Kitabı oku: «Ende gut, alles gut»
Nataly von Eschstruth
Ende gut, alles gut
Erzählung
Saga
Ende gut – alles gut
© 1921 Nataly von Eschstruth
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711472934
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Erstes Kapitel.
„Ich will nach dem Ecktor!“ —
„Haben Sie dort eine Wohnung?“
„Ja, — aber nur ein Loch, — gerade zum Einkriechen! Schmal und eng, dass man sich stösst, will man das Haupt heben! — Und doch habe ich Gott gedankt, dass ich’s hatte. — Bis heute, nun soll’s anders werden. Wirklich schön, wirklich was Reelles und Sicheres, nicht nur zur Miete, wo man jeden Augenblick herausgeschmissen werden kann und nicht weiss, ob man am kommenden Tag noch ein Anrecht an das Winkelchen hat!“ —
„Verstehe! verstehe Sie, mein Herr! — Heutzutage! Da stehen sie wie die Wölfe und lauern auf jede Dachstube und jedes Kellergelass, nur um unterschlüpfen zu können. Wo ein Plätzchen frei wird, da stürzen sie sich drauf los und fragen den Teufel danach, ob sie über Leichen gehn!“
„Es sind greuliche Zeiten!“
„Für uns nicht mehr! — Ich habe ein paar Wochen lang gekämpft wie ein Rasender, und heute habe ich gesiegt!“
„Ich hörte, dass Sie in der Elektrischen sagten, sie wollten nun raus aus der Stadt?!“
„Will ich auch! — So schnell, wie ich Unglückskerl mit meinem blindgeschossenen Auge kann!“
Der Sprecher wandte seinem Begleiter das blasse, durchfurchte Gesicht zu und hob mühsam das Lid über dem erloschenen Augapfel.
„Haben das Andenken aus dem Feld mit heimgebracht?“
„Hätt’s lieber den Halunken drüben in ihrer Champagne gelassen! — Da kommt übrigens die O-Bahn! Sehen Sie den Pfahl an der Haltestelle? Von dort können Sie direkt bis zum Stadthaus fahren!“
„Danke vielmals, mein Herr, dass Sie mir so freundlich den Weg gewiesen!“
„Gern geschehn!“
„Und zu Ihrem Auszug aus der Steinwüste alles Gute! Möchten Sie dem Glück entgegengehn!“
„Na, mir deucht’s wie das Paradies selber! Verwöhnt ist man hier nicht worden, und sonst hab ich immer gedacht, als es ehemals noch Friedenszeiten waren, nur im Grab könne einen die Erde drücken! Seit dem letzten Vierteljahr aber habe ich es gespürt, wie schwer sie mit all ihren Sorgen und Qualen auch im Leben schon lasten kann! — Na, draussen soll’s besser werden! — Wenn’s keine Hoffnung gäbe, dann könnten wir Schluss machen!“
„Da haben Sie recht! Also Kopf hoch und mit frischem Mut hinein in ein besseres Leben!“ —
Der Fremde, welcher sich seinem Nachbar aus der elektrischen Bahn angeschlossen hatte, um von ihm sicher den Weg zu der Innenstadt gewiesen zu bekommen, hob noch einmal mit höflichem Dank den Hut und schritt hastig, sein kleines Mustertäschchen in der Hand, quer über den Strassendamm.
Der Einäugige blickte ihm kurz nach, und ein Lächeln ging über die abgezehrten Wangen. Dann wandte er sich zur Seite, einem vielstöckigen, alten Hause zu, und beschleunigte die Schritte.
Das Ecktor galt für keine gute Gegend. Es lag im Arbeiterviertel und schien eingewickelt in dunkeln Qualm aus Fabrikschloten und rangierenden Eisenbahnzügen von dem Güterbahnhof.
Wie ein Schauer des Grausens ging es durch die hohe, knochige Gestalt, — wie ein Aufstöhnen der Erleichterung hob es die Brust. Über der Souterraintür war ein grell buntes Schild angebracht:
„Destillation zur ‚Schönen Melusine‘“.
Ein pinkertsblaues Meer, in welchem eine fischgeschwänzte Seejungfrau, deren Hand ein bekanntes kleines Spitzglas einladend emporhielt, herumplätscherte.
Aus dem Türspalt heraus strömte dem Nahenden ein starker Duft entgegen, angetan, um einen Hungernden zur Raserei zu bringen.
Bratkartoffeln, — gedämpftes Fleisch —
Und als die Tür vollends aufgetan ward, da schaute man in Utopien aller Wollust hinein.
Gedeckte kleine Tische, mit Bierseideln und Schnapsgläsern, — für die, welche ein warmes Essen bestellten, sogar noch mit Tischtüchern belegt.
Ein Weib erschien, stemmte die vollen Arme in die Seiten und nickte dem Herrn aus der „Vierten“ droben behäbig zu.
„Wollen Sie denn wieder vorübergehn, Herr Ebstorf? Ehe Sie man so hoch an Ihre Himmelsleiter ruffklettern, genehmigen Sie doch ein Schlückchen zur Stärkung!“
Der Angeredete blieb stehn, und sein gesundes Auge funkelte seltsam zu der Blondhaarigen herüber.
„Ihre Gaststube sieht allerdings sehr verlockend aus, und wenn Sie so freundlich einladen, gehe ich gern mal hinein!“ — Er trat hastig über die Schwelle. „Einmal ist keinmal, und ich denke, als Ausnahme kann man schon einmal leichtsinnig sein!“
„So ist’s recht! Wird Ihnen schon so gut gefallen bei mir, dass Sie Stammgast werden! — Was soll’s denn sein! — Uff Buttermilch legen Sie wohl keinen Wert?“
Ebstorf nahm den gutmütigen Spott nicht übel.
„Bei einer Melusine kann man eigentlich nur Wasser verlangen! Das ist doch ihr Lebenselement?“
„Und ob! Aber es muss Feuerwasser, lebendiges und kraftvolles sein, — was Leib und Seele aufrüttelt!“ nickte die Wirtin, trat an den einfachen Schanktisch und goss ein kleines Gläschen ein.
„Etwas ganz Feines! Pfefferminz! Den trinkt keen Millionär besser ...“
„Und was kostet er, Frau Frese?“
Die Gefragte zuckte einen Moment mit den vollen Schultern unter den breiten, weissen Schürzenträgern.
„Na, weil Sie es sind, Herr Ebstorf! Als Hausbewohner! Für die Mieter hier habe ich Extrapreise! Sagen wir also sechzig Pfennige, das ist bei der heutigen Knappheit halb geschenkt!“
Ebstorf hielt den Likör mit Kennermiene gegen das Licht.
„Ich danke Ihnen, Frau Frese. Tatsächlich nicht teuer.“ Er kostete. „So etwas kommt nur selten noch an unsereinen.“ Mit hastigem, fast gierigem Zug trank er aus. „Das wärmt! Der April macht sich noch gewaltig fühlbar, und zum Heizen langt es schon längst nicht mehr.“
„Sie sollten öfters herunterkommen und hier im Saal den Ofen mitgeniessen! Ich erlaub’s ja gern, — es ist ja den ganzen Tag über nicht alles besetzt, und verzehren brauchen Sie ja auch nichts!“
„Danke, Frau Frese! Solche Worte hört man nicht oft. Aber ich habe Frau und Kinder droben, und je mehr und enger wir uns in dem kleinen Käfig zusammendrücken, desto weniger frieren wir! — Hier das Geld!“ — Er zählte die Papierläppchen hin. — „Und wenn Sie mal wieder Wege zu besorgen haben oder Kohlen schippen lassen ... meine Jungens helfen die nächsten Tage noch gern!“
„Gut, Herr Ebstorf — ich denke an Ihnen!“ Die Blonde nickte hastig einen freundlichen Gruss und wandte sich geschäftig zwei Arbeitern zu, welche aus der nahen Gasanstalt als die ersten von den Mittagsgästen eintraten. Der Kriegsinvalide stülpte den Hut wieder auf und verliess hastig die Destille. Er sah zufrieden aus; die vergnügte Miene, welche sein hageres Gesicht aufwies, kannte man seit langem nicht mehr an ihm.
Mit grossen Schritten stieg er die abgetretenen Stufen der Hintertreppe empor.
Sonst hatte er meist bei der zweiten Etage eine kurze Ruhepause gemacht. Heute ging sein Atem schnell und leicht. Er rastete nicht, sondern strebte ungeduldig seinem „Nest im Wipfel“ zu.
Mit knöcherner Hand schlug er gegen die Türe.
Man schien ihn schon erwartet zu haben. Schnell ward geöffnet, und ein Jungmädchen blickte ihm mit angstvoll forschendem Blick entgegen.
Wie alt mochte sie sein?
Das war schwer zu sagen.
Das blasse, sehr schmale Gesichtchen sah ernst und gereift aus und passte eigentlich nicht zu dem sehr zarten, beinah krüppelhaften Kinderfigürchen, welches einer Achtjährigen anzugehören schien.
Kraftlose, kleine Hände, eine eingesunkene Brust und breite Schatten um die Augen erzählten, so stumm sie auch waren, eine herzergreifende Leidensgeschichte.
Die grossen dunklen Augen blickten aber so verständig und freundlich in die Welt, dass jeder überzeugt war, Michaela musste wohl schon ihre zwölf bis vierzehn Jahre zählen, gewiss schon konfirmiert sein.
„Ach, Vater! — Wie schön, dass du glücklich wieder daheim bist!“ atmete sie tief auf, und der erst sorgenvolle Blick strahlte auf, als sie das heitere Gesicht des Zurückkehrenden schaute: „Man sieht es dir schon an, dass du gute Nachricht bringst!“
Ebstorf schob die Sprecherin nicht liebevoll, aber auch nicht unfreundlich zur Seite und schritt an ihr vorüber in die Küche hinein.
„Hattest du Angst, ich könnte unterwegs gefressen werden, Michaela?“
„Die Eisenbahn ist jetzt so unsicher, Papa! Man hört so viel von allerhand Unglücken!“
Er schüttelte amüsiert den Kopf. „Bin mit heiler Haut davongekommen! Wo ist die Mutter?“
„Sie hängt die Wäsche in der Bodenkammer auf, und Grete und Suse helfen dabei!“
Ein schneller, etwas düsterer Blick aus des Invaliden Auge streifte die Sprecherin.
„Du konntest nicht mit? — Kannst du denn immer noch so schlecht die Stiege herauf? — Der Doktor meinte doch, die Schwäche in deinen Beinen werde sich bald geben! Die sei nur nach dem Scharlachfieber zurückgeblieben, ebenso dein verkümmertes Wachstum, — das könne alles bald überwunden sein?!“
Die Kleine nickte tröstend und griff wie bittend nach der Hand des Sprechers.
„Die Kost ist noch zu gering!“ sagte die Köchin von Direktors unten, — „und weil ich ihr nun die Kartoffeln schäle und ihre Sachen flicke, da hat sie mir das ganze Essen zugesteckt, welches überblieb, weil das Fräulein in der Garküche austeilt und dort mit verköstigt wird! — Nun merke ich schon, dass es viel besser wird, — ich werde gar nicht mehr so schwach, wenn ich ein Weilchen stehe!“
„Und ausserdem bekommst du doch noch deine Suppe vom Verein?!“
„Die hat der Franzel während der Zeit bekommen, weil er so wächst und immer weint, dass er nicht satt würde!“
Ebstorf fuhr sich mit gespreizten Fingern durch das Haar und stöhnte auf.
„Grauenhaft! Wo soll man denn bei den heutigen Preisen das Geld hernehmen, um nur noch das Nötigste zu kaufen!“ und dann warf er plötzlich den Kopf zurück und lachte hart und kurz auf. „Das soll nun anders werden, Kind! Jetzt werden wir Bauern und bauen uns den Roggen selbst!“
„Vater!“ das klang wie ein Jubelschrei — „bekommst du das Eigenheim?!“
Er nickte. „Alles abgemacht! Wenn die Mutter herunterkommt, erzähle ich. — Wo sind die Jungens?“
„Franzel ist mit seinen Schularbeiten fertig und ist nun mit seinem Wichskasten wieder an die Haltestelle von der Elektrischen, um zu warten, ob sich jemand die Stiefeln abbürsten lässt!“
Ebstorf zuckte die Achseln. „Armer Bengel! Er wartet oft Stunden lang vergeblich! — Und Frieder? Wo steckt der?“
Michaelas blasses Gesichtchen färbte sich mit jähem Rot. Wie beschwörend verschlang sie die mageren Finger.
„Väterchen ... er musste wieder nachsitzen und kam so spät und sitzt nun in der Kammer hinten und lernt noch für morgen!“
„Wieder nachsitzen?!“
„Ach lieber, guter Vater ... es wird ihm ja so blutsauer zu lernen!“ flehte Michaela mit Tränen in den Augen; es ist ja kein böser Wille: er begreift es nicht ... und weil der Lehrer so schlägt, kann er oft aus lauter Angst das Auswendiggelernte nicht mehr aufsagen!“
Ebstorf hatte den Hut an den Wandnagel gehängt und trat in das kleine Nebenstübchen, wo neben zwei Betten noch der Überrest des ehemaligen Mobiliars stand. — Ein schönes Sofa, ein runder Tisch, ein Sessel und der feine Schrank. —
Davon hatten sich die unglücklichen, verarmten Menschen noch nicht trennen können.
