Kitabı oku: «Glutroter Mond»
Narcia Kensing
Glutroter Mond
Undying Blood 1
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel eins
Kapitel zwei
Kapitel drei
Kapitel vier
Kapitel fünf
Kapitel sechs
Kapitel sieben
Kapitel acht
Kapitel neun
Kapitel zehn
Kapitel elf
Kapitel zwölf
Kapitel dreizehn
Kapitel vierzehn
Kapitel fünfzehn
Kapitel sechzehn
Kapitel siebzehn
Weitere Werke der Autorin
Impressum neobooks
Kapitel eins
Holly
So viel Ärger wegen einer Blechkonserve!
Ein kleiner kühler Gegenstand, verbeult und unbeschriftet, kaum größer als zwei meiner Fäuste. Nichts, von dem ich je gedacht hätte, dass es mich in Schwierigkeiten bringen könnte. Und dennoch laufe ich jetzt um mein Leben. Mit der rechten Hand umgreife ich meine Beute, meine Finger sind verschwitzt und ich befürchte, die Büchse könnte mir entgleiten. Dann wäre alles umsonst gewesen. Wenn ich geahnt hätte, von welch hohem Wert dieses Ding für meine Mitmenschen zu sein scheint, hätte ich es vermutlich an Ort und Stelle unter dem Schutt belassen, wo ich es gefunden habe.
Ich bin eine schnelle Läuferin. Jeden Morgen drehe ich noch vor dem Frühstück meine Runden durch die Häuserschluchten, weshalb ich mir gute Chancen ausrechne, meinen unliebsamen Verfolger abzuhängen. Ein kurzer Blick über meine Schulter verrät mir, dass er das nicht so sieht. Er ist noch immer da. Ich schätze die Distanz auf weniger als fünfzig Yards. Obwohl ich sein Gesicht nur flüchtig sehen kann, erkenne ich die Entschlossenheit darin. Sein dunkelblauer einteiliger Anzug, den das System den männlichen Einwohnern zur Verfügung stellt, ist ab dem Knie abwärts völlig zerrissen.
Ich richte meine Konzentration wieder auf die Straße vor mir. Ich kenne jeden Winkel, jede Kreuzung, jedes Gebäude in diesem Teil der Stadt. Leider weiß ich auch, dass von einem Grenzufer zum anderen weniger als eine Meile liegt. Ich muss die Richtung ändern, am besten nach links, denn auch rechts würde mich nach wenigen hundert Yards nichts als Wasser erwarten. Die Stadt steht auf einer Landzunge, dahinter ist nichts als Wasser. Wasser, ja, und die Brücken natürlich, die hinüber in die Welt der Obersten führen, aber dort bin ich nie gewesen.
Ich wähle bewusst nicht den Weg über die breite Hauptstraße, obwohl sie glatt und frei von Schutt ist. Heute laufe ich nicht, um zu trainieren. Ich laufe, weil ich die Konservendose unbedingt behalten möchte.
Vor mir erstreckt sich ein weites Trümmerfeld. Ich muss einen Hang hinaufsteigen, lose Gesteinsbrocken rollen hinab auf den Gehsteig, ich finde kaum Halt. Ich kann mich nur mit einer Hand an den aus der Ruine herausragenden Stahlträgern festhalten, weil ich mit der anderen die Büchse umgreife. Es ist gefährlich. Wenn ich stürze, rutsche ich meinem Verfolger direkt in die Arme.
Zwischen dem Schutt und dem Stahl liegen Glassplitter, die den Aufstieg noch riskanter machen. Ich drehe mich nicht um. Durch mein eigenes Keuchen hindurch vernehme ich das Ächzen des Mannes, der ebenfalls versucht, den Berg zu erklimmen. Aber er ist älter als ich, bestimmt schon über vierzig. Außerdem kenne ich mich aus, ich klettere häufig zwischen den Schuttbergen herum, von denen es in der Stadt Hunderte gibt.
Ich erklimme den Gipfel, mit zwei langen Sätzen erreiche ich einen Container. Ein dumpfes metallisches Geräusch erklingt, als ich mit einem Satz auf dessen Dach lande. Nur einen Augenblick später hetze ich durch eine schmale Gasse. Die Gebäude rechts und links davon sind nicht ganz so zerfallen wie jene direkt an der Hauptstraße. Noch einmal drehe ich mich kurz um, aber ich kann meinen Verfolger nicht mehr sehen. Ich glaube weder, dass er genauso schnell wie ich über die Ruine geklettert ist, noch, dass er weiß, welchen Weg ich eingeschlagen habe. Dennoch renne ich weiter. Ich renne, bis ich das Gebiet erreiche, in dem die verbliebenen Häuser niedriger sind als jene unmittelbar an der Spitze der Landzunge. Hier wohnen die meisten Menschen, denn die Obersten haben die kleineren Gebäude teilweise wieder aufbauen lassen. Natürlich stehen auch in diesem Viertel die meisten Häuser leer. Die Straßen sind verlassen, meine Schritte hallen von den Wänden wider. Man begegnet nicht häufig anderen Einwohnern. Wenn man es darauf anlegt und die richtigen Plätze kennt, kann man einen ganzen Tag lang durch die Stadt laufen, ohne auf andere Menschen zu treffen. Eigentlich hatte ich das auch heute beabsichtigt, als ich downtown in den Überbleibseln der Ruinen nach interessanten Relikten aus der alten Welt gesucht habe. Ich hatte nicht damit gerechnet, von jemandem dabei beobachtet zu werden.
Ich verlangsame mein Tempo, denn allmählich brennen meine Muskeln, mein Herz hämmert in einen unerbittlichen Rhythmus gegen meine Rippen. Noch ein Blick zurück. Niemand ist mir gefolgt. Ich wage es, stehen zu bleiben. Ich stelle die Konservendose vor mir auf den Boden, beuge mich nach vorn und stütze mich mit den Händen auf den Knien ab. Ich zwinge mich, langsamer zu atmen. Freude und Erleichterung durchfluten mich. Es kommt selten vor, dass ich etwas aus der alten Welt zwischen den Trümmerteilen finde. Zum ersten Mal ist mir eine verschlossene und unversehrte Konservendose in die Hände gefallen. Aus Büchern weiß ich, dass darin früher Lebensmittel aufbewahrt wurden. Das war allerdings noch vor der völligen Zerstörung meiner Stadt durch Erdbeben und deren Entvölkerung durch Krankheitserreger. Ich kenne meine Umgebung nur so, wie sie heute ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einmal anders gewesen sein könnte. Es leben keine Zeitzeugen der Wende mehr. Ich weiß nicht genau, wie lange es her ist, seit die Obersten wieder Ordnung in die Stadt gebracht haben. Sie schweigen darüber.
Ich nehme die Konserve wieder auf und setze meinen Weg fort. Bevor es Abend wird, möchte ich zurück bei meiner Kommune sein. Sie gewährt mir Schutz. Zwar ist die Wahrscheinlichkeit, nachts auf andere Menschen zu treffen eher gering, aber leider gehört auch Kriminalität zu meinem Alltag.
Es gibt eine Polizei. Die Obersten schicken einige Auserwählte regelmäßig auf Streife in unsere Straßen, aber es sind viel zu wenige. Die Menschen sind schlecht und böse, sie stehlen und neiden sich ihre wenigen Habseligkeiten. Ich nehme es als unabdingbare Tatsache hin.
Ich durchquere ein Viertel, in dem die Fassaden der Häuser bunter sind als im Rest der Stadt. Sie sind leuchtend rot oder gelb. Die Farben sind verblasst, aber immer noch wunderschön. An manchen Wänden prangen Schilder, einige sind voll davon. Sie ragen zwischen den Fenstern mit den zersplitterten Scheiben in die engen Gassen hinein. Mein bester Freund Neal hat mir einmal erzählt, es seien einst beleuchtete Werbeschilder gewesen. Ich kann mir nicht vorstellen, wofür jemand werben sollte und welcher Sinn dahinter steht. In meinen Büchern habe ich nichts dazu finden können.
Lesen habe ich schon im Kindesalter gelernt, weil mein Mentor Carl es mir beigebracht hat, aber dennoch erschließen sich mir die wundersamen Zeichen auf den Schildern nicht. Sie sehen fremd aus, exotisch, eher wie Bilder als wie Schriftzeichen. Ich frage mich manchmal, ob die Menschen der alten Welt anders geschrieben oder gesprochen haben als wir heute. Das einzige Wort, das ich in gelben Buchstaben auf einer roten Wand lesen kann, ergibt für mich auch keinen Sinn. Chinatown. Ob meine Stadt einst so geheißen hat? Aber wer oder was ist China? Neal meint, früher hätte es für die Stadt einen Namen gegeben. Ich sehe keinen Sinn darin. Es gibt nur diese eine Stadt, weshalb ihr eine Bezeichnung geben? Menschen tragen Namen, ja, weil man sie rufen muss. Aber doch keine Orte! Andererseits ... Ich habe auch schon Schilder aus der alten Welt gesehen, die den Straßen einen Namen gegeben haben. Skurril!
Ich gehe gern durch dieses Viertel, auch wenn es nicht der direkte Weg zurück zu meiner Kommune ist. Ich wohne weiter westlich, ungefähr in der Mitte der Stadt, wo die Häuserfassaden nicht so bunt sind, dafür aber mit Stuck verziert. Über den Fenstern gibt es Rundbögen, kein Haus hat mehr als drei oder vier Stockwerke. Ich mag das. Im Süden ist die Zerstörung viel größer. Viele der sehr hohen Häuser sind dem Erdbeben zum Opfer gefallen, einige Straßen kann man überhaupt nicht mehr benutzen, weil sie mit Schutt bedeckt sind. Manche Gebäude haben die Katastrophe überlebt. Sie sind so hoch, dass sie den Himmel berühren. Ich kann das Dach von unten sicht sehen, selbst, wenn ich den Kopf in den Nacken lege. Diese Häuser machen mir Angst. Ich weiß nicht, wozu die Menschen sie einst gebaut haben, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Stadt einmal so viele Einwohner gezählt haben soll. Solche Menschenmassen kann es überhaupt nicht geben. Die Riesenbauten schauen mich jedes Mal aus hässlichen leeren Fensterlöchern an, wenn ich durch die Häuserschluchten jogge. Ich meide den Süden der Stadt, aber leider führt mein Weg zu meinem Lieblingsplatz beim Wasser genau durch die Giganten hindurch. Neal lacht mich oft deswegen aus. Er hat keine Angst vor Häusern. Ich glaube, er hat vor überhaupt nichts Angst.
Ich biege in die Straße ein, in der mein Wohnhaus liegt. Auf meinem Weg bin ich niemandem begegnet, auch nicht dem Mann, der mich wegen der Konservendose verfolgt hat. Es gibt viel zu viele Straßen. Es ist unmöglich, jemanden wiederzufinden, mit dem man weder Zeit noch Treffpunkt vereinbart hat, und wer sich einmal verliert, wird sich so schnell nicht wiederfinden. Oft habe ich mich schon über diesen Umstand geärgert, heute bin ich darüber sehr erleichtert.
Das Haus, in dem ich wohne, ist nicht eines von denen, das zwischen anderen Häusern eingequetscht ist. Eine Seite ist sogar frei, weil eine über zwanzig Yards breite Lücke zwischen unserem und dem Nachbarhaus klafft. Diese Lücke ist nicht durch die Katastrophe entstanden, unsere Vorfahren müssen sie bewusst angelegt haben. Der Platz zwischen den Häusern ist gepflastert, weiße Linien unterteilen ihn in einzelne, etwa drei Yards lange und zwei Yards breite Rechtecke, deren Sinn sich mir nicht erschließt.
Mein Wohnhaus ist komplett grau. Die große leere Fläche an der Seite weist keine Fenster auf, dafür einen riesigen verblassten Schriftzug. Hollister steht dort, darüber das Bild eines stilisierten Vogels. Neal sagt, auch das sei einst Werbung gewesen. Wir wissen nicht wofür.
Ich presse meinen Daumen gegen die kleine Scheibe des Scanners neben der großen dunklen Eingangstür aus Holz. Sie riecht seltsam muffig. Das hat sie schon getan, seit ich denken kann. Nach ein paar Sekunden ertönt das vertraute Summen, und ich kann die Tür nach innen aufdrücken.
Im Flur dahinter ist es immer kühl, auch im Sommer. Eine dicke Staubschicht bedeckt die grau geflieste Treppe. Das Geländer ist im letzten Jahr weggebrochen. Carl hat immer versprochen, es zu reparieren, aber er ist nicht mehr der Jüngste. Ich habe ihn nicht mehr daran erinnert. Natürlich könnte Neal sich darum kümmern, aber er ist ein Heißsporn und wird schnell wütend. Ich möchte mich mit ihm nicht wegen eines Treppengeländers streiten.
Ich gehe hinauf in den ersten Stock. Schon von weitem höre ich die Stimmen meiner Mitbewohner. Suzies glockenreines Lachen, Neals tiefes Brummen und die gedämpfte Stimme von Carl. Als ich die Tür zu unserem Gemeinschaftsraum öffne, verstummen ihre Gespräche. Sie sitzen alle am Tisch. Carl sitzt vor Kopf, rechts neben ihm Neal und auf der anderen Seite Suzie und Candice. Es kommt selten vor, dass wir alle zusammen sind.
»Holly, wo bist du gewesen?« Neal schiebt seinen Stuhl geräuschvoll zurück und kommt auf mich zu. Er legt seine Arme um mich und drückt mich an sich. Mir ist das ein wenig unangenehm vor den anderen. Er ist fast einen ganzen Kopf größer als ich. Sanft schiebe ich ihn von mir weg. Ich ziehe mir einen Stuhl heran und setze mich zwischen Suzie und Candice an den Tisch. Die Konserve stelle ich vor mir ab. Auch Neal lässt sich auf seinen Platz zurückfallen, seine Augen sehen mich fragend an.
»Ich war im Südviertel«, sage ich.
Sofort greift Suzie nach der Konserve und nimmt sie in die Hand. »Was ist das?«
»Ich dachte, du bist nicht gerne dort«, sagt Carl und übergeht Suzies Frage. Seine Stirn legt sich in Falten. Sein ganzes Gesicht ist faltig, aber ich finde dennoch, dass er gut aussieht.
»Meine Füße haben mich dorthin getragen. Unter dem Schutt habe ich die Konservendose gefunden.«
»Woher weißt du, wie man es nennt?« Suzie stellt die Dose auf den Tisch und lehnt sich im Stuhl zurück, als wolle sie möglichst großen Abstand zwischen sich und die Büchse bringen.
»Aus Büchern.«
Ich wollte nicht herausfordernd klingen, aber dennoch stößt Neal die Luft zischend durch seine Zähne aus und schüttelt leicht den Kopf. »Fräulein Klugscheißer.«
Er sagt es nicht unfreundlich, eher belustigt, aber dennoch merke ich, wie mir Blut in die Wangen schießt.
Ich finde nicht, dass ich ein Klugscheißer bin. Ich kann lesen, was auf den Großteil der Bevölkerung nicht zutrifft. Aber innerhalb meiner Kommune können es alle. Carl hat es uns beigebracht. Ich weiß nicht, weshalb sie mich immer damit aufziehen, dass ich viel weiß. Ich lese nun einmal gerne.
Carl zieht die Büchse zu sich heran. Er hält sie sich nah vor die Augen. Seine Sehkraft hat nachgelassen in den letzten Jahren. Wir haben ihm oft gesagt, er solle in der medizinischen Station nach einer neuen Brille fragen, aber Carl ist zu stolz. Er mag die Obersten nicht besonders, was ich nicht verstehen kann. Sie sichern unser Überleben.
»Haltbar bis April 2088. Das ist 95 Jahre her.« Mit einem Schnauben stellt Carl die Dose zurück auf die Tischplatte.
»Sie sieht aber noch unversehrt aus, bis auf die Beulen.« Jetzt nimmt Neal meine Beute in Augenschein. Er wiegt sie erst in der rechten, dann in der linken Hand. »Sollen wir sie mal öffnen?« Seine blauen Augen funkeln spitzbübisch. Ich wusste, dass Neal das größte Interesse an meinem Fund hegen würde. Er ist ein Entdecker und geht selbst gerne auf Erkundungstour durch die Stadt.
»Womit willst du sie aufbekommen?« Jetzt meldet sich die stille Candice zu Wort. Ihre Stimme ist immer leise. Ich mag sie.
