Kitabı oku: «Polnisch Blut - erster Band»
Nataly von Eschstruth
Polnisch Blut
Erster Band
Roman
Saga
Polnisch Blut – erster Band
© 1887 Nataly von Eschstruth
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711469927
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
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Widmung.
Erst dann erwacht zum Leben rings die Erde,
Wenn Sonnenstrahlen auf sie niederglühn, —
Und wie in stummem Danke sprosst entgegen
Ein farbenprächtig, überreiches Blühn!
So sank auch Deine Huld mir warm in’s Herze,
Du hoheitsvolle, königliche Frau,
Und Wort und Lieder streut es Dir zu Füssen
In schlichtem Dank, gleich Blüten von der Au! —
Erstes Kapitel.
Das war ein wilder Novembersturm.
Mit schneeweissen Schwingen sauste er über das flache, einsame, todesstarre Ostpreussen, meilenweit über Haide und Steppe, stundenlang über düstere Tannenwälder, über Bruch und Acker, über schilfumknisterte Seen. Und er schüttelte die hohen Fichtenhäupter, riss ihre Zweige splitternd zu Boden und peitschte das Röhricht am Flussufer in die gelbe, aufbäumende Flut. — — Ein tolles, wüstes Lied ruheloser Wanderschaft gellte er der Welt in die Ohren, ein Lied der Empörung und der Freiheit, wie er es drüben, jenseits der polnischen Grenze, jauchzend aufgegriffen.
Das weite Land aber ringsum lag im tiefen Todesschlaf, nur die wogende Wasserfläche des Sees hob sich schwer und langsam wie eine aufseufzende Brust, und über ihr und den endlosen Schneefeldern verwehte des Sturmwindes Klang.
Es schüttelte der unbändige Gesell zornig seine Flügel und stäubte die Schneeflocken hernieder auf die Ebene, immer dichter und dichter wirbelten sie, immer höher deckten sie der Erde schlafend Angesicht, fleckenlos weiss wie das Bahrtuch, welches starren, atemlosen Frieden verschleiert. Dann flog er weiter und streckte zu Boden, was sich ihm zu hochgewachsen in den Weg stellte. Er ist Herr und Meister hier! — Wer wagt es, seine stolze Siegesbahn zu hemmen? — Schlosstürme?! ... Hoch und trotzig ragen sie plötzlich empor, strecken ihre grauen Häupter den Wolken entgegen und höhnen den Sturmwind: „Komm, versuch’s und stürze uns! Wir sind auf festen Grund gebaut, stehen schon viele hundert Jahre und spotten Deines Gleichen! Wir sind die Türme von Proczna! ... Weisst Du, was Proczna ist? — Die steinerne Wiege eines deutschen Eichenstammes, an dessen Zweigen güldene Wappenschilder leuchten, dessen Krone neun stolze Perlen trägt! Komm herzu! Wag’s daran zu zausen! ... Wir sind die steinernen Schirmvögte von Proczna!“
Hei! wie es durch die Lüfte raste, wie es um die zackigen Mauerkronen pfiff und heulte, wie der Sturm ein Wiegenlied um diese Wiege sang! Da zerschellte er seine Stirn an den grauen Quadern, da zerfetzte sein Wolkenmantel an den scharfen Turmkanten, und dennoch raffte er sich wieder und wieder empor, der Unsterbliche, und wagte tobend den Kampf mit den trutzigen Wächtern von Proczna.
Der Schnee peitschte gegen die Scheiben und die Nacht sank tiefer und tiefer.
Rötlicher Lichtschein flackerte durch zwei Spitzbogenfenster des ersten Stockwerks, die Gestalt eines Dieners zeichnete sich gegen den hellen Hintergrund ab, dann kreischten hölzerne Läden in den Angeln und schlossen sich.
Lautlos wie ein dunkler Schatten jagte ein grosser Wolfshund über die Terrasse, welche sich, in zwei mächtigen Steintreppen zum Park abfallend, vor der ganzen Breite der westlichen Schlossfront entlang zog. Sonst kein Lebenszeichen; stumm und ernst lag das gewaltige Viereck des Schlosses, wie ausgestorben inmitten des öden, sturmdurchtobten nordischen Landes.
Der Bediente hatte die Lampe auf den Tisch gestellt, die Jalousien geschlossen und sich alsdann lautlos, wie er gekommen, wieder entfernt.
Ein gedämpftes Licht fiel über das hohe, saalartige Gemach. Gebräunte Bilder hingen in kostbar geschnitzten Rahmen an den Wänden, schwere Brokatstoffe rauschten vor den Flügelthüren nieder, und deckten die einzelnen Möbel, welche wohl schon durch Jahrhunderte unverändert hier an ihrem Platze standen. Ein schwermütiger Hauch lang verschollener Zeiten wehte um jedes dieser geschnitzten und gestickten Stücke, und das monotone Ticken der Holzwürmer schien der Pulsschlag jenes Traumlebens, welches mit bleiernen Flügeln durch diese Räume schwebt.
Vor den ausgebreiteten Büchern und Journalen sass der Reichsgraf Adolf von Dynar. Er las nicht, er stützte das Haupt schwer in die schlanke, wachsbleiche Hand. Obwohl der Graf im besten Mannesalter stand, legte sich das Haar tief ergraut um Stirn und Schläfe. Gebrochen und elend war die hohe, ritterliche Gestalt, farblos und hager das Antlitz, welches noch Spuren ehemaliger ausserordentlicher Schönheit trug. Eine stumpfe Resignation beherrschte die Züge, das Wahrzeichen eines grossen, unaussprechlichen Kummers, welcher jene tiefen Schatten um die Augen gesenkt hatte. Müde, unsagbar müde schaute das Antlitz.
Regungslos verharrt er; wie das Feuer in dem Kamin aufprasselt, wie die schweren Eichenholzklötze zusammenbrechen und Funken sprühen! Der Sturm heult durch den Schornstein und tobt um die Fenster, einförmig tickt die Uhr auf dem Schreibtisch.
Da klingt leises Weinen aus dem Nebenzimmer herüber, lauter und lauter wird es, eine jammernde Kinderstimme ....
Graf Dynar zuckt empor, — brennende Röte steigt in seine Wangen, er lauscht atemlos. Eine Frauenstimme singt und tröstet und schluchzt schliesslich mit dem schreienden Kinde.
Aufstöhnend schlägt der Reichsgraf die Hände vor das Antlitz. „Mein Gott, hast Du mich ganz verlassen in meinem Elend?“ murmelt er.
Dann springt er empor und reisst mit fieberischer Ungeduld an der Schelle.
Der weisshaarige Diener tritt gesenkten Hauptes ein.
„Ist Hans noch nicht zurück?!“
„Noch immer nicht, gräfliche Gnaden, ich fürchte auch, dass er bei dem Unwetter ganz ausbleiben wird.“
Graf Dynar hat es als Diplomat gelernt, sich zu beherrschen, aber seine schlanke Gestalt bebt, als ginge draussen der Sturmwind über sie hin.
„Was sollen wir anfangen?“ murmelt er mit fast verzweifeltem Blick nach der Nebenthür.
„Die kleine Komtesse ist wieder aufgewacht? —“ horcht der Alte empor, „so Gott will, gelingt es meiner Frau, sie zu beruhigen ....“ und mit der Vertraulichkeit eines langjährigen Bediensteten blickt er den Grafen treuherzig an und flüsterte: „Verzagen Sie nicht, gnädigster Herr! der Hunger thut weh, — vielleicht gewöhnt sich die Kleine .. dann brauchen wir die Amme gar nicht mehr, und Sie sind aus aller Sorge! ..... Solches Schreien hört sich stets viel schlimmer an, als es ist!“ —
Graf Dynar nickt ihm zerstreut zu und tritt in das Nebenzimmer.
Die Kammerfrau der verstorbenen Gräfin hält deren vier Wochen altes Töchterchen auf dem Schoss und versucht vergeblich, es aus einer Flasche zu nähren, neben ihr ringt eine Greisin laut jammernd die Hände.
Gustav Adolf nimmt das Kind auf die Arme, er versucht selber ihm etwas Milch auf die rosigen Lippen zu träufeln; glühende Röte deckt seine Stirn, seine Arme zittern vor Aufregung.
Die jammernde Stimme wird schwächer, die Augen schliessen sich, — noch leises Aufschluchzen .. dann schläft die Kleine an der Brust des Vaters ein ... Wieder sitzt Graf Dynar und harrt auf den Wagen, welcher eine Amme aus der nächsten, mehrere Meilen weit entfernten Stadt holen soll.
Seine Lippen zucken unter den Qualen, die er leidet, er öffnet ein Buch, starrt hinein und schlägt es aufstöhnend wieder zu.
Die Uhr holt aus und schlägt.
Da klingen Schritte auf dem Korridor, der alte Ewald tritt hastig ein.
„Herr Graf — —“
Schon steht der Genannte neben ihm und will an ihm vorüber durch die Thür stürmen: „Der Wagen? .. Hans? ..“
„Nein, gräfliche Gnaden!“ Ewald schüttelt fast zornig den grauen Kopf und macht eine Bewegung, als wolle er seinen Herrn zurückhalten. „Verlaufen Gesindel klopft bei uns an und fleht um Gottes Barmherzigkeit willen um Aufnahme! — Ein Mann, zerlumpt wie ein Zigeuner, sein Weib und zwei Kinder!“ — — Der Alte neigt sich noch näher und fährt geheimnisvoll flüsternd fort: „Es sind allem Anscheine nach polnische Insurgenten, die sich über die Grenze geflüchtet haben! Solch Volk ist wie Pech, das man nicht angreifen soll, will man sich nicht die Finger besudeln, gräfliche Gnaden!“
Ein furchtbarer Windstoss fährt heulend durch den Kamin und peitscht die Eiskörner prasselnd gegen die Fensterläden. Graf Dynar, welcher zuerst bitter enttäuscht zurückgewichen war, trat eilig wieder der Thür zu.
„Kinder sind dabei, sagst Du?“ fragt er hastig, „und solch unglückliche Menschen sollt’ ich bei diesem Wetter von meiner Schwelle weisen?“ Eine Falte senkte sich tief in die Stirn Gustav Adolfs und eine ungeduldige Geste befahl dem Diener, den Weg frei zu geben. „Lass mich hinab!“
Da geschah das Unerhörte, dass Ewald die Hand auf den Arm seines Gebieters legte und wie beschwörend zu ihm emporflehte. „Nehmt sie nicht in das Schloss, gnädigster Herr, sie führen ein sterbendes Kind mit sich! Wer weiss, was ihm fehlt und was sie uns hier einschleppen! — In dem alten Pferdestall ist ja Platz genug und ein gut Unterkommen für solche Landstreicher und Kosyniers, die bei Gott nicht verwöhnt sind und — —“
„Ein sterbend Kind!“ — Wie ein qualvolles Aufstöhnen rang es sich von den Lippen des Grafen, ohne den Alten ausreden zu lassen, schob er ihn fast ungestüm bei Seite und eilte durch die Thür, über den Korridor, die Treppe hinab.
In dem grossen hallenartigen Vestibul des Erdgeschosses, beleuchtet von dem rötlich matten Schein zweier Wandlampen, kauerte ein junges Weib auf dem Sockelrand einer hohen Bronzestatue, tief über einen Säugling geneigt, und rieb die starren Glieder laut schluchzend zwischen den eigenen kalten Händen.
