Kitabı oku: «Jedem das Seine - Band I»
Nataly von Eschstruth
Jedem das Seine
I
Mit Illustrationen von Fritz Bergen
Saga
I.
Tannenduft zog durch das Zimmer.
Süss und traut wob der Weihnachtszauber seine glitzernden Schleier. Um den grünen Baum, welcher geheimnisvoll seine Nadelzweige über den kleinen Tisch breitete, spann er die Silber- und Goldfäden des Engelhaars, blitzte auf in den bunten Kugeln und weckte kleine blutrote Funken an den Kupfersternen, welche still und feierlich an den schwanken Ästchen herniederhingen.
Die Wachslichte verbreiteten den unbeschreiblichen Duft, welcher sich wie ein Traum über jedes Christzimmer legt, der Geruch frischgebackenen Kuchens mischt sich darein, ein paar Hyazinthen blühen in hohen Gläsern auf dem Fensterbrett, und der Asklepiasstock spinnt seine Zweige mit den süss duftenden Blumen um das breite Holzgitter, welches beinah’ die Scheibe vollständig verdeckt.
Es dämmert bereits.
Weiche, grausammetige Schatten legen sich tiefer in alle Ecken, da, wo der grüne Kachelofen behagliche Wärme ausströmt und wo das altmodische lila Plüschsofa und die steiflehnigen Sessel um den Mahagonitisch herumstehen.
Rechts neben dem Klavier, welches die abgeschabten Reliefbilder von Mozart und Sebastian Bach trägt, steht der Christbaum, und vor ihm steht der schmale Tisch, mit schneeweisser Damastserviette bedeckt, welcher die Geschenke trägt.
Viele und kostbare sind es deren nicht.
Auf der einen Seite liegt der Stoff zu einem dunklen Winterkleid, eine kleine, sehr bescheidene Pelzboa und ein paar warme Buckskinhandschuhe, daneben eine billige Ausgabe klassischer Musikstücke, — auf der andern Seite ruht einsam ein etwas geschmacklos bunter Herrenschlips, ein Karton mit Taschentüchern und ein Uhrhaken. — Aber ein Platz ist frei geblieben, als habe zur Bescherung auch dort noch ein Geschenk gelegen!
Und welch eines!
Das törichte, unglaublich unnütze Kinderbuch, die Märchen aus Tausend und einer Nacht, welche der grosse Schlingel Mortimer, der Herr Tertianer, sich noch als erstes und liebstes Geschenk auf den Wunschzettel geschrieben! Die illustrierten Märchen von Tausend und einer Nacht! —
Sollte man es glauben?
Tante Gustel ist auch sehr ausser sich über solch unsinniges Verlangen gewesen und hat kopfschüttelnd geseufzt: „eins von den teuern Schulbüchern oder ein gutes Geschichtswerk sei doch tausendmal praktischer und nützlicher und der grosse Junge solle etwas Gescheiteres tun, als überspannte Märchen lesen,“ — aber Mortimers sonst so lustige Augen hatten sie gar zu flehend angesehn, und Tag für Tag hatte er versichert: „Nur dies eine Märchenbuch wünsche ich mir noch, Tantchen; dann soll es mit allen Spielsachen vorbei sein, und die nächsten Weihnachten will ich nur noch nützliche Sachen haben!“
Da hatte die Tante schon etwas nachgiebiger geseufzt, und als ihr abends bei dem Zubettegehn ihre Tochter Gretel gutmütig zugeredet und vorgeschlagen hatte: „Wir wollen Onkel Karl bitten, dass er sich mal in der Residenz in Antiquariatläden umsieht, ob er das Buch für billigen Preis dort haben kann!“, da nickte sie einverstanden und meinte: „Das ist ein kluger Gedanke, Mäuschen, — ich werde morgen sogleich schreiben.“ — Onkel Karl hatte schon nach kurzer Zeit ein sehr wohlerhaltenes Exemplar voll der schönsten, buntesten und phantastischsten Bilder geschickt, in welches er mit seiner grossen eckigen Schrift sogar die Widmung geschrieben hatte: „Meinem lieben Neffen Mortimer, Freiherrn von der Marken-Beilstein, von seinem alten Onkel Karl.“
Du liebe Zeit, wie hätte man denken können, dass der grosse Junge solch eine Freude an dem albernen Märchenbuch haben könnte!
Seine Augen strahlten vor Entzücken, als er es unter dem Baum liegen sah, und Tante Gustel war beinah beleidigt, dass ihre so schöne, grossartig ausgedachte Überraschung, das Hauptgeschenk des Abends, beinahe gar nicht beachtet wurde — nur um des leidigen Buches willen!
Und welch ein Geschenk hatte sie dem lieben Jungen gemacht! —
Das ehrwürdige, alte schöne Zylinderbureau seines Grossvaters, welches sie als einzige Tochter ehemals mit der elterlichen Einrichtung geerbt, hatte sie heimlich in die kleine Mansardenstube des Gymnasiasten schaffen lassen, damit er alle Bücher und Hefte nunmehr ordentlich zusammenhaben und so recht gemütlich und bequem sitzen und studieren konnte!
Ja, gefreut hatte er sich ja riesig und hatte das zarte Tantchen und das noch viel zerbrechlichere, elende Cousinchen beinah’ totgedrückt zwischen seinen herkulisch starken Armen, — aber dann hatte er nur noch Sinn und Gedanken für das Märchenbuch, sass unter dem Christbaum und las und blätterte .. und starrte mit dunkelrotem Kopf die Bilder an. — Er bewies es leider allzudeutlich, dass er ein Marken war, ein echter Spross jenes uralten Geschlechts, dessen Söhne sich stets durch phantastischen Sinn, durch eine ans Krankhafte grenzende Vorliebe für alles Fremdartige, Abenteuerliche und Aussergewöhnliche ausgezeichnet hatten! —
Ehemals hatte dieser unruhige Sinn, diese Wanderlust und unstillbare Sehnsucht nach Frau Aventiure die Ritter und Edelherren hinaus in die Kreuzzüge, in Irrfahrt und Kriegsgetümmel getrieben; später hatten sie sich mit Wandern und Reisen begnügt, — ja, der Grossvater hatte es durchgesetzt, Diplomat zu werden, um als Gesandter am besten Gelegenheit zu haben, fremde Länder und Völker kennen zu lernen!
Damals waren die Freiherrn von der Marken-Beilstein noch reiche Grundbesitzer und konnten solchen Passionen huldigen, aber schon Mortimers Vater erschöpfte seine Mittel vollständig, als er auf die unsinnige Idee kam, Afrikareisender zu werden und ohne an Frau und Kind zu denken, sein Hab und Gut bei den Forschungsreisen zuzusetzen, von deren letzter er leider nie wieder heimkehrte, da ein tückisches Fieber ihn in der Blüte seiner Jahre dahinraffte.
Die Mutter starb bald danach an einer Lungenentzündung, und Tante Gustel, die einzige Schwester des Afrikareisenden, nahm den kleinen Mortimer zu sich, ihn so gut es ging mit ihren sehr bescheidenen Mitteln zu erziehen.
Sie hoffte, dass ihr Bruder Karl ihr diese schwere Pflicht erleichtern und sie durch Geldmittel unterstützen würde. Aber wie eine Krankheit, welche früher oder später doch zum Ausbruch kommt, hatte auch diesen plötzlich die Reiselust erfasst.
Er nahm als Major den Abschied und führte ein ruheloses Wanderleben, bis auch sein Vermögen zusammengeschmolzen war und er sich nunmehr darauf beschränken musste, von den Erinnerungen an fremde Länder und Wunderwelten zu zehren.
Es lag bei den Markens im Blut! Dagegen war nicht anzukämpfen, und es deuchte Tante Gustel ein rechtes Glück, dass Mortimer schon von vornherein jede Möglichkeit genommen war, dem Reisefieber zum Opfer fallen zu können. Die Zukunft des heranwachsenden Knaben war trotz seiner knappen Mittel sichergestellt, denn die Familienstiftung gewährte ihm eine anständige Zulage, falls er sich entschloss, Offizier zu werden.
Dies war selbstverständlich.
Tante Gustels Augen leuchteten voll beinah mütterlichen Stolzes, wenn sie die schöne, kraftvoll schlanke Gestalt des Pflegesohnes mit langem Blick umfassten. Ritterlich und schmuck sah er aus, mit dem frischen, stets heiteren, beinah’ übermütig lachenden Gesicht, aus welchem die Blauaugen blitzten und in dessen Stirn die blonden Haarwellen fielen.
Aber das Märchenbuch! —
Ein Tertianer, welcher noch solch alberne Märchen anstatt eines schönen Heldenbuches liest! —
Tante Gustel schüttelte beinah ärgerlich in der Küche, wo sie eigenhändig den Kaffee aufgoss, den Kopf und sagte: „Geh’ mal in die Christstube, Gretchen, und sieh, ob der Junge etwa noch bei diesem Dämmerlicht liest! — Verbiet’ es ihm, er wird sich die Augen verderben!“ Und Gretchen ging, gehorsam und ohne jedwede Entgegnung folgend, wie stets.
Leise, in ihrer stets rücksichtsvollen Art öffnete sie die Türe.
Richtig, da sass der grosse blonde Junge am Fenster, so tief über das offene Buch geneigt, dass seine Stirn sich gegen die blühenden Hyazinthen neigte.
