Kitabı oku: «Vae Victis - Band II»

Yazı tipi:

Nataly von Eschstruth

Vae Victis II

Roman

Saga

Vae Victis - Band II

German

© 1911 Nataly von Eschstruth

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711448267

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Vierzehntes Kapitel.

Wie in einem Rausch war Bonaventura die Zeit vergangen.

Obwohl des Winters strenges Regiment noch anhielt, waren es doch Tage voll Sonnenschein und Eisgeglitzer, welche über die Kälte hinwegtäuschten, eine Kälte, welche man höchstens voll Behagen empfand, wenn man, in die molligsten Pelze gehüllt, durch den verschneiten Park wanderte, die Damhirsche und Rehe an den Futterplätzen zu schauen oder die Naturschönheit der Anlagen zu bewundern. In den eleganten Salons und Gemächern von Schloss, Villen und Landhäusern, welche auf das komfortabelste hergerichtet waren, die Neuvermählten auf ihrer Rundreise zu beherbergen, war es warm und bequem, und für Völkern gab es ununterbrochen so viel des Neuen und Interessanten zu schauen, dass ihm der Kopf schwirrte, alles das zu fassen, was ihm nun so plötzlich zu eigen gehörte.

Aber dieses Studium war ausserordentlich schön und anregend und liess ihn jetzt erst zu dem vollen Genuss seiner neuen Lebenslage kommen.

Wie reich Ellinor war, sah er erst jetzt im ganzen Umfang, wenigstens ward es ihm nun erst klar, was sich ein Besitzer von so vielen Millionen alles leisten und gewähren kann!

Und dabei frei zu sein!

Kein Vorgesetzter, kein Dienst, kein Kommando selbst zu Spiel und Tanz —! Er konnte tun und lassen, was ihm beliebte, denn die kleinen Wünsche und Anordnungen seiner Gattin waren gar nicht zu rechnen, im Gegenteil, sie amüsierten ihn, weil sie stets nur ihre beiderseitige Zerstreuung im Sinne hatten. —

Je nun, und einer Dame in jeder Weise Ritterdienste zu tun und sich ihr bei den kleinen Vorkommnissen des täglichen Lebens zu fügen, lag derart von Kindesbeinen an in seiner Natur, dass es ihm selber höchst unfair vorgekommen wäre, diese selbstverständliche Courtoisie zu verletzen.

Wie wenig verlangte Ellinor!

Ihr Interesse für ihn und seine Angelegenheiten ging nicht über das Allernotwendigste hinaus. Sie sorgte in denkbar bester Weise für ihn, sie gab ihm voll feinen Taktes die richtige Stellung und Würde des Hausherrn, ohne sich dabei im mindesten von ihm abhängig zu machen.

Er konnte durchaus so leben, wie es ihm zusagte; Ellinor richtete sich dann sehr geschickt mit ihren Liebhabereien so ein, dass sie die seinen nicht durchkreuzten, sondern wie zwei verschiedenfarbige Seidenfäden in einem Stickmuster nebeneinander her liefen, keiner den andern verdrängend oder dominierend, jeder den eignen Kurs nehmend und doch für das Auge des Beschauers harmonisch und sympathisch wirkend. —

Die Reise brachte so viel Unruhe und Abwechslung mit sich, dass ein seelisches Sichnähertreten der jungen Ehegatten kaum möglich war. Es ward auch von keinem gesucht, im Gegenteil, Bonaventura war beinahe ängstlich bemüht, jedem ernsteren und tieferen Gespräch aus dem Wege zu gehen, und wenn seine Gemahlin in ihrer rücksichtslosen Weise ihre philosophischen Gedanken und Ansichten äusserte, so fand er es für viel bequemer und richtiger, stets damit einverstanden zu sein.

Dadurch ward jeder Disput vermieden; etwaige Differenzen wurden in der Knospe erstickt, und Ellinor lächelte sehr zufrieden, dass ihr Mann nicht zu den Narren gehörte, abgeschmackte Trumpfe auszuspielen, wo es doch kein Übertrumpfen gibt. —

Über solch ein freundliches Wohlwollen stieg jedoch das Barometer ihrer Gefühle für Bonaventura nicht.

Sie war und blieb kühl bis ans Herz hinan, ohne Zärtlichkeit zu geben oder zu verlangen, im Gegenteil, mit der Erfüllung ihres eitlen Wunsches kam ein gewisses Phlegma über sie, welches ihr Wesen und ihre Persönlichkeit noch langweiliger machte, als es vordem schon war.

Sie verhehlte sich die Gefahr, welche für sie selber darin lag, nicht.

„Schon jetzt ist es mir manchmal zumute, wie einem Menschen, welcher zu viel des Guten genossen und sich dabei den Magen verdorben hat!“ schrieb sie voll Selbstironie in ihr Tagebuch; „ich fürchte, nach dem Gabelbissen Bonaventura, auf welchen ich zuvor einen wahren Heisshunger hatte, wird nun eine Übersättigung eintreten. Die Reaktion, welche stets und überall kommt. Ich werde in einen Mittagsschlaf verfallen, welcher länger dauert, als nur ein Viertelstündchen, und wenn ich erwache, werde ich abermals Hunger verspüren — aber nach etwas anderem. — ‚Alle Tage Feldhühner!‘ sagt der Franzose und schaudert dabei. — Auch der brave, wohlerzogene, fügsame Bonaventura gleicht einem Feldhuhn — etwas nüchtern und fad, bei aller Feinheit seiner Art doch nur die sehr schön servierte Platte für einen reellen Appetit — das Pikante, Prickelnde, Anregende, wie es auch der Frauengaumen in Katerstimmung verlangt — das fehlt ihm. — Schade darum. — Aber immerhin! Man wechselt das Menü und und nascht so lange Cayenne und Paprika, bis man einmal wieder mit Feldhühnern fürlieb nimmt!“ —

Und diese Vorahnung schien sich nur allzubald, bereits während der kurzen Hochzeitsreise zu betätigen.

Die junge Baronin lag nach dem Diner mit jedem Tag apathischer im Schaukelstuhl und rauchte eine Zigarette nach der andern, während ihr Gatte das gleiche tat. —

Sie schwiegen dazu; — manchmal küsste Bonaventura die träge kleine Hand mit den wundervollen Brillantringen.

Sie langweilten sich — erst unmerklich, dann immer empfindlicher.

Endlich unterdrückte Ellinor ein Gähnen.

„Wir haben nun drei Wochen lang die Einsamkeit dieser ländlichen Huldigungsreise genossen,“ sagte sie; „du hast meinen Besitz kennen gelernt und weisst Bescheid, wenn von diesem oder jenem die Rede ist, lieber Bonaventura. Ich denke, nun kehren wir in die Residenz zurück!“

„Gewiss, mein Liebling! Drei Wochen ist ja vollkommen genügend für ein enfin seul!“

Sie lachte ein wenig: „Gewiss, wir haben den Anforderungen der Idealisten genügt und gingen in trauter Einsamkeit in den Wogen des Glücks und Alleinseins unter. — Nach der gut absolvierten ersten Nummer dieses Eheprogramms können wir wieder zur Tagesordnung übergehen. — Also reisen wir zurück.“

„Gott sei Dank, das Kofferpacken hat jetzt für mich seine Schrecken verloren.“

„Bist du mit Brand zufrieden?“

„Durchaus; er ist sehr aufmerksam und gewandt.“

„Ich wusste es; darum sicherte ich ihn mir für deine Bedienung!“

„Du bist ein Engel an Güte!“

„Engel!“ — nun lachte sie etwas lauter auf: „Es gibt deren nach Ansicht der frommen Leute verschiedene, auch böse. — Tante Geldern, welche sich so viele Mühe gab, meine arme Seele zu retten, warnte mich einmal in sehr schönem Vergleich! Sie fürchtete, ich könne an der Fackel der Wissenschaft, mit welcher Häckel der Welt so grell in die Augen leuchtet, meine schönen, weissen Schwingen verbrennen — dann wären sie nicht mehr imstande, mich in den Himmel zu tragen.“

„Der Sturz eines Engels! La chute d’un ange!“ versuchte Völkern harmlos zu scherzen.

Sie zuckte mit undefinierbarem Blick die Achseln. „Auch sinnbildlich gemeint? Je nun! Ich bin vollkommen schwindelfrei und riskiere selbst den gewagtesten Flug über das Niveau des Erlaubten, ohne vor einem Halsbruch zu zittern!“

Abermals versuchte er dem Gespräch eine scherzhafte Wendung zu geben.

„Selbstredend per Aeroplan? — Welches System wählst du: Blériot, Farman, Grade, Eulner, Antoinette oder Wright? Man hat ja jetzt eine famose Auswahl!“

Ellinor zerbiss das vergoldete Mundstück ihrer Zigarette wie in nervösem Spiel.

„Danke — zu meinen Höhenflügen brauche ich keine fremde Hilfe — die unternehme ich nach eignem System!“ —

„Hut ab! — Wer wird auch andere Meister anerkennen, wenn man jede Dimension so meisterlich beherrscht, wie du!“

Wollte er sich mokieren, wie Rolf-Valerian stets seine kleinen Piken für sie bereit hatte?

Nein! Mit demselben ehrlichen und offenen Gesicht wie stets schlürfte der Sprecher lachend den starken Kaffee und krönte ihn mit einem Schluck Benediktiner.

„Namentlich die vierte!“ stimmte sie heiter ein. „Die guten und bösen Geister haben einen derartigen Respekt vor mir, dass sich keiner blicken liess, als ich scherzeshalber einmal der Séance eines vielgenannten Spiritisten beiwohnte!“

„Ah — das tatest du? Wie interessant! Und es geschah nichts Aussergewöhnliches?“

„Nein, einen Heidenspektakel abgerechnet, welcher von einem unterirdischen Orchester gut in Szene gesetzt war. — Etwas Reelles zu sehen oder zu fühlen gab es natürlich nicht.“

Bonaventura sah plötzlich sehr nachdenklich aus. „Und doch sind so viele Menschen fest und steif von der Existenz unsichtbarer Wesen überzeugt,“ sagte er langsam; „sogar der Pfarrer, welcher mich konfirmierte, antwortete auf meine diesbezügliche Frage: ‚Selbstredend glaube ich an alle Geister, von welchen in der Bibel die Rede ist — gute und böse. — Wer ihre Existenz ableugnen will, straft die ganze Bibel Lügen, denn die Begegnung des gekreuzigten Erlösers nach seinem Tode mit den Jüngern ist nichts anderes als eine Geistererscheinung!‘“

Baronin Völkern lachte scharf auf: „O, du naives Kind!“ sagte sie voll mitleidigen Spottes und klopfte ihn dabei auf die Wange, wie einem Baby. „Das hat der Herr Pastor gesagt? Ja, sieh mal, wenn diese Herren schon selber an ihrem Dogma rütteln wollten, so schnitten sie sich höchst eigenhändig den Lebensfaden durch und brächten sich um ein gutes, sicheres Brot, welches viele eifrige Gläubige so dick mit Wurst und Schinken belegen! — Schon aus lauter Egoismus und Klugheit muss sich der Herr Pfarrer vor dem schwarzen Mann und polternden Popanz fürchten, damit auch seine brave Lämmerherde nicht das Zittern verlernt! Es ist dieselbe Sache mit den Pastoren wie mit den Fürsten! Diese predigen Hölle und Fegefeuer, Himmel und Gericht, damit ihre Gemeinde ja nicht zusammenschmilzt, und die andern impfen den kleinen Buben schon in der Klippschule den Patriotismus ein, damit sie begeisterte Soldaten und Hurraschreier grossziehen, wenn das liebe Vaterland um irgendeiner Bagatelle willen mit Blut begossen werden muss!“

Zum erstenmal wollte das Blut des verabschiedeten Offiziers heiss und leidenschaftlich emporwallen. Aber er würgte die sehr heftige Antwort herunter und sagte sich: „Es sind ja Weiberhände, welche dein Allerheiligstes antasten, mit denen kannst du nicht abrechnen, wie mit derben Männerfäusten.“ — Auch hatte er sich fest vorgenommen, es nie zu einem Streit zwischen Ellinor und sich kommen zu lassen.

