Kitabı oku: «Die Regimentstante - Band 1»
Nataly von Eschstruth
Die Regimentstante
I
Roman
Saga
Ebook-Kolophon
Nataly von Eschstruth: Die Regimentstante - Band 1. © 1899 Nataly von Eschstruth. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2016 All rights reserved.
ISBN: 9788711469996
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
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Motto:
Glückselige, welche die Muse liebt!
Hesiod.
Ein jeder Schritt, den unser Streben
Dem Reich der Wahrheit abgewinnt,
Er ist ein Schritt hinein ins heitre Geistesleben!
Jedoch, dass wir durch dieses Labyrinth
Nur langsam uns der Fülle näher winden,
Dies treibt in uns die Kraft zum Streben auf,
Und dass wir sie nur ahnen, nicht ergründen,
Das ist ein hoher Wink; er winkt hinauf!
Ciedge.
I.
Die Kammerjungfer stand hinter ihr und steckte den Schneeglockenkranz auf dem braunroten, plattgescheitelten Haar fest, und während ihre geschickten Finger zierlich auf den weissen Blumenkelchen hin und her tupften, hier fester andrückten und dort ein wenig lockerten, flog der Blick immer wieder in den Spiegel, das Bild der jungen Gebieterin zu mustern. Ach, es war so ganz und gar nicht nach ihrem Geschmack, es war so herzbeklemmend unvorteilhaft, dass Dörte gar nicht begriff, wo das gnädige Fräulein überhaupt die Courage hernahm, auf einen Ball zu gehen!
Wusste man dort, wie klug, wie lustig, wie herzensgut Fräulein Resi war?
Nein, man kannte sie nicht, man sah sie zum erstenmal hier in der Stadt, — und auf einem Ball fragt kein Mensch danach, wie es tief innen in Herz und Seele eines jungen Mädchens aussieht, da kommt es lediglich auf das hübsche Lärvchen an, und wem Mutter Natur den Freibrief der herzbesiegenden, augenbethörenden Schönheit ausgestellt hat, der tanzt, — und wer hässlich ist, wer bei der grossen Ausstattungslotterie eine Niete gezogen hat, der bleibt sitzen — rettungslos sitzen, denn die paar Almosen, welche mitleidige Herren den Mauerblümchen in Form spärlicher Extratouren zuwerfen, rechnen nicht mit. Dörte wusste so genau Bescheid damit! —
Sie hatte nicht umsonst acht Jahre lang bei der Gräfin Ridder gedient und manch liebes Mal durch die Verandathür in den Ballsaal geäugt! Wie ging es da zu? Etwa nach Recht und Verdienst? O Gott bewahre!
Ihre kleine Comtesse schwebte daher wie ein Engelchen, lachend, glückstrahlend, kokettierend mit all der Routine der Grossstädterin, welche die „rädergrossen, naiven“ Augen stundenlang vor dem Spiegel einstudiert, welche genau weiss, wie sie das Köpfchen drehen muss, um das pikante Profil im richtigen Moment zur Geltung zu bringen!
Welch eine Not im Toilettenzimmer! — da liegen die Engelflügel noch als Requisite in der Schublade, und Gräfin Fidelia tobt umher als das bitterböseste aller Teufelchen! Drei- — viermal muss die Frisur geändert werden, immer wieder werden von allen Seiten Spiegel gehalten und die kleine Dame mustert und prüft ohne Aufhören, Zornesfalten auf der Stirn, scharfe Linien um das rosige Mündchen, leidenschaftliche Scheltworte auf den Lippen. Wie oft hat sie nicht die Puderdose der Kammerjungfer an den Kopf geworfen, wenn es die Arme trotz aller Mühe nicht recht machen konnte! Wie manch reizenden Blumenkranz hat sie voll Wut mit den Atlasschuhchen zerstampft, wenn er ihrem Gesichtchen nicht das Relief gab, welches sie erwartete!
Wieviel zornig zerfetzte Spitzentücher, wieviel Scherben, wieviel des Hetzens, Kommandierens und Schmähens, bis es endlich — endlich so weit ist, bis das Erscheinen der Frau Gräfin dem grausamen Spiel ein Ende setzt, — ihr Mahnruf und der Schlag der Pendule auf dem Kamin.
Dörte ist dann müde und erschöpft einen Augenblick auf den Sessel gesunken und hat die kühlen Hände gegen die Stirn gepresst, wie ein flügellahmer Vogel, welcher sich in einem Wirbelsturm zu Tode geflattert, — Gräfin Fidelia aber schwebt in den Ballsaal, — lächelnd, anmutig, ganz kindliche Unschuld und Lieblichkeit. —
Entzückend hübsch sieht sie aus, und sie fliegt von einem Arm in den andern, sie ist umschwärmt, angebetet, ihre Händchen vermögen kaum die Masse der Cotillonsträusse zu fassen.
Und abseits, kaum bemerkt, nur gerade so viel tanzend, dass ihr „Schimmeln“ nicht auffällt und für die Herren zum Vorwurf wird, steht ein überschlankes, ernstes, nicht allzu hübsches Mädchen, eine Nichte der Gräfin, welche seit Jahren schon im Schlosse weilt. —
Wie manche Stunde sitzt sie still und emsig, kittet die Scherben, stopft, kaum sichtbar, die zerfetzten Taschentücher, frischt liebevoll die Blumen auf, welche die wütende kleine Cousine zertreten, und überall, wo Fidelias Lieblosigkeit und Heftigkeit ihre Spuren hinterlassen, waltet sie sanft und milde wie ein Geist des Friedens. Die Wunden heilen unter ihrer Hand. —
Wissen das die Leute im Ballsaal? — Nein, — sie sehen nur was vor Augen ist, — hier die Schöne, und dort die Hässliche.
Im Reich der Rose kommt das Wegekraut nicht zu Ruhm und Ehren — und wenn es selbst das beste, edelste Heilpflänzlein und Wohlverleih ist!
Ja, Dörte hatte die Welt kennen gelernt. Sie war eine verarmte Lehrerstochter, gebildet und freigeistig genug, um sich ein Urteil bilden zu können.
Als Comtesse Fidelia geheiratet, hatte sie das gräfliche Haus verlassen und war auf ihre guten Empfehlungen hin zu Fräulein Therese von Wieders übergesiedelt.
Fräulein Resi war eine Waise. Seit ihrem fünften Lebensjahr stand sie allein auf der Welt, ward von einer freundlichen alten Tante auf ihrem elterlichen Gut erzogen, und hatte das grosse Glück, von einer vortrefflichen Erzieherin und einem geistig bedeutenden Pfarrer unterrichtet zu werden.
Letzterer war ein sehr vielseitiger, lebensfrischer alter Herr, welcher ehemals als Marinepfarrer die Welt durchquert und manch reichen Schatz des Wissens und der Erfahrung heimgebracht hatte in die stille, kleine Dorfpfarre, auf welcher er, seinem eigenen Wunsche gemäss, den Rest seiner Tage in friedlicher Beschaulichkeit beschliessen wollte.
Es gewährte ihm besondere Freude, die junge Resi von Wieders zu einer klugen, lebhaft frischen und trefflich unterrichteten Dame heran zu bilden, gleichzeitig Herz und Seele bei ihr pflegend, um in den beiden Wundergärtlein aus fleissiger Saat viel edle Früchte zu ziehen.
So reich beanlagt Resi, so spielend leicht sie auffasste und lernte, so schwerfällig war ihr einziger Bruder Eberhard, welcher auf Veranlassung des Vormundes im Kadettenkorps erzogen ward und nur seine Ferien auf dem elterlichen Schloss verleben durfte. Das war der einzige, herbe Schmerz in dem sonst so heiteren, friedlich stillen Leben des heranwachsenden Kindes, denn die Geschwister liebten sich über alles, und wenn auch Resi an Jahren jünger war, so machte sie ihr energisches Wesen, ihr überlegener Geist dennoch zur lady patroness des Bruders, welcher sich ihren Ansichten und Wünschen fügte, wie ein gehorsamer Sohn seiner Mutter.
Eberhard war Offizier geworden und sollte es auch vorläufig bleiben, da er für Landwirtschaft weder Neigung, noch Interesse zeigte, und seine Güter in den Händen eines vortrefflichen Pächters besser aufgehoben schienen, wie in seinen eigenen. Seine Vermögensverhältnisse waren auch so glänzend, dass man es als noble Pflicht erachtete, den Namen Wieders in imponierender Weise in der Armee repräsentieren zu lassen. Als Eberhard bei einem Garde-Kavallerie-Regiment eintrat, zählte Resi fünfzehn Jahre und seitdem der Bruder zum letztenmal einen Jagdurlaub auf Wiedershagen verlebt, war ein Sturmwind mit ihm zugleich durch das stille Schloss gebraust, welcher die schönen, seit Jahren so trefflich bestehenden Verhältnisse rettungslos über den Haufen zu blasen drohte.
Eberhard verlangte in seiner phlegmatischen, aber sehr nachdrücklichen Weise, dass Tante Auguste mit Resi nach der Residenz übersiedeln solle. Die „kleine Maus“ solle sich dort weiter ausbilden, Musik und Malerei sei im Rückstand geblieben, Kunstgeschichte lerne sie am besten in Museen und Theatern, und für all diesen Kram habe Resi Talent und Interesse. Auch sei es für ihn ein behagliches Gefühl, ein Heim in der grossen Stadt zu haben. Die Resi könnte ihm mit manch gutem Rat beistehen, denn das verstehe sie besser wie jede andere — und er könne wiederum der Schwester nützen, wenn sie Schutz und Schirm bedürfe.
Voll Begeisterung griff das junge Mädchen diesen Vorschlag auf, und wenn auch die Tante tausend Einwände macht, schliesslich fügte sie sich doch und siedelte mit dem Pflegetöchterchen nach der Residenz über.
Es war, als habe Resis reger Geist nur auf den Funken gewartet, um in hellen Flammen aufzuschlagen.
Das neue, nie gekannte Leben und Treiben, die Fülle von Wissenschaft, Kunst, Eleganz und Grossartigkeit waren dieser Funken, und wenn Resi schon als Kind viel Anlage zur Selbständigkeit und Energie gehabt, so reifte ihr Charakter jetzt mit Riesengeschwindigkeit ihren Jahren voraus und verlieh dem jungen Mädchen, als es kaum achtzehn Jahre zählte, etwas so Fertiges, frauenhaft Ruhiges und Sicheres, dass man wohl annehmen konnte, der bartlose, etwas linkisch unbeholfene Leutnant sei der Sohn dieser Dame, welche wohl etwas jung geheiratet hatte.
Es war geradezu erstaunlich, welch ein Talent Resi entwickelte, den älteren Bruder zu gängeln und zu leiten. Nicht in herrschsüchtiger oder unangenehmer Weise, sondern stets taktvoll, stets in einer so frischen, lustigen, liebenswürdigen Art, dass es dem Leutnant gar nicht in den Sinn kam, sich für irgendwie beeinflusst zu erachten. Im Gegenteil — es war so bequem, versorgt zu werden! Er brauchte sich nicht mit Überlegen und Denken abzumühen, er fragte einfach in seiner langsamen, pomadigen Weise: „Sag’, Resi, wie soll ich’s machen? — Sag’, Resi, was soll ich da thun? — Sag’, Resi, wie könnt’ ich das ändern?“ Und Resi sah ihn mit ihren hellen, grauen Augen einen Moment schweigend an, ruckte dann das Köpfchen mit der ihr eigenen, schnell entschlossenen Weise in den Nacken und gab kurz und bündig ihre Anordnungen. —
Stets zur Zufriedenheit, Eberhard hatte sich noch nie in die Nesseln gesetzt, wenn er den Rat des jungen Mädchens befolgte, und das festigte sein Vertrauen mehr und mehr, so dass es ihm bald eine Unmöglichkeit dünkte, ohne die Schwester fertig zu werden.
