Kitabı oku: «Jedem das Seine - Band II»

Yazı tipi:

Nataly von Eschstruth

Jedem das Seine
II.

Roman

Mit Illustrationen von Fritz Bergen

Saga

Jedem das Seine - Band II

German

© 1904 Nataly von Eschstruth

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711448212

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

XIV.

Es war ein grauer, nebliger Wintertag.

Die Schneewolken hingen tief herab, Dämmerschleier wehten viel früher noch denn sonst durch die Zimmer, in den Gärten regte sich kein Zweig. Kahl und frosterstarrt standen die Bäume; die Sperlinge hockten trübselig auf dem Dachfirst, frierend und aufgeplustert, alle Fenster scharf beobachtend, ob sich nicht eines bald auftun werde, um einem blonden Lockenköpfchen und einer freigebigen, kleinen Hand, die so gern die Krumen streut, Platz zu schaffen.

Auf dem Gartenweg klingen Schritte und der mächtige Bernhardiner, welcher vor dem Kaminfeuer in der grossen Vorhalle liegt, um sich das schneedurchnässte Fell zu trocknen, hebt den Kopf und schlägt kurz an.

Gleichzeitig schrillt die Glocke.

Herr Leutnant von der Marken steht vor der Türe und scheint aufgeregter und eiliger wie sonst.

Er frägt nach Gräfin Iris und bittet, der jungen Dame gemeldet zu werden.

„Komtesse werden im Atelier des Herrn Grafen sein, um für kurze Zeit Kostüm-Modell zu stehn!“ erwidert der Diener sehr höflich. „Ich darf wohl den Herrn Leutnant gleich bitten, mir zu folgen.“

Mortimer schreitet auf weichen Läufern die Treppe empor.

In dem Atelier ist es still und einsam und der Diener blickt hastig in den Nebensalon.

Iris scheint in demselben anwesend, denn man hört die kurze Anmeldung und eine etwas zögernde Antwort.

Nach wenig Augenblicken erscheint Johann wieder zwischen den herrlichen, echt orientalischen Portieren.

„Komtesse erwarten zwar den Herrn Grafen und sind nicht auf Besuche eingerichtet, wenn es aber etwas sehr Eiliges sei, was der Herr Baron mitzuteilen haben, so lässt gnädigste Gräfin bitten.“

„Ja, ja, sehr eilig!“ nickte Mortimer und hat das Gefühl, als ob man seinen stürmenden Herzschlag in dem stillen Raum hören müsste — „ich danke Ihnen, — kenne den Weg!“

Der Diener quittiert mit verbindlichem Lächeln für diesen Scherz, schlägt die Vorhänge zurück und Marken tritt ein. —

Er will der Komtesse mit gewohntem Gruss entgegentreten, aber er stutzt, und ein leiser Ausruf höchster Überraschung entrinnt sich seinen Lippen.

Vor ihm steht nicht die Gräfin Iris, die er seit Monaten in den eleganten, abendländischen Toiletten kennt und bewundert, sondern eine fremde, zauberschöne Erscheinung, eine Türkin voll blendender Anmut, goldglitzernd, seidenumrauscht und unverschleiert.

Iris lacht über seine Betroffenheit leise auf.

„Sie fürchten, in einen Harem geraten zu sein, Herr von der Marken?“ sagte sie in der etwas förmlichen, hoheitsvollen Weise, die ihr selbst bei Scherz und Lachen eigen ist; sie streckt ihm freundlich die Hand entgegen und sieht mit flüchtigem Blick an sich nieder.

„Erschrecken Sie nicht, ich bin harmloser als ich aussehe, und Johann lauert nicht als Eunuch mit blankem Dolche vor der Tür!“

„Ich bin in der Tat nicht nur überrascht, sondern entzückt, Komtesse!“ sagt er mit flammenden Augen und führt ihre Hand an die Lippen.

Sie scheint weder den Ausdruck in seinen Augen, noch den heissen Klang in seiner Stimme zu bemerken.

Sie wendet sich zurück nach dem Diwan, in dessen seidenen Brokatkissen sie wieder lässig niedersinkt, bedeutet ihm freundlich, ihr gegenüber in einem der Sessel Platz zu nehmen, und greift nach dem Zigarettenkästchen, das auf einem echt „importierten“ kupfernen Dreibein neben ihr steht, um es dem jungen Offizier anzubieten.

„Rauchen Sie mir zur Gesellschaft, Gräfin? Zu einer Türkin gehört eigentlich die Wasserpfeife!“

Sie schüttelt den Kopf, dass die Goldmünzen im Haar leise erklingen.

„Sie wissen, dass ich keine Freundin türkischer Sitten bin!“

„Und tragen dennoch so völlig des Orients Farben?“

„Nicht freiwillig!“

„Ah! steckt in dem reizenden Odaliskenkostüm selbst hier droben im Land der Freiheit ein Stückchen Sklaventum?“

Wie trunken vor Wonne hängt sein Blick an ihrer phantastischen, zauberschönen Erscheinung und sein Herz pocht stürmisch, weil es ihm als neues, glückverheissendes Zeichen gilt, dass sie ihn just als eine Tochter Konstantinopels begrüsst.

Sie lächelt und reicht ihm mit graziöser Hand ein brennendes Streichholz. Die breiten, orientalischen Armspangen glühen auf unter dem Feuerschein, der über sie hinzuckt.

„Es scheint so!“ sagt sie leichthin, „selbst als Maskentand behandelt, wohnt diesen Kleidern der blinde Gehorsam inne! Diesmal aber ist es mir keine Entwürdigung, sondern vielmehr eine amüsante und nützliche Notwendigkeit!“

„Wollen gnädigste Gräfin einen Maskenball besuchen?“ fragt er sehr erstaunt.

Da lacht sie noch mehr.

„Wo du nicht bist,

Herr Organist,

Da schweigen alle Flöten!“

zitiert sie neckend. „Wie sollte hier in der Residenz ein derartiges Fest stattfinden, das nicht von Ihnen arrangiert, oder doch zum mindesten durch Ihre Anwesenheit verherrlicht würde! — Aber Scherz beiseite! Sie sehen heute die wunderschöne Sultanstochter in mir, die um die Abendzeit am Springbrunnen auf und niedergeht, wo die weissen Wasser rauschen! — Jene so viel Besungene, die mein Vater nun auch zur Abwechselung einmal malen will!“

„Ah — und Sie stehen Modell, Gräfin?“

Sie zuckt voll drolliger Ergebung die schönen Schultern.

„Was bleibt mir übrig? Der väterliche Wille ist beinahe ebenso despotisch wie derjenige der Asiaten! Das Kostüm war vorhanden ...“

„Die zauberhafte, sinnverwirrende Schönheit desgleichen —!“

„Wie galant sind Sie heute! Vergessen Sie ja nicht, dass sich unter dem Taubengefieder der demütigen Sultanin doch nur eine sehr fortschrittlich gesinnte, moderne Frau versteckt!“

„Sollte diese nicht schliesslich doch einsehen, dass ihr das Joch von Rosenketten tausendmal schöner ansteht, und sie unendlich viel mehr beglücken würde wie ein Doktorhut?“

Er hatte seinen Sessel näher herzugeschoben, mit Lippen, die in leidenschaftlichem Entzücken bebten, flüsterte er ihr die Worte wie beschwörend zu.

Ein grosser, erstaunter Blick traf ihn.

„Nein, in solch grossem Irrtum wird sie sich nie befinden!“

„Komtesse, — wenn jene wunderschöne Sultanstochter so kühl und abweisend zu dem armen Asra, der stirbt, wenn er liebt, gesprochen hätte, würde ihre Kälte Barmherzigkeit und ihr Stolz eine menschenfreundliche Tat gewesen sein! Ich aber gehöre nicht zu jenen Unglückseligen, die vor der Türe des Liebesparadieses einsam, hungernd und dürstend nach dem Glück, stehen, oder mit dem vollen Kelch des Genusses an den Lippen in das Grab sinken müssen! Ich bin ein starker, kühner und wagehalsiger Mann, der die Hände nach dem Glück ausstreckt und es zu eigen nehmen will und kann!“

Sie richtete sich ein wenig höher empor, in ihren dunklen Augen blitzte es seltsam auf, — einen Moment sah sie ihn an, als wolle sie auf dem Grund seiner Seele lesen.

„Ein starker und kühner Mann? — das heisst mit anderen Worten, der rücksichtslos an sich reisst, was sich nicht freiwillig fügt?“

Er schüttelte aufgeregt den Kopf, die feinen Goldarabesken in der weichen Seide ihres Gewandes rannen irr und wirr vor seinen Blicken ineinander.

„Nein, Gräfin Iris!“ flüsterte er weich und fasste rasch nach ihrer schlanken Hand, um sie abermals an seine zuckenden Lippen zu ziehen, „ich fordere nicht, sondern ich bitte! ich will mein Glück nicht erzwingen, sondern verdienen! Kein Weib auf Gottes weiter Welt soll heisser und inniger geliebt werden wie Sie, wenn Sie einwilligen, die Meine zu werden! Lassen Sie das grausame Spiel mit den heiligsten Gefühlen zu Ende sein! Es ist und kann nie Ihr Ernst gewesen sein, den schönsten, den naturgemässen Beruf des Weibes von sich zu weisen, um Phantomen nachzujagen, die ja doch nie und nimmer Wahrheit werden und auf die Dauer voll beglücken können! Was verlangen Sie? Alles, was in Menschenkräften steht, werde ich tun, um Ihrem Leben den Inhalt zu geben, welchen Sie verlangen!“

Ein Flimmern ging durch ihr Auge, ein feines, ungläubiges Spotten zuckte um ihre Lippen. Nun war der Moment gekommen, wo sie schauen und prüfen konnte, ob Mortimer Marken wohl der passende Gatte, — niemals für sie, wohl aber für Bärbel sei!

Armer, verliebter Knabe, welche Schwäche seufzt aus einem jeden deiner Worte, die noch einmal so verzweifelt darnach ringen, wenigstens den Schein von stolzer Würde zu wahren.

„Was ich verlange? — das ist viel. Vor allen Dingen fordere ich und verlange ich vollste, unumschränkte Freiheit in allem und jedem, was ich tue! Das Wort ‚Rechenschaft ablegen‘ kenne ich nicht, mich fügen — weder dem Willen meines Gatten noch den Ansprüchen und lächerlichen Etikettenformen von Welt und Gesellschaft — werde ich nie aus Pflichtgefühl oder Gehorsam, sondern lediglich nur dann, wenn es mir einleuchtet und genehm ist. Ich räume dem Manne nicht die mindesten Vormundschaftsrechte über mich ein. Was ihm erlaubt ist, verlange ich ebenfalls für mich. — Nun ... werden Sie damit einverstanden sein?“

Mortimer hatte die Sprecherin angesehen, in ihr schönes, stolzes, erbarmungsloses Gesicht mit dem feinen Spottlächeln um die Lippen, und ihm war es plötzlich, als stiege ein seltsames Bild vor ihm auf.

Er sah sich als Knabe in dem kalten, kleinen Mansardenstübchen, vor sich das Märchenbuch aus „Tausend und eine Nacht“ mit dem Bild der schönen, grausamen und lieblosen Prinzessin Kassandane.

Und mit derselben Stimme, wie soeben Iris, so sprach auch damals das Bild wie in einer Vision zu ihm: „Ich bin nicht Lakmeh, die schwache, liebeskranke Taube, ich bin stark und stolz, und werde leben — weil ich dich nicht liebe!“

Sein erst so frisches, glühend erregtes Antlitz ward plötzlich blass bis in die Lippen.

Er hob den Kopf, so hoch und energisch, wie es Iris noch nie zuvor an ihm gesehen.

„Nein, Gräfin, damit bin ich nicht einverstanden!“ sagte er sehr ruhig.

