Kitabı oku: «Die Roggenmuhme»

Yazı tipi:

Nataly von Eschstruth

Die Roggenmuhme

Humoristischer Roman

11. und 12. Tausend

Saga

Die Roggenmuhme

German

© 1910 Nataly von Eschstruth

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711472873

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

I.

Die Fenster in dem kleinen Dorfwirtshaus standen weit offen, und dennoch brütete eine so unerträgliche Hitze in dem niedrigen, kleinen Raum, dass der behäbige Wirt sein abgeschabtes Lederkäppchen längst von dem grauen Haar gezogen und an den Nagel neben die Tür gehängt hattte! —

Alle guten Geister, war das eine Hitze!

Fliegen, zahllos wie die Sterne am Himmel, schwirrten um die Öllampen, welche, seit langem nicht geputzt, von den niederen Deckenbalken herabbaumelten, — surrten über den blank gescheuerten Tischen, an deren einem die schwarze Lene, der Wirtin Töchterlein, rank, schlank und lang wie der Tag vor Johanni, eine Schüssel voll Kirschen entkernte.

Obwohl Lene weder die Schönste, noch Reichste im Dorfe genannt werden konnte, war sie doch in diesem Augenblick fraglos mehr umschwärmt als das dollarschwerste Milliardärstöchterlein, aber anstatt sich dieser Tatsache zu freuen und es ihren Verehrern hoch anzurechnen, dass sie mehr ein bescheidenes Verlangen nach Kirsch- wie nach Edelsteinen trugen, schlug sie unwirsch mit dem Küchenmesser in den dicksten Haufen hinein und räsonierte: „Elende Viehcher; fallt man immer ’rinn in’n Pott und kocht mit; rausfischen tu ich euch schon lang nicht wieder!“ — und dann strich sie mit der safttriefenden Hand über das erhitzte Gesicht und stöhnte: „Wenn doch man endlich ein Gewitter käm’, Vater!“

Matthies Pries machte eine melancholische Handbewegung: „Dass mir der Roggen zusammengeschlagen wird und ein Hochwasser gar Haus und Hof wegputzt? — Gott bewahre uns. Die Sonne geht klar und rot unter, da behalten wir noch die Hitze. Setz dich unter die Holunder draussen, dann hast du’s bald kühler!“

„Da ist kein Platz für mich!“ grollte Lene. „Hast ja schon den Tisch für die Herrnleut hingestellt!“

„Bis die kommen, hat’s noch eine Weile Zeit!“

„Oder grad nicht! Ich hör schon des Försters Waldmann! Die bissige Kröte spricht mal wieder unsern Phylax an!“

Der Wirt war hastig über die Schwelle getreten und schaute voll erwachenden Interesses die stille Dorfstrasse hinab.

Richtig, da blitzt schon der Gewehrlauf des Herrn Oberförsters über dem Lattenzaun der Wegbiegung auf, noch ein paar Schritte und die hohe, stramme Gestalt im sommerlichen grünen Leinenkittel und dem Strohhut mit den Fuchszahntroddeln schreitet dem behaglich kühlen Plätzchen unter den Holunder-, Flieder- und Jasminbüschen des Wirtsgartens entgegen. Aber er kommt heute nicht allein.

An seiner Seite taucht eine zweite Gestalt auf, schlank, elegant, im hellen, städtischen Zivil. — Die blauen Augen blicken ernst, beinahe etwas melancholisch, der Blick schweift umher, wie bei dem vielbesungenen Wanderer, welcher vom Gebirge herkommt und vergeblich nach dem Glück sucht.

Der Oberförster hat Matthis Pries erblickt und nickt ihm jovial zu: „Heute bin ich um eine ‚Piep Tobak‘ früher zur Stelle, Alterchen, und zweierlei bring ich noch mit, einen heidenmässigen Durst und hier unseren jungen Gutsherrn, dem es zu einsam in dem grossen Haus ist, seit die gnädige Frau Mutter ins Bad gereist ist.“

Der Wirt hat einen devoten Kratzfuss gemacht und dankt hocherfreut für die hohe Ehre des Besuchs, Laurit Stormy aber reicht ihm sehr freundlich die Hand und sagt, während sein Blick das niedere, weissgetünchte Häuschen unter dem tiefhängenden Strohdach mustert: „Es soll sich abends sehr gemütlich hier im Garten sitzen, Pries. Der Herr Oberförster erzählte mir, dass sich noch mehr Herren einstellen?“

Vater Matthis sah noch geschmeichelter aus. „Und ob, gnädiger Herr! — Da kommt immer noch der Schullehrer, ein sehr gescheiter Mann, der anno siebzig dabei war und auch sonst viel seltsames Zeug aus seinen Büchern zu erzählen weiss, und der alte Stur Böderson, der ehemals als Kapitän mit der „Anka Marianne“ in allen Wassern gefahren hat und bei einem vollen Glas gern sein Garn spinnt! Na, und dann der Herr Oberförster, die Herren Forsteleven und der junge Volontär vom Gutshof —“

„Schon gut, schon gut!“ — Herr Stormy lüftete den Hut und trat tief aufatmend in den Schatten des Gartens, dessen grüngestrichenes Tor der Wirt im Vorausschreiten geöffnet hatte: „Das ist ja eine sehr angenehme Gesellschaft, und eine frischere Abendbrise weht soeben auch von der See herauf, — da wird es sich gewiss recht gut sitzen, bis der Vollmond zum Heimweg leuchtet!“ —

Der Oberförster hing sein Gewehr an einen grossen verrosteten Nagel der Laube, an dem sich bei vorgerückter Abendzeit noch eine Laterne zu schaukeln pflegte, kommandierte seine beiden Dachshunde unter den Tisch und schob dem jungen Gutsbesitzer einen Stuhl hin.

„Nehmen Sie Platz, Herr Leutnant! — Es ist alles sehr primitiv hier bis auf die Getränke, die sind kühl, frisch und gut; das haben wir dem alten Sünder hier mit der Zeit angewöhnt!“ Der Wirt lachte, und Laurit Stormy setzte sich nieder. „Leutnant!“ wiederholte er mit einem etwas wehmütigen Lächeln. „Sie erinnern mich durch diesen Titel an eine schönere Zeit, mein lieber Oberförster! In der Regel nennt man uns Reserveoffiziere sehr selten so, und doch ist man mit dem einen Jahr in Königs Rock oft inniger verwachsen, als wie mit der langen Zeit der Lehr- und Wanderjahre eines Landwirts!“

„Sie wären lieber in dem bunten Tuch stecken geblieben, gnädiger Herr!“

„Fraglos!“

„Und warum taten Sie es nicht?“ Der Oberförster entwickelte einen riesigen Tabaksbeutel aus der Jagdtasche und begann die Pfeife zu stopfen. Laurit Stormy zuckte resigniert die Achseln. „Ich ward zum Landwirt bestimmt, noch ehe mein Onkel Baron v. Helmsdorf hier starb und mich als seinen Paten und Sohn der einzigen Schwester zum Universalerben machte!“

„Soweit ein ganz nettes Pöstchen!“ nickte der greise Nimrod und pinkte eifrig an seinem Feuerstein, den er aus Pietät immer noch mal den Schwefelhölzchen vorzog, wenn er Zeit dazu hatte. „Aber hätte sich das denn nicht mit der Offizierskarriere vereinen lassen?“

„Ganz gewiss! genau so gut wie bei vielen anderen! Aber der gute Onkel war ein Sonderling und setzte seinen besonderen Stolz darein, dass ich das Gut selber praktisch bewirtschaften solle, damit es auf der Höhe und der Familie erhalten bleibe! Er hielt nicht viel von Inspektorenregimes, wenn die Herren weit vom Schuss sind!“

„Sehr richtig! — kann man ihm nachfühlen!“ nickte der Oberförster, und da sich der Wirt, der respektvoll wartend noch zur Seite stand, leise mahnend räusperte, legte er die Pfeife momentan aus der Hand und klopfte den verstreuten Tabak vom Knie.

„Ja so! Vater Pries hat Angst, dass wir verdursten! Ist auch höchste Zeit! Was befehlen Sie denn, Herr Leutnant? Gleich das kalte Bier hinter die Krawatte giessen, wo wir eben ein ganzes Stück Wegs in der Hitze marschiert sind? Das taugt nichts. Ich habe alle Finessen dieses weltfremden Lunaparks schon ausprobiert und bitte, versuchshalber in meine Fusstapfen zu treten! Zuerst mal einen ‚kleinen Mampe halb und halb mit Karlchen‘ — und dann den edlen Gerstensaft frisch vom Füsschen!“

Laurit Störmy lächelte. „Lunapark!! Gott erbarme sich! Man sieht, dass Sie Zeitung lesen, Herr Oberförster! Aber das Gemisch von ‚Mampe und Karlchen‘ deucht mir sehr angemessen, — ich schliesse mich Ihnen an. Also zweimal, Pries!

Die Sonne war nun hinter der blau wogenden Unendlichkeit des Meeresspiegels verschwunden und taubengraue Schatten stiegen über der Küste auf, hie und da noch durchflammt von purpurgesäumten, schwefelgelben Lichtern, welche der scheidende Tag gleich grüssenden Wimpeln der Freundin Nacht entgegen wehen liess! — Dann sank die Dämmerung tief und tiefer über das weltferne Küstendörfchen und eine wonnig frische Luft strich von den Wassern herüber und erquickte die Kreatur, welche die glühenden Sonnenstrahlen tagsüber matt und siech gebrannt. —

In der Dorfstrasse ward es lebendig, — jenes leise, fast scheu pulsierende Leben, das dem Atemzug des schlafendes Kindes gleicht, gegen das fieberische, leidenschaftstolle Erwachen der Grossstadt nach bleierner Tageshitze.

In Helmsdorf öffneten sich leise die Haustüren; kaum, dass ein Hund fröhlich anschlagend einen Nachbar grüsste; die Fischerfrauen und Grossmütter traten mit wohligem Aufatmen über die Schwelle, setzten sich schweigsam auf der grün gestrichenen Bank vor dem Haus oder in der Bohnenlaube des bescheidenen Gärtchens nieder und falteten die arbeitsmüden Hände im Schoss.

Die Gatten und Väter steckten die kurzen Tonpfeifen in Brand und wechselten aller halben Stunden mit schiefgezogenem Mund ein inhaltsschweres Wort, während das junge Volk in langen Reihen die mondbeglänzte Strasse auf und nieder wandelte, erst schweigsam feierlich, dann heimlich kichernd und raunend, bis endlich der Bann gebrochen war und eine helle Mädchenstimme zu singen anhub. Alte, traute Fischerweisen, ernst und oft gar schwermütig:

„Es sitzet die Mutter am Strand allein,

Die Wogen, sie rauschen und ziehn.

Mein Dierk zog weit in die Welt hinein,

Graumövchen, sprecht, sahet ihr ihn?“

Aber Graumövchen sah ihn nicht, und das greise Mütterlein wartet unter Tränen Jahr um Jahr ...

Wie traurig klingt’s! und doch lacht die Mieke plötzlich leise auf und deutet nach kurzem Ellenbogenstoss gegen die Nachbarin schämig die Strasse hinab. Da kommen sie angestampft mit dem schwerfälligen Seemannsschritt, die jungen Burschen, die Netze und Riemen über der Schulter, aber ehe sie hinab zum Strand wandern, machen sie frohe Rast; der Harms spielt den schönsten Schleifer auf und plötzlich schwingt und dreht es sich im Kreise, dass die dunkeln Schatten sich gespenstisch im Mondschein wiegen.

Die Jungen jauchzen und lachen, — und die Alten vor den Haustüren lächeln wie im Traume, namentlich wenn der Vater seines Weibes schwielige Hand drückt und unter ein paar mächtigen Tabakswolken sagt: „Weesste ok noch, Mudding? Damals an Johann’?“ —

Ob sie’s noch weiss! —

Welt und Himmel sind noch dieselben, nur die Menschen gehen dahin wie das Gras auf der Wiese.

In der Holunderlaube bei Matthis Pries ist der Herrentisch nunmehr vollbesetzt, und der Lehrer Soltmann, der neben dem jungen Gutsherrn sitzt, rückt die Brille auf die Stirn empor und räuspert sich.

„Das glaube ich wohl, Herr Leutnant, dass es Ihnen in dem grossen, alten Gutshaus zu einsam ist!“ sagt er mit leiser, etwas müder Stimme. „Ihr Herr Onkel selig passte mit seinen 78 Jahren besser dahinein. Da wohnt noch lauter alte Zeit, — da liegt noch der Schleier der Romantik. Es war jedesmal ein Ereignis für mich, wenn ich am Mittwoch ins Schloss ging, die Skatpartie mit dem Herrn Baron zu machen. Die uralten Bilder an den Wänden lebten dann für mich, die gebräunten Möbel früherer Jahrhunderte erzählten mir seltsame Geschichten, und der ganz eigenartige Duft, der so manchem vergilbten Stück anhaftete, schien mir wie seine Seele, — fremd, unverständlich für uns späte Menschen, die oft noch blinder vor den Rätseln der Vergangenheit wie vor denjenigen der Zukunft stehen!“

Laurit Stormy blickte den Sprecher voll sympathischen Interesses an. Er liebte Menschen, die nicht nur an Kohl und Heller denken, sondern in ihrer Umgebung mehr sehen wie das Räderwerk einer Alltagsmaschine, — mag es auch manchmal etwas phantastisch klingen!

„Das freut mich sehr zu hören, Herr Soltmann!“ sagte er freundlich. „Wenn Sie gern in dem grossen, einsamen Hause weilen, werde ich mich sehr freuen, die Skatabende des seligen Onkels wieder aufleben zu lassen!“

„Das wäre eine gute Tat!“ nickte der Oberförster schmunzelnd. „Sie glauben nicht, Herr Leutnant, wie öde es mit der Zeit für reale Menschen in dieser Einsamkeit wird. Soltmann, der Glückliche, träumt vor jedem zerbrochenen Mustopf Romane und sieht sogar Gespenster, wo für andere Sterbliche nur ein paar Windeln auf der Leine flattern .....“

„Joho! Gespenster? Ist das wahr, Herr Lehrer?“

„Schon was erlebt!“

„Potz Wetter! dann komme ich einen Hochachtungsschluck!“

„Erzählen! Raus mit der wilden Katz!“

„Los, Soltmann! Wo spukt’s?!“

In heiterem Tumult klangen die Stimmen durcheinander, Stormy aber hob voll Interesse den Kopf und wiederholte: „Spuk? Etwa im Schloss? Wenn es eine holdselige weisse Dame ist, soll sie mir willkommen sein!“

Soltmann strich mit der blassen, magern Hand nervös über das Kinn. — Er lächelte seltsam dabei.

„Im Schloss? Nein, dort haben wohl nur die Ratten und Mäuse mal gepoltert!“ sagte er nachdenklich. „Der gnädige Herr liebte solches Larifari, wie er alles Übernatürliche nannte, nicht und unterdrückte energisch jedes Geschwätz, welches mal unter den Dienstboten laut werden wollte! — Ja, einmal, als ihm die wunderliche Geschichte mit Harms Klüssen und der Roggenmuhme zu Ohren kam, wurde er so ungehalten, dass er dem sonst so tüchtigen Knecht auf der Stelle kündigen wollte!“

„Harms Klüssen ... Roggenmuhme? — Was ist das für eine Geschichte?“

„Kennen wir noch nicht! Losschiessen, Soltmann!“

„Sicher eine fulminante Gespenstergeschichte!“

„Natürlich! Die Roggenmuhme gehört unter die Spezies aller guten Geister!“

„Ist mir ja vollkommen neu!“

„Ihnen auch, Schröder? Sie haben doch den Harms noch gekannt und die Sache miterlebt?“ Der Volontär nickte mit nachdenklichem Blick vor sich hin: „Ja, ja, entsinne mich. Es war damals wirklich eine komische Geschichte mit dem Harms!“

„Nun wird die Sache aber brenzlig! Gar einen Zeugen für eine Spukgeschichte? — Obacht! jetzt verlangen wir die Beichte, Schullehrerchen!“

„Silentium! die Geschichte von Harms und der Roggenmuhme steigt!!“

„Hoffentlich ohne Ausschluss der Öffentlichkeit!“

„Nee, nee, Karlchen! Sie müssen raus! Sind noch viel zu klein und graulen sich, wenn Sie abends im Bette liegen!“

„I wo, Herr Oberförster! Ihr Herr Praktikant spielt sich nur auf den Naiven auf; um Mitternacht aber giesst er Freikugeln!“

„Ganz recht; unter Assistenz der Roggenmuhme!“

„Hört, hört!“

„Nun aber bitte ich ernstlich um das interessante Erlebnis des Harms Klüssen!“ rief Stormy lebhaft. „Zuerst, Herr Lehrer, wer ist die Roggenmuhme? Ich gestehe, noch nie von dieser gewiss hochachtbaren Dame gehört zu haben!“

Momentane Stille. —

Soltmann räusperte sich, nippte noch einmal an seinem Glas Brauselimonade und antwortete: „So freue ich mich, Herr Leutnant, Sie mit dieser poetischsten aller Spukgestalten bekannt zu machen. Hier in der Gegend erzählt schon die Sage früherer Jahrhunderte, durch chronikalische Aufzeichnungen verbürgt, von einer sehr schönen, gespenstischen Frau, die als Hüterin der reifenden Roggenfelder grosse Verehrung des Volkes geniesst!“

„Siehe die Allmutter Erde in der nordischen Mythologie!“

„Mit photographischer Genauigkeit wiedererkannt! — Erda-Ceres rediviva!“ —

„Nicht unterbrechen, bitte Fortsetzung!“

Soltmann sass ebenso geduldig und freundlich vor den übermütigen grossen Herren wie sonst vor seinen widerborstigen Schuljungens.

