Kitabı oku: «Von Gottes Gnaden - Band I»

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Nataly von Eschstruth

Von Gottes Gnaden
I

Roman

Mit Illustrationen von A. Mandlick

Saga

Ebook-Kolophon

Nataly von Eschstruth: Von Gottes Gnaden - Band I. © 1894 Nataly von Eschstruth. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2016 All rights reserved.

ISBN: 9788711469972

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com - a part of Egmont, www.egmont.com.

I.

Es bildet ein Talent sich in der Stille ...

Still, friedlich, einsam im Sonnenglanze liegt das Flachland. Der Himmel ruht wie eine mächtige, hochgewölbte Kuppel von Saphir über der Welt, die Sonne ist die strahlende Münsterrose tausend jubelnde Vöglein sind der Domchor, welcher Gottes Lieb’ und Lob dem weiten All verkündet.

Ja, es ist Sonntag, — so feierlich und festlich geschmückt wie heute hat die Heide lange nicht ausgeschaut.

Die Erika blüht wie ein zartroter Schleier liegt’s duftig über dem braunen Land; die Ginsterbüsche schwanken graziös im Lufthauche, wie zarte Reiherbüsche auf schönem Frauenhaupt, und sobald sich die Halme regen, funkeln Milliarden von Tautropfen, gleich köstlichstem Geschmeide, soweit das Auge blickt!

Die Gegend ist weder interessant, noch schön oder wechselreich, — verwöhnte Menschen finden sie sogar trostlos und begreifen es nicht, wie man hier Jahr aus, Jahr ein leben kann. Die aber, welche hier geboren sind oder welche sich aus der lauten, leichtsinnigen Welt voll Undank, Falsch und Treulosigkeit geflüchtet haben, um hier zu vergessen, dass sie im neunzehnten Jahrhundert leben, sie schütteln die Köpfe über jene Blinden, deren Hasten und Treiben viel zu nervös und überreizt ist, um die Schönheit des Friedens noch begreifen und würdigen zu können!

Die Sonntagsruhe, welche draussen in dem Jahrmarktsgewühl der Städte, alle acht Tage einmal, scheu und zaghaft anklopft, welche nur in verhängten Schaufenstern ihr mattes Bild spiegelt und schnell verjagt wird von dem wüsten Lärm der Schenken und Vergnügungslokale, — — hier wohnt sie ständig! Hier hat sie ihren Tempel errichtet, hier wogt ihr Odem segnend durch die klare Luft, welche noch keine qualmende Fabrikesse mit den Bacillen des Zeitgeistes verseuchte. —

Der ganze Charakter der Landschaft ist Ruhe. Die Heide beherrscht sie, — kein Acker, kein Feld gräbt die Furchen des Fleisses durch sie hin, nur die Biene allein arbeitet in rastloser Emsigkeit, sammelt goldene Schätze aus den Kelchen der Heideblümlein und trägt sie zu Hauf in die Körbe des Imkers. Wer bemerkt es und wen stört es? — Leise, ganz leise surrt und summt es in der schwülen Sommerluft, nur die Blumenstengel nicken und wiegen sich, wenn die kleine Sammlerin trunken an der Dolde hängt, nur wie Goldfunken stiebt es durch den Sonnenschein, wenn die tausend Flügel sich regen. —

Alles andere Leben der Heide pflegt behaglich der Sonntagsruhe. —

Regungslos sonnt sich die harmlose Natter im Sande, Eidechsen huschen hervor und lassen es sich im warmen Lichte wohl sein und die Kaninchen blinzeln schlaftrunken durch Halm und Rispe.

Der dunkle Strich am Horizont ist Nadelwald. Der Himmel hinter ihm trägt schwefelgelbe Färbung, so leuchtend und grell, dass es aussieht, als habe man die schwarzen Kiefernspitzen auf Goldpapier geklebt. —

Dort wirbeln auch feine, zartblaue Dampfwölkchen in die Höhe, und tief herabhängende Strohdächer heben sich wie grosse Ameisenhügel von der Erde ab. —

Ein Dorf am Saum der Heide, — der Übergang der Einsamkeit zu Welt und Leben.

Dort regen sich Menschenhände, dort beginnt der Kampf ums Dasein, dort ringt die Genügsamkeit dem ärmlichen Boden das tägliche Brot ab. —

Nur wenige Häuser sind’s. Wie ein Schwarm scheuer Küchlein drängen sie sich um die Glucke, die plumpe, schmucklose Kirche inmitten des Friedhofs. Sie trägt keinen Turm, dazu braust der Sturm allzu verderblich von der See herüber; die Mauern sind stumpf und sonder Zierde aufgeführt wie ein Steinwürfel, in welchen man Bogenfenster eingelassen, hoch und schmal, vom Erdboden bis unter das Dach. Ein niedriger Glockenstuhl trägt das Kreuz, und rechts und links von der Thür stützen Säulen ein Dach, welches den schlichten Steinfiguren der Apostel ein Schutz gegen die Unbill des Wetters sein soll. —

Der Kirchhof ist so schlicht und prunklos, wie der Sinn derer es gewesen, die auf ihm ihr letztes Kämmerlein bezogen. —

Erlen und Holderbüsche, ein paar verkümmerte Syringensträucher und wilde Rosen fristen ein kärgliches Dasein im Sande. — Schwarze Kreuze wachen über den Grashügeln und nur dicht an der Kirchmauer leuchtet ein weisses Marmormonument in sauber gepflegtem Gärtchen. Dort ist das Familiengrab der Gutsherrschaft, und unter dem segnenden Christus schläft als Erster, der darein gebettet, der alte Oberst, welcher seinerzeit den „Heidehof“ ausbauen liess. —

Der Heidehof ist ein bescheidenes Gutshaus, aber die Bauern sind nicht wenig stolz darauf und nennen es „das Schloss.“ — Für ihre Begriffe ist es freilich ein gar prachtvolles Anwesen, es ist aus massiven Steinmauern gefügt, trägt ein Schindeldach und grosse, helle Fenster, hinter welchen schneeweisse Mullgardinen so festlich leuchten, als feiere man alle Tage Hochzeit und Kindtaufe dahinter!

Gegen die armseligen Lehmhütten, deren Strohdächer beinahe bis auf die Erde niederhängen, sticht es freilich sehr schmuck ab. Die Heidebauern haben sich auch beinahe die Augen aus dem Kopf geguckt, als es dermalen erbaut wurde, und Vater Claasen hat recht prophezeit, als er nach langem Schweigen endlich die Thonpfeife aus dem linken Mundwinkel in den rechten schob, und sprach: „Dat möt ’n närschen Mann sin, der dat Hus opricht. — Riek möt ’r sin, denn so’n Kram talt he nich mit Musdreck, — un’ rechtsaffen möt he sin, denn he geiht nich op Lug un Schien rut, un hät sik sin lüttes Hus onner der Ird ok glieksen bi de Kirch torecht butteln laten, aber’n Quaskopp möt he doch sin, — worüm will’n rieker Mann sik alleen un verlaten hier onner de Imker setten?“ —

Die andern nickten und schwiegen, sie sprachen niemals viel und Vater Claasens Rede war die längste gewesen, die man nächst denen des Herrn Pfarrers in Ellerndörp gehört.

Anfänglich sah man nicht viel von dem neuen Gutsherrn. Er kam von Zeit zu Zeit mit der Post herausgefahren, um den Bau des Hauses zu besichtigen, und die einzigen Dorfbewohner, welche ihm alsdann im Verkehr näher traten, war Peter Hagen, welchen er als Gärtner gemietet und dessen Frau, Modder Dörten, welche späterhin im Hause die Stelle der Wirtschafterin bekleiden sollte.

Mit ihnen schritt der Oberst durch die neuen Gartenanlagen, in seiner kurzen, etwas militärisch rauhen Weise anordnend und befehlend, ohne jedes überflüssige Wort, — auf den ersten Blick als Sonderling zu erkennen.

Er war ein grosser Herr, hager und verschrumpft, mit zahllosen Falten und Fältchen in dem lederfarbenen Gesicht. Ein grauer Schnurrbart sträubte sich über der Oberlippe, die Nase war scharf gebogen, die Augen blitzten ein Gemisch von Ingrimm und Erbitterung, und wenn der alte Herr seiner Gewohnheit gemäss mit der Hand nervös durch die spärlichen Haare fuhr, hob sich ein Krakehlschopf über der hohen Stirn, welcher ihm vollends ein kampfliches und drohendes Ansehen gab. —

Oberst Koltitz war allem Anschein nach ein menschenscheuer und menschenfeindlicher Mann, Krankheit und Nervosität standen ihm im Gesicht geschrieben, und als er mit hastigen Schritten, den Kopf vorgeschoben, die Hände auf dem Rücken, die ersten Male die Dorfstrasse entlang schritt, ohne rechts und links zu blicken, da nickten die Heidebauern bedenklich vor sich hin und flüsterten einander zu: „De Kierl is all dösig in Koppe!! De hätt ne Ul’ sitten!!“ — Als aber die Mauern des neuen Hauses höher und höher wuchsen und der Oberst öfters aus der gelben Postchaise stieg, ward’s besser. Er fing an, auf der Strasse um sich zu blicken und langsamer zu gehen.

Er musterte die einzelnen Kaden und Häuser, allerdings noch immer mit einem Gesicht, als ob er beissen möchte, klappte mit dem falschen Gebiss, als wolle er das friedliche Heidedorf unter die Zähne nehmen wie ein Fuchs den Hasen, und griff schon ein paarmal ungeduldig nach dem Hut, als etliche Weiber schüchtern ihr „Gooden Dag ok“ boten.

Je öfter er kam, desto versöhnlicher schaute er drein. Modder Dörten kam atemlos an den Brunnen und berichtete: „Hüt snakt he ganz manirlich! He was ok taufridden mit’n Gaarden un hätt’ vor sich hinsmunzelt wie’n Kader in Sünnschin!“ — Das war eine gute Mär. Sie kam sogar noch besser. Nachmittags war der Oberst an des Dorfschulzen Gartenzaun stehen geblieben und hatte lütt Hanning gefragt; „Du! is wahr, dass dein Vater noch Kartoffeln zu verkaufen hat?“ —

Hanning hatte zeitlebens noch kein hochdeutsches Wort gehört. Tödlich erschrocken steckte sie vier Finger ihres braungrauen Händchens gleichzeitig in den Mund und lutschte sie aus Verlegenheit schneeweiss.

Da wetterleuchtete es allerdings wie zornige Ungeduld in den schartigen Zügen des alten Herrn. Aber nur einen Augenblick, dann strich er wie in jähem Verstehen mit der Hand über die Stirn. „Lütt Döskopp! Hät din Vadder noch Tüfften in’ Keller?“

Hanning machte eine Schwenkung nach rechts und lutschte verschämt zur Abwechslung an der linken Hand, — aber sie nickte dabei.

„Verköpt he ok ’n Deel?“ —

Das ging über des Flachskopfs Horizont. — Die blauen Augen starrten so durchaus verständnislos zu dem Frager auf, dass Koltitz das Verfehlte seines Unternehmens einsah.

Er klappte ein paarmal mit dem Gebiss und stiefelte mit Riesenschritten weiter.

Aber das nächste Mal klopfte er an die Thür des Schulzen und trat ein. Er nahm sogar Platz, obwohl Jochen Weese teils aus freudiger Überraschung, teils aus Hochachtung, gar nicht dazu aufgefordert hatte. Heute sprach der Oberst von vornherein ein gutes und deutliches Platt, ward verstanden und erhielt jede gewünschte Zustimmung. Die Tüfften waren in Ellerndörp erstaunlich billig; wie Sonnenschein ging es über des alten Haudegens Gesicht. — Er ward redselig und Jochen Weese versetzte seiner schweren Zunge einen moralischen Stoss und gab auch Auskunft; er sprach für seine Verhältnisse enorm viel und alles, was er sagte, war bieder, derb, ehrlich und treu gemeint.

Koltitz wollte gern noch ein paar Acker zu seinem Gute zukaufen

Das würde am besten im Krug „aftausprechen sin“, meinte Jochen. Am Sonntag abend, da kamen die Dörfler bei Modder Mariken zusammen, tranken ihr „Städtisches“ und kegelten.

„Gut!“ nickte der Oberst, „so komme ich nächsten Sonntag in den Krug!“

Und er kam. Mit höchster Spannung und grösstem Interesse erwartete man sein Erscheinen.

Die Stimmung war feierlich und beklommen wie in der Kirche.

Die kurze Thonpfeife im Mund, sassen die Väter des Dorfes zusammen, pafften dicken Qualm und sprachen kaum ein Wort. Als die Post auf dem Sandweg heranquietschte, hoben alle mechanisch den Kopf und Jochen Weese, welcher dem Fenster am nächsten sass und hinausschauen konnte, trat gelassen in die Schuhe, welche er für gewöhnlich unter dem Tisch auszog und sprach: „He kimmt!“ — Und er kam.

Die Ellerndörper standen respektvoll auf und wer von ihnen vergass, die Pfeife aus dem Mund zu nehmen, schob sie wenigstens von einem Winkel in den andern. Auch dies war ein Zeichen von reger Anteilnahme an dem Ereignis. —

Bei den Heidebauern wurden nicht viel Worte beim „Afsprechen“ gemacht. Gerade nur das Notwendigste.