„Ach! — und warum nicht? nur aus Widerspruch?“

„Eine Frau — nach Ihrem Sinne, würde einen Mann nie beglücken, sondern höchstens lächerlich machen; ausserdem widersprechen Ihre Anforderungen vollständig meinen Ansichten über zarte und holde Weiblichkeit. Ein Wesen, wie Sie es als Ihr Ideal schildern, kann ein Mann vielleicht voll Ergebung dulden, — aber niemals lieben!“

„Das ist das Glaubensbekenntnis eines Tyrannen!“

„Eines Mannes, der nicht die Achtung vor sich selbst verlieren möchte!“

„Eine gebildete Frau wird niemals Taktlosigkeiten begehen!“

„Eine über bildete Frau aber Herzlosigkeiten, die noch schlimmer sind!“

„In der modernen Ehe soll hauptsächlich die Vernunft, aber nicht das Herz sprechen!“

„So bewahre mich Gott vor einem Weib, das in seinem Heim nur philosophieren, aber nicht lieben will!“

Wie hart und fest seine Stimme klang!

Iris war so überrascht, dass sie einen Augenblick die Lippen fest zusammenpresste und schwieg.

Dann zog sie finster die Brauen zusammen, und ein trotziger Blick flammte zu dem Sprecher herüber.

„Sie rechnen mit der Empfindsamkeit nervöser Frauen, die sich einschüchtern lassen und geduldig ihr Joch auf sich nehmen, nur um sich nicht lächerlich zu machen! — Was aber hat das Weib elend und schwach gemacht? Die Unterdrückung! Die Knechtschaft! Binden Sie einen jungen Baum mit Zentnergewichten, und er wird seine Krone hilflos neigen, wird sich über den Boden hinkrümmen, verwachsen und verkümmern zu saft- und kraftlosem Reis, welches keine Früchte mehr zu tragen vermag! — Lösen Sie aber seine Fesseln, so wächst es kraftvoll, frisch und blühend empor! Solch ein neues Wachstum tut unserem schwachen Geschlecht not, dass es eisern werde wie zuvor! Die Kampfmittel des Mannes sind Spott und Verachtung — so wie Sie dieselben soeben ins Treffen geführt! — Sie werden weder Ihnen noch Ihren Gesinnungsgenossen etwas helfen. Ehemals standen die eisernen Jungfrauen nur in der Folterkammer und drückten ihre Widersacher mit ehernen Armen tot, die modernen eisernen Jungfrauen werden auch mit kraftvoller Hand zufassen, und im Kampf um gleiches Recht und gleiches Mass über ihre Unterdrücker siegen!“

Iris hatte in steigender Aufregung gesprochen.

Sie erhob sich, die wundervolle, schlanke Gestalt stand wie ein berückendes Märchenbild vor ihm.

Weich und süss duftete es aus den glänzenden Seidenwogen empor, Gold blitzte und funkelte auf Brust und Armen, wie Mondlicht floss der Schleier um das reizende Haupt, das Mortimer nie so schön, so sinnverwirrend erschienen war wie in dieser Stunde!

Ja, sie werden siegen, die stolzen, zauberschönen Weiber!

Mortimer fühlt es, wie Iris in diesem Augenblick auch in seinem Herzen einen Sieg feiert!

Aufschreien möchte es in wilder Todesqual, in heisser, fiebernder Angst, die Geliebte in dieser Stunde für ewige Zeiten zu verlieren!

Er sieht, wie ernst es der Sprecherin um ihr Streben ist, er sieht, dass sie nie und nimmer nachgeben wird, und in seinem Innern flüstert eine Stimme: Narr, der du bist! warum mit einem Weibe streiten? Vor einem Weibe knien ist keine Schmach! Auch Herkules ward ein Sklave am Spinnrocken! Warum um einer eitlen kleinen Laune willen dein ganzes süsses Liebesglück opfern! — Wehre dich nicht! Gönne der Reizenden den erträumten Sieg! Wirf dich ihr zu Füssen und versprich alles, alles was sie fordert und will! Reiche gefügig deine kraftvollen Hände dar, dass sie dieselben mit ihrem Schleier binde, sage ihr, dass du ihr Sklave, ihr Werkzeug, ihr Schatten bist — und nimm sie in deine Arme, und küsse dich an den roten, lockenden Lippen der Gebieterin satt! —

Wie ein unmerkliches Beben schauert es durch Mortimers Glieder.

Nein! und tausendmal nein!

Solch ein Leben an ihrer Seite würde kein Glück, sondern ein Elend sein!

Er liebt sie viel zu tief und innig, um sich in ihren Augen derart zu entwürdigen, er hält sie viel zu hoch und wert, um Zeuge sein zu können, wie sie sich als Trägerin einer kaum begriffenen Lehre, einer Bewegung, von welcher sie nur die oberflächlichste Anschauung hat, vor aller Welt lächerlich macht!

Es wäre eine Sünde, ein Verbrechen an seiner Liebe, wollte er sie noch in solch unsinniger Laune bestärken.

Und dass sie ihm zumutet, die Rolle eines geduldeten Ehemannes an ihrer Seite zu spielen, das zeigt ihm, wie wenig, wie gar nicht ihr Herz für ihn spricht!

Marken richtet sich hoch auf, ein finsterer Schatten liegt auf seiner Stirn und verändert sein ganzes Gesicht.

„Gott sei Lob und Dank, Gräfin, die Zeiten der eisernen Jungfrau sind vorbei, und werden hoffentlich nun und nimmer wiederkehren! — Jahrhundertelang hatte jenes unnatürliche Weib in der Folterkammer seine Schreckensherrschaft ausgeübt, da kam eine Hand, welche noch stärker war wie die ihre, welche die messerscharfen Arme der Gewalttätigen lähmte! Es war die mutige, energische und doch so menschenfreundliche Männerhand des Humanismus, die kam und packte das herrschsüchtige Weib, und warf es in einen gewaltigen Glutofen voll lohender Flammen! Dort schmolz die Erbarmungslose dahin unter dem Hauch einer stärkeren Macht und ward weich, weich wie rinnende Tränen in seiner Hand! — Ich hoffe und glaube zuversichtlich, Gräfin, dass auch der modernen eisernen Jungfrau ein gleiches Schicksal droht! Dann wird es die Götterhand der alles zwingenden Liebe sein, die sie fasst und in das Feuermeer süssinniger, himmelaufflammender Leidenschaft taucht, bis alle eiserne Trutzigkeit dahinschmilzt in Zähren jauchzender und opferfreudiger Demut!“

Er hatte sehr laut und markig gesprochen, seine schlanke Gestalt wuchs empor und sah so hoch und ritterlich aus, wie noch nie zuvor.

Mit langem Blick umfasste er noch einmal die entzückende Gestalt der goldschimmernden Türkin, jener grausamen, herzlosen Prinzessin Kassandane, die leben wird, weil sie ihn nicht liebt!

Und dann neigt er in kurzem, militärischem Gruss das Haupt, klappt die Hacken zusammen und wendet sich zur Türe.

Keine leise Stimme ruft ihn voll zärtlichen Erschreckens zurück.

Iris steht wie gebannt, und starrt mit weitoffenen Augen dem Entschwindenden nach.

Sie atmet tief, tief auf und sinkt mechanisch auf die seidenen Kissen nieder.

War das Mortimer Marken? der heitere, leichtlebige, heissverliebte Knabe, von dem sie in dieser Stunde alles erwartet hatte, nur nicht jenen finsteren Stolz, mit welchem er Herz, Hand und Reichtum der Gräfin Waldstetten zurückwies, nur darum, weil er ihr nicht den Platz an seiner Seite, zu gleichem Recht und gleicher Freiheit, gönnen wollte!

Wie hatte sie es als so selbstverständlich annehmen können, dass er sie liebt?

Nein, er liebte sie nicht, und wenn er zehnmal in diesem Augenblicke um ihre Hand geworben! Stolzen Sieg wollte er feiern! über sie triumphieren wollte er, weiter nichts!

Wie ein Frösteln schauert es durch ihre Glieder.

Ein Tyrann ist er, wie alle anderen Männer auch, und wenn sie ihn für einen kindlichen, harmlosen Schwärmer hielt, so irrte sie.

Für eine Gräfin Iris würde er nie und nimmer der passende Gatte gewesen sein, aber für Bärbel, die zarte, fügsame, zärtliche, kleine Seele wird er gerade der rechte Steuermann werden, der das Lebensschifflein der unselbständigen Kleinen auf sichere Bahnen lenkt!

Die unselbständige Kleine!

Bärbel ist noch ein Kind — wer weiss, wie sich ihr Charakter noch entwickeln wird!

Vielleicht wird sie den Lehren der geistreichen, freiheitdürstenden Schwester eine eifrige Schülerin und wenn Marken einst vor sie hintritt, mit einem ebensolchen heissen, tiefinnigen Blick um ihre Liebe zu werben, so wird sie ihm vielleicht die nämliche Antwort geben, wie Schwester Iris, und der Stolze wendet sich ebenso schroff auch von ihr ab, wie heute von der Schwester!

Wie ein banges Aufschrecken zuckt es durch das Herz der jungen Gräfin.

Sie schüttelt leidenschaftlich den Kopf. Nein! nie und nimmer wird sie Bärbel beeinflussen, die Ansichten der Schwester auch zu den ihren zu machen!

Iris ist stolz und fest, — sie wird nie an der Liebe zugrunde gehen, aber das weiche, zarte Herzchen der Kleinen, das schon jetzt voll schwärmerischer Innigkeit an dem Freunde hängt, das wird verbluten und vergehen in dem Schmerz um ein verlorenes Glück!

Ein Glück! —

Iris deucht es plötzlich, als habe es in dieser Stunde nah, ganz nah vor ihr gestanden und ihr voll treuer Aufrichtigkeit die Arme entgegengebreitet. War es nur die Gewohnheit, das häufige Sehen, welches ihr den jungen Offizier so sympathisch gemacht, dass sie unter den gestellten Bedingungen beinahe eingewilligt hätte, sein Weib zu werden?

Narrheit! — Das wäre sie nie geworden, nie! — Nur prüfen wollte sie ihn ... voll kaltherziger Neugierde erforschen, ob auch er solch ein rückgratloser Schwächling sei wie Sponeck, welcher sich geduldig von Weiberhand in den Staub ducken liess!

Von dem lachenden, frischwangigen Knaben in Uniform hatte sie es nicht anders erwartet, denn sie sah seine anbetende Liebe aus den Augen strahlen, sie sah, wie die schwärmerische Leidenschaft ihn so voll und ganz beherrschte, — und doch — doch war er ein Mann, willensstärker und selbstbewusster wie sie!

Iris erhebt sich rasch, sie durchmisst das Zimmer mit unruhigen Schritten ... und als sie an der Türe vorüber geht, hört sie im Atelier die helle, zwitschernde Kinderstimme Klein-Bärbels.

Mit wem spricht sie?

So voll inniger Zärtlichkeit begrüsst sie nur einen!

Leise schiebt Iris den Vorhang zurück.

Da steht Marken: er hat die Hand auf Bärbels Lockenköpfchen gelegt und blickt ihr voll tiefen, sinnenden Ernstes in die Augen.

„Ich dachte mir schon, dass du heute kommen würdest, Onkel Marken!“ plaudert die Kleine mit herzigem Lächeln. „Ich stand den ganzen Vormittag schon am Fenster, um dich zu erwarten, und gerade jetzt, wo ich frühstücken musste, kommst du!“

„Wie lieb von dir, dass du an mich dachtest, Bärbel, siehst du, das ist meine einzige Freude an diesem traurigen Tage!“

„Traurig? Hast du etwas Böses erlebt?“

„Ja, Bärbel, ein grosses, grosses Herzeleid!“

„Aber es kann wieder gut werden?“

„Nie, mein Liebling, niemals!“

„O doch! ganz gewiss! — ich will dir alles geben, was ich habe, damit du wieder froh wirst — alles, bis auf die Vogelpfeife und meine grösste Puppe — die möchte ich gern behalten! Nicht wahr, das erlaubst du! — Ich habe ja noch so viele, viele andere Sachen!“

„Hab’ mich nur ein wenig lieb, Bärbel, damit ich nicht ganz verlassen und verloren bin!“

„Wie traurig du das sagst, und wie blass du heute aussiehst! — Bist du krank, Onkel Marken?“

Er lächelt voll Wehmut. „Das Herz tut mir weh, Klein-Bärbel, und dafür gibt es keine Arzenei!“

„Ich habe dich ja lieb — so schrecklich lieb! so gern, wie dich, habe ich kaum noch Papa und Iris! Weisst du, Onkel Marken, wenn du das nächste Mal kommst, dann lass dich gleich in mein Zimmer führen, ich freue mich so sehr, wenn du recht lange bei mir bist und mit mir spielst!“

„Du liebes, liebes Herzblättchen! Aber fürerst komme ich so bald nicht wieder, Bärbel, ich muss fortreisen, weit fort ... und es wird lange Jahre dauern, bis ich heimkehre!“

Ein leiser, banger Schreckenslaut.