„Es war an einem sehr heissen Tag, gegen Ende Juli —“

„Ganz wie heute!“ —

„Als ich zum Essen hierher in das ‚Blaue Schiff‘ gehen wollte —“

„Armer Witwer!!“ —

„Und drunten an der Wegbiegung dem Harms begegnete! Er sah so erschreckend bleich und starräugig aus, dass ich glaubte, er sei krank. — Ich redete ihn darum an und fragte, wie es um ihn stünde! Er hemmte momentan den Schritt und schaute mich mit verglasten Augen an wie ein Mondsüchtiger. —

‚Ach Herr Lehrer ...‘ stammelte er, ‚dat wird nun woll mit mi tau Enne gahn!‘ —

Ich erschrak. ‚Bist du toll, Harms? Ein so junger, kerngesunder Mensch wie du! Wo fehlt es denn, hast du Schmerzen?‘ —

‚Nee, Herr Lehrer, dat woll ganz und gor nich, — ä weess ... een’ Grugel hevv ick all kregen ...‘

‚Ein Grausen ist dich angekommen? — Gott erbarme sich! Es ist doch kein Verbrechen geschehn?‘

Harms rang mühsam nach Atem und wischte sich den kalten Schweiss von der Stirn. Er trat noch einen Schritt näher und flüsterte mit scheuem Umblick: Wenns ean’ daudslahn hätten — dat wier noch nich so slimm, as so’n gräsigen Speuk! ...‘

‚Ein Spuk? — jetzt am hellichten Tag? Bist du von Sinnen, Harms?‘

Der Bursch nickte fast ungestüm. ‚Grad darum! — Herr Lehrer —‘ er fasste mich mit zitternder Hand fest am Rockärmel und stöhnte leise auf. ‚Für’n oll dösigen Snack hevv ick’t immer estemirt, bis ick’t nau sülm to seihn’ kreeg’! Die Roggenmuhme, Herr Lehrer! — Dor hünnen im Feld ... ick hevv de Roggenmuhme begegnet!‘

‚Der Roggenmuhme! Da hat sich wohl eine von den lustigen kleinen Dirns einen Scherz mit dir gemacht!‘ versuchte ich den jungen Menschen, der noch an allen Gliedern bebte, zu beruhigen, obwohl mir gerade Harms Klüssen der letzte deuchte, mit dessen Bärenfäusten jemand Händel suchen würde!

Er schüttelte abermals mit fast wilder Erregung den flachsblonden Kopf: ‚Ganz un’ gor nich, Herr Lehrer! Ick hevv mit de Forken dreinslahn, dat keen Düwel dat hätt uthalen könn’.‘

‚So so! — Na, dann komm mal, Harms, und setz dich zu mir auf die Bank dort! Da erzähl, was du mit der Roggenmuhme erlebt hast!‘

Der Knecht setzte sich zu mir unter die Haselstauden und erzählte in fieberhafter Aufregung ungefähr folgendes.

Er hatte das Heu auf der Waldwiese gewendet und war, um ein Stück Weg abzuschneiden, durch die kleine Tannenschonung und dann quer durch die Roggenfelder gegangen, um rechtzeitig zum Essen auf dem Gutshof zu sein. — Es war gerade in der Mittagszeit, von dem Kirchturm herüber klangen zwölf Glockenschläge. Die Hitze war fast unerträglich; die Heugabel über der Schulter schritt Harms langsam durch die sengende Glut. — Plötzlich geht es wie ein scharfer, sausender Windstoss durch das Korn. Es wogt und wallt wie ein stürmendes Meer, und jählings vor dem entsetzten Bursch steigt eine leuchtende, überirdisch schöne Frauengestalt aus den goldenen Halmen empor. — Harms steht wie gebannt und starrt das Unglaubliche an. Er sieht, wie die Gestalt ihm lächelnd zunickt, einen grossen Brief mit grauem Umschlag emporhält und ihn ein wenig schüttelt. — Da fällt hell klingend ein Regen von Geldstücken heraus. Harms springt zu und rafft eine Handvoll empor, starrt darauf nieder ... es ist fremdländisches Geld, — lauter Dollars, wie er sie öfter bei Matrosen gesehen; — er will sprechen — fragen ... da zerrinnt die Frauengestalt vor ihm wie ein Dunstgebilde ... der Brief, die Dollars desgleichen und Harms Klüssen, der in seiner Aufregung nicht weiss, was er tut, schlägt wild mit der Heugabel drein —! Das Eisen zischt durch die Luft, ihm ist’s, als höre er noch ein leises Lachen ... ein Singen und Klingen wie ein Lied ... und da erst fährt es ihm wie ein eiskalter Schauer durch alle Glieder: das Lied der Roggenmuhme! — Es ist kein Märchen, er hat sie selber geschaut, die schöne Huldin!“ —

„Unglaublich!“ —

„Er hat geträumt!“

„Sicherlich! Die Hitze hat ihn ermüdet; er ist im Korn eingeschlafen!“

„Oder er hatte einen Sonnenstich!“

„Ward er hinterher krank?“

„Ahnte er, was der Brief bedeuten sollte?“

„Oder das amerikanische Geld?“

„Wie endete nun das Märchen?“

„Der Baron wollte ihn als Lügenmaul wegjagen!“

„Ganz recht, — bis eben die seltsame, unerklärliche Fortsetzung des Märchens kam! — Harms hatte weder geschlafen noch geträumt, er ward auch nachher nicht krank, aber drei Tage später ereignete sich etwas noch Unerklärlicheres als die Erscheinung der Roggenmuhme. Just um die zwölfte Stunde kam der Postbote und brachte einen grossen grauen Brief aus Amerika an ‚Marie Johanne Klüssen oder deren Erben‘. — Ihr einziger Sohn und Erbe war Harms.“

„Ah! — Das ist in der Tat merkwürdig!“

„Und was stand in dem Brief?“

„Bekam er Geld geschickt?“

„Der ältere Bruder der Marie Johanne war als halbwüchsiger Bursche als Schiffsjunge ausser Landes gegangen. Nachricht hatte er nur einmal nach fünf Jahren geschickt, dass er unter die Goldgräber gehen wolle. Es sei freilich eine riskierte Sache, die Gegend ungesund und mehr denn wild, die Männer, welche dort ihr Glück suchen wollten, schlimme Gesellen, die sich zumeist eines Verbrechens wegen aus der Heimat geflüchtet hätten. Aber das Gold läge tatsächlich dort blank auf der Erde, und er wolle auf seinen Schutzengel vertrauen und einmal probieren, ob nicht auch ein ehrliches junges Blut sein Glück dort machen könne!“

„Potz Wetter! und er machte es?“

„Ja —; er fand wenigstens das viele Gold, das er suchte. In die Heimat gelangte freilich keine Nachricht mehr von ihm, denn Marie Johanne starb als junge Frau bei der Geburt des Harms, und da sonst keine Anverwandten mehr im Dorf waren, sorgte der Pfarrer dafür, dass Harms in ein Waisenhaus kam, bis er später als Knecht auf dem Gutshof untergebracht wurde. — Ob der amerikanische Bruder seiner Mutter in jener Zeit noch einen unbestellbaren Brief an die Marie Johanne geschrieben, weiss man nicht, ja der Harms hatte nicht einmal eine Ahnung von seiner Existenz!“

„Und nun schreibt der Onkel einen Brief?“

„Und was für einen! Er erkundigt sich nach der Schwester und deren Kindern. Er teilt mit, dass ihm vor etlichen Wochen der vierte und letzte Sohn durch einen Unglücksfall jählings entrissen wurde, dass er als alter, kranker Mann nun ganz allein in der Welt stehe und sich danach sehne, die einzigen Anverwandten, welche er besitze, bei sich zu haben. Not sollten sie nicht bei ihm leiden, denn er sei nach langen Jahren schweren Kampfes doch noch ein reicher Mann geworden, dem drei grosse Häuser in New York zu eigen gehörten. Ausserdem habe er Landbesitz und ein Barvermögen von rund einer halben Million. Dies alles wolle er der einzigen Schwester und deren Kindern vermachen, wenn sie sobald wie möglich zu ihm kommen und ihn liebevoll pflegen wollten. Er selber könne nicht mehr reisen. Er sei allzusehr Amerikaner geworden und passe in keine engen Verhältnisse mehr! — Die Bank in Hamburg sei angewiesen, Marie Johanne und ihren Kindern eine Summe von viertausend Dollar auszuzahlen, damit sie davon die Reise bestreiten und eine schöne, bequeme Überfahrt haben möchten!“

„Mensch! Soltmann! und diese Geschichte ist eine verbürgte Tatsache?!“ —

„So wahr, wie ich hier zwischen Ihnen am Tisch sitze!“

„Na, der Aufstand im ganzen Dorfe!“ nickte der Praktikant lachend, „ich weiss noch, wie der Harms dasass und immer nur sagte: nee, nee! ick glöv dat nich.“ —

„Aber nachher glaubte er es doch?“

„Und wie gern! Der Herr Baron nahm die ganze Sache in die Hand, erkundigte sich beim Konsulat und bekam die Bestätigung, dass der Brief auf voller Wahrheit beruhe. Na, da klirrte ein gewaltiger Dollarregen über den Harms, und er ist wie ein Trunkener in das Roggenfeld gelaufen und hat sich den Hals nach der lieben, guten Roggenmuhme ausgeschrien. Als er abreiste, winkte er immer noch nach dem Feld herüber und rief: ‚Dank ok, du leiwet Minsche! dank ok hunnert dausend mol!‘“

Leises Gelächter im Kreise, Laurit Stormy aber blies nachdenklich ein paar blaue Zigarrenwölkchen in die Luft und fragte: „Danach hat sich die holdselige Prophetin nicht wieder blicken lassen?“

„Nein, ich hörte wenigstens nichts davon.“

„Und wie beschrieb sie der Harms?“

„Als eine junge, wunderschöne Frau mit goldenem Haar und einem weissen, luftigen Gewand. Sie trug einen Kranz von roten Mohnblüten im Haar, von dem ein zarter Schleier herabwehte.“

„Wie poetisch!“

„Man sagt aber auch im Volke, dass sie einen Kranz von Kornähren oder Feldblumen trage, manchmal soll sie von einem ganzen Schwarm reizender Engelchen umgeben sein, die eifrig das Unkraut aus dem Korn jäten!“

„Und sprachen Sie nicht von einem Lied der Roggenmuhme?“

Soltmann nickte. „Man sang es viel in den Spinnstuben. Ich hörte es wohl und besinne mich auf die weiche, einschläfernde Melodie, ohne sie nachsingen zu können. Der Refrain jeder Strophe lautet:

Junger Bursch, lauf schnell ins Korn,

Die Roggenmuhme geht um da vorn!“ —

Matthis Pries war neben dem Tisch stehen geblieben. Er räusperte sich und warf höflich ein: „Die Roggenmuhme erscheint aber auch jungen Mädchen, und da heisst es auch im Lied:

Jungfräulein, bleib fein zu Haus —

Im Korn lacht dich die Muhme aus!“

„Das tut sie wohl jedes mal?“

„Nur, wenn sich die Menschen fürchten oder so unsinnig mit der Heugabel auf sie einschlagen wie der Harms Klüssen!“

„Es spricht sehr für die gute, menschenfreundliche Gesinnung der Roggenmuhme, dass sie ihm solche zarte kleine Galanterie nicht übelgenommen hat! Oder kam der hinkende Bote etwa nach, und entpuppte sich der reiche Onkel vielleicht später als guter Geschäftsmann, der in seinen Verwandten nur unbezahlte Arbeitskräfte nach der neuen Welt hinüberlocken wollte?“

„Nein, die Roggenmuhme bewährte sich dauernd als freundliche Huldin“, nickte der Lehrer gewichtig mit dem Kopf: „Klüssen hat dieses Frühjahr an den Herrn Baron, kurz vor dessen Tode, geschrieben, und eine Photographie beigefügt, auf der er, kaum wiederzuerkennen, wie ein echter, rechter Dandy aussah! Er sitzt wohl für immer in der Wolle, und aus dem armen deutschen Fischerjungen ist ein schwer reicher Erbe geworden!“

„Kündet die Roggenmuhme nur Glück, — oder manchmal auch Unglück an?“

Laurit Stormy fragte es mit nachdenklichem Gesicht und blickte starr auf die grosse, leuchtend rote Mondscheibe empor, die ihr Licht immer heller und greller über den stillen kleinen Wirtsgarten ausgoss.

„Wohl meistens Glück, gnädiger Herr, denn noch niemals hörte ich von irgendwelchem Unsegen, den ihre Erscheinung gebracht!“

„Dann los dafür!“ lachte der Praktikant forsch auf und stellte sein geleertes Bierglas mit hartem Stoss auf den Tisch zurück: „Von nun an mache ich der schönen Dame im Kornfeld Fensterparade!“

„Recht so! ich begleite Sie!“

„Sie, Herr Leutnant? — Welch ein Glück wollen Sie denn noch suchen, nachdem Ihnen ein so freundliches Geschick schon das schönste Rittergut in die Wiege gelegt hat?“

Der Oberförster strich schmunzelnd den weissen Bart.

„Aber Schröder! sind Sie wirklich solch ein Barbar? Der Mensch lebt doch nicht vom Essen und Trinken allein! Bei der Jugend spielt das Herz doch eine noch weit grössere Rolle wie der Magen!“

„Ah! ... Spiritus merkst du was?! — Nun wird mir alles klar! Die junge, schöne, holdselige Gutsfrau! Die fehlt freilich noch zu allem Glück!“

„Hand aufs Herz, Herr Leutnant, ist sie noch nicht in Sicht?

Laurit Stormy machte eine jähe Handbewegung.

„Nein, meine Herren! Leider gehört sie noch ganz und gar zu den unbekannten Göttinnen!“

„Dann müssten aber alle Flaggen der Liebe wehen, dass diesem unhaltbaren Zustand ein Ende bereitet wird, Herr Leutnant!“ schüttelte Soltmann mit einem schnellen Lächeln um die bartlosen Lippen den Kopf: „Das alte Schloss hat lange genug einsam und verlassen gestanden, nun muss einmal wieder junges Leben durch den verträumten Bau fluten, eine lachende, sonnige Gutsfrau und eine Schar lieblicher Kinder —, gerade so, wie die Roggenmuhme sich zeitweise sehen lässt, umringt von den reizenden Engelchen!“

„Bravo, Soltmann, das soll ein Wort sein! Genau so blond und blauäugig, so wunderhold wie die Hüterin der Felder!“

Laurit strich langsam mit der Hand durch das lockige Haar.

„Goldnes Haar und Veilchenaugen! Sie treffen da seltsamerweise meinen Geschmack und werden es wohl kaum für möglich halten, meine Herren, dass ich, der so viel Menschen begegnete und so lange in der grossen Welt lebte, nie ein junges, blondes Weib fand, das mein Herz in süsse Fesseln geschlagen hätte! — Ob die goldhaarigen Mädchen so selten geworden sind, oder ob gerade ich keiner hübschen und liebenswerten begegnete, ich weiss es nicht; — jedenfalls habe ich bislang umsonst nach einer Verkörperung meines germanischen Geschmacks gesucht.“

„Das ist allerdings wunderbar!“ Der Oberförster paffte ein paar dicke Wolken: „Wer aus echtem Friesenblut stammt wie ich und eine blonde Frau und vier gelbblonde Schwestern hat, der begreift das nicht!“

„Je nun! vielleicht ist es der Roggenmuhme vorbehalten, Ihnen zu erscheinen, Herr Leutnant, und Ihnen ein wohlgetroffenes Porträt mit Namensunterschrift und genauer Adresse von einer der Schönsten aller Blondmen entgegenzuhalten!“

„O Götter! wie wollte ich ihr so dankbar sein!“

„Jedenfalls wäre es ratsam, des öftern um die Mittagsstunde in den Kornfeldern zu promenieren!“

Die Gläser klangen zusammen.

„Die Roggenmuhme soll leben! Doppelt und dreifach hoch leben, wenn sie unsern gnädigen Herrn bald unter die Haube bringt.“

„Vivat hoch! — austrinken!“

„Die Roggenmuhme hoch! hoch! hoch!“

„Horch ... klingt da nicht ihr Lied von der Dorfstrasse herauf?“

„Wahrlich, es ist’s!“

„Seltsames Zusammentreffen!“

Matthis Pries stellte frischgefüllte Seidel auf den Tisch. „Na, das ist nun grad kein Spuk! es sind die Mädels, die im Mondschein singen!“

„Aber just dies Lied!“

„Stille! — Welch eigenartige Melodie!

Junger Bursch, lauf schnell ins Korn,

Die Roggenmuhme geht um da vorn!“

Laurit Stormy hob sein Glas jählings hoch empor. „Diese Mahnung werde ich gern beherzigen! Denn ich hoffe nichts sehnlicher, als den holden Spuk von Angesicht zu schauen und mich ihr als meiner Brautbitterin auf Gnade und Ungnade zu ergeben! Mag sie mich schwärmerischen Gesell tüchtig dafür auslachen, — ich grüsse die holde Fei im Mondeslicht und rufe ihr zu: „Erscheine, o holde Dame, wenn die Sonne wieder strahlt!“

Abermals ein jubelndes Hurra hoch! Dann erhob sich der junge Gutsbesitzer und griff nach dem Hut: „Nun lasst mich meine Zeche zahlen, Matthis Pries, und gebt mir noch einmal Feuer, damit die Zigarre als Liebesfackel glüht, wenn ich an den wogenden Roggenfeldern dahinschreite!“

II.

