Kitabı oku: «Von Gottes Gnaden - Band II»

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Nataly von Eschstruth

Von Gottes Gnaden II

Roman

Mit Illustrationen von A. Mandlick.

Saga

Von Gottes Gnaden - Band II

German

© 1894 Nataly von Eschstruth

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711448175

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

XIII

Wundersame Nacht! — Es dunkelt so früh, — die Wolken jagen wie phantastische Spukgebilde über den fahlen Himmel, und grell, unvermittelt, wie von Geisterhänden launisch geworfen, zucken blasse Mondstrahlen über die stille Welt, wenn die Dunstmassen sich teilen oder gleich flatternden Schleiern zerreissen.

Der Sturm saust daher, wirbelt welkes Laub auf und treibt es dem einsam schreitenden Mann ins Gesicht; kühl, regenfeucht.

Still ringsum, — totenstill, nur in den Bäumen rauscht und ächzt es, und das Hofthor schmettert ins Schloss.

Von Mensch und Tier kein Laut.

Nur dort naht eine dunkle, schattenhafte Gestalt. Der Schritt verklingt in dem weichen Erdreich, kein Mantel flattert und klatscht im Wind, Wigand verschmäht ihn bei seinem abendlichen Rundgang. Langsam, gedankenvoll schreitet er dahin, ahnungslos, dass auf der Veranda, im Dunkel des Pfeilers eine schlanke Mädchengestalt lehut, welche mit vorgeneigtem Köpfchen auf ihn nieder schaut.

Erika.

Ihr Blick umfasst die Gestalt des jungen Mannes, als schaue sie ihn zum erstenmal. Und just, als wolle er ihr liebevoll helfen, schiebt der Mond sein freundlich Gesicht durch die Wolken und verklärt den einsamen Wandrer mit Silberlicht.

Erika sieht ihn vor sich, in der verspotteten Düffeljoppe, in den mächtigen Stiefeln, welche sie sonst so unschön und lächerlich gefunden.

Heute kam ihr kein ähnlicher Gedanke. Sie hat nur noch das Empfinden, eine hohe, markige Männergestalt zu sehen, so fest und eisern, dass alle Versuchung und alle Anfechtung der Welt sie nicht ins Wanken zu bringen vermögen.

Und dann schaut sie in sein Angesicht.

Das Mondlicht umgibt es mit einem Glorienschein — oder liegt es nur an dem Auge der Lauschenden, dass es ihr deucht, von dem ruhigen, treuen Antlitz gehe ein Strahlen aus, ebenso rein, ebenso makellos hell, wie die Seele, welche hinter dieser Stirn wohnt? —

Er sieht nicht glücklich, nicht heiter aus, im Gegenteil, eine stille Resignation, ein fremder Schmerzenszug liegt in dem sonst so liebenswürdigen Gesicht. Und jetzt hebt er das Haupt und blickt zu ihrem Fenster empor, — bleibt zögernd stehen und wartet, ob nicht vielleicht ihr Schatten an der hellen Scheibe vorüber gleitet.

Und der Mond leuchtet noch heller denn zuvor, und Erika sieht mehr, viel mehr, wie sie eigentlich sehen wollte, sie sieht, wie schwer es Wigand heute geworden ist, sich zum Anwalt ihres Glückes zu machen. —

Ein Windstoss pfeift um das Haus, Wolken jagen verhüllend über den Himmel, und Landen schrickt empor wie aus tiefem Traum und schreitet hastig weiter.

Erika aber wickelt sich fester in ihren Shawl und huscht die Treppe hinab, denselben Weg entlang zu eilen welchen Wigand soeben gekommen.

Sie muss hinaus in die frische, stürmische Nacht, sie muss allein sein mit ihren Gedanken!

Noch nie im Leben hat ihr etwas einen so tiefen, nachhaltigen Eindruck gemacht, wie Wigands Fürsprache bei ihrer Mutter.

Noch nie ist sie derart überrascht, beschämt und verwirrt gewesen, als wie in diesem Augenblick. Ihr ruhiges Gleichgewicht hat einen Stoss erhalten, der sie auf völlig neue Bahnen drängt. —

Ein Gefühl tiefer, unaussprechlicher Bewunderung erfüllt sie. Sie bewundert plötzlich einen Mann, den sie ehedem nur in Freundschaft achtete, den sie mehr noch voll Übermut und Engherzigkeit belächelt, weil er zu sparsam und vernünftig war, hier in der Einsamkeit einen thörichten Kleiderluxus zu treiben.

Dass er eine treue, opfermutige Seele war, hatte sie nach des Vaters Tod schon zu ihrer eigenen Beschämung erfahren, dass er aber so edel, so selbstlos sein eigen Wollen und Wünschen unter die Füsse trat, um nur sie glücklich zu machen, das hatte sie nicht erwartet, und das traf sie voll erschütternder Gewalt.

Der Gedanke, von ihm geliebt zu sein, peinigte und quälte sie und erfüllte sie dennoch wieder mit einem Gefühl stolzer Freude, in diesem vortrefflichsten aller Herzen so fest und innig beschlossen zu sein!

Und zwischendurch drängen sich ihr unaufhaltsam stets neue Vergleiche zwischen ihm und Joël auf. All ihre phantastisch verblendete Neigung, welche lediglich auf der Schönheit ihres Ideals basiert, kann es nicht verhindern, dass stets neue Schatten auf das strahlende Bild des „Gottbegnadeten“ fallen.

„Nimmt man ihm seine Schönheit, was bleibt noch liebenswertes an ihm?“

Erika presst die Hände vor die Augen; sie will es nicht sehen. Sie klammert sich an die Illusion, dass er ein hochtalentierter Mann, einer jener nervösen, leidenschaftlich gereizten Musiker ist, wie es nun einmal das Schaffen und Arbeiten dieser beklagenswerten Glücklichen mit sich bringt.

Unliebenswürdig! Welch ein berühmter Musiker ist liebenswürdig, welcher ist geduldig, ruhig, kaltblütig wie andere Sterbliche gewesen? — Keiner.

War es aber auch ein Glück für die betreffende Gattin, ihr ganzes Sein und Wesen unter den Ausbrüchen solcher Feuerseele in ein Nichts zusammenschrumpfen zu sehen?

Warum ist es eine eigenartige Thatsache, dass im seltensten Fall die Ehe eines bedeutenden Musikgenies von Bestand ist? Von wie viel geschiedenen und getrennten Ehen kann unser modernes Kunstleben auf dem Gebiet der Musik erzählen, wie wenig dauerhaftes Glück hat es zu verzeichnen!

Erika fröstelt bei diesem Gedanken.

Joël ist schon jetzt rücksichtslos, gereizt und von nervöser Unliebenswürdigkeit, wie soll das mit den Jahren werden, wenn sein aufreibender Beruf an ihm zehrt, wenn ihn Erfolge noch anspruchsvoller, Misserfolge noch verbitterter und grillenhafter machen?

Und doch, kann nicht auch ein grosser, glänzender Erfolg alles zum besten wenden und eine Krise in seinem Charakter herbeiführen, welche den Missmutigen, so lange Zeit durch den Willen des Vaters Unterdrückten und Gequälten, jählings an Leib und Seele gesunden lässt?

Das junge Mädchen möchte sich gern in die Überzeugung hineinleben, aber stets kommt ihr von neuem der Gedanke, dass Joëls Wesen nicht von momentanen Widerwärtigkeiten beeinflusst, sondern stets von unliebenswürdigen Eigenschaften durchsetzt gewesen ist.

Hat Wigand nicht unvergleichlich mehr des Harten und Traurigen durchgemacht? Ist er, der früh Verwaiste, nicht von Kindesbeinen an ein Stiefkind des Glückes gewesen? Hat er nicht stets von ferne stehen müssen, wenn Joël sich im Vollgenuss des Lebens freute, hat er nicht in saurer Arbeit um seine Existenz ringen müssen, viel schwerer und bitterer, als Joël in den drei Monaten seiner „Verbannung“, wo er die Hände im Schoss, wie ein Prinz gelebt und dennoch ununterbrochen gemurrt und getobt hatte?

Angesichts jenes Kampfes um Sein und Nichtsein, wie Wigand ihn zeitlebens geführt, erscheint das kurze Ringen Joëls wie ein Tropfen gegen Meeresflut. Hat Wigand jemals ein Wort der Erbitterung über sein freudloses Dasein laut werden lassen? — Nein! Er dankte voll kindlicher Frömmigkeit und Demut seinem Hergott tagtäglich, dass er ihn durch seine gesunden Hände so reich gesegnet habe, dass er ihm Kraft und Fähigkeit gegeben, arbeiten zu könenn. Wer hat in Ellerndörp jemals ein unfreundliches Wort von Wigand gehört, wer sah jemals ein mürrisches, unzufriedenes Gesicht an ihm?

Wigand, immer Wigand! Warum drängt sich sein Bild stets von neuem verdunkelnd vor das schöne, ideale Angesicht Eikhoffs?

Früher hat Erika ungeduldig solche Gedanken unterdrückt, heute spinnt sie dieselben weiter und weiter aus, mit einer gewissen Absichtlichkeit, als dränge es sie, wenigstens geheim im Herzen ein Unrecht an Wigand gut zu machen.

Nie hatte die Persönlichkeit des stillen, blonden Mannes so umglänzt von Tugend, so edel und bewundert vor Erikas geistigem Auge gestanden wie heute, und nie hatte Wigand einen so herrlichen Sieg errungen, als jetzt, wo er mit blutendem Herz alles verloren gegeben.

Als Landen das Speisezimmer betrat, fand er trotz der vorgeschrittenen Theestunde Erika allein in demselben anwesend.

Einen Augenblick schien es, als steige zarte Röte in ihre Wangen, als beschleiche sie ein für Wigand unerklärliches Gefühl der Befangenheit. Dann trat sie ihm schnell entgegen und bot ihm die Hand. Auch er stand unter einem fremdartigen Einfluss, und um denselben zu brechen, zwang er sich zu harmlosester Unbefangenheit. „Komme ich zu früh, Cousinchen? Ist Tante noch beschäftigt?“

„Sie schreibt an die Geheimrätin und bittet, du mögest sie noch einen Augenblick entschuldigen.“

„Und das sagst du so gelassen, als sei dir dieser wichtige und frohe Brief ganz gleichgültig?“

Sie lächelte. „Das solltest du eigentlich annehmen, lieber Wigand, denn ich abscheulich undankbare Person habe ja noch kein Wort des Dankes für deine so sehr, sehr freundliche Fürsprache gefunden. Verarge es mir nicht! Es kam alles so plötzlich und unvorbereitet, dass es mich völlig konsternierte!“

„Ich glaubte, Freude und Glück könnten in diesem Falle nicht so überraschend kommen, denn Joëls letzter Brief bereitete genugsam auf die Pläne der Mutter vor!“

Sie schien die letzten Worte zu überhören. „Freude und Glück!“ — wiederholte sie nachdenklich, mit leiser Stimme. — „Wer sagt uns, Wigand, ob der Aufenthalt in der Residenz Glück und Freude für mich bedeutet? Ich bin so fremd in der Welt geworden, und werde scheu und befangen wie ein Kind sein! — Wer weiss, wie man mich in der Gesellschaft aufnimmt, wer weiss, ob ich je eine frohe Stunde in einem Ballsaal erleben werde!“

Wigands Stirn umwölkte sich. „Dir in der Gesellschaft eine passende und erfreuliche Stellung zu schaffen, dürfte doch wohl die erste Sorge der Geheimrätin und die liebste Ritterpflicht Joëls sein!“

Erikas Blick haftete auf dem Teppich und schien das wirre, türkische Muster zu verfolgen. Heisse Glut stieg in ihre Wangen. „Das hoffe ich ja auch von Herzen und vertraue in dieser Beziehung der Liebenswürdigkeit meiner Wirte, dennoch hat schon manche Hoffnung getrogen.“

„Warum plötzlich solch schwarze Gedanken, Cousinchen! Verdirb dir doch nicht die Vorfreude durch diese pessimistischen Befürchtungen! Wenn die Residenz mit all ihren bunten Bildern und schönen Eindrücken erst einmal acht Tage den Reiz der Neuheit auf dich ausgeübt, ist das stille Ellerndörp mit seinen in Schnee vergrabenen Einwohnern vergessen!“

Seine Stimme bebte, obwohl er lachte und im Scherz sprach.