»Ich habe hinreichend Werkzeug. Ich helfe beim Wiederaufbau, schon vergessen?« Neals Tonfall ist keineswegs unfreundlich, trotzdem wendet Candice den Blick ab und starrt auf ihre Füße.
Suzie klatscht in die Hände. »Wie aufregend! Los, Neal, hol etwas, womit wir die Dose aufmachen können.« Sie wirft ihre langen blonden Haare in den Nacken, ihre Wangen sind vor Eifer gerötet.
»Ich halte das für keine gute Idee«, sagt Carl. »Außerdem gehört sie Holly. Sie sollte entscheiden, was damit passiert.«
Mein Blick irrt zwischen Carl und Neal hin und her. Carl wirkt ruhig und gelassen, fast schon desinteressiert. Neal hängt an meinen Lippen, als wartete er nur auf mein Einverständnis.
»Jemand hat mich downtown durch die Stadt verfolgt. Ich nehme an, weil ich die Konserve gefunden habe. Es muss irgendetwas darin sein, wofür es sich lohnt, jemanden zu verfolgen.«
Carl lacht, verschluckt sich und hustet dann. »Menschen sind seltsam, wenn es um Besitztümer geht. Wer auch immer dir wegen der Büchse auf den Fersen war, muss entweder dumm oder sehr verzweifelt gewesen sein.«
»Oder sehr hungrig«, sagt Neal. »Immerhin wissen wir, dass man in der alten Welt Lebensmittel darin aufbewahrt hat.«
»Tatsächlich?« Suzies Augen leuchten, als hätte sie nie zuvor davon gehört. Sie liest keine Bücher wie ich.
»Ich bezweifle, dass der Inhalt nach fast einhundert Jahren noch genießbar ist«, sagt Carl. »Allerdings muss ich zugeben, auch ein wenig neugierig zu sein.«
Wieder ruhen alle Augen auf mir. »Macht sie auf, ich habe sie nicht hergebracht, um mir das Blech von außen anzusehen.«
Neal schien nur auf das Stichwort gewartet zu haben. Er springt auf und hastet aus dem Gemeinschaftsraum. Ich höre seine Schritte auf dem Flur. Wir anderen verharren in Schweigen, bis er mit einem Hammer und einem Schraubendreher zurückkommt. Neal besitzt eigenes Werkzeug. Die Obersten haben es ihm zur Verfügung gestellt, weil er beim Wiederaufbau der Stadt hilft. Er ist sehr geschickt, wofür ich ihn bewundere.
Gebannt starre ich auf die Büchse, während Neal sie mit dem Werkzeug auf dem Küchentisch bearbeitet. Ich frage mich, womit die Leute früher ihre Konservendosen geöffnet haben. Sicherlich nicht mit einem Hammer, denn es erscheint mir umständlich.
Neal schlägt nur ein einziges Mal zu, als ein Zischen ertönt und ein Riss entlang der Naht auf der Oberseite der Konserve entsteht.
»Das Blech ist schon total brüchig«, sagt er. Mit dem Meißel hebelt er den Deckel auf, was ihm keine große Mühe bereitet.
Ein säuerlicher Geruch steigt mir in die Nase und ich kann dem Drang nicht widerstehen, mich abzuwenden und mir die Hand vor das Gesicht zu halten. Den anderen ergeht es nicht anders.
»Das ist widerlich!«, stößt Suzie hervor.
Neal legt sein Werkzeug beiseite und beäugt kritisch den Inhalt der Konserve, sein Gesichtsausdruck spricht Bände. Die Farbe seiner Wagen wechselt von rosig zu gräulich blass.
»Holly, das ist echt eklig. Schaff das Ding bloß fort von hier. Du hast es angeschleppt, also entsorge es auch. Essen kann man das ganz sicher nicht mehr. Ich wünsche dir jedenfalls guten Appetit, wenn du es dennoch versuchen möchtest.«
Carls Gesicht ist das einzige, auf dem ich ein verschmitztes Lächeln erkennen kann. »Eigentlich sollte kein Sauerstoff an den Inhalt einer Konserve gelangen, aber durch die zahlreichen Dellen ist sie vielleicht nicht mehr dicht gewesen. Holly, nimm sie und bring sie raus, das Teil stinkt uns die ganze Wohnung voll.«
Ich schiebe meinen Stuhl zurück und stehe auf. Ich muss einen Würgereiz unterdrücken, als ich die geöffnete Dose mit beiden Händen greife und anhebe, wobei mir ein erneuter Schwall ihres säuerlichen Geruchs in die Nase steigt.
Darauf bedacht, nichts zu verschütten, trage ich sie zurück zur Wohnungstür. Hoffentlich falle ich nicht die Treppe herunter. Insgeheim wünsche ich mir, ich hätte die Dose meinem Verfolger überlassen. Dann hätte der sich mit dem Zeug herumschlagen müssen. Jetzt riecht unsere Wohnung nach ihrem bräunlichen Inhalt, in dem Stücke herumschwimmen. Die Konsistenz ist breiig. Es sieht ganz und gar nicht nach etwas Essbarem aus. Ob es je appetitlicher gerochen hat? Ich kann mir kaum vorstellen, was die Pampe einmal gewesen sein sollte. Sie sieht nicht im geringsten aus wie die Nahrungsmittel, die ich kenne.
Vorsichtig öffne ich mit einer Hand die Haustür, mit der anderen balanciere ich die Büchse, ohne sie dabei aus den Augen zu lassen. Zumindest habe ich es schon bis auf den Bürgersteig geschafft. Sollte ich jetzt fallen, ist zumindest nicht die Wohnung kontaminiert.
Ich bringe die Büchse auf die andere Straßenseite. Das Gebäude dort steht leer, wie fast alle. Mit Schwung werfe ich die Dose durch das zersplitterte Fenster im Erdgeschoss. Ich höre, wie sie in einiger Entfernung scheppernd auf den Boden fällt. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie der Brei sich nun auf dem nackten Betonboden ausbreitet.
Ich wende mich ab und laufe zurück zur Haustür. Sie ist hinter mir wieder ins Schloss gefallen, weshalb ich erneut meinen Daumen auf den Scanner drücken muss.
Als ich wieder oben bin, sind meine Mitbewohner bereits in ein neues Gespräch vertieft. Ich sehe auf die Uhr an der Wand über dem Tisch. Halb sechs. Um sieben müssen wir beim Abendessen sein. Die Obersten haben kein Erbarmen mit denjenigen, die zu spät in den Park kommen, um ihre Ration einzunehmen. Ich bin meist zu früh dort.
Neal unterhält sich mit Carl, aber gelegentlich hebt er den Blick und sieht mir in die Augen. Dann lächelt er. Ich bin sehr froh, dass er mein bester Freund ist.
***
Noch fast eine Stunde, ehe wir uns auf den Weg machen werden, um unsere Nahrungsrationen einzunehmen. Ich sitze auf meinem Bett, auf meinem Schoß ein aufgeschlagenes Buch. Ich habe es bereits mehrfach gelesen, wie alle meine Bücher. Ich wünschte, es würde mehr Bücher geben. Carl meinte, ich besäße bereits alle. Ich finde es schade, dass niemand ein neues erfindet. Seit ich lesen kann, vergrabe ich mich in den Seiten. Ich kenne fast jeden Satz auswendig, die Seiten sind ganz abgegriffen.
Ich besitze neun Bücher. Mehr gibt es nicht. Ich bin stolz darauf, weil viele Einwohner der Stadt gar nicht lesen können. Ich weiß alles, was es zu wissen gibt. Ich habe die meisten Bücher von den Obersten erhalten. Das erste hat Carl mir geschenkt, die anderen musste ich mir selbst beschaffen. Vor zwei Jahren habe ich meine Angst überwunden und einen der Staatsmänner angesprochen. Ich habe darum gebeten, mehr lernen zu dürfen und mich vor seiner Reaktion gefürchtet. Doch der uniformierte Gesetzeshüter hat mich nur teilnahmslos angesehen, mich nach meiner Individuennummer gefragt und nichts mehr gesagt. Am nächsten Tag hat er mir beim Abendessen gleich einen ganzen Arm voll neuer Bücher gegeben. Ich war unendlich stolz. Ich träume davon, eines Tages in die Riege der Obersten berufen zu werden. Ich erhoffe mir einen Vorteil gegenüber den anderen Jugendlichen, weil ich so viel weiß. Mit sechzehn Jahren ist es möglich, in die Welt der Obersten jenseits der großen Brücken gerufen zu werden. Ich bin gerade sechszehn geworden und hoffe beinahe jeden Tag, dass endlich die jährlichen Untersuchungen anstehen, nach denen immer eine Handvoll junger Leute rekrutiert werden.
Ich schlage das Buch zu und stelle es zurück auf das Regal zu den anderen. Ich besitze nicht viele Möbel, mein Bücherregal ist mein ganzer Stolz. Auch deshalb, weil Neal es für mich gebaut hat. Er ist sehr geschickt. Vielleicht bitte ich ihn eines Tages doch darum, das Treppengeländer zu reparieren.
Ich sehe an mir hinab. Mein gelber einteiliger Anzug ist an den Schienbeinen schmutzig, weil ich heute Nachmittag zwischen dem Schutt an der Lower East Side herumgekrochen bin. Sollte ich mir einen frischen anziehen, bevor wir zum Essen aufbrechen? Ich öffne meinen Kleiderschrank, der neben meinem Bett und dem Regal das einzige weitere Möbelstück ist. Darin hängen noch drei gelbe Anzüge auf einem Bügel, daneben liegt in einem Fach weiße Unterwäsche. Drei Anzüge. Heute ist Dienstag. Erst am Samstag kann ich meine schmutzige Wäsche zur Brücke bringen, weil dort jemand stehen wird, der sie einsammelt und frische für die kommende Woche verteilt. Meine Anzüge sind im Nacken mit meiner Individuennummer gekennzeichnet, weil die Menschen alle unterschiedlich groß und dick sind. Einmal im Jahr werden wird vermessen, dann bekommen wir neue Anzüge.
Meine Individuennummer lautet 4-19. Wir wohnen im neunzehnten Bezirk, die Nummer vier habe ich erhalten, weil sie durch einen Todesfall in der Kommune im Häuserblock westlich von uns wieder frei geworden ist, kurz nachdem ich geboren wurde. Die Obersten nummerieren uns alle durch, aber manchmal werden Ziffern auch neu besetzt. Sie mögen es nicht, wenn die Zahlen zu groß werden. Sie wollen immer wissen, wie viele Einwohner in einem Bezirk leben, deshalb vermeiden sie Lücken in der Nummerierung.
Ich entschließe mich, einen frischen Anzug anzuziehen. Ich habe noch drei saubere. Das reicht für vier Tage. Normalerweise mache ich mich nicht oft schmutzig. Neal bekommt mehr Anzüge als ich, weil er durch seinen Job mehr verschleißt. In seinem Schrank hängen mindestens zehn blaue Einheitsanzüge. Sie sind viel größer als meine, weil er so breite Schultern hat.
Ich schlüpfe aus dem verschmutzten Anzug, er gleitet lautlos zu Boden. Der Stoff ist sehr reißfest und leicht, man schwitzt darin nicht. Für den Winter bekomme ich einen langen gelben Mantel desselben Farbtons, der mich warm hält, aber jetzt ist Sommer.
Ich lege den getragenen Anzug in die gelbe Plastikkiste, die mit meiner Individuennummer beschriftet ist. Am Samstag werde ich sie mit einem Deckel verschließen und zur Brücke bringen.
In meinem frischen Anzug fühle ich mich direkt wohler. Ich hätte duschen gehen sollen, aber dazu hätte ich vor dem Essen keine Zeit mehr gefunden. Das Badehaus befindet sich drei Blocks nördlich von hier, es schließt um halb sieben am Abend. Ich frage mich, ob mein Gesicht ebenfalls schmutzig ist. Ich besitze keinen Spiegel. Im Badehaus gibt es einen, doch das Gedränge davor ist mir immer unangenehm. Meist begnüge ich mich mit einem Blick in den Eimer, der hinten im Hof steht. Darin sammeln wir Regenwasser. Ich bin selbst auf die Idee gekommen, sich diesen Ersatzspiegel zuzulegen. Meist nutzt ihn jedoch Suzie, weil sie sehr eitel ist.
Ich binde mir meine störrischen braunen Locken zurück, weil ich es nicht mag, wenn meine Haare offen auf meine Schultern herabhängen. Sie kitzeln so schrecklich im Gesicht.
Ich sehe wieder auf die Uhr. Zwanzig nach sechs. Wir müssen los. In diesem Moment klopft es an meiner Tür.
»Holly, wir gehen zum Essen!«, ruft Carl von draußen.
»Ja, ich komme!«
Ich öffne die Tür und trete auf den Flur neben Carl. Auch er trägt einen frischen blauen Einheitsanzug, der angenehm duftet.
Ich folge ihm die Treppe hinunter. Unten warten bereits die anderen. Gemeinsam treten wir auf die Straße hinaus und machen uns auf den Weg nach Norden, die breite Hauptstraße entlang, die unsere Stadt von Norden nach Süden durchzieht und sie in die West Side und die East Side trennt. Es ist ein Fußweg von über einer halben Stunde. Neal legt einen Arm um meine Schultern. Ich fühle mich geschmeichelt, weil ich weiß, dass er mich beschützen will.
Zu den Mahlzeiten begegnet man den meisten Menschen. Das ist die Zeit, in der mir bewusst wird, wie viele Einwohner unsere Stadt hat. Die Menge drängt nach Norden: Frauen, Männer, Greise, Kinder. Ich kenne die meisten von ihnen, wenn auch nur vom Sehen. Gesprochen habe ich noch nicht mit vielen. Unsere nächsten Nachbarn wohnen einen ganzen Block weiter westlich. Ich habe Neal einmal gefragt, wie viele Menschen die Stadt insgesamt zählt. Er meinte, es seien mehr als zehntausend. Das ist eine beachtliche Zahl, die ich mir gar nicht vorstellen kann. Wenn es aber stimmt, dass die Menschen der alten Welt sogar die Häuserriesen im Süden einst bewohnt hatten, müssen es mindestens tausend Mal so viele gewesen sein. Bei dem Gedanken läuft mir ein Schauder über den Rücken.
Wir laufen schweigend nebeneinander her. Um mich herum unterhalten sich andere Leute, manche lachen. Mir wird warm ums Herz, wenn jemand lacht, das höre ich so selten. Am liebsten mag ich es, wenn Kinder lachen. Ich komme nicht mit vielen in Kontakt. Sie tragen bis zu ihrem zwölften Lebensjahr grüne Anzüge, egal ob Junge oder Mädchen. Nicht alle Einwohner leben - so wie ich - in einer Kommune, manche leben in richtigen Familien. Ich habe keine Familie, nur Carl und die anderen. Wir haben nur einander, und manchmal macht mich das traurig. Wir sind alle Waisen oder aus einem anderen Grund allein. Carl sagt, er habe einmal eine Familie gehabt, aber sie seien alle entweder früh gestorben oder die Obersten hätten sie in ihre Reihen rekrutiert. Darüber darf man eigentlich nicht traurig sein, denn es ist das beste, das man erreichen kann. Ich bin nie in der Welt jenseits der Brücken gewesen, aber meine Bücher berichten von einem Paradies. Jeder möchte dorthin.
Wir erreichen den Eingang zum Park. Das ist der einzige Ort, an dem keine Häuser stehen. Dort gibt es sogar Seen und Pflanzen, wenn auch nur wenige. Nirgendwo sonst in der Stadt gibt es Pflanzen.
Wir gehen eine Allee entlang, die Menschen drängen sich nun enger zusammen. Wie eine Prozession schreiten wir voran, bis wir einen großen gepflasterten Platz erreichen. Groß ist eine Untertreibung, er ist riesig. Tische und Stühle stehen in Längsreihen nebeneinander, hunderte, tausende. Ich habe sie nie gezählt. Wenn es regnet, spannen die Obersten eine gewaltige weiße Plane über alle Tische, die an Metallpfosten befestigt wird. Heute ist jedoch ein schöner Tag.