Ja, sie wollten dem Herrn das gewünschte Land verkaufen, und so und so viel solle es kosten.

Man überteuerte niemand in Ellerndörp, und der magere Grund und Boden ward nicht mit Gold aufgewogen.

Der Oberst schmunzelte abermals und ein Handschlag besiegelte den Kauf, bis der „Affekat“ es schriftlich gemacht haben würde.

Und dann sprach man über andere Dinge. Erst von Land und Leuten, von Bienenzucht und Fetthammeln, von Dünger und Pferden, von Wetter und schwerer Zeit. — Das war der Übergang zu Ernsterem, Hungersnot, Krieg, — anno 1813 und 1870! — Ein alter Mann mit schneeweissem Haar hatte als Lütter dabei gestanden, wie die Postpferde vor der Kalesche der Fru Königin von Paretz umgeschirrt worden waren, — er hatte auch leibhaftige Franzosendüwel von des grossen Napoleon Armee gesehen. Drei andere Männer waren anno 70 dabei gewesen. Der eine hatte den Einzug in Paris geschaut, der andere sah Strassburg brennen, der dritte hatte als 89er Grenadier bei Loigny tapfer dreingehauen — dick un’ düll, dass die Lappen flogen! Er wird gesprächig, als die Erinnerung ihm das Blut schneller durch die Adern jagt. Auch das lederfarbene Angesicht des Obersten färbt sich höher. Nun soll er erzählen, wo er die Rothosen gezaust hat.

Er thut’s. Seine scharfen Augen blitzen wie Wetter und Brand. Bei Metz ist er mit seinen wackeren Reitern drauf losgeritten, als wolle er mit den Schwadronsgäulen die ganze welsche Brut in Grund und Boden stampfen. Um die Ohren hat’s ihm gepfiffen von mörderischem Blei, und hier — hier im Schulterblatt ... da hat’s eingeschlagen. Der Satan hat seine Hand im Spiel gehabt, — der Knochen ist steif geblieben bis auf den heutigen Tag. —

„Dorüm hätt hei woll n’ Dienst upgeben?“ fragt Jöschen Lenzke harmlos. —

Es ist, als ob die schlichten Worte Messerstiche gewesen. Koltitz zuckt unter ihnen zusammen, und der Atem pfeift durch die gekrampften Lippen. Dann lacht er scharf auf und stiert in das Bierglas. „Nee, Kinnings, nich dorüm!“ schüttelt er den Kopf, „nich dorüm.“ —

Was wissen die Bauern von Ellerndörp, wie steil und glatt die Leiter ist, von deren Ende der Feldherrnstab herab winkt.

„Hett he dat Drillen un’ Kummissstieweln all satt kregt?!“ fragt Jöschen abermals.

Da schnellt ihm das hagere Gesicht des alten Herrn zu, als wolle er beissen. Es zuckt und arbeitet in den faltigen Zügen, das Weisse des Augapfels wird rot.

„Nee, Mann! mich haben sie satt bekommen!“ donnert die Kommandostimme — „mich, weil ich mürbe und abgenutzt bin, weil ich meine Haut zu Markt getragen und meine Nerven zugesetzt habe! Nun ist der alte Kerl abständig geworden, — taugt nichts mehr ... soll jüngeren Kräften Platz machen — — und wenn der Hund an den Knüppel soll, dann hat er Leder gefressen!“ — Koltitz richtete sich jäh auf, das graue Haar klebte auf der feuchtperlenden Stirn. Seine Faust zitterte auf dem Tisch: „Hat mir keiner vorwerfen können, dass ich meine Pflicht und meinen Dienst verabsäumt hätte — hab’ meinen Urlaub genommen wie alle andern auch ... aber die Herren Leutnants haben sich erzählt: „Der Alte ist leberkrank! muss schon wieder nach Karlsbad!“ und oben hat man die Achseln gezuckt und gesagt: „Wie kann ein so kranker Mann noch feldtüchtig sein?“ — Da bin ich jedes Jahr kränker geworden, — nicht an meinem Leibe, Kerls! sondern in den Mäulern meiner Widersacher! Und wie wir wieder ins Manöver ritten, da ist das Geschwätz am ärgsten gewesen. Bah, was hab’ ich drauf gegeben? — Jung und frisch wie ein Fähnrich habe ich mich gefühlt, habe gedacht: wenn ein Mann anno 70 so schneidig und tapfer seine durchschossenen Knochen durch die Schlachten getragen hat, dann weiss man, was man ihm schuldig ist. Ein Regiment muss man mir geben, — will’s schon zeigen, dass der Koltitz noch reiten kann! — Und wie der General zu mir gesagt hat: „Oberstleutnant Koltitz, übernehmen Sie heute die Führung des Regiments!“ da wusste ich, dass ich in mein Examen ging, habe den Säbel in die Faust genommen, meine Dispositionen getroffen — und heidi ritten wir darauf los, dass die Funken stoben! — War just ein böser Tag, hier in der Seite haben die Schmerzen gewühlt, — mein verfluchter englischer Traber — hatte die Märe acht Tage vor dem Manöver erst kaufen müssen, weil mein Brauner an Influenza einging — — kurzum, die Bestie stiess, dass ich dachte, die Gedärme flögen mir zum Halse ’raus .... aber Tod und Teufel! ich biss die Zähne zusammen und ritt meine Attacke, dass der Boden rauchte! — Und gut ging’s! brillant ging’s! Ein Hundsfott will ich sein, wenn’s nicht so war! Haben auch beim besten Willen nicht gewusst, wie und wo sie mir eine Nase drehen sollten! Der General hat nur nach Schluss der Kritik gefragt: „Fühlen Sie sich krank, Oberstleutnant Koltitz? Sie hängen mir so unglücklich im Sattel!“ — Ich lachte und schnellte in die Höhe. „Seitenstechen, Excellenz — sind ein bisschen gar zu schneidig zugeritten!“ — — Und das war eine rindviehische Dummheit von mir. Aber ich war zeitlebens ein ehrlicher, braver Kerl — habe die Wahrheit gesagt und nicht überlegt, ob’s vorteilhaft sei oder nicht. — Nun gar heute! Hatte ja meine Sache ausgezeichnet gemacht, hatte vor aller Welt gezeigt, was ich konnte, — wie sollte es mir nun noch fehlen! Als wir ins Quartier zurückritten, überlegte ich mir, welches Regiment man mir geben werde. Das liebe, alte, in welchem ich mir vor Metz das eiserne Kreuz erkämpfte, wurde frei; sicher bekam ich es nun als Kommandeur — und dieser Gedanke ... Teufel ja — ’s war immer mein höchster Wunsch gewesen — der machte mich wie besoffen vor Freude! — Wir lagen in einem Schloss, zusammen mit dem Höchstkommandierenden und seinem Stab. Das Diner war gut, der Sekt floss in Strömen ... und ich — in meiner Aufregung — ich that, was ich jahrelang vermieden hatte, ich begoss mir gründlich die Nase. — Da kam’s. Am andern Tag lag ich, rasend vor Schmerz — hilflos und jammervoll wie ein räudiger Hund. — Narrheit, kein Mensch ist gefeit gegen solch eine verdammte Krankheit, — wäre vorüber gegangen wie alle andern Anfälle auch, — aber ... nun war’s an der grossen Glocke ... und wenn für die Rangliste das Schlachtefest hereinbricht, wenn erst der Stuhl mit der weissen Schürze draussen hängt, dann kommt alles zur Strecke, was Ärgernis gibt.“ —

Der Sprecher liess das Haupt tief zur Brust sinken, das hagere Gesicht sah erschreckend aus unter den Seelenqualen, welche es spiegelte. — „Vierzehn Tage später — — hatte ich meinen Abschied im Haus.“ — — — Einen Augenblick herrschte tiefe Stille. Die Bauern von Ellerndörp konnten es wohl nicht recht begreifen und verstehen, warum der alte kranke Mann so gewaltig nach einem Regiment gestrebt, — er war doch reich, konnte sich ein Gut kaufen und ein Haus bauen, — er hätte sollen zufrieden sein, die Plagerei endlich los zu werden ... aber ... es sieht eben anders in einem Herrenkopfe wie unter einem Bauernschädel aus. Sie empfanden es instinktiv, dass dem Obersten ein herbes Leid widerfahren und das ehrten sie. Stumm sass die kleine Runde am Schenktisch. Nur ein ernsthaftes Nicken mit dem Kopf, mächtig gepaffte Dampfwolken und ein Schlurren mit den Holzschuhen waren die äusseren Anzeichen ihrer Teilnahme.

Endlich kraute sich der Schulz in dem blonden Haar. „Nu laten’s man gaud sin, Herr, dat sin olle Kamellen, die vergeten’s bal, wenn’s von dat infamigte Snack nix mehr seihn un hüren!“

Koltitz wischte mit dem Taschentuch über Stirn und Kopf. Der Zug krankhafter Erbitterung trat stärker wie je in dem faltigen Gesicht hervor. Er lachte herb auf: „Ja, ja! vergessen! wenn ich von der ganzen Welt nichts mehr sehe und höre! Darum komme ich ja zu euch, Kinder! Hier, in eurer weltlichen Einsamkeit, will ich die Wunde ausbluten lassen, — hier sitzt sie! hier in der Brust, — ah — und das schmerzt tausendmal mehr wie die französische Kugel! ... Die Löcher, welche deutscher Undank in Herz und Seele reisst, die heilen und vernarben nicht, — nie, — niemals.“

Ein Aufstöhnen rang sich aus der Brust des Sprechers, dann hob er jäh den Kopf und sein Blick blitzte voll leidenschaftlichen Hasses durch das niedere Fenster, über die stille, sonnegoldene Ebene hinaus. „Hier ist’s am Ende der Welt, weiter hinaus konnte ich nicht, das Meer setzt die Grenze. Bis hierher bin ich vor den Menschen gelaufen, wie ein Paria, wie ein Geächteter, dem es auf der Stirn steht, dass man dem invaliden, abständigen Kerl kein Regiment geben konnte! — Bah, vielleicht erzählt man sich auch: Der Alte war ja ein zu dummes Luder — taugte nichts, drum hat man ihn weggejagt!“

„Nee, nee, Herr, so wat seggt keen Minschenseel’ nich! —

„Und warum nicht! Heute „Hosianna“ und morgen „Steinigt ihn!“ — wer den Rock ausgezogen hat, ist nur noch eine Vogelscheuche, mit welcher selbst die Spatzen auf dem Dach Schindluder treiben. — Will ihnen aber keine Gelegenheit dazu geben. Hier gefällt es mir, Kinder, ich bleibe bei euch. Bin ein guter, verträglicher Kerl, der keinem Menschen was in den Weg legt, nur die Uniformen machen mich rasend! Ich kann keine Uniform mehr sehen! ’s ist wie ein Stich durchs Hirn und lässt mich toll werden!“ —

Und Koltitz blickte so wild um sich, als fürchte er sich, solch eine verhasste Uniform möchte ihm auch hier wie ein Unglückshase über den Weg laufen!

„Nee, Herr, ok nich! — Soldatens hevven wi nich in Dorpe. De swart Lening ihr Hinnrich deint all in Hamburg, awerst he kümmt nich als Urlauber, he hätt keen Fenning op Reisen tau gahn!“

Wieder eine kurze Stille, der Oberst schien weit ab mit seinen Gedanken und die Bauern gafften schweigsam vor sich hin, wie Wiederkäuer, welche die ungewohnt viele geistige Nahrung, die man ihnen aufgetischt, erst verdauen müssen.

Endlich räusperte sich Peter Claasen. Er hatte die Empfindung, den alten Mann erst auf bessere Gedanken bringen zu müssen, ehe er in die gelbe Postschaise zurückstieg.

„Is ’n smuckes Hus, wat he but, Herr, rinklich grot förn einsamten ollen Mann wie he is.“ —

Koltitz schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht einsam, ich habe Frau und Kind.“ —

„All Dunnershagel!“ — Die Überraschung der kleinen Tafelrunde war so perfekt, dass dem Schulzen, ohne dass er’s wollte, der despektierliche Ausdruck entfuhr. Und dann starrten sich alle sprachlos an und wussten nicht, wie sie diese Neuigkeit schnell genug in sich verarbeiten sollten. Das Gerücht hatte den Obersten als alten Junggesellen verschrieen, man hatte es im Dorf als Thatsache genommen und sich damit abgefunden; nun kam’s wie ein Wirbelwind und riss den ganzen, mühseligen Aufbau Ellerndörper Phantasie wieder zusammen.

