Kitabı oku: «In Ungnade - Band I»

Yazı tipi:

Nataly von Eschstruth

In Ungnade
I.

Roman

Mit Illustrationen von C. H. Küchler

Saga

In Ungnade – Band I

© 1894 Nataly von Eschstruth

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711469941

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

I.

Und tief an der Verzweiflung letztem Strande,

Führt er dem Herzen das Verwandte zu

Und trägt die Liebe siegend in das Leben!

Körner.

Wusste der Novembersturm, wie es in dem Herzen des Mannes aussah, der auf den Knien neben der Bahre des Bruders lag, — stumm und regungslos, selber einem Toten gleich? — Er musste es wissen, warum hätte er sonst mit gellendem Schmerzensschrei an dem morschen Balkenwerk des alten Kasernenfensters gerüttelt, gleichsam, als wolle er sagen: „Ich weiss, was du verlorst, ich weiss, was diese Stunde dir kostet, und darum graust es mich, wenn ich in dein starres Antlitz sehe, das nicht weinen und klagen kann, das bei dem Anblick des Dahingeschiedenen selber in dem Todeskampf eines tausendfachen Sterbens ringt! — Lass mich schluchzen und aufschreien für dich! — Lass mich weinen und seufzen, lass mich voll wilden Trotzes die Erde und alles, was darauf ist, packen und schütteln mit knirschendem Rachefluch, denn du selber kannst es nicht, — das Schicksal hat dich hernieder geschmettert, dass du betäubt und kraftlos an dieser Bahre liegst, — gleich einem Sterbenden neben dem Toten!“

Huh, wie es sauste und in den Lüften tobte! Und dann ein leises Wimmern vor den kleinen gebrechlichen Fensterscheiben, ein Tropfen und Rieseln, als ob bleiche Geister ihr Angesicht dagegen pressten, zu weinen um das junge Menschenbild, welches da drinnen so bleich und kühl auf den Kissen lag, als sei all sein jahrelang glückstrahlend und sorgenlos Leben nur ein Traum gewesen. Auf der hölzernen Bahre, so, wie man ihn aus dem nahen Garten hinter dem grauen Palais hierher getragen, lag der jüngste Offizier des Garde-Grenadier-Regimentes — Ortwin von Dahlen. Der Waffenrock war über der Brust geöffnet, die wachsbleichen Hände lagen gefaltet auf der wollenen Decke, welche man bei dem Transport über den Toten gebreitet. Ernst, still und farblos ruhte das sonst so frische, rosige Gesicht, dessen lachende Kinderaugen sich nun für ewig geschlossen; wie ein letzter Seufzer trotzigen Herzeleids schwebte es um die vollen Lippen unter dem blonden Schnurrbartflaum. — Ein liebes, junges, so gar junges Angesicht, hinter dessen Stirn noch ein ganzes Paradies voll seliger Hoffnung und Lebensfreude schlummern musste, und doch hatte die mörderische Kugel den Weg zu ihr gefunden, allem — allem ein Ende zu machen.

Das war eine einzige grauenvolle, blutrote Rose, welche dieser junge Lebensbaum getragen.

Reich, hübsch, vornehm, gesund, — ein Liebling aller, die ihn kannten, ein Schosskind des Glückes, und doch hob sich die Hand des Jünglings, all diese köstlichen Erdengüter von sich zu werfen, in einer Anwandlung unbegreiflicher Schwäche sich selber auf dem Opferstein der Verblendung hinzumorden!

Was konnte diese unselige That veranlasst haben? Hatte er Schulden? Nein! Davon hätte der Bruder, vor welchem der Erschossene nie ein Geheimnis gehabt, gewusst, und ausserdem war Ortwin ein reicher, unabhängiger Mensch, jeden Augenblick in der Lage, selbst sehr hohen Anforderungen gerecht zu werden. Waren ihm in dienstlicher Beziehung Unannehmlichkeiten bereitet? Nein! Die Bestürzung im Regiment war zu gross, die Trauer um den allgemein beliebten Kameraden zu ehrlich und aufrichtig, als dass sie einem Mann gelten konnte, welcher genötigt war, seine befleckte Ehre mit Blut rein zu waschen. Der Bruder des Verewigten presste das Antlitz laut aufstöhnend in die Hände. Die letzten Zeilen, welche ihm des Lieblings Lebewohl gebracht, lauteten: „Ich sterbe freiwillig, Aurel, weil ich das Leben, das grausam vergiftete, nicht mehr ertragen kann!“ Die letzten Worte eines Sterbenden lügen nicht; Ortwin hat dem Bruder nie im Leben eine Unwahrheit gesagt, wie sollte er es angesichts des Todes? Nein, er belog ihn nicht, aber er sagte ihm auch nicht die Wahrheit, er ging den letzten, schweren Gang mit herb geschlossenen Lippen, er riss nicht voll leidenschaftlichen Zornes die Schleier entzwei, welche sich ewig verhüllend vor das so blutig endende Drama seines Lebens senkten. — Er schwieg! Aber gerade dieses Schweigen war dem Bruder gegenüber die furchtbarste Beredsamkeit.

Ortwin würde ihm in jeder Lebenslage rückhaltlos seine Feinde genannt, sie ihm zur Rache überantwortet haben, sein Zorn würde sich in tausend Worten Luft gemacht haben, die Vergifter seines jungen Daseins zu brandmarken, auf ein Weib aber warf er keinen Stein, selbst dann nicht, wenn sie ihn in den Tod getrieben durch ein falsch und grausam Spiel. Der junge Dahlen war der Sprosse eines edlen, ritterlichen Geschlechtes, welches im Dienst der Frauen Schild und Schwert zu stolzem Sieg getragen, welches im Dienst der Frauen ohne Klage oder Rachegelüst manch bitteren Becher bis zur Hefe geleert. — War es ein Märchen, welches die alte Familiengeschichte der Dahlens wie in schlichter Selbstverständlichkeit vom Ahnherrn zum Enkel weiter erzählte? Jene Geschichte des Junker Kunibert von Dahlen, welcher des Kaisers Karl Tochter Emma voll treuer Ritterlichkeit liebte. Er war es, welcher der Geliebten die Flucht mit Eginhardt ermöglichte; er presste die Hand auf sein blutend Herz und griff zum Schwert, den Fliehenden ein Schutz und Wehr zu sein. Ihn hatte Emma geliebt, bevor sie den andern kannte, wandte sich treulos ab von ihm und gab ihn der Verzweiflung preis; der Junker Kunibert aber warf sich aufs Ross und folgte dem geliebten Weib durch Nacht und Wind, bereit zu sein, falls sie Hilfe brauche. Im Tann klirrte es von Schild und Speer; des Kaisers Mannen erreichten den Edeln, überwältigten ihn und verlangten von ihm zu wissen, wohin sich der Entführer und sein Lieb gewandt. Der Ritter kannte die Köhlerklause, welche die Liebenden barg, aber er hob nur voll stolzer Furchtlosigkeit das Haupt und antwortete angesichts des sicheren Todes: „Bin ich ein Schandbub, der ein Weib verrät?!“

Da wurden seine Lippen für ewig stumm.

„Bin ich ein Schandbub, der ein Weib verrät?“ schwebte dieser Hauch nicht auch um die trotzig geschweiften Lippen des späten Nachkommen, welcher um eines Weibes willen mit durchschossenem Haupt hier auf der Bahre lag? Um eines Weibes willen! Aurel hob jählings das Angesicht, seine schlaff niederhängenden Hände ballten sich, und ein Laut, rauh und heiser, wie zischendes Aufstöhnen entrang sich seiner Brust. Nein, Ortwin hatte die Verruchte, welche sein Leben vergiftet, nicht wie ein Schandbub verraten, aber sein Bruder verstand auch ohne Laut und Zeichen, welch eine qualvolle Anklage auf dem blassen, herbgeschlossenen Munde schwebte! Kein Wort, kein Buchstabe hat ihm den Namen der Unseligen genannt, aber Aurel wird sie suchen und finden, er wird mit ihr abrechnen über diese Stunde, er wird rächen, was sie an dem Toten und an ihm verschuldet hat!

An ihm! Ja, auch an ihm! Die Kugel, welche dieses jugendfrohe Haupt zum Staub hernieder gerissen, hat den Stiefbruder Aurel reich gemacht an Hab und Gut, aber an allem Glück, an aller Lebensfreude ist er durch sie zum Bettler geworden. Was ist ihm auf der Welt geblieben, seit sich diese lachenden Augen für ewig geschlossen, was mag ihm, dem ernsten, einsamen Mann noch sein freudlos Dasein erhellen, seit der Sonnenschein seines Lebens, seit Ortwin von ihm gegangen ist, um nie mehr wiederzukehren?

Wie ein Krampf schüttelt es die Glieder des Offiziers, welcher einsam an der Bahre des Bruders die Totenwacht hält. Als ihn die furchtbare Nachricht an das Lager des „Schwererkrankten“ gerufen, da war es ihm wie ein eisiges Grauen durch Mark und Bein gegangen, da hatte der Gedanke „nicht zu einem Schwerkranken, sondern zu einem Toten ruft man mich“ ihm wie ein zweischneidig Schwert ins Herz geschnitten!

Er hatte nicht sprechen, nicht vermuten, nicht in Worten seinem gepressten Herzen Luft machen können, er war wie ein Mondsüchtiger, blass und starr, dahin gewankt, seinen Urlaub zu erbitten. Und während ihn der Schnellzug von seiner Garnison zur Residenz trug, sass er stumm und regungslos, das fahle Angesicht tief geneigt, die Hände ineinander geschlungen, den glanzlosen Blick geradeaus gerichtet. Wie Feuergarben entsprühte es der Lokomotive, ein rotes Rauchgewölk stieg auf und ging auf Sturmesschwingen über dem nächtlichen Zuge her, wie einst Gott in der Feuersäule vor seinem Volk durch die Wüste ging. Durch eine Wüste! Ja, auch vor Aurels geistigem Blick dehnte sich das Leben nunmehr als ein trostloses Wüstenland, bar jeder Blüte, jeder Frucht, denn den Zweig, welchen es einzig getragen, hatte ein Wetterstrahl geknickt! Führte Gott auch ihn in solch ödes Sandfeld des Elends? Gott, derselbe Gott, der es doch wusste, dass er ihm mit dem Bruder alles nahm?!

Aurels Zähne knirschen zusammen; es überkommt ihn wie dumpfe Verzweiflung.

Nicht der Herrgott, der gütige, allbarmherzige geht vor ihm her in der Feuersäule, das ist Höllenlicht, welches seine glühenden Flocken im nächtigen Dunkel vorüber wirbelt, das ist ein grelles, verfluchtes Blendwerk des Satans, denn es geleitet ihn nicht zu einem Schwerkranken, bald wieder Genesenden, sondern zu einem Toten, der da Hand an sich selbst gelegt hatte.

Und in diesem Feuerreigen tanzen etliche Stellen aus Ortwins letzten Briefen durch die Gedanken des jungen Offiziers. Sie schildern ein Paradies voll Blütenduft und zauberischer Schöne, ein Leben voll Wonne, Reiz und Entzücken, aber mitten durch die Rosen und Saitenklänge zischt und ringelt sich schillernd ein Schlangenleib. Wo wäre auch ein Paradies, daraus nicht das Weib den Menschen vertreibt, jetzt wie ehedem! Ein Aufglühen geht durch das düstere Auge Aurels, da er jenes Weibes gedenkt! Wer mag sie sein? Wo wird er sie suchen müssen? Hoch droben unter den Sternen der Gesellschaft, oder tief drunten in Nacht und Sumpf, wo die Luft für jeden verpestet ist, der so streng, so unerbittlich hart über die Weiber urteilt, wie Aurel.