Neben ihr kniete eine Männergestalt, den Oberkörper nur von einem Hemd bekleidet, barhäuptig, mit beschneitem Bart- und Haupthaar. — Er versuchte den kleinen Körper mit dem Hauch seines Atems zu erwärmen. Neben ihm, in den Rock des Vaters gewickelt, lag gleich einem Häufchen Unglück ein etwa vierjähriger Knabe in tiefem Schlaf auf den Steinfliesen.
Der Schritt des Grafen hallte auf der gewundenen holzgeschnitzten Stiege, — der Fremde wandte das Haupt, sprang empor und eilte ihm mit der Hast der Verzweiflung entgegen.
„Monsieur le comte?“
Graf Dynar blickte frappiert in das totenbleiche verwilderte Antlitz, welches mit schwarzblitzenden Augen ihm entgegenstarrte, auf den Mund, welcher in fliessendem Französisch um Hilfe und Erbarmen flehte.
Mit schnellem Schritt stand Gustav Adolf neben dem Weibe und neigte sich über den leblosen Körper des Kindes.
„Was fehlt ihm?“ fragte er kurz.
„Erfroren!“ — — Wie ein Aufschrei rang es sich von den Lippen des Polen. „Gebt uns ein paar Tropfen heisse Milch — ein warmes Tuch — vielleicht können wir die kleine Seele wieder zurück rufen!“ Und mit einem Ausdruck leidenschaftlichsten Schmerzes riss er das Kind empor, um sein starres Gesichtchen mit Tränen und Küssen zu überfluten.
Ein namenloses Weh presste das Herz des Grafen zusammen. Er gab kurze, hastige Befehle an das Gesinde, welches gaffend herzudrängte, neigte sich, nahm selber den schlafenden Knaben von der Erde empor und wandte sich wieder zur Treppe.
„Folgt mir!“ winkte er den Fremden.
Federleicht war die Last auf seinen Armen. Ein schmächtiges Körperchen, nackte kleine Arme glitten aus den groben Rockfalten, ein dunkles Lockenköpfchen senkte sich matt wie eine gebrochene Blüte gegen die Brust des Erbherrn von Proczna.
Gustav Adolf starrte auf das blasse Knabengesicht hernieder, dessen Zähne selbst im Schlaf vor Kälte aufeinanderschlugen, er beschleunigte seine Schritte, trat in das soeben verlassene Zimmer zurück und bettete seine zitternde Bürde in die schwellenden Kissen eines Divans, sorglich, zärtlich wie eine Mutter breitete er die sammetweiche Felldecke über das Kind, strich kosend die nassen Haare aus der Stirn und wandte sich alsdann wieder zu den Fremden, welche ihm schweigend gefolgt waren.
„Ewald! schaff’ von meinen Anzügen herzu und sag’ Deiner Frau, dass sie für trockene Weiberröcke sorge. Die Leute müssen vor allen Dingen warme Kleidung auf den Körper bekommen! Das Essen soll so schnell wie möglich hier herauf besorgt werden!“
Ewald schlurrte eifrig, jetzt selber von tiefstem Mitleid ergriffen, davon, während Graf Dynar mit Hilfe des Polen und der Kammerfrau Gustine Wiederbelebungsversuche mit dem Säugling anstellten.
Vergeblich. — Dem eisigen Sturm, der Wanderung durch Nacht und Kälte hatte dieses junge Leben nicht trotzen können; kein Atemzug hob die kleine Brust, bleich und kühl wie eine Schneeflocke lag es auf dem weichen Kissen.
Die Polin war auf dem Teppich neben dem Kamin zusammengesunken, mit geschlossenen Augen, übermannt von Schwäche, lag sie wie bewusstlos in dem flackernden Feuerschein, welcher mit grellen Lichtern auf dem bäuerischen Nationalkostüm, den nachtschwarzen, sturmzerwühlten Haaren spielte. Man bettete den toten Körper des Kindes in einen Nebensalon, dann bemühte sich Gustine, das fremde Weib zu kleiden, während Graf Dynar den kleinen Schläfer auf dem Divan mit freundlichen Worten weckte, um ihn mit heisser Suppe zu speisen.
Grosse, tiefdunkle Augen schlugen sich auf, ein langer fragender Blick haftete auf dem Antlitz des Grafen, dann schlangen sich die nackten Arme furchtlos um seinen Nacken und ein mattes Stimmchen flüsterte polnische Worte.
„Ja, Du bist hier wieder zu Haus,“ nickte Gustav Adolf, welcher im Verkehr mit seinen meist polnischen Dienstleuten die Sprache ein wenig erlernt hatte, — und er hielt das Kind auf dem Schoss und legte die bleiche Hand beruhigend auf das lockige Köpfchen.
Drei Tage waren seit jener Sturmnacht verstrichen.
Endlose Schneefelder, weisse frostglitzernde Tannenwälder dehnten sich vor den Bogenfenstern Procznas; und wie weit auch der Blick schweifen mochte, ausser den Krähenschwärmen, welche laut krächzend, mit dunklen Schwingen über das verschneite Land strichen, gewahrte er kein lebendes Wesen, keine Unterbrechung dieser Einöde, welche Himmel und Erde durch grauen Dunstschleier mit einander verschmolz.
Graf Dynar lehnte an dem Fenster und blickte gedankenvoll auf die Terrasse nieder, um deren Ballustrade die entblätterten Ranken des wilden Weins wehten, ein rötlicher Schein am westlichen Himmel verkündete, dass dort die Sonne hinter den Nebelwolken versank, mit falbem Abglanz die weissen Baumwipfel überhauchend, und die Türme Procznas mit rosigen Streifen säumend, gleich einem Gruss der Hoffnung, welcher bleiche Wangen höher färbt.
Auch über das ernste Antlitz des Schlossherrn schimmerte es licht, und verklärte das Lächeln, welches fast unbewusst, und seit langen, qualvollen Tagen zum ersten mal wieder um die farblosen Lippen spielte.
Von nebenan, aus dem Zimmer der kleinen Komtesse klang eine klare, volle Frauenstimme, welche bereits seit einer Viertelstunde ihre seltsamen und unbekannten Lieder sang.
Da wiegte Jadwiga, die Insurgentin, das Töchterchen des deutschen Reichsgrafen an der Brust, und sang ihm all die glühenden, leidenschaftlichen Lieder der Heimat.
Ein hohes, schlank gewachsenes Weib war Jadwiga, mit blitzend schwarzen Augen und hastig graziösen Bewegungen, mit Lippen, durch welche das heisse Polenblut leuchtete, und einem Nacken, welcher zu stolz und steif schien, um sich einem Joche beugen zu können. — Es hatte ihr einen sichtlichen Kampf gekostet, an der kleinen Deutschen Mutterstelle zu vertreten, aber ein einziger Blick ihres Begleiters hatte ihr Haupt gehorsam geneigt.
„Du befiehlst es, Herr!“ und Jadwiga trat zu der Wiege der Komtesse, um sie empor an ihr Herz zu nehmen.
Da war aller Sorge und Not des Grafen ein Ende gemacht, um so mehr, als der Bediente Hans unverrichteter Sache aus der Stadt zurückkam und berichtete, dass er kein Weib hätte bewegen können, ihm in diese Einsamkeit zu folgen.
Daran dachte Dynar, als er am Fenster lehnte und lächelnd auf Jadwigas Gesang lauschte, welcher hie und da durch ein helles Kinderstimmchen jubelnd unterbrochen wurde. Das war der kleine Janek, welcher zu den Füssen der Polin mit Pluto, dem grossen Neufundländer, spielte.
Gustav Adolf hatte das Kind am nächsten Morgen nach der Sturmnacht auf die Knie gehoben und gefragt, wie es heisse.
„Janek!“
„Und wie weiter?“
Da sahen ihn die dunklen Kinderaugen verständnislos an, und der Lockenkopf wiegte sich schüttelnd auf den Schultern.
„Wo hast Du denn gewohnt, ehe Du hierher kamst?“
„In einem grossen, grossen Haus, wie dieses hier, mit viel schönen Spielsachen! O, da war es prächtig, da hatte ich alles, wonach ich nur verlangte! Aber dann fuhren wir fort, — viele Tage in dem kalten, engen Wagen, — und immer durch den Wald, und hungerten und froren — und dann nahm mich Vater auf den Arm — und Jadwiga weinte und rief: ‚Gott helfe uns, wir sind verloren!‘ — Und mitten hinein in den Schnee und Sturm ging’s! — Ach, wie gern wäre ich in dem Wagen geblieben, — aber Vater sagte zu Onufry: ‚Fahr zu, was Du kannst — führe sie irre, so lange die Pferde noch Kraft haben!‘ — und dann peitschte Onufry auf unsere Rappen und fuhr heidi davon!“
„Und dann?“
„Dann lief der Vater so schnell er konnte, und ich weinte, weil ich Hunger hatte — —“
„Und wohin lief der Vater?“
Der Knabe schüttelte den Kopf. „Ich habe ja geschlafen bis hierher!“
„Und wie heisst Dein Vater?“
„Mama nannte ihn Jean oder mein Herzensmann!“
„Ist Jadwiga Deine Mutter?“
Janek lachte hell auf. „Jadwiga? Die ist ja nur bei dem Brüderchen gewesen, seit Mama tot ist. Jadwiga muss dem Papa die Hand küssen, und hat nicht so prächtige Kleider wie Mama! — O, die Mama sah oft so schön aus wie die Königin in meinem Bilderbuch — und alle Leute nannten sie ‚Herrin‘ und vor ihren Wagen wurden immer vier weisse Pferde gespannt —“
Graf Dynar hatte nachdenklich das Haupt geneigt und die neuesten Zeitungen durchforscht, da fand er viel, was seine Vermutungen bestätigte.
Janek aber gewann er lieb wie ein eigen Kind, und er nahm ihn empor und küsste das bleiche Gesichtchen und sprach: „Dein Vater ist soeben fortgefahren, um eine weite Reise zu machen, Du wirst nun bei uns bleiben und mich ‚Vater‘ nennen, bis er wiederkommt. Willst Du das, Janek?“
Da hatten sich die Kinderaugen angstvoll mit Tränen gefüllt, und die Lippen zitterten und riefen schluchzend nach dem Entschwundenen. Dann aber schlangen sich die Aermchen um Gustav Adolfs Nacken, fester und fester, und Janek bat flehend: „Ach, lass ihn bald zurückkommen, ich will auch ganz brav sein!“
Nach wenig Stunden aber war aller Jammer vergessen, und der Fremdling schmiegte sich so zärtlich an den Grafen und nannte ihn ein über das andere mal „Papa,“ als wäre es niemals anders gewesen.
So war Graf Dynar in der stürmischen Herbstnacht Pflegevater eines Sohnes geworden. Dass er den kleinen Polen an Kindesstatt angenommen, das wusste allerdings ausser dem Insurgenten und dem allmächtigen Gott, welcher Zeuge des Gelöbnisses gewesen, keine Seele auf Schloss Proczna.