Jochen fasste sich zuerst. „Mit Respekt tau fragen, Herr, will de gnä’ Fru ok hier rut, an’s Enne der Welt komm’?“—

Koltitz sah plötzlich vergnügt aus. „Das versteht sich, Kinnings! Meine Frau und meine Tochter werden mich doch nicht allein hier sitzen lassen? Sind, Gott sei Dank beide sehr raisonnabele Frauenzimmer, pfeifen auch den Teufel auf die ganze miserable Welt! Aber gut sind sie, gut wie die lieben Engel im Himmel. Meine Alte war vielleicht zu gut zu mir, hat niemals den Pantoffel geschwungen — und das taugt auch nichts. Einem Wesen auf der Welt muss der Mann sich fügen können, in Liebe und Freundschaft und mit aller Vernunft! — Wenn einer überall nur das Kommandieren gewohnt ist, wenn er im Hause ebenso befiehlt wie in der Kaserne, dann wird er ein Eisenfresser, ein Dickkopf, der dann überall im Leben mit dem Kopf durch die Wand will ... Taugt nichts, taugt nichts. — Aber gut werdet ihr’s bei Mutterchen haben, o und erst die Erika! ja, wenn ich die beiden Frauensleute nicht gehabt hätte! — das Mädel hat mich am besten wieder zur Raison gebracht. — Gott lohn’s ihr und behüte sie vor einem Soldaten, soll nie eine Offiziersfrau werden, mein Lütting, wär’ schade drum.“ —

„Dat gnä’ Frölen is woll noch siehr jung?“ —

Koltitz nickte und griff in die Brusttasche. Er zog eine kleine rotlederne Tasche hervor und klappte sie auf. „Hier! seht’s euch selber an, ’s ist die Erika!“

Wunderlich, die Bauern erkannten den Sprecher kaum wieder. Rührende Zärtlichkeit strahlte auf dem runzligen Gesicht, die scharfen, hasserfüllten Augen leuchteten so weich, als ginge nur ein einziger, grosser Strom von Glück, Liebe und Vaterstolz durch sie hin. Der Schulze nahm die Photographie und hielt sie weit ab von den Augen. „Deiwel ja! Dat is ’n smucket Göhr!“ nickte er voll höchster Anerkennung.

„Un’ wat’n Zopp!!“ staunte Jochen.

„Wie ’n lütten Druvappel!“ stimmte sein Nachbar bei.

„Un Knoken hätt’ se! De arbeit för twee!“

Von Hand zu Hand ging das Bildchen und Jöschen wischte es zuvor an der Hose ab, um noch besser zu erkennen. Alle waren eitel Anerkennung.

Auch der Oberst blickte zum Schluss lange darauf nieder, in das runde, liebliche Gesicht mit den grossen Blauaugen. Die schauten ganz absonderlich drein, so seelenvoll und sinnig, als seien die Gedanken in dem Köpfchen den Jahren und dem stolzen Backfischzopf, welcher es schmückte, weit vorausgewachsen.

„Un siehr kluk is de lütte Dirn woll ok?“ fragte der Schulze nachdenklich.

„Mächtig klug! Hat Mutterwitz und helle Augen! Die schaut nicht blind um sich, und doch sieht ihr reines, ideales Gemüt alles nur gut und veredelt. Ist Zeit, dass sie hier heraus kommt, ehe die nichtsnutzige Welt ihren Kinderglauben mordet!“

Der Oberst schob das Bildchen in die Brusttasche zurück. Er war plötzlich vortrefflicher Laune, eilig und voll Ungeduld, dass der Hausbau schnell voranschreite. Ehe der Herbst das Laub über die Heide fegt, wollte er Einzug in der neuen Heimat halten.

Den Bauern drückte es schier das Herz ab, zu erfahren, ob der Oberst wohl allein das Gut bewirtschaften werde? —

Claasen hatte endlich den Mut, ihn nach langem Räuspern darum zu befragen.

Koltitz schien gern über seine Pläne zu sprechen. Er griff die Frage hastig auf und erzählte, dass er als Offizier zu wenig Erfahrung besitze, um ohne zuverlässige Stütze ein solches Risiko wagen zu können. Der Zufall komme ihm dabei zu Hilfe. Ein entfernter Vetter von ihm sei gelernter Landwirt, habe mit grossem Geschick ein Gut bewirtschaftet und sei erbötig, Ellerndörp auch für ihn zu verwalten und in Schwung zu bringen. Das solle dann die Lehrzeit für den Obersten sein. Ein Gestüt einzurichten, reize ihn persönlich unendlich. Er sei passionierter Pferdefreund und Züchter, habe als Kavallerist die nötigen Kenntnisse und erachte Ellerndörp als ganz besonders geeignet dazu.

Das solle sich aber alles erst mit der Zeit finden. Fürs erste lechze er nach Ruhe und Frieden, wolle vor allen Dingen den nächsten Winter behaglich hinter dem Ofen sitzen und zuhören, was der Seesturm draussen zu erzählen habe! —

Der alte Herr rieb sich schmunzelnd die Hände. Welch eine Wohlthat wird das sein, wenn es nicht alle zehn Minuten klingelt, um eine Visite zu melden! Welche Erquickung, wenn die Klatschbasen seine arme Frau nicht permanent mit Ungeheuerlichkeiten aufregen, wenn nicht mehr aller Augen voll ängstlicher Spannung an der Stirn des Divisionärs hängen, ob dieselbe Sturm oder Sonnenschein prophezeit! — Nun wird er sich nicht mehr auf Bällen und Diners langweilen, wird nicht mehr stundenlang bei Wind und Wetter in der Droschke sitzen, um Visiten zu fahren, wird sich nicht mehr die Gelbsucht an den Hals ärgern, wenn giftig süsse Teilnahme ihn fragt: „Herr Oberstleutnant, fühlen Sie sich denn jetzt etwas wohler? Ich hörte, Sie hatten einen neuen Anfall Ihres Leidens?!“ —

Nein, nun ärgert man ihn nicht mehr. Er hat den bunten Rock ausgezogen, den ein letztes Almosen noch mit dem Titel und Charakter des „Oberst“ geschmückt. Ein Oberst ohne Regiment; ein Reiter ohne Pferd. — Er wird’s vergessen. —

Still, ganz still und wundervoll gemütlich soll es in dem Gutshaus von Ellerndörp werden.

Mutterchen wird ihn hegen und pflegen, sie werden Freiherrn sein und endlich einmal thun und lassen können, was ihnen beliebt. Erika aber trägt Sonnenschein ins Stübchen, sie wird singen und lachen, wird Blumen pflegen und den Hühnerhof befehligen, sie wird sich mit Vetter Wigand gut, sehr gut vertragen, so gut ... dass ...

Ja, wenn die Gedanken des alten Herrn bis zu diesem Punkt gelangt waren, dann strich er jählings mit der Hand über die Augen und schmunzelte, sprang auf und rannte mit verklärtem Lächeln im Zimmer auf und ab. — Seine Pläne, seine Pläne! über alle andern sprach er, über diesen letzten nicht, aber er war ihm der liebste von allen.

Die Sonne sank tiefer. Blutrote Lichter flammten über die Heide. Da rollte und quietschte die gelbe Postchaise langsam wieder im Sande herzu.

Der Oberst sprang auf, er schüttelte reihum die Hände, derbe, rauhe, ehrliche Hände. „Treibt, Kinder! treibt die Arbeiter, dass das Haus wächst!“ nickte er zum Abschied. Und dann stieg er in die Post.

Die Bauern standen, die Mützen in der Hand, und schauten ihm nach.

„He is doch düchtig abstännig un’ klappricht!“ nickte Peter Claasen nachdenklich vor sich hin, „dat is nich gaud, wann so’n oller, miserablichter Kierl noch ’n Hus upricht!“

„Nee, dat duht nich gaud.“

„Un worüm nich, Vadder Claasen?“

Der Bauer machte eine kurze Bewegung mit der Hand, setzte die Mütze auf und wandte sich schweigend zum Gehen.

Da fragte keiner mehr, wussten sie doch alle, was er meinte. Nein, es thut nicht gut, die Erde aufzureissen und ein Haus zu bauen, ’s ist ein Aberglauben dabei. Eins aus der Familie muss in die offene Erde hinein. — Das gnä’ Frölen ist ein junges Blut und die Gutsfrau gesund und rüstig, — im Herbst aber fällt welkes Laub — und der Alte ist welk und morsch, wie ein Blättlein am Lebensbaum, welches ein Frost getroffen. —

Die Bauern von Ellerndörp gingen schweigsam nach Hause. Sie hatten heute mehr gehört und erfahren, wie sonst in einem Jahr. Das lastete auf ihnen. Ihr armer Verstand konnte es nicht ergründen, ob dem Obersten ein Unrecht geschehen, sie begriffen nur, dass er ein kranker Mann war, dem ein Leid widerfahren, und weil er nun zu ihnen gehörte, so war sein Kummer auch der ihre. — Das Gutshaus wuchs empor und die Bauern von Ellerndörp schüttelten ernst die Köpfe, — beim Richtfest war die Krone herabgestürzt, das bedeutet nichts Gutes.

II.

Schnee lag über der Heide.

In wundervoller Reine und Klarheit leuchtete das flache Land, so weit der Blick reichte, wenn die Sonne am Himmel stand und die ruhige Luft vor Kälte flimmerte; schöner aber noch war es, wenn Himmel und Erde verschmolzen in grauen Schleiern, wenn ein geheimnisvoll falbes Licht seine Schatten um die Rüstern und Schlehdornbüsche malte, — wenn die Raben mit melancholischem Schrei einsam die matten Schwingen regten.

Dann stand der Oberst am Fenster und starrte stundenlang hinaus in den Wirbeltanz der Flocken, hinüber zu den Dächern des Dorfes, welche wie spitze Schneehaufen emporragten. Wenn die bläulichen Rauchfahnen darüber hinkräuselten, wusste er, dass nun Modder Fieken oder Mutting Hanne die Suppe auf dem Feuer hatte. Und wenn das gedämpfte Bellen eines Hundes von der Dorfstrasse herüberklang, ein Bellen, welches von Haus zu Haus zu vollerem Akkord anwuchs, schrill und tieftönig, cholerisch und sanguinisch, kläffend und grollend, dann sah Koltitz nach der Uhr und nickte zufrieden vor sich hin. Die Post fuhr ein. Manchmal summte er dann in den Bart: „Und hat sie keinen Brief für dich, — mein Herz — mein Herz!“ und er rieb sich behaglich die Hände dazu und nickte ingrimmig vor sich hin: „Fehlte auch noch! Briefe! Zeitungen! Verfluchter Kram, der einem nur die Ruhe stört. Ich mag nicht wissen, wie’s draussen aussieht, ich habe die Brücke hinter mir abgebrochen. Mögen sich die Menschen raufen oder vertragen, mögen sie sich herumzanken, sich hassen oder lieben, — mich ficht es nicht mehr an. Hier hört die Welt auf, hier verklingt ihr Lärm. — Ah — und das ist schön, wunderbar schön. Narren sind alle, die es so haben könnten und sich dennoch zu Lasttieren der Welt machen. Was trägt’s ihnen ein, ihr Rennen, Jagen und Hasten, der wilde unbarmherzige Kampf um Phantome? Sie reiben sich auf, sie überstürzen ihre kurzen Lebenstage, sie haben keine Zeit, um glücklich zu sein. Narren sind sie, Narren! — Hier ist’s still, und wenn es einmal stürmt und braust, so ist’s draussen vor dem Haus, über die Schwelle weht kein Gifthauch mehr.“

Und gerade den Sturm, den rauhen, wilden Nordlandsturm liebte Koltitz über alles. Er nannte ihn sein Hoforchester, seine göttliche Kapelle, welche einzig und allein für ihn die zaubervollen Märchenweisen der Unendlichkeit spielte. Dann sass er im behaglichen Lehnstuhl am Fenster und lauschte.

Die Bäume im Garten ächzten und stöhnten, es pfiff und schrillte um die Fenster und wenn ein neuer Windstoss daherfuhr, klang es, als rolle sich das Weltmeer brausend über die Heide heran.

Das Feuer prasselte im Kamin, Funken stoben um die dicken Eichkloben, wenn sich Erikas rotüberflammtes Gesichtchen neigte, die Glut übermütig anzublasen und zu schüren! —

Ja, Erika! Sie liebte ihn auch über alles, den wilden, unhöflichen Gesellen, den Schneesturm, welcher ihr so ungalant das blonde Köpfchen zauste und ihr die wunderlichsten Geschichten erzählte! Der Vater hörte nur Melodieen aus ihm hervorklingen, das junge Mädchen aber verstand Worte, Lieder, Märchen — tausenderlei närrische Dinge, welche sie andern Tags weitererzählte, der Modder Dörten und dem Liesing, wenn sie am Spinnrad sassen und gar nicht satt werden konnten, des gnä’ Frölens wundervolle „Läuschen und Riemels“ anzuhören.

Wenn der Kuckuck in der Schwarzwälderin viermal seinen Namen gerufen, wurde der Oberst schon ungeduldig.

„Jettchen! liebes Jettchen — es schlägt schon viere? Wo bleibt das Rackerzeug wieder mit dem Kaffe? Verdammte Unpünktlichkeit! Lodderei infame! Da soll doch gleich ein Himmelschockneundonnerwetter —“ „Aber Maus! sei doch nicht so niedlich!“ klagte eine weiche Stimme voll zärtlichen Vorwurfs, „die Uhr geht doch zehn Minuten vor!“

Frau Jettchens schmächtige kleine Gestalt versank in dem hohen Polstersessel am Ofen. Ihr Kopf, schlicht frisiert und mit schwarzer Spitzenbarbe belegt, neigte sich Tag für Tag mit gleicher Emsigkeit über die feine Leinenstickerei, als sei Erikas Hochzeit bereits in nächster Woche, als müsse die Ausstattung über heut und morgen fertig sein.