„Fortreisen? nicht wiederkommen? O, das wäre schrecklich, Onkel Marken, dann weine ich Tag und Nacht, und sterbe vor Sehnsucht!“

Und wirklich rollen grosse, dicke Tränen über das süsse Kindergesicht, und Bärbel schlingt die Ärmchen noch fester um den Sprecher, so fest, als wolle sie ihn nun und nimmer loslassen.

„Nein, weinen darfst du nicht, Bärbel, aber an mich denken — und mich nicht vergessen ... und wenn ich wiederkomme, musst du mir noch ebenso gut sein wie heute!“

„Ach, dass du doch balde wiederkämst! Ich werde immer an dich denken und dich immer lieb behalten! Was sagt denn Iris dazu, dass du gehen willst?“

„Sie glaubt wohl, es sei das Beste für mich!“

„Soll Iris dich auch lieb behalten?“

„Nein, Bärbel, das kann sie nicht.“

„Ach? warum nicht, Onkel Marken?“

„Weil sie mich niemals lieb hatte!“

„Vielleicht weint sie doch, wenn du fortreist?“

„Ein Marmorbild kann nicht weinen, Kind!“

Das klang leise, herb und weh.

Mortimer neigte sich rasch, hob das zarte Figürchen der Kleinen mit starkem Arm empor und küsste die weinenden Augen.

„Wir wollen nicht mehr traurig sein, Bärbel, sondern fröhlich ‚Auf Wiedersehen‘ sagen! — Komm, begleite mich noch bis zur Treppe — es ist so schön, wenn man beim Scheiden in treue Augen sieht!“

Die Schritte verklangen, und Iris legte schützend die Hand über die Augen, als tue ihnen ein allzu greller Schein weh.

Aber sie weinte nicht.

Ein Marmorbild hat keine Tränen! sagte er nicht so?

Warum auch weinen wie Bärbel, das törichte kleine Kind?

Weil er Abschied nahm?

Ob früher oder später, diese Stunde wäre doch gekommen.

Wo will er hin?

Urlaub nehmen? sich versetzen lassen?

Wohl möglich.

Warum sprach er das unsinnige Wort? warum warb er um sie?

Er kannte ja ihre Ansichten.

Nun ist es zu Ende mit dem heiteren, anregenden Verkehr, und das ist schade.

Jetzt, wo Iris weiss, was für eine starke Seele in diesem schwärmerischen Knaben wohnt, hat sie mehr Interesse für ihn, wie zuvor.

Vorbei, vorbei. —

Wie glücklich sind Kinder, dass sie weinen können!

Ein Marmorbild hat keine Tränen. —

— — Wenige Augenblicke später trat der Graf ein.

Sein Blick flog voll Überraschung und Entzücken über die märchenhafte Erscheinung seiner Tochter.

„Alle Wetter, Iris! — Das nenne ich ein Modell! Du hast dich heut an Reiz und Schönheit selber übertroffen! Wehe dem armen Sterblichen, der heute deine Wege kreuzt, er lernt die Macht der wunderschönen Sultanstochter kennen, und stirbt als Asra zu ihren Füssen!“

„Wirklich? — vielleicht irrst du, Papa! Jene Asra gibt es nur im fernen Süden, wo das Weib zwar in Ketten gelegt, aber dennoch bis zu Tod und Wahnsinn geliebt wird. Im Abendlande fliesst das Blut kühler durch die Adern, und Stolz und Eigenwille sind stärker wie die Liebe!“

Das klang wunderlich, fast bitter.

„Wie sympathisch muss dir das sein!“ scherzte der Graf harmlos. „Wenn man selber so kaltblütig geartet ist, kann man orientalisches Empfinden nicht verstehen, und unbegehrte Neigungen zu erwecken muss fataler sein, als in der Lotterie verlieren!“

Iris antwortete nicht, sondern nahm schweigend ihre Stellung ein.

Es lag ein Schatten auf ihrer Stirn, welchen der Graf noch nicht kannte.

„Dieser Blick ist vorzüglich,“ lobte er, „gerade so nachdenklich soll meine wunderschöne Sultanstochter auf den armen Asra schauen! Halb Mitleid — Sehnsucht — rätselhaftes Leid! — Es ist erstaunlich, wie gut du dich in die Situation findest, Iris, — wenn du während der nächsten Sitzungen diesen Ausdruck im Gesicht festhältst, wird das Bild ein Meisterwerk!“

Wieder keine Antwort, — der Graf aber griff hastig zu Pinsel und Palette und begann mit grösstem Eifer das reizende Antlitz seiner Tochter, das bereits skizziert war, auszuführen.

„Das Kostüm hat Zeit!“ sagte er, „wer weiss, ob du morgen in derselben Stimmung bist wie heute! Bislang kannte ich deine Augen nur stolz und blitzend, — heute aber dünkt es mir, als ob die herrliche Sultanin um den armen Asra und um sich selber und ihr einsames Herz weinen könnte!“

Da schüttelte Iris trotzig das Haupt und die weisse Hand zerdrückte den glitzernden Schleier.

„Wie schmählich wäre das!“ stiess sie zornig hervor, und ein spottendes Lächeln huschte schnell um die Lippen, „Marmorbilder haben keine Tränen, und die stolze Sultanstochter hat wohl nie die Liebe eines sentimentalen Burschen begehrt!“

„Weh mir, was tat ich, dass ich an dem scheuen Stolz des Zukunftsweibes rührte!“ rief Waldstetten voll drolligen Schrecks, „ich sage es ja — alle Milde und Weichheit wie fortgewischt! Nun, dann sollst du nicht umsonst Toilette gemacht haben, und anstatt einer zürnenden Amazone will ich lieber Schleier, Goldmünzen und glänzende Seide auf die Leinwand bannen!“ — Er malte; Iris lehnte an der Marmorbrüstung des Springbrunnens und starrte in das plätschernde Wasser ...

Anfänglich glühten ihre Wangen noch in heftiger Erregung und die dunklen Augen blitzten finster unter den langen Wimpern hervor, — dann war es, als sänke ein feiner, bleicher Hauch über das schöne Angesicht, die Augen öffneten sich gross und weit und schauten mit wundersam sinnendem Blick ins Leere ...

Mehr und mehr, — und dem reizenden Modell selber unbewusst, trat der unverkennbare Ausdruck träumerischer Nachdenklichkeit wieder auf dem Antlitz hervor, und stillschweigend, mit rastlosem Eifer führte der Graf den Pinsel, um das Antlitz auf die Leinewand zu bannen.

Die Zeit verging.

„Wirst du nicht müde, Iris?“ —

Da schrak sie empor.

„Ja, ich bin müde.“ —

„So lass uns für heute aufhören. Ich möchte noch einen Augenblick in die frische Luft gehen, mir Appetit für das Mittagessen zu holen, zu welchem wohl Freund Marken rechtzeitig eintreffen wird.“

Iris strich mechanisch die dunklen Haare aus der Stirn.

„Das glaube ich nicht, — Herr von der Marken beabsichtigt zu verreisen und wird sich wohl schriftlich empfehlen!“

Ihre Stimme klang sehr ruhig, aber es lag etwas Hartes, Schmerzliches darin.

„Wie?! was? — verreisen? wohin?! —“

Iris zuckte schweigend die schönen Schultern, nahm die goldgewirkten Schleier über den Arm und schritt hastig durch die Tür.

Sprachlos sah ihr Waldstetten nach.

Ein leise pfeifender Ton stahl sich über seine Lippen.

„Armer Asra!“ murmelte er vor sich hin, „um diesen tut es mir leid!“ —

XV.

Mortimer kam nach Hause.

Still und dämmerig lag sein kleines Zimmer. Die Sonne, die noch vor wenigen Stunden so strahlend hell hineingeschienen, war untergegangen. Die Sonne seines Glückes.

Mechanisch stellte er den Helm zur Seite und sank müde auf den Ledersessel vor seinem Schreibtisch nieder.

Vorbei, — alles vorbei.

Die goldenen Träume von Glück und Liebe in nichts zerronnen.

Gelogen und getrogen hatten die funkelnden Sterne, die von grossem, unendlichem Glück geweissagt hatten.

Nacht und Wolken hatten sie verschlungen und was zurückblieb, war die trostlose Öde eines Lebens, dem die Liebe genommen war. Die Liebe!

Ach, jetzt erst, nachdem er sie verloren, fühlte Mortimer, wie vollständig sie sein Herz erfüllte.

Er hatte dem Schicksal der Marken, das sich in Konstantinopel erfüllen musste, vertraut. Wie ein harmloser, schwärmerischer Knabe hatte er an Glückszeichen geglaubt, die ihn genarrt hatten. Voll jubelnder Zuversicht hatte er die Arme nach der schönsten aller Frauen ausgestreckt, um sie sieghaft an sich zu reissen.

Hatte er sie doch auf den schimmernden Fluten des Bosporus, verhüllt von dem türkischen Schleier, gefunden, die süsse Geheimnisvolle, die sein Schicksal werden musste.

Kein seliges, wonnevolles Geschick, wie der blinde Träumer gewähnt, hatte er gefunden, sondern ein herbes Weib, wahrlich eine eiserne Jungfrau, deren erbarmungslose Worte sein Herz wie Dolchmesser zerfleischten.

Nun waren die Würfel gefallen. Er hatte verspielt. Was nun? —

Hier bleiben in der Residenz?

Sie sehen, treffen und an ihr vorübergehen, wie ein Fremder?

Welche Qual!

Das Haus, in dem er monatelang so unendlich glücklich gewesen war, meiden, als habe er nie den Fuss über seine Schwelle gesetzt?

Undenkbar!

Sich und seines Herzens herbe Not dem neugierigen Geschwätz einer klatschsüchtigen Menge preisgeben? —

Nie und nimmermehr! —

Was liegt dort in dem Büchertisch zwischen Rangliste, militärischen Werken, russischen und französischen Wörterbüchern? —

Ein altes, abgegriffenes Märchenbuch: „Tausend und eine Nacht“. —

Traumverloren greift Mortimer danach und schlägt es auf.

Prinzessin Kassandane.

Sie! wahrlich sie! —

Noch vor wenig Stunden sass sie ebenso, in schimmernder Pracht, vor ihm, und blickte ihn ebenso kalt und unbarmherzig, so grausam und so spottend an.

Prinzessin Kassandane — Iris! Mortimer beisst in leidenschaftlichem Schmerz die Zähne zusammen und bedeckt stöhnend das Gesicht mit den Händen. — —

Da steigt plötzlich ein Bild vor seiner Seele auf.

Er sieht wieder die stille, kleine Mansardenstube, in der ein einsamer Knabe mit fiebernden Pulsen von den Wundern des Morgenlandes träumt.

Heisse Sehnsucht, unbezwingbares Verlangen nach der goldenen, geheimnisvollen Fremde glüht durch seine Seele.

Hinaus! hinaus!

Leben, sehen, forschen, reisen! —

Ach, wie brennt sein Herz vor Verlangen nach dem zauberischen Wunderland!

