Kitabı oku: «Lichtfalter»
Nataly von Eschstruth
Lichtfalter
Roman
Saga
Erstes Kapitel
Die Lerchen stiegen jubelnd zum Himmelslicht empor und sangen, und all die süssen Melodien, die Kopf und Sinn junger Wandrer unten auf einsamen Feldwegen durchbrausten, wurden lebendig in ihrem Lied und klangen wie grüssende Sehnsucht zur Sonne.
Still und feierlich war es sonst auf weiter Flur.
Der Klang der Sensen, die fernher aus goldwogendem Ährenfeld gleich aufblitzenden Funken herüberleuchteten, drang nicht bis hierher zu dem kleinen Sandpfad, der den Acker durchschnitt, um sich in weitgedehnter Waldung zu verlieren.
Flach und breit gedehnt lag die Ebene, verschwimmend in zart violettem Duft, der die Ferne grenzte, überwölbt von einem blassblauen Himmel, an dem kein Wölkchen trieb, der nur Licht in Licht war, durchflimmert von Milliarden feiner Sonnenstäubchen, die die Erden umspannen wie die Fäden, daraus bräutliche Schleier gewirkt werden.
Aus dem Buchenschatten waren drei junge Wandrer getreten.
Der erste legte die Hand über die Augen, hielt kurzen, scharf prüfenden Umblick über das Gelände und sagte zufrieden:
„Ja, ja, es stimmt! Es war der rechte Weg! Dort hinten liegt das Dorf! Zeig’ mal die Karte her, Florian! Das muss Idesfelde sein!“
Er wandte sich an seinen Nachbar, der fröhlich pfeifend den derben Wanderstab schulterte, mit scherzender, übereiliger Bewegung in die Tasche griff und die Terrainkarte mit tiefer, tadelloser Reverenz überreichte.
„Weh dir, wenn du dich geirrt hast, Pfadfinder! Ich habe bereits kannibalischen Hunger, und bis wir uns ein Abendessen zusammentrompetet haben, vergehen auch noch ein paar Stunden!“
Er warf seinen Rucksack bequemer auf den Rücken herum und schaute über die Schulter seines Kameraden, der den Plan entfaltete und mit dem Blick den Weg auf dem Papier und in der Wirklichkeit verglich.
Der dritte der jungen Männer war etliche Schritte zurückgeblieben.
Er hatte den breitrandigen Strohhut von der Stirn zurückgeschoben, hielt den Kopf weit zurückgeneigt und schaute mit grossen, weitoffenen Augen, wie in tiefem Entzücken zu dem himmlischen Lichtgefunkel empor, das nach dem tiefen Waldesschatten besonders wirkungsvoll war.
Er achtete nicht auf das Gespräch der beiden Kameraden.
Wie in tiefem, schwärmerischem Empfinden versank seine Seele in dem Glanze.
Ein feiner Lufthauch, der gleich einem Atemzug über die Felder strich, das kaum hörbare Knistern der wogenden Halme, das Abendlied der Lerche, das hallende Blütenblatt unter dem Brombeergerank, — alles ward Musik in seinen Ohren.
Er hätte alles, was da drückt und beschwert, auf der mühsamen Wanderung durch Staub und Erdennot weit von sich werfen mögen, hätte sich ganz einsam und allein in das blumige Wegkraut werfen und nur dieser Musik, diesem einzig und wahren Psalter unsterblicher Chöre, lauschen mögen. Alles andre ist ja doch nur armseliges Machwerk, und die, die sich hier auf Erden Musiker nennen, sind ja doch nur Stümper gegen die weiten Himmel, die des Ewigen Ehre preisen!
Mechanisch strich er mit der schmalen, weissen Hand über die Stirn, schob die dunkeln, leicht gewellten Haare zurück und seufzte tief auf.
Florian wandte sich lachend zurück.
„Sag’ ich’s nicht? Herr Balduin Bragi komponiert auch schon die Ouvertüre ‚zum knurrenden Magen‘, und da es immerhin noch drei Kilometer bis nach Idesfelde sind und das gebratene Huhn auch nicht zum Empfang bereitsteht, so schlage ich vor, wir machen hier unter der Eberesche noch einmal halt und brechen noch einem Schmalzenbrot den Hals! Was sagst du dazu, Heinrich?“
Der Genannte, ein breitschultriger junger Mensch, blond, blauäugig, mit sehr festem, energischem Blick und einem Zug grosser Willensstärke um die vollen Lippen, stand still, legte die Terrainkarte zusammen und lachte.
„Wenn es dir behagt, Kleiner, so tu’ es doch! Warum fragst du mich?“
Florian untersuchte flüchtig den kleinen Erdabhang unter dem Eschenbaum, ob sich etwa Ameisen in seinem Souterrain eingemietet hatten, — böse Erfahrungen hatten ihn gewitzigt! — Dann warf er sich vergnüglich in Gras, Schafgarbe und blühenden Klee nieder und schnallte den Rucksack ab.
„Warum ich dich frage, Heinz? Weil ich ein Kerl bin, der Subordination bei drei älteren Brüdern gelernt hat! Du bist der Vater des so äusserst schlauen Gedankens, diese unsre Fusswanderung in Szene zu setzen! Nun, da wir beiden andern braven, achtenswerten Jünglinge deinen lockenden Sirenentönen gefolgt sind, bleibst du für alles und jedes auch der verantwortliche Redakteur! Wenn wir Geld hätten, würdest du sogar in ehrenvoller Anerkennung den Beutel schleppen dürfen!“
„Gut — das Oberkommando ist einverstanden. Ich bin im Augenblick zu faul, sonst würde ich mein Piston aus seinem Waterproof lösen und zum ‚Futterschütten‘ blasen!“
Er nahm in seiner ruhigen Weise an dem Grasrain Platz, ebenso, als ob er sich daheim auf den Stuhl vor den Esstisch setze, zog ein nicht allzu grosses Paket aus der Tasche und schlug das Papier zurück.
„Balder photographiert natürlich nach dem Blick Himmel und Erde!“ fuhr er lachend fort, als der junge Bragi noch einen Augenblick gedankenverloren nach dem fernen Dorf herüber schaute, sich dann aber mit dem Stock scherzhaft drohend neben Florians behende, zierliche, kleine Gestalt niederliess, ohne auch nur im mindesten zu besorgen, wo er Platz nahm.
„Obacht! Die Feldsteine sind infam spitz! Und hier gibt es auch Dornen und Nesseln, alter Junge! Denk’ an unser unfreiwilliges Nachtlager! — nicht in Granada, — aber in dem Gehölz von Wasserberg — oder wie das infame, ungastliche Nest hiess!“
Heinrich entwickelte etliche Fettstullen von derbem Schwarzbrot und teilte sie aus.
„War aber auch das einzige Mal bis jetzt auf unsrer Wanderung, dass die edle Frau Musika keine Gegenliebe fand! Unverschämt! Man müsste auch für das Bauernvolk an jede Scheunenwand den wichtigen Spruch malen: ‚Wenn mancher Mann wüsste, wer mancher Mann wär’, — gäb’ mancher Mann — manchem Mann — manchmal mehr Ehr’!‘“
Balder biss zerstreut in sein Brot.
„Wir können bis jetzt noch nicht über allzuviel Unhöflichkeit klagen! Mir deucht sogar, dass die Musik, falls sie wirklich der Schlüssel zum menschlichen Herzen ist, auch vorzüglich sogar die Sicherheitsschlösser schliesst!“
„Bravo!“
„Eigentlich war es doch ein famoser Gedanke von dir, Heinrich, dass du aus uns ein paar fahrende Sänger machtest.“
„Hört! Hört! Minnesänger!“
„Mehr oder weniger auf Geige, Flöte und Piston übertragen, auch zu solchen!“
„Die nun wie einst Heini von Steier —“
„Ganz modern als Nanki-Pook aus dem Mikado —“
„Umherziehen und zur Laute Lieder singen:
‚Ich zieh’ umher im Land
und singe meine Weisen‘ —“
„Unsinn! Wir ziehen umher im Land und spielen alle Weisen — ‚ganz wie es euch gefällt!‘“
„Tanzmusik!“
„Zu Kindelbier und Hochzeiten — auch Märsche und Trauerchöre, — wie es gerade trifft! Wir bedienen alle Kunden auf das reellste und billigste!“
„Wenn man kein bares Geld verlangt, sondern nur Nachtquartier und was zu essen, so sind die Landleute tatsächlich zu haben!“
„Nun ja! Und wir machen äusserst billig eine grossartige Sommerreise! Sparen Post und Eisenbahn und erreichen, ‚bestens auf den Weg gebracht‘, den elegantesten Luftkurort am See, wo wir hoffentlich noch eine recht fidele Zeit vor uns haben.“
Balder verschlang einen Augenblick nervös die schlanken Hände über seinem Geigenkasten.