Er hörte nicht Gretes leisen Schritt; erst als die kleine verwachsene Mädchengestalt hinter ihm stand und sanft die Hand auf seine Schulter legte, schrak er empor und starrte in das gelblich blasse, schmale Gesichtchen der Cousine, welche ihn mit den grossen braunen Augen lächelnd ansah.
„Recht so, Mortimer! verbrauch’ du nur deine Augen bis zum letzten Tüpfelchen!“ scherzte sie und fuhr dann ernsthafter fort: „Es ist zu dunkel zum Lesen! Komm und setz’ dich ein bisschen mit mir unter den Christbaum, bis der Kaffee aufgetragen wird!“
Mortimer dehnte lachend die Arme, erhob sich und schritt nach dem Sofa.
„Du hast recht, Gretel, es wird zu dunkel, obwohl ich nicht las, sondern mir lediglich die Bilder besah! Setz’ dich her ... so ...“
Das bucklige Mädchen drückte sich zärtlich in den Arm des Sprechers und die dunklen Augen leuchteten wie verklärt!
„Findest du wirklich, dass ein Tertianer und ein bald sechzehn Jahre altes Fräulein noch solche Babys sind, dass ein Märchenbuch sie tatsächlich begeistern kann?“ —
„Dieses Märchenbuch muss meiner Ansicht nach die Alten noch mehr interessieren als die Jungen!“
Grete schaute ganz betroffen empor. „Mortimer, ist das dein Ernst?“
Da wich das heitere Lachen von dem hübschen Knabengesicht, es ward wundersam nachdenklich, und ein weicher, träumerischer Glanz lag in den Augen.
„Ich will dir mal etwas sagen, Grete ...“ flüsterte er leis und stockend, „dir vertrau’ ich’s an, sonst keinem! .. siehst du, Grete, um die Märchen an und für sich ist es mir weniger zu tun, als um die Bilder; denn die Geschichten kenne ich beinah’ schon alle, aber die Illustrationen sind mir neu, und weil ich hörte, dass sie so vorzüglich seien und tatsächlich Konstantinopel und das echte orientalische Leben spiegeln sollen, darum wünschte ich mir hauptsächlich das Buch! — Ach Grete ...“ und der Sprecher strich die blonden Haare beinah ungestüm aus der Stirn und seufzte schwer auf: „Ach Grete, wie soll ich armer Kerl wohl jemals anders diese Wunderwelt kennen lernen, als wie im Bild!“ —
Das blasse Mädchen lachte ein wenig gewaltsam, dieweil es wie ein jähes Erschrecken über ihr Gesicht ging. „Je nun, das genügt ja auch! Wie viel tausend Menschen gibt es, Mortimer, welche ihr Leben lang auf der engen heimatlichen Scholle sitzen und die weite Welt nur aus Bildern oder Büchern kennen lernen!“
„O diese Unglücklichen!“
„Unglücklich? Nicht im mindesten. Ich glaube fest und sicher, dass ich nie im Leben eine weite Reise machen werde, und doch erachte ich mich als ein sehr glückliches, zufriedenes Wesen!“
„Ja du, Grete! Du bist auch ein Engel an Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit! Du bist ein Mädchen, welches nicht den heissen, leidenschaftlichen Drang in sich fühlt, in die weite Welt hinauszuziehen, zu sehen ... zu erleben ... zu wagen ... zu kämpfen und zu erringen ...“
Beinah’ entsetzt starrte die Genannte in die aufgeregt blitzenden Augen des jungen Marken.
„Mortimer ... wünschst du dir das etwa?“ — Er presste die Hände gegen die Brust. „Ja, Grete, ja!“ —
„Und weisst, dass diese unsinnige Reiselust unsere Familie an den Bettelstab gebracht hat?“ —
„Trotzdem! ja vielleicht gerade darum! Meine Väter und Ahnherrn haben mir nichts weiter vermacht, als das glühende Sehnen nach fremden Wundern!“
„O, welch ein böses Erbe wäre das!“
„Warum?“ — ein beinah’ wehmütiges Lächeln glitt über das Knabengesicht: „Ich habe ja nichts mehr zum Vergeuden! Wenn ich auch wollte — ich kann beim besten Willen kein Vermögen mehr durchbringen!“
„Aber du kannst ein Abenteurer ... ein Mensch werden, welcher ohne Ehr’ und Pflichtgefühl an der Landstrasse stirbt!“
Sie sagte es leise, gepresst, — und er schrak empor und fasste ihre Hand mit beinah’ schmerzendem Druck: „Nein, Grete! das kann ich nicht! Und das glaubst du auch selber nicht von mir! Ich werde vielleicht zeitlebens ein Phantast, ein sehnsuchtskranker Mensch ... aber nie ein ehrvergessener Landstreicher sein!“
„Ein glücklicher Mensch sollst du werden, Mortimer, der solch närrischen Grillen gar nicht Raum in Kopf und Herz gibt!“
Ihre magere, kleine Hand streichelte zärtlich, wie beschwörend seine Wange, und Mortimer lachte wieder heiter auf und zog die Cousine tröstend an sich: „Auch das, so Gott will! brauchst dich nicht um mich zu sorgen, du gutes Gretelein, dein vernünftiger Pflegebruder wird keine dummen Streiche machen! Aber wenn ich je in die Lage komme, eine Reise machen zu können, dann tue ich es sicher! Du liebe Zeit! wenn ich als Leutnant solid und einfach lebe, kann ich wohl schon solch kleine Spritztour nach Konstantinopel heraussparen!“
„Nach Konstantinopel? Warum gerade dorthin?“
„Ja warum?! Das möchte ich selber wissen, Gretel! Auf die Wunder der ganzen übrigen Welt würde ich gern verzichten, wenn ich nur einmal diejenigen des Morgenlandes, der Türkei schauen könnte! Wundert dich das? — Weisst du nicht, dass eine alte Prophezeiung in unserer Familie existiert, dass der Halbmond uns verhängnisvoll sei ...“
„Narrheit!“
„Durchaus nicht! — Tragen wir nicht seit uralten Zeiten den Türkenbund mit dem Halbmond als Helmzier? Und warum? weil einer unserer Ahnherrn ein bildschönes Weib aus des Sultans Harem entführte und sie zur Stammmutter unseres Geschlechtes machte ...“
„Aber Mortimer! Wie kannst du solch eine alte Wappensage ernsthaft nehmen! Du weisst, dass der ‚Türkenbund‘ längst seine Aufklärung gefunden! Jede alte Adelsfamilie, welche sich ehemals an den Kreuzzügen beteiligt, trägt ihn an der Helmzier zum Andenken an diese heldenhafte Zeit!“
Mortimer zuckte etwas ungeduldig die Achseln: „Gewiss! Die Neuzeit geht ja jeder Poesie mit ihren widerwärtigen Forschungen zu Leibe! — Leider geben die frühesten Grabsteine und Urkunden die Namen der Frauen nicht an, sonst würdest du sicher irgendeine Suleika oder Fatima als erste der Freifrauen von der Marken lesen! — Je nun, und abgesehen davon ... wie willst du es erklären, dass Onkel Karl die ganze Welt bereist und gesehen hat mit der einzigen Ausnahme von Konstantinopel? Weil er sagte: „Nein! dahin gehe ich nicht. Der Halbmond ist das Verhängnis der Marken. Kam einer von uns nach der Türkei, so hatte er jedesmal die schönsten oder auch unliebsamsten Abenteuer zu bestehen! Das lässt sich durch Jahrhunderte verfolgen! Grossonkel Karl kam nach der Türkei — im Gefolge des Prinzen Ferdinand. Der Sultan lernte ihn kennen, fand grosses Wohlgefallen an ihm, bestimmte ihn, in türkische Dienste zu treten. Er erwarb Ruhm — Ehre .. grosse Reichtümer. Ihm glückte es, er kehrte als beneidenswerter Mann in sein Vaterland zurück, — sein Vetter, welcher ihm gefolgt war und es ebenfalls zu hohen Würden brachte, blieb dort und wurde zwei Jahre später bei einer Palastrevolution grausam ermordet. Ein Fräulein von der Marken besuchte einst mit ihren Eltern Konstantinopel und war so begeistert von irgendeiner Märchenpracht, dass sie sich nicht von dem Anblick trennen konnte. Es hielt sie wie mit zauberischen Gewalten, und zum grossen Ärger des Vaters versäumte man die Abfahrt des Schiffes. — Noch an demselben Tage verbrannte dieses auf offener See und die Familie Marken war wie durch ein Wunder dem furchtbarsten Tod entgangen!“
Gretel hob abwehrend die Hände —: „Aber von einem Vorfahren erzählt man sich auch, dass er in türkische Dienste trat und, von Gold und Glanz gelockt, Muselman wurde. Die Gewissensbisse aber liessen ihm keine Ruhe, er ward wahnsinnig! — Nun ... und Grosspapa! — denk’ an den armen Grosspapa!“ —
Mortimer neigte sich plötzlich mit grossen, weit offenen Augen näher.
