Kitabı oku: «§4253»
Nathalie D. Plume
§4253
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Prolog
1. Rügen, Deutschland
2. Rügen, Deutschland
3. Rügen, Deutschland
4. Rügen, Deutschland
5. Rügen, Deutschland
6. Rügen, Deutschland
7. High York, USA
8. Rügen, Deutschland
9. Greifswald, Deutschland
10. Rügen, Deutschland
11. High York, USA
12. Rügen, Deutschland
13. Irgendwo zwischen Rügen und Berlin, Deutschland
14. Greifswald, Deutschland
15. Rügen, Deutschland
16. Nahe Carson City, USA
17. Berlin, Deutschland
18.
19. Nahe Carson City, USA
20. Irgendwo über dem Nordatlantik
21. High York, USA
22. Trenton, USA
23. High York, USA
24.
25. Berlin, Deutschland
26. Greifswald, Deutschland
27. Nahe Carson City, USA
28. Auf dem Weg nach Columbia City, USA
29. Rügen, Deutschland
30. Nahe Columbia City, USA
31. Nahe Carson City, USA
32. Auf dem Weg nach Omaha, USA
33. Nahe Carson City, USA
34. Auf dem Weg nach Omaha, USA
35. Auf dem Weg nach Evanston, USA
36. Auf dem Weg nach Evanston, USA
37.
38. Salt Lake City, USA
39.
40. Greifswald, Deutschland
Epilog
§ 4253
Danksagung
Impressum neobooks
Vorwort
Nathalie D. Plume
§ 4253
Für Marla
Die Welt ist ein widerstandsfähiger Ort,
ihre Schönheit ist immer noch atemberaubend,
ihre Möglichkeiten immer noch erstaunlich
und im Moment können wir uns
aus dem von uns angerichteten Schlamassel
noch herausziehen.
Salman Rushdie
Jahre können vergangen sein, Monate verstrichen oder auch nur wenige Sekunden an einem vorbeigerannt, doch nun befindet sich die Erde an ihrem Limit. Es wird nicht morgen so weit sein, nicht in einem Jahr und auch nicht jetzt! Vielmehr war der Punkt, den die Erde nun erreicht hat, gestern. Gestern hätten wir etwas tun müssen, nicht erst morgen. Der stetige Fortschritt unserer Rasse fordert nun ihren Tribut. Umweltkatastrophen, Nahrungsmittelknappheit, brennende Wälder, überflutete Dörfer, Seuchen und mehr Smog, als die wenigen unserer Bäume je schlucken können.
Aus Verzweiflung über die immer dramatischer werdenden Veränderungen des Planeten hat die Politik nun zu drastischen Maßnahmen gegriffen. Sie hat verstanden, dass das Einsparen von Plastiktüten im Supermarkt, der Ausbau von Fahrradwegen und geringfügig höhere Steuern nicht ankommen gegen die bereits angerichteten Schäden. So schuf sie einen Paragrafen, der das Leben aller Menschen verändern soll. Einen Paragrafen, der allem zu schnell entwickeltem und nie durchdachtem Fortschritt ein Ende machen soll. Die Folgen: eine Welt ohne Kunststoff, Autos, Flugzeuge, Boote und all den Dingen, die für uns alle schon so normal geworden sind, die unserer Heimat aber Schritt für Schritt weiter den Dolch in die Brust rammen. Eine so drastische Entscheidung hat Folgen für jeden Menschen. Eine Entscheidung, die das Leben vieler auf den Kopf stellt und einiger sogar riskiert. Wie weit darf man gehen, um den Planeten zu retten?
Prolog
Es ist kalt, der Wind regiert das kleine Küstendorf mit eiserner Hand und obwohl die Sonne sich langsam durch den dichten Nebel kämpft, scheint es, als würde sie den Kampf gegen Wind, Wasser und Smog nicht gewinnen können. Das kleine Mädchen, das im Schutz eines Felsvorsprungs im Sand sitzt, hat ihre kleinen Fäuste fest in den Taschen ihres braunen Mantels versenkt und kneift diese so fest zu, als könne sie den tosenden Wind damit ersticken. Die Knie, die sie nach oben an ihre Brust gezogen hat, so dass sie unter dem großen Mantel Schutz finden, schmerzen und obwohl ihr linker Fuß kribbelt und der rechte schon längst eingeschlafen ist, trotz der Nase, die nicht nur mehrfach die Farbe gewechselt hat und nicht mehr länger nur rot, sondern blau wie das Meer ist, trotz alldem starrt das kleine Mädchen an den Strand und auf die dicken Wellen, die sich eine nach der anderen ans Ufer drücken. Sie muss warten, denkt sie, nur noch ein bisschen, dann werden sie kommen, ganz sicher. Sie will dabei sein, wenn ihre kleinen Augen zum ersten Mal das Licht der Welt sehen und sie will dabei sein, wenn sie sich mit ihren winzigen Flossen den Weg durch den nassen, rauen Sand ins sichere Meer bahnen. So sitzt sie da, frierend unter einem Felsvorsprung, darauf wartend, dass sie kommen; und wenn sie den ganzen Tag so ausharren muss, sie würde dort sein und sie sehen, ganz bestimmt.
Was das kleine Mädchen nicht weiß, ist, dass sie an diesem Tag nicht kommen werden, sie werden nicht aus ihren Eiern schlüpfen und zu Hunderten den Weg in ihr Leben antreten, sie werden nicht an diesem Tag schlüpfen und sie werden es auch nicht am nächsten und übernächsten, nicht am Tag danach und dem danach. Doch das weiß das kleine Mädchen nicht, denn sie wird dasitzen und ihre kastanienbraunen Locken werden ihr noch viele weitere Tage um den Kopf wehen, bis sie eine unzähmbare Masse ergeben; sie wird noch an vielen weiteren Tagen ihre Füße nicht spüren und sie wird viele weitere Tage so lange durch ihre tränenden Augen auf den Strand und die Wellen starren, bis sie sich ganz sicher sein kann.
Sie wird warten.
1. Rügen, Deutschland
Die Tür, die eben noch freundlich und einladend weit offen gestanden hat, fliegt mit einem lauten Knall ins Schloss. Die kleinen Fenster, die in der blauen Tür eingelassen sind, zerbersten, fast so, als wollten sie sich mit dem Mann, der nun hinter der Tür verschwunden ist, solidarisch zeigen. Dieser Mann steht nun, da sich die erste Aufregung und Wut gelegt hat, allein in dem kleinen Raum, der sich jetzt hinter der Tür verbirgt. Er steht nur da, die breiten Schultern heben und senken sich schnell und seine Fingernägel bohren sich, in den geballten Fäusten versteckt, in die Haut. Seine Füße stehen fest am Boden, jedoch bereit sich sofort und blitzschnell vom Boden abzustoßen und ohne Vorwarnung loszurennen und niemals stehen zu bleiben. Seine Augen wandern immer noch zu Schlitzen geformt durch den kleinen Raum. Das Erste, was sie sehen, ist der kleine Tisch, der nach dem Betreten gleich links neben der Tür steht. Voll mit Unterlagen, Bauzeichnungen, Rechnungen und Reklamationen, alle kreuz und quer über ihn verteilt, still darauf wartend, einer nach dem anderen bearbeitet und abgeheftet zu werden. Zwischen ihnen der alte Computerbildschirm, den seine Tochter immer als so wahnsinnig altmodisch beschreibt, und daneben die winzige Schreibtischlampe, die mit ihrem Kopf aus den Papieren hervorschaut, deren Hals und Sockel aber nur höchst selten mal zu sehen sind. Der alte verzierte Bilderrahmen, der sonst immer vor dem Bildschirm und neben dem kleinen gläsernen Okapi gestanden hat, ist durch die Erschütterung der Tür umgekippt und verbirgt nun die einst so glückliche Familie unter sich. Die Frau, die den kleinen Jungen auf dem Arm trägt, und das Mädchen, das mit rollenden Augen zu ihrem Bruder hochblickt und ihn davon abzuhalten versucht, ihre Haare in seinem Mund verschwinden zu lassen. Der kleine Junge lächelt dabei so sehr, dass man ihm kaum böse sein kann, und auch die Frau, die ihn trägt, mit den glatten langen Haaren, lacht bis zu ihren Augen herzhaft darüber. Hinter ihnen steht ein Mann, der sich wegen seiner Größe leicht herunterbeugen muss, um auch noch auf dem Foto Platz zu finden; er umgreift seine kleine Familie so fest mit seinen starken, langen Armen, als könnten sie sonst vom Wind fortgetragen werden. Auch er lächelt zufrieden.
Links neben dem Schreibtisch stand der lange Garderobenständer, der unter der Last des Mantels, den er trug, bei jedem Windzug hin- und hergetragen wurde, jetzt liegt er, gerade so, als wollte er die Tür ab heute für immer verschließen, gegen den Türknauf gelehnt. Der schwere Mantel hat sich von ihm gelöst und säumt den Boden. Außer der Palme, die kaum noch ein grünes Blatt trägt, ist da nicht mehr viel, wobei nicht mehr viel nicht der richtige Begriff ist, denn mehr als diese einsamen Möbelstücke hätten in das kleine Büro auch kaum hineingepasst.
Es ist gerade genug Platz für diese paar Dinge gewesen, als er vor zwei Jahren in diesen kleinen Raum gezogen war. Damals war er so stolz, dass er ihm so groß wie ein Apartment vorgekommen war, da wusste er, dass hier seine ganze Welt hineinpassen würde, und er vergaß schnell, dass er für diese Beförderung seine Seele verkauft hatte. Dass er die Zeit zu seiner Familie beschnitten hatte, so stark sie es eben von ihm gefordert hatten und fordern würden. Jetzt kommt es ihm so vor, als würden die grauen Wände des kleinen Raums immer näherkommen, so als wollten sie ihn ersticken und seine schöne Welt, wie den Eiter eines Pickels, einfach aus ihm herausdrücken. Er sieht durch das winzige Fenster, seine Augen wandern über die trockenen Wiesen an den großen Felsen vorbei aufs Meer hinaus und über die großen tosenden Wellen, bis zum Horizont. Sonst ist er immer zum Greifen nah gewesen, an manchen Tagen hatte der Horizont ihn sogar zu sich gerufen, doch heute liegt er so weit weg und ist so still, als wolle auch er zeigen, wie angewidert er von dem heutigen Tag ist.
Langsam und kaum merklich entspannen sich seine breiten Schultern, seine zuvor noch schwere Atmung wird flacher und seine Fäuste lösen sich langsam aus ihrer Erstarrung und formen sich wieder zu großen Händen. Händen, die aussehen, als hätten sie niemals harte Arbeit gescheut. Die dicke Hornhaut schützt sie noch immer vor Schrauben, Bohrern und Metallen, die sich viele Jahre in sie hineingruben, und obwohl sie das schon eine Weile nicht mehr tun, würden die Schwielen, die durch jahrelange Arbeit entstanden sind, niemals mehr verschwinden. Nachdem sich auch die zweite Faust gelöst hat, fällt ein kleiner Papierball zu Boden, der sich zuvor in ihr versteckt hat, so, als fürchte er entdeckt zu werden. Der Mann, der immer noch groß, aber deutlich zusammengesunkener an der gleichen Stelle wie zuvor steht, beugt sich langsam und schwerfällig zu dem Ball hinunter, so, als wollten sich seine Knie weigern ihre Position zu verlassen. Während er sich nach unten beugt, immer darauf bedacht, weder mit seinem Kopf noch mit seinem Hinterteil eines der wenigen Möbelstücke umzustoßen, fällt sein Blick, vorbei an dem zerbrochenen Fenster, auf einen langen Mann, der auf der anderen Seite der nun geschlossenen Tür steht. Mit einer Augenbraue in die Höhe gezogen und den Mund leicht geöffnet, als wolle er gerade einen stummen Schrei herauslassen, schaut er ihm so verwirrt entgegen, als frage er sich, ob das ein sehr wütender Windzug oder doch nur ein Mensch mit der Wut eines Sturms gewesen ist. In einer Hand hält er eine Kaffeetasse, die jetzt, da ihr nicht mehr die volle Aufmerksamkeit geschenkt wird, langsam mit der Öffnung nach unten wandert und ihren Inhalt, nur noch wenige Millimeter vor dem Rand, bereit zum Überschwappen ist. Auf seiner Brust prangt ein Namensschild mit der Aufschrift: F. Mending, zweitbester Mitarbeiter des Monats.
Der Hüne, der endlich den Papierball zu fassen bekommen hat, bahnt sich seinen Weg durch das kleine Büro hin zur blauen Tür, er durchquert sie und bleibt schließlich vor dem, neben ihm, sehr klein wirkenden Mann namens F. Mending stehen. Der Hüne weiß, dass nun die Zeit gekommen ist, in der er die Rolle des Ahnungslosen spielen muss. F. Mending öffnet den Mund, um etwas zu sagen, doch bevor die Worte seinen Mund verlassen können, kommt ihm der Hüne, der sich vor ihm aufgebaut hat, zuvor. „Sie haben uns allen gekündigt“, seinen Kopf lässt er dabei so tief hängen, dass er fast mit dem von F. Mending auf einer Höhe ist, „uns allen, uns wurde allen fristlos gekündigt, es tut mir leid Felix.“ Er drückt ihm den Papierball gegen die Brust und streift dann an ihm vorbei die Treppe hinunter. Es folgt ein Platschen und der Kaffee verteilt sich auf dem Fußboden.
2. Rügen, Deutschland
„Sie haben die Schulbusse für heute abgesagt, komisch, oder?“ Ihre Freundin blickt in die entgegengesetzte Richtung, ohne auch nur den geringsten Laut zu geben. „Evelin! Hallo, hörst du mir überhaupt zu?“ Nichts rührt sich auf der anderen Seite des Tisches. Ein Stuhl wird energisch nach hinten geschoben und nach ein oder zwei Stampfern auf das Linoleum schiebt sich Lila in das Blickfeld ihrer Freundin. „Hallo? Ist da jemand? Oder hast du jetzt beschlossen die Gespräche mit mir vollkommen einzustellen.“ Erschrocken löst sich die Erstarrung, die zuvor noch Evelins ganzen Körper befallen hat. „Ja …, ja …, ja was ist denn?“ Ein genervter Blick und ein Augenrollen folgen. „Der Schulbus, er fährt heute nicht mehr. Der Schulbus, der wird heute nicht mehr nach Hause fahren, er ...“ Evelin sieht an ihrer Freundin vorbei, immer noch nicht auf das Gespräch konzentriert fliegen ihre Gedanken über die toten, braunen Felder, die vor dem Fenster wie Decken über der Landschaft liegen. „Ja! Ich habe es verstanden, du kannst das Megafon jetzt wieder wegpacken, das du in deinem Hals versteckt hast. Danke.“ Evelin erhebt sich schwungvoll von dem beschmierten Tisch, der zuvor noch einen grandiosen Sitzplatz abgegeben hat und wandelt, wie durch einen Tunnel gezogen, durch das Klassenzimmer zum Mülleimer, der am Ende des Raums neben der Tür steht. Vorsichtig lässt sie ein kleines Stück Papier in den Treteimer fallen, möglichst unbedacht, so leise, dass es keinem auffällt. Den ganzen Morgen hat es in ihrer Hand geruht, ist ganz aufgeweicht durch die Wärme ihrer Finger und überzogen von tausend Knicken und der Überlegung, was aus dem kleinen Papier mit Silberfolie werden soll. Ob es die richtige Entscheidung gewesen ist, es zu behalten und ihm so seinen Zweck zu rauben, konnte, nachdem es von dem schwarzen Eimer verschluckt worden ist, nicht mehr ermittelt werden. Fast erlöst von der Last des Papiers schlendert sie durch das Klassenzimmer, vorbei an den Kiffern, die sich immer in der letzten Reihe niederlassen, als würden sie wirklich denken, dass man den Geruch nicht bis vor zur Tafel riechen könnte. Vorbei an der dicken Lucy, die ein zu großes Hobby im Testen von Schokoladenriegeln gefunden hat und eine Kunst darin sieht, die Dutzenden Verpackungen unbemerkt neben den Tisch fallen zu lassen. Auch die anderen Mitschüler sind Evelins Ansicht nach totaler Durchschnitt. Da ist der lange Junge, aus der zweiten Reihe, der im Sportunterricht immer wie eine Spinne zwischen den Geräten hängt und sich mit seinen langen Beinen und den mageren Armen von einem Bock zum nächsten zieht. Die coolen Jungs und Mädchen aus der vierten Reihe, die zu cool sind, um freundlich zu sein und nur verzweifelt versuchen ihre Unsicherheit und das fehlende Selbstvertrauen zu verbergen, und natürlich die netten Mädchen und Jungs, die als Pendant zu den coolen zwar nicht hübsch oder hip sind, aber bereits erwachsen genug, um zu verstehen, dass es darauf nicht ankommt.