„Und so etwas nennt sich Schüler eines Musikkonservatoriums! Aufgehende Sterne am Himmel der Kunst!“
Florian schnitt eine leichte Grimasse. Den feinen Zug von Schwermut und Missstimmung kannte er schon an dem Freund.
„Du weisst doch, Mensch, dass Sterne hoch stehen! Vom Dachkämmerchen sind sie manchmal schneller und gewaltiger erreicht worden als aus der eleganten Parterrewohnung des Rezitalisten!“
„Bohême!“
„Es liegt ja schon im Namen — ‚Erdgeschoss‘, was so tief an der Erde klebt, wie will denn das den Parnass erreichen?“
Balder schüttelte wehmütig den Kopf, seine dunkeln Augen in dem feinen interessanten Gesicht verschleierten sich, als blicke er nach innen.
„Mir deucht aber manchmal, wenn der Pegasus gut gefüttert wird und in einem Marstall anstatt in einem Katen steht, so ist er besser bei Kraft und wagt den kühnen Sprung in das ‚Gewisse‘ leichter und sicherer, als ein müder, abgetriebener Klepper den Salto mortale auf den Parnass empor! — Wie viele mögen vor der Zeit erlahmen und abstürzen, ohne dass es überhaupt beachtet wird!“
„Und Ross und Reiter sah ich niemals wieder!“
Florian machte eine schnelle Handbewegung, als wische er etwas Unsympathisches weg.
„So lasst sie! Was geht es uns an! Wenn man nur fünf Heller in der Tasche hat, kann man nicht damit das Elend einer ganzen Welt lösen!“
„Leichtsinn, dein Name heisst Florian!“
„Dann kann er sich bei Allvater für diesen schönen Taufschein bedanken! Was haben wir mit trüben Zukunftsbildern zu tun? — Seht doch umher, in all das Sonnengold hinein! Greift zu! Steckt euch Herz, Sinn und Taschen voll, und behauptet noch, ihr wäret arm!“
„Quatschkopf! Bezahle mal deine Rechnungen mit dieser fremdländischen Währung!“
„Junge, Junge! Solche Sonnenstrahlen filtriert und auf Flaschen gezogen, und während Regenperioden oder zur kalten Winterszeit unter Selbstkostenpreis verkauft —! Potz Kuckuck! Was kostet Europa!“
„Gut! So wollen wir drei den Flug zur Sonne wagen!“
„Lichtfalter!“
„Es gibt so viele verschiedene Arten von Licht!“
„Stimmt! Ein jeder wählt wohl instinktiv dasjenige zum Endziel und Höhepunkt alles Glücksbegriffes, das ihm am sympathischsten ist!“
Balder blickte sinnend zu der glühroten Sonne hinüber, die sich dem Horizont neigte und des dunkeln Waldes Wipfelkonturen mit breitem Purpur säumte.
„Ein Falter flog zum Licht —
An der Flamme blieb er hangen!“
summte er leise vor sich hin.
Wieder lachte Florian beinah übermütig auf: „Dann hat er ja, was er will! Die seligste Vereinigung mit ihr! Das wäre so ein Glücksinbegriff für mich! Bei all den Tausenden von reizenden Mädels ist es doch für einen so leicht begeisterten Musensohn wie mich sehr begreiflich, dass ich alle acht Tage eine ‚neue Flamme‘ habe, die mein Herz in Gluten versetzt! Neulich erst so eine kleine Millionärstochter! Du meine Güte! dachte ich, wenn du an dieser Flamme mittels goldnen Eheringes hängenbleiben könntest!“
Lautes Gelächter.
Heinrich packte den Sprecher energisch am Rockkragen und zog ihn von seinem Ruhesitz empor: „Du Windhund und heiraten! Fürerst will ich mal deiner sehr geehrten Frau Soloma zuliebe scharf aufpassen, ob das Licht, dem du zustrebst, kein Irrlicht ist! Und nun aufs neue gestartet, meine Herren! Bis wir das Gasthaus gefunden und mit dem jeweiligen Drachenwächter verhandelt haben, vergeht auch noch geraume Zeit!“
„Also ... auf!“
Balder sprang empor und strich sorgsam jedwede Spur seines Natursitzes, Hälmchen, Moos und Erdteilchen, von seinem einfachen aber sehr kleidsamen Sportanzug.
Er war gegenüber allen lebhaften Vorstellungen Florians, sich in ein möglichstes Vagantenkostüm zu werfen, standhaft geblieben und erklärte: „Ich bin weder Vagant noch Bummler! Ich kann auch an meinem äussern Menschen nichts ertragen, was mir unsympathisch ist! Mein Anzug ist einer der billigsten und einfachsten, aber man fürchtet sich nicht vor mir, wenn man mir auf der Landstrasse begegnet.“ — Und wieder hatte Florian in seiner unbekümmerten Weise gescherzt: „So ein wenig Rowdy spielen, macht mir keinerlei Skrupel! Ob ein wenig mehr oder weniger verbummeltes Genie, wer kann den Schicksalssturm, falls er tatsächlich daherbläst, mit einem Plätthemd auffangen?“
So pfiff er auch jetzt wiederum einen landläufigen Gassenhauer und regte sich nicht im mindesten darüber auf, dass er die nächste Umgebung des Ebereschenbaums, auf der er geruht, mit sich spazieren führte.
Heinrich schüttelte sich kurz und energisch wie ein Pudel, der aus dem Regen kommt, und schritt rüstig fürbass.
„Hoffentlich trifft man in jetziger Reisezeit nicht unverhofft Bekannte aus der Stadt!“ sagte Balder und dachte mit leicht gefurchter Stirn daran, dass er keine Zigarette mehr besass, um zu rauchen.
Sich eine kleine kurze Stummelpfeife anzustecken wie Heinrich, deuchte ihm ein Verbrechen gegen seine Tradition, und resigniert an einem grünen Stengel zu knabbern, wie Florian es im Ulk tat, wenn er eine Importe zu rauchen gedachte, dazu war er zu wenig Zyniker!
„Lass doch gute Bekannte kommen!“ amüsierte sich der angehende Flötenvirtuose inkognito. „Wenn sie überall hinausschmeissen, dass wir nicht haben, wo unser Haupt über Nacht niederlegen, dann sind solch getreue Nachbarn aus der Residenz sehr angenehm! Ich pumpe sie sofort an!“
„Auch die jungen Damen, auf die es Balder bei seiner Befürchtung hauptsächlich ankommt!“
Florian schwippte mit kecken Fingern sein verwittertes Filzhütchen von einem Ohr auf das andre, dass sein rötlichblondes Kraushaar grotesk darunter hervorquoll.
„Aber natürlich! Die am ersten!
‚Und wenn ich denn mit Pumpen
den Anfang machen muss —
lass, Liebchen, dich nicht lumpen
und pump mir einen Kuss!‘ —
Ihr sollt mal sehen, wie bald ich ein Krösus bin! — Mag die Operette ‚Don Cäsar‘ auch alt sein — diese Münze, um die ich bettele, hat bei dem schönen Geschlecht stets die höchste Valuta!“
Da musste selbst Balder lachen.
Man schritt tüchtig aus, und wenn in der klaren Abendluft auch anfänglich das Dörfchen näher erschienen war, als es in dem Flachland tatsächlich lag, so war es für die drei jungen Wandrer doch in nicht allzu langer Zeit erreicht. Mit ihnen zugleich schwankten die vollen Erntewagen vom Feld herzu. Die kleinen Häuser lagen still und verlassen, da die meisten Leute noch auf dem Feld arbeiteten oder das Abendessen für die Heimkehrenden zu richten hatten.
Nur ein paar wütende Spitze und sonstige Dorfköter undefinierbaren Stammbaums kläfften wie die Wahnsinnigen vor Wut den Fremdlingen entgegen, und ein paar kleine Kinder, die am Gartenstaket spielten, versuchten tiefsinnig zu beschwichtigen: „Töv man, oll Swinskurl! Sei sie ja nich de Postbote!“
An dem Schild, woran man sonst den Rum, gleichwie an einer Schale, zu erkennen pflegt, herrschte in dieser Gegend sichtbarer Mangel, und nur ein schmaler Tisch vor der Haustür, auf dem Krug und Gläser standen, markierte das Gasthaus.
Die jungen Musiker traten näher, und ihr Schritt hallte auf den Steinfliessen. Die Wohnküche, ein grosser Raum mit Rauchfang und offenem Feuerherd, stand einsam und verwaist.
Ein paar Hühner stoben kreischend auf und gackerten zur Hoftür hinaus, während zwei Ziegenlämmchen mit grotesken Sprüngen aus dem offenen, seitlichen Stalltor kamen und bockbeinig vor den Fremdlingen Stellung nahmen.
Nach mehrmaligem „Hallo!“ erschien eine alte Frau seitlich vom Garten her. Sie war äusserst überrascht, dass sie man gar keinen Wagen hatte poltern und knallen gehört, denn Gäste, die zu Fuss daher kamen, schienen hierorts beinah unbekannt.