Drei Tage waren vergangen.

Laurit Stormy war durch den Wald geritten, um auf den entfernter liegenden Wiesen nach der Heuernte zu sehen, die an diesem Tage mit der Einfahrt der letzten Fuder beendet werden sollte.

Sein Pferd scheute plötzlich vor einem Ochsengespann und brach seitlich aus, verfing sich in dem Brombeergestrüpp und stürzte auf die Beine. Laurit sprang aus dem Sattel, die Knechte eilten herzu und halfen dem Rappen auf die Füsse.

„Er lahmt, gnädiger Herr!“

„Hier auf das scharfe Steinicht ist er aufgeschlagen, über dem Knöchel blutet er!“

Störmy untersuchte den Schaden. „Es ist nichts von Bedeutung, aber ich möchte ihn trotzdem schonen und werde zu Fuss nach Hause gehen!“

„Dierk kann ihn führen, Herr Leutnant. Der Weg durch den Wald hier ist gar nicht weit, wenn der gnädige Herre durch das Korn gehn, schneiden Sie ein tüchtiges Stück ab.“

Laurit hob jählings das Haupt. Durch das Korn! War dies nicht derselbe Weg, den ehemals Harms Klüssen gegangen war, als er von der Heuernte auf der Waldwiese zum Essen ging?“ —

Er lachte. Seltsam. Bei Mondschein in des Matthis Holunderlaube hatte ihm ein Abenteuer mit der Roggenmuhme so poetisch gedeucht, dass er ernstlich beabsichtigte, dem holden Spuk zu Gefallen zu gehn; bei hellem Tageslicht aber kamen ihm solche Ammenmärchen doch zu töricht vor, um sich ihretwegen womöglich zum Gespött der Dörfler zu machen!

Er vermied es direkt, in der Mittagszeit auf die Felder zu gehen, und nun ereignet sich plötzlich ganz unerwartet ein kleiner Unfall, welcher ihn direkt zwingt, in das Gebiet der Roggenmuhme einzudringen!

Lächelnd schiebt er den leichten Strohhut aus der Stirn zurück und atmet tief auf.

„Der Weg ist nicht zu verfehlen, Inspektor?“

„Unmöglich, Herr Leutnant! Hier dicht an dem Waldrand beginnt der Roggenschlag, der sich bis hinab an die Chaussee zieht. Wenn Sie quer durch das Feld gehn, erreichen Sie diese in ein paar Minuten, und dann ist’s ja der gerade Weg bis zum Schlosshof.“

„Danke Ihnen, Inspektor. Dierk soll bestellen, dass der Fuss des Rappen sofort gekühlt wird!“

„Sehr wohl, Herr Leutnant!“ —

Laurit wandte sich nach freundlichem Gruss ab und schritt in den Wald hinein.

Die Sonne glühte auf den Kiefern; — ein fast berauschender Duft lag schwül unter den lichtdurchflimmerten Baumkronen.

Ab und zu schoben sich ein paar Buchen mit frisch-grünem Gezweig dazwischen. Der Boden war mit glatten Nadeln besät, zwischen denen hellgrünes Heidelbeerkraut und hohe, graziöse Farren ein entzückendes Teppichmuster woben, hie und da noch bereichert durch die verschiedenen Schwämme, gelbe Pfefferlinge und prahlende Fliegenpilze mit roten, weissgetupften Kappen, als seien lustige Heinzelmännchen vor Schreck über den fremden Wanderer in dem Boden festgewachsen.

Tiefe, feierliche Stille.

Fern nur gurren ein paar Waldtauben, und an einem Buchenstamme huscht mit leisem Rascheln ein Eichhörnchen empor, sich in dichtem Gezweig zu verstecken.

Laurit schreitet gemächlich aus und doch ist der schmale Waldstreifen schnell durchmessen. Ein Schmetterling, die kleine blaue Sylvia, gaukelt zutraulich vor dem jungen Manne her, als wolle sie ihm den Weg zeigen, und als Laurit den Waldesschatten verlässt, bleibt er einen Augenblick in entzücktem Schauen stehen. Welch herrliches Bild entrollt sich vor seinen Augen. — Er steht auf einer kleinen Anhöhe. Vor ihm, wie ein leuchtender Goldteppich, dehnen sich die fast reifen Roggenfelder, seitlich gesäumt von hochstämmigem Buchenwald und durchschnitten von dem grellweissen Strich der Fahrstrasse, die sich nach kurzer Biegung im Waldesschatten verliert.

Jenseits derselben leuchten smaragdgrüne Wiesen, aus welchen die ersten vereinzelten Häuschen des Dorfes mit ihren Gärtchen und buntgestrichenen Fensterrahmen freundlich herüberlachen — und noch weiter zurück streben in weisslichem Gelb die Sanddünen empor, das endlos weite, dunkelblau wogende Meer säumend, das sich hinter ihnen in unbegrenzter Herrlichkeit ausbreitet.

Wahrlich, wenn hier in diesen Feldern die Roggenmuhme ihr Heim gewählt, so hat sie sich ein herrliches Erdenfleckchen ausgesucht, um das sie auch der verwöhnteste Geschmack beneiden könnte.

Wie schön ist die Welt! Wie geschaffen für Glück und Liebe, und wie weit und sehnsuchtsvoll wird ein junges Menschenherz, wenn es inmitten all dieser Herrlichkeit einsam und allein dahinschreitet und auf die blaue Wunderblume harrt, ob sie nicht plötzlich auch ihm ihren Kelch öffnen will.

Langsam schreitet Laurit in die schmale Gasse hinein, die sich der Pfad zwischen den wogenden Kornfeldern geschnitten hat.

Jetzt erst merkt er, wie unsagbar heiss es ist. Die Luft liegt regungslos, sie flimmert und blitzt wie glühender Odem, und aus dem Roggen steigt ein feiner, süsser, geheimnisvoller Duft empor, der die Sinne schmeichelnd umfängt wie eine Narkose.

Ist es das Korn oder der rote Mohn, der es durchflammt?

Ein zarter, bitterlicher Hauch wie Opium liegt in der Luft, — selbst die schillernden Fliegen scheinen mit ausgespannten Glimmerflügeln still zu stehn, wie berauscht von süssem Traum.

Wie das so müde macht! —

Ringsum ein weites, ganz leise wogendes Meer von goldenen Ähren, — es blendet schier die Augen und es gehört alle Willenskraft dazu, sich nicht niederzulegen, — unterzutauchen in diese Roggenflut und den geheimnisvollen Duft einzuatmen, bis eine wundervolle Fata Morgana aus den Halmen emporsteigt, mit strahlenden Himmelsaugen, gleissendem Goldhaar und dem süssen Zauberlachen der Hexe Loreley auf den Lippen, — die Roggenmuhme!

Wo bleibt sie?

Wenn sie heute nicht emportaucht aus ihrem verwunschenen Schloss, so tut sie es wohl nie!

„Erscheine, o weisse Dame! erschein’, erscheine mir!“

Wahrlich, George Brown hat nicht sehnsuchtsvoller auf den holden Spuk im Schottenschlosse gewartet wie Laurit Stormy auf das blonde, schleierumwallte Weib im Roggenfeld. —

Horch! ... von dem Kirchturm hallen zwölf Glockenschläge empor! —

Unwillkürlich hemmt der junge Mann den Schritt und fühlt sein Herz höher schlagen. Wie Fieberglut rieselt es durch seine Adern. Ist er krank? Macht ihn der Opiumduft zum Phantasten?

Er steht und starrt über die wogenden Halme hin. — Sie muss kommen ... sie muss ... und was wird sie ihm als Glückssymbol zeigen? —

Roggenmuhme!

Ahnst du nicht, wie ich auf dich warte?

Und plötzlich ein leiser, halberstickter Aufschrei. Laurit Stormy taumelt jäh zurück und hält sich mit beiden Händen das Haupt, als wolle er sich gewaltsam aus tiefem Schlaf wachrütteln.

Er träumt! — er muss träumen ...

Da vor ihm steigt es plötzlich aus glänzenden Ähren empor, das wunderholde Spukgebilde! Eine schlanke, weissgekleidete Gestalt, ein süsses, liebreizendes Antlitz, das ihn aus grossen Blauaugen fast erschrocken anstarrt! — Lichtblonde Löckchen kräuseln sich um die weisse Stirn, ein schneeiger Schleier wallt vom Haupt hernieder, zu beiden Seiten der Schläfen von leuchtend roten Mohnblütensträussen gehalten. —

Roggenmuhme!

Laurit Stormy steht regungslos und starrt die zauberhafte Erscheinung an.

Er will sprechen, aber er vermag es nicht.

Da raschelt es im Korn; die Huldin schreitet ihm zaghaft entgegen und hebt die Hand.

Herr des Himmels! träumt er denn wahrlich? Einen kleinen, schmucklosen Ring hält sie ihm entgegen.

Wahrlich .. er sieht’s genau ... einen Ring! —

Und plötzlich tönt eine weiche Stimme an sein Ohr:

„Gewiss haben Sie den Ring verloren und suchten danach, mein Herr! Ich habe ihn soeben gefunden, bitte nehmen Sie ihn!“ —

Sie spricht, — die Roggenmuhme spricht zu ihm? Laurit reisst die Augen noch weiter auf, rafft sich zusammen und schreitet einen Schritt näher.

War er von Sinnen? Jetzt sieht er plötzlich scharf und genau .. eine bildhübsche, junge, elegante Dame, welche vor ihm steht.

„Mein gnädiges Fräulein ...“ Er greift mechanisch nach dem Ring —: „Ich begreife nicht .. Sie hier in dieser Einsamkeit .. um diese Stunde? ..“

Da lacht sie, genau so silberhell wie die Roggenmuhme, wenn sie einen hasenfüssigen Bursch verspottet.

„Meine unerwartete Erscheinung hat Sie überrascht? Eigentlich müsste ich wohl gepfändet werden, weil ich ohne Erlaubnis in das Kornfeld eingedrungen bin? — Vergeben Sie! Der rote Mohn trägt die Schuld, ich liebe ihn so sehr und werde um seinetwillen sogar zur Feldfrevlerin!“

Sie weist auf den grossen Strauss von Blüten und Ähren, der ihr im Arme liegt. Laurit starrt sie noch immer an wie eine Vision.

„Wohl, wohl! — wie aber kommen Sie hierher, meine Gnädigste? —

Sie hebt abermals die kleine Hand und deutet nach der nahen Chaussee.

„Unser Auto steht dort hinter der Wegbiegung im Waldesschatten!“ lächelt sie, dass die weissen Zähnchen im Sonnenlicht blinken: „Wir haben uns verfahren, weil Onkel eine falsche Karte eingesteckt hatte, und nun wollen wir unfreiwillige Rast halten und erst frühstücken, ehe wir die dreissig Kilometer zurückfahren!“ —

„Ein Automobil! Ah ... das ist ja höchst interessant! Nun fange ich an zu begreifen! ... Sie sind irregefahren — gewiss! Wie käme sonst auch ein Auto in dieses weltentlegene Dörfchen, wo die Kultur und die Landstrasse wie in einer Sackgasse aufhören!“

Ihr Blick schweift in entzücktem Schauen über die Landschaft.

„Von schwindender Kultur merke ich nichts, und mit der Sackgasse bin ich sehr einverstanden, ohne sie hätten wir dieses reizende Idyll niemals kennen gelernt! — Wie schön ist es hier! Wie wundervoll schaut es sich über das Meer! Tausendmal natürlicher und malerischer als von dem Strand der Seebäder, wo Strandkörbe und geputzte Menschen jeden Hauch von Poesie morden!“

Jähe Röte der Freude steigt in seine gebräunten Wangen, — ein aufleuchtender Blick dankt ihr für das Lob, das sie seiner Heimat spendet.

Plötzlich blickt er auf den Ring nieder, den er noch immer in der Hand hält.

„Sie gaben mir einen Ring, mein gnädiges Fräulein, was bedeutet das?“

Sie neigt das Köpfchen näher und blickt auf den schmalen Silberreif nieder.

„Ich fand ihn just in dem Augenblick, als Sie mir begegneten!“ sagt sie harmlos. „Hier an dem dürren Schlehdornästchen hing er, und da dachte ich, Sie hätten ihn verloren, weil Sie so suchend umher schauten!“

Voll graziöser Anmut wendet sie sich um nach dem schmalen Wegrain, an dem ein kleines Dornbüschchen seine Ranken über den Erdboden kriechen lässt.

Wieder schlägt Laurits Herz hoch auf in heissem Entzücken. Ja, er hat suchend umher geschaut, suchend nach dem Glück ..., suchend nach einem so wunderholden blonden Weib, das jählings wie die Verkörperung seiner kühnsten Träume vor ihm steht. —

Liest sie das etwa in seinem Blick?

Er wendet mit unsicheren Fingern den Ring hin und her.

„Nein, mir gehört dieser Reifen nicht!“ sagt er kopfschüttelnd. „Es scheint einer jener einfachen Trauringe zu sein, wie ihn die armen Fischer hier zumeist tragen! — Richtig! er trägt ja eine Inschrift: ‚Harms, 2. 6. 1885‘ buchstabiert er — und dann blickt er voll Überraschung auf und ruft: „Sicherlich der Trauring der Marie-Johanne! Ihr Mann hiess ebenfalls Harms wie der einzige Sohn, und Klüssen trug ihn wohl zur Erinnerung an die Mutter!“

Mit schnellem Blick überschaut er den Platz, an dem der Schlehdorn steht.

Fraglos! Der Ring flog dem jungen Burschen vom Finger, als er mit der Heugabel auf die Erscheinung der Roggenmuhme einschlug. — Es muss dieselbe Stelle hier im Korn gewesen sein. — Seltsam, sehr seltsam! —

Der laute Ton einer Hupe schallt von der nahen Waldecke herüber, und die junge Dame wendet sich hastig zum Gehen.

„Ah ... der Onkel hat Hunger und ruft zum Frühstück! — Schade, dass der Ring nicht Ihr Eigentum ist, — ich hätte mich dadurch so schön vor der Pfändung schützen können!“

„Davor kann Sie nichts schützen, mein gnädiges Fräulein!“ lachte Laurit, zog den Hut und klappte mit ritterlicher Verneigung die Hacken zusammen; „gestatten Sie, dass ich mich als Eigentümer des so total abgeplünderten Feldes vorstelle: Stormy, Leutnant der Reserve — und dass ich hiermit feierlich konstatiere: die geräuberten Feldblumen wiegen ein paar Liter Benzin reichlich auf!“

Die junge Dame ging heiter auf seinen scherzenden Ton ein, während er an ihrer Seite der Chaussee entgegenschritt: „Also mit Benzin muss ich mich freikaufen! Das ist praktisch! Nun fragt es sich aber, ob Ihr Wagen besser auf Stellin oder Dapolin läuft? Wir führen nur die erstere Sorte mit uns!“

„Dank für Ihre besorgte Nachfrage! mein Wagen läuft vorläufig noch am besten auf Heu und Hafer und hat nur zwei PS, aber ich hoffe es noch im Lauf des Herbstes auf eine Maschine zu bringen, und darum interessiere ich mich schon jetzt lebhaft für Autos! Glauben Sie, dass Ihr Herr Onkel mir eine Besichtigung des seinen gestattet?“

„Aber selbstverständlich! Wie alle Autler ist er blind entzückt von seinem „Schnauferl“, und wenn Sie dieses benzinfressende Ungeheuer schön, praktisch, tadellos finden, so ist er stolz wie ein Vater, dessen Kind man als einen Wunderknaben lobt!“ —

„Zum zweitenmal Dank für diesen liebenswürdigen avis au lecteur! — Ist Ihr Herr Onkel Soldat?“

Das junge Mädchen schob den langen, weissen Autoschleier, den ihr der Wind über die Schulter wehte, zurück. „Nein, mein Onkel ist der Kommerzienrat Cattenstedt, seine Frau die Schwester meines Vaters, des Oberst a. D. Velan, ich heisse Hanna Velan und begleite nebst meinem Vater das Ehepaar Cattenstedt auf einem Ausflug nach dem Seebad M.“

„Ah! Da haben Sie sich allerdings gründlich verfahren!“ Laurit hatte den Hut gezogen und sich bei Nennung des Namens abermals höflich verbeugt; jetzt blieb er stehn und bot der jungen Dame ritterlich die Hand, um sie den steil abschüssigen Grasrain, der den Fahrweg säumte, hinabzugeleiten.

Hanna legte ihre kleinen, schlanken Finger harmlos in die seinen. „Sehen Sie, da steht unser Landaulet! und Papa und der Chauffeur sind von jenen Häusern an dem Feld drüben, wo sie sich des näheren über den Namen des Dorfs und eventuellen Zustreckeweg erkundigen wollten, zurückgekommen!“

Sie hob die Hand und winkte, munter auf der Chaussee ausschreitend, den Herren zu, die erstaunt den Nahenden entgegenschauten. —

„Ich bin beim Blumenstehlen abgefasst!“ rief sie lachend, „kostet zehn Liter Benzin, Onkelchen! Hier, Herr Stormy nimmt es für seinen künftigen Wagen schon jetzt in Empfang!“

Eine schnelle, launige Begrüssung der Herren. Der Kommerzienrat schob seine korpulente kleine Gestalt näher und streckte, sich vorstellend, dem jungen Mann die Hand entgegen.