Als Evelin an der dritten Reihe ankommt, streicht sie im Vorbeigehen sanft über den Tisch, an dem normalerweise der nette Hawaiianer sitzt und zu ihr hinüberblinzelt. Der Junge, der seinen Platz heute frei lässt, ist bestimmt nicht der Schwarm der Schule, dafür ist er viel zu pfiffig. Er ist nicht cool oder angesagt, aber trotzdem scheint jeder seine freundliche Art und Hilfsbereitschaft zu genießen und wie eine negative Masse füllt er die Leere in jemandem aus, ohne sich selbst daraus einen Vorteil zu verschaffen. Langsam zieht das junge Mädchen die Finger über die zerkratzte Tischplatte und es kribbelt leicht an der Stelle der Hand, an der zuvor das kleine Stück Papier geruht hat. „Weißt du, wie wir jetzt nach Hause kommen sollen? Mein Vater kann uns diesmal nicht abholen.“ Der hübsche Kopf ihrer Freundin schiebt sich unangekündigt zwischen den Tisch und sie. Evelin zuckt zusammen, stößt sich von dem Tisch weg und läuft zurück zu ihrem Platz, ohne ihrer Freundin eine Antwort zu geben. „Du bist heute schon ein bisschen abwesend. Ist alles okay bei dir?“ Evelin reißt sich von ihren Gedanken los, die sie festzerren und fortragen wollen, und betrachtet statt der Felder vor dem Fenster ihre Freundin. Lila ist schon seit der ersten Klasse ihre beste Freundin, damals hatte Evelin gewusst, dass Lila mit ihrem violetten Schulranzen und dem lila Kleid eine grandiose Leidensgenossin für alle dreizehn Schuljahre abgeben würde. „So viel Lila“, hatte sie damals bei der Einschulung zu ihr gesagt und Lila hatte ihre Schultüte mit dem großen lilafarbenen Delfin beiseitegeschoben, so dass sie die damals noch sehr kleine Evelin auch sehen konnte, und entgegnete. „Ja, Papa meinte, so können sich die Leute meinen Namen besser merken.“ Von da an taten sie alles zusammen, was man zusammen machen kann. Sie aßen Eiscreme in der Eisdiele, in der es auch lila Eiscreme gibt, sie schauten sich, als sie älter wurden, Schnulzen im Fernsehen an, sie schlichen sich im Kino in Horrorfilme, nur um anschließend darauf zu bestehen, tagelang im Bett ihrer Eltern schlafen zu können, ganz ohne Grund versteht sich, und sie beschmierten die Hauswand von Lilas rassistischem Nachbarn, der ihre Familie immer so wüst beschimpfte und einmal sogar ihren Briefkasten mit schwarzer Farbe übermalt hatte, weil er meinte, dass diese Farbe deutlich besser zu ihnen passen würde als Sonnenblumengelb. Die Polizei fuhr noch wochenlang Streife durch das Wohngebiet, nachdem die beiden sich an der Hauswand ihres Nachbarn gebührend gerächt hatten. Wer die schicke weiße Wand, die zur Straße hinzeigte, mit lila Farbe überstrichen hatte, fanden sie jedoch nie heraus.
Nun sind die beiden in der elften Klasse des Gymnasiums und haben ganz sicher schon alles zusammen durchgemacht, was man mit siebzehn durchmachen kann. So dachten sie zumindest noch einen Tag lang, bevor sich alles ändern würde. Evelin würde sich noch oft wünschen zu diesem, damals so unbedeutend wirkenden, Tag zurückzugehen und die Unbedeutsamkeit ihres Lebens zu genießen.
„Mein Vater kommt heute Abend wie immer erst spät von der Arbeit, irgendein Notfall in der Firma und Mama ist doch mit meinem Bruder zu Oma gefahren, damit er die Kälbchen sehen kann.“ Lilas Ausdruck bessert sich ein wenig, nun da Evelin offensichtlich ihre Sprache wiedergefunden hat. „Glaubst du, dass wir mit einem der anderen mitfahren können?“ Evelin zuckt gleichgültig mit den Schultern. „Prinzipiell schon, aber wir müssen noch die Käfige der Kleintier AG sauber machen, wegen der Sache mit dem Schwänzen.“ Ein Blick nach oben und Lila schlägt sich mit der Hand gegen die Stirn. „Ah, stimmt, die Kaninchen. Verdammt! Aber wie kommen wir dann nach Hause? Oh Mann, Evelin, ich will nicht laufen.“ Evelin nickt Lila noch ihre Zustimmung entgegen, bevor die Schulglocke klingelt und pünktlich auf den Schlag ihr Mathelehrer über die Schwelle schwebt und die Klasse verstummen lässt.
3. Rügen, Deutschland
Langsam und mit zittrigen Fingern entfaltet Felix den kleinen Papierball, der schwer wie Blei in seiner Hand liegt. Er macht es sorgfältig und langsam, darauf bedacht das kleine Papier nicht zu zerreißen. Es ist schwierig, weil seine Finger sich anfühlen, als hätte man Drähte in sie gebohrt, so schwerfällig bewegen sie sich. Allmählich kommt der Briefkopf zum Vorschein und dann folgt, immer schneller, der Rest der DIN-A4-Seite.
Sehr geehrte Damen und Herren des Autokonzerns Dukjon,
dies ist ein Rundbrief, der an alle Mitarbeiter und an die gesamte Führungsriege geschickt wird. Dieser Brief muss an alle Mitarbeiter weitergeleitet werden. Sollte Ihnen ein Kollege oder Mitarbeiter einfallen, der diesen Brief auf Grund von zum Beispiel Krankheit oder einer Geschäftsreise nicht bekommen kann, muss dieser umgehend an diesen weitergeleitet werden. Die folgenden Zeilen treffen umgehend ein und sind durch den neu zugelassenen § 4253 Absatz 1, der besagt, dass Verkehrsmittelkonzerne, die in jeglicher Weise schädliche Gase und/oder in der Natur nicht innerhalb von fünfzig Jahren abbaubare Teile enthalten und verbauen (hierbei ausgenommen sind wiederverwendbare Rohstoffe wie Metalle, Glas etc.), sofort und ohne Weiteres ihre Produktion einstellen müssen.
Da unser Konzern in den Verkehrsmittelbereich fällt und wir ebenfalls die von § 4253 verbotenen Güter herstellen, müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass unser Konzern Sie nicht mehr weiter anstellen kann und hiermit eine ab heute gültige und fristlose Kündigung ausspricht. Sie haben kein Recht auf Entschädigung, da Dukjon ab dem 03. Mai Insolvenz angemeldet hat. Alle weiteren Unterlagen werden Ihnen im Laufe der nächsten Wochen zukommen. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an die untenstehende Hotline, stellen Sie sich bitte auf einige Stunden Wartezeit ein, damit unsere Mitarbeiter Ihre Fragen auch zufriedenstellend beantworten können.
Mit freundlichen Grüßen
Walter Dukjon
Nachdem er die letzten Zeilen gelesen hat, streicht Felix mit dem Finger über die unten genannte Telefonnummer. Als er die Nummer in den kleinen Bildschirm tippt, schlägt sein Herz bis zum Hals. Jede Zahl, die im Display erscheint, klingt wie ein Schrei in seinen Ohren. Mit starrem Blick zieht er das bebende Telefon zum Ohr, als es gegen seine drahtigen Haare kommt, raschelt es drohend, so, als wollten sie ihn warnen, dass manche Wahrheiten besser nie an Licht kommen sollten. Ein Tuten, dann meldet sich eine piepsige Frauenstimme. „Willkommen im Servicecenter von Dukjon, wenn Sie eine Reklamation melden möchten, drücken Sie bitte die Eins, wenn Sie eine Beratung zu einem unserer Produkte möchten, drücken Sie bitte die zwei, wenn Sie Mitarbeiter unseres Konzerns sind, dann drücken Sie bitte die Drei.“ Vorsichtig wandert Felix’ Finger zu der kleinen Drei, die hinten auf dem kleinen Gerät in seiner Hand ist. Wieder ein Tuten, die piepsige Frauenstimme erklingt erneut. „Vielen Dank, dass Sie sich bei uns gemeldet haben, leider sind bereits alle verfügbaren Mitarbeiter im Gespräch, wenn Sie die Wartezeit von“, eine Computerstimme ertönt, „32 Stunden“, wieder die Frauenstimme, „nicht in Kauf nehmen wollen, dann rufen Sie doch gerne zu einem späteren Zeitpunkt wieder an, wir helfen gerne.“ Wie erstarrt lässt Felix den Hörer sinken. Es dauert einen Moment, bis er realisiert, was da gerade passiert ist. Im Umdrehen gleitet ihm der Hörer aus der Hand und landet mit einem unsanften Klirren auf den Fliesen, doch davon bekommt er nichts mehr mit, er wandelt die Treppen hinunter, ohne sie wirklich zu registrieren, denn diese Treppen würde er auch mit verbundenen Augen hinunterlaufen können. Wie oft war er sie schon rauf- und runtergegangen, mal mit einem guten, mal mit einem schlechten Gefühl. Seit Herr Bikkens, sein alter Chef, versetzt worden war und sein Arbeitskollege und Freund die Stelle übernommen hat, geht er sie mit sehr viel weniger Unwohlsein nach oben. Er mochte Herr Bikkens nicht und er ihn bestimmt auch nicht, da ist er sich ganz sicher. Zwar wunderte es Felix damals, dass sein Chef versetzt worden war, weil er trotz alledem einen guten Job machte, aber seit vor zwei Jahren Paul den Posten als Werksleiter übernahm, sind die Dinge sehr viel entspannter geworden. Viele hatten endlich die lang ersehnte Gehaltserhöhung bekommen und neben dem Mitarbeiter des Monats gibt es jetzt auch den zweit- und drittbesten Mitarbeiter des Monats. Nicht dass so eine Kleinigkeit einen Unterschied macht, viele sagen sogar, dass es den Stellenwert des besten Mitarbeiters verringern würde, aber Felix, der zweitbeste Mitarbeiter des Monats, trägt diese Ehre mit Stolz.
Der Bodenbelag wandelt sich von Fliese in Beton und ohne einen Blick nach unten zu wagen, erkennt er, dass das Ende der Treppe erreicht ist. Jetzt, wo er in der großen Halle steht und die Geräusche der riesigen Maschinen, das Surren der Bohrmaschinen und Schrauber, das zischelnde, fast merkwürdige, Geräusch der Lackierer und das Klappern der kleinen Hilfsroboter hört, die eifrig von einem Teil der Halle in die nächste fahren, um Schrauben, Bolzen und hie und da mal eine Wasserflasche zu holen, löst er sich langsam aus der Trance, die ihn seit dem Scheppern der Tür befallen hat. Endlich schalten sich auch seine Augen zurück in Betriebsbereitschaft, sein Kopf wandert nach oben und er sieht hoch zu den weit oben gelegenen Schrägfenstern, die je nach Tageszeit einen Sonnenstrahl hereinlassen oder im Sommer, wenn wieder einmal die Klimaanlage versagt, einen kühlenden Luftzug nach unten und über die Schienen und Tische hinweg zu den Arbeitern bringen. Er zieht einen kräftigen Zug der Luft in seine Lungen, fast so, als könnte er den Luftzug wirklich spüren, doch anstatt die von ihm erhoffte kühle Luft folgt nur der chemische Geruch der Lackierer und der dicken Gummireifen. Hustend und verzweifelt versuchend die dicke Luft aus seinen Lungen zu drücken, macht er einen Schritt nach vorne, nur um in letzter Sekunde einem wie wild hupenden Gabelstapler auszuweichen, der wenige Meter weiter strauchelnd zu stehen kommt. Der Fahrer beugt sich wütend aus dem Fenster und pöbelt Felix etwas Unverständliches zu, was wie „Pass doch auf du herumwatschelnder Vollidiot!“ klingt, dann steigt er wieder in die große Maschine und braust davon. Seltsam, wie normal sich alle verhalten, denkt Felix, als er sich die schmerzende Seite reibt. Während er gerade beginnt weiter die Halle zu durchqueren, rollt ihm einer der kleinen Hilfsroboter klappernd hinterher. Felix stoppt und dreht sich zu ihm um, doch leider begreift der kleine Kerl das zu spät und rammt unsanft gegen Felix’ Bein. „Oh, entschuldigen Sie mich Herr Felix Mending, so etwas kann bestimmt nicht meine Absicht gewesen sein. Ich wollte Herrn Felix Mending nur fragen, ob er den Gabelstaplerfahrer mit der Kennnummer 4839, aufgrund der Verletzung seiner Würde, gerne melden möchte.“ Auf dem kleinen Display, das er im Greifer träft, erscheint ein dickes rotes Fragezeichen, das im Sekundentakt seine Größe ändert und so von sehr klein zu sehr groß und wieder zurückspringt. Felix starrt wie hypnotisiert auf das Fragezeichen und lässt sich in seinen Bann ziehen. Wieder meldet sich der Roboter zu Wort. „Wenn Herr Felix Mending eine Empfehlung von mir möchte, ist das auch gerne möglich.“ Nun schüttelt Felix den Kopf, halb um sich von dem immer noch auf seiner Netzhaut tanzenden Fragezeichen zu lösen, halb um dem Roboter zu signalisieren, dass er auf gar keinen Fall eine Beratung von einem Hilfsroboter möchte. „Nein, nein ich möchte niemanden melden und auch keine Beratungen, jetzt belästige mich nicht mehr weiter.“ Nachdem der kleine Roboter sich gedreht hat und klappernd davonrollt, fühlt sich Felix nur noch schlechter den kleinen Kerl so wüst davongeschickt zu haben. Eilig bewegt er sich weiter, ohne ihm hinterher zu blicken. Wenn er wüsste, dass das einer seiner letzten Hilfsfahrten sein sollte, dann würde er bestimmt nicht so eilig ans andere Ende der Halle klappern. Felix versucht diesen Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen, der ihn wie ein Stein immer weiter nach unten zieht und wie tonnenschwere Gewichte an seinen Beinen klebt. So würde es nicht sein, so nicht, das konnte es nicht wirklich gewesen sein.
Als er endlich das andere Ende der Halle erreicht hat und über die, meist offene, Laderampe nach draußen klettert, entdeckt er seinen Freund nur wenige Meter weiter auf dem kleinen Grasstück, das vor der Dürre einmal mit gelben Butterblumen und saftig grünen Grashalmen übersät gewesen war. Beim Überqueren der gelben Wiese knistert das Stroh unter seinen Schuhen.