Ach, dass er seine Hände über den Liebling hätte halten können, wie die vielen, langen Jahre, da er ihm Bruder, Vater und Mutter zugleich sein musste! Sie haben ihn losgerissen von ihm wie das Blatt vom festen Stamm, — da fasste es ein Sturmwind und trieb’s zum Abgrund.

Aurel Heusch von Buchfeld hat nicht die Hände gerungen, als ihm die Nachricht über den schwer erkrankten Stiefbruder geworden, er hat auch keine Worte und Thränen gehabt, als ihn Ärzte und Kameraden mit umflortem Blick zu der Totenbahre geführt. Er hat nur leise vor sich hingenickt mit fahlem Angesicht und hat die Hände gegen die Schläfen gepresst, als träfe auch ihn in diesem Augenblick die mörderische Kugel. Und dann ist er langsam neben der letzten Lagerstatt des Lieblings in die Knie gesunken und hat die geschlossenen Augen und die Stirn auf des Entschlafenen kalte Hände gepresst.

Man hat ihn allein gelassen.

Die Uhr singt ihr einförmig, melancholisches Lied. — Vor kurzer Zeit noch ist jede Pendelschwingung ein Atemzug gewesen, des Lebens seligste Psalmen zu jubeln, oft mit den erwartungsvollen, sehnsüchtigen Kinderaugen Ortwins angeschaut. „Flieg’ schneller, o Zeit, und lass mich nicht so lang auf mein Glück warten!“

Da schlug sie ihm manch frohe Stunde mit ihrem silberhellen Klang — und heute ist ihre Stimme leise und verschleiert, als sänge sie durch Thränen ein todestraurig Schlummerlied.

Der einsame Mann an der Totenbahre aber hat die Gegenwart vergessen, seine Gedanken irren weit zurück, hin zu der fernen Jugendzeit, da er zum erstenmal diese kühlen, starren Hände lebenswarm in den seinen fühlte, herzliebe, unbegreiflich kleine Kinderhändchen, die sich um seinen Finger klammerten, als empfänden sie es instinktiv, dass des Bruders kraftvolle Rechte einst ihre Stütze und ihr Halt für’s Leben sein würde!

Die Fenster des alten Kasernenbaues schliessen schlecht. Eiskörner schlagen prickelnd gegen die Scheiben, und der Wind, welcher sie treibt, lässt die Kerzenflammen zu Häupten des Verblichenen flackern. Sie beleuchten das Angesicht Aurels, welcher sich langsam aufgerichtet und auf die Bahre gesetzt hat, mechanisch die Hand des Lieblings zu fassen, wie so oft im Leben, wenn er am Bettchen des Kindes oder später am Lager des erkrankten Jünglings gesessen, seinen Traum zu behüten.

Er sieht den Toten nicht an — sein Blick ist starr auf das Kruzifix zwischen den beiden Leuchtern gerichtet. Wundersam, wie verschiedenartig sind diese beiden Stiefbrüder, und dennoch — wie erschreckend fast ist ihre Ähnlichkeit. Wenn man an Spukgestalten glaubt, so möchte man wohl denken: des Selbstmörders Geist fand keine Ruhe, er ist zurückgekehrt und an seinen Leichnam gebannt!

Dieselben Gesichtszüge wie Ortwin trug auch Aurel. Was aber bei dem jungen Bruder rosig, kindlich weich und blühend erschien, das war in des Älteren Angesicht bleich und hager, schärfer und schattenreicher. Seine Augen waren nicht blau, sondern dunkel und tiefliegend, ihr Blick ernst, beinahe düster, nicht strahlend und lachend, sondern voll leidenschaftlicher Glut. Auch seine Haare erschienen dunkel gegen Ortwins goldblonden Scheitel, und so verschiedenartig die beiden Männerköpfe an und für sich waren, so frappierend wirkte dennoch ihre Ähnlichkeit auf den ersten Blick.

Ortwin besass ein liebes, treuherziges Knabengesicht, das Antlitz des Bruders aber schmückte einen fesselnd geistvollen Männerkopf und repräsentierte einen Typus, dessen bleiches Aussehen im Verein mit sprühendem Blick unbeschreiblich interessant macht und nie seine Wirkung auf sensible Frauengemüter verfehlt.

Aurel hatte niemals die Rolle eines solch gefährlichen Salonhelden gespielt oder spielen wollen. Sein Aussehen war ihm so gleichgültig wie all die Frauen und Mädchen, welche darüber urteilten. Er besuchte keine Gesellschaften, er war ein stiller, in sich gekehrter Charakter, welchem das moderne Leben auf Parkett und Turf zuwider war, ein Streber, welcher Tag und Nacht über seinen Büchern sass und um einer klassischen Vergangenheit willen die amüsanteste und pikanteste Gegenwart vergass.

Er hatte niemals Eroberungen machen wollen, er hatte niemals mit Bewusstsein einer Dame eine Artigkeit gesagt; sein Wesen war so schroff und unzugänglich im geselligen Verkehr, wie er im Dienst und im Kreise der Kameraden liebenswürdig und geistvoll anregend war. Dennoch nannten ihn auch seine Regimentsgenossen einen wunderlichen Heiligen, dessen gleichgültig kühles Wesen nur die Lavakruste über glühendem, wühlendem Kraterfeuer sei. Oft brach eine ungezügelte Rücksichtslosigkeit, eine Hartnäckigkeit im Verfolgen seiner Ziele, über Leichen gehend, durch die Glasur seiner äusseren gesellschaftlichen Formen, dass sie dem Beobachter wie die Blitze des Wetterleuchtens dünken mussten, welches drohenden Sturm und Donnerschlag verkündet.

Aurel Heusch von Buchfeld galt für einen Pessimisten, für einen Greis mit braunem Haar, welchem die Welt zuwider geworden war, ehe er sie kennen gelernt.

Wie aber soll ein Baum Blüte und Frucht tragen, wenn von seinem ersten Ersprossen und Aufkeimen an nur Rauhreif, Frost und sonnenloser Winterhimmel seine Ammen gewesen? Da war unaufhörlich Gift in das junge Menschenherz geträufelt, und es hatte sich in bitterer Qual dagegen gewehrt wie gegen sein Verderben! Aber es fielen stets neue Tropfen Wermut auf die frischen Wunden, die ätzten und frassen das Gold des Glaubens und des Vertrauens an, wie Rost. — Da blieb nichts als erloschener Glanz.

Eine freudlose, liebearme und öde Kindheit und Jugend lagen hinter dem jungen Offizier. Wie graue Schattenbilder ziehen die fernen, längst vergangenen Tage in der Erinnerung an ihm vorüber, als er auf der Totenbahre neben seinem Liebling sitzt, dessen schauerlich kalte Hand nicht wieder erwarmen will. Die Frauengestalten, welche bisher seinen Lebensweg gekreuzt, sind die Schatten, welche düster und unheilvoll darauf gefallen. Seine erste Erinnerung ist eine mürrische alte Frau, welche ihn schlug und schalt, gleichviel ob er artig gewesen oder sie erzürnt hatte. Sie war immer erzürnt und zankte sich mit den andern Mägden, dass dem lauschenden Kind das Herz erzitterte vor Furcht und Entsetzen. Diese Frau mit der mitleidslos harten, stets strafenden und niemals liebkosenden Hand hatte er lange Zeit für seine Mutter gehalten, und er that es darum, weil in den gräulichen Märchen, welche ihm die rothaarige Kammerjungfer erzählte, um ihn in fieberhafte Träume zu ängstigen, die Stiefmütter ihre Kinder hungern und frieren liessen, sie prügelten und schlachteten. — Er hungerte und fror oft, wenn er ungeschickt war und seine Milchtasse umwarf, oder wenn seine verwahrloste Kleidung ihm von dem Körperchen fiel, aber er fürchtete sich vor den zornigen Augen der alten Mutter und schwieg.

Sie war aber nicht seine Mutter. Eines Tages sagte man ihm: „Heute kommt die Mama von den Reisen zurück, sie war weit, weit fort, zwei Jahre lang in einem Land, wo es keinen Winter giebt.“

„Warum war sie fort?“ flüsterte er mit hochklopfendem kleinen Herzen, und die Freude, dass die garstige, böse Christiane nicht seine Mutter war, trieb ihm alles Blut in die hageren, blassen Wänglein.

„Weil sie sich in Italien als Witwe besser amüsieren konnte!“ brummte die Wärterin mit hässlichem Grinsen, und dann zog sie ihm sehr schöne Kleidchen an und sagte: „Wenn dich die Mama fragt, ob wir alle gut zu dir waren, dir immer schönes Essen und Spielzeug gaben, dann sagst du: ja! Hörst du? Sonst schlage ich dich in der Nacht, wenn wir allein sind!“

Eisiger Schauder ging durch des Kindes Körperchen, aber er vergass seine Angst in der freudigen Erwartung seiner Mama. Gehorchen aber wollte er der Christiane — sonst hätte sie ihn ja umgebracht wie die böse Hexe das arme Hänsel und Gretel! — Ach, was hätte er darum gegeben, wenn er diese beiden aus dem Zauberhäuschen hätte erretten können, aber Christiane erzählte gar schauerlich von ihrem Tod.

Seine Mutter kam. — Wie war sie so schön, als sie sich über ihn neigte und ihn küsste! Sein Herzchen zitterte vor Entzücken, und er breitete ihr mit lautem Jubel die Arme entgegen und jauchzte: „Mama!“

„Pfui, was hast du für schmutzige Hände!“ Und die schöne Mama mit den langen Lockenhaaren und dem rosigen Gesicht stiess ihn voll Entrüstung zurück. „Nicht einmal gewaschen ist das Kind, Frau Roland! Das ist ja empörend — ich werde Sie aus meinem Dienst entlassen! Gehen Sie und kommen Sie mir mit Aurel nicht eher wieder unter die Augen, als bis der kleine Schelm salonfähig ist!“

Wie böse und schrill ihre Stimme klang! Aber Christiane machte wunderbarerweise ein sehr gutes Gesicht und bat um Vergebung: „Das Kind sei so schrecklich wild und ungezogen, kaum frisch angekleidet, beschmutze es sich sofort.“ — Und dann ging sie mit ihm.

Als sie allein waren, schlug sie ihn. Und er weinte bittere, bittere Thränen.

„Sie ist genau noch derselbe bitterböse Teufel, wie vormals!“ tobte die Kammerjungfer, als sie nach kurzer Zeit mit dunkelrotem Kopf hereingestampft kam, und dann sagten die beiden Frauen viel böse Dinge über seine schöne Mama. — Er ballte trotzig die kleinen Hände und nahm sich vor, ihr alles wiederzusagen, sowie er sie wiedersehen würde. Aber er sah sie lange nicht, und als er zu ihr geführt wurde, stand sie vor dem Spiegel und hatte ein goldenes Kleid an wie die Fee im Märchenbuch. Sie nickte ihm zu und strich flüchtig mit der Hand über sein Köpfchen; sie wollte auch zu ihm sprechen, der Diener aber brachte gerade einen grossen Blumenstrauss und einen Brief. Da musste die Mama lesen und viel lachen, und Aurel stand vergessen in der Ecke und wagte kaum zu atmen. Aber er wartete voll Sehnsucht, dass sie ihn küssen möchte — er hätte gar zu gern einmal das wunderschöne Kleid gestreichelt — aber die Mama liess sich schnell den Mantel umgeben, schalt die Jungfer über dies und jenes und rauschte durch die Thür. Ihren kleinen Knaben hatte sie ganz und gar vergessen. Thränen traten in die Kinderaugen, und das strahlende Bild seiner Mutter erblich unter ihrem bitteren Tau.