So füllte er sich den kleinen Goldbecher abermals voll Likör und trank ihn langsam, wie ein Beruhigungsmittel aus.

„Aber Liebchen! Das klingt ja ganz sozialdemokratisch!“ rief er anscheinend sehr amüsiert.

Seine Gattin lehnte den Kopf mit sehr ernstem Gesicht gegen das japanische Seidenkissen zurück.

„Gewiss, ich bin auch Sozialdemokratin!“

„Potz Wetter!“

Ihr kalter Blick schien förmlich zu erstarren. „Wundert dich das?“

„Ehrlich gestanden, ja!“

„Und warum?“

„Weil sonst den Besitzern von Millionen und Grossgrundbesitz unsere sicheren, behaglichen Zustände unter dem kaiserlichen Zepter angenehmer sein dürften, als die Anarchie!“

Die junge Frau zuckte die Achseln. „Eine solche egoistische Kirchturmpolitik treibe ich nicht. Ebenso wie Staat und Kirche stets Hand in Hand gehen werden, ebenso sagen wir Freidenker, welche rücksichtslos gegen alles Front machen, was die geistige und kulturelle Entwicklung von Mensch und Volk hemmt: ‚Ni Dieu, ni maître!‘ und erkennen weder einen Gott noch Herrn an, weil beide nur unnatürliche und despotische Gewalten verkörpern, welche jeder freien Entfaltung den Hemmschuh anlegen!“

Völkern wurde es immer unbehaglicher; er bot alle Energie auf, um ruhig zu bleiben. „Bekenntnisse einer schönen Seele!“ scherzte er abermals; „ich verstehe nicht, wie du dich mit solchen in einer Hofgesellschaft wohl fühlen kannst!“

„Ich ziehe ja auch jeden Tag ein Kleid an, von welchem ich mir sage, dass sein Schnitt mordsgarstig, geschmacklos und höchst unbequem ist, wie jede Modenarrheit — aber man fügt sich der Tyrannei, weil sie eben Mode ist! Und ebenso marschiert man nachgiebig in der grossen, gesellschaftlichen Herde mit, weil es momentan noch Mode ist, den Kurs zu nehmen, welchen der Leithammel einschlägt!“

„Sehr richtig! Und über den Kurs fällt mir wieder das Kursbuch und unsere soeben projektierte Abreise ein! — Du bleibst also bei deinem Wunsche, in die Residenz zurückzukehren?“

„Sobald wie möglich; dieser traute Herd zur Winterszeit ist derart, dass selbst der unmusikalischste Mensch ein Klagelied anstimmen könnte!“

Bonaventura atmete auf. Er nahm abermals ihre zierliche, magere Hand und drückte sie in der seinen.

„Herr Walther von der Vogelweide und sein Schüler Stolzing sangen Liebeslieder!“

„Sie lebten vor mehreren Jahrhunderten!“

„Ellinor!“

Sie lachte abermals, nahm seinen Kopf in beide Hände und hauchte einen kühlen Kuss auf seine Wange.

„Gut, gut, dear boy! Dort steht der Flügel! ‚Sing mir dein Lied im Dämmerschein‘ und lass mich unsere schrecklich prosaische Jetztzeit vergessen!“

Die amerikanische Villa warf durch die rotseidenen Fenstervorhänge wieder ihre Purpurlichter auf die weissverschneiten Parkwege und verriet es durch das unruhig in ihr pulsierende Leben, dass das junge Paar von der Hochzeitsreise heimgekehrt sei. Mit geteilten Gefühlen hatte die Dienerschaft sie kommen sehen.

Die Trauung ohne kirchliche Feier war selbstverständlich bis zur Erschöpfung besprochen. Die noch guten und rechtschaffenen Elemente unter dem grossen Tross der Haushaltung hatten voll Empörung solch ein gotteslästerliches Beginnen getadelt, die Leichtsinnigen und Schlechtbeanlagten fanden es ausgezeichnet, gerade das, was ihnen in den Kram passte, denn sie kalkulierten sehr logisch: „Wenn die Herrschaft weder an Gott glaubt, noch seine Strafe und Vergeltung fürchtet, wenn sie selber Gut und Böse nicht anerkennen und nur das tun, was ihnen behagt, so können sie von ihrer Umgebung unmöglich Gewissensbisse verlangen, wenn dieselbe ebenso denkt und sich die weitgehensten Freiheiten auf dem Gebiet von „mein und dein“ gestattet! Warum noch ehrlich, treu, sparsam oder moralisch sein, wenn solche Tugenden gar nicht anerkannt werden?

Gibt es keinen Gott — so gibt es auch keinen Richter und kein Gewissen — man muss sich nur mit einer irdischen Behörde abzufinden verstehen und sorgsam das einzig wahre und praktische alte Gebot halten: „Lass dich nicht erwischen!“

Diese Philosophie war gut, und man amüsierte sich weidlich darüber, weil die Herrschaft mit ihren eignen Waffen geschlagen ward. Wie behaglich war es nun, die Millionäre nach der Möglichkeit zu beschwindeln!

Einer arbeitete dem andern in die Hand, und die anfänglich Guten wurden durch das tägliche Beispiel bald schlecht.

Da ward ein Samen ausgestreut, welcher bald üble Frucht trug, denn auf abschüssiger Bahn geht es rapid bergab, und wer anfangs aus Eigennutz und Schlauheit gottlos schien, der ward es bald voll und ganz aus Überzeugung, denn was könnte dem Laster wohl besseren Vorschub leisten, als die bequeme Versicherung: „Erlaubt ist, was gefällt.“ —

Ein Glas Tinte in einem Eimer voll Milch schwärzt dessen ganzen Inhalt, und ein böses Beispiel im Hause verdirbt zumeist alle Seelen, welche darin sind, um so leichter und schneller, wenn jeder gute Einfluss ausgeschieden war, wie es mit der Abreise der Gräfin Geldern geschah. —

Bonaventura bekümmerte sich prinzipiell nicht um häusliche Angelegenheiten, erstens, weil er nichts davon verstand und sie sehr langweilig fand, und zweitens, weil Ellinor ihm erklärt hatte, dass das Regiment in Haus und Hof in ihren Händen ruhe.

Er war der letzte, welcher es ihr streitig machte. Voll lebhaften Interesses hatte er die prunkvollen Gemächer, welche ihm seine Gattin als Reich des „Hausherrn“ zuwies, bezogen, und noch einmal überkam es ihn wie ein Märchentraum, wenn er sich mit all den einzelnen Kostbarkeiten vertraut machte. Der Reiz der Neuheit übte seinen Zauber, und er lechzte nach dem Triumph, seine ehemaligen Kameraden in diesen Sesam zu führen!

Welch ein Besichtigen, Staunen, Neiden wird das geben!

Wie schön ist es, die gönnerhafte Rolle des reichen Mannes zu spielen!

Wie wird es ihm auch eine aufrichtige Freude sein, von seinen grossen Mitteln abzugeben und diesem und jenem armen Bürschchen, welches von Kaisers Zulage lebt, einmal mit einem braunen Lappen unter die Arme zu greifen, wenn Not an Mann geht!

Völkern war stets eine sehr vornehm denkende Natur und ein guter, hilfsbereiter Kamerad gewesen; er wird es jetzt doppelt sein, wenn er sich dadurch noch den Genuss verschafft, als Wohltäter bewundert und verehrt zu werden.

Das junge Paar fuhr tagelang seine Visiten, und wenn Bonaventura Kameraden begegnete, so lud er sie in liebenswürdigster und gastfreiester Weise ein, in der amerikanischen Villa zu verkehren, als seien sie jeden Tag eingeladen. —

Es fiel ihm auf, dass die Herren zumeist etwas steif und förmlich dankten, dass sich etliche sogleich mit Vorarbeiten zur Kriegsakademie oder sonstigen Kommandos entschuldigten, welche ihre Geselligkeit begreiflicherweise sehr beschränke!

Mit mitleidigstem Lächeln begriff Bonaventura dies nur allzugut.

Aber seltsamerweise vergingen eine Reihe von Tagen und abermals Tagen, bis eine erste Equipage vorfuhr und der Diener in der amerikanischen Villa die Karten abwarf, ohne seine Herrschaft zu melden.

Und langsam, sehr langsam erfolgten die weiteren Gegenvisiten.

Auch die Hofchargen gaben nur Karten ab, ebenso viele Offiziersfamilien.

Einige Ausnahmen machten auch hier die Regel; Menschen, welche keinerlei Rücksicht zu nehmen hatten und solche, welche sich um jeden Preis amüsieren wollen, liessen sich melden und schickten Einladungen.

Völkern fiel diese allgemeine Zurückhaltung auf, und zum erstenmal machte er es sich klar, dass das Gold wohl doch nicht eine derartige Allgewalt besass und alle Nacken in den Staub beugte, wie er angenommen.

Man hatte Ellinor und ihm die Ziviltrauung sehr übel genommen.

Fraglos mit Fug und Recht; nur hatte er nicht geglaubt, dass man dies so deutlich markieren werde.

Ein Gefühl von Ärger und Scham trieb ihm anfänglich das Blut in die Stirn; aber seine Gattin lachte ironisch und sagte achselzuckend: „Die guten, frommen Leute wollen uns strafen und denken, es geht nicht ohne sie! Nun wollen wir sehen, wer zuerst die Segel streicht! Sowie es die nächste grosse Wohltätigkeitsveranstaltung gibt, zu welcher man Geld braucht und die reichen Leute zur Ader gelassen werden, wird man fraglos den Weg zu uns finden. Schade, dass Rolf-Valerian abgereist ist — die Mütter mit heiratsfähigen Töchtern pflegen in der Regel ein sehr gewichtiges Wort mitzusprechen!“

„Nun — er kommt ja bald wieder!“ nickte Bonaventura mit glimmendem Blick, „und ich denke, dann lassen wir uns erst eine ganze Weile suchen, ehe man uns finden wird!“

„Selbstredend! Was verlieren wir in einer Welt, in der man sich langweilt? Ich fand all die letzten Feste, voll steifer Knixe, lorgnettierender alter Exzellenzen und der ständigen gefüllten Pute, furchtbar! — Das lohnte ja kaum das Anziehen. Es gibt auch eine Grenze für die Wohlerzogenheit. Ich habe einen geradezu brennenden Durst, einmal etwas anderes aus dem Becher des Vergnügens zu nippen, wie Harzer Sauerbrunnen!!“ —

Völkern dehnte mit aufblitzendem Blick die Arme.