Frau Oberst Koltitz war eine sehr sympathische Erscheinung, die verkörperte Güte und Sanftmut, still, aber reich an schönen und idealen Gedanken, welche sich in jedem Urteil über Welt und Menschen ebenso liebevoll und verklärend ausdrückten, wie ihr Mann sie voll schwärzesten Pessimismus verdammte. Wo er hasste, verzieh und liebte sie; wo er anklagte, wusste sie zu entschuldigen; wo er Verrat und Schlechtigkeit sah, enthüllte sie immer noch eine gute Seite, fand stets Gründe, das wirklich Schlechte selbst nachsichtig und mitleidig zu beurteilen.

Ihrem Mann gegenüber war sie etwas schüchtern, beinahe ängstlich. Sie fürchtete seine Heftigkeit und suchte sie durch liebevollen Vorwurf zu entkräften. Der Kosename „Maus“ hatte früher in der Garnison viel Heiterkeit erregt und die so gern lästernde Welt hatte schnell die Komik der Gegensätze herausgefunden. Wenn der leicht gereizte Gatte, grimmig wie ein Nussknacker, in kräftigster Weise losschimpfte, nichts weniger wie allerliebst anzuschauen in solchem Augenblick, gab es wohl keine verblüffendere Entgegnung seitens der Gemahlin, als ihr zärtliches „Aber Maus, sei doch nicht so niedlich!“ Und ebenso scherzhaft wirkte dieser nämliche Einwurf, wenn Koltitz, in guter Laune, die bedenklichsten Geschichten auftischte, bei deren saftiger Pointe Frau Jettchen jedesmal hold errötend lispelte: „Aber Maus, sei doch nicht so niedlich!“ Die kleine Frau war entschieden überzeugt von ihren Worten, aber die Schandmäuler der Gesellschaft hatten die „niedliche Maus“ bald zum geflügelten Wort gemacht.

Wie stets, beruhigte sich der Oberst auch diesmal schnell. Er zog sich einen Stuhl neben den Sessel seiner Frau und trommelte ihr liebevoll mit den Fingern auf den Rücken.

„Mache keinen Spektakel, Alte! Ist doch nicht meine Schuld, dass der donnerwettersche Kuckuckskasten vorgeht! Die Liese soll übrigens sofort zum Uhrmacher laufen —“

Der Sprecher verstummte unter dem eigentümlichen Aufblick der Gattin.

„Zum Uhrmacher? Bei diesem Schneesturm vier Meilen weit in die Stadt laufen? Ich fürchte, Väterchen, sie findet keinen, der heute abend noch mit ihr heraus watet!“

„So, so; Teufel ja, vergesse immer noch, dass wir ja Gott sei Lob und Dank in einer Atmosphäre atmen, die auf Meilen weit keine Stadtlust verpestet. Famos, Jettchen! gar zu gemütlich. Hör’ mal, wie es draussen heult, man könnte sich einbilden, es wären Wölfe; und jetzt prasseln wieder ein paar Ziegeln vom Dach — ausgezeichneter Sturm! Frisch und gesund! Der pustet mal kräftig durch und schleppt keine Bacillen und keinen Strassenstaub mit sich ’rum! Und wie kuschelig ist’s hier im warmen Stübchen! Keine verfluchte Corridorklingel, die einem alle Minuten auf die Nerven geht! Keine Ordonnanzen, keine Visiten, ich brauche nicht alle zehn Minuten in den kalten Uniformsrock zu fahren, weil so ein paar wurstige Menschen die Stuben voll Schneewasser trampeln wollen! Nicht wahr, Jettchen, du findest das auch ein molliges Leben? Jettchen, Herzchen ..... Himmelschockdonnerwetter, warum antwortest du denn nicht?!“

„Aber Maus!“ — Jettchen zog den erregten Mann liebevoll wieder auf den Stuhl, von welchem er aufgesprungen, nieder. „Ich zählte doch gerade die Kreuzchen hier — siehst du ... dieses Muster bedingt Aufmerksamkeit, — ein, zwei Kreuzchen ... Stich ... ein, zwei Kreuzchen ... Doppelstich —“

„Verdammte Kreuzchen! wirf sie in die Ecke, Jettchen, dieses monotone Gezähle kann einen ja rasend machen! Also hör ’mal, Jettchen, dass dich die Frau Generalin .. und der Gelbschnabel von einer Majorsprotze hier nicht mehr ärgern können, und dass der Hauswirt keinen Skandal mehr macht, weil die Frauenzimmer die Wäsche unausgerungen auf den Boden hängten und das Wasser bei Kalkulators durchtrippte ... he, Jettchen, kommst du dir nicht vor wie im Himmel?“

Frau Koltitz fädelte ueues Garn in die Nadel. „Gewiss, Mäuschen, es ist reizend, du weisst, dass ich mir eine solche Idylle wie die hiesige mein Leben lang brennend gewünscht habe! Ich habe dich ja, Väterchen, dich! und ich weiss dich glücklich und zufrieden, das ist die Hauptsache. Aber ...“

„Alterchen, gieb mir ’n Schmatz!“ — Koltitz nahm in derber Liebkosung den Kopf der kleinen Frau zwischen beide Hände und küsste sie voll Dankbarkeit. „So; und was meinst du nun mit deinem „Aber?“

Ein leiser Seufzer. „Die Erika, Männchen! Das arme Wurm ist noch zu jung für diese klosterhafte Einsamkeit.“

„Papperlapap! — sieht das Mädel etwa aus, als ob sie sich langweilt und wegsehnt? Freut sich ihres Lebens wie ein Fisch im Wasser! Jung! ja, sie ist noch jung an Jahren, aber ein merkwürdig ausgereifter Charakter. Ich sage dir, Jettchen, das Kind weiss die Menschen besser noch zu beurteilen wie wir! Die hat den Schwindel und die Komödie da draussen in der grossen Welt durchschaut, die pfeift was auf diesen gleissnerischen Klimbim, hinter dessen schöner Aussenseite kein Körnchen von Aufrichtigkeit steckt —“

„Nein, nein, Väterchen! Erika war gern unter Menschen, sie hat sich immer gut amüsiert und denkt ohne jede Erbitterung an die Vergangenheit zurück. Dass sie die Feste und Vergnügungen der Residenz nicht vermisst, ist eben eine der goldenen Absonderlichkeiten ihres anspruchslosen, treuen Gemüts. Sie liebt uns und fügt sich heiter und ohne Murren in unsern Willen, aber gerade diese Selbstlosigkeit des guten Kindes rührt mich, und ich empfinde es als Schuld —“

„Schnickschnack! Du ahnst gar nicht, Jettchen, wie gern die Erika hier ist!“ — Koltitz blinzelte geheimnisvoll und stiess die sehr überrascht aufblickende Gattin leise mit dem Ellenbogen an.

„Aber Väterchen ...“

„Ja, ja, Väterchen!“ höhnte der Oberst, sie persiflierend. „Das Väterchen ist nicht so dumm und so egoistisch, wie du denkst! He, Alte — mach mal ein bisschen die Augen auf, wenn unsere Kleine neben dem Goldjungen, dem Wigand, sitzt —“

Frau Henriette schüttelte ernsthaft den Kopf. „Einbildung!“ entgegnete sie sehr entschieden, „du siehst, weil du sehen willst. Es gibt keine grössere Gleichgültigkeit als die zwischen Erika und Wigand!“

„Potz Hagelkreuzdonnerwetter — das Mädel sollte ihm nicht gefallen?! Da soll doch ...“

„Aber Maus! Maus! schrei doch nicht so! Nein, ich glaube nicht, dass Erika diejenige ist, welche den so sehr hausbackenen, poesielosen Mann erobern wird. Wigand ist ein grundbraver, vortrefflicher Mensch, aber ich taxiere ihn auf einen Geschmack, welcher lediglich in einer sehr schlichten, nur wirtschaftlich prosaischen Frau sein Ideal findet. Unser Kind hat aber zu lange schon die elegante Grossstadtluft geatmet, Erika ist ja fleissig und tüchtig, aber der Grundzug ihres Wesens ist eine sinnige, zarte Schwärmerei, für welche ein derber Landmann nie Verständnis haben wird!“

Koltitz lachte, allerdings ein wenig ärgerlich. „Das ist ja alles Nebensache, Jettchen! Die Verhältnisse passen dafür desto brillanter! Was könnte dem armen, mittellosen Jungen besseres passieren, als sich in ein schuldenfreies, schönes Gut hineinzusetzen, als eine Frau finden, die ihm alles, was er braucht, auf dem Präsentierteller zuträgt!“

„Wigand ist ein viel zu ehrlicher und treuer Mann, um zu berechnen, und was würde ihm auch alle Berechnung helfen, wenn er keine Gegenliebe findet?“

Koltitz fuhr sich entrüstet mit beiden Händen in die grauen Haare. „Keine Gegenliebe?! ich schlage das Mädel tot, wenn sie so einfältig ist —“

„Maus, sei doch nicht so niedlich!“

Der Oberst stiefelte mit Riesenschritten im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er stehen und wühlte in Frau Henriettes sorglich geordnetem Arbeitskorb, als wolle er Salat mengen. „Dummheiten, wir zanken uns um Kaisers Bart. Abwarten, Jettchen, die Einsamkeit hat schon manch trocknen Stab in Myrthen grünen lassen! So, und nun Maul halten, Alte — draussen klirren endlich die Kaffeetassen.“

Die Thüre öffnete sich mit jenem eigenartig langsamen Rücken, welches unverkennbar verrät, dass die Klinke unter erschwerenden Umständen mit dem Ellenbogen niedergedrückt wird. Mit dem Füsschen nachhelfend und den wuchtigen Thürflügel zurückschiebend, erschien eine schlanke Mädchengestalt auf der Schwelle.

Ein dunkelbraunes Kleid aus Tuchstoff, einfach, aber sehr chic und modern, umschmiegte die graziösen Glieder, ein gesticktes Schürzchen schützte es vor etwaigen Flecken und die Frisur des blondlockigen Köpfchens zeigte, dass Fräulein Erika ihre Toilettenkünste an dem Geschmack der Grossstadt herangebildet.

Dennoch lag über der ganzen Erscheinung des jungen Mädchens etwas durchaus Frisches, harmlos Natürliches; ihr Aussehen verriet weder Koketterie noch Eitelkeit, sie kleidete sich gut und elegant, weil es ihrem Schönheitssinn zuwider war, etwas Unschönes oder Geschmackloses im Spiegel zu sehen.

Auf silberblitzendem Brett klirrten die Kaffeetassen in ihrer Hand und dieweil Liesing mit Kanne und Sahngiesser folgte, trällerte ihre junge Herrin, gleichsam als einladenden Zuruf für die Eltern: „Kaffeechen, Kaffeechen, du himmlischer Trank!“

Des Obersten Gesicht verklärte sich. „Komm, Alte!“ nickte er und folgte dem Töchterchen in das Nebenzimmer, wo der Kaffeetisch, so sauber und appetitlich wie ein Stillleben im Goldrahmen, zum Niedersitzen einlud. Der grosse, selbstgebackene Kuchen, in dessen Mitte ein Strauss Immergrün prangte, war ein Meisterstück der Modder Dörten; das Spiritusflämmchen unter dem silbernen Theekessel züngelte in bläulichem Licht, und mild verschleiert schwebte die elegante Broncelampe über der kleinen Tafel, das sturmumbrauste Zimmer des Heidehauses ebenso festlich zu erleuchten, wie ehemals den Speisesaal in der Residenz.