Seine Mama! War sie es wirklich?

Es giebt wohl keinen grösseren Philosophen, als wie ein Kindesherz, keinen Philosophen der Gelehrsamkeit, sondern einen des Gefühls. Aurel war noch ein Kind, aber er fühlte und empfand es, dass seine Mutter unrecht gegen ihn handelte, er wusste, dass er grausam von ihr vernachlässigt wurde, und dass dies eine Schuld war. Sein junges, weiches Herzchen sehnte sich so instinktiv nach mütterlicher Liebe, wie eine zarte Schlingpflanze sich anklammert an den Stamm, welchen die Natur zur Stütze neben ihr erwachsen liess — sie schmiegt sich an ihn, unbewusst solchen Thuns, und sie verkümmert, wenn rauhe Stürme sie abreissen und zu Boden werfen.

Den ganzen Tag über freute sich Aurel auf den Augenblick, wo er seine schöne, strahlend gekleidete Mama sehen durfte, und wenn er ihr schüchtern entgegentrat, wehte es ihm wie Schneeluft aus den glänzenden Atlasfalten entgegen, zog ein Frösteln durch Mark und Bein, wenn sie ihn mit den meist sehr ärgerlich blickenden Augen einen Moment ansah, als wolle sie sagen: „Mon dieu, auch das noch! Ich bin eilig genug!“ Und sie griff hastig in eine Bonbonniere und warf ihm eine Hand voll Konfekt auf den nächsten Sessel. „Komm und iss, Baby, aber sei artig und störe mich nicht!“

Seine Kehle war wie zugeschnürt, er konnte nicht essen, er stand und sah auf seine Mutter, seine oft so böse, masslos heftige Mutter.

Er war so allein, immer so allein, und sein Herz krampfte sich zusammen und ward hart und erbittert.

Immer älter ward er, und je sehender seine Augen wurden, desto finsterer blickten sie darein. Da lernte er den Leichtsinn der schönen, modernen Weiber kennen, und wenn er eine Zeitlang an den Portieren der strahlend erleuchteten Salons gestanden, die frivolen Worte gehört hatte, mit welchen seine Mutter sich selber die Achtung ihres Sohnes nahm, dann biss er die Zähne zusammen und schritt in sein stilles Stübchen zurück, bei den Lehrbüchern zu vergessen, dass Lieb und Treue nur uraltmodische Märchen seien! Und dann kam eine Zeit, wo es die schöne Witwe amüsierte, sich ihren heranwachsenden Sohn zum ersten Verehrer heranzubilden. Sie sprach mit ihm über ihre Verlobung, ihre Ehe mit seinem Vater und lehnte sich lachend in den Sessel zurück, zerpflückte die Rose mit graziösen Händchen und versicherte ihm in einer Weise, in welcher man wohl sonst über das Wetter spricht, dass sie den Verstorbenen nie geliebt!

Da knirschten des Knaben Zähne, und er liebte seinen armen, betrogenen Vater, von welchem er nie zuvor gehört; zwischen ihn und die Sprecherin aber riss sich eine Kluft, welche breiter und breiter ward, so breit, dass sie nichts auf der Welt überbrücken konnte! Ja, sein Vater war gestorben, während sein schönes Weib auf dem Maskenball als Odaliske Triumphe feierte, und doch hatten ihr die Ärzte gesagt, es gehe in dieser Nacht zu Ende.

Und als Aurel zwischen Tod und Leben im Fieber lag, liess ihn die Mutter in ein Krankenhaus bringen und reiste der eignen Erholung wegen nach Ostende. Ihr mürrischer, pedantischer und unliebenswürdiger Sohn war ihr von Tag zu Tag unsympathischer geworden. Allein und verlassen in den Händen liebloser Pflegerinnen lag er, und die Thränen bitterer, herber Resignation rollten über seine bleichen Wangen. Er liebte niemand und ward von niemand geliebt. „Und wenn die Welt voll Teufel wär’!“

Ja, sie war voll Teufel, und diese Teufel waren die Weiber!

II.

Gesäet hab’ ich meine Freude

Tief in die Erde hinein!

Anast. Grün.

Der junge Offizier strich mit schwerem Atemzug über die Stirn. Kalter Schweiss stand darauf, sein Haupt sank tiefer, als breche es unter der Wucht der Erinnerung nieder.

War er wirklich ein schwerfälliger, schroff und unliebenswürdiger Bursche gewesen, wie seine Mutter oftmals voll Spott oder Zorn ihm versichert? Wohl möglich. Er hatte niemals Freunde gehabt, er ging seinen eignen, einsamen Weg, und als er sein fünfzehntes Lebensjahr erreicht, stand er müde und gleichgültig, wie ein alter Mann, inmitten der tollen, leichtlebigen Welt und schaute finstern Blicks auf ihren Karneval, der mit rasselnden Schellen über Leichen und Gräber tanzt. Er wunderte sich nicht, als ihn seine Mutter eines Tages in ihren Salon rufen liess, ihm den Oberstleutnant von Dahlen als zukünftigen Stiefvater vorzustellen. Er staunte nur, dass es nicht schon längst so gekommen war.

Dahlen war ein reicher, stattlicher Mann, passionierter Kavallerist, derb, beinahe rüde, gesellschaftlich von heiterer, lebenslustiger Art, im näheren Verkehr von eisernem, meist rücksichtslosem Willen. Da hatte der Schmetterling eine energische Faust gefunden, welche ihm die Flügel band.

Eine kurze Zeit schien sich das Leben Aurels unter der braven Fürsorge des Stiefvaters und den geregelteren Verhältnissen im Elternhause besser zu gestalten, aber die prophetischen Lästerzungen der Residenz hatten recht gehabt: „Ungleich kann mit Ungleich nur in Liebe sich verbinden“, und hier fehlte die Liebe, wenigstens auf der Seite der noch immer schönen, aber auch ebenso flatterhaften und leichtsinnigen Frau vollkommen.

Es kam bald zu heftigen Scenen, bei denen Aurel nur zu oft Zeuge war. Wie eine schillernde Schlange bäumte sich die eigenwillige Frau gegen das Regiment des Gatten, und seine jähzornige Art verstand es nicht, sie mit der Schalmei und Pfeife zu besänftigen, sondern schlug in sinnloser Heftigkeit mit Keulen darein. Und dennoch hatte er recht, wenn er sein Weib nicht auf den Trödelmarkt der Welt liefern, sondern für sich allein bewahren wollte. Das waren entsetzliche Zeiten für Aurel, den der Klang von Hader und Streit bis in die tiefsten Träume verfolgte.

Und dann kam eine Zeit bleierner Ruhe. Seine Mutter war in unbeschreiblich gereizter Stimmung und schloss sich viel ein, — der Oberstleutnant war selten zu Hause, entweder versah er seinen Dienst, oder er huldigte seiner Passion auf dem Rennplatz.

Wie still, wie entsetzlich öde war es in dem grossen Haus! Aurel sass noch tief in der Nacht bei seinen Arbeiten, und er lehnte die heisse Stirn auf die verschränkten Arme und hätte aufschreien mögen vor Herzeleid. — Wie Heimweh überkam ihn die Sehnsucht nach einem einzigen lebenden Geschöpf, welches er mit aller Überzeugung lieb haben könnte! Und wär’s nur ein Hund, ein treuer, braver Hund, er wollte sich an ihn klammern, wie an eine Planke inmitten der wirbelnden Lebensflut, welche ihre ekelhaften Untiefen von Falsch, Gemeinheit und Verrat nur zu oft schon vor seinen jungen Augen aufgerissen! Nur ein einzig lebendes Geschöpf, das er lieben kann, und das ihn wieder liebt! — Seine Augen brennen, er möchte weinen und aufschreien in seiner Verlassenheit.

Da laufen eilige Schritte über den Korridor, vor seinem Zimmer zögern sie momentan. Dann wird die Thüre aufgerissen. Die alte Christiane steht vor ihm, einen wunderlichen Ausdruck im Gesicht, halb boshaft, halb mitleidig.

„Sie sind noch munter, Herr Aurel? Na, dann kommen Sie nur mal mit und sehen Sie sich die Geburtstagsbescherung an, die Ihnen die Mama für morgen aufgetischt hat! Hihi, ein Brüderlein! ein kleiner Dahlen! Nun ist es nichts mehr für Sie mit der dereinstigen Erbschaft! — A bah, werden sich schon selber durchs Leben schlagen, Sie sind ja ein so kluger, junger Herr.“

Aurel starrt sie an wie im Traum. „Richtig, morgen ist ja mein Geburtstag“, murmelte er, „und was hat man mir aufgebaut? Ein Brüderlein? Was heisst das?“ Und dann wie in jähem Verstehen aufspringend, umklammert er den Arm der Alten und schreit auf wie in gellendem Jubel: „Einen Bruder, einen kleinen Bruder habe ich?“

„Na na, für Sie ist die Freude dabei wohl nicht so arg“, schüttelt Christiane seine Hand unwirsch von sich ab. „Warten Sie nur noch ein paar Jährchen, dann werden Sie schon sehen, was das kleine Maul Ihnen für einen fetten Brocken wegschluckt!“

Aurel hörte kaum noch, was sie sagt, sein Herz klopft ihm hoch im Hals, er hat nur das Gefühl, als müsse er die widrige Schwätzerin mit Fäusten zu Boden schlagen und dann zu dem kleinen Bruder eilen, diesem Himmelsgeschenk, welches der barmherzige Herrgott selber für ihn, den Armen, Einsamen, in die Wiege drunten gelegt!

Leise, vorsichtig tritt er in das matterleuchtete Gemach, weit entfernt von dem Schlafzimmer seiner Mutter, in welches man die Wiege mit dem Neugeborenen gestellt. So feierlich ist es ihm kaum zu Mut gewesen, wenn er Sonntags in die Kirche getreten; er hält den Atem an und blickt starr auf die grünseidenen Vorhänge, hinter welchen ein Wesen atmet, das ihn wie durch Zaubergewalten zu sich heran zieht. Ein unendlich zartes, aber frischkehliges Geschrei begrüsst ihn, und wie Aurel behutsam die Stofffalten beiseite zieht, blickt er hochklopfenden Herzens in ein Kindergesichtchen, hochrot und ärgerlich verzogen vom Weinen, und zwei kleine, wunderkleine Händchen regen sich auf der Decke, als ob sie sich dem Bruder vorwurfsvoll entgegen heben wollten, „du siehst, wie man mich vernachlässigt, komm und hilf mir!“

Voll Entzücken fasst Aurel das winzige Patschchen, und Wunder über Wunder, der Kleine umklammert den Finger mit kräftigem Fäustchen, hält sich fest, ganz fest an ihm und schliesst die Augen zum Schlaf, als sei er nun zufrieden gestellt.

Wie ein Aufjubeln unbeschreiblicher Freude geht es durch das Herz des einsamen Knaben, er hält die Hand regungslos, zieht sich mit der Linken leise einen Stuhl heran und setzt sich neben der Wiege nieder.

Die Amme kommt und sieht nach dem Kind; es schläft, und die Bäuerin stampft träg und müde in das Nebenzimmer zurück.