Jeder hat einen festen Platz, der mit seiner Nummer gekennzeichnet ist. Andernfalls wäre das Chaos nicht zu beherrschen. Wir sitzen am Tisch des neunzehnten Bezirks, zum Glück müssen wir nicht allzu weit gehen. Der Bezirk mit der höchsten Nummer ist siebenundfünfzig. Seine Einwohner tun mir leid, sie müssen bis zur letzten Tischreihe laufen.
Die Mahlzeiten verlaufen immer gleich. Mir dröhnt das Gemurmel der Menschen in den Ohren, obwohl jeder leise spricht oder gleich ganz schweigt. Jeder fühlt sich zu diesen Anlässen seltsam befangen, was wohl an den bewaffneten Staatsmännern liegt, die in Abständen von einigen Yards um den Platz herum stehen. Carl hat mir einmal erklärt, dass die Nahrungsaufnahme gar nicht anders stattfinden könnte, weil die Leute sich gegenseitig an die Kehle springen würden, wenn die Obersten uns gestatteten, das Essen außerhalb dieses Ortes einzunehmen. Nach meiner Erfahrung mit der Nahrungskonserve heute Nachmittag glaube ich es ihm mehr denn je.
Aus einem riesigen Container, den die Obersten mit einem Hubschrauber von der anderen Seite der Brücke hergeflogen haben, bringen schwarz gekleidete Männer und Frauen das Essen an jeden Tisch. Das dauert jedes Mal furchtbar lange.
Wir essen fast jeden Abend dasselbe. Es gibt warmen Vitaminbrei, eine Scheibe Brot und ein Stück Obst, dazu Wasser. Das Essen enthält alles, was der menschliche Körper benötigt, um gesund zu bleiben. Es schmeckt mir vor allem dann immer besonders gut, wenn die Geschmacksrichtung einmal in der Woche wechselt. Leider ist heute nicht so ein Tag.
Meine Mitbewohner und ich müssen fast eine halbe Stunde warten, bis unsere Teller vor uns auf dem Tisch stehen. Lustlos löffle ich ihn leer, dabei irrt mein Blick immer wieder zu Neal, der mir gegenüber sitzt. Er isst mit ebenso wenig Appetit wie ich, doch er hält den Kopf gesenkt und sieht mich nicht an. Seine dunkelblonden welligen Haare hängen ihm wie ein Vorhang ins Gesicht.
Wir dürfen erst aufstehen, wenn alle ihre Teller geleert haben, was wiederum mehr als eine Stunde dauert. Bezirksweise verlassen wir die Tische, um Chaos zu vermeiden. Erst, als wir aus dem Park heraus sind, wird die Stimmung wieder ausgelassener. Jetzt höre ich die Menschen wieder lachen. Neal legt erneut seinen Arm um mich.
Kapitel zwei
Holly
Vorsichtig steige ich über die Anhäufung von Metallrohren und Ziegelsteinen hinweg, dazwischen ragen ganze Brocken von Füllmaterial aus den Wänden der umliegenden Gebäude, von denen die meisten völlig zerstört sind. Von dem ehemals hoch in den Himmel aufragenden Haus neben uns fehlt das obere Drittel. In diesem Viertel unserer Stadt ist die Zerstörung am größten. Ich möchte mir nicht meinen frischen Anzug verschmutzen oder gar zerreißen, weshalb ich eher missmutig neben Neal herlaufe. Er hat darauf bestanden, mir etwas zeigen zu dürfen. Was genau, hat er nicht gesagt. Es sei eine Überraschung. Ich frage mich, weshalb wir dazu ausgerechnet ans Ostufer gegangen sind. Hier gibt es nichts als zerstörte Straßen, deren Asphaltschicht aufgeplatzt und weggebrochen ist, ganze Teile davon sind im Wasser versunken, denn das Ufer grenzt hier direkt an die Straße. Senkrecht dazu ragen fast fünfzig Yards lange schmale Stege ins Wasser hinein. Carl hat mir einmal erzählt, dass Menschen in der Vergangenheit Wasserfahrzeuge besessen hatten, die dort vertäut wurden.
Die Straße ist sehr breit, fünf weiße Linien unterteilen sie in Längsrichtung in mehrere Spuren. Ich weiß, dass es einst Fahrzeuge gegeben hat, für die diese Wege angelegt wurden, aber sie erscheinen mir dennoch viel zu breit. Die Obersten verfügen über Autos, aber ich sehe nicht oft welche. Es können doch niemals so viele gewesen sein, dass sie alle fünf Spuren benötigt haben, oder doch? Für gewöhnlich verlassen die Obersten mit ihren wenigen Fahrzeugen ihre Welt jenseits der Brücken nur, um uns mit Nahrung zu versorgen, um die medizinischen Stationen zu besetzen oder um die bewaffnete Polizei auf Streife zu schicken. Sie haben große schwarze Autos mit getönten Scheiben. Ich bin nie in einem mitgefahren, wünsche es mir jedoch.
Ich rutsche auf einem Haufen Glasscherben aus. Ich rudere mit den Armen und falle zur Seite, aber Neal fängt meinen Sturz ab. Ich hebe den Blick, er lächelt mich an. Schnell löse ich mich von ihm. Während der kurzen Dauer unserer Berührung habe ich den Duft seiner Haut aufgesogen. Er riecht nach der Seife, die wir im Badehaus von den Obersten bekommen, aber auch nach Staub. Und noch ein anderer Duft haftet seiner Haut an, etwas, was ich mit Worten nicht beschreiben kann.
»Hoppla, pass auf, dass du nicht fällst«, sagt er und grinst. Ich nicke nur, denn es ist mir peinlich, den Halt verloren zu haben. Ich bin sehr sportlich, ich habe weder Angst vor großer Höhe noch vor wackeligem Boden. Ich bin schon oft in den ausgehöhlten Ruinen der alten Häuser herumgeklettert. Von vielen steht nur noch die Stahlkonstruktion. Nun denkt Neal, ich sei zu dämlich, einen hüfthohen Schrotthaufen zu erklimmen. Ich mag es nicht, wenn andere bemerken, dass ich Fehler mache, deshalb erwidere ich nichts und gehe weiter, als sei nichts passiert.
»Möchtest du mir nicht endlich sagen, wohin wir gehen?« Es erscheint mir eine gute Frage, um vom Thema abzulenken.
»Wir sind fast da. Dort hinten vor der Brücke zweigt eine Straße nach links ab. Dort befindet sich, was ich dir zeigen möchte.«
Ich ringe mir ein Lächeln ab. »Ich hoffe sehr für dich, dass es sich lohnt. Der Weg hierher war ganz schön weit.«
Neal stößt mir mit dem Ellenbogen sanft in die Seite und zwinkert. »Glaub mir, das hast du sicher noch nicht gesehen.«
Ich bezweifle seine Worte, sage aber nichts. Ich glaube, die ganze Stadt bereits zu kennen. Und selbst, wenn ich eine neue Straße oder auch einen ganzen Häuserblock entdecke, erwartet mich dennoch nie etwas Neues. Überall ist es dasselbe Bild: Ruinen und aufgeplatzte Straßen.
Wir biegen in die Straße ein, die Neal mir zuvor genannt hat. Sie führt in das Viertel mit den bunten Fassaden. Chinatown. Neal greift meine Hand, sie ist warm und trocken. Eine Gänsehaut breitet sich auf meinen Armen aus. Er ist mein bester Freund, und mein einziger. Ich bin froh, dass ich ihn habe. Seine Berührungen fühlen sich stets vertraut und ehrlich an.
Er zieht mich hinter sich her in eine Einfahrt hinein. Dahinter liegt ein Hof. Er ist genauso trostlos wie alles in der Stadt. Graue Mauern umsäumen ihn an drei Seiten, der Boden weist tiefe Risse und Löcher auf. Auch hier finde ich die auf den Asphalt gemalten weißen Rechtecke wieder, die ich schon von dem Platz neben meinem Wohnhaus kenne. Im hinteren Teil des Hofes ist eine mannshohe Öffnung, aber es befindet sich keine verschließbare Tür davor. Neal führt mich geradewegs darauf zu. Es sieht aus wie ein Hintereingang, doch das Gebäude wirkt nicht bewohnt. Die Häuser, in denen Kommunen oder Familien leben, sind alle mit einem Scanner gesichert, der die Fingerabdrücke der Bewohner mit einer Datenbank vergleicht. Keiner kann ein fremdes Haus betreten, das er nicht bewohnt, es sei denn, er wird dazu eingeladen.
Bevor wir durch die Tür ins Gebäudeinnere eintauchen, sehe ich an der Wand entlang nach oben. Es gibt nur drei Stockwerke und ein flaches Dach. In den Fensterrahmen ragen noch die Reste von Glasscheiben wie spitze Zähne daraus hervor. Ein Bild, das sich einem an jeder Ecke bietet. Ich frage mich, was Neal mir zeigen möchte.
Im Inneren des Hauses ist es kühl. Es gibt nur einen einzigen Raum, aber der ist riesig. Auf der gegenüberliegenden Seite ist eine Fensterfront, durch das staubblinde Glas fällt aschfahles Licht. Meine Augen benötigen einige Sekunden, um sich daran zu gewöhnen. Der Boden unter meinen Füßen ist gefliest, fast wie der im Badehaus. Der Raum ist nicht leer so wie die meisten in der Stadt. Vor uns stehen nebeneinander drei seltsame blockförmige, abgeteilte hüfthohe Parzellen. An diese Parzellen schließt sich ein Tisch an, der mit einem schwarzen gummiartigen Band bespannt ist. Ein Laufband? Ich kenne so etwas aus den Büchern über das Paradies der Obersten, die auf solchen Geräten Sportübungen machen. Aber weshalb sollte jemand auf Tischhöhe auf ein Laufband steigen? rechts von uns stehen zwei seltsame silberfarbene Fahrzeuge mit vier kleinen Rädern. Sie haben keinen Motor und keinen Sitz. Sie sehen aus wie ein Kasten aus Drahtgeflecht mit Rädern und einem Griff am hinteren Ende. Was hat das zu bedeuten? Wozu benötigt man so etwas?
Hinter den drei Parzellen erstrecken sich mehrere Reihen von Regalen, sie reichen bis an das andere Ende des Raumes, den ich auf zwanzig Yards in der Länge sowie in der Breite schätze. Doch die Regale sind alle leer.
»Wo sind wir hier?«, frage ich. Meine Stimme hallt von den Wänden wider. »Was soll das sein?«
Neal zuckt mit den Achseln. Er hält noch immer meine Hand. »Ich weiß es nicht. Ich dachte, du könntest es mir vielleicht sagen, Fräulein Oberschlau.« Er lacht, während er das sagt, aber mir schießt schon wieder Blut in den Kopf. Ich mag es nicht, wenn er mich so nennt.
»Ich habe nicht die geringste Ahnung, was das für ein Raum ist. In meinen Büchern steht nichts dazu. Glaubst du, er ist noch ein Relikt aus der alten Welt?«
»Davon gehe ich fest aus. Ich habe bislang immer gedacht, alle Häuser in der Stadt, die nicht bewohnt werden, seien komplett leer. Aber dieses hier ist es nicht. Ich habe es zufällig entdeckt.«
Ich löse meine Hand aus der von Neal und gehe ein paar Schritte weiter, an den Parzellen mit den Laufbändern vorbei und auf die Regale zu. Sie weisen vier Ebenen auf und sind alle höher als ich groß bin, aber auf keinem der Regalbretter liegt irgendetwas. Sie sind komplett leer. Hinter mir höre ich Neals Schritte.
»Glaubst du, hier hat mal jemand gewohnt?«, fragt er mich.
Unwillkürlich muss ich kichern. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass man sich in einem so großen Raum wohl fühlt. Und so viele Regale! So viel Kleidung oder Bücher kann kein Mensch besitzen.«
»Vielleicht hat mehr als eine Person hier gelebt.«
Ich zucke mit den Achseln. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich darüber nachdenke, dass sich die Menschen der alten Welt mit vielen anderen ein Zimmer geteilt haben könnten. Ich habe ein Einzelzimmer, wie alle anderen Menschen, die ich kenne.
Ich gehe ein paar Schritte weiter auf die Wand zu. Eine der Fensterscheiben ist noch unversehrt, was mich in Erstaunen versetzt. Sie ist so hoch wie die Decke und mindestens vier Yards breit. Darauf klebt ein Stück Papier, das dreißig Zoll breit und zwanzig Zoll lang ist. Es ist etwas darauf abgebildet, doch ich kann es nicht erkennen, weil die Farben verblasst sind. Ich gehe näher heran und erkenne jetzt zwei Menschen auf dem Bild, einen Mann und eine Frau. Sie lachen beide. Die Frau lehnt auf der Stange von einem der silbernen Kästen mit vier Rädern. In dem Kasten liegen Gegenstände, die mir allesamt unbekannt sind. Von der Hand des Mannes aus spannt sich eine Schnur bis zu einem ... Was ist denn das? Ich starre es an, kann es jedoch nicht benennen. Es ist dicht behaart und geht auf vier Füßen wie die Ratten, die sich manchmal in den Straßen herumtreiben. Aber dieses Vieh ist viel größer als eine Ratte! Ich schnappe nach Luft.
»Monster«, stoße ich atemlos hervor. Ich drehe mich um und suche den Blick von Neal, der ebenfalls ein wenig blass aussieht. »Hat es früher Monster gegeben?«
»Ich habe keine Ahnung.« Seine Stimme klingt dünner als sonst. Wenn es etwas gibt, das Neal verunsichert, macht mich das nervös. Ich kenne ihn nur als vorlauten Rabauken, der sich vor nichts fürchtet. »Vielleicht waren die Ratten von früher einfach größer als heute.«
»Und weshalb sollte man sie an eine Leine gelegt haben?« Noch einmal zwinge ich mich, das übergroße Bild anzusehen. Unter der Riesenratte steht ein verblasster Schriftzug. Minimarket - hier kaufe ich ein!
»Was ist denn ein Minimarket? Und was bedeutet kaufen?« Ich verstehe die Welt nicht mehr, mein Kopf schwirrt. Ich möchte diesen Ort verlassen.
Neal legt seine Hand auf meine Schulter und dreht mich behutsam herum. Ich bin froh, dass ich das Bild nicht mehr ansehen muss. Die Menschen darauf waren seltsam gekleidet, nicht in einteilige Anzüge. Sie waren mir nicht einmal wie echte Menschen vorgekommen. Wenn so die alte Welt ausgesehen hat, bin ich froh, dass sie nicht mehr existiert.
Wir gehen zurück an den Regalreihen entlang auf den Ausgang zu, doch Neal bleibt noch einmal stehen. Ich drehe mich zu ihm um. Er hockt auf dem Boden und zieht etwas unter einem Regal hervor, einen Gegenstand, so lang wie meine Hand. Er hat eine metallische Farbe, glänzt aber nicht. Ich erkenne einen Griff und eine Klinge. Ein Messer! Aber es sieht nicht aus wie die Messer, die ich vom Abendessen kenne. Dieses ist spitz. Ich schnappe erneut nach Luft.
Neal richtet sich auf und dreht den Gegenstand in der Hand. »Ein Messer.«
Nun, das hatte ich selbst auch schon erkannt. »Wie kommt es hierher? Wir dürfen so etwas nicht besitzen.«
Ich erkenne ein Funkeln in Neals blauen Augen, das mir nicht gefällt. Er sieht aus, als heckte er einen Streich aus. Ein seltsames Lächeln umspielt seinen Mund.
»Ich denke, es ist eine Waffe aus der alten Welt. Weshalb sonst sollte jemand ein Messer anspitzen, wenn er damit nicht verletzen will?«
Ein Schreck fährt mir in die Glieder. Waffen dürfen nur die obersten Staatsmänner tragen. »Das kann nicht sein. Glaubst du, die Regierung hat den Zivilisten früher erlaubt, so etwas zu besitzen? Nie und nimmer.«
Ich sehe mich über die Schulter hinweg um, weil ich Angst habe, jemand könnte uns gefolgt sein, auch wenn das Quatsch ist. Die Stadt ist riesig. Ich fühle mich wie eine Verbrecherin und möchte schnellstmöglich nach Hause.
»Vielleicht ist das der Grund, weshalb die alte Welt nicht mehr existiert.« Neals Stirn legt sich in Falten, als müsste er nachdenken.