Eberhard war ein hochaufgeschossener junger Mensch, dennoch aber schwank und haltlos wie eine Bohnenranke, welche trotz ihrer frischgrünen Blätter und fleischigen Blüten doch hilflos an der Erde kriechen würde, wenn der liebe Herrgott nicht ein kräftig Stämmchen daneben stellte, an welchem sie sich emporrichten könnte. Und solch ein Stecken war die Resi, — der gute Gärtner droben hatte es wohl gewusst, warum er die beiden Menschenpflänzlein so dicht nebeneinander gestellt hatte.
Mit kleinen Sorgen und Beratungen begann es, — aber es blieb nicht dabei.
Resi lebte sich mit wunderbarer Schnelligkeit in ihre Rolle als Schutzgeist hinein. Sie begann, den grossen Leutnant mehr und mehr „unter ihre Flügel“ zu nehmen, sie interessierte sich schliesslich nicht nur für die Angelegenheiten, welche er selber, freiwillig, bei ihr zur Sprache brachte, sondern auch für diejenigen, welche Eberhard wohl mehr als privater Natur erachtete.
„Ich muss auf den Schlingel aufpassen“, sagte sie dann wohl zu sich selber, „er gebraucht mehr Geld, als er ausgeben darf. Sonst schenkte er mir ein ganzes Dutzend Handschuhe, wenn es ihm einfiel, mich durch eine Aufmerksamkeit zu überraschen, das letzte Mal war es nur ein halbes Dutzend, — auch schloss er neulich seinen Schreibtisch so schnell ab, als ich ihn vor etlichen Briefschaften überraschte, und das eine Papier hatte ein Format .... Gott im Himmel, der Junge wird doch keine Schulden machen?“ —
Abends am Kamin, als die beiden Geschwister einen Augenblick allein sassen, begann Resi mit dem harmlosesten Gesicht der Welt von einem Spieler- und Wucherprozess, welcher unlängst sich vor den Schranken des Gerichts abgespielt, zu reden. Wie verurteilte sie den Leichtsinn, die Ehrlosigkeit eines Menschen, welcher sich auf die unedelste aller Weisen an dem Hab und Gut seines Nächsten bereichern möchte. — Warum spielt ein Mann? — Um zu gewinnen! Um sich auf die Kosten eines andern reich zu machen. Ist es nicht ein Ausplündern schlimmster Sorte? Was ist ein moderner Kavalier, welcher mit Hilfe von ein paar Königen, Buben und Damen dem bezechten Nachbar den Geldbeutel leicht macht, anderes, als ehemals ein Ritter vom Stegreif, welcher mit seinen Spiessgesellen dem ahnungslosen Kamerad ein Dorf auspochte oder dem reisenden Kaufmann den Beutel leerte — —
„Oho!“ rief Eberhard — „spielen und spielen ist ein Unterschied —“
„Gewiss, — so lange es beim harmlosen Skat oder Whist bleibt und ein paar Mark kostet, ist auch das Kartenspielen ein erlaubtes Vergnügen, — bleibt es aber dabei? — Nein; und wo das Hazard mit seinen Vermögenseinsätzen beginnt, hört die Ehrenhaftigkeit auf. — Wenn man ein reicher Mann ist und das Geld zum Wegwerfen hat? Auch der grösste Sack Korn läuft aus, wenn man ein Loch hineinschneidet, und ausserdem — sind es nur reiche Leute, welche spielen? Im Gegenteil, die leidenschaftlichsten Spieler sind zumeist die, welche absolut nichts zuzusetzen haben, sondern reich werden wollen. Ausserdem ist es für vermögende Leute ein doppeltes Verbrechen, zu spielen und andere, weniger Bemittelte durch ihr Beispiel zu verführen —“ und nun schilderte Resi mit solch lebhafter Beredsamkeit alles Elend, welches je durch das Spiel über Familien hereingebrochen, dass Eberhard die Zähne in die Lippe grub, aufsprang und mit grossen Schritten im Zimmer auf und nieder ging.
Resi schien seine Erregung gar nicht zu bemerken, sie lehnte den Kopf zurück und lächelte: „Gott sei Lob und Dank, dass in unserer Familie der Spielteufel niemals Fuss fassen konnte. Die Wieders waren zu gottesfürchtig und rechtlich dazu. Unser seliger Vater hasste das Spiel. Hat dir Onkel Hellmuth schon davon gesprochen, Hardi, dass Vater in seinem Testament einen Brief hinterlegt hat, welchen du bei deiner Mündigkeitserklärung ausgehändigt bekommen sollst? Es sei das letzte, liebevolle Mahnwort an seinen Sohn.“ — Und die Sprecherin erhob sich jäh, schlang die Arme um den Bruder und blickte ihm mit strahlendem Blick in das erhitzte Antlitz: „O Eberhard, wie stolz bin ich auf dich ehrenhaften, braven Menschen! Wie zuversichtlich sehe ich der Stunde entgegen, wo du Vaters Brief liest, du brauchst nicht zu erröten dabei — du kannst stolz erhobenen Hauptes zum Himmel blicken und dem Toten sagen, dass du seines Hauses und Namens Ehre heilig gehalten ...“
Eberhard sank auf einen Sessel nieder, sein Haupt neigte sich tief — tief zur Brust — und dann drückte er das Gesicht gegen Resis Schulter. „Gott gebe es, Resi.“ —
Die naive, kleine Kriegslist hatte ihre Wirkung nicht verfehlt, was ein gestrenger Oberst umsonst angestrebt, hatte ein Mädchenmund durch wenige Worte erreicht. —
Und dieser erste, mehr geahnte, wie bewusste Erfolg machte die Schwester immer sicherer und energischer, immer wachsamer auf ihrem Posten. Zeigte Eberhard eine Anwandlung zu Leichtsinn oder zu flotter Lebensart, verstand Resi es, zu rechter Zeit „den Daumen aufzudrücken!“ Nicht pedantisch, nicht altjungferlich, sondern frisch und fröhlich mit rechtem Wort zu rechter Zeit. Der junge Wieders war ein leicht zu lenkender Charakter, und in Resi sah er das Ebenbild der Mutter, und oft, wenn sie ihm ins Gewissen sprach, kam es über ihn, als sei die weiche Hand, welche ihm zärtlich über das Haar strich, die schlanke, kühle Rechte der geliebten Toten, so, wie er sie zum letztenmal auf dem Haupte gefühlt, als die Kranke mit brechenden Augen in den Kissen des hohen Himmelbettes lag. —
Resi war erwachsen.
Tante Auguste machte in der Residenz ein Haus, um die Pflegetochter der Geselligkeit zuzuführen. Eberhards Kameraden statteten ihre Besuche ab und verkehrten gern und viel in dem behaglichen Salon; es war ein so anheimelndes, nettes Umgehen mit den beiden Damen, namentlich mit Fräulein Resi.
Sie war so anders wie andere junge Mädchen, so kameradschaftlich, ehrlich, vernünftig und vergnügt, ein Gedanke an lyrische Redensarten oder fade Courmacherei kam keinem in den Sinn, — das schien seltsamerweise ganz ausgeschlossen, denn das junge Mädchen von achtzehn Jahren machte einen so gereiften, mütterlich wohlwollenden Eindruck, so recht wie eine gute, freundliche Tante, mit welcher man so ganz und gar harmlos verkehren kann und muss!
Resi war durchaus nicht hübsch, ja, es gab Menschen, welche das direkte Gegenteil behaupteten.
Ihre grosse, vierschrötige Gestalt entbehrte jedweder Grazie und Anmut, ihre Bewegungen waren energisch und kurz, ihr Gang von einer gewissen derben Eilfertigkeit, welche ihre Erzieherin manchmal mit den Worten gerügt hatte: „Resi, stiefele doch nicht so drauf los!“ —
Die Haare lagen glatt gescheitelt, braunrot und ohne Glanz, wie von leichtem Rost überzogen, an der stark gewölbten Stirn, welche durch sehr spärliche, sich in ihrer hellen Färbung kaum markierende Brauen abgegrenzt wurde.
Hellfarbige, graue Augen, weder an Farbe, noch Umrahmung schön, aber durch den klugen, lebhaften Blick sympathisch, gaben dem Gesicht Ausdruck, und über die kurze, stumpfe Nase und die breiten Backenknochen zog sich ein Sattel von Sommersprossen, welcher selbst im härtesten Winter nicht abblasste.
Dörte hatte anfänglich mit gerungenen Händen gefleht: „Brauchen Sie doch ein Mittel dagegen, gnädiges Fräulein, — es gibt deren gut wirkende, welche absolut unschädlich sind! Mein Gott, wenn ich an all die Salbentiegelchen und Crêmedosen auf dem Toilettentisch der Comtesse Fidelia denke!!“ — Aber Resi hatte mit lustigem Lachen den Kopf geschüttelt: „Wie sollte ich wohl dem lieben Gott seine schönste Originalphysiognomie verderben!“ scherzte sie; „die Sommersprossen gehören zu mir, wie die braunen Staubfäden in den Kelch der Heckenrose! Wir sind beide Landkinder und tragen unsere Visitenkarte im Gesicht! Nein, Dörte, es wäre undankbar von mir, etwas wegzuwerfen, was Mutter Natur mir so besonders splendid geschenkt hat!“ —
Die Kammerjungfer schüttelte über solch lachende Philosophie den Kopf und seufzte hilflos wie Jung-Jochen: „Wat sall ich dabi daun?!“ und mit dem gleichen Gefühl beängstigender Ratlosigkeit stand sie auch jetzt hinter dem Stuhl ihrer jungen Herrin, welche sie zum ersten grossen Ball frisiert hatte, und wagte kaum, einen Blick auf das so unvorteilhafte Spiegelbild derselben zu werfen.
„Ach, gnädiges Fräulein, wir hätten die Haare heute doch ein wenig brennen sollen!“ rang es sich schliesslich über ihre Lippen; „der Kranz sitzt auf diesen glatten Scheiteln so ungeschickt — er gefällt mir noch gar nicht recht — und ... ach, da schlägt es ja erst halb sieben Uhr — wenn ich mich recht spute, bekomme ich sicher noch eine zweite Frisur fertig! Einen Brennapparat besitze ich ... darf ich ihn holen — —“ und schon wollte die Sprecherin jeden Einwand der jungen Dame durch schleunige Flucht aus dem Zimmer abschneiden.