Es war am Abend des zweiten Tages gewesen, nachdem die Fremden so überraschend Gäste des Grafen Dynar geworden, als Gustav Adolf und der Pole beim Glase Wein zusammen sassen, um die zehnte Stunde zu erwarten, in welcher der Fremde seine Reise fortsetzen wollte.
Schweigend starrte Janeks Vater in die rotfunkelnde Tiefe seines Krystallkelches, eine schmale, aristokratische Hand umschloss denselben, zwei stolz geschweifte Lippen schlürften hastig den Burgunder.
Jach hob er das bleiche, scharfgeschnittene Antlitz und schaute dem Grafen fest in die Augen.
„Ob ich jemals all Ihre Güte und Barmherzigkeit vergelten kann, Graf Dynar, das steht bei Gott, welcher die Geschicke von Menschen und Völkern bestimmt, in dessen Hand es liegt, mich jemals in mein Vaterland zurückkehren zu lassen. Nehmen Sie denn meinen Dank bis zu jener Zeit der Vergeltung im schlichten Worte au, lassen Sie sich bis dahin an dem Bewusstsein genügen, ein grosses, edles Werk gethan zu haben, welches droben im Himmel von Engelshänden verzeichnet werden wird! Dass Sie Ihre Barmherzigkeit an keinen Unwürdigen verschwendet haben, das erkannten Sie wohl durch die Maske, welche das Elend, die Flucht durch Nacht und dornige Wildnis in Lumpen vor das wahre Antlitz des Kosyniers gehängt!“
Ein wild glühender Blick brach aus den dunklen Augen: „Ja, ich bin ein Edelwild, welches die Bluthunde über die Grenze gehetzt haben! Ich habe es gewagt, an den Ketten zu rütteln, welche den Nacken meines unglücklichen Vaterlandes entwürdigend zum Staube beugen, darum wollten sie diese starken Hände unschädlich machen und sie binden! Ich habe es gewagt, unter den Ruinen von Ostrolenka nach dem verschütteten Purpur alter Polenherrlichkeit zu wühlen, darum trage ich selber jetzt die Kutte der Verbannten! — Sie sind ein Deutscher, Graf, Sie kennen und verstehen nicht die Qualen, die ein Pole um verlorene Freiheit fühlt! — Geduld, du wunderholdes, schmerzensreiches Polen! Geduld, bis dem jungen Löwen die Kralle trotzig kühnen Muts gewachsen, um Dich, Du herrliche Mutter, aus Schmach und Knechtschaft zu befreien! Was ist Verbannung, was ist Tod und Verderben, ist’s um Dich gelitten, was ist mir die fremde Scholle unter dem Fuss, wenn mein Herz die Bande fühlt, die es treu und ewiglich mit Deinem Herzen verbinden, einmal kehre ich heim zu Dir, einmal ruhe ich wieder in Deinem Arm als Sohn der freien königlichen Herrscherin — Niech’zyje Polska!“
Der Insurgent war emporgesprungen, fieberische Glut brannte auf seinen Wangen, wilde zügellose Leidenschaft flammte der Blick des schwarzen Auges, mit Ungestüm fasste er das Weinglas, hob es hoch empor und wiederholte voll schwärmerischster Begeisterung sein niech’zyje Polska! Dann stürzte er mit einem Zuge den Inhalt des Krystalls hinab und stiess den Kelch hart und klingend auf den Tisch.
Unwillkürlich hatte auch Graf Dynar, hingerissen von der beredten Gewalt seines Gastes, den Wein an die Lippen geführt, aber ernst, ruhig und voll gemessener Würde, nur aus Höflichkeit, nicht aus Überzeugung, — sein Haupt mit dem stillen, fast kühlen Angesicht bot einen seltsamen Kontrast zu der schäumenden Erregung, welche jeden Zug im Antlitz seines Gegenübers vibrieren liess.
Das war echt polnisch, das war echt deutsches Blut.
„Wohin gedenken Sie Ihre Schritte zu richten?“ fragte Gustav Adolf nach kurzer Pause, als der Fremde, nachdem er ihm heftig die Hand gedrückt, auf seinen Sessel zurücksank und das Haupt aufstöhnend in die Hände stützte.
„Meine Absicht war es vorerst, in Paris mein Fortkommen zu suchen!“
„Werden Sie Ihren Knaben in dieses ungewisse, planlose Leben mit sich führen?“
Ein tiefer, qualvoller Seufzer antwortete ihm. „O, dass ich dieses letzte, süsse Kleinod sicherer betten könnte, denn auf den Wogen meines flüchtigen Schicksals. Wohin mit ihm?“ .. Wehe der zarten Menschenblüte, wenn sie vom Sturm des Lebens gefasst wird, — schon eine hat er mir von dem Herzen gerissen, — armer, armer kleiner Stefan!“
Heisse Tränen rannen über die hageren Wangen des Sprechers, Graf Dynar aber hob in jähem Entschluss das Haupt und sagte ernst und kurz: „Gebt mir Janek, ich will ihn adoptieren.“
Der Pole zuckte zusammen, ein starrer, fast irrer Blick traf das Antlitz des Sprechers. „Adoptieren?“ wiederholte er mechanisch.
„Das Schicksal hat mir einen Sohn versagt,“ fuhr Dynar mit ruhiger Stimme fort. „Meine Gemahlin starb, und wer sie gekannt, und wer meine Liebe zu ihr ermessen könnte, der würde begreifen, dass ich nie eine zweite Ehe schliessen werde. Dennoch wünschte ich mir für meinen Namen einen Erben. Janek hat mein ganzes Herz gewonnen, ich liebe den Knaben. — Er soll sich mit meiner Tochter dereinst in mein Erbe teilen, es ist gross genug für zwei.“
Wie ein Zittern fasste es die Glieder des Flüchtlings.
„Janek, — mein liebstes, mein letztes Kind, — das einzige Kleinod, welches mir noch aus der Fülle übrig blieb — oh Herr mein Gott — lass mich nicht auch dies letzte noch verlieren!“ Dann senkte er das Haupt tief auf die Hände hernieder und verharrte etliche Minuten regungslos. „Nehmt meinen Sohn, bis Polen auferstanden ist zu seiner alten Pracht — und dann — dann gebt mir um Gottes Barmherzigkeit willen mein einzig Kind zurück!“ rief er plötzlich emporschreckend.
„Bis Polen auferstanden ist!“ — ein wehmütiges Lächeln zuckte um die Lippen des Grafen, er schüttelte traurig das Haupt. „Wer weiss, ob wir’s erleben, — wer weiss, ob’s jemals ist. Gleichviel! Erhält Polen seine Freiheit zurück, und können Sie dereinst in Ihre alten glänzenden Verhältnisse und Rechte wieder eintreten, so mag es Ihrem Sohne freistehen, unsere beiden Namen auf seinem Wappenschilde zu vereinen, bis dahin aber sei er mein unbestrittenes Eigentum, welchem Ihre Vaterliebe das grösste Opfer bringt, dasjenige des vollkommenen Entsagens.“
Die Brust des Polen atmete fast keuchend. „Es sei! — kann ich mein Kind in sein befreites Vaterland zurückführen, so steht mir das Recht dazu offen!“ rief er mit blitzendem Auge.
„Und Sie geloben mir als Ehrenmann, bis dahin nie irgend welche Ansprüche an Janek zu erheben?“ Graf Dynar bot mit feierlichem Ernst die Hand entgegen. „So schlagen Sie ein!“ Beide Hände verflochten sich in heiligem Schwur.
„Gott lohne Ihnen alles Gute, was Sie an meinem Kinde thun, mit tausendfachem Segen.“
„Soll Janek seinen wahren Namen erfahren?“
Der Flüchtling schüttelte finster das Haupt. „So lange Polen geknechtet ist, wird ihm dieser Name ein Fluch sein, man wird auch an ihm, dem Unschuldigen, heimsuchen, was an mir verfolgt wird, — den Rebellen. Mein kühner, allzu kühner Mut hat das Wappenschild gestürzt, zu dessen Träger mein Sohn bestimmt war, und wenn ich ihm dieses, sein heiliges Gut und Angebind, nicht im alten Glanze und in makelloser Reinheit zurückerstatten kann, dann soll er’s ganz verlieren. Sie nehmen Janek als Kind an Ihre Brust, wohlan, so geben Sie ihm auch den ehrlichen, unbescholtenen Namen Ihres Hauses. Und damit Sie wissen, dass kein unedel Reis Ihrem Stammbaum okuliert wird, erfahren Sie, auf den Handschlag ewigen Schweigens hin, den Namen dessen, der hier vor Ihnen steht!“
Der Pole neigte sich tief zu dem Ohr des Grafen und flüsterte ihm etliche Worte zu.
Dynar erhob sich, verneigte sich respektvoll und drückte dem Fremden die Hand. „Der Name wird in meiner Brust versorgt sein, bis Sie selber das Siegel von meinen Lippen nehmen.“
Noch einmal kniete der geheimnisvolle Gast der Sturmnacht an dem Sarge seines jüngsten Kindes, welcher in der Kapelle aufgebahrt war, dann trat er an das Lager des schlafenden Janek und blickte lange, lange auf das friedliche Kindergesichtchen herab. Die Tränen rannen haltlos über seine Wangen, er presste das Antlitz in die seidene Decke und weinte bitterlich.
„Leb wohl, mein Janek! Vergieb es der Liebe Deines Vaters, dass sie Dich in der Fremde hier zurücklässt! Grau und düster ist meine Zukunft, dornig der Weg, den ich wandeln muss, zu hart, zu mühsam für Deinen kleinen Fuss! Hier wird Dich Liebe und Überfluss mit weichen Armen halten, Dir ist der Tausch ein Segen, wie er mir ein Fluch sein wird! Aber Deines Vaters Herz wird Dir gehören, sein Gebet Dich nennen, all seine Sehnsucht bei Dir sein! Leb wohl, Du letzter Strahl meines Glückes! Einst sehen wir uns wieder — einst, wenn Polens goldenes Szepter sich aufs Neue heben wird, — wenn die Flüchtigen zur Heimat kehren, find’ ich Dich wieder, Kind!“ Der bleiche Mann sprang jäh empor und starrte mit brennendem Blick auf den schlafenden Knaben nieder, — „ja ich finde Dich unverändert! Mag auch das deutsche Element seine Wogen um Dich schlagen, mag Sprache und Sitte Dich meinem Herz entfremden — eines bleibt ewig, in jeder Form und Farbe wahr und echt, die zaubermächtige Gewalt unseres Nationalgeistes, das unsichtbare Band der stammverwandten Seelen, das — was Du nie verleugnen, was nie ein Deutschtum in Dir morden kann — Dein polnisch Blut!“ Heiss küsste er die Lippen des Kindes, dann wandte er sich stolz, sicher und zuversichtlich der Thüre zu.
An der Schlosstreppe harrte der Schlitten.
Schnell, gewaltsam umarmte der Pole seinen Gastgeber. „Gottes Segen über Sie und mein Kind!“ Dann sprang er in das Gefährt, und lautlos wie ein Schatten flog der Schlitten über den Schnee, in die dunkle, sternlose Winternacht hinaus.
Zweites Kapitel.