„Gretel ..“ murmelte er, „weisst du, was Grossvater in Konstantinopel erlebt hat? Todunglücklich ist er dort geworden .. Aber warum? Ich habe es nie erfahren, Gretel, man sagte es mir nicht ... aber du weisst es sicher! Erzähle es mir, Gretel, ich bitte, ich beschwöre dich! was ist dem Grossvater dort geschehen?“ —
Das kranke, verwachsene Mädchen verschlang wie in hilfloser Angst die Hände im Schoss. „Ich weiss es nicht, Mortimer ... Ich weiss nur, dass Grosspapa mit irgendeiner Türkin ein Liebesabenteuer hatte, als er in seiner Eigenschaft als Legationssekretär in Konstantinopel war. Sein eigenes Leben soll auch dadurch schwer gefährdet gewesen sein, er ward nur durch den Einfluss des Gesandten gerettet ... die unglückliche Schöne aber musste sterben ... und das hat Grosspapa nie im Leben verwunden! — Obwohl er später heiratete, ist er doch stets ein finsterer, verschlossener und unglücklicher Mann geblieben.“
„So liebte er sicher irgendeine jener zauberischen Holden aus dem Harem?!“
„Wohl möglich!“ —
„Was mag mit ihr geschehen sein? Warum entführte er sie nicht? Ward die Flucht vereitelt?“ — — Mortimer fragte es schnell, atemlos, ohne auf eine Antwort zu warten.
Seine Augen glänzten wie im Fieber, die Lippen zuckten wie in höchster Ungeduld. —
„Still, um Gottes willen, still! Mama kommt!“ flüsterte Gretel; „lass dir um Gottes willen nichts merken, dass wir von dem unglücklichen Türkenthema gesprochen haben, sie will es nicht und wird böse! Und nach Grosspapa frag’ schon gar nicht! — Leg’ auch das Märchenbuch fort und lass nie deine Reisepläne verlauten; Muttchens einziger Trost ist es ja, dass du ein so ruhiger, fleissiger Junge bist und gar keine Anlage zum Ausreisser hast!“
Mortimer lachte etwas nervös und gezwungen, aber er nickte der kleinen Cousine beruhigend zu und drückte ihr abermals die Hand, das war so gut wie ein heiliges Versprechen. — — — — — — — — Es war spät am Abend. Mortimer stand in seinem Mansardenstübchen, pfiff fröhlich vor sich hin und schickte sich an, noch die letzten seiner Bücher und Hefte in das alte Schreibpult des Grossvaters, welches er zum Geschenk erhalten, einzuräumen. Das war ein herrlicher Gedanke von dem guten Tantchen gewesen!
Jede Schublade zog er hervor und bestimmte ihren Zweck, und dann schloss er das mittelste Fach auf und leuchtete hinein, ob es wohl tief und hoch genug sei, sein Tintenfass mit dem Federständer aufzunehmen.
Wie verstaubt und holzwurmzerfressen sah es dahinten aus! — Mortimer steckt die Hand hinein und wischt die Ecken aus ... und plötzlich fühlt er etwas scharfes wie eine Papierkante.
Er leuchtet.
Was ist das? Aus einer schmalen Ritze der Hinterwand ragt ein feines, kaum sichtbares Streifchen Papier.
Wunderlich! — Er fasst es mit dem Nagel und zieht daran, umsonst, es scheint fest eingeklemmt. Das Blut schiesst in die Wangen des Schülers. Ein Geheimfach?
Er neigt das Licht noch weiter vor und lugt scharf in das Schränkchen hinein.
Richtig ... da ... eine feine, kaum merkliche Feder ... Mortimer drückt und schiebt, mit bebendem Finger, er stemmt sein Federmesser dagegen ... und mit leisem Ruck springt eine schmale Holztafel zurück.
Atemlos vor Aufregung starrt der Obertertianer in das sichtbar gewordene Schubfach. Ein Briefumschlag von sehr schwerem, vergilbtem Papier liegt darin. Unverschlossen. Mit bebenden Händen öffnet Mortimer. Eine lange, schwarze Haarlocke, mit verblasstem grünem, golddurchwirktem Florbändchen zusammengebunden, und ein gepresster Orangenzweig, von welchem die weissen Blütenblättchen längst abgefallen sind, liegt darin.
Auf dem Briefbogen, welcher beides umschliesst, steht nur das eine Wort: „Lakmeh“, dahinter ein schwarzes Kreuzchen und das Datum: „19. März 1812. Konstantinopel.“
Wie im Traum starrt Mortimer auf das Rätselhafte hernieder. Zarter Duft, wie ein süsser Hauch längst entflohenen Blumenodems, weht aus den schon halb in Staub zerfallenden Blättern empor und legt sich gleich magischem Schleier über die Augen des einsamen Knaben.
Lakmeh! — Wer war sie?
Jenes glutäugige, berückende Weib aus dem Harem, welches Zum traurigen Schicksal des Grossvaters geworden, welches ihm vielleicht mit bebender Hand die Locke und Blüte zum Abschied gereicht, ehe es in den unheimlichen, geheimnisvollen Tod ging?
Mortimer atmet schwer, stützt das Haupt in beide Hände und starrt in das aufgeschlagene Märchenbuch, welches seitlich neben ihm auf dem Tisch liegt.
Da sieht er ein Bild ... die zauberschöne Prinzessin auf den seidenen Kissen ruhend, die Wasserpfeife in der kleinen Hand, die nackten Füsschen in goldgestickten Pantöffelchen, um sie her die üppige, phantastische, schwärmerische Pracht des Morgenlandes ... und sie blickt den blonden Knaben aus grossen dunkeln Augen todtraurig an und seufzt leise: „Ich bin Lakmeh, welche wegen ihrer Liebe zu dem fremden Manne sterben musste!“ — —
Lakmeh! Ist sie’s wahrlich?
Nein, er täuscht sich ... die reizende Türkin vor ihm sieht nicht traurig aus, im Gegenteil, ihr schönes, stolzes Antlitz lächelt wie in grausamem Spott, und die schwarzen Augen blitzen ihn mitleidlos an, und die roten Lippen lachen kurz und scharf auf: „Ja, sieh’ mich nur an! Ich bin das Schicksal, du Narr, welches dich in die Wunderwelt des Goldenen Hornes lockt! Sieh’, wie das Wasser gleisst und im silbernen Mondschein ein Schifflein trägt! Zurück, Verwegener! Ich bin keine liebeskranke, zage Taube wie Lakmeh — ich bin stark und stolz und werde leben, weil ich dich nicht liebe!“ —
Mortimer schrickt empor.
Hat er geträumt oder sprach das Bild wirklich?
Die geheimnisvolle schwarze Locke ringelt sich wie eine glänzende Schlange über das Papier, und der Knabe starrt mit glühenden, sehnsuchtsheissen Augen darauf nieder. Draussen fällt der Schnee in dichten Flocken. Leise und lind deckt er das nordische Land, die Giebel und Dächer des altmodischen Städtchens, die kahlen Wipfel der frierenden Lindenbäume, — hie und dort ist noch ein Fensterchen hell, und der Nachtwächter stampft mit schwerem Schritt über das holprige Pflaster und singt den trauten alten Vers: „Hört ihr Herrn und lasst euch sagen ...“, dann tutet das Horn ... der Schnee fällt und fällt ... immer höher ... immer dichter ... es ist kalt, bitterkalt ...
Droben aber, in der kleinen Mansardenstube, wachsen schlanke Palmen und eine Wildnis schwül duftender Rosen, Orangen, Flieder und leuchtender Granaten aus den wurmstichigen Dielen empor!
Da glänzen die goldenen Minaretts, da ragen zierliche Kioske, schlanke Türme, Brokatvorhänge rauschen hinter pomphaften Bronzegittern ... und die Wellen des Bosporus spülen mit geheimnisvollem Silberglanz an weisse Marmorstufen ... dort, im Schatten dunkler Zypressen, leuchtet eine weisse Gestalt ...
Schleier wehen ... Geschmeide funkelt ... ein nackter Arm winkt stummen Gruss ... und dann brechen die süssen, berückenden Lieder jäh ab ... eine Stimme lacht hell auf, und zwei dunkle Augen blitzen im Gemisch von Stolz und Spott: „Ich bin nicht Lakmeh, die liebeskranke Taube! Ich werde leben, weil ich dich nicht liebe ...“
II.
Aus dem deutschen Konsulat in der Rue Sakis Agatsch in Konstantinopel tritt ein junger Herr in einfachem, aber sehr schickem und kleidsamem Reiseanzug und wendet sich voll Behaglichkeit der Grande rue de Péra zu.
Man sieht ihm auch ohne grosse Menschenkenntnis schon auf zehn Schritt weit den Deutschen und zwar den deutschen Offizier an.
Sehr gross, schlank und dennoch kraftvoll, die Haltung straff und militärisch, schreitet er leicht und elegant über das Pflaster.
Der Hut beschattet ein regelmässig schönes, noch recht junges, blühendfrisches Gesicht, über dessen Lippe sich ein kleines, goldblondes Bärtchen keck und siegesfreudig kräuselt!
Grosse Blauaugen, auffallend strahlend in lachender Lebenslust, blitzen jeden Vorübergehenden an, als wolle ihm ihr Besitzer voll naiver Freude zurufen: „Sieh’ doch, wie froh und glücklich ich bin! Die ganze Welt möchte ich an meine jauchzende Brust drücken, — die Millionen umschlingen! So vergnügt wie ich kann kaum ein zweiter Mensch auf Erden sein! Kommt, freut euch mit mir!“ —
Wohl folgte manch wohlgefälliger Blick der sympathischen Gestalt, aber zum „Mitfreuen, Schwärmen und Geniessen“ schien niemand recht Zeit zu haben, bis vor dem „Tokatliau“ ein hastig vorübereilender junger Herr plötzlich stutzte, sich umsah, zögernd kehrt machte, und noch einmal, ihn scharf musternd, an dem Fremden vorüberschritt.
Und dann ein leiser Laut freudiger Gewissheit und schnell trat er ihm in den Weg.
