Kitabı oku: «Der Majoratsherr. Band II.»
Nataly von Eschstruth
Der Majoratsherr
Band II
Roman
Mit Illustrationen von M. Flashar
Saga
Der Majoratsherr. Band II.
German
© 1898 Nataly von Eschstruth
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711487426
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
XV.
Was reitest du einsam durch den Wald?
Der Wald ist lang! — du bist allein — —
Du schöne Braut, ich führe dich heim!
Eichendorff.
Als sich das Grauschimmelchen so überraschend in Bewegung setzte, glaubte Pia es mit einem gewohnheitsmässigen Durchgänger zu thun zu haben, welcher erst eine tüchtige Extrapromenade machen muss, ehe es ihn wohlgesittet in den Reihen seiner Genossen duldet.
Da der Esel keine Lust zu besonderen Extravaganzen zeigte, weder ausschlug, noch den Kurs seitwärts in den Rhein oder Feld und Wald nahm, sondern mit zurückgelegten Ohren nur pfeilgeschwind auf ebener Chaussee gerade aus jagte, wollte Pia ihn nicht in dieser Belustigung stören, sondern berechnete bereits voll Humor, wieviel früher sie in Rüdesheim eintreffen würde, als ihre Reisegenossen.
Sie hielt sich, so gut es gehen wollte, im Sattel, riss den Hut, welcher verschiedentlich zu fliegen drohte, vom Kopf und hielt ihn mit den Zügeln fest in der Hand.
Die blonden Löckchen wehten im Luftzug wie ein Glorienschein, und der Haarknoten am Hinterlopf, welcher auf so ein Wettrennen nicht berechnet war, löste sich mehr und mehr und sank immer schwerer in den Nacken, bis die grossen hellgelben Hornnadeln herausflogen und das Haar gleich einem schimmernden Goldmantel über den Rücken herabrollte.
Das junge Mädchen konnte es nicht verhindern. Ihre Hände waren in Anspruch genommen und ein Toilettemachen bei diesem Tempo nicht möglich. Ein paar Weinbergarbeiter, welche ihr entgegenkamen, blieben mit weit aufgerissenen Augen stehen und starrten die seltsame Erscheinung an.
Da aber die Reiterin weder um Hilfe schrie, noch ein ängstliches Gesicht machte, so glaubten sie sich nicht berechtigt, diese wilde Jagd aufzuhalten.
Ein paar Wagen rollten ihr entgegen.
Kutscher und Insassen wandten überrascht die Köpfe und starrten der Amazone nach, welche wie ein Märchenbild an ihnen vorübersauste. Und nun sah Pia dicht vor sich ein anderes Eselchen, welches langsam und geduldig ein wenig Handgepäck schleppte, dessen Eigentümer sicherlich der grosse, schlanke Herr war, welcher leichtfüssig zur Seite schritt.
Ein halbwüchsiger Junge, der Treiber, trottete gemächlich hinterher, sich damit amüsierend, einen ersten Maikäfer am Schwanze des Grauschimmelchens auf und ab klettern zu lassen.
Dazu pfiff er vergnügt ein kleines Lied und wandte sich erst neugierig um, als der harte, eilige Hufschlag dicht hinter ihm erklang.
„Hurra! Der Hans!!“ schrie er mit schallendem Gelächter auf, und der Herr, welcher vor ihm schritt, wandte nun ebenfalls überrascht den Kopf. Schon sauste Pia heran. — Zu ihrem Staunen ging es aber diesmal nicht wieder in voller Fahrt an dem Trio vorüber.
Der Esel stoppte plötzlich ab, — stiess einen heiseren Schrei triumphierender Freude aus und drängte sich im nächsten Moment so gefühlsinnig an den anderen langohrigen Genossen an, dass Pia bei dem jähen Ruck doch noch das Gleichgewicht verloren hätte und aus dem Sattel geschleudert worden wäre, wenn der fremde Herr nicht mit schnellem Sprung an ihrer Seite gestanden und sie schützend in den Armen aufgefangen hätte.
Dieser unerwartete Wechsel des Tempos hatte die junge Dame unangenehmer berührt, wie der ganze Ritt.
Einen Augenblick drehte sich alles im Kreise vor ihren Blicken, — nach Atem ringend, presste sie die Hände momentan gegen die Schläfen und ihr Köpfchen sank schwer gegen die Schulter des Fremden zurück.
Aber nur sekundenlang währte die Betäubung, dann richtete sie sich hastig empor und blickte voll reizender Verwirrung zu ihrem Beschützer auf.
Auge ruhte in Auge und es war, als läge eine unsichtbare, geheimnisvolle Macht in diesem Blick, welcher so fest und aufleuchtend haftete, als habe er in ganz Fremdem plötzlich etwas nahe Verwandtes, längst Bekanntes entdeckt.
Pia ward dunkelrot und stammelte sehr verlegen ein paar Worte des Dankes, der Fremde aber zog höflich den Hut und lächelte.
„Ich erachte es als einen ganz besonderen Vorzug, mein gnädigstes Fräulein, Ihnen dienen zu können! Sie hatten das Missgeschick, einen sehr ehrgeizigen Vollblüter zu besteigen, welcher seinen kleinen Kollegen hier nicht vor sich sehen wollte! Wie bedaure ich, die unschuldige Veranlassung zu ihrem beschleunigten Ritt durch meinen Gepäckträger gegeben zu haben!“
Pia strich noch immer etwas fassungslos die verwehten Goldlöckchen glatt. — „Ah, nun begreife ich erst die Ursache meines Wettrittes und fürchte, es wird schwer halten, den Esel zur Umkehr zu bewegen, so lange er in seinem Gefährten hier einen Rivalen erblickt.“
„Ihre Angehörigen sind zurückgeblieben?“
„Leider so weit, dass man sie kaum noch erkennen kann! Ich hätte nie geglaubt, dass ein Esel so fabelhaft laufen kann!“
„Jetzt ist er die Sanftmut und Trägheit selbst; sehen Sie nur dieses Stillleben! Ich glaube, wir haben es hier mit guten Freunden à la Castor und Pollux zu thun!“
Der Fremde wies mit amüsiertem Gesicht auf die beiden Esel, welche dicht voreinander, Stirn gegen Stirn gelehnt, regungslos standen.
„Gewiss, mein Herr, die beiden gehören ja auch zusammen!“ lachte der Eseltreiber so fröhlich, dass seine weissen Zähne blinkten. „Hans und Grete stehen in einem Stall und machen auch meist alle Partien zusammen! Wenn sie getrennt werden, fasst sie gleich der Jammer an, und ein paarmal ist der Hans schon ganz weite Strecken zurückgaloppiert, um wieder bei seiner Alten zu sein!“
Man lachte, und der fremde Herr trat zu dem Genannten heran, ihm anerkennend den Rücken zu klopfen.
„Das ist brav! Auch ein Esel muss beweisen, dass es ein schönes Ding um die Treue ist! — — Sie befehlen wieder aufzusteigen, mein gnädiges Fräulein?“
Pia hatte prüfend nach dem Sattel gefasst: „Ich muss doch meine Angehörigen wieder erreichen!“ sagte sie, mit besorgtem Blick die grosse Entfernung messend, welche zwischen ihr und den Niedecks lag. Der Treiber grinzte: „Der Hans dreht alleine nicht wieder um, Fräuleinchen! Daraufhin kenne ich den Satan schon!“
Pia blickte hilflos zu dem fremden Herrn empor und erglühte abermals unter dem Blick, welchen er auf sie richtete.
„Befehlen Sie, mein gnädiges Fräulein, dass wir mit Ihnen umkehren?“ —
„O, das wäre unbeschreiblich liebenswürdig!“
„Nee, nee — da wollen wir nur erst gar nicht den Versuch machen!“ wehrte der Treiber mit resignierter Geste. „Die Grete drängt nach dem Stall — hat den Weg zweimal heute gemacht und ist müde. Zu Hause gibt’s Futter, das weiss sie.“
„Nun, versuchen wir’s wenigstens! Wollen Sie wieder dem getreuen Hans die Ehre anthun und aufsteigen, gnädiges Fräulein?“
Pia schüttelte hastig das Köpfchen, ohne die Hand, welche der Sprecher ihr hilfreich darbot, zu berühren.
„Ich bin so weidlich durchgeschüttelt, dass ich vorziehe, ein Stückchen Wegs zu gehen!“ —
„Wie Sie befehlen!“ Nun vorwärts, — kehrt!“
Wohl liessen sich die Esel zwei Schritte zurückführen, dann machten sie jedoch energisch Halt und strebten ihrer Heimat Rüdesheim zu.
„Die Kanaillen thun’s nicht, — und wenn wir sie tot schlagen! So ein Vieh hat auch Charakter!“ schmunzelte der Junge.
„Ich fürchte allerdings auch, meine Gnädigste, dass gegen diese Halsstarrigkeit selbst Götter vergebens kämpfen! Ich erlaube mir aber vorzuschlagen, dass wir ganz langsam unseren Weg fortsetzen und der Hoffnung leben, dass Ihre verehrten Reisegenossen etwas flotter zureiten und uns einholen!“
Pia sah ein, dass ihr nichts anderes zu thun übrig blieb. „Wenn Sie gestatten, mein Herr, dass ich mich unter ihren liebenswürdigen Schutz stelle, mache ich gern von Ihrem Anerbieten Gebrauch!“ — sagte sie, sich gewaltsam zu der sicheren Ruhe zwingend, welche sonst ihrem Wesen eigen war. —
Der Fremde verneigte sich mit vollendeter Eleganz. Einen Augenblick schien er zu zögern, — dann zog er mit schneller Bewegung abermals den Hut und klappte die Hacken zusammen.
„Forstassessor Karl Hellmut —!“ stellte er sich vor. Fräulein von Nördlingen neigte lächelnd wie eine Königin, welche eine Ovation entgegennimmt, das Köpfchen, aber sie errötete abermals bis auf den weissen Hals herab, als sie in seine fragenden Augen sah.
Erwartete er auch ihren Namen zu hören? Der Hals war ihr wie zugeschnürt, — Lilian Luxor — wollte nicht über ihre Lippen. Der Assessor trat an ihre Seite und beide schritten langsam aus.
„Ein Eselsritt gehört meiner Ansicht nach nie zu den Annehmlichkeiten —“ begann er die Unterhaltung, „und ein Galopp auf solchem Renner muss geradezu fürchterlich sein! Ich bedauere lebhaft, dass ich Ihnen keinen Wagen zur Verfügung stellen kann! Sie sind gewiss aufs höchste ermüdet!“ —
„Das schliessen Sie nach meinem desolaten Äusseren?“ lächelte sie, hastig nach ihren Haaren fassend, mit dem Versuch, sie wieder aufzunesteln; sie hatte gesehen, wie sein Blick, während er zu ihr sprach, wie gebannt an der gelösten, goldschimmernden Pracht hing. „Ich kann mich in dieser Verfassung gar nicht in anständiger Gesellschaft sehen lassen, und doch weiss ich nicht, wie ich dem Schaden abhelfen soll, da ich zu meinem Schrecken sehe, dass ich sämtliche Nadeln verloren habe!“
Ihr Begleiter nickte mechanisch vor sich hin.