Die schwerseidenen Damastgardinen vor den Fenstern des Ahnensaals waren zurückgeschlagen und liessen das falbe Schneelicht seit langer Zeit zum ersten male wieder über die gebräunten Parquettafeln schimmern, welche sich, im Muster des Dynarischen Wappens zusammengefügt, als eine der ältesten und kostbarsten Raritäten in dem Schlosse erhalten hatten. An den Wänden hingen dicht gedrängt die lebensgrossen Bildnisse der gräflichen Ahnen, von reichgeschnitzten Leisten umrahmt, deren Ecken meistens das Wappenschild aufwiesen, und deren Knauf die neun Perlen schmückten.
Kleine Silbertafeln, unter den Bildern in das Wandgetäfel eingelassen, nannten die Namen, Geburts- und Todestage der Längstverblichenen.
An der Nordwand, zwischen den beiden ältesten Gemälden, einer hohen Männergestalt im Gewande der Kreuzritter und einem Damenbildnis, war der Stammbaum der Reichsgrafen von Dynar entrollt, in dessen vorletztem Schild mit kräftig stolzen Schriftzügen aufgezeichnet stand: „Gustav Adolf, geboren 1800, V, III, vermählt mit Anna Euphemia, Fürstin Tautenburg, Erbherrin zu Heller-Hüningen, geboren 1816, II, VI † ... 1838, ...“
Mit unsicherer, zitternder Hand war das Kreuz und die Zahl dahinter gezeichnet, und mit derselben noch frischen und schwarzen Tinte war ein Zweig mit zwei Schildern aus dem Wappen dieses Elternpaares gezeichnet.
Inmitten des Saales war ein Altar errichtet, geschmückt mit kostbaren, uralten Silbergeräten, umgeben von frischem Tannengrün, auf welchem noch der geschmolzene Schnee wie blitzende Tauperlchen glimmerte, leise herniedertropfend auf den weichen Teppich, in dessen Mitte das goldene Taufbecken stand, auf einem wurmstichigen Gestell, welches aus einer Ceder des Libanon geschnitzt und mit dem Holz eines Oelbaums, vom Ahnherrn aus dem gelobten Lande heimgebracht, ausgelegt war.
Seit Menschengedenken, soweit die Familienchronik zurückreichte, hatten die Reichsgrafen von Dynar an dieser Stelle und aus diesem Taufstein den Segen empfangen, welcher sie zu Mitgliedern der christlichen Gemeinde gemacht.
Auch das Töchterchen Gustav Adolfs sollte in der nächsten Stunde in ernster Feier vor diesen Altar des Herrn getragen werden.
Tiefe Stille herrschte in dem weiten, hallenartigen Saal. Das trübe Licht eines schneedurchwirbelten Wintertages vermochte kaum das Halbdunkel des grossen Raumes zu brechen; wie düstere Streifen lagen die Schatten der Säulen auf dem Getäfel des Fussbodens, roten Funken gleich brannten die Flammen auf den Kandelabern.
Ruhelos auf und nieder schritt der Erbherr von Proczna, sein Fuss weckte ein Echo an dem hochgewölbten Plafond und knarrte leise auf dem breitfugigen Parquet, er war allein mit seinen Gedanken.
Auf ihn nieder schauten die Augen seiner Voreltern, unheimlich, lebendig in diesem Zwielicht, ernste, stolze Gesichter.
Sie ähnelten sich Alle, die Reichsgrafen von Dynar. Das waren dieselben grossen, strengblickenden Augen unter hochgewölbten Brauen, dieselbe kluge Stirn, über welche echt deutsche Haare fielen, blond, oft rötlich blond, bei den Frauen ein Heiligenschein von Gold.
Hohe, majestätische Gestalten, gleichviel ob in Rüstung, Ordensmantel, farbigem Tressenkleid oder gesticktem Uniformkragen, sie trugen sämtlich das Haupt hoch erhoben auf den breiten Schultern, sie neigten die Mundwinkel ebenso hochmütig unter der Allongeperrücke, wie unter dem form- und zwanglosen Jägerhut, eine kalte, fast starre Ruhe lag über den sämtlichen Gesichtern, kühl wie die Perlen und Diamanten auf dem Hals, kühl bis in die Adern hinein, welche sich wie kleine, gar leicht anschwellende Schlangen über die weissen Stirnen ringelten.
Stumm, mitleidslos starrten die Augen hernieder auf das bleiche Gesicht des Letzten ihres Stammes, auf dessen Haupt der Kummer schon früh seine weissen Flocken gestreut.
Der Blick Gustav Adolfs schweifte forschend von Angesicht zu Angesicht.
Er war in den Kreis dieser regungslos feierlichen Gestalten getreten, um eine der schönen Ahnfrauen zu bitten, Patin bei seinem einsamen, verlassenen Kind zu werden.
Welche soll er wählen?
Er hat keine andere Gesellschaft auf Proczna als diese steifgeputzten, längst in Staub und Asche zerfallenen Leute. Wer möchte wohl aus der grossen, bunten Welt in die verschneite Einsamkeit herauskommen, um eines menschenscheuen Witwers Kind über die Taufe zu halten? Er besass keine Verwandten. Und die Familie seines süssen, verklärten Weibes wohnte weit entfernt, zur Zeit sogar im Süden; da war kein Einziger, der hätte kommen können und mögen — war es doch selbst für den alten Pastor der nächsten Stadt ein opfermutiges Werk der Liebe, einen halben Tag lang durch Schnee und Eis zu fahren, um über das Köpfchen eines Säuglings den Segen zu sprechen.
So blieb ihm keine Wahl, er musste sich eine Gesellschaft aus alten, alten Zeiten laden, mit Reifrock und Schönpflästerchen, in klirrender Rüstung und schmuckem Höflingskleid. Die stiegen mit steifer Würde aus ihren dunklen Rahmen, schlossen den Kreis um das Taufbecken, an dessen Rande sie einst selber in Fleisch und Blut gestanden, und neigten sich mit flüsterndem Weihegruss über das letzte zarte Reis, welches dem alten Stamm entsprossen.
Welche aber von all diesen ernsten, lächelnden, trauernden und triumphierenden Frauen soll seinem Töchterchen den Namen geben?
Gustav Adolph schaut sinnend zu dem Bilde empor, vor welchem er just steht. „Victoria Charlotte, vermählt mit dem regierenden Grafen zu Düsterburg und Ellersheyde — 1607 — † 1660 —“ besagte die Silberplatte.
Hochtoupiertes Haar mit breitem Diadem ... grosse, wundervolle Augen, ... aber um die Mundwinkel senken sich scharfe, erbarmungslose Linien ...
Gustav Adolf entsinnt sich, dass die Chronika sie eine „stolze, gewaltthätige Fraw“ nennt, „so mancherley Feht und Rechtstreyt üper selpe graffschaft Düsterpurg Gebracht.“ — — Er neigt das Haupt und schreitet weiter.
„Christine, Marie Anne, Stiftsoberin zu Obernbrunn, 1611—1670.“ Blasse verschwommene Züge, .. und Augen, so kalt und farblos, dass den Beschauer fröstelt — —
Hier ein reizendes, lachendes Rococodämchen, eine Taube auf der Schulter, Rosen im Schoss. „Cyprienne, Gräfin Dynar, geborene Marquise Le Mans de Soiçonpierre“ ...
Perlweisse Zähnchen ... tief, tief entblösst .... „pour paraître jolie — pour plaire aux garçons ..“ summt es wie ein längst vergessenes Couplet vor den Ohren des Grafen.
Und weiter — immer weiter schreitet er von Bild zu Bild. Keines ist ihm so recht nach dem Herzen. Plötzlich bleibt er stehen und blickt regungslos in zwei dunkelleuchtende, geheimnisvolle Frauenaugen.
Eine schlanke, königliche Figur tritt im weissen Brokatkleid, mit strahlenartig hochstehendem Spitzenkragen, wundersam lebendig aus dem dunklen Rahmengrund. Zauberhaft anmutig ist das Köpfchen mit den goldrot leuchtenden Haaren, welche in duftigem Gelock aufgenestelt sind, wundervoll der Kontrast, welchen die schwarzen Augen dazu bilden.
Keck, übermütig, und dennoch unnahbar stolz ist der Ausdruck des Gesichts, wie Spott und Eigensinn zuckt es um die vollen Lippen. Meisterhand muss dieses Bild gemalt haben, — muss plötzlich an der Arbeit unterbrochen sein, — hier, die Schleppe des Kleides, der Fuss und der Teppich darunter sind nur angelegt nur flüchtig skizziert.
„Xenia, Gräfin Dynar, gebr. 1560,“ ist die lakonische Inschrift der Silberplatte. Kein Todesjahr? ... keine Angabe, ob sie Frau oder Mädchen war? ... Nichts.
Gustav Adolf hat das Gefühl, als müsse das reizende Weib die Lippen öffnen und laut auflachen, als müsse sich die glänzende Perlenschnur auf ihrer Brust unter schnellen Atemzügen heben, ... zuckt sie nicht das Köpfchen spöttisch in den Nacken, sinken nicht plötzlich die dunklen Wimpern verschleiernd über die Augen?
Thörichter Wahn, — ein Vogel flatterte an dem Fenster vorüber und warf schnellen Schatten.
Dennoch leben die wundersamen Augen und folgen ihm mit dem Blick, als Gustav Adolf zu dem Stammbaum schreitet, das Lebensschicksal der Gräfin Xenia zu erforschen.
Es ist dämmerig, er muss lange suchen, ehe er sich in der verblichenen, altmodischen Schrift zurechtfindet. Endlich entdeckt er ihr Schild. „Xenia, gebr. 1560.“ — Auch hier nicht mehr. Sie ist die Tochter Jose Maximilians und dessen Gemahlin, gebr. Freiin von Todtenwart.
Vielleicht starb sie eines jähen Todes; es waren unruhige Zeiten damals. Auch die Familienakten jener Tage sind abgerissen und unvollständig. Der Erbherr von Proczna tritt zu dem Gemälde zurück.
„Willst Du die Patin meines Töchterchens sein, schöne Xenia?“
Lange, lange schaut er sie an.
Genau noch erinnert er sich, dass er einst sein geliebtes Weib durch diesen Saal geführt, dass sie vor diesem Bilde stehen geblieben.
„Welch köstliches Porträt,“ hatte sie staunend ausgerufen, „jenes süsse Antlitz nickt mir wahrhaft zu, so sprechend ist es ausgeführt ... o und sieh diese Hand, Gustav, — hast Du jemals solch eine vollendet schöne Form gesehen?“
Lächelnd hatte er damals ihre schlanken, warmen Finger an die Lippen gezogen. „Gewiss, ich bewundere sie täglich!“
Später aber, wenn das schlechte Wetter die leidende Gräfin in das Zimmer fesselte, und sie ihre kurze Promenade mit Vorliebe durch diesen Saal machte, dann hatte er sie oft vor dem Bilde überrascht, gedankenvoll, wie in tiefem Traum verloren. „Sie interessiert mich so sehr!“
Damals schaute er nicht auf die gemalten Züge, da hing sein Blick noch in leidenschaftlicher Glückseligkeit an dem zarten Gesichtchen der lebenden Gräfin Dynar, welche zum Inbegriff seines ganzen Daseins geworden war.
Es schimmerte feucht über die Wangen Gustav Adolfs. „Ja, sie soll Xenia heissen!“ murmelte er, wandte sich jäh ab und schritt mit tief gesenktem Haupte in dem grabesstillen Saal auf und nieder.