„Wie hast du so recht! Man ist ja ein Narr, wenn man sich als freier Mensch noch von der ‚Amme Gewohnheit‘ gängeln lässt! Ich möchte aufbegehren und der ganzen steifbeinigen Gesellschaft mit dem Herrn Oberhofprediger an der Spitze einmal zeigen, dass man sie nicht braucht, um das Leben schön zu finden!“

„Ganz meine Ansicht! Wir sind keine Kinder mehr, welche erzogen werden müssen! Menschen, die uns Opposition machen, lassen wir laufen und tun nun gerade erst recht, just das, was wir für gut befinden! Die Residenz ist ja so gross! Du wirst schon Unterhaltung finden. Ich für meine Person fahre heute abend in den Zirkus!“

„Gut! Ich sehe mir die Folies caprice an!“

Sie lachte: „Viel Vergnügen!“ —

„Danke!“

Zum erstenmal ging jedes seinen eignen Weg.

Bonaventura voll Trotz und Ingrimm, Ellinor sehr gelassen und amüsiert, ohne sich im mindesten darum zu kümmern, was die lieben Nächsten dazu sagen.

Etliche Tage später, nachdem sie den schönen Hindudompteur genügend durch das Opernglas gemustert hatte, überraschte die Baronin ihren Gatten durch die heitere Mitteilung, dass sie heute abend vierzehn der ersten Zirkuskünstler zum Diner eingeladen habe.

Bonaventura sah zuerst etwas betroffen aus. Dann zuckte er gleichmütig die Achseln.

„Warum nicht? Es gibt wohl viele Mäzene der Kunst in einer Grossstadt!“

Die Künstler kamen, und man amüsierte sich wundervoll. — Namentlich zum Schluss des Diners, als der überreiche, feurige Wein seine Schuldigkeit getan, kam eine grossartige Stimmung.

Ellinor sass neben dem Dompteur und vergass ihr Phlegma vollkommen.

Er war wirklich sehr schön; aber er wurde erst langsam, sehr langsam gesprächig. Er ass sehr wenig, trank auch mässig, rauchte aber nach Tisch voll wahrer Leidenschaft.

Sein Blick sprach mehr als Worte; er war der deutschen Sprache nicht mächtig, und europäische Sitten waren ihm fremd. — Trotz seines etwas schwermütigen und träumerischen Wesens war er interessant, und Frau von Völkern hatte noch nie so viel und so lebhaft englisch geplaudert, wie an diesem Abend. —

Bonaventuras Heiterkeit war etwas nervös. Anfänglich kam es ihm höchst seltsam vor, in Gegenwart seiner jungen Frau und in seiner Häuslichkeit, welche er nach dem Vorbild seines so ehrenhaften Vaters doch wie ein Heiligtum erachten sollte, mit nicht allzu korrekten Zirkuskünstlerinnen zu flirten; da aber Ellinor sich sehr ungeniert von dem flotten Jockeireiter und dem interessanten Indier anschwärmen liess, sah er keinen Grund ein, sich auf den Tugendhelden aufzuspielen!

Blumen, welche auf einem Sumpf wachsen, sind die giftigsten, und für einen Feinschmecker ist dasjenige Fleisch der grösste Leckerbissen, welches etwas Hautgout hat.

Bonaventura war kein Fremdling auf dem heissen Boden der Grossstadt — dass er ein verhältnismässig solider Mann geblieben, verdankte er seiner vortrefflichen Erziehung, deren moralische Tendenz ihm in Fleisch und Blut übergegangen war; auch bedurfte er zu seiner eignen Bequemlichkeit und seinen luxuriösen Liebhabereien seine immerhin bescheidenen Einkünfte selber, und als dieselben in den letzten Jahren so bedenklich zusammenschmolzen, blieben ihm nicht die genügenden Mittel, kostspielige Beziehungen zu unterhalten oder das Leben in derart vollen Zügen zu geniessen, wie es die Grostssadt so verführerisch bot! —

Nun war das mit einem Schlage anders geworden.

Hätte er einen festen, moralischen Halt in seiner Ehe gefunden, und wäre Ellinors Einfluss ein ebenso segensreicher gewesen, wie ehemals derjenige seiner Mutter, so hätten wohl seine Eitelkeit und Prunksucht recht aussergewöhnliche Blüten getrieben, ohne doch den so guten Kern seines innersten Menschen ankränkeln zu lassen.

Das aber, was seine junge Gemahlin tat, war, ihm das denkbar schlechteste Beispiel zu geben, ihn durch ihre Gottlosigkeit in übelster Weise zu beeinflussen und einen Samen in sein so leicht empfängliches Herz zu streuen, welcher nur als Unkraut aufsprossen konnte.

Dazu kam die schiefe Stellung, welche er plötzlich in der Gesellschaft einnahm, die Enttäuschung, die Triumphe des Goldes nicht in dem Kreise, welchem er angehörte, derart feiern zu können, wie es ihm seine Selbstüberhebung vorgegaukelt.

Er ärgerte sich, er trotzte, er ward mehr und und mehr in Empfindungen hineingedrängt, welche sehr bald auf falsche Wege führen. Warum und für wen noch Rücksichten nehmen? Warum als Tugendheld sein Leben vertrauern, wenn ringsum die Freude lockt und glüht? Warum an reicher Tafel fasten, wenn ihm so voll eingeschenkt wird und er Geld, viel Geld hat, um seine Sinne zu berauschen? Ja, berauschen! Das war das rechte Wort! Wie Fieberdurst glühte es plötzlich in seinen Adern, immer brennender und begehrlicher, je mehr sich die Tore schlossen, welche in die „heiligen Hallen“ der exklusiven Geselligkeit führten.

Die Saison war vorüber — ein Tete-a-tete mit seiner Gemahlin war für beide kein Genuss mehr — sie hatten jeglichen Reiz für einander verloren und lebten in recht ungestörter, äusserlich bestharmonischer Ehe — modernsten Musters.

„Sie sagt ‚Monsieur!‘

Er sagt ‚Madame!‘

Ganz nach Pariser Art!“

Und jedes amüsierte sich auf seine Fasson.

Da schmeichelten die glitzernden, gleissnerischen Wogen des grossstädtischen Sündenpfuhls um die Füsse des jungen Mannes, da stiegen sie höher und höher an ihm empor bis zu seinem Herzen, welches im Fiebertraum der Lust nur allzuschnell Ellinors Sprache lallte — keinen Gott und keinen Herrn! —

Höher und höher ... bis es nur noch des letzten, unheilvollen Aufbrausens bedurfte, um über seinem Haupt zusammenzuschlagen.

Vae victis! —

Der Winter war vergangen — der Sommer war nicht auf den Gütern, sondern in den elegantesten Bädern verlebt, welche den Ruf haben, sehr schick, sehr teuer und sehr amüsant zu sein. —

Erst im Herbst kehrte man nach der Residenz zurück, und die amerikanische Villa erblickte dasselbe Leben und Treiben, wie in dem vergangenen Jahr, als die gute Gesellschaft immer spärlicher in den fürstlichen Räumen vertreten war und das Kunstmäzenatentum ein immer durchsichtigeres Deckmäntelchen für die extravaganten Gelüste und Passionen des jungen Paares wurde!

In dem Getreibe einer Grossstadt bleibt manches unbemerkt und geht vieles in dem Trubel und Strudel der Menge unter, bis die einzelnen Gerüchte dennoch durchsickern, bis Frau Fama doch plötzlich auf verbotenen Wegen nachschleicht und dann die Lärmtrompete an die Lippen setzt, um jählings auf Markt und Gassen bekannt zu machen, was man zuvor nur als geheimnisvolles: „Man sagt“ — von Lippe zu Lippe raunte! —

Herr und Frau von Völkern standen immer isolierter auf ihrer goldenen Höhe. —

Ihr spöttisches Lachen und sein ingrimmiges Zürnen, welches anfänglich die „Spiessbürger“ und „Mucker“ geisselte, verstummte, und das Scherzen und die tolle Fröhlichkeit ihres so köstlichen Auslebens klang mehr und mehr gewaltsam, wie bei einem Trunkenen, welcher die erschlaffenden Lebensgeister noch einmal mit doppelt starken Dosen von Alkohol aufpeitscht, ehe sie vollends in sich zusammensinken. —

Sowohl die amerikanische Villa wie das so viel durchärgerte Leben in der Residenz hatten ihren Reiz verloren.

Auch der zweite Sommer ward durch weite Reisen in das Ausland ausgefüllt, und im Spätherbst kehrte man nur noch einmal für ganz kurze Zeit nach Paris zurück, um für eine Winterkampagne in Ägypten zu rüsten.

Fünfzehntes Kapitel.

Die Sonne war in wunderbarer Klarheit untergegangen und löste mit dem letzten Scheidegruss eine Farbenpracht aus, wie sie nur in Märchenträumen oder dem Orient zu finden sind.

Der Himmel flammte in Lichtgluten, welche vom grellen Schwefelgelb bis in das feurigste Orange spielten, durchblitzt von Purpurstreifen, welche, gleich dem königlichen Banner des Tages, zur letzten Huldigung für den Scheidenden gehisst waren! —

Nach Osten lagerte noch das tiefe Azurblau über dem Horizont, sich in köstlichem Farbenspiel abtönend, bis das Feuermeer des Sonnenuntergangs die Regenbogenskala verschlang und wabernde Lohe über die wehenden Schleier der Lichtgöttin triumphierte. — Aus dem Niltal stieg es zart und duftig wie ein Hauch empor.

Die graziösen Blätterkronen der Palmen schimmerten violett und taubengrau; breite, blendende Reflexe lagen auf den langsam rollenden Wogen des Flusses, und in dem eleganten Luxor blitzten die ersten Lichter auf, begann das interessante und internationale Leben der grossen Hotels.

Auf den Terrassen des Savoyhotels trank man nach dem Diner den Kaffee und träumte, in den bequemen Sesseln liegend, ein Märchen aus Tausend und einer Nacht, dessen Mittelpunkt jedoch das hochmoderne Abendland mit all seinem verschwenderischen Luxus, seinen Errungenschaften der Neuzeit und seinen lebensfrohen Menschen bildete, welche es per Dampfer und Extrazug hinausgetrieben, die Wunder des Südens mit eignen Augen zu schauen. In dem Garten mit all seiner tropischen Pflanzenpracht huschten die schlanken, braunen Gestalten der Ägypter, welche, zum Teil sehr malerisch kostümiert, ihre Verkaufsartikel feilboten oder träge hingelehnt, einer Bestellung für Reittier oder Wagen warteten. —

An einem kleinen Tisch, auf welchem die eleganten Mokkatassen dufteten und erlesene Liköre in farbigen Kelchgläschen glühten, hatte eine kleine Gesellschaft Platz genommen. Baronin von Völkern, in einer Toilette, welche der Poesie dieser Umgebung und dem Geschmack der Trägerin alle Ehre machte, war an dem Arm ihres schönen Gemahls über die Terrasse geschwebt, um sich lässig in einen der niederen Sessel gleiten zu lassen — Mattfarben blauer Crêpe de Chine floss wie ein Spinngewebe in weichsten Falten an der überschlanken Direktoirfigur nieder und verlor sich in langer Schleppe, von deren Saum eine schwere Silberstickerei emporstieg und sich über das ganze Vorderteil des Kleides emporrankte.

