr zu sagen, jetzt, wo sie in seiner Hand war.
Als Sabine eine halbe Stunde nach der zweiten Operation mit Schmerzen wieder zu sich kam, war es dämmerig im Raum. Irgendwo hing eine schwache Glühbirne. Das machte nichts besser. Ohne Brille sah sie nicht viel im Halbdunkel. Diesmal war dafür die Erinnerung schnell zurückgekehrt. Sie war operiert worden, am Unterleib. Da tat es weh. Aber auch am Brustkorb. Sie bekam kaum Luft, weil sie so eng eingeschnürt war. Und weil es im Hals irgendwie eng und schmerzhaft war.
Sie tastete um sich herum und fühlte ein Metallgitter. Jetzt sah sie auch, dass sie in einem Käfig lag. Ach, wenn der Hals doch nicht so weh täte beim Atmen. Sie wusste nicht, was schlimmer war. Ihre Angst, weil sie gefangen war oder die, dass sie plötzlich keine Luft mehr bekam. Vorsichtig befühlte sie ihren Oberkörper. Ihre Brüste. Wo waren ihre Brüste? Da war nichts mehr, nur zwei Flaschen hingen an ihr. Sie würgte, denn die waren mit Blut gefüllt. Mit ihrem eigenen Blut. Sie kannte solche Flaschen. Man bekam sie nach schweren Operationen, damit sich kein Blut in der Wunde sammelte. Eine Drainage. Es lief dann in die Flaschen. Hatte sie schon gerufen? Sie wusste es nicht mehr. Sie konnte es ja noch mal probieren. Doch so sehr sie sich auch anstrengte, es kam nichts, und das Atmen wurde schlechter. Als ob etwas ihre Kehle zuschnürte. Sie legte sich auf das Fell, das den Käfigboden bedeckte und weinte. Aber auch das Weinen führte nur dazu, dass sich die Panik beim Luftholen noch steigerte.
Endlich hörte sie Schritte.
Mit aller Kraft, die ihr zur Verfügung stand, schlug sie mit den Händen gegen das Käfiggitter und musste bald wieder aufgeben, denn die Schmerzen in ihrer Brust waren unglaublich groß.
Sie war wund. Fühlte sich, als ob sie von oben bis unten nur aus rohem Fleisch bestand. Und die Schritte näherten sich.
„Na, Bienchen, bist du flügellahm? Das macht nichts. Steigst sowieso bald auf ins Himmelreich. Da bekommst du neue Flügel.“
Sabine wollte schreien. Vor Angst, vor Panik, vor Entsetzen. Und sie wollte endlich richtig Luft holen. Atemnot. Schmerz. Todesangst. In ihren Augen begannen die Äderchen zu platzen.
„Nun mal sachte, Bienchen. Du nimmst mir noch die Arbeit weg, wenn du so weitermachst. Ersticken ist kein schöner Tod.“
Sabine japste nach Luft. Verdrehte die Augen und wurde bewusstlos.
Vorsichtig öffnete er die Käfigtür. Der Zugang zu Sabines Vene lag noch. Ihr Atem ging flach. Er spritzte ihr Kortison und ein Beruhigungsmittel. Dann schloss er die Käfigtür wieder ab und ging nach oben. Er musste sich umziehen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.