Dann wieder blieb er vor dem Stammbaum stehen und blickte nachdenklich auf das unvollkommene Feld der Ahnfrau nieder. Fast in einer Linie mit ihr, nur um etliche Generationen höher, hatte er bereits das Schild gezeichnet, auf welchem abermals der Name Xenia stehen sollte, daneben noch ein zweites.
„Janek,“ oder besser „Hans Stefan, Reichsgraf zu Dynar,“ wollte er auf dieses schreiben.
Ein neues Reis auf uraltem Stamme. Er wusste, von welch stolzem Geschlecht er dieses Pflänzlein in sein eigenes herüber senkte, welch ein edler Zweig es war, den er der urdeutschen Eiche der Dynards aufpfropfte, und doch wusste er auch, welch fremder Art er war, welch grundverschiedene Keime er so gewaltthätig verschmelzen wollte.
„Polnisch Blut! Bah, es ist ein Märlein, welches von dem Gift desselben erzählt, welches da behaupten will, Art lasse nicht von Art! — Polnisch Blut, welches durch deutsche Adern kreist, kühlt sich ab und vergisst seine Heimat, — nicht das Blut, sondern die Erziehung schaffen eine Nationalität, nicht das Einst, sondern das Jetzt bestimmt den Charakter. Lasst sehen, ob das polnische Reis auf dem deutschen Stamme andersfarbene Blätter und Früchte treibt, als die blutsverwandten Aeste, ob die eine Wurzel, welche beide nährt, sich spalten lassen wird durch ein Tröpflein fremden Saftes!
Polnisch Blut! ... wer glaubt an solche Narrheit!“
Die Kerzen flackerten auf dem Altar, und das frische Tannengrün wehte seine Duftwogen wie eine holde Christahnung um das Taufbecken im Ahnensaale zu Proczna.
In der schwerseidenen, mit verblichenen Passionsblumen bestickten Taufschleppe wurde die letzte Gräfin Dynar vor den Tisch des Herrn getragen.
Die Worte des Priesters hallen wie Orgelton durch den weiten Raum, in hellen Perlentropfen senkte sich der Segen des Himmels auf das goldblonde Köpfchen des Täuflings, — und über die Gemälde an den Wänden ging ein heimliches Säuseln, als ob sich die steiffrisierten Häupter mit den stolzen Gesichtern andächtig neigten, um ihr „Amen! Amen!“ über die Letzte ihres Geschlechtes zu rufen.
Auf dem Schlosswall donnerten die Kanonen, und Graf Gustav Adolf kniete vor dem Altar und barg das Antlitz in den Händen.
Dann nahm er sein Töchterchen in den Arm, zog Janek an die Brust und betete vor dem Bild der verstorbenen Gräfin, welches neben dem Taufbecken aufgestellt war.
Mit grossen, erstaunten Augen blickte sich Janek um, strich leise mit der Hand über das Köpfchen der Schwester, auf welches der fremde, schwarze Mann die Wassertropfen gestreut, und neigte sich in aufquellender Zärtlichkeit, um das schlafende, kleine Angesicht zu küssen.
Gustav Adolf aber zog es durch die Seele wie ein Wunsch für ferne glückliche Zeiten. — Und die Kerzen verlöschten, auch die, welche man neben dem Bilde der schönen Gräfin Xenia entzündet hatte.
In dem Augenblick däuchte es dem Erbherrn von Proczna, als habe ihm die stumme Patin mit wundersam blitzendem Auge die weisse Hand entgegengereicht, — er trat einen Schritt näher — der Schein des verlöschenden Lichtes hatte die Täuschung hervorgerufen, — das Porträt hing unverändert, kalt und tot und blickte ganz wie zuvor mit starren Augen au ihn nieder.
Gustav Adolf steckte ein Tannenreis an den Rahmen, fasste die Feder und trat zu dem Stammbaume.
„Xenia“ — schrieb er auf das Schild seiner Tochter, „Xenia Anna Euphemia, gbr. 28. 9. 1838.“ — denn also hatte sie soeben der Priester im Namen Gottes getauft. Dann wollte er auch den Namen seines Adoptivsohnes in das leere Feld einzeichnen. Er setzte die Feder an, unterbrach sich, — ging nachdenklich einige Schritte auf und nieder.
Wer hindert ihn, dem Hause Dynar einen Stammhalter zu geben, wenn auch aus fremden, aus polnischem Blut?
Er hat dem flüchtigen Vater den Eid geleistet, Janek zu adoptieren; er hält sein Wort, er liebt den Knaben, er hat ihm das Recht gegeben, sich als Sohn an sein Herz zu schmiegen.
Aber Xenia? — Er schmälert ihr Erbe um eines Fremden willen; — gleichviel, sie wird dennoch über fürstlichen Reichtum gebieten, und Janek soll ihr kein Fremder sein.
Sie soll aufwachsen in dem Gedanken, einen leiblichen Bruder zu besitzen, erst bei ihrer Mündigkeitserklärung soll sie die Wahrheit aus des Vaters Mund erfahren, wenn er bis dahin noch lebt.
Bis dahin wird es sich auch zeigen, ob sich „polnisch Blut“ verleugnen kann.
Xenia selber soll mit festem Willen und fester Ueberzeugung zustimmen, dass der Name: „Hans Stefan“ neben den ihren geschrieben wird, — vielleicht ...
Gustav Adolf wirft die Feder hin.
„Mag ihn meine Tochter selber dahin schreiben, wohin sie ihn haben will!“ lächelt er, „in das nachbarliche Schild, oder .. in ihr eigenes, Gott möge es geben.“ Und er schreitet langsam, gebeugt, an Leib und Seele gebrochen, durch den dämmrigen Saal in sein Studierzimmer zurück.
Die Vorhänge rauschten wieder vor die spitzgebogten Fenster, dunkle Schatten senkten sich über das goldblonde Köpfchen auf dem Bilde der Gräfin Xenia — — — —
Jahre vergingen.
In der tiefen Einsamkeit Procznas wuchsen die beiden Kinder des Grafen Dynar empor, so unendlich verschieden beanlagt, und dennoch voll zärtlichster Harmonie Eines an das Andere geschmiegt.
Ein strenger Befehl des Grafen hatte es dem Gesinde untersagt, jemals ein Wort über Janeks eigentliche Herkunft zu verraten, denn der Knabe sei an Sohnes Stelle von ihm angenommen, und keine Menschenseele habe ein Recht, diesen seinen Entschluss zu begutachten.
Da hatte sich ein dichter Schleier über jene Sturmnacht und ihre armseligen Gäste gesenkt.
Jadwiga, die Polin, war bei der kleinen Komtesse geblieben.
Wundersame Weisen, Klänge wilder Liebe und wilden Hasses sangen des deutschen Reichsgrafen blondes Mägdelein in die ersten Träume. Glühendes Polenblut war es, welches den kleinen Körper nährte.
Dann war der Tag gekommen, da sich die Thür im Studierzimmer Gustav Adolfs öffnete, da zaghaft schwankende Schrittchen dem stillen Mann entgegen hallten und zwei rosige Aermchen ängstlich zu ihm hinstrebten. Jadwiga aber stand mit stolzem, selbstzufriedenem Lächeln auf der Schwelle, und sah mit an, wie die kleine Xenia zum ersten male die Füsse selbstständig in das Leben setzte.
Gleichzeitig bat sie um ihre Entlassung. — — —
Nicht Geld und nicht gute Worte vermochten es, sie länger in Proczna zu halten; sie küsste demütig die Hand Dynars und hatte nur eine Antwort: „Lass mich gehen, Herr!“ Still und emsig schnürte sie ihr Bündel, hob die Kleine noch einmal in stürmischer Zärtlichkeit empor an die Brust, küsste und küsste das lachende Gesichtchen, und murmelte: „Ich habe Dich lieb, Kind, trotz Allem und Allem, Dein Sinn und Dein golden Haar sind deutsch, aber Deine Adern habe ich mit Polenblut gefüllt! Wirst’s nicht verleugnen, einmal schäumt’s empor im Leben, dann, wenn Polens alte Herrlichkeit aus Schutt und Trümmer steigt! Niech’zyje Polska!“
Janek blickte staunend zu ihr empor, er hatte die Worte gehört, waren sie auch noch so leise geflüstert, aber ihren Sinn vermochte er nicht zu fassen.
Er wunderte sich, dass Jadwiga so anders war wie sonst. Er schlang die Arme um ihren Nacken und erwiderte ihre Liebkosung, dann schritt er an ihrer Hand zu dem Schlosshof hernieder und sah sie in den Wagen steigen, ernst, stumm wie immer.
Das Sonnenlicht lag voll auf ihrem Antlitz, sie schaute noch einmal zu dem Grafen empor, welcher ihr vom Fenster aus ein Lebewohl winkte, und legte ehrfurchtsvoll die Hand auf die Brust; dann zogen die Pferde an, dahin sauste der Wagen, und Janek stand und schaute ihm nach, bis das helle Licht seine Augen blendete, und er ungeduldig davon lief, um mit seinen beiden grossen Hunden auf der Steppe herum zu tollen. — — —
Fast überraschend kräftig und schnell entwickelte sich sein Anfangs so zarter, fast schwächlicher Körper. Das freie, ungebundene Leben, welches die Kinder im Schlosspark und der angrenzenden Heide führten, wehte wie frischer Hauch durch die jungen Glieder.
Da zeigte sich zuerst so recht deutlich der Unterschied zwischen den Geschwistern.
Janek war ein wildes, fast ungestümes Kind, Klettern, Tollen und mit ausgebreiteten Armen den Sturm auf der Steppe fangen, war sein Element; er überlegte nie; er handelte, und handelte er übereilt, so büsste er lachend für seinen hitzigen Sinn. Ging ihm etwas zu langsam, so schlug er mit Fäusten drein; fand er bei Andern kein Gehör, so verschaffte er sich selber sein Recht, und dazu schüttelte er die dunkeln Locken herausfordernd in den Nacken und kannte weder Angst noch Sorge, er lebte nur für den Augenblick. Dabei aber war er ein ausserordentlich milder, fast weicher, kleiner Gesell. Mit bitteren Tränen netzte er die Wunden, die er schlug, und heilte sie nach besten Kräften, stets voll Reue und Einsicht: ein freundliches Wort war allmächtig über ihn, gleichviel, wer es zu ihm sprach.
Xenia trug das rotblonde Köpfchen bei weitem steifer und selbstbewusster auf den kleinen Schultern. Ihr Ungestüm war mehr Trotz, und ihre Wildheit mehr Herrschsucht, sie schwang sich nicht, wie Janek, auf ein Pferd, um nun in jauchzender Lust in der Koppel herum zu jagen, sondern einzig mit der Absicht, sich dieses widerspenstige Ross zum Gehorsam zu zwingen. Sie liess die Peitsche nicht durch die Luft sausen, um zu strafen, sondern um sich als Herrin zu zeigen, sie lief und kletterte nicht mit Janek um die Wette, weil es ihr Freude machte, sondern weil sie es nicht dulden wollte, dass er ihr überlegen sei.