»Jeder weiß, dass die Stadt so kaputt ist, weil die Erde gebebt hat und weil die Menschen krank geworden sind. Sie können nicht so dumm gewesen sein, ihren Einwohnern das Tragen von Waffen erlaubt zu haben. Das glaube ich nicht. Und jetzt leg bitte das Ding weg und lass uns gehen.«
In mir breitet sich Unruhe aus. Ich möchte nicht bei etwas Verbotenem erwischt zu werden. Ich werfe Neal einen flehenden Blick zu. Er seufzt und legt das Messer in eines der Regale. »Dann lass uns gehen.«
»Wir dürfen niemandem erzählen, dass wir einen Minimarket gefunden haben, abgemacht?«
»Abgemacht.« Neal legt wieder seinen Arm um meine Schulter und gemeinsam treten wir auf die Straße zurück.
Den gesamtem Rückweg über schweigen wir, jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach. Mir läuft ein kalter Schauder über den Rücken, wenn ich zu lange darüber nachdenke, wie die Menschen früher gelebt haben. Ich weiß nicht genau, wie lange die Katastrophe zurückliegt, die unsere Stadt verwüstet hat. Ich bin aber froh, dass niemand mehr lebt, der sich daran erinnert. Es scheint ein schrecklicher Ort gewesen zu sein, in denen sich viele Menschen einen Raum geteilt haben und man von haarigen Monstern umgeben war.
Als wir in den neunzehnten Bezirk einbiegen, begegnet uns auf der Straße eine Frau, die die Hand eines etwa vierjährigen kleinen Jungen hält. Ich habe sie schon einmal gesehen, sie wohnt mit ihrer Familie zwei Blocks südlich von uns. Ich kenne ihren Namen nicht. Ihre Haare sind rot, weshalb ich sie überall wiedererkennen würde. Sie ist der einzige Mensch mit roten Haaren, den ich je gesehen habe. Die Haare des Kindes sind eher braun. Ich bin dem Vater des Jungen nie begegnet, immer ist die Frau mit dem Jungen allein unterwegs. Als wir auf gleicher Höhe aneinander vorbeigehen, treffen sich für einen kurzen Moment unsere Blicke. In ihrem Gesicht lese ich Misstrauen. Rasch geht sie weiter und zieht den Jungen hinter sich her. Ein wenig tut sie mir leid. Sie ist noch jung, nur ein paar Jahre älter als ich. Vielleicht haben die Obersten den Vater des Kindes zu sich gerufen. Das ist eine große Ehre, aber die Frau ist sicherlich oft einsam. Ich versuche, nicht mehr an sie zu denken, aber es will mir nicht gelingen. Sie erinnert mich an meine eigene Vergangenheit. Ich kenne meine Eltern nicht. Sie wurden beide in die Reihen der Obersten rekrutiert, als ich noch ein Baby war. Carl hat mich aufgezogen. Manchmal wünsche ich mir, meine Eltern wären noch bei mir, doch dann habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich so egoistisch bin. Ihnen geht es heute besser als mir, ich sollte glücklich darüber sein. Ich sehne mich selbst danach, einst in die andere Welt jenseits der Brücken zu gehen, es ist mein größter Wunsch. Dann würde ich meine Eltern wiedersehen. Am besten wäre es, wenn Neal mitkommen könnte. Ich möchte ihn nicht allein zurücklassen, denn er hat auch keine Eltern mehr. Sie sind bei einem Raubüberfall auf offener Straße umgekommen. Da war Neal erst zehn Jahre alt. Obwohl niemand in der Stadt mehr besitzen sollte als ein anderer, kommt es dennoch manchmal vor. Neal hat mir erzählt, es gibt Treffpunkte für Schmuggler, die Dinge aus der Welt der Obersten in unsere Stadt schaffen und sie gegen andere Dinge tauschen. Ich bin nie mit solchen Leuten in Kontakt gekommen, und ich bin froh darüber. Neals Eltern hatten irgendetwas besessen, für das es sich gelohnt haben muss, sie zu töten. Flüchtig denke ich an die Konservendose. Hätte mein Verfolger mich deshalb auch getötet? Wegen einem wertlosen Ding, dessen Inhalt man nicht mehr essen konnte? Ein schauerlicher Gedanke.
Wir erreichen unser Wohnhaus. Neal drückt seinen Daumen auf den Scanner und die Tür lässt sich aufdrücken. Im Untergeschoss befindet sich sein Zimmer und das von Carl, oben sind der Gemeinschaftsraum und die drei Zimmer der Frauen. Wir gehen in stillem Einverständnis die Treppe hinauf und steuern auf den Gemeinschaftsraum zu. Carl sitzt allein auf seinem Platz, sein Kopf ist zur Seite gedreht. Er sieht aus dem Fenster. Als er uns bemerkt, fährt er herum.
»Wo seid ihr beiden schon wieder gewesen?« Sein Tonfall ist nicht anklagend, eher belustigt.
Neal und ich tauschen einen kurzen Blick. Wir haben geschworen, niemandem von dem Minimarket zu erzählen.
»Wir sind nur spazieren gegangen«, sagt Neal und klingt dabei sehr überzeugend. Ich entscheide mich, zur Bestätigung nur zu nicken, einmal und gewichtig. Carl lächelt breit, wobei sich die Falten noch tiefer in sein Gesicht graben. Er deutet auf die Tischplatte vor sich. Erst jetzt fällt mir auf, dass ein Blatt Papier darauf liegt.
»Es ist jemand vorbei gekommen und hat jeweils einen Brief für Holly und Suzie abgegeben. Du warst leider nicht daheim, also musste ich schwören, dass ich ihn dir gebe. Ich glaube, er hat sich nur darauf eingelassen, weil ich schon so lange in der Kommune lebe.«
Ich starre auf das strahlend weiße Blatt auf dem Tisch. Es ist zusammen gefaltet, sodass ich nicht sehen kann, was darauf steht.
»Es hat jemand einen Brief für mich abgegeben? Einer von den Obersten?«
»Ja, natürlich, wer sonst? Suzie und du, ihr könnt beide lesen. Die anderen Jugendlichen werden persönlich abgeholt.«
Aufregung macht sich in mir breit, mein Herz schlägt schneller. Flüchtig sehe ich zu Neal herüber, um seine Reaktion einzuschätzen, doch er sieht eher missmutig als erfreut aus. Seine Stirn liegt in Falten.
Mit zitternden Hände greife ich nach dem Blatt. Ich kann mir denken, was darauf steht, und es macht mich so nervös, dass ich glaube, jemand würde in meinem Magen tanzen. Suzie und ich sind beide dieses Jahr sechzehn geworden. Das kann nur eines bedeuten.
Ich entfalte das Blatt, meine Augen zucken zunächst darüber hinweg, ohne ein Wort zu erfassen. Dann zwinge ich mich, ihn endlich zu lesen, und zwar so, dass ich auch die Bedeutung verstehe.
Individuennummer 4-19 steht ganz oben. Das bin ich!
Sie werden gebeten, sich am Freitag vor dem Frühmahl an der medizinischen Station links der großen Brücke einzufinden, um sich der Erstuntersuchung des diesjährigen Jahrgangs der Sechzehnjährigen zu unterziehen. Bei dieser Gelegenheit wird ihnen Blut aus der Armvene entnommen. Die Untersuchung wird zwecks einer Überprüfung zur Eignung zum Rekruten des Volkes V23 durchgeführt. Desweiteren wird ihr allgemeiner Gesundheitszustand erfasst, damit ggf. eine Medikamentengabe festgesetzt werden kann.
Der Brief ist nicht unterzeichnet, aber ein Stempel befindet sich darunter, der das Symbol der Obersten zeigt - einen siebenzackigen Stern.
Die Obersten nennen sich selbst das Volk V23, das weiß ich aus meinen Büchern, doch die Bezeichnung erscheint mir fremd. Leider wird in keinem Buch erklärt, weshalb sie sich so nennen. In der Stadt nennt sie jeder nur die Obersten.
Ich lege den Brief zurück auf den Tisch. Meine Hände sind ganz verschwitzt.
»Weiß Suzie es schon?«
Carl nickt. »Sie ist in ihrem Zimmer. Sie war ebenso aufgeregt wie du.«
Ich glaube, einen Hauch von Traurigkeit aus seiner Stimme herauszuhören, obwohl er sich offensichtlich Mühe gibt zu lächeln. Die Erstuntersuchung der Sechzehnjährigen! Das ist alles so aufregend! Vielleicht bedeutet dies endlich den Beginn eines neuen Lebensabschnittes. Wenn ich die Kommune verlassen muss, kann ich Carls Traurigkeit ein wenig nachvollziehen. Ich sehe zu Neal, doch er hält den Kopf gesenkt. Er sieht überhaupt nicht so aus, als würde er sich für mich freuen. Es ärgert mich.
»Ich werde mich am Freitag jedenfalls von meiner besten Seite zeigen«, sage ich trotzig. »Ich kann lesen und bin sehr gebildet. Es könnte mir einen Vorteil verschaffen.«
Jetzt hebt Neal seinen Kopf doch noch, aber sein Blick beschert mir einen Stich in der Brust. Er sieht nicht so traurig aus wie Carl, eher wütend, was mir einen Schreck einjagt.
»Du scheinst es ziemlich eilig haben, uns loszuwerden.« Die Kälte in seiner Stimme lässt mich zusammenfahren.
Ich fühle mich bedrängt. Natürlich möchte ich ihn nicht verletzen, aber er muss doch verstehen, dass ich ein solches Angebot nicht ablehnen könnte! Das Leben in der Welt der Obersten in ein Paradies. Es gibt nur diese zerstörte Stadt und den Bezirk jenseits der Brücke, den noch niemand von uns gesehen hat. Dahinter ist die Weltscheibe zu Ende. Wer würde freiwillig hier bleiben wollen, wenn er ins Paradies einziehen kann? Sollten sie mir das Angebot machen, werde ich es jedenfalls nicht ausschlagen.
»Du bist doch nur neidisch, weil sie dich damals nach deiner Untersuchung nicht benachrichtigt haben.«
Ich weiß, wie verletzend meine Worte klingen, aber immerhin hat er mir auch weh getan. Neal ist ein Jahr älter als ich. Als er im letzten Jahr zur Untersuchung gerufen wurde, bin ich auch traurig gewesen. Ich kann ihn verstehen. Lange habe ich mich schlecht gefühlt, weil ich froh darüber gewesen bin, dass Neal nicht rekrutiert wurde. Natürlich bedeutet das nicht, dass er für immer in der Stadt bleiben muss. Manchmal rufen die Obersten auch ältere Menschen zu sich, aber aus welchem Grund, wissen wir nicht. Keinen von ihnen haben wir je wiedergesehen. Die jungen, die gerufen werden, arbeiten später manchmal in der Stadt bei der Essenausgabe oder in den medizinischen Stationen. Sie tragen dann schwarze Anzüge anstatt gelbe oder blaue. Aber geredet haben sie nie wieder mit uns.
»Ich soll neidisch sein?«, empört Neal sich. »Glaube mir, ich wäre damals nicht gegangen, wenn sie mich gerufen hätten. Deinetwegen.«
»Das glaubst du doch wohl selbst nicht.« Meine Euphorie von gerade wandelt sich in Wut. »Außerdem hätten sie dir gar keine Wahl gelassen. Ich glaube nicht, dass man gefragt wird, ob man gehen möchte oder nicht.«
Tatsächlich weiß ich das nicht. Es kommt mir auch seltsam vor, dass jemand das Angebot freiwillig ablehnen könnte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Fall je eingetreten ist.
Neal funkelt mich böse an und stampft mit festen Schritten aus dem Gemeinschaftsraum. Die Tür hinter ihm fällt donnernd ins Schloss. Ich fühle mich schlecht und sehe Carl Hilfe suchend an, doch der lächelt nur traurig.
Kapitel drei
Holly
Alles in diesem Raum ist weiß. Die Wände, der Boden, die Stühle, die Tür. Es blendet mich. Ich kenne keine weißen Räume, in der Stadt ist alles schmutzig und grau. Ich habe sehr lange keine medizinische Station mehr von innen gesehen. Als ich zwölf Jahre alt war, litt ich tagelang unter schlimmer Übelkeit und Krämpfen. Ich habe damals gedacht, ich müsste sterben. Ich war der festen Überzeugung gewesen, mich mit dem Virus infiziert zu haben, das die meisten Einwohner meiner Stadt vor vielen Jahren getötet hat. Am dritten Tag ist Carl mit mir zur medizinischen Station gegangen. Ich habe kaum noch Erinnerungen daran, eher wie die Bilder eines Traumes, die einem entgleiten, je mehr man sie zu fassen versucht. Ich bekam schlimmes Fieber, nahm alles nur wie durch einen Schleier hindurch wahr. Aber ich weiß noch, wie Carl mich auf dem Arm in das weiße Gebäude getragen hat. Das strahlende Weiß hat sich in mein Gedächtnis gegraben, und ich fühle mich jetzt schmerzlich an meine Krankheit erinnert. Von diesem Tag an war weiß für mich stets die Farbe, die ich mit Unwohlsein verbinde. Sie hatten mir Tabletten gegeben, die schrecklich schmeckten. Ich lag auf einer Liege, über mich beugten sich mehrere Männer, deren schwarze Anzüge einen flirrenden Kontrast zu den Wänden bildete. Mir stellen sich die Haare auf meinen Unterarmen auf, wenn ich daran denke. Ich bin wieder ganz gesund geworden, aber meine Abneigung ist geblieben. Es war das erste und letzte Mal, dass ich eine medizinische Station besuchen musste. Bis heute. Aber heute ist der Anlass erfreulicher und ich ringe meine negativen Gefühle nieder.
Die medizinische Station ist ein flaches Gebäude mit nur einem Stockwerk. Ein ungewohnter Anblick für mich. Der Raum, in dem ich mich befinde, ist leer bis auf ein paar Stühle, die an der Wand stehen. Es sind weiße Plastikstühle. Mir gegenüber hängt eine Uhr, weiß mit schwarzen Zeigern. Es ist sieben Uhr am Morgen. Ich habe die ganze Nacht nicht schlafen können, und auch jetzt verspüre ich keine Müdigkeit, nur grenzenlose Anspannung. Ich knete auf meinen Fingerspitzen herum, weil ich nicht weiß, womit ich meine nervösen Hände beschäftigen soll. Suzie ergeht es ähnlich. Sie sitzt rechts von mir und streicht sich schon zum hundertsten Mal mit den Fingern durch die langen blonden Haare. Fast befürchte ich, sie könnten ihr ausfallen, weil sie so sehr daran herumzieht. Mit ihrem linken Bein wippt sie auf und ab. Es raubt mir den letzten Nerv.
Suzie und ich sind die einzigen beiden Menschen im Wartezimmer. Ich habe erwartet, mehr Jugendliche bei der Erstuntersuchung anzutreffen und bin mir sicher, dass es noch andere geben muss. Ob man sie an einem anderen Tag oder zu einer anderen Uhrzeit herzitiert hat?
Mein Magen knurrt, ich habe Hunger, weil ich noch nichts gegessen habe, nicht einmal etwas getrunken. Carl meinte heute morgen zu mir, ich müsse nüchtern sein, wenn sie mir Blut abnehmen. Ich habe keine Ahnung, ob das weh tun wird. Ich kenne nur die Schilderungen meiner Mitbewohner. Carl hat nur gelacht, als ich ihn danach gefragt habe, und mir auf die Schulter geklopft. Ich habe gequält gelächelt und mich sogleich für meine dumme Frage geschämt. Ich darf nicht vergessen, weshalb ich hier bin und was mein Ziel ist. Dafür muss ich Opfer bringen. Ich möchte die Welt jenseits der Brücken sehen, und ein kleiner Pieks wird mich nicht davon abhalten. Ich hoffe inständig, dass sie mich für tauglich befinden werden. Weniger als jeder fünfte der untersuchten Sechzehnjährigen wird am Ende auch rekrutiert, deshalb darf ich mir keine zu großen Hoffnungen machen, um hinterher nicht enttäuscht zu sein.
»Was glaubst du, wie lange sie uns noch warten lassen?« Suzie flüstert, aber ich erschrecke trotzdem fürchterlich. Sie hat mich aus meinen Gedanken gerissen. Ich sehe wieder auf die Uhr. Nur fünf Minuten sind vergangen, seit ich das letzte Mal hingesehen habe.