So war Aurels Platz seit der ersten Stunde an der Seite des kleinen Bruders gewesen, und er blieb es sein Leben lang. Als Ortwin der Amme entwachsen war und Tag und Nacht mit gar kräftig durchdringendem Stimmlein das Elend durchbrechender Zähne beklagte, als die Kinderfrau in unwirscher Weise über den Schreihals klagte und seine Mutter ebensowenig Zeit hatte, wie ehemals für den ältesten Sohn, da wunderte man sich kaum und verwehrte es durchaus nicht, als Aurel eines Tages das Kinderbettchen mit starken Armen fasste, es in sein Zimmer neben sein eignes Lager zu tragen. Da nahm er stummen, aber energischen Besitz von dem Brüderchen, und dieweil er über seinen Arbeiten sass, bewegte er mit der freien Hand den Babywagen, unterbrach sich, den Kleinen mit rührender Geduld zu speisen, mit ihm auf dem Arme stundenlang in der Nacht umher zu wandern, ihn zu hegen und zu pflegen. Man freute sich eines solch braven Bruders, der nie ein Wort darüber verlauten liess, ob ihm ein solch mühevolles Kinderwarten Last oder Vergnügen sei, dessen Augen aber in unbeschreiblichem Entzücken strahlten, sobald ihr Blick auf dem kleinen Herzblatt ruhte. Er stürmte aus dem Gymnasium heim, warf die Bücher von sich und hob das Brüderchen voll schier mütterlicher Zärtlichkeit an die Brust empor, wenn der Kleine ihm voll Jubel entgegenkrähte; jede freie Minute gehörte Ortwin, und je mehr das stramme, blonde Bürschchen heranwuchs, je fester und inniger verschmolzen die Bruderherzen in Liebe und treuer Kameradschaft. Aurel war dem Kleinen alles. Anfänglich teilte er zwar noch des Brüderchens Liebe mit dem Oberstleutnant, welcher in seiner Art das Söhnchen verhätschelte und viel herzliche Freude an dem heranwachsenden Bübchen hatte, als aber eines Tages der Vater im stolzen roten Kleid zur Parforcejagd geritten und nicht mehr heimgekommen war, sondern mit gebrochenem Rückgrat im kleinen Jagdschloss Föhrheide lag — da war Aurel dem verwaisten Knaben Vater und Bruder zugleich geworden. Nun gehörte ihm Ortwin ganz und gar zu eigen, und niemand machte ihm mehr seinen Besitz streitig, denn die verwitwete Frau von Dahlen liess ihrer Reisepassion nun vollends die Zügel schiessen, und Ortwin hörte nur von seiner Mutter, wenn der Bruder ihm aus flüchtiger Postkarte vorlas, wo Mama sich zur Zeit amüsiere.

Aurel lebte nur noch für sein Brüderchen; jede Faser seines Herzens gehörte ihm. Er pflegte ihn während seiner Krankheiten, er spielte und lernte mit ihm, er wachte über ihn, wie über ein Heiligtum. Da war kein Gedanke in Ortwins Herzen, welchen der abgöttisch geliebte und verehrte, stille, ernste Bruder nicht gewusst hätte, und wie ein Vater seinen Liebling vor jedem Gifthauch der Welt hüten möchte, so hielt Aurel die Hände über das einzige Wesen, welches ihm Leben und Dasein lieb machte, voll eifersüchtiger Angst bemüht, ihn allem fern zu halten, was Weib hiess, denn die Frauen waren die düstern Schatten, welche ihm Herz und Seele seit Kind auf in Nacht gehüllt hatten.

Ortwin wuchs empor, ein frisches, glückseliges Kind, ein Knabe von sprudelnder Heiterkeit, voll Lebenslust und reicher Begabung, dem aber zu Aurels heimlichem Kummer auch jener eine Tropfen leichten Blutes als mütterliches Erbteil überkommen, welcher sich flott und gewissenlos über Schranken hinweg setzt, welche die Pflicht zieht. Aurel erkannte die Gefahr, und wie ein guter Gärtner war er rastlos bemüht, dieses eine Pflänzlein Unkraut zu roden und auszumerzen, eine Arbeit, welche der liebe Herrgott zu segnen schien, denn das liebe, sorglos lachende Gesicht gewöhnte sich daran, ernster zu schauen und zu denken, als man bei so grosser Jugend verlangen konnte. Aurel erweckte ihm ein fast übertriebenes Ehrgefühl, und aus Sorge nichts zu dulden, was bei Ortwins leichter Beanlagung zum Unsegen für ihn werden könne, erzog er ihn in fast pedantisch strengen Grundsätzen, welche sich wie sichere Anker an des Schmetterlings kecke Schwingen hängen sollten. Möglich, dass er darin zu viel that, aber — kann man des Guten je zu viel thun? Kann Rechtlichkeits- und Pflichtgefühl je zu gross sein?! Aurel meinte es so gut, seine ganze Seele wurzelte ja in dem kleinen Liebling, seine einzige Mission auf der Welt war es ja, im Sorgen, Hüten, Pflegen und Beschützen des Bruders aufzugehen.

Das einzige Glück, welches er noch neben Ortwin kannte, war sein Studium. Er hatte keinen grösseren Wunsch, als sein Leben im stillen Studierzimmer zu fristen, in ernstem Forschen und Schaffen zum Segen der Menschheit zu werden. Sein Abiturientenexamen war glänzend bestanden, nun sollte es auf die Universität gehen, selbstverständlich auf diejenige der hiesigen Residenz — Ortwins wegen, denn trennen konnte und durfte er sich ja nie von dem Kleinen!

Da kam ein schwerer Schlag, und wieder war es eine Weiberhand, welche voll sündhaften Leichtsinns all sein geträumtes Glück zerschmetterte. Seine Mutter kehrte hochgradig nervös und übellaunig von ihren Reisen zurück, weil sie der Mangel an Geld heimgetrieben. Da stellte es sich heraus, dass das Vermögen ihres ersten Gatten, welcher sie, und nicht Aurel, zur Erbin gemacht, weil er das Eigentum des Kindes in mütterlichen Händen am sichersten bewahrt geglaubt, vollständig verbraucht war. Herr von Dahlen aber hatte sein grosses Vermögen dem Sohn Ortwin sichergestellt und seiner Gemahlin, mit welcher er sehr unglücklich gelebt, nur eine bescheidene Rente ausgesetzt. Da war Aurel durch den Leichtsinn der Mutter zum völlig mittellosen Menschen gemacht; an Studieren war kein Gedanke mehr, und mit knirschenden Zähnen, voll unsagbarer Erbitterung, musste sich der junge Mann entschliessen, in billiger, weltferner Garnison als Avantageur einzutreten. Ein alter Onkel von ihm, leidenschaftlicher Soldat, versprach den Neffen zu unterstützen, falls er sich entschliessen wolle, Offizier zu werden und in seinem alten Regiment einzutreten. Aurel wurde ungern Soldat. Er fühlte sich herausgerissen aus den Bahnen seiner ureigentlichen Bestimmung, und das machte den so wie so schon ernst und finster beanlagten jungen Mann noch unzugänglicher und pessimistischer, als zuvor. Von Ortwin aber trennte er sich nicht. Wie ein Verzweifelter bekämpfte er die Schwierigkeiten, welche ihm Ortwins Vormundschaft in den Weg legte, und setzte es nach langen Mühen durch, dass der Stiefbruder ihn in die norddeutsche Garnison begleitete, die dortige Schule zu besuchen. Er selber hatte sich anheischig gemacht, für die Studien des jungen Dahlen zu sorgen, und da man seinen Kenntnissen sorglos vertrauen durfte, so liess man ihn nicht nur Vater und Bruder, sondern auch Lehrer des Knaben sein. Die Geselligkeit der kleinen Stadt existierte nicht für ihn, er zog sich völlig zurück und widmete jede dienstfreie Minute dem Bruder. Man nahm es ihm seltsamerweise nicht übel, im Gegenteil, das rührende Verhältnis dieses ungleichen Brüderpaares bildete lange Zeit das Gesprächsthema der ganzen Stadt, und manches Frauenauge weilte voll herzlichen Wohlgefallens auf den beiden, wenn sie einträchtiglich und voll inniger Zärtlichkeit Arm in Arm daher wandelten.

Wie zu einem lieben, unfehlbaren, andächtig verehrten Meister blickte der goldblondlockige Knabe mit dem rosigen Gesicht und den blauen, lachenden Augen zu dem jungen Offizier empor, der hoch, schlank, blass und ernst an seiner Seite schritt und dennoch so unbeschreiblich zärtlich zu dem Kleinen herniederlächeln konnte.

Man sprach viel darüber, auch über die mehr als sonderbare Mutter der beiden, deren Leumund ein erschreckender war, dessen schrille Missklänge selbst bis hierher in die weltferne kleine Stadt getragen waren. Die jungen Damen schwärmten heimlich für den interessanten Herrn Heusch von Buchfeld, welcher so gar keine Notiz von ihnen nahm, sondern mit seinem kalten, finsteren Blick so gleichgültig über sie hinweg und an ihnen vorüberschaute, als wandle er mutterseelenallein durch ein Feld von Kohlköpfen.

Verlangte es die kameradschaftliche Pflicht, dass er in geselligem Kreise im Haus seiner Vorgesetzten erschien, so stand er nach steifem Kompliment vor den anwesenden Damen, mit irgend einem älteren Herrn in mehr oder minder lebhafter Unterhaltung in einer Ecke, und musste er eine Dame zu Tisch führen, so war er ein so schweigsamer Nachbar, dass den Gastgebern der Angstschweiss ausbrach, und er das nächste Mal als überzähliger Herr den chevaleresken Verpflichtungen enthoben wurde.

Man nahm es ihm nicht übel; er war nun einmal solch wortkarger, wunderlicher Heiliger, und gerade dieses damenfeindliche Schweigen machte ihn so interessant und gab ihm in den Augen der Mütter und Töchter einen ganz besonderen Nimbus. Nun sollte und musste er erobert werden!

Die bildschöne, etwas leichtlebige Frau eines Kameraden versuchte es mit Kokettieren, — einmal und nicht wieder. Es lag ein so unbeschreiblicher Ausdruck in den düsteren Augen, welche ihr schier zornig entgegenflammten, ein so verächtliches Zucken um die schmalen Lippen des jungen Offiziers, dass es der „Madame Potiphar“ höchst unbehaglich über den marmorweissen Nacken rieselte. Sie ward verlegen, belachte ihren riskierten Scherz allein und wandte sich nach einem zweiten missglückten Versuch, ihren unzugänglichen Nachbar mit feurigsten Augenblitzen zu entflammen, zu ihrem Tischherrn, um demselben mit schaudernd hochgezogenen Schultern zu recitieren: „Mich friert, mich friert, ich möcht’ zu Hause sein!“ Sie fand bei ihm glücklicherweise mehr Verständnis für „leben und leben lassen“, und als sie später an das Klavier trat und in ihrer Soubrettenmanier die modernsten Couplets sang, da zuckte ihr Blick voll Ironie zu dem „prüden Joseph hinüber“, als sie mit schelmischem Knix trillerte:

Überm Baum, unterm Baum

D’s Eichelkatz springt.

Sucht sich a anner’ Nuss,

Wann’s die a net aufbringt!

Sang’s und that’s.

O, wie hasste, wie verabscheute Aurel diese Weiber mit dem weiten Gewissen und der laxen Moral! Lachen und singen, „immer mit leichtem Sinn tanzen durchs Leben hin“, um dabei mit schneeweissen Händchen das Lebensglück der eignen Kinder zu untergraben! Eine wie die andere. Sie tragen nur verschiedenfarbene Mäntelein, das Truggold der Satanellenflitter damit zuzudecken.