Bevor Paul seinen Freund sehen kann, hört er ihn bereits. Sein unverkennbarer Gang kann von keinem Menschen der Welt imitiert werden. Während er das Gras überquert, sieht Paul ihn vor seinem inneren Auge, die dunkle Haut, seine langen Arme und Beine, der schlaksige Oberkörper, seine zwar kurzen, aber wüsten Haare verteilen sich wild und vollkommen unkontrollierbar über seinem Kopf und die perfekt geschnittenen Ränder rahmen die hohe Stirn ein. Die große Nase und die dazu passenden vollen Lippen, die sich sehr schnell und oft beiseiteschieben, um den Zähnen Platz zu machen. Überhaupt lacht Felix wahnsinnig oft und gerne herzhaft über viele Dinge, die anderen wohl immer ein Rätsel bleiben, für die, die sich auf sein Lachen einlassen, aber eine ganz neue und viel weniger ernste Welt bieten. Paul denkt oft, wenn Felix wieder einmal mit seinen leicht watschelnd wirkenden Schritten auf ihn zukommt, dass er mit einer Trompete und einer Schlaghose bewaffnet jeden Jazzclub für sich gewinnen würde. Bei dem Gedanken daran muss Paul grinsen und Felix, der nun endlich seinen großen Freund eingeholt hat, blickt ihm zum zweiten Mal an diesem Tag verwirrt entgegen. „Findest du nicht, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist, kichernd auf einer Wiese zu stehen?“ Paul kichert noch mehr. „Findest du nicht, dass dir Schlaghosen ausgesprochen gut stehen würden?“ Das breite, neckische Grinsen kennt Felix nur zu gut und spöttisch erwidert er: „Wenn du schon wieder den Jazzclub-Gedanken im Kopf hast, muss ich dir leider mitteilen, dass das eine im höchsten Maße rassistische Äußerung ist, die ich umgehend melden werde. Außerdem spielen auch weiße Menschen Trompete und tragen Schlaghosen.“ Paul hält sich gespielt seine Hand vor den Mund. „Okay, dann lass dich mal zu diesem Thema ausgiebig beraten und teile mir dann mit, was dir empfohlen wurde.“ Die beiden sehen sich an und fast gleichzeitig fangen sie an laut zu prusten.
Etwas später, als sich die heitere Stimmung wieder gelegt hat und die Realität wie ein Schlag ins Gesicht zurückkehrt, fällt ein tiefer Schatten auf Pauls Gesicht und auch Felix’ herzhaftes Lachen erstickt. „Ist es wahr Paul? Hat die Regierung es wirklich getan? Haben sie den Autobau verboten? Das können sie doch nicht Paul, oder? Ich meine, die gesamte Wirtschaft und die ganzen Arbeitsplätze? Was soll denn jetzt aus uns werden?“ Die Besorgnis, die sich auf Pauls Gesicht breitmacht, spricht Bände und die einzige Antwort, die er Felix an diesem Tag noch gibt, bevor sein Blick wieder am Horizont festhält, schießt Felix so in die Knochen, dass er sich auf das trockene Gras fallen lässt und sich wünscht es nie mehr verlassen zu müssen. „Nein Felix, sie haben nicht verboten, dass Autos gebaut werden dürfen, sie haben den gesamten Beförderungsmittelbau verboten. Das heißt, es werden keine Containerschiffe, keine Flugzeuge, keine Kranken- oder Polizeiwagen und keine Elektroautos oder Hubschrauber mehr gebaut. Die gesamte Verkehrsmittelproduktion wurde gerade verboten und wir können vorerst nichts tun, um dies zu verhindern.“
4. Rügen, Deutschland
Die Tierkäfige, mit den zahlreichen Käfern und Reptilien, die seit diesem Jahr als neues Highlight auch Kaninchen beherbergen, befinden sich im Biologieflügel, neben der Eingangshalle. Beim Durchqueren der kleinen Halle steigt Evelin der Geruch von Nudeleintöpfen und Kartoffelsalaten in die Nase. Von dem Geruch magisch angezogen, wandert ihre Nase in Richtung der Mensa. Ihr Magen, der zu diesem Zeitpunkt, laut eigenem Ermessen, deutlich zu wenig Nahrung bekommen hat, erinnert sie unsanft an das geballte Loch, das nun in ihm klafft. Evelin, die mit einer Hand die Tür zum Biologieflügel aufzieht, um ihrer Freundin und ihr Eintritt zu gewähren, streicht mit der freien Hand besänftigend über ihren Bauch und versucht den immer noch laut knurrenden Magen erneut zum Schweigen zu bringen. So richtig zu gelingen scheint ihr das jedoch nicht, denn nur wenige Sekunden später reicht ihr Lila wortlos einen Müsliriegel mit der Aufschrift „Sie werden Ihr lila Wunder erleben.“ Sie wirft ihrer Freundin ein gequältes Lächeln entgegen und schält den mit lila Glasur überzogenen Riegel aus seiner Verpackung. „Willst du auch was?“, fragt sie schmatzend ihre Freundin, die sich gerade daranmacht, die Tür zu den Käfigen aufzuschließen. Dankend winkt Lila ab und der restliche Riegel verschwindet in Evelins Mund. „Kann ich mal dein Handy haben?“ Evelin nickt und reicht Lila den kleinen stromlinienförmigen Gegenstand. Lila lässt ihn in ihre Hand gleiten und tippt mit einer Hand und flinken Fingern ihre Nachricht in das Gerät. „Ich wollte meinem Vater nur kurz schreiben, dass wir nach Hause laufen müssen, er sich also keine Sorgen macht, wenn ich später komme. Im Übrigen hast du zwölf neue Nachrichten von Kaleo. Keine Ahnung, was da zwischen euch gelaufen ist, aber er scheint dich sehr dringend sprechen zu wollen.“ Lila beugt sich zu Evelin hinüber, deren Gesicht errötet. Schnell packt sie das Gerät und dreht sich zu einem der Terrarien um, um den neugierigen Augen ihrer Freundin zu entgehen. Vorsichtig betrachtet sie das Gerät, als würde es nicht ihr gehören, das kleine Display, das sich oberhalb der Ellipse in einem Bogen erstreckt, und das darunterliegende Glasfeld, das die Sicht auf die darunterliegenden Zahlenblöcke ermöglicht. Das Handy schmiegt sich perfekt ergonomisch in ihre Handfläche. Eine Erinnerung schiebt sich in ihren Kopf, die sie immer noch schmunzeln lässt. Sie erinnert sich nur noch vage an den Tag, als das damals neuartige Gerät auf den Markt kam. Sie muss so um die vier Jahre alt gewesen sein, weswegen die Erinnerung nur verschwommen vor ihr liegt. An eine Sache erinnert sie sich aber so glasklar, als wäre es gerade gestern gewesen. Damals war sie mit ihrem Vater in das einzige Technikgeschäft der Stadt gefahren, um das neuartige Handy in Augenschein zu nehmen, das so eine Sensation in den Medien ausgelöst hatte. Sie würde das laute Lachen nie vergessen, als ihr Vater den stromlinienförmigen Gegenstand zum ersten Mal in den riesigen Händen hielt und mit konzentriertem Blick versuchte seine Telefonnummer in den auf der Unterseite liegenden Ziffernblock einzutippen, ohne das Gerät dabei aus der Hand gleiten zu lassen. „Ein Handy, das nur mit einer Hand zu bedienen ist und Ihnen dank ergonomischer Form eine mühelose Bedienung ermöglicht. Durch die kleine Kugel an der Vorderseite wird Ihnen die Bedienung auf dem Display noch leichter fallen, als Sie das von handelsüblichen Geräten kennen, außerdem verteilen sich die fünf Finger Ihrer Hand optimal über das Gerät.“ Nachdem der Verkäufer seinen anwerbenden Spruch heruntergerasselt hatte und dabei in seinem Gesicht eine solche Begeisterung ausstrahlte, als hinge sein Leben davon ab, versuchte er die riesigen Finger ihres Vaters so auf dem Gerät zu verteilen, dass er die mühelose Bedienung auch verstand. Während Evelins Vater nun mit dem Daumen an der kleinen Kugel spielte, balancierten seine restlichen vier Finger das Gerät und tippten hie und da mal eine Zahlenfolge in den Ziffernblock. Die Konzentration trieb ihm dabei den Schweiß auf die Stirn.
Beim Verlassen des Ladens musste Evelins Vater immer noch herzhaft darüber lachen und erst am Auto angekommen hatte er sich wieder so weit unter Kontrolle, dass er Evelin beim Öffnen der Autotür noch seine Meinung mitteilen konnte. „Dieser Unsinn wird niemals Erfolg haben“, war das Einzige, was er noch herausbrachte, bevor er sich wieder vor Lachen krümmte.
Dass nun in der Gegenwart quasi jeder eines dieser Geräte besitzt und dem damals noch einfachen Kunststoff Geräte aus Glas, Metall und Holz folgten, konnte Evelins Vater ja wirklich nicht ahnen. Selbst das Problem der Größe hatte sich ein Jahr später bereits gelöst, da mit der neuen Generation auch mehrere Größen auf den Markt kamen. Evelins Vater verweigerte dennoch jegliche Nutzung und behielt sein altes, viel zu großes, flaches Smartphone bis heute. Noch jetzt ist sich Evelin sicher, dass die Abneigung ihres Vaters gegen alles Neuartige an diesem Tag geboren wurde.
Evelins Finger gleiten sanft über die kleine Kugel und schieben dabei eine Nachricht nach der anderen über das Display. „Wo bist du?“, „Ist was passiert?“, „Soll ich vielleicht schon mal reingehen?“, „Bin jetzt reingegangen, schalte mein Handy aber nicht aus“, „Der Film ist blöd ohne dich“, „Mache mir langsam Sorgen“, „Ist dein Akku leer?“, „Der Film ist jetzt rum“, „Soll ich vor dem Kino warten?“, „Fahre jetzt nach Hause, bitte melde dich“, „Bin zu Hause angekommen, keine Ahnung, was mit dir los ist Evelin, ich hoffe du hast eine gute Erklärung dafür“, „Bitte melde dich bei mir, wenn du diese Nachrichten liest!“ Evelins Herz pocht so heftig, als wolle es ihren Brustkorb verlassen und sich nun in ihrem Hals ein neues Zuhause suchen. Sie wollte diese Nachrichten bewusst ungelesen lassen, aber nun, da sie durch Lila entdeckt wurden, scheinen sie bereits offenbart zu sein.
Nachdem auch die letzte Nachricht vom Display verschwunden ist, schallen die gelesenen Worte in ihrem Kopf wieder. „Bitte melde dich.“ Immer wieder schieben sich die Sätze vor ihre Augen und auch durch heftiges Blinzeln lassen sie sich nicht aus ihren Gedanken verbannen. „Bitte melde dich.“ „Ist dir aufgefallen, dass Kaleo heute gar nicht in der Schule war?“ Die Frage ihrer Freundin lässt Evelin so heftig zusammenfahren, als hätte ihr jemand einen Dolch von hinten zwischen die Schulterblätter gerammt, dabei rutscht ihr das Handy aus der Hand. Als das kleine Gerät auf dem Fliesenboden aufprallt und unter einem der Käfige zum Liegen kommt, meldet sich eine stockende Stimme zu Wort. „Nachrichten gelöscht.“ Evelin, die sich hinter ihrem Handy her greifend mit zu Boden geworfen hat, starrt mit entsetztem Gesicht auf das Display, das jetzt nur noch „Keine neuen Nachrichten“ anzeigt.
„Evelin, ist wirklich alles okay?“ Verwundert streicht Lila ihrer Freundin über den Rücken, nachdem diese sich auf einem der viel zu kleinen Stühle niedergelassen hat, die den Raum füllen. „Ehrlich Evelin, du erzählst mir doch sonst auch immer, was los ist, und jetzt sag mir bitte nicht wieder, dass nichts ist, das kannst du vielleicht den Käfern da erzählen, aber nicht deiner besten Freundin.“ Lila schaut tief in Evelins braune Augen. Evelin versucht Lilas Blick auszuweichen, den Tränen zu entgehen, die sich wie wütende Demonstranten gegen ihre Lider drücken und sich den Weg in die Freiheit erkämpfen wollen. Doch Lilas Blick ist so eindringlich, so besorgt und aufmunternd, dass sie ihre Tränen nicht mehr länger halten kann. Dick laufen sie ihr übers Gesicht und sammeln sich unterm Kinn zu einem großen Tropfen, der erst wild schwankt und dann hinunterfällt. „Ich will im Moment nicht darüber reden, aber das hat nichts mit dir zu tun, wirklich nicht.“ Evelin wischt sich mit dem Handrücken die Tränen vom Gesicht. Auf Lilas Antlitz zeichnet sich ein Lächeln ab, langsam zieht sie ein kleines stark in Mitleidenschaft gezogenes Papier aus der Tasche ihrer lilafarbenen Jeans und hält es Evelin vor die verquollenen Augen. „Es geht um das hier, stimmt’s?“ Evelin hört auf zu weinen und zieht Lila das Papier aus der Hand. Traurig hält sie das aufgeweichte Kinoticket in den Händen, das ihre Freundin aus dem Treteimer rettete. Lila redet weiter. „Du wolltest da mit Kaleo hingehen, oder?“ Evelin nickt schniefend. Lila hebt eines der Kaninchen aus seinem Käfig und setzt es Evelin auf den Schoß. „Und, warum bist du nicht hingegangen? Hat Kaleo etwas falsch gemacht? Habt ihr euch gestritten?“ Evelin krault den weißen Nager hinter den langen Ohren. „Es geht gar nicht um Kaleo. Es ist nur ...“ Evelin verstummt und wird wieder nachdenklich. Lila kniet sich neben sie. „Was ist nur?“ Evelin atmet tief ein. „Der Film ist es. Papa hat mir immer gesagt, dass wir da zusammen hingehen würden. Er hat aber nie Zeit, nicht mal mehr am Wochenende. Also hat Kaleo mich gefragt, ob wir hingehen. Ich habe ja gesagt, aber nur weil ich gehofft habe, dass es meinen Vater stören würde. Es war ihm aber egal, er meinte, er hätte zu viel mit einem seiner Projekte zu tun. Gestern lief der Film das letzte Mal, aber irgendwie konnte ich nicht gehen. Jetzt fühle ich mich furchtbar, weil ich Kaleo versetzt habe, der jetzt bestimmt denkt, dass er etwas falsch gemacht hat.“ Lila bläst die Wangen auf. „Und warum sagst du Kaleo nicht einfach, warum du nicht gehen konntest? Er würde es sicher verstehen.“ Evelin schüttelt müde den Kopf. „Seine Eltern sind so weit weg und mein Vater ist hier. Er würde es nicht verstehen.“ Lila legt ihrer Freundin den Kopf aufs Knie und zeichnet Kreise ins Fell des Kaninchens. „Ich glaube, dass Kaleo alles versteht, wenn es um dich geht. Ihr sprecht dieselbe Sprache, ohne den Mund zu öffnen.“
Zwei Stunden später stehen Evelin und Lila vor dem Haupteingang der Schule. Erschöpft betrachten sie den leeren Schulparkplatz. Kein Bus, kein Auto, kein Lehrer oder Schüler weit und breit. Nur die trockene Hitze, die Umrisse ihrer Schatten und die sehr lange, sehr gerade Straße, die sich zwischen den Feldern wie ein Pfeil entlangzieht. Leichter Dunst liegt in der Luft, die Überbleibsel von Smog, dem feinen Staub der Felder und Insekten, die zu Tausenden durch die Luft surren, zirpen und brummen.
Der Weg nach Hause ist lang, da das kleine Dorf, in dem Evelin und Lila schon seit ihrer Geburt leben, keine eigene Gesamtschule, sondern nur eine kleine Grundschule mit integriertem Kindergarten hat, müssen sie in der vierzehn Kilometer entfernten Stadt zur Schule gehen. Der heutige Tag ist heiß und trotz der späten Uhrzeit brennt die Sonne unbarmherzig auf die beiden herunter und lässt den Sommer wie Flammenwerfer über ihre Köpfe tanzen. Evelin läuft der Schweiß über die Stirn, ihr Gesicht ist starr nach unten gerichtet, um sich vor dem grellen Licht der Sonne zu schützen, nur ab und an, wenn ein kahler Baum den Weg streift und ein wenig schützenden Schatten bietet, lässt sie ihren Blick über die auf der Straße tanzende Hitze und die Weiten der einst so saftig grünen Wiesen fahren. Sie betrachtet die Zäune, die damals Dutzende von Schafen und Kühen beherbergten und heute nur noch vereinzelte Pfosten oder heruntergedrückte Drähte sind. Manchmal, wenn sie der Weg runter von der Straße und an der Steilküste entlangführt, sie den Wellen zusehen kann, wie sie mit lautem Tosen gegen die Steinwand schlagen, dann meint Evelin sogar riechen zu können, wie es damals gerochen hat. Sie meint zu riechen, wie die Bauern ihre Ernte von den vielen Feldern holten oder die Äpfel und Birnen in ihre Anhänger verluden, um sie an jedem Dienstag in der Stadt und jeden Montag auf dem Dorfmarkt zu verkaufen. Heute haben sich viele der Bauern weiter im Landesinneren angesiedelt, weil die Luft dort feuchter und die Felder deutlich fruchtbarer als an der Küste sind und die Bäume ihre Blätter und Wurzeln noch so dicht tragen, dass Mais und Korn durch ihre Größe vor den Unwettern und Stürmen schützt, die sich regelmäßig über die Insel schlagen. Da die meisten Bauern aber nicht aus ihren Dörfern fortziehen möchten, in denen die meisten schon seit Generationen leben, nehmen sie die zum Teil dreimal so langen Stecken in Kauf, die sie mit ihren Traktoren zurücklegen müssen, um ihre neuen Felder bewirtschaften zu können.