Resi aber fasste lachend hinter sich und hielt die Getreue mit energischem Griff. „Du wärst es imstande, Dörte, und hiessest mich noch eine weitere halbe Stunde ‚Statue‘ sitzen! Nein, ich danke Gott, dass die Prüfung überstanden ist. Es ist thöricht, dass ich überhaupt einen Kranz aufsetze, aber es ist nun einmal Sitte, dass man zu einem Hofball ein ausgeschnittenes Kleid anzieht und durch Blumenschmuck die festliche Stimmung markiert — und gegen Vorschriften darf man nicht rebellieren.“ Ein beinahe schelmischer Blick traf das verlegene Gesicht der Zofe: „Wenn solche Befehle nun hie und da in der Ausführung übel ausfallen — wie zum Beispiel der Kranz auf meinem Kopf und die kurzen Ärmel an meinen roten Armen, so ist das nicht meine Schuld, sondern die der Hofetikette — und darum trage ich das Unvermeidliche mit Würde und sage: tu l’as voulou, George!!“
„Aber man kann doch etwas dazu thun, um die Vorschriften geschmackvoll auszuführen, gnädiges Fräulein! Ein wenig brennen — ein paar Löckchen — und nicht den vollen Kranz, sondern einen graziösen Zweig in das Haar gelegt ...“
Resi lachte noch mehr. „Nur einen kleinen Zweig Wie respektierlich! Ich bin eine gute Patriotin und sage: „Ehre, wem Ehre gebührt! — Seinem König darf man nichts abknapsen! — Übrigens — es ist ja so ungeheuer gleichgültig, wie ich aussehe, Dörte —“
„Gleichgültig?!! — Gnädiges Fräulein wollen und sollen doch gefallen!“ —
„Ich soll gefallen? — Wozu das? Wenn nur die andern Leute mir gefallen!“ —
„Glauben Sie mir, gnädiges Fräulein, wenn eine junge Dame recht hübsch aussieht, amüsiert sie sich doppelt.“ —
„Hübsch aussehen? Liebe Dörte, aus einer Fledermaus wird zeitlebens kein Goldfasan, und wenn sie sich mit noch so viel fremden Federn schmückte! Das Amüsement, welches ich auf dem Balle suche, finde ich, und wenn mir der Teufel noch mal so arg auf meinem Gesicht Erbsen gedroschen hätte!“ — Resi schaute mit ihren vergnügten Augen ohne jedwede Spur von Bitterkeit oder Bedauern auf ihr Spiegelbild. „Dass ich mordsgarstig bin, weiss ich, und dass die Menschen nicht blind sind, weiss ich auch, und um mir thörichte und falsche Illusionen zu machen, dazu bin ich Gott sei Dank zu vernünftig. Ich gehe nicht auf den Ball, um Eroberungen zu machen und Herzen zu bethören“ — wieder ein frisches, lustiges Lachen — „auch nicht um mit meinen schönen Mitschwestern zu konkurrieren und die begehrteste Tänzerin zu sein, — ich gehe hin, um mich wie die Göttin Unnahbarkeit auf einen einsamen Thron zu setzen und auf die schnurrige Welt voll Pracht und Herrlichkeit, Hass und Liebe, Gut und Bös herab zu sehen. Nicht ich will die Leute amüsieren, sondern die Leute sollen mich amüsieren — nicht ich will Wohlgefallen erwecken, sondern die Menschen sollen mir die Freude zutragen, ich will nicht geben — sondern empfangen! Siehst du, Dörte, wenn man mit solch guten Absichten auf einen Ball geht, muss man sich amüsieren, selbst mit diesem Schneeglockenkranz auf dem dicken Schädel!“ —
Dörte blickte mit einem Gemisch von Rührung und Staunen auf die Sprecherin. Unbegreiflich! So lacht und scherzt ein Mädchen von achtzehn Jahren über ihr Unglück — denn Hässlichkeit ist ein Unglück für jedes weibliche Wesen, — wie oft hatte Gräfin Fidelia das nicht ironisch lächelnd ihrer armen Cousine versichert!
Noch einen Einwand wollte sie wagen!
„Gewiss, gnädiges Fräulein, das ist alles schon ganz gut! Aber wenn die Herrschaften Ihnen gefallen sollen, — dann gehört es dazu, dass sie recht nett und liebenswürdig zu dem gnädigen Fräulein sind, dass die Damen freundliche Worte sagen und die Herren die Cour machen, — und das geschieht um so mehr, als man vorteilhaft aussieht, denn die meisten Herrschaften sind bei solch grossem Fest einander fremd, und weil sie sich nicht gleich ins Herz sehen können, so lesen sie zuerst den Freibrief, welcher dem Menschen von aussen anklebt ....“
Resi dehnt die robusten Arme und lehnt sich behaglich gegen den Stuhl zurück. „Ich sage dir ja, Dörte, dass ich an keinen Menschen irgend welche Anforderungen stelle! Das bewahrt mich vor jeder Enttäuschung. Ich verlange kein freundliches Wort und keinen Tanz. Ich will mir ein friedliches Wandplätzchen aussuchen und mir einbilden, ich sässe im Theater. Vor mir spielt sich eine grosse Komödie ab, teils lustig, teils ernst, teils zum Lachen, teils zum Weinen. Und ich sehe zu und nicke Beifall, wenn einer seine Rolle gut spielt. Und an dem Schönen, was ich sehe, freue ich mich, und das Hässliche nehme ich mit in den Kauf, weil es da sein muss, um der Schönheit Wert zu geben. Und wenn ich das Niedrige sehe, werde ich den Blick um so entzückter auf das Erhabene richten, denn je tiefer wir in den Abgrund sehen, desto höher deucht uns der Berg. — Siehst du, Dörte, das ist mein Ballvergnügen, und wenn alle hässlichen Mädchen mit solch vernünftigen Gedanken zu Spiel und Tanz gingen, gäb es keine sauertöpfigen Gesichter an den Wänden. „Nimm di nix vör — dann sleit di nix fehl!“ — So; und nun zieh mir das festliche Fell über die Ohren, ich möchte bereit sein, wenn mein Bruder kommt! —
Und Resi stand lachend auf, streifte den Frisiermantel von den Schultern und hob die Taille von duftiger, gestickter Seidengaze mit zwei Fingern empor. Ihr Blick bekam etwas Weiches, Inniges, wie er warmherzigen Menschen eigen ist, wenn ein lieblicher Anblick sie erfreut.
„Wie schön ist doch so ein Ballkleid, Dörte! Es macht mir schon ausserordentlichen Spass, mich einmal so anziehen zu können! — Ach Dörte, wie glücklich bin ich doch! Konnte Gottes Wille mich nicht auch als Kranke, als Krüppel auf die Welt kommen lassen? — Wenn ich drunten an die arme unglückliche Portierstochter denke, welche bei ihren vierundzwanzig Jahren tagein, tagaus in dem Fahrstuhl sitzen muss und ihre gelähmten Füsse nicht regen kann! Und arm ist sie auch noch dazu — kann ihr Elend durch nichts vergessen machen! — Und ich! o, wie kann ich meine Glieder rühren, wie kann ich so unendlich viel Schönes sehen und mit vollen Zügen geniessen!“ Sie blieb vor der Jungfer stehen und legte ihr mit strahlenden Augen die Hände auf die Schultern. „Dörte — als ich eben vor dem Spiegel sass, und du mein hässliches Gesicht ansahst, da las ich in deinen Zügen. Du beklagtest mich aus Herzensgrund! — keine Ursache dazu. Ich bin zwar nicht hübsch und reich, denn unsere Güter sind Majorat und Eberhards Eigentum, aber ich bin gesund und von Herzen guter Dinge — und das ist Glück! ein grosses Glück! So lange ein Mensch noch seine Glieder gebrauchen und sich neidlos an der schönen Welt freuen kann, so lang ist er ein Liebling seines Gottes!“ Dörte blickte in die strahlenden Augen der Sprecherin und nickte stumm mit dem Kopf, — wahrlich, Fräulein Resi war wohl beneidenswerter wie manch blendend schönes Mädchen, welchem nichts mehr genügt und nichts mehr begehrenswert erscheint, welches auf dem flimmernden Goldstrom des Lebens treibt und nach den kühlen, frischen, herben Wassern des Lebens schmachtet, welche aus rauhem Felsen schäumen, und nur den erquicken, welcher tapfer und zuversichtlich den steinigten Weg erklommen.
Resi stand in dem duftigen Ballkleid und freute sich seiner geschmackvollen Zartheit, und sie freute sich über den schönen Fächer, welchen Eberhard ihr heute morgen geschickt, und über die Tasse Thee und die belegten Butterbrote, welche Tante Auguste noch servieren liess. Wie gelegen kamen sie ihrem Hunger! wie lieb, wie gut von der Tante, daran zu denken! —
Die Freude ist die grösste Künstlerin, sie malt das hässlichste Gesicht mit Farben, welche es verklären und schön machen, und sie legte auch ihren Zauberglanz in Resis Augen und warf einen zarten, rosig roten Schleier über ihr Antlitz, dass es trotz der ungebrannten Haare und des unvorteilhaften Kranzes so liebenswert dreinschaute, dass dem eintretenden Bruder vor Genugthuung das Herz im Leibe lachte!
Leutnant von Wieders hatte nicht viel Schönheitssinn, und an das Gesicht der Schwester hatte er sich seit Kindesbeinen gewöhnt, und weil er seine Resi liebte und verehrte, wie sonst kein anderes Wesen, so kam ihm gar nicht der Gedanke, dass ein anderer Mensch seine Schwester mit anderen Augen ansehen könnte, wie er.
Er sprach nie sehr viel, nickte auch jetzt nur behaglich vor sich hin und bot der Tante den Arm. — „An die Pferde! — Es ist Zeit!“
II.
Man hat bisher stets angenommen, das wichtigste Möbel in einer Damengarderobe sei ein Spiegel, selten jedoch erfüllt geschliffenes Glas weniger seinen Zweck, wie hier, so unglaublich es auch klingen mag.
Die Damen, welche in grosser Toilette eine Ballgarderobe betreten, haben sich lange genug vor dem Spiegel aufgehalten und sind mit sich im klaren.
In der Regel mustert die Mutter die Töchter, und die Töchter mit flüchtigerem Blick die Mama, nachdem Mantel und Kopfschleier abgelegt sind, und dann nicken, sie sich mit etwas atemloser Hast und Eile zu: „Alles in Ordnung!“ — und winden sich mit liebenswürdigsten Pardons dem Ausgang wieder zu.
Nur hie und da wirft eine mutter-, schwester- und tochterlose Schöne einen schnellen Blick in das Glas, zupft noch einmal an Stirnlöckchen und Blumen, und wendet den Kopf blitzschnell wieder zur Seite, wenn neben ihr aufs neue eine Schleppe rauscht.
In der Ballgarderobe interessieren sich die Damen nicht mehr für ihre eigene Pracht und Herrlichkeit, die ist zu Hause genugsam geprüft und anerkannt, sondern all ihre Aufmerksamkeit konzentriert sich auf die lieben Mitschwestern, welche man im Saal — wo Begrüssung und Konversation ihre Ansprüche stellen — lange nicht so scharf und genau mustern kann, wie hier, wo die Blicke so bequem hin und her huschen können, während man anscheinend — bis zur Teilnahmlosigkeit vertieft — die Handschuhe zuknöpft. —
Wer sich über das Kapitel Nächstenliebe unterrichten will, beobachte in einem Ablegezimmer die Blicke, mit welchen eine liebe Freundin die andere heimlich und rücklings mustert. Ja, da liegt in gar manchen Augen das Herz viel klarer und durchsichtiger, als die Schönen es sich träumen lassen, und man erzählt sich von einem Herrn, welcher vor der Garderobe auf die Schwester wartete, dass er durch die sich öffnende Thür zufällig in die heilige Halle hinein schaute.
Dieser Blick war die kleine Ursache einer grossen Wirkung, denn er traf zufällig das Gesicht der bis dahin heissgeliebten Königin seines Herzens, und diese musterte just die Toilette einer vor ihr stehenden Kommerzienratstochter. — Wieviel Neid, wieviel Missgunst, wieviel empörende Unduldsamkeit schillerte durch diesen einen Blick! Seine Schärfe zerriss all die rosigen Schleier vor den Augen des Anbeters, und von einer jähen, bitteren Enttäuschung beeinflusst, blieb das bindende Wort, welches ihm an diesem Abend auf den Lippen geschwebt, ungesprochen.
Resi ahnte nicht, welch einem Kreuzfeuer von Blicken sie ausgesetzt war, als sie mit fröhlichem Gesicht den Pelzmantel in die Hände einer Kammerfrau gleiten liess und sich momentan niederneigte, sich der Pelzschuhe zu entledigen. Die jungen Mädchen wechselten ironische Blicke, die Mütter lächelten wohlzufrieden und selbstbewusst ein unhörbares „hors de concours!“ und nur ein paar sehr heitere, kleine Frauen, welche schon jetzt begannen, die bunten Fädchen zu spinnen, an welchen sie nachher die jungen und alten Falter zappeln lassen wollten, waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie, ohne rechts und links zu blicken, vorübereilten. Als Resi sich wieder aufrichtete und — unwillkürlich nach bekannten Gesichtern suchend — um sich blickte, sah sie kaum ein Auge auf sich gerichtet, — ein paar junge Damen kicherten und prusteten vor Lachen hinter ihren Fächern über einen Witz, den die eine gemacht zu haben schien — und welchen Resi wohl auf alles andere bezogen zu haben schien, wie auf sich.