Kokettieren verfing nicht bei dem wunderlichen Patron, das sahen die Damen bald ein, und für „anschmachten“ und „anschwärmen“ hatte er vollends kein Verständnis. Ein ältlicher Blaustrumpf versuchte ihn durch geistvolle Unterhaltung zu reizen, aber sie hatte die Kenntnisse des blassen Leutnants unterschätzt und nicht geglaubt, dass er so nervös und ungeduldig werden könne, wenn eine Dame gelehrten Unsinn redet, darum war sie über seine „schroffe Lehrmeistermanier“ pikiert.

Aurel aber hatte in ihr eine neue, höchst unangenehme Species von Frauen kennen gelernt, und er legte die Hand auf den blonden Lockenkopf des Lieblings und seufzte: „Könnte ich dich doch vor der Schlange im Paradiese schützen, mein Ortwin! Mit den Löwen und Tigern wirst du schon allein fertig werden, aber die Versucherin steckt in gar schillernder Haut und gleitet so sacht — und ringelt sich so fest um die starken Männerherzen, dass sie ihr unterthan werden.

Und wenn er mit Ortwin die Klassiker las, so runzelte er oftmals die Brauen, wenn der heranwachsende Knabe voll feuerblütiger Begeisterung sich seine Ideale unter den Heldinnen wählte. Und welch einen gefährlichen Geschmack hatte er! Eine „Prinzessin Eboli“, eine „Adelheid“ im Götz von Berlichingen, eine „Helena“, die durch ihre treulose Flucht so namenloses Kriegselend heraufbeschworen hatte, interessierten ihn bei weitem mehr, wie eine „Amalia“ oder „Iphigenie“, und wenn Aurel ihm zornblitzenden Auges die Schlechtigkeit und Gefährlichkeit solcher Weiber klar legte, so warf der Bruder mit selig leuchtenden Augen das lachende Angesicht zurück, breitete die Arme weit aus und rief: „Aber sie sind ja so schön, Aurel! Siehst du, die Eboli denke ich mir gerade so, wie die Frau Leutnant von Barning, die den Spitznamen „Madame Potiphar“ bei dir hat. Siehst du, der bin ich heute auf dem Eise eine Stunde lang nachgelaufen, nur um sie anzusehen. Wie war sie so entzückend hübsch, als sie mit deinen Kameraden scherzte und lachte. Und denk doch, mir hat sie auch zugenickt — nicht einmal, nein zweimal!“

Aurel biss die Zähne zusammen, und er ward diesmal so unbarmherzig und erschreckend in seinen Zornreden gegen alles, was da Weib hiess, dass der Bruder ganz erschrocken verstummte. Einmal aber kam er mit hochgerötetem Kopf und strahlenden Augen und hielt ein Buch in der Hand: die Familiengeschichte der Dahlen, welche sein Onkel, der kommandierende General, ihm zur Konfirmation geschenkt hatte. Da stand die alte Familienlegende von dem Kunibert zu lesen, der seiner so treu und hoffnungslos geliebten Prinzessin Emma zum Lebensretter wurde, der stolz seine eigne Brust darbot und, tödlich getroffen, zusammensank mit dem ritterlichen Rufe; „Bin ich ein Schandbub, dass ich ein Weib verrate?!“

„Wenn die Frauen allesamt so schlecht und bösartig wären, wie du meinst, Aurel, würde dann mein Ahnherr eines so herrlichen Todes für die Dame seines Herzens gestorben sein?“ rief er in flammender Begeisterung.

Da war ein schwerer, mächtiger Felsen auf die sorgsam gehütete Lebensbahn geschleudert worden, und wenn Aurel auch dem Bruder an der Hand wissenschaftlicher Forschungen die Nichtigkeit dieser Tradition nachweisen konnte, da die Prinzessin Emma niemals mit Einhard, dem Biographen Karls des Grossen, entflohen ist, so stiess er diesmal auf hartnäckigen, beinahe trotzigen Widerstand bei dem so leicht entflammten jungen Menschen. Gerade in den schwärmerischsten Jahren stehend, hatte er diese herrliche Legende voll Begeisterung aufgenommen, hatte die Worte des Ahnherrn als Devise auf dem Schild geschrieben, unter welchem er für das ewig Weibliche kämpfen und siegen wollte. „Du bist eben kein Dahlen!“ hatte er ungestüm gerufen. „Du hältst das Vermächtnis meiner Väter nicht in Ehren, ich aber will es mein Leben lang thun!“

Das war das einzige Streitwort gewesen, welches je zwischen den beiden Brüdern gefallen, und als Aurel sich mit schmerzlich und herbe geschlossenen Lippen ohne Antwort an seine Arbeit setzte, da schlang Ortwin voll Reue und Zärtlichkeit die Arme um ihn und bat ihn um Vergebung.

Wie hätte Aurel diesen glückseligen Kinderaugen widerstehen können? Er zog den Liebling in die Arme und sagte leise: „Ich habe dich lieb, Ortwin! Ich möchte dich beschützen, denn meine Augen sind hell und sehen die Zukunft. Die aber kann nicht glücklich sein, solange du ein Weiberknecht bist. Gebe Gott, dass du dereinst unter all den giftgen Blumen die dornenlose Rose finden mögest — solange ich bei dir bin, soll dir keine Belladonna die Augen blenden!“

Ja, hätte er ihn immer bei sich behalten können, das Unglück wäre nie geschehen! — Ortwin war reich, sein Vormund, der General, hatte ihn für die Kavallerie bestimmt, aber die Brüder hingen in so viel Liebe und unverbrüchlicher Treue aneinander, dass der junge Dahlen voll hartnäckiger Konsequenz darauf bestand, um Aurels willen auch Infanterist werden und in seinem Regiment eintreten zu wollen. Wer aber vermag gegen den eisernen Schritt der Militaria anzukämpfen? Er zermalmt unbarmherzig die Pflänzlein Wunsch und Hoffnung und reisst auseinander, was doch mit Herz und Seele verwachsen ist.

Ortwin ward zwar Infanterist, aber den Bemühungen des Onkels war es gelungen, den jungen Mann in einem Regiment der Residenz anzubringen, und Aurel presste die geballten Hände gegen die Stirn und fluchte der Grausamkeit des Schicksals. Er war von Natur ein leidenschaftlich aufbrausender Charakter, und der düstere Ernst seines Wesens war nur das Resultat seiner unnatürlichen Erziehung.

Nun musste er seinen Liebling, seinen Sonnenschein, dahingeben, musste das blutjunge Bürschchen, vor dem die Welt noch wie ein grosses, unverstandenes Wunder in eitel Licht und Rosenglanz lag, allein hinausschicken in ein Leben voll Versuchung und Gefahr! Er hatte nur für diesen Bruder gelebt und existiert — seine Liebe für Ortwin war der gute Engel gewesen, welcher manchen Dämon der Leidenschaft in ihm gebändigt und niedergehalten hatte; nun riss der Wille des militärischen Gesetzes dieses einzig auf der Welt ihm nahe stehende Wesen unter seinen schirmenden Händen fort. Er musste sich fügen, aber er that es voll Groll und Bitterkeit.

Ortwins Briefe waren die Lichtblicke in seinem öden, vereinsamten Dasein — sie kamen sehr häufig und waren voll überströmender Liebe und Zärtlichkeit, voll Jubel und Entzücken über Welt und Leben, welches sich ihm, dem Fähnrich, bereits in liebenswürdigstem Glanze zeigte. Durch Konnexionen war der junge Mensch, noch ehe er die Epaulettes trug, in die Geselligkeit der Residenz eingeführt, und er schrieb voll wahrhaft kindlicher Begeisterung über jedes einzelne Fest, über die Menüs, die anwesenden, interessanten Persönlichkeiten, über Theater und Konzerte — über irgend eine Dame nie. Er hatte seit jener einen heftigen Scene über den Ahnherrn Kunibert niemals wieder ein Thema berührt, welches das Gespräch auf die Frauensrage hinüberspielen konnte.

So war die Zeit dahingegangen, die Brüder benutzten jeden Urlaub, sich wiederzusehen, und weil es Aurel wünschte, kam der Jüngere zu ihm; die Residenz und ihr flottes Leben war dem wunderlichen Grillenfänger Heusch von Buchfeld verhasst. Nie fiel ein Wort, welches ihn um des jungen Bruders Glück besorgt machen konnte, bis plötzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel die entsetzliche Nachricht kam, welche ihn an die Bahre des Lieblings rief. Da war alles aus, da lag alles Lebensglück zertrümmert.

Der bleiche Träumer sprang empor und presste mit flackerndem Blick die eiskalten Hände gegen die Schläfen. Was sollte er nun noch auf der Welt? Was kettete ihn noch an ein Leben, das jeglichen Wert und jeden Reiz, für ihn verloren? Ein Leben, welches ihn stiefmütterlich und grausam vernachlässigt hatte, solange er denken konnte. Wie das Blut ihm wirbelnd in die Schläfen schiesst! Es kreist und wallt blutrot vor seinen Augen — nur eines fasst sein stierer Blick, nur eines sieht er noch, und das lockt und zieht ihn wie mit teuflischen Gewalten. — Der Revolver liegt vor ihm, welcher Ortwins Leben geendet. Warum endet er nicht auch das des Bruders? Es ist überflüssig geworden, nutzlos und finster. Seine Finger fassen die Waffe und umkrampfen sie — all seine Sinne sind krank und wirr, sein guter Geist hat ihn verlassen, er hat nur noch einen Gedanken: ein Ende zu machen! Da schlägt seine Hand mit dem Revolver hart auf den Tisch zurück. Wie ein Irrsinniger schaut er auf den Bataillonsadjutanten, welcher vor ihm in der Thür steht.

„Verzeihen Sie, Herr von Buchfeld, würden Sie momentan in der Lage sein, eine wichtige Unterredung zu gewähren?“

„Ihnen?“

„Nein — eine Dame wartet in meinem Zimmer; ich teile Ihnen zuvor das Nähere mit.“

III.

„O Zeit, du selbst entwirre dies, nicht ich,

Ein zu verschlungener Knoten ist’s für mich!“

König Heinrich II. V Aufz. I. Sz. Shakespeare.

Eine Dame?!“

Wie von einem Schlage getroffen, zuckte Aurel aus seiner Regungslosigkeit empor. „Eine Dame?“ fragte er leise, und er trat dem Sprecher einen Schritt näher und sah ihn dabei mit den unheimlich aufglühendem Blick und so grell blinkenden Zähnen an, dass der Adjutant ganz betroffen einen Schritt zurück wich.