Er ist ein Marken, er kann nicht daheim sitzen, es treibt ihn fort — hinaus in die lockende Welt, — gleichviel, was sie ihm geben wird, nur hinaus! hinaus, seinem Schicksal entgegen! —

Und draussen wirbelte der Schnee ... es ist kalt, bitter kalt ... in der kleinen Mansarde aber ragen flüsternde Palmen, rauschen geheimnisvoll die Wasser des Springbrunnens, lächelt Prinzessin Kassandane mit erbarmungslosem Auge aus glitzerndem Schleier hervor!

Mortimer springt empor und schlägt vom Schauer überwältigt die Hände vor das blasse, ernste Gesicht.

Wieder fasst sie ihn mit zwingender Gewalt, die heisse, glühende Sehnsucht, die alle Markens hinaus in die Ferne treibt! Fort! fort! —

Hat ihn nicht ein seltsamer Zufall gerade an diesem Tage zum reichen Mann gemacht?

Aus welchem Grunde, wenn das Weib, das er gewinnen wollte, für das er mit seinem Gold ein lauschig sichres Nestlein bauen wollte, sich für ewige Zeiten von ihm gewandt?

Nun ist es vorbei mit dem Sesshaftwerden auf heimatlichem Boden, nun packte ihn eine fremde, eiserne Faust und stösst ihn von der Schwelle des Glücks in trostlose Fernen hinaus!

Trostlos? — wahrlich trostlos?

O nein!

Wandern, ruhelos wandern will er wie ein echter Sohn seiner unstäten Väter, und die bunte, gleissende Welt wird seine Augen blenden, dass sie nicht mehr sehen, was hinter ihnen liegt, und im Vorwärtsstürmen wird er vergessen, was ihm die Heimat angetan. Vergessen! vergessen! —

Ach wer das könnte!

Aber wohin fliehen vor der Erinnerung, die in seinem Herzen leben wird, so lange es schlägt? —

Wohin? —

Ziel- und planlos umherirren, bis Hab und Gut verbraucht sind und er gleich einem Vagabunden an der Landstrasse stirbt?

Mit dem Bild einer Iris im Herzen?

Heisse Schamesröte steigt brennend in seine Wangen.

Nein, er kann und darf nicht zwecklos leben, er wird nicht jammervoll untergehen!

Dazu ist die Liebe, die sein Inneres erfüllt, zu hoch und heilig.

Schaffen! arbeiten! Bei allem Reisen und Wandern aber sich nützlich machen und sich seines Namens wert zeigen! —

Sein Vater hatte seine Leidenschaft dereinst auch in den Dienst des Vaterlandes gestellt und war Afrikareisender geworden. Aber das waren andere Zeiten.

In die Schutztruppe gehen?

Sich nach China kommandieren lassen?

Sowohl China wie Afrika besitzen nicht viel Reiz für ihn! Es fehlt der geheimnisvolle, märchenhafte Reiz, der ihm den Orient in so verlockendem Licht erscheinen liess.

Wohin? — ach wohin? —

Ein kurzes Klopfen; die Tür wird mit scharfem Ruck geöffnet und der Bursche steht auf der Schwelle.

„Bringst du die Lampe, Krause?“

„Nur einen Brief, Herr Leutnant! Zu Befehl.“

„Einen Brief? — Gib her und bring’ Licht.“

„Befehl, Herr Leutnant.“

Die schweren Stiefel stampfen zurück und Mortimer blickt nachdenklich auf das Schreiben in seiner Hand.

Von Tante Gustel? Oder Gretchen?

Nein! Die bedienen sich für ihre Korrespondenz des sehr schlichten, schmalen, altmodischen Papiers mit dem gepressten Rädchen auf dem Umschlag, — des billigsten, welches zu haben ist, dieses Papier aber fühlt sich fest und sehr elegant an, und da — soviel bei dem Dämmerlicht zu erkennen ist, mehrere Marken aufgeklebt sind, kann es sich nicht um ein Schreiben aus der Stadt handeln.

Die Türe öffnet sich.

Heller Lampenschein flutete blendend durch das kleine Gemach und weckt grelle Funken auf gekreuzten Säbeln und Waffen an der Wand.

Krause stellte die Lampe vor seinen jungen Gebieter auf den Schreibtisch und wartet einen Augenblick, auf etwaige Befehle harrend.

Ein tiefes Aufseufzen.

Marken aber hat sich bereits mit müdem Blick über den Brief geneigt und winkt nur kurz mit der Hand ab.

Und abermals flammt es heiss über sein Antlitz und das Auge belebt sich.

Aus Konstantinopel!

Das Papier knistert unter seinen Fingern und sein Blick sucht die Unterschrift.

„Dein alter Hans!“

Schlüchtern! —

Sonst schrieb er nur kurze Karten scherzhaften Inhalts, mit „bescheidenen Anfragen“ nach dem Ergehen der geheimnisvollen Sängerin und wie weit das Schifflein noch von dem Hafen der Ehe abtreibe, — und heute plötzlich diesen langen, ausführlichen Brief von acht Seiten! —

Was hat das zu bedeuten?“

Und er liest.

Seltsam! —

Schlüchtern teilt ihm mit, dass sein Chef unter aussergewöhnlich günstigen Bedingungen eine vortrefflich angelegte, aber durch langjährige Krankheit und Abwesenheit des vormaligen Besitzers stark vernachlässigte Plantage in Indien angekauft habe.

Dieselbe soll gewissermassen — um sich etwas militärisch auszudrücken! — eine Art Vorposten des Geschäftsbetriebes von Skutari werden. Haulsen sei überzeugt, schon in kurzer Zeit ausserordentliche Erfolge durch dieses Hand in Hand-Arbeiten zu erzielen, — die Ernten in Indien seien hervorragend gut, Verbindung zum Hafen ebenfalls, alles tadellos nach Wunsch — nur einen Haken habe die Sache, die stark vernachlässigten Arbeiterverhältnisse! Man merke in allem, dass die energische Hand des Besitzers seit Jahren gefehlt habe. Alles verbummelt!

Arbeiter und Aufseher gleich verloddert!

Einmal mit eisernem Besen hindurch fegen und Ordnung schaffen, dann ist alles gewonnen.

Und nun der Zweck dieser Zeilen!

Es gibt leider in der lieben Heimat so manchen jungen Offizier, der Schiffbruch gelitten und sich eine neue Existenz in der Ferne gründen muss!

Junge Männer, die vielleicht leichtsinnig, aber nicht schlecht sind oder unverschuldet Pech hatten und ausessen müssen, was anderer Unzuverlässigkeit ihnen eingebrockt hat.

Marken sei nun vielleicht in der Lage, einen jungen (oder auch älteren) Offizier zu kennen, der entweder durch die Verhältnisse gezwungen, vielleicht auch freiwillig geneigt sein würde, sich eine neue Existenz in Indien zu gründen. Bedingung sei grosse Energie und Tatkraft, die ohne jedwede Roheit imstande ist, strenge Zucht einzuführen und Gehorsam zu erzwingen. Falls ehrlose Handlungen den Abschied des Betreffenden bedingt hätten, so sei dieser Umstand als nicht zu beseitigendes Hindernis anzusehen.

Haulsen erhoffe gerade von einem deutschen Offizier die Fähigkeiten, jene augenblicklich recht schwierige Aufgabe mit Vorsicht, Herzensgüte und dennoch eiserner Willenskraft zu lösen.

Die Stellung sei sonst die denkbar angenehmste, völlig unabhängig, sehr gut bezahlt, ein Vertrauensposten ersten Ranges.

Kaufmännische Kenntnisse seien zunächst nicht nötig, eine gut geschulte, zuverlässige Kraft wird mitgegeben, um den betreffenden Herrn schnell und sicher in den Geschäftsgang einzuführen. Klima gesund, — Gegend himmlisch schön, die Bevölkerung hochinteressant und gutmütig, nur wie alle Hindus und deren Mischrassen faul und steten Antriebs bedürftig. Die grösste Hälfte der Arbeiter Kulis.

Wohnhaus und Garten ein wahres Eden, nach wiederhergestellter Ordnung würde einer Verheiratung des betreffenden Herrn nichts im Wege stehen! —

„Und nun die inständige Bitte Ihres Freundes Haulsen: ‚Kennen, wissen Sie eine Persönlichkeit, lieber Marken, die für die genannte Stellung empfohlen werden könnte? Finden Sie einen geeigneten Herrn, so bitte ich, uns ihn baldmöglichst namhaft zu machen, damit wir mit ihm direkt in Verbindung treten können.

Noch möchte ich bemerken, dass selbstredend die Reise usw. in freigiebigster Weise vergütet und ein vorhergehender Aufenthalt in Villa Haulsen, behufs persönlichen Kennenlernens erwünscht ist. Sollte der betreffende Herr über Kapital verfügen, so steht es ihm frei, dasselbe im Geschäft anzulegen!‘“

Atemlos, wie in tiefen Gedanken starrte Mortimer auf das Ungeheuerliche, Unfassliche, was er da las, nieder.

Kam denn alles, was er noch für den Rest seines Lebensglückes erhoffen konnte, wie ein Geschenk des Himmels plötzlich und unvermutet über ihn? —

Erst das Geld, nun ein Ausweg! ein Blick in traumhafte Fernen, so schön, so passend und geeignet, wie er es sich mit lebhaftester Phantasie nicht hätte ausmalen können!

Indien!

Dieses Land der Poesie, des Geheimnisvollen, Wunderbaren, — dieses Land voll Duft, Sonne und Glanz — Indien tat ihm seine goldenen Tore auf und winkte ihm mit weissen Lotosblumen zu: Komme und schaue! Dringe ein in die Tiefen der Wunder und Erkenntnisse, bade deine kranke Seele gesund in dem Urquell aller Schönheit und Herrlichkeit!

Und er sollte zögern?

Nie und nimmer!

Die Arme möchte er weit ausbreiten und mit einem tiefen Aufatmen der Erlösung rufen: Ja, ich komme! —

Ob er sich für eine derartige Stellung eignet? Er ist noch jung, vielleicht allzu jung für einen solchen Posten.

Mit lachenden Augen, sorglos wie ein Kind, voll schwärmerischen Entzückens hat er bisher in die Welt geschaut, und dennoch hat er ihren vollen Ernst schon so früh kennen gelernt, hat von Kindesbeinen an seinen eignen Weg gehen müssen, ach und wie schwer und mühselig ist dieser Weg oft gewesen!

Hätte er selber nicht so viel Pflichtgefühl und Energie besessen, die schwachen Hände von Tante Gustel hätten ihn wohl nimmermehr ans Ziel geschoben! —

Als Offizier hat er seine Vorgesetzten stets befriedigt und man hat ihm voll Anerkennung nachgesagt, dass er eine ganz besonders nette und richtige Art habe, seine Untergebenen zu behandeln.

Stets freundlich, energisch, voll wohlwollender Strenge.

Seine Leute gingen durchs Feuer für ihn und der Oberst hatte ihn selber gelobt, dass er einen so vortrefflichen Einfluss habe, — die Instruktionsstunde, die er erteilte, hätte geradezu etwas „Volkstümliches“, wie der Major lachend dem Hauptmann versicherte.

Deutsche Grenadiere sind nun freilich ganz andere Wesen wie Kulis und Hindus, aber Menschen sind sie alle, einer wie der andere, und wenn man die echt menschlichen Saiten anschlägt, so klingt in jedem Herzen eine Antwort wieder.

Mit freudiger Zuversicht will Marken den schweren Posten übernehmen.

Die Verantwortlichkeit, die tüchtige Arbeit schreckt ihn nicht, sondern reizt ihn an.

Gerade eine solche Lebensaufgabe hatte er sich schon seit langem gewünscht, bei der er seine eigene Kraft betätigen und selbständig etwas leisten und schaffen kann!

Seine Jugend wird dabei kein Hindernis sein, sondern ihm Frische und Spannkraft verleihen, den Anforderungen, die Haulsen an ihn stellt, gerecht zu werden.

Sein kleines Kapital wird er voll Eifer und Freudigkeit in das Unternehmen stecken und dadurch ein doppeltes Interesse an demselben gewinnen!