Schalartig gebundene Schärpen, durch breite Silberfranzen beschwert, schlangen sich, über der Brust kreuzend, um die kurze Taille und rieselten lang auf die Schleppe hernieder; Sträusse von frischen, weissen Hyazinthen dufteten sehr stark an dem Ausschnitt der tief dekolletierten Taille, und um den Hals wand sich ein vielreihiges Perlenhalsband, durch die erlesensten Brillantspangen zusammengehalten.

So wenig hübsch auch das Gesicht der jungen Frau war, und so unsympathisch es durch seinen Ausdruck sentimentaler Arroganz ward, wirkte die ganze Erscheinung dennoch verblüffend schick und reizte die abenteurlustige Männerwelt, dieser Dame, welche durchaus nicht abgeneigt schien, Romane zu erleben, die Schleppe zu tragen.

Bonaventura war nicht im mindesten eifersüchtig, nicht einmal auf den so hochinteressanten und eigenartigen Syrier, den Grafen Nicodemo Cassarate, dessen Anblick bereits seine extravagante Gattin in einen wahren Taumel der Begeisterung versetzte. Sie brachte die Lorgnette gar nicht von den Augen, wenn der eigenartige Mann in dem Speisesaal oder auf der Terrasse erschien, bis sich der so stark Provozierte schliesslich mit einem wunderlichen kleinen Lächeln Herrn von Völkern vorstellte mit der lakonischen Bitte: „Führen Sie mich zu madame la baronne.“

Dies geschah selbstverständlich sofort.

Seit jener Stunde war Graf Nicodemo Cassarate der tägliche Begleiter Ellinors — ja, man hätte sagen können, ihr Verehrer, wenn dieser Titel für den wunderlichen Herrn gepasst hätte. —

Richtiger war es, die Baronin seine Verehrerin zu nennen, deren schmachtende Bewunderung der interessante Mann so nachsichtig huldvoll, beinahe resigniert erduldete, wie der Mond sich anbellen lassen muss, weil er es leider nicht verbieten kann. —

Graf Nicodemo war kein schöner Mann in des Wortes eigentlichster Bedeutung, aber er war eigenartig, so ganz aussergewöhnlich und hinreissend originell, dass er selbst die schönsten Engländer und Franzosen, welche in Luxor für unwiderstehlich galten, fraglos in den Schatten stellte.

Ein schmales, fleischloses, sehr scharfgeschnittenes Gesicht, mit kühn gebogener Nase und zwei tiefliegenden Schwarzaugen, welche in unbändiger Leidenschaft wie ein Höllenbrand glühten — grosse, spitze, blendend weisse Raubtierzähne, welche unter dem dunklen, kleinen Schnurrbart blinkten, als schliche ihr Besitzer einem Opfer nach — dazu ein tief gebräunter Teint und eine grosse, schlanke, biegsame Gestalt, der man die zähe, fast eiserne Muskelkraft wie einer Offenbarung ansah — dies war Graf Nicodemo.

Ein syrischer Wolf! —

Eine jener kometenartigen Erscheinungen, von denen niemand recht weiss, woher sie kommen und wohin sie gehen — von denen man dies und jenes Geheimnisvolle munkelt, wie der Goldstreif, welcher hinter ihnen herrauscht, erworben ist, wie dies oder jenes Kapitel aus ihrem Vorleben so dunkel ist — wie sensible Seelen bei dem Anblick der langen, schmalen Hände mit den wohlgepflegten Krallennägeln den Atem so ängstlich anhalten, als fühlten sie diese Hände plötzlich würgend an ihrem Halse. —

Wo seine Familie herstammte?

Man wusste es nicht und fragte nicht danach.

Wo sein Wohnsitz war? — Ob er überhaupt ein home hatte oder nur ruhelos die Welt auf seinem wundervollen Auto durchraste? —

„Nie sollst du mich befragen!“ stand es voll drohender Abwehr in den finsteren Augen.

Ein syrischer Wolf!

Die Wüste ist so gross, es versteckt sich so viel Raubzeug darin — wer spürt ihm nach!

Den Hof machte Graf Nicodemo nicht.

Er beugte den erzenen Nacken vor keinem Weib, auch vor dem schönsten nicht.

Er befahl, und sie lag zu seinen Füssen und gehorchte. — Wie eine zwingende, unheimliche Gewalt lag es in seinem Blick, und wehe der verwöhnten, kleinen Mädchenhand, welche in koketter Laune mit diesem wilden Feuer spielen will — es verzehrt sie selbst.

Man erzählt sich, dass der Graf den vergangenen Winter in Kairo verlebte.

Eine sehr hübsche, anspruchsvolle Dollarprinzessin, die Witwe eines Amerikaners, kaprizierte sich darauf, den „syrischen Wolf“ zu zähmen und ihn mit den Rosenketten der Liebe zu binden!

Und dieweil sie sich einbildete, den Stolzen mit tausend feinen Maschen der Koketterie zu umstricken, war sie es selber, die sich unrettbar in diesen Fädchen fing, die selber in wahnwitziger, unheimlicher Leidenschaft erglühte, so dass sie das Leben ohne ihn nicht mehr ertrug.

An dem Morgen, wo der Unbesiegbare mit seinem regungslosen Bronzegesicht unverlobt abgereist war, hatte sich die arme Missis in ihrem Zimmer vergiftet, und ein kleiner, festverschlossener Koffer, an welchem sie noch die Adresse des Grafen befestigt, brachte diesem ihren letzten Abschiedsgruss — all ihren immens wertvollen Schmuck und ein grosses Kapital, welches sie bereits flüssig gemacht hatte, um eine Herrschaft mit herrlichem Schloss in der Nähe von Paris zu kaufen. Dort wollte die verblendete Frau die Flitterwochen mit dem geliebten Mann verleben, wie sie selber einer Freundin anvertraut.

Aber der Unbesiegbare schied, ohne sie erhört zu haben, und die verschmähte Millionärin rächte sich dafür so edel, wie es ihrer grossen Liebe würdig war — sie schenkte ihm als Andenken den Besitz, woselbst sie in seinen Armen ein seliges Liebesglück erträumen wollte. —

Wie interessant solch ein Sieg über Weiberherzen doch einen Mann macht!

Ellinor war begeistert.

„Ich verstehe, dass sie ihn liebte — dass sie ihn aber so ohne weiteren Kampf freigab, begreife ich nicht!“ rief sie sehr lebhaft; „der Tropfen höhlt den Stein, und wenn es ein Weib nur richtig anfängt, so muss sie schliesslich den Sieg behalten und den Begehrten dennoch zu ihren Füssen sehen!“

Bonaventura hatte es längst aufgegeben, seiner Gemahlin auch nur im geringsten zu widersprechen! — Warum das? Er liebte keine bissigen Bemerkungen und fand es viel zu gleichgültig, wie und was die Baronin Völkern gut fand und behauptete!

So nickte er auch jetzt nur und beschränkte sich, im höflichen Konversationston hinzuzufügen: „Die Damen sind so grundverschieden beanlagt! Ich hörte, dass reifere Frauen wie fasziniert von dem eigenartigen Mann sind, junge, kindlich reine Mädchen aber seine Nähe meistens fliehen, wie das Küchlein den Habicht!“

„Damit urteilst du selbst über die naiven Gänschen, welche sich instinktiv vor einer Gefahr fürchten, welche die betörende Eigenart dieses Mannes für ihre keusche Jungfräulichkeit bildet! — Ich für meine Person kenne keinen höheren Genuss, als mit diesem geistvollsten aller Männer zu plaudern!“

Auch jetzt, als man auf der Terrasse sass und den Mokka schlürfte, wartete Ellinor voll fast nervöser Unruhe auf den Grafen, welcher einen Jagdausflug von mehreren Tagen machte und heute abend zurückkehren wollte. Als er ging, hatte er ihr nicht, wie sie es von allen gewöhnt war, galant die Hand geküsst, sondern sie nur mit dem scharfen, blitzenden Blick angeschaut.

„Sie fürchten für mich, Baronin?“ lachte er, indem er nur die Lippe ein wenig über die grellen Zähne emporzog, „ich habe schon manchem Raubtier furchtlos gegenübergestanden!“

„Und es stets besiegt?“

„Stets. Mit der Waffe und der Faust.“ Er zog mit geschmeidiger Bewegung das lange Dolchmesser, welches sich an dem Jagdgurt schaukelte, aus der Scheide und hob den sehnigen Arm. — Er schien aus Eisen.

„Auf diese gute Klinge vertraue ich oft noch mehr, als auf die Büchse — sie liess mich noch nie im Stich und trank sich oft satt an königlichem Blut!“

„Königlichem Blut?!“

Seine Zähne schienen zu phosphoreszieren: „Warum erschrecken Sie? Ist der Löwe nicht der Tiere König?“ —

„Gewiss, gewiss .. und wenn es auch nicht nur einer Wüstenmajestät gegolten ... je nun .. wir verstehen uns ja!“

Welch wunderlicher Ausdruck in seinen harten, grausamen Zügen. „Ja, wir verstehen uns. Alles und jedes ist für uns ein Feind und jagdbares Wild, was sich uns entgegenstellt und es auf den Kampf ankommen lässt, wer da ducken soll! —“ Er stiess den Dolch in die Scheide zurück und reichte ihr die Hand. „Leben Sie wohl, Baronin! Ich bedarf Ihrer Wünsche nicht; — es gilt stets das Recht des Stärkeren, und ich glaube, der werde ich immer sein — auch auf dem Gebiet, wo sonst das Weib seine Triumphe über den Mann feiert!“ — — Er drückte ihre mageren, schmalen Finger, dass sie vor Schmerz hätte aufschreien mögen — und ging, ohne sich nur einmal umzuwenden, nach dem Nildampfer hinab, auf welchem seine, meist eingeborene, Dienerschaft ihn erwartete. Ja, sein Händedruck tat weh — er war ein rüder Gruss für solch ein verwöhntes Händchen; aber Ellinor fühlte, wie ihr Herz in heissem Entzücken tobte.

Der Riese, der gewaltige, unbeugsame stolze Übermensch, vor welchem alles — auch sie in den Staub muss! —

Endlich! — Endlich hat sie ihn gefunden!

Nun sitzt sie auf der Terrasse und erwartet ihn voll fiebrischer Ungeduld.

Je tiefer die Schatten sinken, je voller und zauberhafter der Mond aufsteigt und alle elektrischen Flammen glühen, desto erregter wird sie und desto unliebenswürdiger zeigt sie sich gegen ihre Umgebung.

Rolf-Valerian ist vor acht Tagen eingetroffen; selbstredend lernte er Graf Cassarate auch kennen.

Mit seinen langsam müden Schritten kam er aus dem Hotel und liess sich leise ächzend neben Ellinor in einen Sessel niederfallen.

Ein schneller Blick huschte nach Bonaventura hinüber, welcher an der Brüstung stand und auf das Leben und Treiben des Nils herniederschaute.

„Hör mal, Schwesterchen —“ flüsterte Herr von Heym, sich näher neigend, „ich habe eine Bitte!“

Ellinor rührte sich nicht.