„Allerdings ...“ stotterte er, „aber ich bitte Sie von vornherein, sehr verehrter Herr von Buchfeld, keine falschen Schlüsse zu ziehen! Die Legationsrätin, Gräfin Judith Vare, erwartet Sie in meinem Zimmer, Ihnen in jeder Weise Hilfe und Unterstützung anzubieten und Ihnen als erste Dame der Gesellschaft ihr Beileid auszusprechen!“

Buchfeld stützte sich schwer auf den eichenen Tisch, er sah erschreckend bleich aus. „Aus welchem Grunde? Stand mein Bruder der Gräfin und ihrer Familie näher wie andern Persönlichkeiten der Residenz?“

„In gewisser Beziehung, ja! Die Gräfin hat sich stets voll wärmsten Interesses Ihres Herrn Bruders angenommen, und weil General von Dahlen, Ihr Herr Onkel, den jungen Mann ihrer besonderen Fürsorge empfohlen, so hat die ebenso einflussreiche wie tonangebende Frau ihn bereits als Fähnrich in die Gesellschaft eingeführt.“

„Ah! — Gräfin Vare also! Ich habe es nie begreifen können, dass man Ortwin gegenüber eine so seltene Ausnahme machte, und glaubte, er habe es dem Onkel allein zu verdanken.“ Der Blick des Sprechers ruhte sekundenlang auf der Bahre, dann flüsterte er noch leiser denn zuvor, als wolle er den stillen Schläfer nicht durch diese Frage stören. „Wer ist Gräfin Vare? Ich bin völlig fremd in den hiesigen Hofkreisen und möchte etwas unterrichtet sein, ehe ich der Dame entgegentrete.“ Mit einem leichten Wink der Hand schritt er dem Kameraden voran in das Nebenzimmer und setzte den Schellenzug in Bewegung, den Burschen des Verewigten herbeizurufen. Es lag etwas ganz Absonderliches in seinem Wesen, etwas Raubtierartiges, Forschendes und Lauerndes, als gälte es ein Wild zu beschleichen.

Der Adjutant schien eilig. „Gräfin Vare lebt als Witwe des ehemaligen holländischen Legationsrats gleichen Namens hierselbst, weil sie vor ihrer Verheiratung die Stelle einer Hofdame bei der hochseligen Grossherzogin bekleidete. Darf ich Sie wohl bitten mir zu folgen — ich möchte die Gnädigste nicht allzulange warten lassen —“

Aurel regte sich nicht, er stand vor ihm, wie ein Bild von Stein. „Sie nannten die Gräfin einflussreich und tonangebend?“ fragte er mit klangloser Stimme, „ist sie jung — schön und reich?“

„Letzteres wohl in hohem Masse, denn sie macht eines der ersten Häuser hier; ob schön? das ist Geschmacksache, man findet sie mehr geistreich und interessant, und jung? Mon Dieu, Verehrtester, das ist eine heikle Frage, eine Frau ist stets so alt, wie sie aussieht und Gräfin Vare ist eine Sphinx, deren Rätselaugen Jahr für Jahr unverändert in die Welt blicken! Ausserdem ist sie —“

„Hat sie Kinder?“ fragte Buchfeld kurz und schroff dazwischen.

„Nein; die würden auch in ihrem Hause nicht am Platze sein. Die Gräfin ist mehr Diplomat und Staatsmann als Weib. Man nennt sie die Vertraute und Ratgeberin des Grossherzogs, seine rechte Hand in allen, selbst den wichtigsten Angelegenheiten!“ Herr von Parlow trat vertraulich näher und fuhr eifrig fort: „Haben Sie denn nicht die Skandale in allen Zeitungen gelesen, welche in letzter Zeit den Namen der Gräfin so vielfach in Verbindung mit Königlicher Hoheit nannten? Nein?! Unfasslich! Alle Welt ist voll davon! Es erschienen in ausländischen Zeitungen unerhört indiskrete Artikel, welche die Verhältnisse unserer Residenz, militärische, ministerielle und gesellschaftliche, in geradezu unbegreiflich gut unterrichteter Weise beleuchteten! Aber darüber später, ich beschwöre Sie, mir jetzt zu folgen. Sie sind jetzt für kurze Zeit vertreten, und wenn Sie gestatten, kehre ich während der Dauer Ihrer Unterredung an die Bahre des Verewigten zurück!“

Aurel nickte schweigend, wie in tiefem Traum, vor sich hin, ein Aufglühen ging durch sein Auge, er hob entschlossen das Haupt. „Gehen wir!“ stiess er durch die Zähne hervor.

Vor dem Zimmer des Adjutanten stand er plötzlich still und legte die Hand über die Augen. „Ich ersuche Sie um eine Gefälligkeit, Herr Kamerad. Treten Sie vorerst ohne mich ein und melden Sie der Gräfin mein Kommen, dann erst benachrichtigen Sie mich; ich — ich möchte der Dame gern allein gegenübertreten!“

Parlow blickte den Sprecher frappiert an. Er begriff diesen absonderlichen Wunsch nicht recht, aber er schrieb ihn der momentanen, so sehr hohen Erregung des Bedauernswerten zu, und nach prüfendem Blick in die etwas verstörten Züge, aus welchen die Augen jedoch völlig klar und zurechnungsfähig schauten, trat er mit zustimmendem Gruss nach der Thür.

Noch einmal hielt ihn Aurel zurück. Seine Stimme klang heiser. „Führt diese Nebenthüre zu Ihrem Schlafzimmer, Herr von Parlow?“

„Allerdings ...“

„Ich bin Ihnen eilig gefolgt, die Erregungen der letzten Stunden haben vielleicht Spuren hinterlassen, Sie gestatten noch einen Blick in den Spiegel?“

Wunderlich! Auf ein derartiges Verlangen hätte der Adjutant den Kameraden in diesem Augenblick am wenigsten taxiert; er begriff nicht, wie ein Mensch inmitten eines solch grossen Seelenschmerzes an derartige Äusserlichkeiten denken konnte, da es aber gar penible Leute gibt, die in keiner Lebenslage die Form verletzen, und es ihm ohnehin natürlich schien, dass man einer Gräfin Vare gegenüber ganz besondere Umstände mache, so riss er voll liebenswürdiger Hast die Thür auf, entzündete schnell ein Licht und flüsterte: „In fünf Minuten hole ich Sie ab!“ Im nächsten Moment war er auf demselben Weg, wie er gekommen, verschwunden.

Der Spiegel stand vor Buchfeld, aber der Premierleutnant würdigte ihn keines Blickes. Sein Auge überflog das Zimmer. Richtig, eine Seitenthür, welche in das Gemach führt, in welchem Gräfin Vare auf ihn wartet. Er hört, wie sie mit Parlow spricht, eine weiche, tiefklingende Stimme, voll, wie eine Glocke.

Eine Totenglocke, welche Ortwins Lebensglück zu Grabe geläutet! Aurel presst mit hasszitternden Lippen die Hände gegen die Schläfen. Wehe jenem Weib, wenn sie es ist, die er sucht! Ihn soll keine Maske täuschen, er wird sie ihr von dem Antlitz reissen, ehe sie es ahnt. Und Rache wird er an ihr nehmen, Rache für den Bruder, den sie in den Tod getrieben, und Rache für ihn selbst, den sie durch solch ein Sterben zum haltlosen, wüsten Gesellen gemacht! Aurel fühlt es, an der Bahre droben hat ein Dämon gestanden, der schlug ihm giftige Krallen in das Herz. Er hat ihm die Waffe noch rechtzeitig aus der Hand genommen und ihn erinnert, dass er noch eine Mission auf Erden zu erfüllen habe: Rache! Rache an einem Weib! Wie ein fernes, fernes Echo hallt eine Knabenstimme durch seine Gedanken, die einst voll jubelnder Begeisterung des Ahnherrn Devise wiederholt: „Bin ich ein Schandbub, dass ich ein Weib verrate?!“

So sprach ein Dahlen. Aber Aurel ist ein Buchfeld, und die Traditionen seiner Familie sind ein wildes, rachelustiges Bekämpfen und Rächen. Ein ungefüges und trutzig rohes Geschlecht sind seine Vorväter gewesen, und ihr später Nachkomme fühlt es in diesem Augenblick, dass auch durch seine Adern das zügellose, leicht gereizte Blut der Ahnen rollt. Es hat sich lang genug verleugnet, nun aber schäumt’s empor, wie der Gebirgsbach, den Wetterfluten unter Donner und Blitz geschwellt haben.

Nein, er ist kein Dahlen! Er hohnlacht über Memmen, die ihre stolzen Nacken unter einen Pantoffel ducken! Er fragt nicht danach, ob sein Gegner im Stahlkleid oder im Weiberrock vor ihm steht, er packt ihn und schlägt ihn zu Boden! Welch ein kluger Mann würgt Löwe und Tiger und beugt vor der Schlange das Knie?!

Horch, wie die Stimme drinnen singt und klingt! Eine Lurlei will den arglosen Knaben bethören, dass er auf sie schaut und hört und nicht das Opfer sieht, welches der Abgrund zu ihren Füssen verschlungen! Täusche dich nicht, Verruchte! Die nächste Minute soll’s zeigen, ob du schuldig bist, und ist’s der Fall, dann schlag das Schuldbuch auf, der Bruder des Gemordeten rechnet ab mit dir!

Die Thür, welche nach dem Flur hinausführt, öffnet sich. „Ist es Ihnen jetzt gefällig, mir zu folgen?“ flüstert Parlow.

„Ich bin bereit! Verbindlichsten Dank für Ihre Liebenswürdigkeit.“ Und Buchfeld legt die Hand auf die Klinke, welche die Thür nach dem Wohnzimmer öffnet.

Der Adjutant macht eine jähe Geste. „Bitte, von dem Flur aus einzutreten!“ ruft er leise und hastig. Die weissen Zähne des Kameraden blitzten ihm wunderlich zu, da er das Haupt zum Gegengruss neigt — er hat ihn wohl nicht verstanden — seine hohe Gestalt verschwindet lautlos hinter der grünen Wollportiere.

„Fatal, die Gräfin erwartet ihn von der anderen Seite!“ denkt Parlow. „Je nun, es ist nicht mehr zu ändern!“ Und er schritt hastig über die Schwelle, die Allmächtige des Hofes voll ritterlicher Aufmerksamkeit an der Treppe zu erwarten.

Aurel aber war ohne das mindeste Geräusch in das Zimmer getreten, darinnen ihn Gräfin Vare erwartete. Sie stand von ihm abgewandt und schaute nach der Flurthür, sie hörte es nicht, dass Buchfeld eingetreten. Das war’s zum ersten, was er gewollt und bezweckt hatte: einen Blick in das Antlitz dieser Frau, wenn sie sich unbeobachtet glaubt. Er stand und sah sie an. Eine zierliche, mittelgrosse, schlanke Gestalt stützte sich mit kleinen Händen auf einen Sessel; bedurfte sie des Halts für den nächsten Augenblick? Nein, ihre Finger ruhen leicht auf einem Sessel und thuen es nur der anmutigen Stellung wegen. Ein Trauergewand wallt in langen, weichen Falten an ihr nieder und liegt wie ein dunkler Schatten weit über dem Teppich, Kreppschleier umhüllen Hinterhaupt, Nacken und Schultern, und das schwarze Samtdiadem, welches sie auf dem Haupt zusammenhält, gibt der ganzen Erscheinung etwas Majestätisches. Ein feines, bleiches Profil wendet sich dem Beschauer zu. Es scheint kein schönes, aber eigenartiges Angesicht zu sein, welchem es zugehört. Die Augen sind starr nach der Thür gerichtet, die schmalen Lippen fest geschlossen. Weiche, beinahe melancholische Ruhe liegt über der graziösen Gestalt, und Aurel zieht die Brauen finster zusammen — sollte er sich getäuscht haben? Sein Blick streift an ihr nieder und glüht auf. Diese Ruhe ist Verstellung! Der Kleidersaum zittert und regt sich ununterbrochen, weil der Fuss nervös hin und her zuckt. Das ist Diplomatenmanier! Das Gesicht aus Marmor — aber in den Fingern, in den Fussspitzen, da pulsiert das Empfinden, welches man gewaltsam zwingen will!