Tante Auguste war in dem farbenprächtigen Gedränge, in diesem wogenden Meer von Seide, Sammet und Spitzen das einzige Inselchen, zu welchem sich ihr irrender Blick zurück rettete, und sie freute sich, als die Brokatschleppe der alten Dame endlich — durch alle Klippen durchlaviert — auf den Purpurdecken des Treppenhauses rauschte.
Eberhard stand, den Kürassierhelm im Arm, bereits wartend neben der mächtigen Palmengruppe, welche ihre graziösen Fächerblätter in der Flut strahlenden Lichtes badete.
Er klappte die Sporen zusammen, bot der Tante abermals den Arm, und feierlich schweigend und langsam stieg man die Stufen empor, — hier den stummen Gruss eines dienstthuenden Kammerherrn erwidernd, dort liebenswürdig ein paar flinke Leutnantsfüsse oder jüngere Damen vorüberlassend, deren thatendurstige Eile die asthmatische Tante Auguste überflügelte.
Die Lakaien standen in prunkhafter Livree, würdevoll und selbstbewusst zur Seite, und Resis lustige Augen sahen alles und jedes, von den mächtigen Ritterbildern an den Wänden bis herab zu den wappengewirkten Teppichen. Der Rahmen deuchte ihr fürerst noch interessanter wie das Bild, und als sie ihn genugsam gewürdigt, liess sie auch dem letzteren sein Recht geschehen. Ja, ein schönes Bild! So schön, wie es in all seiner überschwenglichen Farbenpracht und seinem Goldglanz kein Maler wiedergeben kann.
Sie blieb momentan stehen und blickte über die breiten Schlosstreppen in das wundervolle Vestibül hinab.
Drunten wogte die Menge der Neuankommenden, die Herren in imposanten Galauniformen der Minister, Räte und Gesandtschaft, Goldtressen und breite Ordensbänder, Offiziersuniformen in grösster Mannigfaltigkeit des In- und Auslandes, und zwischen ihnen die liebliche Farbenpracht elegantester Toiletten, von dem duftigen Seidenflor jugendlichsten Ballkleides bis zu der goldgestickten Sammetschleppe der Excellenz.
Das wogte und hastete durcheinander, stieg in heiterer Konversation die Stufen empor und tauschte lächelnde Grüsse von drunten nach droben und von droben nach drunten — und über dem ganzen diamantglitzernden Treiben zogen süsse Duftwogen dahin, — jenes geheimnisvolle Gemisch von Ambrée und Blüten, die Narkose für junge Herzen, in welcher sie so manch süssen, wehen, wonnigen Traum der Liebe träumen! —
Resi war nicht gekommen, um zu tanzen oder sich unter jenen nichtssagenden Redensarten, welche fremde Menschen bei ununterbrochenen Vorstellungen wechseln, zu langweilen.
Tante Auguste hatte ganz überraschend eine alte Jugendfreundin, welche bei einer zu Besuch weilenden Herzogin die Dienste der Staatsdame versah, getroffen, und während sie in der Galerie Platz nahm, an der Seite der so lang Entbehrten tausend Erinnerungen aufzufrischen, nahm Resi den Arm des Bruders und flüsterte: „Nun schnell, Hardi, bring mich auf ein recht gedecktes behagliches Plätzchen im Thronsal, wo ich dem Tanz zusehen kann!“
„Hm!“ nickte der Kürassier, lockerte den Ellenbogen und verschaffte sich und seiner Dame mit dem höflichsten und scharmantesten Lächeln der Welt Platz.
Längs der Wände zog sich ein teppichbelegtes Podium hin, hie und da durch blühende Ziersträuche geschmackvoll dekoriert, auf welchem zumeist die älteren Damen Platz genommen.
Im äussersten Winkelchen, halb versteckt von duftigen Syringen- und Mandelbäumchen, fand Resi, was sie suchte, und während Eberhard sich mühsam zu seiner Regimentskommandeuse durchdrängte, um ihr den schuldigen Respekt zu vermelden, sass Fräulein von Wieders mit seelenvergnügtem Gesicht auf ihrem verlorenen Posten und freute sich unbeschreiblich über ihr Glück, diesen brillanten Platz erobert zu haben.
Vor ihr, zwei Stufen tiefer, drängte sich Kopf an Kopf das tanzlustige Publikum, stets wechselnd — wenn auch langsam und nur in kleinen Wirbeln — weil dicht daneben eine weite, durch Säulen geteilte und bogenartig gewölbte Thür in einen der Nebensäle führte.
Wie interessant, diesen bunten Strom an sich vorüber fliessen zu sehen, in all die lachenden, verschiedenartigen Gesichter zu sehen und so vieles beobachten zu können, was den andern entging, weil sie viel zu sehr mit sich selbst und ihrem eigenen Amüsement beschäftigt waren.
Dann betraten die hohen Herrschaften in kurzem Rundgang den Saal, und Resi ward dunkelrot vor Entzücken, sie so ganz nahe zu sehen und grüssen zu können.
Welch ein feierlicher, unvergesslicher Augenblick, welch eine Stille plötzlich nach all dem Schwatzen und Rauschen und Brausen, welches wie Meeresbrandung unter dem goldgemalten Plafond dahin gezogen. Und dann erweitert sich der freie, kleine Raum inmitten des Saales noch mehr, — die Herrschaften haben Platz genommen, und die Musik schmettert in jauchzenden Weisen los.
Die Vortänzer üben ihres Amtes.
Eine Prinzess des königlichen Hauses fliegt wie ein reizendes rosa Sommerwölkchen im Arm eines Dragoners dahin, der Diamanttau funkelt über die graziöse Gestalt und durch die Gestalten der Zuschauer geht ein Recken und Heben ... Und dann wirbelt es wie ein bunter Schmetterlingsschwarm durcheinander, man sieht nicht mehr viel, nur die sich drehenden Köpfe und Köpfchen, denn die Mauer der Zuschauer baut sich in immer dichteren Kreisen auf. —
Resi kommt es gar nicht in den Sinn, dass sie eigentlich recht verlassen und einsam in ihrem Wandeckchen sitzt, dass sich kein Mensch mit ihr unterhält, dass keiner der Herren Notiz von ihr nimmt, und sie wundert sich, als sie in die ärgerlichen, verdrossenen Gesichter zweier jungen Damen blickt, welche ihre Tanzkarten mustern und nicht zufrieden mit ihrem Inhalt sind. Sie streifen die nächststehenden Herren mit recht vielsagenden Blicken, und als just ein Garde-Artillerist begrüssend an sie heran tritt, wirft die kleine Blondine schmollend die Lippen auf und sagt sehr laut: „Es ist entsetzlich dieses Völkerfest! Man kennt mal wieder keine Seele! — Die bekannten Herren finden sich nicht durch, und die fremden lassen sich nicht vorstellen, — den ganzen ersten Tanz keinen Schritt gethan! Geht man darum auf einen Ball?“ — Der junge Offizier ist ausser sich über solch ein himmelschreiendes Unrecht und versichert hastig, dass man sich drüben in der Galerie schon zu einem famosen, kleinen Kreis zusammen gefunden! „Darf ich bitten, Baroness?“ und er bietet der Blondine den Arm und drängt sich mit ihr nach der Thür zurück.
Mit einem vernichtenden Blick auf die umstehenden „Schlachtenbummler“ folgt die Schwester.
Resi lächelt: „Ist das der Zweck eines Balles? — Wie verschiedenartig doch der Geschmack ist.“
Nimm di nix vör — dann sleit die nix fehl! — Du liebe Zeit, wie kann man noch mehr des Herrlichen verlangen, als wie hier geboten wird!
Aber die Menschen haben ganz verlernt, sich harmlos und ehrlich zu freuen, sie können nur noch nörgeln und tadeln, — die Hitze! das Gedränge! die flauen Tänzer! — die Langeweile! —
Resi merkt nichts von alledem. Sie freut sich an allem, an der bunten Pracht, an der köstlichen Musik, welche dem Herzen Flügel wachsen lässt, an den Erfrischungen, welche serviert werden und welche ihr herrlich munden.
Dabei hat sie soviel zu thun.
Ein paar besondere Lieblinge unter den jungen Mädchen hat sie schon erwählt, und die beobachtet sie und freut sich, wenn die Herren ihren Geschmack gut heissen und die allerliebsten Dinger recht auszeichnen, — und unter den Tänzern sind ihr auch schon verschiedene, eigenartige Typen aufgefallen, ein junger Türke, welcher mit sehr erstaunten, aber flammenden Augen in diese fremde Welt starrt und die köstliche Gelegenheit gar nicht genugsam ausnutzen kann, so viele reizende, unverschleierte Damen aus andrer Männer Harem ungestraft schauen und gar im Tanze umfassen zu können! —
„Das Abendland gefällt mir alle Tage besser!“ steht deutlich auf seinem schmalen, gelben Gesicht zu lesen, und zwei Herren erzählen sich vor Resi mit lauter Stimme: „Ali Ben Hassan habe jüngst einen, mit acht Töchtern gesegneten Baron gefragt, ob er wohl sein Schwiegersohn werden könne, — worauf der alte Herr mit lautem Seufzer der Erleichterung nur das eine hervorgestossen: ‚Wie viele wollen Sie? — Wenn Sie alle acht nehmen, kriegen Sie die Gouvernante gratis zu!‘“ —
Man lacht hell auf, und Resi amüsiert sich ebenso gut, als habe man ihr den Witz direkt erzählt. — Dann fällt ihr Blick auf einen Ulan, welcher neben ihr in die Thür tritt.
Vorhin stand er ihr gegenüber und fiel ihr auf, weil sein ernstes Antlitz so wunderlich gegen all die lachenden Gesichter umher abstach.
Auch jetzt blickt er so ernst in das lustige Gewimmel hinein, als spiele die Musik ein Requiem und als müsste mit Schlag zwölf dieser ganze Totenreigen in Grab und Moder zurücksinken.
Wie gut und distinguiert er aussieht.
Gross und schlank, ohne kraftlos zu erscheinen, mit gebräuntem, ovalem Gesicht, aus welchem grosse, dunkle Augen blicken und über dessen Lippe sich ein eleganter, kleiner Schnurrbart kräuselt.
Er ist noch jung, und darum überrascht der Ausdruck seines Gesichts noch mehr.
Warum tanzt er nicht? —
Er scheint nicht unbekannt zu sein, denn öfters schon neigte er das Haupt in etwas steifem und förmlichem Gruss, das Kinn gegen den gestickten Uniformkragen drückend und die Hacken zusammenklappend, wenn Damen an ihm vorüber eilten, aber seine ganze Art und Weise behielt trotz aller Höflichkeit etwas Abweisendes, so vielsagend auch manch schönes Auge zu ihm aufblickte. Einmal redete ihn eine junge Frau an, er antwortete mit leiser, etwas verschleierter Stimme, wie es schien, nur gerade das Nötigste, und als sie gegangen, stand er wie vorher und schaute auf die lebensfrohe Menge, als wolle er sagen: „Wie kann man!! —“
Wieder und immer wieder blickte Resi zu ihm hinüber.
Noch nie hatte ihr ein Männergesicht so vortrefflich gefallen, wie just dieses.
Warum? — sie fragte es nicht, denn sie hätte doch wohl keine rechte Antwort darauf gewusst; die spärliche Thatsache, dass er schön war, konnte einem so klugen Mädchen, wie Fräulein von Wieders, nicht genügen, und ausser dieser fehlte vorläufig jede andere Qualifikation. Und dennoch! — es ist ein wunderbares Gefühl um die Sympathie, um solch ein unbewusstes Sicherwärmen und Sichinteressieren!