Lila steht die Hitze und Anstrengung des Weges und der heißen, fast brennenden Luft ins Gesicht geschrieben, erschöpft bleibt sie immer wieder stehen, um sich mit ihrem T-Shirt den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen. „Wie weit ist es denn in Gottes Namen noch?“, fragt sie mehr in den Himmel als zu Evelin, die die Antwort genauso gut kennt wie ihre Freundin. Der Weg ist noch lang, sie haben gerade einmal den Kilometerstein fünf erreicht, das heißt, dass ein bisschen weniger als die Hälfte noch vor ihnen liegt. „Weißt du was?“, ruft Evelin ihrer Freundin zu, die sich gerade auf einem Stein niedergelassen hat, um den Sand der Dünen aus ihren Schuhen auf die flimmernde Straße zu kippen. „Ich habe eine Idee, hier ganz in der Nähe müsste es gehen.“ Evelin packt ihre Freundin am Handgelenk und zieht sie, vollkommen abrupt und ohne ein weiteres Wort zu sagen, von der asphaltierten Straße hinter sich her ins hohe, trockene Gras. Immer weiter läuft Evelin, und Lila gezwungenermaßen dicht hinter ihr. Dann plötzlich und fast erstarrt bleibt Evelin stehen und bremst ihre Freundin unsanft ab, bevor diese die nun vor ihr aufklaffende Steilküste hinunterfallen kann. Mit einem empörten Aufschrei kippt Lila ins knisternde Gras und bleibt dort schwer atmend liegen. Evelin, die keine Sekunde verlieren zu wollen scheint, greift nach der Hand ihrer Freundin und zieht sie mit den Worten „Vertraust du mir?“ wieder nach oben. Lila hat kaum Zeit sich gegen die energisch an ihr zerrende Freundin zu wehren, als sie schon wieder auf ihren Beinen steht. „Ich hoffe, du hast einen guten Grund mich so zu erschrecken.“ Evelin grinst breit und voller Vorfreude. „Habe ich, Lila, schließ einfach die Augen ganz fest, so stark, dass du Punkte sehen kannst.“ Immer noch unsicher, ob man ihrer Freundin trauen kann, schließt Lila die Augen und tritt noch einen Schritt näher an die Steilwand. „Gleich ist es so weit“, flüstert Evelin ihrer Freundin ins Ohr.
5. Rügen, Deutschland
Um ihn herum ist es still, so still, dass man bestimmt eine Nadel hätte fallen hören können, die auf den grauen Beton der Produktionshalle fällt. Paul hat die Augen geschlossen, ganz fest, so dass er Punkte sehen kann. In seinem Inneren versucht er das Chaos zu beseitigen, das seit dem alles verändernden Vormittag in ihm wütet. Zwischen den Punkten tanzen die Bilder des Tages hin und her, wie in einem dieser Kinderspielzeuge, bei denen man mit dem Auge durch einen Stab schauen muss und mit jedem Drehen ein neues Bild erkennen kann. Genauso bunt und durcheinander tanzen sie. Nur manchmal kann er ein paar dieser Bilder greifen und zu einer klaren Erinnerung formen.
Das Erste, was er zusammensetzen kann, ist ein Moment, der am späten Nachmittag stattgefunden hat. Er war gerade dabei gewesen, nachdem er eine Kapsel in das Kapselfach der Kaffeemaschine geworfen hatte, seine Tasse unter den Automaten zu stellen. Der frische Geruch umgab ihn dabei wie eine Wolke und hüllte ihn in eine beruhigende Stimmung, als der erste Anruf kam. Verständnislos, wer ihn bei seiner ersten Tasse Kaffee störte, drückte er auf den kleinen Hörer, der im Bildschirm seines Handys erschien, und nahm den Anruf entgegen. „Paul Barens, Werksleiter von Dukjon Süd, wie kann ich behilflich sein?“ „Ah, schön dass ich Sie gleich erreiche Paul, hier spricht Marcel Kron, wir haben uns letztes Jahr auf der Weihnachtsfeier kennengelernt, wir sprachen über den Einsatz von Holz im Autobau.“ In Pauls Gedächtnis war kein Marcel Kron aufzufinden, egal wie tief er in seiner Erinnerung wühlte. Merkwürdig, sie müssen sich ja gut verstanden haben, wenn er ihn so ohne weiteres beim Vornamen ansprach, aber nicht gut genug, um sich zu duzen. „Ach ja Marcel, wie geht es Ihnen?“, gaukelte er ihm die Bekanntschaft vor, um das Gespräch voranzubringen und endlich den nun kalt werdenden Kaffee genießen zu können. „Ja, wo Sie fragen Paul, mir geht’s gerade gar nicht so gut, haben Sie schon einmal von § 4253 gehört?“ Klar hatte Paul von diesem seltsamen Paragrafen gehört, eigentlich sogar öfter, als ihm lieb war, viele nannten ihn nur den „unausführbaren Umweltparagrafen“, weil die Regierung angeblich Dinge verbieten will, die der Umwelt schaden. „Ja klar habe ich von diesem Paragrafen gehört, aber mal ehrlich, damit kommen die doch niemals durch, es gibt so viele Parteien und Regierungen auf der Welt, als könnten die sich jemals auf so etwas derart Drastisches einigen wie diesen lächerlichen Paragrafen.“ In der Leitung knackte es laut. „Marcel, sind Sie noch dran.“ Paul nahm den Hörer vom Ohr, um sich zu vergewissern, dass die Leitung noch stand, danach zog er das Gerät wieder ans Ohr. „Ja, ich bin noch dran.“ Es schien, als wäre auf der anderen Seite der Leitung ein Sturm losgebrochen, immer lauter wurden die Rufe und das Poltern im Hintergrund und Marcel Kron, der nun noch leiser sprach, als wollte er nicht, dass jemand mithörte, war kaum noch zu verstehen. „Dieser Paragraf“, wieder ein Poltern, dann kamen nur noch einzelne Sätze, „… durchbekommen …, Absatz …, Zusammenschluss …, das Ende …, Dukjon …, kann nicht …“ Dann war es still und nur noch das Freizeichen war zu hören. Verwirrt über das abrupte Ende des Gesprächs drückte Paul auf die Rückruftaste. Nach kurzem Warten ging sofort der Anrufbeantworter dran. Paul schüttelte den Kopf, er konnte sich auf diesen Anruf einfach keinen Reim machen, er nahm einen großen Schluck aus der in seinen Händen winzig wirkenden Tasse und dann die Treppe, die ihn zu seinem Büro führte.
Der nächste Moment, den Paul in seinem immer noch wild umhertanzenden Gedanken zusammenfassen kann, fand im Büro statt. Auf dem kleinen Computerbildschirm erschien in der unteren rechten Ecke ein Hinweis, dass in Kürze ein Fax zu ihm durchgestellt werden würde. Genervt rollte Paul mit den Augen. „Wer in Gottes Namen schickt außer mir denn heute noch ein Fax?“, fragte er sich, während er sich schwerfällig erhob, um sich an dem nun stark wankenden Garderobenständer vorbei nach draußen zu schieben. Das Faxgerät stand zusammen mit dem Drucker und den Kopierern in einem Raum, der sich unterhalb der Treppe, neben dem Pausenraum mit den Kaffeemaschinen, befand. An manchen Tagen nervte es ihn, dass er für jede Kopie, für jeden Ausdruck, nach unten laufen musste, aber sein kleines Büro bot einfach nicht den Platz für die riesigen Geräte, und Bewegung war, seit er den Bürojob hatte, erstaunlich wichtig geworden. Beim Durchqueren der immer offen stehenden Tür flog Paul bereits der Geruch von frischem Papier und Tonerpatronen entgegen. Alle Geräte waren ausgeschaltet und machten, außer dem leisen Rauschen der Kühlanlagen, keine Geräusche. Paul schritt an den drei Faxgeräten vorbei und überprüfte sie nach dem angezeigten Fax. Als er alle Geräte noch einmal auf Papier und Tonerstand überprüft hat, lehnte er sich gegen den großen Kopierer, der unter seinem Gewicht verächtlich knackte, und genoss die Ruhe, die ihm das Warten schenkte. Nach einer Weile begann das mittlere Gerät zu surren und spuckte kurz darauf das Dokument aus, das, sobald Paul es in den Händen halten würde, all diese furchtbaren Dinge in Kraft treten lassen würde. Doch das wusste Paul nicht, also stieß er sich mit einer Hand vom Kopierer ab und griff beiläufig nach dem immer noch warmen Papier. Schnell flogen seine Augen über das Fax und wurden von Zeile zu Zeile langsamer und langsamer, bis sie jeden Buchstaben auf seine Richtigkeit überprüft hatten. Als Paul den Brief zum sechsten Mal gelesen hatte und an den gelesenen Worten wirklich kein Zweifel bestand, ließ er das Papier langsam sinken und starrte für eine schiere Ewigkeit ins Nichts vor ihm. Dann plötzlich traf ihn die Erkenntnis wie ein bremsenversagender Güterzug und die Erinnerung von jener Weihnachtsfeier kam zurück. Marcel Kron war der stellvertretende Geschäftsführer von Dukjon und was er Paul da sagen wollte, war, dass der § 4253 seinen ersten Absatz hatte, der nun in Kraft treten sollte. Auch die zahlreichen Kollegen, die Paul an jenem Vormittag noch anrief, hatten denselben unheilvollen Brief erhalten. Von Gespräch zu Gespräch wurde Pauls Miene finsterer und als er das letzte Gespräch beendet hatte, brodelte in Paul eine Wut, die er selbst von sich nicht erwartete. Da wusste er, dass es nun das Ende sein würde, er hat gewusst, dass es kommen würde, seit Jahren hatten sie darauf hingearbeitet. Er war das Lügen überall hier satt, nun würde er es endlich nicht mehr verheimlichen müssen, nun würden alle davon erfahren. Trotzdem musste er seine Rolle weiterspielen, so überzeugender, umso besser. „Dreiunddreißig Jahre!“, schrie er, „dreiunddreißig Jahre und dann das!“ Er zerknüllte den Brief und zerquetschte ihn so sehr in seiner Faust, dass er nur noch ein kleiner unförmiger Papierball war, dann raste er am Pausenraum vorbei, in dem sein Freund sich gerade einen Kaffee zog. Die Treppen erreicht, nahm er immer drei Stufen gleichzeitig und als er vor seinem Büro war, bekam er gerade noch im Laufen die kleine blaue Tür zu fassen und zog sie mit solcher Gewalt ins Schloss, dass die kleinen Fenster, die in der Tür eingelassen waren, zerbarsten.
Vorsichtig öffnet Paul die Augen und mit dem Öffnen der Augenlider kommt auch der tosende Lärm zurück, den er versucht hat zu verdrängen. Er hört die lauten Rufe der Arbeiter vor sich, die empörten und verwirrten Schreie, die nach Antworten verlangen, die er nicht zu geben vermag. Langsam gewöhnen sich seine Augen wieder an das Licht, und die immer noch wild umhertanzenden Punkte vor seiner Netzhaut verschwinden, so dass er die Traube von Menschen nun auch sehen kann, die sich vor der Treppe versammelt hat und zu dem auf der vorletzten Stufe stehenden Paul aufblickt. „Was wollen Sie damit sagen?“, „Sind wir jetzt alle gekündigt?“, „Von wem bekommen wir denn jetzt unser Geld?“, „Mann Paul, du warst mal einer von uns! So was unterstützt du doch nicht?“, „Wir können das nicht glauben!“, „Ist das der einzige Absatz?“ Felix, der sich drei Stufen unter Paul befindet und mit ein paar anderen versucht die Menge davon abzuhalten die Treppe nach oben zu stürmen, schaut ebenfalls mit fragendem Blick in seine Richtung. Auch er hat so viele Fragen, die er beantwortet haben will. Wieder beginnt das Bild der wütenden Arbeiter vor Pauls Augen zu verschwimmen, diesmal widersteht er aber dem Drang die Augen zu schließen und hebt beschwichtigend seine großen Arme, um der Meute Ruhe zu gebieten. Leider scheint es, als würden die aufgebrachten Arbeiter das nur als eine Aufforderung nehmen noch lauter zu schreien und sich noch heftiger in den menschlichen Zaun vor Paul zu drücken. Felix, auf dessen Gesicht jetzt weniger Fragen als vielmehr Angst zu erkennen ist, versucht immer verzweifelter die Menge fortzudrücken, weg von seinem Freund, der allein und verloren auf der Stufe steht. Wenn Paul nicht in den nächsten paar Sekunden etwas unternimmt, würde es zu spät sein. Wieder ist da diese Wut, die Paul nicht kennt, eine Wut, die so gar nicht zu dem immer freundlichen und sanften Mann passen will, der er normalerweise ist. Von der Wut geführt schreit er, so laut er kann: „Ruhe!“ Die zuvor noch tosende, schreiende Menge verstummt sofort, die gesamte Werkshalle scheint nach diesem Schrei zu beben und den Schall immer wieder von den Wänden vorzustoßen und zurückzuwerfen, bis er nur noch in den Ohren der Männer und Frauen widerschallt, die nun, wie eine zurechtgewiesene Schulklasse, mit auf dem Rücken verschränkten Armen, zu ihm aufblicken. Paul, der, von seinem eigenen Schrei überrascht, jetzt doch die Augen geschlossen hat, um die Ruhe zu genießen, die sich so plötzlich vor ihm erstreckt, sammelt sich erneut, um seinen weiteren Worten einen festen Klang zu geben. Dann richtet er sich zu seiner vollen Größe auf, hebt seinen Kopf, mit dem er jetzt fast die Decke berührt, und beginnt zu sprechen. „Ich weiß, dass das für euch alle ein Riesenschock sein muss. Ihr könnt mir glauben, wenn ich euch sage, dass es auch für mich vollkommen unerwartet kam. Ich weiß nach wie vor nicht, ob dieser Paragraf nur unser Land betrifft oder ob es auch andere Länder erwischt hat und ja, ich war mal einer von euch, aber wer sagt, dass ich das nicht mehr bin? Ich bin sogar mehr einer von euch, als ich das jemals war. Wir stecken da alle drin, ihr seid nicht die Einzigen, die zu Hause ihre Ehepartner und Kinder sitzen haben. Trotzdem kann ich im Moment auch nicht mehr sagen als das, was in dem Brief steht, den die meisten von euch erhalten haben.“ Paul hält seinen Blick in die Menge gerichtet, versucht bemüht seinen Arbeitern die Sicherheit zu schenken, nach der sie sich so sehr sehnen. Ein paar starren traurig und beschämt auf den Boden oder an die geschlossenen Deckenfenster, ein paar andere drehen sich mit einer abfälligen Handbewegung zum Gehen, aber es sind nicht diese, bei denen Paul plötzlich so ein komisches Gefühl hat, es sind die paar, die seinen Blick standhaft erwidern, die ihm einen Schauer über den Rücken jagen. Dann, vollkommen unerwartet, schreit einer, der weiter hinten gestanden hat, in die drückende Stille hinein: „Was willst du uns da erzählen, du hast doch gar keine Ahnung, wie wir uns fühlen, du sitzt tagtäglich in deinem Büro, du riechst nicht das, was wir riechen, du siehst nicht das, was wir sehen, und du hast keinen blassen Schimmer, wie hart wir für unser Geld arbeiten müssen. Manche von uns fragen sich, wie du überhaupt so plötzlich befördert werden konntest, also wieso stehst du da oben über uns wie ein Richter, komm doch runter und trau dich direkt mit uns zu reden.“
Mit diesen Worten rammt er in die vor sich stehende Menge und schiebt sich durch die Menschen hindurch, wie eine Kettensäge durch eine Hecke. Es folgen ihm ein paar weitere und denen wieder ein paar weitere, die sich mit voller Kraft in Felix und die anderen Männer werfen. Dann passieren mehrere Dinge so schnell hintereinander, dass Paul kaum auf die ungeplante Situation reagieren kann. Einer der Arbeiter holt aus und schlägt dem Mann, der vor ihm verzweifelt versucht die Menge am Stürmen der Treppe zu hindern, mit solcher Wucht die geballte Faust ins Gesicht, sodass dieser nach hinten fliegt und regungslos auf der Treppe liegen bleibt. Jetzt ist der Weg frei. Die Meute drängt an Felix und den anderen vorbei, laut schreiend und wutentbrannt die Treppe herauf, Paul entgegen. Paul springt die letzte Stufe nach oben, um einen besseren Stand gewinnen zu können. Immer wieder versucht er Ordnung in das entstehende Chaos zu bringen, das um ihn herum entbrannt ist. Durch das Fenster, das vom Aufenthaltsraum in den Flur führt, fliegt mit einem Klirren und Poltern die kleine Kapselmaschine, aus der Paul sich am Morgen seinen Kaffee gezogen hat, und bleibt nur wenige Zentimeter vor seinen Füßen liegen. Weiter hinten im Flur versuchen zwei Männer gerade den großen Kopierer aus dem Kopierraum heraus auf den Flur zu ziehen, dabei treten und schlagen sie auf das Gerät ein, als würden sie so Informationen aus ihm herausfoltern können. Hinter Paul beginnt es warm, ja sogar heiß, zu werden, im Umdrehen entdeckt er das Feuer, das auf einem der Stapel mit frischem Druckerpapier zu lodern begonnen hat. Er hätte wissen müssen, dass heute der Tag des Feuers sein würde, er hätte wissen müssen, dass heute der Tag ist, an dem er fliehen muss, und trotzdem, trotz all der Planung, überkommt ihn Panik. Zu viele Menschen halten sich noch in dem Gebäude auf. Mit schnellen Schritten eilt er auf den Stapel zu, versucht verzweifelt mit seinem Schuh, den er sich vom Fuß gezogen hat, das Feuer am Ausbrechen zu hindern. Sein Schuh, der dieser Aufgabe bei weitem nicht gewachsen ist, fängt dabei Feuer und entflammt einen weiteren Stapel, der sogleich lichterloh in Flammen aufgeht. Paul, der jetzt vor einem weitaus größeren Problem steht, spurtet, sich der Situation bewusst werdend, in Richtung der Treppe, die zur Werkshalle führt, um den hinter dem Werkstor stehenden Feuerlöscher zu holen.