„Was soll’s?“ —

„Ich habe gestern abend mit Nicodemo Cassarate in einem Kreise exquisiter Lebemänner gezecht. Es ging etwas wüst her — natürlich wurde auch gespielt.“

„Natürlich?“

„Natürlich; wie hätte dieses Laster bei so vielen andern fehlen dürfen? — Ich habe mich verausgabt.“

„Hm ... persönliches Pech. Freut mich für Cassarate.“

„Kannst du mir aushelfen?“ —

„Nein.“

„Scherzest du?“

„Durchaus nicht. Mir ist sehr wenig burlesk zumute.“

„Du verfügst doch über genügende Mittel?“

„Gewiss; ich rechne auch und werfe das Geld nicht zum Fenster hinaus.“

„Was soll ich anfangen?“

„Das ist deine Sache.“

Rolf-Valerians Blick bekam etwas Stechendes, als er die so wenig liebenswürdige Schwester scharf fixierte.

Einen Augenblick überlegte er.

Ellinor war sichtbar sehr schlechter Laune, was begreiflich war, da der Gegenstand ihrer Anbetung rücksichtslos genug war, die so selbstherrliche Dame aus rein egoistischen Gründen warten zu lassen.

An und für sich war das höchst amüsant zu beobachten, wie die arrogante Predigerin Nietzschescher Thesen endlich die einsam auf Löwen und Schakale streifende, nicht blonde, sondern pechschwarze Bestie gefunden hatte, welche nicht nur mit der Reitgerte, sondern mit der Nilpferdpeitsche und dem Dolch zum Weibe ging.

Diese Spezies Mann imponiert der Frauenrechtlerin noch etwas mehr, als der ritterlich galante, stets rücksichtsvolle und liebenswürdige Gatte, welchem das „Ewig-Weibliche“ noch genau so hoch und heilig erscheint, wie dem Dichter Frauenlob! —

Es wird der teuern Baronin absolut nichts schaden, wenn sie ein bisschen schlecht von einem oppositionell beanlagten Verehrer behandelt wird; nur in diesem Augenblick passt es Herrn von Heym durchaus nicht in den Kram, denn er kannte die grenzenlose Unfreundlichkeit seiner Schwester, welcher es ein Bedürfnis ist, im eignen Ärger möglichst viele andere Menschen ebenfalls anzuärgern. — Sie jetzt an die Schuld erinnern, in welcher sie sich ihm gegenüber befindet, wäre erst recht töricht, denn da Ellinor keinen Funken von Liebe oder nur Interesse für den Gatten mehr besitzt, würde sie ihn höchstens als verrückt verspotten, wenn er jetzt einen beträchtlichen Lohn dafür verlangte, dass des Bruders kluges Eingreifen ihr zu seinem Besitz verholfen. Dafür muss er gelegenere Zeit abwarten. Rolf-Valerian nagte momentan unschlüssig an der Lippe; dann blies er, sehr gelassen wie stets, die blauen Wölkchen seiner Queen in die wonniglinde Nachtluft und begegnete dem boshaft lauernden Blick der Schwester, ohne mit einer Wimper zu zucken.

„Nun? Was wirst du denn tun?“ fragte Ellinor und zerzupfte in grausamem Spiel die stark duftenden Blüten, welche vor ihr auf dem Marmortischchen standen. „Spielschulden müssen von anständigen Menschen umgehend bezahlt werden! — Ist wohl peinlich, vor einem Mann wie Nicodemo Cassarate so abgebrannt zu erscheinen?“

Der Gefragte schlug das Bein über, dass der feuerrote seidene Strumpf hoch über dem Lackschuh zu sehen war.

„Durchaus nicht. Die Herren bezahlte ich umgehend per Scheck. Mir fehlt nur momentan das nötige Kleingeld zum Verplempern. — Die Hotelrechnung kommt erst in acht Tagen, bis dahin habe ich mir längst das Nötige per Telegraph anweisen lassen.“

Frau von Völkern war enttäuscht, und das ärgerte sie abermals.

Sie wandte den Kopf und erwiderte den Gruss einer Französin, welche in weisser Spitzentoilette näherrauschte.

Ellinor hatte beobachtet, dass sie ebenfalls für Graf Cassarate glühte, aber eine lange nicht so bevorzugte Rivalin war, wie sie. — Es wäre amüsant, die Bedauernswerte noch ein wenig mehr zu alterieren, darum hob Ellinor voll lässiger Grazie die Hand und rief: „Wohin? Trinken Sie Ihren Mokka bei mir und lassen Sie uns plaudern!“ —

Herr von Heym erhob sich und trat nach ein paar höflichen Worten zurück, um an Bonaventuras Seite, an die Brüstung der Terrasse zu schreiten.

In seinen halbzugekniffenen Augen lauerte eine kleine Schlange, welche La Revanche heisst.

Völkern richtete sich empor und reichte dem Nahenden flüchtig die Hand.

„Schon da?“ scherzte er, „bereits ausgeschlafen?“

„Spotte nur, du wunderlicher Kerl, der die ganze Nacht wie ein Murmeltier verschnarcht; ahnst gar nicht, wie anstrengend so eine Saison in Luxor ist!“

„Nein — ich ahne es nicht.“

„Warum eigentlich nicht? Ellinor ist die verkörperte Toleranz, an Geld fehlt es dir auch nicht — warum spielst du dich plötzlich so sehr als den Soliden auf?“

Bonaventura zuckte die Achseln. Sein Blick, welcher über den unvergleichlichen Zauber des abendlichen Niltals schweifte, bekam etwas Schwärmerisches.

„Ich bin ein Gefühlsmensch!“ lächelte er, „und ein vollkommener Neuling jedem orientalischen Märchenreiz gegenüber. Was du schon ungezählte Male geschaut, wirkt auf mich noch wie eine Narkose, was dich bereits langweilt, erfüllt mich noch mit Entzücken.“

„Alles zugestanden! — Aber du kannst ja den ganzen Tag und Abend in Natur schwelgen, die Nacht kannst du immerhin der Venus vulgaris opfern! — Warum spielst du nicht mit mir bei Cassarate?“

„Verzeih den harten Ausdruck — es ist mir zu wüst. — Der Mann verkörpert für mich den Inbegriff alles Unsympathischen!“

Rolf-Valerian lachte hellwiehernd auf: „Dass die Eifersucht nicht aus dir spricht, alter Junge, weiss ich! Du bist mehr ahnungsvoller Engel als Türke!! Und deine Gattin scheint sich alle Tage mehr für den syrischen Wolf zu begeistern!“

„Unfasslich. — Aber jeder hat ja seinen eignen Geschmack. Ich für meine Person kann mich des Argwohns nicht erwehren, dass der exotische Herr Graf eine recht dunkle Existenz ist!“

„Wohl möglich! Die ägyptischen Modeplätze sind ja anerkannt Sammelort für allerlei Hochstapler und Abenteurer — aber gerade darum für den Beobachter so interessant.“

„Ich würde es für entschieden gut halten, nicht allzu intim mit Cassarate zu werden; aber es ist ja unmöglich, Ellinor in diesem Sinne zu beeinflussen!“

Der Blick Rolf-Valerians schillerte: „Na nu! Das wäre schlimm! Du bist doch ihr Ehegatte und kannst ihren Verkehr sehr energisch regeln! Du bist viel zu gutmütig! Dem Trotzkopf gegenüber musst du sehr andere Saiten aufziehen! Welch ein Mann lässt sich derart auf der Nase herumtanzen, wie du?!“

Bonaventura richtete sich beinahe entsetzt empor. „Um alles! Es würde Mord und Tod geben! So wie ich Ellinor kennen lernte, halte ich jede Beeinflussung ihres Willens für ausgeschlossen. — Ausserdem ist mir jede häusliche Szene ein Greuel. — Sie ist alt genug, um zu wissen, was sie zu tun und zu lassen hat.“ —

„So so! Nun, es ist ja deine Sache! Bequemer ist es freilich, wenn jedes den eignen Weg geht. — Apropos .. Nicodemo und Konsorten sind abwesend, ich langweile mich — kommt mit in meinen Salon, wir spielen mal für uns ein Kümmelblättchen! Ist ja unter Schwägern ganz egal, wer gewinnt!“

Wieder lachte Herr von Heym; aber sein Blick bohrte sich erwartungsvoll in den seines Gegenübers.

Bonaventura wehrte hastig mit der Hand ab.

„Mensch! Welch ketzerischer Gedanke! In dieser himmlisch schönen Nacht sich in ein dumpfes Zimmer setzen und Buben drehen!! Ich habe nie gern gespielt! Du kommst eben von Monte Carlo, wo du wochenlang am grünen Tisch sassest; hast du denn das ewige Kartenratschen nicht zum Ekel bekommen?!“ —

„Wie man es nehmen will!“

„Es muss doch mit der Zeit seinen Reiz verlieren!“

„Das Gewinnen nicht!“

„Für arme Teufel, ja! Das glaube ich gern; aber für einen so steinreichen Mann, wie du?!“

Ein seltsames Zucken flog um die schmalen, bläulichen Lippen Heyms. „Es ist nicht der Einsatz, sondern der Triumph des Sieges,“ sagte er heiser, „der schwächt sich niemals ab.“ —

„Du bist mir nicht böse, dass ich ablehne?“

„Aber mein lieber Junge, hältst du mich für einen Spiessbürger, den der gute Geschmack anderer beleidigen kann?“ — Wieder herrschte einen Augenblick Stille; aber in dem Auge Rolf-Valerians bäumte abermals die kleine, boshafte Viper Revanche empor.

„Solch eine Tropennacht macht den Menschen weich und schwärmerisch!“ fuhr Heym langsam fort, zog sich einen Sessel heran und nahm neben Völkern Platz. „Man glaubt gar nicht, wie sehr sie auf die Seele einwirkt. Da werden alle alten Erinnerungen wach — die lieben, süssen Träume, welche man längst zu Grabe gelegt, stehen lebendiger auf, denn je, und gaukeln uns Bilder vor das innere Auge, welche uns selig und traurig zugleich machen!“

Der Sprecher beobachtete heimlich die Wirkung seiner Worte in Bonaventuras Antlitz, welches sich allerdings voll träumerischen Ernstes der mondlichten Ferne zuwandte. „Du bist doch sonst kein Spielverderber, Völkern, warst die längste Zeit deiner Ehe fast der tollste Lebemann unter uns — aber heute bist du wieder Primaner — und siehst du, mir geht es just wie dir! — Es muss in der Luft liegen, die solchen Einfluss hat!“

Bonaventura atmete tief auf; es klang wie fast ein Seufzer, als er antwortete: „Wie sprichst du so wahr! Wir sind jetzt acht Wochen in Luxor, ich habe den vollen Zauber dieses wunderbaren Erdenfleckchens kennen gelernt, und mir ist es, als ob seine Schönheit eine Sehnsucht bei mir auslöse, welche ich nicht begreifen und kaum noch beherrschen kann!“

Heym setzte bedächtig eine neue Zigarette in Brand und tat ein paar tiefe Züge.