Resi empfand nie zuvor etwas Ähnliches, wie in dieser Stunde, und während die andern Menschen im Saal ihr nur als amüsante Marionetten erschienen, deren Drehungen und Wendungen man zusieht, wie in einem Lustspiel, so kam ihr bei dem hübschen Ulanenoffizier zum erstenmal die Frage: „Wie heisst er und warum tanzt er nicht? Warum schaut er so unnatürlich ernst in die Welt?“ —
Und während ihr Blick wieder nachdenklich auf ihm weilte, und sie im Herzen eine innige, naive Freude empfand, dass ihr ein Mensch so ausserordentlich gut zu gefallen vermochte, sah sie Eberhards robuste Gestalt neben dem Ulan auftauchen.
Der Kürassier legte schweigsam wie immer die Hand auf die Schulter des Ulans, und drehte ihn mit fröhlich schmunzelndem Gesicht etwas zur Seite, um passieren zu können.
Der interessante Unbekannte wandte jählings das Haupt und starrte in das rote, fleischige Gesicht Wieders’, und dann flog ein Schimmer von Lächeln über sein Gesicht und er sprach ein paar Worte, welche sicher lauteten: „Ach, Wieders! Gut, dass ich Sie treffe!“ — So wenigstens deutete sich Resi den Ausdruck seines Gesichts.
Könnte sie doch hören, was sie sprechen! — Sie sitzt ja ziemlich nahe, aber die Musik spielt so laut — ah! brillant, eben schliesst sie mit kräftigem Paukenschlag, — und durch die momentane Stille klingt die tiefe Bierbassstimme des Bruders zu dem jungen Mädchen herüber.
„Meine Fuchsstute? Thut mir leid, Verehrtester, vorgestern schon verkauft! War ein Kapitalgaul! Stochow hatte schon lange darum gehandelt — —“ und dann setzte die Musik zu der dritten Quadrillentour ein, und Eberhard und der Ulan dienerten sich ein paarmal an und trennten sich.
Der Kürassier steuerte direkt auf das Podium los, seine Schwester zu erreichen, und der schöne Unbekannte stand nach wie vor als steinernes Bild an der Säule.
„Na, Resel — da bin ich endlich wieder!“ nickte Eberhard, mit tiefem Seufzer sich in das schmale Eckchen zwischen Diwan und Eckdekoration hinein klemmend. „Entsetzliche Schwätzerei! — An allen Ecken und Enden nageln sie einen fest! — Hast dich gelangweilt?“ —
Fräulein von Wieders lachte und ihre Wangen glühten wie Pfingstrosen. „I, wo werde ich, es ist entzückend! Du glaubst gar nicht, wie prachtvoll ich mich amüsiere! Schade nur, dass ich so wenig Menschen kenne, du musst mir ein paar Namen nennen, Hardi, zum Beispiel wer ist jene ... ja, wart’ mal .. wo steckt sie denn nun ... ah .. da drüben unter dem zweiten Kronleuchter, tanzt mit einem ausländischen Offizier in grüner, goldgestickter Uniform mit breitem Bandelier ...“
„Hm .. Russe ...“
„Und die Dame trägt ein Kleid aus Goldflor und einen grossen, schillernden Schmetterling im Haar — siehst du sie? — Eben macht sie einen Knix ...“
„Ach, die Ada!!“ —
„Ada? — Und wie weiter?“
„Na, Ada Ingelsburg! Tochter vom alten Grafen, dem Kommandierenden des X. Korps ...“
„Wie entzückend sie ist, — bildhübsch! Wenn ich ein Mann wäre, Hardi, in die würde ich mich verlieben!“
Ein undefinierbares Knurren neben ihr.
„Nun? Findest du sie nicht auch allerliebst?“
„Par distance, — wenn sie Gesicht Nr. 1 auf hat!“
„Was heisst das?“ —
„Das heisst, die Allergnädigste hat Auswahl in Gesichtern. Sie steckt sie nach Bedarf auf.“
„Und welches zeigt sie dir?“ —
„Das mit den Angelhäkchen in den Augen! Als Kürassier und Majoratsherr bekommt man drei Sternchen in ihrer Liste!“ —
„Abscheulich! Weiss der liebe Gott, wenn die Menschen schandmäulern, werden selbst die Schweigsamsten beredt!!“
„Hm ....“
„Auf die Damen bist du ja selten gut zu sprechen —“
„Oho! — ich bin ein Gefühlsmensch — aber kein Courmacher, das strengt zu verteufelt an!“ —
„Darum ziehst du weniger aufregende Gespräche mit Herren vor — wie zum Beispiel mit jenem Ulan dort! — Wollte er die Nora kaufen?“ —
„Hätte ihm so passen können!“ Eberhard legte beide Hände auf seinen Säbelkorb und schaute wie ein Marabu der Nase entlang?“ —
„Wie heisst er?“ —
„Der Gaul? — Nora!“ —
„Unsinn, der Ulan!“ —
Leutnant von Wieders schob die breite Unterlippe noch breiter vor.
„Sein Vater hiess Baron Kronstadt, und darum heisst der Sohn auch so!“
„Er tanzt ja nicht? Warum das?“ —
Eberhardt zuckte die Achseln. „Blasierter Bengel!“
„Pfui, Hardi! Tanzest du etwa?!“
„Das versteht sich! — Eben wird ein schneidiger Galopp losgelassen, auf den habe ich nur gewartet, um mal alle Hindernisse mit dir zu nehmen!“
„Mit mir?!“
Resi lachte hell auf, ward aber im nächsten Moment blutrot, denn der Ulan wandte den Kopf und sah sie an.
„Na natürlich mit dir!“ und Eberhardt legte gelassen den Säbel ab; „du armes Wurm sollst dich doch nicht den ganzen Abend hier im Eckchen steif sitzen! Komm, Resi — kannst es getrost mit mir riskieren!“ —
Seine tiefe Stimme klang wohl lauter, als er dachte, der Ulan verstand Wort für Wort und schaute jäh betroffen auf das grosse, hässliche Mädchen, dessen ganzes Gesicht vor Freude glühte. — Du lieber Gott! sie hatte noch keinmal den ganzen Abend getanzt, und es war elf Uhr durch! —
Resi fühlte den Blick der dunklen Augen auf sich ruhen, und eine jähe, namenlose Verlegenheit erfasste sie. Um sie aber nicht zu zeigen, lachte sie immer mehr und immer lustiger und sprang hastig auf, um von diesem Platz fortzukommen. Sie hatte aber den einen Fuss während des Sitzens zurück geschoben und auf die Spitze gestellt, und der spitze, franzöfische Hacken ihres weissen Atlasschuhes hatte sich in dem Spitzenzwischensatz des Unterkleides festgehakt.
Als sie nun so hastig aufsprang, blieb der Fuss hängen, und um ihn zu befreien, musste Resi etwas zappeln mit ihm, und das verursachte momentan eine hüpfende Bewegung, bis der Hacken frei kam, und Fräulein von Wieders, immer tödlicher verlegen, den Arm des Bruders nahm und, immer lebhafter lachend, auf ihn einsprach, während sie sich durch die dreifache Mauer der Zuschauer Bahn brachen.
Baron Kronstadt aber starrte ihr immer noch mit weitaufgerissenen Augen nach!
So etwas hatte er ja im ganzen Leben noch nicht gesehen! — Du lieber Himmel, welch eine Freude! Welch ein Entzücken, weil sie einmal tanzen soll! Armes Ding! Den ganzen Abend geschimmelt, und dabei doch so liebenswürdig und guter Dinge geblieben! Und als endlich der dicke Kerl, der Wieders ankommt — er schien ihr Bruder oder Vetter zu sein, nannte sie wenigstens „du“ — und sie zu einem armseligen Galopp flott macht, da freut sich das rührende Wurm so diebisch, dass sie vor Vergnügen von einem Fuss auf den andern hüpft! —
Ein Gefühl von Staunen, Überraschung und Rührung bemächtigte sich des Ulans.
Nein, so viel ehrliche Freude, so viel bescheidene Liebenswürdigkeit und Anspruchslosigkeit hatte er zuvor noch nie erlebt! —
Hübsch ist sie zwar nicht, aber .. du heilige Kümmernis! man findet es noch schlimmer, und ein hässliches Gesicht, welches so glückselig lacht, ist ihm immer noch zehnmal lieber, wie das schönste Lärvchen, welches von Arroganz und schlechter Laune verunstaltet wird. —
Er wollte heute eigentlich nicht tanzen, aber diesem braven Mädel gegenüber gebietet es die Ritterlichkeit, eine Ausnahme zu machen — da kann man ja leicht ein Herz beglücken — und wer weiss, hier schafft er vielleicht durch einen einzigen kurzen Tanz mehr Glückseligkeit, wie jemals bei seinen Schwestern durch die kostbarsten Präsente von Perlen und Brillanten.
Resi hatte getanzt, mit ungeheurem Genuss getanzt! Welch ein Spass, nun selber einmal zwischen all diesen Auserwählten herum zu wirbeln, sogar mit einem Kürassier und Majoratsherrn, welcher auf Gräfin Adas Liste durch drei Sternchen als „sehr empfehlens- und begehrenswert“ bezeichnet ist. Resi war so vergnügt, als flöge sie in den offenen Himmel hinein, und zwar mit ihrem Bruder, eine Thatsache, welche bei andern jungen Mädchen gar nicht mitrechnet, sondern als Notbehelf sehr ungnädig „erduldet“ wird.
Als sie hochaufatmend zum letztenmal herum getanzt hatte und mit lustblitzenden Augen zu Eberhard aufsah, nickte ihr der junge Offizier schmunzelnd zu und sagte: „Siehste, Altes, das hätten wir höllisch forsch gemacht! — Und nun wollen wir verpusten!“ —
Er bot ihr den Arm und wandte sich nach dem Eckplätzchen auf dem Wandpolster, um seine Tänzerin in ihr „angewärmtes Nest“ zurück zu bringen.
Resi aber blieb jählings stehen und wandte den Kopf etwas betroffen zur Seite.
„Da habe ich nun schon so sehr lange Zeit gesessen!“ sagte sie etwas unsicher, „führe mich doch einmal nach dort drüben, dass ich diese bunte Welt auch einmal von der anderen Seite kennen lerne!“
Eberhard zuckte die Achseln. „Alles geprammste voll! Da müssten wir schon einen Nebensaal unsicher machen. Lange Zeit ist ohnehin nicht mehr, — noch ein viereckiger Tanz und dann wird zum Futterschütten geblasen!“
„So komm dort in die Galerie!“ —
„Ja, halt mal, erst müssen wir an den Diwan zurück, ich habe ja meinen Säbel da abgelegt und muss wieder umschnallen!“
Resi hob den Kopf. Warum wollte sie eigentlich nicht wieder an den alten Platz zurück? Es war sehr thöricht von ihr. — Weil der Ulan sie mit seinen dunklen Augen so erstaunt angesehen hatte? Lächerlich! Hat sie ihn etwa nicht angesehen? Und Resi lachte wieder ganz vergnügt und redete sich selber ein, dass es doch höchst gleichgültig sei, ob ein Mensch den andern ansähe oder nicht.
Als sie an den Diwan kamen, stand Herr von Kronstadt vor demselben und blickte ihnen erwartungsvoll entgegen.
Sie mussten dicht an ihm vorüberschreiten, und der Ulan machte höflich Platz, wandte sich zu Eberhard und sagte lächelnd: „Ich habe ihr Schlachtschwert in Verwahrung genommen, lieber Wieders, es rasselte gar zu kriegerisch auf das Parkett herab!“ Und als der Kürassier wohlbehäbig seine Anerkennung aussprach, bat sein Kamerad mit liebenswürdigstem Neigen seines wohlfrisierten Hauptes: „Darf ich bitten, mich vorzustellen?“ —
„Gern, Verehrtester. Liebe Schwester, bleibe deiner Sinne Meister —: Baron Kronstadt.“
Resi lachte und Kronstadt lächelte, und nach einer abermalig scharmanten, spornklingenden Verbeugung sagte der Ulan ganz unvermittelt: „Sind gnädiges Fräulein bereits zu diesem Lancier engagiert, oder darf ich um den Vorzug bitten?“
Resi stand einen Augenblick sprachlos und starrte den schönen Mann an, als habe er türkisch gesprochen, und sie ward erst blass und dann so rot, als habe ein Sonnenuntergang all seine Purpurlichter über ihre Wangen gegossen.