Das Werkstor ist ordnungsgemäß verschlossen und zu seinem Glück ist der Feuerlöscher noch an Ort und Stelle. Zum ersten Mal in seinem Leben dankt er insgeheim den ständigen Kontrollen von Sprinkleranlagen und Sicherheitsequipment – auch wenn die Sprinkleranlagen an diesem Tag nicht ausgelöst werden, sie würden ihren feuchten Segen nicht auf die Maschinen und Arbeiter ergießen, sie würden die Flammen nicht bremsen und das Unglück verhindern, das sich anbahnt. Sie haben es so geplant, das Feuer muss groß und gewaltig werden, so groß, dass es ihm Zeit verschaffen kann, Zeit alles hinter sich zu lassen und irgendwo anders neu anzufangen. Unsicher greift er nach dem roten Feuerlöscher und sprintet zurück zu dem Feuer, das er zuvor zurückgelassen hat. Am Papierstapel angekommen, trifft ihn die Erkenntnis jedoch schneller, als er den Feuerlöscher vor sich halten kann. Das zuvor noch kleine Feuer hat sich in rasend kurzer Zeit zu einem wahren Feuerinferno ausgebreitet und leckt immer schneller die Wände nach oben, um sich durch die Tapete zu den nächsten Papierstapeln zu fressen. Der Flur hat sich bereits mit dicken Rauchschwaden gefüllt, die jetzt auch die Treppen hinunter in die Werkshalle ziehen. Er hätte für all das bereit sein müssen, das Feuer, das sich immer mehr auftürmt, nutzen, um sich aus dem Staub zu machen, einen besseren Zeitpunkt würde er nicht mehr bekommen, aber niemand der Arbeiter verlässt das Gebäude, sie bleiben in der brennenden Werkshalle und denken gar nicht daran sich in Sicherheit zu bringen. Ihre Köpfe sind zu voll mit Hass und Wut. Immer noch unsicher, welche Entscheidung die richtige ist, versucht er das Feuer zu bändigen und so viele Menschen wie möglich aus dem Gebäude zu drängen. Seine über die Jahre rundlich gewordene Sekretärin rennt aufgeregt an ihm vorbei, bremst dann aber schwerfällig ab, als sie den riesigen Mann zwischen den Flammen stehen sieht. Hustend hält sie sich ihr T-Shirt über den Mund, um dem tödlichen Rauch den Einlass in ihre Lungen zu verwehren. „Paul? Was machst du noch hier? Du musst hier weg“, ruft sie ihm besorgt entgegen. „Sind hier noch mehr Menschen, Cara?“ Paul ignoriert die Sorge der Frau, die immer mehr anfängt zu husten. „Nein, ich glaube nicht, aber hundertprozentig sicher kann ich das nicht sagen.“ Die Frau wirkt nervös. „Okay, ich werde noch einmal nachsehen, aber mach, dass du hier wegkommst, und sage das bitte auch den anderen, die du auf dem Weg nach draußen triffst.“ Die Frau dreht sich schon zum Gehen, will vor dem lodernden Tod fliehen, der immer dichter an die beiden rückt, doch Paul hält einen Moment inne. Ein seltsamer Ausdruck legt sich auf sein Gesicht, den Cara noch nie an einem Menschen gesehen hat. Etwas weicht aus dem Mann heraus, verschwindet, wie ein Schatten in der Dunkelheit. Paul redet weiter, seine Stimme hat sich verändert, sie ist weniger hektisch und laut, mehr ruhig und farblos. Die Wichtigkeit, die er den Worten schenkt, lässt Cara trotz der Hitze kalt werden. „Ach, und Cara, tue mir bitte den Gefallen und sag Felix, dass er Okapi aufhalten muss, wenn mir etwas zustoßen sollte, und dass Oskar Bescheid weiß. Ich habe einen Fehler gemacht und für die falschen Leute gearbeitet. Ich werde durch diese Entscheidungen eines Tages einmal meine Kinder in Gefahr bringen, aber ich kann jetzt nicht gehen, ohne sicher zu sein, dass keiner bei dem Versuch mich zu retten stirbt. Sie werden es verstehen. Mein Leben ist das Leben vieler nicht wert.“ Die rundliche Frau nickt verängstigt und verwirrt. „Paul, ich verstehe nicht, was das bedeutet, und kann nicht zulassen, dass du dein Leben riskierst.“ Paul schüttelt den Kopf und schiebt seine Sekretärin von sich weg. „Du musst das nicht verstehen. Jeder muss einmal sterben. Jeder Zeiger läuft einmal seine letzte Runde, nur hoffentlich nicht heute, aber sollte es entgegen unserer Bemühungen doch passieren, musst du das für mich tun. Vergiss es bitte nicht.“ Cara legt besorgt ihren Kopf schief, dem Mann zu widersprechen scheint nicht zur Debatte zu stehen. „Pass auf dich auf Paul.“ Er nickt Cara noch einmal zu, dann drückt auch er sich seinen Pullover über den Mund und läuft in die Richtung, aus der vorher seine Sekretärin angerannt kam.
Weit wird er allerdings nicht mehr kommen, denn noch bevor er die Treppe nehmen kann, die ihn in Richtung seines Büros führt, trifft ihn ein dumpfer Schlag am Hinterkopf. Der Boden rast auf ihn zu, es wird schwarz um ihn herum und er verliert sein Bewusstsein.
6. Rügen, Deutschland
Die Windböe, die sie trifft, ist gewaltig. Lila wird von dem feuchten, kalten Wind erneut nach hinten ins Gras gedrückt. Mit weit aufgerissenen Augen und leicht geöffnetem Mund starrt sie Evelin an, die ebenfalls neben ihr ins Gras gedrückt wurde. Der Windzug, der so plötzlich verschwunden ist, wie er gekommen war, hatte Lila eine Gänsehaut über den Rücken gejagt. „Was? War? Das?“ Evelin hatte mit der Überraschung ihrer Freundin gerechnet, muss aber so sehr über Lilas entsetzten Gesichtsausdruck lachen, dass sie keinen klaren Satz herausbringen kann. Erst als Lila sich wieder entspannt und ebenfalls zu lachen beginnt, bekommt Evelin etwas über die Lippen. „Das, was wir gerade spüren durften, war ein Windzug, der sehr lange gereist ist, um hier einzutreffen, viele Kilometer über den offenen Ozean, bis er genau hier wieder auf Land traf. Stell dir vor, dass er Tage lang da draußen war“, Evelin zeigt auf den offenen Ozean, „dass er tausende Brandungs- und Gischttropfen eingesammelt hat, nur um sie hier feucht und kühl gegen das Land zu werfen.“ Lilas Lachen verstummt und wandelt sich in Faszination. Erwartungsvoll sieht sie auf den Ozean, so, als könne sie den Wind sehen, der auf das Land zurast. „Passiert das überall an der Küste?“ Evelin schüttelt den Kopf. „Nein, soweit ich weiß nicht, ich kenne nur ein paar Stellen, an denen man diese Windböen spüren kann.“ Lilas Verblüffung ist fast greifbar. „Woher weißt du das alles?“ Evelin wendet ihren Kopf von Lila weg und richtet sich, auf ihre Hände gestützt, auf. Nachdenklich sieht sie auf den Horizont und fährt mit den Händen über das trockene Gras. „Ich weiß noch viel mehr als das. Ich weiß alles über das Meer und seine Bewohner, leider haben die Menschen in letzter Zeit nicht mehr sehr viel mit dem Meer zu tun und viele der Geschichten gehen verloren. Du wolltest wissen, woher ich das alles weiß?“ Sie steht auf, streicht mit der freien Hand ihre dicken braunen Locken aus dem Gesicht, die von einer erneuten Böe um ihre, mit Sommersprossen übersäte, Nase gewirbelt wurden, und dreht sich dann zu ihrer immer noch im Gras liegenden Freundin um. „Mein Vater hat es mir erzählt, bevor er Mr. Workaholic wurde und keine Zeit mehr für mich findet. Er erzählte mir viele Geschichten über das Meer. Zum Beispiel, dass diese Böen Erinnerungen sind, die jemand vergessen hat und über den Ozean getragen werden, damit sie jemand anderes vor dem Verschwinden bewahren kann.“ Mit diesen Worten streckt Evelin Lila die Hand entgegen und hilft ihr aus dem hohen Gras zu kommen, das sie verschluckt hat. Gemeinsam rennen sie über die Wiese zurück zur Straße und treten den Rest des langen Heimwegs an.
Als sich nach einer weiteren Stunde endlich der Kirchturm vor ihnen aufreckt, der die Hauptstraße markiert, hat sich die Sonne so weit abgesenkt, dass sie wie eine Halbkugel auf dem rot und gelb glitzernden Horizont liegt und ein bisschen Abkühlung über das kleine Küstendorf bringt.
Ihre Füße tragen sie wortlos nebeneinander her, vorbei an der Bäckerei, die unterhalb der Kirche hinter dem mit Blumen verzierten Dorfbrunnen liegt. Sie überqueren den kleinen Platz vor dem Rathaus und biegen hinter dem Spielwarenladen Günter, in den die beiden als Kinder schon so manches Taschengeld getragen haben, in eine schmale Seitenstraße ein, die sie in das kleine Wohngebiet führt, das zwischen zwei großen Rapsfeldern eingebettet liegt und sich perfekt in die hügelige Landschaft einfügt. Die Straße unter Evelins Füßen bewegt sich beinah wie eine Rollbahn, vielleicht sind es aber auch einfach ihre Füße, die sie stumm über die mit Moos bedeckten Steine tragen. Immer wieder setzt sie einen Fuß vor den andern und Lila tut es ihr gleich. Wirklich gute Freunde können sich anschweigen, ohne dass es komisch wird, und so laufen sie das letzte Stück schweigend nebeneinander her, bis sie den sonnenblumengelben Briefkasten erreicht haben. Erschöpft fällt Lila ihrer Freundin in die Arme, um sich von der ebenfalls sehr erschöpft wirkenden Evelin zu verabschieden. Evelin betrachtet ihre Freundin noch ein letztes Mal, bevor sie sich abwendet und an der Hauswand von Lilas Nachbarn entlang, die nach all den Jahren immer noch in einem leichten Rosa glänzt, die letzten Meter nach Hause antritt. Wie in einer nicht enden wollenden Wendeltreppe verliert sie sich dabei in ihren Gedanken.
Immer noch tief in ihren Gedanken versunken erreicht Evelin das große Haus am Ende der Straße, das ein bisschen abseits auf einem kleinen Hügel thront, sich aber in seinem Aussehen kaum von dem der anderen Häuser unterscheidet. Sie zieht die kleine Gartenpforte hinter sich zu und überquert den Kopfsteinweg hin zum Haus. Im Gehen fingert sie ihren Schlüssel aus der vorderen Tasche ihres Rucksacks und will gerade die Haustür aufschließen, als ihr Handy sie mit einem ohrenbetäubenden Schrillen aus ihren Gedanken reißt. Erschrocken und leicht versteift greift sie nach dem kleinen Gerät in ihrer Hosentasche und liest, was auf dem Display steht: „Papa“. Genervt stößt sie die nun offene Haustür auf und wirft das immer noch klingelnde Ding in die Schlüsselschale im Windfang. Sie kann nicht ahnen, welche Wichtigkeit in diesem Anruf steckt, welche Dringlichkeit sich hinter den vier Buchstaben verbirgt, also lässt sie es klingeln. Eine ganze Weile springt es noch in der Schale umher, bis es verstummt und schweigt. Im Laufen streift sie ihre Schuhe ab und durchquert den Windfang hin ins Wohnzimmer. „Hallo! Ist schon jemand zu Hause?“, ruft sie halblaut die Wendeltreppe nach oben, die direkt neben der Tür zum Windfang in die oberen Stockwerke führt. Keine Antwort. Ein zweites Mal: „Hallo! Ich bin jetzt zu Hause!“ Wieder keine Antwort. Ein Achselzucken, dann streift sie ihre enge Hose von den Beinen und tänzelt an die große Stereoanlage unter dem Flatscreen. Sie dreht den Regler fast bis ganz nach oben. Die dicken Boxen vibrieren unter ihren Füßen und lautstark grölt sie den Song mit, den der alte MP3-Player ihres Vaters ihr vorschlägt. Immer noch laut singend und ohne die nervige Hose schlendert sie in die Küche und entdeckt den gelben Zettel, der am Kühlschrank, unter einem Bild von ihrem Bruder, hängt. „Kommen erst gegen acht Uhr nach Hause, Essen ist im Kühlschrank, deine Wahl liegt zwischen der Pasta von gestern und Kartoffelpüree mit Erbsen und Fischstäbchen. Streite dich nicht mit deinem Vater, hab dich ganz dolle lieb, Mama.“ Ein Lächeln umspielt Evelins Lippen, sie öffnet den Kühlschrank und greift zu Dinosaurierfischstäbchen, Kartoffelpüree und Erbsen, die bereits auf einem Teller drapiert darauf warten in die Mikrowelle geschoben zu werden.
Mit Teller und Limonade bewaffnet lässt sie sich schwerfällig auf das Sofa sinken und scrollt auf dem Display der Fernbedienung noch ein wenig lauter. „Streite dich nicht mit deinem Vater“, es schallt in ihrem Kopf wider. „Wie denn?“ schreit sie so laut, dass sie sogar die Musik übertönt. „Wie denn? Wenn er nicht einmal hier ist!“ Und zum zweiten Mal an diesem Tag rollen dicke Tränen über ihr Gesicht und bilden eine salzige Pfütze auf dem Kartoffelpüree, das der plötzlichen Feuchtigkeit nur mit Mühe gewachsen ist. „Wie denn?“, schluchzt sie wesentlich leiser, ein letztes Mal, in den leeren Raum hinein.