„Marken! du musst es sein!“ klang es voll ehrlicher Freude zu dem blonden Reisenden empor, „du selber, Mortimer, oder dein Geist!“
Beide Hände streckte er dem Genannten entgegen, und Leutnant von der Marken stiess einen gedämpften Laut höchster Überraschung aus und sagte: „Schlüchtern, wenn ich nicht wüsste, dass du in Bremen auf dem Kontorstuhl sässest ...“
Der andere lachte laut auf: „Bei Gott, er kennt mich noch! Mortimer, alter Junge, das nenne ich ein treues Gedächtnis! Wenn man mit solch braver, ehrlicher Haut fünf Jahre lang die Schulbank gedrückt hat —“
„Bis du auf die Ritterakademie kamst —“
„Gott hab’ sie selig! und als die herrlichen Sonntage, die ich auf deinem elterlichen Gut verlebte, ein Ende hatten —“
„Himmel ja! ’s ist wie ein Traum, plötzlich hier auf der Grande rue de Péra an all das ferne Teuere erinnert zu werden!“
„Richtig! man kommt vor lauter Worten gar nicht zum Fragen! Marken ... alter Junge, welch ein guter Wind hat dich denn plötzlich hierher nach dem Orient geblasen?“ —
„Wenn ich das noch fragte! dich, den angehenden Agrarier, den der kluge Papa zum Kaufmann machen wollte!“
„Sollst du alles erfahren! Beichte auf Gegenseitigkeit! Aber hier auf offener Strasse? Undenkbar!“ — und Hans Schlüchtern schob den Arm in denjenigen des Schulfreundes und schritt mit ihm weiter: „Was hast du vor? — Eiliges? Unaufschiebbares?“
„Nein! nicht das mindeste!“
„Bon! So schlage ich vor — weil deutsche Art sich doch nie verleugnet, wir setzen uns gemütlich in die ‚Strassburger Bierhalle‘ gegenüber der russischen Botschaft und ...“
„Mensch! — nie!“ —
„Nie?“ —
„Wenn ich auf Reisen bin, schüttele ich alles Deutschtum von mir ab.“
„Und schämst dich nicht, so einen Landesverrat fröhlich lachend einzugestehn?“
„I wie werde ich denn! Sieh mal, Bier trinken und in Münchener oder süddeutschen Brauhäusern sitzen kann ich daheim alle Tage; wenn ich aber nach Konstantinopel reise, dann will ich etwas ganz anderes hören und sehen, etwas Fremdes, Aussergewöhnliches, Orientalisches ...“
„Aha, ich verstehe und bitte um Verzeihung. Sieh, dort liegt die Konditorei von Themistokles und Aslanides, das Rendezvous der reizendsten und sehenswertesten Levantinerinnen; wie wäre es damit?“
„Ohne Debatte genehmigt!“
„Zwar ist die Stunde nicht günstig, wir werden gerade jetzt etwas einsam sein, denn noch beginnt der Korso in der Grande rue de Péra nicht —“
„So lass uns warten! Ich wollte eigentlich nach dem Galataturm hinaufklettern und in Rundblicken schwelgen, denn törichterweise bin ich mit der Eisenbahn anstatt mit dem Dampfschiff angekommen ...“
„Marken! wie ist’s möglich?“
„Das frag’ meinen Oberst, der den Urlaub so knapp bemessen hat, dass man mit jeder Minute geizen muss!“ —
„Nun, dann darfst du auf keinen Fall schon jetzt den Turm besteigen! Lass uns bis Sonnenuntergang warten! Wenn es dir recht ist, begleite ich dich und freue mich schon jetzt auf den Eindruck, den das berückendste aller Panoramen auf dich machen wird!“
„D’accord!“ Mortimer drückte dem Freund herzlich die Hand: „Also verzichte ich lieber auf die interessante Gesellschaft in der Konditorei und freue mich vielmehr der Ungeniertheit, mit dir plaudern zu können! — Wie lange ist’s her, Hans, dass wir zum letztenmal nebeneinander sassen und unsere Herzen ausschütteten. Damals spannte sich der blasse deutsche Sommerhimmel über uns aus, jetzt funkelt es so heiss und golden am tiefblauen Firmament, und die üppigen Oleander streuen uns ihre Blütenblätter in den Sorbet!“ —
„Und doch ist eins so schön wie das andere, jedes zu seiner Zeit! — Nimm Platz, alter Junge! und da du ja orientalische Getränke kennen lernen willst und das kühle, schäumende Bier verschmähst, so schlage ich dir vor, zwischen einer ‚Helva‘ und einem ‚Gülatsch‘ zu wählen —“
„Goulasch ... trinken?!“ entsetzte sich Marken.
Schlüchtern lachte: „Nein, mit Paprika will ich dich bei dieser Temperatur verschonen! Gülatsch ist ein feiner Aufguss von Stärke und Rosenwasser, während Helva noch mehr Nationalgetränk darstellt, eine sehr beliebte Mischung von Maulbeersaft, Most, Sesam und Fett!“
„Pfui Deiwel!“ hätte Mortimer beinah ganz entsetzt gesagt, aber er besann sich noch rechtzeitig, dass in Tausend und einer Nacht solche wundersamen Säftlein mit Entzücken geschlürft werden, und sagte nur eifrig: „Famos! machen wir! All so etwas muss der Mensch kosten und kennen lernen!“
Nun sassen sie, in der Tat ziemlich einsam und ungestört, zusammen, schauten auf das bunte, wechselreiche Leben von Pera hinaus und tauschten die Erinnerungen aus bis zu der Stunde, welche sie so überraschend hier zusammengeführt hatte.
Hans Schlüchtern weilte bereits seit einem halben Jahr in Konstantinopel, oder besser gesagt Skutari, woselbst er in einem grossen Handelshause tätig war, seine kaufmännischen Kenntnisse zu erweitern. Er erzählte, dass der Vater viel Not und Last mit dem heimatlichen Gut habe, das, seiner Meinung nach, seinem Sohn eine sichere Existenz nicht mehr gewähren konnte.
Missernten, schlechte Leuteverhältnisse und bauliche Änderungen hätten in den letzten Jahren so viel Kosten und Aufregungen verursacht, dass der alte Oberamtmann lieber heute als morgen verkaufen möchte, was für Hans ein sehr trauriger und schmerzlicher Gedanke sei! Wenn er als Kaufmann Glück habe und die Pläne, welche er hege, verwirklichen könne, so hoffe er, so viel zu erwerben, um die geliebte alte Heimat einmal für seine Kinder erhalten zu können! — — Und er entwickelte dem sehr interessiert lauschenden Offizier die in der Tat recht grossen Chancen, welche ein Kaufmann heutzutage habe, wenn er mit etwas Kapital all die neuen, zukunftsreichen Errungenschaften des deutschen Vaterlandes ausnutzen könne!
Dann aber unterbrach er sich, legte die Hand auf den Arm des Freundes und sagte: „Ich bin sehr weitschweifig geworden und habe dir während der ganzen langen Zeit nur von mir, meiner Vergangenheit und meinen Zukunftsträumen erzählt, — nun bist du an der Reihe, dein Tagebuch zu erzählen. Aber nicht hier! Es wird Zeit, dass wir gehen, wenn wir in aller Behaglichkeit den Galataturm ersteigen wollen. Dort rastet es sich besser als hier! Ich glaube nicht, dass du dich bald von den zauberischen Bildern, welche sich dort dem Auge bieten, trennen wirst, — also haben wir die herrlichste Gelegenheit, zwischen Himmel und Erde unseren Gedanken freien Lauf zu lassen!“
Und sie wanderten Arm in Arm auf abschüssiger Bahn und sehr schlechtem Pflaster vorüber an dem Kloster Tekke der tanzenden Derwische und dem Hause des deutschen Klubs Teutonia nach dem grossartigen Bau des Galataturmes, welcher in massiver Rundung, mächtig und trutzig, wie ein ragendes Bollwerk, über die niedrigen, engen Häuser emporsteigt.
Einen Augenblick stand Mortimer und starrte, sich die Stirn trocknend, an dem Riesen empor.
Er war enttäuscht.
Sowohl der dicke, farblose Turm, auf welchem hoch droben als einzige heitere Augenweide eine Fahne in den türkischen Farben flatterte, wie das ganze armselige Stadtviertel hatten nichts, so gar nichts von all dem an sich, was sich seine Phantasie seit langen Jahren in glühender Schönheit ausgemalt. Dies war wohl orientalische Eigenart, aber durchaus kein Zauber aus Tausend und einer Nacht! Das schmutzige Strassenpflaster wusste nichts von sich wiegenden Palmen und glutrot leuchtender Rosenpracht, hier duftete es nicht nach Narden und Weihrauch und keine seidenrauschenden Vorhänge verhüllten hinter den unsaubern engen Fenstern und Gitterchen eine Lakmeh, um derentwillen man zehn Leben freudig in die Schanze schlägt.
Er seufzte ganz unmerklich auf und stieg resigniert die 140 Stufen im Innern des Turmes empor, welche zu einem weiten, hallenartigen Gemach führen, woselbst einige Feuerwärter sich müde und gelangweilt die Zeit vertrieben.
Zweie liessen schleunigst ein paar Würfel in dem breiten Schalgurt verschwinden und musterten voll gleichgültiger Ruhe die Fremden, ohne eine Spur von Sympathie, aber auch ohne eine unduldsame oder unfreundliche Miene.
Der Dritte schaute überhaupt nicht auf, sondern las andächtig in dem Koran, welcher aufgeschlagen auf seinen Knien lag.