Heinrich war der Sprecher, wie stets. Er konnte sich auf plattdeutsch verständlich machen und hielt dem alten Mutting eine längere Ansprache, in der er ihr auseinandersetzte, dass sie drei durchaus anständige und achtbare Musikanten aus der Stadt seien.
Sie erböten sich, den Gästen in dem Krug die schönsten Sachen aufzuspielen, denn so ein bisschen Musik erfreue doch eines jeden Menschen Herz! — Geld verlangten sie nicht dafür, nur ein ordentliches Abendessen und ein Nachtlager, zur Not auch in der Scheune, auf Stroh!
Während dieser Reden pflegte Balder meist abseits zu treten und mit geistesabwesendem Blick Haus oder Dorfstrasse zu mustern, denn die feine Schamesröte, die ihm jedesmal in die Wangen stieg, liess sich nicht bezwingen.
Florian hingegen unterstützte den Sprecher in seiner vergnüglich vertrauten Weise, und wenn auf den Gesichtern der Gasthausgewaltigen zu lesen war, dass die Aktien der „armen Reisenden“ gut standen, dann griff er handelnd in den Prolog ein und erinnerte die Frau Wirtin daran, dass zu einem Abendessen aber auch was „Nasses“ gehöre!
Na, ein Glas Milch, das Balder und Heinrich hocherfreut akzeptierten, gab es dann noch zu, aber Florian versicherte in seiner spasshaften Weise, dass er die Milchzähne schon gewechselt hätte und sehr bescheiden auch mit einem Gläschen Wasser fürliebnehmen wolle, es müsse nur Kirschwasser oder sonst ein „gebranntes“ sein, das bekomme ihm besser.
Solche Witze verstand man, würdigte sie, und der Schalk genehmigte ein Spitzgläschen oder zwei, je nachdem die Zusammenstellung des Musikprogramms den Beifall der Gäste und der Wirtsleute gefunden hatte.
Jetzt stand nun die Alte und kratzte sich nachdenklich die Mückenstiche auf Hals und Armen.
„Spielen wollt Ihr? Wie so die Musikanten bet Kirchweih?“
„Ja, ja! Ganz genau so! Wenn’s Spass macht, könnt Ihr auch mit tanzen, Mütterchen!“
„Ich kann man nicht mehr!“
„Na, dann die andern!“
„Die tuen’s man nicht!“
„Na, warum denn nich?“
„Sie kommen ja man nich! In Erntezeit, da sin sie alle müd’ und gehen früh zur Rast!“
„Wenn sie uns aber spielen hören?“
„Och nich!“
„Mir möchten so gern ein freies Nachtquartier haben!“
„Das gibt’s hier man nich!“
„Vielleicht bei einem Grossbauer?“
„Da schon gar nich. Dem Klaad is die Mutter tot geblieben, und bei Struck liegt das Weib krank!“
„Und sonst wo?“
Da kam ihr ein Gedanke. „Im Gutshof, beim Geheimrat von Heimdall, da feiern sie heut Geburtstag von dem Fräulein! Da haben’s eine ganze Menge Leut geladen, dem Pastor seine zwei Töchter, und dem Oberförster seine Einzige, die Nanna, und was da noch vom Nachbarspächter ist! Jung Vieh hat jung Mut! Vielleicht schauten sie da mal hinein, ob’s noch Platz wär’? So ein Tänzchen machen so muntere Dirn’s ja ganz gern!“
„Und hier bei Ihnen im Gasthof, für ein Nachtgeld, können wir hierbleiben?“
„Nee, nee! Das geht ja nich! Wir haben für die Ernte jetzt alles voll Schnitter gepackt, auch vom Klaad haben sie uns noch welche hier eingelegt!“
Die drei jungen Leute beratschlagten.
Balder war der Gedanke, unter gebildete Menschen zu gehen und an einem Gutshof anzuklopfen, sehr peinlich.
Aber Florian lachte hell auf. „Gerade sehr amüsant ist der Gedanke! Wieviel Mädels zählte die Alte denn im Aushieb gleich auf?“
„Mindestens ein Dutzend!“
„Und da sollten wir fehlen? Da müssten wir doch keine Musikanten sein! Wenn auch die Chose peinlich ist, so lasst sie mich diesmal fingern! Ich gehe voran und führe!“
Was tun? Man hatte tatsächlich keine Wahl!
Und Florian wurde immer aufgeregter in dem Gedanken an solch einen Ulk und steckte mit seiner übermütigen Laune bald die beiden andern an. Nach kurzem Kriegsrat liess man sich von der Alten noch den Weg beschreiben. Fehlgehen konnte man nicht.
Über die hohen Lindenkronen ragte der stumpfe Turm des schlossartigen Herrenhauses empor, und wenn man den Fusspfad über die Wiesen schritt, stiess man just auf das Tor des Hintergartens.
„Man kennt uns ja nicht!“ tröstete Heinrich und schob den Arm in den seines Freundes Bragi. „Welch ein absonderlicher Zufall sollte es fügen, dass man im Gutshaus deinen Vater gekannt hat? Und schliesslich, ist es denn eine Schande, wenn ein reicher Mann an seinen glänzend erdachten, aber schliesslich zu waghalsigen Spekulationen zugrunde geht und arm wird?“
„Wenn du deinen Namen nicht nennst, woher soll man wissen, dass du aus so feinem Hause kommst, und dass dir der Fusswandrer nicht an der Wiege gesungen war?“
„Du hast recht, woher sollte man mich kennen? Als meine Eltern ihr grosses Vermögen verloren und den glänzenden Hausstand in der Residenz auflösen mussten, war ich ja erst ein Junge von vierzehn Jahren!“
„Und jetzt ein Methusalem von zweiundzwanzig! Hast länger für das Gymnasium gebraucht als wir, konntest dir damals ja auch die Zeit nehmen!“
„Ich fing ja erst an zu lernen, als das eiserne Muss dahinter sass!“
„Das eiserne! Diesen Begriff haben wir jetzt auf unsrer Ferienwanderung energisch abgestreift! Nun wollen wir unsre fidele Freiheit geniessen!“
„Das will ich meinen! All unsre grünen und goldnen Lorbeerkränze, mit denen die Zukunft den Virtuosen winkt, haben wir in den Rucksack versenkt und für die nächsten vierzehn Tage sind sie uns noch für eine Schütte Stroh und ein Käsebrot feil!“
„Warum sollen wir armen Kerls das Glück nicht auch mal an einem seiner modernen Schürzenzipfel fassen, wenn für viele seine Röckchen zu kurz geworden sind?“
„Eine Fusswanderung lustiger Musikscholaren durch die schöne Welt!“
„Aufgepasst! Wir nähern uns der Pforte! Dort hinter dem Rasenplatz leuchtet schon die weisse Hauswand!“
„Mensch, wenn man uns abschickt wie die Handwerksburschen!“
„Lass mich nur machen! Ich gehe voraus. Du, Heinrich, und Balder bleibt zurück, dann ist es ja unmöglich, dass eure Ehre sich ein Bein bricht, wenn sie die Hunde nach mir hetzen!“
Er lachte hell auf.
„Hört ihr das Gelächter und Gejubel von den allerliebsten Mädels? Wie der Kater auf Baldrian geht, so zieht’s mich an!“
„Vorwärts!“
„Auf Wiedersehn!“
„Wir kommen langsam nach und halten uns dort an der Wegbiegung hinter dem Gebüsch im Hinterhalt!
Seinen Wanderstab fröhlich geschultert, schritt Florian geradeaus.
Er traf auf die Rückseite des Gutshauses, vor dem sich ein Rasenplatz mit Teppichbeeten ausdehnte.
Eine kleine Schar junger Mädchen in farbigen Sommerkleidern wanderte voll hörbarer Lustigkeit auf den schmalen Kieswegen hin und her.
Auf dem kleinen, terrassenartigen Sandplatz stand eine lange Tafel gedeckt. Das weisse, lang niederhängende Tuch glänzte wie vergoldet in den letzten Sonnenstrahlen und die Gläser funkelten zwischen hochragenden Blumensträussen, unter die, neben schimmerndem Porzellan, die silbernen Bestecks ihre Funken warfen.
Balder stand in dem Boskett und starrte auf das schöne, elegante Bild.
Ein tiefer Atemzug rang sich aus seiner Brust, wie ein leises Aufstöhnen klang er.