„Wollen auch unter die Autler gehn? Famos, ist auch das Gescheiteste, was ein Mensch heutzutage tun kann! So einem Wagen hat man viel zu danken! Er macht energisch, kühn ... stählt Haut und Nerven —“

„Namentlich die der Riechorgane!“ nickte der Oberst voll grimmen Humors, „und wenn der Mensch nicht zu Migräne neigt, wie meine Schwester, macht so eine kleine Komödie der Irrungen auf wegweiserlosem Terrain auch unempfindlich gegen dreissig Grad im Schatten!“

„Mensch, dafür gibt’s Waldesschatten und Frühstückskörbe!“ lachte der Kommerzienrat, trat an das offene Landaulet heran, in dem eine blasse, schlanke Dame mit halbgeschlossenen Augen lehnte, und sagte: „Gestatte Klärchen, dass ich dir Herrn Stormy vorstelle! Der Beherrscher dieses unbekannten Reichs ist dir gewiss als Schutzengel geschickt und verrät uns irgendeinen kleinen Badeort in der Nähe, wo es Hotels und kühle, dunkle Zimmer gibt!“

Frau Cattenstedt reichte dem jungen Mann mit wahrem Dulderlächeln die Hand, und Laurit zog diese sehr liebenswürdig an die Lippen. „Wenn Sie sich in dieser Beziehung meiner Fürsorge überlassen wollen, gnädigste Frau, so werde ich unbedingt für alles Gewünschte sorgen, — wie aufrichtig bedauere ich es, dass Sie sich gerade heute, auf einer so heissen Tour, derart unwohl fühlen!“

„Siehst du, Klärchen! Ich sage es ja immer, die Betrunkenen und die Autler haben ihre ganz besondern Schutzgeister!“ nickte der Kommerzienrat sehr wohlwollend und zog die weisse Weste unter dem geöffneten Leinenjackett über dem runden Bäuchelchen glatt. „Ganz extra um deinetwillen hat der gewaltige „Billeken“ unser kleines Hanneken in die Kornblumen geschickt, damit sie durch Herrn Stormys Hand der Gerechtigkeit überliefert wurde!“

„Billeken?“ lachte Laurit verbindlich. „Nein, ich glaube kaum, dass dieser Schutzpatron der Automobilisten auch mir, dem nichtzünftigen Rosselenker, so viel Angenehmes beschert hätte! Ich glaube eher, dass es unsere hier heimische gute Fee, die Roggenmuhme, war, die diese so erfreuliche Bekanntschaft vermittelte! Ich hatte Ihre Fräulein Nichte tatsächlich zuerst für den holden Spukgeist selbst gehalten!“

Frau Cattenstedt blickte bedeutend angeregter als zuerst auf den Sprecher. Sie lächelte sogar. „Ja, Sie haben recht! Wem Hanna unvermutet entgegentritt, der muss sie für etwas Überirdisches halten! Der Autoschleier und die Mohnblumensträusse à la Geisha geben ihr ein ganz phantastisches Aussehen!“

„Aber geschmackvoll gemacht!“ klang die fette Stimme des Kommerzienrats in tiefem Bass dazwischen. „Du hast ja bei der Hitze deine Automütze auch a. D. gesetzt und nur den Schleier um das Haar gebunden, — weiss der Kuckuck, wo die Damen sich selbst da noch schön machen können, wo wir Männer wie die Pavians aussehn! Aber nicht allein darin seid ihr Evas geschmackvoll, mir scheint, dass der Frühstückskorb, den unsere Kleine gepackt hat, auch recht appetitlich ist! Wissen Sie was, mein lieber Stormy, bieten Sie mal meiner Frau den Arm und führen Sie das erlöschende Seelchen vor die Krippe! — Was? Exkusen wollen Sie machen? Nee, Verehrtester, is nich! Sehen Sie, das ist nun auch so ein guter Einfluss vom Auteln, — man wird so menschenfreundlich! Und weil man nirgends lange Zeit hat, ist man überall schnell bekannt! — Wer weiss, ob wir uns nach diesem flüchtigen Begegnen — wir haben sicher unsere 95 Kilometer in dieser Stunde! — noch einmal so jung und so gemütlich wiedersehen! Also lassen Sie uns darauf anstossen, dass Billeken und die Roggenmuhme zwei famose Leute sind, die selbst bei 30 Grad im Schatten noch nicht ihren Humor verlieren! — Bitte zu kommen!“

„Nie hat die Roggenmuhme einen begeisterteren und dankbareren Verehrer dadurch erworben wie mich!“ scherzte Laurit und half der Kommerzienrätin sorgsam aus dem Wagen. „In dieser Einsamkeit empfinde ich es geradezu als Fest, in so liebenswürdigem Kreise aufgenommen zu sein!“

Schon während er sich mit dem Ehepaar Cattenstedt unterhielt, war sein Blick ab und zu verstohlen zu dem jungen Mädchen herübergehuscht, das in anmutigster Weise schnell und geschickt ihres Amtes als Hausfrau waltete.

Der Oberst hatte mit Hilfe des Chauffeurs zwei grosse Kasten unter den Chauffeursitzen hervorgeholt, die in ebenso praktischer wie eleganter Form alles enthielten, was einer leckeren Frühstückstafel zur Zierde gereicht.

Hanna breitete das weisse Damasttuch auf dem weichen Moosteppich des Waldbodens aus, belegte es in der Mitte mit den Blumen, die sie im Feld gepflückt, stellte Teller und Bestecks auf und richtete die Menageschüsseln mit ihrem verlockenden Inhalt so gut es ging als kalte Platten an.

Wie geschickt ihre kleinen Hände schafften! Man sah es ihnen an, dass solche Tätigkeit eine gewohnte und sympathische Beschäftigung für sie war.

Der Oberst wickelte währenddessen die Flaschen aus ihren Strohhüllen, Selterswasser, Soda mit Whisky, goldfarbenen Frade und zum Schluss noch den leichten deutschen Schaumwein, den der Kommerzienrat als einziges Alkoholgetränk bei dem heissen Wetter gestattete.

Mit vielem Ächzen und Stöhnen liess sich der dicke Onkel Rudolf an dem Wegrain nieder, der Oberst breitete sorgsam ein Plaid für seine Schwester aus, und Hanna und der Chauffeur hatten alle Hände voll zu tun, um die improvisierte kleine Gesellschaft zu bedienen.

Eine feuchtfröhliche Stimmung behauptete schnell ihr Recht.

Der Kommerzienrat hatte wahr gesprochen; — wer auf schnell rollenden Pneus die Länder durchfliegt, hat nicht lange Zeit zum bekanntwerden. Veni, vidi, vici! —

Man ist da und man kennt sich — oft besser und sympathischer wie Menschen, die sich jahrelang in steifer Langweiligkeit des Zeremoniells begegnen und nie über ein paar Phrasen hinauskommen.

Hanna hatte endlich auf Befehl des Onkels alle Schüsselchen und Flaschen in „Greifweite“ gestellt, und zwischen dem Kommerzienrat und Laurit Platz genommen.

Das weisse Kleid floss in duftigen Falten durch Gräser, Moos und Blüten, schlanke Farren wiegten sich über den kleinen Füssen, und ein paar einzelne Sonnenstrahlen flimmerten über das blondlockige, schleierumbundene Köpfchen.

Wie sie mit roten Lippen so heiter lacht, wie die Wangen heiss und heisser erglühen, wie die wundervollen Augen es verraten, dass diese Frühstückspause ihr zur hellen Freude gereicht, dass sie dem Onkel nicht im geringsten grollt, dass er eine falsche Karte eingepackt und diese Irrfahrt verschuldet hat!

Laurit hebt das Sektglas.

„Jetzt müssen Sie mit mir ganz extra anstossen, mein gnädiges Fräulein.“

„Mit zehn Litern Benzin?!“

„Nein, die kommen später! aber mit dem einzigen Rebenblut, das einer Roggenmuhme würdig ist! — Ihr haben wir unsere so charmante Begegnung zu verdanken, und darum soll sie die erste sein, der unser Glas erklingt!“

Ein fast schwärmerischer Blick flog nach dem Roggenfeld hinüber, dann trafen sich die schlanken Kelchgläser und Auge ruhte in Auge. — Nur einen Augenblick, aber es war, als ob plötzlich ein unsichtbarer Zauberfaden gewebt würde, der von Herz zu Herzen lief und beide zu Gefangenen machte.

Tante Klärchen seufzte plötzlich tief auf und presste beide Hände gegen die Schläfen.

„Die Schmerzen werden immer toller anstatt besser! Ich ängstige mich unsäglich vor der langen Fahrt durch die Mittagshitze und würde mich gern ein paar Stunden hinlegen!“

„Das müssen Sie unter allen Umständen, gnädigste Frau!“

„Gottlob, die Sonne scheint sich zu verstecken!“

„Es kommt auch plötzlich etwas Wind auf!“

„Hoffentlich kein Gewitter!“

„Wir wollen einmal Ausschau halten! Dort drüben blicken wir die Waldschneise hinab, da sieht man, ob Gewölk aufsteigt!“

Laurits Augen leuchteten.

„Gewitter sind hier meist sehr schwer! Es würde unmöglich sein, dabei zu fahren!“

Hanna war aufgesprungen und schritt der Waldschneise entgegen, der Oberst folgte ihr, und auch Laurit eilte ihr nach.

„Um alles in der Welt, da steigt es ja so schwarz wie Tinte empor!“ rief sie erschrocken.

„Donnerwetter, ja! Da ist uns ja eine nette Bescherung über den Hals gekommen!“ nickte auch der Oberst, die Hand über die Augen haltend, „in einer halben Stunde können wir es wohl hier haben!“

„Wenn wir tüchtig zufahren, erreichen wir wohl noch das nächste Städtchen!“

„Nein, mein gnädiges Fräulein, ganz undenkbar!“ — Laurit stand neben Hanna und empfand es mit einem süssen, wohligen Behagen, dass ihr Schleier weich und schmeichelnd über seine Hand wehte. Er lächelte ganz seltsam.

„Ob Sie noch soviel Kilometer zwischen Helmsdorf und sich legen möchten, es hilft Ihnen nichts, ich pfände anstatt der zehn Liter Benzin Ihre Freiheit und halte Sie gefangen!“

„Gibt es im Reichsgesetzbuch keine Paragraphen für beute- und blutdürstige Strandräuber?“ Sie scherzte, ward aber doch sehr rot dabei.

„Wenn der hohe Gerichtshof die Strafen diktiert, sicherlich, wenn aber die Roggenmuhme als oberste Instanz den Spruch zu fällen hat, dürfte er sehr milde ausfallen!“

Der Oberst, der noch ein paar Schritte weitergegangen war, kehrte hastig um. „Es sieht wirklich sehr böse dahinten aus; kommen Sie bitte, meine jungen Herrschaften, wir müssen Kriegsrat halten!“

„Sehen Sie, es wird schon kriminell!“

Laurit lachte beinah übermütig und haschte nach den roten Blütenblättern des Mohns, die ein neuer Windstoss von Hannas Köpfchen herabwirbelte!

Tante Klärchen war schon wieder in den Wagen gestiegen, und der dicke, kleine Kommerzienrat trieb den Chauffeur, der den improvisierten Frühstückstisch zusammenpackte, zur grössten Eile an.

„Wir bekommen bombensicher die Jacken gewaschen!“ rief er den Nahenden entgegen, „nun tun Sie mir die einzige Liebe, Herr Stormy, und dirigieren Sie uns in das nächste, beste kleine Nest, wo man einen Unterschlupf findet! Wohin führt dort die Chausseeabzweigung?“

„Schnurgrade nach dem einzigsten, besten und sichersten chambre garni, das in dieser Gegend aufzutreiben ist, verehrtester Herr Kommerzienrat!“ Laurit trat neben den Wagen und zog abermals sehr höflich den Hut vor Frau Klara.

„Sie waren so ausserordentlich gütig, gnädigste Frau, mich, den völlig Fremden, an Ihren Frühstückstisch einzuladen! Sie haben mich dadurch verwöhnt und mir die Berechtigung gegeben, Revanche zu üben! Dort hinter den Parkbäumen liegt Schloss Helmsdorf! Meine Mutter ist leider zurzeit in Kissingen, es fehlt also die Hausfrau, die die Honneurs machen müsste; dennoch verspreche ich Ihnen die kühlsten, dunkelsten Zimmer und den begeistert guten Willen, alles aufzubieten, Ihnen einen behaglichen Unterschlupf gegen Wind und Wetter zu geben, wenn Sie mich mit Ihrem Besuch erfreuen und beehren möchten!“

Frau Klara reichte ihm hastig die Hand und versicherte mit weinerlicher Stimme: „Tausend Dank! Ach, ich komme so gern, ... ich kann mich kaum noch aufrecht halten ...“

„Stormy, Sie sind ein Engel!“ schmunzelte Onkel Rudolf gerührt: „Dafür dürfen Sie auch unentgeltlich bis in Ihr Schloss Auto fahren!“

„Heissen Dank, Herr Kommerzienrat!“

„Bei 40 Grad im Schatten ist das keine Kunst“ lachte der Oberst. „Sie sind wirklich die Güte selbst, Herr Stormy! Und Sie sehen, wir zieren uns auch absolut nicht, sondern fallen bei Ihnen ein wie die Heuschrecken!“

Laurit neigte sich und half Hanna die letzten Messer und Gabeln aufsammeln.

„Wissen Sie, was ich wünschte, gnädiges Fräulein?“ fragte er leise.

Ihr Blick huschte nur flüchtig unter den dunklen Wimpern zu ihm empor: „Ich hätte erst meine zehn Liter Benzin ebenso sicher, wie jetzt ihre Besitzer?“

Er lachte mit. „Auch das; so nebenbei möchte ich aber, dass das heutige Gewitter gar kein Ende nehmen möchte!“

„Recht menschenfreundlich!“

„Sie freuen sich sehr auf Ihren Badeaufenthalt in M.?“

„Nein! ich gehöre nicht zu den Herdentieren, denen es nur im dicksten Gewühl wohl ist!“

Wieder leuchtete es in seinen Augen auf.

„Sie werden auch von ... von niemand dort erwartet?“

Das klang so atemlos forschend, beinah wie ein wenig Eifersucht.

Sie sah ihn voll an. „Ich wüsste nicht von wem; höchstens von dem Portier in Hotel Bristol, wo die Zimmer bestellt sind!“

Nun lachen sie beide hell auf — aber es klingt anders als sonst.

„Wo leben Sie für gewöhnlich, gnädiges Fräulein?“

„Ist diese Frage wirkliche Teilnahme oder bitterste Ironie?“

„Aber Fräulein Velan! Ironie?“

Wie erschrocken er aussieht! Wieder gräbt der Schalk seine Grübchen in ihre Wangen.

„Nun ja! Wenn man biedere Sachsen fragt, nachdem man über eine Stunde ihr Idiom gewürdigt hat, woher sie sind, — dann ist es sogar sträfliche Ironie!“

Er amüsiert sich königlich. „Ihr Herr Onkel würde vielleicht seine Nationale auf der Zunge tragen, aber Ihr Herr Vater und Sie, mein gnädiges Fräulein? Wenn Sie mir sagen, wir sind Berliner, Ostpreussen, Schwaben oder Hannoveraner, so glaube ich es auch!“

„Bravo! Sie haben wirklich feine Ohren! In all diesen genannten Städten oder Ländern hat mein Vater einmal kürzere oder längere Zeit in Garnison gestanden! Wir sprechen darum ein regelrechtes ‚Armeedeutsch!‘, von allem etwas, bis jetzt vielleicht der neue Wohnort Leipzig uns seinen endgültigen Stempel aufdrückt!“

„Hanna! Hanna! Um Gottes willen! Es donnert ja schon!“

„Wir sind — spricht jene — zum Fahren bereit!“ rezitiert Onkel Rudolf und wuchtet näher, um noch einmal Umschau über das „verlassene Zigeunerlager“ zu halten! „Die Zelte sind abgebrochen, — fort töffen die Gestalten; wer sagt dir wohin?!“

„Graden Wegs in die Notquartiere von Helmsdorf!“ lacht der Oberst und macht es sich auf seinem Sitz neben dem Chauffeur bequem. „Bitte einsteigen!“

Die Maschine schnurrt und rattert los; der Chauffeur hat angekurbelt und klettert gewandt auf seinen Platz.

Tante Klärchen giesst sich gottergeben noch den letzten Rest ihrer Eau de Cologneflasche ins Taschentuch, und ihr Gatte „wühlt“ sich möglichst bequem auf seinem Platz ein.

„So! nun mögen uns Billeken und die verehrliche Roggenmuhme gnädig sein, dass uns kein Schlauch platzt, — dann sind wir bei Ihnen angelangt, mein lieber Stormy, ehe Sie Ihre Gastfreundschaft reuen kann, — und sehen Sie, dieses unheimlich schnelle „me voilà!“ ist die fünfte vorzügliche Eigenschaft der Autos!“

III.

Welch ein Staunen, Flüchten, Schreien und Rennen, als das Automobil gleich einem feuerschnaufenden Ungeheuer in den sonst so stillen, welteinsamen Schlosshof sauste. Das gewaltige Hupensignal mit seinem schönen, melodiösen Vierklang hatte hierorts eine andere Wirkung, als in verkehrsreichen Gegenden.

Dort kennt man solches Getön als Warnungssignal und nimmt beizeiten Reissaus, hier hielt man es für die überraschend fröhliche Anmeldung wandernder Musikanten und stürzte in sichtlicher Freude aus der Gesindestube, aus Ställen und Scheunen herbei, um solch vergnüglicher Kurzweil teilhaftig zu werden.