Da blickte Erika jählings zu ihm empor und Landen starrte betroffen in ihr liebliches Antlitz. Ihm deuchte es, ihr Auge habe nie so voll warmer Innigkeit auf ihm geruht, wie in dieser Minute. Sie schüttelte beinahe heftig das Köpfchen. „Glaube es nicht, Wigand! Und böte die Residenz mir das Schönste und Herrlichste, Ellerndörp und seine lieben, treuen Herzen werden mir in all der Pracht fehlen, wie das Quellwasser einem Dürstenden!“

Frau Koltitz trat ein, sie hatte die letzten Worte gehört. „Macht ihr Reisepläne, liebe Kinder, so helft auch mir dabei! Nun, da der Brief mit der Zusage expediert ist, überkommt mich die Sorge, wie Erika, dieses junge, unerfahrene Kind, allein die beschwerliche Reise mit dem öfteren Umsteigen bewerkstelligen soll. Die Geheimrätin schreibt, Joël würde die liebe Gastin gern als Reisemarschall abholen, doch sei er momentan mit den Arbeiten, welche die Vorbereitung seiner Opernpremiere mit sich bringe, derart überhäuft, dass an ein Abkommen gar nicht zu denken sei. — Sie bittet, dass ich die Tochter persönlich bringen möchte, aber du lieber Gott, ich habe zeitlebens nie allein in einer Eisenbahn gesessen, habe von Billetlösen und Gepäckexpedieren gar keine Ahnung, denn mein guter Mann besorgte alles und überliess mich lachend meiner schrecklichen Unselbständigkeit. Da dachte ich, lieber, guter Wigand, ob du vielleicht — ob es nicht möglich wäre ... man könnte es wohl einrichten, dass du ein paar Tage abkömmlich bist —“

„Gewiss, meine teuerste Tante! Ich bin momentan durchaus entbehrlich hier, denn Claasen habe ich so weit herangezogen, dass er ganz gut einmal selbständig sein kann!“

Frau Koltitz streckte ihm aufleuchtenden Blicks beide Hände entgegen. „So wolltest du Erika wahrlich das Opfer bringen, du einzig guter Mensch? O, wie danke ich es dir von ganzem Herzen!“

„Lass mich für das ehrende Vertrauen danken, welches du in mich setzest!“ — Der Sprecher war dunkelrot geworden. „Wenn Erika mit meinen Diensten vorlieb nehmen will —“

Da brach der erste, helle Jubellaut von ihren Lippen.

„O, nun ist alles gut, nun werde ich mich nicht mehr vor der Reise, vor der fremden Stadt und den unbekannten Menschen fürchten! Wenn du bei mir bist, lieber Wigand, werde ich mich so sicher fühlen wie in Abrahams Schoss!“

„Und selbstverständlich bleibst auch du ein paar Wochen in der Residenz, Wigand!“ fuhr Frau Henriette eifrig fort. „Du machst Eikhoffs die Freude, der Premiere beizuwohnen und breitest deine schützenden Hände über mein Kücken, bis sie sich in der neuen Umgebung heimisch und flügge fühlt. Du bedarfst ebensowohl der Zerstreuung, wie Erika, und du weisst doch: — geteilte Freude ist doppelte Freude!“

„Herrliche, herrliche Idee!“ klatschte Erika glückselig in die Hände. „Lieber Wigand, du musst bei mir in der Residenz bleiben. Du darfst mich nicht meinem Schicksal überlassen. Hörst du? Ich bitte dich von ganzem, ganzem Herzen darum. Wenn du willst, dass ich mich in der Fremde wohl fühlen soll, so bleibe bei mir!“

Die Hand des jungen Mannes, welche sich auf die Sessellehne stützte, zitterte und sein Antlitz flammte in heissem Entzücken. Wie tauchte die Sonne des Glücks noch einmal so unerwartet an seinem verdüsterten Lebenshimmel auf!

Er wusste nicht, was er in seiner ersten Erregung sagte, er hatte nur das eine Empfinden, dass er seit dem Tod des Obersten noch nicht wieder so froh und heiter in dem Gutshaus von Ellerndörp gewesen.

Erika war wie ausgewechselt. Eine schier mutwillige Freude überkam sie; Lachen und Scherzen hin und her, die Abendstunden flogen dahin wie im Traum.

Als sie schliesslich das Köpfchen auf die weissen Kissen neigte, die Ruhe zu suchen, ward sie sich bewusst, dass dieselbe bereits in ihr Herz eingezogen war, ehe Schlaf und Traum ihre Stirn geküsst.

Das Bewusstsein, Wigand als Schutz und Schirm in der Nähe zu behalten, hatte etwas Tröstendes und Beruhigendes für sie. So heftig wie ihr Herz bei dem Gedanken an Joël erzitterte, so still und friedlich schlug es, wenn sie an Wigand dachte, gleich einem Kind, welches sich mutig einer Gefahr entgegen wagt, wenn treue und sichere Hand es führt.

Modder Dörten hörte die Nachricht von der Abreise der jungen Herrschaften mit sehr gemischten Gefühlen. Als Erika am andern Morgen mit hochklopfendem Herzen hinabeilte, der getreuen Hüterin des Hauses das hochwichtige Ereignis mitzuteilen, fand sie Frau Hagen zu ihrer Überraschung nicht in den Küchenräumen vor.

Liesing lächelte verschmitzt und neigte sich näher zu dem Ohr der jungen Herrin. „Töven’s ’n beten, gnä’ Frölen, se sitt all wedder bi’n Swin un flennt em wat vor!“

„Beim Schwein sitzt sie?“ entsetzte sich Erika, „in dem Schweinestall?“

„Nee, am Morgen lätt se de Säu all rut! Kieken Se in lütten Gaarden, da wart’ se ihr Söting!!“ — Und diesen Scherz herzhaft belachend, nahm die Sprecherin unter jeden Arm ein Brett mit backfertigem Brod und steuerte energisch nach dem Backhaus hinüber

Erika aber wandte sich dem kleinen Garten zu, woselbst sie Modder Dörten finden sollte.

Schon von fern hörte sie ein seltsames Gemisch von menschlichen Zärtlichkeitslauten und einem mächtigen, hochbehaglichen Grunzen, wie es gewöhnlich nur aus dem Kofen tönt.

Behutsam lugte das junge Mädchen um die Ecke der Gartenmauer, von wo aus das entlaubte Fliedergebüsch freien Ausblick auf den kleinen Rasenplatz hinter dem Wirtschaftsgebäude gewährte.

Ein überraschendes Bild zeigte sich.

In dem matten Schein der Spätherbstsonne auf der weissbereiften Erde rollte sich ein riesiges, überfettes Schwein auf dem Rücken, in wohligem Behagen mit den vier kurzen Stummelbeinen um sich schlagend und laut aufquiekend und grunzend, wenn Frau Dörten ihm kitzelnd an den Hals fuhr. Die alte Frau kniete neben dem lieben Borstentier, in höchster Lustbarkeit mit spitzem Finger die Sau in den Hals piekend, unter jedesmalig neckender Wiederholung: „Un’ da makt he piek! — und da makt he piek! — piek — piek!“ — was die alte Moke jedesmal als unbändigen Witz mit lautem Quieken anerkannte.

Modder Hagen war aber gar nicht so ausgelassen, wie es auf den ersten Blick schien. Während all ihrer Heiterkeit liefen grosse, dicke Thränen haltlos über ihre Wangen, welche sie jedesmal vorher abwischte, ehe sie „piek, piek“ machte.

Einen Augenblick stand Erika in starrem Staunen, umsonst nach einem tiefen Sinn in diesem kindlichen Spiel zu suchen.

Endlich trat sie vor, schlug die Hände zusammen und rief: „Um alles in der Welt, Muting, was soll denn das bedeuten?!“

Die Alte wandte ihr wehmütig das thränenfeuchte Gesicht zu und wischte mit dem Handrücken unter der Nase her. — „Ach dau leive Good!“ seufzte sie zum Herzbrechen, „wenn man dat Veih erst so schick hat, un’ hät’s so wiet, un wenn’s dann an’t slachten geiht ... ach dau leive Good!“ — Der Schürzenzipfel fuhr unter erneutem Jammer über die Augen.

„Jetzt soll schon geschlachtet werden?“

„Nee, in nächste Tid noch nicht — äwerst — bal achtern Fest ... un de arm’ leive Sau ahnt sik all gar nich, wat ’r passirn sull, und dorüm will ik ihr bi lütten an’s Slachten gewöhn’!“

Erika biss sich auf die Lippen, um ihre Heiterkeit zu bemeistern. „An das Schlachten wollen Sie das Schwein gewöhnen?! Aha, jetzt verstehe ich! ‚Un dann makt he piek —“ das bedeutet den Fleischer!“

„Jo, jo, so is!“ nickte Fru Hagen melancholisch. „Wenn de Slachter dann bigaht un’ ihr sticht, glövt de arm Mokking, et is ok’n Snaak! On merkt’ nich so!“

„Ja, das ist sehr gut, das wird sie völlig darüber hinweg täuschen, wenn sie sich einbildet, es sei alles nur ein Scherz! Aber hör, Modder Dörten, ich komme mit einer Neuigkeit!“

„Wat Tausend?!“

„Vetter Wigand und ich fahren für ein paar Wochen in die Residenz!“

Die Alte schnellte empor und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „As Brutlüt??!“

Erika schrak jählings zusammen. Unbemerkt war Wigand um das Haus gekommen und stand hinter ihr.

Beide starrten sich einen Moment an und wurden blutrot.

Landen fasste sich zuerst und trat gelassen näher. „Ich begleite das gnädige Fräulein, damit ihr unterwegs nichts zustossen kann. In der Residenz aber soll sie tanzen und lachen und scherzen, vergnügt und lustig sich amüsieren, wie es ihren Jahren zukommt. Wenn sich Fräulein Erika dann den Herrlichsten von allen unter den Herren der Residenz ausgesucht hat, bringt sie ihn heim zu uns, und wir feiern Hochzeit in Ellerndörp!“ — Er sprach ruhig die letzten Worte, sogar scherzend, und dennoch klang seine Stimme anders wie sonst.

Modder Dörten aber zog ingrimmig die Brauen zusammen. „So möt kummen! — Setten Se uns’ Frölen den infamigten Daugenixen nur so recht vör de Näs — dat sik so’n Windhund, wie’n gewissen Jemand ut de Residenz for ganz und gar hier indrängt! Allzu gaud is dömlich, Herr Baron ... äwerst — ik will nichts seggt heven!“

Und damit riss die Alte die noch immer in ausgelassener Munterkeit spielende Sau unsanft am Schwanz, ihrer Freiheit ein energisches Ende zu bereiten, kniff empört die Lippen zusammen und zerrte den vierfüssigen Liebling so eilig nach dem Stall, als fürchte sie, ein gehasster Stadtherr könne auch nach Mokking seine begehrlichen Hände ausstrecken.

„Aber, Dörten, seien Sie doch nicht so wunderlich!“ Fru Hagen schüttelte den Kopf, dass die weisse Nüschenhaube wirbelte. „Nee, — bin ich ok nich, äwerst ihr, Kinnings, ihr ...“ sie presste abermals trotzig den Mund zusammen und stemmte sich gegen die widerspenstige Bache, dass sie kirschrot wurde, „man tau, oll Swin, suss sollst zur Straf bi’n Frölen sine Stadtherrnhochtid upfreten waren!“

Diese Drohung war so entsetzlich, dass Mokking sein Ringelschwänzchen angstvoll beilegte und sich, laut aufgrunzend, durch die enge Stallthür klemmte, Modder Hagen verschwand nebenan, und Erika und Wigand machten kurzer Hand Kehrt und eilten in entgegengesetzter Richtung davon.

Sie kamen sich beide recht kläglich vor, denn Mutter Hagens Zorn war ein gerechter.

Erika schoss es plötzlich selber durch den Sinn: „Warum willst du eigentlich fort? Ist es nicht blamabel, sich den Stadtherren wie ein zierlich serviertes Schaugericht vor die Nase setzen zu lassen? Sie ging ja nur um eines einzigen willen, und dieser konnte den Weg zu ihr just so gut finden, wie sie zu ihm.“ — Das war ein ärgerliches Empfinden, und wenn es ja auch neben der Freude und Aufregung nicht lange Bestand hatte, so hinterliess es doch ein Samenkörnlein, welches in ihrem Herzen Wurzel schlug. —

Wigand erging es kaum besser. Er durchmass mit Riesenschritten das bereifte Ackerland. Eigentlich wollte er nach der Wintersaat ausschauen, aber er hatte weder Augen noch Gedanken dafür.

Vor seinen Ohren klang noch immer Fru Hagens zürnende Stimme: „Allzu gaud is dömlich.“

Es lag eine gewisse Wahrheit darin. Wer dem Gegner ohne jeden Widerstand sofort das Feld räumt, der ist ein Feigling, und wer nicht in ehrlichem Kampf seines eignen Vorteils gedenken will, der ist dumm.

Und beides widerstrebt ihm. Verlangt es die Liebe und Treue wahrlich, sich selber wie ein Opfertier geduldig dem fremden Stahl zu neigen?

Nein, es gibt genug ritterliche und ehrliche Waffen, um für sich selbst zu kämpfen.