„Wie freundlich von dem Schicksal, dass es Ihnen diese kleinen Verbündeten raubte! Wie schön ist dieses lange, offene Frauenhaar, und wie selten wird uns die Freude seines Anblicks! Ich versichere Ihnen, dass Ihre Frisur für jedermann nur erquicklich sein kann!“ — Er sprach sehr ruhig, ohne im mindesten zu markieren, dass er ihr eine Eloge sagen wollte. Dann fuhr er unvermittelt fort: „Sie stehen gleich mir im Begriff, eine Rheinreise zu machen?“
„Wir haben dieselbe heute in Castell begonnen!“
„Und Sie sehen den herrlichsten und königlichsten aller Ströme auch zum erstenmal?“ —
Sie schüttelte verneinend, ohne ihn anzusehen, den Kopf. „Ich kenne den Rhein zu allen Jahreszeiten, allerdings nur von dem Schiff oder dem Eisenbahncoupé aus; ihn aber gründlich zu Fuss und Esel zu studieren, beabsichtigen wir jetzt zum erstenmale.“
„Und wann gefiel er ihnen bisher am besten?“ —
Sie sah mit sinnendem Blick an ihm vorüber, in die maienhelle, jubelnde, farbenbunte Pracht der Landschaft hinaus.
„Das ist schwer zu sagen, weil alle Schönheit nur Geschmacksache ist! Ich für meine Person werde dem Winter stets den Vorzug geben.“
„Ah — thatsächlich? Sie überraschen mich. Ich bildete mir ein, gerade das frische Blühen, Leben und Treiben gäbe dem Rhein und seiner Umgebung das charakteristische Gepräge! Ehrlich gestanden, kann ich mir dieses reizende Bild kaum unter starrendem Eis und Schnee vorstellen!“ —
„Und dennoch hat es mich entzückt. Die wunderbar feierliche Ruhe gestaltet alles, was jetzt nur lieblich erscheint, im Winter geradezu majestätisch. Das, was am Rheinufer einzig hässlich ist, die unbelaubten Rebengelände mit ihren unpoetisch starrenden Spalieren und Stäben, welche den Bergen im Frühling und Spätherbst das Aussehen von Stachelschweinen geben“ — er lachte leise auf — „die hüllen sich im Winter in schimmernde Schneedecken und thun dem Auge nicht mehr weh durch die praktischen Gebilde von Menschenhand! Der Fluss selber wogt in gewaltiger Schöne still und einsam dahin, oder er gleicht einem schimmernden Spiegel von fleckenlosem Krystall — oder bietet gar das unbeschreiblich grossartige Schauspiel eines Eisganges, dieser unvergleichlichen Illustration aller wild entfesselten Leidenschaft; — und darüber thronen wie funkelnde Märchengebilde die Ruinen und Schlösser, — weiss in weiss —, geheimnisvoll, unerreichbar und zauberhaft, die Träume, welche eines Dichters Phantasie in die Wolken malt!“
Sie hatte schnell und lebhaft gesprochen, sie fühlte, dass sein Blick unverwandt an ihrem Antlitz hing und darum sprach sie immer weiter, um einer gewissen Verlegenheit Herr zu werden. Noch hatte sie ausser dem ersten schnellen Blick keine Gelegenheit gefunden, sein Antlitz genau zu sehen, jetzt blieb er plötzlich stehen und wandte sich, um rheinab zu schauen.
„Alles Ungewohnte übt einen besonderen Reiz auf den Beschauer“ — sagte er ernst, „und wenn die stille, verschneite Wintereinsamkeit Sie entzückt, so beweist es mir, dass Sie dazu verurteilt sind, Ihr Leben in grossen Städten in rauschender, wechselvoller Geselligkeit zu verbringen. Bei mir ist es umgekehrt der Fall, ich komme aus dem Gebirge, wo monatelang die Krähen am Himmel meine einzige Gesellschaft waren. Ich habe gelitten unter der trostlosen Stille und Verlassenheit, unter den Gefängnismauern von Eis und Schnee, welche mich umgaben! Nun mutet mich dieses frisch pulsierende, glückselige Getreibe hier an, wie einen Menschen, welcher neugeboren in die Welt tritt und mit vollen Zügen ihren Lebens- und Liebesodem einatmet!“ —
Und er atmete auch tief — tief auf, als er sprach, zog den Hut vom Kopf und strich die Haare aus der heissen Stirn. —
Pia sah ihn an; welch ein interessantes, einnehmendes Gesicht! Vornehm edle Züge, — ernst, ruhig, wettergebräunt wie das Profil einer antiken Broncestatue.
Ein Zug herber Energie lag um die Lippen, welche von dunklem Schnurrbart beschattet wurden. Das Jagdcivil hob die kraftvoll elastische Gestalt, welche trotz der anspruchslosen Kleidung einen so distinguierten und eleganten Eindruck machte, als sei ihr Träger gewohnt, im Tressenkleid und Ordensband über das Parkett zu schreiten, nicht aber als Einsiedler in weltfernen Bergen zu hausen.
Mit einem Interesse, welches ihr sonst den Herren gegenüber fremd war, blickte Pia zu ihm auf. „Leben Sie denn ganz allein im Wald?“ — fragte sie, weil ihr keine bessere Antwort einfallen wollte. Er drückte den weichen Filzhut wieder in die Stirn und schritt an ihrer Seite weiter.
„Ganz allein, — wenn Sie mein Forstpersonal und eine alte Wirtschafterin abrechnen.“
„Liegt denn keine Stadt in der Nähe, welche Ihnen zeitweise Abwechselung bieten könnte?“ —
„Das wohl, aber dieselbe ist oft monatelang unerreichbar für mich; wenn wir in den hohen Bergen eingeschueit sind, leben wir unter ähnlichen Verhältnissen, wie einst Robinson auf seiner Insel, ihn trennte das Weltmeer von der Heimat, uns der Schnee und sein Wasser. Solche Zustände können Sie sich gewiss gar nicht vorstellen, mein gnädiges Fräulein, sie leben stets in grossen Städten?“ —
„Ja, das Landleben ist mir völlig fremd.“
Eine kleine Pause entstand und sein Blick hing wie in fragender Erwartung an ihren Lippen, wohl in der Hoffnung, dass auch sie ein wenig von daheim erzählen werde.
Feines Rot stieg abermals in die Wangen des jungen Mädchens. Sie wandte den Kopf und blickte zurück.
„Wie weit sie immer noch entfernt sind! Sicherlich wollen ihre Esel durch Saumseligkeit wieder gut machen, was der meine an Voreiligkeit sündigte!“ —
„Sie reisen mit Ihren Eltern?“ — fragte er, ebenfalls dem fernen Reiterpärchen entgegenschauend.
Pia zögerte mit der Antwort; die kleine Komödie, welche man ihr zumutete, fiel ihr so schwer. Unnötige Lügen wollte sie keinesfalls sagen: „Ich stehe unter dem Schutz von Onkel und Tante, die Reiterin, welche Sie dort sehen, ist jedoch meine Cousine, deren Mutter im Wagen noch folgen wird. Die Kleine liebt es sehr, mich Schwester zu nennen, um sich dadurch einen heissen Wunsch in der Einbildung wenigstens zu erfüllen. Sie hat leider nie Geschwister besessen und wird von den Eltern in weitgehendster Weise verwöhnt; auf ihren Wunsch mussten wir diese fatale Eselpartie unternehmen und unser behagliches Stillleben auf dem Dampfschiff unterbrechen.“
Er lächelte und sah die Sprecherin mit seltsamem Blick an.
„So bin ich dem kleinen Fräulein zu besonderem Dank verpflichtet, denn ohne den treuen Hans würde ich wohl nicht die Freude gehabt haben, Sie kennen zu lernen!“ —
„Die Freude dürfte wohl eine sehr geteilte sein. Sie kommen um meinetwillen nur sehr langsam vom Fleck!“ —
„Ich habe nichts zu versäumen und sagte Ihnen bereits, gnädiges Fräulein, dass ich armer Einsiedler für jede Minute, welche ich in so liebenswürdiger Gesellschaft verleben darf, dankbar bin!“
„Es wäre doch wohl besser, ich kehrte um und ging den Meinen entgegen!! Hans kommt wohl in Begleitung seiner Grete sicher in Rüdesheim an!“
Der Assessor blieb abermals stehen und faltete mit düsterem Blick die Brauen. „Ihr Wille ist mir Befehl!“ antwortete er resigniert. „So waren diese Minuten der Freude gar kurz und gezählt!“
„Aber, Fräuleinchen, warum wollen Sie sich denn so müde machen und zu Fuss laufen!“ — mischte sich der Eseltreiber in das Gespräch, — „in zehn Minuten sind die anderen Herrschaften bei uns und dann können Sie allesamt bequem im Sattel sitzen!“
Pia nickte. „Sie haben recht, — also zählen wir die Minuten weiter, Herr Assessor.“
Sein Blick leuchtete auf, — unwillkürlich schritt er schneller aus, als wolle er die Entfernung zwischen dort und hier vergrössern, anstatt verringern.
„Werden Sie in Rüdesheim bleiben, gnädiges Fräulein?“ —
„Wohl nur heute nacht, um morgen in aller Bequemlichkeit die Partie nach dem Niederwald machen zu können. Wir verschmähen die Bergbahn und hoffen mehr Genuss von einer Wagenpartie zu haben, welche in Assmannshausen endigen soll.“ —
„Just so lautet auch mein Plan, — nur mit dem Unterschied, dass ich die Tour zu Fuss machen wollte! Sie ist ja nicht im mindesten anstrengend und würde auch Ihnen sicherlich zusagen!“
„Ohne Zweifel, ich wandere ausserordentlich gern durch Gottes schöne Welt! Fränzchen und Onkel würden wohl auch meiner Ansicht sein, aber die arme Tante ist sehr schlecht zu Fuss und gezwungen, Wagen oder Reittier zu benutzen. Werden Sie längeren Aufenthalt in Assmannshausen nehmen? Das dortige Kurhaus soll eine der herrlichsten Sommerfrischen sein, welche man aufsuchen kann!“ —
Er schüttelte langsam den Kopf: „Dazu fehlt mir die Zeit! Ich habe mir vorgenommen, gar viel Schönes zu sehen, wollte, wenn irgend möglich, noch einen Abstecher nach der Mosel machen und vielleicht auch Ems ansehen, — der Urlaub aber ist nicht allzulang bemessen, und da heisst es, rüstig ausschreiten, um alles geniessen und ausnutzen zu können!“ —
Ein paar Landleute kamen singend des Weges daher.
„Und die Welt so offen — und das Herz so weit!
Ach, wie wunderschön ist die Frühlingszeit!“ —
„Ja, wie wunderschön ist sie, die Jugend- und die Frühlingszeit!“ atmete der Assessor tief auf, und sein Blick schweifte wie trunken über Strom und Gelände und haftete an dem wallenden Blondhaar seiner Nachbarin, welches der Wind leicht und duftig wie einen goldenen Schleier hob. „Singen Sie auch?“ — fragte er plötzlich. Sie schüttelte sehr energisch das Köpfchen: „Nur dann, wenn es mir danach zu Sinne ist! Ich bedarf einer besonderen Stimmung zum Singen.“
„Und ist die glückselig jubelnde Lenzesstimmung nicht da? Liegt sie nicht zauberhaft in der Luft und lockt die Lieder über die Lippe?“
Sie lächelte: „Diese Stimmung — so sehr sie mich auch in jedem Lufthauch umgibt, ist mir doch zu fremd, um mich derart beeinflussen zu können! Nur was mir selber aus tiefinnerstem Herzen quillt, wird zu Sang und Klang! Der Frühling entzückt mich wohl, aber er bewegt mich nicht so tief, dass er mir Lieder gibt!“ —
„O, wie gerne möchte ich Sie einmal singen hören!“ sagte er leise. „Ein Lied von Ihnen ist gleich einem Blick in Ihr Herz.“ —
Sie strich jählings die wehenden Goldlöckchen hinter das rosige Ohr und wandte sich so weit zur Seite, dass er nur ihr zartes Profil gegen den funkelnden Wasserspiegel sah.