»Ich weiß nicht. Aber ich hoffe, nicht mehr allzu lange. Ich verhungere.«
»Ich auch. Mensch, ich bin so aufgeregt! Nichts würde mich mehr hier halten, wenn die Obersten mich zu sich riefen.« Suzies Augen leuchten.
Ich kann es mir nicht erklären, aber in diesem Moment unterdrücke ich den Impuls, ihr ins Gesicht zu schlagen. Ich bin unfair und mir meiner gemeinen Gedanken bewusst, aber zum ersten Mal kommt mir in den Sinn, dass es passieren könnte, dass man Suzie tatsächlich rekrutiert, während ich dazu verdammt sein würde, mein monotones Leben fortzuführen. Ich gönne es ihr nicht, obwohl ich mich schlecht dabei fühle.
Ich erwidere nichts, sondern nicke nur. Ich hoffe, sie hat meine Emotionen nicht in meinem Gesicht abgelesen.
Die Tür unter der Wanduhr gegenüber öffnet sich einen Spaltbreit. Eine dunkelhaarige Frau steckt den Kopf ins Wartezimmer. Mein Herz macht einen Sprung und meine Muskeln spannen sich an. Ich balle meine Hände so fest zu Fäusten, das sich die Fingernägel in meine Handflächen graben.
»Nummer 21-19 bitte in den Untersuchungsraum.« Die Stimme der Dame ist nüchtern und zeigt keinerlei Gefühle. Vermutlich ist es für sie Routine. Für mich ist es das nicht.
Ich spüre einen kleinen Stich der Enttäuschung in meiner Brust, als Suzie neben mir ein vergnügtes Quietschen ausstößt und von ihrem Stuhl aufspringt. 21-19 ist ihre Individuennummer, nicht meine. Sie würdigt mich keines Blickes mehr, als sie hinter der Ärztin im Raum gegenüber verschwindet und sich die Tür wieder schließt. Ich ringe mit den Tränen, obwohl mein Verhalten dumm ist. Was interessiert es mich, was Suzie tut? Ihr Leben geht mich nichts an, und würden wir nicht in derselben Kommune leben, würde ich nicht einmal etwas davon mitbekommen, ob sie rekrutiert wird oder nicht. Wir waren nie gute Freundinnen, nur Bewohner desselben Hauses. Anders verhält es sich mit Neal. Ich war so froh gewesen, als man ihn im letzten Jahr nicht zur Brücke gerufen hatte. Ob er sich dieses Mal ebenso wünscht, dass ich für untauglich erklärt werde? Einerseits macht es mich wütend, andererseits kann ich ihn verstehen. Es würde mir nicht leicht fallen, ihn zurückzulassen. Dennoch möchte ich nicht mein Leben lang auf den Augenblick gewartet haben, um Tränen zu vergießen, sollte er sich nähern. Zudem ich ohnehin keine Wahl gehabt hätte. Die Obersten würden ihre Auserwählten notfalls mit Gewalt von Zuhause abholen, dessen bin ich mir sicher.
Ich starre auf meine Schuhe. Sie sind gelb, genau wie mein Anzug. Ich versuche mir vorzustellen, wie ich in den schwarzen Anzügen der Obersten aussehen würde. Ein dummer Gedanke. Ich sollte mich stattdessen lieber darauf einstellen, abgewiesen zu werden.
Ich weiß nicht, wie lange ich noch in dem weißen Raum sitze und außer dem leisen Ticken der Uhr nichts höre. Es ist zwanzig Minuten vor acht. Um acht gibt es Frühstück im Park. Ich werde nicht pünktlich sein. Es ärgert mich, weil mein Magen noch immer knurrt. Je länger ich im Wartezimmer sitze, desto größer wird mein Frust, der schließlich sogar meine Anspannung überdeckt. Schon bald wünsche ich mir, die Untersuchung wäre schon vorüber und ich wäre wieder bei Carl und Neal daheim.
Dann endlich öffnet sich erneut die Tür. Wieder sehe ich in das Gesicht der blassen Ärztin.
»Nummer 4-19«, sagt sie ebenso nüchtern wie zuvor.
Nun geht es also los. Ich atme einmal tief ein und stehe von meinem weißen Plastikstuhl auf. Meine Knie zittern. Ich schlüpfe durch die Tür, die die Ärztin direkt hinter mir wieder schließt. Der Raum, in den sie mich gebeten hat, ist kleiner als das Wartezimmer. Ich bin ein bisschen enttäuscht, obwohl ich nicht sagen kann, weshalb. Ich hatte mir alles größer und faszinierender vorgestellt. An einer Wand ist eine Liege, die fast genauso lang ist wie der Raum breit. Daneben ist eine weitere Tür. Ich nehme an, durch die ist Suzie nach ihrer Untersuchung gegangen, denn ich habe sie nicht durch das Wartezimmer gehen sehen. Ich hatte gehofft, in ihrem Gesicht vielleicht ablesen zu können, was mich erwartet, wenn sie das Untersuchungszimmer verlässt, doch diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt.
Im Zimmer gibt es neben der weißen Liege noch einen runden Hocker und an der dritten Wand eine hüfthohe weiße Kommode mit zahlreichen Schubladen. Am Fußende der Liege steht eine silberne, flache und rechteckige Schale, in der eine Nadel und drei Plastikröhrchen liegen, außerdem ein Pflaster, Watte und eine Sprühflasche. Ich spüre, wie eine Schweißperle unter meinem Anzug meine Wirbelsäule hinab läuft.
Die Ärztin stellt sich mir nicht vor, sie gibt mir auch nicht die Hand. Sie setzt sich auf den Hocker und bedeutet mir mit einer Geste, auf der Liege Platz zu nehmen. Ich tue wie mir geheißen.
»Wie alt sind Sie, 4-19?« Sie nimmt ein Klemmbrett von der Kommode und zieht einen Stift aus der Brusttasche ihres weißen Kittels. Mir fällt auf, dass sie darunter keinen schwarzen Anzug trägt, sondern eine weiße Hose und ein weißes Shirt.
Es kommt mir seltsam vor, mit meiner Nummer angesprochen zu werden. »Ich bin vor zwei Monaten sechzehn Jahre alt geworden.«
Die Frau nickt und notiert sich etwas auf dem Zettel, der im Klemmbrett steckt. »Haben Sie ihren Ausweis dabei?«
»Ja, natürlich.« Ich öffne den Reißverschluss der Brusttasche meines Anzuges und ziehe die kleine Plastikkarte hervor, auf der meine Individuennummer und mein Fingerabdruck vermerkt sind. Ich halte der Dame den Ausweis hin, aber sie nimmt ihn nicht, sondern sieht nur flüchtig darauf und nickt. Ich stecke ihn wieder zurück in die Tasche.
»Was passiert heute mit mir?« Ich wundere mich über meine eigene dünne Stimme. Meine Wangen glühen.
Die Ärztin sieht mich an, aber ich kann keine Gefühle in ihrem Gesicht sehen. Mir läuft ein Schauder über den Rücken. Sie wirkt auf mich wie eine leblose Puppe.
»Nur ein paar einfache Tests. Die Bluttest sind am wichtigsten.«
»Werden dieses Jahr wieder neue Leute rekrutiert?«
Sie antwortet nicht, was mir das Gefühl beschert, eine dumme Frage gestellt zu haben. Beschämt senke ich den Kopf. Ich hatte eigentlich gehofft, irgendwie mit meiner Bildung und meinem Wissen punkten zu können, aber jetzt wird mir bewusst, wie kindisch dieser Wunsch gewesen war. Das scheint niemanden zu interessieren.
»Krempeln Sie den linken Ärmel bitte nach oben«, sagt die Ärztin und übergeht meine Frage.
Mit schwitzigen Händen komme ich ihrer Aufforderung nach. Sie schiebt ihre eigenen weißen Ärmel nach oben. Mein Blick fällt auf eine seltsame dunkle Zeichnung auf ihrem linken Arm. Es sieht aus wie ein Muster, schwarz und geheimnisvoll. Geschwungene Linien, kunstvoll ineinander geflochten, ziehen sich von ihrem Handgelenk aus hinauf bis zum Oberarm. So etwas habe ich nie zuvor gesehen. Weshalb malt sie sich an? Ich bin so fasziniert davon, dass ich kaum mitbekomme, wie sie die Nadel vom Tablett nimmt. Erst jetzt irrt mein Blick zurück auf ihre Finger. Sie schält die Nadel aus einer durchsichtigen Plastikverpackung. An ihrem Ende befindet sich eine Art Schraubadapter, ich nehme an, um die Röhrchen zu befestigen. Sie sprüht etwas von der kalten Flüssigkeit auf meine Armbeuge und bittet mich eine Faust zu machen. Ich kann kaum noch verbergen, wie sehr ich zittere.
Sie sticht die Nadel in meinen Arm. Das geht so schnell, dass ich mich wundere, dass es kaum weh tut. Sie befüllt alle drei Röhrchen mit Blut. Gebannt starre ich auf ihre Finger, während sie das tut. Ich habe in meinem Leben noch nicht viel Blut gesehen, nur mein eigenes, wenn ich meine unpässlichen Tage habe. In den Röhrchen schwappt es dunkelrot.
Als die Ärztin fertig ist, klebt sie mir ein Pflaster auf die winzige Einstichstelle. Das war schon alles? Fast ärgere ich mich, weil ich Angst davor gehabt hatte. Carl wird mich auslachen, wenn ich heute Abend zurückkomme.
Die Ärztin schiebt ihre Ärmel wieder nach unten und verdeckt das Muster auf ihrem Arm. Dann bittet sie mich aufzustehen. Aus einer Schublade der Kommode nimmt sie ein Maßband. Ich werde komplett vermessen, danach noch gewogen. Ich muss mich in alle möglichen Richtungen drehen, während sie meinen Rücken abtastet. Währenddessen spricht sie kein Wort mit mir. Erst, als sie wieder auf ihrem Klemmbrett herumkritzelt, setzt sie dazu an, etwas zu sagen.
»Verlassen Sie den Raum bitte aus dieser Tür.« Sie deutet auf jene, durch die ich nicht hereingekommen bin. »Dahinter wartet jemand mit Frühstücksbrei und Wasser auf Sie, immerhin haben sie das gemeinsame Mahl verpasst. Menschen werden krank, wenn sie nicht regelmäßig essen.«
So, wie sie es sagt, klingt es keinesfalls freundlich. Eher so, als sei ich nur eine Maschine. Dennoch freue ich mich, dass ich nicht mit leerem Magen in meine Kommune zurückkehren muss.
»In wenigen Tagen werden Sie von uns hören.« Sie hebt den Blick und sieht mich an, als könne sie nicht fassen, dass ich immer noch hier bin. Ich habe den Eindruck, sie möchte mich schnellstmöglich loswerden. Gerne hätte ich ihr noch ein paar Fragen gestellt, aber das traue ich mich nicht. Schweigend verlasse ich den Untersuchungsraum.
***
»Und? Hast du ein gutes Gefühl?«
Ich zucke zusammen, weil Neal mich aus meinen Gedanken gerissen hat. Er lässt den Kopf hängen und sieht mich nicht an, während er mit mir spricht. Er sitzt links von mir. Wir haben uns die Schuhe ausgezogen und sitzen direkt auf der Kante der Straße am Wasser. Unsere Beine baumeln herunter, aber ich kann die Wasseroberfläche mit den Füßen nicht erreichen.
»Was meinst du?«, frage ich, obwohl ich ganz genau weiß, wovon er spricht. Ich versuche, es beiläufig klingen zu lassen.
»Na ob du glaubst, für tauglich befunden zu werden.« Er sieht mich immer noch nicht an. Seine Haare hängen wie ein Vorhang vor seinem Gesicht, während er auf seine Füße starrt, die vor und zurück schwingen.
»Woher soll ich das wissen? Die Ärztin hat überhaupt nicht mit mir gesprochen. Du musst es doch selbst wissen, du bist erst letztes Jahr bei der Untersuchung gewesen.«
Jetzt hebt Neal doch den Blick. Die Traurigkeit in seinen Augen versetzt mir einen Stich. Ich hätte nie gedacht, dass es ihn so sehr treffen würde, wenn ich einmal nicht mehr da bin. Mit einem Mal fühle ich mich befangen und seine Nähe ist mir unangenehm. Unsere Oberarme berühren sich, weil wir so dicht nebeneinander sitzen.
»Es ist jetzt schon zwei Tage her«, sagt er. Höre ich Hoffnung in seiner Stimme?
»Benachrichtigen sie einen auch, wenn man nicht genommen wird?«
Neal schüttelt den Kopf. »Nein. Ich habe nie wieder etwas von meinen Untersuchungsergebnissen gehört.«
Ich denke darüber nach, dass auch Suzie noch nicht Bescheid bekommen hat. Wenn wir beide nicht genommen werden, könnte ich besser damit umgehen. Andererseits ist es erst zwei Tage her. Ich weiß nicht, wie lange es dauert, Blut zu testen.
Ich hebe den Kopf und blicke geradeaus. Vor mir erstreckt sich eine weite Wasserfläche, die sich am Horizont in der flirrenden Energiebarriere verliert, die um unsere Stadt gespannt ist. Nur eine Brücke führt hindurch. In meinen Büchern steht, die Barriere schütze uns vor erneuten Virusepidemien. Mir ist es gleichgültig. Ich weiß, dass es dahinter nichts mehr gibt als das Ende der Welt und den Himmel, aus dem die Viren gekommen sind. Ich fühle mich sicher hinter der Barriere.
Neal folgt meinem Blick. Wir sitzen oft an diesem Ort, der südlichsten Spitze der Landzunge, und sehen auf das Wasser hinaus. Hinter uns erstreckt sich ein kleiner Park, aber dort wachsen nur verdorrte hässliche Bäume, deren Äste verkrüppelt sind. Die Pflanzen im großen nördlichen Park sind hingegen noch belaubt.
»Siehst du dir die grüne Dame an?«, fragt Neal mich leise.
Ich nicke. »Ja. Sie sieht so einsam aus.«
In der Ferne gibt es eine kleine Insel vor der Küste unserer Stadt, direkt dahinter flirrt der Energieschild. Ich kann die Distanz nicht schätzen, aber es ist sicherlich mehr als eine Meile. Auf der Insel thront eine seltsame Statue, sie ist hellgrün. Ich habe mir oft gewünscht, meine Augen wären besser, damit ich ihr Gesicht erkennen kann, doch sie ist viel zu weit entfernt. Wenn ich ehrlich bin, kann ich sie fast gar nicht erkennen. Alles, was ich sehen kann, ist, dass sie ihren rechten Arm in die Höhe reckt und etwas nach oben hält. Die Statue wird von den Einwohnern nur die grüne Dame genannt.
»Glaubst du, die Menschen der alten Welt haben sie auf diese Insel verbannt?« Ich wende Neal den Kopf zu. Er zuckt nur die Achseln.
»Das weiß ich nicht. Es ist ebenso möglich, dass die Obersten sie als Wahrzeichen errichtet haben.« Er zeigt mit dem Finger in ihre Richtung. »Siehst du? Sie trägt eine Krone mit sieben Zacken. Das Symbol der Obersten ist ein siebenzackiger Stern, vielleicht gibt es einen Zusammenhang.«
»Du kannst ihre Krone erkennen?« Ich kann es kaum glauben und ärgere mich zugleich, dass er mir das nie zuvor erzählt hat. Ich habe alle meine Bücher nach Informationen über die grüne Dame abgesucht und nichts gefunden. Und jetzt sagt er mir ganz beiläufig, dass ihre Krone sieben Zacken hat!
»Nun ja, das habe ich nur deshalb erkannt, weil ich einmal durch ein Fernrohr gesehen habe, das ich mir aus einer alten Brille gebaut habe.« Er lächelt und sogleich schmilzt mein Verdruss dahin.
»Glaubst du auch, dass dies hier ein Werk der Obersten sein könnte?« Ich öffne den Reißverschluss der linken Brusttasche meines Anzuges und ziehe eine abgegriffene Karte aus stabilem Karton hervor.
»Die Pappe?«
»Nein, das, was darauf abgebildet ist, du Dummerchen!« Ich knuffe meinen Freund in die Seite und halte ihm die Karte unter die Nase. Sie ist mein größtes Heiligtum und alles, was mir von meinen Eltern geblieben ist.