„Das ist’s ja! Er hat keinen Lernverstand!“ sagte er erstaunlich milde; „sonst so ein stämmiger, geschickter Bengel, dem alles Handwerk glatt von den Fingern geht! Na ja, passt ja ganz gut. — Wird grade auf dem Papenburger Moor in seinem Element sein, — da passt er hin und kann uns mehr nützen, wie hier mit all der elenden Magisterweisheit!“
Michaela atmete auf wie erlöst — der arme Frieder braucht sich nicht mehr, zitternd vor Angst, vor einer zweiten Tracht Prügel zu verstecken.
„Soll ich dir eine Tasse Kaffee einschenken, Papachen?“
Er schüttelt den Kopf und wirft sich in die Sofaecke nieder.
„Wenn die Mutter kommt, essen wir wohl gleich?“
„Kartoffelsalat! Alles schon fertig! — Und eben höre ich auch den Franzel die Treppe herauf pfeifen!“
Mit unsicheren Schritten wankte das Jungmädchen abermals zur Küchentür.
Lang aufgeschossen und dennoch kräftig trappst der Junge herein.
„Heute hat’s geschafft!“ kreischt er voll freudiger Aufregung, — „Michele! Liebes Michele! Drei Mark!“
Michaela schlägt die Hände zusammen. „Du liebe Zeit, ist das eine Freude! So viel hast du seit langem nicht gehabt!“
„Wo sie absprangen an der Elektrischen, stand grade eine recht schmutzige Wasserpfütze ... die hat’s mir eingebracht! Guten Tag, Vater! — Bist wieder zurück!? — Na ... und! ... Ich sah dir’s schon an ... lachst ja ... dann hast du das Häuschen bekommen!“
Ebstorf fasst den Jungen bei beiden Schultern und schüttelt ihn vergnüglich.
„Du Schlingel ... Drei Mark verdient? Na, zwar nur ein Tropfen auf einen heissen Stein, aber doch immer besser wie nichts! Scheint ja ein leidlicher Tag heut zu sein! Da kommt ja auch die Gesellschaft vom Boden herunter ... so, und der Frieder äugt auch um die Tür herum ... heda Minchen! — Jetzt gibt’s Neuigkeiten!“
Frau Ebstorf trat hastig ein.
Sie stand in mittleren Jahren, von kleiner, gedrungener Figur und einem Gesicht unter leicht ergrautem Haar, in welches alle Entbehrungen, Sorgen und bittere Not ihre Runen gezeichnet.
„Vater!“ rief sie, streckte ihm beide Hände entgegen und blickte, ebenso wie die Kinder, ängstlich forschend nach seinem Gesicht: „Wie steht’s“
„Gut, Minchen, gut! — Der Würfel ist gefallen, nun wollen wir nur hoffen und wünschen, dass alles für die Zukunft so klappt, wie ich das jetzt berechnet habe; dann sind wir aus allem Druck heraus!“
„Hurra! Hurra! Wir gehen aufs Land!“
„Wir bekommen ein Eigenheim!“
„Wir siedeln uns an!“
Die Kinder überschrien sich in jauchzender Freude, Franzel warf stürmisch die Mütze in die Luft und tobte: „So wie Robinson Crusoe! oder Marks Riff! Dann geht es in Welt und Feld hinein!“
Suse und Gretel hingen sich aufgeregt an den Arm des Heimkehrenden und taten mindestens zwölf Fragen zu gleicher Zeit.
„Ob sie einen Garten hätten? Und eine Ziege? Und gar ein Lamm? Kaninchen doch bestimmt? Und Hühner? Und wenn es gar eine Kuh sein könnte? Und ob in dem Wald auch Blaubeeren und Erdbeeren wachsen? — Wölfe gäbe es doch wohl nicht? — Und ob man da Holz sammeln könne, um im Winter den Ofen zu heizen, dass man nicht mehr so schrecklich frieren müsse? — Und ob es auch ein Dorf da gäbe, — mit Dorfkindern? Und einen Hund müssten sie doch auch haben? Was wohl für einen?“
„Einen Spitz?“
„Ach nein, ein Dackel ist drolliger!“
„Oder einen so grossen Schäferhund, die so klug sein sollen!“
„Wenn wir ein Schwein haben, schlachten wir doch auch?“
„Und können Wurst und Schinken essen?“
„Und die Kartoffeln wachsen auf dem Feld? — Nicht, wie Gretel glaubt, auf den Bäumen?“
„Auf Bäumen?“
„Ob es wohl einen Kirschbaum gibt?“
„Ein Apfelbaum wäre noch schöner!“
„Oder Pflaumen!“
„Am besten von allem und jedem was!“
„Nüsse wachsen doch im Wald?“
„Ich habe mal eine Geschichte gelesen vom Hühnchen und Hähnchen auf dem Nussberg! Wenn wir auch solch einen Berg in der Nähe haben, dann gehen wir mit einem grossen Sack hin und sammeln tüchtig ein!“
„Vivat! Dann haben wir aber für Weihnachten genug!“
„Ein Junge in der Schule war als Ferienkind auf dem Land, der erzählte, sie hätten dort Euleneier und Kräheneier aus den Nestern geholt, die schmeckten so fein!“
„Dann klettern wir auch auf die Bäume!“
„Frieder kann ja so grossartig klettern!“
„Und die Pilze, die im Wald wachsen, wie sie in dem Kolonialladen am Ecktor in Körbchen voriges Jahr ausstanden, und so teuer waren!“
„Oh, die schmecken köstlich! Direktors haben ein paarmal welche gekauft! Nicht wahr, Michaela, du hast sie mal aus dem Einweckglas gekostet?“
„Ja, ja, ach, wenn man die für uns alle kochen könnte!“
„Warum nicht?“ Ebstorf richtete sich schmunzelnd in der Sofaecke empor und blickte nach der Schüssel voll Salat, welchen Frau Minchen, bebend vor Aufregung, aus der Küche herzutrug, derweil Michaela Teller und Gabel vor dem Hausherrn noch gefälliger zurecht rückte. „Im Kiefernwald wachsen viele Pilze, und ich kenne mich ganz gut auf sie aus. Während des Manövers in Schlesien hat man die Dinger würdigen gelernt, sie ersetzen ja vollkommen das Fleisch!“
„Ach ja, auf dem Land wächst einem doch gar manches zu, was uns armen Leuten viel Geld erspart!“ seufzte die Hausfrau tief auf, und in ihren müden Augen glänzte es, wie ein Schimmer alter, vergangener Freude.
„Nun wird erst gegessen, und dann erzähle ich alles Nähere!“
„Dürfen wir dabei sein, Vater?“
„Gewiss. Wenn die Eltern über die wichtigsten Lebensbedingungen verhandeln, so können die Kinder zuhören und daraus lernen und Nutzen ziehen.“
„Ganz recht, lieber Mann! — Wenn sie erkennen und sich zu Herzen nehmen, wie viel ernste Sorgen es uns macht, so viel Mäuler zu stopfen und alle in Ehren durchzubringen, so nehmen sie wohl das Leben mit aller Arbeit, welche es in jetzigen Zeiten selbst für Kinder mit sich bringt, recht ernst.“
Mit leuchtenden Augen sass man im Kreise und sprach dem einfachen Mahle zu.
Die Mutter wusste alles so schmackhaft zu bereiten, dass auch das einfachste noch gut schmeckte.
In einem Blumenkasten Schnittlauch und Petersilie lieferte schon manch gutes Gewürz und sparte die teuren Zwiebeln, und als gar Michaela auf den guten Gedanken kam, Kresse auszusäen, da gab es manch leckeres Kränzchen um den Kartoffelsalat und mundete allen noch einmal so gut.
Der Efeu in den grünen Kästen auf Direktors Balkon war vertrocknet, und neuer sollte nicht angepflanzt werden; da überliess man die Holzkisten freundlich dem siechen Kind, welches stets so gefällig in der Küche half.
Es gab so viel langweilige Arbeit, welche sich alle gut im Sitzen verrichten liess, und zu welcher die Grossen nicht sonderlich Lust verspürten. Mit Geld zahlte man nicht gern; da gab es als Lohn Essen und hier und da ein Geschenk, wie die Holzkästen oder ein altes Hemd oder einen Unterrock, aus welchen immerhin noch Flicken für andere Kleidungsstücke geschnitten werden konnten.
Wer hätte das alles früher gedacht, wo sie selber so manch altes Röckchen und Kittelchen verschenkt hatten und gar nicht ahnten, wie weh der Hunger und die Kälte tun! —
Früher hatten die Eltern ein so hübsches Geschäft.
Alles, was sie auf Malakademie und in den oberen Schulklassen brauchen: Pinsel, Farben aller Art, Malleinwand, Gliederpuppen zum Aktzeichnen, Vorlagen in Gips und Karton, Kohle, Kreide und Sikkativ, Leinöl und Staffeleien.
Da kamen die jungen Damen und Herrn täglich und kauften, und die Familie Ebstorf hatte ein reichliches Auskommen und lebte glücklich und sorgenfrei.
Der böse, schreckliche Krieg schuf bald einen traurigen Wandel.
Anfänglich schmolz die Zahl der Käufer sehr zusammen, weil viele, fast die meisten Malakademiker unter die Fahnen eilten und auch viele Künstlerinnen die Paletten und Pinsel aus der Hand legten, um als Krankenpflegerinnen oder in sonstigen Wohlfahrtsveranstaltungen tätig zu sein.
Da merkte man den Ausfall früherer Einnahmen schon gewaltig; und als ja die bittertrübe Stunde kam, wo der liebe Vater einberufen und in das Feld hinausgeschickt ward, da hub die Not vollends an.
Die Mutter verstand nichts von dem Geschäft. Die Hilfe, welche der Vater noch in Gestalt eines jungen Seminaristen genommen, erwies sich als sehr trügerisch, denn der junge Mann war nicht ehrlich, und die Fehlbeträge in der Kasse mehrten sich in so erschreckender Weise, dass Frau Ebstorf den Seminaristen schleunigst entlassen musste.
Dazu kam, dass die Zahl der Käufer täglich mehr zusammenschrumpfte, je unerträglicher sich die Not der Kriegsjahre gestaltete.
Die teure Ladenmiete konnte nicht mehr aufgebracht werden, die kleine Wohnung, welche sich daran schloss, musste ebenfalls aufgegeben werden, aber so bescheiden, wie die Familie auch ein Unterkommen, vier Treppen hoch, in dem Fabrikviertel gefunden, so reichten die wenigen Zinsen ihres kleinen Vermögens doch nicht mehr aus, die rasend anwachsenden Unkosten zu decken.
Und anstatt besser, wurden die Zeiten immer schlimmer, so greulich, dass sie kaum noch zu ertragen waren.
Die Revolution schaffte auch keinen Wandel zum Bessern, und als der Vater gar als Invalide aus dem Feld heimkam und nirgends Arbeit, nirgends eine bezahlte Beschäftigung fand, da schien die Not am grössten zu sein.
Mit ihr aber auch Gottes Hilfe am nächsten. Wo sollte noch Kleidung, wo noch Essen und Trinken für die Eltern und die fünf heranwachsenden Kinder herkommen? Werke der Barmherzigkeit und Wohltätigkeit reichten nicht mehr aus, um so viel über Wasser zu halten.
Bis zum Erfrieren, bis zum Verhungern schränkte man sich ein! —
Wenn auch der letzte Rest des kleinen Vermögens, der Spargroschen, noch aufgezehrt war, dann blieb kein Trost und keine Hilfe mehr.
Da kam’s dem Vater plötzlich in der Nacht wie ein Traum.
Er war wieder Soldat zu Friedenszeiten und lag in einem hübschen, grossen Bauernhof im Quartier.
Der Besitzer war ein freundlicher Mann, mit welchem er sich gut stand. Es war zur Erntezeit; ein aufziehendes Gewitter bedrohte die Nachmahd.
Obwohl es Sonntag war und die Felddienstübungen der letzten Tage grosse Ansprüche an die Kräfte der Soldaten gestellt hatten, stellte sich Ebstorf dennoch allsogleich zur Verfügung, auf der Wiese mit zu arbeiten und zu helfen, das Grummet noch rechtzeitig zu bergen.
Es war ein Jahr, in welchem das Futter der grossen Dürre wegen sehr knapp war, und darum war der Bauer doppelt erkenntlich und versicherte, zu jedem Gegendienst bereit zu sein, falls auch er einmal durch dies oder jenes helfen könne.
Nah bei dem Hof waren kleine und einfache, aber schmucke Häuschen mit Stallung erbaut, welche Arbeiterfamilien zur Unterkunft dienen sollten.
Eines derselben hatte ihm der idyllischen Lage wegen besonders gefallen, und da er sich damals seine Zukunft so total anders ausmalte, als wie sie sich nun gestaltet hatte, so sprach er dem Bauer im Scherz den Gedanken aus, dass er hier wohl mal als Sommergast wohnen möchte, wenn er seine Braut Minna heimgeführt und sich in der Grossstadt eine Familie gegründet habe.
Hans Uthlede graute sich den Kopf.