Schlüchtern schritt grüssend vorüber und führte den Freund zu einer Wendeltreppe, welche abermals zu einem Saal führte, dessen Wände wohl durch mehr als ein Dutzend grosser Fenster unterbrochen wurden.
Schlüchtern trat hastig neben Mortimer und legte ihm scherzend die Hand über die Augen.
„Halt, mein lieber Junge! Jetzt spielen wir Blindekuh, bis ich dich freigebe! Wir sind gerade im rechten Augenblick gekommen, und du wirst deinen Glauben an die Wunder des Südens, welchen du in den kleinen Gassen drunten zu verlieren schienst, schnell wiedergewinnen!“
Während des Sprechens hatte er Marken langsam vorwärts an eines der Bogenfenster geführt; ein köstlich frischer Lufthauch wehte ihnen entgegen und der junge Kaufmann zog lächelnd die Hand von den Augen des deutschen Offiziers und rief mit heiterem Pathos: „Sieh Byzanz und stirb nicht, sondern lebe weiter!“ — Und Mortimer schaute einen Augenblick sprachlos, wie geblendet, auf den schönsten aller Rundblicke, welcher jemals einem Menschenauge geboten werden kann.
Ja, sie waren just im rechten Moment gekommen!
Wie ein glühender Feuerball sank die Sonne.
Ströme wallenden Purpurs fluteten durch die kristallklare Luft, welche in tiefblauer Unendlichkeit Meer und Welt umrahmte.
Das war ein Funkeln und Blenden, ein Glühen und Blitzen, als ob Riesenhände alle Edelsteine der Welt um die Gestade des Bosporus aufgehäuft hätten, — eine Farbenpracht, so satt, so üppig, so verschwenderisch ausgegossen wie die Phantasie eines Fiebertraumes, lag über Stadt und Flut, über der demantzitternden, spiegelnden Flut des goldenen Horns, welche dort im Süden von der neuen Brücke überspannt wird!
Hinter ihr grüsst Stambul, das sagenreiche, verzauberte, mit seiner Agia Sophia, neben ihr steigt wie ein Luftgebilde die Irenenkirche, die Achmediek und die hohe Pforte und näher hin gegen das wogende, azurblaue Wasser die Valide Dschami empor.
Und dort im Westen!
Da brennen lodernde Fackeln auf einer Kuppel — da steigen blitzende Sonnen auf, da glühen Riesenaugen wie Rubine! ... Es ist die Moschee Osmans ... die Bajazids ... und fernhin, gleich einer Fata Morgana aus blaugrünen Schatten steigend, das Schloss mit den sieben Türmen!
Und dort ... wieder ein Funkenregen und Geflimmer wie daheim bei einem Feuerwerk, — die Moschee Mohammeds des Zweiten und die Selims neben dem Balat!
Mortimer hört kaum die Namen, welche der Freund ihm nennt, — sprachlos, wie trunken vor Entzücken, starrt er auf das Panorama nieder, welches, in alle Märchenpracht voll Licht und Glanz getaucht, zu ihm emporfunkelt.
Er unterscheidet nicht die Einzelheiten, er sieht nur das Ganze, er sieht nur das bunte Gewoge von Galata, Ohmeidan und Hasskiöi, er sieht weithin über die zauberische Flut des Marmarameeres, er sieht die geheimnisvollen Parks und Lustgärten am Gestade des Bosporus .. er sieht Fyndykly, Dolmabagtsche und das malerische Skutari ... sein Blick schweift hinüber zu der asiatischen Küste, wo der weisse Marmorpalast Bejlerbej aus dunklen Lorbeeren, Zypressen und Myrtenhainen herüberglänzt, wie jenes zauberhafte Schloss aus seinem Märchenbuch, in welchem die stolze, spottende, allerschönste Prinzessin neben den plätschernden Springbrunnen ruht und ihm mit grausamen, erbarmungslosen Augen zuflüstert: „Ich bin nicht Lakmeh, die liebeskranke Taube! und ich werde leben, weil ich dich nicht liebe!“ —
Ja, dies ist Konstantinopel!
Dies ist das Land seiner Träume und seiner Sehnsucht! —
Mortimer atmet so schwer und verharrt so schweigend, dass Schlüchtern endlich lachend seinen Arm schüttelt!
„Mensch, schläfst du?!“ —
Da streicht Marken langsam über die engen. „Nein, ich schlafe nicht — ich träume dennoch die schönsten Träume!“
„Das ist für mich etwas langweilig, und darum sei nicht böse, wenn ich deine Nerven wachrüttle! Sieh mal hier, die Feuerwächter sind liebe Kerls! sie sehen es dir blauäugigem und blondlockigem Schwärmer schon an, dass du sicher den Mondschein noch hier droben abwarten willst, und da bieten sie uns Kaffee und Tabak an! Gestatte, dass ich dir serviere! Du kannst ohne Bedenken zulangen! Beides ist gut und echt! — Und nun wollen wir es uns behaglich machen und warten, bis dieses Bild so schön und magisch wird, dass du zum Dichter ausartest!! — Der Sonnenglanz ist mir, ehrlich gestanden, zu grell!“
„Zu grell?!“
„Ja, wenn man den ganzen Tag über die Augen müde geschrieben hat, sind sie gegen diese allzu bunte und blendende Schönheit empfindlich geworden. Das Tageslicht hat fraglos auch seine Vorteile und man muss den Orient auch darin kennen lernen! Aber es ist für viele Dinge zu indiskret! Es zeigt nicht nur Gold und Herrlichkeit, sondern auch viel Schmutz, Schminke und Verkommenheit! Der silberne Mond ist vorteilhafter und verschwiegener. Am Tag ist jede orientalische Stadt schön von aussen und hässlich von innen, — nachts ist sie überall schön. Es gibt nichts Feenhafteres als Konstantinopel unter klarem Sternenhimmel; wenn du nicht die dunklen, betenden Gestalten der Muezzins gegen den klaren Nachthimmel gesehen hast, wenn du nicht im Mondschein auf dem Bosporus Kahnpartien gemacht, kannst du noch nicht von dem seelenbestrickenden Zauber des Südens reden! — So; und nun Prost! ich heisse dich noch einmal mit dem Trank der Levante willkommen und erlaube mir die ebenso bescheidene wie gerechtfertigte Anfrage: „Wie kommst du hierher und was ist in der Heimat, während unserer Trennung, aus dir geworden?“ —
Mortimers sonst so übermütige Augen hingen wie in schwärmerischer Träumerei an der fremdartigen Welt zu seinen Füssen.
„Muss ich jetzt sprechen?“ —
„Selbstredend! und zwar nicht zu knapp.“
„Gut. Du warst seit jeher ein Tyrann.“
„Danke!“
„Von meinem Leben ist so gut wie nichts zu berichten —“
„Ach!!“
„Ich ging den engbegrenzten, vorschriftsmässigen Pfad, lernte, machte mein Examen, trat als Leutnant bei dem dritten Garderegiment zu Fuss in der Residenz ein und lebte dort, trotz meiner ganz anständigen Zulage, so enorm einfach und sparsam, dass meine Kameraden behaupteten, ich hätte sogar schon die Butter von meinem Speisezettel gestrichen und nährte mich von Margarine!“
„Pfui Deiwel! Und warum? Aus Geiz oder Absonderlichkeit?“ —
„Aus Idealismus!“ —
„Hört! hört!!“ —
„Ich wollte und musste sparen, Hans, um mir den glühendsten Wunsch meines Lebens erfüllen zu können ...“
„Donnerwetter! — Liebesheirat?!“ —
Marken lachte hell auf: „Vielleicht die Ouvertüre dazu! Nein, fürerst, um hierher nach Konstantinopel reisen zu können.“
„Ach! nun verstehe ich. Warum musste es aber gerade das alte Byzanz sein?“
„Weil dies zauberhafte Stückchen Erde es mir seit Kindesbeinen angetan hat, mein lieber Hans! Seinem Schicksal entgeht kein Mensch, und damit sich das meine an mir erfülle, kam ich her!“
„Dunkel ist deiner Rede Sinn, und das Rätselraten war seit jeher meine schwache Seite!“
Mortimer lächelte seltsam, halb humoristisch, halb geheimnisvoll. Er blies die blauen Wölkchen seiner duftenden Zigarette vor sich hin und schaute den Frager nicht an.
„Ich bin überzeugt, dass du mich auslachst, wenn ich die Wahrheit sage; also lass mir Zeit, mir eine Lüge auszudenken!“
„Wehe dem, der lügt! — Ich schwöre dir, dein Geständnis so tief ernst aufzufassen, als ob es sich um einen Selbstmord handle!“
„Einen solchen Abschluss setze ich nicht voraus, obwohl es auch leicht möglich ist, dass ich unter diejenige Sorte der Freiherren von der Marken rechne, welchen Konstantinopel die schwarze Kugel zurollt! Siehst du, alter Freund, diese zauberschöne Heimstätte der Romantik ist allen Trägern meines Namens seit Jahrhunderten verhängnisvoll gewesen. Da aber die Gefahr die schnelle Jugend reizt und die Abenteuerlust noch ebenso mächtig in meinem Busen lebt, wie ehemals, als ich in der Tertia die Märchen von Tausend und einer Nacht las, so liess es mir keine Ruhe; ich musste das Hazard wagen, hierher kommen und dem Schicksal den Fehdehandschuh zuwerfen. Ob es ihn aufnehmen wird und wie der Strauss für mich enden wird, ob mit Sieg und Ehren oder einer traurigen Niederlage, über welcher die Fluten des Bosporus leise Totenklage rauschen, das muss ich abwarten!“
„Marken, ist dies alles Ernst oder Scherz?“ —
„Heiliger, bitterer Ernst!“
„Willst du so unsinnig sein, etwa Liebeshändel in einem Harem zu suchen? Du ahnst nicht, welche Gefahren solch ein Abenteuer auch heute noch in dem modernen, zivilisierten Konstantinopel in sich schliesst!“
Mortimer schaute mit offenem und ehrlichem Blick in das sehr ernste Gesicht des Freundes. Seine Augen leuchteten.