Dass Haulsen ihn nicht abweisen wird, glaubt er bestimmt.

Nach Indien! —

Wie ein Traum umfängt es all seine Sinne! Neues Leben, neue Arbeit! — Ach, und welch ein Segen wird diese Arbeit für sein wundes Herz sein!

Vergessen wird er Iris nie.

Seine Liebe hat zu tiefe Wurzeln geschlagen; wie der Efeu ein Gemäuer umspinnt, so hat sie ihm Herz und Seele umwunden, und wie erst das morsche Gestein zusammenbrechen muss, ehe des Efeus treue Arme von ihm lassen, so muss auch sein Herz brechen, ehe es seiner Liebe vergisst! —

Mortimer greift mit sicherer Hand zur Feder und schreibt umgehend an Haulsen.

Seine vortrefflichen Zeugnisse stellt er zur Verfügung, einer Empfehlung vom Regimentskommandeur glaubt er sicher zu sein.

Er schliesst den Brief und sieht nach der Uhr.

Noch kann er ihn auf der Post einschreiben lassen.

Hastig greift er nach Mantel und Mütze und schreitet in die frühe Nacht hinaus.

Der Schnee wirbelt, ein scharfer Nordost peitscht ihn dem jungen Offizier in das Gesicht.

Er fühlt es nicht.

Ihm ist es zumute wie dazumal in dem kalten Mansardenstübchen, als die Myrten- und Granatbüsche, die Palmen und Lorbeerbäume spukhaft aus den morschen Dielen emporwuchsen. —

Noch einmal treibt ihn das Schicksal in die bunte, fremde Welt hinaus!

Was wird sie ihm bringen?

Abermals eine so bittere, wehe Enttäuschung, ein so schmerzliches Geschick wie Konstantinopel? Gott im Himmel weiss es! —

Seiner Führung vertraut er sich an.

Er ist ein Marken und die heisse Wanderlust glüht auch ihm als Erbe seiner Väter im Herzen.

Acht Tage später sprach man in der Residenz sehr lebhaft von einer Neuigkeit.

Leutnant Freiherr von der Marken hatte seinen Abschied eingereicht, um nach Indien zu gehen und sich dort an einem kaufmännischen Unternehmen zu beteiligen.

Man hatte den heitern, stets so herzgewinnend liebenswürdigen jungen Mann allseits gern gehabt und erwog mit aufrichtigem Interesse das „Für“ und „Wider“ dieser so überraschenden Handlungsweise.

Viele schüttelten bedenklich die Köpfe.

„Es ist ein Unsinn, dass er seine schöne, sichere Laufbahn für eine derartige Ungewissheit aufgibt! Kaufmann werden! — Unsinn! Der Adel, der seit Jahrhunderten den Degen führt, wird nun und nimmer auf dem Kontorstuhl heimisch! Es liegt nicht im Blut, und was gegen die Natur ist, lässt sich nicht erlernen!“

Andere waren durchaus entgegengesetzter Meinung.

„Der Adel hat lange genug für das Vaterland geblutet und Hab und Gut im Militärdienst zugesetzt! Es ist die höchste Zeit, dass unsere Söhne einmal wieder lernen, zu erwerben und zu verdienen! — Der Kaufmann allein hat dazu die Möglichkeit in Händen! Von einem Hauptmannsgehalt legt man keine Millionen zurück und von einer Majorspension erst recht nicht! Wo soll es enden, wenn das noch eine Reihe von Jahren so weiter geht? — Sehr richtig und vernünftig von Marken, wenn er eine vielversprechende kaufmännische Laufbahn einer aussichtslosen militärischen vorzieht! Was aber mag ihn dazu bewogen haben, diesen schnellen Entschluss zu fassen? —

Où est la femme?! —

Steckt auch diesmal ein Weib dahinter, das einen armen, verblendeten Jüngling aus Stellung und Gesellschaft herausreisst, um ihn der Ungewissheit in die Arme zu treiben?

Niemand vermochte darüber eine Auskunft zu geben.

Selbst die Kameraden, die sonst über alle Schwächen und Leidenschaften ihrer Waffenbrüder genau unterrichtet sind, konnten nur die Tatsache feststellen, dass Marken stets äusserst solide und „unheimlich“ vernünftig gelebt hatte.

An Gräfin Iris dachte niemand.

Sie hatte zu viele Verehrer, als dass einer besonders aufgefallen wäre! Auch schienen die beiden jungen Leute so grundverschieden, dass niemand an eine ernste Werbung gedacht hatte.

Da gab es nur eine Tatsache, die den seltsamen Schritt des jungen Offiziers erklärte: Er war ein Marken! und die hielt es alle nicht daheim! Mit seiner Reise nach Konstantinopel hatte es angefangen, — wird es in Indien enden? — Wer weiss es?! —

Mortimer war abgereist und in der Residenz hatte man ihn vergessen.

Selbst in dem Hause des Grafen Waldstetten, in dem anfänglich grosse Erregung über den so völlig unerwarteten Entschluss des jungen Offiziers geherrscht hatte, war es ruhiger geworden. Der Graf hatte sich achselzuckend der „Schrulle“ des jungen Schwärmers gefügt, Tante Bergk grollte und klagte nicht mehr so nervös wie in der ersten Zeit, und Gräfin Iris schien völlig teilnahmlos zu sein. Sie war die einzige, die Markens Entschluss, „nach Indien zu gehn“ nicht nur begreiflich, sondern sogar sehr nachahmungswert fand.

Sie hatte sich in letzter Zeit mehr denn je in ihre philosophischen Studien vertieft, der Buddhismus dünkte ihr eines der interessantesten Wunderwerke tiefsinniger Offenbarung, und Sanskrit zu studieren die höchste und vollkommenste Lebensaufgabe.

Schopenhauer, Nietzsche und Feuerbach gingen dabei Hand in Hand; der Graf schüttelte mit der Zeit doch ärgerlich den Kopf, und sagte: „Wäre meine Tochter nicht von Natur so äusserst vernünftig und starkgeistig beanlagt, so wäre sie über all dies Teufelszeug längst verrückt geworden! — Ein Segen ist es, dass ihr religiöses Gefühl immer noch stärker ist, wie das Gift dieser Antichristen, dass sie viel zu rein und edel denkt, um sich nach den Irrlehren dieser Verführer zu richten! Ich hoffe, dass ihre ganze Fortschrittlerei nur Eitelkeit ist, wie bei den meisten philosophierenden Frauen, die sich aus Eitelkeit um jeden Preis interessant machen wollen und gar nicht ahnen, wie widerwärtig sie dies bisschen mühsam aufgepfropfte Männerwissen macht.“

Dennoch hatte er sich endlich bereit erklärt, dem Wunsch der jungen Gräfin, ihr Examen machen zu dürfen, nicht mehr im Wege zu stehen.

„Wenn sie glaubt, dadurch völlig unabhängig zu werden und eines männlichen Schutzes nicht mehr zu bedürfen — gut, so mag sie ihren Willen haben! Wer weiss! Das Leben bringt oft allerlei Überraschungen mit sich, die vielleicht einmal recht viel Selbständigkeit von ihr verlangen.“

So vergingen Wochen, Monate, Jahre. — — — —

Der Name Marken wäre wohl längst im Hause des Grafen Waldstetten vergessen worden, wenn nicht zwei rosige Lippen ihn immer und immer wieder voll seltener Treue geflüstert hätten.

In Bärbels Kinderzimmer auf dem eleganten kleinen Schreibtisch, an dem das heranwachsende Backfischchen seine französischen und englischen Übersetzungen schrieb, stand die Photographie des Freiherrn von der Marken, die er ihr einst auf dringendes Bitten geschenkt hatte.

Da lachte er das immer lieblicher erblühende Mädchen mit seinen strahlenden Augen an, und so oft Bärbels Blick das Bildchen traf, ward er trüb und sehnsuchtsvoll, die kleine Hand strich kosend darüber hin und sie seufzte: „Ach Onkel Mortimer, warum schreibst du mir niemals einen Brief! Warum lässt du mich nicht wissen, ob du noch lebst? Ich habe dich so gern gehabt, so gern! und ganz gewiss, ich werde dich nie vergessen, wie ich es dir einstmals versprochen habe! — Onkel Mortimer, wann kommst du wieder?“

Einmal war Iris zufällig Zeugin eines solchen trübseligen Herzensergusses geworden.

Wie ein tiefer Schatten flog es über ihr schönes, regungsloses Gesicht.

Sie hob das betrübte Gesichtchen des Backfischchens empor und blickte forschend in die grossen Veilchenaugen.

„Du denkst noch immer an Herrn von der Marken, Bärbel?“

Tränen glänzten an den Wimpern des Kindes.

„Ich möchte nur wissen, ob er noch lebt, Iris!“

Die Gräfin nickte, es war, als ob die Hand, die erst so ruhig über die goldenen Locken der Schwester strich, ein klein wenig bebte.

„O ja! Das möchte ich wohl auch wissen,“ sagte sie leise. „Er nannte sich immer deinen guten Freund, es wäre wohl richtig gewesen, wenn er dir einmal geschrieben hätte! Aber siehst du, Bärbel, so schnell vergessen die Männer! Wenn man sich auf sie verlässt, ist man verlassen!“

Ein herbes Lächeln zuckte um die Lippen der Sprechenden, Barbara aber blickte mit süssem Vertrauen empor und schüttelte eifrig das Köpfchen.

„Nein, Iris! es ist gewiss nicht Gleichgültigkeit oder Vergesslichkeit von ihm, das weiss ich gewiss! Er wagt es wohl nicht, oder glaubt, dass ich gar keinen Wert darauf lege, und gewiss schriebe er, wenn er nur ahnte, wie gut ich ihm noch bin!“

Iris neigte sich tiefer, wie in stummer Frage schaute sie die Kleine an, Komtesse Bärbel aber schlang jählings die Arme um die Schwester und fuhr erregt fort: „Briefe hat er ja nie versprochen, Iris, aber dass er einmal wiederkommen und nach mir fragen würde, das hat er zugesagt und das hält er auch ganz gewiss!“

„Möchtest du diesen frommen Glauben nie verlieren, Kleine! Dein weiches, zärtliches Herzchen würde eine Enttäuschung schwer verwinden. Ach und wie gern möchte ich dir begreiflich machen, dass nur die Menschen glücklich und zufrieden sind, die von den Menschen und der Welt kein Glück erwarten.“

Iris warf noch einen schnellen, flüchtigen Blick über das Bildchen auf dem Schreibtisch, den lachenden Männerkopf mit dem Kindergesicht, und wandte sich kurz ab.

Nichts verlangen und nichts fordern!

Nein, sie hatte weder Liebe noch Treue von Mortimer verlangt, im Gegenteil, beides weit von sich gewiesen, und doch brannte etwas in ihrem Herzen: eine winzig kleine Wunde, ein Nadelstich, der nicht heilen will. Er ging so schnell, — er reiste so eilig ab, er vergass so bald. —

Er war kein Asra, der starb, weil er liebte.

Ist das nicht gut so? — ein Glück für ihn und sie?

Iris hatte sich schon so manche Frage beantwortet, — diese noch nicht.

Sie ging hinab in die Stallungen, sie sattelte sich selber ihren Goldfuchs und ritt hinaus in den Park, allein, ohne Diener. — Sie brauchte und wollte keine Männerhilfe.

Was sollte ihr auch geschehen?

In der ganzen Stadt kannte man die stolze, eigenwillige junge Gräfin und berücksichtigte ihre Absonderlichkeit, wie man einer schönen Frau gern alles verzeiht, was eigenartig ist und ihr gut zu Gesicht steht.