Auf Sommerfrischler verstand er sich nicht aus und meinte, mit dem Vermieten, da hätte das keine Art nicht.
Gedacht habe er schon daran, das Häuschen mit ein paar Morgen Acker zu verkaufen, denn für Tagelöhner sei es ihm zu weit entlegen, und so ganz ohne Not möchte er es auch nicht leerstehen lassen.
Wer hatte aber in einer so üppigen, genussfreudigen Zeit des damaligen Deutschlands noch Sinn und Interesse, sich fernab von allen Grossstadtgenüssen in dem Papenburger Moor anzukaufen? Er, Ebstorf, am wenigsten.
Und nun? In dem so grausigen Wechsel und Wandel der Zeiten?
So lebhaft hatte er davon geträumt, sah das allerliebste Häuschen inmitten wogender Kornfelder und grüner, am Moor gelegenen Wiesen, mit dem nahen Saum duftigen Kiefernwaldes, welcher sich weit in das Land hinauszieht, bis zu den grossen, ehemals königlichen Forsten.
Wie Sonntagsruhe und Feiertagsfrieden liegt es über dieser stillen Welt, und er steht in Gedanken wieder in der grossen Flurdiele bei Hans Uthlede, und riecht die dicken Eierkuchen in der Pfanne.
Als er am Morgen aufwacht, sitzt seine Frau neben ihm und weint bitterlich. Sie weiss nicht mehr, was sie kochen soll — die letzten paar Heller hat sie soeben für die Gasrechnung hingegeben.
Sie hat weder Holz noch Kohle, — wo soll sie in dieser kalten Frühlingszeit noch eine warme Suppe kochen, wenn nicht auf Gas?
Und die Kinder jammern, dass die Stückchen Brot so klein sind, dass sie so Hunger haben, so schrecklichen Hunger!
Da presst Ebstorf die kalten, bebenden Hände vor das fahle Antlitz und denkt an seinen Traum.
„Minna!“ flüsterte er, „wir haben noch einen Rest Vermögen, das Erbe von Tante Lottchen. Bist du einverstanden, so wage ich ein Hasard und erwerbe uns einen kleinen Besitz auf dem Land, wo wir durch unserer Hände Arbeit unsere Kinder noch ernähren können!“
„Auf das Land?“ Die blasse Frau starrt ihn einen Augenblick hoffnungslos an. „Dazu gehören doch viele Kenntnisse!“
„Für einen so kleinen Betrieb nicht. Ich bin als Junge öfters auf dem Gütchen von Onkel Fritz gewesen. Man lernt leicht.“
„Aber gesundheitlich?“
„Ausser meinem Auge fehlt mir nichts. Ich werde es leisten können. — Während des Manövers, im Sommer 1911, war ich in einem sehr netten Bauernquartier im Papenburger Moor; dort habe ich ein kleines Anwesen gesehen, welches mir besonders gut gefiel. — Die ganze Gegend dort war billig und angenehm zum Wohnen, vielleicht im Herbst bei dem Nebel etwas feucht, aber wir alle leiden ja nicht an Rheumatismus. Nun ist es das beste, ich schreibe sogleich an Uthlede und lege ihm unsere trostlosen Verhältnisse klar. — Ist das Häuschen noch zu kaufen, so legen wir unser letztes kleines Kapital in dem bisschen Grund und Boden an.“
„Und wenn es seit der langen Zeit in andere Hände übergegangen ist?“ klang es zaghaft von Frau Minnas Lippen.
„Nun, dann sehe ich mich in jener Gegend nach etwas anderem um, oder ich wende mich an eine Siedlungsgesellschaft. Aber ehrlich gesagt, wäre mir ein bereits fertig kultiviertes Stück Land lieber, wie eine Scholle, welche erst urbar gemacht und bebaut werden muss!“
„Schreib gleich, lieber Arnold! Ach, mir ist’s, als ob plötzlich ein Sonnenstrahl durch dieses Dunkel trostloser Verlassenheit bricht!“
Herr Ebstorf schrieb auch zur selben Stunde einen langen Brief an seinen ehemaligen Gastfreund, und in hochgradiger Aufregung erwartete das Ehepaar dessen Rückäusserung.
Der Bauer war eine ehrliche Haut und quälte unglückliche Menschen nicht durch eine unnötige Wartezeit.
Seine Antwort traf beinah umgehend ein. Leute, welche in der Einsamkeit leben, haben ein gutes Gedächtnis und entsinnen sich oft unbedeutendster Kleinigkeiten voll zäher Treue.
So war auch jener Sonntag voll Sorge um die verregnete Nachmahd dem alten Mann lebhaft in Gedanken geblieben, und er freute sich aufrichtig, von dem ehemaligen wackeren Grenadier noch einmal Nachricht erhalten zu haben.
Sie hätte nur im grossen Ganzen besser sein sollen, denn der Verlust des Auges und die jammervolle Notlage der Familie in dieser schweren Zeit hätten gern im Pfefferland bleiben können.
Und das kleine Häuschen?
Da wohnt schon seit Jahren der Altenteiler Sperber drin, mit der Frau und zwei alten Schwestern, die spinnen und weben für den Hof Flachs und Wolle auf und reiben den Mais ab. — Aber sie sind alle zusammen hochbetagt, und es taugt nicht, dass sie so allein für sich hausen, namentlich nicht zur Winterszeit, wo alten Leuten leicht mal was zustossen kann. — Die kommen also gern zu ihm auf den Hof, wo er sie noch unterbringen kann. — Es galt ja hauptsächlich darum, dass das Häuschen bewohnt war. — Wenn er, Ebstorf, so viel junges Leben mitbringt, so wird es vortrefflich gehen. An Acker kann er ihm auch an die acht Morgen abgeben, auch ein Stück Wiese dabei. Und teuer soll’s nicht sein. Das beste wäre schon, er käme persönlich, dann könnte man alles gleich besprechen.
Welch eine Aufregung kann so ein kleines Blättchen Papier schaffen! Die Kinder waren ganz ausser sich vor Entzücken in dem Gedanken an die goldene Freiheit in Wald und Feld, und so war Tag und Nacht von nichts anderem die Rede, als von dem eigenen Haus und Acker in dem Papenburger Moor, bis beim nächsten Morgengrauen Vater Arnold sein Reisegeld sorglich nachzählte und zum Bahnhof eilte.
Er hatte seine schöne, recht kostbare Geige in der nahen Musikalienhandlung verkauft und einen schönen Erlös gehabt.
„Mit schwieligen Händen spielt ein Ackerbauer keine Largos und Träumereien mehr!“ lächelte er resigniert, „und ob sie beim Umzug noch zu Schaden kommt, oder ob ich sie gleich dran gebe, dass ich die Reise und den Möbeltransport noch dabei herausbekomme, das stellt sich auf eins.“
So war er abgereist, und Michaela wartete hochklopfenden Herzens in der Küche auf seine Heimkehr, um die erste zu sein, welche aus seinem Gesicht gute oder trübe Botschaft abliest, denn noch konnte ja ein zu hoher Kaufpreis alle schönen Träume in letzter Stunde null und nichtig machen!
Aber nein!
Alles war anscheinend zu grösster Zufriedenheit erledigt, denn so vergnügt wie heute hatte Vater schon lange nicht mehr ausgeschaut!
So zerstreut war auch noch nie zuvor ein Mittagessen in dem kleinen Kreise eingenommen.
Als die kleinen Mädchen den Tisch abgeräumt hatten, holte Vater zu aller Erstaunen eine Zigarre aus der Brusttasche, welche ihm der alte Uthlede als Friedenspfeife noch mit ein paar anderen in die Hand gedrückt, und steckte sie sich voll innigen Wohlbehagens an.
Frieder dachte mit keinem Gedanken mehr an die Strafarbeit und das Nachsitzen in der Schule, was sonst nicht ohne bittere Tränen, Weh und Ach abging, sondern sass gleich allen anderen mit weit offenen Augen und glutroten Wangen und lauschte den Worten des Vaters, welcher langsam begann.
„Nun will ich dir mal erzählen, liebe Minna, wie das alles sich zugetragen hat und wie ich mit dem alten Hans einig geworden bin, das Häuschen zu erwerben! — Steck mir mal einen Fidibus am Herdfeuer an, Jung! Die Mutter sagt, der Gashahn sei abgeschraubt, weil wir nicht mehr zahlen können, und die Kartoffeln seien auf dem Brikettgrus gekocht, welchen ihr Buben nach dem Schippen vom Bäckermeister drüben geschenkt bekommen habt? Gut. Ich hoffe, in acht Tagen kochen wir die ersten auf dem eigenen Herd im Papenburger Moor!“
Wieder ein jauchzendes Entzücken der Kinder.
Frau Minna aber bebte vor Erregung an allen Gliedern und wischte mit den blauroten, aufgesprungenen Händen die Tränen aus den Augen.
Sie hatte sich so lange tapfer gehalten. In aller Angst und Not war sie fest und zuversichtlich geblieben; jetzt, wo zum erstenmal wieder nach langer Zeit ein Sonnenstrahl der Hoffnung durch die dunklen Wolken brach, sank sie für einen Augenblick schwach in sich zusammen, als sei die Freude eine noch ungewohnte grössere Last, wie alle andern Bürden zuvor.
Zweites Kapitel.
„Auf dem Papenburger Moor ist noch alles so ziemlich unverändert“, begann Herr Ebstorf beinah feierlich und blies den blauen Tabaksrauch voll sichtlich grössten Behagens in die kalte Stubenluft. „In der Einsamkeit der Heidemoore geht die Zeit fast spurlos vorüber, und das ist etwas ausserordentlich Schönes.
Wenn man aus dem ruhelosen Getriebe der Grossstadt kommt, wo beinah täglich ein Wechsel und Wandel an Menschen und Gegenständen offenbar wird, so mutet es einen da draussen an wie ein Stück Unvergänglichkeit, wie etwas Dauerndes, Ewiges, mit welchem man gern anfängt. Hier in der grossen Welt wird gebaut, um wieder eingerissen zu werden, wird das eben erst Neue über Nacht alt und muss Modernerem weichen.
Das zeigen schon die Menschen in ihrem Äussern an. —
Grossmutter ... Mutter ... Enkelin ... stellt sie einmal nebeneinander, ob sie noch einen Zug von Ähnlichkeit miteinander haben? Nein, fremd und völlig anders anzuschauen sieht es aus, als gehörten diese, sich aus einem Fleisch und Blut als die Nächsten Angehörenden, gar nicht zusammen.
Die Haarfrisur, die Machart der Kleider, das so gänzlich veränderte Wesen und Gebaren, alles weicht himmelweit voneinander ab, und die Alten fühlen sich als Fremdlinge unter den Jungen, und die Jungen unverstanden unter den Alten.
Die Ereignisse überstürzen sich, — man hat keine Zeit mehr, Erinnerungen zu pflegen, und kommt man nach Jahren selbst in einen kleineren Heimatsort zurück, so heisst es auch da: Und seine Stätte kennet ihn nicht mehr!
Das stimmt wehmütig und macht vor der Zeit müde.
Ich bin nie mehr nach Merseburg gefahren, wo mein Vaterhaus steht.
Steht? Nein, es stand.
Völlig umgebaut, alle liebe, traute Eigenart verwischt — der schöne, grosse Garten, mit welchem meine liebsten Kinderjahre verwachsen sind, war verschwunden, und statt der herrlichen Obstbäume, Blumen- und Gemüsebeete starrten mich kalte Steinmauern neu gebauter Häuser wie Feinde an. — Die alten Menschen, Freunde und Bekannte weggefegt vom Lebenssturm, hierhin und dorthin in die Welt zerstreut; nur ein paar einzelne bekannte Gesichter schauten mich wie Marksteine am Wege an — und ihre Altersfalten schienen mir unheimliche Zahlen zu sein, welche ein flüchtiges Menschenleben abrechnen.
‚Wer bist du?‘
‚Was willst du hier?‘
‚Nichts! — Nur mich überzeugen, dass ich kein Vaterhaus, keine Heimat mehr habe.‘
Wie anders war das im Papenmoore!
Just an einem Sonntag traf ich ein. Genau so, wie vor langen, langen Jahren die Väter, Gross- und Urgrossväter mit den stattlichen Frauen zur Kirche geschritten, so begegneten sie mir auch heuer.
Der schwarze, lange Rock, die feierliche Weste, den steifen Hut, welcher nach oben etwas breiter wird, und den langen Krückstock in der Hand, zogen sie die sonnigen Wiesenpfade daher. Die Frauen, unverändert anzuschauen wie die Ahnen, im dunklen, samtgesäumten Kleid, welches breit in die Höhe geschlagen wird, dass der feuerrote Unterrock stolz darunter hervorleuchtet, die Puffärmel und das zipfliche tiefblaue Kopftuch, mit flottem Schritt an ihrer Seite, just so, wie ich sie anno 1911 geschaut und ganz genau ebenso, wie der weisshaarige Pfarrer jene seit einem halben Jahrhundert getauft, getraut und eingesargt hatte!