„Sie sind gewiss selber sehr musikalisch, dass Sie sich sogar lebhaft für Leistungen interessieren, welche gar keine Garantie für irgend welche Schönheit oder Vollkommenheit bieten! — Welches Instrument meistern Sie?“ —
Sie versuchte zu scherzen und er stimmte heiter in ihren Ton ein: „Dasjenige, welches hier am Rhein ganz besondere Existenzberechtigung hat! Zwar bin ich kein Trompeter von Säckingen, habe auch noch keiner Margarete ein Ständchen gebracht und keinen Hidigeigei in seinen edelsten Empfindungen verletzt, — aber „Hirsch tot“ — und „Wasserfanfare“ und was sonst das edle Gejaid noch für Sang und Klang mit sich bringt, das blase ich mit grosser Virtuosität!“
„Wie gern würde ich Sie blasen hören!“ — persiflierte sie ihn voll feiner Ironie. „Solch ein Hornsignal würde einen Blick in die schönste Treibjagd bedeuten!“
„Auch Amor hält ein fröhliches Jagen mit Pfeil und Bogen, und bei ihm herrscht umgekehrte Welt! Da bläst der Jäger nicht, wenn er den Hirsch im Feuer fallen sah, sondern wenn er selbst das tödliche Geschoss im Herzen trägt!“ —
„So viel ich weiss, haben aber die Herzen jetzt noch Schonzeit!“ lachte sie mit schelmischem Seitenblick.
Er machte ein desto ernsteres Gesicht: „Sie irren, mein gnädiges Fräulein, gerade der Lenz öffnet dem Morden Thür und Thor! Amors Übermut ist nie so gross, als wie jetzt, wo die Menschen ihre einsamen, sicheren Stübchen verlassen und sich im goldenen Sonnenschein ahnungslos zu seinen Zielscheiben machen! — Wenn der Fuchs im Bau sitzt, hält es schwer, ihn zur Strecke zu bringen, wenn er aber — von milder Frühlingsluft bethört, ein sehnsüchtig Wandern anhebt, kann es ihm leicht passieren, dass eine „Jägerin — schlau im Sinn“ — weiss in Eil — Pfeil auf Pfeil — aus dem Aug’ zu schicken!“ —
„Solche Pfeile ritzen nur ein wenig die Haut und lassen sich sehr bequem wieder abschütteln! Die Frauen studieren heutzutage allerdings alles Mögliche und Unmögliche, dass sich aber schon eine zur Scharfschützin ausbildete, hörte ich noch nie!“
„Weil das überflüssig sein würde. Auf diesem Gebiet wird jede Dame als Meisterin geboren!“
„Ich bedanke mich bestens im Namen aller meiner Mitschwestern. Wenn Sie aber die Gefahren des Lenzes so gut kennen, warum fordern Sie Ihr Schicksal so leichtsinnig heraus?“ —
„Ja, leichtsinnig, das ist das rechte Wort, es liegt wohl so in der Natur des Mannes, dass er gern der Gefahr in das Auge sieht. Ich habe mir, ehe ich diese Reise antrat, sehr oft klar gemacht, dass die ‚Warnung vor dem Rhein‘ sehr gerechtfertigt sei. Ich sagte mir, dass ich möglicherweise der Zauberin Lorelei begegnen könne, welche schon so manch armen Bursch zu Grunde gerichtet — — und doch ... trotz dieser Befürchtung zog ich dennoch an den Rhein!“
„Dieser Mut imponiert mir nicht, denn jeder ‚arme Bursch‘ weiss es heutzutage, dass die Hexe Lorelei nur ein schönes Märchen ist!“
„Wahrlich ein Märchen?“ Ein wunderliches Lächeln huschte um seine Lippen, er bog den Kopf zurück und schaute auf ihr Haar. „Ich habe nie so sehr an holde Märchen geglaubt wie heute!“
Pia empfand, dass ihr das Blut abermals in die Wangen stieg, sie war so leichtsinnig gewesen, den Sprecher anzusehen, und nun brannte sein Blick in ihrem Auge und sprach von soviel glückseligem Lenzesjubel, von soviel wonniger, sonniger Jugendlust! —
„An den Rhein, an den Rhein! zieh nicht an den Rhein,
Mein Sohn, ich rate dir gut!“
klang es wie ein Echo vom Fluss herüber, wo ein weisses Segel langsam durch den Sonnenglanz zog.
„Jetzt kommen die Herrschaften aber plötzlich im Trabe an!“ rief der Eseltreiber hinter ihnen mit hellem Jauchzer. „Jetzt wittern die Langohren auch schon die Nähe vom Rüdesheimer Stall!“
Pia atmete auf wie erlöst. Sie wandte sich hastig zurück und schwenkte das Taschentuch durch die Luft.
Klipp-Klapp! Klipp-Klapp! klang der harte Hufschlag der herantrabenden Eselchen auf der Chaussee und Hans und Grete machten fröhlich Halt und begrüssten die nahenden Kollegen mit kräftiger Stimme.
„Werden Sie die Güte haben, mich Ihren Verwandten vorzustellen?“ bat der Assessor. „Wir haben uns so oft bei den Minuten verzählt, dass wir noch einmal von vorn anfangen müssen!“
Pia nickte fröhlich. Die Nähe ihrer Angehörigen gab ihr die alte Sicherheit und Ruhe wieder und sie hatte keine Zeit, über das Seltsame nachzudenken.
Ja, sie, die spröde, abweisende Pia, fand es plötzlich ganz selbstverständlich, dass dieser fremde Assessor mit den Ihren bekannt werde und sich bis Rüdesheim zu ihnen geselle.
„Aber, Lilian, was sind denn das für alberne Witze, die du mit deinem verrückten Hans machst?“ rief Fränzchen schon aus der Ferne und hob drohend die derbe Faust. „Ich sage es ja, Esel bleibt Esel! Ein dämlicheres Vieh giebt es auf Gottes weiter Welt nicht!“
Überrascht blickte der Assessor auf die Sprecherin, und Pia, welche ihn mit schnellem Seitenblick beobachtete, konnte kaum das Lachen unterdrücken.
„Ihr Fräulein Cousine?“ flüsterte er mit einem Gesichtsausdruck, in welchem Amüsement und Betroffenheit um die Oberhand stritten.
Das junge Mädchen nickte. „Machen Sie sich auf alles gefasst, Fräulein Fränzchen ist ein Original!“
Das schien in der That so.
Ihr Grauchen machte neben dem treuen Hans Halt, und die junge Gräfin schwang sich mit der Grazie eines Kartoffelsackes mit beiden Füssen zugleich auf die Erde, versetzte dem armen Esel noch einen Gertenhieb auf seinen nicht gerade edelsten Körperteil und wandte sich dann mit ausgebreiteten Armen zu Pia, um sie vor unbändiger Wiedersehensfreude zu umarmen. Dann traf ihr Blick in stummer, aber sehr energischer Sprache den Fremden.
„Wen hast du dir denn da angebändigt, Lilian?“
„Darf ich bitten, gnädiges Fräulein, mich der jungen Dame bekannt zu machen?“
„Liebe Franziska, gestatte, Herr Forstassessor Hellwaldt!“ —
„Hellmuth — wenn ich bitten darf!“ lächelte der Vorgestellte höflich.
Fränzchen machte einen unbegreiflich spasshaften Diener, mehr vornüber wie nach unten, so dass es aussah, als persifliere sie das Kompliment des jungen Mannes.
„Muth oder Waldt, das ist ganz Wurscht, wenn’s man bloss helle ist!“ lächelte sie herablassend und belachte dann selber ihren Witz recht herzlich. „Haben Sie das Biest da vielleicht aufgehalten, als es an Ihnen vorbeipreschen wollte?“ Sie versetzte zur näheren Bezeichnung dem guten Hans einen Nasenstüber, dass er mit klappernden Hufen zurückprallte.
„Der Herr Assessor hat noch mehr gethan“, sagte Pia mit mühsam erkämpftem Ernst, „er hat mir das Leben gerettet und mich rechtzeitig aufgefangen, als mein Durchgänger mich zu Boden schleudern wollte!“
In Fränzchens Gesicht spiegelte sich momentan ein hohes Entsetzen, sie fasste den Arm der Cousine so ungestüm, als wolle sie selber jetzt noch rettend zugreifen, dann hob ein tiefer Atemzug ihre Brust, und mit treuherzigstem Gesicht, welches in Dankbarkeit erstrahlte, streckte sie dem Assessor die grosse, derbknochige Hand entgegen.
„Sie sind ein Prachtkerl, ich danke Ihnen! Sie haben das Beste und Edelste gethan, was je ein Mensch thun konnte und was ich Ihnen immer neiden werde!“
Der Assessor lachte: „Sie beschämen mich, mein gnädigstes Fräulein, und beloben etwas Selbstverständliches über Gebühr! Dennoch hoffe ich, dass Ihre so wohlwollenden Gesinnungen unsere flüchtige Bekanntschaft zu einer dauernden gestalten werden!“
Fränzchen nickte sehr gönnerhaft und schüttelte die Hand des jungen Forstmannes, dass die Gelenke knackten. „Verlassen Sie sich darauf“, sagte sie pathetisch, „Sie sollen sich nicht in mir getäuscht haben!“ —
Abermals klang Hufschlag neben ihnen; Graf Willibald gelangte zwar später, wie seine Tochter, aber doch glücklich und wohlbehalten neben dem „durchgebrannten“ Pflegekind an.
XVI.
Lauten klangen! Buben sangen, wunderbare Fröhlichkeit!
Und der Himmel wurde blauer und die Seele wurde weit!
Märchenhaft vorüber zogen Berg und Burgen, Wald und Au; —
Und das alles sah ich glänzen in dem Aug’ der schönsten Frau!
Der Assessor zog abermals den Hut und wandte sich mit bittendem Blick zu Pia und diese begegnete seinem Wunsch mit dem liebenswürdigsten Lächeln. Diesmal nannte sie seinen Namen ganz richtig, ja, sie sagte sogar mit einer gewissen Betonung „Herr Forstassessor Karl Hellmuth!“
Er bemerkte es, sein Blick leuchtete auf. Onkel Willibald grüsste in bester Laune von seinem Maultier herab.
„Freut mich sehr, Verehrtester! Habe den Vorzug, mich Ihnen ebenfalls bekannt zu machen, Mr. Reginald Luxor! Schwergeprüfter Vater jener schönen Ausreisserin — —“
„Pflegevater meinst du, Onkelchen! Offiziell denkst du dich wirklich nicht mit falschen Federn zu schmücken!“
Der Graf lachte ein wenig betroffen, fasste sich aber schnell: „Hexe du, wollte gern ein wenig mit der grossen Tochter renommieren! Na, ‚Onkel‘ ist auch eine schöne Würde, nicht wahr, mein bester Assessor? Sie tauschten gewiss sofort mit mir! Aber nun bitte ich dringend, Kinder, helft mir von diesem elenden Marterrosse hier herab. Ich fühle kaum noch meine Knochen, so hat der Schinder mich durcheinander geschüttelt! Ah, Gott sei Dank, wieder festen Boden unter den Füssen, und Rüdesheim glücklicherweise in Sicht, na, da soll mich Gott bewahren, dass ich noch einmal aufsteige! Vorwärts, ihr Mädels, jetzt wollen wir stolz zu Fuss gehen, und Sie, mein verehrtester Herr Assessor, nehmen Sie nochmals besten Dank, dass Sie sich unserer Lilian so gütig angenommen haben! War ja eine ganz romantische Geschichte mit dem Hans, und ein Desertieren aus Liebe darf nicht bestraft werden. Aber die arme Lilian hat keinen üblen Zauberritt gemacht, kam wohl ganz desolat bei Ihnen an, was?“
„Na, das siehst du doch schon an ihrem Haar!“ unterbrach Fränzchen. „Übrigens musst du meinem Freund Hellmuth noch viel inniger danken, denn wenn er unsere Amazone nicht rechtzeitig aufgefangen hätte, hätte Lilian recht unliebsam am Chausseestaub gerochen!“
„Was der Tausend?!“ erschrak der Pseudo-Mr. Luxor, mit etwas steifen Beinen an Hellmuths Seite weiter humpelnd und ihn in seiner jovialen Weise schnell in ein Gespräch verwickelnd, während Fränzchen sich abermals an Pias Arm hüngte und gemächlich mit ihr den Herren folgte. —
Sie zog die Cousine näher an sich und blickte mit grossen, lebhaften Augen zu ihr empor.