„Ich werde niemals leichtsinnig oder gewissenlos ein solches suchen, bietet es sich mir aber, so gehe ich ihm auch nie und nimmermehr aus dem Wege!“ —
„Und du glaubst, dass es auf alle Fälle ein Weib sein muss, welches dein Schicksal hier bestimmt?“
„O durchaus nicht, obwohl es mir gewiss das sympathischste sein würde! Warum aber soll ich nicht vielleicht dem Sultan das Leben retten, mir seine vollste Huld und Liebe erwerben? Er adoptiert mich und macht mich zum Fürsten des goldenen Horns, welches ich sofort an die Mächte versilbern und von den Renten herrlich und in Freuden daheim leben würde!“ — Beide Herren lachten hell auf, Schlüchtern aber wiegte den Kopf und sprach: „Ich möchte dich um etwas bitten! Mache mich schon im voraus zum Adjutanten des Fürsten von Pera! Teils aus Neugierde, teils aus Amüsement und wirklicher Sorge um dich möchte ich mich an deine Sohlen heften!“
„Topp! du bist ernannt, aber nur unter der Bedingung, dass du mir niemals der schönen Suleika gegenüber zum Rivalen wirst!“
„Und warum nicht? Dies würde dem Abenteuer noch einen besonderen Reiz verleihen! Ich schiesse gut und dolche gut. — Also lang’ gequält wirst du nicht!“ —
Sie reichten sich die Hände und lachten abermals, und dann sagte Mortimer leise: „Sieh nur! sieh da unten!“ — — Violette Schleier, mit Purpur und Schwefelgelb gemischt, wogten um See und Berge, die tausend Minaretts, Kuppeln, Kioske und schlanken Türmchen sprühten noch einmal grelle Funkenperlen, dann erlosch Blitz um Blitz, die glühenden Fensterscheiben erblassten, taubengraue Schatten sanken über die Farbenglut, und langsam, bleich wie eine riesige Silberschale, stieg der Mond hinter schwarzen Zypressen empor.
III.
Wie in einem wundersamen Rausch vergingen Mortimer die nächsten Tage.
Schlüchtern hatte sich die Nachmittage von seinen geschäftlichen Verpflichtungen frei gemacht und übernahm mit viel Genuss und aufrichtiger Freude seine amüsante Rolle als Fremdenführer.
Die schwärmerische Stimmung, welche den jungen Marken anfänglich beherrschte und ihn durchaus verändert erscheinen liess, war seinem ureigentlichen Naturell wieder gewichen, und dieses war eine sprudelnde Heiterkeit, frohe Laune und Lebenslust, welche felsenfest davon überzeugt war, dass das Schicksal — sollte es ihn tatsächlich hier in der Märchenwelt erwarten — nur das goldenste und rosigste sein könne, welches jemals einen Sterblichen zum glückseligen Mann gemacht hat.
Ein strahlendes Lächeln auf dem hübschen, frischen Gesicht, wanderte er durch alle Strassen, Gassen und Winkelchen von Konstantinopel, und manch dunkelglühendes Augenpaar lugte hinter Gitter und Teppich dem blondlockigen Fremden nach, ja, ein paarmal schien es tatsächlich, als ob eine unternehmende Schöne gar leicht zu bewegen sein würde, ein galantes Abenteuer zu bestehen, durch die schwere, eisenbeschlagene Pforte zu schlüpfen und im Arm eines jungen Helden ihren alten Jzeddin oder Ali zu vergessen.
Aber Marken schüttelte lachend den Kopf. Jenes Stückchen weisser Arm, die reizende kleine Hand, welche ihm gewinkt, oder das Augenpaar, welches ihm durch die schmale Spalte des goldgewirkten Schleiers voll flammender Jugendglut wie eine geheime Werbung entgegenblitzte, war nicht sein Verhängnis.
„Ich werde es fraglos fühlen und empfinden, wenn meine Schicksalsstunde schlägt!“ sagte er lachend zu Freund Hans, „ich denke mir, die feinen Fäden, welche die Nornen spinnen, gleichen in gewisser Beziehung einer elektrischen Klingel. Berührt sie der Finger jenes geheimnisvollen Wesens, welches bestimmt ist, in unser Leben beglückend oder vernichtend einzugreifen und unserm Dasein den Inhalt zu verleihen, so meldet sich das in unserm Herzen ebenso, als ob ein ganzer Allarmapparat von Liebesglocken in Aktion träte! — Bis jetzt hat es noch keinmal in meinem Innersten angeklingelt, also hat das Verhängnis auch noch nicht um die erwartete Audienz gebeten!“ —
Hans fand diesen Vergleich „einfach grandios!“ und bestärkte den Freund lebhaft, doch ja auf diese ominöse Visitenklingel zu warten. — Was es an Sehenswürdigkeiten in Konstantinopel gab, ward besichtigt; als Schlüchtern den jungen Offizier aber eines Abends in den Alcazar d’Amérique führte, griff derselbe ganz entrüstet nach dem Hut und erklärte: „Nein! alte, abgetakelte französische Chansonetten kann ich mir überall im Abendland auf die Nerven gehen lassen! Am Goldenen Horn aber will ich orientalische Romantik hören und sehen! Komm, es ist schade um jede Minute, welche wir hier vergeuden!“
„Gut, versuchen wir, ob wir noch einen Akt im türkischen Theater mitnehmen können, — es gibt in diesen Tagen seine letzten Vorstellungen und wird dann von dem Karagöz, einem sehr absonderlichen Puppenspiel, abgelöst, bei welchem sich der Osmane noch ebenso brillant amüsiert wie bei uns die Klippschüler! — Vielleicht amüsiert es dich auch, einmal arabische Tänzerinnen zu sehen; mein Geschmack sind sie nicht, die kleinen, dunkelfarbigen Hundevisagen können mich nicht begeistern, da ich sie zu hässlich finde! Aber der Geschmack ist ja verschieden, und wer weiss, am Ende ist es gerade das kaffeebraune Fingerchen solcher Fatime, welches die elektrische Klingel Sturm läuten lässt!“
„Wer weiss!“ zuckte Mortimer die Achseln, „der Anblick der vielen Goldstücke, welche solcher Schönen um Kopf, Hals und Ohren klimpern, hat für einen armen Leutnant etwas Faszinierendes!“
„Also avanti! Der Würfel möge rollen!“
Es war schon eine vorgerückte Stunde, und die Strassen lagen dunkel, still und ziemlich öde vor den Freunden.
Der Moslim liebt es, sich zeitig zur Ruhe zu begeben; er löscht die Lichter und verriegelt das Haus, — die Aussenwelt ist tot für ihn.
Weil aber die Nacht in dem geheimnisvollen alten Byzanz so still und dunkel ist, so sind die Geräusche, welche sie charakterisieren, desto auffälliger und unvergesslicher. Der grosse, wundervoll leuchtende Mond steht am Himmel und übergiesst Dächer, Kuppeln und Türme mit zauberischem Geisterlicht. — Wo sein Strahl nicht hintrifft, lagern die blauschwarzen Schatten desto tiefer.
Droben auf einem glatten Dach regt sich etwas.
Eine seltsame Gestalt, in weisse Tücher gehüllt, schreitet langsam wie ein Nachtwandler daher, das Angesicht gegen Osten gekehrt, die Arme wie in heissem, sehnendem Flehen zum Himmel emporgereckt.
Leise, wie in tiefer Klage, beinah’ weinerlich, klingt das monotone Gebet: — Allah illah Allah, ve Mohammed ressul Allah! —
Von fern her klingt der Ruf der Bekdschis, das Geheul der vielen herrenlosen Hunde, welche zu ganzen Rudeln die Strassen durchstreifen und voll zitternder Gier die Kothaufen durchwühlen.
Ganz vereinzelt hallt wohl aus einem Garten oder Kiosk das Gerassel der Schellentrommel oder ein Tamburin, welches ein altes asiatisches Lied begleitet, — ein Türke hat Gäste bei sich gesehen, und dieser schläfrige Gesang deutet das nahende Ende der Feier an.
Ein paar vermummte Gestalten schreiten vorüber, — die Equipage eines reichen Europäers rasselt misstönend über das Pflaster, und von dem Ankerplatz der Schiffe schrillt eine Signalpfeife herüber.
Dann ist alles wieder still, die Luft weht schwül wie aus einem Backofen von Stambul herüber, — die Myrtengebüsche duften betäubend stark, und der Himmel wölbt sich so klar und blau, so sternenbesät zu Häupten, als ob nie und nimmer eine Wolke emporsteigen könnte, den ersehnten, staublöschenden Regen zu bringen.
Aus den Türen des Theaters weht eine furchtbare Luft.
Lärm und Geschrei hallt dumpf daraus hervor, und ein paar Jungtürken stürmen mit erhitzten Gesichtern an den Ankommenden vorüber und singen und gestikulieren so lebhaft wie Betrunkene.