Da kam es mir vor, als wäre ich nie in der Fremde gewesen, als wäre ich Tag um Tag geblieben da, wo mir alles so wohlbekannt entgegengrüsste, in der Heimat!“
„Wie ist das so schön!“ nickte Frau Minna; „so ein Empfinden kann ich dir nur allzu gut nachfühlen, Arnold! — Man klagt so oft, dass die moderne Jugend so wenig Heimatsgefühl kennt, weil nur wenige noch sesshaft sind, — die eigene Scholle fehlt, auf welcher sie mit der Heimat verwachsen!“
„Nicht wahr, Minchen! Seit man dies mit Schmerzen erkannt hat, streben viele Tausende nach einem eigenen Stückchen Vaterland, eine Sehnsucht, welche die Siedelungsgesellschaften ja nach Kräften stillen.“
„Und wie war es bei Uthlede?“
„Just so, Frauchen, wie in einem Haus, wo zu glücklicher Stunde die Uhr stehengeblieben. Mir schien’s, ich hatte nur geschlafen, und trat aus dem Knechtshaus just wie ehemals auf den Hof heraus, um wohlig die Arme zu dehnen!
Da stand der Hans Uthlede und schaute mir entgegen.
War er älter geworden? — Selbstverständlich, aber man sah’s nur nicht.
Das sonngebräunte Gesicht, glattrasiert, mit den runden, roten Wangen unter dem weissen Haar, die kurze Stummelpfeife im Mundwinkel hängend — Rock und Hosen — alles unverändert wie damals.
Er zwinkerte mir noch ebenso verschmitzt mit den Augen entgegen wie Anno 1911, und der Phylax, der struppige Pinscher, kläffte aus der Haustüre heraus, als hätte ich eben erst, wie dazumal mit der Soldatenmütze nach ihm geklappt.
Nicht mehr ganz so scharf wie ehemals schien er mir, — als ich’s aber sagte, lachte der Bauer vergnüglich auf und schüttelte den Kopf. ‚Kürl!‘ sagte er, ‚wat snakst da! Dat is doch nich der sülm Töl von dermolen! Dei olle Phylax is man daud, — äwerst de Lütt hier is sein Sohn, sieht akkarad so ut, as de Oll’, und heet ok Phylaxel!‘
Das ist’s eben! Der Sohn vom alten Phylax! In die Lücke, welche durch den Tod des treuen alten Tieres entstand, rückte sofort Ersatz ein, — und niemand sah und merkte es sonderlich, denn die Generationen glichen sich zum Verwechseln!
Ebenso das Vieh in den Ställen.
Da standen die Kühe und Pferde noch genau so in Reih und Glied wie vor Jahren. Ob’s dieselben waren?
Ich fragte gar nicht! Ich sah sie, — sie waren da, das genügte.
Auf dem Hof standen die Ackerwagen, die Drillmaschine, lagen die Eggen neben dem alten Ziehbrunnen, die Schiebkarre lag noch ebenso umgestülpt mit dem Rad nach oben, wie sie mich ehemals schon geärgert hatte, und in der Schweineboxe tummelten sich im Sonnenschein die drallen Ferkel neben zwei prächtigen Sauen ... auch die späten Enkelinnen der damaligen, — aber sie glichen einander aufs Haar, und diese Täuschung löste die behaglichsten Gefühle bei mir aus.
Die Hühner gackerten in buntem Schwarm vor der offenen Scheunentür und suchten, ebenso wie vor Jahren, die verstreuten Körner; schillrige Tauben flatterten um den Giebel und girrten mir zu, als wollten sie erstaunt fragen: ‚Is all wedder Manövertid?‘
Nur ein paar Pfautäubchen waren neu dazwischen, und grade diese kleine Ausnahme zeigte, wie unverändert sonst das Alte war.
Und doch nicht alles.
Die damals neu gepflanzten Obstbäume waren hoch und vollkronig emporgewachsen; weil aber die überständigen zwischen ihnen herausgeschlagen waren, so hatte sich das Bild nicht sonderlich verändert.
‚Heda! Wilm! Bist du das?‘ rief ich einem stämmigen Bursch zu, dessen Flachshaar mir so bekannt vorkam.
Er grüsste und trat näher.
Noch ebenso wortkarg und verlegen wie damals als Hütejunge.
Ja, er war’s! Nun kannte ich das Gesicht gleich wieder.
‚Bist immer noch hier, Willem? Ist’s dir auch gut gegangen?‘
Er glotzte mich mit starrem Staunen an. Als ob es ihm hätte schlecht gehen können! Hier auf Hans Uthlede seinem Hof!
Wir schüttelten uns die Hand.
‚Lassen’s mi man ut! Ick hev keen Tid nich‘, sagte er verlegen, — justement ebenso wie Anno 1911, wenn wir unseren Ulk mit dem Bengel machten!
Der Holunder war über den Gartenzaun herübergewachsen.
‚Das ist doch Fieken, welche just hochlangt und die breiten Knospendolden abschneidet? Natürlich, die gute Rieken!‘
‚Sie will man die Holtern tom Mittag in Eierkaukenteig backen!‘ nickte der Bauer und schob die Pfeife von dem rechten Mundwinkel in den linken.
Da sah sie mich schon.
Sie unterbrach sich und kam in den derben Lederschuhen näher, wischte die Hand an der Schürze ab und bot sie mir mit kräftigem Druck entgegen:
‚Die Wirtschafterin.‘
‚Das muss ich sagen, Fieken: Verändert haben Sie sich in all den Jahren aber hier nicht!‘
‚Nee,‘ schalt der Bauer, ‚se is man no’ ganz so kwidderig und ramenterig wie sonst! Das gönnt sich keen’ Ruh nich’ bei Tag und Nacht! Selbst an’ Sonntag kann se die Hände nich still halten! Sonst wächst bi den Alten doch mit den Jahren ’n beeten Sitzfleisch an, bei der Rieken mot dat awer in Vergessenheet geraten sin!‘
So schien’s.
Behende und wusselig, wie ich sie nie anders gesehen, wirtschaftete die Haushälterin auch heute noch herum, — ohne sonderlich viel Geduld, gutmütig mit den Mägden scheltend und nach dem Tadel freigebig das Wohlverdiente lohnend, abhold jeder Neuerung, abergläubisch wie alle Leute im Moor, und perfekt im Brauen von einem Ingwerschnaps, was der alte Hans als grösste Tugend an ihr schätzte. Ebenso wie im Uthenhof war auch im Dorf alles beim alten geblieben, und da war es denn kein Wunder, wenn ich mir vorkam, wie der Peter aus der Fremde, welcher sich endlich heimgefunden.
An dem freundschaftlichen Empfang, welcher mir ward, merkte ich erst, welch ein gutes Gedächtnis der Bauer hatte, und wie fest in den Herzen dieser schlichten Landleute die Dankbarkeit wurzelt, selbst für Dinge, welche in unseren Augen eine solche Kleinigkeit bedeuten!
Einen Ruhetag geopfert, um den Leuten zu helfen, ihr Heu einzufahren!
Ich hatte so gar nichts daraus gemacht, aber Uthlede belehrte mich jetzt eines Besseren.
‚Wissen Sie, Ebstorf!‘ sagte er und sprach Hochdeutsch mit mir, weil er merkte, dass mir das Platt doch allzu ungeläufig war, ‚damals, als Sie mir halfen die Nachmahd einholen, stand viel für mich auf dem Spiel! Die Gluthitze des Sommers hatte viel zu früh eingesetzt und mir fast die ganze Heuernte zunichte gebrannt. Auch die Rübenpflanzen hatten stark gelitten, und was das heisst, Ställe voll Vieh und kein Futter haben, das werden Sie erst mal ermessen können, wenn Sie selbst ein bisschen Eigenes haben!‘
‚Aber wir hatten doch noch so viele Wagen voll Grummet eingebracht!‘ warf ich verwundert ein.
‚Das war’s ja! Die vielen Wagen voll, unser ganzer Reichtum, von welchem unsere Viehwirtschaft sozusagen abhing! — Nach der heissen Zeit kamen Wochen voll unaufhörlicher Gewitter mit Regen über Regen! — Da wir das Gras schon geschnitten hatten und just diese Wiesen an und für sich etwas sumpfig waren, liefen wir Gefahr, dass uns nun wieder die ganze Mahd verfaulte, wenn sie nicht rechtzeitig geborgen werden konnte. — Gerade an jenem Sonntag hatten wir ein paar sonnige Tage hinter uns, dass wir einfahren konnten, und just da drohte ein neues Gewitter! — Hätten Sie und Ihre Kameraden nicht geholfen, das heisst, hätten Sie die anderen Soldaten nicht so energisch herangenommen, wir hätten tatsächlich auch noch das Grummet verloren und mit ihm viel Vieh; denn was nicht ernährt werden kann, muss als Schlachtvieh abgehn!‘
‚Ich weiss! — Auch Ihr Hafer und Roggen standen zum Teil noch auf dem Feld in Hocken, und galt die nächste trockene Zeit dem Einfahren dieser wichtigsten Faktoren, mit welchen der Landwirt zu rechnen hat!‘“
„Warum das, Arnold?“
„Weil das Getreide sonst auswächst, Minchen.“
„Und dann ist das Korn nicht mehr zu gebrauchen?“
„Es büsst wenigstens sehr viel von seinem Wert ein, — oft ist es auch ganz verloren, weil sich das Korn schon zum Keim entwickelt!“
„So ist auch viel Risiko und Sorge bei der Landwirtschaft?“ fragte die blasse Frau ängstlich.
Ebstorf schüttelte zuversichtlich den Kopf.
„Wo wäre das nicht! — Bei dem kleinen Besitz, wie wir ihn haben, sprechen die nötigen Arbeitskräfte nicht so mit, wie auf weiten Ländereien! — Wir sind ja Leute genug, um unsere Ernte rechtzeitig zu bergen! — Nicht wahr, Jungens? Wir wollen alle tüchtig zugreifen?“
Ein lebhaftes, aufgeregtes Zustimmen.
„Wir helfen doch auch mit, Vater!“ bestürmten Suse und Gretel den Sprecher, und der Kriegsinvalide legte wohlgelaunt den Arm um die kleinen Mädels und nickte zustimmend.
„Das will ich meinen! Ihr habt ja stramme Arme und Beine und könnt uns alle sehr nützlich sein! Wenn ich euch viere nicht hätte, würde ich es nicht riskieren, eine kleine Landwirtschaft anzufangen!“
„Und Michaela?“ fragte Frieder schnell.
Ebstorfs Miene verfinsterte sich wieder. Er war kein grausamer oder gar rauher Mann, aber er hatte keinerlei Verständnis für die Seelenqualen, welche ein körperliches Siechtum bei einer so weichen, zärtlichen Kinderseele wie Michaela auslöst. —
Der Verlust seines Auges genierte ihn wohl, hemmte aber nicht seine Arbeitskraft; im Gegenteil, eine gewisse Bitterkeit hatte in seinem Herzen Wurzel geschlagen, dass er, der schon so schwer von dem Schicksal heimgesucht war, auch noch das Unglück ertragen musste, ein sieches Kind, welches nur kostet und nicht verdient, mit sich herumschleppen zu müssen.
So sah er mit nicht allzu freundlichem Blick in das wachsfarbene Gesichtchen seiner Ältesten.
„Michaela? Nein, die kann uns in dem kleinen Eigenheim nichts nützen! Da kommt’s auf Körperkraft an. Aber der Doktor meint ja, mit der Zeit würden die Beine wieder kräftiger werden. Na, hoffen wir das Beste! — Ihr seid ja brave Kinder und werdet schon das Eure tun, die Schwester ernähren zu helfen!“ —
Flammendes Rot stieg in Wangen und Schläfen des Jungmädchens, um nach wenig Sekunden einer um so fahleren Blässe Platz zu machen.
Das Köpfchen sank tief und schwer auf die schmale Brust, wie bei einer Blume, welche in der Hitze der Trübsal, ohne einen Tropfen der Labung dahinwelkt. Frau Minna wehrte mit der Hand ab.
„Nanu! so unnütz ist sie denn doch nicht! Sie braucht ja nicht mal mehr zu liegen, und wenn wir auf dem Felde sind, kann sie das Feuer im Herd warten und nach dem Essen sehn! Das versteht sie ja ganz gut. — Nicht wahr, Michaela?“
Die Genannte nickte und kämpfte tapfer die Tränen herunter.
„Es wird ja immer besser! Ich hoffe und glaube es ja so zuversichtlich!“ sagte sie leise, mit flehendem Blick nach dem Vater. „Es gibt ja auch sonst noch Arbeit im Hause ... flicken ... nähen ...“
„Sie muss alle noch so nebenbei gemacht werden, wie dies auf dem Bauernhof auch Sitte ist!“
„Ich möchte lieber draussen auf dem Acker arbeiten!“ rief Suse.
„Und ich im Garten!“ bat Grete stürmisch.