Eberhard nannte das „ihr Alpenglühen!“ —
„Tanzen? — O gewiss, sehr gern, Herr von Kronstadt, wenngleich ich Ihnen ehrlich gestehe, dass ich sehr wenig Übung habe! Meine Tanzstunde auf dem Lande war sehr einseitiger Natur!“
Eberhard sah beinahe noch überraschter aus, wie seine Schwester. „Famos! sehr nett, Kronstadt — aber ich halte es auch für besser, Sie tauschen den Lancier in einen Walzer um, — ich weiss nicht, ob unser alter Dorfschulmeister die Quadrille so ganz à la cour einstudiert hat!“
„Einen Walzer?“ — der Ulan zögerte ein wenig: „Ich weiss wirklich nicht, mein gnädiges Fräulein, ob ich das riskieren darf! Die Rundtänze sind mir noch verboten, weil nach meiner schweren Kontusion am Kopf leicht noch Schwindel eintritt, und solche Zufälligkeiten vor den Augen der höchsten Herrschaften riskieren — —“
„Sie dürfen nicht tanzen? Sie waren krank?“ rief Resi ganz entsetzt — „um Himmelswillen, keinen Schritt —!“
Und Eberhard machte eine jähe Geste mit der Hand und nickte: „Donnerwetter ja! Ihr Sturz in Hoppegarten! — Nee zum Teufel! da lassen Sie mal das Geschwenke gut sein!“ —
„Gestürzt? Mit dem Pferd gestürzt?“ wiederholte Resi atemlos, und in ihrem Auge spiegelte sich eine solch unverhohlene Angst, dass Kronstadt in seiner ruhigen, etwas förmlichen Weise den Kopf neigte und lächelte: „Das ist bei einem Kavalleristen keine allzu grosse Seltenheit und hat nur den einen übeln Beigeschmack, welcher ein ehrgeiziges Herz mehr schmerzt, wie eine Schramme oder ein zerschlagener Knochen, dass man nämlich den Ärmsten für einen schlechten Reiter hält!“ —
Die Musik schmetterte eine Fanfare, und der Sprecher sah die junge Dame bittend an: „Befehlen gnädiges Fräulein? Der Tanz beginnt.“
III.
Resi schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein, Baron, ich befehle nicht! Im Gegenteil, ich möchte die Vorschriften Ihres Arztes durch die Bitte verschärfen, sich möglichst zu schonen! Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit! Und“ — fügte sie mit scherzendem Ton hinzu — „werde Sie in voller Anerkennung Ihrer guten Absicht sofort für die Schwester der „Nora“ notieren, welche daheim in dem Fohlenstall heran wächst, und Eberhards Fuchs an Schönheit und guten Eigenschaften sicher noch um etliche Pferdelängen schlagen wird!“ —
Kronstadt sah sie überrascht an, dann lachte er leise auf. „Sie wissen von meiner unglücklichen Liebe zu der goldblonden Nora?“ antwortete er in derselben heiteren Art, „dann bitte ich um stilles Beileid, — ich kam mit meinem Antrag leider zu spät“ — ein beinahe koketter Blick der schönen, dunklen Augen traf sie — „wie es eben solch armen Burschen geht, welche immer mehr Glück im Spiel — wie in der Liebe haben!“ —
„Hm!“ — knurrte Eberhard mit einer leichten Grimasse und kurzem Seitenblick.
Resi aber ward abermals blutrot und sah ihn mit einem Blick an, in welchem sich die volle, naive Ehrlichkeit eines arglosen Herzens spiegelte, dessen Staunen sich in der Frage ausdrückt: „Du liebe Zeit! — Du schöner, wunderschöner Mann solltest kein Glück in der Liebe haben?!“ —
Aber sie fasste sich schnell und der Schalk blitzte wieder aus ihren Augen.
„Erste Lieb, du gehst vorbei,
Schneller wie ein Sturm im Mai!“
rezitierte sie. „Ich hoffe, auch Sie verschmerzen die schöne Nora bald, um ihrer noch schöneren Schwester willen!“ —
„Faktisch, gnädiges Fräulein, hat sie solch nahe Verwandte, welche ihr Ebenbild ist!“ —
„Hm —“ brummte es neben ihm, und der Kürassier nahm ein Sektglas von dem Silbertablett eines servierenden Lakaien: „auf der gedenke ich die nächste Frühjahrsparade zu reiten!“
„Aber Wieders!!“ —
„Schäme dich, Eberhard! Über „Isolde“ hast du ganz und gar nicht zu bestimmen!“
„Oho! — das wäre!“ —
„Ich hab’s schriftlich!“
„Teufel ja! Die Akte fahre mal an, Altes!!“ —
„Momentan wäre das schwierig, aber du entsinnst dich eines Briefes — und auch Briefe haben bindende Kraft — in welchem du mir ausdrücklich die Oberhoheit und Gerechtsame über alle weiblichen Wesen von Wiedershagen zuerkanntest! Über das Ewig-Männliche behieltest du dir alle Bestimmungen vor, aber die Weiber könnte ich kommandieren, so viel es mir Spass mache!“
„Na ja, — was haben aber die Frauenzimmer mit der Fohlenkoppel zu thun?“ —
„Ei! sie bewohnen dieselbe sogar; — Isolde ist eine Dame!“ —
Kronstadt lachte so laut auf, wie es in diesen Räumen gestattet war. „Brillant, mein gnädiges Fräulein! Vortrefflich! — Gegen diese Thatsache kämpfen Götter selbst vergebens!“ —
„Ränke und Schliche! — Gott soll einen vor den Diplomaten im Weiberrock bewahren!“ schüttelte Eberhard voll gutmütiger Entrüstung den Kopf. „Sie sehen, Kronstadt, wie sie ihrem leiblichen Bruder das Fell über die Ohren zieht — und mit der wollen Sie sich in Pferdehändel einlassen?“
„Ich riskiere es, und vertraue diesen liebenswürdigen Händen so sehr, dass ich ihnen sogar den Hasen im Sack abkaufe!“ —
„Donnerwetter! — Hör mal, Altes, du könntest von jetzt ab meine Pferdegeschäfte auch übernehmen! Ich habe zu Hause noch einen spatlahmen, alten Schinder auf Gnadenbrot gestellt, — den stopp ihm mit deinen liebenswürdigen Händen in den Sack hinein!“ —
Allgemeines Gelächter, — der Sprecher wandte sich zur Seite, um einem Kammerherrn, welcher ihm im Vorüberschreiten jovial die Schulter klopfte, mit biederem Druck die Hand zu schütteln, und Kronstadt wies auf den verlassenen Platz und scherzte: „Nehmen wir doch noch einen Augenblick auf diesem westöstlichen Diwan Platz, mein gnädiges Fräulein, und gestatten Sie es nachsichtig, wenn ich mich voll begreiflichen Interesses noch ein wenig über meine zukünftige Isolde informieren möchte! Ist es ungalant, nach dem Alter der jungen Dame zu fragen?“
Resi hatte das unbestimmte Gefühl, als hätten sich alle Himmelsthüren sperrangelweit vor ihr aufgethan, sie mit einer Flut strahlenden Lichtes zu blenden und ihr junges Herz in den Tiefen der Seligkeit versinken zu lassen. Wachte sie denn wirklich, oder war alles nur ein schöner Traum, aus welchem sie im nächsten Augenblick Dörtes Klopfen wecken musste?
Er hatte mit ihr tanzen wollen! Er setzte sich an ihre Seite, um in heiterster und liebenswürdigster Weise zu plaudern, so lebhaft und interessiert; als habe er die schönste, gefeiertste Dame vor sich, — nicht aber eine Resi Wieders, vor deren Spiegelbild die gute Dörte beinahe die Hände gerungen vor Jammer und Mitleid!
Und hatte schon vorher die bescheidene und dankbare Freude über ihr ganzes Gesicht gelacht, so verklärte die Glückseligkeit nunmehr ihr Antlitz, Geist und Witz sprühte aus ihren Augen und gestaltete die Unterhaltung immer lebhafter und lustiger!
Kronstadt gehörte zu den Menschen, welche sehr der Anregung bedürfen, um sich zu amüsieren. Sein stilles, reserviertes Wesen gab ihm leicht einen Beigeschmack der Langweiligkeit, und da die meisten jungen Mädchen mehr amüsiert sein wollen, als dass sie selber amüsieren, so hatte der Ulan bislang wenig animierte Ballunterhaltungen kennen gelernt. Phrasenhaftes Courmachen lag nicht in seinem Wesen, — er „schwang“ sich wohl hie und da zu einer Artigkeit auf, aber er war zu ehrenhaft und streng denkend, um Hoffnungen zu erwecken, welche er nicht zu erfüllen gedachte, oder lediglich mit Gefühlen zu spielen, welche ihm fern lagen.
So war ihm die harmlos vergnügte Art Resis neu und fesselte ihn, — es lag so nichts in ihrer ganzen Art, was irgendwie lyrischen Beigeschmack hatte, man sprach über Dinge, welche weitab von dem Gebiet jedweder schmachtenden oder pikanten Sentimentalität lagen, und doch amüsierte er sich, wie selten zuvor.
Eberhard ward nach seiner flüchtigen Begrüssung mit dem Kammerherrn von zwei bekannten Damen angeredet und hörte andächtig, mit seinem so unverbrüchlich ernsten Gesicht, aus dessen Augen es desto humorvoller wetterleuchtete, zu, was man ihm zu sagen hatte. Er dienerte und klappte mit den Sporen, und die Damen plauderten weiter und er dachte sich sein Teil dazu, und als die einseitige Unterhaltung zur rechten Zeit durch eine Gegenströmung der zum Souper strebenden alten Junggesellen, welche nie die Zeit erwarten können, bis sich die Flügelthüren öffnen und schon zehn Minuten zu früh in deren Umkreis Posto fassten — unterbrochen wurde, strich der Kürassier leise stöhnend mit dem Battisttuch über die Stirn und schaute sich nach seiner Schwester um.
Ei du Schockbombenelement! — da sitzt ja der Kronstadt so nahe neben ihr, als führe er in der Eisenbahn und wolle nur auf halbem Platz ein Kinderbillet bezahlen, und redet so eifrig auf Resi ein — und sie nickt und lacht, dass alle Schneeglöckchen in ihrem Kranz Sturm läuten, — und dann schwatzt sie wieder und er lacht — und so geht das ohne Unterbrechung, wie bei Müller und Schultze, wenn sie Weltgeschichte machen!
Ist’s möglich! der Kronstadt! und er hatte ihn immer für einen so blasierten, berechnenden Menschen gehalten! —
Und Resi! — In solchem Feuer hat er sie ja noch nie gesehen, — reden thut sie ja immer gern und hat den Mund auf dem rechten Fleck, aber heut liegt etwas ganz Besonderes in ihren Augen, ein Ausdruck ... Wie .. ja wie bei einem, der eine Portion Ragout von Schemelbeinen erwartet hat, und dem plötzlich — für dasselbe Geld — ein Viertel Gänsebraten vorgesetzt worden ist! Eberhard spitzt nachdenklich die vollen, roten Lippen, über welchen es erst so ganz wenig und ganz semmelblond sprosst, und pfeift ganz leise, kaum, dass er es selber hört, etwas sehr Unmusikalisches, welches in keinerlei Zusammenhang mit seinen Gedanken steht.
Er hat sich diese Eroberung Resis am allerletzten träumen lassen, aber sie freute ihn, ganz unbändig sogar, denn er gönnte seinem „Altchen“ alles Gute und ein bischen Vergnügen auf einem Balle ganz besonders.