„Wie viel Rangen hat er denn?“ fragte sie.
„Rangen? ... Wer?!“ —
„Na, da vorne dein Beschützer im Jägerhut!“
„Rangen ... was meinst du damit?“ stammelte Pia betroffen.
„Na, junge Hunde nicht, sondern Kinder! Kinder, wie sie eben alle Familienväter mehr oder weniger aufzuzählen haben!“ —
Fräulein von Nördlingen blickte starr zu der Sprecherin herab. „Der Assessor ... verheiratet?!“ —
„Na natürlich, hat er es etwa verheimlicht?“ fuhr Fränzchen mit flimmernden Äuglein auf.
„Nein .... gewiss nicht ... im Gegenteil ....“ stotterte Pia vorsichtig. „Aber woher weisst du denn das?“ —
„Woher wohl! — habe eben meine Beziehungen, und weisst du, so ein Eseltreiber besitzt Menschenkenntnis, der sieht täglich so und so viele Visagen an sich vorüberziehen, da macht er eben seine Studien!“
„Ah, so! Der Junge hat es dir verraten?!“ lachte Pia leise, und es war, als atmete sie dabei recht tief und erleichtert auf. „Womit begründete er seine Ansicht?“
„Mit den allgemeinen Merkmalen; er hatte den Assessor wohl beobachtet und schloss von seinem ernsten, gesetzten Wesen auf den Familienvater, na — und wie du ja zugibst, nicht mit Unrecht. Es wäre ja auch gar zu toll gewesen, wenn du mit einem unverheirateten Jüngling so mutterseelenallein und solo auf der Chaussee herumgebummelt wärest!“
Aha! das war wieder der eifersüchtige Klang in der Stimme!
Pia wollte scherzend entgegnen, aber ein leises Platschen im Wasser, welches hinter ihnen ertönte, nahm Fränzchens Aufmerksamkeit bereits in Anspruch.
Sie schnellte herum und sah voll höchsten Interesses, dass einer der Eseltreiber sich damit amüsierte, Steine zu sammeln, um auf dem Wasser „Häschen“ zu werfen.
Das schien just etwas für Fränzchens Geschmack.
Ihr Arm, welcher die Cousine so eifersüchtig an sich drückte, lockerte sich merklich und, halb rückwärts gehend, beobachtete die Komtesse das Spiel, bis sie schliesslich von der Passion übermannt wurde, Pia hastig losliess und mit wenigen Schritten an der Seite des Eseltreibers stand.
„Viel flacher werfen — sonst springt er im Leben nicht!“ —
Der Junge grinzte ein Gemisch von Hochachtung und Vergnügen.
„Das ist mal nicht so leicht, wie’s aussehen thut!“ renommierte er. „Auf drei Würfe kann man nur einen als sicher rechnen! —“
Fränzchen hatte die Hände rückwärts zusammengelegt und lächelte geringschätzig: „Na, noch mal und dann komme ich dran!“
„Aber Kind!“ entsetzte sich Pia, und Vater Willibald drehte sich herum, brach jählings sein Gespräch ab und lachte fröhlich vor sich hin: „Na, da muss der Wildfang wieder mitmachen! Natürlich! Haha — in Lugano war dies „Häschenwerfen“ allgemeiner Sport und Francis, welche überhaupt sehr sportlich passioniert ist, hat diesem Vergnügen ehrlich gefröhnt!“
Wohlgefällig schmunzelnd versenkte er die Hände in die Taschen seines weiten Beinkleides und trat den Leistungen einen Schritt näher.
Der Assessor benutzte den Augenblick und kehrte an Pias Seite zurück. Man blieb stehen und ergötzte sich an den eifrigen, meist vergeblichen Anstrengungen der Treiber.
„Na — nun mal her mit einem Geschoss!“ — fuhr die Komtesse schliesslich voll Ungeduld dazwischen, überflog mit scharfem Blick die umliegenden Steine des Ufergerölls und wählte einen recht flachen, glatt gewaschenen Kiesel.
„Hm — gut!“ nickte der Papa Beifall.
Und Fränzchen bog sich kunstgerecht in der Taille, holte weit und energisch aus, und — hopp — hopp — hopp — saust der Stein über den kräuselnden Wasserspiegel.
Ein Hurra der Treiber und ein unverständliches Grunzen des Grafen belohnte die Leistung.
„Brillant, mein gnädiges Fräulein!“ nickte auch der Assessor überrascht und dann wandte er sich im Flüsterton an seine Nachbarin.
„Es ist ganz merkwürdig, wie Ihr Fräulein Cousine die Sache handhabt; noch nie im Leben sah ich eine Dame, welche derartig, möchte sagen — ‚jungenhaft‘ — die Steine wirft! Beobachten Sie einmal, diese Armbewegung ist ausgesprochene Eigenart der Knaben! Fräulein Fränzchen ist die erste junge Dame, welche ich derart werfen sehe!“
„Die Kleine ist ja in all ihren Bewegungen und Manieren leider sehr derb, ich möchte sagen, etwas verwildert! Sie ahmt nach, was ihr imponiert und fragt nicht, ob es sich für sie passt oder nicht!“
„Die Kleine? Ich dächte, Ihr Fräulein Cousine wäre auffallend stramm und gross für ihr Alter!“ lächelte Hellmuth.
„Das allerdings! Es sieht aber alles so ungeschickt und tollpatschig an ihr aus, und mit dem Diminutivum „klein“ will ich auch mehr den Begriff „jung“ ausdrücken!“
„Ich würde Mr. Luxor sowohl wie seine Tochter nie für Engländer gehalten haben, — auch Sie nicht Miss Lilian!“
Pia wandte sich sehr weit zur Seite, um einer vorüberschreitenden Winzerin nachzusehen.
„Nicht Engländer, — Deutsch-Amerikaner!“ verbesserte sie schnell. „Sie wundern sich über unser korrektes Deutsch?“
„Ich habe das Deutsch nie so fliessend und gut von Ausländern sprechen hören!“ —
„Wir verdienen diese Bezeichnung eigentlich auch nicht, denn meine Verwandten leben seit langen Jahren in Deutschland. — Übrigens“, Pia brach kurz ab und trat mit reizend vertraulichem Lächeln einen Schritt näher zu ihm heran, „ich habe vorhin einen spasshaften Irrtum bemerkt! Fränzchen bildet sich ein, in Ihnen einen verheirateten Mann und Familienvater zu sehen, und wollen wir uns doch den Scherz machen, sie in diesem Glauben zu erhalten!“
„Verheiratet, ich?“ — Der Assessor lachte leise auf. „Noch vor vier Wochen war es mein sehnlichster Wunsch, und heute möchte ich es als höchstes Glück preisen, dass ich noch frei bin!“ —
„Solche traurige Erfahrungen haben Sie seit jener Zeit an dem ewig Weiblichen gemacht?“
Welch ein Blick, der wiederum ihr Auge traf!
„Sie missverstehen mich, mein gnädiges Fräulein! Ich preise darum das Glück, „mein Herz noch zu besitzen“, weil es mir dadurch möglich ist, es rettungslos noch verlieren zu können!“ Lauter Jubel unterbrach ihn.
Fränzchen hatte ein ganz phänomenales Häschen springen lassen und freute sich selbst über diese Kunstleistung so innig, dass sie einen Siegestanz ausführte, welcher den Zuckungen eines Hampelmannes am Bindfaden verzweifelt ähnlich sah.
Und dann wurde den stalleslüsternen Eselein das Warten zu langweilig.
Sie setzten sich sanftmütig aber konsequent in Bewegung und nötigten ihre Gebieter, wohl oder übel des grausamen Spiels genug sein zu lassen und ihnen zu folgen.
Fränzchens Wangen glühten, sie sah sehr animiert aus und war vortrefflicher Laune, was dem Assessor besonders zu statten kam. Sie belegte zwar Pias Arm wieder mit Beschlag, kommandierte aber den neuen Freund an ihre andere Seite und unterhielt ihn so vortrefflich von den feinen Nüancen des Sports „Häschen werfen“, dass Hellmuth gar nicht dankbar genug für die Belehrung sein konnte.
„Haben Sie zu Hause bei sich auch Wasser in der Nähe?“ —
„Leider nur einen kleinen Karpfenteich!“
„Genügt ja vollkommen! Wenn Sie also wieder heim kommen, können Sie Ihren Kindern die Sache beibringen. Wieviel Stück haben Sie eigentlich?“
„Karpfenteiche?“
„Unsinn! Nachwuchs meine ich!“ —
Der Assessor hielt die Hand schattend über die Augen, er schien von der Sonne geblendet und mit dem Niessen zu kämpfen.
„In meinem Hause atmen sieben Seelen!“ sagte er endlich feierlich.
„Donnerwetter! da können Sie ja bald Kegel schieben mit den Rangen“, erwiderte Fränzchen und machte ein sehr anerkennendes Gesicht. „Warum haben Sie denn Ihre Frau und die ganze Lämmerherde nicht mit auf die Reise genommen?“
Hellmuth zuckte sehr ernst die Achseln. „Das war aus verschiedenen Gründen absolut unmöglich.“ Komtesschen blinzelt ihn verständnisinnig an: „Aha, weil das Kleingeld nicht langte?“ nickte sie mit unumwundenster Offenheit, und als der Assessor und Pia in ein schallendes Gelächter ausbrachen und Vater Willibald aus seinem Nachdenken emporfuhr und nach der Ursache forschte, fühlte sein Töchterchen sich sehr geschmeichelt, wie stets, wenn man einen Witz von ihr belachte, wandte sich zu dem Grafen und erzählte ihm die schöne Unterhaltung.
„Diese unverdiente Würde lastet entsetzlich auf mir, mein gnädiges Fräulein!“ flüsterte Hellmuth, „muss ich sie thatsächlich weitertragen?“
Pia sah ihn an, noch die volle, frische Erregung des Lachens in dem schönen Antlitz.