„Das dacht’ ich mir, dass ihr wilden Hummeln lieber die Muskeln bei der Feldarbeit stählt! Wenn es erst gilt, zu graben, zu hacken, Kartoffeln zu buddeln!“
„Kannst du eigentlich mähen, Vater?“
„Ich habe es während der drei Manöver auf dem Lande verversucht, mein Junge! Das ist nicht schwer. Ihr Buben lernt es um die Wette mit mir. Hans Uthlede hat mir versprochen, dass er mich in allen Dingen anleiten und mir mit Rat und Tat zur Seite stehen will!“
„Das ist ein köstliche Beruhigung!“ atmete die Mutter auf. „Da lernt man alles am schnellsten und gründlichsten und ist nicht so verlassen und verloren! Hast du denn den Kauf schon abgeschlossen, lieber Arnold?“
„Ja, — das habe ich, — war ja alles glänzend.“
„Erzähle doch weiter! Saht ihr nun gleich das Häuschen an?“
„Das will ich meinen! Es traf sich ja so gut, dass es Feiertag war und der Bauer freie Zeit hatte. — Wir wanderten also gleich nach der Abbauerstelle hinaus, wohlgemerkt, nachdem ich in der behaglichen alten Wohnstube noch ein mächtiges Schinkenbrot und ein Glas Wacholder genehmigt hatte!“
Diese schmunzelnde Bemerkung löste wieder allgemeinen Jubel aus, auch Michaelas Lippen zuckten in aufrichtiger Freude, dass dem Vater solch ein Leckerbissen geworden; aber so hell auflachen, wie die Geschwister, konnte sie nicht, dazu tat ihr das Herz zu weh.
„Und dann? Nachdem es so gut geschmeckt?“
„Dann wanderten wir los! — Erst durch den grossen Hof, nach der Hude hinaus, auf welcher in warmem Sonnenschein ein kleines Fohlen um die Stute herumsprang und sehr niedlich aussah ...“
Wieder grosses Hallo.
„Dürfen wir das auch sehn, Vater? — Ein kleines Pferd! Ach, wie muss solch kleines Pferd entzückend aussehn!“
„Wir haben dann doch hoffentlich selber welches?“
„War’s ein kleiner Schimmel, Vater?“
„Man sachte, immer Ruhe! Wie soll ich so viel Fragen auf einmal beantworten!“
„Frisst es aus der Hand?“
„Darf man es streicheln?“
„Oder beisst es?“
„Kann es schon so schlimm ausfeuern wie grosse Pferde?“
„Das werdet ihr schon alles sehn! Wenn ihr artig und manierlich seid, wird der Bauer wohl nichts dagegen haben, dass ihr auch auf seinem Hof herumspielt und all das kleine Viehzeug betrachtet!“
„Wir haben dann doch hoffentlich selber welches?!“
„Und ob! Ich denke, Mienchen, wir behalten noch ein Sümmchen übrig, um etwas in die Ställe zu bekommen. Habe mir das alles schon zurechtgelegt!“
Wieder lebhafte Aufregung unter den Kindern.
„Was denn alles, Vater? Ach, bitte, erzähle doch weiter!“
„Na ja. Macht nicht soviel Lärm, sonst donnert die Maschinenmeistern unten wieder gegen die Wand!“
„Ja, die freche Person!“
„Kinder, das hört dann auch auf! Dieses Schikanieren von den teuern Umwohnern, dass man sich nicht ribbeln und rühren darf, ohne dass sie Krach schlagen!“
„Es wird alle Tage unerträglicher! Wenn man nur mal einen Knochen durchhackt, gleich schicken sie rauf!“
„Und anderes wie Knochen kann ich ja nicht mehr kaufen!“
„Das soll nun alles bald ein Ende haben, Minchen! — Nur erst mal raus hier! In Licht, Luft und Sonne hinein!“
Wieder ein unterdrücktes Jauchzen, keins wollte den Sprecher mehr unterbrechen.
„Über die Hude ging es dann durch die Felder, nach dem Häuschen hinauf. War das ein Anblick, als wir so an dem jungen Roggen vorbeigingen! Dass einem das Herz im Leibe lachte! — So frisch und saftgrün und breit im Halm! — Der Bauer schmunzelte auch und sagte: ‚Die Saat steht heuer gut! Man sagt, wenn die Halme so hoch sind, dass sich am ersten Mai eine Krähe darin verstecken kann, dann gibt es eine gute Ernte!‘“
„Ja, die alten Bauernregeln! Die müssen wir dann auch lernen!“
„Ich kenne schon welche! In dem Kalender, den Fritze Neubert mir borgte, stehen sie für jeden Monat!
‚Wenn’s im Mai recht giesst und kracht,
wird das Korn ’ne wahre Pracht!‘“
Ebstorf scherzte:
„Und kräht im Mai der Hahn auf dem Mist,
ändert sich das Wetter oder bleibt, wie es ist!“
Jubelnder Beifall der Umsitzenden.
Gretel klatschte lebhaft in die Hände.
„Vater, ich freue mich! Ich freue mich so rasend!“
„Und ich auch!“
„Wir alle, wir alle!“
„Ach, wie sieht unser Häuschen aus?“
„Hübsch, Kinder, ganz wunderhübsch! — Ein massives Steingebäude, nicht mehr ganz neu und so schmuck, wie ich es damals sah, aber fein eingewohnt und baulich in bestem Zustand! Von aussen ist es weiss getüncht, hat ein spitzes rotes Ziegeldach ...“
„Nicht mit Stroh gedeckt, Arnold?“
„Nein, Minchen! Gerade darum hat mir das Ding ehemals schon so gut gefallen! Auch die Wände sind aussergewöhnlich stark, zwei Steine dick, auf was mich Uthlede ganz besonders aufmerksam machte. — Als das Haus gebaut wurde, hatte sich gerade in dem Nachbardorf eine neue Ziegelbrennerei aufgetan, die gab die Steine zuerst als Reklame billig ab. — Daher konnte man sich die Mauern leisten! Du liebe Zeit, heutzutage sind die Preise anders geworden, und wenn es mit der Revolution nicht bald abflaut, werden sie noch immer mehr in die Höhe schnellen!“
„Wieviel Stuben haben wir, Väterchen?“
„Ganz genügend. Da ist zuerst eine hübsche Küchendiele mit grossem Herd und dem Rauchfang darüber, wo das Eingeschlachtete aufgehängt wird ...“
Wieder leises Jauchzen, — aller Augen leuchteten wie verklärt.
„Wenn es aber im Winter ganz kalt wird, ist in der Stube rechterhand ein sehr praktischer eiserner Ofen mit einer Kochplatte, wo wir unser Mittag reichlich fertigstellen können und gleicherzeit eine sehr schöne grosse Wohnstube haben. Auf der linken Seite der Diele ist auch noch eine geräumige Stube, und neben einer jeden der beiden eine hübsche Kammer. Oben grosser Boden, mit einem Lattenverschlag, der auch im Sommer als Kammer dienen kann, oder für Gerümpel, wenn der Sparrenraum voll Heu und Stroh gepackt ist —“
„Als Futter für die Tiere!“
„Haben wir auch einen Stall?“
„Das will ich meinen! Von der Diele führt eine Hintertüre direkt in die Ställe hinein, welche in das Haus eingebaut sind, damit sie recht warm und sicher sind. Zuerst das Abteil für die Ziegen ...“
„Ziegen!“
„Vater, wir bekommen Ziegen?“
„Mit kleinen Lämmchen?“
„Das ist ja wonnevoll!“
„Muttchen! Ich habe noch das blaue Band, welches beim Färben so fleckig geworden ist,“ jubelte Grete, „das binde ich dem Lämmchen um den Hals und führe es auf die Wiese spazieren!“
„Und ich gehe mit!“
„Wir spielen alle zusammen mit den süssen Viehcherchen!“
„Man kann doch die Ziegen auch melken?“
„Aber gewiss, Närrchen, wo sollte denn sonst die köstlich süsse Ziegenmilch herkommen.“
„Wer wird das tun?“
„Sie hat Hörner! Sie stösst vielleicht!“
„Ach ja, wer soll das Tier melken? Von uns versteht es niemand, ich ja auch nicht!“ erschrak Frau Minna.
Ebstorf tätschelte ihr wohlgelaunt die Hand.
„Habe an alles gedacht, Minchen! Jetzt wohnen doch drei alte Frauen mit dem Schafhirt in dem Häuschen. Die eine derselben, ‚Schlüdersch Anna‘, will nun uns zu Gefallen zuerst bei uns wohnen bleiben und dich und die Mädels in allem anlernen, — Melken, Schweinefüttern —“
„Das ist ja grossartig! Das ist wirklich eine ausserordentliche Beruhigung für mich, lieber Arnold!“ atmete die Mutter auf, als ob Zentnerlasten von ihrer Brust fielen. „Da ist doch gar manches, wo man keinen Bescheid weiss und sich nicht helfen kann!“
„Holzhacken müssen die Buben auch lernen —“
„Und im Walde sammeln wir dann auch das Reisig, damit Muttchen recht tüchtig im Winter heizen kann!“
„Juchheisa! wie das Bild in unserem Märchenbuch, wo die Kinder im tiefen Schnee in den Wald gehen und Holz holen!“
„Da begegnete ihnen der Weihnachtsmann!“
„Vater! wohnt der Weihnachtsmann auch bei uns — im Papenburger Moor?“
„Er wohnt überall, wo artige, fleissige Kinder sind!“
„Vielleicht auch eine gute Waldfee, die den Kindern so viel Erdbeeren und Blaubeeren wachsen lässt ...“
„Oder ein Rübezahl — den man in der Not um Hilfe anrufen kann?“
„Ja, ja, dann verwandelt er dürres Laub in Goldstücke!“
„Der ist ja nur in Schlesien daheim!“
„Leider!“
„Aber Heinzelmännchen gibt es doch überall?“
„Dummkopf! Du weisst, dass diese von der Welt weggenommen sind, weil die Leute in Köln zu faul und bequem geworden waren!“
„Ja, ja!
‚Wie war’s in Köllen doch vordem
mit Heinzelmännchen so bequem!
Man legte sich hin auf die Bank
und pflegte sich!‘“
„Dazu ist in einem Eigenheim keine Zeit!“
„Wollen wir auch gar nicht!“
„Ach, dieser Spass, wenn wir dies alles erst haben und selber sehn und überall helfen können!“
„Dann wollen wir dem armen Mütterchen schon das Mehlhäflein und den Ölkrug füllen!“
„Solch ein Gedanke ist unfasslich schön!“
„Ist der Wald weit entfernt, Vater?“
„Durchaus nicht. Ich taxiere auf zehn Minuten. Wenn der Wind von dort herüber weht, ist das ganze Haus voll Kiefernduft!“
„Ach, und hier riecht man nur Gas und Gestank von den Autos — und all der Küchenqualm aus den Hinterfenstern in dem engen Hof ...“
„Und von der Eisenbahn drüben die ollen Russwolken!“
„Dort kann man atmen! Da fühlt man förmlich, wie sich die Lunge weitet!“
„Wenn sie in so gute Luft und reichliche Kost kommt, wird unsere arme Michaela auch bald bei Kräften sein!“ nickte Franz der Schwester, welche immer noch in sich zusammengesunken und traurig neben ihm sass, tröstlich zu.
„Natürlich! Nur hier aus dem Radau und dem Ängstigen und Sorgen muss sie heraus!“
„Haben wir auch einen Garten, Vater?“
„Auf die Frage wartete ich längst!“
Suse schlang jählings die Arme um den Hals des Invaliden, und ihre Lippen bebten vor Ungestüm.
„Gibt es Gemüse darin, so grosse, grosse Kohlköpfe und Gurken und Meerrettich und Bohnen und Erbsen ... weisst du, alles das, was auf den Ständen in der Markthalle so entzückend schön aussieht, dass man am liebsten gleich hineinbeissen möchte?“
Die Mutter strich liebkosend über den blonden Krauskopf der Kleinen.
„Da sieht man mal wieder unser Heimchen am Herd! Die Suse — ja, die gibt mal eine Hausfrau! Da soll jeder den Hut vor abnehmen! Wie andere Mädchen vor den Putzläden und Spielwarengeschäften stehen und sich nicht von solch heiss begehrtem Anblick trennen können, so läuft die Suse in die Grünkramläden und freut sich an den Rüben und Grünkohl!“
„Na, da kann sie ja bei uns die kleine Gärtnerin spielen! Davon verstehe ich aus meiner Kinderzeit im elterlichen Garten in Merseburg noch eine ganze Menge und will dich schon anlernen, du Kochmamsell!“
„Und was bekomme ich als Arbeit, Vater?“ forschte Frieder mit hochroten Wangen.