Er sieht sich das Bild an und schüttelt den Kopf. »Das ist vielleicht nicht echt. So einen Ort kenne ich nicht. Ich würde an deiner Stelle nicht zu viel hinein interpretieren.«
Ich sehe mir selbst noch einmal das Bild an, obwohl ich es schon tausend Mal getan habe. Es ist das lebensechte Abbild eines Hügels, auf dem übermannsgroße Buchstaben thronen. Hollywood steht dort. Ich bilde mir ein, meine Eltern hätten mich nach dieser Karte benannt. Die Rückseite ist komplett weiß und unbeschriftet. Mein größter Wunsch ist es, ihrem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Wie gerne würde ich meine Eltern fragen, was es damit auf sich hat!
Enttäuscht stecke ich sie zurück an ihren Platz und verschließe den Reißverschluss.
»Ich weiß, dass du oft an deine Eltern denkst.«
Es kommt mir vor, als wäre Neal noch näher an mich heran gerutscht. Ich nehme den Geruch seiner Haut wahr, Staub und Seife. Sein Gesicht ist nur einige Zoll neben meinem. Mein Blick haftet an der kleinen Narbe über seinem rechten Auge, die ihr nur sehe, wenn er mir so nah ist wie jetzt. Vor einigen Monaten hat Neal sich bei der Arbeit verletzt, ein scharfes Stück Blech hat ihm die Haut aufgeschnitten. Jetzt zieht sich eine feine Linie durch seine Augenbraue, auf der keine Haare wachsen.
Ich möchte nicht, dass Neal mit mir über meine Eltern spricht und wünsche mir, er würde still sein. Ich ringe schon wieder mit den Tränen. Dabei habe ich weniger Grund dazu als Neal, immerhin hat er seine Eltern gekannt und ich nicht. Für ihn muss es sich schlimmer anfühlen als für mich, trotzdem jammert er nie oder verliert auch nur ein Wort über seinen Kummer.
Als das Schweigen zwischen uns anfängt, peinlich zu werden, sage ich schließlich doch etwas, aber meine Stimme klingt brüchig. »Ich wünsche mir, meine Eltern jenseits der Brücke wiederzusehen.«
Kaum ist der Satz heraus, bereue ich ihn auch schon. Es muss sich herzlos für ihn anhören, weil seine Eltern tot sind und meine vielleicht nicht.
Neal beißt sich auf die Unterlippe und sieht wieder ins Wasser hinab. Es ist grau und glatt. Es schwappt gegen die Uferkante. »Ist das der Grund, weshalb du unbedingt die Stadt verlassen möchtest? Weshalb du dich jeden Tag in Bücher vergräbst und Sport treibst?« Er schüttelt traurig den Kopf. »Ich möchte nicht, dass du enttäuscht wirst, Holly. Vielleicht sind deine Eltern gar nicht dort und alles ist nur eine Illusion, ein Traumgebilde. Ich habe dich wirklich sehr gern und würde mir wünschen, wir könnten gemeinsam in die Zukunft sehen. Aber das können wir nicht, wenn du einem unerreichbaren Ziel hinterher läufst.«
Seine Worte schockieren und beschämen mich gleichermaßen. Blut rauscht in meinen Ohren. Ich mag es nicht, wenn Neal mir sagt, dass er mich gern hat. Ich fühle mich dann immer befangen und weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll. Er ist mein bester Freund, aber manchmal glaube ich, er würde gerne mehr als das sein. Es sind flüchtige Berührungen, ein verstohlenes Lächeln oder - so wie jetzt - auch ganz offene Worte, die mich das denken lassen. Mit einem Mal verspüre ich den Wunsch, aufzustehen und wegzulaufen, aber ich ringe ihn tapfer nieder.
»Ich halte meine Ziele nicht für Traumgebilde«, sage ich, um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Ich möchte nicht über meine Gefühle reden. »Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass ich hinter die Barriere gerufen werde, oder etwa nicht? Ich glaube fast, du gönnst mir das gar nicht.«
Neal wendet mir den Kopf zu, in seinen Augen liegt ein Ausdruck, der mein Herz für einen Schlag aussetzen lässt. Ich wünschte, wir würden wieder miteinander lachen. Diese Art von Unterhaltung mag ich nicht.
Neals Lippen formen sich zu einem schmalen Strich, seine Augen glänzen feucht. Er legt eine Hand auf mein Knie. Mich durchfährt ein elektrisches Gefühl, unangenehm und prickelnd zugleich. Mein Herz schlägt so laut, dass ich befürchte, Neal könnte es hören.
»Ich könnte es nicht ertragen, wenn du weg gehst und mich allein lässt«, sagt er.
Seine Worte tun weh. Er kann nicht von mir verlangen, in der Stadt zu bleiben, wenn ich rekrutiert werde. Ich hätte in diesem Fall ohnehin nicht die Wahl. Aber kann er von mir verlangen, mit Traurigkeit in der Seele zu gehen? Ich habe mich mein Leben lang auf diesen Tag vorbereitet. Er macht ihn mir kaputt.
»Was soll ich deiner Meinung nach tun?«
Neal holt tief Luft und stößt sie als Seufzer wieder aus. Mit einer Hand reibt er sich über das Gesicht. »Du könntest wenigstens so tun, als würdest du es bedauern, mich zurücklassen zu müssen.«
Der Schmerz in meinem Herz steigert sich zu einem dumpfen Gefühl, als würde mir jemand die Brust abschnüren. Ich lege meine Hand auf seine, die immer noch auf meinem Knie ruht.
»Du zwingst mich, mich zu entscheiden. Das ist gemein. Du weißt, dass du mein bester Freund bist.«
Neal zieht seine Hand weg. Es versetzt mir einen Stich. »Nur das? Holly, ich träume schon seit dem Tag, an dem ich in die Kommune gekommen bin davon, mit dir in ein eigenes Haus zu ziehen und eine Familie zu gründen.«
Seine Ehrlichkeit durchströmt meine Eingeweide wie eiskaltes Wasser. Ich wäre weniger schockiert gewesen, wenn er mir mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen hätte. Ich ahne schon lange, dass Neal andere Absichten hegt, als nur mein bester Freund zu sein. Ich habe es aber immer beiseite geschoben und mir eingeredet, ich bilde es mir nur ein. Was soll ich ihm sagen? Ich möchte ihn nicht anlügen. Aber ihm wehzutun, ist genauso schwer. Ich weiß nicht, wie Liebe sich anfühlt. Vielleicht liebe ich ihn ebenfalls? Bedeutet Liebe, gerne mit jemandem zusammen zu sein? Dann ist es wohl so. Oder ist es mehr? Woher soll ich das wissen? Flüchtig schweifen meine Gedanken ab. Ich versuche, mir vorzustellen, mit Neal in ein eigenes Haus zu ziehen. Es fühlt sich nicht richtig an.
Allmählich wird die Pause zu lang. Ich muss etwas sagen. Neal sieht mich erwartungsvoll an.
»Vielleicht sollten wir erst einmal abwarten, ob man mich überhaupt rekrutiert.«
Es scheint nicht das zu sein, was Neal hören wollte, denn eine Falte gräbt sich zwischen seine Augenbrauen. »Weshalb läufst du vor der Entscheidung davon? Kannst du mir nicht jetzt schon sagen, ob du dir eine Zukunft mit mir vorstellen kannst?« Sein harscher Tonfall versetzt mir einen Schreck. »Was fühlst du für mich, Holly? Das ist eine ganz einfache Frage.«
Ich habe nicht geahnt, dass ein Herz noch schneller schlagen kann, aber meines scheint sich hohe Ziele gesetzt zu haben. Stärker denn je wünsche ich mir davonzulaufen. Neal drängt mich in die Ecke. Ich hasse ihn dafür.
Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf. Die Wahrheit wäre gewesen, dass ich mir wünsche, alles würde genauso weitergehen wie bisher, sollten die Obersten mich nicht zu sich rufen. Aber mir wird bewusst, dass das nicht dauerhaft möglich gewesen wäre. Ich kann nicht bei Carl, Suzie und Candice leben, bis ich alt und grau bin.
Ich möchte gerade den Mund öffnen, um Neal zu sagen, dass auch ich mir eine Zukunft mit ihm wünschen würde, obwohl das nicht ganz der Wahrheit entsprochen hätte, als er schnaubend die Beine heranzieht und aufspringt. Ich habe zu lange gezögert.
»Weshalb willst du unbedingt über die Brücke gehen?«, raunzt er, wobei er mich von oben herab absieht, was mir noch mehr Angst einjagt. »Woher willst du wissen, dass dort alles besser ist als hier? Hier könnten wir ein sorgenfreies Leben führen. Familien mit Kindern werden gut versorgt. Du weißt nicht, ob deine Eltern überhaupt noch leben. Und noch viel weniger weißt du, ob die Welt jenseits der Brücke wirklich das Paradies ist, das man dich glauben lässt.«
Ich spüre, wie mir das Blut aus dem Gesicht weicht und mein Mund aufklappt, aber sagen kann ich nichts. Ich starre ihn nur an. Ich kann nicht glauben, was er sagt.
»Du glaubst alles, was in deinen Büchern steht«, fährt Neal mit seiner Schimpftirade fort. »Schaltest du gelegentlich auch mal dein Gehirn ein? Du bist doch so schlau, oder willst es zumindest sein. Wir wissen überhaupt nicht, was sich auf der anderen Seite der Brücke befindet und niemand hat je darüber gesprochen. Kommt dir das nicht seltsam vor? Ich sage dir jetzt mal etwas: Ich war froh, dass sie mich damals nicht rekrutiert haben!«
Tränen lösen sich aus meinen Augenwinkeln und laufen meine Wangen hinab. Ich hasse es zu weinen, kann es aber nicht verhindern. Meine Welt bricht gerade über mir zusammen, der Boden unter meinen Füßen wird mir weggezogen. Mit einem Mal weiß ich selbst nicht mehr, was ich eigentlich will. Neal hat recht, ich weiß nicht genau, wie ein Leben in der Welt außerhalb der Barriere aussieht. Ich weiß nicht einmal, wie groß das Gebiet der Obersten ist. Es sind schon einige unser Nachbarn in den vergangenen Jahren rekrutiert worden. Einige von ihnen arbeiten heute bei der Nahrungsausgabe oder bei der Polizei, andere haben wir nie wieder gesehen. Diejenigen, die in schwarzen Anzügen in die Stadt zurückgekehrt sind, haben kein Wort mehr mit uns gesprochen, ihre Gesichter waren emotionslos. Ich habe mir geschworen, so nicht zu werden, wenn ich einer von ihnen werden sollte. Aber hätte ich das verhindern können? Was geschieht mit den Menschen jenseits der Barriere?
Jetzt weine ich ganz hemmungslos, meiner Kehle entweicht ein Schluchzen. Neal knurrt wütend.
»Ich bin diese verdammte Scheißstadt satt!«, brüllt er über die Wasseroberfläche. Ich hoffe, keiner der Obersten hat ihn gehört. Die Polizei geht nicht zimperlich mit jenen um, die das System infrage stellen.
Neal tritt gegen einen losen Brocken Teer, der aus der Straße herausgebrochen ist. Er fliegt weit und landet mit einem dumpfen Plopp im Wasser. Ehe ich begreifen kann, was er tut, springt er mit einem beherzten Sprung hinterher. Er taucht unter und macht ein paar Schwimmzüge unter Wasser. Ich schnappe geräuschvoll nach Luft. Was tut er denn da? Es ist verboten, in diesem Gewässer zu schwimmen, dazu ist einzig ein See im großen Park freigegeben worden.
Neal taucht wieder auf und schwimmt mit großen Zügen vom Ufer weg, ohne sich nach mir umzudrehen. Ich springe auf.
»Neal! Komm zurück! Was machst du denn da? Das ist verboten!«
Er antwortet mir nicht, sondern scheint nur noch schneller zu schwimmen. Es sieht aus, als steuere er auf die Insel der grünen Dame zu. Mir bleibt nichts anderes übrig, als ihm dabei zuzusehen.
Nach endlosen Minuten werden seine Schwimmzüge behäbiger. Er wird es niemals schaffen, die anderthalb Meilen bis zur Barriere zu schwimmen. Weshalb sollte er auch? Im Norden der Stadt, wo es kein Wasser gibt, kann man die Barriere aus der Nähe sehen. Dort gibt es nur Zäune, die das Stadtgebiet begrenzen, die wenige Yards vor dem Energieschild dafür sorgen, dass niemand den Sicherheitsabstand überschreitet. Als Kind habe ich einmal versucht, einen Stein durch den Schild zu werfen, aber er ist davon abgeprallt wie von einer Gummiwand. Grelle Blitze zuckten über den Schild, das Surren war ohrenbetäubend laut gewesen.
Ich habe Angst um Neal. Wenn er die Barriere berührt, ist er tot, weil er einen elektrischen Schlag bekommt.
»Neal!« Ich schreie so laut ich kann, bin mir aber nicht sicher, ob er mich hören kann. Er wird ertrinken, wenn er nicht umkehrt, denn seine Kräfte scheinen ihn zu verlassen.
Irgendwann hört er auf zu schwimmen. Ich sehe seinen Kopf nur noch als Punkt auf der grauen Wasseroberfläche. Zuerst denke ich, er würde sich überhaupt nicht mehr bewegen. Minutenlang bleibt er auf der derselben Stelle. Dann sehe ich, wie er wütend auf die Wasseroberfläche schlägt, sodass es spritzt. Dann endlich bewegt er sich wieder auf mich zu. Mit zitternden Knien stehe ich noch lange am Ufer, bis Neal es endlich erreicht und ich ihm eine Hand reichen kann, um ihn herauszuziehen. Er bleibt erschöpft und wie tot neben mir liegen. Er sagt nichts, und ich schließe mich seinem Schweigen an. Alles, was ich hätte hervorbringen können, hätte es nur noch schlimmer gemacht. Ich lasse ihm die Zeit, die er benötigt, um sich auszuruhen, ehe wir langsam zurück nach Hause gehen. Neal zittert vor Kälte, obwohl es Sommer ist.
Kapitel vier
Cade
Ich werde mich nie an den Gestank von Bars gewöhnen. Vermutlich stört mich eher der Geruch ihrer Besucher als der der Lokalität an sich. Menschliche Ausdünstungen jedweder Art, vermischt mit gepanschtem Alkohol und billigen Zigaretten. Mir selbst haftet dieser Geruch an. Nicht meiner Haut, nein, aber meiner Kleidung. Ich hätte mich in all den Jahren längst daran gewöhnen müssen, aber Fehlanzeige.
Der Hocker unter mir knarrt, einer der Beine ist kürzer als die anderen. Ich befürchte, er könnte mir bald unter dem Hintern zusammenbrechen. Die Einwohner dieser Stadt haben ihn aus Überresten alter Möbel gezimmert, die sie unter den Trümmern hervorgezogen haben. Immerhin haben sie sich überhaupt die Mühe gemacht, Sitzmöbel anzufertigen. Das sollte man ihnen hoch anrechnen. Die meisten Besucher hocken jedoch auf dem nackten Steinboden und lehnen sich an die kahlen grauen Wände, von denen der Putz bröckelt. Tische sucht man hier ebenfalls vergeblich. Sie nennen dieses Etablissement The Cave, und es macht seinem Namen alle Ehre. Eine Gruft hätte jedoch mehr Charme versprüht. Ich frage mich, wer den Schuppen so getauft hat, sollten die dummen Städter doch eigentlich nie eine Gruft von innen gesehen haben. Diejenigen vom Volk V23 verbrennen die Toten jenseits der Brücke. Nun, vielleicht trug der Laden schon zu Glanzzeiten der Stadt diesen Namen. Ich kann mir kaum vorstellen, wer unter normalen Umständen auf die Idee gekommen wäre, in diesem Kellerloch eine Bar zu eröffnen. Aus heutiger Sicht kann ich es fast verstehen. Das Cave ist ein illegaler Umschlagplatz für Tauschwaren aller Art, die zumeist von hinter der Barriere hereingeschmuggelt werden. Als Bar im eigentlichen Sinn versteht sich der Laden nicht, obwohl es manchmal selbstgebrannten Schnaps aus Mais oder Kartoffeln von jenseits der Brücke zu trinken gibt. Heute ist so ein Tag, aber ich habe kein Glas bestellt. Dazu sind mir meine Tauschwaren zu schade. Ich bin auf der Suche nach etwas anderem.