„Wenn Sie ritterlich sein und mir eine grosse Strafpredigt ersparen wollen, thun Sie es, bitte! Tante Luxor huldigt sehr strengen Ansichten, sie würde es höchst unpassend finden, wenn ich mit einem fremden jungen Herrn allein auf der Landstrasse gewandert wäre!“
Er neigte das Haupt ein wenig und sah ihr forschend in die Augen. „Not kennt kein Gebot!“ sagt er leise. „Ihre Begegnung mit mir war keine freiwillige Wahl, das Schicksal führte uns zusammen, wie der Sturm zwei Blumenblätter vereinigt, voll denen das eine auf dem Berg, das andere fern im Thal entsprossen! Sie in diesem Punkt völlig zu entschuldigen, würde ich Ihrer Frau Tante gegenüber zuversichtlich wagen! — Aber ein anderes! Unsere Reise führt uns denselben Weg! Ich würde es als hohes Glück erachten, dürfte ich mich Ihnen fernerhin anschliessen. Würde ich als unverheirateter Mann nicht so sehr auf die freundliche Genehmigung Ihrer Frau Tante zu rechnen haben, wie als würdiger Gatte und Vater?“ —
Pia blickte zu Boden, ihre langen Wimpern lagen wie dunkle Schatten auf den rosigen Wangen, eine reizende Verwirrung bemächtigte sich ihrer. „Fränzchen ist so sehr eifersüchtig beanlagt und würde ärgerlich sein, wenn ich nicht ganz allein zu ihrer Unterhaltung da wäre; — Tante ist leicht von ihr beeinflusst, so dass es jedenfalls ein viel fröhlicheres und harmloseres Verkehren sein würde, wenn jener Grund, welcher eventuell beanstandet werden könnte, wegfiele!“
„Ich danke Ihnen“, antwortete er mit leuchtenden Augen. „Ich werde alles thun, um Fräulein Fränzchen gnädig zu stimmen!“
Es lag ein so jubelnder Klang in seiner Stimme, dass Pia erschrak. Hatte sie recht gethan, ihn zu der kleinen Komödie zu bestimmen? Sie glaubte, er werde die Sache nur als heiteren Scherz, als Neckerei für Fränzchen aufsassen, und nun mit einem Mal, ehe sie es selber recht wusste und wollte, hat sie ihm verraten, dass die kleine List für ihren Verkehr notwendig sei.
Sie gestand ihm unbewusst ein, dass sie bereits die Möglichkeit einer gemeinsamen Reise erwogen hatte! Sie gab es zu, dass sie ihm Hindernisse aus dem Weg räumen und ihm behilflich sein wollte, die kleine Gegnerin Fränzchen zu gewinnen!
Das Blut stieg ihr bei diesen Gedanken in die Wangen, sie begriff sich selber nicht! Sie, die stolze, zurückhaltende Pia! War sie von Sinnen, diesen fremden Mann ohne klingenden Namen, ohne hervorragende Stellung, vielleicht ebensowenig bemittelt wie sie selber, in ihre Nähe zu fesseln? — Sie sah und empfand es, dass sie starken Eindruck auf ihn machte, dass es wie Spuk und Zauber über ihn gekommen war, als habe er thatsächlich die Hexe Lorelei im Arm gehalten, und doch ist sie nicht vernünftig und stolz genug, diesen Zauberbann so schnell wie möglich zu brechen und ihn ziehen zu lassen, ehe es zu spät ist! Gewiss, sie muss es sein, sie hat sich thöricht benommen, sie hat sich momentan hinreissen lassen ... wovon?! — Wüsste sie es selber nur! — er gefällt ihr so gut, — so gut, wie noch keiner je zuvor, — es liegt ein Ausdruck in seinem ernsten und doch wieder so liebenswürdigen Gesicht, welcher sie wunderbar anzieht und fesselt.
Sie las es manchmal in Romanen, dass das Auge eines jungen Mannes eine grosse, rätselhafte Gewalt auf die Mädchenherzen ausüben könne, und sie lachte solcher Phantasterei und glaubte es nicht! Und nun stand sie selber vor diesem Rätsel und suchte vergeblich nach seiner Lösung. Er gefiel ihr so gut! — nichts weiter!
Es durchrieselte sie so warm und wonnig, wenn er sie ansah, wenn es sein Blick verriet, dass sie ihn entzücke. — Warum? Es war ihr doch sonst so gleichgültig gewesen, ob sie den Männern gefiel oder nicht! —
Und als er sie im Arm gehalten und Auge in Auge ruhte im ersten Sehen, da hatte sie das Gefühl, das dunkle, ahnungsvolle gehabt: — „Du kennst ihn! Wer ist es aber? Er ist dir nicht fremd und doch weisst du seinen Namen nicht!
„An den Rhein, an den Rhein, zieh nicht an den Rhein,
Mein Sohn, ich rate dir gut!“
klang es abermals dicht bei ihnen von dem Strom herüber:
„Dich bezaubert der Laut.
Dich bethört der Schein,
Entzücken fasst dich und Graus.“ —
Ja, bethört! — das ist es, nicht der blinkende Strom, nicht die kosend weiche Luft, nicht der Hall und Schall ringsum bezaubert die Seele, — man bildet es sich lediglich ein, dass man am Rhein etwas ganz Besonderes erleben muss, und diese Einbildung bethört den Menschen und lässt die Gespenster am hellen Tage sehen!
Gehört sie etwa auch zu den sentimentalen, bleichsüchtigen Mädchen, welche sich in Empfindungen und Schwärmereien hineinzwingen, welche ihnen im Grunde genommen ganz fern liegen, welche nur krankhaft sind? —
Die willensstarke, kühlherzige Pia, welche sich noch für keinen Mann begeistert, wird diesem traditionellen Rheinzauber gewiss nicht zum Opfer fallen.
Sie reisst mit energischer Hand die Dunstschleier entzwei und sieht — sieht einen jungen, eleganten, liebenswürdigen Mann, welcher ihr gefällt und mit welchem sie gern plaudert. — Weiter nichts.
Nein, — nicht sentimental werden; es wäre lächerlich. Mit frohem Herzen will sie seine Gesellschaft geniessen und sich durch ihn die Reise amüsant und wechselreich gestalten, ebenso wie er den Genuss dankbar empfinden wird, diese schöne Natur im Kreise heiterer Menschen zu schauen. Harmlos, ganz harmlos; sie müssen sich beide ruhig kommen und ruhig gehen sehen — und so wird es auch sein.
Pia atmete hoch auf und streicht mit der Hand über die Stirn, als wolle sie alles wegwischen, was die gefährliche Rheinluft ihr an thörichtem Empfinden eingeblasen hat. —
Nun sieht sie klar und ist einig mit sich, das wird ihr die alte Ruhe und kühle Gelassenheit zurückgeben.
„Und im Strome, da tauchet die Nix’ aus dem Grund,
Und hast du ihr Lächeln gesehen,
Und sang dir die Lurlei mit bleichem Mund,
Mein Sohn, so ist es geschehen!“
Fränzchen blieb lachend stehen und winkte übermütig nach dem Schiffchen hinüber, Hellmuth aber wandte jählings den Kopf und blickte Pia an. Sie zuckte zusammen — und wieder, doch allen guten Vorsätzen zum Trotz wallte es heiss nach ihrem Herzen. Warum sieht er sie so an?
Was flimmert und flirrt vor ihren Blicken? Ist es doch vielleicht die süsse, lichte, schwüle Luft ...
Wagenrollen ertönt hinter ihnen in der Ferne, sie atmet erleichtert auf.
Tante Johanna! — Nun kann sie vielleicht allzu grosse Ermüdung vorschützen und die letzte kleine Strecke bis Rüdesheim fahren.
Dann ist sie einer Unterhaltung mit ihm enthoben und sein Blick kann sie nicht mehr verfolgen wie bisher.
Wie er mit Fränzchen plaudert und lacht! Welch ein Wohlklang in der sonoren Stimme. Er scheint sich in der That sehr zu bemühen, die Kleine für sich zu gewinnen, und das Backfischchen strahlt vor Vergnügen über diesen ersten Verehrer. Es wird nicht lange dauern, dann hängt sie sich in ihrer ungenierten Weise an seinen Arm und Onkel Willibald, der sonst so vornehm denkende Mann, wird absolut nichts bei diesem Benehmen finden, wie er ja alles gutheisst, was der Übermut seiner Einzigen in Scene setzt! —
Der Assessor hat gefragt, ob die Kleine viel an die amerikanische Heimat zurückdenkt, und ob sie dieselbe sehr geliebt hat. —
Und nun beginnt Fränzchen in einer Art und Weise aufzuschneiden, die geradezu unerhört ist.
Alle Abenteuer des Lederstrumpfs und sonstiger Indianerlitteratur verarbeitet sie voll kühner Phantasie als eigene Erlebnisse, und der unnatürliche Vater geht schmunzelnd zur Seite und lacht heimlich in sich hinein, dass seine korpulente kleine Gestalt schüttelt!“
Ob der Assessor diese himmelschreienden Lügengeschichten glaubt? — Er thut so, — wohl auch aus kluger Höflichkeit.
Hier und da, wenn Fränzchen es gar zu bunt treibt, zittern die Spitzen seines dunklen Schnurrbartes wie unter verhaltenem Lachen.
Im grossen ganzen scheint er sich aber himmlisch zu amüsieren, denn das Backfischchen ist animierter wie je, und ihre drastische, drollige Art und Weise wirkt auch auf ihn im hohen Grade erheiternd.
Sie scheint sich geradezu Mühe zu geben, ihn an ihrer Seite zu fesseln und bestens zu unterhalten, und jetzt wird sie das Thema auf Jagdgeschichten hinüber spielen.
Fränzchens Augen blitzten auf, — und in seiner Lebhaftigkeit sieht das hässliche Gesicht beinahe hübsch aus. —
Sie verspricht ihm, unglaubliche Jagdabenteuer aus den Prairien und Urwäldern zu erzählen, und derweil sie sich anscheinend auf bluttriefende Büffel-, Bären- und Antilopen-Massenmorde besinnt und präpariert, muss er ihr von den Hirschjagden und Sauhatzen der heimatlichen Gebirgswälder berichten.
„Wieviel Hirsche haben Sie schon zur Strecke gebracht?“
Er nennt eine Zahl, welche ihr zu imponieren scheint.
„Und wie viele Sauen?“
Abermals scheint Sie mit seiner Antwort zufrieden.
„Sie schiessen wohl sehr gut?“ —
„Ich schmeichle mir wenigstens, nicht gerade schlecht zu schiessen!“
„Famos; — wir passen ja grossartig zusammen! Ich schiesse nämlich auch wie das Donnerwetter und für mein Leben gern! Wissen Sie was? Wenn wir jetzt nach Rüdesheim kommen, haben wir ja massig Zeit, — und lange Promenaden machen wir heute doch nicht mehr, da sehen wir zu, dass uns der Hotelwirt einen kleinen Scheibenstand einrichtet und uns irgend ein paar Schiessprügel zur Stelle schafft, und dann knallen wir mal um die Wette drauf los! — Ja? Einverstanden?“
Er ist entzückt, und Fränzchen jodelt vor Freude so kräftig los, dass die Grete erschreckt einen kleinen Satz zur Seite macht.
„Esel du; wenn man dich mit deinem Vatersnamen nennt, haste es redlich verdient!“ wendet sich Komtesschen nach dem nervösen Grauschimmel zurück, und die beiden Herren belachen den Witz nach Gebühr.
„Lilian, legst du dich in Rüdesheim erst eine Weile zum Ausruhen hin, oder kommst du mit uns auf den Scheibenstand?“ fragt die Kleine plötzlich, sich an die schweigsame Freundin, welche einen Schritt hinter ihr geht, wendend.
Es deucht Pia, als liege keine allzu dringende Aufforderung in dem Klang ihrer Stimme.