„So sah es früher bei uns aus, Heinrich!“ flüsterte er, „so kann ich mein Elternhaus nicht vergessen!“
„So freu’ dich der Erinnerung!“
„Ich sehe andre, Freunde an dem Tisch sitzen, und ich ... im Knechtshaus; vielleicht in der Scheune —“
Da legte sich eine Hand fest auf seine Schulter. „Sieh mal deinen Geigenkasten an! Ein kleines Ding, nicht wahr! Und was glaubst du wohl, was alles darin steckt? Eine ganze Welt voll erfüllter Träume und Hoffnungen! Musst sie nur herausholen! Sieh, Balder, ich strebe nicht so hoch zum Licht wie du! Du greifst nach der Sonne! Ich bin mit den Flammen zufrieden, die auf häuslichem Herd ihr warmes Licht verbreiten. Wir stehen im Konservatorium auf derselben Leiterstufe, die emporführt. Ich habe mein Ziel schon beinah erreicht, weil es soviel näher liegt als das deine. Nun bedenke, wenn du vorzeitig deine Kraft und Elastizität des Idealismus an nagendem Heimweh nach Verlorenem aufreibst, woher willst du deines Könnens Stärke nehmen, um den weiten Weg zu jenen Himmelsfernen zurückzulegen! — Darum Kopf hoch! Und wenn jene Leute da drüben selbst aus goldnen Schüsseln ässen — um so mehr und freudiger sollte es dich anspornen, dasselbe zu erreichen, was jener Gutsbesitzer für sich und die Seinen auch erwarb.“
Balder sah den Freund einen Moment aus den tiefen dunkeln Augen wundersam an, dann drückte er ihm voll nervöser Erregung die Hand.
„Hast recht, Heiner! Ich bin auf dem besten Wege schlapp zu machen! Hab’ Dank, dass du mich an mich selbst erinnerst!“
Heinrich lächelte ihm freundlich zu.
„Lass uns beobachten, was Florian ausrichtet! Der Übermut sitzt ihm im Nacken! Gut so, so soll es ja sein!“
— Währenddessen war der junge Musiker langsam über die freie Rasenfläche herzugeschritten und war bald von den jungen Damen bemerkt.
Er war ganz einig mit sich. Vor allen Dingen galt es, die Aufmerksamkeit der Mädels zu erregen, denn wenn sie die Musikanten gar nicht beachten, so ist es ja auch ausgeschlossen, dass man sich amüsiert, und darum müssen gerade die Gutshöfe jetzt energisch in ihre Marschroute eingezeichnet werden.
Er trat an den gedeckten Tisch heran, betrachtete ihn und schritt alsdann den jungen Damen entgegen.
Sein frisches, hübsches, blühendes Gesicht machte stets Glück bei fröhlichen Damen, warum nicht auch diesmal?
Er zog flott den Hut.
„Verzeihen Sie, meine Gnädigsten! Ein Tisch vor dem Haus mit Flaschen und Gläsern markiert hierzulande den Dorfkrug! In dieser eleganten Aufmachung dürfte es aber wohl ein Hotel ersten Ranges sein?“
Helles Gelächter ringsum.
„Edelgard! Heimdall-Schloss auf Idesfelde ein Hotel!“
Eine schlanke, reizende Blondine trat lächelnd einen Schritt näher.
Sie deuchte Florian entzückend.
Gar kein Landmädel, sondern schick und elegant, wie von der Promenade der Residenz entnommen.
Weisses Spitzenkleid, famos frisiert, weisse Spangenschuhchen prima, und einen Strauss blassrosa Rosen an der Brust, so kokett beinah arrangiert, wie eine Mondäne im Ballsaal.
„Nein, hier ist kein Hotel! Haben Sie Wünsche für ein Nachtquartier, so steht im Dorf drunten auch ein Tisch mit Kannen und Seideln vor dem Haus.“
Florian dachte, es ist gut, dass Balder diesen zarten Wink nicht hörte, er hätte ihn sicher übelgenommen. Er selber war nicht so leicht chokiert. Abermals eine tadellose Verbeugung.
„An diese gastliche Schenke haben wir bereits angeklopft, da aber auf eine Matratze schon acht Schnitter kamen, vier mit dem Kopf nach Norden und vier mit dem Kopf nach Süden, so verzichteten wir!“
— Abermals leises Gelächter. „Nanna, der Kerl ist ja zum Totlachen!“ flüsterte Pastors Susi in das rosige Öhrchen der kleinen Oberförsterstochter.
„So möchten Sie hier wegen eines Nachtquartiers anfragen?“ fuhr Edelgard sehr liebenswürdig und ruhig fort. „Ich möchte Sie an den Inspektor verweisen —“
„Lieber wäre es mir, mein gnädigstes Fräulein, ich könnte ihm alsogleich Ihre Befehle überbringen!“
„Sie überschätzen mich!“
„Durchaus nicht! Was die Frau will, das will Gott!“
Abermals kicherte es ringsum: „Wie höflich! Kinder, wer mag denn der Jüngling sein?“
„Es handelt sich nämlich auch noch um zwei Kameraden von mir, meine Gnädigste! Wir sind Nachkömmlinge jener alten Skalden, die durch das Land zogen und ihre Lieder sangen. Singen kann ich nun freilich nicht, ich habe Rheumatismus in der Kehle, aber ich vervollkommne unser Musiktrio, und wenn uns gestattet wird, den Herrschaften aufzuspielen — gleichviel was — so stehen wir zu Ihrer Verfügung. Von einem klingenden Honorar sehen wir ab. Das Geld spielt bei uns keine Rolle, denn wir besitzen keins, aber um ein Nachtasyl und ein Abendbrot möchten wir ebenso höflich wie müde und hungrig gebeten haben!“
Ein allgemeiner Jubel erhob sich.
An der Hausecke, unter den Linden, erschien die Gestalt eines kleinen, etwas korpulenten Herrn, mit wenig Haar, einem Augenglas und den lebhaften, eleganten Bewegungen eines Mannes von Welt. Der Geheimrat.
Die jungen Damen flatterten ihm voll tumultuarischen Entzückens entgegen. „Herr von Heimdall! Es sind Musiker da! Wir sollen aufgespielt bekommen! Ach, fragen Sie doch bitte, ob es auch zum Tanze ist?!“
Mit verbindlichstem Lächeln quittierte der Umstürmte für diesen lebhaften Empfang, hatte mit schnellem Blick die Erscheinung eines fremden Jünglings neben seiner Tochter wahrgenommen und stand mit wenig Schritten an ihrer Seite.
Auf Florians Wink lösten sich auch die schlanken Gestalten von Balder und Heinrich von dem Gebüsch ab und traten hastig näher.
Kurze, sehr korrekte Verbeugungen.
Herr von Heimdall nickte ihnen jovial zu.
„Ein paar menschenfreundliche Musikanten, die den Frohsinn in den Kreis der Jugend tragen wollen? Das trifft sich ausgezeichnet. Wir feiern heute den Geburtstag meiner Tochter und zum erstenmal fehlt uns dabei die Tanzmusik!“
„Edelgard duldet ja kein Grammophon im Hause!“ schmollte Susi.
„Warum eigentlich nicht?“ wundert sich Nanna.
„Weil sie viel zu musikalisch ist, meine jungen Damen!“ antwortete der Gutsbesitzer mit viel Nachdruck. „Wer selber ausübende Klavierspielerin und Sängerin ist, weiss das persönlich in der künstlerischen Leistung über alles zu schätzen! Darum hören wir die Gottbegnadeten lieber durch die Wiedergabe ihres eigensten Ichs, als durch mechanische Übertragung!“
Edelgards Blick war harmlos über die Musikanten geglitten und traf bei des Vaters Worten das Antlitz des jungen Geigers, das sich ihr voll zuwandte.
Sie sah überrascht in das sehr sympathische Gesicht, dessen grosse Schwarzaugen mit ganz wundersamem Ausdruck plötzlich auf sie gerichtet waren.
„Heil und Segen über Sie, gnädiges Fräulein, für diesen glänzenden Geschmack! Es ist eine alte Geschichte, was dem einen seine Eule ist, das ist des andern Nachtigall! In Ermanglung des ‚Orchesters in Taschenformat‘ haben wir nun die Freude, Ihnen aufspielen zu dürfen!“
Wie gebildet der kleine Kerl redet, dachte Herr von Heimdall. Grossstadtkinder! Gewiss so ein bisschen verbummelte Genies! — Und als er hörte, dass die jungen Leute nur um ein Nachtquartier und Verköstigung aufspielen wollten, da ordnete er alsogleich an, dass ihnen unter den Linden ein Abendbrot aufgetragen und im Inspektorhaus Lagerstätten bereitet würden.
Die jungen Mädchen umdrängten die drei Ankömmlinge.
Es war ja so fabelhaft interessant, in der Einsamkeit von Idesfelde ein solches Ereignis zu erleben, dass man es ohne Scheu auskosten wollte.
„Was spielen Sie denn alles? Auch Walzer?“
„Selbstverständlich!“
„Haben Sie besondere Lieblinge darunter?“
Da schwirrte es von alten und neuen Titeln vor den Ohren.
Entzückend! Man spielte sie beinah alle!
„Die Forstpraktikanten und die Gutsoberen kommen ja nach dem Abendessen sämtlich her!“
Welch ein Jubel.