Die Dame auf dem Hocker neben mir lehnt sich lasziv über den Tresen. Mein Blick streift sie nur flüchtig. Ich hege kein Interesse an niederen Menschen. Sie hat den Reißverschluss ihres gelben Einheitsanzuges für Frauen ungebührlich weit heruntergezogen, sodass ich den Ansatz ihrer Brüste sehen kann. Ihr Haar ist lang und braun. Wenn sie sich nach vorne lehnt, ergießt es sich über das fleckige morsche Holz des Tresens. Sie sieht mich schon die ganze Zeit über lüstern an. Wann merkt sie, dass sie mir auf die Nerven geht? Wären nicht so viele Leute hier, hätte ich ihr längst eine Kugel in den Kopf gejagt. Eigentlich ist mir meine Munition zum Zwecke der Aggressionsbewältigung zu schade, aber heute hätte ich mir vorstellen können, eine Ausnahme zu machen. Stattdessen versuche ich, das Weibsbild einfach zu ignorieren. Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Wo ist dieser Idiot? Er sagte, er käme gegen 21 Uhr hierher. Ich möchte die beiden Batterien nicht umsonst mit mir herumgeschleppt haben, wenn ich dafür heute kein Euphoria bekomme. Nicht, dass ich selbst Interesse an Drogen hätte. Dieses Zeug zeigt bei mir schlichtweg keinerlei Wirkung. Ich kann nicht einmal nachvollziehen, wie es sich anfühlt. Die Menschen berichten häufig von Glücksgefühlen - für mich nur ein bedeutungsloser Begriff meines Wortschatzes. Ich beabsichtige, das weiße Pulver wiederum gegen etwas anderes einzutauschen. Aber wie soll ich das machen, wenn dieser Bastard heute nicht aufkreuzt?
Das Gedränge in der Bar macht mich unruhig. Ich komme nicht sehr oft hierher, und ich habe den Ort als weniger überlaufen in Erinnerung behalten. Heute sind mindestens dreißig Leute hier. Wahrscheinlich wegen des Schnapses, der hier heute ausgeschenkt wird. Großartig. Da habe ich mir für meinen Tausch den bestmöglichen Tag ausgesucht.
»Möchtest du nichts trinken?«
Ich fahre zusammen und reiße den Kopf ruckartig herum. Das Weib neben mir hat es gewagt, mich anzusprechen! Wie zufällig berührt sie mit ihrem Knie das meine. Ich rücke ein Stück beiseite.
»Nein, ich möchte nichts trinken«, knurre ich sie an. Auch sie weicht ob meines harschen Tonfalls zurück. Ich weiß, dass ich ziemlich überzeugend klingen kann. Meine Stimme ist recht tief, und Sienna hat mir einmal gesagt, mein Blick sei der einer Schlange. Irgendwann habe ich ihn mir antrainiert, um aufdringliche Menschen fernzuhalten. Okay, nicht nur deshalb. In dieser Welt ist es einfach von großem Vorteil, ein harter Hund zu sein. Das liegt mir in den Genen, dafür kann ich nicht einmal etwas.
Rasch drehe ich mich wieder um und beobachte das Treiben in der Bar. Bar, wirklich lächerlich. Der selbstgezimmerte Tresen ist alles, was entfernt an eine Bar erinnert. Niemand kommt hierher, um etwas zu trinken, zumindest nicht an normalen Tagen, an denen es keinen Schnaps gibt. Wer auf der Suche nach illegalen Waren oder käuflicher Liebe ist, ist hier genau richtig. Ob man es glaubt oder nicht, selbst die V23er sind nicht unbestechlich. Sie sind gefühlskalte Bastarde, ja, aber die Triebe scheinen ihnen erhalten geblieben zu sein. Ich verziehe den Mund zu einem Grinsen. Widerwärtiges Pack. Sie glauben tatsächlich, sich den Rest der Welt Untertan machen zu können. Tja, meine Lieben, aber mit euren abartigen Mutationen und zahlreichen genetischen Fehlern könnt ihr das vergessen. Weshalb sollte es euch besser ergehen als mir und meiner Sippe.
Hinter dem Tresen steht ein junger Mann. Er ist nicht der Barkeeper, so einen gibt es hier überhaupt nicht, nur ein hässlicher stinkender Wichtigtuer, der mich anstarrt. Ich funkle ihn böse an, aber anders als bei dem Weib scheint er sich davon nicht beeindrucken zu lassen. Erst jetzt fällt mir auf, dass er nicht der einzige ist, der mich so unverhohlen mustert. Ich falle in diesem Raum auf wie ein bunter Hund. Die V23er kleiden ihre Laborratten in Einheitskleidung - blau für die Männer, gelb für die Frauen. Meine schwarze Lederkleidung will nicht recht zu ihrem Look passen. Ob sie mich für einen V23er halten? Immerhin tragen nur diese schwarze Anzüge. Zumindest glauben die dummen Menschen das. Natürlich könnte ich ihre Vermutungen bezüglich meiner Herkunft bestärken, indem ich einfach meine Jacke ausziehe. Das hübsche Tattoo auf meinem linken Unterarm ähnelt dem Mal der Genmutanten bis ins Detail. Aber heute ist mir nicht danach, Menschen zu verarschen. Deshalb behalte ich meine Jacke an. Sollen sie doch denken, was sie wollen. Ich möchte endlich meine Batterien eintauschen und dann so schnell wie möglich von hier verschwinden. Diese Stadt jagt mit einen kalten Schauder über den Rücken.
Die Tür oberhalb der Treppe knarrt. Durch das Gemurmel der anderen Besucher höre ich Schritte auf den ausgetretenen Stufen. Meine Sinne sind schärfer als ihre.
Nur Sekunden später taucht jemand im Eingang auf. Die Bar befindet sich unterhalb der Erdoberfläche, wenn man sie betreten möchte, muss man eine etwa zehn Yards lange Treppe hinabsteigen, die von außen durch eine unscheinbare, stets unverschlossene Tür gekennzeichnet wird. Das Cave befindet sich in Midtown, südlich des Parks. Praktisch für mich, denn mein Fluchtweg bis zum Tunnel ist nicht lang, erst recht nicht für einen trainierten und körperlich gesunden Acrai wie mich. Diese Tatsache beruhigt mich ein wenig, denn mit einer Horde V23er möchte ich es nicht aufnehmen müssen. Und von denen gibt es hier für meinen Geschmack eindeutig zu viele.
Der Mann bleibt einen Augenblick lang im Eingangsbereich stehen und sieht sich um. Ich lächle schief, denn das ist der Kerl, nach dem ich gesucht habe. Endlich. Ich rühre mich nicht, soll er mich doch selbst entdecken. Ich glaube mich daran zu erinnern, dass sein Name Jeff ist, vermutlich jedoch nur ein Deckname. Ich habe in der Vergangenheit schon einmal Geschäfte mit ihm abgewickelt. Ein hässlicher Vogel, der in seinem blauen Einheitsanzug wirklich lächerlich aussieht. Er sitzt an ihm wie eine Wurstpelle.
Endlich bleibt sein Blick auf mir haften, seine dunklen Augen fixieren mich. Auch er lächelt kurz, ehe er sich einen Weg durch die Menge bahnt. Er schiebt sich zwischen mich und die Dame, die inzwischen ein neues Opfer gefunden hat. Der Typ, dem sie schöne Augen macht, scheint jedoch mehr Interesse an ihr zu hegen als ich, was sie offensichtlich dazu veranlasst hat, den Reißverschluss noch ein Stück tiefer zu ziehen.
»Cade?«, fragt mich der Drogendealer. Ich erspare mir ein Nicken. Wer sollte ich wohl sonst sein, so unauffällig ist meine Erscheinung nun auch wieder nicht. Für die Dauer eines Herzschlags frage ich mich, weshalb ich mir diese lästige Tauscherei überhaupt antue. Ich hätte den Kerl in einer stillen Ecke umlegen und seine Ware einfach an mich nehmen können. Aber meine Sippe besteht darauf, dass wir verdeckt und unauffällig agieren. Also tue ich ihnen den Gefallen.
»Hast du den Stoff?«
Ich ziehe die beiden Batterien, eine jede etwa so lang wie mein Finger, ein Stück weit aus der Tasche meines Ledermantels, bevor ich sie wieder darin verschwinden lasse. Ein widerlicher Geruch nach Staub und Schweiß weht mir entgegen, wenn Jeff sich bewegt. Ich lehne mich ein wenig zurück, wobei der Hocker unter mir bedenklich knarrt. Flüchtig irrt mein Blick zur Seite. Wir werden beobachtet. Nicht, dass ich befürchte, mich könnte jemand bei illegalen Geschäften erwischen, denn aus diesem Grund ist schließlich jeder hier, aber ich hasse es, wenn Menschen mich anglotzen. Ich wünsche mir, das Cave so schnell wie möglich zu verlassen.
Jeff grinst mich an und offenbart eine Zahnlücke. Ich verspüre den Wunsch, sie zu vergrößern. »Zehn Gramm. Wie gewünscht.«
Er öffnet den Reißverschluss seiner Brusttasche. Ich sehe mich meinem Ziel näher denn je. Er zieht eine kleine durchsichtige Plastiktüte hervor. Darin ist weißes Pulver. Ich habe keine Ahnung, woher er das Euphoria hat, und es ist mir auch egal. Der Stoff wird durch Destillation einer Pflanze gewonnen, deren Namen ich nicht kenne. Es ist ein kompliziertes Verfahren. Ich weiß sicher, dass die Pflanze nicht im Stadtgebiet wächst. Nichts wächst dort, außer die wenigen angepflanzten Eichen im Park. Es bringt mich zum Schmunzeln, dass ich den Stoff ausgerechnet hier eintauschen muss. Ich habe mit Jeff schon früher Geschäfte abgewickelt, er wurde mir von jemandem empfohlen, bei dem ich damals Kupferdrähte ertauscht habe.
Ich strecke gerade meine Hand aus, um den Plastikbeutel entgegenzunehmen, als das Weib neben uns sich wieder zu Wort meldet.
»Ist das etwa Euphoria?!« Ihre Stimme ist so laut, dass absolut jeder im Raum mitbekommen haben dürfte, was Jeff mir andrehen will. Sie beugt sich zu uns herüber. Reflexartig reiße ich meinen Arm zur Seite. Ich unterschätze manchmal, wie schnell und stark ich bin. Der Knöchel meines Handgelenks trifft die Frau an der Schläfe, sie taumelt zurück. Ich wollte sie zum Schweigen bringen, obwohl ich weiß, dass es dazu ohnehin längst zu spät ist. Mögen im Cave auch viele Dinge ihren Besitzer wechseln, Euphoria dürfte eine nicht allzu alltägliche Tauschware sein. Manche Einwohner sind süchtig danach, und sie würden über Leichen gehen, ein Gramm davon zu erhaschen.
Die Frau stürzt und stößt sich den Kopf am Tresen. Das Gesicht des Mannes, den sie zuvor bezirzt hat, verzerrt sich zu einer Grimasse des Zorns. Er holt aus und schlägt mit der Faust in Richtung meines Kopfes. »Du schlägst eine Frau?«, kreischt er beinahe hysterisch.
Er rechnet nicht damit, dass mein Reaktionsvermögen das seine um ein Vielfaches übersteigt. Mühelos ducke ich mich unter seinem Hieb hinweg. Ich springe vom Hocker und trete den Mann, den ich auf nicht älter als zwanzig Jahre schätze, gegen das Schienbein. Er heult auf wie ein Wolf und lässt sich zu Boden sinken, direkt neben seine sittenlose Freundin, die benommen auf dem Rücken liegt und die Augen verdreht. Inzwischen sind alle Gespräche im Raum verstummt. Ruhe herrscht jedoch allenfalls für die Dauer eines Lidschlags, ehe Tumult ausbricht.
Jeff erwacht als erster aus der Starre. Mit drei langen Sätzen stürmt er zur Treppe zurück. Verdammt! Er hat meinen Stoff! Hätte das dumme Weibsstück nicht den Mund halten können? Ich stoße ein tierhaftes Knurren aus und setze an, Jeff zu folgen, doch dazu kommt es nicht mehr. Ehe er auch nur einen Schritt auf die unterste Treppenstufe setzen kann, ruft der Mann hinter dem Tresen ein unüberhörbares Jetzt, woraufhin die Tür am oberen Treppenende aufgerissen wird. Tageslicht und frische Luft strömen ins Cave. Die Helligkeit blendet mich. Jeff bleibt abrupt stehen, ich wäre beinahe mit ihm zusammengeprallt. Der Kerl hinter dem Tresen war ein Spitzel der V23er! Weshalb habe ich das bloß nicht bemerkt? Er hätte früher oder später ohnehin Alarm geschlagen, ob die blöde Kuh nun gewesen wäre oder nicht. Weshalb führen sie ausgerechnet heute eine Razzia durch? Ich komme so selten hierher!
Schwere Stiefel poltern die Treppe hinunter, die schwarzen Silhouetten mehrerer Männer schieben sich in das Kellerloch. Es gibt keinen anderen Ausgang, wir sind alle gefangen. Ich kenne keine Panik, denn das ist eine menschliche Reaktion, was jedoch nicht heißt, dass mir mein Herz nicht bis zum Hals schlagen kann.
Jeff macht auf dem Absatz kehrt und schiebt sich an mir vorbei, zurück in den Raum hinein. Es ist ein dummer Reflex, aber ich folge ihm. Verloren bin ich ohnehin. Ich schließe mit meinem Leben ab, das war's also. Meine irdische Hülle wird hier und heute ihrem Ende entgegentreten.
Schreie ertönen, schrill und unangenehm. Einige Menschen versuchen sich an den V23ern vorbei nach draußen zu schieben, doch das ist ein sinnloses Unterfangen. Sie blockieren den Ausgang. Ich hechte hinter den Tresen, leider bin ich nicht der einzige, der auf diese Idee gekommen ist. Meine Kleidung ist nicht die eines Städters, das genmutierte Pack hat mich vermutlich bereits entdeckt und identifiziert. Ich trauere weniger meinem sterblichen Körper hinterher als viel mehr dem Geheimnis, das ich ihnen heute verraten habe. Sollte man mich entdecken, werden sie wissen, dass es eine undichte Stelle innerhalb ihrer Barriere gibt. Meine ganze Sippe ist somit in Gefahr.
Jemand tritt mir in den Rücken. Ich denke nicht, dass es Absicht, sondern im Gedränge schlichtweg unvermeidbar war, dennoch fahre ich herum und greife dem Kerl in den Nacken. Kraftvoll schleudere ich ihn von mir weg, er fliegt über den Tresen und landet mit einem dumpfen Aufprall irgendwo dahinter, direkt den Ordnungshütern vor die Füße. Dann fällt der erste Schuss, dass Geschrei um mich herum wird noch lauter. Von meinem Platz aus kann ich nicht erkennen, was im Cave vor sich geht. Mich streift der Gedanke, mein Versteck zu verlassen, ihnen tapfer entgegen zu springen und zumindest einem von ihnen noch das Genick umzudrehen, ehe sie mich erschießen. Aber ich bleibe sitzen.
»Alle raus!«, brüllt jemand, ich vermute, er gehört zu den V23ern. »Draußen wartet eine Einheit, die euch nach illegalen Substanzen durchsucht.« Seine Stimme klingt kalt und befehlsgewohnt. Sie duldet keinen Widerspruch, und das Geschrei senkt sich zu einem Gemurmel herab, durchbrochen von gelegentlichen Schluchzern.
Ich höre ein Poltern auf der Treppe, der Raum scheint sich zu leeren. Es wundert mich, dass die Polizisten so hart durchgreifen, immerhin stammen alle von ihnen als illegale Substanzen betitelten Waren ursprünglich aus ihren eigenen Reihen. Wie sollten die armen Schlucker dieser Stadt sonst daran gekommen sein? Ich nehme an, dass nur junge V23er - von ihren Untertanen ehrfürchtig als Oberste bezeichnet - Luxusgüter gegen Liebesdienste tauschen, denn die älteren von ihnen sind genauso wenig wie ich dazu imstande, Emotionen zuzulassen. Diese Polizisten gehören vermutlich zu denen, deren Verwandlung einige Jahre zurückliegt. Dem System ergeben durch und durch. Pfui.
»Hier liegt eine bewusstlose Frau«, sagt jemand. »Sie scheint einen Schlag gegen den Kopf abbekommen zu haben.«
Ich höre ein Geräusch, als würde jemand einen Körper über den Boden schleifen.