„Evelin, Evelin, Evelin, bist du wach?“, etwas rüttelt an ihr. „Evelin, mein Liebling, du musst aufwachen.“ Erneut ein nun unsanfter werdendes Rütteln. „Oskar, hör auf so an deiner Schwester zu ziehen, sie wird ja noch seekrank.“ Ein verschmitztes Kichern, dann hört das Rütteln auf. Vorsichtig blinzelt Evelin sich den Schlaf aus den Augen und lugt auf den kleinen Wecker, der auf ihrem Nachttisch steht, er zeigt 00:18 Uhr. „Mama?“ Leicht schlaftrunken reibt sich Evelin die Augen und versucht sich an das grelle Licht um sie herum zu gewöhnen. „Was ist denn los?“ „Evelin mein Schatz, es tut mir so leid, es ist später geworden, dein Bruder ist bei Oma eingeschlafen und …, na ja ist ja auch egal, viel wichtiger ist, hast du was von deinem Vater gehört? Er ist immer noch nicht zu Hause und er geht nicht an sein Handy. Ich habe auch schon in der Firma angerufen, aber da geht immer gleich der Anrufbeantworter ran, ich mache mir langsam Sorgen.“ Mit einem Mal ist Evelin hellwach. Ihr Blut beginnt laut in ihren Ohren zu rauschen. Der Anruf von ihrem Vater, den hatte sie total vergessen. Wie von der Tarantel gestochen springt sie aus dem Bett, rennt aus ihrem Zimmer die Wendeltreppe hinunter durch die Tür in den Windfang. Auf dem Weg nach oben drückt sie immer wieder auf die Rückruftaste, doch jedes Mal überspringt das Gerät das Freizeichen und die unangenehme Computerstimme verkündet, dass der Teilnehmer zurzeit nicht erreichbar sei.
Als sie schnell atmend wieder in ihrem Zimmer ankommt, sitzt ihre Mutter immer noch mit besorgter Miene auf der Kante ihres Bettes. „Und, konntest du ihn erreichen?“ Resigniert schüttelt Evelin den Kopf und lässt ihr Handy sinken. „Nein, nichts, immer nur der Anrufbeantworter, aber das hat bestimmt nichts zu heißen, vielleicht ist er nur mit ein paar Kollegen etwas essen gegangen und er hat sein Handy irgendwo liegen lassen, du kennst doch Papa.“ Ihre Mutter wirkt wenig beruhigt. „Nein, dein Vater würde so etwas nie machen, ohne vorher Bescheid zu geben, außerdem habe ich bei Lilas Vater angerufen, da ist auch niemand zu Hause.“ Evelin legt ihrer Mutter eine Hand auf die Schulter und versucht möglichst überzeugend und beruhigend zu wirken, obwohl in ihrem Kopf der reinste Notstand ausgerufen wird und ein Unglücksszenario nach dem anderen auf ihre Netzhaut projiziert wird. Ihr kleiner Bruder, der von der ernsten Lage nichts mitzubekommen scheint, rennt an den beiden vorbei in sein Zimmer. Die kleinen Füße trampeln durch den Flur und als er wieder in Evelins Zimmer erscheint, hält der Fünfjährige seiner Schwester ein Blatt nach oben und blickt dabei in eine komplett andere Richtung, fast als hätte er vergessen, warum er hier ist. Evelin lässt die Schulter ihrer Mutter los und nimmt ihm das Blatt aus den winzigen Händen. Der kleine Junge nickt zufrieden und rast zurück in sein Zimmer. Langsam zieht Evelin das Bild zu ihren Augen. Es zeigt wild übereinander gelegte Striche und Kreise, die für einen Fünfjährigen erstaunlich präzise wirken. Lächelnd sieht sie ihre Mutter an. „Danke Oskar, es ist wunderschön, ich hänge es über mein Bett, ja?“ Keine Antwort aus Oskars Zimmer. Evelin, die auch keine Antwort erwartet hat, steigt auf ihr Bett und pinnt das Bild zu den anderen wirren Gemälden ihres Bruders. Dann wandert ihre Aufmerksamkeit wieder zu ihrer Mutter. „Es wird schon nichts passiert sein.“ Aufmunternd und immer noch sehr besorgt zieht die Frau auf der Bettkante die Stirn in Falten. „Dein Wort in Gottes Ohr Evelin, ich hoffe du hast recht.“
Da nach der Aufregung und der stetig anhaltenden Sorge um Ehemann und Vater nicht mehr an Schlafen zu denken ist, setzt Evelin sich neben ihre Mutter und legt ihren Kopf auf ihren Schoss. Ihre Augen wendet sie dabei zu den vielen Malereien an der Decke. „Glaubst du, dass er irgendwann sprechen wird?“ Das sanfte Gesicht ihrer Mutter schaut nun zu ihr runter. „Glaubst du, dass er es nicht tun wird?“ Sie küsst Evelin auf die Stirn. „Ich glaube einfach“, spricht sie weiter, „dass er auf die richtigen Worte wartet und dass er einfach noch nichts Wichtiges zu sagen hatte.“ Mit diesem Satz schließen beide die Augen und lauschen dem in der Ferne rauschenden Meer. Es folgen ein Poltern und ein Schlüssel, der im Schloss gedreht wird.
7. High York, USA
Es war ein Scheißtag! Philippe konnte sich auch gar nicht erklären, wie ein eigentlich so schöner Tag so rasant schnell so aus dem Ruder laufen konnte. Vielleicht lag es an dem Anruf, den er so früh morgens erhalten hatte, obwohl er doch seinen freien Tag hatte. Vielleicht lag es an den Worten, die sein Chef ins Telefon gebrüllt hatte, ohne einmal Luft zu holen, oder es lag an dem Kaffee, der trotz des sechsten Stücks Zucker immer noch schmeckte, als wäre er zum dritten Mal in der Mikrowelle erhitzt worden. Vielleicht lag es auch an den ganzen anderen Dingen, die an diesem Tag folgten, dass Philippe sich abends auf die kleine Stufe vor dem Department setzte, in den wolkenlosen Nachthimmel starrte und sich wünschte einfach im Bett liegen geblieben zu sein.
Philippe wacht langsam auf, es fällt ihm schwer seine Augen zu öffnen, sein Mund ist trocken und klebrig, mehrmals blinzelt er, um seine Augen zum Aufwachen zu überreden. Immer noch halb in dem Traum, in dem er vor wenigen Minuten noch gesteckt hat, versunken, richtet er sich schwerfällig aus dem Bett auf. Es dauert, bis er begreift, was ihn geweckt hat. Das kleine schwarze Gerät, das neben seiner Matratze auf einem kleinen Hocker liegt, blinkt heftig, wechselt dabei völlig übermotiviert die Farbe und schrillt so laut, dass Philippes Ohren sich wie betäubt anfühlen. Immer noch schlaftrunken greift er nach dem kleinen ellipsenförmigen Gegenstand. 4:12 a.m. steht auf dem Display. Während er genervt das Gerät zum Ohr zieht, nimmt er den Anruf an, der sich zuvor so laut angekündigt hat. Da sein Mund immer noch der Trockenheit erlegen ist, bekommt er nur ein knappes „Mmh“ heraus. „Lafin! Herrgott! Wie lange muss ich eigentlich klingeln lassen, bis Sie sich mal bereit erklären den Anruf auch anzunehmen?“ Die Stimme des Captains schrillt wie eine feine Nadel durch den Hörer und bohrt sich schmerzhaft in seinen Gehörgang. Bevor Philippe, immer noch im Dämmerzustand, antworten kann, bohrt die Nadel sich bereits weiter durch sein schmerzendes Ohr. „Na ja, ist ja jetzt auch nebensächlich, ich weiß, dass Sie sich für heute eigentlich freigenommen hatten, letztendlich ist es aber so, dass ich Sie hier brauche, am besten umgehend. Hier bricht gerade ein Sturm los und ich brauche jemanden, der bereit ist sich diesem Sturm zu stellen. Es ist mir egal, wie Sie es machen, ob Sie hierher fliegen, schwimmen oder fahren, aber ich möchte Sie in einer Stunde in Uniform im Department sehen!“ Und bevor Philippe überhaupt begreift, was er da gerade gehört hat, ist nur noch ein Tuten in der Leitung. Er wirf das Telefon, das er ja bereits eh schon mehrere Zentimeter von seinem Ohr weggehalten hat, irgendwo auf den Hocker neben seiner Matratze. Erschöpft von der Lautstärke, der Uhrzeit und seinem immer noch trockenen Mund lässt er sich zurück in die Kissen fallen. Mit einer ruckartigen Bewegung zieht er sich die Decke über den Kopf. – Das war ein Traum Philippe, ganz sicher, das war nur ein ganz beschissener Albtraum, den du dir eingebildet hast, trotzdem will ich aber mal wissen … – Vorsichtig schiebt er einen Arm unter der dünnen Decke hervor und tastet erneut nach dem Telefon auf dem Hocker. Unter der Decke betrachtet er ein zweites Mal das Display. 4:17 a.m. Mit dem Daumen scrollt er zur Anrufliste. Letzter Anruf 4:12 a.m., Captain, steht da. Stöhnend pfeffert er das Telefon aus dem Bett und schält sich aus der wohlig warmen Decke, die ihn immer noch umgibt. Genervt richtet er sich von der Matratze auf, streckt sich, lässt seine Gelenke knacken und atmet mit nach oben gerichteten Armen tief ein. Sein Blick fliegt an die hohe Decke des alten Lofts, in dem er schon seit einer Ewigkeit wohnt. Er hatte es gekauft, als diese alten Fabrikhallen noch in den schlechten Teil der Stadt gehörten und sie als Schandfleck bezeichnet worden waren. Oft hatte Philippe sich gegen einen Abriss wehren müssen und wurde um unmenschliche Uhrzeiten von Räumungsdiensten aus dem Schlaf geklingelt. Doch Philippe konnte sich immer durchsetzen, das war eine Stärke, die er schon als Teenager besessen hatte. Während also neben ihm die alten Fabrikhallen weggerissen wurden und die Abrissbirnen und Bagger tage- und nächtelang Lärm verbreiteten, blieb er standhaft und schützte die letzte alte Fabrikhalle mit allem, was er bekommen konnte. Irgendwann, nach zahlreichen Petitionen und geplanten Demonstrationen, schaffte er es die alte Fabrik unter Denkmalschutz stellen zu lassen.
Philippe verließ das Fabrikgebäude nicht, auch nicht als die Polizei kam, um die Gegend zu evakuieren, weil sie beim Bau des neuen Parks gegenüber ein illegales Trisalpetersäureglyzerinester-Lager fanden. Philippe blockte auch damals ab und blieb auf eigene Gefahr. Mit der Zeit folgten dem neuen Park neue Häuserblöcke, die auf dem alten Fabrikgrund gebaut wurden, und die „letzte überlebende Fabrikhalle der Stadt“, wie es die Presse gerne nannte, wurde kernsaniert und zu neuen, hippen Loftwohnungen umgewandelt. Heute leben hier Modeblogger, Fernsehreporter, Zahnärzte und alle die, die es sich leisten konnten, in dem nun angesagtesten Viertel der Stadt eines der beliebten Lofts zu mieten oder sogar zu kaufen. Viele Male wurden Philippe schon horrende Summen geboten und auch seine Freunde rieten ihm immer wieder zum Verkauf seines über die Jahre um das 400-Fache im Preis gestiegenen Lofts. Philippe ist es aber egal, wie viel Geld er haben könnte, Geld ist ihm nicht wichtig, ist es ihm nie gewesen. Solange er Brot und Butter kaufen kann, reicht es ihm. Wenn er sich von der Matratze erhebt, um sich zu strecken und seine Muskeln zu dehnen, knarzen die alten Dielen, die das kleine Loft säumen, gerade so, als wollten sie ihn begrüßen. Das kann kein Geld der Welt ersetzen. Auch an diesem Morgen knarzen sie leise und beschwichtigend, als spürten sie die angespannte Stimmung, die sich auf ihnen breitgemacht hat. Nachdem er sich nicht mehr ganz so steif wie zuvor fühlt, tragen ihn seine Beine über die Dielen bis ins kleine Badezimmer. Hier ist der einzige Platz im Haus, an dem Philippe eine Tür hat, die er schließen kann. Meistens ist ihm aber nicht danach die schwere Eichentür hinter sich zuzuziehen, er fühlt sich in geschlossenen Räumen schnell eingesperrt, schnell gefangen, so, als würde da ein Gewicht auf seiner Brust sein, jedes Mal, wenn eine Tür hinter ihm geschlossen wird. Also lässt er auch an diesem Tag die Tür des Badezimmers offen. Er wäscht sich mit kaltem Wasser den Schlaf aus den Augen und nimmt einen großen Schluck aus dem kühlen, nach Chlor riechenden Nass, um seinen immer noch trockenen Mund zu besänftigen. Als er den Kopf vom Wasserhahn hebt und sich mit dem grauen Handtuch durchs Gesicht wischt, sieht ihm im Spiegel, der über dem Waschbecken mit einer Lederschnur befestigt ist, ein Mann entgegen. Das dunkelbraune, fast schwarze Haar ist von feinen grauen Härchen durchzogen, die sich an den Schläfen verdichten und immer mehr von dem einst braunen Haar verschlucken. Die Augen sehen trotz der leichten Falten, die sie umgeben, wachsam aus, so als gehörten sie einem Kind, das noch nicht genug gesehen hat und immer noch wissbegierig Neues aufsaugt wie ein durstiges Tier das Wasser. Die schmale Nase, die über den ebenfalls schmalen Lippen thront und hie und da eine mal neue, mal ältere Narbe zeigt, und der Mund, der trotz der Schmalheit sympathisch wirkt. Außerdem sind da noch die kantigen Wangenknochen, die Philippes Gesicht einrahmen und es manchmal fast so aussehen lassen, als würden sie es zusammenhalten wollen.
Er wendet sich von dem Spiegelbild ab, das ihm wie jeden Morgen entgegenblickt, und wandelt durch die offene Holztür, über die knarrenden Dielen zum Kleiderschrank, der von einem Vorhang verdeckt in einer der Ecken platziert ist. Sein Weg führt ihn an dem Hundekorb vorbei, der neben der Matratze auf einem kleinen Holzpodest liegt. Die dürre Windhunddame hebt verschlafen ihren Kopf. Mit schiefen Lefzen blinzelt sie ihm entgegen, so, als wundere sie sich, was ihr Herr so früh am Morgen auf den Beinen macht. Sanft streicht Philippe ihr über den zierlichen Kopf und flüstert ihr besänftigend etwas ins Ohr. Beruhigt durch seine Stimme schiebt sie ihren Kopf wieder unter ihre Vorderläufe und atmet einmal kräftig aus, erst jetzt kann sie sich wieder entspannen, jetzt, wo sie weiß, dass alles okay ist. Vorsichtig zieht Philippe die kleine Hundedecke über den dünnen Hund und tritt vom Hundekorb weg ans Fenster. Immer noch müde lässt er seine Augen über die noch schlafende Stadt streifen, die sich vor dem großen, hohen Fenster erstreckt. In der Ferne kriecht langsam das Licht des Morgens unter dem Smog der Straßen hervor. Bis hier oben auf die kleine Anhöhe, auf der Philippes und die vielen anderen Wohnungen thronen, reicht der Smog nicht, es wirkt fast so, als traue er sich nicht weiter nach oben, als wolle er im Schutz der Hochhäuser eingebettet bleiben.