Ein paar Europäerinnen übelster Sorte hängen an ihren Armen.
Mortimer bleibt unwillkürlich stehen und hält Schlüchtern zurück.
„Lass uns draussen bleiben, Hans! Diese Bude scheint furchtbar zu sein, so ganz und gar nicht das, was ich hier suche!“
„Das glaube ich selber! Eine wahnsinnige Hitze und Stickluft und bereits der letzte Akt! Du versäumst nichts. Es wird schon mörderlich heiss, sogar die Nächte bringen hier kaum noch eine Erquickung! Ich will dir mal einen Vorschlag machen, alter Junge! — Konstantinopel mit all dem, was ein Tourist zu sehen bekommt, kennst du jetzt, lass uns nun mal zur Erholung ein paar Tage auf dem wonnigen Fyndykly oder den Prinzeninseln verleben —“
„Prinzeninseln? was ist das?“
„Das Schönste, was du dir denken kannst, das Buen retiro der Konstantinopler! Namentlich Prinkipo, die grösste der Inseln, ist das verkörperte Paradies! Und so ganz nach deinem Geschmack, was die Romantik anbelangt! Da klingelt es sicherlich in deinem Herzen Sturm! Ehemals waren diese Inseln die schönen Gefängnisse verbannter Prinzen und Prinzessinnen, ja, es gibt noch immer gut unterrichtete Leute an der hohen Pforte, welche behaupten, dies sei noch heutigentags der Fall! Es soll da dicht am Meeresufer eine zauberisch schöne, märchenhafte Villa orientalischen Stils liegen, welche von einem türkischen Würdenträger bewohnt wird. Derselbe lebt sehr zurückgezogen, und man munkelt, er sei eigentlich nichts anderes als ein vornehmer Gefangenwärter, denn sein Kiosk beherberge zeitweilig diejenigen Schönen, welche sich im Harem des Sultans unliebsam gemacht, welche man entweder auf kurze Zeit entfernen oder zur Strafe für immer dort in die Einsamkeit flüsternder Mandelhaine verbannen wolle! — Manche glauben an dies Gerede, viele — und darunter auch ich — lachen darüber, denn der alte Suleiman-Achmed-Bei ist ein reicher Mann, welcher sich selber die schönsten Weiber und zirkassische Sklavinnen halten kann, — und dieser Reichtum an erstklassischen Schönheiten hat wohl den Anlass zu dem Klatsch gegeben!“
„O, diese Volksstimme klingt zu poetisch und schön, um nur unwahrer Klatsch zu sein!“ rief Mortimer lebhaft; „warum erzählst du mir so etwas Interessantes erst jetzt, du Duckmäuser?“
„Ehrlich gestanden, weil ich heute morgen erst von meinem Prinzipal und Freund daran erinnert wurde!“ lachte Hans. „Wie alle Grosskaufleute hat auch Benno Haulsen & Cie. seine elegante Villa auf Prinkipo, in welcher seine Familie die heisse Zeit verlebt. Heute sind Frau und Kinder nach dort übergesiedelt, und aus diesem Anlass kam unser Gespräch auch auf Suleiman-Achmed, welchen Haulsen persönlich kennt und bei dem er sogar schon öfters in seiner sagenhaften Villa zu Gaste war —“
„Kann man auf Prinkipo wohnen?“
„Und ob! Für Geld und gute Worte kann man dort alles haben! Zu Land und Wasser spazieren fahren ... Feuerwerk sehen ... Paukgjöksü und Elmastia, Rapama und Rebab essen und Sorbet und Helva trinken; im Hotel Giacomo oder Imperial wohnen und sich eine Zeitlang alles Ernstes einbilden, ein Gott auf Erden zu sein!“
„Also auf! auf! nach Prinkipo!“ —
„Topp! morgen mittag per Dampfschiff gondeln wir los! Du nimmst Aufenthalt dort — ich führe dich in die Familie meines Chefs ein, damit du dich nicht langweilst und von der netten englischen Bonne ein bisschen beaufsichtigt werden kannst —“
„Hm! hm!!“ —
„Und ich komme mit Haulsen jeden Mittag nach Bureauschluss hinaus ...“
„Abends fahren wir im Mondschein auf dem Bosporus und warten, ob nicht mal eine der verbannten Prinzessinnen ins Wasser fällt ...“
„Grossartig! wir retten!“ —
„Falls die Delphine und Haifische garantieren, dass sie stumpfe Zähne und keinen Appetit auf Menschenfleisch haben!“
„Unbesorgt! Die kleinen Haifische tun keinen Schaden, und die grossen Unholde dringen selten, fast nie über die Dardanellen vor!“
„Also wir stürzen uns der schönen Suleika nach!“ —
„Erlaube mal! nur du, — ich nicht!“
„Um so besser. Unter diesen Verhältnissen hast du auch zu verschwinden, wenn ich mit ihr unter dem duftenden Orangengebüsch lande ...“
„Selbstredend! Ich hole schleunigst Suleiman-Achmed!“
„Mensch, ich würge dich!“ —
Unter Scherzen und Lachen wanderten sie die stillen Strassen nach Hotel Kroecker zurück, woselbst Marken sich einquartiert hatte.
In der Grande rue de Péra pulsierte noch europäisches Nachtleben.
Ein alter türkischer Rahatverkäufer lungerte noch an der Treppe herum, eine junge Negerin mit dicken Backenknochen und frechen Augen bot noch sehr zudringlich Sträusse von stark duftenden Nelken und blühende Orangenzweige an.
Mortimer zögerte, warf dem Weib eine Münze zu und griff nach einem der Zweige. Sie fasste seine Hand mit heissem, zärtlichem Griff und drückte sie gegen ihre Stirn.
„Toi, tu sais! Benim djan senin!“ flüsterte sie.
Schlüchtern lachte: „Na, Mortimer? Was sagen die Nornen?“
Marken wandte sich beinah’ zornig ab und murmelte: „Gott bewahre einen vor solch’ schwarzem Ungeheuer!! Also morgen mittag erwarte ich dich an der neuen Brücke!“ —
„Well!“ nickte Schlüchtern und schritt hastig in die Strasse zurück, von der Negerin gefolgt, welche ihm mit kreischender Stimme ihre Blumen aufdrängen wollte.
Mortimer aber stand an dem offenen Fenster seines Zimmers, schaute hinaus in die klare Mondnacht und neigte den Zweig mit den kühlen, weissen Orangenblüten gegen seine Wange.
Wie das duftete! —
Schier betäubend weht der süsse Odem um sein Antlitz, und er atmet so tief und schwer, als berausche ihn der süsse Hauch. Ebenso wie dieser, nur viel traumhafter und weniger stark, duftete der welke Blumenzweig, welcher neben Lakmehs dunkler Locke in dem Briefumschlag lag. —
In seinem Taschenbuch ruhen die kostbaren Schätze, welche er am Tage seines Scheidens von ihrer heimatlichen Erde hier zurücklassen oder in die blaue Flut des Bosporus versenken will, damit der schmerzensreiche Liebestraum jener kranken Taube, welcher hier unter dem magischen Silbermond zwei junge Herzen so leidenschaftlich entzückte, im Lande der Märchen sein Ende finde.
Die Locke und der Orangenzweig dünken dem jungen Offizier zwei heilige Vermächtnisse, welche er vor profaner Hand beschützen muss.
Und wie der Duft der frischen Blüten seine Sinne umstrickt, deucht es ihm, als ob aus den wogenden Silberschleiern der Nacht das süsse, todtraurige Antlitz der sterbenden Lakmeh tauche, dass es ihm zulächle unter Tränen — dass weisse Arme ihn geheimnisvoll hinabwinken an die Ufer des blau glänzenden Meeres, dahin, wo Prinkipo wie ein paradiesisches Gefilde aus den Wogen steigt, wo goldene Minaretts über stillen Marmorhallen leuchten .. Und doch ... nein! es ist nicht Lakmeh ... es ist das stolze, spottende Angesicht jener zauberschönen Prinzessin aus dem Märchenbuch, welche ihm wieder und immer wieder versichert, dass sie ihn niemals lieben werde ...
— — — — Am nächsten Mittag schlendert Mortimer von der Marken harrend auf der Neuen Brücke hin und her, den Freund erwartend, mit welchem er den Dampfer besteigen will, der auf der inneren Seite der Brücke angelegt hat und in einer Viertelstunde nach Haidar-Pascha und den Prinzeninseln abdampfen soll.
Wieder liegt Konstantinopel im grellen, glühendheissen Brand der Mittagssonne, und die Wasserverkäufer mit ihren wunderlichen, langen, sackartigen Gefässen machen gute Geschäfte, ebenso die Obstverkäufer, welche die köstlichsten Früchte zu wahren Bergen aufgestapelt haben und für wenige Paras oder einen Gurusch so verschwenderisch davon geben, dass der deutsche Offizier staunend stehen bleibt und mit beinah’ wehmütigem Lächeln an das Körbchen voll Kirschen, Stachel- oder Erdbeeren denkt, welches Tante Gustel ehemals vom Markt heimgebracht. Währenddessen fallen ihn zerlumpte Bettler wie die Hyänen an, glutäugige kleine Judenkinder kichern und deuten ungeniert auf die ungewohnte Kopfbedeckung des Fremden, ja, ein paar freche, kleine griechische Bengel knipsen sogar mit Obstkernen danach!