Er legt Joël kein Hindernis in den Weg, er verschmäht es, durch List oder Intrigue sein Bild aus Erikas Herzen zu drängen, aber er weicht auch nicht vor ihm: er stellt sich zuversichtlich an seine Seite. — Ist es ein Unrecht, dass er sich nun auch einmal bemühen wird, sich der Geliebten in vorteilhaftem Licht zu zeigen, er, welcher bisher stets bescheiden im Schatten stand? Nein!

Er hat ja lange genug in der Welt, in dem eleganten Haus- und Gesellschaftskreis der Geheimrätin verkehrt, es wird ihm nicht schwer werden, den ungewandten langweiligen Landmann abzustreifen, um im Salon neben Joël zu bestehen. Kleider machen Leute, und seine kleinen Ersparnisse ermöglichen es ihm, sich für die paar Wochen seines Aufenthaltes in der Stadt angemessen zu equipieren.

Wigand errötet beinahe bei diesem Gedanken. Es kommt ihm so unwürdig vor, einer Äusserlichkeit irgend einen Erfolg zu verdanken, und dennoch, die Welt verlangt es, und gegen andere unvorteilhaft abstechen, kann auch eine unwürdige Stellung veranlassen.

Landen hat sich ja früher auch gut gekleidet, ohne irgend welchen Luxus zu treiben, und wenn er in der Einsamkeit des Landlebens, in Feld und Wiese, bei Sturm und Regen die elegante Façon eines städtischen Kleiderkünstlers sparte, so war es nur natürlich und vernünftig.

Er würde sich jetzt im Hause der Geheimrätin auch dann besser gekleidet haben, wenn Erika nicht zugegen wäre, lediglich, weil es der Takt erfordert, nicht um durch solch kleinliche Mittel auf das junge Mädchen zu wirken.

Wird es Erika überhaupt bemerken?

Ja, er glaubt es, denn er kennt ihren ausgesprochenen Schönheitssinn und weiss, wie just die schöne Aussenseite Joëls ihr naives Herzchen entzückt hat!

Allzu gaud is dömlich!

Mutter Hagen hat recht. Er will auch fernerhin gut sein, aber nicht mehr allzugut.

Er will sich um anderer willen nicht ganz und gar vergessen, sondern sich offen und ehrlich an dem Wettstreit beteiligen, anstatt voll mutloser Bescheidenheit den Sieg verloren geben, ehe er einen Kampf gewagt.

Die nächsten Minuten brachten ihm andere Gedanken. Er entdeckte interessante Wildfährten und wurde von ein paar Knechten angesprochen, welche den Versuch machten, einem neuen Terrain, welches bisher brach gelegen, Torf abzugewinnen.

Das Resultat war kein günstiges und Wigand zerbrach sich den Kopf, wie dieses Land wohl auszunützen sei. In der landwirtschaftlichen Schule der Residenz sollten in nächster Zeit Vorträge über Moorkultur, das Urbarmachen und Kultivieren des Landes gehalten werden, wie gut lässt sich sein angenehmer Aufenthalt in der Residenz mit solch nützlichem Studium verbinden!

Mutter Dörten und ihr weiser Urteilsspruch wurden momentan aus seinen Gedanken verdrängt, ohne jedoch darin gelöscht zu werden. Auch hier glich er einem Samenkorn, welches seinerzeit reiche Frucht tragen wird. —

In freudiger Hast und Erregung flogen die nächsten Tage dahin.

Ein Besprechen, Beraten und gegenseitiges Hilfeleisten führten Mutter und Tochter Koltitz in dieser kurzen Zeit mehr und inniger mit Wigand zusammen, wie in der langen, trostlosen Zeit seit dem Tode des Obersten.

Obwohl die ersten Schneestürme über die Heide brausten und Ellerndörps Dorfgasse sich einzupuppen und einzuspinnen begann, wie die Raupe für einen langen Winterschlaf, lachte dennoch hinter den Mauern des Gutshauses das sonnigste Leben, so froh und hoffnungsvoll wie nie vorher.

Wigands natürliche und aufrichtige Liebenswürdigkeit feierte manch heimlichen Sieg und manch heimliche Bitte stieg aus dem Herzen der Mutter zu Gott empor, wenn sie an die Heimkehr ihrer lieben Wandervögel dachte.

Was in dem stillen Frieden der Einsamkeit zu phlegmatisch und blind neben einander hergeht, ohne die notwendige Anregung aufzublicken und zu erkennen, das rüttelt oft das stürmische Leben und Treiben der Welt aus dem Schlafe, und was hier täglich sich fern gegenüber steht, ohne sich zu erreichen, das treibt die Hochflut da draussen einander in die Arme. Vielleicht, — vielleicht reisst sie es auch für ewige Zeiten auseinander. —

Endlich waren die Koffer gepackt.

Hochklopfenden Herzens drückte Erika das weiche Filzhütchen auf den zierlichen Kopf und liess sich von Mütterchen den warmen Reisepelz um die Schultern legen, dieweil Modder Dörten, trotzdem sie unversöhnlich schmollte, eine mächtige Tasche voll Reiseproviant herzuschleppte.

Ali watschelte schnuppernd neben ihr her und selbst Erikas zärtlichster Abschied von diesem Adoptivsohn des Hauses Hagen konnte keine weichere Stimmung in der pikierten Pflegemutter hervorrufen.

„Wenn de leive Good de Harten to lütt schaffen hätt, sorgt he wul förn doppelt groten Magen!“ bemerkte sie anzüglich und Erika flog ihr laut lachend um den Hals und versicherte: „Wat bist förn narrschen Bullerballer, Olling! Kiek nur Dag for Dag nach’n Weg ut! Wenn ik mit’n Utlänner as Schatz antaufahren kumm’, sost schon min grotet Hart kennen lern’!“

Wie reizend stand ihr dieser Übermut! — Die Wangen lachten wie Rosen unter dem zarten Schleier und die Augen blitzten, als wären zwei helle Sternlein vom Himmel gefallen.

Wigands Blick umfing das reizende Bild voll Entzücken und das Gefühl, sich für ein paar Stunden ganz und gar nur ihrem Dienst weihen zu dürfen, hatte etwas Stolzes und Erhebendes.

Das stand ihm gut!

Modder Dörten lachte das Herz unter Thränen, als die ritterliche Gestalt des jungen Mannes neben Erika erschien, als er sie mit einem so strahlenden Lächeln in den Wagen hob, als entführe er sie für sich selber zum Eigentum, nicht aber einem andern in die Arme.

Lange standen die Ellerndörper und schauten dem Wagen nach, bis er fern am Saum der Heide verschwand.

Schnee wirbelte nieder und das Gutshaus lag so still und einsam, als könne nie wieder ein Frühlingstag voll Licht, Lust und Leben darin anbrechen!

XIV.

Frau Geheimrätin Eikhoff empfing Erika persönlich an der Bahn und war ganz entzückt von Wigands scharmanter Idee, der Premiere der Dorflurle beiwohnen und Joëls Triumphe schauen zu wollen. Sie reichte ihm in ihrer etwas kokett graziösen Weise beide Hände entgegen und wandte sich dann abermals zu Erika, das junge Mädchen nach einem schnellen, scharf musternden Blick zum zweitenmal in die Arme zu schliessen.

„Tausendmal willkommen, meine kleine Heideblume! Ich freue mich unbeschreiblich, den guten Engel von Ellerndörp endlich mit Augen zu schauen! Und wie allerliebst hat sich die kleine Schelmin zurecht gemacht. Ganz chic und d’après la dernière mode! Man glaubt ja gar nicht, dass man Besuch vom Lande empfängt! — dabei frisch und rosig wie eine Maienknospe!! Bei einer solch jugendlichen Tochter wird es wahrlich sehr glaubhaft erscheinen, wenn ich alte Frau sie der Welt als Töchterchen zuführe!“

„Wie schmeichelhaft würde dies für mich sein, gnädigste Tante, und wie schön, könnte die Welt recht viele Ähnlichkeit zwischen mir und dieser schwesterlichen Pflegemama entdecken!“

Frau Elly kniff momentan die Augen zusammen.

„Nun höre ein Mensch, wie allerliebst das Heideröschen Elogen zu sagen versteht!“ — Wieder zog sie die Kleine sehr huldvoll an sich, wandte sich dann in lebhafter Weise an den elegant galonierten Diener zurück und erteilte ihm ihre Befehle in einer Weise, welche das vorüber wogende Publikum unwillkürlich auf die schöne Frau aufmerksam machen musste.

Wigand erkannte sie kaum wieder.

Die Geheimrätin hatte sich auffallend verändert. Ihr ehemaliges Phlegma war einer muntern, beinahe allzu jugendlichen Lebhaftigkeit gewichen und ihre Vorliebe für sentimentale schwarze Spitzen und geheimnisvoll verhüllende Schleier hatte einem völlig entgegengesetzten Geschmack Platz gemacht. Sie trauerte nicht mehr. Ein zartes, crêmefarbenes Capothütchen, von Marabus umrahmt, mit Metallstickerei in Kupfer effektvoll geschmückt, gab den dunklen Stirnlöckchen eine reizende Folie und hielt den duftigen Gazeschleier, welcher das Antlitz umspannte.

Ein kupferfarbenes Sammetkostüm zeigte gelblichen Pelzbesatz, hochmodern gearbeitet und bis auf das seidene Futter herab kostbar und elegant. Als sie in den Wagen stieg, verrieten sich ein gleichfarbiger Atlasunterrock und die passenden seidenen Strümpfe.

Ein Hauch von Veilchenduft umwehte die elegante Frauengestalt und Erika konnte sich dem eigenartig bestrickenden Zauber, welcher von ihr ausging, nicht verschliessen.

„Selbstverständlich wohnst du bei uns im Hause, Wigand, dearest boy!“ — atmete sie auf, als sie sich neben Erika behaglich in die Wagenpolster zurücklegte, gleichzeitig aber schnellte sie wieder empor und klopfte noch einmal ungeduldig an das Wagenfenster.

„Das Gepäck soll per Droschke nachkommen, Heinrich! — Jetzt ist keine Zeit zum warten! James! — James!!“

Der Kutscher bog sich nach dem Fenster vor.

„Befehl, gnädige Frau!“ —

„Zufahren, was die Riemen halten! — In der Leipzigerstrasse Station machen! Heinrich soll die Einladung zum Diner bei dem Grafen Nesslar abgeben. Wenn möglich Antwort. — Zu!“ —

„Befehl, gnädige Frau.“

Auf lautlosen Gummirädern sauste die Equipage in die belebten Strassen hinein und Frau Elly nahm ihr unterbrochenes Thema wieder auf. „Also du wohnst bei uns, Wigand! Ich habe dir dein altes Stübchen zurecht machen lassen, obwohl es für dich grossen Herrn jetzt etwas eng und primitiv sein wird! — Ihr glaubt aber nicht, Kinder, wie es zur Zeit drunter und drüber geht bei uns! Joël hat so enorm viel Wünsche betreffs Einladungen, dazu etliche Freunde von ihm ebenfalls als Logierbesuch während der Premiere, — Menschen, welche wir anstandshalber einladen mussten! Zum Beispiel den jungen Baron Bastolff, Sohn des Ministers zu X., — dann den Kommerzienrat Solfing, immens reicher Mann, angebetet in musikalischen Kreisen! Er hatte seinen Haushalt aufgelöst, um den Winter in Kairo zu verleben, will aber der Dorflurle zuliebe noch bleiben! Da bat Joël ihn, bei uns Wohnung zu nehmen! Solche Gäste aber machen Ansprüche und verursachen Kopfzerbrechen und da müsst ihr doppelt nachsichtig sein, liebe Kinder!“ —

Die Worte sprudelten von ihren Lippen und Wigand fand kaum Zeit zu danken und sie der vollsten Bescheidenheit und Dienstwilligkeit ihrer Ellerndörper Einquartierung zu versichern.

„Ja, meine teuerste Erika! ich rechne stark auf deine Hilfe als Vicetochter des Hauses! Mon Dieu ... ich sage permanent ‚du‘ und annektiere dich schon ganz und gar! — Lassen wir es dabei, Herzchen! Warum immer Sekt abwarten, um Schmollis zu trinken! Wir vereinfachen die Sache, nicht wahr?“ — und wiederum zog sie die Kleine an sich und hauchte einen Kuss auf ihre Stirn.

„Und nicht so unaufhörlich devot zu mir sein, Heideblümchen, das ist langweilig! Wenn ich dir nicht zu alt bin, betrachte mich als Freundin! Trotz des erwachsenen, berühmten Sohnes ist mein Herz wirklich noch ganz jung und mitfühlend geblieben!“

Häuser, Parkanlagen, Menschen, Wagen und Pferde wirbelten wie ein Traum an ihnen vorüber und all das ungewohnte Leben und Treiben übte einen seltenen Reiz auf die empfindsame Seele des jungen Mädchens aus.

Wigands Stimme liess sie jählings auflauschen.