Parlows Schritt klingt auf dem Flur. Sie bebt nicht zusammen, sie neigt nur den Kopf wie eine tauschwere Blüte, und ihre Augen öffnen sich weit, mit feuchtschimmerndem Blick. Aber das Geräusch auf dem Korridor verhallt, und statt seiner rauscht eine Portiere leise, ganz leise hinter Gräfin Vare.

Mechanisch fast wendet sie das Haupt. Aurel steht ihr gegenüber, und sein Antlitz mit den starr blickenden, tief umschatteten Augen, hebt sich geisterhaft bleich von dem dunklen Hintergrund ab.

Ein Aufschrei, leise und kurz, gellt ihm entgegen. Voll zitternden Entsetzens, die Hände abwehrend erhoben wie in eisigem Grauen, taumelt die Gemahlin des Legationsrats zurück. „Ortwin!“ ringt sich’s von ihren Lippen, und mit aschfahlem Angesicht klammert sie sich an den Schreibtisch, als wolle sie in die Knie zusammenbrechen. Weit aufgerissen haften ihre Augen auf der gespenstischen Erscheinung, und sie wiederholt noch einmal wie im Aufstöhnen voll Todesangst: „Ortwin!“

Da flackert es in Buchfelds Augen auf wie ein wilder, grausamer Triumph; seine Hand ballt sich über dem Herzen. „Gefunden!“ frohlockt es in seinem Innern, „so kann ein gut Gewissen nicht erschrecken! So zeichnet nur die Schuld das Antlitz ihrer Opfer!“

Langsam tritt er näher, sich tief, sehr tief vor der Gönnerin seines Bruders zu verneigen. „Vergebung gnädigste Gräfin, wenn Sie mein Eintreten überrascht hat — ich glaubte mich von Herrn von Parlow angemeldet.“

Seine Stimme klingt ruhig, tief und kalt.

Die junge Witwe muss eine unglaubliche Selbstbeherrschung besitzen; schon bei dem ersten Laut seiner Worte richtet sie sich hochatmend, jählings empor. Wie fortgehaucht ist der Ausdruck bebender Furcht in ihren Zügen, sie presst nur die beiden Hände gegen die Brust und antwortet mit der weichen, wehmutsvollen Grazie, wie sie zuvor über ihrer Erscheinung geschwebt: „Gott im Himmel, wie gleichen Sie Ihrem Bruder, Herr von Buchfeld!“

„Wir glichen uns, ohne uns je ähnlich gesehen zu haben!“ entgegnet er düster. „Gnädigste Gräfin werden das am besten beurteilen können, denn, wie ich hörte, hat mein unglücklicher Bruder viel und gern in Ihrem so gastlichen Hause verkehrt!“

Er spricht monoton, weder in seinem Wesen noch in seinem Blick liegt etwas Verbindliches; steif und finster steht er ihr gegenüber.

Sie reicht ihm herzlich beide Hände entgegen, aber sie lässt dabei die Wimpern tief über die Augen sinken und sieht ihn nicht an. Ihre Stimme klingt wieder unsicherer.

„Ja, der arme, unglückliche junge Mann!“ haucht sie, „wer hätte ihn wohl besser gekannt als ich, die ihn voll mütterlicher Freundschaft, dem guten General zuliebe, in meinem Hause aufnahm, wie ein eignes Kind! Ich habe schon viel Schweres im Leben durchlitten, Herr von Buchfeld, aber die Qual jenes Augenblickes, da mir das furchtbare Ende meines armen, armen Dahlens gemeldet wurde, die übersteigt alles Vergangene!“ — Sie spricht wohl die Wahrheit, ein Frösteln geht durch ihre Glieder, und wie sie beinahe gewaltsam die Augen aufreisst, Aurel anzusehen, tritt abermals der Ausdruck des Grauens in ihre farblosen Züge.

Der Premierleutnant verneigt sich abermals, sein umschatteter Blick haftet regungslos in dem ihren, und es deucht ihm, als gehe ihr solches Anschauen durch Mark und Bein. Da er schweigt, fährt sie voll nervöser Erregung fort: „Vergeben Sie es meiner Aufregung und meinem Schmerz, wenn ich Sie belästige und Sie mit Fragen quäle, Herr von Buchfeld, welche Ihnen vielleicht indiskret erscheinen! Wenn Sie aber wüssten, wie nah Ihr lieber Bruder, dieses junge, harmlose Kind, mir in der Zeit unseres regen Verkehrs getreten, so würden Sie meine Teilnahme begreifen! Nehmen Sie Platz! Lassen Sie mich von allem sprechen, was mein Herz so überhoch erfüllt — und glauben Sie mir, dass Sie die treueste und aufrichtigste Freundin des Verewigten vor sich sehen!“ — Sie reicht ihm abermals, wie mit einem gewaltsamen Ruck die Rechte entgegen und zieht sie schnell, zusammenzuckend, wieder zurück. Was für eine entsetzliche Art und Weise hat dieser Mann, die Hand zu geben! Er führt die ihre nicht galant an die Lippen, er umfasst sie kaum, kalt, leblos; ohne die seine im mindesten Druck zu schliessen, berührt er knapp die schlanke, sonst so devot respektierte und gefeierte Hand der Gräfin. Er murmelt etwas Unverständliches und setzt sich in Entfernung ihr gegenüber an den Tisch. Sein Blick scheint sie zu bannen, der ihre kehrt immer wieder zu ihm zurück, obwohl solch ein Anschauen die Legationsrätin so nervös macht, dass rote Flecken der Erregung auf ihre Wangen treten. Sie will ihn nicht ansehen, aber es liegt etwas Magisches in diesen geisterhaft dunklen Augen — in dem ganzen Angesicht, welches sie durch seine unheimliche Ähnlichkeit mit dem Bruder entsetzt.

Sie atmet schwer, die Jetperlen glimmern und blitzen auf ihrer Brust. „Hat Ihnen mein armer junger Freund denn nie von mir geschrieben, Herr von Buchfeld, dass Sie mein Kommen begreiflich finden?“ haucht sie, das schwarzgeränderte Taschentuch gegen die Lippen pressend, aber ihr Gesicht erhält einen Ausdruck hoher Spannung, und durch die langen, dunklen Wimpern schillert es lauernd zu ihm herüber.

„Nein, gnädigste Gräfin! Ortwin kannte mich als einen ausgesprochenen Feind aller Geselligkeit und alles Verkehrs, er hat mich infolgedessen nie mit Themen unterhalten, welche mir seine Briefe verleidet haben würden!“

Das war sehr unhöflich gesagt, aber es passte so ganz und gar zu diesem steinernen Gesicht, dass die Gräfin, die so unglaublich verwöhnte Allmächtige des Hofes, sehr interessant aufhorchte. Ein schnelles, feines Lächeln ging um ihre Lippen, es sollte wohl wie Wehmut aussehen.

„So hat er Ihnen über sein Thun und Handeln wohl nur in militärischer Beziehung Mitteilung gemacht?“

Aurel antwortete abermals durch eine zustimmende Neigung des Hauptes.

„Glauben Sie — oder wissen Sie vielleicht, ob Ihr Bruder ausser Ihnen noch einen sehr vertrauten Freund besass?“ — Ihre Finger spielten lässig mit dem Taschentuch, aber sie zitterten dabei.

Er hob jäh das Haupt. „Nein! Warum diese Frage?“ Langsam schlug sie die Augen auf und verschlang die Hände wie in grossem Schmerz. „Weil ich hoffe, durch Sie — oder einen nahestehenden Kameraden Aufschluss über das furchtbare, unbegreifliche Ende meines armen Schützlings zu erhalten!“ rief sie voll Leidenschaft. „Sie glauben gar nicht, wie es mich kränkt und schmerzt, dass ein Freund, wie Ortwin, dem ich in mütterlicher Liebe so nahe stand, dass er mir rückhaltslos alles und jedes anvertraute, was sein Herz und seinen Sinn bewegte, dass der für ewig von mir scheiden konnte, ohne eine Zeile — ein Lebewohl zu senden, welches seine grauenvolle That motiviert!“

Aurel hatte sich erhoben; er stand regungslos und schaute auf das eigenartige, gefährliche Weib hernieder. Er war nicht Herr seiner Gefühle, er wusste nicht, was sich in seinem Auge spiegelte, er sah nur, dass die Schlange, welche den Liebling ins Herz gestochen, sich unter seinem Blicke wand.

„Haben Sie, die Fremde, schon ein Recht über solch ein Scheiden zu klagen, was soll ich erst thun, ich, der nie etwas Lieberes gekannt auf der Welt, als wie diesen Bruder, und der ihn auch für ewig von sich lassen musste, ohne eine Silbe zu erfahren, was dieses Kind an Herz und Seele in den Tod getrieben?!“

„Er hat Ihnen nichts hinterlassen ... keine Papiere, keine Eingeständnisse ... kein .. kein Tagebuch oder Aufzeichnungen?!“ Man hörte das Herz der Fragerin durch ihre Stimme klopfen, ihr Auge hing voll verzehrender Angst an den Lippen des Gegenüberstehenden.

Der Premierleutnant schüttelte das Haupt. Ein seltsames Zucken ging um seine Lippen und gab dem Gesicht etwas Grausames, Hartes. „Nichts; es liegt ein tiefes, unheimliches Dunkel über der unseligen Veranlassung, welche ihm die Pistole in die Hand gezwungen. Den Freunden und Kameraden meines Bruders ist sein jähes Ende ebenso unbegreiflich wie mir, und da der Grund und die Ursache seiner Handlungsweise weder auf dienstlichem noch pekuniärem Boden zu finden ist, so kann man sie wohl einzig auf dem der Geselligkeit suchen! Ortwin war ein fast täglicher Gast in Ihrem Hause, Frau Gräfin! Wäre es nicht viel natürlicher. Sie stünden jetzt vor mir, nicht um zu fragen, sondern um des Rätsels Lösung zu bringen?“ Er trat ihr einen Schritt näher und neigte sich mit fascinierendem Blick dicht über sie. „Sollten Sie in der That keine — gar keine Mutmassung hegen, wahr und wahrhaftig ahnungslos sein? Denken Sie nach, überschauen Sie im Geist die Stunden, welche der Entschlafene unter Ihrem Dach verlebt, die Gespräche, welche er mit Ihnen geführt, die Geheimnisse seines Herzens, welche er Ihnen anvertraut! — Finden Sie nicht das Samenkorn, aus welchem solch blutige Saat aufspross? Drüben im einsamen Zimmer, nur durch wenig Wände von uns getrennt, liegt der Gemordete und klagt mit schwerer Todeswunde jene Hand an, welche ihn auf solch dunklen Pfad der Verzweiflung gestossen! Es ist mir ein furchtbarer Gedanke, dass diese Hand eine unwürdige, beschmutzte gewesen, und ich würde Gott auf den Knien danken, wenn Ortwin nicht als schlechter, ehrloser Mann in den Tod ging, sondern als ein ritterlicher Sohn seiner Ahnen, — aus unglücklicher Liebe, um eines Weibes willen!“

Gräfin Vare lag bleich und regungslos, das Haupt zurückgelehnt, in dem Sessel. Ihre Augen starrten voll Grauen in das Gesicht, welches sich wie Ortwins Geist näher und näher, gleich einem erdrückenden Alp, auf sie herab neigte. Sie wollte nicht sehen, aber sie musste es! Ihre Zähne schlugen aufeinander, sie rang in verzweifeltem Kampfe gegen ihr thörichtes, furchtsames Herz. Und da die leise flüsternde Stimme endlich schwieg, riss sie sich gewaltsam empor, fasste den grünen Lampenschirm und hob ihn mit zitternden Fingern von der Kuppel. War es sein gespenstisches Licht, welches solch livide Leichenfarbe über den Sprecher goss?