„Völkern —“ sagte er flüsternd und neigte den Kopf plötzlich tief zur Brust, „glaubst du wohl, dass ich dieselbe unbegreifliche, schier unheimliche Sehnsucht kenne — und mich vor ihr fürchte?“

„Vor ihr fürchte?“ wiederholte der Baron mit grossen Augen: „du Rolf-Valerian? Das verstehe ich nicht.“ „Wohl möglich — welch ein Menschenkenner vermöchte in der Seele eines einsamen, ruhelosen, übersättigten Mannes noch die Lyrik eines Gymnasiasten zu lesen? Auch der beste nicht. — Siehst du, Völkern, solch eine Nacht, wie die heutige, löst die Zunge — du bist wohl der einzige hier, der mich versteht, wenn ich dir versichere, dass ich vor solch sehnsüchtigen Stimmungen monatelang nach Monte Carlo flüchtete, dass ich auch heute wieder Teufels Gebetbuch aufschlagen wollte, um die leise Stimme meines Herzens zu übertönen!“

Bonaventura rückte näher und legte, aufs höchste betroffen, die Hand auf den Arm des Schwagers. „Rolf-Valerian — bist du verliebt?“ —

Das rotblonde Haupt mit den spärlichen Scheiteln war noch tiefer auf die Brust gesunken. „Wohl möglich,“ murmelte er; „denn die Sehnsucht in meinem Herzen schreit nach einem Weib, das ich liebe und mit welchem ich wohl unaussprechlich glücklich geworden wäre!“ —

„Wie sehr überraschst du mich! Und warum stillst du dieses Sehnen nicht, da es doch dein Leben krönen würde?“ —

„Unmöglich!“

Völkern fuhr beinahe ungestüm auf: „Ein Mann, der, wie du, über Millionen verfügt, kann doch wählen, wen er will!“

„Glaubst du? — Irre dich nicht. — Ich, der reiche, steinreiche Mann habe mir von dem Weib meiner Liebe .... einen Korb geholt!“

Bonaventura zuckte jäh zusammen, wie ein Erbleichen ging es über seine Züge.

„Kenne ich sie?“ fragte er gepresst.

Wieder sog Heym wie in durstigen Zügen den feinen Zigarettenrauch ein.

„Und ob du sie kennst! Wohl keiner so gut, wie du!“

„Malva?“

„Malva.“

„Sie wies dich ab?“ Der Baron stiess es fast atemlos hervor. „O, das war eine Marotte von ihr, eine etwas schwärmerische Überspanntheit! Ich will dir den Grund offen und ehrlich sagen. Sie scheut sich, das Weib eines Monisten zu werden! Eine Ehe ohne kirchliche Trauung wäre ihr unerträglich gewesen!“ — —

Die kleinen, rotumränderten Augen blinzten mit wunderlichem Ausdruck zu dem Sprecher auf. „Du irrst abermals!“ sagte er sehr ruhig, „auch ich glaubte, in dieser unserer religiösen Meinungsverschiedenheit den Grund für Malvas schroffe Ablehnung zu erkennen, und darum liess ich ihr mitteilen, dass meine Liebe zu jedem Opfer, selbst dem einer Sinnesänderung, bereit sei. — Ich wollte unsere Ehe auf durchaus christlichem Fundament aufbauen und erachte eine kirchliche Trauung für selbstverständlich.“

Völkern hatte sich aufgerichtet; er stützte sich schwer mit beiden Händen auf die Balustrade und starrte den Sprecher aus weitoffenen Augen an.

„Und ihre Antwort?“ stammelte er.

Rolf-Valerian strich umständlich die Zigarettenasche ab — in seinen Augen lag der Ausdruck einer Katze, welche mit grösstem Genuss ein armes Mäuslein martert.

„Solltest du Glücklicher diese Antwort nicht besser wissen?“ seufzte er tief auf.

„Ich?!“

„Wen anders wie dich hätte Malva so unbeschreiblich tief und innig geliebt, dass sie um dieser treuen Liebe willen die Hand des reichsten Mannes im ganzen Lande ausschlug?“

„Um ihrer Liebe .. um meinetwillen?!“ Das klang wie ein halberstickter Schrei.

Bonaventura taumelte gegen die Blütenkulisse der Balustrade zurück und hob die Hand gegen die Stirn, als wolle er sich überzeugen, dass er nicht träume.

„Um meinetwillen?“ wiederholte er noch einmal.

Heym schien die Wirkung seiner Worte gar nicht zu beachten.

Mit halbgeschlossenen Augen lag er im Sessel, und seine edelsteinfunkelnde Hand hielt mechanisch den glimmenden Tabak. —

„Nun natürlich! Die Antwort war so deutlich, dass ich gar nicht zweifeln konnte. Du hattest ihr doch auf Tod und Leben den Hof gemacht, und ihre süssen Veilchenaugen ruhten ja mit einem Ausdruck auf dir, Beneidenswerter, dass ein Blinder sehen musste: dies süsse Kind würde eher einen tausendfachen Tod sterben, ehe es die Liebe zu dir aus dem Herzen risse! — Na, es ist überwunden, Bonaventura. Ellinor feierte ihren Sieg über die arme Kleine, und ich musste mich in das Unvermeidliche fügen. Ich warf mich toller als je in den wilden Strudel der Lust, um zu vergessen! Aber wenn eine so weiche, milde Vollmondnacht all die kleinen Liebesgötter entfesselt, wenn es dort über dem Nil so glänzt und duftet, als flüsterten sie uns ganze Psalter der zärtlichsten Wonne ins Ohr — dann .. ja dann steigt die Erinnerung wieder herauf — und ich träume, ich sässe dort in dem Kahn, hielte das süsseste blonde Weib mit den blauen Enzianaugen im Arm und hätte Welt und Zeit vergessen!“ —

Sekundenlang war alles still, nur Völkern war tief in den Schatten des Lorbeers und der Myrten zurückgewichen, und von seinen Lippen klang es wie das leise Aufstöhnen eines zu Tode Getroffenen.

Heym sprang jäh auf und schleuderte mit scharfem Auflachen die Zigarette in den Garten hinab: „Zum Teufel mit solch sentimentalen Anwandlungen!“ rief er; „ich hasse diese Mondscheinnächte am Nil, weil sie immer einen Waschlappen aus mir machen! Wenn man sich vor Reminiszenzen schützen will, soll man trinken, spielen und schöne Weiber lieben, welche mehr Donna — als Madonna sind! Komm, alter Junge, wir wollen das Leben geniessen und mal sehen, wem von uns beiden die Coeurdame zuspringt! Meine Malva — deine Malva!“ —

Wieder lachte er frivol auf und wollte Völkerns Arm fassen; — dieser trat von ihm zurück und schüttelte beinahe heftig den Kopf.

„Ich habe weder Durst nach Wein, Gold oder Frauengunst! Aber es reizt mich, den Zauber dieser geheimnisvollen Nacht zu erproben, ob er dieselbe Wirkung auf mich, wie auf dich hat! Ich mache noch einen Spaziergang nach jener kleinen Moschee droben auf dem Hügel — —“

„Ah — das Grab des grossen Scheichs!! Das ist die rechte Staffage, du Schwärmer! Wo träumt man von verlorenem Glück wohl schmerzlicher, als gerade dort —!“ Und voll feinen Spottes erhob er die Hand und sang mit heiserer Stimme — Scheffel variierend:

„O Nubierin — was schauest du

Mich an mit sengenden Blicken?

Dein Aug’ ist schön, doch nimmer wird’s

Den deutschen Mann berücken!

Jenseits des Niles liegt ein Grab —

Gegraben am grünen Rheine

Drei weisse Rosen blühen darauf —

Meine Liebe liegt dareine! —“

Bonaventura hörte kaum noch die letzten Worte.

Er hatte das Gefühl, als würge ihn plötzlich eine eisige Hand, als steige ihm alles Blut schwindelnd in die Schläfen.

Mit letzter Selbstüberwindung versuchte er zu lachen. „Meine Liebe begleitete mich über das Meer, und was hinter mir liegt, ist vergessen!“ — Aber er raffte eilig den Hut, welcher von dem Sessel niedergeglitten war, empor und schritt mit kurzem Gruss davon.

Ein undefinierbarer Blick aus Heyms Augen folgte ihm.

Kochender Ingrimm und Ärger.

Hatte er den Narr falsch taxiert?

Zum zweitenmal war sein geschickter Schachzug, Ellinors Börse zur goldenen Ader zu lassen, missglückt.

Die blonde Malva hatte ihn ebenfalls im Stich gelassen, denn er hatte sich den Erfolg, sie in dieser Stunde so lyrisch zu zitieren, anders gedacht.

Eine kleine, melancholische Rückerinnerung des Herrn Leutnants a. D. — voilà tout. — Was tun? Er braucht Geld.

Je nun, er wird seine Fühlhörner ausstrecken. Auf der Insel Elefantine gibt es wohl noch andere Nabobs, welche ein kleines Jeuchen der Langenweile einer tropischen Mondscheinnacht vorziehen.

Sechzehntes Kapitel.

Bonaventura war in den Garten hinabgeschritten, hatte ein paarmal voll nervöser Unruhe die weichen Sandwege unter den schlanken, regungslos ragenden Palmen durcheilt und war unbemerkt in das Hotel zurückgekehrt, sein Zimmer zu erreichen.

Er musste in dieser Stunde allein sein, ganz allein und ungestört mit seinen Gedanken. Er drehte das elektrische Licht ab, öffnete die Balkontüre und trat hinaus.

Alles war still und einsam.

Über ihm schwebte der Mond in nie gekannter, unbeschreiblicher Klarheit und Pracht, vor ihm lag der stillste und einsamste Teil der Insel, mit starren, scharfgezackten Gebüschen, breiten Fächerblättern und dem Ausblick auf die sanften Bergkonturen des Flussufers, hinter welchen sich weit die Landschaft mit dem eigenartigen Wüstencharakter dehnte. —

Ein frischer Lufthauch wehte von dem Wasser herüber, ein paar Araber lagerten im Sand und sangen ihre einschläfernden, melancholischen Lieder — die weissen Burnusse schimmerten, fast taghell beleuchtet, zu ihm empor.

Völkern liess sich willenlos in den Rohrsessel niederfallen — verschränkte die Arme auf dem kleinen Tischchen, welches davorstand, und drückte das Antlitz darauf nieder.

Malva! —

Zwei Jahre lang hatte er ihrer kaum gedacht, und wollte einmal eine Erinnerung an sie blitzartig sein Hirn durchzucken, so drängte er sie beinahe angstvoll zurück, wie man sorglich jede Berührung von einer Wunde fernhält, wenn man weiss, dass sie noch nicht vernarbt ist.

Sein Leben war wohl eins der stärksten Betäubungsmittel gewesen, welches ein Mensch gegen quälende Gedanken gebrauchen kann.

Wie toll und unsinnig hatte er auf sich eingewüstet.

Wenn ein Mann jahrelang an brennendem Durst gelitten, und man gibt ihm plötzlich einen güldenen Becher voll des köstlichsten Weines in die Hand und sagt: „Trink so viel du magst, er wird niemals leer!“ — so wird der also Beschenkte nicht nur trinken, sondern gar bald trunken sein. —

Da gab es keine Höhe und Tiefe mehr, welche der Nimmersatte nicht ausgekostet hätte, und kam einmal in stiller, schlafloser Nachtstunde eine schemenhaft bleiche Mädchengestalt und klopfte scheu und zaghaft an sein Herz und fragte schluchzend: „Hast du das Glück gefunden?“ — so antwortete er trotzig: „Ja, ich fand es! — Das Glück heisst Leben! — Genuss! — Schrankenlosigkeit! — Auch du könntest es besitzen und dich daran berauschen, Malva, wenn du nicht so töricht gewesen wärst, es um einer Illusion, einer Überspanntheit willen von dir zu werfen! — Was geht es dich an, ob dein Gatte betet und zur Kirche geht? — Nimm das Gold, mit welchem er dich überhäuft, und lerne erfahren, wie schön das Leben ist!“

Dann wich der Traum — und der gute Engel kam immer seltener, und das schöne Leben führte immer tiefer und tiefer in den Sumpf! —

Malva! — — — — — — —

Was war es mit dem heutigen Abend gewesen? War es die Musik bei Tisch, welche zur Feier des Geburtstags des deutschen Kaisers „Heil dir im Siegerkranz“, „Die Wacht am Rhein“ und ein Potpourri deutscher Volkslieder gespielt hatte? —

Waren es die schwarz-weiss-roten seidenen Bänder gewesen, welche so festlich vor den Plätzen germanischer Gäste an den Blumenständern flatterten, als Zeichen höflicher Teilnahme?