Sogar bäuerische Nationaltänze kennen und spielen die Musikanten! So etwas ist ja hinreissend nett!
Ein Diener kommt und nimmt die Fremdlinge in Empfang, sie unter die blühenden Linden zu führen.
Zweites Kapitel
Die Sonne war gesunken.
Wie ein Meer von Purpur und Licht wogte es noch über dem Himmel, und das Herrenhaus von Idesfelde sah aus, als sei es illuminiert, so brannte der Widerschein in allen Scheiben. Unter den Linden dämmerte es stark, in den freier gelegenen Teilen des Gartens, auf dem Wiesenplatz und zwischen den köstlichen Blumenterrassen sanken die Schatten tiefer und tiefer.
Noch schwärmte die Jugend nach dem sehr fröhlichen Abendessen durch die Tür des grossen Gartensalons ein und aus, in geschäftiger Hast alles für den so schnell improvisierten Tanz zu bereiten.
Sogar die Blütensträusschen für einen „Geburtstagsreigen“ durften nicht vergessen werden, und Edelgard und Nanna, die am besten Bescheid unter den Kindern Floras wussten, schnitten selber die duftigen Stengel und Zweige in ihre Körbchen.
„Was hältst du von den drei Musikanten, Edelgard?“ fragte Oberförsters Töchterchen voll heimlicher Wichtigkeit. „Der erste, den sie Florian nannten, war ja nachlässiger gekleidet, aber der grosse, so wunderhübsche Mensch mit den dunkeln Augen, sieht doch tatsächlich nicht wie ein Vagant aus!“
Die Angeredete blickte nachdenklich auf eine entzückende Rose nieder, deren purpurglühender Kelch selbst im Zwielicht noch aus dem dunkeln Laub leuchtete.
„Das sind sie auch fraglos nicht. Du weisst, Nanna, dass ich mich für alles Geheimnisvolle interessiere und schon als Kind gern Rätsel geraten habe!“
„Ich merkte dir schon an, dass du die Fremden unbemerkt beobachtest! Du sprachst sogar mit Valentin über sie?“
„Das sahst du?“ — Ein ganz feines Rot stieg — diesmal von Nanna der Dämmerung halber nicht bemerkt — in die Wangen des jungen Mädchens. „Kennst du nicht das alte Sprichwort: ‚Zeige mir, wie du isst, — dann sag’ ich dir, wer du bist!‘“
„Und ob ich es kenne!“
„Siehst du, Kindchen, mit diesem Schlüssel wollte ich die Kinderstube der drei Unbekannten unvermerkt aufschliessen. Der alte Valentin war nur in besten Familien bedienstet und ist dadurch Menschenkenner geworden. Ich interessierte ihn für die drei jungen Leute; zuerst sprach er von ihnen als: die fremden Männer, als er mir dann Rapport erstattete, nannte er sie: die jungen Herren! — Das war mir fürs erste massgebend. ‚Ihre Art und Weise zu soupieren,‘ sagte er, ‚war mir erstaunlich, ich hatte sie nicht erwartet. Der Grösste und Robusteste von ihnen, der das Piston bläst, ass etwas hastig und gleichgültig, Feinschmecker war er nicht, aber Speisen, wie die Hasenpastete, schienen ihm nicht fremd zu sein. Der andre, Kleine, mit dem lustigen, spitznasigen Vogelgesicht, ist nicht unmanierlich, aber äusserst ungeniert, lobt und tadelt ohne Rücksicht, was immerhin eine gewisse Sicherheit des Benehmens zur Grundlage hat. Er legte trotz seines etwas fahrigen Wesens das Mundtuch nach dem Essen nicht ängstlich oder penibel, sondern wie ein Ergebnis guter Dressur, zusammen, was bestätigt, dass er in seinem Elternhause an Servietten und Ordnung gewöhnt ist!‘“
„Grossartig! Solch eine Beobachtungsgabe hätte ich dem Alten gar nicht zugetraut! Nun, und der dritte?“
Edelgard ordnete die Blumen in ihrem Korb: „Von dem sagte er nur das eine Wort — Gentleman!“
„Und das sagt alles?“
„Ja!“
„Wie sie wohl heissen?“
Fräulein von Heimdall zuckte die Achseln.
„Fort ziehn die Gestalten, wer sagt dir, wohin?“ rezitierte sie; „das wird für uns wohl ein ungelöstes Rätsel bleiben, denn weder ich noch du werden sie danach fragen!“
„Aber Valentin könnte forschen!“
„Wer will sie zwingen, etwas zu sagen, was sie verschweigen wollen? — Sind sie, wie Papa meint, heruntergekommene oder verbummelte Genies — was für wunderliche Existenzen gibt es heutzutage nicht in aller Welt! —, so würden sie ihre wahren Namen sicher nicht in den Dorfschenken preisgeben, und haben sie nur in zwingender Notlage einen Beruf erwählt, weil sich keine standesgemässe Anstellung fand — ich meine, dass sie, durch ein ehemals vielleicht nur als Sport ausgebildetes musikalisches Talent unterstützt, nun als Wandermusikanten von Dorf zu Dorf ziehen, so spricht dies auch für meine Ansicht, dass sie nicht verbummelt sind!“ — Menschen, die moralisch so tief gesunken sind, streifen in der Regel recht gewaltsam alles ab, was in ihrem Äussern und Wesen noch an bessere Zeiten, gleich einem Vorwurf, erinnern könnte!“
„Sie nehmen ja auch kein Geld für ihre Leistungen, sondern bitten nur um Kost und Logis!“
„Und bestätigen auch dadurch die Richtigkeit meiner Ansicht. Ich bin sehr gespannt, sie spielen zu hören ... und zu sehen!“
„Man ruft uns!“
„Der Kandidat ist soeben auch noch erschienen! Ich höre seine Stimme!“
„Eure Forstpraktikanten auch!“
„Die Eleven haben sich in Wichs geworfen!“
Edelgard lachte: „Wohl, so kann der Guss beginnen!“
„Nanna!“
„Sie rufen mich!“
„Nein, mich!“
„Dich?“
Fräulein von Heimdall schüttelte jäh das Köpfchen. „Wie schwer hält es doch, sich von Altgewohntem loszureissen! Ich bin nämlich, so wie du, als Nanna geboren!“
„Darum nennt dein Vater dich noch manchmal so?“
„Und ich höre darauf immer noch besser als auf Edelgard!“
„Warum taufte man dich um?“
„Weil meine Stiefmutter Nadja hiess und ‚Nanna‘ gerufen ward. Ihr Vater war lange Jahre Konsul in Russland, sie wurde auch dort geboren und hat bis zu ihrem Tod nie recht begriffen, dass sie eigentlich keine Tatarin war!“
„Und dein Name musste dem ihren weichen?“
„Selbstverständlich! Ich war ja noch ein Kind. Alle Verwandten und Bekannten fanden auch Edelgard, welchen Namen man unter den andern meines Taufscheins erwählte, ebenso hübsch! — Aber es ist seltsam, wenn ich auch für Fremde den neuen Namen führe, so blieb ich für die meinen voll echter Treue und Beharrlichkeit dennoch Nanna.“
„Vielleicht ist es auch hier gut, dass das Schlossfräulein tatsächlich eine ‚Edel‘dame ist, sonst gäbe es vielleicht Verwechslungen zwischen uns!“
„Durch was und wie? — Ich wüsste nichts, wodurch solch eine Verwechslung verhängnisvoll werden könnte!“
Oberförsters Einzige blieb stehen und legte voll schelmischen Übermutes die Hände auf die Schultern des Geburtstagskindes.
„Liebchen! Hand aufs Herz! Wenn nun jener schwarzäugige Gentleman sich als ein Paganini oder Sarasate, bzw. als einer deren Ruhmesnachfolger mit modernem Sonnennamen am Kunsthimmel entpuppt, und er komponiert einen ‚Sehnsuchtswalzer‘, neu nach Chopin, und betitelt ihn ‚zur Erinnerung an Idesfelde, der goldhaarigen getreuen Nanna gewidmet‘. — Glaubst du nicht, dass wir uns gegenseitig die Augen auskratzten, wem von uns diese Huldigung gilt?“
„Nun ... der getreuen, wie du sagst!“ Die kleine Mainau bekam immer rötere Bäckchen, teils von der Bowle, teils von der Aufregung, in der sie dieser himmlisch schöne Tag versetzte.
„Ich will dir mal etwas sagen, Namensschwesterchen!“ kicherte sie. „Wenn junge Mädels sich langweilen, träumen sie Romane, und wenn sie in der Einsamkeit sind, verlieben sie sich. — Gleichviel in wen! — Wir sind nun alle beide auf dem besten Weg, uns in den schönen Unbekannten, den fiedelnden Zigeuner von der Landstrasse, zu verlieben —“
„Du bist verrückt!“ fuhr Edelgard ganz erschrocken auf.