„Soll ich einschenken, Väterchen, oder warten wir auf Wigand?“

„Einschenken, kleiner Affe. „Wer nicht kommt zur rechten Zeit, der muss nehmen was übrig bleibt!“ Wo steckt denn der Monsieur mal wieder?!“

„Er scheint in den Ställen aufgehalten zu sein!“ Die weissen Händchen füllten sehr gelassen die Tasse des Obersten und die Grübchen in den Wangen vertieften sich unter fröhlichem Lachen. „Ich hoffe wenigstens nicht, dass ihn der Sturm fortgeblasen oder dass er im Schnee stecken geblieben ist! Seine Stiefeln sind doch massiv genug, um beides zu verhindern!“

„Was hast du nur immer mit seinen Stiefeln?“ ärgerte sich der alte Herr, „ein Landwirt kann doch bei seinen Promenaden durch Stall und Sturzacker keine welschhahnenledernen Stiefelettchen tragen wie du!“

„Weiss ja, Väterchen, weiss ja! Die viereckigen Nägelungeheuer sehen nur so drollig aus, und geben dem guten Wigand eine ebenso absonderliche Façon wie seine Düffeljacke à la Onkel Bräsig!“

„Albernheit! eine famose, praktische, dauerhafte Joppe! Schaffe mir auch so eine an.“

Erika biss lachend in ihr Stück Kuchen. „Dann verklage ich dich, Papa! Die Aussicht auf zwei solche Exemplare würde eine Männerfeindin aus mir machen.“

„Weiss der Teufel, wie ihr Frauenzimmer an so ein bisschen Kleiderplunder hängt! Den Rock, an dem guckt ihr euch die Augen blind, aber was darunter steckt, ist Nebensache!“

„Hm ... beinahe hast du recht! Kleider machen Leute!“

„Machen Fatzken und Gigerln!“

„Machen Onkel Bräsigs und Kavaliere!“

„Gelbschnabel!“

„Schnäbelchen, wenn ich bitten darf.“

„Jettchen, schämst du dich nicht deiner Erziehungsresultate?“

„Das überlasse ich dir, Väterchen!“

„Willst du etwa auch gegen den Wigand zu Felde ziehen?“

„Auch? Kein Mensch steht in Waffen.“

„Du spottest über den braven Kerl!“

„Verlangst du etwa, dass ich für seine Stiefeln schwärmen soll?“

Koltitz rührte etwas verlegen in seiner Tasse. — „Hm ... es wäre mir schon lieber.“

Erika lehnte sich im Stuhl zurück und lachte schallend auf: „Mütterchen, was muss doch ein Mann für ungeheuerliche Vorstellungen von den Idealen eines Mägdleins haben!“

„Albernes Ding! .. ich habe auch Commissstieweln schief gelaufen und verkörperte trotzdem das Ideal deiner Mutter! Aber das kam daher, weil sie ein vernünftiges Mädel war, weil sie nicht auf mein Rindsleder, sondern auf meine vorzüglichen Eigenschaften sah, weil sie nicht sitzen bleiben wollte und dachte: Wie er aussieht, ist Wurscht — ich angle mir meinen Fritze —“

„Aber Maus, sei doch nicht so niedlich!“

Erika lachte immer ausgelassener. „Heiliger Sissifax, die Sache wird immer hübscher! Nun soll ich wohl gar nach Wigand angeln?!“

Jähe Stille. Das Ehepaar Koltitz wechselte einen hastigen Blick, der Oberst paffte ein paar kurze Dampfwolken und zog die Stirn in unheimliche Falten, Erika aber schnitt sich äusserst harmlos noch ein Stück Kuchen ab und fuhr ungeniert fort: „Na, Gott sei Dank, dass keine Menschenseele auf solch einen verrückten Gedanken kommt! Das ist das allerhübscheste an Ellerndörp, dass es keine Damenkaffees gibt, in welchen ganz unschuldige Menschen nolens volens zusammen verheiratet werden. Wigand ist ein lieber, braver Mensch, der beste und treuste Freund, den man haben kann, und seine schönste Eigenschaft ist die, dass er absolut kein Heiratskandidat ist. Wigand als Liebhaber ist eine unendlich komische Vorstellung. Kannst du dir diesen Mann von Stahl, Eisen, Rindsleder und Düffel wohl lyrisch denken, Mama?“ und sie prustete abermals laut auf vor Lachen.

Gleicherzeit dröhnte ein mächtiges Bellen im Hausflur. „Marsch in die Küche, Wodan!“ befahl eine tiefe, sehr ruhige Männerstimme und dann stampften wuchtige Schritte herzu.

„Guten Abend! Bitte sehr um Verzeihung, dass ich unpünktlich war, Freese kam aus der Stadt zurück und bat mich, sogleich abrechnen zu dürfen.“

Lupus in fabula stand an der Thüre. Eine hohe, reckenhafte Gestalt, breitschultrig und massiv. Das Gesicht war nicht hübsch zu nennen, aber frisch, gesund und beseelt von zwei so grundehrlichen, treuherzigen Augen, dass sie an die eines Kindes gemahnt hätten, wenn sie nicht allzu ernst, beinahe resignirt in die Welt geschaut hätten.

Die angefeindeten Stiefeln gaben dem Bein und Fuss allerdings ein auffallend klobiges Aussehen, ebenso ungeschickt wie die Jagdjoppe, welche ohne jede Spur von Eitelkeit, lediglich von ihrem Besitzer getragen wurde, weil sie billig, warm und bequem war. Ihr Schnitt war ungeschickt und verunstaltete die stattliche Figur des jungen Mannes, ebenso wie der blonde Vollbart etwas ungepflegt in den Tag hineinwuchs. Wigand hatte nicht viel Zeit für Toilette übrig. Allmorgendlich ein Bad in kaltem Wasser, dass das ganze Zimmer überschwemmt war, bildete den Hauptbestand seiner Körperpflege. Die Haare waren des kürzeren Verfahrens wegen geschoren und schnell mit der Bürste bearbeitet, und weil das Rasieren allzu lange aufhielt, liess der niemals unthätige Landmann den goldblonden Bart wachsen, wie es ihm just beliebte.

Seltsamerweise legte Herr von Landen umsomehr Wert auf das Aussehen seiner schönen Hand und seiner Zähne. Er pflegte beide in einer Weise, welche gegen seine sonstige Gleichgültigkeit wider seinen äusseren Menschen um so greller abstach. Nie sah man ihn ohne Handschuhe im Freien, nie benutzte der sonst eifrige Raucher die landesübliche, von allen Landwirten sonst so geliebte Pfeife.

Darum war seine Hand, trotz aller Arbeit und trotz alles persönlichen Zugreifens, weiss und tadellos bis zur Nagelspitze und seine Zähne so leuchtend weiss, dass der eitelste Indier ihn darum hätte beneiden können.

Was aber besagten diese einzigen Vorzüge bei der sonst so wenig repräsentablen Erscheinung?

Erika sah nur die rindsledernen Stiefeln und die ungeheuerliche Joppe mit den imitirten Hirschhornknöpfen, und weil sie absolut nach keinen Vorzügen an Wigands Erscheinung suchte, so übersah sie dieselben als etwas Selbstverständliches.

In seiner ruhigen, etwas ungelenken Weise trat er zum Kaffeetisch und nahm Platz.

Der Oberst hatte ihm mit schier zärtlichem Nicken die Hand entgegengestreckt: „Du weisst, mein braver Junge, dass der Dienst immer entschuldigt!“ und Erika lachte ihm fröhlich zu: „Spät kommt ihr, doch ihr kommt!“ — schenkte ihm Kaffee ein und legte ihm den Kuchen vor. —

Er hatte ihre Hand mit freundlichem Druck geschüttelt und die der Hausfrau respektvoll geküsst, nun liess er sich von der Cousine bedienen, als sei dies ganz in der Ordnung und ass und trank schweigsam, aber mit bestem Appetit.

Dann erzählte er Erika, dass er eine Menge frischer Hasenfährten entdeckt habe und morgen für einen Sonntagsbraten sorgen werde, auch treibe sich ein Flug Feldtauben um die Kornmiethen herum, unter denen er aufräumen wolle.

„Max, schiess’ nicht! ich bin die weisse Taube!“ hatte sie lachend erwidert, aber trotzdem eifrige Pläne gemacht, wie die Jagdbeute als höchst delikates Fricassee verarbeitet werden solle! —

Die jungen Leute verkehrten äusserst harmlos und heiter zusammen, mit einer Vertraulichkeit, wie sie zwischen Bruder und Schwester herrscht. Wigands Blick weilte voll warmer Herzlichkeit auf dem anmutigen Bäschen und in Erikas Wesen drückte sich die Achtung vor seiner Vortrefflichkeit und die Dankbarkeit aus, welche die ganze Familie Koltitz dem Manne zollte, der Ellerndörp in so ausgezeichneter Weise verwaltete.

Die Hagelkörner prasselten gegen das Fenster und der Sturm pfiff um den Giebel.

„Tolles Wetter! Wohl dem, der hinter dem warmen Ofen sitzt“, schmunzelte der Oberst, sich die Hände reibend, gleicherzeit horchte er hoch auf. Die Klingel der Hausthür rasselte, Wodan meldete mit durchdringendem Organ irgend etwas Aussergewöhnliches; Modder Dörtens und eine fremde Stimme wurden laut. Die Augen des alten Herrn wurden starr, die finstere Falte, welche sich zwischen die Brauen senkte, das nervöse Zittern der Nasenflügel prophezeiten die krankhafte Erregung, in welche ihn alles versetzte, was nicht auf dem tagtäglichen Programm des Hauses stand.

„Es wird wohl einer von den Knechten sein. Gewiss will er sich bei Wigand noch irgend welchen Befehl holen“, sagte Erika gleichmütig, aber sie wechselte einen schnellen Blick mit dem Vetter, dessen Mahnung derselbe auch sofort verstand und sich hastig erhob.

Zu spät. Schon stand Liesing in der Thür und meldete in sichtbarer Erregung über den absonderlichen Fall, dass der Briefträger da sei und absolut den Herrn selber sprechen wolle.

Die Hand des Obersten zitterte, dass der Kaffeelöffel, welchen er hielt, gegen die Tasse klirrte. Die braungelbe Färbung seines Gesichtes kündete Sturm. „Himmelschockbombenelement, werft den verfluchten Kerl zum Haus hinaus, ich will keine Briefe, ich verlange keine Briefe — ich schiesse auf jeden, der es wagt, hier meinen Frieden zu stören!“

„Aber Maus, sei doch nicht so niedlich, es ist ja vielleicht ein Geldbrief“, ängstigte sich Frau Jettchen. „Der Brief ist an den Herrn Obersten gerichtet, Liesing?“

„Nee, der Warnke seggt, ’s is för’n Baron.“

„Ah, also für mich?“

„Siehst du, Väterchen, er will ja nur zu Wigand.“ — Erika schlang beide Arme um den aufgeregten alten Herrn und zog ihn sanft auf den Stuhl zurück.

„Wigand, Junge, willst du etwa solch Teufelszeug von Papier und Tinte annehmen?“ fuhr Koltitz auf.

„Gewiss, lieber Onkel. Der Brief kann ja äusserst wichtige Nachrichten enthalten.“

Die ruhige Bestimmtheit des Sprechers wirkte.

„In Gottes Namen, hole ihn dir, mein Junge, ich alter Narr vergesse immer, dass du noch keine Tonsur auf dem Kopfe trägst.“ Er stützte die Stirn auf die Hand und starrte vor sich hin, aber er schaute doch jählings auf, als Wigand nach einer Minute zurückkam, eilig an den Schreibtisch trat und einen Postschein unterzeichnete.

„Eingeschriebener Brief?“

„Ja, lieber Onkel.“

„Hm.“ Man sah es dem runzligen Gesicht an, dass der alte Herr begann, neugierig zu werden. „Der Kerl soll in die Küche gehen und sich wärmen, gebt ihm einen Schnaps und was zu essen.“

„Gewiss, Papachen, ich will selber dafür sorgen.“ Erika sprang mit kaum unterdrücktem Jubel auf und eilte hinaus. Ihr lustiges Lachen und eine sehr eifrige Unterhaltung mit Warnke schallten in das Zimmer zurück.

„Nun lässt sie sich natürlich wieder tausenderlei Neuigkeiten von dem verfluchten Kerl erzählen“, grollte der Oberst.

„O ja“, nickte Frau Henriette gleichmütig, „erzählen wird er schon können. Es sollen ja kolossale Veränderungen in der Welt vor sich gegangen sein — Bismarck sei thatsächlich von seinem Amte zurückgetreten —“

Koltitz fuhr jäh empor, stierte seine Frau an, wie ein Gespenst, und wiederholte langsam: „Bismarck? der alte, eiserne Bismarck ... auch beim alten Eisen? Das ist ja Unsinn, undenkbar, Jettchen, ganz unmöglich.“

„Es ist eine Thatsache, Väterchen. Warnke wird wohl Zeitungen bei sich haben, wenn es dich interessiert, wirf einen Blick hinein und überzeuge dich.“

Das Haupt des pensionierten Offiziers war tief, tief zur Brust gesunken, die Schatten um seine Augen erweiterten sich. Einen Moment sass er regungslos, dann griff er mit beinahe heftiger Bewegung nach der Schelle und setzte sie stürmisch in Bewegung. „Warnke soll in mein Zimmer kommen, Liesing, bringt ihm das Essen dorthin“, befahl er kurz, erhob sich und schritt, ohne rechts und links zu blicken, durch die Seitenthür.

„Wigand, Wigand, hast du gehört? Er wird eine Zeitung lesen und alles erfahren!“ rief Frau Koltitz erregt und verschlang die Hände krampfhaft im Schoss.