Sie atmete schwer auf. Gottlob, die grelle Flamme zeigte ihr nur fremde, vergrämte und verbitterte Züge und verwischte die Ähnlichkeit mit dem Erschossenen; die Gestalt vor ihr war kein entsetzlicher Schemen mehr, sie war ein Mensch von Fleisch und Bein, ein Mensch, dessen Blick nur sah, was vor Augen war, ein armseliger, schwacher Mensch, der keine Rätsel mehr lösen kann, wenn sie mit einem Toten in das Grab gesunken.

Sie stand hoch aufgerichtet, urplötzlich ganz und gar verändert, vor dem Bruder Dahlens. Ein wunderlicher Ausdruck lag in den graugrün flimmernden Augen, der Blick einer Wildkatze, die ihren Hals noch rechtzeitig aus der gestellten Schlinge zieht. Aber ihre Stimme klang ebenso weich und sympathisch wie zuvor, als sie voll milden Vorwurfs das Haupt schüttelte: „Sie hielten Ihre Worte ganz allgemein, Herr von Buchfeld, und dennoch richteten sich dieselben in schwerer Herausforderung einzig wider mich! Haben Ihnen ein paar skandalsüchtige Zungen vielleicht erzählt, Ihr unglücklicher Bruder habe eine hoffnungslose Neigung zu mir gehegt? Die Welt ist so schnell bereit, ein Verhältnis der idealsten Freundschaft in den Schmutz herabzuziehen! Ich weiss, dass eine nur mündliche Versicherung meinerseits Sie niemals überzeugen würde, und da es eine wunderbare Thatsache ist, dass ganz junge Männer gern für reife Frauen schwärmen, und auch ich, trotz meines bald grauen Haares noch viele Verehrer unter den Sekondeleutnants besitze, so habe ich gewissermassen Ihre Anklage erwartet, Herr von Buchfeld. Darum brachte ich eine Waffe mit, dieselbe auf das einfachste und sicherste zu widerlegen!“

Die Sprecherin zog ein Billet aus der Tasche und öffnete es. Eine Falte senkte sich zwischen ihre feinen Augenbrauen, ein fast schmerzliches Beben ging um den Mund.

„Ich würde niemals an einem teuren Toten eine solche Indiskretion begehen, Herr von Buchfeld, wenn ich nicht dazu gezwungen wäre. Es ist mir ein unerträglicher Gedanke, von dem Bruder meines jungen Freundes, der mir lieb geworden wie ein Sohn, mit Misstrauen behandelt, womöglich gar als die sündige Ursache seiner entsetzlichen That angesehen zu werden. Lesen Sie!

Auf das Höchste überrascht, starrte Aurel sie an. Sie hielt die Wimpern gesenkt, und ihr Busen atmete so erregt, als unterdrücke er ein Aufschluchzen tief gekränkten Ehrgefühls. Sollte er sich dennoch geirrt haben? Sollte diese Frau ...? Er griff nach dem elfenbeinfarbenen Briefblatt, dem wohlbekannten, mit Krone und Namenszug Ortwins, von welchem ihm die runden, vollen Schriftzüge des Lieblings entgegen schauten. Er drückte die kalte Hand gegen die Stirn und las: „Liebe, teuerste Freundin! Ich flehe Sie an, mir bis heute abend auszumachen, was Komtesse Anneliese, der reizende Gegenstand meiner Othello-Eifersucht, für eine Toilette tragen wird! Meine Blüten sollen sich derselben ganz harmonisch anschliessen — denn Sie wissen, allergnädigste Herrin, dass zu einer Ehe vollste Harmonie gehört! Halten Sie mir Ihren graziösen Daumen, auf dass ich heute abend reüssiere! Ich bedecke dafür beim nächsten Wiedersehen die ganze kleine Hand mit den wenigen Küssen, welche auf ihr Platz haben! Treugehorsamst Ihr eifersuchtsrasender, aber dabei riesig glücklicher Ortwin von Dahlen.“

Da stand es, gross, klar, schwarz auf weiss. Aurel rieb sich die Stirn, wie ein Mondsüchtiger. — Komtesse Anneliese! Ein Frösteln durchschauerte ihn. Er schaute über das schwankende Papier hinweg auf die Legationsrätin. Der schwarze Kreppschleier war über die Schulter gewallt und umrahmte ihr schmales, so eigenartig fesselndes Antlitz, Thränen perlten an den dunklen, tief geneigten Wimpern und rollten langsam, wie blitzender Thau, über die Wangen.

Ein Gefühl unsagbarer Unsicherheit und Betroffenheit trieb ihm das Blut schwindelnd in die Schläfen. Sollte er, der Menschenkenner, sich derart geirrt haben? War das Weib, welches er als schuldig verdammt hatte, gegen welches alle Beweise gesprochen, dennoch eine treue Freundin des Verewigten gewesen? Er stand regungslos und sah sie an. Sein Kopf schmerzte ihn, all seine Gedanken waren wirr und zerfahren, sein ganzes Wesen aus dem Gleichgewicht gerissen. „Wer ist Komtesse Anneliese?“ rang es sich wie ein Aufstöhnen aus seiner Brust.

Da schlug Gräfin Vare die Augen auf. „Die Tochter eines Gutsbesitzers, des Grafen Billstein.“ Sie trat dem Premierleutnant lautlos näher und hob voll imponierender Würde das Haupt. „Sie wissen nun, was Sie erfahren wollten, und Sie werden den Willen eines Toten ehren, welcher allein mich und nicht den weiberfeindlichen Bruder“ — ein eigentümliches Zucken hob momentan ihre Lippen über die Zähne — „zur Mitwisserin seiner zartesten und heiligsten Gefühle gemacht! Und darum bitte ich Sie zur Sühne für Ihren kränkenden Verdacht von vorhin, mich in Ihrem Beisein all meine Briefe, welche sicher die Verehrung Dahlens für Anneliese Billstein in ausführlicher Weise behandeln, vor Ihren Augen dem Schreibtisch des Verewigten entnehmen zu dürfen. Hoffentlich hat er dieselben schon persönlich vernichtet, sollte es aber in der furchtbaren Aufregung der letzten Stunden versäumt sein, so halte ich es für meine heilige Pflicht, ein Geheimnis, welches der Tote gewahrt wissen wollte, vor jedem Auge zu schützen.“

Die Gräfin hatte immer schneller und erregter gesprochen. „Geloben Sie es!“ schloss sie mit einem Blick, welcher befahl, und mit einer Stimme, welche bat. Und dazu reichte sie ihm abermals die Hand.

Wie betäubt verneigte sich Aurel. Ihr Auge blitzte auf, er sah es nicht. „Wollen gnädigste Gräfin mir sofort folgen?“ fragte er mit heiserer Stimme. „Der Schreibtisch Ortwins steht zu Häupten der Totenbahre, ich glaube wohl, dass es Ihnen lieb sein wird, mit einem letzten Blick von dem unglücklichen Freunde Abschied zu nehmen.“

Er bemerkte nicht die Wandlung in ihren Zügen, sie hatte den Schleier schon wieder tief verhüllend über das Antlitz gelegt, aber er fühlte den kurzen krampfhaften Druck ihrer Finger in seiner Rechten. „Nein, Herr von Buchfeld!“ sagte sie voll weicher, unendlicher Traurigkeit. „Lassen Sie mich nicht jenes grauenvolle, blutige Bild sehen, welches mir das Andenken an den Entschlafenen in erschreckender Weise trüben würde! Ich kenne Ortwin nur als ein strahlend glückliches, lachendes, sonniges Wesen, über dessen Stirn kaum ein Schatten zog. Der Gedanke, dass eine Todeswunde ihren furchtbaren Purpur darüber ergoss, hat etwas Unfassliches für mich. Ich begreife es nicht und will es nicht glauben — ich will ihn mir in der Erinnerung erhalten, wie ich ihn kannte, und wie er mir nahe stand, lebend, glückstrahlend und sorgenlos! Ich bitte Sie um ihr Ehrenwort, keinen Brief, welcher mit dieser Schrift adressiert ist“ — die Sprecherin legte einen Papierstreifen auf den Tisch — „zu öffnen und zu lesen, und ich verlasse mich darauf, dass sie als Kavalier dieses Wort halten werden! Nach der Beerdigung werde ich Sie von meinem Kommen benachrichtigen. Bis dahin aber steht Ihnen mein Haus mit aller Gastfreundschaft und mit all dem sorgenden Interesse, welches einst Ihrem armen Bruder gegolten, offen, und ich hoffe, Sie werden Gebrauch davon machen. Auf Wiedersehen, Herr von Buchfeld. — Gott mit Ihnen!“

Abermals ein schneller, kraftvoller Händedruck; sie zog die schlanken Finger hastig wieder zurück, aber ihre Augen leuchteten so geheimnisvoll durch den dichten Schleier zu ihm auf, als ob ein Irrlicht durch die Schatten der Nacht tanzt. „Gott mit Ihnen!“ sagte sie, und es klang auch jetzt wie Glockenläuten. —

Aurel stand allein und presste die Hände gegen die Stirn. Jenes Weib war eine Loreley, die ihn in Wirbel und brausende Flut gerissen! Sein scharfer Verstand und sein Gefühl bäumten sich auf gegen die sichtliche Komödie, welche sie mit ihm spielte, und seine Augen, welche den Brief Ortwins gelesen, straften beide Lügen. Ortwin liebte nicht sie, sondern eine andere. Wer aber bewies es ihm auch schwarz auf weiss, dass es diese Liebe war, welche ihn in den Tod getrieben? Die schlanke Gestalt Buchfelds wuchs hoch empor bei diesem Gedanken, und seine Züge erhielten wieder den Ausdruck harter Entschlossenheit wie zuvor.

„Nein, Gräfin Vare, ich will nicht die Briefe lesen, welche jene verruchten Schriftzüge dort tragen, aber in Augen und Mienen, in Menschenherzen und Menschenthaten will ich des Rätsels Lösung suchen, wer den Bruder in den Tod getrieben, die Liebe — oder das Schlangengift der Falschheit, welches man in sein Kinderherz geträufelt!“

Leise, leise wie ein Echo hallte es ihm durch den Sinn: „Gott mit Ihnen!“ und es war, als liege ein zauberhaftes Etwas in diesem Klang, was für Judith Vare sprach.

Sein Haupt sank düster sinnend zur Brust. Und wäre sie oder wäre jene andere schuldig — wie wollte er an ihnen ein gebrochenes Herz rächen? Kann er ein Weib zum Kampfe fordern, Blut durch Blut zu sühnen? Nein, die Hand, welche fassen und würgen will, ist gebunden!

Er lachte herb auf. „Ungleiche Gegner! Wider Weiberlist und Weiberfalsch muss ich ohne ehrliche Waffen um den Sieg ringen, aber ich wage es, und ich rüste mich, die Schlange durch ihr eigenes Gift zu töten! Bin ich ein Dahlen? Nein! ich schlage zu Boden, was wider mich ist!“ Sein Blick schweifte durch das Zimmer. Dicht vor ihm auf einer Etagere, grell beleuchtet, stand eine kleine Marmorstatue: Laokoon. Er pakt die Schlange voll Verzweiflung mit den Fäusten, aber sie sticht ihn als Siegerin in das Herz. — Abermals ein hartes Auflachen; Aurel wirft das Haupt in den Nacken und geht festen Schritts zur Thür.

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