Xenia war ein unendlich spröder und stolzer kleiner Eigensinn, wusste genau, wer sie war, und machte zwischen sich und ihrer dienenden Umgebung einen gewaltigen Unterschied; sie kommandierte Janek in eigenwilligster Weise und nahm es für ganz selbstverständlich, dass der um Jahre ältere Knabe beständig nachgab; sie war ihm auch leidlich gut, während er sie fast abgöttlich liebte und verhätschelte.
Einst kamen Zigeuner auf den Schlosshof. Ein paar braune, zerlumpte Kinder spielten vortrefflich Geige und verstanden sich auf kleine Kunststücke.
Janek war begeistert, schloss sofort Freundschaft und nahm durchaus keinen Anstand, die kleinen Bettler mit sich zum Spielen zu nehmen.
Xenia rümpfte das Näschen, musterte die Fremdlinge über die Schulter und fragte: „Ist Euer Vater ein Reichsgraf und habt Ihr ein Schloss wie wir?“
Und da dies nicht der Fall war, verzichtete sie lieber auf die seltene Freude, ein paar Spielkameraden zu haben, und drehte sich auf den Hacken um.
Das begriff Janek nicht; er balgte sich in höchster Lust mit der unaristokratischen Gesellschaft herum, kehrte endlich mit glühenden Wangen und zerzaustem Schopf zu der Schwester zurück, und erzählte ihr, dass die braunen Bengels ihm eine Menge neue Dinge gelehrt hätten, den Kunstkniff, ein Pferd auf die Knie zu zwingen, und ohne Sattel ganz fest auf seinem Rücken zu stehen, man müsse nur die Füsse genau zu setzen verstehen, und beide Hände fest gegen die eigene Taille drücken, das halte im Gleichgewicht! Andern Tages probte er die Kunststücke mit wahrem Feuereifer, und fiel unverdrossen so lange auf die Nase, bis er’s konnte.
Als Janek sieben Jahre geworden, hatte ihm Graf Dynar bereits einen Hauslehrer engagiert; der beklagte sich öfters, dass der Knabe zu leichtfertig im Lernen sei, bei seiner so ausserordentlichen Begabung und dem scharfen Begriffsvermögen könne er ein Dreifaches leisten, nur für Musik habe er eine geradezu närrische Passion, und es würde ihm Freude machen, mit Erlaubnis des Herrn Grafen, dieses Talent und diese Vorliebe zu unterstützen.
Gustav Adolf war sehr einverstanden damit und staunte selber über die Fortschritte, welche sein künftiger Namenshalter auf diesem künstlerischen Gebiet machte. Auch Xenia liebte die Musik, war aber nicht besonders dafür talentiert. Sie schüttelte heftig die goldenen Locken zurück, ballte die kleinen Hände und weinte vor Zorn.
Oft hatte Gustav Adolf bei solch leidenschaftlichem Ausbruch seines „Rotköpfchens“ gedankenvoll in das rosige Gesichtchen geschaut und nach einer Aehnlichkeit geforscht, endlich, als ihm die Kleine eines Tages mit namenloser Mühe eine kleine Pièce fehlerfrei gespielt hatte, und dann mit erhobenem Kopfe stand, und Janek halb spöttisch, halb triumphierend und halb herausfordernd ansah, da wusste er, wo ihm diese Augen schon einmal begegnet waren. Drüben im Ahnensaale, auf dem Bilde der Gräfin Xenia.
Er lächelte. Jetzt erst fiel es ihm so recht auf, welch eine Schönheit das stolze Kind einst zu werden versprach.
Zu seinem zwölften Geburtstag bekam Janek einen Gouverneur und einen Kandidaten, während der deutschen Erzieherin der Komtesse noch eine Gouvernante zugefügt wurde.
Da gab es etwas mehr Leben auf Proczna, wenngleich sich Graf Gustav Adolf einsilbiger denn je in sein Studierzimmer zurückzog, und ausser beim Mittagsmahl sich vor den Fremden nicht sehen liess. Man nannte ihn menschenscheu, und bedauerte die armen Kinder, welche allabendlich ihre freien Stunden in dem düsteren Turmzimmer verleben mussten. Dynar sass meist an seinem Schreibtisch und schien völlig in seine Schriften versunken, aber sein Blick huschte unbemerkt zu den Kindern herüber, und beobachtete ihr Spiel. Wenn sie Arm in Arm und Wange an Wange geschmiegt, süss und vertraulich plauderten, dann zog es wie Sonnenlicht über die bleichen, vergrämten Züge des Vaters, dann sanken unwillkürlich die Wimpern über seine Augen, und die Gedanken träumten einen lieben, heimlichen Zukunftstraum.
Und leise hob die Zeit ihre Schwingen, und schwebte über die Türme von Proczna.
Die Heide brannte auf in roten Blütenflammen, und sank trauernd zusammen in braune Asche; der Wind fegte darüber hin und streute silberne Flocken, unter welchen heimlich der Keim sprosste, daraus übers Jahr abermals der rote duftende Funken der Erika aufglühen wird.
Drittes Kapitel.
Dumpf und klagend hallten die Glocken der Procznaer Schlosstürme über die einsame, sonnige Heide, und der warme Lufthauch nahm den Klang auf seine Schwingen, trug ihn fernhin über den Wald, und erzählte, dass in dieser Stunde Graf Gustav Adolf in die Familiengruft der Dynars gebettet werde.
Längst bereit hatte der Sarkophag an der Seite seines so treu geliebten Weibes gestanden, und dennoch war das Ende des Erbherrn von Proczna ein so plötzliches gewesen, dass es seine Umgebung mit lähmendem Schrecken erfüllte.
Wohl wusste man, dass ein Herzleiden dem einsamen Manne viel qualvolle Stunden bereitete, dass es wie ein nagend Gift an seinem Leben zehrte, und der Tod Anna Euphemias den Keim dazu gelegt hatte.
Niemals aber hatte man eine Klage aus dem Munde des Grafen vernommen, es waren keine Schritte geschehen, der Krankheit energischen Einhalt zu thun, gleichmässig und gleichgültig gegen sich selber lebte er dem Andenken der Verklärten, nur sein Haar erbleichte mehr und mehr, und die schmerzlichen Linien seines Angesichts vertieften sich.
Er arbeitete mit rastlosem Fleisse an einem Werk, um dessentwillen er einst seine Entlassung aus dem Staatsdienste erbeten, und sich, mit vollem Einverständnis seiner jungen Gemahlin, hierher in die Einsamkeit seines Besitztumes zurückgezogen hatte. Nur in den letzten Wochen vor seinem Tode schien ihn oftmals eine nervöse Unruhe zu erfassen, er wünschte sehr oft die Anwesenheit seiner Kinder und schien alle Zärtlichkeit und Liebe für dieselben zu verdoppeln. Oft beugte er das Köpfchen der Komtesse zurück und blickte sorgenvoll in ihre dunklen Augen.
Sie war eine Dynar, er konnte kaum etwas Anderes als diesen kühnen Stolz von ihr erwarten.
Dann und wann aber zuckte es auch wie ein heisser, leuchtender Strahl tieferer Empfindung aus diesen schönen Augen, das liess Gustav Adolf erleichtert aufatmen und verscheuchte seine trüben Gedanken.
Eines Tages waren verschiedene fremde Herren in Proczna eingekehrt, Personen vom Gericht, ein Advokat und ein Notar. Eine lange, geheimnisvolle Unterredung wurde in dem Zimmer des Grafen geführt, Papiere knisterten, und der Duft des Siegellackes wehte auf kleinen Rauchwölkchen um den Schreibtisch.
In diesen Stunden hatte Graf Dynar sein Haus bestellt.
Die Kammerfrau Gustine schlich viel auf dem Korridor umher und hatte dem alten Ewald mancherlei in die Ohren zu tuscheln.
„Jetzt macht er’s fest!“ grollte sie, „und legt unserm Täubchen das Kuckucksei ins Nest! Wenn das die Gräfin erlebt hätte! wenn sie jetzt da hinein schauen könnte, sie drehte sich im Grabe um! Welch eine Narrheit, sein eigen Fleisch und Blut zu schmälern um solch eines hergelaufenen Balges willen! Bettelleut’, — polnisch Diebesgesindel!!“ — Und Gustine schlug so heftig gegen ihre weiss gestärkte Schürze, dass es klatschte; — sie war dem übermütigen Knaben, welcher sich so dreist und herausfordernd wie ein leiblicher Graf benahm, niemals gewogen gewesen.
Gustine war ein durchaus konservatives Gemüt; Xenia schlug und kratzte sie, das ertrug sie, ohne mit einer Wimper zu zucken, denn es war ein Zeichen von Rasse, und widerfuhr ihr durch die Hand einer echten Gräfin, welche ihr von einer fürstlichen Mutter in den Arm gelegt worden war. Janek aber hatte ihr nie ein herbes Wort gesagt, höchstens einmal seine kleinem Neckereien an ihr ausgelassen, und das empörte sie und machte ihr den Knaben verhasst, denn er war doch nur ein Bettelprinz, von der Landstrasse aufgelesen, noch viel weniger wie sie selber. Man sah’s ja, dass er nichts Rechtes war, sonst hätte er es gemacht wie Xenia.
An einem sonnenlichten, köstlichen Frühlingstage hatte Gustav Adolf seine Augen für immer geschlossen.
An seinem Arbeitstische hatte man ihn eines Vormittags gefunden, starr und kalt, wohl schon seit Stunden von seiner Qual erlöst.
Ein Herzschlag hatte seinem Leben dieses jähe, für die Hinterbliebenen so furchtbare Ende bereitet.
Der Vormund der beiden verwaisten Kinder, ein Jugendfreund Gustav Adolfs, Freiherr von Drach, war an das Totenbett des Verblichenen geeilt, hatte die schwebenden Angelegenheiten geordnet, und die Verpflichtungen der Erzieher gelöst, da es die Bestimmung des Grafen gewesen, den sechszehnjährigen Janek im Herbst auf eine öffentliche Schule zu schicken.
Die Komtesse sollte in seinem eigenen Hause eine zweite Heimat finden. Bis zum Herbst blieb Alles noch wie bisher unverändert in Proczna, dann aber sollten die Schlösser der Thüren versiegelt werden, bis einst Janek, für mündig erklärt, von dem Erbe seiner Väter Besitz ergreifen würde.
Xenia hatte bei dieser Erklärung zufällig in Gustinens Gesicht emporgesehen, und war fast erschrocken über den Ausdruck, welcher die alten Züge beherrschte. — — —
Süsser geheimnisvoller Duft wehte über die blühende Heide. Rote Schmetterlinge wiegten sich im Sonnenschein, und durch die hochstarrenden Ginsterbüsche raschelten die schillernden Insektenleiber; leises Summen ging durch die Luft, und die bunten Kiesel glühten zwischen dem Moos. Weit, unermesslich weit gedehnt lag die ostpreussische Steppe.
Seitwärts erhoben sich die dunklen Waldungen, aus welchen die Türme Procznas ragten, und geradeaus gegen den grell beleuchteten Horizont zeichneten sich die weidengeflochtenen Pferche ab, in welchen die Fohlen während der Sommermonate nächtigen.