Mit den Augen immer noch aus dem Fenster gerichtet dreht sich Philippe zu dem Vorhang um, der den kleinen Kleiderschrank verbirgt und so einen Raum ohne Tür schafft. Er schüttelt seinen Kopf, um seinen starren, müden Blick vom Fenster abwenden zu können, und greift nach der Uniform, die auf einem der Bügel an der alleinstehenden Kleiderstange hängt. Mit gewohnter Routine steift er sich die Hose über die Boxershorts und befestigt sie mit dem schwarzen, schweren Ledergürtel, der immer an der Hose hängt und seinen Platz nur für die Reinigung verlässt. Über die dunkelblaue, fast schwarze Hose zieht er das steife Hemd, mit den Schulterklappen, auf denen das Abzeichen mit dem einen goldenen Balken zu sehen ist, der seinen Rang markiert, darüber legt er die schwarze Krawatte. Seine Hände formen den Knoten trotz des wenigen Lichtes mühelos und legen anschließend den steifen Kragen darüber. Die schwarzen, langen Socken nimmt er aus einer kleinen Kommode, die unter einem modernen Bilderrahmen, der mit einem Nagel an der Backsteinmauer befestigt wurde und nicht mehr als einen schwarzen Fleck zeigt, steht. Die Socken stopft er sich in die tiefen Hosentaschen und läuft immer noch barfuß in die Küche, die gegenüber dem Schrank liegt und das andere Ende des Lofts markiert. Mit der einen Hand greift er zu der großen silbernen Kühlschranktür und mit der anderen zur Armbanduhr, die auf der Kücheninsel in einer Schale liegt. Die kühle Luft des Kühlschranks schlägt ihm entgegen und jagt ihm Gänsehaut über die Arme. Mit einem Knie hält er die schwere Tür offen und befestigt mit geübten Fingern die Uhr an seinem linken Handgelenk. Das flache Display leuchtet zur Bestätigung einmal kurz auf und nachdem es sich der Raumhelligkeit angepasst hat, springt Philippe der Ziffernblock entgegen: 4:30 a.m. Sich das Frühstück aus dem Kopf schlagend, schiebt er die Kühlschranktür mit dem Knie zu und greift stattdessen zu der Hundefutterdose, die neben der Kaffeemaschine steht. Er soll nicht als Einziger ohne eine ordentliche Mahlzeit enden. Hastig füllt er frisches Wasser in den einen und das Trockenfutter in den anderen Napf und hechtet zur Eingangstür. Schnell streift er die Socken aus der Hosentasche über und greift gestresst hinter die Tür, die seine wenigen Schuhe verbirgt. Zum Vorschein kommen die schweren schwarzen Stiefel, die zur Uniform noch fehlen. Kurz hält er inne und beäugt sie sorgfältig auf Dreck und Risse, dann schnürt er sie aufmerksam um seine Füße. Ein schneller Blick auf die Armbanduhr: 4:35 a.m. Wenn er es noch durch den dichten Verkehr pünktlich zur Arbeit schaffen will, muss er jetzt los. Seine rechte Hand, die er angespannt und gestresst durch den Zeitdruck zur Faust geformt nach unten hält, wird auf einmal kalt und nass. Erschrocken zieht er sie ruckartig nach oben und stößt dabei die spitze Hundenase beiseite, die zuvor sanft gegen die Hand gedrückt wurde. Die Windhunddame fiepst empört und springt verwundert zur Seite. „Oh Rina, das wollte ich nicht!“ Mit schlechtem Gewissen kniet Philippe sich auf den alten Dielenboden zu der Hündin herunter, langsam hält er dem immer noch erschrockenen Tier seine Hand hin und säuselt beschwichtigend. Dann schlingt er seine Arme um ihren dünnen Körper und klopft ihr im Aufstehen liebevoll auf die Seite, als Ausgleich leckt sie ihm den Handrücken und verschwindet anschließend wieder im Dämmerlicht des Lofts. Immer noch von schlechtem Gewissen geplagt, schnappt Philippe sich Auto- und Haustürschlüssel und schiebt die wuchtige Industrietür auf. Zur Begrüßung schlägt ihm die feuchte, warme Luft des Treppenhauses entgegen, die ihm die Entscheidung gegen den dicken Mantel schnell abnimmt.
Als er endlich, leicht außer Atem, auf dem Gehweg vor der großen Halle steht und sich nach seinem Auto umschaut, lässt ihn das Gefühl nicht los, heute nicht pünktlich im Department zu sein. Genervt von dem Gedanken findet er den alten Jeep gegenüber einem Baum, der trotz Sommer keine Blätter trägt und dessen kahle Äste abgebrochen auf dem Dach des Jeeps liegen und den Bürgersteig säumen. Beim Überqueren der Straße fällt seine Aufmerksamkeit auf eine alte Frau, die einen Einkaufswagen befüllt mit Decken, Dosen, einem kleinen Kofferradio und allerlei anderem Gerümpel vor sich herschiebt. Ihre Kleider sehen abgenutzt, aber gepflegt aus, die Löcher der Hose sind hie und da mit Stoffstücken überdeckt und an manchen Stellen von Fäden geflickt worden. Das alte, über die Zeit grau gewordene Hemd ist sorgfältig in die Hose gesteckt und die vielen Flecken mit Blumen und Herzen übermalt. Die Schuhe sind abgenutzt und rissig, trotzdem sorgfältig abgebürstet. Ihre langen, grauen Haare hat sie mit einem alten Bleistift aus dem Gesicht gesteckt und um ihren Hals trägt sie eine Kette aus alten Holzperlen, die als Highlight einen alten Bierdeckel als Brosche zeigt. Man sieht ihr an, dass sie viele Nächte an schlechten Orten verbracht hat und an den tiefen Falten unter Augen und Mund sieht man die harten Zeiten, die sie durchleben musste. Dennoch unterscheidet sie sich, in ihrer gepflegten Art, von den anderen Obdachlosen, die um die Sommerzeit gerne in dem kleinen Park gegenüber Philippes Wohnung unter einem großen Baum schlafen.
Philippe unterbricht seine schnellen Schritte und lenkt sie in Richtung der alten Dame mit ihrem Einkaufswagen. Verlegen grinsend hält er ihr den Haustürschlüssel mit dem Messinganhänger hin. Die alte Frau schlägt ihm kopfschüttelnd gegen die Schulter und schiebt den quietschenden Wagen weiter über die Straße. Philippe hechtet ihr mit schnellen Schritten hinterher und hilft den schweren Wagen auf der anderen Seite über den Bordstein zu heben. „Irma, bitte, ich brauche dich.“ Wieder versucht er ein verlegenes Grinsen. „Weißt du was, Philippe?“, ohne stehen zu bleiben, geht sie weiter, „ich glaube, du musst dein Leben mal selbst in den Griff bekommen, außerdem, hast du mal auf die Uhr gesehen?“ Erschrocken fliegen Philippes Augen auf sein Handgelenk: 4:42 a.m. „Ja, wo du das gerade ansprichst, ich habe kaum Zeit und bin eigentlich schon viel zu spät dran.“ Die alte Frau hebt ihren Zeigefinger und legt ihn über Philippes Lippen, dann fährt sie über die Buchstaben, die auf der rechten Ärmelseite eingraviert sind und ihn als Polizisten auszeichnen. „Philippe, du bist ein guter Mensch, aber du bist wirklich zu jung, um immer so viel Stress zu haben. Ein Mann sollte Zeit für seinen Hund haben und auch für andere Dinge, die wichtiger als Hunde sind.“ Besorgt streift sie ihm über die Wange und nimmt vorsichtig den Schlüssel aus Philippes Hand. „Außerdem sollte ich mich nicht so oft mit der Polizei sehen lassen.“ Sie lacht, sieht sich verstohlen um und beugt sich über den Wagen näher zu ihm heran. „Nachher denkt noch jemand ich sei ein schlimmer Finger.“ Mit diesen Worten wendet sie sich von ihm ab und schiebt ihren Wagen weiter den Gehweg nach oben. „Danke Irma, du weißt, wie dankbar ich dir dafür bin und Rina hat auch schon ihr Futter bekommen“, ruft er ihr nach, bevor Irma noch einmal ihre Hand hebt und ohne sich umzudrehen hinter einer Häuserecke verschwindet.
Der Verkehr ist wie immer unausweichlich. Kilometerweit schlängelt sich Auto für Auto durch die vollgestopften Straßen. Vor Philippes Augen fallen die Minuten wie in einer Klappzahlenuhr schneller und schneller und er kann nichts dagegen tun, um sie aufzuhalten. In Gedanken fährt seine Hand mehrmals zum Handschuhfach, in dem das mobile Blaulicht auf seinen nächsten Einsatz wartet, aber die Vernunft hält ihn immer wieder davon ab. – Nein Philippe, das ist kein Notfall, oder doch? – Immer wieder richten sich seine Augen auf die Armbanduhr. 4:50 a.m. 4:52 a.m. 4:53 a.m. 4:59 a.m. Ständig dieser nervige Verkehr, der rund um die Uhr, den ganzen Tag, die ganze Nacht, lärmend durch die engen Straßen zwischen den Häuserschluchten führt. Die Fenster der Autos sind alle geschlossen, um den dicken Abgaswolken zu entgehen. Schleppend rollen sie Reifen für Reifen, Stoßstange an Stoßstange weiter. Egal wie lange die Wartezeit ist, egal wie lange eine Rotphase dauert, die Motoren dröhnen weiter und die vielen Menschen, die alleine und gelangweilt hinter den Lenkrädern eingeklemmt sitzen, genießen mit ausdruckslosen Gesichtern die Klimaanlagen, die sie die Hitze der Luft vergessen lassen. Die wenigen, die ihren Motor abstellen, die es ohne Klimaanlage und ohne gefilterte Luft wagen einzuatmen, die mit schweißnasser Stirn abwägen doch einmal das Fenster herunterzufahren, weil sie für einen kurzen Moment vergessen, dass durch heruntergefahrene Fenster schon lange keine kühle, frische Luft mehr hereindringt, sondern nur dicke Wolken von monatealtem Smog und Abgasen. Diejenigen, die das wagen, werden von lauten Hupkonzerten begleitet, weil sie es versäumt haben ihr Auto rechtzeitig zu starten, weil sie versäumt haben den Zündschlüssel rechtzeitig zu drehen und nicht schon vor der Gelbphase nervös loszurollen.
Auch Philippe gehört zu den Verkehrsteilnehmern, die ihren Wagen abstellen, sobald das Auto vor ihm mit blinkenden Bremslichtern zum Halten kommt. Er gehört zu denen, an denen man sich vorbeidrängelt, um sich vor sie zu setzen, sobald der Sicherheitsabstand zu groß wird, sobald die Lücke nur groß genug für das eigene Auto ist. Philippe hasst das Autofahren, er verflucht jede einzelne Sekunde davon, er hasst es, sich eine Maske aufziehen zu müssen, die die Luft filtert, bevor sie in seine Lunge dringt, weil er es nicht aushalten kann, in dem engen Jeep zu sitzen, ohne jedes einzelne Fenster aufzukurbeln. Er hält die Enge nicht aus, diesen entsetzlichen geschlossenen Raum, in den er sich fünf bis sechs Tage die Woche begeben muss, um zur Arbeit zu fahren. Nur wenn er die zierliche Hündin mal zum Arzt fahren muss, hält er die Fenster geschlossen, damit sie nicht den Abgasen ausgesetzt ist, nur dann kann er es, nur wenn er es wirklich muss, hält er es in dem engen Jeep mit geschlossenen Fenstern aus. Der alte Jeep besitzt zwar eine Klimaanlage, jedoch schaltet Philippe sie nie an, er versteht nicht, warum die Menschen sich zu teure Klimaanlagen in zu teure Autos bauen lassen, nur um sich für wenige Stunden ihres Tages falsche Temperaturen vorgaukeln zu lassen. Der Schock, den der Körper hat, jedes Mal, wenn er das klimatisierte Auto verlässt, war es Philippe wirklich nicht wert.
Wieder lugt er auf die Uhr: 5:10 a.m., in zwei Minuten muss er bei der Arbeit sein, wenn er es seinem Captain recht machen möchte. Seine Augen fliegen über die verstopften Straßenblöcke, die er noch abfahren muss, vor sechs Uhr würde er nie auf dem Department sein. Genervt schlägt er seinen Kopf ein paar Mal gegen das Lenkrad und verharrt so einige Sekunden, bevor er erneut zum Handschuhfach greift, dann aber doch den Kopf schüttelt und die Aufmerksamkeit zurück auf die Straße richtet. Vor ihn schiebt sich gerade ein Auto in den zu groß gewordenen Sicherheitsabstand, schulterzuckend wischt er sich mit dem Handrücken über die nasse Stirn, zupft die Maske über Mund und Nase wieder gerade, lässt den Blick in die Fahrerkabinen der anderen Autos schweifen und versucht entspannt zu bleiben. Neben ihm, in einem uralt aussehenden Fiat Punto, schaut ihm die Fahrerin geradewegs in die Augen. Für einen flüchtigen Moment treffen sich ihre Blicke, für diesen Bruchteil eines Augenblicks betrachtet er sie. Die kurzen blonden Haare, die sie in einem dünnen Zopf aus dem Gesicht geflochten hat, die eine Strähne, die ihr immer wieder ins Gesicht rutscht und die sie dann, mit einer hastigen Handbewegung, wieder hinter ihr Ohr sperrt, und die frisch aussehende Prellung über ihrer Schläfe, die selbst das Make-up nicht verbergen will. Auch ihre Fenster sind geschlossen, trotzdem kann Philippe den älteren Song hören, der laut aus dem Innenraum schallt: „Brighter than the Sun“ singt sie dabei lautstark mit und als ihr und Philippes Blick sich treffen, grinst sie beschämt und sieht zu Boden. Lachend fliegen ihre Augen zurück auf den Mann im Jeep und mit ausgestrecktem Zeigefinger deutet sie auf das dritte Auto, das sich vor Philippes Wagen schiebt. Philippe, der ihrem Finger mit den Augen gefolgt ist, zuckt erneut mit den Schultern und lacht ihr entgegen. Sie lächelt mitleidig zurück und schießt sich mit einer Fingerpistole eine unsichtbare Kugel in den Kopf. Mit heraushängender Zunge simuliert sie dabei den Tod durch ihren Finger. Ein lautes Lachen schallt durch den Jeep, die Maske über Mund und Nase verrutscht dabei, so dass auch die Frau im Fiat Philippes Lachen sehen kann. Kopfschüttelnd wirft sie ihm noch ein Augenzwinkern zu, bevor sie die freie Lücke vor dem Jeep mit ihrem Fiat füllt.