„Na, wollen mal sehn, ob du gewissenhaft bist, dann kannst du — die Schweine übernehmen, Rüben für sie schneiden und Kartoffeln kochen und den Stall putzen ...“
„Hurra, die Ferkel! die schönen, fetten, grossen Sauen! Die nehme ich gern in Pflege! Da sollt ihr mal sehn, was das für Wurst und Schinken geben soll!“
„Wir fangen ganz sachte mit zwei kleinen Borstentierchen an, denn selbst Ferkel wollen gekauft und gemästet sein!“
„Haben wir auch Hühner, Vater?“
„Selbstredend: ‚ihrer Hühner waren drei, und ein stolzer Hahn dabei!‘ Na, die laufen im Hof und Feld herum und werden nur im Winter gefüttert. Wenn eine Glucke dabei ist und kleine Küken ausbrütet, so kann man die überzähligen Hähnchen abschlachten und hat mal einen Braten, — na, und die paar Eier! Da kommt nicht viel bei raus!“
„Aber die Federn für die Betten?“
„Daran muss man lange sammeln!“ Ebstorf machte eine geringschätzige Handbewegung. „Nach Hühnern frage ich nicht viel, sie sind für uns nur Spielerei! Das Korn und der Hafer sind jetzt zu teuer, um sie mästen und verkaufen zu können, und bis man so viel Eier sammelt, dass man sie in die Stadt schicken kann, dass sich der Transport lohnt, kann einem die Geduld reissen!“
„Und die mühsame Verpackung!“
„Ist es denn weit bis zur Bahn?“
„Das ist es, — einesteils leider, andernteils glücklicherweise! — Liegt man fern ab von Landstrasse und Eisenbahn, so hat man nicht mit Bummlern und Touristen zu rechnen, welche einem beim Blumenpflücken nur die Wiese zertrampeln! Wenn Uthlede Getreide und Kartoffeln abliefert, will er uns mal ein Paket mitnehmen, na, und wollen wir was aus der Stadt haben, die auch zwei Stunden Fahrt weit ist, so findet sich im Dorf immer Gelegenheit, dass man mal mitfahren kann!“
„Und wie gross ist der Garten, Vater?“
„Ein tüchtiges Stück im Geviert, kleine Neugierde!“
„Stehen Obstbäume darin?“
„Sechs grosse Äpfelbäume!“ sagte Ebstorf belustigt, mit starker Betonung, und seine Stimme ging unter in dem Siegesgeschrei der Kinder.
„Sechs Äpfelbäume?“ wiederholte Frau Minna überrascht. „Da können wir ja einen grossen Vorrat ernten!“
„Und zwei Kirschbäume, und drei Pflaumenbäume, daneben noch zwei jung angepflanzte!“
„Hurra! hurra!“
„Ich bin der erste, welcher hinaufklettert!“
„Papperlapapp! Dazu sind die Hosen zu teuer, mein Junge!“
„Und am Zaun steht ein hohes Gebüsch von Haselnüssen und Schlehdornen ...“
„Darin nisten die Vögel so gern!“
„Ob man da wohl ein Nestchen zu schauen bekommt, Mutter?“
„Hoffentlich! Wenn ihr die junge Brut nicht stören wollt, oder sie gar ausnehmen ...“
„Dann setzt’s Keile von mir!“
„Ganz recht, das erlaubt Papa nicht!“
„Die Schlehen sind so sauer! Die können die Hühner picken!“
„Wer soll denn die Hühner füttern und abends in den Stall sperren und sie am Morgen herauslassen?“
Wieder traf der Blick Ebstorfs nicht allzu freundlich die sieche Michaela.
„Wollen mal sehn, ob Michaelas Kräfte wenigstens für diesen kleinen Handlangerdienst ausreichen! — Nur gewissenhaft überzählen und gleich melden, wenn mal eins fehlt, sonst hast du ja nicht viel dabei zu tun! Die Türklappe am Stall drunten auf- und zuhaken, das wirst du ja können!“
„Aber Vater, ich kann ja ganz gut gehen, selbst aus dem Hof kann ich herzutreiben!“
„Na ja, — wird ja auch immer besser werden. Es ist nur gut, wenn wir gar nicht mit dir rechnen, sondern uns allein auf die gesunden Knochen von uns andern verlassen!“
„Und die Hühner bekomme ich ganz gewiss?“ bat das junge Mädchen noch einmal besorgt, als fürchte sie, dass man ihr auch diese kleine Freude noch versagen werde.
„Ja, die sollst du als Spielzeug haben!“
„Ich mochte Vögel immer so gern!“
„Na, dann wirst du hoffentlich die Kücken nicht verkommen lassen!“
„Um alles nicht! Ihr Zwitschern ist so herzig! — Während der Kriegszeit hatten Kapellmeisters auf ihrem Balkon in der dritten Etage ein paar ganz kleine Pieperchen zum Grossziehen, — da habe ich oft hinuntergesehen und mich amüsiert, wie drollig sie umherrannten.“
„Haben aber keins von allen gross bekommen!“
„Weil sie nicht Obacht darauf hatten und sie im Regen draussen liessen!“
„Das Häuschen, worin sie unterkriechen sollten, war vom Wind umgeweht, und niemand war da, es aufzurichten!“
„Na ja! ich habe kein grosses Zutrauen zu diesem Geniste! Wenn Michaela ihr Heil versuchen will, gut, — probieren muss man es ja, denn Eier sind eine ganz angenehme Zugabe.“
„Gibt es auch Stachelbeeren im Garten, Vater?“
„Deren sind es nicht so viel, die alten Leute hatten kein Interesse dafür; auch Johannisbeeren und Himbeeren will ich noch anpflanzen!“
„Ach, und so grosse, süsse, rote Erdbeeren!“
„Die ass Muttchen früher so gern!“
„Sollst sie wieder haben, Minchen! Wir wollen die Sache schon fingern! Einen schönen Rasenplatz zum Wäschebleichen hast du auch hinter dem Hof!“
„Ach, das klingt alles wie ein schönes Märchen!“
„Da wird uns dann die Wäscheleine nicht wieder vom Boden gestohlen!“
„Wie herrlich, wenn man sich nicht um jede offene Türe ängstigen muss!“
„Wann reisen wir ab, Papa?“
„Ach, bitte, recht bald!“
„Morgen schon! — Bitte, bitte! — Wir packen gleich unsere Sachen zusammen!“
„Nur ruhig Blut! — Erst muss ich Wagen und Pferde haben und einen Eisenbahnwagen, in welchen die Sachen verladen werden!“
„Mieter für unsere Wohnung hier bekommen wir jederzeit!“
„Ach, diese Ungeduld! Wir können es ja gar nicht erwarten, bis wir dort sind!“
„Ich fange schon an, meine Kommodenschublade einzuräumen!“
„Ich packe die meine auch schon!“
„Vater! Mutter! Dürfen wir die alten Spielsachen noch mitnehmen?“
Frieder schwenkte die Arme wild durch die Luft. „Unsinn! Zum Spielen haben wir keine Zeit mehr! Nun heisst es auch für uns Kinder, arbeiten!“
Ebstorf nickte ihm wohlgefällig zu: „Brav, mein Sohn! So denkt und spricht ein echter deutscher Junge in dieser Zeit der grossen Not! Da müssen alle Hände an das Netz gelegt werden, wenn wir nicht untergehen wollen!“
„Wir Mädchen denken und sprechen ebenso, Vater!“
„Recht so! Ich erwarte es von euch. Ein jedes stehe an seinem Platz!“
Wie sich die Kinder alle emporreckten, wie sie die Arme hoben und die Fäuste darhielten, als ein Zeichen frohgemuter Kraft!
„Ich kann’s!“ —
Auch Michaela hatte sich erhoben.
Sie richtete sich auch auf, höher, energischer wie sonst.
Ihre lahmen kleinen Füsse zitterten und wollten bei all der Aufregung den Dienst versagen.
Die Geschwister jauchzten: „Ich kann’s!“ —
Sie schloss still und geduldig die blassen Lippen, aber ihr Blick schweifte empor, durch die trüben Fensterscheiben zu den goldenen Sonnenstrahlen, welche nach langer, kalter Regenzeit soeben wie ein freundlicher Gruss durch dunkle Wolken brachen.
Und dieser Blick aus verweinten Mädchenaugen sprach wie in flehender Bitte ein stummes: Ich kann nicht, aber ich will! —
Drittes Kapitel.
Das waren Tage voll Jubel und Emsigkeit, wie sie die Kinder des Kaufmanns Ebstorf noch nie zuvor erlebt hatten.
Welch eine glückselige Stimmung bei Gross und Klein!
Die entsetzliche Last der Sorge um das tägliche Brot, um die ganze Existenz, ja, um Leben und Tod, wie sie ein völliger Ruin ja mit sich bringen musste, war von der Familie genommen.
Die Kinder waren gross genug, um all das Elend zu erkennen und zu bemessen, in welches sie durch die furchtbaren Kriegszeiten und den Aufruhr im Vaterland gekommen waren.
Erst hatte das Schwert dem Deutschen Reich schwerste Wunden geschlagen, und Feindesland war mit germanischem Heldenblut begossen, — nun kam ein neuer Schrecken über die Lande, die Sklavenkette der Sieger, mit welcher alle Wohlfahrt und alles Glück der Freiheit gewürgt ward. Welch ein Entsetzen, wenn Vater stets vergeblich heimkehrte und keine Arbeit gefunden hatte, wenn stets von neuem die Schüsse in den Strassen knatterten und man nicht wusste, woher die nächsten Tage das notwendigste Stückchen Brot bekommen! All diese furchtbaren Erlebnisse hatten ihren Eindruck auf die weiche Kinderseele nicht verfehlt, und die Liebe zu den Eltern, welche sie so oft in bitterster Not jammern hörten, liess sie doppelt und dreifach die qualvolle Hilflosigkeit ihrer Lage empfinden.
Nun deuchte es allen, als sei die Erlösung aus höchster Not gekommen.
Wenn man so tief in dunkelstem Schatten sitzt, erscheint jedes Lichtfünkchen wie eine strahlende Sonne, welche die Nacht in Tag verwandelt.
Vater hatte mit ernstem Gesicht gesagt: „Wir setzen nun all unsere letzte Habe, den Spargroschen auf eine einzige Karte. Können wir durch Fleiss und Arbeit uns auf der kleinen Scholle halten, und haben wir nicht mit unvorhergesehenen Unglücksfällen zu rechnen, so sind wir geborgen. Aber es wird nicht leicht sein, namentlich nicht im Anfang, bis wir uns alle in das Landleben gründlich eingearbeitet haben.
Die Hauptsache ist, dass jeder, auch ihr Kinder, voll und brav seine Pflicht tut.“
Da sass Michaela an dem Fensterchen des schmalen, stickigen Hinterhofs, neigte das Gesicht in die mageren kleinen Hände und weinte bitterlich.
Sie arbeitete doch so viel, — alles, was für sie im Bereich der Möglichkeit lag; aber es war seltsam, Direktors Köchin hatte recht, wenn sie sagte: „All die stille, geduldige Arbeit, die undankbare, welche keinen grossen Trara um sich macht, welche keine imponierenden Taten tut und bescheiden alles das verrichtet, was andere geringschätzig wegwerfen, die ist die schwerste, welche es gibt — zu der gehört Selbstverleugnung und Opfermut!“ —
Das stimmte.
Wenn das sieche, schwache Jungmädchen stundenlang voll Bienenfleisses die zerfetztesten Wäschestücke oder zerlumptesten Hosen der Brüder zusammengestoppelt hatte, dass ihr die Finger wie im Krampf weh taten, dann warf man wohl einen flüchtigen Blick auf die getane Arbeit und grollte womöglich noch: „Aber Michaela! Solch ein bunter Flicken! Das sieht ja scheusslich aus! Das kann man doch nicht tragen!“ — Wenn die Mutter dann zu Hilfe kam und klagte: „Du meine Güte! Wo soll ich den Stoff herbekommen? Wie soll ich denn neue Sachen kaufen? Wir wollen froh sein, dass noch ein paar alte Flicken da sind, damit ihr doch nicht zerlöchert herumlaufen müsst!“ — na, dann fügte man sich wohl schnell in das Unvermeidliche, nahm die Kleidungsstücke, zog sie über und kämpfte die Tränen hinab, so sehr auch der Widerwillen die Kehlen würgte.
Dankbar war man der geduldigen Flickerin aber nicht dafür, kaum dass man ein höfliches Wort sagte.
Namentlich der Frieder grollte oft recht unvernünftig in sich hinein: „Wenn es Michaela nicht geflickt hätte, dann hätte ich doch die Sonntagshose in die Schule anziehen müssen!“
Man achtete kaum auf das demütige Walten und Schalten der Ältesten; wenn aber die Jungens oder Suse und Gretel die schweren Kohleneimer heraufschleppten und auf jedem Treppenabsatz unter Scherz und Ulk eine Pause machten, um mit den untenwohnenden Kindern ein Schwätzchen zu halten, so imponierte das den Eltern gewaltig.
Wenn sie so recht angekeucht kamen und die Last polternd hinschmissen und dabei die Arme dehnten: „Uff! Das war aber schwere Arbeit! Die macht uns so bald kein anderes Kind nach!“ Dann wurden sie belobt und bewundert und hingestellt, als ob sie die einzigen seien, welche die ganze Familie über Wasser hielten. Es ist ja richtig: wenn die Geschwister in der Schule waren, oder nach derselben noch gegen Entgelt Botengänge oder sonstige Hilfeleistungen in der Nachbarschaft verrichteten, und die Mutter holte ein und stand oft stundenlang, bis sie manchmal etwas auf die „Karten“ bekam, so wäre ohne Michaela das Essen rettungslos angebrannt oder verbrutzelt. Denn wer sollte am Herd nach dem Rechten sehen, wenn nicht sie!
Das sah aber niemand, denn es waren keine Leistungen, welche den Augen imponieren.
Man kam, ass, — grollte, dass es zu wenig oder nichts Besseres war — und kam gar nicht auf den Gedanken, dass man es doch der „Kranken“ verdankte, wenn überhaupt etwas auf den Tisch kam!
Nein, Michaela war an keine Anerkennung gewöhnt, aber darum schaffte sie ja auch nicht so anspruchslos Tag für Tag.