Janek war auf flüchtigem Rosse stundenlang durch die Ebene geschweift. Er liebte es, planlos und ungestüm in Gottes weite Welt hinaus zu stürmen: da gab es kein Hindernis, wollte er den glühenden Sonnenball im fernen Westen mit Händen greifen, wollte er mit dem Herbststurm um die Wette jagen und die Kugel seiner Büchse wieder einfangen, ehe sie ihr Ziel erreicht; und stolz und frei wie die alten Deutschen ihre Götter in wilder Jagd daherbrausen sahen, wiegte sich auch der Erbe von Proczna im Bügel, schlank und schmeidig, wie verwachsen mit des Pferdes Rücken, mit flatterndem Lockenhaar und lustblitzendem Auge.
Oft hatte Xenia, an seiner Seite sprengend, mit ärgerlichem Blick auf sein ungesattelt und ungezäumtes Ross gesagt: „Du reitest nicht vornehm, Janek, nicht wie ein Graf, sondern wie ein Indianer!“ — und doch hatte sie der Getadelte überrascht, als die kleine Gräfin es mit zusammengebissenen Zähnen in der Koppel versuchte, sich auf dem glatten Pferderücken zu behaupten.
Wehe ihm, dass er sie ausgelacht hatte.
In grossem Umweg war Janek über die Steppe nach dem Walde geritten, spürte einen Fuchs auf und hetzte ihn so lang, bis er sich endlich in irgend eine Kaninchenröhre geflüchtet hatte, — dann sprang er von seinem dampfenden Rappen und pflückte ein paar verspätete Maiglöckchen, um sie der angebeteten Schwester heimlich in den Schoss zu werfen. Er wusste, dass sie mit ihrem Geschichtenbuch jeden Nachmittag an dem Waldsaume sass, um auf seine Rückkehr zu warten.
Behutsam lenkte er sein Pferd durch die tiefhangenden Fichtenzweige, um sich ihr unbemerkt näher zu pürschen, und schwang sich in den Sattel.
Richtig — nicht allzu fern vor ihm sah er das weisse Kleid schon über die Felssteine wehen.
Regungslos stand Janek und schaute auf sie hin, — nie war ihm Xenia so schön, so eigenartig und so — fremd erschienen.
Ihre sehr schlanke, wenn auch noch kindlich eckige Figur schien ihm plötzlich wie ein schneeweisser Nixenleib aus dem wogenden Blattgrün aufzutauchen. Er hatte einst ein Märchen gelesen von der Loreley, der süssen Hexe, welche im Abendsonnenschein auf dem Felsen sitzt und ihr goldenes Haar kämmt .... auch Xenia warf die leuchtenden Locken in den Nacken und strich sie mit ungeduldigen Händen von der Stirn zurück, — ganz so wie die holdselige Zauberin auf dem Felssteine des Rheines, die Hexe Loreley.
Janek deckt die Hand über die Augen.
Leise, leise schleicht er sich näher, er will die Maiglocken unvermutet über ihr Haupt streuen und glückselig aufjauchzen, wenn die dunkeln Augen sich erstaunt, fragend, vielleicht unwillig aufblitzend über die Störung, zu ihm aufschlagen, ... wenn er sie nur sehen kann, diese Augen, wenn sie überhaupt nur einen Blick für ihn haben!
Hexe Loreley!! ...
Sie wendet ihm den Rücken, die hohen Sträucher verbergen den Nahenden und bauen eine Mauer zwischen die Kinder des Grafen Dynar.
Näher und näher kommt Janek. — Er hört ihre Stimme.
„Du sollst und musst mir die Wahrheit sagen, Gustine, ich befehle es!“
Ja, das war die stolze, kalte Stimme seiner Schwester, und neben ihr, — Janek sieht nur ein schwarzes Kleid und einen Strickstrumpf durch das Brombeergewirr, — neben ihr sitzt Gustine.
„Ich darf’s nicht, Komtesse, der Graf hat’s verboten. Bah, was nützt’s auch jetzt noch? Das Kuckucksei liegt versiegelt und verbrieft in Ihrem Nest, da heisst’s eben: still gehalten und sich gefügt.“
„Wen meinst Du mit dem Kuckucksei, etwa Janek?“
„Wen sonst!“
„Wie kannst Du Dich unterstehen, meinen Bruder einen Eindringling zu nennen?!“ Xenia richtet sich empor, ihre Lippen beben.
„Ihren Bruder?“ Gustine lachte hart auf. „So wahr ein Gott im Himmel ist, Gräfin, Ihren Bruder würde ich nie so nennen!“
Janek hat das Gefühl, als habe ihn ein Faustschlag in das Gesicht getroffen, mechanisch lässt er sich auf das Knie hernieder, stützt die Arme auf das Gestein und lauscht mit zornglühender Wange.
„Was soll das heissen .... Du bist wunderlich, Gustine ....“ Xenias Stimme zittert, das Märchenbuch sinkt von ihren Knieen und fällt klatschend auf die grünlich schillernden Steine.
Da neigt sich der Kopf der Alten dicht zu ihrem Ohr.
„Haben Sie sich noch nie gewundert, Komtesse, woher der Janek sein schwarzes Haar hat? War seit Menschengedenken kein solcher Neger in der Familie! .... Ist es Ihnen noch niemals aufgefallen, wie verschieden der Bub von Ihnen ist? — Wie Tag und Nacht sind Sie Beide. Na, in Gottes Namen, glauben Sie’s oder glauben Sie’s nicht, dass er Ihr Bruder ist, — ich weiss, was ich weiss.“
Dunkle Schatten schwirren vor Janeks Augen, er will empor springen und die zischende Natter, welche ihm Ehre und Namen stehlen will, mit einem einzigen Faustschlag zermalmen, und dennoch zwingt er sich nieder und beisst die Zähne zusammen.
Alles will er hören, Alles.
Und er presst sein Angesicht auf das kühle Moos und fühlt, wie das Herz in seiner Brust schlägt.
Da erzählt Gustine von der Sturmnacht vor zwölf Jahren, von dem polnischen Gesindel, welches auf der Schwelle von Proczna um Obdach gebeten hat, von dem schlafenden Knaben, welcher, in Lumpen gehüllt, von Gustav Adolf aufgenommen wurde .... von dem fliehenden Vater, dem Rebellen, dem Insurgenten, der das Licht der Sonne nicht ertragen konnte; — Landstreicher, — verkommen Volk! — —
Und Xenia schreit auf vor Scham und Zorn. „Ich dulde es nicht, nimmermehr! O Vater, Vater! wie konntest Du Dein ehrwürdiges, makelloses Geschlecht so grausam in den Staub hernieder ziehen! — Mein Bruder, der Sohn polnischer Bettler?! .... Der Erbe von Proczna aufgelesen aus der tiefsten Hefe eines fremden Volkes? und das mir! .. mir! .. — O Gustine, — wie hasse ich dieses Kuckucksei im Nest!“
Sie ist empor gesprungen und presst in knirschender Leidenschaft die geballten Hände gegen die Schläfen.
„Gustine — wenn es die Welt erführe .... wenn man mit den Fingern auf den Schandfleck meines Wappens deutete — ich ertrüg’ nicht die Schande!“
„Schande!“ wie ein gellender Schrei klang es über die stille Ebene, und „Schande“ zitterte sein Echo in Janeks blutendem Herzen nach.
„Unbesorgt, Komtesse, — ich plaudere nicht, — und Ewald auch nicht — wie soll’s unter die Leute kommen? — Durch den Janek selber? — bah, wenn der’s bei seiner Mündigkeitssprechung aus dem hinterlassenen Briefe des Grafen erfährt, wird er wohl schon selber allzu gern darüber schweigen.“
Da zuckte Janeks Haupt empor, sein Auge sprühte wilden Trotz, er hob die Faust und schüttelte sie gegen die Sprecherin.
Wie das Heideland ringsum in blutigen Flammen schwamm, wie es noch einmal über den Himmel lohte wie ein grelles Banner von Purpur und Gut, — wie die Hexe Loreley so bleich inmitten dieser Feuergarben stand — —
„Schande! .... Schande!“ heulte der Wind in den Fichtenzweigen.
Dann sanken die Schatten, tiefer und immer tiefer, und auf Wald und Steppe rieselte der Nachttau, — totenstill.
Da hob der Erbe von Proczna langsam sein dunkellockiges Haupt.
„Sie ist nicht meine Schwester!“ ... Es ging ein wundersames Beben über sein Angesicht, ein tiefer Atemzug hob seine Brust, „nicht meine Schwester! — —“
Er wandte sich und blickte nach den Schlosstürmen von Proczna. Seine Gedanken flogen weit voraus, — er sah Flaggen auf diesen Türmen wehen, welche den Erben des Reichsgrafen von Dynar als neuen Herrn begrüssen werden, welche wie bunte, gleissnerische Lügen ihn auf seinem Grund und Boden willkommen heissen, ihn, den Schandfleck, das Kuckucksei im Nest!
Janek lachte gell auf. „An jenem Tag wollen wir abrechnen, Hexe Loreley!“ rief er in die stille Nacht hinaus.
Dann schritt er hoch erhobenen Hauptes davon, — die Maiglocken starben unter seinem Fuss, welk, gebrochen lagen sie im Moos, — dachte keiner mehr daran, sie aufzunehmen, sie als Gruss der Liebe in den Schoss zu streuen ...
Um andern Morgen trat Janek in das Zimmer seiner Schwester.
Sie sass an dem geöffneten Fenster und neigte sich über eine Zeichnung, — helles Sonnenlicht fiel schräg über den Nacken und die beiden dicken Flechten, in welche das Haar zusammengefasst war, — schlankes Weinlaub schaukelte sich hinter ihr in dem spitzgewölbten Fensterrahmen.
„Guten Tag, Xenia!“
Weich und herzlich schlug seine Stimme an ihr Ohr. Die Angeredete hob momentan den Kopf, ein eisiger, unnahbarer Blick streifte ihn, sie schien ihm bleicher wie sonst, und zum ersten mal im Leben empfand er es, wie in Antlitz und Wesen dieses zwölfjährigen Mädchens so gar nichts Kindliches war.
„Was willst Du?“ herrschte sie ihn an.
Janek stützte sich auf den kleinen Ebenholztisch und sah ihr fest in die Augen.
„Ich habe eine Ueberraschung für Dich im Garten — ich möchte Dir eine Freude machen, — komm mit hinab!“
Sie warf die Lippen auf. „Nein, ich verlange nicht nach Deinen Gefälligkeiten!“
„Gleichviel, mir ist ein Kunststück gelungen. Entsinnst Du Dich in der Baumschule des prächtigen Apfelbaumes, den der Blitz getroffen? Wir fürchteten, er müsse zu Grunde gehen, und Du lachtest mich aus, als ich ihm ein neues Reis in die Krone pfropfte, denn dieses Reis war noch dazu von fremder Sorte. Komm nun hinab, sieh’ Dir das Wunder an, welches geschehen ist!“
Ein flammender Blick traf Janek aus den dunklen Augen; Xenia warf den Zeichenstift auf den Tisch, erhob sich und schritt an ihm vorüber zur Thür.
Der fremde Zweig auf dem Apfelbaum stand in voller, rosiger Blütenpracht.
Die Komtesse schaute ihn an und grub die Zähnchen in die Lippe, namenlose Gereiztheit sprühte aus ihrem Blick.