Anstatt dass aber zu dem Hoftor die edlen Musikvirtuosen mit Horn, Klarinette und Brummbass einzogen, tobt jählings ein ganz entsetzliches Ungetüm mit zwei Glotzaugen und unförmiger Körpermasse, knatternd und fauchend wie ein Feuerdrache, auf die ahnungslosen Knechte und Mägde ein, so dass ein gellendes Hilfegeschrei die Luft erzittern lässt und die Holzpantoffeln wie ein schwerer Hagelschauer herniederprasseln.

Grundgütiger! welch ein grosse Wirkung von solch kleiner Ursache.

Der Chauffeur hat schon manchen Ahnungslosen erschrecken sehen, eine derartige Panik ist ihm aber so neu, dass er selber die Fassung verliert, auskuppelt und alle Bremsen zieht, ehe er in elegantem Bogen vor der Schlosstreppe vorfahren kann.

Ein paar alte Weiber, deren Füsse nicht mehr zur flinken Flucht taugen, hüpfen wie die Unsinnigen an einem Fuder Heu, das vor der Scheune steht, empor.

„De Düwel kümmt! De Düwel kümmt!“ kreischen sie ausser sich, bis es ihnen unter sinnloser Anstrengung gelingt, einen rettenden Platz auf den Bündeln zu erreichen.

Zwei Gartenmägde, die gerade einen kleinen Wagen voller Gemüse vor die Küchentür gefahren, verfallen auf die Theorie des Vogels Strauss.

Mit gellendem Hilfegeschrei werfen sie sich über die schmackhafte Ladung und bohren die Köpfe tief hinein in Salat, Spinat und junge Bohnen.

„Wenn ick ’n Speuk nich siech — dann kreegt he mich ok nich!“ philosophieren sie.

Was aus dem Souterrain empor getaucht ist, schiesst in blitzschneller Hast wieder hinunter, wie die scheuen kleinen Wüstenfüchschen sich bei einer Überrumplung in ihre Erdlöcher stürzen!

Die nervenschwacheren Knechte, die noch nicht Soldat gewesen, suchen mit schlingernden Beinen Deckung, und nur die mutigsten, das heisst die, welche durch glücklichen Zufall am weitesten entfernt standen, sperren mit erbleichenden Wangen Mund und Nase auf.

Die Mamsell liegt halb ohnmächtig auf einem Stuhl der Vorratskammer, und da sie erst auf den Hof hatte hinausgehen wollen und noch nicht in direkter Lebensgefahr war, hat sie noch die meisten Kräfte und schimpft mit dem Brustton der Überzeugung: „Aber so eine Gemeinheit! Locken sie erst die Menschen mit Musik heraus und lassen dann eine Höllenmaschine auf sie los. Mine, mir wird schwach!“ — — —

Die Insassen des Automobils, die gerade voll behaglicher Freude konstatierten, dass sie noch vor Regen und Sturm auf dem Schlosshof von Helmsdorf einfuhren, schraken entsetzt empor bei dem Höllenlärm, der sie plötzlich begrüsste.

Die Hunde tobten wie toll an den Ketten, und die, welche frei herumliefen, stoben aufheulend davon.

Hühner und Gänse erhoben flüchtend ein wahres Zetergeschrei, die Pferde, die seitwärts vor dem kleinen Inspektorwagen angeschirrt standen, gingen mit allen Vieren zugleich in die Luft, und dazwischen kreischten die entsetzten Weiber, gellte das Hilfegeschrei zu Tode erschreckter Kindlein und just, als ob sich alle Schleusen des Fürchterlichen gerade in diesem Augenblick über dem sonst so friedlich stillen Gutshof öffnen wollten, zuckte der erste Blitz durch die Luft, dem bald ein gewaltiger Donner nachrollte.

Autler sind an mancherlei seltsame Begrüssungen gewöhnt!

Auch die Angehörigen des Kommerzienrats überschauten die Situation sofort mit Kennerblick und brachen in ein schallendes, schier unlöschliches Gelächter aus.

Die verschiedenen Posen der „sich Rettenden“, das ganze Tohuwabohu dieses geräuschvollen Hexensabbats war so überwältigend komisch, dass sogar Tante Klärchen momentan alle Schmerzen vergass und in das schluchzende Gelächter der Umsitzenden einstimmte.

Onkel Rudolf wischte sich die dicken Lachtränen von den heissen Wangen und deutete nur immer wieder nach den beiden alten Tagelöhnerweibern, die mit affenartiger Behendigkeit noch immer ihre Klimmzüge an dem Heuwagen exerzierten.

„Einen Knippskasten! ein Königreich für das Porträt jener Grazien dort!“ keuchte er. „Stormy ... für dieses Entree in Helmsdorf bekommen Sie nochmals zehn Liter extra!“

Laurit war selbst so vollkommen im Banne der Komik, dass auch er sich erst satt lachen musste, ehe er sich aus dem Wagen schwang und sich seinen so schwer chokierten Getreuen zeigte.

„Zum Kuckuck, Leute! Seid Ihr denn allesamt verrückt geworden?“ rief er mit Kommandostimme. „Wollt Ihr vor einem Automobil ausreissen wie die Hasenfüsse? Marsch da! Thomas und Dierk. Schnell das Scheunentor auf, dass der Wagen ins Trockene kommt! Und Ihr da! Aus dem Wege! Wir fahren erst vor die Schlosstüre!“

Der Anblick ihres Herrn und Gebieters, der in sichtlich bester Laune und mit heilen Knochen, gänzlich unaufgefressen dem Bauch des Ungeheuers entstieg, gab dem geängstigten Mensch und Vieh die Fassung wieder.

Nur einmal noch, als der Wagen neu angekurbelt ward und gar ein paar Fehlzündungen losknallten, ertönten wilde Schreckensschreie, dann aber, als das Auto so flott und sanft dahin glitt und vor der Freitreppe gehorsam wie ein Lamm hielt, da drängten alle voll fiebernder Neugierde näher und starrten mit offenen Augen und Mäulern auf das Ungeheuerliche.

„Der Düwel“ verlor sofort all sein Grausiges, als so viel vergnügte Menschen ihm entstiegen; das runde Äussere des Kommerzienrats hatte an und für sich schon etwas sehr Vertrauenerweckendes, und als gar die junge Dame mit dem ungewohnten Schleier und Blumenschmuck leichtfüssig zur Erde sprang, da überwand auch die Mamsell ihre letzte Schwächeanwandlung und faltete schier andächtig die Hände.

„Nee, aber so was! Da denkt man, der Leibhaftige selber kommt dahergeschnaubt, und nachher ist es plötzlich der reine Engel, den er bringt! Du meine Güte, aber solch eine Überraschung, Mine ... mir wird wohler!“

Laurit hatte Frau Klara den Arm geboten und sie voll liebenswürdigster Besorgnis die Treppe empor in die herrliche, weite Flurhalle und von da in den ersten Salon geführt, der eine lange Flucht grosser Gemächer eröffnete.

Die Fensterladen waren geschlossen. Nur durch kleine Spalten fiel das Tageslicht in die kühlen Zimmer, die mit ihrer uralten Einrichtung wie die Pracht eines schlummernden Dornröschenschlosses anmuteten.

„Ach, wie herrlich! wie köstlich frisch und dunkel!“ atmete die Kranke voll Entzücken auf: „wie gut das tut! — tausend, tausend Dank!“ Sie sank erschöpft in den Sessel nieder, vor den Laurit sie geführt, und dieweil Hanna sorgsam ein Kissen vom Diwan holte, flüsterte der junge Gutsherr: „Nur ein paar Minuten bitte ich sich hier zu gedulden, meine gnädigste Frau, — ein Schlafzimmer, in dem Sie sich ganz bequem zu langem Schlaf niederlegen können, wird im Augenblick bereit sein! — Sie haben alsdann wohl die Güte, Fräulein Velan, alles so anzuordnen, wie es Ihre Frau Tante liebt!“

Der Kommerzienrat und sein Schwager Velan hatten erst das Automobil in die Scheune begleitet, um voll schmunzelnden Behagens festzustellen, dass es „tadellos“ daselbst aufgehoben sei.

Die „Menge des Volks“ schloss sich ihnen an, die beiden fremden Herren mit dem sagenhaften Wagen wie die Wundertiere anstaunend. Es erhöhte und festigte fraglos das Prestige des Inspektors, dass er aus dem Garten herbeieilte, jeder Zoll Mut und tollkühnes Heldentum! und sogar nah, ganz nah an das schnaufende Ungetüm heranging, um mit den Besitzern zu sprechen wie mit anderen Sterblichen auch. Da sah man wieder, was der für ein ganzer Kerl war, der sich selbst vor dem Teufel nicht fürchtet, und dass man künftighin alles aufs Jota glauben kann, was er von seinem Aufenthalt in Berlin und Dresden während zweier Urlaubsreisen erlebt, gesehen und gehört hatte!

Ehrfurchtsvoll bewunderte man ihn, auch als er mit dem Chauffeur die Eingeweide des Autoungeheuers besichtigte, kühn sogar sich an die geöffnete Maschinenhaube lehnte und einen Knecht beorderte, Wassereimer zu holen, um die heissen Räder zu begiessen.

Ja, es tat dem Inspektor wohl, endlich eine Gelegenheit und einen Menschen zu finden, mit dem er über die „grosse Welt da draussen“ reden konnte, und als das Wetter immer bedrohlichere Art annahm, verschloss er die Scheune und wanderte mit dem Chauffeur nach dem Zimmer neben der Herrschaftsküche, wo die Honoratioren des Gutshofes zu speisen pflegten.

Die Mamsell hatte die Befehle ihres Gebieters voll glühenden Eifers ausgeführt und mit dem Zimmermädchen die Logierzimmer für die wundersamen Gäste hergerichtet.

Die fremde Dame hatte sich auch bereits auf das Bett gelegt, — bekam Eiswasser daneben gestellt, ebenso eine Tasse sehr starken Kaffee, und nun schloss die Mamsell den grossen Leinenschrank, aus dem sie die blütenweissen Bezüge und Handtücher entnommen, wieder ab und stürzte in die Küche hinab, um über ein Souper nachzudenken, das der Herr Leutnant lakonisch für 7 Uhr bestellt hatte.

Jetzt, wo das Unwetter immer gruseliger wurde, konnte kein Mensch klar denken; sie setzte sich also mit noch immer etwas zitternden Knien zu dem Inspektor, Praktikant und Chauffeur, um bei einem Glase Bier immer mehr und mehr zu Kräften zu kommen!

Ist denn alles ein Traum? —

Hier in dem einsamen Helmsdorf plötzlich so unsagbar interessante Menschen!

Wie gesprächig der Herr Chauffeur war, was für ungeheuerliche Erlebnisse er erzählte und wie bekannt er gleich mit ihnen allen war! Draussen donnerte und blitzte es, — aber die Mamsell kam diesmal gar nicht dazu, sich gewohnheitsgemäss halbtot zu fürchten, im Gegenteil, sie trat mit hochgeröteten Wangen nach kurzer Zeit in die Küche, gab prompte Befehle für die Vorbereitungen des Mahls und sagte huldvoll zu ihrer sie als unfehlbar anbetenden Stütze: „Mine — ich fühle mich wieder vollkommen wohl! —

Tante Klärchen lag mit geschlossenen Augen auf dem Bett und bemerkte, dass die himmlische Ruhe und Kühle ihren Nerven sehr wohltue; weil sie aber bei dem Gewitter nicht gerne in dem fremden Hause allein sein wollte, sass ihr Gatte opferfreudig neben ihr, hatte die Hände über dem Bäuchlein gefaltet und schlürfte, zufrieden mit sich und der Welt, all den Kaffee, den die Leidende als „viel zu viel“ verweigerte.

Dabei horchte er sehr vergnügt auf den Regen, der immer ungestümer gegen die Scheiben brauste, und sagte schmunzelnd: „Hör nur Klärchen, wie der Sturm heult! So ein Hundewetter, Blitz und Donner fast immer zugleich. Können wir lachen, dass wir jetzt nicht auf der Landstrasse sitzen. Das alles verdankst du doch nur dem Auto, und wie hast du zuerst darauf geschimpft! Netter Kerl, der Stormy! Ohne unser Schnauferl hätten wir ihn nie kennen gelernt! Da siehst du mal wieder, was das für eine menschenwürdige Erfindung ist!“

Oberst Velan hatte in dem Rauchzimmer Laurits, dessen Möbel, Kronleuchter und Kamin in künstlerischer Weise aus Geweihen gearbeitet waren, ein reiches Feld seiner weidmännischen Passion gefunden.

Wie viele hochinteressante Jagdtrophäen waren hier schon seit Hunderten von Jahren angesammelt, wie viel herrliche Waffen und Gehörne schmückten die Wände, — und dort in dem Bücherschrank neben dem Rauchtisch entdeckte er eine ganze Anzahl Bände des „Weidmanns!“ die seine Augen entzückt aufleuchten liessen.

„Wenn man einem Kind einen Apfel und ein Bilderbuch gibt, verehrtester Herr Stormy, so ist es zufrieden!“ lachte er: „und mir altem Kinde geht es genau ebenso! Die Zigarre ersetzt den Apfel, und die Bilderbogen können gar nicht interessanter sein! Nun können Sie mich für ein paar Stunden als toten Mann betrachten! — Empfehle mich.“

Laurit versicherte, dass es ihm zur grössten Freude gereiche, für die Unterhaltung seines liebenswürdigen Gastes gesorgt zu wissen!

„Aber Sie, mein gnädiges Fräulein? Wie könnte ich Ihnen die Zeit vertreiben? Soll ich nachforschen, ob Mama die neusten Modezeitungen oder ein nettes Romanbuch in ihren Zimmern hat?“

Sie lachte leise auf.

„Um Himmelswillen! Damit können Sie mich jagen! Ein Kochbuch würde mich zur Not fesseln, aber jetzt, wo es so viel draussen zu sehen gibt, auch nicht!“

Sie war in die Fensternische getreten und blickte wie verklärt in den Park hinaus.

„So viel zu sehen? Hier in dem grabeseinsamen Helmsdorf?“ fragte er überrascht.

Sie strich mit der kleinen Hand über die Augen, um die Wirkung eines allzu grellen Blitzes zu mildern.

„Grade hier! Wir armen Grossstädter haben so selten Gelegenheit das zu schauen, was am unmittelbarsten zur Seele spricht, und das ist die Natur! — In dem starren, öden Steinmeer von Mauern und Pflaster gibt es höchstens bei einem Gewitter flüchtende Menschen, Regenschirme, Gummischuhe und ausreissende Hüte zu beobachten, und das ist weder schön noch poetisch.“

Sein Blick hing wie gebannt an den roten Lippen, deren Worte ihm die lieblichste Musik deuchten, die er je gehört.

„Und hier?“ — fragte er leise, beinah zaghaft, als fürchte er, einen lieben Traum zu zerstören.

„Hier?“ — sie lächelte. „Schon seit etlichen Minuten freue ich mich, dass die kleinen Meisen dort in der Tanne Schutz fanden! Sehen Sie nur, welche muntere Gesellschaft da zusammentraf! Der Zeisig posiert als Heldentenor! Er wagt sich bis ganz vorn auf den Ast.“ — —

„Bis zum Souffleurkasten —!“

„Und schaut mit imponierender Pose nach dem Himmel —“

„Dem Augenaufschlag zufolge müsste es die Diva sein!“

„Nein, die taxiere ich auf die Meise, die sich so sentimental und scheu gegen den Ast duckt, als hätte sie beim nächsten Stichwort in Ohnmacht zu fallen!“ —

„Und die andere, die so unruhig hin und her hüpft und wippt?“

„Selbstredend die Naive! und die komische Alte ist der dicke Spatz, der sein nasses Federkleid sträubt und zu räsonnieren scheint, dass er ein unfreiwilliges Bad genommen!“ —

Laurit lachte leise auf: „Wenn man allerdings mit Ihren Augen schaut, ist das Regenwetter hier sehr amüsant!“

Hanna schwieg einen Augenblick, denn das Gewitter schien von Minute zu Minute stärker zu werden; dann fuhr sie leiser und ernster fort: „Nicht nur amüsant, nein tausendmal mehr, — gewaltig und grossartig schön! — Hören Sie, wie der Sturm durch die hohen Baumkronen rast. Wie er schrillt und pfeift und tost und alles mit eherner Faust zu Boden duckt, was zu keck und selbstbewusst emporgewachsen. — Gleicht er nicht dem Schicksal, das auch so plötzlich über manch ahnungsloses Haupt hereinbricht und die urewige Weisheit predigt: Sehe jeder, wo er bleibe, — und wer da steht, dass er nicht falle!“ —

„Ja, dem gleicht er, jenem Wettersturm, der alles hinwegfegt, was nicht das einzig wahre und sichere Fundament fand, die Wurzeln darin zu festigen!“

„Und Blitz und Donner! Welch ein Flammen und gewaltiges Rollen! Ich finde es so wahr und schön, wenn unsere Ureltern die Stimme der zürnenden Götter darin hörten! In dem Strassengewühl der Grossstadt geht das Unmittelbare solcher Himmelspredigt verloren, da gibt es zu viel Erdenlärm, der sie mit schrillen Missakkorden überschreit, — aber hier auf dem Lande, da rauschen noch die alten Wodanseichen, da beugt sich die Kreatur noch zitternd vor dem Schöpfer Himmels und der Erden, weil er ihr noch nicht fremd geworden ist, weil er sich ihr noch offenbart in tausend Wundern, im Säen und Keimen, im Blühen, Wachsen und Fruchttragen!“

Laurit nickte mit leuchtenden Augen. „Wie schön sind solche Gedanken und wie selten klingen sie von den Lippen eines modernen Weibes! Ja, es ist eine immer neu zu erfahrende Tatsache, wenn es im Liede heisst: ‚Der liebe Gott geht durch den Wald!‘ — man kann wenigstens hier auf dem Lande seinen Fussstapfen noch sichtbarer folgen wie auf dem Asphalt von Sodom und Gomorrha!“

„Welch ein Regen!“

„Die Parkwege sind Bäche geworden!“ —

„Man erkennt kaum noch die Gebüsche dort!“

„So stark habe ich ihn hier noch nicht erlebt, — es ist ja der wahre Wolkenbruch!“ —

Besorgt schauen die grossen, sinnenden Blauaugen zu ihm auf: „Hoffentlich schaden diese Wassermassen Ihrer Ernte nicht?“

„Ich hoffe, nein! — Das Heu ist gottlob bis auf den letzten Wagen eingefahren, und wenn kein Hagel kommt, wird das Getreide widerstehn!“

„Aber eine Überschwemmung? Man liest in letzter Zeit so viele Hiobsposten vom Hochwasser.“

Laurit schüttelte zuversichtlich den Kopf.