Herr von Landen blickte von seinem Brief auf. „Es ist ein Segen, Tantchen. Gott sei Dank haben wir nun wenigstens eine Tatze des Bären aus der Höhle gelockt.“

„Wenn es nur gut ausschlägt, wenn er sich nicht so furchtbar aufregt! Jede Alteration ist ja Gift für ihn!“

Erika trat hastig ein. „Mama, ist es kein Irrtum, Warnke soll in Vaters Zimmer kommen?“

Frau Koltitz wandte sich ihr lebhaft zu. „Ach, Kind, mir ist unbeschreiblich bang, wie es ausfallen wird; er wird über Bismarck lesen!“

„Gott sei Dank!“

Das junge Mädchen setzte sich neben die Mutter nieder und zog zwei Briefe aus der Tasche. „Hier, Mutting, von der Generalin von Marburg und der Frau Oberstleutnant! Warnke hat sie heute in der Küche abgegeben, weil er nun doch einmal her musste.“

Frau Henriette blickte erfreut auf die Adressen nieder. „Wie lieb und freundlich von den Damen. Sie halten treue Freundschaft und nehmen so herzlichen Anteil an Väterchens Ergehen. Könnte Papa nur ein einziges Mal solch einen Brief lesen, er würde sich überzeugen, mit wieviel Zuneigung man im Regiment unserer gedenkt.“

Wigand trat näher. „Es würde ihn nicht bekehren, Tantchen. Sein Menschenhass ist krankhaft und liegt wohl in der Natur seines Leidens; fixe Ideen sind unheilbar. Wir alle sehen es mit Angst und Sorge, wie krank er ist, nur er selber will es nicht zugeben und behauptet, kerngesund zu sein.“

„Das ist ja an dem ganzen Elend schuld, Wigand. Ich versichere dir, dass Fritz effektiv nicht mehr auf dem Pferde sitzen konnte, dass es ihm unmöglich war, noch Dienst zu thun, und dennoch wollte er es nicht zugeben, dennoch nahm er es als grösste Ungerechtigkeit, als bitterste Kränkung auf, dass man ihm endlich den Abschied gab, weil er freiwillig nicht gehen wollte. Ach, das war eine furchtbare Zeit, den krankhaft überreizten Mann über diesen Schlag hinauszubringen, sein Hass, sein Ingrimm sind durchaus ungerechtfertigt, aber wehe jedem, der ihn davon überzeugen will. Hörst du nebenan? Jetzt erzählt er dem wildfremden Mann, dem Landbriefträger, die Geschichte seines Abschieds. Mit wahrer Wollust verbeisst er sich nun wieder in seinen Weltschmerz, voll Genugthuung, dass ein Mensch ihm zustimmt. Wer hätte so etwas früher für möglich gehalten.“

„Er ist krank, Tantchen; das erklärt alles.“

Frau Koltitz seufzte tief auf und Erika blickte ernst und nachdenklich auf den Teppich vor sich nieder.

Wigands Blick haftete auf ihrem Antlitz und es lag plötzlich ein wunderlicher Ausdruck in seinem Auge. Ein Gemisch von Spannung und Sorge, ein ängstliches Forschen, als wolle er in ihren tiefsten Gedanken lesen.

„Es ist euch Damen wohl sehr schwer geworden, euch hier in dieser Einsamkeit zu vergraben?“

Das junge Mädchen verharrte regungslos, Frau Koltitz aber schüttelte wehmütig den Kopf. „Ich bin vom Lande gebürtig und liebe die Stille und Ruhe eines Gutshauses. Was habe ich noch in der Welt zu verlieren? Ich bin gern hier und verlange nichts Besseres.“

Der junge Landwirt wandte den Blick nicht von Erika ab. „Du, Tantchen, du! Das ist wohl begreiflich, aber die Kleine sehnt sich gewiss gewaltig nach der Residenz und den alten Freunden zurück.“ Seine Stimme klang nicht so fest wie sonst und die Unruhe in seinem Gesicht trat stärker hervor.

Erika hob jählings den Kopf. Sie blickte voll zu ihm auf und lachte ebenso vergnügt und heiter wie sonst. Wie Sonnenschein ging’s über sein Antlitz. „Zurücksehnen? in mein schönes Pensionat? oder in die herrlich amüsanten Backfischkaffees, wo es zum guten Ton gehörte, in irgend einen Helden der Salons sterblich verliebt zu sein? Nein, Wigand, ich gehöre zu den unnatürlichen jungen Damen, welche weder eine Intima noch eine unglückliche Liebe zurückgelassen. Die Menschen beschäftigten bis jetzt nur meinen Verstand und mein Talent ‚zu beobachten‘, ich amüsierte mich im Ganzen, nicht im Einzelnen. Das Einzige, was ich bedaure, und zwar recht schmerzlich bedaure und vermisse, ist das Theater. Eine schöne Oper, eine gute Tragödie oder ein Lustspiel gehören zu den grössten Genüssen, welche man mir bieten kann. Dafür gebe ich alles andere hin. Hab’s auch gründlich genossen. Die gute Mutter hatte für uns abonniert, da war ich allabendlicher Gast in der Loge.“

Als habe eine milde Hand beruhigend und klärend über seine Stirn gestrichen, lächelte Wigand mit aufleuchtendem Blick zu ihr nieder. Niemand sah und bemerkte es. „Du überraschst mich, ich habe bislang stets die Litteratur für deine grösste Passion gehalten.“

„Für die grösste? Je nun, sagen wir, meine Vorliebe für gute Bücher geht mit meiner Freude an schönen Stücken Hand in Hand. Die Muse der Tragödie und die der Dichtung sind Geschwisterkind.“

Frau Henriette neigte sich wieder über ihre Stickarbeit. „Ich versichere dir, Wigand, es war ein Genuss, mit dem Kind in das Theater zu gehen. Oft begriff ich selber nicht, woher die kleine Person ein so tiefes, reifes Verständnis für die Kunst her hat. Das verleitete mich, sie getrost alle Bücher lesen und alle Stücke sehen zu lassen, ausgenommen die mit französischer Tendenz. Das treffende Urteil und die hohe, seelische Auffassung alles dessen, was sie sah und hörte, mussten wohl ein angeborenes Talent sein. Hat ihr auch nichts geschadet, im Gegenteil, ich freue mich nun doppelt, dass sie einen so reichen Schatz der Erinnerung mit in diese einsame Welt genommen.“

„Wird sie aber nicht als Sehnsucht nach Verlorenem an dir zehren, Erika?“

Sie schüttelte mit aufleuchtendem Blick das Köpfchen. „Nein, die Sehnsucht und die Erinnerung werden mich wohl erfüllen, aber sie werden nicht an mir, sondern ich von ihnen zehren. Die Bücher folgen mir ja als treue Freunde hierher, ihnen sind göttliche Flügel gewachsen, Berg und Thal siegreich zu überwinden. Das Theater verlangt, dass man zu ihm kommt und solcher Prätension muss man Konsequenz entgegensetzen.“ Sie lachte wieder leise auf. „Meine Schaubühne ist nun Ellerndörp und wer Augen im Kopf hat, kann hier gar manches Lustspiel, gar manch tiefernstes Drama sehen. Es gehört nicht immer Lampenlicht dazu! das kleine, blitzende Sternchen der Poesie leuchtet bei Tag und Nacht.“

Wie in stiller, entzückter Bewunderung hing Wigands Blick abermals an ihrem Köpfchen, es deuchte ihm, der goldene Stern, von dem sie soeben sprach, flimmerte geheimnisvoll über ihrer Stirn. Aber er wusste nicht, wie er das sagen sollte, er fand überhaupt keine Antwort seine Zunge war nicht geübt, die Trägerin seiner Gedanken zu sein. Niemand achtete darauf; Frau Koltitz strich zärtlich mit der Hand über die blonden Löckchen ihres Kindes, und das Feuer im Kamin flammte unter einem Windstoss hoch auf.

Die Thür des Nebenzimmers ward geöffnet. Der Oberst trat wieder ein. Sein Gesicht drückte die beste Laune aus. Er war so animiert wie lange nicht. Einen Pack Zeitungen auf den Tisch werfend, nahm er behaglich im Lehnstuhl Platz. „So, Kinder, nun wollen wir mal sehen, was es in der verrückten Welt für Neuigkeiten gibt!“

III.

Wigand trat an die Seite des alten Herrn und stützte sich mit beiden Händen auf die Sessellehne. Er richtete sich mit kurzem, militärisch strammem Ruck empor, was er immer that, wenn er einen Entschluss gefasst und denselben zur Ausführung bringen wollte.

„Neues, lieber Onkel? du möchtest gern etwas Neues erfahren?“ fragte er in seiner ruhigen Weise, „nun, so wäre ich wohl in diesem Augenblick der geeignetste Mann, um es dir zu erzählen.“

„Du, mein Junge? Schmökerst du etwa heimlich Zeitungen?“

„Ich las sie regelmässig, Onkel, denn ich möchte kein Barbar werden, der hier in der Heide vollkommen verwildert. Ich bin jung und kehre einst in die Welt zurück, da darf ich ihr nicht fremd werden.“

„Natürlich, natürlich, vergesse immer mal den Unterschied zwischen dir und mir. Also du willst mir erzählen? Um so besser, so kann ich meine Augen schonen.“

„Ich spreche nicht von Zeitungsneuigkeiten, lieber Onkel.“

„Potz Wetter! gibt’s noch private Nachrichten?“

„Ja, dieser Brief enthält sie.“

„Ah, richtig, der eingeschriebene Brief.“

„Welcher für euch alle wohl ebenso interessant sein dürfte, wie für mich.“

Die Damen blickten jählings auf. Erika trat neben den Sprecher und neigte das Köpfchen neugierig auf das Couvert nieder, der Oberst aber schnellte in seinem Sessel zurück und seine Stirn umwölkte sich.

„Hollah, was gibt’s? Wie sollten mich noch Dinge interessieren, die von draussen kommen?“

„Der Absender des Briefes ist Geheimrat Eikhoff.“

„Eikhoff?“ — Koltitz rieb sich die Stirn. „Dein Vormund? Was will er?“

Wigand setzte sich nieder. „Du kennst ihn als vortrefflichen Mann und schätztest ihn, so viel ich weiss, immer sehr hoch; auch Onkel Eikhoff hielt stets grosse Stücke auf dich.“

„Braver, anständiger Kerl.“ Der Oberst nickte nachdenklich vor sich hin; „vergesse es ihm nie, dass er dich armes Wurm dermalen so liebevoll bei sich aufgenommen. War vielleicht etwas Egoismus dabei. Du solltest seinem eigenen, nichtsnutzigen Schlingel als nachahmungswertes Exempel vor die Augen gestellt werden.“

„Nein, Onkel. Was Eikhoff an mir gethan, geschah ohne jeden Hintergedanken und was Joël anbelangt, so ist er viel verleumdet worden.“

„Na, das mag sein, wie’s will, auf jeden Fall hattest du einen vortrefflichen Einfluss auf den Bengel und wenn Eikhoffs dich als mittellose Waise aufnahmen und erzogen, so hat ihnen diese Barmherzigkeit reiche Früchte getragen. Nun aber — Luft, Clavigo! Was will der Alte von dir?“

Koltitz rückte erregt auf seinem Stuhl hin und her, es war, als beunruhige ihn etwas, als fürchte er, der Brief könne vielleicht Anrechte an den Pflegesohn geltend machen, welche ihn heimberiefen.

„Das einfachste wäre es, lieber Onkel, ich lese den Brief vor.“

„Gut, gut, aber ’raus mit der wilden Katze, ich hab’s Warten verlernt.“

Wigand schlug den Brief auseinander. Es waren mehrere Bogen, welche die dicken, energischen Federzüge des Geheimrats zeigten. Er las:

„Mein lieber, braver Sohn!

Bist es nicht gewohnt, so lange Episteln von dem schreibfaulen Onkel zu bekommen, darum wirst du schon der Aussenseite dieses Briefes ansehen, dass es sich um etwas Besonderes handelt. Lass mich ganz aufrichtig sein und zum Verständnis der Sache ein wenig zurückgreifen auf Dinge, die dir vielleicht bekannt sind, die du vielleicht in jugendlicher Harmlosigkeit ehemals übersehen hast. Es betrifft Joël. Du kennst den Jungen, stehst ihm nahe wie ein leiblicher Bruder, hast Freud und Leid von Kindheit auf mit ihm geteilt. Er ist ein absonderlicher Mensch, nicht schlecht, nur ein wenig leichthin, spielt sich absolut auf den Genialen, Gottbegnadeten, will nichts Reelles leisten, sondern bummelt als der Sohn wohlhabender Eltern, in ewiger Ekstase, aber niemals wahrer Begeisterung, durch sein Künstlerdasein dahin. Es ist die Schuld meiner guten Frau. Elly war von jeher eine etwas überspannte Natur, voll Phantasie und hochgradige Schwärmerei für alles, was Kunst, namentlich Musik streift. Noch ehe Joël geboren, war es bei ihr beschlossene Sache, das Kind müsse etwas ganz Aussergewöhnliches werden. Als der Junge in ihren Armen lag, seufzte sie mir als erstes zu: Ach, August, mein Sohn muss einmal ein zweiter Wagner werden.“ Das wurde fixe Idee. Der Bengel wurde von Kindesbeinen an von der Mutter auf den Künstler gedrillt, und je mehr ich dagegen wetterte, desto eigensinniger verschanzte er sich hinter Mama, welche ihm so herrliche Dinge von seinem künftigen Ruhm erzählte. Na, das Elend war besiegelt, als der Schlingel in der That ein wenig Talent für Musik zeigte. Unsinn, war gar nicht der Rede wert. Aber Elly verstand es aufzubauschen und elektrisch zu beleuchten. Jede Tonleiter, die er klimperte, war etwas Grossartiges. Der Junge selbst wurde natürlich ganz verdreht bei diesem ewigen Weihrauch, den die verblendete Mutter dem Zukunftsgenie schon in den Windeln streute. Er spielte sich auf den Musikenthusiasten auf, wollte nicht lernen, trieb sich in allen Konzerten herum, kurzum die Saat trug Früchte. Du hast teilweise die Kämpfe mit erlebt, Wigand, du kennst auch die Nervenkrämpfe, welche Elly mit virtuoser Pünktlichkeit bekam, wenn ich energisch wurde; das hat mich endlich mürbe gemacht. Ich willigte ein, dass Joël Musik studierte. Vier Jahre lang hat er nun Konservatorium und Musikschule unsicher gemacht, er und Elly sind auch von seiner Unsterblichkeit vollkommen überzeugt, — ich nicht. Er spielt, wie eben Tausende spielen, recht hübsch, recht genial mit wuscheligen Locken und mächtiger Aktion in Armen und Händen, — aber gottbegnadet ist das nun und nimmermehr. Er komponiert auch. Mutter findet es zauberhaft und himmlisch, die Leute, welche gute Diners bei uns essen, applaudieren sich die Hände wund, weil sie dann bald wieder eingeladen werden, und die Lehrer, welche die Flamme des Genius hinter der Stirn meines Sprossen nähren, werden enorm honoriert und versichern infolgedessen alles, was die verblendete Mutter hören will.