Nur die Thatsache, dass Kronstadt einen so guten und Resi einen so schlechten Geschmack dabei entwickelt haben, macht ihn gewaltig erstaunen. Seine kluge, gute, lustige Schwester, wenn die Menschen sie auch hässlich nennen, muss jedem gefallen, der auch nur ein einigermassen vernünstiger Kerl ist, aber Achat Kronstadt, dieser eitle, verwöhnte Schlingel, der sich für gewöhnlich nur anschmachten lässt und höchstens mal mit den schönen Augen klimpert, wenn eine Prinzess ihn zum Tanze befiehlt, oder die Frau Regimentskommandeuse ihm Elogen sagt, — wie kann seine Resi so oberflächlich sein und sich so lange Zeit derart „Feuer und Fett!“ mit ihm unterhalten!
Wunderlich! sie hat es aber gezwungen! Der einsilbige Adonis taut auf und spricht so witzige Sachen .... Grundgütiger! wo nur die Menschen alle die Worte hernehmen!! —
Was gibt es nur für zwei wildfremde Leute zu schwatzen? Ihm würden nicht drei Sätze einfallen! Neulich hat er bei einem Diner neben einem kleinen Mädchen gesessen, das wollte auch unterhalten sein, und das war eine verteufelte Sache, denn ihm fiel nichts ein. Er trank in seiner bedrängten Lage ein Glas Rotwein nach dem andern und sah seine Nachbarin freundlich dabei an, und als die Pastetchen kamen, fiel ihm plötzlich seine Unaufmerksamkeit ein: Sie trinken vielleicht auch ein Glas Rotwein, mein gnädiges Fräulein?“ —
„Danke! ich möchte Sie nicht berauben!“ — lächelte sie freundlich zurück.
Da trank er allein weiter.
Als der tote Fisch kam, zermarterte er sein Gehirn um eine Anspielung: „Angeln Sie, gnädiges Fräulein?“ —
„Nicht nach Stockfischen!“ — sie lächelte abermals holdselig wie ein Engel, und er fand ihre Antwort etwas merkwürdig, denn, so viel er wusste, werden die mit Netzen gefangen! —
Was nun weiter? — Er schenkte sich abermals ein und sass wie auf Kohlen; sonst hatte er sich nach der zweiten langen Pause mit scharmantem Diener empfohlen, aber während des Essens konnte er doch nicht den Platz wechseln!
Das Eis erschien in Gestalt einer lieblichen Palme, unter welcher eine Gruppe Gazellen lagerte. „Nun, gnädiges Fräulein, wie denken Sie über Afrika?“ schmunzelte er und freute sich kolossal über seinen guten Einfall.
Sie zuckte die Achseln. „Afrika habe ich in der Schule nicht gehabt, — wie’s dran war, hatte ich die Masern.“ —
„Donnerwetter, — fatal!“ —
Die Flasche Rotwein vor ihm war leer und die Tafel ward aufgehoben.
„Gesegnete Mahlzeit, mein gnädiges Fräulein!“
„Wohl bekomm’s, Herr von Wieders!“ und dabei schüttelten sie sich so kräftig die Hände und sahen sich so recht von Herzen ausdrucksvoll an, dass man wohl glauben konnte, sie hätten einen Pakt fürs ganze Leben geschlossen.
Schade, dass ihm immer so wenig zum Sprechen einfällt, — später in der Nacht, als er im Bett lag, da kamen ihm noch ein paar gute Gedanken, was er wohl hätte sagen können, aber was hilft der Mostrich nach Tisch!!
Und Kronstadt sitzt da und ist plötzlich der reine Kettenredner geworden!
Freilich, mit Resi! — Mit der kommt jeder gut fort, — mit der schwatzt er, Eberhard der Schweigsame, sogar das Blaue vom Himmel herunter! So; — Paukenschlag, — Schluss. — Gott sei Dank, nun ist die Quadrille zu ihren Vätern versammelt und die Flügelthüren werden sich öffnen. Da heisst es auf dem Posten sein.
Der Kürassier schob sich energisch an ein paar dicken Excellenzen vorüber und tippte Resi auf den Nacken.
„Komm fix, Altes! Das Büffett für die tanzende Jugend ist in der Marmorgalerie aufgeschlagen, wenn wir durch den kleinen Saal hier — rechts durch die Vorhalle gehen, schlängeln wir uns durch den Eingang für die Lakaien direkt hinter das Büffet! Ich habe es das letzte Mal ausprobiert!“ —
„Heil Ihrem Spürsinn!“ lachte Kronstadt aufspringend und bot Resi den Arm: „Darf ich bitten, mein gnädiges Fräulein? Ihr Herr Bruder zeigt den Weg, und wir folgen unserm Feldherrn!“
„Weiss der Teufel, wie er den Vorteil ausnutzt!“ schmunzelte Eberhard, „na, heute will ich Sie noch mal mitnehmen, alter Freund!“ und damit schob er seine vierschrötige Gestalt wie einen Eisbrecher durch die hin- und herwogende Menge, dem nachfolgenden Paar Bahn zu schaffen, und sein rotes, frisches Gesicht leuchtete so fröhlich wie ein Vollmond an klarem Himmel, denn erstens that es seinem eitlen Herzen wohl, dass seine Schwester einen regelrechten Tischherrn gefunden hatte, was bei wenig bekannten jungen Damen immer etwas schwierig ist, und zweitens fühlte er sich dadurch doppelt frei und behaglich.
Er engagierte sich prinzipiell nicht bei Büffetts, denn er behauptete, „nach Mitternacht für alte Weiber und andrer Leute Töchter Essen zu schleppen“ — dazu sei er nicht durch den Fahneneid verpflichtet.
Er ass gern in Ruhe und Behaglichkeit und beklagte es lebhaft, dass Rehrücken, Schnepfenpastete und Austernaspic nicht auch mit Gräten und Flossen zur Welt gekommen waren, denn der weiseste Ausspruch, den je ein hungriger Mensch gethan, deuchte ihm der: „Kinder! beim Fischessen spricht man nicht!“ —
Und so freute er sich auch jetzt seines vortrefflichen Einfalls, einen Flankenangriff auf das Büffett gemacht zu haben, denn diese Taktik bewährte sich glänzend.
Während die Schar hungriger Seelen, glänzend und farbenprächtig, sich durch die soeben geöffneten Saalthüren ergoss, und sich bald vor der langen, reichbesetzten Mitteltafel staute, wie ein Bienenschwarm, welcher in surrenden und burrenden Klumpen am Korbe hängt, stand Leutnant Eberhard bereits mit Schwester und Kamerad hinter dem „Tischlein deck dich“, füllte sich mit aller Seelenruhe und Behaglichkeit seinen Teller, „schwuppevoll“ — rettete ihn auf ein Fensterbrett und kehrte zurück, um eine zweite Auswahl zu treffen und mit Kennermiene die verborgensten lukullischen Perlen zu fischen!
Er behauptete, es sei auch für einen Teller nicht gut, wenn er alleine sei, und darum sorgte er ihm für einen leckeren Genossen.
„Wieders! — Wieders! — füllen Sie mir mal flink was auf!!“ rief eine Stimme aus der Menge, aber Eberhard war taub wie eine Nuss, wuchtete, reich mit des Orients Schätzen beladen, in die Fensternische zurück, schwang sich auf das Fensterbrett und war für niemand — für absolut niemand mehr zu sprechen! —
Resi stand währenddessen an Kronstadts Seite hinter dem Büffett und sorgte in ihrer mütterlichen Weise mehr für ihn, wie er für sie. Das machte sich so ganz selbstverständlich, dass sie energisch die Teller zur Hand nahm, die Speisen mit kritischem Blick überflog und auf dies und jenes Gericht aufmerksam machte; konnte er es schlecht erreichen, füllte sie ihm schnell auf, und just, als sie Eberhards Beispiel folgen und sich an dem freien Eckchen eines seitwärts stehenden Serviertisches häuslich niederlassen wollte, tönte die Stimme an ihr Ohr: „Wieders! Wieders! füllen Sie mir doch was auf!“
Sie schaute empor und sah weit zurück hinter den eifrig hantierenden Damen und Herren ein paar junge Kürassiere, ihr wohlbekannte Kameraden Eberhards stehen.
Sie nickte ihnen fröhlich zu, und die Herren winkten mit der Hand und einer von ihnen rief: „Ei, mein gnädiges Fräulein, endlich sieht man Sie! — Wie kommt denn das, dass wir Sie jetzt erst finden?!“
„Das kommt daher, dass Sie immer in der falschen Ecke gesucht haben!“ rief Resi lachend, und alle Umstehenden lachten mit.
„Wie kommen Sie denn hinter das Büffett, mein gnädiges Fräulein? Haben Sie voltigiert?“
„Das versteht sich! — In Freiheit dressiert!“ —
Wieder allgemeine Fröhlichkeit.
„Fräulein von Wieders, Sie wären ein Engel, wenn Sie mir armem Mann ein Stückchen Brot gäben! Bis wir durchdringen, sind wir entweder verhungert, oder es ist nichts mehr da!“ —
„Ich thue es auch billiger! — Was wollen Sie, süss oder sauer?“ —
„Möglichst von allem und recht viel!!“
„Gut“, und Resi belud flink und geschmackvoll einen Teller und reichte ihn seitwärts durch einen Lakaien dem glücklichen Prätendenten.
„Aber Fräulein von Wieders, wie können Sie Lobwitz so verziehen? — Das nehmen wir andern übel! — Welch ein Recht hat unser Jüngster ...“
„Er ist mein Neffe!“ sagte Resi mit sehr ernster Miene.
„Ich bin auch Ihr Neffe!!“ rief ein anderer der Kürassiere. „Bitte, Tante, mir auch einen Teller!“
„Das versteht sich, — sofort!“ und das junge Mädchen waltete abermals ihres Amtes als Hermann der Rabe.
„Tante! Tante Wieders! Vergessen Sie etwa, dass ich auch Ihr Neffe bin?“ jubelte ein dritter Kürassier, und ein Vierter schwenkte aufgeregt beide Arme in die Luft —
„Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar! Auch ich bin Ihr Neffe, Gnädigste —!“ —
„Nanu! Wieviel Neffen hat denn Fräulein von Wieders? Jetzt ist wohl bald das ganze Regiment beisammen!!“ lachte ein Artillerie-Major in tiefem Bass, und während die Teller über die Köpfe weiter gereicht wurden und die Stimmen lachend durcheinander klangen, rief Leutnant von Lobwitz übermütig:
„Na natürlich! Fräulein Resi ist unser aller Tante, — sie ist Regimentstante!“ —
Und ein allgemeiner Jubel erhob sich und das Wort ward wie von einem Sturmwind erfasst.
„Bravo, — bravo! Regimentstante! Das ist famos, das soll schriftlich gemacht werden! An die Gläser, meine Herren! Die Regimentstante soll leben, hoch! hoch!!“ —
Welch ein lustiges Durcheinander!
Kronstadt reichte der jungen Dame ein volles Sektglas, und sie hob es ohne alle Prüderie, nickte den Herren fröhlich zu und trank es aus.