„Wir liegen hier in Helmsdorf sehr hoch; uns persönlich kann wohl nie eine Gefahr durch Hochwasser drohn, kaum eine Springflut kann für den Gutshof zur Katastrophe werden. Aber die tieferliegenden Ortschaften zu seiten des Flusslaufes können schwer bedroht werden.“

„Gott verhüte es!“

„Ja, wenn man nicht selber Überschwemmungen gesehen hat, ahnt man es gar nicht, was für ein fürchterliches Element das Wasser sein kann!“ —

„Mich deucht, der Regen stürzt immer stärker und stärker herab!“ —

„Welch ein Unwetter!“ —

Der Oberst hatte sich erhoben, trat ebenfalls an das Fenster und schaute ganz betroffen in die brausenden Wassermassen hinaus.

„Nanu? Das ist ja gegen das Völkerrecht! Solch ein Guss! und kalt scheint es plötzlich auch zu werden, die Fenster laufen ja ordentlich an!“ —

„Ach Papa! wenn wir jetzt mit der armen, kranken Tante auf der Landstrasse wären! Was sollten wir anfangen!“ — und voll warmer aufquellender Herzlichkeit streckte sie Laurit die Hand entgegen und sagte mit der weichen, süssen Kinderstimme so herzbewegend, wie er noch nie etwas vernommen: „Ach, wie danke ich Ihnen so tausendmal, Herr Stormy, dass Sie uns hier aufgenommen! Wieviel Angst und Schrecken haben Sie uns dadurch erspart!“

„Ja wir danken Ihnen! wir stehen tief, tief in Ihrer Schuld!“ nickte auch der Oberst sehr bewegt.

Laurit hielt die kleine, weiche Hand einen Augenblick fest in der seinen. „Ich habe zu danken!“ antwortete er schlicht, „Sie ahnen nicht, welch ein hohes Lied der Freude der Sturm da draussen für mich singt!“ —

„Herr Leutnant!“

„Was gibt’s, Wilhelm?“

„Der Herr Inspektor lassen bitten!“

„Sie gestatten, dass er näher tritt, meine Herrschaften?“

„Aber selbstverständlich!“

„Was gibt’s, Verehrtester? Das kühle Nass kommt Ihnen wohl auch etwas reichlich?“ —

„Für uns nicht, Herr Leutnant!“ Der Inspektor trat mit höflicher Verbeugung näher: „Aber in Germsraden sieht es schrecklich aus! Volkmar telephoniert eben an, dass ein Wolkenbruch dort niedergeht! Der Blitz hat auch dreimal gezündet!“

„Grundgütiger! Wollen sie Hilfe?“

„Direkt wohl nicht; sie wissen, dass wir unsere Spritze jetzt auch nicht entbehren können, solange das Wetter noch über uns steht! Und wie sollten wir bei Neuland durch das Hochwasser?“

„Neuland? Sind wir nicht heute Morgen über Neuland gekommen?“ fragte der Oberst.

„Ganz recht! Sie fuhren irrtümlicherweise die Chaussee geradeaus hierher, anstatt von Neuland linksum abzuzweigen!“

„Und Sie sagen, dort sei ein Wolkenbruch niedergegangen?“ Herr Velan machte ein sehr betroffenes Gesicht: „Das sind ja aber schreckliche Aussichten für unsre Heimfahrt! Die Landstrasse wird durch das Wasser nicht gerade glatter und für Autoräder zuträglicher!“

„Das wohl sicher nicht, Herr Oberst! Aber darüber wollen wir uns keine Sorge machen, sondern uns von ganzem Herzen Ihres Notquartiers in Helmsdorf freuen!“

Warum sah Laurit bei diesen Worten das junge Mädchen mit einem so schnellen, leuchtenden Blick an?

Hanna fühlte, dass ihr das Blut in die Wangen stieg.

Ein Blitz fuhr zischend hernieder, ein fast betäubender Donnerschlag folgte.

Velan legte unwillkürlich den Arm um seine Tochter und zog sie fest an seine Brust. Auch Stormy war jählings einen Schritt vorgetreten, als wolle er die Arme schützend um die junge Dame breiten.

„Es ist wohl besser, wir treten in die grosse Flurhalle hinaus, wo wir jeden Augenblick auf die überdachte Auffahrt ins Freie gelangen können!“ sagte er mit gepresster Stimme.

„Ja, ja — und Cattenstedts müssen unter allen Umständen zu uns herunterkommen!“ rief der Oberst, hastig mit Hanna dem voranschreitenden Hausherrn folgend.

Velan stürmte die Treppe hinauf nach dem Fremdenzimmer, auf den obersten Stufen kam ihnen bereits das Ehepaar entgegen.

Laurit stand neben Hanna.

Mit grossen, ängstlichen Augen schaute sie in der Halle umher, unwillkürlich faltete sie die Hände.

„Ach wenn nur diesem schönen, alten Haus kein Unheil geschieht!“ sagte sie leise.

„Gefällt es Ihnen denn, Fräulein Hanna?“

Wie Jubel klang es durch seine Stimme.

Die Antwort lag nur in einem stummen, freundlichen Nicken, denn schon rief Tante Klara von der Treppe herab nach ihr, und das junge Mädchen eilte ihr entgegen, die nervös weinende Frau zärtlich tröstend in den Arm zu nehmen. „Wenn es der Donnerblitz etwa auf uns gemünzt hatte und dachte, wir sässen noch auf freiem Felde im Auto drinn, dann ist er aber mächtig abgepritscht!“ schmunzelte der Kommerzienrat voll unverwüstlichen Humors. „Noch hat uns Stormy nicht bei der Helmsdorfer Polizei angemeldet, und ohne diese Kontrolle findet selbst Jupiter Donnergott keine Autler mehr heraus!“

Der Inspektor stimmte in das leise Lachen ein. „Nun ist’s über uns weg!“ sagte er. „Der Sturm fegt die Wolken beinah oben so schnell, als ob er in einem Kraftwagen hinter ihnen her hetzte! — Auch der Regen lässt etwas nach! Ich glaube, die gnädige Frau braucht sich nicht mehr zu fürchten, die Gefahr ist jetzt vorüber!“

Wirklich liessen Sturm, Blitz und Donner bald nach, und als der Oberst die grossen Flügeltüren öffnete, strömte eine wundervoll frische, duftende Luft in die Halle ein.

„Ah! jetzt atmet es sich gut!“ sagte er. „Nun wird es dir auch bald besser werden, Klärchen! Aber die Landstrasse? Ich fürchte, auf der kann man fürerst noch Lachse angeln!!“

„Haben die Herrschaften das nötigste Reisegepäck bei sich?“ fragte Stormy schnell. „Ich sah einen so viel verheissenden Koffer auf der Gepäckrafft!“

„O Sie ahnungsloser Engel! Mit zwei Damen über Land fahren und kein Gepäck? — In dem Riesenkolli, das Sie für eine Pneuschachtel hielten, befindet sich die Hälfte eines Damenhuts!!“

„Aber Onkel Rudolf!!“

„Das sagt alles!“ scherzte Stormy. „Also bitte, mein lieber Inspektor, setzen Sie sich einmal mit dem Chauffeur in Verbindung und lassen Sie alles Gepäck in die Logierzimmer bringen!“

„Sehr wohl, Herr Leutnant!“

„Aber Stormy! — Verehrtester! Wollen Sie sich durch solchen Leichtsinn an den Bettelstab bringen? Fünf Mann und 45 Pferde!!“

„PS!“

„O, es ist ja so sehr gütig von Ihnen ... aber noch die Nacht bleiben ...“ Tante Klara wischte die letzten Tränen aus den Augen. „Es wäre doch gar zu unbescheiden!“

„Von mir? — Dann bitte ich sehr um Vergebung, aber dem Gutsherrn von Helmsdorf liegt das alte Piratentum noch zu sehr im Blut! Auch ich bin Seeräuber und erkläre die Herrschaften hiermit feierlichst zu meinen Gefangenen, bis die Chaussee von hier nach Germsraden genau so tadellos fahrbar ist wie heute morgen!“

Wieder traf sein Blick das junge Mädchen, und diesmal blitzte es darin wie lauter Schalk und Übermut.

Das Wetter klärte sich nicht allsogleich auf. Ein feiner Regen rieselte noch unaufhörlich hernieder; wie graue Dunstschleier lag es über Wald und Feld, und die Bäume ragten regungslos in die stille, feuchtwarme Luft empor.

Dies war kein günstiges Wetter für Tante Märchens Migräne.

Als Donner und Blitz nachgelassen, begab sie sich sofort wieder in ihr Schlafzimmer zurück, um sich endgültig zu möglichst langer Ruhe zu Bett zu legen.

So fehlte sie auch an der kleinen Tafelrunde als die Mamsell voll Genugtuung dem jungen Gutsherrn melden liess: trotz des schrecklichen Unwetters sei das Diner pünktlich bereit.

Es war früh dämmrig geworden.

Die Regenwolken hingen tief herab und kürzten den Tag, und vor den Fenstern des sehr grossen, saalartigen Speisezimmers flochten Glizinien, Pfeifenkraut und Kletterrosen so dichte Kulissen, dass es notwendig wurde, die Lichter zum Essen anzustecken. Laurit sass neben Hanna, und Wilhelm, der Diener, erzählte in der Küche: „so gesprächig und vergnügt und schier aufgeregt vor Liebenswürdigkeit hätte er den Herrn Leutnant noch nie zuvor gesehn! — Das junge Fräulein sei ja aber auch der reine Engel, und wenn sie schon eine ältere Bekanntschaft von ihm wäre, würde er den Kopf verwetten, dass die beiden einig seien!“

„Na, was nicht ist, kann ja noch werden!“ — nickte die Mamsell wohlbehäbig, goss die zischende braune Butter zu dem Hecht aus der Pfanne und reichte sie der Stütze: „Es sollte mir ganz recht sein, Mine!“

Stormy schenkte seiner Nachbarin ein Glas Rotwein ein, und Hanna blickte lachend auf seine Hand.

„Sie tragen ja noch den Ring der Roggenmuhme am Finger! Absichtlich, oder geriet er in Vergessenheit während all der Schrecken der letzten Stunden?“

„In Vergessenheit? Wie wäre das möglich!“ schüttelte der junge Mann mit fast feierlichem Ausdruck den Kopf. „Solch ein Ring ist ein Talisman, mein gnädiges Fräulein, — erstens, weil er gefunden ward, zweitens, weil er einen Treuering repräsentiert, und drittens, weil er mir quasi als Symbol von der Roggenmuhme überreicht ward!“

„So wollen Sie ihn nun dauernd tragen?“ —

Wieder lächelte er so seltsam: „O nein! Nur so lange, bis ich einen noch viel bessern Ersatz dafür gefunden! — An dem Tag, wo dieser Finger einen glatten Goldreifen mit den Initialen des liebreizendsten aller jungen Mädchen angesteckt bekommt, sende ich diesen Ehering der Marie Johanne an ihren Sohn nach Amerika und bin überzeugt, dass dem Millionär Harms nie ein erfreulicheres und kostbareres Geschenk gemacht werden kann als wie dieses dünne Silberreifchen!“

Der Kommerzienrat und der Oberst hatten gerade sehr eifrig über die Kilometerzahl der morgen zu unternehmenden Rückfahrt disputiert, als Onkel Rudolf das Wort Millionär fallen hörte. Er horchte auf, steckte sich die Serviette noch fester hinter die Krawatte und sass breit und behaglich vor seinem hochgefüllten Teller.

„So ist’s recht, Stormy! zu solch guten Happen gehört eine passende Unterhaltung! Sehen Sie, ich bin ein komischer Kerl, ich fasse das Leben im allgemeinen und das Essen im speziellen als Kunst auf! Alles muss harmonieren, wenn es das sein soll, was es bezweckt, nämlich erfreulich und bekömmlich! — Eine gute Schüssel auf einem unordentlich und lieblos gedeckten Tisch kann mir niemals munden, und enthielte sie die grössten Delikatessen! Und wenn mein Leibgericht auf den Tisch kommt, und eine tränenselige Nachbarin erzählt mir dazu eine ausführliche Krankheitsgeschichte, so schmeckt mir das Essen nicht, und wenn ich ein Glas Sekt an den Mund setze und mein Gegenüber jammert mir dabei über soziales Elend vor, dass da oder dort eine arme Witwe mit sieben kleinen Kindern verhungert ist, so verliert selbst der beste Tropfen den Wohlgeschmack für mich. Alles zu seiner Zeit! Die Leute sollen mit ihrem Klingelbeutel in mein Bureau kommen und mir die dazu nötigen Leidensgeschichten und sonstigen Unglücke erzählen, sie gehen niemals mit leeren Händen weg! Aber bei Tisch — da will ich meine Ruhe und mein Behagen haben! — Jede Blume und jeder gute Witz beim Essen verlängert uns modernen Nervenmenschen das Leben, weil es den Frohsinn fördert und nur dieser allein das wahre Lebenselixier ist! Also von einem Millionär erzählten Sie eben! Das klingt erfreulich und verheissungsvoll. Hat so ein amerikanischer Goldonkel vielleicht ein neues Gericht entdeckt, oder hat sein Leben sonst Stoff zum Lachen gegeben?“

„Nichts von beiden, Herr Kommerzienrat, aber doch dürfte die Geschichte des Harms Klüssen, von dem dieser Ring stammt, in Ihre ebenso richtigen wie nachahmenswerten Theorien passen! Wenn es Sie nicht langweilt, erzähle ich.“

„Stormy, Sie sind ein netter Mensch und gefallen mir von Minute zu Minute besser! Ich habe eine Leidenschaft für Menschen, die lange, fidele Geschichten erzählen, während ich Fisch esse! Aber die Pointen nicht so plötzlich, damit ich mich mit den Gräten danach einrichten kann!“

Allgemeines Gelächter, — dann erzählte Laurit voll liebenswürdiger Lebhaftigkeit das seltsame Abenteuer des Harms Klüssen mit der Roggenmuhme, und während Onkel Rudolf mit immer vollern Backen kaute und nur voll passiven Interesses den Sprecher mit hellen Äuglein anblinzelte, liess Hanna die Hand sinken und lauschte atemlos der wunderlichen Mär.

„O wie unbegreiflich ist dieses Erlebnis!“ sagte sie leise. „Von einer leibhaftigen Roggenmuhme habe ich nie zuvor gehört, und wenn der verheissungsvolle Brief und der Dollarregen nicht tatsächlich eingetroffen wäre, so würde ich auch glauben, dass die Erscheinung der schönen Huldin nur auf einem Traum beruhte. Nun aber begreife ich, dass auch Sie mich zuerst für den Spuk hielten!“

„Was der Tausend! die Hanne hat Sie wohl nicht schlecht verblüfft, Stormy! Na, mit dem Autoschleier und den Mohnblumen sah sie auch der Originalroggenmuhme verteufelt ähnlich. Was hieltest du denn als Schicksalssymbol für dein Opfer empor? Sicher den Zettel für die drohende Einquartierung!“

Hanna ward plötzlich dunkelrot, Laurit aber sagte mit viel Betonung: „Ja, ich hielt Ihr Fräulein Tochter für die reizende Fee, deren Begegnung ich mir begreiflicherweise schon lange wünschte.“

„O, welche Enttäuschung, als sich der Irrtum so sehr prosaisch durch die Autlerin aufklärte!“

„Durchaus nicht, ich war weder dort noch jetzt im mindesten enttäuscht, denn ich bin überzeugt, dass die holde Hüterin der Felder persönlich an dem heutigen Tage nicht abkömmlich war und darum das ihr am ähnlichsten sehende Menschenkind zur Vertretung schickte! — Nun ist es auch Ehrensache der Roggenmuhme, dafür zu sorgen, dass sich das Glückssymbol an mir ebenso erfülle, wie ehemals an Harms Klüssen!

„Und welch ein Symbol war es?“

Laurit umging die Frage und hob das Glas.

„Wohl dasjenige des grössten Glückes, das es für einen einsamen Menschen geben kann!“ lachte er mit strahlenden Augen: „lassen Sie uns darauf anstossen, meine Herrschaften, dass es auch bei mir zur Wahrheit werden möchte! Die Roggenmuhme, welcher ich die Freude verdanke, so sehr willkommene Gäste in Helmsdorf begrüssen zu können, sie soll leben: hoch! hoch! hoch!“

Ein sehr heiteres, scherzendes Hin und Her, die Gläser klangen melodisch zusammen, und wieder trafen sich die Blicke.