»Bring sie zur medizinischen Station«, antwortet eine Frau. Ihre Stimme ist ebenso kalt wie die ihres Kollegen. »Ihr beiden durchsucht den Raum, ich gehe wieder hinaus. Es stinkt bestialisch hier. Mal sehen, wie viele wir heute überführt haben.« Höre ich einen Anflug von Schadenfreude in ihrem Tonfall? Nein, unmöglich, so etwas fühlen die Mutanten nicht. Ihre Schritte verhallen auf der Treppe, am oberen Ende knarrt die Tür.
Es dauert noch einige Atemzüge, ehe das Unvermeidbare eintritt. Ich hocke auf dem Boden hinter dem Tresen, doch jederzeit zum Sprung bereit. Ich spüre, wie Hass und Abneigung durch mich hindurch fließen und mich dazu zwingen, die Zähne zu blecken. Bin ich auch nicht imstande, etwas anderes zu fühlen - Hass funktioniert immer. Reine Selbstbeherrschung hält mich davon ab, auf die Beine zu springen und ein Massaker anzurichten, sogar mit bloßen Händen. Ich bereue, meine Schusswaffe im Auto gelassen zu haben. Sie hätte es mir erspart, den V23ern die Augen auszukratzen und mir die Finger dabei schmutzig zu machen.
Neben mir kauert noch ein anderer Mann, der am ganzen Leib zittert. Ich werde mir seiner Anwesenheit erst jetzt bewusst. Dann schiebt sich ein Schatten über uns, einer der Polizisten tritt hinter den Tresen. Er packt den zitternden Typen am Kragen seines Einheitsanzuges und zerrt ihn auf die Beine. Unsanft stößt er ihn Richtung Ausgang.
»Nach draußen!«, brüllt er ihm entgegen.
Der Mann winselt und stürzt zur Treppe. Weichei. Hat er Angst vor der Knarre des Polizisten? Ein V23er wird sie nicht gegen einen Menschen verwenden, sollte sein eigenes Leben nicht in Gefahr sein. Die schlimmste Strafe, die den Verbrechern in dieser Stadt droht, sind ein paar Tage unter Arrest. Ha ha. Irgendwie ironisch, wo doch die ganze Stadt genau genommen unter Arrest steht. Ob der Polizist mir gegenüber ebenso zögerlich mit seiner Waffe ist, dessen bin ich mir hingegen nicht so sicher.
Ich erhebe mich vom Boden, langsam. Es soll schließlich spektakulär wirken, dass ich einen halben Kopf größer als dieser Mistkerl bin. Seine Augen kleben auf mir und ich glaube, für die Dauer eines Herzschlags einen erschrockenen Ausdruck darin gesehen zu haben. Dann ist der Augenblick verflogen, seine Augen verengen sich.
»Ich brauche Verstärkung!«, brüllt er aus voller Kehle, während er eine glänzend schwarze Pistole aus dem Halfter seines Gürtels zieht. Der Lauf ist auf meine Brust gerichtet, aber ich lasse mir keine Furcht anmerken. Die habe ich ohnehin nicht, um ehrlich zu sein. Die Angst vor dem Tod habe ich mir schon vor sehr langer Zeit abgewöhnt. Ich bedauere lediglich, diesen äußerst attraktiven und gottgleichen Körper aufgeben zu müssen, sollte eine Kugel ihn durchbohren. Ich hatte mich gerade an ihn gewöhnt.
Sekunden später höre ich wieder Poltern auf der Treppe. Ich fauche und reiße den Kopf herum. Ich mache keinen Hehl aus meiner Abstammung, die hat mein Gegenüber ohnehin auf den ersten Blick erkannt, dessen bin ich mir sicher. Drei weitere Personen stürmen in die Bar, zwei Männer und eine Frau.
»Er ist ein Acrai. Wie ist er hereingekommen?« Der Mann, der die Pistole auf mich richtet, spricht mit seinen Kameraden, ohne den Blick von mir zu lösen.
Die beiden Männer, die er zur Verstärkung gerufen hat, sind wenig zimperlich. Ohne zu zögern flankieren sie mich und greifen nach je einem meiner Oberarme. Ich versuche mich loszureißen, aber ich schaffe es nicht. Mir wird bewusst, dass diejenigen vom Volk V23 ebenso kräftig sind wie meine Art. Natürlich sind sie das. Sie bergen unsere finstere Gensaat in sich.
Die Frau tritt neben den Kerl mit der Waffe und beugt sich zu mir herüber. Ihre Haare sind kinnlang und pechschwarz, ihre Haut hingegen blass. Ich schätze sie auf Ende zwanzig. Niemand ihres Volkes ist älter.
»Craig, du hast recht«, sagt sie. Sie greift in meine Haare und zieht meinen Kopf nach hinten. Ich lasse es geschehen. »Seine Augen haben die Farbe von Bernstein.«
Craig deutet mit dem Lauf der Pistole auf meinen linken Arm. »Kannst du ihm den Mantel ausziehen? Ich will mich davon überzeugen. Vielleicht ist er nur einer der menschlichen Rebellen.«
Der Kerl auf meiner rechten Seite schnaubt. Ich habe den Eindruck, dass er noch fester zupackt als zuvor. Meine Finger beginnen bereits zu kribbeln. »Glaubst du wirklich, ein Rebell käme freiwillig in die Stadt? Wohl kaum. Der ist ein Acrai, darauf wette ich.«
Ich betrachte ihn mit einem Seitenblick. Er sieht jünger aus als die anderen, vielleicht zwanzig. Seine Nase ist schief, als hätte er sie sich gebrochen. Ein junger V23er, noch ungeschliffen und temperamentvoll. Wart's ab, Bürschchen, auch du wirst die Auswirkungen der Mutation mit den Jahren noch zu spüren bekommen.
»Kane, nach deiner Meinung habe ich nicht gefragt«, bellt Craig. Der junge Mann weicht einen Zoll weit zurück, einen Moment lang lockert sich sein Griff ein wenig.
»Hilf Loraine dabei, ihm den Mantel auszuziehen.« Craig drückt mir die Pistole auf die Brust. »Wage es nicht, dich zu wehren oder einen Fluchtversuch zu starten. Du bist sofort tot.«
Ich spucke ihm ins Gesicht, aber Craig ist nicht Manns genug abzudrücken. Er stößt einen Wutschrei aus und wischt sich mit dem freien Handrücken über die Stirn.
»Ihr tötet mich doch ohnehin, weshalb nicht jetzt?« Es auszusprechen fällt mir erschreckend leicht. Wann bin ich bloß so ein kalter Hund geworden, dass mir nichts mehr an meiner sterblichen Hülle liegt?
»Was wir mit dir machen, geht dich einen feuchten Dreck an!« Er presst die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Allmählich dämmert mir, was mir bevorstehen könnte, sollten sie mich nicht töten. Und der Gedanke gefällt mir ganz und gar nicht. Ich hege keinerlei Interesse daran, als Versuchskaninchen für irre Genforscher zu fungieren.
Kane greift nach dem Kragen meines Mantels, sein Kollege auf meiner linken Seite zieht ihn mir über den Arm. Ich wehre mich nicht, als sie ihn mir vom Körper reißen und er zu Boden fällt. Loraine schnappt kaum hörbar nach Luft.
»Er hat das Mal, er ist ein Acrai«, sagt sie und spielt damit auf die hübschen schwarzen Linien an, die sich um meinen Unterarm schlingen. Genau genommen hätte ich auch einer von ihnen sein können, immerhin tragen auch V23er das Mal. Aber meine restliche Erscheinung dürfte diese Möglichkeit ausschließen.
»Habe ich doch gesagt.« Kane funkelt Craig böse an. Er ist tatsächlich noch sehr jung und voller Emotionen. Mich wundert, dass die V23er einen Frischling in die bewaffnete Einheit gesteckt haben, für gewöhnlich landen solche eher in der Nahrungsausgabe.
»Schafft ihn nach draußen«, sagt Craig und fuchtelt mit der Pistole vor meiner Nase herum. »Aber sorgt dafür, dass die Menschen ihn nicht sehen. Ich habe keine Lust auf dumme Fragen.«
»Die Menschen sind bereits abgeführt worden«, sagt Loraine.
»So? Und werden sie unter Arrest gestellt?«
»Einige. Wir haben nicht bei allen verbotene Gegenstände gefunden. Etwa die Hälfte haben wir nach Hause geschickt.«
Craig knurrt. Er macht auf mich den Eindruck, als bedauere er diesen Umstand, dabei sollte ein ausgewachsener V23er so etwas nicht empfinden. Scheinbar setzen sich ihre menschlichen Gene gegenüber den unseren dann und wann noch immer durch. Ich finde es abstoßend, dass Bruchstücke von Acrai-DNA in ihren Zellen herumgeistern. Eine Schande.
Die Polizisten zerren mich zur Treppe. Ich mache es ihnen absichtlich schwer. Nur langsam setze ich einen Fuß vor den anderen. Als wir durch die äußere Tür stoßen, ist die Sonne bereits untergegangen. Eine kühle Brise streicht durch meine Haare. Es riecht nach Staub und Unrat. Das Abwassersystem ist mit der alten Welt untergegangen, und die wenigen kläglichen Leitungen, die die V23er an ihrer Stelle verlegt haben, reichen kaum aus für alle sanitären Anlagen der Stadt. Viele Menschen halten sich nicht an die Vorschriften und verrichten ihr Geschäft dort, wo es ihnen gerade passt. Zum Glück ist die Stadt so groß, dass ich es für unwahrscheinlich halte, dass sie je in Exkrementen untergehen wird. Nicht bei weniger als zehntausend Einwohnern.
Kaum im Freien, scheinen die Staatsmänner in ihre alte Form zurückzufinden. Craig versetzt mir einen schmerzhaften Tritt in den Bauch, der mich einige Sekunden lang Sterne vor den Augen sehen lässt. Dann prallt der Griff seiner Pistole gegen meine Schläfe, Kane und sein Kamerad greifen wieder fester um meine Oberarme. Loraine steht unbeteiligt daneben und verzieht keine Miene. Von den anderen Menschen ist nichts mehr zu sehen, und Jeff ist mit meinen Drogen entweder längst über alle Berge oder unter Arrest gestellt worden. Falls ich je lebend aus der Situation herauskommen sollte, werde ich den Tag in meinem Kalender streichen. Adé, 5. Juni 2183. Du warst ein echt mieser Tag.
»Zum Hudson River«, presst Craig hervor. Sofort setzen sich die anderen in Bewegung und bugsieren mich in eine der zahlreichen Querstraßen, die Manhattan in ost-westlicher Richtung durchziehen. Von hier aus ist es nicht weit bis zum Tunneleingang, der mich durch die Barriere hindurch in die Stadt gebracht hat, aber ich bezweifle, dass meine vier Begleiter mich nach Hause geleiten wollen. Ich hoffe inständig, dass sie die undichte Stelle in ihrer Energiemauer noch nicht gefunden haben.
Als wir uns dem Ufer nähern und mir der unverkennbar modrige Geruch des Flusses in die Nase steigt, durchzuckt mich nun doch ein Anflug von Angst. Allmählich schwant mir, was Craig mit mir plant, und es gefällt mir ganz und gar nicht. Habe ich mich zuvor mehr oder weniger widerwillig abführen lassen, sträube ich mich nun mit aller Gewalt. Ich beiße dem Typen links von mir in die Hand. Dieser schreit auf und lässt mich kurz los, doch Kanes Griff ist nach wie vor fest. Während der Gebissene noch stöhnt und flucht, ist bereits Craig mit seiner Waffe an dessen Stelle gerückt. Der Lauf bohrt sich mir nun wieder unbequem in die Rippen. Ich trete um mich, aber ganz so behäbig wie ein Mensch bewegt sich auch ein V23er nicht. Ich lande keinen Treffer.
Bevor ich den Schmerz spüre, höre ich den Knall, der seinen Widerhall an den Wänden der halb verfallenen Wolkenkratzer findet. Dann knickt mein Bein unter mir weg. Meine Hose klebt feucht an meinem Schienbein, warmes Blut läuft mir in die Schuhe. Der Bastard hat mir ins Bein geschossen!
Die Wunde pocht heiß und beinahe unerträglich, aber ich tue ihnen nicht den Gefallen zu schreien. Schon merke ich, wie die Selbstheilungskräfte meines Körpers einsetzen und sich das Loch schließt. Ich hoffe, dass die Kugel auf der anderen Seite ausgetreten ist, andernfalls muss ich sie im Knochen behalten.
Craig tritt mir erneut in die Rippen. Die anderen beiden Männer packen mich unter den Achseln und schleifen mich hinter sich her, näher auf den Fluss zu. Mein Herz trommelt in einem wilden Rhythmus. Nicht der Fluss! Ich ertrage lieber noch weitere Schüsse in meine Beine.
»Werft ihn hinein!« Craigs Stimme klingt jetzt gar nicht mehr menschlich. Ich hätte nie geglaubt, dass ein ausgewachsener V23er nach seiner vollständigen Verwandlung überhaupt zu solchem Hass fähig sein könnte.
Sie zerren mich zu einer Lücke im Zaun, der die Straße vom Ufer trennt. An dieser Stelle ist die Teerschicht aufgeplatzt, ganze Bruchstücke der Straße sind in den Hudson River gerutscht. Mein Bein schmerzt noch immer, aber nicht mehr so sehr wie noch vor wenigen Minuten. Mein Körper ist trainiert und ich habe erst kürzlich Energie getankt. Ich spüre noch ein dumpfes Pochen beim Auftreten, jedoch nichts, das mich daran hindern könnte zu flüchten, sollte ich die Gelegenheit bekommen. Doch die bekomme ich nicht. Jetzt packen sie mich zu dritt, drei Männer gegen einen. Meine Sohlen schleifen über den Asphalt.
Craig greift um mein Genick und zwingt mich auf die Knie. Das Wasser ist jetzt ganz nahe, ich kann mein Spiegelbild sehen, wenn auch nur verzerrt, weil die Oberfläche vom Wind heute Abend unruhig ist.
Unvermittelt taucht Craig seine freie Hand in den Fluss und spritzt mir einige Tropfen ins Gesicht. Nicht viele, aber hinreichend, um mir zu demonstrieren, welche Qualen sie mir zufügen könnten, wenn sie es wollten. Das Wasser ätzt sich wie Säure in meine Gesichtshaut. Die V23er verstehen etwas von ihrem Fach, das muss ich ihnen lassen. Sie haben die unangenehmen Eigenschaften der Acrai, ihren Urvätern, geschickt aus sich herausgezüchtet. Sie sind nicht wasserscheu wie wir.
Ich beiße mir auf die Lippen. Ich werde nicht schreien.
»Wie bist du in die Stadt gelangt?«, schreit Craig mir ins Ohr, als sei ich taub. »Antworte!«
Erneut landet ein Schwall Wasser auf meinem Gesicht. Mir wird schwindlig, ich muss dagegen ankämpfen. Ich möchte nicht vor ihren Augen die Besinnung verlieren.
Ich schweige beharrlich. Ich werde ihnen nicht sagen, dass es einen Durchgang in der Nordröhre des Lincoln Tunnels gibt. Er ist nicht vollständig eingestürzt. Sollte ich ihnen das verraten, wäre der Zugang für meine Sippe für immer passé. Wir sind jedoch darauf angewiesen, und dabei geht es nicht bloß um den Erwerb von Luxusartikeln. Wir benötigen Menschen, um zu überleben.
»Ich werde die Antwort noch aus dir herausbekommen. Was wolltest du überhaupt auf unserem Terrain? Wildern, stimmt's? Wo haust deine Sippe?«
Alles Fragen, die ich ihm garantiert nicht beantworten werde, egal, wie sehr sie mich quälen. Mein Wille ist eisern, er kann nicht gebrochen werden. Ich fürchte den Tod nicht.
Als Craig merkt, dass ich wild entschlossen bin, mein Wissen für mich zu behalten, erhebt er sich. »Loraine, gib mir die Pistole.«
Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass er sie an sie weitergegeben hatte. Ich wittere meine Chance. Ich reiße den Kopf herum und sehe durch den Schleier aus Schmerz Craigs Silhouette, die sich vor dem Licht einer Laterne abhebt - eine der wenigen, die noch funktionieren. Er streckt die Hand aus, als wolle er etwas entgegennehmen.
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