Was hatte plötzlich wie mit Zauberschlag all die alten Erinnerungen in seinem Herzen geweckt? —

Heute vor drei Jahren hatte er zum letztenmal mit den Kameraden bei Jubel und Becherklang in dem lieben, gemütlichen Regimentshaus beim Festmahl gesessen — durchfroren nach einem Parademarsch bei schneidendem Nordost auf dem Paradefeld, aber voll übermütiger und ausgelassener Freude, wie sie bei jedem Offizier am 27. Januar ihren Höhepunkt erreicht!

Abends bei dem Kompaniefest erschienen meist ein paar bestbekannte Familien, die Aufführungen der Mannschaften mitanzusehen, und er hatte bereits wartend an der Saaltüre gestanden, um Gräfin Kettenau dankbarst die Hand zu küssen und Komtesse Malva die Blumen zu überreichen, welche er bei der Tafel für sie von der Ausschmückung der Kaiserbüste gesammelt.

Malva! —

Da stand sie im Geist plötzlich wieder vor ihm in all ihrer edlen, reinen und stolzen Jungfräulichkeit — wie sie ihm mit den wundervollen Blauaugen bis in die tiefste Seele schaute, wie er den Arm um sie legte und den ersten Walzer mit ihr tanzte! —

Malva!

Warum dieses Rückerinnern?

Er wollte ja nicht mehr an sie denken, an sie, die Törichte, welche Millionen von sich wies, nur weil der zukünftige Gatte nicht denselben religiösen Ansichten huldigte, wie sie! — Wie war es nur gekommen?

Völkern versuchte noch heute bei Tisch sich sehr lebhaft mir seiner Nachbarin, einer feschen Wienerin, zu unterhalten, sie flirtete so keck mit ihm — sie sah ihn so ganz anders mit den wissenden Tollkirschaugen an, wie die deutsche Gräfin mit dem keuschen, süssen Kinderblick!

Er kann jedoch die starken, aufdringlichen Parfüms nicht mehr leiden — heute wenigstens machen sie ihm Kopfweh.

Leider liebt Ellinor es auch, in betäubenden Duftwogen zu wandeln.

Ellinor, seine Gattin, das Weib, welchem er sich für ein ganzes Leben angelobt, welches hinfort seinen Namen trägt!

Sie sitzt ihm gegenüber, mit dem arroganten, hässlichen Gesicht und dem Eiseshauch ihres mokanten, lieblosen Wesens, bei welchem man friert, bis in das Herz hinein.

Ihre Toiletten werden immer extravaganter und indezenter, und wenn sie einen Herrn kennen lernt, welcher sie momentan anreizt, so bekommt sie etwas von der Art einer Schlange, die sich nicht erwärmen kann, wohl aber ihr Opfer umgleisst und umwindet und es lüstern anzüngelt, bis es das tödliche Gift in Leib und Seele fühlt!

Seit Nicodemo Cassarate auf der paradiesischen kleinen Nilinsel auftauchte, hat Ellinor auch das letzte Fünkchen von Interesse für ihren Gatten verloren.

Sie begegnet ihm alle Tage widerwilliger und übellauniger, sie wirft ihm sein enormes Taschengeld ebenso geringschätzig hin, wie ihren Dienstboten.

Was ist er eigentlich noch?

Wahrlich ihr Gatte? —

Nein, nur die Attrappe — das Etikett, welches ihr den Namen verleiht und zum Deckmantel für ihr gottloses Leben dient.

Hat er denn noch nie darüber nachgedacht, welch eine armselige, unwürdige Rolle solch ein wesenloser Gatte neben seiner Gebieterin spielt?

Nein! —

Warum das? Er liebte sie nicht — ihr Benehmen war ihm total gleichgültig, und ihr Geld übte eine dämonische Gewalt über ihn aus.

Zwei Jahre lang!

Aber der Mensch gewöhnt sich so leicht an alles, auch an den Reichtum, und schliesslich verliert selbst ein Götterleben seinen Reiz!

Wahrlich? Schon jetzt? Nach einer verhältnismässig so kurzen Zeit?

Die Zeit war freilich kurz; aber welch ein Übermass an Genuss hat sie geboten — wie hat er in diesen zwei Jahren toller und wüster gelebt, als ungezählte Lebemänner während ihres ganzen Daseins nicht. —

Torheit! Er war heute nervös, überreizt, die Luft dort in dem Saal war heiss und stickig, sie fiel auf die Nerven.

Bonaventura hatte seine sehr übellaunige Gemahlin auf die Terrasse geführt, damit sie bei einer Tasse Mokka auf den angeschmachteten interessanten Syrier warten kann.

Er selber trat an die Balustrade und schaute in tiefen Gedanken in den Zauber einer Mondnacht hinaus, wie ihn nur Luxor kennt! Und abermals schlich leise, leise, wie ein scheues Reh, die Erinnerung neben ihn und seufzt ihm sehnsuchtsvoll in das Ohr.

Welch eine Nacht!

Geschaffen zu süssem, holdem Liebesglück, geschaffen zu einem Versinken in namenlosen Seligkeiten.

Malva!

Wenn sie hier wäre .. wenn er jetzt mit ihr ein Schifflein besteigen und mit ihr auf den magischen Silberwogen des Nils hinabgleiten könnte, ihre weiche, warme Hand in der seinen, ihr Haupt an seine Schulter gelehnt — und ihre Lippen küssend mit all dem heiligen Feuer reiner Liebe, wie es ehemals in seiner Brust geglüht! —

Törichte Träume! —

Hin ist hin — und die Liebe ist tot! — Er grollt ihr, weil sie einen Millionär aus kindischem Eigensinn von sich wies. —

Da klangen Schritte neben ihm — Rolf-Valerian trat an seine Seite ... und dann ...

Bonaventura stöhnt leise auf und wühlt die schlanken Finger in sein Blondhaar.

Dann geschah etwas Furchtbares.

Rolf-Valerian sprach von ihr — er gestand ein, dass Malva seine Werbung abgewiesen, aber nicht aus übertriebenem Pflichtgefühl der religiösen Meinungsverschiedenheit wegen, denn die wollte Heym um ihretwillen aufgeben — sondern aus Liebe, aus tiefer, inniger und todgetreuer Liebe zu ihm — zu ihm, dem unwürdigen Egoisten, welcher ohne Zögern die Herrlichste von allen preisgab, um die Schamloseste und Erbärmlichste zu freien, lediglich um ihres roten Goldes willen! — Malva —! Malva hat ihn geliebt, so über alles geliebt, dass sie jede Versuchung von sich wies.

Ihre Liebe war ihr für alle Pracht und Herrlichkeit der Welt nicht feil!

Ihre Liebe war so tief und stark, dass sie selbst der grössten Lockung widerstand und die Treue hielt, welche sie im Herzen gelobt.

Und für wen?

Für ihn!

War er denn blind und taub gewesen, dass ihm nie zuvor dieser Gedanke kam?

Wollte er nicht sehen, weil er fürchtete, dadurch moralisch verpflichtet zu werden und sich durch unbequeme Skrupel zu erregen?

Seine Eitelkeit war doch sonst so gross, er hatte doch zuvor so gern und fest daran geglaubt, dass er tiefen Eindruck auf die junge Gräfin gemacht habe — warum schob er ihrer Weigerung, Rolf-Valerian zu heiraten, plötzlich so andere Motive unter?

Weil ihn das Goldfieber gepackt hatte, weil ihm ein böser Geist Aug’ und Ohren zuhielt, damit er desto sicherer dem Abgrund entgegentaumelte.

Wie leichtfertig und gewissenlos hatte er sein Schicksal in wenig Tagen besiegelt!

Aus Arbeitsscheu und Genusssucht war er zum Sklaven eines verächtlichen Weibes geworden, welches sich ein paar wüst durchschwelgte Jahre mit seiner Ehre und seinem Glück bezahlen liess!

Ja, mit seinem Glück!

Wie Schuppen fällt es ihm plötzlich von den Augen, dass ein Leben, wie er es jetzt führt, nie und nimmer ein wahres Glück ist!

Warum hat Heym ihm mit leisen Flüsterworten eine Seligkeit an der Seite des geliebten Weibes ausgemalt, welche er kaum zu ahnen wagte, aus Furcht, etwas Heiliges, Ewigverlorenes anzutasten und dadurch noch elender zu werden!

Nun ist das Bahrtuch, welches er über sein Lebensglück geworfen, jählings heruntergerissen, und vor ihm liegt es, wie ein bleiches, gemordetes Weib, welchem alle Tränen bitterster Reue kein neues Leben einhauchen können.

Bonaventuras schlanker Körper erschauert bis in das Mark hinein.

Drunten von dem Nilufer klingen die monotonen Lieder der Araber wie eine Totenklage zu ihm herauf, aus den Myrtenzweigen weht ein zartes Duften, wie es der Wind über Gräber trägt, und durch die Seele des einsamen Mannes geht es wie ein Schrei von Schmerz und Qual — das Heimweh.

Ellinor hat ihren Gatten nicht vermisst. Sie plauderte mit der Französin und bemühte sich, derselben unter süsser Glasur möglichst bittere Pillen zu schlucken zu geben.

Ihre Laune ward von Minute zu Minute schlechter. —

„Cassarate hat mir eine Mondscheinpartie nach Karnak in Aussicht gestellt, wenn er beizeiten zurückkäme!“ sagte sie nachlässig; „aber für heute ist es damit zu spät geworden — ich liebe es nicht, allzu spät im Felsgestein herumzukriechen, man weiss ja nie, was für unliebsame Begegnungen man mit Mensch und Tier haben kann!“

„Wenn Nicodemo an Ihrer Seite schreitet, sind Sie beschützt!“ seufzte die hübsche kleine Madame Violette leise auf. „Wir machten neulich einen Eselritt zusammen bis in das nächste Fellachendorf und kehrten erst nach Mitternacht heim. Das war köstlich! Ich fürchtete mich vor nichts, und hätte ich an jenem Abend nicht den Kummer gehabt, mein so wertvolles Saphirarmband zu verlieren, wäre es die schönste Erinnerung meines Lebens. Aber ich musste lange, lange warten, bis der Herrlichste von allen mich zu der Tour aufforderte, und ich fürchte, Baronin, auch Sie warten noch mehrere Tage vergeblich, bis Nicodemo zurückkehrt!“

Ellinor richtete sich mit jähem Ruck empor.