Nein, Laurit verriet es nicht, welch einen Talisman er als Angebinde der holdesten Schicksalsgöttin am Finger trug, es genügte ja, dass sie selber es wusste und es vielleicht schon jetzt ahnte, dass nicht nur für ihn, sondern auch für sie der Trauring der Marie Johanne zum Symbol höchsten Glückes werden sollte!

Die Tür öffnete sich, Wilhelm schritt sehr hastig durch den Saal und trat hinter den Stuhl seines Herrn.

„Herr Leutnant, es sind mir Nachrichten antelephoniert!“

„Mensch! Sie sehen ja ganz verfärbt aus! was ist los?!“ rief der Oberst erregt.

„Die Brücke bei Neuland ist von dem Wolkenbruch weggerissen!“

„Um alles in der Welt! —“

„Bei Neuland? die Chausseebrücke?“

„Sehr wohl, Herr Oberst!“

„Die einzige Verbindung zwischen hier und Germsraden?!“

Der Diener zuckte die Achseln: „Wir werden wohl für eine Weile hier abgeschnitten sein, Herr Oberst! —“

„Heiliges Linksschwenkt und alle neun Millionen Schock-Hagelelement!“

Laurit hatte atemlos gelauscht, dann blickte er wieder in Hannas Augen, und nein! gewiss, er täuschte sich nicht, bei allem Schreck leuchtete es doch in denselben auf wie eine tiefinnige, heimliche Freude!

Sie bleibt gern in Helmsdorf! Sie fühlt sich durch dieses Zusammensein ebenso beglückt wie er!

„Diese Botschaft ist ja die beste, die du bringen kannst, Wilhelm!“ rief er mit beinah jubelndem Klang in der Stimme. „Meine Herrschaften, ich bin egoistisch genug, der Brücke auch nicht eine einzige Träne nachzuweinen! ‚Wat dem Enen sin Ul is — is dem Annern sin Nachtigall!‘ sagt man hierzulande, und darum wollen wir die Nachtigall sogleich mit einer neuen Flasche feiern! — Wilhelm, — frischen Sekt in den Kübel!“

Der Oberst zwirbelte unruhig den Schnurrbart.

„Sie sind die Güte selber, verehrtester Herr Stormy! aber ... aber ... führen denn effektiv keine andern Wege mehr nach Germsraden?“

„Sandwege! verkörperte Autofeinde!“

„So ein infames Pech!! —“

„Aber ich bitte Sie, Herr Oberst, seien Sie nicht so aufrichtig!! —“

Fröhliches Gelächter.

Der Kommerzienrat hatte sich bislang noch nicht hören lassen. Jetzt wischte er sich mit der Serviette den Mund und rezitirte mit dem vergnüglichen Gesicht eines wohlgesättigten Menschen: ‚Herr Cattenstedt bei Tische sass, — der hat kein Wort gesprochen‘, — ganz so wie der König Karl, liebe Kinder, der regte sich auch nicht ohne Not auf. Also die Brücke ist abgerissen? Was für ein Dusel, dass wir nicht gerade mit dem Auto drauf sassen! Ich sage es ja immer, so ein Schnauferl hat Menschenverstand, — bringt sich und uns beizeiten in Sicherheit; grossartig, was? — Und Sandwege gibt’s noch von hier nach den Delikatessläden von Germsraden? Na, was regst du dich denn so cholerisch auf, lieber Schwager? — Der Schinken mit den jungen Böhnchen war tadellos, — der Hecht geradezu ein petersiliegarniertes Gedicht — und die junge Pute, die da gerade hereinmarschiert, sieht schon von aussen aus, als könne man sie selbst mit einer Schwiegermutter in Frieden essen! Der mehr wie gute Tropfen fehlt auch nicht, — also warum ringst du die Hände? Mir gefällt es ausgezeichnet hier, und solange wie Hecht und Pute noch Nachkommen auf Helmsdorf haben, bleibe ich. — Du auch, Hannchen, was? Siehst mir gerade so fidel aus, als ob es dir auch Ia geschmeckt hätte?!“ —

„Aber selbstredend, Onkelchen!“

„Herr Kommerzienrat — lassen Sie sich umarmen —!“

Na man los, Stormychen! nur nicht auf den Magen drücken ... sonst mag ich das riesig gern, wenn die Jugend mich lieb drückt, besonders die hübschen Mädels!

„Hm ... hm ... die Gattin hört’s nicht! da hat er immer Mut!“

„Arme Tante Kläre!“ —

„Ich glaube, Kinder, der Tante Kläre ist es am liebsten, wenn sie noch ein paar Tage in „einer Kammer kühl und donkel —

„ohne Onkel“ —

Ganz recht, — über die Bekömmlichkeit einer Autotour in der Mittagssonne auf schattenloser Landstrasse mit darauffolgendem Gewitter nachdenken kann!“

„Sicher!“

Der Kommerzienrat schaute mit verliebtem Blick auf die köstlich duftende Pute, die Wilhelm mit etwas bebender Hand — er rang nach der vorschriftsmässigen Herrschaft über seine Lachmuskeln — servierte.

„Ja, ich bin überzeugt, von heute an schwärmt meine geliebte Klara für Autofahrten, denn hätte sie in der Eisenbahn gesessen — wo hätte sie ihre Migräne hernehmen und nicht stehlen sollen? — Also an die Gläser! Haben Sie eben Ihre Roggencousine leben lassen, so fordere ich jetzt ein Hurra für meinen alten Freund Billeken und alle ihm untertänigen Automobile! — Hoch! Hoch! Hoch!“

Wie lange hatte der stille, alte Speisesaal kein so fröhliches Plaudern und Lachen mehr gehört! Weil es immer noch etwas regnete und die Wege zu grundlos waren, um eine Promenade unternehmen zu können, so sass man nach Tisch in der überdeckten Veranda, die nach der Hitze des Tages einen wahrhaft idealen Aufenthalt bot.

Aus dem Park quollen köstliche Duftwogen herüber, Nachtschmetterlinge schwirrten um die Lichter, und von dem nahen Schwanenteich klang ein Froschkonzert im Verein mit dem Gezirp der Grillen, wie es Stadtmenschen nur selten in den grossen Sommerferien auf dem Lande zu hören bekommen.

Onkel Rudolf lag sehr behaglich in dem bequemen Korbsessel, schmauchte eine gute Zigarre und lauschte dem muntern Geplauder seiner Nichte, die verschiedene drollige Reiseabenteuer zum Besten gab.

„Wisst Ihr was, Kinder?“ nickte er endlich und paffte ein paar mächtige Wolken, „meinethalben kann die Brücke bei Germsraden nun auch noch der Teufel holen! — Ich finde es einfach tip-top im Helmsdorfer Notquartier!“

IV.

Tage waren vergangen.

Tante Klara hatte sich erholt und war begeistert von der Gastfreundschaft, die der neue Freund Stormy, auf so eigenartige Weise gewonnen, ihnen gewährte.

Man war so schnell bekannt geworden, harmonierte so brillant zusammen und fand, dass die Stunden wie im Traum dahinflogen, obwohl man absolut kein Vergnügungsprogramm „herunterzuarbeiten“ hatte wie im Grossstadtleben.

Ein ungeheures Ereignis war es, als am andern Tag, bei hellem Sonnenschein, das Auto auf den Hof gefahren und gründlich von dem Chauffeur gesäubert wurde.

Was auf dem Gute und im nahen Dorfe kreuchte und fleuchte, strömte zusammen, das geheimnisvolle Ungeheuer in der Nähe zu sehen, und das war für den Chauffeur der schöne, weihevolle Augenblick, wo er der Menschheit imponieren konnte, wo er als Wunder von Mut und Klugheit angestaunt wurde und das demütige Dankgebet über seine Lippen floss: „Ich danke dir, mein Gott, dass ich nicht bin wie jene da!“

Wenn es sich lohnte, ergriff er den belehrenden Ton; dann sammelte sich alles mit andächtig offenen Mäulern um ihn her, bis ihn der Schalk abermals im Nacken fasste und er plötzlich die Maschine losknattern liess.

Dann gab’s wieder ein Schreien, Flüchten und „hut-hut in allen Ecken“ — bis auch auf dem weltfernen Gutshof die Stunde schlug, wo man gefasst und heldenhaft um das knallende und fauchende Auto stand und selbst das alte Rübenweib, die blödsinnige Mieke, auf den Finger spuckte, mit demselben dann kühn gegen einen Pneu tippte und mit zahnlosem Munde grinste: „Kiekste woll? hei freet mich nich!“

„Nee, sonst würde ihm auch übel werden!“ stimmte der Herr Chauffeur zu, worauf die Mamsell äusserst wohlwollend der Stütze zulächelte und sagte: „Er ist ein geistvoller, witziger Mensch, — Mine, ich habe mich selten so wohl gefühlt wie jetzt!“

Laurit führte Hanna durch das ganze Schloss. Wieviel des Herrlichen, uralt Wunderlichen gab es da zu sehen!

Die Zimmer des verstorbenen Onkels mussten notgedrungen renoviert und teilweise neu eingerichtet werden, aber die Gemächer seiner Schwester, die ihm lange Jahre hindurch die Wirtschaft geführt, waren unberührt geblieben, und so sorgsamer bis in die kleinsten Kleinigkeiten erhalten, weil schon Fräulein Julie sie unverändert von Mutter, Grossmutter und Ahnfrau übernommen hatte.

Welch kostbare Möbel, Nippes, Bilder und Spiegel waren da zu sehen!

Just, als hätte soeben eine gepuderte, hochtoupierte Schlossfrau in Reifrock und Hackenschuhen das Zimmer verlassen, als habe sie vergessen, das gemalte Emailledöschen mit den Schönheitspflästerchen zu schliessen, als sei der Fächer auf dem hochbeinigen Spinett liegen geblieben, nach dessen Menuettklängen soeben noch die steif geschnürten, kleinen Demoiselles und die Junkerlein ihre feierlichen Knixe und graziösen Tanzschritte geübt haben!

Schon in der Luft, die diese Zimmer durchweht, liegt etwas Geheimnisvolles, wie der Odem vergessener Jahrhunderte, der späten Nachkommen von all dem Leid und der Lust erzählen möchte, die vor langer, langer Zeit auch hier die Menschenherzen bewegt hatten.

Horch ... flüstert es nicht? — leise raunend, wie mit zahnlosem Munde?

Nein, es ist die kleine Pendüle auf den schlanken, weissen Alabastersäulen, um die sich die steifgewickelten Girlanden im Empiregeschmack winden.

Wie kommt die hierher in das Reich des Rokoko? Vielleicht ein Geschenk der Enkelin für die Grossmutter.

Und dort auf dem kleinen, entzückenden Goldbronzetischchen; steht nicht die zierliche Spieldose bereit wie ehemals, als schlanke Frauenhände am Stickrahmen arbeiteten oder während langer, einsamer Wintertage Perle um Perle, wohl viele Tausende, auf den spinnwebfeinen Stramin zogen!

Dort liegt noch das Kissen mit dem perlengestickten Wappen auf der Couchette.

Lange steht Hanna vor den Ahnenbildern und blickt sinnend in die Gesichter empor, die mit lebendigen Augen, ernst, lächelnd, oder sinnend, traurig, oder glücksprühend auf sie niedersehn.

Laurit muss sie alle mit Namen nennen, muss soviel er weiss von ihren Schicksalen erzählen, und bald deucht es dem jungen Mädchen, als seien all diese Menschen, deren Spuren der Sturm der Zeit längst verwischt, und deren Andenken nur noch durch ein gemaltes Stücklein Leinewand wach gehalten wird, als seien ihr all diese Einwohner von Helmsdorf liebe, bekannte Freunde geworden, die sie grüsst und ehrt, indem sie die blühenden Sträusse an die Rahmen heftet. Voll Entzücken schaut Laurit ihrem Beginnen zu.

Welch ein zartes, sinniges Gemüt sprach aus solcher Pietät, wie sympatisch berührte es ihn, dass sie sich für Menschen interessierte, die vor langen Jahren unter einem Dache gelebt, unter dem sie auf so unverhoffte Weise Gastfreundschaft gefunden hat.

Und so sehr wie die eigenartige, gediegene Schönheit der Wohnzimmer das junge Mädchen entzückten, ebenso gern weilte sie in den Wirtschaftsräumen, deren praktische Einrichtungen sie auf das lebhafteste interessierten, gerade so, wie es sich für eine künftige, tüchtige Gutsfrau gehörte.

Die dicke Mamsell schwamm in einem Meer von Wonne, so viel Lob und Anerkennung von der jungen Dame für all ihre Kochkunst und umsichtige Tätigkeit zu ernten.

Hanna versuchte sich in jeder Weise nützlich zu machen; vormittags, wenn Laurit und der Oberst durch die Felder ritten und Tante Klärchen und Onkel Rudolf ein beschauliches Dasein auf bequemem Liegestuhl im Park führten, besuchte sie die Mamsell in der Küche, fasste energisch zu und bewies es den staunenden Mägden, dass auch die feinen Stadtfräuleins und Autodamen sehr geschickte Hausfrauen sein können.

Den Geflügelhof besuchte sie besonders gern in Begleitung der Mamsell, liess sich in der Hühnerzucht und Putenpflege unterweisen und stand gerade inmitten der pickenden, gackernden Schar, als die Herren hinter dem Gitter vorüberritten.

Laurit hielt sein Pferd an und schwenkte ihr grüssend den Hut entgegen.

„Lilly unter ihren Hühnern!“ rief er scherzend, „ich hole sofort meinen Kodak, gnädiges Fräulein!“

„Ja nicht! Die Glucken würden in Grössenwahn verfallen! Ich finde, sie sind sowieso schon masslos eitel auf ihre wohlerzogenen Kinder!“

„Haben auch alle Ursache dazu! Und wie werden sie nun für ihre Erziehungskünste belohnt, indem sie von so schöner Hand gefüttert werden!“

„Ich bedanke mich für dies Wort der Milde!“

„Fahren Sie nachher mit uns nach Neuland, gnädiges Fräulein?“

„Ist der Weg schon wieder für Autos fahrbar?“

„Nein, noch ist Ihre Freude verfrüht! Wir wollen uns nur im leichtesten aller kleinen Pürschwagen erkundigen, wie viel Wochen es noch dauert, bis eine interimistische Brücke errichtet sein kann!“

„Wie viel Wochen!!“ — bless me!! —

„Nicht wahr, Papa?“ und das sagte er so höflich lächelnd wie der Räuberhauptmann Stavarosch, als er seine Gefangenen liebenswürdig aufforderte: „Machen Sie es sich für etliche Zeit bei mir bequem, meine Herrschaften!“

„Für recht lange Zeit, mein gnädiges Fräulein!“

„Gewiss! ich lasse mir die Schlittschuhe nachkommen! Herr Stormy, Sie sind ein Virtuos in edler Resignation!“

Sie lachen beide und man sieht es den strahlenden Augen an, dass der Gedanke an die Schlittschuhe gar nicht so unangenehm ist. — —

Die Mamsell hat anscheinend die hartgekochten Eier und Brennesseln für die jungen Gänschen noch feiner mit dem Messer zerhackt, aber ihr Blick blinzelt voll höchsten Interesses zwischen den Sprechenden hin und her, und plötzlich tritt sie neben Mine und flüstert ihr mit schwärmerischem Blick zu: „Mine ... mir ist es so aussergewöhnlich wohl heute, als röch’ es schon im ganzen Schloss nach Hochzeitskuchen!“

Mine schrickt zusammen.

Sie hat, in tiefe Gedanken versunken, den Topf mit Quetschkartoffeln im Arm gehalten, wartend, bis das gnädige Fräulein die Körner an das gackernde Hühnervolk ausgeteilt hat.

Was der Herr Leutnant mit der jungen Dame zu schwatzen Und zu lachen hat, ist ihr total gleichgültig — Mine kennt nur ein beachtenswertes Ideal auf der Welt, und das ist die Mamsell.

Drei Jahre sind es her, da kam das scheue, verprügelte Mädchen Wilhelmine, die Tochter des fast stets betrunkenen Dorfschmieds, als „Kochstudent“ — wie der alte verstorbene Herr Baron scherzte — zu Mamsell Rosalie, dem wohlbehäbigen, stark gebildeten und schwärmerisch veranlagten mittelalterlichen Fräulein, das sich voll Erbarmen der so viel misshandelten Mine annahm.

„Du lieber Gott, wie sieht das arme Geschöpf aus!“ jammerte sie. „Da sieht man’s, wie es bei so rohem Männervolk zugeht, wenn die Frau und Mutter fehlt!“ — und was das blasse, verkümmerte Mädchen bisher an Güte und Sorge entbehrt, das liess ihm Mamsell Rosalie nun zuteil werden.

Als der Gutsherr sie deswegen belobte, antwortete sie nur mit sanftem Augenaufschlag: „Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs, Herr Baron; das tue ich — und sollte ein verwaistes Menschenkind ohne Liebe lassen?“ — sie führte den Schürzenzipfel an die Augen — „Obwohl die Liebe mich bis jetzt auch im Stich gelassen hat.“ —

Seit Mine im Hause war, konnte sie das nun nicht mehr sagen, denn die Kleine hing mit schier abgöttischer Liebe an ihrer Beschützerin, und jedes gute Wort und jedes Extra-Butterbrot liess dieses zärtliche Gefühl noch tiefere und festere Wurzeln schlagen. Keine andere Neigung konnte daneben Platz greifen, denn Mine war zu hässlich, um sich glühender Verehrer erfreuen zu können. Auch war ihr das Ewig-Männliche durch das Vorbild des schrecklichen Vaters für immer verleidet.