„Einverstanden. Also Regimentstante! Aber wehe dem Neffen, welcher nicht Ordre pariert!“
„Sie sollen Ihre Freude erleben, gnädigste Tante!“
„Ist Regimentstante identisch mit Erbtante?“ —
„Schämen Sie sich, Graf! Bei solchen ketzerischen Ideen werden Sie sofort aus dem Unterthanenverbande der allergnädigsten Tante ausgestossen!“
„Fräulein von Wieders, kann ich mich gegen einen Mohrenkopf und zwei Käsestangen in den Verband einkaufen?!“ —
„Unsinn, Paschedax! Wer nicht bereits mit dem Kürassierhelm auf die Welt gekommen ist, hat keinerlei Anwartschaft darauf!“ —
„Aber ich werde Adoptivneffe! Ich habe zu Hause zwei gewöhnliche Tanten, die tausche ich gegen die Regimentstante ein!“ —
„Entziehen Sie ihm die Hummermajonaise, gnädigste Tante, aus ihm spricht Beelzebub!“ —
„Platz! Platz! — Bitte weiter gehen, meine Herren!“
„Bahn frei! der Landsturm kommt!“
„Fräulein von Wieders, wo sitzen Sie eigentlich? Wir müssen eine kleine, verwandtschaftliche Ecke bilden!“ —
„Kronstadt, führen Sie unsere Tante zu Tisch? Kommen Sie doch, bitte, in die Bildergalerie, — gleich rechts an der Thür haben wir unsere Stühle!“
„Nein! im Marinesaal ist mehr Platz!“ —
„Keine Spur! bleiben Sie ruhig hier, meine Herrschaften, es ist gar nicht durchzukommen!“
„Ist ja auch gar keine gemütliche Ecke bei dem Tellerbalancieren möglich! — Da! ich sag’s ja, der kleine Graf jongliert bereits, — sauve qui peut!“
„Dann auf Wiedersehen beim Tanzen!“ —
„Sie gestatten, gnädigste Tante —!“
Und die Kürassiere hoben chevaleresk die Gläser, um sie zu leeren und sogleich an die Lakaien zurück zu geben.
Kronstadt hatte seinen Teller bereits geleert.
„Nun bitte ich aber dringend, mein gnädiges Fräulein, dass Sie auch einmal an sich denken, und nicht hier die Wohlthätigkeit bis zur Selbstverleugnung treiben! Sehen Sie mal, Ihr Herr Bruder kommt schon zum dritten Kesseltreiben zurück! Wir wollen uns schnell seines Fensterbrettes bemächtigen, denn diese sind ungeheuer gesucht! — Sie gestatten, dass ich Ihren Teller trage!“ —
Und als sie abseits standen, und Resi wie berauscht vor Freude und Entzücken mit strahlenden Augen zu ihm aufsah, da hob auch er sein Glas, neigte es galant gegen die junge Dame und sagte: „Ich trinke das Wohl der liebenswürdigsten aller Regimentstanten, — in der Hoffnung, dass aus derselben einst eine ebenso liebenswürdige Frau Kommandeuse — die Regiments mutter werde!“
Resi erglühte bis auf den weissen Hals herab, und Eberhard, welcher just mit dem dritten Teller zurück kam, blickte in das Gesicht der Schwester.
Vor Schreck hätte er beinahe seine ganze Ladung verschüttet. — Grundgütiger! Welch ein Ausdruck in ihren Augen! —
„Wahr und wahrhaftig — das vernünftige, liebe Altchen hat sich verliebt!“
Sollte es möglich sein? In Kronstadt, den Familientäuscher, für welchen schon so manch junges Herzchen hoffnungslos geglüht hat? —
Er ist so erschrocken, dass ihm beinahe der Appetit vergeht, — aber er sieht, dass Resi ihre Liebe nicht tragisch, sondern ungeheuer vergnügt auffasst, und dass Kronstadt auch so animiert wie selten ist! —
Es passieren ja manchmal Dinge zwischen heute und morgen, von welchen sich unsere Schulweisheit nichts träumen lässt, und Amor bekommt genau solche Gaunerei-Anfälle, wie jeder brave Erdenschlingel auch, — wenn er einen Frosch und einen Maikäfer, welche die Natur durch ihr Äusseres absolut nicht für einander bestimmt hat, übermütig mit einem Fädchen zusammenbindet — —
„Und an diesem Zauberfädchen,
Das sich nicht zerreissen lässt —“
hält der liebe, lose Schlingel sie so wider Willen fest! — Aber was hilft’s? — Ein Dritter darf sich mit seinen plumpen Händen nicht hinein mengen, — man muss sie zappeln lassen, bis sie selber die Fesseln sprengen! —
Da aber die Sache vorläufig noch sehr friedlich aussieht und Frosch und Maikäfer die holde Gefangenschaft noch als einen schlechten Witz von Amorchen zu belachen scheinen, ergibt sich auch Leutnant Eberhard in seine neueste Entdeckung und ist Philosoph genug, um sich nicht seinen schönen Ananascrême von einem Gewitter verhageln zu lassen, welches vorläufig noch gar nicht am Himmel steht. —
Es ballt sich erst am Horizont zusammen, und dann hat es noch keine Gefahr, man weiss nicht, ob’s herauf kommt, oder ob all das Augenblitzen und Wangenflammen nur ein ganz unschädliches Wetterleuchten bleibt! Wenn man sich nur ein bischen hätte setzen können, wäre die kleine Fensterecke höchst behaglich gewesen.
Eberhard liebt es so sehr bei Tisch, einer anderen lebhaften Unterhaltung zuzuhören, welche ihn amüsiert, ohne persönliche Ansprüche an ihn zu stellen.
Ja, er ist schon auf ganz nichtswürdige Ideen verfallen, um dieser Passion zu fröhnen, und hat Tante Auguste jüngsthin schwer dadurch alteriert.
Sie sassen zu dreien — die Tante, Resi und er — beim Essen, und seltsamerweise wollte die Unterhaltung keine rechten Blüten treiben, denn die beiden Damen waren auffällig wortkarg.
„Ich möchte wissen, was eigentlich richtig ist“, hub der Leutnant plötzlich an, „so, wie es früher Mode war, oder wie es unsere aufgeklärte Zeit hält!“
„Was meinst du für eine Mode?“ horchte die Tante auf, denn sie schwor Stein und Bein auf die alte Zeit und fand sie in allen Dingen sehr viel besser, wie die jetzige. „Also was meinst du?“ fragte sie voll jäh erwachenden Interesses.
„Ich meine den ‚Anstandsbrocken‘!“ fuhr Eberhard fort und schnitt sich eine grosse Portion Braten, „früher hielt man es für wohlerzogen, einen Restbrocken auf dem Teller zurück zu lassen, welcher kurzweg ‚der Anstand‘ genannt wurde, und heutzutage findet man das nicht chic und behauptet, besagter ‚Anstand‘ müsse auf der Schüssel liegen bleiben!“
„Was auch entschieden richtig ist!“ nickte Resi.
„Was entschieden falsch ist!“ betonte Tante Auguste, „die Schüssel ist neutrales Gebiet, während das Zurücklassen eines kleinen Restes auf dem eigenen Teller eine gewisse Selbstbeherrschung und Mässigung ausdrücken soll!“
„Ich würde es als eine Opposition auffassen, dass es dem Betreffenden nicht geschmeckt hat!“ rief Resi. „Was meinst du, Hardi?“
„Hm!“
„Wenn man zuvor von dem Gericht einen ganzen Teller oder deren mehrere verspeist hat, ist solch eine Annahme ausgeschlossen!“ warf die Tante spitz ein, und geriet auch in Eifer.
„Man kann schliesslich auch im letzten Happen eine Fliege finden!“ —
„Shocking!! So etwas ist in einem sauberen Haushalt absolut unmöglich! Findest du nicht auch, Eberhard?“ —
„Hm!“ —
„Du liebe Zeit! Wie manche Fliege habe ich in Wiedershagen aus der Suppe gefischt!“
„Unerhört! Soll das ein Vorwurf — eine Beleidigung für mich sein?“ bebte Tante Auguste in Entrüstung und Kampfesmut.
„Durchaus nicht! Das ist auf dem Lande, wo viele Fliegen sind, oft unvermeidlich! Sie fallen hinein, während der Diener den Deckel von der Terrine hebt! — Ich meine nur, der Restbrocken auf der Schüssel sei richtiger! — Nicht wahr, Hardi?“
„Hm —“
„Und ich erkläre — auf den Teller gehört er!“
„Na, ich esse nun mal alles auf, was ich mir nehme —“
„Und ich lasse einen Brocken zurück —!“
„So werde jede auf seine eigene Façon selig!“
„Ein junges, naseweises Ding, welches dem Alter und dem Althergebrachten opponiert, hat wenig Hoffnung auf Seligkeit —!“
Und so spitzte sich der Streit immer mehr und mehr zu, beide Damen, die erst so schweigsam verharrten, weil jede schon etwas „angeärgert“ war, wurden nun desto lebhafter, und Eberhard sass dabei, ass und trank und trank und ass, nnd über den Teller herüber flogen die Blicke seiner hellblauen Äuglein so pfiffig und das rote, feiste Antlitz glänzte so stillvergnügt, dass seine ganze, wohlbehagliche Persönlichkeit sehr grell und erstaunlich gegen die beiden erregten Damen abstach.
„Nimmst du vielleicht noch den Restbrocken?“ fragte Tante Auguste ironisch und blähte die Nüstern ihrer spitzen Nase noch weiter auf, reichte Resi die Platte, auf welcher noch ein letzter, kleiner Punschkuchen lag, herüber, und blickte sie mit herausforderndstem Blick an.
„Danke; ich lasse ihn als ‚Anstand‘ auf der Schlüssel liegen!“ — erwiderte Fräulein von Wieders energisch, und Tante Auguste zuckte spöttisch die Achseln und blickte auf ihren Teller, wo ein halber Apfel sehr ostensibel „aufgebaut“ lag.
„Der ‚Anstand‘ liegt auf dem Teller — wie bei mir! Alles andere ist taktlos!“ —
„Eberhard!“ rief Resi mit kirschrotem Kopf. „Ich bitte dich, entscheide! Wer hat recht?!“
„Eberhard, ich bitte dich ebenfalls, entscheide!!“ gebot auch die Pflegemutter mit dem würdigsten Ton, welcher ihr zu Gebote stand, und Leutnant von Wieders richtete sich mit wohligem Stöhnen vollster Sättigung auf, wischte sich die fleischigen Lippen mit der Serviette und blickte die beiden Damen abwechselnd sehr ernst an. Und dann nahm er die Schüssel mit dem Punschküchlein und schob dasselbe sehr gelassen in den Mund, und griff gleicherzeit nach dem Apfel auf Tantchens Teller und begann ihn eifrig zu schälen.
„Wer recht hat von euch beiden?“ fragte er kauend, und sah aus, so klug und so weise und majestätisch wie König Salomo, wenn er Gerichtstag hielt: „Das will ich euch sagen: Keine! denn der sogenannte ‚Anstand‘ ist erstens ein ganz veralteter Zopf und zweitens ein Provinzialismus, spricht also in der gebildeten, neutralen Welt gar nicht mehr mit!“ — Und damit schob er die Apfelscheibe zwischen die weissen, kräftigen Zähne: „So, meine Damen! Sie sehen: beide ‚Anstands‘ hat der Deiwel geholt, und wo nichts ist, hat der Kaiser das Recht verloren!“ —
Resi lachte Thränen vor Amüsement über diese verblüffende Wendung, und es fiel ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen, warum der Schalk den Wortkrieg heraufbeschworen, — er gebrauchte eben seine Unterhaltung bei Tisch! — Tante Auguste aber war schwer indigniert und hat dem bösen Neffen diese „Roheit“ drei Tage lang nicht vergessen, bis Eberhard am vierten mit Logenbillets zum Opernhause erschien — „Norma“! — ach, die liebe, alte Oper! Tante sehnte sich lange nach einem Wiedersehen mit ihr — und so verzieh sie und fuhr mit. — Ja! daran musste der junge Offizier gerade recht innig vergnügt denken und blickte ganz erstaunt von seinem Crêmeteller auf, als Resis und Kronstadts Unterhaltung plötzlich neben ihm verstummte und beide ihre Plätze verliessen.
„Na, Wieders?“ lachte der Ulan und klopfte Eberhard auf die Schulter: „Die Souperstunde hat ausgeschlagen, oder wollen Sie gleich zu den Resten hier bleiben?!“ —
„Alle Donnerwetter! — lass dich halten, goldne Stunde! — Lakai! schnell noch ein Abschiedsglas!“ —
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