„Natürlich muss Ihr Fräulein Cousine zugegen sein!“ — sällt Hellmuth hastig ein. „Wir müssen doch kritisches Publikum haben und wenn wir uns mal wegen eines Meisterschusses zanken sollen, bedürfen wir eines unparteiischen Schiedsrichters!“
„Kann ja zur Not auch Papa sein!“ —
„Traust du mir kein Urteil zu, Fränzchen?“
Das Backfischchen wirft eine Kusshand zurück: „Ich thäte dich erwürgen, wenn du etwa nicht mir, sondern dem Assessor Recht gäbest!“
„Dann überlass ich dir diesen Ehrenposten, Onkel!“ —
„Danke schön, will schon mit der Hexe fertig werden!“
„Unbesorgt, mein gnädiges Fräulein, ich bin überzeugt, dass Fräulein Francis mir jeden Zug neidlos gönnt und Ihr Urteil sogar in diesem Sinne beeinflussen wird!“ —
Fränzchen schneidet eine kleine Grimasse, Hellmuth aber fährt scherzend fort, sich abermals an Pia wendend: „Oder machen Sie uns etwa gar Konkurrenz und beteiligen sich selber an dem Preisschiessen?“
Fräulein von Nördlingen sieht beinahe erschrocken aus. „Nein!“ antwortet sie kurz, „ich habe noch nie ein Gewehr oder eine Pistole in der Hand gehabt!“
Er macht eine heftige Bewegung mit dem Kopf, als wolle er sagen: „Bravo! ich freue mich dessen!“
Und Fränzchen nickte ebenfalls wohlwollend und sagt: „Wozu auch? Schiessgewehre sind kein Spielzeug für Mädchen!“
Lautes Gelächter.
„Und das sagen Sie, gute Schützin, die doch selber eine junge Dame ist?“
Die Kleine lacht auch, aber ein wenig verlegen, und ihr Blick huscht momentan zu dem Vater hinüber, der Graf aber hat es nicht gehört, er ist stehen geblieben und erwartet den heranrollenden Wagen.
„Unsinn! ist ja bei mir etwas ganz anderes!“ sagt sie mit wegwerfender Geste. „Sehen Sie mich an und dann die Lilian! Sehe ich aus, wie ein zartes Jungferchen? An mir verwilderten Range ist nichts mehr zu verderben, ich sehe ja doch nicht danach aus, als ob ich bei lebenden Bildern einen Engel stellen könne, aber Lilian, was ist die gold-weiss-rosige Lilian gegen mich schwarze Hexe für ein Zuckerpüppchen! In mich wird sich nie ein Mann verlieben!“
„Aber, mein gnädiges Fräulein, wie können Sie uns Männern einen so schlechten Geschmack zutrauen?“
Das Backfischchen warf übermütig den Kopf zurück und lachte, dass die weissen Zähne blinkten: „Wenn Sie noch keine Frau hätten, würden Sie sich etwa in mich verlieben?“
„Fränzchen!!“
Der Assessor machte einen tiefen Diener und legte die Hand auf das Herz. „Fraglos! — allen Rivalen zum Trotz!“
„Ach, Sie reizender Mensch.“ Beinahe hätte sie ihn in ihrem tollen Jubel umarmt, glücklicherweise unterbrach Tante Johannas Ankunft die kleine Scene.
Fränzchen stürmte der Mutter entgegen und stellte ihren „neuen Freund“ vor, mit übersprudelnder Lebhaftigkeit alles Geschehene erzählend. Pia stand schweigend beiseite. Sie hatte sich über Fränzchen geärgert; zu solchen Naivetäten war sie denn doch zu alt.
Tante Johanna wandte sich voll Bedauern an sie: „Arme Lilian, dieser Dauerritt hat dich sicherlich sehr angestrengt, willst du nicht lieber einsteigen und mit mir fahren?“
Pia senkte das Köpfchen, sie sah den Assessor nicht an und atmete schwer und tief. Dann blickte sie sehr ruhig auf und antwortete: „Danke tausendmal, liebe Tante, das Gehen ist mir sehr angenehm, mit deiner gütigen Erlaubnis bleibe ich zu Fuss!“
XVII.
Nun wandl’ ich im Dämmerlicht blühender Bäume,
Ich fasse der Nachtigall Jubel und Schmerz —
Ich zähle die Sterne! ich wache und träume —
Ein schwebender Stern ist mein seliges Herz!
Alfred Meissner.
Darf ich etwa Euer Gnaden
S’ nächste Mal zum Schiessen laden?
Er gönnt doch andern was, Mosje?
Nun er kommt doch? he, he, he?
Freischütz.
Man hatte Rüdesheim erreicht und war in der „Krone“ abgestiegen. Kammerfrau und Diener besorgten das Gepäck und die kleine Gesellschaft trennte sich, um kurze Zeit auf den Zimmern der Ruhe zu pflegen.
Mrs. Luxor war sehr erfreut, die Wohnung ganz nach ihrem Geschmack zu finden. Auf die Schlafzimmer legte sie besonderen Wert. Sie mussten gross und luftig und durch eine Thüre verbunden sein, in dem einen schlief sie und Fränzchen, in dem anderen ihr Gatte. Pia wohnte zur anderen Seite des kleinen Salons, welchen der Wirt schnell herrichten liess, da die Herrschaften nicht an der Wirtstafel soupieren und auch sonstige Mahlzeiten apart serviert haben wollten.
Fränzchen empfand durchaus nicht das Bedürfnis nach Ruhe und schloss sofort Freundschaft mit dem Wirt, welcher mit grösstem Vergnügen bereit war, einen kleinen Scheibenstand im Rebengang arrangieren zu lassen.
„Es ist noch früh in der Saison und trotz des köstlichen Wetters der Verkehr noch nicht sehr lebhaft, da können die Herrschaften unbeschadet ein wenig Pistole oder Tesching schiessen. Ich will für alles Nötige sorgen und dem gnädigen Fräulein sofort Bescheid sagen lassen!“
Das Backfischchen fand es jedoch bedeutend amüsanter, die Vorbereitungen persönlich zu überwachen, und oft verkündeten helle Lachsalven aus dem noch laublosen Rebengang, dass Kellner und Hausknecht ganz entzückt von den Bemerkungen der jungen Amerikanerin waren. Nach kaum einer Viertelstunde erscholl unter den Fenstern Hellmuths die eigenartig rauhe Stimme Fränzchens:
„Herr Assessor! — Assessor Hellmuth!!“
„Sie befehlen, mein gnädiges Fräulein!“
„Die Scheibe ist fertig! Es kann losgehen!“
„Charmant! — Ich stehe zur Verfügung!“
Die Kleine rieb sich glückselig die Hände und trabte auf ihren hackenlosen, hellledernen Schuhen nach dem Rebengang zurück.
Der Graf hatte sich behaglich in einen Sessel gesetzt, rauchte eine Cigarre und wartete des Beginnens. Kellner und Hausknecht wurden als Sicherheitswachen ausgestellt, und dann erschien Hellmuth und das Schiessen begann.
Ganz überrascht blickte der Assessor auf seine originelle Partnerin, welche die Waffen mit ausserordentlichem Geschick handhabte und lud. „Fangen Sie mal an!“ gebot sie, „es ist mir lieb, Ihnen erst ein wenig auf den Zahn zu fühlen!“ —
Hellmuth warf noch einen schnellen Blick zurück, Miss Lilian kam noch nicht.
Gleichmütig hob er das Tesching, zielte kurz und drückte ab.
„Hm ... eine Neune ... na, macht sich für den Anfang!“ lobte Fränzchen gönnerhaft und dann hob sie ihrerseits die Waffe, kniff mit einer sehr spasshaften Grimasse das linke Auge zu, zielte sehr ruhig und scharf und schoss.
„Alle Achtung!“
„Na, was hat der Racker getroffen?“ forschte der Vater, sichtlich sehr stolz und dennoch, ohne den Kopf zu drehen, im Bambussessel liegen bleibend.
Der Assessor kam hastigen Schrittes von der Scheibe zurück: „Elf! Es ist fabelhaft! Hut ab, mein gnädiges Fräulein!“
Fränzchen trabte an seiner Seite, sie sah sehr ärgerlich aus. „Eine Schande! Jammervoll! Die Schweinerei! Elfe! Was will elfe besagen, noch ’mal her mit dem Schiessprügel ... da soll doch!“ —
Sie schoss abermals, und voll lebhaften Interesses eilten beide zur Scheibe.
„Hurra! Centrum!“
„Es ist enorm, welche Sicherheit Sie haben, Miss Francis! Ich bin ja ganz starr!“
Das Backfischchen zuckte gelassen die Achseln und doch flimmerten die dunklen Äuglein vor Freude. „Nu los! Jetzt kommen Sie wieder an die Ramme!“
Eine gewisse Erregung hatte Hellmuth ergriffen, sein Jägerblut wallte auf.
Diesmal sah er nicht hinter sich, sondern nahm sich ernsthaft zusammen.
Ein schwacher Knall, ein kleines blaukräuselndes Wölkchen, und dann flog Fränzchen mit ihren grotesken, ungraziösen Bewegungen über den Kies und der Assessor folgte eiligen Schrittes. Die Kleine erwartete ihn, legte militärisch grüssend die Hand an die Schläfe und stand stramm!“
„Gut gebrüllt, Löwe!“
„Centrum!“
„Mitten hinein, Famos!“
Der Jägersmann freute sich, als habe er einen Meisterschuss um den Königspreis gethan; es wäre ihm greulich gewesen, sich vor diesem Mädel zu blamieren.
Fränzchen strich ungeniert die Hände an dem eleganten Lodenkleid ab und rief lebhaft: „Und nun zeichnen wir an! und wer bei zwölf Schüssen die meisten Ringe hat, ist König!“
„Respektive Königin!“
„Bon! — Es liegt eine Krone im tiefen Rhein, gezaubert aus Gold und Edelstein!“ sang sie mit kühnen Gesten und schassierte zum Scheibenstand zurück. „Er hat auch Centrum, Papa! Jetzt wird es Ehrensache, — wir schiessen wett!“ —
Ein unverständliches Murmeln und Grunzen; der Pseudo-Mr. Luxor nickte nur in bester Laune mit dem dicken Kopf und rauchte weiter.
„Und wer zumeist trifft in’s schwarze Rund,
Den krönt man in Aachen zu selbiger Stund!“
improvisierte der Assessor lachend, griff hastig nach der Waffe und lud.
Fränzchens Passionen hatten etwas Ansteckendes, ein heisser Kampf um die Königswürde entbrannte. Beide schossen gut, — sehr gut sogar, und jeder hohe Treffer steigerte den Eifer. Hellmuth hatte noch nie eine Dame so ausgezeichnet schiessen sehen; er selber galt daheim für einen ausgezeichneten, sicheren Schützen, aber neben Francis Luxor hatte er grosse Mühe, sich zu behaupten.
„Haben Sie Ihre Studien mit Pulver und Blei auch in den Steppen und Urwäldern gemacht?“ fragte er mit geröteter Stirn, und das Backfischchen machte hinter ihrem soeben abgegebenen Schuss eine Geste her, wie ein Kegelschieben, welcher der Kugel noch par distance nachhelfen will. —
„Das versteht sich, immer vom Gaul herunter, und wehe! wenn man dem Herrn Grisly-Bär nur die Nase kratzte! Donner ja! weisst Du noch, Vater, wie wir einmal mit den Sioux-Indianern nach dem Blackriver geritten waren, um die verdeiwelten Bestien aufzuspüren?“
Der Papa horchte auf.
„Nee — weiss ich nicht mehr, aber erzähl’ mal, wie’s war!“ sagte er und paffte schmunzelnd dicke Wolken.
„Heute abend — jetzt ist keine Zeit! Wenn wir dann zur Erholung beim Wein sitzen ... nicht wahr, Alterchen, den Rüdesheimer kosten wir doch energisch?“ — und ohne Antwort abzuwarten, sprang sie abermals mit langen Sätzen davon, dem Assessor wieder ein Centrum zu notieren.