Vier Jahre lang habe ich mir den Schwindel mit angesehen und massenhaftes Geld zum Fenster hinausgeworfen, nun endlich riss mir die Geduld. Ich wollte Erfolge sehen.

Die Erfolge bestehen in ein paar Dudeldidums, welche bildschöne Titel führen und merkwürdig an einen gewissen, ausländischen Finanzminister erinnern; Anleihen, lauter Anleihen. Ein solches Ding hat er auch „Ouverture“ (zu einer noch nicht ersonnenen Oper) getauft, und rührte mich hauptsächlich die Thatsache daran, wie hörbar der junge Künstler alter Meister gedenkt. Na, Schwamm darüber, lieber Wigand. Wie gesagt, es steckt absolut kein Genie von Gottes Gnaden hinter dem Jungen; ist alles nur Mache und mühselig zusammengeklexte Unsterblichkeit.

Um hie und da mal ein paar Phantasien und Tonleitern zu hören, ist mir dieser Kunstsport zu teuer, es muss ein Ende gemacht werden, und wenn Elly Tag und Nacht ihre Krämpfe haben sollte, einmal wird sie die Anstrengung schon satt bekommen. Da der berühmte Sohn bereits gewaltig verbummelt ist, ausserdem nichts gelernt und kein Examen bestanden hat, um einen Beruf zu ergreifen, bleibt nichts anderes übrig, als ihn Schollenhüpfer (pardon, lieber Junge) werden zu lassen. Ich will ihm seinerzeit ein Gut kaufen, damit der Bengel festsitzt, vorher aber soll er tüchtig und praktisch lernen. Damit kommen wir endlich auf des Pudels Kern. Du weisst, dass ich grosse Stücke auf dich halte, Wigand.

Dein Einfluss auf Joël war stets ein vorzüglicher, dein musterhaftes Vorbild muss auch ferner auf den Jungen einwirken, wenn noch etwas aus ihm werden soll.

Auch den biedern alten Koltitz achte ich sehr hoch und sehe auch in ihm gerade den richtigen Mann, welcher den allzu weltlich gearteten „Künstler“ zur Vernunft bringen würde. Also kurz heraus, ich möchte meinen Schlingel gern als Volontär zu euch nach Ellerndörp schicken. Wollt ihr ihn? Frage Koltitz und schicke mir bald Bescheid.

Auf dein Wort musst du mir versprechen, dass du den Jungen stramm herankriegst, tüchtig gedrillt und gezwiebelt muss er werden, damit mal die Flausen unter den Künstlerlocken ’rausgeklopft werden.

Das wird ihm gut thun, „fern von Madrid“, ohne Oper, Austernlokale, Café chantant und elegante Weiber welche dem hübschen Bengel vollends den Kopf verdrehen. Hübsch ist Joël nämlich, sehr hübsch sogar, leider Gottes.

„Na, mein wackerer Wigand, nun ist’s gesagt, und nun bitte ich um offene und ehrliche Antwort, ob ihr den Herrn Volontär zum April haben wollt, denn bis dahin habe ich ihm noch Galgenfrist gegeben. Bekommt er bis Ostern eine anständige Stellung als Kapellmeister, Dirigent oder so etwas, von welcher er später mal leben kann, bon, dann mag er in Gottes Namen unsterblich werden, andernfalls bin ich von Stahl und Eisen und stutze dem Musenjüngling die Götterschwingen.

Und somit Gott befohlen. Grüss mir die ganze liebe Familie Koltitz und lege ein gutes Wort bei ihr für deinen Pflegebruder ein. Du selber aber, mein braver, lieber Sohn, sei in alter Liebe umarmt, von deinem getreuen

Pflegevater Eikhoff.

N. S. Meine verdammte Gicht ist wieder toller wie je, bin ein verschrumpfter, krüppliger Invalide. Tante Elly jung, schön, nervös und viel beschäftigt, wie immer, ihr Sohn ... siehe oben.“ — — —

Wigand schwieg und blickte auf, direkt in Erikas Augen. Sie leuchteten — wohl aus Vergnügen über die Nachschrift. Harmlos wandte er sich zu dem Oberst: „Ich habe geredet, lieber Onkel, und harre deiner Entscheidung!“ lächelte er in seiner gutmütigen Weise. „Was der Vater über seinen Einzigen schreibt, braucht ihr nicht allzu wörtlich zu nehmen. Der Geheimrat ist ein Mann, welchem nichts unverständlicher ist, wie Kunst und Genialität. Ob Joël wirklich so wenig begabt ist und so mässiges leistet, wie er behauptet, kann ich nicht beurteilen, da ich ihn seit drei Jahren nicht mehr gesehen; ehemals war er ein seelensguter Junge, welcher nur an der leidenschaftlichen Sucht krankte, berühmt zu werden.“

„Ich kenne Elly“, nickte Frau Henriette nachdenklich, „und glaube es dem Geheimrat gern, dass ihre Eitelkeit den Keim dazu in die Seele des Sohnes legte.“

„Verrückte Weiber! Weiss der liebe Gott, was sie in ihrem Grössenwahn für Unheil stiften.“ Koltitz blies grollend ein paar blaue Dampfwolken und blickte starr vor sich hin. „Aber dass der Alte gerade Ellerndörp zur Besserungsanstalt für den Schlingel ausgesucht hat! Ich — bah — ich! was soll ich wohl für guten Einfluss auf solch einen Allerweltsnarren ausüben!“

Erika legte schmeichelnd den Arm um den Nacken des Oberst. „Papachen, wer weiss, warum es das Schicksal so fügt“, rief sie eifrig. „Wigand sagt, dass der Geheimrat kein Verständnis für Kunst und Musik habe. Denke, wenn er dem unglücklichen jungen Mann unrecht thut, wenn er in seiner Verblendung ein wirkliches Genie, ein gottbegnadetes Talent unterdrückt. Du verstehst so viel, so sehr viel von Musik, Väterchen; denk doch, welch eine herrliche That, wenn du in Joël dennoch einen wahren Künstler entdeckst und ihn, kraft deiner Fürsprache, wieder seinem echten Berufe zuführst.“

Koltitz blies noch dichtere Rauchwolken. Er sah sehr geschmeichelt aus. „Kleine Hexe du“, schmunzelte er, „ich glaube gar, du willst mich zum Kunstmäcen stempeln. Unsinn, mein alter Schädel fasst nichts mehr auf.“

„Väterchen!“

„Schmeichelkatze!“ Er schmunzelte noch mehr. „Ich werfe den Kerl zur Thür hinaus, dass er Hals und Beine bricht.“

„Maus, sei nicht so niedlich!“

„Wie herrlich wird das sein, wenn Joël uns jeden Abend aus deinen Lieblingsopern vorspielt. Dass er sehr gut spielt, gesteht ja selbst sein Vater zu.“

„Wenn man den Lümmel wenigstens mal ansehen könnte, bevor man sich mit ihm copuliert.“

„Kannst du ja, Väterchen. Lass sein Bild kommen.“

„Damit kann ich sogleich aufwarten. Er schickte mir vor wenigen Wochen die neueste Aufnahme.“

„Mag ein guter Hansaff sein.“

„Sehr hübsch wäre er, schreibt der Geheimrat.“

„Der alte Knasterbart scheint ebenso verblendet und vernarrt in den Luftikus, wie die Frau Mutter.“

„So hole ich das Bild.“

„Schnell, schnell.“

Wigand schritt lächelnd zur Thür. Er war kein Diplomat und hatte sich entsetzt vor der Aufgabe, welche ihm der Pflegevater gestellt; jetzt atmete er hoch auf. Seine Angelegenheit lag in den besten Händen, die Tante und Erika warfen sich zum Anwalt seines armen Joël auf. Und welch trefflichen Gedanken hatte die Kleine wieder entwickelt.

Gott im Himmel, wenn Eikhoff seinen Sohn ungerechtfertigterweise aus den Bahnen riss, welche ihm von Gott bestimmt waren. Kein entsetzlicheres Los, als ein Künstler sein, welcher von den Henkersknechten des Realismus und der nüchternen Prosa zu Tode gehetzt wird. Ein unverstandenes Streben und Schaffen, — grauenvoll!

Wigand hatte stets eine treue, zärtliche Liebe für den älteren Vetter empfunden. Er, der nüchterne, talentlose Mann, welchem es wie ein Wunder erschien, wenn Menschenhände einem so unbegreiflichen Instrument wie Klavier und Geige die süssesten Melodien entlockten, der es ganz unfasslich fand, wie man eine Melodie, geschweige eine ganze Oper ersinnen, einen Roman schreiben oder Verse dichten konnte, er bewunderte ehrlichen Herzens die Begabung des Pflegebruders und war entzückt von seinen Leistungen. Er verstand ja nichts davon, aber es gefiel ihm und er lauschte voll andächtiger Verehrung, wenn Joël in seiner leidenschaftlichen, ungeduldig dahinstürmenden Weise am Flügel phantasierte.

Das ganze selbstbewusste, sichere, weltgewandte Wesen, die Schönheit und Eigenart des jungen Mannes imponierten ihm von der Stunde an, wo er den verwöhnten Knaben zuerst kennen lernte. Er war viel zu bescheiden, viel zu selbstlos, um überhaupt einen Massstab zwischen ihm und sich selber anzulegen.

Er konnte damals noch keinen Unterschied zwischen Arroganz und Selbstbewusstsein machen, und weil er selber so ungelenk, schüchtern und eckig war, so imponierten ihm selbst die Unarten und Unliebenswürdigkeiten Joëls, weil dieselben meist mit verblüffender Originalität in Scene gesetzt wurden.

Alle anderen Knaben, das ganze Haus des Geheimrats huldigten dem hübschen Jungen, er verlangte es in seiner rücksichtslosen, dominierenden Weise und es geschah. Schon in der Tanzstunde war er der Held des Tages, die Mädchenherzen flogen ihm zu, gleichviel ob er sie begehrte, während Wigand, kaum beachtet, der wesenlose Schatten neben dem jungen Sonnengott war. Er war es neidlos, er freute sich von Herzen des Triumphzuges seines Pflegebruders und fand es selbstverständlich, dass er neben diesem jungen Heros eine kümmerliche Rolle spielte.

Joël bemerkte es mit einer gewissen Rührung. So unbegreiflich Wigand eine Kunstleistung erschien, so unfasslich war es für Joël, wie ein Mensch derartige Selbstverleugnung üben konnte. Diese imponierte wiederum ihm. Er lernte schlecht und ungern, Wigand studierte voll eisernen Fleisses Tag und Nacht. Das beschämte den Aelteren.

Oft that es Wigands Vorbild, dass er sich hinsetzte und eine kurze Zeit versuchte, etwas zu lernen. Landen half nach, seinen Bitten und Vorstellungen gelang es, den jungen Eikhoff so weit zu bringen, dass er wenigstens das Einjährig-Freiwilligen-Zeugnis erwarb.

Dafür waren ihm die Eltern unbeschreiblich dankbar, und sie vermissten Wigands Einfluss sehr schmerzlich, als derselbe die landwirtschaftliche Schule zu Proskau bezog.

Da war es zu Ende mit dem Fleiss des Vetters. Jahrelang blieben die beiden jungen Männer getrennt, kaum sahen sie sich noch bei flüchtigem Weihnachtsbesuch.

Auch die Korrespondenz schlief allmählich ein. Der eine war zu fleissig, der andere zu faul dazu. In Wigands Erinnerung lebte Joël fort, wie er ihn damals als Schüler gekannt. Sein Talent webte eine Art von Glorienschein um ihn her, er stand unverändert vor Landens geistigem Auge, sowie er ihn ehemals voll naiver Kindlichkeit beurteilt und bewundert hatte. Und nun stieg er die steile, schmale Holzstiege zu seiner Giebelwohnung empor, um das Bild des so viel geliebten und so viel verleumdeten Kameraden zu holen.

Er trug die kleine Flurlampe in der Hand und sein Schatten fiel riesenhaft, schier gespenstisch gegen die schneeweiss getünchten Wände.

Da sah es aus, als folge ein böser Geist seinen Schritten.

Der Sturm rüttelte an den Fenstern, dass die weissen Vorhänge im Luftzug zitterten.

Wigand schloss die Kommode auf und entnahm aus ihrem peinlich geordneten obersten Schubfach ein mehr umfangreiches wie wertvolles Album. Es enthielt die Bilder seiner Anverwandten und diejenigen seiner Freunde. Erstere besass er nicht viel, die letzteren desto mehr.