Es ritten so viele Herren zu jeder Stunde im Park, die voll Entzücken den Spuren der reizenden Amazone folgten; sie waren entzückt, eines flüchtigen Grusses gewürdigt zu werden, und bereit, als Helfer und Retter zu erscheinen, wenn der wagemutigen Reiterin wirklich einmal ein Unfall zustossen sollte. Das wusste der Graf; er war um seine Tochter nicht besorgt. Iris wusste es auch, und das steigerte mehr und mehr ihr Gefühl der Sicherheit. —

Die Jahre vergingen, in stolzer, voll entfalteter Schönheit blühte Gräfin Iris, die Geistvolle, Selbstbewusste und Selbständige und an ihrer Seite erschloss sich eine unsagbar liebliche Knospe, die sechzehnjährige Barbara, die in allem und jedem das Gegenteil der Schwester war. —

XVI.

Ein sonniger Herbsttag!

In farbensatter Pracht lag die Welt.

In der Hauptpromenadenstrasse der Residenz herrschte stets ein reges Leben, heute flutete es in besonders lebhafter Weise, als seien alle Menschen nur von dem einen Wunsche beseelt, Herz und Seele noch einmal in Licht und Luft zu baden, ehe des Winters strenges Regiment aller Sommerlust ein Ende bereitet. Fuhrwerke aller Art rollten über das glatte Asphaltpflaster, elegante Equipagen, in denen die Damen der oberen Zehntausend ihre erlesenen Herbsttoiletten zur Schau trugen. Automobile, Reiter und Radfahrer, alles kreuzt, drängt, saust in lustiger Hast durcheinander, von den Balkons der stilvollen Villen grüssen und lachen die Gesichter, genussfreudige Menschen sitzen in den vornehmen Restaurants und auf dem Bürgersteig eilt, schlendert, steht, grüsst und schwatzt die Menge der Fussgänger.

Der Oktober hat seine Schale voll Gold und Purpur über Bäume und Sträucher gegossen, hochstielige Georginen, Astern und Malven prunken zwischen ungezählten Herbstblumen und von Masten und Türmchen flattern bunte Fahnen, blinkt vergoldeter Zierat durch die Ranken des wilden Weines und der Clematis.

Die Welt ist heut so schön, so schön!

Komtesse Barbara hat es noch nie so auffällig empfunden wie heute, welch ein ungestüm pochendes, glückseliges Herzchen sie in der Brust trägt!

Es hat doch schon so viele sonnig warme Herbsttage gegeben — aber so schön wie der heutige war ihr noch keiner erschienen!

Es liegt etwas ganz Besonderes in der Luft, etwas Süsses, Geheimnisvolles, als ob das Glück mit offenen Armen daherschreiten und ihr zurufen wolle: „Tu die Augen auf und suche mich! halte mich fest, damit ich dir nicht entwische! So nah wie heute bin ich dir noch nie gewesen, — siehst du mich noch nicht?“

Das Glück! —

Ach, wüsste Bärbel nur, wie es aussieht, sie würde sich laut aufjauchzend an seine Brust werfen und sagen: „Gewartet habe ich freilich noch nicht auf dich, denn ich bin noch jung, sehr jung, werde erst siebzehn Jahre alt! aber wenn du da bist, bleibe bei mir und lass uns gute Freunde sein!“ —

Und das Glück würde sie lächelnd auf die reine Kinderstirn küssen und nie mehr von ihrer Seite weichen!

O wüsste sie nur, wie es aussieht!

Neben ihr geht Graf Waldstetten.

Er spielt ein wenig den jugendlichen Künstler.

Sein etwas geckenhafter Sportanzug ist der letzten Modenzeitung entnommen, der Bart auf englische Manier geschnitten, das Monokel am breiten Band schaukelt blitzend auf der Brust. Er hat seinem allerliebsten Töchterchen den Arm geboten und ist ausserordentlich liebenswürdig. So auffallend schön wie Iris ist Bärbel freilich nicht, sie hat sogar ein grosses Teil der engelhaften Anmut, die sie als Kind besessen, mit den Jahren „verwachsen“, aber sie ist so frisch wie ein Rosenknöspchen, ihr Blick ist so weich, so herzig, und der kleine, kirschrote Mund sieht aus, als könne er nie ein schroffes oder böses Wort sagen, als könne er nur küssen, beten, jubeln und lachen.

Es liegt ein unaussprechlicher Zauber der Anmut über ihrer ganzen Erscheinung, gerade, als habe ihr die Natur alles das doppelt und dreifach verliehen, was sie der spröden, selbstbewussten Schwester an weiblicher Milde und Zartheit versagt hat.

Gerade das aber ist es, was den grössten Reiz auf Männerherzen ausübt, und Graf Waldstetten hat oft nachdenklich seiner Jüngsten in das zärtliche Gesichtchen geschaut und gedacht: es soll mich doch wundern, ob Klein-Bärbels Anmut nicht noch grössere Triumphe feiert, wie meiner Iris sieghafte Schönheit!“

Und so beobachtete der Graf auch jetzt voll geheimer Genugtuung all die warmherzigen Blicke, die seinem „Knöspchen“ zuflogen und freute sich, dass Bärbels Naivetät solche Huldigungen gar nicht bemerkte und beachtete!

Wie hätte Komtesse Barbara auch Zeit dafür? Sie sucht ja das Glück, das ihr heute ganz bestimmt begegnen muss, und als sie den Blick wieder einmal vorausschweifen lässt, um all die Menschen zu schauen, die ihr lachend und scherzend entgegenschwirren, da sieht sie plötzlich zwei Herren Arm in Arm dahergeschlendert kommen, und obwohl sie dem „Ewig-Männlichen“ sonst nie in das Gesicht sieht, so stutzt sie diesmal doch und atmet unwillkürlich so schnell, als sei sie auf das äusserste überrascht.

Wie schön! —

Solch ein Gesicht hat sie noch nie gesehen.

Dunkelgebräunt wie ein Südländer, mit sehr grossen, blitzend schwarzen Augen, die unter dem weissen Tropenhelm geradezu unergründlich wirken, ein kleines dunkles Bärtchen und eine Nase — so kühn, so kraftvoll edel wie bei der antiken Statue eines heldenhaften Gottes!

Seine Gestalt ist mittelgross, etwas hager, aber soldatisch stramm, sein Anzug der eines Südländers, der auf Reisen ist und in bequemem Blusenanzug ungeniert sein will.

Bärbel starrt die ungewöhnliche Erscheinung an wie im Traum, und ihr Herzchen erzittert heftig, als wolle es sagen: „das Glück! das Glück!“ Dabei schiesst ihr das Blut ungestüm in die Wangen und sie wendet den Blick und sieht nun auch den Begleiter an. O Herr des Himmels ... ist’s ein Traum? eine Täuschung? — kann es möglich sein?

Es ist Mortimer! — er muss es sein ... und dennoch ... nein ... nein er ist’s nicht!

Der Onkel Mortimer, der in ihrer Erinnerung lebt, war ein schlanker Leutnant mit frischem vollem Gesicht wie Milch und Blut und strahlend lustigen Augen, und dieser hier?

Welch eine hohe, königliche Gestalt, schlank und doch fest wie Eisen, und das Gesicht sehr schmal, gleich seinem Begleiter tiefdunkel gebräunt, mit tiefliegenden Augen, die adlerscharf blicken. Der Schnurrbart ist noch immer etwas hell, das macht einen seltsam fesselnden Eindruck, namentlich wenn er lacht und schneeweisse grosse Zähne in dem dunkelgefärbten Gesicht blitzen. Ist er’s — kann er es sein? —

Älter sieht er aus, viel, viel älter, es liegt eine strenge Falte zwischen den Brauen, die dem schönen, interessanten Gesicht etwas Finsteres gibt.

Ist das der lachende, übermütig heitere Onkel Mortimer?

Bärbel hat in ihrer Aufregung den Arm des Vaters hastig an sich gedrückt, und der Graf, der just ein paar braunglänzende Jucker vor dem Gefährt eines Kürassiers mustert, fährt herum und ruft ganz erschreckt:

„Aber Bärbel! au! was ist denn los?!“ —

Bärbel!

Der grosse fremde Herr hat den Namen gehört, er schrickt zusammen, wendet den Kopf und starrt die herzige Kleine mit weit offenen Augen an, — und dann lacht er — lacht ganz wie früher, streckt ihr beide Hände entgegen und ruft mit gedämpfter Stimme: „Komtesse Barbara!“ —

Ein jauchzendes Entzücken zittert durch die Seele des erblühenden Mädchens.

Sie hat vergessen, wo sie geht und steht, vergessen, was zwischen dem einst und jetzt liegt.

„Onkel Mortimer!“ ruft sie mit ungestümem Entzücken, reisst sich los vom Arm des Vaters und legt beide Hände warm und zitternd in die des alten Freundes.

„Marken? — Mortimer Marken?“ ruft auch der Graf auf das höchste überrascht, und der so unverhofft Wiedergefundene schüttelt auch ihm voll Freude die Hand.

Fragen über Fragen!

Ein hastiges, wirres Durcheinander — und währenddessen trifft Bärbels Blick abermals die dunklen Augen des Fremden, der Marken begleitet, und die Rosenglut tiefer Verlegenheit färbt abermals ihr süsses Gesicht.

Wie jener schöne, fremde Mann sie anstarrt? Wie es in seinem Blick aufflammt, so unverhohlen entzückt, so heiss bewundernd —

Eine leise Bewegung, — er berührt Markens Arm.

„Darf ich bitten, mich vorzustellen!“ —

Mortimer gibt die Hand des Grafen, der diese noch immer drückt und schüttelt, frei, und greift höflich nach dem Hut.

„Gestatten Sie, Herr Graf — gnädigste Komtesse — mein sehr lieber Freund, Herr Doktor Bransecki! Forscher, Afrikareisender, Entdecker — Amateur alles dessen, was wissenschaftlich wertvoll und neu ist!“ —

Er sagt es lachend; der Graf und Bransecki lachen mit, nur Bärbel reisst die grossen Augen ganz erschrocken auf und wiederholt: „Afrikareisender — ach Gott, wie schrecklich!“

Nun lachen sie alle sehr laut und der Doktor sagt mit ganz verwundertem Blick: „O wie bedaure ich, Ihnen zu missfallen, Komtesse!“

„Sie? oh, Sie selber gefallen mir sehr gut!“ versichert die Kleine aufs höchste verwirrt, und begreift gar nicht, warum die Herren noch lauter lachen; „ich habe nur gehört, dass die Missionäre und Afrikareisenden alle von den Negern aufgegessen werden, und das tat mir so leid um Sie!“ —

Erneute Heiterkeit, — der Doktor macht ein Gesicht, als wolle er die herzige kleine Sprecherin in die Arme schliessen vor Entzücken, Marken aber sagt beruhigend: „Nein, Komtesse Bärbel, den braven Rupert können sie für ihren Speisezettel nicht gebrauchen, was sich nicht im eignen Fett braten lässt, weiss eine sparsame Kannibalenhausfrau nicht zu verwenden! Ausserdem ist nun die Gefahr vorüber: der Wissensdurst und Tatendrang dieses verdienstvollen Mannes ist gestillt. In die Schutztruppe kann er nicht eintreten und der fürsorgliche Vater hat dem wanderlustigen Sohn jetzt kräftige Handschellen angelegt, in Form von Gütern und Fabriken, die des Herrn bedürfen!“

„Zu den Füssen meiner Liebsten häng’ ich auf den Wanderstab!“ warf der Graf heiter dazwischen.

„Das ist recht, verehrtester Herr Doktor, die Lorbeeren sind in erster Linie dazu da, dass man sich darauf ausruht! — Nun aber eine Frage, meine Herren: Woher und wohin des Weges jetzt? Sind Sie eilig, so schliessen wir uns Ihnen als Trabanten an, haben Sie Zeit, so bitte ich Sie; in Villa Waldstetten zu frühstücken! Wie lange haben wir nicht das Vergnügen gehabt, Freund Marken bei uns zu sehen, was wird Tante Berta sagen, wenn wir den Flüchtling endlich wieder eingefangen haben?“

Mortimer drückte herzlich die Hand des Sprechers.