„Noch nicht, hoffe es auch nicht zu werden. Na, und siehst du, wer nun dem Geheimnisvollen treu bleibt —“
„Dem widmet er als Lorbeergekrönter den Sehnsuchtswalzer?“
„Du lachst und doch klingt deine Stimme so wunderlich!“
„Warum nennt dich deine Mutter eigentlich so oft ‚kleiner Schmetterling‘?“
Nanna blickte verdutzt auf, sagte aber ganz ehrlich und treuherzig: „Weil sie behauptet, ich hätte zu nichts rechte Ausdauer, das ‚Sitzefleisch‘ fehle mir noch und mein Wesen sei noch fahrig und wechselwendig wie Aprilwetter!“
„Schmetterlinge sind Falter! Und du gabst soeben dem schönen Geheimnisvollen den ‚Sonnen namen‘ am Himmel der Kunst? — Hast doch neulich in der Stadt den ‚Zigeunerbaron‘ gehört?“
Das Waldmägdelein lachte hell auf. „Ach so:
Ein Falter flog ums Licht —
an der Flamme blieb er hängen —
und Rettung gab es nicht!“
„Du fandest es damals so dämlich von dem Falter, sich derart in Gefahr zu begeben —“
„Hm ... ehrlich gestanden, finde ich es auch noch! Das dumme Ding musste doch merken, wie’s heiss kam, dass es sich elend versengen müsse!“
„Und fügtest damals noch hinzu: ‚Wenn ich merke, dass etwas sengerig wird, dann gebe ich Fersengeld!‘“
„Ja, dann amüsiert es den kleinen Schmetterling nicht mehr, er nimmt Reissaus und begeistert sich für eine andre Blüte — Rittersporn, Eisenhut, Schwertlilie, wenn ich an den Kandidaten denke, vielleicht ‚Hirtentäschel‘!“
Nun lachten sie beide und Edelgard fuhr fort: „Also in dir brauchte ich die Rivalin kaum zu fürchten!“
„Unterschätze mich nicht! Femme varie!“
Abermals rief es stürmisch nach den beiden jungen Mädchen, ihnen entgegen kamen eilige Schritte, man holte das Geburtstagskind ungeduldig zum Tanzsaal.
In die Ecke des hohen, eleganten Raumes hatte man einen kleinen Tisch für die Musikanten gestellt, und als Valentin Kerzen entzünden und Notenständer improvisieren wollte, lehnten die jungen Herren dankend ab, da sie die Stücke auswendig spielten.
Herr von Heimdall trat noch einmal in seiner höflichen und liebenswürdigen Weise, die die Tochter von ihm geerbt hatte, an das ‚klingende Winkelchen‘ heran und erkundigte sich, ob die jungen Künstler auch dem Abendessen genügend Ehre angetan hätten, — was voll gebührenden Dankes bestätigt wurde, — er liess noch eine Bowlenkanne und Gläser auf den Tisch stellen und nach wenig Minuten erklang das ‚Geburtstagsständchen‘ aus ‚Nanon‘, als überraschende Huldigung der so freundlich Aufgenommenen, Fräulein von Heimdall entgegen.
„Denn heute ist Geburtstag!
Kein andrer Tag im Jahr
gleicht diesem Tag fürwahr!“
Grosser Jubel.
Der Inspektor, ein lebensfroher Herr, kannte die Worte zu der Melodie; er hub an, sie mit Stentorstimme zu singen, die Tänzerinnen und Tänzer merkten auf und fielen als Chor schallend ein, und dann verneigte sich der Inspektor als ‚Höchstkommandierender‘ vor Edelgard, und ein sehr buntes und bewegtes Tanzbild entrollte sich in der Gartenhalle.
Welch ein Leben!
Man tanzte und tanzte!
Nicht nur der Magen kann ausgehungert werden, sondern auch die Beine bei jungen Leuten, denen die schaukelnde Wiege bereits die Begierde nach Singen, Springen und Wiegen auf lieblich schmeichelnden Musikklängen für das Leben mitgegeben hat.
Man hatte lange gefastet, denn Idesfelde lag ziemlich einsam, viel gesellige Jugend gab es nicht und Musikanten bekam man nur zum Erntefest zu hören.
Während der Frühlings-, Herbst- und Winterzeit wohnte Herr von Heimdall in der Metropole, wo er als Chef und Inhaber eines grossen Bankhauses wenig abkömmlich war und nur während der heissesten Sommerzeit sein Gut Idesfelde aufsuchen konnte.
Jahrelang war er überhaupt nicht auf dem Lande gewesen, als er mit seiner jungen, sehr lebenslustigen Frau interessante Reisen machen und Modebäder aufsuchen musste.
Dann schickte er die Erzieherin mit seinem Töchterchen auf Feld und Flur hinaus, und Edelgard war in Idesfelde zu Haus, und auf dem Gute erachtete man das kleine Fräulein mehr als die Besitzerin und Herrin, wie den Papa, der sich gleichsam als Besuch nur hier und da einmal auf seinem Besitztum blicken liess.
Es ward später und später.
Die Bowle auf dem Büfett des Nebenzimmers tat mehr und mehr ihre Wirkung, die Köpfe wurden immer röter und erhitzter; nur Balders Antlitz blieb kühl und blass, und nur seine dunkeln Augen brannten oft voll Sehnsucht auf den jungen Paaren.
Er war ein leidenschaftlicher Tänzer, und stille sitzen müssen und zuschauen, wenn andre voll jauchzender Seligkeit in den offenen Himmel hineinfliegen, bedeutete für ihn eine Folter an Leib und Seele.
In solchen Stunden, wie sie auch jetzt wieder trotz alles Kerzenglanzes düster auf ihm lag, empfand er die Bitternis seiner so grausam und jäh veränderten Lebensverhältnisse mehr denn je, und die Geigenklänge, die er mit nervösen Händen auf den Saiten hervorzauberte, taten seinen Ohren bald ebenso weh wie seinem gequälten Herzen. Unbemerkt hatte er zuerst die Tanzenden beobachtet und sie einer Kritik unterzogen, die oft einer gewissen Ironie nicht entbehrte.
Florian, der sich königlich amüsierte, sass neben ihm.
Da sie ihre „Stückchen“ im Traume spielen konnten, handhabte er seine Flöte recht mechanisch und fand während der kurzen Zeit der Fermaten stets Gelegenheit, seinem Nachbar ein paar drastische Worte zuzuflüstern.
Von umliegenden Höfen erschienen noch etliche Gratulanten, die während der arbeitsreichen Erntezeit nicht früher Zeit zu einem Besuch gefunden.
Es waren seltsame Mischlinge, ehemals einfache, schlichte Menschen, die von den Wogen der hochbrandenden Zeit emporgeschleudert waren, dass sie sich von den reichen Erträgen ihrer Felder einen „Salon“, nicht mehr wie früher die „gute Stube“ genannt, einrichten konnten, die ihr Geld in Putz und Staat, noblen Kutschen und einem „Fräulein für die Kinder“ anlegten, denen aber Valentin nie den Titel von Gentleman beigelegt hätte!
Da gab es Karikaturen, die den Spötter Florian unwiderstehlich zu witzigen Bemerkungen anreizten, und als er gar durch den rechten Mundwinkel fragte: „Du, Balder, wenn du dir hier eine Herzenskönigin wählen müsstest, wäre es da drüben die Dicke mit der verschwollenen Schnute? Ich nehme den Spinnkanker in dem salatgrünen Fragment von einem Röckchen.“
Da lachte selbst Balder und wiederholte: „Fragment?“
„Na ja, ist es nicht die Frage, ob ‚so was Kurzes‘ noch als Rock gelten kann? Und ist es nicht fraglich, ob solch ein Rock im Wirbel des Tanzes und der Mode nicht binnen kurzem so hoch hinaufgerückt ist, dass er nur noch einen sparsamen Hüftgürtel repräsentiert?“
— Es war gut, dass die schöne blaue Donau, für die die ältere Generation noch schwärmte, viel Ansprüche an die Flöte stellte, so konnte sich Balder von dem Schreck erholen, dass Florian ihm die Dicke mit der verschwollenen Schnute zur Eheliebsten ausgesucht hatte. Aber der wunderliche Gedanke: wenn du dir eine aussuchen könntest, war bei ihm angeregt, und er nahm so lebhafte Gestalt an, dass momentan aller Weltschmerz vor ihm dahinschwand.
Welch eine?
Die kleine Oberförsterstochter, mit dem fast weissblonden, dänischen Haar, ist sehr niedlich!
Behende und schlank, ruhelos hin und her huschend, mit klugen, ungeduldigen Augen und dem leicht schmollenden Mündchen, könnte wohl manch jungen Gesellen fesseln.
Sie nimmt auch ersichtlich viel Notiz von ihm.
So oft sie vorübertanzt, sieht sie ihn an und lacht.