„Wie geht es nun eigentlich Joël, liebe Tante! fühlt er sich jetzt wohl und zufrieden in seinem Wirkungskreis! Und bist du überzeugt, dass derselbe auch dauernd sein Glück ausmachen wird?“ —

„Fraglos, lieber Wigand! Wie ein Fisch im Wasser fühlt er sich in seinem ureigentlichen Element. Wie sollte es auch anders sein! Bei dieser phänomenalen Begabung! Du ahnst ja gar nicht, Wigand, was er in der Dorflurle geleistet hat! Etwas Grosses, Unsterbliches, etwas noch nie Dagewesenes! Intendanten und Kapellmeister sind ja rein von Sinnen vor Begeisterung. Die Sänger und Sängerinnen wie elektrisiert! Sie danken meinem Sohn kniefällig für diese Partien, in welchen sie ungemessene Lorbeeren ernten müssen. Joël wohnte den Proben natürlich bei — und ich konnte es mir auch nicht versagen, schon hie und da im voraus zu naschen, ich fuhr auch gestern mit in das Theater! — Himmel, welche Musik! welche Melodien! Der Intendant sagte mir, er sei überzeugt, dass die Zukunftsmusik in den Händen meines Sohnes ruhe! Und wie gelassen und ruhig nimmt Joël die Ovationen auf, welche ihm schon jetzt gebracht werden! — Man vergöttert den Jungen ja! — O ihr werdet ihn sehen, Kinder, ein Gott, ein König unter Vasallen! Und wie wird das nun erst werden, wenn der riesige Erfolg der Dorflurle die ganze Welt in Flammen setzt!“

Mit strahlenden Augen lauschte Erika.

„Hat er denn erforscht, wer ihm den Operntext geschrieben hat?“ fragte sie leise, heiss erglühend und mit gesenkten Augen.

„Nein! denk dir, Herzchen! all sein Forschen ist erfolglos geblieben! Aber fraglos hat ein ganz bedeutendes Genie das entzückende Libretto speziell für ihn geschaffen. Das Geheimnisvolle steigert sich sogar noch, seit in einem der ersten Journale der köstlichste aller Romane: ‚Truggeister‘ erscheint. Alle Welt ist entzückt davon! Man spricht nur noch von dem neuen Roman und zerbricht sich den Kopf darüber, wer hinter dem Pseudonym ‚E. von der Heid‘ sich verstecken mag! Fraglos ist es eine hervorragende Persönlichkeit der Residenz, welche über unsere Künstler- und Militärkreise trefflich unterrichtet ist! In dem menschenscheuen, verbitterten Major a. D. glaubt man mit Sicherheit eine hiesige Persönlichkeit wieder zu erkennen, aber mon Dieu ... wie viele verbitterte Pensionäre gäbe es nicht! — Viel näher liegt die Vermutung, dass mit dem Helden, dem schönen, so unglücklich beanlagten Sänger unser erster Tenor gemeint ist, — man stolpert über manch kleine Thatsache, welche sehr geschickt, hie und da ein wenig verschleiert — in die Handlung eingeflochten ist. Nun — mit einem Wort — dieser Roman regt alle Gemüter auf und macht enorm von sich reden. Und das Seltsamste ist, dass Joël darauf schwört, ‚Truggeister‘ und ‚Dorflurle‘ seien die Werke ein und desselben Künstlers. Viele Redewendungen und Ausdrücke stimmen allerdings genau überein, ein Hauch von mädchenhafter Schwärmerei liegt zeitweise über dem Ganzen, andrerseits aber wieder eine Kraft der Gestaltung und eine Fülle überraschender Gedanken, welche nur in einem Männerkopf oder dem einer sehr geistreichen Frau gereift sein können!“ —

„Und Joël hat nicht versucht, das Pseudonym zu lüften?“ —

„Gewiss, mein lieber Wigand! Aber die Redaktion scheint mit ihrem interessanten Geheimnis kokettieren zu wollen, sie versichert in höflichsten Worten, verpflichtet zu sein, den wahren Namen der Autorin verschweigen zu müssen!“ —

„Der Autorin! Also doch eine Dame?“ —

Die Geheimrätin knöpfte voll nervöser Erregung an ihrem Handschuh und streifte die matten Goldreifen der Armbänder etwas höher daran empor.

„Auch in dieser Beziehung war der Chefredakteur ein Schelm! In dem einen Brief spricht er von dem Autor — in dem andern von der Autorin. Gleichviel, Joël amüsiert sich unendlich in dem Gedanken, dass dieses verschleierte Bild von Saïs fraglos Farbe bekennen wird, wenn die Dorflurle mit Erfolg aufgeführt wird.“ —

Sowohl die Geheimrätin wie Wigand hatten nicht beobachtet, wie Erikas Köpfchen während dieser Unterhaltung zur Brust sank, gleich einer tauschweren Blüte, wie glühende Röte immer höher und höher die Wangen färbte, bis unter die goldigen Stirnlöckchen hinauf.

Die Equipage hielt noch in der Leipzigerstrasse vor der Wohnung des Grafen Nesslar, der Diener riss soeben wieder eilfertig den Schlag auf und meldete, den Hut devot in der Hand haltend: „Zu Befehl, gnädige Frau. Der Herr Graf waren anwesend und werden mit viel Vergnügen von der liebenswürdigen Einladung Gebrauch machen.“

„Gut, weiter fahren!“ — Die Geheimrätin sah sehr blasiert aus, aber ihre Augen blitzten unter dem Gazeschleier auf.

„Natürlich, er kommt, ich konnte es mir denken, — die Menschen kommen ja alle so rasend gern zu uns, und was diesen Grafen Nesslar betrifft“ — Elly lächelte müde und neigte den Kopf vertraulich gegen Erikas Schulter: „so gibt er sich noch ganz besondern Hoffnungen hin! Er hat nämlich eine Schwester, ein schönes, imposantes Mädchen, Vollblutaristokratin, dabei reich und talentiert — und ... hahaha — bis über die Ohren in meinen Joël verliebt! — Armes Ding! Ich glaube nicht, dass mein arroganter Schlingel auch nur das mindeste für sie fühlt, — es fliegen ihm ja die Herzen wie Heuschreckenschwärme entgegen, und habe ich es schon als Danaïdenarbeit verworfen, all seine Anbeterinnen zu kennen oder noch Notiz von den seufzenden Jungfräuleins zu nehmen!“

„Macht Joël diese allgemeine Anbetung nicht ganz nervös?“

„Zeitweise ja, wenn man ihn allzusehr mit Liebe oder Hass quält. Im grossen ganzen gehört es jedoch zu seinem Lebenselement, sich verehren und lieben zu lassen. Frauengunst ist für ihn Luft zum Atmen, er kann nicht ohne sie existieren, aber er achtet sie eben auch nicht höher als wie eben Luft! — Was ihn heute anregt und erheitert, ist morgen schon ein überwundener Standpunkt. Ist ja auch gut so! Ein Künstler muss frei sein; will er stets an einem und demselben Punkt kleben, erlahmen seine Schwingen und tragen ihn nicht mehr zur Sonne empor!“

Der Wagen hielt vor einem eleganten, prächtig geschmückten Portal und die Sprecherin richtete sich hastig empor.

„Nous voilà, meine lieben Kinder, nochmals herzlich willkommen und gegrüsst in unserem Heim! Du kennst dich ja noch aus, mein guter Wigand! Bitte, betrachte dich heute noch ebenso als Sohn des Hauses wie früher! — Für Erikachen werde ich persönlich sorgen!“

Im Vestibül brannte bereits das Gas in mächtigen Kristallkuppeln, welche zwei Karyatiden aus Goldbronze über blumengefüllte Vasen empor hielten.

Der Portier stand neben dem Gitterthor, welches die innere Flurhalle von der Durchfahrt absperrte und ein elegantes Kammerzöfchen mit Haube und weisser Tändelschürze hüpfte die Treppe herab, nach dem Handgepäck des gnädigen Fräuleins zu fragen.

„Lassen Sie sich von Heinrich geben!“ nickte Elly der Knixenden eilig zu. — „Apropos, hat die Schneiderin geschickt?“

„Vor einer halben Stunde erst, gnädige Frau! Ich war schon ausser mir vor Ungeduld!“ versicherte Doris mit viel theatralischer Entrüstung. „Habe ihr auch gesagt, dass gnädige Frau ganz empört über solche Unpünktlichkeit seien und künftighin alles wieder von Gerson nehmen würden!“

„Gut, ganz gut, Doris. Wo ist mein Sohn?“

Doris musterte ziemlich ungeniert Herrn v. Landen und knixte abermals. „Der gnädige Herr lassen sich bei den Herrschaften vielmals entschuldigen, er ist telephonisch zu Borchardt gerufen. Zum Thee hofft der gnädige Herr indess wieder zurück zu sein.“

„O schade, schade! Bitte, verzeiht ihm, liebe Kinder! Der arme Junge ist momentan gar nicht Herr seiner Zeit, es lastet gar zu viel auf ihm! — Denkert! Wo ist Denkert?!“

Der Portier trat geschäftig vor. „Zu Befehl, gnädige Frau!“

„Haben Sie das Blumenarrangement bestellt? — Wird es richtig an die Adresse geschickt werden?“

„Janz jewiss und wahrhaftig, gnädige Frau! Schmidt meinte, für det Fräulein habe er so zu sagen alle Tage wat uff Bestellung.“

„Gut.“ Frau Elly legte den Arm um Erika und führte sie die Treppe empor. „Es handelt sich nämlich um die Diwa, welche die ‚Dorflurle‘ singen wird, eine sehr verwöhnte Person, welche sich natürlich auch in Joël verliebt hat! Aus ‚Geschäftsinteresse‘ schickt er ihr täglich ein paar Blumen, um sie auf Feuer und ... bei Stimme zu erhalten. O Kind, du ahnst nicht, was alles bedacht sein will! — So, endlich sind wir am Ziel!“ — sie schob Erika und Wigand in einen Salon, dessen Pracht im ersten Augenblick schier erdrückend wirkte. — „Gott sei Dank! solch ein Reisetrubel ist fürchterlich. Doris, nehmen Sie dem gnädigen Fräulein Mantel und Hut ab, bitte Wigand, thue desgleichen! Und dann ruht euch erst mal ein paar Minuten aus und nehmt im Esszimmer einen kleinen Imbiss; unsere Theestunde liegt nämlich ungewohnt spät, nach Schluss der Oper!“

Dem jungen Mädchen wirbelte der Kopf. Es kam ihr vor, als sei sie aus ihrer tiefen Ruhe und Einsamkeit in einen sinnverwirrenden Strudel gestürzt, welcher ihr momentan den Atem benahm. Dazu wirkte die Enttäuschung, nicht einmal von Joël empfangen zu werden, sehr niederdrückend für sie. Was aber hatte sie auch anders erwartet? Die Liebe ist ja für ihn nur eine amüsante, kleine Abwechselung im täglichen Leben, und die Einladung seiner Mutter nichts anderes, als eine bezahlte Quittung für die Gastfreundschaft, welche ihr Sohn in Ellerndörp genossen.

Wigands Blick streifte verstohlen ihr Gesichtchen, welches nicht mehr so rosig aussah wie zuvor.

„Es wird gut sein, wenn Erika heute frühzeitig zur Ruhe geht, liebe Tante; die Reise hat sie doch ein wenig angestrengt, wie man für alles Ungewohnte zuerst Lehrgeld zahlen muss.“

Frau Elly blickte überrascht auf. „Willst du nicht auf Joël warten, mein Herzchen? Es kann höchstens zwölf Uhr werden, bis er heute zurückkehrt!“

Erika küsste die Hand der Sprecherin. „Mit deiner gütigen Erlaubnis ziehe ich mich heute lieber sogleich auf mein Zimmer zurück, liebes Tantchen. Joël weiss, dass für mich die Mitternachtsstunde eine fast nie geschaute Zeit ist und wird mich sicher entschuldigen.“

„Natürlich wird er das, petite. Sehr recht, dass du dich nicht inkommodierst, hier im Hause lebt man ganz ohne jede Rücksicht, lediglich nach eigener Façon! Also du willst dich bald zurückziehen! Schön, ich werde Doris sofort benachrichtigen!“

Wigands Augen leuchteten. Selten hatte eine solch glückselige Freude sein Herz erfüllt, als in diesem Augenblick, wo Erika auf die Gunst verzichtete, den „Gott“ Joël heute noch wieder sehen zu dürfen.

Als Erika ihm die Hand zur „guten Nacht“ bot, nickte sie ihm mit einem Blick zu, in welchem deutlich zu lesen war: „Wie gut, dass du hier bist!“

Aber Landen war viel zu ungeübt im Enträtseln dieser stummen Sprache, um ihren Sinn zu verstehen.

Joël war nicht wenig überrascht, Erika nicht im Salon seiner Mutter anzutreffen, als er eine Stunde nach Mitternacht dort eintrat. Er war überzeugt gewesen, dass die Kleine mit sehnsuchtskrankem Herzchen auf sein Kommen warten würde und sollte sich dasselbe auch bis zum grauenden Morgen verzögern.