„Augenblicklich sind wir auf dem Weg nach dem englischen Konsulat, Herr Graf, wo Bransecki eine geschäftliche Angelegenheit zu erledigen hat! Das erduldet keinen Aufschub, — wir sind an die Zeit gebunden. Wenn uns die Herrschaften ein wenig begleiten wollen, würden wir beneidenswerte Menschen sein!“

„Schön gesagt, lieber Marken, man sieht, Sie sind in Indien kein Barbar geworden! Also vorwärts! Jetzt geben wir Ihnen ein Stück Weges das Geleit, und heute abend revanchieren Sie sich und erkundigen sich in der Parkstrasse, wie uns dieser Weg bekommen ist! Darf ich Sie so ohne jede Form bitten, Ihren Freund zu begleiten, Herr Doktor, oder haben Sie bessere Verwendung für Ihre Stunden?“

Mortimer blickte rasch auf Bärbel hernieder, er sah, wie unverhohlenes Entzücken in ihrem Auge aufleuchtete, wie angstvoll ihr Blick Bransecki begegnete, seiner Antwort harrend.

Und dem jungen „Forscher aus Passion“ schoss das Blut unter die Bronzefarbe seiner Haut, und er zog so hastig den Hut, als könne er gar nicht schnell genug seine Zusage geben.

Dabei blickte er Klein-Bärbel abermals in das süsse Gesicht, und Marken hatte das Gefühl, als tue sich über diesen beiden jungen Menschen der Himmel auf, sie mit blendender Helle des Glücks zu empfangen.

Ein flüchtiges Lächeln huschte um seine Lippen, und da der Graf Bransecki in ein Gespräch verwickelte, trat er an Bärbels Seite und folgte mit ihr den Voranschreitenden.

„Welch eine Herzensfreude, Sie schon heute, am ersten Tag, an dem ich hier weile, wiederzusehen, Komtesse!“ sagte er voll warmer Herzlichkeit; „erkannt hätte ich meine kleine Freundin von früher freilich nicht, wenn Ihr Herr Vater und der verräterische Namen nicht gewesen wären! Wie gross und wie hold sind Sie geworden, Komtesse Bärbelchen!“

Sie schlägt die leuchtenden Augen voll zu ihm auf, die aufrichtigste Freude lacht darin, und die Erregung färbt die zart gerundeten Wangen.

„Ach wie bin ich so glücklich, dass Sie nun doch gekommen sind, lieber Onkel Mortimer!“ sagte sie, noch ebenso harmlos, wie ehemals als Kind. „Iris hat es ja durchaus nicht glauben wollen und gesagt, Sie seien nicht besser und zuverlässiger wie alle andern Männer! Aber ... nicht wahr ... Ihr Freund Bransecki ist doch ebenso treu und brav wie Sie? Ach man sieht es ihm schon an seinen wunderschönen Augen ... und Rupert heisst er mit Vornamen?“ —

Ein düsterer Schatten war über Mortimers Gesicht geflogen, als Bärbel ihre Schwester erwähnte, jetzt musste er wieder lächeln.

Ihre ersten Worte übergehend, antwortete er nur auf die letzten.

„Rupert Bransecki ist ein so lieber, treuer und zuverlässiger Mensch, wie ich kaum einem zweiten im Leben begegnet bin! Und hätte er mir auch nicht das Leben gerettet“ ...

„Das Leben gerettet?!“ — wie ein halb erstickter Aufschrei klang es von den Lippen der Kleinen.

„Ganz recht! mit eigener Lebensgefahr befreite er mich in den Dschungeln aus den Krallen eines Tigerweibchens, das Appetit auf Menschenfleisch hatte! Wenn Sie solch gruselige Jagdgeschichten interessieren, erzähle ich Ihnen heute abend gern alle Einzelheiten, — das heisst ... falls Gräfin Iris uns nicht als ungebetenen Gästen die Türe weist!“ —

„Iris? — o glauben Sie das nicht! Sie schwärmt ja für Indien und wird glücklich sein, recht viel von diesem Wunderlande zu hören! Haben Sie auch Sanskrit gelernt?“ —

Marken lachte hell auf. „Nein, das tat ich nicht, glauben Sie, dass Gräfin Iris mir auf den Zahn fühlen und meine Sprachkenntnisse abhören wird?!“

Bärbel seufzte tief auf und sagte voll drolliger Ergebung: „Warum nicht? Bei Iris ist alles möglich! Sie selber ist so furchtbar klug, dass sie von allen anderen Menschen dieselben Kenntnisse verlangt! Dennoch ist mir davor am wenigsten bange — aber vor etwas anderem fürchte ich mich sehr ... ach so sehr!“ Und die blauen Augen blickten so angstvoll flehend zu ihm auf, dass Mortimer ganz betroffen murmelte: „Sprechen Sie, Fräulein Bärbel — verschweigen Sie mir nichts — ich bitte darum!“ —

Wie treuherzig sie ihn ansah! —

Ganz nahe trat sie an seine Seite, dass der hellblaue Rock mit den weissen Spitzeneinsätzen schmeichelnd um seine Füsse wehte. —

„Sie kennen ja Iris! sie ist stolz — ach so furchtbar stolz! In unserm Hause verkehren nur die allervornehmsten Menschen, und da fürchte ich, Herr Doktor Bransecki ist ihr nicht willkommen, weil er keinen Adelstitel führt! Ach lieber, lieber Onkel Mortimer ... es wäre furchtbar, wenn sie ihn schlecht behandelte, so dass er womöglich nicht wiederkäme ... ach, ich weinte mir die Augen aus, wenn das geschähe!“ —

Mortimer hatte tief aufgeatmet. Er erwartete wohl andere Sorgen. —

Dann zuckte es wieder humorvoll um seine Lippen.

„Das lassen Sie meine Sorge sein, Komtesschen!“ sagte er heiter. „Wir sind altgetreue Freunde und gute Verbündete, ich werde stets zu Schutz und Trutz an Ihrer Seite stehen und alles Leid, das Sie mir anvertrauen, nach Kräften von Ihnen wenden!“

„O Sie lieber, guter Onkel Mortimer!“

Ihr ganzes Gesichtchen strahlte, — sie neigte sich so nah und sah so voll zu ihm auf, und er beugte seine hohe Gestalt und schaute zu ihr herab — tief, tief und lächelnd in ihre Augen, bis auf den Grund ihrer Seele.

Und keines von ihnen sah auf der Strasse den eleganten, hohen Selbstfahrer, den Gräfin Iris wie eine gebietende Göttin mit sicherer Hand lenkte.

Mit kurzem Ruck zog sie die Zügel an, — ihr Blick flog hinüber zu Vater und Schwester — schärfte sich und haftete wie gebannt auf der imposanten Männergestalt, die sich so vertraut zu Bärbel neigte.

Mit welch innigem Entzücken schaut die Kleine zu ihm auf?

So hat sie noch nie einem fremden Manne in die Augen gesehen.

Wer ist es?

Jetzt wendet er sich wieder zur Seite.

Welch ein Antlitz! Wie aus Erz gegossen, feste, stolze Züge; obwohl ein strahlendes Lächeln sie eben verklärt, so blicken doch die Augen düster aus dem schmalen Gesicht. Marken! Kann er es sein? Ist es möglich?

So sehr hat ihn die Sonne Indiens verbrannt? So völlig hat er den rosigen Knaben abgestreift, um ein Mann zu werden?

Und warum kehrt er heim? —

Iris zuckt leise zusammen und lässt heftig die lange Fahrgerte auf den glänzenden Nacken des Handpferdes niederfallen.

Lächerliche Frage! Sieht sie es nicht? Steht es nicht in seinen Augen und in Bärbels erglühendem Gesichtchen geschrieben, was ihn zurückführt? So hat die Kleine aber doch recht behalten, wenn sie voll süssen Glaubens versicherte: „Er muss wiederkommen, denn er ist treu!“ —

Ein bitteres Lächeln zuckt um die Lippen der Gräfin.

Treu! — ist das Treue, wenn er erst um die eine Schwester in heisser Liebe wirbt und sich dann der andern zuwendet, als habe sein Herz nie eine andere Leidenschaft gekannt. —

Aber warum nicht?

Ist es nicht selbstverständlich und menschlich, wenn ein Mann, dessen Hand schroff zurückgewiesen wird, nach einem andern Glücke greift?

Aber sie hat ihn ja gar nicht schroff abgewiesen wie all ihre anderen Freier, sie hat ihm ja nur Bedingungen gestellt, um seinen Charakter zu prüfen, und obwohl er dies nicht ahnen konnte, hat er sich trotzig und selbstbewusst auf seine Männerherrlichkeit berufen und war zu stolz gewesen, dem geliebten Weib gleiches Recht und gleiche Freiheit einzuräumen!

Er wandte sich freiwillig von ihr ab, nicht sie hiess ihn gehen! —

Und nun kommt er und wirbt um ihre Schwester?

Mag er es tun!

Aber er wird und soll erfahren, dass Gräfin Iris ebenso charakterfest ist, wie er!

In dem ebenso eleganten wie behaglichen Salons der Villa Waldstetten brennen nicht, wie bei feierlichen Gesellschaften, alle Kronen, sondern nur einzelne, rosig verschleierte Lampen werfen ihr träumerisches Licht über den kleinen Kreis von Menschen, der sich in angeregter Unterhaltung vor dem knisternden Kaminfeuer niedergelassen hat.

Graf Waldstetten ist entzückt, in Doktor Bransecki einen sehr kunstsinnigen Bewunderer seiner türkischen Skizzen gefunden zu haben.

Die Aquarelle und Zeichnungen wandern von Hand zu Hand, und so oft der junge Gelehrte seiner reizenden Nachbarin ein Blatt zureicht, taucht sein Blick tief in den ihren, und er sagt fast immer dasselbe — „Traumhaft schön, nicht wahr, Komtesse?“

Dann neigt Bärbel das Köpfchen noch tiefer und flüstert: „Ja, — gar, gar zu schön!“

Und dabei denkt keines von ihnen an die kleinen Kunstwerke, die sie in der Hand halten.

Klein-Barbara sieht herziger aus wie je. Das Gesichtchen ist rosig wie ihr Kleid; die goldblonden Haare sind in zwei dicken, glänzenden Flechten um den Kopf gelegt, „wie ein Deffregger-Bild!“ hat der eitle Vater scherzend gesagt und hinzugesetzt: „Der Meister aller Meister hat mir in meinen Töchtern die besten und verschiedenartigsten Modelle in das Atelier geliefert! Iris habe ich als Türkin, Orientalin und phantastische Gestalt der Sage schon oft gemalt, — meine Jüngste muss mir sitzen, wenn ich ganz das Gegenteil auf die Leinwand bringen will. Gestern hat sie mir zu einem Entwurf für ‚Ännchen von Tharau‘ gesessen, und ich glaube, ein recht stimmungsvolles Bildchen schaffen zu können!“ —

„Annchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn’

Mein Leben schliess’ ich um deines herum!“

singt Marken und blickt der Kleinen abermals sehr tief in die Augen, Iris aber erhebt sich ziemlich unvermittelt und schreitet in den Nebensalon.

Sie sieht nicht, wie bei Markens Worten Bärbel nicht sein Auge, sondern das des jungen Weltreisenden sucht und wie heiss erglühend sie zur Seite schaut, als Branseckis Blick noch beredter spricht wie Markens Worte.

Tante Berta hat endlich ihren Liebling, den Blick auf „Rumili Hissar am Bosporus“ aus der Mappe herausgefunden und reicht es unter lebhafter Erläuterung dem Doktor hinüber. Marken aber lächelt still vor sich hin und denkt „Es ist doch etwas Wunderbares um die Liebe! Auf den ersten Blick hat in diesen jungen Herzen der heilige Götterfunke gezündet, — wie lange noch, und die hellen Flammen lodern auf!“ Nun gilt es, der Schirmvogt dieses bedrohten Glückes zu sein. Gräfin Iris hat den titellosen Afrikareisenden sehr kühl begrüsst, noch zurückhaltender wie ihn, den Heimkehrenden, den sie wohl nie in ihrem Hause wiederzusehen hoffte. Ihr Benehmen ist so abweisend, dass Mortimer gewiss die Schwelle nicht wieder überschreiten würde, wenn nicht Bärbels Augen, wie in heisser Herzensangst, um Schutz und Hilfe flehten! Und Klein-Barbara soll sich nicht in dem Freund getäuscht haben!