Die freundliche Mamsell aber ersetzte ihr just das, wonach sie sich seit langen Jahren so schmerzlich gesehnt, die Mutter, die nie schimpft, nie prügelt, nie Töpfe und Holzkloben nach ihr wirft und sie durch Fusstritte sättigt, sondern sie so gut behandelt, wie es wohl die Engel im Himmel kaum besser haben. —

Ja, Mine liebte die Mamsell Rosalie mit der ganzen ungeteilten Innigkeit ihres jungen Herzens, und obwohl sie noch sehr unerfahren und nicht weltklug war, hatte sie doch schon eine Lebensweisheit zu der ihren gemacht, das war die betrübliche Tatsache, die ehemals und wohl auch heutigentags noch mancher Braut von Freundinnen oder Freunden in das Stammbuch geschrieben wird: „Hochzeitsglocken sind der Freundschaft Sterbeglocken!“

Daher war es für Mine der schrecklichste aller Gedanken, dass Mamsell Rosalie heiraten und Helmsdorf aus diesem Grunde verlassen könnte. Kein fürchterlicheres Unglück konnte sie sich ausdenken; denn mit ihr ziehn, wäre doch nicht denkbar, und würde sie vielleicht auch als Hilfe gemietet, so hätte doch die Mamsell alsdann keine Zeit und keine Liebe mehr für sie.

Die verlangte der Mann und die eigenen Kinder, und weil dies naturgemäss und richtig sein würde, so dürfte Mine sich als braves, redliches Mädchen nie dazwischen drängen.

Dann hiesse es also Scheiden und Meiden, und wie die arme Mine das ertragen sollte, das ist ihr selber noch ein Rätsel, namentlich in diesen Tagen, wo die Mamsell ihr mehr denn je zu schaffen macht, und die Eifersucht, dies ätzende Giftkräutlein, immer kräftiger ins Kraut schiesst.

Mine hat es gar wohl beobachtet, wie der fremde Chauffeur den Schwerenöter spielt und die gutmütige Rosalie mehr und mehr in den Bann seiner vielsagenden Blicke zieht. Wie kann er so unglaubliche Dinge von all seinen Heldentaten, die er auf dem Auto vollbracht, erzählen! Alle sitzen voll staunender Andacht dabei, alle glauben ihm aufs Wort, nur Mine nicht, denn gerade die Eifersucht sieht scharf, und Mine grollt mehr wie einmal im Herzen: er ist ein Prahlhans und Aufschneider. So schnell, wie der fahren will, fliegt kein Vogel, selbst die schnellste Schwalbe nicht, und wenn er schon so viel Vieh zuschanden und so viel doch gewiss schrecklich teure Maschinen bei den unsinnigen Wetten kaput gefahren, dann sässe er gewiss schon längst hinter Schloss und Riegel und tät sich nicht noch dicke mit solchen Leistungen.

Aber Mamsell Rosalie schmachtet ihn mit verklärten Blicken an, wenn sie die Hände zusammenschlagend fragt: „Sie waren wohl schon gar in Paris?“

Dann lacht der Herr Gander und macht eine schier verächtliche Handbewegung: „Schon fünf oder sechsmal! — Paris ist für uns Autler ein kleiner Katzensprung!“

„So kennen Sie wohl auch Italien?“

„Wie meine Westentasche!“

„Und Russland?“

Herr Gander hatte etwas gradezu Wegwerfendes: „Das habe ich mir schon so bis an den Hals gesehn, wie Saubohnen mit Speck!“ — Dieser letzte Satz schien mit besonderem Nachdruck gesagt, und die Mamsell horchte auch auf und nickte nachdenklich: „Also das mögen Sie nicht!“

„Ebensowenig wie Quetschkartoffeln und Schlippermilch, oder Hering mit Klümpen! Sie glauben nicht, mein teuerstes Fräulein, wie das Reisen verwöhnt! Selbstredend wird immer ein Diner in dem ersten Hotel gegessen! Und warum nicht? Wir Chauffeure können ein Heidengehalt beanspruchen, weil wir Meister in unserer Branche sind! Nun, und wenn man soviel Geld jeden Monat zu fassen kriegt, kann man auch bon leben! Einmal — in Holland war es, da hatten wir eine tolle Tour gemacht! Das halbe Königreich an einem Vormittag durchrast — ich glaube, wir hatten eine Geschwindigkeit von 120 Kilometer pro Stunde.“

„Donnerwetter!“ stöhnte der Inspektor ganz blass vor Grausen.

„Oh, Kleinigkeit! Ich hatte mal eine französische Marke, da haute der Wagen spielend seine 130 Kilometer pro Stunde ab —!“

„Mir schwindelt!“ seufzte die Mamsell, aber sie sah den seltenen Mann geradezu anbetend dabei an.

„Nein! er schwindelt!“ hätte Mine gern voll kochenden Ingrimms dazwischengerufen, denn sie glaubte dem spitzen Fuchsengesicht nicht mehr, aber Herr Gander fuhr selbstbewusst fort, das königliche Mahl zu schildern, welches er alsdann in Holland verspeist, und richtig, die Mamsell sah sehr betroffen aus. Und als der Chauffeur die Kaffeetasse hob und mit schmachtendem Blick sagte: „In Ermanglung von Sekt trinke ich das Wohl der anmutigsten und holdesten Dame in Kaffee, Prosit, teuerste Mamsell!“ — da war es vollends um Rosalies klare Überlegung geschehn.

„Mine!“ sagte sie, „es geht nicht anders, der charmante Mensch muss dasselbe mitessen, was die Herrschaften bekommen, er ist selbst feiner noch wie der Inspektor!“

Ach, all diese Unterhaltungen waren Mine wie mit feurigem Stift in das zornige Herz geschrieben und als Herr Gander seine Höflichkeiten gegen Fräulein Rosalie von Tag zu Tag steigerte, da schien es Mine wie eine furchtbare Tatsache, dass ihre Schicksalsuhr bald zu einem Schlag ausholen werde, der die unglückseligste Stunde ihres Lebens kündete. Grade an dieses drohende Schreckgespenst hatte sie auch soeben wieder im Hühnerhof gedacht, als die Mamsell sich plötzlich zu ihr neigte und etwas Fürchterliches von duftendem Hochzeitskuchen flüstert.

O, du ewige Kümmernis!

Sollte sie die Absichten des Chauffeurs gemerkt und mit denselben einverstanden sein?

Mine seufzt plötzlich so tief und schmerzlich auf, dass es schon mehr einem Stöhnen gleicht.

Fräulein Rosalie wendet ihr mit gemessener Bewegung das Haupt zu.

„Mine, fehlt dir etwas?“

„Mamsell ... ich fühle mich sehr schlecht!“

„Das kommt vom Blut; es wird heute wieder mächtig heiss; trink mal ein Glas kalt Wasser.“

Gegen Abend wurde es kühler.

Die Herren waren noch nicht von Neuland zurückgekehrt, die Damen aber hatten ihre Promenade nach dem Strand beendet und waren durch das Dorf zurückgegangen. Auf dem Feld ward Korn geschnitten, und die Frauen sangen dabei ein Lied, das eine so eigenartig fesselnde Melodie hatte, dass Hanna hinzutrat und nach dem Text forschte. Das Lied der Roggenmuhme!

Auf das lebhafteste interessiert, zog sie ihr Notizbuch aus dem Handtäschchen und bat eins der Mädchen, ihr die Worte vorzusprechen.

Nach langem Kichern und verlegenem Schweigen gelang es ihr, die blöde Dorfschöne zu bewegen, die Verse noch einmal langsam zu singen, denn mit dem Sprechen wollte es absolut nichts werden. Wort und Klang schienen so eng verwachsen, dass sie nicht mehr zu trennen waren.

So hatte es die Grossmutter von der Ahne, die Mutter von der Grossmutter in der Spinnstube gehört, und so war es schon dem Kind und heranwachsenden Mädchen in Fleisch und Blut übergegangen.

Hanna war sehr musikalisch.

Ihr Ohr fasste schnell die sangliche Melodie, und ihr Stift glitt über das Papier, die originellen Worte festzuhalten.

Wie wird Herr Stormy sich freuen, wenn sie ihm ein Lied, das seine holde Schützerin verherrlicht, vorsingen kann.

Seine Schützerin allein?

Nein, Hanna wird es seit der Stunde im Roggenfeld, wo sie Laurit zum ersten Male ins Auge schaute, oft so wundersam heiss und sehnsuchtsvoll zu Sinn, wie noch nie zuvor. In dem Liede heisst es zwar, dass die Roggenmuhme den jungen Burschen hold ist, die Mädchen aber mit Vorliebe äfft und verspottet.

Gilt das auch für sie?

Wie wundersam sieht Laurit sie oft an, wie viel bedeutsamen Klang legte er zuweilen in seine Stimme, und gar seine Augen! ... Ach wie hat Hanna plötzlich die Gewalt eines schönen, leuchtenden Männerauges kennen gelernt!

Ist es Täuschung, dass sie ihm gefällt, dass er es ihr kundtun möchte? — Oder bildet sie es sich nur ein, weil sie gern das Interesse an ihm wahrnehmen möchte, das sie so sehr ersehnt, — warum, weiss sie kaum selber! —

Gestern abend hat sie so lang am Fenster gestanden, die gefalteten Hände fest gegen das stürmende Herz gepresst und den Blick zum Himmel erhoben.

Vor ihren Ohren klingt noch seine Stimme, die so weich flüsterte: „Schlafen Sie süss, Fräulein Hanna! Möchten wir beide die Roggenmuhme im Traume schaun!“

Warum das? — soll auch ihr ein Symbol gezeigt werden, dasselbe, das für ihn das Schicksal bedeutete, — der Trauring der Marie Johanne? Wie ein süsser Opiumrausch hält es sie gefangen, seit sie den heissen, geheimnissvoll schwülen Duft im Roggenfeld geatmet und Laurits schlanke Gestalt wie ein Traumbild vor ihr auftauchte!

Nun klingt ihr das seltsame Lied weich und schmeichlerisch durch alle Gedanken, und kaum ist sie wieder zu dem Schloss zurückgekehrt, als sie hastig in Fräulein Julias altverträumtes Zimmer tritt und das Spinett öffnet.

Die Töne hauchen sie schwach und atemlos an wie aus der Brust einer Greisin.

Kaum vermag sie es noch, die Melodie zusammenzusuchen.

Es geht zur Not, aber die Begleitung erstirbt in dem vollen Wohlklang der weichen Stimme, mit der Hanna die Worte intoniert.

Hinter ihr regt sich leise die Türe.

Laurit steht auf der Schwelle, just so wie er vom Wagen gesprungen war, im eleganten, flotten Fahranzug, mit geröteten Wangen und etwas verwirrtem Haar.

„Ich hörte Sie schon unten in der Halle!“ rief er anstatt jeder Begrüssung „und ich täuschte mich nicht, Sie singen das Lied von der Roggenmuhme.“

„Wenn Sie das ‚Stimmen der Geigen‘ Gesang nennen wollen!“

„Wo um alles in der Welt haben Sie die Worte und Melodie her?“

„Sehr einfach, ich schrieb an die gespenstische Dame und bat um die Noten!“ scherzte Hanna und strich verlegen mit der Hand über die goldenen Haarwellen; wieder ruhte sein Blick so zärtlich auf ihr, und die Hand, die sich auf den Sessel stützte, schien zu beben.

„Nein, Scherz à bas!“ fuhr sie ernster fort, „ich hörte das Lied singen und machte die Schnitterin so lang dingfest, bis ich hatte, was ich wünschte!“

„Dass Ihnen das glückte!“ murmelte er, „was hat meine Mutter sich für Mühe gegeben, das Lied für Edith zu bekommen; es war unmöglich, nicht einmal der Kantor konnte die Melodie aufschreiben!“

„Edith?“ — Hanna hörte den Namen zum erstenmal, aber ehe sie nur nachdenken konnte, wer diese Edith sei, fuhr Laurit schnell fort: „Bitte singen Sie! ich bitte inständigst!“

„Ich kann es ja kaum, so etwas muss zum mindesten geübt werden!“

„Nun denn, soviel Sie bis jetzt können!“ bat er, „mir sind ja die Worte noch völlig neu!“

Onkel Rudolf und Tante Klärchen traten ein, sie unterstützten Stormys Wunsch.

„Die Sängerin sitzt!“ persiflierte der Kommerzienrat die Meistersinger: „Leg los, Hanneken! Ich nehme als Beckmesser die Zensur auf mich; wirst dich wundern, wie schön ich mit Tante Märchens Hutnadel gegen die Ofentüre kratzen kann!“

„Unbesorgt, gnädiges Fräulein, das dulde ich nicht!“

Ein paar präludierende Akkorde, dann erklang es leise, geheimnisvoll, als wolle man einen müden Wanderer in heissem, duftigem Kornfeld einsingen:

Wie heiss, ach wie heiss heut die Sonne glüht,

Der Roggen steht gelb, und die Mohnblume blüht,

Vom Kirchturm schlägt es die Mittagsstund,

Da steiget ein Weib aus dem Ackergrund,

Ihr Kleid ist so weiss, ihr Haar ist wie Gold,

Dem Burschen, dem jungen, dem ist sie so hold,

Sie winkt mit dem Schleier, sie zeigt ihm zur Frist,

Was ihm in Zukunft beschicken ist!

Drum, junger Bursche, lauf schnell ins Korn —

Die Roggenmuhme geht um da vorn!

„Ah! man soll hingehen? Ich hörte jüngst, man solle sich vor ihr hüten!“

„Die Männer nicht, nur die Mädchen!“

„Das scheint mir ja eine recht kokette Dame zu sein!“ schmunzelte der Kommerzienrat und drehte behaglich die Daumen umeinander: „Sie würdest du nicht als Gesellschafterin engagieren, nicht wahr, Klärchen?“

„Aber Rudolf! so schlechte Witze bei dem schönen Lied! Weiter, Hanna! Das klingt entzückend!“

Onkel Rudolf zwinkerte dem jungen Gutsherrn verschmitzt zu.

„Meine Gattin ist nämlich mächtig eifersüchtig, Spaziergänge durchs Kornfeld sind jetzt für alle Ewigkeit verboten!“

Die Kommerzienrätin lachte: „Das natürlich, aber nicht aus Eifersucht, sondern aus Menschenfreundlichkeit gegen die Roggenmuhme! Denk mal, wenn so ein ‚schlanker Bursch‘ wie du gegangen kommt ‚blond an Locken‘ —“

„Oder kahl ...! Hast recht, Klärchen — sie verfiel in blinde Liebesraserei und hielt mir als Glückssymbol eine Zehnkilobüchse Reseda-Kräusel-Haarpomade empor!“

„Sehr richtig bemerkt; aber nun bitte den nächsten Vers, Hanna! Schrecklich! In solch Gelächter hinein nun die ‚magische‘ Melodie!“ Fräulein Velan liess die Hände nach einem Augenblick sinken und sah schnell zu Laurit empor, der voll nervöser Unruhe den kleinen blonden Schnurrbart an den Enden noch höher und flotter empordrehte; dann fragte sie lächelnd: „Wird es auch nicht zuviel? Diese volkstümlichen, erzählenden Gedichte sind meist so lang wie die Winterabende, an denen sie zum surrenden Spinnrad gesungen werden.“

„Immer weiter, mein Hanneken!“ applaudierte der Kommerzienrat mit dem ersichtlichen Bemühen, der sentimentalen Lyrik der Roggenmuhmepoesie durch seinen Humor das Gegengewicht zu halten. „Je länger, je lieber; erst wenn man sich durch verschiedene Generationen einer Liebes- oder Spukgeschichte gründlich eingelebt hat, kommt man zu dem behaglichen Gefühl der Zugehörigkeit! Beim fünfundzwanzigsten Vers bilde ich mir dann steif und fest ein, der Patenenkel der Roggenmuhme zu sein! — Apropos ... wie heisst diese ländliche Circe eigentlich mit Vornamen?“

Laurit lachte mehr verbindlich wie wirklich amüsiert. „Sie ist ein Mädchen aus der Fremde, das ungenannt und unbekannt kommt und geht! — Aber wir sind wirklich begierig, mein gnädiges Fräulein, bitte um Fortsetzung!“

Hannas zierliche Hände glitten wieder über die Tasten, sie sang —:

Wie heiss, ach, wie heiss heut’ die Sonne sticht,

Sie sengt nur den Roggen und reifet ihn nicht,

Wie duftet so schwül heut der Mohn und der Klee,

Die Fliege ist giftig und schafft dir viel Weh —

Da steigt aus den Halmen die Huldin zumal,

Ihr Auge glüht Sehnsucht, ihr Antlitz ist fahl — —

Was suchst, junge Dirne, im Feld du bei mir?

Nicht rief ich im schmeichelnden Liede nach dir!

Ich zeige dir Tränen! — Bleib, Jungfer, zu Haus,

Sonst spottet im Roggen die Muhme dich aus!

— — Einen Augenblick herrschte tiefe Stille, — Laurit stützte sich schwer auf die Stuhllehne und schien vollkommen im Bann der süssen, wehmütigen Mädchenstimme zu stehn, in der Türe aber erschien Wilhelm und meldete, dass im Esssaal serviert sei.

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