Seltsam, er hatte so wenig in seinem äussern Sein und Wesen, was für gewöhnlich Menschenherzen erobert, und dennoch fand er viele Freunde, dennoch schied er nirgends, ohne die wärmsten Sympathien zu hinterlassen. Und bislang hatte ihm die Freundschaft genügt, hatte ihn reich und glücklich gemacht, weil er nach der Liebe nicht begehrte.

Er öffnete das Buch.

Gewohnheitsgemäss weilte sein Blick zuerst auf den Bildern seiner Eltern, alte, verblasste, kaum kenntliche Photographien. Für ihn waren sie Heiligtümer.

Der schlanke, blondbärtige Offizier hatte ihn zum letztenmal an die Brust gedrückt, ehe Wigand denken konnte. Im Jahre 1864. — Bei den Düppler Schanzen hatte eine Kugel dieses treue, junge Herz zerrissen, und nicht allein sein Herz, auch das seiner armen Mutter verblutete an dieser unbarmherzigen Kugel. Ihrer entsinnt er sich noch dunkel, schattenhaft. Er sieht sie noch im Krankenstuhl sitzen, die Hände gefaltet, den sehnsuchtsvollen Blick der schwarzen Augen zum Himmel gerichtet. Auch sie ging von ihm. Wigand neigt sich und drückt die Lippen auf die vergilbten Bildchen.

Dann kam er zu Onkel und Tante Eikhoff. Das dicke, jovial blickende Gesicht des Geheimrats lacht ihm entgegen, etwas aufgedunsen, gutmütig und dennoch energisch. Neben ihm Tante Elly. Jung, schlank, sentimental und sehr elegant. Sie trägt eine Rose im Haar und lehnt sich schwärmerisch an ein geöffnetes Klavier.

Beide waren gut zu ihm, sehr gut.

Und hier der Sohn Joël. Verschiedene Bilder, er wächst vor den Augen vom Knaben zum Mann. Dieses die neueste Aufnahme.

Wigands Blick weilt lange, voll ehrlicher Bewunderung auf dem genialen Männerkopf. Er ähnelt in allem der schönen, brünetten Mutter. Über der Stirn lockt sich das Haar künstlerisch frei, ohne das Haupt länger wie schicklich zu umwallen. Grosse, wundervoll flammende Augen fordern ein Weltall in die Schranken, und über dem Munde trotzt ein kleiner Schnurrbart. Er trotzt! Ebenso wie die Lippen, welche, etwas arrogant gewölbt, ganze Bände voll erzählen, von Launen, Ungestüm, Leidenschaft und Verlangen! —

In diesem Mund drückt sich der ganze Charakter aus; der glücklichste ist es nicht.

Ein Zug ewiger Unzufriedenheit und Unruhe prägt sich in seiner Linie um die leicht herabgezogenen Mundwinkel aus.

Der ganze Eindruck aber ist frappierend, ist so, wie man sich einen heissblütigen Liebling der Musen, einen himmelanstürmenden, weltenberauschenden Künstler von Gottes Gnaden vorstellt.

Wigand ist stolz auf ihn! Es gereicht ihm zur Genugthuung, dieses Bild heruntertragen, es als Porträt seines, seines Pflegebruders zu zeigen! Ja, er ist stolz und beglückt, sein redliches Herz kennt keinen Neid, und der Gedanke, welch eine Figur er selber neben diesem Helios abgeben wird, dieser Gedanke kommt ihm gar nicht in den Sinn!

Er nimmt das Album unter den Arm, schliesst die Kommode und nimmt das Licht wieder zur Hand. Schwarz, unheimlich schreitet sein Schatten ihm zur Seite. Er möchte gern mit viel herzbewegenden Worten zu Joëls Gunsten reden, denn der Gedanke, den geliebten Jugendfreund als Genossen nach Ellerndörp zu bekommen, hat etwas unendlich Erfreuendes für ihn. Er kann aber nicht reden, hat niemals im Leben kraft seiner Zunge Siege erfochten, darum soll Joël durch sein Bild selber sprechen. Er muss dem Oberst wohlgefallen, er muss diesen schönen, genialen Menschen bei sich aufnehmen und helfen, ihn, durch seine Fürsprache beim Vater, der Kunst zurückzuführen.

Als er wieder an den Kaffeetisch tritt und die Photographie darbietet, leuchten seine Augen in stolzer Freude. Erwartungsvoll haftet sein Blick an dem Gesicht seines Onkels.

Der Oberst hält das Bildchen weit ab und prüft es scharf. Seine Frau neigt sich vor und sieht es voll unverhohlenen Interesses an.

„Hm ..“ nickt der Oberst, „hübscher Bengel! Aber so recht ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts. Unbefriedigt, arrogant, eitel und genusssüchtig.“

„Aber, Onkel! wo liest du diese abscheuliche Conduite ab?“ entsetzt sich Wigand und Frau Henriette schüttelt vorwurfsvoll den Kopf. „Aber Maus! sei doch nicht so niedlich, ich finde den jungen Mann bildhübsch und distinguiert aussehend!“

„Wo ich’s ablese? Da hier!“ Koltitz tippt heftig mit dem Finger auf das Bild und pafft dicke Wolken. „Im Munde liegt’s .. im Blick ... und in der Falte zwischen den Brauen! Solche weltschmerzliche Runzeln waren zu meiner Zeit noch nicht Mode!“

„Wer weiss, was der arme Junge leidet!“

„Hier in Ellerndörp wird sich diese Falte schon glätten!“

Erika hob erst jetzt das Köpfchen von ihrer Arbeit und lächelte wunderlich vor sich hin, hastig schob Wigand ihr das Bildchen zu, als wolle er sie durch diese stumme Geste bitten, weitere Fürsprache einzulegen.

Sie ignorierte die Bewegung, fuhr aber unbeirrt fort: „Einen Charakter allein nach dem Anblick einer Photographie zu beurteilen, ist doch recht riskiert, Väterchen, und darum schlage ich vor, du lässest den vielbesprochenen Liebling der Musen in persona hier antreten, damit wir uns überzeugen können, dass er à la Maria Stuart — besser ist, als sein Ruf!“

Koltitz griff nach den Zeitungen. „Mir ist es in hohem Grade gleichgültig, ob der Hansnarr hierher kommt oder nicht. Wigand hat die Schererei und ihr Frauensleute die Last mit ihm; ich werde wenig von ihm sehen, denn mich zu seinem Gouverneur machen — da soll sich der Herr Geheimrat gefälligst das Maul wischen —“

„Maus — —!!“

Wigand schaute noch immer ganz verblüfft auf Erika. „Willst du denn das Bild gar nicht ansehen, Cousinchen?“ fragte er vorwurfsvoll und schob es abermals näher.

Nun streckte sie ihre kleine, weisse Hand danach aus. „Ich kenne das Bild ja!“ sagte sie.

„Du kennst es?“

Sie neigte das Köpfchen noch tiefer, aber in ihre Wangen stieg heisse Glut. „Gewiss, ich durchblätterte ja dein ganzes Album, als du uns die Bilder deiner Eltern zeigtest.“

„Ach so, und du entsinnst dich noch auf Joël?“

Sie lachte, es klang ein wenig verlegen. „Das versteht sich! Es fiel mir auf, weil er so hübsch ist.“

Und dabei sah sie abermals auf das Bild nieder.

Seltsam, es lag plötzlich ein Ausdruck in ihren Augen, welchen er zuvor nicht darin gekannt. Wie verklärt schauten sie darein, regungslos, gleichsam gebannt von dem schönen Antlitz, welches siegesgewiss zu ihr emporlächelt!

Und langsam steigt die rote Glut von den Wangen in die Schläfen empor — und je länger das junge Mädchen die Photographie betrachtet, desto mehr erbebt die Hand, welche sie hält.

Wigand steht und beobachtet das alles — und ihm ist es plötzlich zu Mut, als lege sich etwas schwer auf sein Herz.

Er wendet sich und tritt an das Fenster.

Der Mond leuchtet wie eine mattrote Scheibe durch das dunstige Schneegewölk und der Wind schüttelt die Tannen vor dem Haus, dass es aussieht, als wollten sie sich, gleich wegemüden Wanderern, auf die weissflockige Erde niederwerfen.—

Landen starrt geradeaus. Seine Gedanken wirbeln wie die Schneesternchen draussen, er wird sich seiner Empfindung nicht klar bewusst, aber er hat das Gefühl, als thue ihm plötzlich das Herz weh.

Sein ruhiges, wunschloses Herz.

Wie kommt das? — Erikas Augen haben voll Entzücken gestrahlt, als sie Joëls Bild geschaut. — Warum das?

Warum stieg ihr das Blut dabei so heiss in die Wangen? und warum hat sie sein Bild das sie nur ein einziges Mal geschaut, nicht vergessen?

Weil er so hübsch ist, so hübsch und so interessant.

Wie glücklich, wie beneidenswert müssen die Menschen sein, welche nur ihr schönes Angesicht der Welt zu zeigen brauchen, um im Sturm die Herzen zu gewinnen!

Wigand ist niemals im Leben neidisch gewesen, er hat den andern alles von Herzen gegönnt, ihr Geld, ihren Ruhm, ihre Schönheit, — aber heute? — Seltsam. Er ist auch heute nicht neidisch auf den Jugendfreund, aber er drückt die Stirn gegen die kalten Scheiben und denkt: Warum bist du nicht auch so schön?

Zum erstenmal im Leben denkt er’s. — Warum? Er sieht Erikas heissgerötetes, bewunderndes Gesichtchen noch immer vor sich. Er blickt zwar in den nächtlichen Schneesturm hinaus, aber er sieht doch nur Erikas Augen.

Und jetzt entdeckt er, dass sich die Lampe in der Fensterscheibe spiegelt, dass ein Bild wie Zauberspuk in der kalten Winterluft vor ihm schwebt, — das Bild am Kaffeetisch.

Er kann es deutlich sehen, wie Erika dicht neben die Mutter gerückt ist, wie beide das Bild besehen. Die Kleine plaudert lebhaft, ihre Wangen glühen wie zuvor — und jetzt ... jetzt hebt Frau Koltitz den Finger und droht neckend dem Töchterchen.

Was mag der rosige Mnnd gesagt haben?

Wie ein Frösteln geht es plötzlich durch Wigands Glieder. Ihm ist es, als zerreisse jählings ein Schleier vor seinen Augen, als schaue er ein Menschenherz, aus welchem urplötzlich grelle Flammen schlagen. Sein eigenes.

Was ficht ihn, den stillen, besonnenen, kaltblütigen Mann, plötzlich an? — Er ist doch den Jahren entwachsen, wo eine Primanerleidenschaft über den Jüngling kommt, wie der Dieb in der Nacht, — er ist ein Mann von sechsundzwanzig Jahren, ein Mann, dessen Vernunft stets grösser war, wie all seine Passionen, — und nun lodert es plötzlich auf in seiner Brust und droht Leib und Seele in Feuerglut zu tauchen.

Soll ein momentaner Rausch grösser sein, wie sein Verstand? Soll er sich zum Sklaven unsinniger Empfindungen machen?

Hat er nicht gestern, vorgestern, alle Tage zuvor, so ruhig und sonder Begehren in Erikas rosiges Gesichtchen geschaut?

Warum packt es ihn plötzlich mit unheimlicher Gewalt, dass er wild aufschreien möchte, weil sie dem Bild eines andern mit strahlenden Augen zulächelt? — Ein armer, armer Thor ist er.

Was hat er mit Erika zu schaffen? Er, der nichts auf der Welt sein eigen nennt, als das, was er im Schweisse seines Angesichts verdient!

Er ist nicht dazu angethan, eines reichen, schönen Mädchens Freier zu sein, und sollte er sie lieben bis zum Wahnwitz. — Er ist hässlich, hat nichts, wie sein treues, ehrliches Herz.

Ist es auch in diesem Augenblick redlich? — Es pocht und hämmert zum Zerspringen, es mahnt in zitternder Angst: „Halte den Adler fern von deinem Taubenschlag, lass den Marder nicht herzu, dass er dein Nest beschleiche!

Warum willst du dir selber deinen Frieden stören? Kannst du sie nicht selber besitzen, — gut, so soll sie auch keines andern sein.

Schreib! schreib! wehre ihn ab, auf dass er nicht komme! Noch ist’s Zeit!“ —

Und wieder blickt er hinaus, auf das Spiegelbild der Fensterscheibe.

Erika hat sich zurückgelehnt in den Sessel vor dem Kamin. Ihre Händchen liegen verschlungen im Schoss und die Augen blicken, glückselig träumend, einem blütenduftreichen Frühling entgegen. Sie lächelt. — So hat sie noch nie dreingeschaut; Wigand ist kein Poet, aber ihm ist’s als sei das junge Mädchen in diesem Augenblick ein Stück heiliger, verkörperter Poesie.

Glühend heiss schiesst es in die Augen des ernsten Mannes. Ihm ist’s als wolle sein Herzblut in bittern Thränentropfen durch die Wimpern dringen und in seiner Brust krampft es sich zusammen, als litte er Todesweh. — Kurze, qualvolle Minuten.

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