Dass Iris ihm noch bitter zürnt, erkennt er aus jedem Wort und Blick — und gerade diese ihre Abneigung soll die Grundlage sein, auf der der Diplomat Marken seinen feinen Plan aufbaut. — Dass er selber bei diesem Spiel schmerzlich leiden wird, darf ihn nicht abschrecken, — Bärbel glaubt an ihn, und dieser Glauben soll nicht betrogen werden.

Er erhebt sich, um die an den Wänden aufgehängten Ölgemälde zu mustern, und unauffällig schreitet er weiter bis in den Nebensalon.

Dort steht Gräfin Iris vor dem Teetisch und ist damit beschäftigt, die Silberkannen vor dem Gebrauch mit kochendem Wasser auszuspülen. Ihre schlanke, herrliche Gestalt in dem sehr einfachen Tuchkleid hebt sich wie ein scharfgezeichneter Schatten von dem goldfarbenen Hintergrund der Tapete ab. —

„Störe ich Sie, Gräfin?“

Sie wendet den Kopf und blickt ihm unsagbar gleichgültig in die Augen.

„Nicht im mindesten. Wollen Sie mir von Indien erzählen?“

„Zunächst möchte ich mir ein gewisses Recht dazu erwerben!“ —

Er schiebt mit ruhiger Sicherheit einen Sessel herzu.

„Nehmen Sie Platz, Gräfin. Wir sind hier wohl ein paar Augenblicke ungestört, und diese möchte und muss ich benutzen, um mich Ihnen gegenüber auszusprechen.“

Eine feine Blässe zieht über das regungslose Antlitz der Gräfin, sie macht eine kurze, etwas frostige Bewegung mit dem Kopf und lässt sich mechanisch in den Sessel nieder.

„Darf ich ganz offen sein?“

„Selbstverständlich, — eine andere Aussprache hätte wohl keinen Zweck!“

„Sie entsinnen sich unseres Abschiedes?“

„Ja.“

„Ich hatte das Unglück, Ihnen zu missfallen. Ich vergass in jener Stunde das Wort unseres grossen Dichters, dass man Sterne nicht begehren soll, und Sie belehrten mich eines besseren. Ihre Neigung haben Sie mir für alle Zeit versagt, und Sie taten wohl recht daran, denn Sie waren schon damals mehr Menschenkennerin wie ich, — aber Ihre Freundschaft hatten Sie mir voll und aufrichtig geschenkt, so lange ich im Hause Ihres verehrten Herrn Vaters verkehren durfte, und um diese alte, nicht rostende Freundschaft möchte ich in dieser Stunde aufs neue werben, — tue ich es vergeblich, Gräfin?“

Iris hatte ihn nicht unterbrochen, — starr hing ihr Blick an seinem so unbegreiflich veränderten Antlitz, das wohl einst mit Unrecht einen so tiefen, zwingenden Eindruck auf Bärbels Kindergemüt ausübte.

„Sie wissen, Herr von der Marken, dass ich sowohl Liebe wie Freundschaft für sehr entbehrlich halte und begreife nicht, wie Sie, der so fest auf eigenen Füssen steht, Wert auf solche nebensächliche Dinge legen kann. Wenn es Ihnen aber wünschenswert erscheint, so bin ich gern bereit, Sie ebenso wie früher im Hause meines Vaters willkommen zu heissen —“

„Und es gut mit mir zu meinen?“

„Das ist die Pflicht eines jeden anständigen Menschen. Sie haben mir nichts zuleide getan, warum sollte ich es bös mit Ihnen meinen?“

„Ich danke Ihnen, Gräfin! Also das Vergangene ist vergessen und wir sind wieder gute Freunde? Schlagen Sie ein!“

Ein flüchtiges Lächeln.

Sie legte etwas zögernd ihre Hand in seine dargebotene Rechte; sie hatte das Gefühl, als ströme von dieser Berührung heiss das Blut nach ihrem Herzen.

War das der Stolz, der sich dagegen sträubt, in diesem Augenblick der Pflicht der Höflichkeit zu gehorchen?

„Und darf ich nun ein paar Worte zu Ihnen sprechen, wie zu einer treuen, ehrlichen Freundin?“

Sein Blick bekommt etwas Zwingendes, Iris muss bejahend den Kopf neigen, ob sie will oder nicht.

„Unsere Freundschaft gibt Ihnen das Recht! Sprechen Sie.“

Sie weiss schon im voraus, was er sagen will und ihr Herz hämmert plötzlich in der Brust, als wolle es schon jetzt voll Ungestüm Widerspruch erheben.

„Als ich nach Indien ging“ — begann Mortimer und strich mit der Hand über den starken Schnurrbart, dass der mächtige Saphir an seinem Finger wahre Strahlengarben sprühte — „tat ich es in der Hoffnung, dort mein Glück zu finden, und diese Hoffnung hat mich nicht betrogen. Ich habe das schöne Ziel erreicht, in der Lage zu sein, aus eigenen Mitteln ein Heim zu gründen und ein geliebtes Weib heimführen zu können. Mein Herz ist auch in der Ferne deutsch, gut deutsch bis in jeden Blutstropfen hinein geblieben, — eine Ausländerin wollte ich nicht freien und kam darum in mein Vaterland zurück, um mir dort mein Lieb zu suchen. Komtesse Barbara war heute die erste junge Dame, die mir entgegentrat, die mich ebenso warm und herzlich begrüsste, wie sie einst von mir Abschied genommen. War das süsse Kind schon damals mein Entzücken, so ist es die erblühende Jungfrau erst recht — und Sie werden begreifen, Gräfin, wie heiss mein Verlangen ist, mir die volle Liebe Ihrer bezaubernden Schwester zu gewinnen. Diese meine Werbung nun nicht zu hintertreiben, sondern vielmehr zu unterstützen, ist meine inständige Bitte, Gräfin, die ich an Sie, als an meine wohlmeinende Freundin richten möchte!“

Iris sah ihn nicht an, ihre dunklen Wimpern lagen wie Schatten auf ihren Wangen.

„Sie überschätzen mich, Herr von der Marken, — ich glaube nicht, dass ein Mädchen, das wahrhaft liebt, irgendeiner Beeinflussung zugänglich ist. Ich sage Ihnen ehrlich, dass ich den Gedanken, Bärbel nach Indien geben zu müssen, entsetzlich finde und es für meine Pflicht halte, alles aufzubieten, um das Kind vor dem Elend eines ewigen, qualvollen Heimwehs zu behüten! Wir wollen ehrlich gegeneinander sein, wie Sie es verlangen. Ihnen unser Haus zu verschliessen, würde sehr verkehrt sein, denn nichts reizt die Leidenschaft mehr, wie ein Verbot, — kommen Sie so oft Sie wollen zu uns, ich werde Ihnen nichts in den Weg legen, aber verargen Sie es mir auch nicht, wenn ich alles aufbiete, Bärbel begreiflich zu machen, was es heisst, Heimat und Vaterhaus aufzugeben, um einem Mann in die ferne Welt zu folgen! Sie nannten mich vorhin eine Menschenkennerin. Möglich, dass ich es bin. Ich kenne Bärbel genau, sehr genau. Ich weiss, dass ihr zages, schwaches Herzchen, das dem meinen so gar nicht ähnlich ist, nie und nimmer die Trennung von ihren Lieben, von den gewohnten Verhältnissen ertragen würde!“

„Die Liebe glaubt, duldet, erträgt alles, Gräfin, darum würde mir nie bange sein —“ Mortimer neigte das Haupt sehr tief, um das verräterische Zucken seines Mundes zu verbergen, „und ich glaube, in dieser Beziehung auch trotz Ihrer sehr wohlgemeinten Vorstellungen zu siegen! Dies ist meine geringste Sorge — aber in einer andern Beziehung hoffe und rechne ich stark auf Ihre freundschaftliche Unterstützung!“

„In anderer Beziehung?“ —

„Ja. Ich traf Ihren Herrn Vater gestern in Begleitung meines Freundes Bransecki. Der Graf war so liebenswürdig, auch diesem sein Haus zu öffnen. Ich sehe nun mit grosser Sorge, dass Bransecki auf dem besten Wege ist, sich ebenfalls in Komtesse Bärbel zu verlieben und da Rupert ein schöner und interessanter Mann ist, so wäre es nicht unmöglich, dass er die Neigung Ihres Fräulein Schwester gewinnt.“

Ein heisses Aufblitzen ging durch Gräfin Iris’ Augen.

„Ah — und da soll ich den Nebenbuhler fernhalten?“ Sie lachte leise auf. „Wie wenig Selbstvertrauen haben Sie! Mich würde der Kampf um das Glück reizen, anstatt zu erschrecken!“

„Ich fürchte keine Niederlage, sondern nur ein Unglück für meinen armen Freund. Gewinnt er Bärbels Liebe nicht, ist sein Hoffen und Sehnen vernichtet, und gewinnt er sie, so würde sie trotzdem hoffnungslos sein, denn einen bürgerlichen Schwiegersohn würde der Graf nie willkommen heissen!“

Iris hob rasch den Kopf und zuckte die Schultern. „Mein Vater ist unberechenbar und Doktor Bransecki scheint ihm ausnehmend zu gefallen. Die Zeiten engherzigen Standesvorurteils sind vorüber! — Auch in diesem Punkt — ich sage es offen, Herr von der Marken — glaube ich Ihnen kaum dienlich sein zu können, denn Einladungen, die mein Vater ergehen lässt, kann ich nicht rückgängig machen.“

„Gewiss nicht, Komtesse, das sehe ich ein“ — Mortimer senkte das Haupt noch tiefer. „Aber Sie könnten Fräulein Bärbel von vornherein darauf aufmerksam machen, dass ein Mann ohne neunzackige Krone keine Partie für eine Gräfin Waldstetten ist!“

Iris lehnte sich im Sessel zurück, ihre Hände spielten etwas nervös mit den Seidentroddeln der Verschnürung.

„Noch einmal muss ich Sie an Ihren eigenen Ausspruch erinnern, Sie nannten mich eine Menschenkennerin! Wissen Sie nicht aus eigner Erfahrung, dass die Jugend nichts interessanter und poetischer findet, als eine verbotene Liebe?

Hätten Romeo und Julia dem Willen ihrer Eltern gehorchen und sich heiraten sollen, sie würden sich vielleicht gehasst, aber nicht geliebt haben, und hätte man der Prinzessin Emma nicht klar gemacht, dass der schöne Eginhard absolut keine Partie für eine Kaisertochter sei, sie wäre höchstwahrscheinlich nie mit ihm entflohen. Sobald die Liebe ein Martyrium wird, wächst sie zu einer Riesin empor, welche weder Vernunft noch Gewalt mehr zwingen können. Sie werden also nicht selber verlangen, dass ich Bärbel auf Verhältnisse aufmerksam mache, die ihre Neigung eher anfachen als dämpfen werden! Lassen wir doch dem Schicksal freien Lauf! Sie werden sicher kein Weib begehren, das einen andern mehr liebt wie Sie, und doppelt glücklich sein, wenn Bärbel selbst einen ‚gefährlich schönen Mann‘ unbeachtet lässt, weil sie ihr Herz bereits Ihnen schenkte!“

„Selbstverständlich! Und Sie glauben, dass die Liebe Ihrer Fräulein Schwester zu Bransecki gegebenenfalls kein Unglück für die beiden jungen Leute wäre?“

Iris starrte einen Augenblick in die bläulich zuckende Flamme unter dem silbernen Samowar.

„Nein! Das glaube ich nicht. — Ich werde der Kleinen stets freie Hand lassen, ganz nach Neigung zu wählen, hätte ja auch keinerlei Recht, ihr Vorschriften zu machen; und mein Vater und Tante Berta sind nicht energisch genug, um erfolgreich gegen Tränen und Seufzer anzukämpfen!“

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