„Brillant schiesst er! ganz grossartig schiesst er!“ jubelte sie, ohne die mindeste Spur von Künstlerneid oder Ruhmesgier, „Sie sind ein reizender Mensch, Assessorchen, der erste, den ich hier in Deutschland so gut schiessen sehe! In Genf war ein Franzose, mit dem schossen wir alle Tage Glaskugeln, der war auch ein Patentkerl! Grossartig, sage ich Ihnen! Hätte sich gleich beim „wilden Westen als Pistolenschütz anwerben lassen können!“ und während sie so lebhaft schwatzend neben ihm herschritt, schob sie harmlos ihre Hand in seinen Arm und behandelte ihn mit so kameradschaftlicher Zuneigung, als wären sie die ältesten Freunde und durch alle Gefahren der brennenden Prairien und der von Giftpfeilen durchschwirrten Urwälder for ever verbündet. Dann schoss sie wieder, auch Centrum, und mit blitzenden Augen griff Hellmuth zum siebenten Male zur Waffe.
„Bis jetzt sind wir so ziemlich egal; ich habe nur zwei Ringe mehr, also kalt Blut. Mit diesem Schuss können Sie mich schon schlagen!“
„Nun denn, mit Gott für König und Vaterland!“ lachte Hellmuth, hob die Waffe und zielte. Plötzlich wandte er den Kopf, als ob eine magnetische Gewalt ihn zöge, eine schlanke Mädchengestalt war in den Rebengang getreten und näherte sich langsam den Herren.
Das Abendrot, welches den Himmel in Flammen von Gold und Purpur tauchte, goss seinen Glanz über das blonde Köpfchen, hinter ihr flimmerte der Rhein, und das junge, kaum der Knospe entsprossene Reblaub wiegte sich in graziösen Gewinden über ihr. Fränzchen stand, die Hände auf dem Rücken, und blickte voll lebhaftester Spannung nach der Scheibe.
„Na los! Worauf warten Sie denn?“ drängte sie ungeduldig.
Der junge Forstmann schrak zusammen, wie ein Kind, welches bei verbotenen Früchten ertappt wird. Hastig wandte er sich wieder um, zielte und schoss.
Das Herz schlug ihm hoch auf dabei, er dachte an alles andere, nur nicht mehr an die „Königswürde“, welche auf dem Spiel stand.
Fränzchen streckte den Kopf weit vor. „Na nu!“ sagte sie überrascht, „wo sitzt denn die Kugel?“ Und dann schoss sie, wie ein Pfeil, ihm voran zu dem Ziel.
Hellmuth folgte ihr nicht, er trat mit schnellen Schritten der jungen Dame entgegen.
„Guten Abend, Miss Lilian! „Spät kommt ihr, doch ihr kommt!“ Sie haben wirklich viel versäumt, Ihr Fräulein Cousine hat mich geradezu verblüfft! Ich habe noch nie eine Dame derart schiessen sehen!“
Pia reichte dem Sprecher die Hand entgegen, er hielt sie momentan in der seinen.
„Ich hörte den Jubel bereits!“ lächelte sie, „und konnte der Versuchung nicht wid stehen, die fabelhaften Resultate mit Augen zu schauen!“
„Beinahe immer Centrum! Sie haben schon das Schwarze beinahe herausgelochert“, nickte der Graf, sich erhebend und behaglich herzuwuchtend. „Ein herrlicher Abend heute, das reine Idyll. Wenn die Schiesserei zu Ende ist, schlage ich vor, wir bestellen uns das Nachtessen, und machen noch eine kleine Gondelpartie im Mondenschein, wollen ’mal hören, was meine Frau dazu sagt! und wenn — —“
Er verstummte erschrocken, denn von der Scheibe her ertönte ein wahrhaft indianisches Triumphgeheul.
Fränzchen erging sich in ein paar grotesken Sprüngen und dann stellte sie sich hin und krümmte sich in schallendem Gelächter.
„Ratze! Ratze!!“ — schrie sie ihrem Gegner zu, und Pia eilte ganz erschrocken zu ihr hin: „aber Kind, bist du rein von Sinnen?“
Fränzchen patschte, ausser sich vor Freude, dem Assessor auf die Schulter. „Süsser Mensch — Sie haben da hinten am Berge eine Reblaus getroffen!“ — schluchzte sie vor Vergnügen.
„Was habe ich?“ Hellmuth sah ganz verdutzt darein.
„Na, Sie haben gefehlt, radikal gefehlt; dahier, den Rand der Scheibe haben Sie ein ganz klein wenig angesengelt — — und das nennen Sie, mich in die Pfanne schiessen??“
Der Forstassessor lachte hell auf, sah aber doch ein wenig verlegen aus.
„Trösten wir uns, dem Max im Freischütz ist es auch nicht besser ergangen!“ —
„Erlauben Sie mal!“ — zuckte Fränzchen geringschätzend die Achseln! „Mit dem können Sie sich doch nicht auf eine Stufe stellen, der Narr war ja verliebt!“
„So, und können andere Leute nicht auch verliebt sein?“
Hellmuth fragt es mit gedämpfter Stimme, und Pia neigte sich jählings, um eine kleine Weinranke recht genau zu besehen.
„Haha! — in seine Frau und seine sieben Kinder? Nee, Assessorchen, — machen Sie mir nicht etwa weiss, dass Ihre Hand aus Sehnsucht gebebt hätte!“ Allgemeine Heiterkeit: „Und nun marsch — marsch — Hurrah! wir müssen unsere zwölf Schuss heraus haben, ehe es zu dämmerig wird!“ Das Backfischchen schoss wieder brillant, aber auch der nächste Schuss des Assessors brachte nur acht Ringe.
„Armer Max!!“ höhnte die Kleine.
„Ich gebe das Rennen verloren! — Lassen Sie es genug sein, Miss Francis, wir wollen Sie zur Königin krönen!“
„Nichts da, geschossen wird! — Ich will Ihnen erst mit Fug und Recht die schwarze Brille aufsetzen können! Vorwärts! —
Und sie schoss abermals vortrefflich.
Hellmuth trat einen Schritt von Pia zurück und blickte starr gerade aus, aber er fühlte, dass ihre Augen auf ihm ruhten und seine Hand bebte abermals, als er zielte.
„Aber Mensch!“ rief Fränzchen, jählings seinen Arm haltend: „Haben Sie denn plötzlich den Tatterich, dass Sie so wackeln? Ruhig Blut und dann los!“ Und doch schoss er auch diesmal schlecht.
Das Backfischchen stampfte mit dem Fusse auf. „Wenn ich’s nicht wüsste, dass Sie es besser können! Aber das ist ja plötzlich wie verhext mit Ihnen. Seit Lilian in den Rebengang trat, haben Sie kein Glück mehr! — Lilian — hast du ihn etwa behext wie ein altes Weib, — dass er nicht mehr trifft?“
Fränzchen hatte es in ihrer Naivetät und Erregung herausgesprudelt und sah auch nicht die Wirkung ihrer Worte, welche dem Betreffenden das Blut in die Wangen trieb, — sie eilte im Triumph an die Scheibe, um unter Assistenz des Papas die Resultate zu verzeichnen.
Hellmuth legte die Waffe langsam aus der Hand, er stand neben Pia, aber keines sprach ein Wort.
„Max schiess nicht, ich bin die weisse Taube!“ — lachte Fränzchen par distance. „Bitte, vergessen Sie im Eifer nicht, dass ich jetzt die blauen Bohnen auffangen würde!“
„Unbesorgt, mein gnädiges Fräulein! Der Max muss erst Freikugeln giessen, ehe er wieder Centrum trifft!“
Pia lachte und zwang sich gewaltsam zu einem harmlos heiteren Ton: „Nun, hier am Rhein, wo Drachenfels, Höllengrund und Teufelsbrücken zu Hause sind, wäre das Terrain für ein Freikugelgiessen wohl gegeben! — Haben Sie schon eine Postkarte an Caspar geschrieben?“ —
Er schüttelte lächelnd den Kopf: „Wenn man das Bild eines Engels anbetet, mag man keine gemeinsame Sache mehr mit dem Teufel machen!“
„Mehr? das klingt ja gerade, als ob Sie früher gute Freundschaft mit ihm gehabt hätten?“
Er stiess mit der Fussspitze die kleinen Kiesel hin und her.
„Ich bin mir dessen nicht bewusst, und doch ist es mir zu Sinnen, als sei mir jetzt ganz plötzlich erst der Himmel aufgethan!“ —
Sie blickte hinaus in die zauberhafte Flusslandschaft, über welcher die ersten Dämmerschleier mit den letzten Sonnenlichtern rangen. Die bunte Lebhaftigkeit des Tages war verhallt, ein feierlicher Abendfrieden ruhte auf der lenzesduftigen Welt und die Glockenklänge der Rochuskapelle zogen melodisch über das Wasser, wie ein grüssendes Gebet.
„Das begreife ich“, antwortete Pia schlicht, „und möchte wohl behaupten, dass es mir ähnlich ergeht. Ich habe schon so viel von der Welt gesehen, so viel erhabene Pracht und so viel liebliche Schönheit, und doch empfinde ich hier erst ihren vollen Zauber, welcher Herz und Seele erfüllt und andächtig stimmt.“
„Ich las einmal in einem Buch, welches sich durch viel Tiefe und Wahrheit des Gedankens auszeichnete, dass der Mensch glücklich sein müsse, wenn er die ganze Schönheit der Natur empfinden und sich ihrer voll bewusst werden wolle; nur der Glückliche könne Schönheit geniessen, nur derjenige, in dessen Seele es harmonisch und licht, warm und wonnevoll geworden sei.“
„Und doch ist die Schönheit der Natur der einzige Trost für Trauernde!“ —
„Nicht der wahre Trost, weil er ein Leid vergrössert, anstatt es von ihnen zu nehmen! Menschen aber, welche einen tiefen Schmerz in die Einsamkeit der schönen Gotteswelt tragen, empfinden es als Wohlthat und Linderung, diesen Schmerz unter dem Einfluss ihrer Umgebung ausströmen zu lassen! Dem Unglücklichen sind bei dem Anblick landschaftlicher Schönheit die Thränen der Wehmut stets näher, wie das tiefe, wonnevolle Aufatmen hohen Genusses, — aber gerade die Thränen bekunden seine Ergriffenheit und thun ihm wohl, und doch glaube ich, dass die Schönheit durch die Schleier von Thränen gesehen — nur halbe Schönheit ist.“ —
Das junge Mädchen wandte ihm das Antlitz zu, ein Aufleuchten ging durch ihr Auge. „Diese Ansicht würde mir also versichern, dass Sie zur Zeit sehr glücklich sind, weil ihnen die Welt als Paradies erscheint?“ —
„Sehr glücklich!“ — nickte er, „so glücklich wie ein Kind, welches holde Märchen träumt.“ —
Er sagte es leise, und doch drang der Klang seiner Stimme bis in ihr Herz. —
Fränzchens überlaute Heiterkeit unterbrach sie. Sie schwenkte den Papierzettel triumphierend über dem Kopfe und sang übermütig: Schau der Herr mich an als König! dünkt ihm meine Macht so wenig? Gleich zieh er den Hut, Mosje! wird er frag’ ich? — he, he, he? he — was schoss denn er? — he, he? —
Der Assessor lachte: „Sie verspotten mich wieder, wie den armen Max im Freischütz, und vergessen ganz, dass der arme, verhöhnte Bursch dennoch besser als alle anderen geschossen, — ja, sogar in Agathes Herz mit Pfeil und Bogen den Meisterschuss gethan hatte!“ —
„Ja wohl ja, vor Anno toback!!“ — Heisst Ihre Frau Herzallerliebste daheim auch Agathe?“ —
„Nein!“ —
„Na, also! Und wenn Sie sich vor so und so vielen Jahren mal in eine holde Schöne verschossen haben, so soll das jetzt noch diese klägliche Niederlage auf der Scheibe dort entschuldigen? — Nein, Assessorchen, einem ganz frisch und jung Verliebten mag schon mal die Hand zittern, aber so einem alten Ehekrüppel wie Ihnen? — hahaha! Also das sind faule Fische und Sie sind besiegt. — Zugegeben?“ —
Der Assessor verneigte sich tief, abermals zuckte das verhaltene Lachen um seine Lippen, und auch Pia kämpfte gegen die Heiterkeit, während ihr abermals das Blut in die Wangen stieg.