Sie war ja selber überzeugt, dass sie so gut wie nichts leiste, denn grosse Gleichgültigkeit oder gar Tadel wirken bei gefühlsinnigen Seelen suggestiv und drücken die Gebeugten noch tiefer in ihr armseliges Nichts hinab.
Könnte sie nur einmal etwas wirklich Grosses leisten!
Etwas, wo alle sagen mussten: „Du hast uns geholfen. Michaela! Du hast uns erhalten!“ — Wie schön wäre das!
Solch eine Hilfe, solch eine Rettung aus irgendeiner Drangsal kann aber nur durch körperliche Kraft und Arbeit oder durch viel Geld geschehen.
Die erstere, um mit nervigen Gliedern in Feld und Garten zu arbeiten, hat sie nicht; und Geld verdienen?
Womit?
Wie kann ein Mädchen, welches so schwache Füsse hat, dass sie nicht fünf Minuten stehen und kaum ein Stückchen gehen kann, ohne in langen Pausen auszuruhen — wie kann solch ein jammervolles Geschöpf Geld verdienen, um einer ganzen Familie das Leben angenehm zu machen?
Sie weiss es nicht.
Aber sie hofft so viel, so treu, so mutig! Sie hofft, dass doch noch alles auch für sie gut wird, und dass auch sie noch einmal ein nützliches Glied in dem Kreis der Ihren wird.
Der liebe Gott hat ja schon so oft herrliche Wunder getan, hat Mittel und Wege genug — warum soll er sich nicht ihres Jammers erbarmen und ihr irgendwo und „wie“ ein Türchen auftun, welches aus allen diesen Wirren herausführt?
Seit langer Zeit hörte man bei Ebstorfs wieder singen und jubilieren.
Jedes kleine Geschehnis, welches den Tag der Abreise näherrückte, ward zum vielbesprochenen Ereignis.
Welche Wonne, als die Kinder aus der Schule abgemeldet wurden!
Welche Aufregung, als der grosse Packwagen vor der Tür hielt, welcher alle Habseligkeiten nach dem Papenburger Moor bringen sollte!
Das war ein Treppauf- und Treppabspringen, ein Hasten, Schleppen, Schurren und Herzutragen aus allen Ecken und Winkeln heraus!
Wie hochinteressant, als man zum letztenmal in der ausgeräumten Wohnung stand!
Am Fensterriegel hingen die Mützen, Hüte und Mäntel, Mutters Regenschirm stand darunter an die Wand gelehnt, — in den Botanisiertrommeln der Jungens war die Wegzehrung verpackt, ganz besonders gut und fein, mit Margarine, Wurst und Käse auf den Schnitten.
Sogar Vaters Feldflasche, mit einem Magenbitter gefüllt, stak auch dabei.
Für die anderen eine Flasche mit Kaffee und einem geheimnisvollen Paket, welches der Hausherr noch beim Bäcker erhandelt und mit freundlichem Schmunzeln in Mutters Handtasche geschoben hatte. Sollte es Kuchen sein?
Solch ein Gedanke konnte ja schwindlig machen vor Freude!
Vater hatte den Möbelwagen billiger bekommen, wie er gedacht hatte, denn der Inhaber des Geschäfts erwies sich als ehemaliger Vierter Gardist und Vorgesetzter, — da hatte das fehlende Auge seinen traurigen Eindruck nicht verfehlt.
Nun konnten sie so recht mit leichten Herzen und gutem Proviant die Reise antreten, und die Kinder zitterten nur bei dem Gedanken, es könne womöglich vor Torschluss noch einmal ein Putsch kommen, dass die Bahnhöfe wieder besetzt und eine Abreise unmöglich gemacht würde!
Aber nein! — Glücklicherweise blieb alles ruhig, und die Leute hasteten ebenso wie sonst, mehr oder weniger freundlich, durch die Strassen.
Suse kicherte und stiess Frieder heimlich an, als sie zusammen mit hochklopsenden Herzen in der Elektrischen sassen und zum letztenmal den Weg hinabschauten, welchen sie sonst allmorgendlich zur Schule getrabt waren.
„Muss i denn, muss i denn
zum Städtle hinaus, —
Städtle hinaus,
und du mein Schatz bleibst hier!“
sang sie leise, aber doch laut genug, um von den Eltern und Geschwistern gehört zu werden.
Diese lächelten, und unwillkürlich summten alle die Melodie mit und fanden, dass das Scheiden gar nicht schwer sei, sondern vielmehr die grosse Lust gewähre, von welcher die Grossmutter so gern sang.
„Ha, welche Lust gewährt das Reisen!“
Wie neu war dies alles den Kindern!
Vater trug das kleine, magere Michele freundlich auf dem Arm, dieweil sich die anderen wohlgemut durch das Gedränge auf dem Bahnhof hindurch schuppsten und wie kleine Handel den Eltern auf dem Fusse folgten, um ja nicht von ihnen getrennt zu werden.
Man atmete erst auf, als man geborgen in dem Eisenbahnabteil einander gegenübersass und noch einmal reiflich überlegte, ob alles Handgepäck zur Stelle und nichts daheim vergessen sei. Alle Nerven waren auf das höchste angespannt, denn es war die erste wirkliche Reise, welche die Geschwister Ebstorf machten. Mit der Stadtbahn waren sie allerdings schon nach nahgelegenen Ausflugsorten gefahren, um einmal einen wirklichen Wald — was man so in der Nähe von Grossstädten Wald nennt — zu sehen.
Ausser vielen Butterbrotpapieren war nicht viel Bemerkenswertes zu entdecken. Es schien, als habe sich das Tierreich scheu vor den fremden Eindringlingen zurückgezogen.
Nicht einmal Maikäfer fand man, nur ein paar Bienen und grosse Fliegen summten durch die Luft. Ameisen rannten durch das Moos und mal hier und da ein Insekt, welches man nicht kannte und ungern anfasste, da es meist einen verdächtigen Stachel aufwies.
Eben freute man sich, dass Vaters Spazierstock im letzten Moment noch mitgenommen wurde.
Im Eifer, als er von der Polizeistation zurückkam, wo er die Familie abgemeldet, hatte Vater ihn schnell neben dem Herd aus der Hand gestellt.
Michaela hatte es glücklicherweise gesehen und noch rechtzeitig daran erinnert.
Vater hätte sich ja schlagrührend geärgert, denn es war ein sehr schöner Stock mit silbernem Griff, einem Geschenk, welches Mutti ihm als Braut zum ersten Weihnachten gemacht!
Der Ersparnis wegen hatte man einen gewöhnlichen Zug benutzt.
Man war ja nicht eilig, und für die Kinder hätte die Fahrt getrost noch einmal so lange dauern können, sie wären nicht müde geworden.
Voll Entzücken umlagerten sie das Fenster und liessen die Landschaft draussen an sich vorübersausen.
„Wisst ihr, wie das ist?“ fragte Franzel und zog die Beine auf den Sitz herauf, damit Grete sich noch dichter an die Scheibe heranschieben konnte: „Wie in einem Guckkasten! — Man sitzt hier sehr behaglich und lässt die ganze Welt an sich vorbei marschieren!“
„Ja!“ nickte Suse, „wie viel haben wir schon gesehen! All die Städte, Dörfer, Wiesen, Felder und Wälder! — Wenn wir da überall zu Fusse hätten hinlaufen sollen, um es uns anzusehen, wo meint ihr wohl, wo wir jetzt wären?!“
„Noch nicht bis an der ersten Station!“
„Seht mal, da hinten an dem kleinen Fluss weidet eine Schafherde! — Wie lange es wohl dauerte, wenn wir mal dorthin wollten, uns eins zu holen!“
„Das ist sehr weit weg von hier!“
„Da fliegt ein Storch!“
„Vater! Vater! Ist der grosse Vogel da oben ein Adebar?“
„Ja ja! ’s ist einer. Gebt mal acht, er wird sich gleich dort auf die Wiese setzen und nach Fröschen suchen!“
„Richtig! Er lässt sich herunter!“
„So ein grosses Tier!“
„Und den langen Schnabel, den er hat!“
„Richtig, auch rote Beine! Seht doch nur! Könnt ihr die Beine erkennen?“
„Genau wie er im Bilderbuch gemalt ist!“
„Wenn er doch mal einen Frosch finge!“
„Ach, Vater! Kann die Eisenbahn nicht mal einen Augenblick stillhalten? — Ich möchte so leidenschaftlich gern mal einen Frosch sehen!“
„Unsinn! Das ist ja unmöglich!“
Frieder steckte vor Aufregung noch zwei Finger in den Mund, wie er das als ganz kleiner Knirps getan, und wie es immer noch einmal zum Vorschein kam. Wenn er Angst hatte oder sich sehr erregte, oder wenn er eine recht spannende Geschichte las.
„Fritz Neubert hatte mal aus der Sommerfrische einen grünen Laubfrosch mitgebracht, den hatte er in ein Einkochglas gesetzt, mit einer kleinen Leiter darin, auf welcher er das Wetter anzeigen sollte!“
„Ja, er wollte ihn uns zeigen!“
„Auch ein Feuersalamander war dabei!“
„Unterwegs war aber der Glashafen zerbrochen und die Biester tot geblieben!“
„Vater! Ob es wohl im Papenmoor Frösche gibt, dass man sie fangen kann?!“
Ebstorf lachte. „O du arme Grosstadtgöre! Dass du so etwas noch fragen musst!“
„Die Beine respektive Schenkel kann man essen!“
„Sie sollen recht gut schmecken! Im Feld haben wir es von ein paar Elsässern gelernt, die brachten uns auf den Geschmack!“
„Dann können wir uns ja öfters einen Braten leisten!“
„Gleich wieder eine famose und recht nützliche Beschäftigung für die Jungen!“
„Man muss nur erst genau mit der Örtlichkeit Bescheid wissen, dass die Kinder bei solcher Jagd nicht in den Sumpf geraten!“
„Oh, wir nehmen uns in acht! — Als wir Abschied nahmen, sagte Frieders Klassenlehrer auch, wir sollten man nur vorsichtig sein, wenn es etwa Sumpfterrain bei uns wäre!“
„Er erzählte von einem Moormann, den habe man nach viel tausend Jahren ganz unverändert aus dem Morast herausgeholt. — Sogar die Riemen an seinen Beinen seien noch vorhanden gewesen und die Haare auf seinem Haupt.“
„Einen Spiess habe er noch in der Hand gehalten!“
„Man glaube, der Mann sei ein Sklave gewesen, weil er auch einen Ring an dem Knöchel gehabt habe.“
„Und bei der Jagd sei er verunglückt.“
„Ob es wohl bei uns in Papenburg auch solche Männer im Moor gibt?“
„Das will ich nicht hoffen!“
„Nu ... wenn wir mal so einen fänden!“
„Ein Kiebitzei wäre mir lieber!“
„Kiebitzei? Das sind die hübschen kleinen Eier mit braunen Flecken, die in dem Delikatessladen von Ahrendt in dem Körbchen im Schaufenster standen?“
„Nu ... wenn wir mal so einen fänden?“
„Die sind rasend teuer!“
„Auf unseren Wiesen soll man sehr viele finden!“
„Bei uns, Vater? — Und die kann man suchen und heimbringen?“
„Gewiss! Uthlede sagte es mir, ich solle euch nur tüchtig sammeln lassen!“
Einen Augenblick waren die Kinder sprachlos vor Überraschung.
„Und die Eier liegen so ganz offen im Gras?“
„Teils offen — teils ein wenig versteckt.“
Ein kaum unterdrücktes Jauchzen.
„Dann ist es Ostern bei uns, — immer Ostern — und wir können alle Tage Eier suchen, die uns gar kein Geld kosten?“
„Wenn es ein gutes Jahr ist und die Kiebitzmütter fleissig legen, könnt ihr schon ein ganzes Teil einbringen!“
„Die müssen aber doch verkauft werden?“ fragte Michaela leise.
Die Kinder schauten etwas angstvoll enttäuscht auf, — aber Franz rief resolut: „Wenn sie so viel Geld kosten! Dann natürlich!“
„Aber erst essen wir jeder mal eins?“
„Meins schenk ich dem Vater!“
„Und ich meins der Mutti!“
„Erst muss man den Bären haben, ehe man den Pelz verkauft!“
„Wenn es wirklich viel Eier gäbe, wäre es vielleicht ein gutes Geschäft?“ forschte Frau Minna mit einem Blick nach dem Gatten.