Lastträger, welche geradezu Unbegreifliches leisten und enorme Kolli auf Kopf und Rücken tragen, stampfen vorüber; Verkäufer aller Arten und Nationen bieten laut schreiend ihre Waren an, ein alter, sehr bunt und malerisch gekleideter Türke bietet strohgeflochtene, korbartige Taschen und Pfauenfedern feil und ein paar verschleierte Frauen, von sehr ernst dreinschauendem Perser begleitet, handeln und feilschen ohne Ende mit ihm, bis ein paar kräftige Neger sich mit buntem Glitzerkram, Ketten, Spangen und Nadeln dazwischendrängen.
Welch ein Leben und Treiben!
Es ist kaum möglich, all das unendlich Mannigfaltige mit dem Blick zu umfassen. Matrosen von Kriegs- und Handelsschiffen fast aller Nationen hasten lachend und schwatzend vorüber, jüdische Schnorrer schreien und preisen ihre Waren an, Araber, Derwische, elegante Europäer mit Frau, Kindern und Dienerschaft, Armenier, Griechen, katholische Mönche, eilige Touristen ... alles schiebt und windet sich in schier sinnverwirrender Weise durcheinander.
Die Zeit fliegt trotz der drückenden Hitze wie ein Traum. — Mortimer hatte die Uhr gezogen, um zu sehen, ob es sich noch lohnen würde, unter das bunte Zelt eines türkischen Kaffeehauses zu treten, als sich eine Hand auf seine Schulter legt und Hans Schlüchtern ihn in seiner lebhaften, herzlichen Weise begrüsst. Neben ihm steht ein sehr distinguiert aussehender Herr in weissem Flanellanzug, mit einem breitrandigen Strohhut, welcher ein sehr blasses, von dunkelblondem Bart umrahmtes Gesicht beschattet, aus welchem ein paar kluge, aber ersichtlich müde Augen äusserst liebenswürdig dem jungen Offizier entgegenschauen ...
Es ist Herr Benno Haulsen, der Chef Schlüchterns, ein reicher Grosskaufmann, welcher schon seit langen Jahren in Skutari seinem bedeutenden Handelshause persönlich vorsteht.
Er begrüsste Mortimer sehr herzlich und lud ihn voll echt orientalischer Gastfreundschaft allsogleich ein, das Mittagsmahl im Kreise seiner Familie in Prinkipo einzunehmen.
„Wir sind zwar mit der Reihe der Jahre schon halbe Türken hier geworden, was Sitten und Gebräuche anbetrifft“ — sagt er scherzend, „aber nur zweimal in der Woche warm zu essen, wie dies selbst bei den reichsten Moslim geschieht, hat meine kleine Frau doch noch nicht fertig gebracht! Ich weiss freilich nicht, ob sie auf einen Gast vorbereitet ist, aber ich hoffe, Herr von der Marken, Sie rechnen heute nur mit dem guten Willen und nehmen mit dem, was da ist, fürlieb!“
Selten hatte eine Bekanntschaft den jungen Offizier so lebhaft interessiert, wie die Haulsens, denn seit Schlüchtern ihm erzählt, dass der Grosskaufmann im Hause Suleiman-Achmeds bekannt sei, war es wie eine geheime Sehnsucht über ihn gekommen, durch diese Vermittlung einmal einen Blick in das geheimnisvolle Innere eines türkischen Haushalts tun zu können.
Unter dem Sonnensegel war es schattig und ein frischer Lufthauch wehte von dem leicht sich kräuselnden Wasser des Goldenen Horns empor.
Das Schiff setzte sich gemächlich in Bewegung, die drei Herren hatten sich Zigaretten entzündet und blickten über die blau sich kräuselnden Spiralen der Wölkchen hinweg nach den Ufern, woselbst die Stadt so lustig, bunt und üppig gleissend lag, dass sie beinah’ die Augen blendete.
Gold und Geglitzer überall!
Farben, Blumen, — flatternde Fähnchen — und ein Leben, so heiss pulsierend wie bei einem Fieberkranken!
Die Hitze war nicht lästig, sie hatte etwas Lösendes, unsagbar Wohliges hier auf den azurfarbenen Wassern, man hatte das Gefühl, die Arme zu dehnen und nichts anderes als nur das eine zu denken: Geniessen! In all dieser Pracht und Herrlichkeit glücklich sein! Ohne Grübeln, ohne Überlegen, — in den Tag hineinträumen wie jene drei Orgelspieler, welche sich unter den dunklen Zypressen ausgestreckt haben und, die Arme unter dem Kopf und den Tschibuk im Munde, den Abend erwarten, wo sie unter den Eschenholzläden der Cadines, der vornehmen türkischen Damen, ihre gutbezahlten Ständchen bringen werden!
Und weiter und weiter glitt das Schiff; die Mehrzahl der bunt zusammengewürfelten Fahrgäste verliess es in Haidar-Pascha und nur das bessere Publikum setzte die Fahrt nach Prinkipo fort.
Bald tauchte das lieblichste aller Eilande aus dem kristallklaren Wasserspiegel empor.
Wundervoll lauschige Gärten zogen sich bis zum Strand hinab.
Dunkle Lorbeeren und Zypressen malten ihre blaugrünen schattigen Konturen gegen den lichtgebadeten Himmel, Mandel- und Myrtengebüsche, Oleander und Granaten mit ihren leuchtendroten Blütenbüscheln webten sich dazwischen und der betäubend starke Duft von vielen Tausenden der köstlichsten Rosen, Nelken, Orangen und Levkoyen schwoll in heissen Wogen über die stille Flut selbst bis hierher an das Schiff.
Inmitten der Insel erhoben sich sanftgewellte Bergrücken zu ansehnlicher Höhe, die romantischen Bauten von Klöstern und Schlössern grüssen herüber, entzückende, weissschimmernde Villen, malerische bunte Kioske mit mächtigem Goldgitter lachen durch die schlanken Palmwedel, und vor den Marmorstufen der Treppen schaukeln sich zierliche Nachen, bereit, die verschleierten Schönen, die verbannten Prinzessinnen aus dem Harem des Suleiman-Achmed in verschwiegener Nachtstunde aufzunehmen. —
Tief versteckt im lauschigen Grün liegt die Villa Haulsen, und nach Stunden schon ist Mortimer so heimisch dort geworden wie ein langjähriger Freund, welcher, sehnsüchtig erwartet, endlich Einkehr gehalten.
Die Hausfrau ist eine sehr heitere, elegante, liebenswürdige und humorvolle Frau, welche jede Unterbrechung in der Einsamkeit dieses fremden Landes als wahren Genuss ansieht und voll freudiger Hast anordnet, dass das luftige Fremdenzimmer für den Herrn Leutnant instand gesetzt werde.
Mortimer will voll bescheidenen Dankes ablehnen, aber seine Gründe sind so wenig stichhaltig, dass er von allen Seiten ausgelacht wird und sein Bleiben in Villa Haulsen selbstverständlich wird, er ahnt es selber kaum wie! —
Die Kinder sind herzige kleine Blondköpfe, welche voll zutraulicher Neugierde allsogleich Freundschaft mit dem lustigen Onkel schliessen, welcher so viel Verständnis und Interesse dafür hat, dass die Köchin Dora von einer guten alten Aga gelernt hat, Rosenbonbons zu kneten, und dass Sabub, der Gartenbursch’, heute morgen einen Delphin gefangen hat; zwar nur einen ganz kleinen, aber er hat Platz in dem Badebassin, „und das ist der Vorteil seiner Kleinheit!“ hat Sabub sehr richtig bemerkt.
Natürlich muss das liebe Tier sofort besichtigt werden, die Mama und die blasse, sehr zarte und graziöse Engländerin, welche in nichts der stolzen und spottenden Prinzessin aus Tausend und einer Nacht gleicht, sowie Schlüchtern schliessen sich der Expedition an. —
Dann sitzt man auf der Veranda, um deren schlanke Säulen eine wahre Wildnis stark duftender Blüten rankt, trinkt Mokka und amüsiert sich, zuzusehen, wie der Hausherr sich bemüht, seine Wasserpfeife „in Zug“ zu setzen; es ist noch immer heiss und die Damen, welche in hellen, spitzenduftigen Toiletten bequem in den breiten Rohrsesseln liegen, behaupten, es sei noch kein Genuss, um diese Stunde im Garten zu promenieren!
Wenn die Sonne untergehe, habe der Ausblick auf das Meer etwas Bezauberndes, und das Genussreichste, was dieses paradiesische Fleckchen Erde biete, sei und bleibe eine Gondelfahrt im Mondschein, welche alles erfülle, was sich die Phantasie je von der Romantik einer Bosporusfahrt träumen lasse!
Eine Gondelfahrt!
Mortimer ist so begeistert von diesem Gedanken, dass es seine liebenswürdigen Wirte ganz selbstredend finden, sie schon an diesem nämlichen Abend auszuführen. Herr Haulsen kann leider nicht daran teilnehmen, da er mit dem letzten Schiff nach Konstantinopel zurück muss, wo ihn am nächsten Morgen dringende Geschäfte erwarten.
Er verspricht, von der Landungsbrücke eine jener grossen, schweren Barken zu senden, in welcher eine grössere Anzahl Menschen Platz hat und welche zwar etwas langsamer und plumper über das Wasser gleitet als die flinken kleinen Kaiks, aber dafür auch eine absolute Sicherheit gewährt.
In lustigem Geplauder und Nichtstun verstreicht die Zeit und ein frischer Luftzug, welcher plötzlich die gestreifte Markise hebt, meldet an, dass der glühendrote Sonnenball dem Horizont entgegensinkt.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.