War er es etwa anders gewohnt? Die Damen verwöhnten ihn ja so über die Massen, dass seine Ansprüche durch die schönen Verehrerinnen selbst bis zur Arroganz gesteigert wurden. Nun nahm er selbst den höchsten Tribut schwärmerischer Anbetung als sein gutes Recht in Anspruch. — Und das kleine Heidekind will opponieren? Je nun, man muss in diesem Fall mit der Anstrengung der Reise rechnen, welche selbst das liebeheisseste Herz tyrannisieren kann.

Es ist ja ihr eigenes Pech, wenn sie ein paar Stunden länger auf ein Wiedersehen warten muss.

Wigand begriff nicht, wie die Geheimrätin dieses Nachtleben auf die Dauer ertragen konnte. Als Erika sich zurückgezogen, hatte sie etwas unmutig beklagt, um der Kleinen willen eine Soupereinladung abgelehnt zu haben und überlegte, was sie nun mit dem endlosen Abend beginnen solle.

Just in diesem Moment überreichte der Diener ein stark duftendes Billet.

Hastig riss es Frau Elly aus seinem goldgepressten Umschlag.

„Von Mister Smith! scharmant!“ — stiess sie aufatmend hervor, — „mit zwei Billets für die neue Operette! Joël kann ja keinen Gebrauch davon machen, aber du schliesst dich wohl als dritter im Bunde an, lieber Wigand? Du kannst es ohne jeden Skrupel! Mister Smith ist ein steinreicher Mann, nicht ein amerikanischer, sondern englischer Nabob, nebenbei sehr vornehm und geistreich, aus allerbester Familie. Wir lernten ihn in Korfu kennen und attachierte sich der allerliebste Mensch so ausserordentlich an uns, dass er uns sogar hierher in die Residenz folgte. Also nimm sein Billet ruhig an, mein Junge, es wird ihn lebhaft interessieren, dich als Verwandten unseres Hauses schon heute kennen zu lernen, denn in Zukunft begegnest du ihm täglich in meinen Salons.“

„Du bist sehr gütig, liebe Tante, wirst es mir aber wohl nachfühlen können, dass ich von einem gänzlich Unbekannten unmöglich ein Geschenk annehmen kann! Dasselbe zu bezahlen, würde meinen Verhältnissen nicht entsprechen, denn was ich hier für Vergnügungen ausgeben kann, möchte ich doch gern so anwenden, dass es Erika in erster Linie zu statten kommt, zum Beispiel, wenn ihr verhindert seid, sie auszuführen und ich als Begleiter notwendig werde.“

„Du bist eine rührende Seele, Wigand, und drehst den Spiess in ganz aufopfernder Weise um! Eigentlich wäre es doch an den Damen Koltitz, dass sie dich in jeder Weise für deine unbegreiflich selbstlose Mission in der Streusandbüchse Ellerndörp entschädigten! Aber wie du denkst, mein Guter! Ich liebe es nicht, wenn mich jemand beeinflussen will und nötige darum meine Ansichten auch keinem andern auf. So lass dir, bitte, allein ein Souper servieren und entschuldige deine rücksichtslosen Wirte!“

Sie sah nach der Uhr und drückte auf den Knopf der elektrischen Klingel.

„Doris soll meine perlgraue Toilette so schnell wie möglich rüsten und der Wagen in einer Stunde bereit stehen.“

„Befehl, gnädige Frau.“

Noch einmal betrat die lebenslustige Witwe, strahlend in Juwelen und Seidenglanz, den Salon, um sich von Wigand zu verabschieden.

„Findest du eigentlich, Wigand, dass ich mich in der Zeit unserer Trennung sehr verändert habe? Die Leute behaupten, ich würde zu stark, das beeinträchtige meine Figur!“ fragte sie, den Kopf von dem Spiegel zurückwendend.

Landen wurde dunkelrot vor Verlegenheit. Er war so gar nicht gewohnt, Elogen zu sagen und Redensarten zu machen.

„Ich finde, dass du jünger und schöner wie je aussiehst, liebe Tante, und war ganz überrascht, als ich dich zuerst sah“, stotterte er aufrichtig.

Frau Elly lächelte sehr huldvoll und klopfte ihm mit dem Fächer die Wange. „Kleiner Schmeichler, du! Welch ein Glück, dass ich dir deine Elogen gleich zurück geben kann! Du hast es deiner Tante treulich nachgemacht und bist ebenfalls kaum wieder zu erkennen.“

Und dann überliess sie ihn seinem Schicksal.

Wigand beschloss, eine kurze Promenade durch die Strassen zu machen, um etliche Einkäufe zu erledigen. Um elf Uhr, nachdem er seiner Ansicht nach lange genug gehungert hatte, trank er einsam seinen Thee in dem Speisesaal, welcher seine Gaskrone wie zum Hohn über die leeren Plätze an dem Tisch in vollem Glanz erstrahlen liess.

Ein solcher Luxus hatte ehedem nicht in dem Hause des Geheimrats geherrscht. Die ganze Villa erleuchtet, ein Souper für vier Personen, welches von einer einzigen nur benutzt wurde.

Um zwölf Uhr kehrte Frau Elly heim. Sie hatte bereits unter den Linden soupiert und war sehr animiert und heiter. Mit Joël hatte sie sich im Restaurant getroffen, er hatte ihr versichert, bald nachzufolgen.

„Wirst du dich nicht zur Ruhe begeben, liebe Tante?“

„Jetzt schon? — ich bitte dich! Nun habe ich ja erst den einzig ruhigen Moment, um einen Blick in neue Bücher zu werfen!“ — —

Sie entzündete sich eine Cigarette und las.

Wigand begriff nicht, wie Frauennerven ein solches Leben auf die Dauer aushalten konnten.

Der nächste Morgen gab ihm die Aufklärung.

Mit wahrhaftem Entsetzen stand er um acht Uhr in dem Korridor. Die Dienerschaft begann soeben, die Salons zu reinigen. Zugluft durch offene Thüren und Fenster, hochgeschlagene Portieren und zusammengerollte Teppiche. — Kein warmes, gemütliches Plätzchen.

„Wann pflegt meine Tante zu frühstücken?“ —

Das Stubenmädchen lächelte: „Gnädige Frau schellen gewöhnlich gegen zwölf Uhr nach dem Kaffee und pflegen ihn im Bett zu trinken. Das zweite Frühstück nehmen die Herrschaften gemeinschaftlich um zwei Uhr. Dann fährt gnädige Frau aus, Visiten oder Einkäufe zu machen. Um sechs Uhr dinieren die Herrschaften hier im Hause, meist mit Gästen oder folgen anderen Einladungen.“

„Hm ... kann ich nicht schon früher Kaffee trinken? Jetzt gleich? ... und wo?“ —

„Gewiss, Herr Baron. Fräulein Koltitz hat auch schon auf ihrem Zimmer gefrühstückt. Heinrich kann ja sofort auch in dem Zimmer des gnädigen Herrn servieren!“

„Und Herr Eikhoff?“ —

„Hält die Mahlzeiten genau so inne, wie die gnädige Frau!“

„Schläft also noch?“ —

„Schläft noch, bis gegen zwölf!“ —

„Danke schön. Und bitte recht bald Kaffee.“

Das war ja furchtbar! — Wie hielten die Menschen ein so widernatürliches, ungesundes Leben aus!

Wigand überlegt, wie man sich die Zeit hier am besten einteilt. Soll Erika dieses aufreibende Nachtleben mitmachen — was unvermeidlich ist, will sie an der Geselligkeit und an den Vergnügungen der Eikhoffs teilnehmen, so wird sie bald ebenso ermattet in den hellen, lichten Tag hinein schlafen, wie diese entnervten Residenzler.

Aber er! auf Wochen hinaus kann er ein derartiges Dasein nicht fristen. Gott sei Dank, finden die akademischen Vorträge in den Morgenstunden statt. Wenn Joël und seine Mutter mit verschlafenen Augen zum zweiten Frühstück erscheinen, hat er den wichtigsten Teil seines Tagewerks schon hinter sich.

Als die Salons, heute etwas beschleunigt, in Ordnung gebracht sind, tritt Wigand ein.

Er trifft Erika bereits eifrig mit Staubwischen beschäftigt und in hohem Grade entzückt und interessiert, all die unzähligen kostbaren Nippes, Bronzen, Krystalle und Malereien zu besichtigen.

Sie begrüsst den Vetter sehr heiter und guter Dinge, versichert ihm, vortrefflich geschlafen zu haben und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, dass man erst gegen zwei Uhr den Verwandten einen doch etwas sehr verspäteten „guten Morgen“ sagen kann.

Andere Städte, andere Sitten. Man muss sich so gut wie möglich die Vormittagstunden zu vertreiben suchen. Eine Promenade vor den herrlichen Schaufenstern der Strasse ist eine stets neue Quelle des Amüsements und in mancher Weise ein Kunstgenuss.

Erika jubelte wie ein Kind, als Landen vorschlägt, den schönen Sonnenschein sofort zu benutzen. Der vielen Droschken, Lastwagen und Pferdebahnen wegen bietet er dem jungen Mädchen den Arm, um den Strassendamm mit ihr zu passieren.

Unwillkürlich schreiten sie auf dem Trottoir so weiter, denn es geht sich sicherer und angenehmer unter dem bahnbrechenden Schutz eines Herrn, wenn rücksichtslose Passanten vorüber drängen.

So viel und ausschliesslich wie hier, haben die beiden jungen Leute in Ellerndörp nie verkehrt, sie sind auf einander angewiesen, sie suchen und finden sich, eins ergänzt das andere. Die Grossstadt und der Aufenthalt in Joëls Vaterhaus, von dem Wigand gefürchtet, dass er Erika und ihn für immer trennen werde, führt sie einander inniger und vertrauter zu, wie der jahrelange, gemeinsame Aufenthalt in Ellerndörp.

Die kalte Winterluft hat Erikas Wangen gerötet, mit strahlenden Augen kehrt sie heim, kaum noch daran denkend, dass das Wiedersehen mit Joël näher und näher rückt.

Wigand sucht sogleich sein Zimmer auf, Erika tritt zuvor in den Salon, ihre Briefmappe vom Schreibtisch abzuholen.

Sie sieht allerliebst in dem weissen Pelzwerk aus, und der elegante Mantel, welchen Frau Koltitz nebst einer sehr reichen Auswahl von Toiletten aus einem der ersten Geschäfte bezogen, hebt ihre schlanke Figur in vorteilhaftester Weise.

Sie ist eilig und bemerkt es nicht, dass im Nebenzimmer Joël Eikhoff an seinem Diplomatentisch arbeitet. Er erhebt sich hastig und schreitet auf dickem Smyrnateppich lautlos zur Portiere.

Einen Augenblick wartet er vorsichtig, ob Wigand oder seine Mutter der Eingetretenen folgen werden, als er sich überzeugt, dass er mit dem jungen Mädchen allein ist, tritt er ihr jählings in den Weg.

Seine Augen leuchten ihr in der ganzen verführerischen Schönheit entgegen, nicht ganz natürlich, aber sehr wirkungsvoll dramatisch streckte er ihr die Hände entgegen.

„Erika!“

Sie erschrickt so gewaltig, dass sie kaum einen leisen Aufschrei unterdrücken kann. Flammende Glut steigt in ihre Wangen, ein reizendes Gemisch von Freude und Verlegenheit verklärt ihr anmutiges Gesichtchen.

„Joël ... welche Überraschung — Sie sind jetzt schon hier?“

Er hält ihre Hände und neigt sich tief zu ihr nieder. „Ja, ich bin schon hier, kleine Heideblume! Ich opferte ohne Besinnen ein paar Stunden Schlaf, ich, der ihn jetzt wahrlich notwendig gebraucht, um Sie so bald wie möglich begrüssen zu können, — aber Sie grausame Turandot hatten gestern abend keine Zeit mehr für mich!“

Wie vorwurfsvoll seine Stimme klang, wie er ihre Hände so leidenschaftlich in den seinen presste.

Erika war wie betäubt, ihre Verlegenheit grösser noch wie zuvor. Sie versuchte die Hände zu befreien, vergeblich! — „Gestern abend? gestern nacht meinen Sie wohl, Joël, Sie, der es doch wissen sollte, dass die Heideblumen die Augen schliessen, wenn die Sonne sinkt!“ —

„Auch dann, wenn ein kühner Gesell die rosige Erika gepflückt und in den prächtigen, bunten Garten der grossen Welt verpflanzt hat?“

„Dann braucht sie immer noch Zeit, um sich an diesen übermächtigen Wechsel und Wandel zu gewöhnen!“

„Gut, mag dies der Balsam des Trostes auf die Wunde sein, welche mir die gestrige Enttäuschung geschlagen. Jetzt will ich Sie willkommen heissen, tausendmal willkommen in meinem Hause, welches Ihnen hoffentlich lieb und behaglich werden wird, wie ein eigenes!“ — Er zog ihre Hände abwechselnd an die Lippen und legte einen Ausdruck in seine Stimme, der ihr Herz erbeben machte.