„Ob es so viel sind, dass sich eine Sendung nach der Stadt lohnt? — Immerhin hört man gern von Möglichkeiten, welche einen Erwerb bieten!“
„Da gehen ein Paar Pferde vor einem Wagen durch!“
„Seht doch, wie sie springen!“
„Oh, wenn sie doch mal über das Feld jagten!“
„Nur nicht! Der Wagen würde womöglich zerbrechen!“
„Sie scheuen vor der Eisenbahn!“
„Eben hat die Lokomotive gepfiffen!“
„Jetzt hat er sie wieder im Zügel!“
„Da kommt ein Dorf!“
„Famos! Wieder eine Station! Es fängt ein bisschen an zu regnen!“
„Dann sieht es so drollig aus, wenn die Leute so rennen!“
„Und wir sitzen fein im Trockenen!“
„Ach, wenn wir doch erst in Papenburg wären! Ich kann es gar nicht mehr erwarten.“
„Die Stunden kommen einem so endlos lang vor!“
„Seht mal! Da auf der Scheune vor dem Dorf das grosse Storchennest!“
„Es gehört gewiss dem, den wir vorhin auf der Wiese sahen.“
Michaela seufzte leise auf. „Wenn wir erst in der neuen Heimat angelangt sind, wollen wir mal an dies Storchennest denken! — Dann kommt es einem so drollig vor, dass es mal einen Augenblick gab, wo wir noch so sehnsüchtig auf etwas warteten, was man nun erreicht hat.“
„Ja, das wollen wir!“
„Wie heisst denn das Dorf, zu welchem es gehört?“
„Die Station kommt ja jetzt! Da steht ja schon das grosse weisse Holzschild am Eingang zur Bahnrampe.“
„Der Name steht darauf.“
„Freienfeld!“ buchstabierte Franz.
„Also das Nest von Freienfeld! Wenn wir heute abend unser eigenes Haus in Papenburg auftauchen sehen, erinnere ich euch daran!“
„Das ist sehr ulkig!“
„Vielleicht haben wir selber eins?“
„Die alte Schlüdersch-Anna begrüsste mich so freundlich, als ich damals mit dem Bauer kam, das kleine Anwesen zu besichtigen. ‚Fürchten Sie sich man nicht, dass es hier so einsam ist,‘ sagte sie, ‚auf unseren kleinen Berg kommt nichts Böses herauf — hier oben wohnt nur der liebe Gott!‘“
„Wie friedlich und schön muss es dann sein!“
Suse machte grosse Augen. „Der liebe Gott wohnt doch im Paradies, und in unserem Märchenbuch steht, das Kinderbrünnchen befinde sich auch im Paradies.“ Sie lachte.
„Dann müssten wir doch unter allen Umständen den Freund Adebar auf dem Dach haben, denn der holt doch die kleinen Kinder aus dem Brünnchen heraus.“
„Wollen mal sehen! Bei den heutigen Preisen wäre es vielleicht ganz praktisch, an den hohen Herrn mit dem langen Schnabel das Dachgeschoss abzuvermieten!“
„Oh, wie die Leute auf dem Bahnsteig durcheinander rennen!“
„Muttchen! Guck mal! Eine ganze Schar Wandervögel mit Gitarren! — Die vielen bunten Bänder daran! Die drei dort haben sie wie Halsbänder umgeschlungen und tragen ihr Wandergerät in den Händen.“
„Nein! Es zerrt zu sehr und würgt sie! Die Herren da treten herzu und lösen sie ab.“
„Wie drollig das aussieht!“
„Das junge Mädchen wird ganz verlegen!“
„Das ist aber frech! — Mitten durch hat der eine das schöne Band gerissen und will es ihr nicht wiedergeben!“
„Der Schaffner ruft schon!“
„Sie müssen einsteigen!“
„Oh, und dort die Bauersfrau mit dem kleinen Bengel auf dem Arm!“
„Hört ihr, wie er brüllt?“
„Er fürchtet sich vor der Lokomotive.“
„Jetzt bekommt er Schläge!“
„Ist ja auch eine Unart!“
„Da kommt eine Dame mit einer Katze auf dem Arm!“
„Die Muschi muss mit ihr reisen!“
„Sicherlich ihr Liebling!“
„Es fängt immer mehr an zu regnen.“
„Nur ein Gewitterschauer!“
„Saht ihr nicht, wie es eben blitzte?“
„Jetzt gibt es aber Platz auf dem Perron!“
„Alles rettet — rennet — flüchtet!“
„Taghell ist die Nacht gelichtet!“
„Von dem Donner wird man bei dem Geknattere der Bahn nicht viel hören!“
Langsam setzte sich der Zug wieder in Bewegung.
Ein Schaffner hatte noch schnell seinen langen Wettermantel übergeworfen und sprang noch auf das Trittbrett, während sich die Räder schon drehten.
In immer schnellerem Wirbel rollten sie davon.
„Oh ... wenn der Mann fehlgesprungen und abgestürzt wäre!“
„Doch nicht! Die Eisenbahner sind meist gute Turner und springen tadellos!“
„Wie wunderlich jetzt die Welt durch die grauen Schleier aussieht!“
„Aber hübsch! Unsere Maler sprachen ja früher im Geschäft so viel von den wirkungsvollen Regenstimmungen.“
„Weisst du noch, Papa, der eine der Herren brachte mal ein so schönes Ölbild, welches du einrahmen lassen solltest. ‚Nur ein paar Krüppel, Krumme und Blinde!‘ sagte er mit finsterem Gesicht, ‚lauter Ausschussware aus der grossen Weltallsfabrik, und dennoch erzählt jedes eine andere, interessante Geschichte!‘“
„War das nicht ein Herr Haselbach, welcher später das Malen aufgab?“
„Unglückskerl! Er hatte absolut keinen Erfolg mit seiner ‚beredten Staffage‘! — Waren ja originell, die Bilder, aber doch nur ‚Abendbeleuchtung und tiefe Nachtschatten‘. Wer hängt sich das Interieur einer Spelunke voller Idioten, oder einen Platzregen, in dessen Lehmkuhlen Kinder ertrinken, in einen Salon oder Tanzsaal?“
„So etwas kauft kein Mensch!“
„Und Bildergalerien erst recht nicht, denn dazu war er zu unberühmt.“
„Seine Kunst schien seine Seele zu spiegeln, er war ein so mürrischer, unfreundlicher Mann!“
„Die einzige, an welche er mal ein Wort der Teilnahme richtete, war Michaela.“
‚Wir sind Leidensgenossen, Kind, — du ein Krüppel des Leibes, ich einer der Seele!‘
„Darum war er freundlich zu ihr!“
„Er sah mal zu, wie sie für etliche Studenten die arg beschmierten Farbenkästen reinigte.“
„‚Gibt es wirklich noch Geduld auf der Welt?‘ fragte er und starrte das Kind an; dann schüttelte er den Kopf: ‚Und bist immer noch freundlich dabei?‘“
„Das Michele lachte ihn so glücklich an, denn sie verdiente ja mit der Arbeit ein paar Mark.“
„Da meinte er: ‚Sonst sind so überflüssige Geschöpfe wie wir beide doch meist recht verbittert!‘“
„Er kam dann nicht mehr, und die anderen Maler sagten: ‚Haselbach hat umgesattelt. Er ist ja ein ganz verrückter Kerl und will, dass sich die Welt nach ihm richten soll, während die alte Frau Erde doch verlangen kann, dass sich solch ein Lapp nach ihrem Geschmack einrichtet!‘“
„Was wohl aus ihm geworden ist?“
„Ein Grillenfänger mehr! Sich und anderen zur Last!“
„Ich glaube, der Herr Gelbke sagte noch, Haselbach wolle Zimmermeister werden, er könne das Geschäft von einem Onkel übernehmen.“
„Richtig! Was du für ein Gedächtnis hast, Michaela! — Gelbke machte bei den anderen Malern noch den Witz: bei seiner Vorliebe für des Unglücks Tränenströme als Motiven würde er als Zimmermeister wohl Spezialist für ‚Pfahlbauten mit und ohne Schwamm‘ werden!“
„Mir hat der Herr Haselbach immer so leid getan!“ sagte das Jungmädchen nachdenklich, „er stand gewiss ganz allein im Leben und hatte niemand, der ihm mal gut zuredete oder die schwermütigen Gedanken vertrieb!“
„Das kann schon sein!“
„Man schien viel über seine Bilder zu spotten!“
„Und doch waren sie ganz gut gemalt!“
Herr Ebstorf legte einen Augenblick die Hand über die Stirn und dachte nach.
„Es gingen einem damals so viel Leute vorüber, dass man sich des einzelnen kaum noch erinnert. — Haselbach! War er auch Student? Ich dächte ... wie mir Gestalt und Gesicht vorschwebt — er sei schon ein gereifterer Mann gewesen.“
„Natürlich! Jung war er nicht mehr. Seine Augenbrauen und der Schnurrbart waren so auffallend schwarz, das gab dem ganzen Gesicht etwas so Finsteres, namentlich, wenn er die Stirn in Falten legte.“
„An den Schläfen wurden die Haare schon ganz grau.“
„Wie haben die letzten schlimmen Jahre alles auseinandergesprengt — Menschen und Schicksale!“
„Wie gemütlich ist das, wenn der Regen so gegen die Scheiben prasselt!“
„Das Gewitter zieht dort drüben an dem Gebirge entlang.“
„Zwischen den Bergen scheint sich ein Flüsschen in die Ebene ‚hinauszuschlängeln‘!“
„Und die Gewitter folgen gern einem Wasserlauf.“
„Vater, jetzt sind ja die beiden Frauen aus dem Abteil hier ausgestiegen! Ich habe so schrecklichen Hunger! Kann ich nicht eine Stulle bekommen?“
„Ach ja! Ich auch! Mutti — ich sterbe an meinem leeren Magen!“
„Das wäre ja schrecklich, wolltest du noch vor dem Ziel abklappen!“
„Na, dann holt mal die Botanisiertrommeln aus dem Netz herunter und lasst uns Mittag machen!“
„Hurra! Das soll aber mal schmecken! So wundervoll hat’s noch nie zuvor ein Wurstbrot gegeben!“
Aller Augen hingen leuchtend vor Freude an den knisternden Papieren, aus welchen die leckeren Brotschnitten auftauchten. So fett geschmiert und dick belegt, wie sie die Kinder seit langem nicht mehr zwischen den Zähnen gehabt hatten.
Frau Minna teilte aus und — wie Frieder sagte — grunzend vor Wohlbehagen krochen die Geschwister in den Fensterecken zusammen und lehnten sich gemütlich zurück.
Draussen zogen frisch duftig im köstlichen Regenbad die verschiedensten Bilder kaleidoskopartig in buntem Reigen vorüber, und dazu rieselte und tropfte es von dem Dach des Eisenbahnwagens, und der Regen trommelte so eifrig an die Scheiben, als habe er in all dem Frühlingstrubel keine Zeit zu verlieren.
Da blieb es ein Weilchen still in dem kleinen Kreis der Auswanderer, und nur dann und wann hob eins der Kinder den Finger und deutete in die Gegend hinaus, wenn sich irgend etwas Bemerkenswertes in der Nähe oder am Horizont zeigte.
So himmlisch gut hatte noch nie ein Brot geschmeckt, und hätte die Mutter nicht daran erinnert, dass die Reise erst in etlichen Stunden beendet sei, so hätten sich ihr die Hände unaufhörlich bittend entgegengestreckt.
Wie gern hätte sie dieselben stets aufs neue wieder gefüllt! Denn was gibt es Schöneres und Lieberes für treue Eltern, als ihre Kinder satt und froh zu machen!
Die Wetterwolken am Himmel zerteilten sich, und die ersten lichtblauen Flecken traten hervor.
Die Kinder dachten an eine alte Scheuerfrau, welche früher in dem elterlichen Haushalt bei dem Säubern des Ladens und der Wohnung mit geholfen hatte.
Die stand auch eines Tages und blickte bei starkem Regen zu dem Firmament empor, ob sie sich wohl jetzt schon auf den Heimweg begeben könne.
„Noch ist’s nicht so weit!“ nickte sie wichtig, „denn das ist eine alte Regel, Kinder: Erst müssen am Himmel so grosse Lappen von Blau sein, dass man eine Hose daraus schneiden kann, — dann hört der Regen auf und die Sonne kommt wieder!“
Nun beobachteten aller Augen, ob es wohl jetzt auch schon zu einer blauen Hose reiche, und nachdem Michaela scherzend den Musterschnitt gut aufgelegt und ein klein wenig zusammengestückt hatte, flimmerten auch bereits die ersten Strahlen wieder auf die Tropfen stiebenden Bäume.
„Seht ihr wohl?“
„Wer das Alte flickt —
und das Neue stückt,
kommt bald auf grünen Zweig!“
Und dann amüsierte man sich damit, das Gewölk zu beobachten, welches von dem Wind so eigenartig hin und her getrieben und geformt ward.
In der Grossstadt, wo sie nur den Himmel im Aufblick durch den engen Hof oder die hochragenden Mauern der Strasse kannten, höchstens mal auf einem Platz ein klein wenig mehr freien Ausblick hatten, war ihnen solch weiter Horizont etwas ganz Fremdes geblieben.
Die Eltern selber wunderten sich, wie neu ihren Kindern selbst das Alltäglichste der Aussenwelt war.
Wenn man immer in der Stadt lebt und nicht reich genug ist, Reisen zu machen, so merkt man gar nicht, wie sehr man sich in dem Steinmeer einkapselt, und wie ungewohnt es ist, etwas anderes zu schauen als kahle Wände und hohe Schornsteine.
„Seht mal, die grosse, schwarze Wolke dort, welche so schnell über den Wald drüben hinwegzieht, gleicht einem grossen Schwan mit ausgebreiteten Flügeln!“
„O ja! Ich erkenne es auch! Wie wunderlich!“
„Jetzt verschwimmt der eine und gestaltet sich wie ein Kopf mit grossem, weit offenem Maul!“
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.