„Ich bin in Ihren Augen ein toter Mann, Miss Francis, — wolle die gestrenge Schützenkönigin mir eine gnädige Richterin sein.“ —
„Ich bin Königin, — Sie sind mein Leibeigener!“ —
„Oha!“ lachte der Graf und Hellmut kreuzte zerknirscht die Arme über der Brust.
„Oder sagen wir — Sie sind mir tributpflichtig!“ —
„Zu Befehl, Majestät!“ —
„Sie müssen mir gehorchen!“
„Ich bin Wachs in Ihren Händen!“
„Gut.“ Fränzchen richtete sich auf, hob arrogant die Nase in die Luft und sagte herablassend: „Der Wirt meldet, dass das Abendbrot serviert ist, — führen Sie mich zu Tisch!“ — Sie reichte ihm gnädig, von oben herab, die Fingerspitzen, während Hellmuth einen Augenblick betroffen zögerte —
„Gehorsam ist des Christen Schmuck, mein verehrter Assessor!“ lachte der Graf Willibald in bester Laune, „Majestät haben befohlen — und ich bitte.“
Er machte eine heitere Geste nach dem Hotel und bot Pia chevaleresk den Arm, „meine Frau erwartet die Scharfschützen!“ —
Der junge Forstmann war dunkelrot geworden. Sein strahlender Blick traf Fräulein von Nördlingen, und sich galant vor Mr. Luxor und Fränzchen verneigend und ihre derbe kleine Hand auf seinen Arm legend, sprach er laut, mit beinahe jubelndem Klang in der Stimme: „Und wenn ich auch besiegt bin — das Leben ist doch schön, o Königin!“ —
All right! persiflierte das Backfischchen, und schritt an seiner Seite feierlich und würdevoll der „Krone am tiefen Rhein“ entgegen!
Es war doch Frühling! Frische, erquickende Nachtluft strömte balsamisch durch das offene Fenster, und doch hatte Pia das Gefühl, als müsse sie in der Glut des Zimmers ersticken! Sie konnte noch nicht schlafen, — warum sich schon zu Bett legen?
Hinter ihrer Stirn hämmerte und klopfte es, — sie schritt langsam, die Hände verschlungen und das Haupt leicht zurückgelehnt, in der Stube auf und ab.
Noch nie im Leben hatte sie eine derartige Unruhe gequält wie heute. Noch nie hatte sie die Begegnung mit einem Menschen so völlig aus allem Gleichgewicht gerissen, wie die mit Assessor Hellmuth. Ein unbegreifliches Fühlen und Empfinden stürmte auf sie ein.
Himmelhoch jauchzend! — zu Tode betrübt.
Der Gedanke an ihn verliess sie nicht.
Es hätte ihr so gleichgültig sein sollen, ob der Fremde mit ihnen soupierte oder nicht, — und dennoch schlug ihr Herz wie beseligt auf, als Fränzchen ihre neue Königinwürde durch die originelle Tischeinladung bestätigte.
Und als sie an seiner Seite gesessen, und Fränzchens übermütige Laune die kleine Tischgesellschaft ansteckte, so dass Scherzen, Lachen und Becherklang harmonisch durch die Lenzesluft tönte, da fanden sich die Blicke immer häufiger und sprachen unbewusst aus, was die Lippen wohl nie gewagt hätten, zu bekennen!
Und Pias Herz erzitterte, — die Glücksschauer von Liebe und Sehnsucht wehten darüber hin, und was seit Jahren den reichen, eleganten und vornehmen Kavalieren des high life nicht geglückt war, dieses Herz durch langes, dringendes Werben zu gewinnnen, das war einem fremden Wandersmann in wenig Stunden geglückt. Ist das lebhafte Interesse, welches sie an ihm nimmt, wirklich mehr wie freundschaftliche Sympathie? Das junge Mädchen presst die Hände gegen die Schläfen, und ihr Blick irrt wie in angstvoller Hilflosigkeit zu der silbernen Mondscheibe empor, welche ihr träumerisches Licht durch das Fenster giesst. — Sie weiss es nicht, — ihr klares Urteil ist getrübt, — wie rosige Schleier wallt es vor den Augen, wenn sie an ihn denkt. —
Und dennoch, wäre es nicht Thorheit, nicht Wahnsinn? Wie oft hat sie spöttisch die Lippen gekräuselt, wenn sie in Romanen las, wie schnell die Liebe und Leidenschaft Macht über Menschenherzen gewinnt. Es schien ihr unfasslich, und sie lächelte darüber und war überzeugt, dass wohl nur krankhafte und überspannte Phantasie solch ein „Prima vista-Lieben“ sich ausdenken könne!
Und nun? —
Wie eine Krankheit ist es über sie gekommen! Wenn sie sich fragt: „Warum gefällt er dir so gut?“, weiss sie keine Antwort, keine andere als jenen unbestimmten Begriff: „Weil er mir gefallen muss! Ist er so schön?“ —
Sie findet: mehr noch wie schön! — Sein Antlitz ist geistvoll, energisch, stolz, vornehm, und dabei drückt es doch so viel warmherziges und edles Empfinden aus, wie kein anderes je zuvor.
Sein Blick fesselt sie, — es liegt eine Macht darin, welche sie sich nicht erklären kann.
Aber sie entsinnt sich, dass einst eine geistreiche Dame im Salon ihrer Verwandten sehr interessant über diese geheimnisvolle Macht des Auges gesprochen hat. Der Blick ist der Träger eines Geistesfunkens, welcher da zündet, wo er verwandte Seelen trifft. Man entdeckt ja neuerdings so viel wunderbare Naturkräste — man photographiert sogar die Hände und ihre elektrischen Ausstrahlungen und zeigt, wie Hass und Liebe sich an denselben bildlich darstellen lassen.
Und solch ein geheimnisvoller glühender Strom geht von seinem Auge und von seiner Hand aus, und setzt rettungslos ihr ganzes Wesen und Sein in Flammen!
Und dies soll ja die wahre und echte Liebe sein.
Dieser Sturmlauf der Leidenschaft, welcher sieht und siegt!
Alles andere ist nur „sich an einander gewöhnen“, ein allmähliches Abstumpfen und Resignieren, welches den Widerstand lähmt und die Vernunft über das Herz siegen lässt. Dieses laue Gefühl der Duldung, welches aus längerem Verkehr entspringt, hat nie das Herz, sondern nur der Verstand geboren. Man lernt die guten Eigenschaften, den vortrefflichen Charakter, das engelhaft treue und offenmütige Wesen eines Menschen kennen, und wenn man früher auch noch so kalt und gleichmütig an ihm vorüber ging, so bewirkt dieses „Kennenlernen“ doch allmählich ein Interesse, welches sich mehr und mehr erwärmt, bis es in der ruhigen, leidenschaftslosen Überzeugung gipfelt: „Dieses Wesen gefällt dir doch recht gut und passt vortrefflich für dich, sprechen wir das entscheidende Wort!“ —
Und das soll Liebe sein? —
Pia schüttelt plötzlich erregt den Kopf. Nein, tausendmal nein! All diese vermeintlich Liebenden — lieben nicht! Sie kennen nicht diesen heiligen Sabbath im Herzen, diese Weihestunde süsser Herzensqual! Sie ahnen nicht, was dies Hoffen — Wähnen, Bangen und Jauchzen, — dieses Sinnen und Träumen mit offenen Augen besagen will! Sie haben nie vor ihrem eigenen Empfinden wie vor einem süssen Rätsel gestanden, sie haben nie die zauberische Gewalt empfunden, welche stärker ist als jeder Wille, welche besiegt und zum willenlosen Sklaven macht und doch das ganze Sein mit jubelnden, berauschenden Wonnen erfüllt! —
Pia fühlt, wie ihr Thränen über die Wangen rinnen. Thränen! Weint sie denn? Nein, ihre Lippen lächeln ja doch und ihre Seele atmet Glückseligkeit! — Sie will gern ruhig nachdenken, — sie kann es nicht. All ihre Gedanken kreisen wie leuchtende Strahlen um eine Sonne.
Darf sie ihn denn lieben? —
„Und ob ich dich liebe — was geht’s dich an?!“ — —
Wer will der Liebe wehren? Sie spottet jedes Verbotes. Und er? — Begehrt er ihrer? —
Ja, sein Auge ruft sie mit jedem Blick! Sein Auge wirbt heiss und flehentlich um Liebe, — mit jedem Blick.
Und sie hört und versteht diesen Schrei der Sehnsucht, darf sie ihm folgen? — —
Muss sie fliehen, solange es noch Zeit ist?
Pia schliesst die Augen und bleibt hochatmend stehen. Warum vor dem Glück fliehen? Sie sieht ja, wie es in blendender Schöne ihr entgegen leuchtet, wie eine Sonne, welche sich nach dunkler Nacht am Himmel hebt. —
Liebessonne! Licht der Gnade und des Glückes!
Nein, sie flieht nicht vor ihm.
Sie breitet selig lächelnd die Arme aus und harrt seiner!
Und wenn schwarze Schatten dazwischen treten wollen, die Eltern? — Tante Johanna und Fränzchen? Wenn der Freier ihnen nicht reich genug und vornehm scheint für die schöne Erbin von sechzehn Ahnen? Wird Karl Hellmuth ihren Eltern einen Schwiegersohn wie den Majoratsherrn von Niedeck ersetzen? — Pia presst die Lippen zusammen und hebt voll stolzer, herber Entschlossenheit das Haupt: „Ja, denn Karl Hellmuth wird ihr Kind glücklich machen!“ —
Horch .... eine Nachtigall hebt vor dem Fenster drunten ihr süsses Liebeslied an! —
Wie oft hat Pia solchem Klang gelauscht, ruhig, heitern, kühlen Herzens, verständnislos.
Heute fasst und begreift sie den Jubel und Schmerz, welcher die kleine Brust zu zersprengen droht. Langsam tritt sie an das Fenster.
Der Mond taucht die ganze Gegend in Silberglanz und: ruhig hin fliesset der Rhein ...
Sie atmet in tiefen, wonnigen Zügen die frische Nachtluft und blickt voll schwärmerischer Sehnsucht nach den Bergen hinaus, wo feine, weisse Nebel wie wallender Duft um die Ruinen wehen.
Sie ahnt nicht, wie reizend ihr mondbeschienenes Antlitz, das lächelnde, liebverklärte, aussieht. Sie sieht nicht, wie eine hohe dunkle Männergestalt jählings einen Schritt aus dem Schatten vortritt, als wolle sie voll leidenschaftlichen Entzückens die Arme zu der Geliebten heben. —
Die jung erschlossenen Fliederdolden dusten schwül — und die Flusswellen rauschen leise, träumerisch gegen das Ufer. —
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