Der alte Zauber, welcher allmählich seine Kraft verloren, umstrickte sie von neuem und die Verwirrung des Augenblicks war zu gross, um sie klar und scharf sehen zu lassen wie sonst.

„Haben Sie mich auch nicht vergessen in der langen Zeit unserer Trennung, schön Bäschen?“

Wie verklärt schaute sie auf, ihre ganze Seele lag voll süsser Innigkeit in diesem Blick. „Wie könnte das wohl möglich sein!“ schüttelte sie das Köpfchen.

„Wenn Sie mir noch gut sind —“ er neigte sich flüsternd, mit fascinierendem Blick näher, „kann Ihr Aufenthalt hier ein entzückender und beglückender für uns beide werden! Sie ahnen noch nicht, wie man Sie um das Vorrecht beneiden wird, unter einem Dach mit mir zu wohnen! — — Ah ... Mama. Ich höre ihren Schritt.“ — Er trat jählings zurück, stützte sich voll grösster Harmlosigkeit auf einen Sessel und fuhr mit vollkommen veränderter Stimme heiter fort: „Also eine Morgenpromenade haben Sie schon gemacht? — Mille diables, welch eine barbarische Idee! Das werden Sie sich mit grösster Geschwindigkeit hier abgewöhnen. Ah, meine schöne Mutter! Küsse die Hand, Gnädigste! Gut geruht? Und zur Feier der Gäste heute auch etwas früher wie gewöhnlich zur Stelle?“

„Guten Morgen, meine lieben Kinder! Jawohl, ich bin früher wie gewöhnlich bei euch, dafür aber auch in recht unfertiger Façon!“ Sie blickte lächelnd auf ihr raffiniert elegantes Negligee nieder und liess sich die Hände küssen. „Und Erika kommt bereits von einem Spaziergang heim, wie mir Doris starr vor Staunen mitteilte. Wird sich bald legen, diese Passion; heute sehen wir allerdings nur Gäste zu Tisch bei uns, aber morgen Premiere, und dann Nacht für Nacht die Feste! Am Ende der Woche schläfst du auch bis zwölf Uhr, petite!“

„Sie sehen so erhitzt aus, Bäschen!“ lächelte Joël, mit schnellem Blick in das noch immer vor Verlegenheit glühende Gesichtchen. „Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?“

„Nein, nein, mein Jungchen, Erika legt besser in ihrem Zimmer ab! Nicht wahr, Herzchen? Und dann kommst du schnell wieder zu mir zurück! Ich möchte nämlich mal die unvermeidliche Toilettenfrage mit dir erörtern, ob du für die Campagne, welche dir bevorsteht, auch genügend gerüstet bist!“

„Davon kannst du doch überzeugt sein, Mamachen; sieh sie doch an, wie allerliebst und chic sich selbst ein Heideblümchen anziehen kann, wenn Geschmack dahinter sitzt! — Vor Erika ist mir absolut nicht bange, aber das Exterieur des guten Wigand lastet wie ein Alp auf mir. Bei ihm ist kein Ding unmöglich in dieser Beziehung, selbst eine Düffeljoppe und Schmierstiefeln zum Diner nicht! — Wie sah er gestern abend wieder aus! — rasend! — Hätte ich ihn auf der Strasse begegnet, hätte ich: „Guten Morgen, Onkel Bräsig!“ gerufen!“

„Er beabsichtigt, sich neu zu equipieren!“ — wagte Erika begütigend einzuwerfen, aber bei dem Anblick des hypereleganten jungen Herrn vor ihr fiel der Kontrast zwischen den Pflegebrüdern auch ihr etwas beängstigend auf. —

„Na, dann haltet die Daumen, Kinder, dass er nicht zu irgend einem Winkelschneider läuft und die grosse Ausgabe an antidiluvianischem Schnitt wieder einspart. Ich kann mich leider nicht darum bekümmern, weiss so wie so nicht, wo mir heute der Kopf steht. Jetzt will ich noch auf einen Moment in die Probe fahren und dann ... ach so, meine Damen ... gut, dass es mir einfällt, leider — ich sage leider! — kann ich heute nicht mit euch frühstücken, ich musste gestern abend mein Wort geben — wie das so ...“

„Armer Schelm! — unterbrach Frau Elly, hinter dem Spitzentuch gähnend. „Was will man denn schon wieder von dir!!“ —

„Muss mit der Dorflurle und ihren Partnern Austern essen, Mamachen! — hilft nichts — die Mädels sind es gewöhnt, dass man ihnen die Cour macht!“ —

„Natürlich — natürlich. Ich verstehe. Selbstredend beurlauben wir dich. Sei nur präcise zum Diner zurück, du weisst, es kommt recht viel auf einzelne Persönlichkeiten an!“ —

„Unbesorgt, — ich bin so pünktlich, dass die Sonne sich künftighin bei mir nach der Zeit erkundigen soll!“ —

Er verabschiedete sich und ging. Erika zog sich in ihr Zimmer zurück, um abzulegen. Ihre Schläfen hämmerten. Ein beinahe erloschenes Feuer war jählings wieder in ihrem Herzen aufgeflammt, aber seltsam — schon zogen Rauchschatten verdunkelnd darüber hin. Im ersten Augenblick hatte Joëls Benehmen einen tiefen berauschenden Eindruck auf sie gemacht und ihr Auge geblendet, — je mehr aber das Blut wieder aus ihren eigenen Wangen wich, desto klarer blickte auch ihr geistiges Auge.

Warum änderte er sein Benehmen so vollständig, als die Geheimrätin eintrat? Schämte er sich seines Empfindens oder fand er dasselbe ungehörig? Ja, das war das richtige Wort dafür. Die Art und Weise, wie er ihre Hände drückte und küsste, wie er sie ansah, war nicht respektvoll, und auch die leidenschaftlichste Liebe darf einer Dame gegenüber nie den Respekt ausser acht lassen, will sie nicht zur Beleidigung werden.

Erika grub die Zähnchen in die Lippe. In Joëls Augen ist ja die Liebe nichts anderes, als eine amüsante kleine Episode, welche täglich die Heldin wechselte. Auch sie ist ihm nichts anderes, als die Vertreterin solch einer entwürdigenden Eintagsrolle.

Warum hat Wigand sich niemals eine ähnliche Kühnheit erlaubt, wie sein Pflegebruder? Warum ist seine Verehrung so völlig andrer Art, derart, dass ein junges Mädchen in seiner Gegenwart nie voll Scham zu erröten braucht, dass sie sich in seiner Gegenwart beschützt und ritterlich behütet weiss, als schritten Pflicht und Ehrgefühl verkörpert an ihrer Seite? —

Wigand hat wohl niemals die Liebe derart in den Staub getreten wie Joël, sie auch niemals so tief, tief im Sumpf gesucht, wie er!

Erika ist eine viel zu feinfühlige Natur, um nicht instinktiv den unlauteren Hauch zu empfinden, welcher die sonst so peinlich elegante, parfümierte Erscheinung des jungen Dandy umgibt. Und in dieser Beziehung steht sie noch vor einem Rätsel, welches weder ihr Herz noch ihr Verstand lösen können.

Ist Joël wirklich die gottbegnadete, geistig so hoch entwickelte, ideale Persönlichkeit, welche laut der mütterlichen Versicherung ein unsterbliches Werk geschaffen — wie kann alsdann sein Denken und Empfinden doch so niedrig stehen, — wie kann neben der strahlenden, fleckenlosen Vollkommenheit des Genies so viel Unbeständigkeit, Leichtsinn und Untugend bestehen? —

Ist es nicht ganz natürlich, dass die Kunst einen Menschen veredelt? — Ist wirklich derjenige gottbegnadet, welcher so wenig göttliche Regungen in seinem Innern nährt? —

Wunderbares Ringen und Kämpfen zwischen Herz und Verstand! — In derselben Stunde, welche ihr Herz in hochauflammender Liebe einem Mann von neuem entgegen trug, richtete ihr Verstand denselben so erbarmungslos und scharf wie noch nie vorher. Sie hob das Köpfchen voll stolzer Entschiedenheit auf den Schultern. Mochten Hunderte von Weibern und Mädchen ihre Liebe und sich selber wegwerfen an einen Mann, welcher sie, cynisch lächelnd — gleich wie eine Rose pflückt, um sie tags darauf gelangweilt beiseite zu werfen; — bei einer soll ihm kein Sieg und Lohn werden. Das schlichte Heideblümchen neigt sich nicht einer jeden Hand, welche es zur Kurzweil entblättern will. —

XV.

Vor dem Opernhaus herrschte das aussergewöhnlich rege Leben, Hasten und Treiben, welches jede Premiere mit sich zu bringen pflegt.

Pünktlicher wie gewöhnlich rollten die Equipagen herzu, elegante Schleppen rauschten durch die Foyers, Uniformen blitzten, eine auffallende Menge von Herren in Frack und Klapphut befand sich unter dem erregten Publikum.

Wahrhafte Freunde der Musik, kunstsinnige Laien und ausübende Künstler, Fremde im markierten Reisekostüm und skandalsüchtige Mitglieder der Gesellschaft, welche keine Erstaufführung versäumen wollen, in der Hoffnung, einen „kleinen Radau“ zu erleben. —

Eine neue Oper ist immer ein Ereignis, und mit welch ausserordentlicher Spannung es diesmal erwartet wurde, bewies der Ausdruck der Gesichter, das lebhafte Gestikulieren, das Für- und Widerreden der einzelnen Trupps, welche plaudernd zusammenstanden.

Die grimme Schar der Kritiker, teils wohlwollend unparteiisch, teils von vornherein absprechend und missgünstig nach den unbedeutenden Erstlings-Kompositionen des jungen Künstlers urteilend und um ihretwillen sofort alle weiteren Leistungen verurteilend, nahmen voll hoher Erwartung ihre Plätze ein, die Brillengläser putzend, wie ein Schlächter das Messer wetzt.

Agenten tauschten ihre Hoffnungen und Befürchtungen aus, die „Geschäftsleute“ der Musikbranche berechneten und überlegten ... aller Augen hafteten an dem Vorhang, als hinge das Wohl und Wehe eines Weltalls von seinen Enthüllungen ab.

Der erste Rang war von sehr vielen Damen besetzt. Die Mütter voll stolzer Genugthuung, dem Hause des jungen Komponisten gesellschaftlich nahe zu stehen, die Töchter glühend und fiebernd in freudiger Ungeduld, alle aber überzeugt davon, dass der heutige Abend ein grosser, eminenter Triumph für Joël Eikhoff und seine Anhänger werden müsse.

Waren nicht schon so viele alarmierende Nachrichten in die Öffentlichkeit gedrungen, wie die Intendanz, die Kapelle und die Sänger begeistert von dem neuen Werke wären?

Ein Klopfen am Notenpult des Kapellmeisters. Das leise Schrillen und wirre Durcheinander des Geigenstimmens bricht ab. —

In die Loge des Intendanten ist die Mutter des Komponisten getreten. Eine wundervolle Toilette glimmert und schillert in leuchtenden Atlasfalten um ihre elegante Figur. Sie nimmt Platz, entfaltet den Fächer und beugt sich vor, voll ungenierter, selbstbewusster Sicherheit den Bekannten zuzunicken.

An ihrer Seite erscheint eine Mädchengestalt, ganz in Weiss gekleidet, eine schlichte, liebliche Erscheinung mit schüchtern gesenkten Augen und wechselnder Blässe und Röte auf den Wangen. Neben Frau Elly sieht sie aus wie ein Schneeglöckchen neben der Königin Rose.

Im Hintergrund der Loge, kaum zu erkennen, lehnt ein blonder, breitschulteriger Civilist an dem Pfeiler, höflich zurücktretend, um der Familie des Intendanten den Weg zu den Sesseln neben der Geheimrätin frei zu geben.

Und nun das erste Zeichen des Taktstockes.

Totenstille.

Da brausen und wirbeln die Klänge in rasendem Tempo einsetzend, wie ein jäh entfesselter Feuerstrom durch das grabesruhige Haus, eine feuerblütige, ganz eigenartige Melodie entwickelt sich, sie packt den Zuhörer und übt einen gewaltigen Reiz aus. Und immer genialer, oft etwas unvermittelt und sprunghaft, spinnt die Ouverture ihre goldenen Fäden, zeitweise einen hohen, wahrhaft dramatischen Aufschwung nehmend, meist aber eine Fülle von Melodien ausströmend, welche ihren Eindruck nicht verfehlen. Die Musik wirkt in hohem Grade originell und darum zündet sie.