Er weiss nicht genau, ob dieses schelmische kleine „Anlächeln“ ihm gilt, denn sie schwatzt meist mit ihren Tänzern, und diese lachen auch, — aber ein paarmal drehte sie doch das Köpfchen und schaute nach ihm zurück — und das galt ihm allein. Sie kam auch schon einmal an den Tisch heran und fragte: „Haben Sie noch etwas zu trinken in der Kanne?“ Und dabei sah sie wiederum nur ihn allein an.
Als kurz darauf die Tochter des Hauses ebenfalls der armen Musikanten gedachte und einen Teller voll Geburtstagstorte brachte, bot sie ihm auch zuerst an, aber wohl nur darum, weil er ihr zunächst sass.
Den beiden andern offerierte sie ebenso liebenswürdig, ja, sie lächelte sogar, als Heinrich mit der Versicherung dankte, er sei gar kein Freund von Süssigkeiten, und fragte, ob er wohl Obst oder ein belegtes Brot vorziehe? Und dann wandte sie sich wieder an alle drei und hatte so viel Gutes und Teilnehmendes in den Augen, als sie sagte: „Wir nehmen Ihre so hübsche Musik ungebührlich lang in Anspruch? — Wenn die jungen Leute hier ins Tanzen geraten, dann hält es schwer, das Finale zu blasen!“
„Wir freuen uns ja, in so bescheidener Weise Ihren Geburtstag verherrlichen zu helfen, gnädiges Fräulein!“ hatte er, Balder, darauf erwidert, nur aus Höflichkeit, um doch etwas zu antworten.
„Sie haben eine weite Fusswanderung hinter sich?“ fuhr sie fort, „und sind gewiss sehr müde?“
Es lag etwas Forschendes in ihrer weichen, melodischen Altstimme, und Balder fühlte, dass ihm das Blut in die Wangen schoss.
„Wir haben keine Parforcetour gemacht, gnädiges Fräulein, sondern erquickten Herz und Seele in der köstlichen Natur.“
„Unsre Gegend ist so flach; gar nicht reizvoll!“ antwortete sie abermals, obwohl sie es doch nicht nötig gehabt hätte, ein paar Gesellen von der Landstrasse draussen auch noch mit freundlichen Worten, neben all den guten Bissen einer Herrschaftstafel, zu bewirten! Aber es sollte wohl kein „Arme-Leute-Abspeisen“ sein, sie war zu gebildet und hatte zu viel Herzenstakt, um dem Ärmsten seine Armut entgelten zu lassen.
Bisher, als man nur in Dorfschenken und Bauernhöfen gespielt hatte, kam ihm diese Künstlerfahrt wohl als Mittel zum Zweck unsympathisch, aber nicht demütigend vor, heute, in diesem Augenblick zum erstenmal, bereute er es, auf Heinrichs Vorschlag eingegangen zu sein!
Sie bat noch, dass sie morgens recht lang ausschlafen möchten, dann hatte sie ihrer barmherzigen Pflicht als Dame des Hauses genügt und kehrte zu den Tanzenden zurück.
Aber sein Blick folgte ihr.
Er kehrte immer, immer wieder zu ihr zurück.
„Wenn du dir hier eine Eheliebste aussuchen könntest ...!“
Wie kommt Florian auf einen so wahnsinnigen Gedanken?
Am seine Witze machen zu können! Wenn man selber kaum noch etwas Besseres ist, als ein Wegelagerer, der sowohl auf seinem Lebenswege eine Panne gehabt hat, als auch jetzt am Strassenrain seine Lieder geigt, damit die Barmherzigkeit die Almosen in den offenen Hut wirft, dann hat man nichts mehr zu wählen, höchstens wenn’s mal ganz schief gehen sollte, Pulver und Blei oder den Strick. Was am billigsten ist.
Ein Sprung von diesem Dache macht mich frei! — Als er noch vor gar nicht so langen Jahren in der Schillerstunde diesen Vers als Zitat in sein Büchlein ausgezogen hatte, da schaute er die Worte an, als sprächen sie Chinesisch zu ihm.
Damals lag die ganze Welt noch weit offen vor seinem glücksdurstigen Blick, und der Himmel hing voller Bassgeigen!
Wie grausig schnell ist die Sonne, die ihm damals im Gemüt stand, untergegangen!
Für immer untergegangen?
Heinrich hat ihm vorhin noch so viele, gute, tröstliche Worte gesagt.
Dass er glauben könnte!
Wie gerne tät er’s.
Sein ganzes Ich, Leib, Geist und Seele schreien aus tiefster Not und Finsternis heraus nach Licht!
Sind die glänzenden Schwingen, mit denen er ehemals in hohem Flug die leuchtendsten Phantastereien aller Gestirne der Zukunft erreicht, endgültig zerbrochen?
Er blickt auf seine Geige nieder. Seine Lippen zucken.
Heinrich sagt, sie töne in Zukunftsmusik. Sie berge alle Schätze der Welt, die materiellen und geistigen, in sich.
Ein grausamer Eingriff des Schicksals, eine rauhe Hand, die schroff in die Saiten packt — wird sie zerreissen mit schrillem Jammerschrei.
Was bleibt dann noch von Sang und Klang zurück?
Da schwebt es lieblich und zart an ihm vorüber, dass er wähnt, der Duft welkender Rosen wehe zu ihm hin, die Spitzen des weissen Kleides streifen seinen Fuss, und etwas Goldiges blitzt vor seinen Augen.
Ein Armband.
Fräulein von Heimdall.
Der Vater rief sie zuvor: „Nanna!“ Die jungen Damen nennen sie Edelgard.
Wohl ein Doppelnamen.
Er schaut auf, blickt ihr nach.
Wenn er wählen könnte!
Wenn die Saiten zerspringen, so zieht man neue auf! würde Heinrich sowohl wie seine Musiklehrer als etwas ganz Selbstverständliches belehren.
Ein Feigling, der die Flinte von sich in das Korn wirft, weil ihm momentan die Munition ausgegangen ist!
Ja, auf einer Geige, da lässt sich allenfalls solch ein Schaden reparieren, um fernerhin ein Schattenleben weiter fristen zu können, — wenn aber die Saiten auf Herz und Seele springen, — wer flickt die wieder zusammen?
Und seine liebe, selige Mutter hat so oft von ihm gesagt: „Der Junge nimmt alles viel zu schwer für seine Jahre, er ist viel zu zart besaitet!“ —
Florian stösst ihn mit dem Ellenbogen an.
„Sieh mal, wie der Kandidat bei Fräulein Edelgard den Anbeter mimt! Er möchte für sein Leben gern ein paar Blumen von ihr für sein Knopfloch geschenkt bekommen, — wenn’s auch nur ein Knöspchen wäre! Und der grosse, hübsche Forstpraktikant schliesst sich an! — Er behauptete vorhin, sie sei ihm noch den Bruch für den letzten Hasen schuldig ... au! ... den er ihr in die Küche geliefert ...“
„Wie ist es möglich, Kleiner, dass du das alles hören, sehen, beobachten kannst?“
„Weil ich Augen und Ohren spitze und aufpasse!“
„Hat sie denn den Wunsch ihrer Anbeter erfüllt?“
„I wo! Das gerade macht mir ja so diebischen Spass, dass die Kerle so kläglich abblitzen! Namentlich der Kandidat mit der Schultermähne! — Wenn ich Geld hätte, schickte ich dem Jüngling ein paar Lockenwickel!“
Balder lächelte.
Er blickte nach Edelgard hinüber. Just in demselben Moment schaut auch sie nach ihm hin.
Ihr Köpfchen zuckt empor.
Warum?
Hat etwas in seinen Augen gelegen, was sie erstaunte?
Er war doch nicht schadenfroh, als er von den unerfüllten Wünschen der jungen Herren hörte, und doch ... leicht möglich, dass eine gewisse Genugtuung darin aufglühte.
Warum?
Weil ihm keiner der Kerls gut genug für sie deucht?
Wohl möglich.
Sie ist reizend, sie hat etwas Undefinierbares, was ihn anlockt ... näher, immer näher zu ihr hin — und wenn er da ist, lässt’s ihn nicht mehr los.
Das fühlt er.
Wenn er da sein würde! Neben ihr stehen, um einen Tanz bitten, sie im Arm halten.
Vielleicht bät er sie auch um eine Blume.
Ist’s zu grosse Gunst, sie zu geben?
Was ist eine Blume?
Viel. Der verkörperte, zärtliche Gedanke ihres Schöpfers.
Gott ist die Liebe. Blumen sind Boten der Liebe.
In diesem Sinne ist es viel, unendlich viel, wenn ein junges Weib mit zarter Hand solch ein „Dein-Gedenken“ reicht. Freiwillig, — tatsächlich wie den Gedanken eines barmherzigen Liebesgottes.
Könnte — dürfte er wählen!