„Und warum das? — Haben Sie Anhaltepunkte dafür oder vermuten Sie das nur?“

„Meine Vermutung ist gleich einer Überzeugung.“ Die Französin bewegte den eleganten Straussfederfächer lebhaft auf und nieder. „Sie müssen nämlich wissen, Baronin, dass ich Cassarate schon in Kairo kennen lernte und ihn lange Zeit im Verkehr mit Damen beobachtete. Don Juan ist ein Stümper gegen ihn. — Der interessante Syrier hat die viel wirksamere Taktik, jeden Funken erst zu einem Höllenbrand anzufachen, ehe er sich herablässt, sein steinernes Herz an solcher Glut zu wärmen. Sie verstehen mich, Frau Baronin?“

„Nicht völlig. — Kurz und bündig gesagt: Graf Nicodemo lässt seine Anbeterinnen so lange zappeln, bis ihre Leidenschaft grösser wird als die Vernunft?“

„Ganz recht, Baronin. Er ist Tyrann und verlangt eine umgekehrte Welt. Nicht er will der begehrten Frau huldigen, sondern sie soll ihm als willenloses Werkzeug zu Füssen liegen!“

Frau von Völkern lachte spöttisch auf: „Warum soll im Land der braunen Sklavinnen nicht auch die Europäerin die Fessel dienender Abhängigkeit tragen? — Wenn sich Närrinnen finden, welche solcher Anmassung Vorschub leisten, verdienen sie keine bessere Behandlung!“ —

„Aber Sie schwärmen doch auch für den so eigenartigen Mann!“ Das klang beinahe weinerlich.

Ellinor warf den Kopf zurück und rümpfte hochmütig die Nase: „Gewiss — wenn Sie es so nennen wollen! Pour passer le temps. Aber ich versichere Sie, Madame, dass ich doch aus etwas zäherem Stoff gebacken bin, als meine rückgratlosen Mitschwestern! Ich werde mich nie von der Begeisterung für einen Mann so weit hinreissen lassen, dass ich ihm die Macht eines Gebieters einräume. Ich bin sehr verwöhnt, Madame Violette, und bisher waren es die Männer, welche von mir an dem schwarzen oder rosenroten Bändchen meiner guten oder schlechten Laune gegängelt wurden!“

„O, welche Vermessenheit einem Cassarate gegenüber!“ —

Ellinor lachte etwas konvulsiv: „Durchaus nicht! Wenn ihm bisher noch kein Weib trotzte, so werde ich die erste sein!“

„Dann aber wohl die erste und auch die letzte! Ich habe in Kairo beobachtet, wie die stolzesten der Frauen wie die Schatten vor seinen Füssen zusammenschrumpften. Haben Sie nicht gehört, dass Missis Dowling sich nach seiner Abreise vergiftete?“

„Verrücktheit! — Dann hat sie nie gewusst, wie schön das Leben ist und wie viel interessante Männer es auf der Welt gibt.“ — Ellinor lehnte sich zurück und schob ungeniert die nackten, etwas eckigen Arme unter den Kopf. „Die Weiber sind zu beschränkt in ihrem Wissen und dadurch zu haltlos, meine gute Madame Violette. Wenn jedes Schulmädchen schon nach den Grundsätzen einer monistischen Weltanschauung erzogen würde, dann achteten sie ihr Leben höher und verwerteten es besser, austatt um jeder Bagatelle willen Fangball damit zu spielen! — Wenn Sie einmal Zeit und Lust zum Lesen haben, werde ich Ihnen Bücher geben, welche Sie über das, was ‚Mensch, Leben und Gottheit‘ heisst, aufklären sollen!“

„O, sehr gütig! Es wird mich lebhaft interessieren!“

„Und wie war es mit Ihrem schönen Armband? Wo verloren Sie es?“ —

„Ach, das ist mir selber ein Rätsel!“ klagte die junge Frau. „Es hatte einen tadellosen Verschluss, doppelte Sicherheitsketten, welche Nicodemo noch sehr bewunderte und lobte, als er mich bei unserm Ausritt auf den Esel hob! — Ich besass das Armband auch noch, als wir einen kleinen Imbiss nahmen. Dann machten wir im Mondschein eine kurze Promenade am Nil entlang. Cassarate hatte meinen Arm in den seinen gelegt, um mich sicherer über den sehr unebenen Boden zu führen! Er sprach lebhafter und hinreissender als je; ich war wie berauscht — oft fasste er meine Hand und drückte sie, einmal bedeckte er sogar noch meinen Arm mit heissen Küssen! Da sah ich zum letztenmal das Armband daran blitzen. — Dann ward es kühl, ein Windstoss fuhr das Flusstal herauf, und der Graf war die verkörperte Weichheit und Fürsorge. Er hüllte mich in seinen Burnus, wir schritten hastiger aus. — Erst später, als ich den Reitesel wiederum bestieg, bemerkte Nicodemo zuerst den Verlust!“ —

In Ellinors Blick flimmerte es wie die aufrichtigste Schadenfreude. „Kehrten Sie nicht zurück, es zu suchen?“

„Für uns selber war es zu spät; aber der Graf schickte ein paar Araber mit Fackeln und setzte eine enorme Belohnung für den Finder aus!“

„Aber es fand sich nicht?“

„Leider nein!“

„Und es war wirklich ein sehr kostbares Schmuckstück?“

„Jawohl, es war das Geschenk des Nizam von Haiderabad an meine Mutter, als dieselbe bei ihrem Gatten in den indischen Garnisonen Pondichery und Yanaon lebte! Cassarate versteht viel von Edelsteinen. Er selber besitzt deren in grosser Menge und sagte mir schon bei unserer ersten Begegnung: ‚Wissen Sie auch, Madame, dass Sie ein Vermögen an Ihrem Arm tragen? Dieses Bracelet besteht aus den schönsten Sternsaphiren, welche man auf dem Inselreich findet.‘“

„Ja, ja, ich weiss,“ nickte Frau von Völkern und sah sehr zufrieden aus. „Auch für meinen Schmuck interessierte sich der Graf und bewunderte ihn als äusserst kostbar! — Es ist so angenehm, wenn die Herren unsere Anstrengungen, ihnen zu gefallen, auch würdigen können, und wenn sie es anerkennen, dass wir nicht nur geschmackvoll, sondern auch sehr kostspielig gekleidet sind. Sie haben doch hoffentlich Ersatz für das Armband bei sich, Madame? Andernfalls werde ich Ihnen gern mit ein paar Brillantspangen aushelfen, bis Sie sich neuen Schmuck kaufen konnten!“

Die kleine Französin seufzte tief auf: „O, ich danke Ihnen tausendmal — ebenso wie dem Graf, welcher mir den Reifen sofort durch einen noch kostbareren ersetzen wollte! Es ist ja ein sehr schmerzlicher Verlust für mich, aber meine Kassette ist dennoch gut assortiert!“ Die Sprecherin spielte merkbar mit der schwergoldenen Fächerkette, deren einzelne Glieder durch sehr schöne Solitäre zusammengehalten wurden. „Aber noch eine Frage: wenn Graf Cassarate heute abend noch nicht zurückkehrt, was ich für bestimmt annehme, so habe ich mich mit Lady Drauly-Moor und ihren beiden Töchtern sowie der Madame Atakirolis und der Signorina della Gorgia verabredet, den so interessanten Jägern ein Stück mit der Mayflower entgegenzufahren! Das Nähere ist noch nicht bestimmt, doch werde ich es Ihnen morgen beim Lunch mitteilen. Wir rechnen sicher darauf, liebe Baronin, dass Sie sich uns zu der kleinen Ovation für Nicodemo anschliessen!“

Ellinor bekam plötzlich etwas sehr Steifes und Unnahbares.

Ihr elegant frisiertes Köpfchen hob sich noch viel arroganter als sonst, und die müden, rötlich umwimperten Augen schillerten wie in Trotz und Eigensinn.

„O nein, meine teuerste Madame Violette!“ spottete sie mit scharfem Zug um die Lippen, „noch gehöre ich nicht zu Euch verliebten Schäferinnen und kann es wirklich noch abwarten, den Göttlichen ein paar Stunden früher oder später wiederzusehen! Ich sagte Ihnen schon vorhin, dass ich die Herren der Schöpfung noch niemals verwöhnt habe! Auch dem Grafen Cassarate räume ich nicht einen Finger breit mehr Rechte ein als jedem anderen!“

Die Französin hatte sich erhoben. Sie faltete wie in drolliger Bewunderung die Hände. „O, dann sind Sie absolut noch nicht verliebt, Baronin! Dann haben Sie noch gar keine Ahnung von der faszinierenden Macht dieses Mannes. Möchten Sie dieselbe auch nie kennen lernen — ich finde, sie gleicht dem Fieber, welches seine Opfer verzehrt. — Ich gehe jetzt und depeschiere meinem Mann, dass er mich sobald wie möglich von hier abholt!“ —

Wieder dehnte Ellinor mit sichtlichem Behagen die Arme. „O, Sie Hasenherz! Einer Gefahr sieht man kühn in das Auge, flieht aber nicht vor ihr! — Nun, so rufen Sie sich Ihren Gatten zu Hilfe; wenn er nicht kommt, stelle ich den meinen zur Verfügung!“

„Ah .. da kommt Signor Gorgia und der Mister Guldenhop — so lasse ich Sie nicht allein!“ —

„Bon soir — bon soir! Sie kehren doch zurück, Madame?“

„In kurzer Zeit auf Wiedersehen!“

„Es soll noch getanzt werden!“

„Furchtbarer Gedanke, meine Herren, bei dieser Wärme!“

„Sie hat noch nicht genügt, die Herzen zu entflammen, darum bestellten die jungen Kavaliere ein paar Strausssche Walzer!“ —

„Scharmant! Nicht die ‚Donau-‘, sondern die ‚Nilwellen‘!“ —

„Wir kommen!“

„Wo ist Ihr Herr Gemahl?“ —

„Ich ahne es nicht!“ —

„Gott sei Dank! Es wäre ja auch spiessbürgerlich!“

„Wir ersetzen ihn!“ —

„Bitte Ihren Arm, Frau Baronin!“

Aus den offenen Saaltüren klangen leise und einschmeichelnd die ersten Tanzweisen, und die lange, silbergestickte Schleppe Ellinors und der duftig weisse Spitzensaum der Madame Violette rieselten über die Purpurläufer, um alsbald hinter den lichtblitzenden Spiegelscheiben zu verschwinden.

Tief aus dem Schatten eines Windschirmes aber, welcher einen Sessel am Lorbeergebüsch schützte, erhob sich unbemerkt eine hohe Männergestalt.

Ein rotes Fes lag auf weissbuschigem Haar, ein langer, silberheller Bart floss auf das kaftanartige Gewand nieder, welches die Glieder verhüllte.

Es schien ein alter, vornehmer Türke zu sein; nur die Augen blitzten seltsam jung und feurig unter den weissbuschigen Brauen hervor.

Und der Blick dieser Augen folgte wie in höchster Belustigung den beiden reichen Frauen; ein kurzes, sarkastisches Lachen, und der Fremde glitt wie ein Schatten über die menschenleere Terrasse nach dem Garten hinab, um in dem nächsten Augenblick in dem Dunkel der Nacht zu verschwinden.

Zwei Kellner lehnten an der Pforte und schauten gelangweilt nach dem Fluss hinab.

„Jetzt hätte ich doch geschworen —“ sagte der eine, „dort sei eben der Graf Nicodemo die Terrasse herabgekommen! Es war just sein Gang und die geschmeidigen Bewegungen!“ —

„Torheit!“ gähnte der andere, „Cassarate schiesst Raubzeug in der Wüste, und der Alte dort war ein Pascha aus Monastir, welcher im Hotel Luxor wohnt.“ —

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