Als ein greller, überraschender Trommelwirbel, in welchen sich als Übergang hinter dem Vorhang ein rollender Donner mischt, und ein zischender Klang der Becken, welcher von flammenden Blitzen illustriert wird, die Ouverture abschliesst und der Vorhang empor rollt, um die entzückende Scenerie einer gewitterdurchstürmten nächtlichen Dorfstrasse zu zeigen, — da wagte sich ein erster, stürmischer Applaus hervor, erstirbt jedoch unter der Stimme der Sängerin, welche im höchsten Affekt der Leidenschaft als Hilfeschrei das Wetter durchgellt.

Und Scene folgt auf Scene.

Das Libretto ist packend und erschütternd, die Musik gleicht einem Zauberquell, welcher unerschöpflich neue Melodiengarben versprüht.

Als der Vorhang nach dem ersten Akt fällt, schweigt das Publikum sekundenlang wie unter dem Bann eines Rausches, dann aber bricht der Sturm mit doppelter und dreifacher Gewalt hervor, ein jubelnder, unaufhaltsamer Beifall ruft den jungen Künstler vor die Lampen.

Er erscheint, — die Vertreterin der Dorflurle voll bescheidener Eleganz dem Auditorium zuführend, als sei der Erfolg einzig ihrer meisterlichen Vertretung zu danken.

Von neuem durchbraust der Beifall das Haus, zum zweiten und dritten Mal muss Joël sich den begeisterten Zuhörern zeigen. Er thut es in sehr anspruchsloser Weise, sein schönes Antlitz drückt die liebenswürdigste und gewinnendste Dankbarkeit aus.

Die Geheimrätin sitzt hoch aufgerichtet, ihre Augen strahlen, die Erregung droht ihr die Brust zu zersprengen. Sie umkrampft Erikas Hand und stösst hochatmend durch die Zähne hervor: „Ein solcher Augenblick wiegt Kaiserkronen auf!! — Erika, Mädchen ... jener Mann dort, der grösste Künstler, der gottbegnadete Unsterbliche — er ist mein Sohn!“

Das junge Mädchen nickt stumme Antwort. Sie will sprechen, aber sie kann es nicht. Tausend leidenschaftlich erregte Gefühle schwellen ihr Herz! Gehört dieser Erfolg nicht auch zur Hälfte ihr? Riefen nicht viele Stimmen im Publikum: „Librettist! — Dichter des Textes!“

Das ist sie. — Gehört sie nicht an Joëls Seite? Gewiss; dieser Beifall, dieser Jubel ruft auch sie. Ach wie gut, dass sie sich hier im dunklen Winkelchen verstecken kann, sie würde sterben vor Verlegenheit, wären aller Augen auf sie gerichtet, wie soeben auf Joël! — Nein, sie verlangt nicht auf die Bühne, sie erntet hier noch viel besser, viel beglückender ihren Teil des Lorbeers.

Sie hört, sie sieht, dass ihr Werk gefällt, mehr verlangt sie nicht. Das Bewusstsein, etwas Schönes und Herzbewegendes geschaffen zu haben, die eigene, tiefergreifende Freude bei dem Anblick ihres Stückes, die Gestalten ihrer Phantasie verkörpert vor Augen zu sehen, ist genug des Lohnes! —

Was würde es ihr nützen, wenn Hunderte von neugierigen Augen sie anstarren in dem Gedanken: „Also dieses unbedeutende, kleine Mädchen hat die ‚Dorflurle‘ ersonnen!“ — es würde sie höchstens beschämen. Nein, sie wird ihr liebes Geheimnis keiner Menschenseele verraten, höchstens ... höchstens ihm! — Heute abend, ganz leise will sie es ihm gestehen!

Ihre Seele schwankt zwischen dem brennenden Wunsch, in seinen Augen einen Triumph feiern, seinen Erfolg mit ihm teilen zu können, und dem spröden Stolz, welcher dieses Mittel verschmäht, sein Herz zu gewinnen.

Die Gedanken, welche hinter ihrer Stirn wirbeln, haben sich noch nicht geklärt, als der Vorhang zum zweitenmal aufrollt.

Wieder brilliert die Musik in den originellsten, reizvollsten Phantasien. Wort und Dekoration, sowie die meisterliche Wiedergabe der Künstler unterstützen sie und der Beifall wächst zu stürmischen Ovationen an. Nur Erika starrt regungslos, mit grossen, entsetzten Augen auf die Bühne, öffnet mit bebenden Fingern das Textbuch und liest die Worte nach.

Sie glaubte nicht recht verstanden zu haben, aber nein ... hier ... hier steht es wahrlich schwarz auf weiss. Die gedruckten Buchstaben tanzen vor Erikas Augen, glühende Blutwellen schiessen in ihr Antlitz.

Ihr Text ist abgeändert.

Die keuschen, zarten Verse, welche die „Dorflurle“ klagend zu singen hat, dass sie ein verlassenes, verratenes Weib ist, dass ihr Gatte den heiligen Schwur vor Gottes Traualtar gebrochen, — die sind gestrichen und anstatt ihrer ist ein wilder Ausbruch der Leidenschaft gesetzt, der verrät, dass die Heldin eine gesunkene und verlorene Seele, dass sie nicht das Weib, sondern die Geliebte gewesen, dass ihr Sohn ein Kind der Schande ist!

Wie ein Schwindel des Entsetzens erfasst es Erika. Welch ein anstössiges Stück, voll sinnlicher Begierde und Leidenschaft ist aus ihrem so rein empfundenen Werk geworden!

Man hat eine weisse Rose genommen und sie in den Sumpf getaucht!

Und neue, immer neue Abänderungen! — In den Augen des jungen Mädchens erscheinen sie schmachvoll. — Nicht der hohe Psalter der Liebe klingt aus ihren Worten wieder, sondern eine lasterhafte Liebesglut, vor der sich ihre unberührte Kinderseele entsetzt! — Und zu diesem Stück soll sie sich als Autorin bekennen?

Sie würde vor Scham vergehen!

Was die wenig skrupulösen Residenzler höchstens pikant und prickelnd anmutet, entsetzt das keusche Heidekind und lässt ihre Wangen erbleichen.

Thränen der Empörung blitzen in ihren Augen, mit übermenschlicher Anstrengung kämpft sie dieselben nieder. Welch ein Glück, dass die Geheimrätin von glückwünschenden Schmeichlerscharen umdrängt wird, dass sie in ihrem betäubenden Glück ganz vergisst, die Nichte vorzustellen.

Die übermächtige Erregung muss sich in ihren Zügen spiegeln, sie sieht wenigstens, wie Wigand neben sie tritt und ihr mit angstvoll forschendem Blick in die Augen schaut.

Da presst sie die Zähne zusammen und beherrscht sich. Aber ihr Herz zittert vor Empörung und vor ihrem Munde liegen seit dieser Stunde sieben Siegel, welche auch vor Joël ihr Geheimnis hüten sollen. — Nun kann sie sich ja niemals zur Verfasserin eines Stückes bekennen, dessen Inhalt sie erröten lässt, — auch Joël gegenüber nicht, denn dann muss sie ihm Vorwürfe über die eigenmächtige Verunglimpfung ihres Werkes machen, und dieses Thema ausführlich mit ihm zu besprechen, vermag sie nicht. Wie geistesabwesend starrt sie auf die Bühne, woselbst sich der Vorhang zum dritten und letzten Male hebt.

„Eine grossartige Steigerung des Textes!“ hörte sie einen Herrn mit goldener Brille, welcher, im Parkett stehend gegen ihre Logenbrüstung lehnt, einem andern Civilisten zuflüstern, den die Geheimrätin ihr zuvor als bedeutenden Kritiker und Recensent genannt hat, „und die Musik hält wahrlich bis zum Schluss mit geradezu verschwenderischem Melodienreichtum gleichen Schritt!“

„Hm, recht viele originelle, sehr ansprechende Melodien, aber keine rechte Einheitlichkeit! Mir kommt die Oper vor wie ein Potpourri, das eine Anzahl schöner Weisen in oft nachlässig trivialer Art zusammenschmilzt. Die Instrumentierung lässt stellenweise viel zu wünschen übrig und die ‚Technik‘ ist gleich Null. Aber das verzeiht man dem Anfänger um seiner wahrhaft genialen Schöpfung willen! — Da sagt man nun, das Publikum der modernen Richtung habe dem melodiösen Tongemälde abgeschworen! Lächerlich! — Heute abend kann man sich überzeugen, welch unwiderstehlichen Reiz eine fein empfundene, eigenartige und feurige Melodie auszuüben vermag!“

Erika überzeugt sich auch davon.

Selten hatte ein derart tumultuarischer Applaus das Haus erschüttert, wie an diesem Abend, und als Joël wieder und immer wieder erscheinen musste, als die Lorbeerkränze dichter und dichter zu seinen Füssen niederfielen, da hob der gefeierte Künstler das Haupt stets selbstbewusster auf den Schultern und das Lächeln, mit dem er dem Publikum dankte, war nicht mehr so liebenswürdig, wie zuvor, sondern drückte nur noch nachlässige Huld aus. —

Wenige Augenblicke danach erschien er in der Loge, um seiner Mutter die Hand zu küssen. Es geschah in der ihm eigenen, etwas theatralischen Weise, welche stets den Effekt bei dem Zuschauer berechnet. —

Wieder stürmte die Schaar der begeisterten Freunde, der Agenten und Neugierigen die Loge, die Ovationen „en detail“ zu wiederholen, und Erika stand im fernsten, dunkelsten Eckchen und wunderte sich, mit welch blasierter Gleichgültigkeit Joël seinen Erfolg plötzlich aufnahm. Hatte sie doch seine fiebernde Aufregung gesehen, in welcher er vor Beginn der Oper im Salon daheim auf und nieder gerast war.

Da zitterte er in dem Gedanken, dass irgend eine Widerwärtigkeit, ein tückischer Zufall, eine Rancüne seiner Gegner und Neider die Dorflurle noch im letzten Augenblick zu Fall bringen könne, und nun stand er so erhaben lächelnd, als sei ihm keinen Augenblick ein Zweifel an seiner Unfehlbarkeit gekommen. Wie war ein solches Wesen in dieser Stunde möglich? — Das junge Mädchen begriff es nicht.

Ehe die herbe, schmähliche Enttäuschung kam, welche sie durch die Verunstaltung des von ihr geschriebenen Textes erlitten, war ihre ganze Seele voll Licht, voll inniger, dankbarster, warmherzigster Begeisterung.

Wie musste die tiefe Bewegung, das Glücksgefühl dieser erhebenden Stunden sich erst auf Joëls Antlitz spiegeln, bei ihm, dessen höchstes Ziel, dessen jahrelang brennender Wunsch, dessen ganzes Streben und Verlangen an diesem Abend so glänzend erfüllt wurde! — Und nun stand er da, kaum sich höflich verneigend, das Haupt selbstbewusst im Nacken, mit der Miene eines Triumphators, der nicht seinen Tribut vom Volke dankbar entgegen nimmt, sondern ihn fordert.

Die Lorbeerkränze hatte er achtlos beiseite auf einen Sessel geworfen, seine Augen suchten aufblitzend in den Reihen des Publikums, als wolle er noch von jedem einzelnen Gesicht einen Hymnus der Verzückung ablesen.

Da ein kleines Ballett die Vorstellung beschliessen sollte, nahm die Menge ihre Plätze nach kurzer Pause wieder ein.

Joël trat hinter den Sessel seiner Mutter. „Ich hatte eigentlich die Absicht, dich hinter die Coulissen zu führen, liebe Mama, damit du den Sängern auch ein paar Worte der Anerkennung sagen solltest. Die Zeit ist aber zu knapp geworden und ich denke, du holst das Versäumte nachher in unserm Hause nach. Mit deiner gütigen Erlaubnis habe ich die mitwirkenden Künstler eingeladen, noch ein Glas Sekt auf das Wohl des ‚Neugeborenen‘ bei uns zu leeren. Wie ich hörte, hast auch du soeben noch Einladungen ergehen lassen. Sind wir irgendwie an Platz und Raum gebunden?“

„Durchaus nicht, Darling! Ich habe mich auf viele Gäste eingerichtet und darum Buffet bestellt.“

Die Sprecherin wandte sich hastig um, zu Mister Smith, welcher mit einem gigantischen Blumenstrauss erschien, um auch der Mutter des Gefeierten eine Huldigung darzubringen.

Sie war entzückt, brillierte sehr laut mit ihrem tadellosen Englisch und nahm den ziemlich schweigsamen Sohn Albions durch zahllose kleine Liebenswürdigkeiten derart in Anspruch, dass weder er noch sie Zeit für ihre Umgebung hatten.

Mister Smith lächelte wie ein Kater im Sonnenschein und liess die Koketterie der schönen Frau widerstandslos über sich ergehen.

Joël wandte sich zum erstenmal zu Erika und Wigand, ihnen gönnerhaft die Hände entgegen zu strecken.