„Armer Baum, der solch einen Schmarotzer in seinem Marke dulden muss!“
Janek zog die Augenbrauen zusammen. „Und der elendiglich zu Grunde ginge, wenn dieser Aufdringling ihm nicht neues Leben gäbe!“
„Besser zu Grunde geh’n als durch solch erbärmliche Arznei am Leben erhalten werden,“ brauste sie stolz empor, „besser echt und makellos vom Erdboden verschwinden, als sich von einem Reise niederer Art und Sorte die Krone schänden lassen! Auf Procznas Grund und Boden soll sich kein ungehörig Element einnisten, soll kein neuer Zweig auf alter Wurzel seine falschen Blüten treiben, ich will’s nicht! — ich dulde es nicht! — hast Du gehört, Janek, ich duld’ es nicht!“
Und mit schnellem Griff riss sie ihm die Reitgerte aus der Hand und schlug die weissen Blüten nieder, — zerstört, gebrochen neigten sich die frischen Triebe.
Dunkle Blutwellen ergossen sich über die Stirn des Erbherrn von Proczna, in aufschäumender Leidenschaft fasste er ihren Arm mit fast schmerzhaft festem Griff.
„Xenia!“ er schüttelte ihre schlanke Gestalt, „dieser blühende Zweig war meine ganze Freude, die Belohnung Monate langer Mühe, war das Ziel des letzten Spazierganges unseres seligen Vaters, und den schlägst Du voll Bosheit und Eigensinn in den Staub? — Bitte mich um Verzeihung, Du Jähzornige, ich verlang’s, ich will’s und mein Wille ist ebenso fest wie der Deine!“
Zornig versuchte sie sich loszureissen, dann stand sie plötzlich regungslos, warf den Kopf zurück und lachte scharf auf. Spott und Trotz, Verachtung fast schillerte ihr Blick, ebenso wie derjenige auf dem Bild der schönen Ahnfrau.
„Abbitte thun, — Dir?!“ .. Es lag etwas unendlich Verletzendes in diesen wenigen Worten, — ihre Gestalt schien zu wachsen.
„Wenn Du Ansprüche auf ein vernünftiges Wesen machst, so siehst Du das Hässliche Deiner Handlungsweise ein, und entschuldigst Dich!“
Janek zwang sich zu einem ruhigen Ton, aber seine Lippen bebten, und seine Worte trugen das Gepräge eines Befehls.
Von oben bis unten musterte ihn ihr kalter, verächtlicher Blick. „Nein!“ stiess sie zwischen den Zähnen hervor. „Wag’s nicht länger, mich anzurühren, gieb mich frei, Du — — Du — —“ sie verstummte, ein jähes Erbleichen ging über ihre Züge, o ewiger Fluch, dass ihr eigener Stolz, die Angst vor der Welt ihr die Zunge band, ihm dieses eine vernichtende Wort ins Gesicht zu schleudern.
Janek hatte sie scharf beobachtet, ein fast triumphierendes Blitzen ging durch sein Auge. Fester presste er ihren Arm. „Zum letzten mal — besinne Dich, Xenia!“ murmelte er.
„Nein! ... nein! ... und abermals, nein!“
Da geschah etwas Unerhörtes. Die Gerte pfiff durch die Luft, fiel hernieder auf die weisse Hand der Komtesse und zeichnete sie mit grellrotem Streifen. Dann gab Janek ihre Hand frei und trat mit regungslosem Gesicht einen Schritt von ihr zurück.
Ein halb erstickter Aufschrei hatte sich ihren Lippen entrungen, gross, — entsetzt starrte sie ihn an, fassungsloses Staunen malte sich auf ihren Zügen, — dann zuckte sie zusammen; bleich wie der Tod.
Sie wollte reden und presste fast keuchend die Lippen zusammen, sie wollte die geballte, gebrandmarkte Hand in wilder Rache gegen sein Haupt heben, und liess sie zitternd sinken, Tränen gekränkten Stolzes traten in ihr Auge, dann warf sie den Kopf zurück, atmete tief auf und wandte ihm den Rücken.
Es war der erste Schlag, welcher die Reichsgräfin von Dynar in rauher Züchtigung getroffen. Janek hatte sie gar nicht mehr beachtet, mit der ruhigsten Miene von der Welt war er neben den Apfelbaum getreten, um die geknickten Blütenzweige mit zärtlicher Sorgfalt emporzurichten, die Wirkung seines Schlages schien ihm gleichgültig, noch gleichgültiger fast, als hätte er denselben gegen ein widerspenstig Ross oder einen undressierten Jagdhund geführt, denn solche Tiere nehmen schliesslich Vernunft an und verbessern ihre Fehler, — aber der rote Trotzkopf mit der eckigen Stirn wollte revoltieren, wollte keine Einsicht haben.
Als Xenias Schritte auf dem sonnigen Kiesweg verklungen waren, wandte er dennoch den Kopf und blickte ihr nach.
Ein tiefer Seufzer hob seine Brust, es war, als habe der Gertenschlag sein eigen Herz getroffen, so schmerzlich zuckte es empor, so weh that es ihm.
Tief neigte er das Haupt über einen der abgeschlagenen, so grausam zerstörten Blütenzweige und blickte sinnend in die entblätternden Kelche nieder. Es war ihm plötzlich, als halte er sich sein eigen Bild vor das Auge! Ein fremdes Reis auf fremdem Stamme, von der erbarmungslosen Hand des Schicksals in junger, erster Blüte geknickt, — hineingewirbelt in das Leben.
Janek presste die Hand auf die Brust, er ward sich nicht klar über das, was darin stürmte, nur eines ahnte er wie schweren, unheilvollen Traum, auch hier in seinem Herzen war eine zarte Blütenknospe in den Staub gesunken! Dann richtete er sich resolut empor, fest und markig, wie ein Mast auf schwankem Schiff, der da weiss, dass er in Sturm und hohe Flut hinaussteuert; ein trotziger, beinah spottender Zug neigte seine Mundwinkel.
Seit jenem Tage war eine grosse Veränderung im dem Verkehr der beiden Geschwister vor sich gegangen. Jene Zärtlichkeit, mit welcher sie sich früher so oft begegnet waren, schien wie mit Zauberschlag verschwunden und vergessen. Wochenlang hatte Xenia kein Wort mit Janek gewechselt, unnahbar stand sie ihm gegenüber, der Blick ihres dunklen Auges schien ihn vernichten zu wollen.
Und Janek, dieser milde, fügsame Knabe, dessen höchste Lust es stets gewesen, jeden Wunsch von den Lippen der verhätschelten Schwester zu lesen, der keine grössere Freude kannte, als ihr dienstbar zu sein, der nie widersprochen, sich voll Engelsgeduld all ihren Launen und Unarten gefügt hatte, der nie ein hartes Wort für sie gehabt, dieser Janek war plötzlich wie ausgewechselt. — Er tyrannisierte sie, er handelte ihrem Willen entgegen, wo er nur konnte, er zahlte ihr Gleiches mit Gleichem zurück und liess es sie schmerzlich empfinden, dass er der Ältere, der Erbherr von Proczna sei.
Wie wunderlich glühte es dann in seinem lachenden Auge, wenn er sah, wie sie zähneknirschend gegen die Fessel revoltierte, welche sie sich selber in dünkelhaftem Hochmut aufgebürdet hatte.
Der Landstreicher durfte das Geheimnis seiner niederen Herkunft nicht erfahren, denn bei seinen plebejischen Gesinnungen traute sie es ihm zu, dass er aus Rache diese Schande für sie und diesen Triumph für ihn in alle Welt hinausposaunen würde. Was lag ihm daran? er war ein Graf Dynar geworden und blieb es. — Aber sie, Xenia, sie hätte es nicht ertragen, ihr altes, edles Geschlecht vor den Menschen derart entwürdigt zu sehen. Darum erlitt sie mit all der seltenen, eisernen Energie, welche ihr eigen war, lieber die Beleidigungen und täglichen Kränkungen des Verhassten, als dass sie ihren Stolz unter die Füsse getreten hätte.
Eine masslose Erbitterung erfasste sie gegen ihren Vater; sonst hatte sie täglich die Gruft der Eltern mit Blumen geschmückt, jetzt liess sie Janek allein gehen und neigte sich mit finsterem Blick noch tiefer über ihre Bücher. Sie lernte und studierte plötzlich den ganzen Tag.
Gustine versuchte es in erster Zeit, öffentlich Front gegen das Kuckucksei zu machen, und glaubte es noch mit dem alten, gutmütigen Janek zu thun zu haben. Aber sie hatte sich verrechnet. Fast entsetzt prallte die Alte von ihm zurück, als er ihr auf einen impertinenten Befehl mit einer schallenden Ohrfeige antwortete. Und als sie sich bei dem Gouverneur beklagte, und dieser ihr unziemliches Benehmen gegen den jungen Herrn noch rügte, anstatt ihr beizustehen, da sprühte sie vollends Gift und Galle.
Ihre guten Tage waren vorüber. Sie hatte die leidenschaftlichen Zornesausbrüche Xenia zu ertragen und musste sich eine Behandlung von Janek gefallen lassen, welche ihr jetzt mehr wie deutlich ihre dienende Stellung anwies.
Anstatt Bitten — Befehle. Keine andere Menschenseele wurde von Janek so schroff behandelt wie sie.
Man schwor nicht höher als wie bei ihm, ausser Xenia und Gustine gab es keine Seele im Schloss, welche ihm nicht in aufrichtigster Anhänglichkeit ergeben war.
So kam der Tag, an welchem der Erbe von Proczna für Jahre hinaus von der stillen Heimat Abschied nahm, um die Ritterakademie zu beziehen. Langsam stieg er die hohe Freitreppe des Schlosses hinab, um mit seinem Gouverneur den Reisewagen zu besteigen.
Dicht gedrängt stand das Gesinde, weinte aufrichtige Tränen und schwenkte Tücher und Hüte zum Abschied.
Kalt und teilnahmslos, mit gekreuzten Armen lehnte die Komtesse an dem Thürpfosten und musterte ihn mit schillerndem Blick. Sein Antlitz mit den feinen, etwas bleichen Zügen hatte ihr noch nie zuvor ein so herausforderndes und übermütiges Lächeln gezeigt, als wie in diesem Augenblick, wo er vor ihr stand, noch einmal den Hut von den dunklen Locken zog und ihr die Hand zum Lebewohl reichte.
Ja, er wagte es, ihr die Hand zu reichen! — Sie fühlte auf der ihren den brennenden Schmerz jenes Gertenhiebes. Fester kreuzte sie die Arme, warf das Köpfchen zurück und sagte frostig: „Adieu.“
Seine Hand sank hernieder.
„Heute verweigerst Du mir wie einem verhassten Fremdling den Handschlag,“ sagte er leise, „wenn ich Dich an dieser Stelle einst wiedersehe, bereust Du es vielleicht!“
Sie lachte scharf und spöttisch auf; Janek aber sprang mit lautem, herzlichem Lebewohl nach allen Seiten die Treppe hinab, stand aufrecht im Wagen und erwiderte so lange die Grüsse von Proczna, als sein Blick das alte, einsame Schloss erreichen konnte.
Wie eine hohe, düstere Scheidewand schoben sich die dunklen Fichtenwaldungen zwischen das Einst und Jetzt.
Vorwärts, ihr Rosse greift aus! ....
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