Wie kam Florian nur auf diese rasende Idee?
Wer würde es sein?
Es ist eine Blütenlese von hübschen, kleinen Mädelchen hier im Zimmer, alle in ihrer Art allerliebst, frisch, rosig, lustig, zart und derbbacken, wie man’s haben will, aber nur eine ist darunter, die den Namen Edelgard verdient, nur eine, die gemeint sein könnte, wenn der unglückliche Fischer aus der Normandie von ihr singt, ehe er ihr in das kühle Wellengrab folgt:
Nanna s’appelle
elle est si belle
je l’aime tant! —
Auch diese Nanna könnte man bis zum Sterben und Verderben lieben, wie es die obige Ballade lehrt.
Gut, dass weder Heinrich noch Florian seine Gedanken hören.
„Junge, du passt mit deinem sensiblen Wesen und deinem schwärmerischen Idealismus kaum noch in die moderne Welt hinein!“ hat ihm Heinrich noch unlängst gesagt, als er so unpraktisch, so übertrieben zartfühlend über mein und dein entscheiden wollte!
Andre junge Männer haben Zahlen, viele Zahlen, ganze Rechenmaschinen, Masse und Gewichte im Kopf und machen ihr Glück damit, und du hast nur ein Herz in der Brust und die Sehnsucht nach dem Licht, darum schlagen die Schatten immer dunkler über dir zusammen.
Heinrich hebt die Hand, dass der Tanz zu Ende ist und die Musik abbricht.
Balder lässt Geige und Bogen sinken.
Ein junger Mann von einem Nachbarshof, halb herrisch, halb bäuerisch, mit aufgedunsenem, rotem Gesicht, die Hände dick voll breiter Goldringe gesteckt, mit schwerer Uhrkette über dem Magen und einem protzigen Benehmen, das bedenklich an den berüchtigten Dorfprinzen altväterischer Zeit erinnert, hat gerade — endlich! — das gnädige Fräulein Geburtstagskind zu einem Tanz vergewaltigt, als die Musik abbricht.
Das ärgert ihn.
Mit lässigem Griff fasst er in die Westentasche, greift einen Geldschein und wirft ihn voll gebieterischer Herablassung vor Balder auf den Tisch.
„Weiter mit der Musik!“ kommandiert er; „noch ein paar Stunden aufgespielt, ihr Kerle!“
Florian lacht schallend auf, Heinrich hebt ruhig und würdevoll den Kopf, aber Balder zuckt empor wie von einem Schlage getroffen, schleudert den Geldschein zurück und starrt den Bauer mit blitzenden Augen an. Glühheiss steigt ihm das Blut in Stirn und Schläfen.
Ein leiser Schrei des Schrecks und der Entrüstung.
Edelgard steht mit schnellem Schritt neben dem jungen Musiker und wendet sich gegen ihren Tänzer.
„Nehmen Sie die Mark zurück, Herr Solk! Die jungen Herren hier spielen nicht für Geld!“
„So—o—oh? Das ist ja komisch!“ wunderte sich der Landwirtssohn ohne jegliche Erregung, „dann sind sie wohl weisse Raben unter den modernen Erwerblern? — Na, dann entschuldigen Sie, Herr Musikus, es war Ihnen gegönnt!“
Florian lachte noch belustigter wie zuvor, Heinrich lächelte auch und reichte mit undefinierbarer Geste den Markschein zurück, — Balder nur stand noch immer mit bebenden Lippen neben Edelgard, und sein Blick traf kurz den ihren, wie der eines todwunden Mannes.
Da griff Fräulein von Heimdall schnell hinter sich, in den Korb voll Blumen, der auf dem breiten Fenstersims stand, nahm hastig eine Rose heraus — es deuchte ihr, dieselbe purpurglühende, die ihr noch aus allem Blätterdunkel so wundersam entgegengeleuchtet, und reichte sie dem jungen Spielmann.
„Herr Solk hatte den ganzen Tanz über vergeblich auf eine Extratour mit mir gewartet, darum verzeihen Sie seinem Übereifer! Darf ich Ihnen, als einem modernen Nanki-Pook, poetischeren Lohn bieten für die so frohen Stunden, die Sie uns heute bereitet?“
Balder nahm die Rose.
Seine Hand bebte.
Was er gesagt hat, wie er dem blonden Mädchen in die Augen geschaut, er weiss es nicht mehr, er weiss nur, dass er sich geneigt hat, um ihre Hand an die Lippen zu drücken.
Und dann sah er noch, dass sie wohl ebenso rot und verwirrt dreinschaute wie er.
Mit jähem Ruck richtete er sich empor. Sein Auge flammte.
Er griff zu Geige und Bogen.
Ein Wink nach seinen Freunden.
Sie spielten weiter. — —
Niemand hatte den kleinen Vorfall bemerkt, ausser der Doppelgängerin Nanna Mainau, die mit ihrem Partner neben ihnen, beim Aufhören der Musik, haltgemacht hatte.
Ebenso der alte Valentin, der just kam, um die Bowle nachzufüllen. Er stand still und hörte der seltsamen Szene zu, die sich so blitzschnell vor ihm abspielte.
Langsam und nachdenklich nickte er vor sich hin.
Diese Art kannte er. Die hatte er gern. Die drei Musikanten waren keine gewöhnlichen, und der Geiger, dem hatte er’s doch auf dem ersten Blick angesehen und es der Gnädigen gesagt, — hm ... Gentleman!
Es war Erntezeit.
Allzulange feiert man während derselben nicht auf dem Lande, wenn man sich auch noch so herrlich amüsiert.
Das offene Kutschwägelchen von dem Oberförster war als erstes vorgefahren, und der greise Nimrod holte sein Töchterchen selber heim.
Eine hohe Reckengestalt mit weissem Haar, aber von imponierender Rüstigkeit, mit biederem Wesen.
Nanna hatte mit ihm geflüstert, sehr eindringlich, bis ein wohlwollendes: „Na zum Kuckuck, dann tu’s, Mädel!“ aus dem wallenden Barte zu ihr niederklang.
Und wie aus der Pistole geschossen, sauste das Waldkind an den Musikantentisch heran und wandte sich an Balder.
„Papa hat eben erlaubt, dass ich Sie bitten darf, morgen bei uns einzukehren und uns aufzuspielen! Nicht wahr, Sie kommen? Ich möchte so gern all meine Freunde und Freundinnen noch einmal zum Tanze laden! Wir haben uns heute so himmlisch amüsiert!“
Wie die Kleine kokettieren kann! Mit welchem Ausdruck in den Schelmenaugen sie zu Balder aufsieht ... und dann reissum auch zu seinen Kameraden, als gälte es, eine Schlacht auf Amors Kampffeld siegreich zu gewinnen.
„Unmöglich, geehrtes Fräulein, ganz unmöglich!“ versicherte der junge Bragi, beinah verlegen über solch ein Ansinnen, und Heinrich verbeugt sich sehr höflich und sagt ebenfalls sehr hastig, halb lachend, halb ernsthaft: „Ich bedauere sehr, aber es ist tatsächlich unmöglich!“
„Warum denn?“
„Wir müssen weiter!“
„Es ist doch ganz egal, wo Sie hinziehen!“ bettelt sie sehr allerliebst und sieht Balder immer inniger an.
„Doch nicht!“
„Pastors Andreas bleibt ja nur noch zwei Tage, und er tanzt auch so gern!“
„So tut es mir doppelt leid!“
Mir nicht! denkt Balder, und die Rose glüht in seiner Hand.
Pastors Andreas und der lange Forstpraktikant hatten ihn geärgert. — Er wusste anfänglich selber nicht warum. Jetzt lacht er, ein wunderliches, alle Nerven aufrüttelndes Lachen.
Mögen die Herren jetzt so viele Blumen, als da in ganz Idesfelde wachsen, bei ihr erpressen, — ihn rührte es nicht mehr. Er blickt auf seine Rose, er lächelt. Fräulein Nanna Nummer 2 gibt schliesslich das Rennen auf.
Sie hat es erst noch mit Schmollen versucht, es nutzt nichts.
Die Herren Musikanten haben sich ein andres Reiseziel gesetzt, und davon beisst keine Maus mehr einen Faden ab.
Die Mamsell, die nebst den jungen Mädchen, die als Stützen den Haushalt in Idesfelde erlernen sollten, ebenfalls zu dem Abendtanz hinzugezogen worden waren, wurde von Edelgard beiseite genommen.
Sie empfing anscheinend dringliche Befehle.
Nach kurzer Zeit sagte man sich gute Nacht. Der Geheime Kommerzienrat von Heimdall hatte auch mit seiner Tochter den Vorfall mit dem so peinliche Erregung auslösenden Markschein Solks besprochen.
„Man kann die jungen Leute doch nicht die halbe Nacht für ein Feldbett und ein paar Bratkartoffeln nebst Zubehör spielen lassen!“ sagte er.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.