„Nun, Kinder — seid ihr ganz — oder halb weg?“ — scherzte er. —

„Erika ist sprachlos und Landen wortlos — na — auch in diesem Verstummen liegt eine Eloge, dieselbe, welche die schöne Helena empfand, als sie in den Rat der Männer trat und diese bei ihrem Anblick vor Staunen und Entzücken ebenfalls — — sich ... ausschwiegen!“ — Er lachte wohlgelaunt auf, gleicher Zeit sich etwas vorneigend und starr in die gegenüber liegende Loge schauend

„Die schöne Helena!! bless me! wenn man von dem Fuchs spricht, steht er bereits hinter der Hecke! — Sehen Sie doch einmal, Heideblümchen, welch eine eigenartige Frauengestalt mir soeben die Ehre erweist, ihr Opernglas auf mich zu richten! — Erkennen Sie die Dame, Erika? Ich meine die weissgekleidete — à la griechische Statue anzuschauen!“ —

„Sie ist mir bereits als interessante Schönheit aufgefallen!“ — nickte das junge Mädchen zerstreut, während Wigand etwas missbilligend das Haupt wegwandte.

„Ihre Erscheinung ist derart auffallend, dass ich noch nicht ganz einig mit mir bin, auf welches Genre von Emancipation ich sie taxieren soll!“ —

„Auffallend! — o du keuscher Josef! Wenn du diese decente Toilette schon auffallend nennst, was wirst du erst beim Anblick unserer extravaganten Schönen sagen! Jene Dame hat sich etwas griechisch gekleidet — der goldene Gürtel, die Frisur mit dem antiken Diadem — findest du es etwa geschmacklos? ich nicht. Ah! endlich lässt sie das Glas sinken. Welch scharmantes Lächeln! Ich glaube ‚sie errötet unter meinem Blick! — Geistvolles, pikantes Gesicht, ganz meine Passion! Aha ... Madame will ein wenig kokettieren ... gut, ich nehme Amors Fehdehandschuh auf!“ —

Joël strich das dunkle Schnurrbärtchen herausfordernd empor, und blitzte das fremdartige Gegenüber mehr kühn wie respektvoll an.

Die Dame in Weiss wandte sich brüsk ab und redete sehr lebhaft mit den Herren und Damen ihrer Umgebung.

„Länger wie zwei Minuten schmollt sie nicht; wetten Wigand?“ — lachte Eikhoff.

Keine Antwort.

Statt dessen ein leises Auflachen des Sprechers.

„Da haben wir sie schon wieder! — ‚Blickchen hin und Blick hinüber!‘ — zappelt bereits wie ein Fisch an der Angel. Was auf der Bühne passiert, ist ihr absolut gleichgültig. Mein Wort darauf — im Foyer begegnen wir uns nachher.“

Da Erika und Landen mit vollstem Interesse dem sehr poetischen und hübschen Ballett zu folgen schienen, widmete sich der Komponist der Dorflurle mit um so ungeteilterer Aufmerksamkeit der schönen Ausländerin. —

Ausländerin! Wie ein Blitz schoss ihm jählings ein Gedanke durch den Kopf. Daphne! Wäre es denkbar, dass er die Gesuchte hier vor Augen hat?

Die Beschreibung, welche man ihm in Gutland von ihr gemacht, könnte genau stimmen.

Das leicht gewellte Haar, sehr tief in die Stirn gelegt, die dunklen, geistsprühenden Augen, das zarte, etwas wachsbleiche Gesicht mit den schön gezeichneten Lippen ... ihre aussergewöhnliche Kleidung, welche fraglos eine Nachahmung griechischen Gewandes sein soll ...

Aber unglaublich! wie sollte sie diese kleine Komödie, diese übermütige Reisetollheit auch hier in der nüchternen, nordischen Hauptstadt fortführen? Spielt sie etwa auch hier die göttliche Daphne, welche vor einem Apollo flieht?

Eikhoff lächelt mit der Miene des sieggewohnten Frauenlieblings.

„Bah, kleine Unsterbliche — den Apollo sollst du finden! und wenn ich genug gelernt in Weiberaugen zu lesen, — so entfliehst du ihm dieses Mal nicht! — einen Teil von dir habe ich heute schon erbeutet, den Lorbeer, in welchem deine verzauberte Seele wohnt!“

Es war, als ob die eigenartige Frau seine Gedanken von weitem aus seinem Auge abgelesen und verstanden hätte. Sie gab das prüde Abwenden und Verstecken hinter dem Fächer auf, um ihre Blicke lang und träumerisch, gross aufgeschlagen auf ihm haften zu lassen. So starrt ein Reh gebannt und geängstigt in ein helles Licht, welches blendend vor ihm aufzuckt.

Joël hatte viel zu viel Erfahrung in solchem „Vorpostengeplänkel“, um nicht überzeugt zu sein, dass dieser Augenaufschlag, dieses „Festsaugen“ des Blickes gar fleissig und wohlberechnet vor dem Spiegel eingeübt war, aber gerade diese Überzeugung reizte ihn an, der schönen Sirene waghalsig in den Weg zu treten.

War es Daphne, so hatte eine neue, pikante, kleine Liebesepisode ihren interessanten Anfang genommen — für einen echt griechisch sonneglühenden und liebesprühenden Inhalt zu sorgen, soll sein Werk sein, und es soll ebenso sieghaft glücken, wie schon so manches andere. —

Joëls Blick sprang plötzlich ab und streifte Erika. Er lächelte, lächelte über sich selber und sein flatterhaftes, unberechenbares Herz.

Soeben hatte er neben der kleinen Unschuld vom Lande Platz genommen, mit dem Vorsatz, ihr ein wenig die Cour zu machen und sich an dem naiven, übermächtigen Eindruck zu ergötzen, welchen ein derartiger Triumph auf ein so unberührtes, weltfremdes Kinderherz machen musste, und nun sitzt er an ihrer Seite und liegt mit allen Gedanken in dem Zauberbann eines fremden, koketten Weibes. just, als habe klein Erika der Erdboden verschlungen, Wie ist er überhaupt auf die absurde Idee gekommen, dieses nüchterne, duftlose Blümlein hierher unter Belladonna und fliegende Herzen zu holen?

Wenn er ihr beinahe starres, heute so bleiches und kühl abweisendes Gesichtchen ansieht, begreift er nicht, was ihm eigentlich an dem Beifall dieses so absolut uninteressanten Wesens liegen konnte!

Je nun, der Abwechslung halber hatte er sich einmal mit einem Heideblümchen schmücken wollen, weil er sich an dem modernen Blumenflor der leichtlebigen Grossstadt satt geschaut hatte.

Nun war etwas Unerwartetes dazwischen getreten.

Der Lorbeer, welcher die verzauberte Daphne birgt, ist vielleicht der seltenste und eigenartigste Schmuck für einen Künstler.

Die mandelförmigen, träumerischen Augen der schönen Griechin brennen immer heisser in den seinen. Sie macht kaum noch ein Hehl daraus, dass Joël Eikhoff das einzige Wesen im weiten Weltraume ist, welches sie interessiert.

Wer aber hätte an dem heutigen Abend anders empfunden?

Wohin der gefeierte Mann blickt, grüsst ihn die Bewunderung und Begeisterung aus jedem Auge, und dennoch kehrt sein Blick stets zu dem einen Antlitz zurück, welches sich mit dem reizenden Schleier des Geheimnisvollen umhüllt. Wie gleichgültig, wie teilnahmlos sitzt Erika an seiner Seite!

Das thörichte Ballett, harmlos wie Zuckerwasser und poetisch solide wie eine Kindergeschichte, scheint sie derart zu fesseln, dass sie ganz und gar vergisst, neben wem sie eigentlich sitzt.

Was würden sämtliche anwesende Damen darum gegeben haben, in dieser Stunde neben dem Komponisten der Dorflurle sitzen und zeigen zu dürfen, dass ein verwandtschaftliches, freundschaftliches, oder noch zarteres Band sie aneinander fesselt. Wie leicht hätte die Kleine ein paar Strahlen seiner Ruhmessonne auch auf sich hinüberleiten können, wie leicht die Aufmerksamkeit der Menge auch auf sich lenken, um Zinsen daraus zu schlagen, so dicht am Brennpunkt des allgemeinen Interesses zu stehen!

Aber der Begriff Eitelkeit schien für das harmlose Kind ein völlig unbekannter zu sein und so sehr, wie sonst das Ewig-Weibliche es liebt, sich in gutem Lichte zu präsentieren und vor einer neugierigen Menge alle Mittel spielen zu lassen, so gleichgültig und verständnislos wies Erika jeden Vorteil zurück, sie zerrann wie ein fahler Nebelstreif in dem Strahlenglanz des aufgehenden Ruhmesgestirns eines Joël Eikhoff.

Die Vorstellung näherte sich dem Ende; ein Applaus welcher nur wie ein schwaches Echo des Vorhergegangenen erklang, erstarb schnell in dem lauten Geräusch des allgemeinen Aufbruchs.

Stühle klappten, Stimmen brausten durcheinander, Lachen, Rufen, Schlurren, ein Begrüssen und Lebewohlsagen.

Wieder waren Mutter und Sohn Eikhoff der stürmisch umringte Mittelpunkt einer Menge, welche gar nicht Worte genug finden konnte, ihren Enthusiasmus dem „göttlichen Unsterblichen“ gegenüber auszudrücken. Erika stand weit zur Seite und liess sich von Wigand den Mantel um die Schultern legen.

„Was fehlt dir, Kousinchen? Du siehst so ... so absonderlich aus, als ob die Dorflurle auf dich nicht den Eindruck gemacht hätte, wie auf die Schar jener Sterne dort, welche die Sonne umkreisen! — Gefiel dir die Oper nicht? Auf mich hat die Musik einen schönen, wirklich grossen Zauber ausgeübt!“

Sie nestelte mit bebenden Fingern an dem Mantelhaken, so eifrig, dass sie nicht aufblickte.

„Und der Text?“ fragte sie leise, —„wie gefiel dir der?“

Er zuckte die Achseln. „Das dürfte allerdings Geschmackssache sein. Mir ist es unfasslich, warum die moderne litterarische Kunst sich meist so anstössige Vorwürfe wählt. Man hätte die Dorflurle mit Leichtigkeit zu einer schuldlosen, sehr sympathischen Frauengestalt machen können. Aber diese Verirrung des Dichters darf man doch unmöglich dem Komponisten zum Vorwurf machen!“

„So? — wahrlich nicht?“ Ihre Stimme klang so eigentümlich gedehnt, dass er sie überrascht anblickte.

„Hältst du Joël etwa auch für den Librettisten?“

Sie schüttelte beinahe heftig, mit ironischem Lächeln das Köpfchen. „Nein!“

„Nun, wie wäre er alsdann verantwortlich?“

„Lass uns nachher darüber sprechen.“

„Warum später? Wir stehen hier so isoliert, dass kein Mensch auf uns achtet oder hört.“

„Gut. Denke dir, ich habe die Überzeugung, dass Joël den Text abgeändert hat, dass er den Dichter bestimmte, ein Werk, seinem Geschmack angemessen, in solch schmutzige Tinten zu tauchen.“

„Glaubst du? Das wäre empörend. — Warum taxierst du aber Joëls Geschmack so sehr niedrig? Lag in seiner Musik nicht ein so edler, idealer Zug, dass man kaum an eine realistische Richtung glauben konnte?“

„Nach Joëls eigenem Ausspruch interessiert ihn kein weibliches Wesen, welches als Verkörperung der Tugend erscheint!“

„Und das sagst du?!“ — Heisse Glut stieg in Landens Antlitz, er neigte sich vor, als habe er nicht recht verstanden.

Erika senkte in momentaner Verlegenheit die Augen. „Und warum soll ich es nicht sagen? — Können wir alle uns nicht täglich davon überzeugen? Machte er ein Hehl daraus, dass ihm die Dame in dem griechischen Kostüm, welches du tadeltest, lebhaft interessierte, so lebhaft, dass er ununterbrochen mit ihr kokettierte?“

Momentan schwieg Wigand. Die Freude, welche er soeben empfunden, neigte schon wieder schmerzlich enttäuscht das Haupt.

Eifersucht! — Was er für klaren, ruhigen Scharfblick gehalten, war nichts anderes, als ein Gefühl bitterer, leidenschaftlicher Eifersucht!

Wie war das auch anders möglich! — Welch ein Herz, dessen Liebe einem Joël Eikhoff gehört, konnte an diesem Abend gleichgültig bleiben, wo dem jungen Komponisten nicht nur Lorbeeren, sondern auch ungezählte purpurrote Rosen zu Füssen gelegt wurden?

„Das ist leider die hässliche Angewohnheit und Einbildung von so vielen Künstlern, dass sie in dem frivolen Wahn stehen, nicht nur für eine, sondern für alle leben zu müssen! Die Bräute und Frauen berühmter Männer dürfen nicht eifersüchtig sein, sondern müssen das Herz des Geliebten mit der ganzen Welt teilen. Dafür ist die Ehre und Auszeichnung, unter Tausenden die Erkorene zu sein, der einzige Lohn!“

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