Um 5:56 a.m. stellt er den Jeep endlich in der dunklen Tiefgarage ab. Erschöpft zieht er sich die Maske vom Gesicht und hustet einige Male den Feinstaub aus, den der Filter nicht auffangen konnte. Schnell beugt er sich zum Beifahrersitz und kurbelt das Fenster nach oben. Nachdem er auch das Fahrerfenster geschlossen und sich vergewissert hat, dass er auch wirklich den Autoschlüssel aus dem Wagen in seine Tasche gesteckt hat, wirft er die Autotür zu. Während er auf seinem Handy die vielen E-Mails beantwortet, für die er am Morgen keine Zeit gefunden hat, läuft er durch das Grau der muffigen, nach Abgasen riechenden, aber immerhin kühlen Tiefgarage. Bevor er die Tiefgaragentür mit dem Fuß aufschiebt, wirft er noch einmal einen flüchtigen Blick auf die für diese Uhrzeit erstaunlich volle Tiefgarage und schlüpft dann, die dunklen Augen wieder auf sein Handy gerichtet, durch sie hindurch. Die steile Treppe durch das enge Treppenhaus spurtet er nach oben, um den schmalen, fensterlosen, engen Wänden möglichst schnell zu entkommen. Am Treppenabsatz angekommen, fliegt er hastig durch die Tür zu den Büros hindurch und kann gerade noch bremsen, bevor er seinem Chef in vollem Lauf in die Arme stürzt. „Lafin! Dass ich Sie heute nochmal hier antreffen darf“, grob packt ihn der Captain an den Schultern und schiebt ihn zurück auf den Abstand, den man zu seinem Chef einzuhalten hat, „haben Sie mal auf die Uhr geschaut?“ Ein Ziffernblatt wird ihm ins Gesicht gehalten. Philippe blinzelt, um seine Augen auf die ungewohnte Nähe, in der das Ziffernblatt schwebt, einzustellen. Es gelingt ihm nicht. „Oh! Und Lafin, kommen Sie mir jetzt nicht mit losen Ausreden wie dem Verkehr, das will ich mir jetzt gar nicht anhören, das Einzige, was ich nämlich sehe, ist Ihre Unfähigkeit es mir recht zu machen.“ Philippe schnappt einige Mal verlegen nach Luft, bevor er sich entschließt seinem Chef nur mit einem knappen Nicken Verständnis vorzugaukeln. „Sehr gut Lafin, immerhin wissen Sie, wann es sich zu schweigen lohnt! Hier sind Ihre Aufgabenbereiche.“ Zwei dicke Ordner fallen in Philippes Arme. „Sir, ich bitte um Entschuldigung für meine Unwissenheit, aber was ist denn überhaupt passiert?“ Der Captain hält mitten in seiner wilden Gestikulation inne, streicht sich über den vollen grauen Schnäuzer, räuspert sich, schiebt sich näher an Philippe heran und spricht etwas leiser, weniger gestikulierend, weiter. „Haben Sie den § 4253 noch im Kopf.“ Philippe wirkt verwirrt. „Sie meinen den unausführbaren Umweltparagrafen?“ Der Captain scheint erleichtert, nicht auf vollkommene Ahnungslosigkeit zu treffen. „Ja genau den. Leider hat sich herausgestellt, dass der gar nicht mal so undurchführbar ist, wie man sagt.“ Der volle Schnäuzer rückt noch ein wenig näher an sein Ohr und Philippe kann das Rasierwasser riechen, das sein Chef schon seit er ihn kennt benutzt. „Sie haben diesen Paragrafen nun verabschiedet. Zunächst wird nur der erste Absatz bekannt gemacht, aber glauben Sie mir Lafin, da kommt noch sehr viel mehr, da kommen Dinge, die wir nicht unter Kontrolle haben werden. In einer Kleinstadt in Deutschland hat es gestern Abend deswegen eine Massenschlägerei in der Spätschicht eines Autokonzerns gegeben. Lafin, es gab achtzehn Verletzte und sechs Tote, wovon vier verbrannt sind. Ich meine es ernst, ich brauche Sie hier. Was der erste Artikel ist und welche folgen werden, steht alles in den Unterlagen, aber bitte,“ sein Chef sieht sich verstohlen um, bevor er weiterspricht, „bitte behalten Sie die anderen Artikel erstmal für sich, diese Informationen sind nicht für alle Ohren hier bestimmt. Wenn die Öffentlichkeit zu früh davon erfährt, bricht eine Massenhysterie los, die keiner von uns aufzuhalten vermag.“ Mit diesen Worten wendet sich der Captain von Philippe ab und hastet in die Richtung, aus der er gekommen ist. Bevor er hinter seiner Bürotür verschwindet, ruft er dem immer noch verloren im Flur stehenden Philippe noch zu: „Ah und Lafin, vergessen Sie Ihre Waffe nicht, die werden Sie heute sicher brauchen!“ Dann zieht er die Milchglastür hinter sich ins Schloss und lässt Philippe mit den vielen Informationen zurück, die sich hinter den Deckeln der schweren Ordner verbergen.
Als Philippe die Ordner auf seinen schmalen Schreibtisch fallen lässt, kommt es ihm vor, als würde mit dem dumpfen Schlag, den die schwarzen Deckel beim Aufprall auf die glatte Oberfläche erzeugen, auch in seinem Kopf ein dumpfer Schlag gegen seine Schläfen drücken und so unheilvolle Informationen ankündigen, die besser hinter den dicken Pappdeckeln versteckt geblieben wären. Beim Herabbeugen, um die Papiere aufzuheben, die durch den Aufprall vom Tisch geweht worden sind und zu deren Abarbeitung er vor dem eigentlich geplanten freien Tag nicht mehr gekommen ist, tritt einer seiner Kollegen in das winzige Büro. Geübt schiebt er sich an den Aktenschränken vorbei, auf denen immer noch unsortierte Papiere und Beweisfotos darauf warten zu ihren passenden Akten sortiert zu werden, und bringt hie und da einen zu hoch gewordenen Turm zum Schwanken. Mit einem schelmischen Lächeln sieht er auf Philippe herab, der nun gerade auf allen Vieren krabbelnd dabei ist unter seinem Schreibtisch zu verschwinden, um auch noch das letzte Blatt an seine Stelle zurückzulegen. „Na, suchst du auf dem Boden nach deinem geraubten Urlaubstag?“ Erschrocken springt Philippe auf, funkelt seinen Kollegen wütend entgegen und schlägt das wiedergefundene Blatt mit solcher Wucht zurück auf den Schreibtisch, dass die zuvor zusammengeklauten Papiere wieder vom Tisch segeln, gerade so, als wollten sie vor der Brutalität fliehen, die sich so rasant über das winzige Büro ausgebreitet hat. Sein Kollege, der nicht mit dieser Reaktion gerechnet hat, zuckt erschrocken zusammen, schlägt die Fersen aneinander und verschränkt demütig die Arme hinter dem Rücken. Für einen Moment ist es ruhig, die beiden Männer schweigen, ohne einander in die Augen zu sehen. Dann nach schier endlosen unangenehmen Sekunden, die mit der Langsamkeit vergehen, die Philippe sich am Morgen gewünscht hätte, räuspert er sich, um seiner Stimme die Härte zu nehmen, und erhebt das Wort. „Dorian, ich habe heute echt eine ganze Menge Arbeit vor mir.“ Dabei stellt er die Fingerspitzen auf einen der Ordnerdeckel, so, als vermeide er einen zu engen Kontakt zu den Geheimnissen, die sich darunter verbergen. „Die beiden Ordner muss ich unbedingt und schnellstmöglich durcharbeiten, bevor ich heute irgendetwas anderes machen kann. Sie kommen vom Captain.“ Der rothaarige Mann, der eingeschüchtert im Raum steht, redet leise und sehr viel distanzierter und respektvoller als zuvor. „Wenn er dich extra reinholt, um Akten zu bearbeiten, scheint es ihm aber wirklich wichtig zu sein. Ich verstehe das auch, Philippe, aber du bist immer noch für uns zuständig und wir würden alle gerne wissen, was da draußen los ist und warum wir heute in aller Herrgottsfrühe im Department sein sollten.“ Auf den fragenden Ausdruck, den Philippe anscheinend als ungewollte Antwort entgegnet, hält ihm der Mann sein Funkgerät hin und dreht es am Regler lauter, damit Philippe den Sturm in voller Stärke hören kann, der sich in seinem Büro sofort ausbreitet und wütend, ohne eines der Blätter aufzuwirbeln, verbreitet.
Die Unglücksnachrichten reihen sich dicht an dicht aneinander, die Zentrale kommt kaum hinterher die vielen Streifenwagen an die Einsatzorte zu schicken und viele der Funkrufe, die von den Kollegen auf Streife zu hören sind, die Verstärkung bei Raubüberfällen, Bränden und Plünderungen brauchen, gehen in den vielen neuen Meldungen und Einsatzorten zumeist einfach unter. Philippes Augen sind zusammen mit denen seines Kollegen auf das Funkgerät gerichtet, wieder schweigen beide Männer, diesmal aus Entsetzen, und starren, von Meldung zu Meldung, von Funkspruch zu Funkspruch, besorgter auf das Funkgerät. Erst als Philippe es nicht mehr ertragen kann, schnappt er sich das Gerät, dreht es mit bebenden Fingern aus und beugt sich, ohne dabei ein Wort an Dorian zu richten, zu dem kleinen grauen Safe herunter. Flink tippt er den Code ein, lässt eine Hand in den Innenraum gleiten und greift respektvoll zu dem Gegenstand, der sich hinter den dicken Wänden versteckt hält. Das schwere Metall der Pistole ist kalt. Geübt lädt er eine Patrone nach der anderen in das leere Magazin und befestigt Holster und Waffe an seinem Gürtel, vergewissert sich noch einmal nach dem richtigen Halt und lässt dann erst die Schnalle über den kühlen Griff schnalzen. Anschließend sieht er zum ersten Mal an diesem Morgen in die hellbauen Augen seines Freundes. „Dorian, wir müssen einen Sturm aufhalten, die Bevölkerung hat den ersten Absatz erfahren und wer weiß, was uns da draußen heute erwartet. Die Ordner müssen warten.“ Nachdem Philippe das ausgesprochen hat, klopft er auf den Deckel der dicken Ordner, ganz so, als würde er den Geheimnissen dahinter den Kampf ansagen, bevor er mit dem noch immer verwunderten Dorian das staubige Büro verlässt.
8. Rügen, Deutschland
Ein stechender Schmerz. Er blinzelt. Einmal. Zweimal. Eine leichte Drehung zur Seite. Wieder ein stechender Schmerz. Was war passiert? Da sind keine Geräusche, eine schreiende Stille oder ist da doch etwas? Da ist doch ein Klopfen? Oder ist es nur sein eigenes Herz, das er hört? Nein, da ist es wieder, viel zu unregelmäßig für einen Herzschlag. Vorsichtig versucht Paul seine Augen zu öffnen, doch irgendetwas hält ihn davon ab. Oder hat er die Augen offen und ist es nur dunkel, so dunkel, dass er es nicht unterscheiden kann? Wo ist er überhaupt? Liegt er oder steht er? Wieso kann er da keinen Unterschied machen? Wieder ein Klopfen, nun unterstützt durch ein Beben. Bebt er? Oder ist es der Boden? Dann plötzlich und vollkommen unerwartet löst sich etwas von ihm, etwas sehr Schweres scheint sich von seinem Körper zu entfernen, es scheint fast so, als würde jemand einfach ein Teil von Paul wegnehmen und es mit sich nehmen. Es folgt eine Erleichterung, er fühlt sich leicht und endlich so, als würde er wieder Luft bekommen. Gierig saugt Paul die Luft um ihn in seine Lungen, doch anstelle des erhofften Sauerstoffs atmet er nur den heißen Rauch ein, der sich um ihn herum auszubreiten scheint. Dem Schmerz durch die Hitze, dem panischen Versuch den heißen Rauch wieder auszuhusten und dem darauffolgenden verzweifelten Ringen nach frischer Luft folgt die Erinnerung, die sich wie eine Explosion in seinem Kopf Platz zu machen versucht. Die Firma, ein Feuer, der § 4253, das Produktionsende, der Schlag auf seinen Hinterkopf und die darauffolgende Dunkelheit. Die Erkenntnis über seinen Aufenthaltsort lässt Paul panisch werden, verzweifelt versucht er Helligkeit zu erlangen, doch mehr als das rote Licht der Flammen dringt nicht durch Pauls geschlossene Lider. Wieso bekommt er seine Augen nicht auf? Hustend und nach Luft ringend rollt er auf dem heißen Boden hin und her und versucht panisch seine Beine auf den Boden zu stellen und sich zu erheben, doch sein Kopf will es nicht zulassen. Alles dreht sich, er kann einfach nicht herausfinden, wo oben und wo unten ist. Wenn er nur endlich Luft bekommen würde. Da, wieder dieses Klopfen, aber das ist kein Klopfen, da ist Paul sich mit jedem Mal sicher, es ist eine Stimme, eine tiefe schreiende Stimme. Sie muss zu einem Mann gehören. Da war doch jemand. Wieder ein Rufen, jemand ruft seinen Namen. Dann hebt er vom Boden ab, für einen Moment scheint es, als würde er fliegen, doch dann spürt er die zwei Hände unter seinen Axeln, die an ihm zerren. „Paul, Paul, Paul, Paul, bitte, bitte, komm doch zu dir, ich bekomme dich nicht hoch, Paul, bitte.“ Er kennt diese Stimme, langsam wie in Zeitlupe versucht er die Lippen voneinander zu lösen und etwas zu sagen. „Peeelix?“ ist das Einzige, was er herausbekommt, bevor er wieder hustend zu Boden fällt. „Ja Paul, ich bin es. Oh bitte, bitte, wir müssen hier weg, die Stahlträger können das Gebäude nicht länger aufrecht halten, noch ein paar Sekunden und wir sind zerquetscht, bevor wir verbrannt sind.“ Zerquetscht. Verbrannt. Hier weg. Die Worte schallen in Pauls Gehörgang. „Ugen, Ugen, nicht psehen.“ „Ugen? Oh Paul, ich versteh dich nicht.“ Unter all seiner Kraftanstrengung versucht Paul, seine Hände vor sein Gesicht zu halten, der Bewegung folgen jedoch nur weitere Schmerzen, die ihn zusammenzucken lassen. Felix, der die Andeutung, jetzt endlich verstanden hat, reagiert nur mit noch mehr Panik in seiner Stimme. „Ah, deine Augen, du kannst nichts sehen! Bitte Paul, das ist jetzt erst mal egal, ich führe dich, aber bitte erhebe dich doch.“ Wieder ein Zerren unter seinen Axeln. Noch einmal versucht Paul seine Kraft zu bündeln. Warum ist nur alles so anstrengend? Unter entsetzlichen Schmerzen hilft er seinem Freund ihn vom Boden zu stemmen. Es kostet ihn all seine Kraft den Boden zu verlassen, doch diesmal gelingt es den beiden Männern. Leicht auf seinen Freund gestützt, setzt Paul einen Schritt vor den anderen und sie setzen sich endlich in Bewegung.
Es ist das Einzige, auf das er sich konzentrieren kann. Immer wieder wird das rot-gelbe Licht hinter Pauls Lidern intensiver, hier und da ist die Hitze, die an Haut und Haaren leckt, kaum aushaltbar, aber egal was, Paul setzt immer wieder einen Schritt vor den anderen. Manchmal krallen sich Felix’ Finger fester in seinen Arm und hier und da wimmert Felix neben ihm unverständliche Wortfetzen. Irgendwann scheint es Paul, als würden die Schritte leichter, als würde die Hitze um ihn herum einer angenehmen Wärme weichen, und der Wärme folgt, wieder ein wenig später, eine Kühle. Ja, es wird fast schon kalt um ihn, auch das rote Licht hinter seinen Lidern weicht schlagartig der Dunkelheit. Felix Fingernägel lösen sich aus seinem Arm und Pauls Stütze klappt abrupt darauffolgend nach unten. Durch den plötzlichen Stützverlust bricht auch Paul zusammen, seine Knie schlagen auf dem Boden auf, sein Oberkörper kippt nach vorne und zum zweiten Mal an diesem Tag verliert er das Bewusstsein.
Es ist schwer gewesen. Felix kann im Nachhinein auch gar nicht sagen, wie die Situation in der Werkshalle so plötzlich außer Kontrolle geraten konnte. In einem Moment hatte Paul mit seiner Rede alles im Griff und im anderen Moment brannte ein großer Teil der Werkshalle lichterloh in Flammen. Das Einzige, was er noch weiß, ist, dass, nachdem die Arbeiter die Treppe gestürmt haben und in die oberen Stockwerke eingedrungen sind, nichts mehr so ist, wie er es kennt. Er ist auch mehr als nur entsetzt über das Bauverbot und den damit zusammenhängenden Produktionsstopp, er ist auch sauer und hätte am liebsten die ganze Welt dafür verantwortlich gemacht, er hätte genauso gerne irgendetwas Greifbares kleingehackt, aber dass es so weit kommen würde, nein, damit hat niemand rechnen können. Die Meute, die die Treppe stürmt, sind alles Menschen, mit denen Felix jahrelang zusammengearbeitet hat, und von einem Moment auf den anderen verwüsten sie die Einrichtung, prügeln, stehlen und zündeln. Ist es das, was Unwissenheit und Ungerechtigkeit mit Menschen macht? Felix weiß es nicht. Nachdem er aber nach dem groben Sturz auf die Treppe zu sich kommt, sieht er genau das überall um sich herum.
Er reibt sich seinen schmerzenden Ellbogen, Kopf und Rücken, streckt die Gelenke und versucht die Verspannung aus seinem Nacken zu lösen, die sich durch das Nach-hinten-Fallen und den harten Aufprall festgesetzt haben. Dann steht er auf und beäugt die komplett leere Werkshalle. Keiner ist da. Das hat Felix noch nie gesehen, normalerweise laufen die Maschinen und Roboter Tag und Nacht und selbst während des Schichtwechsels alle neun Stunden bleiben die Maschinen nicht stehen. Doch jetzt läuft keine einzige Maschine und kein Einziger seiner Kollegen bevölkert die Halle. Hinter ihm zerspringt eine Glasscheibe, dem Klirren folgen ein freudiges Lachen und der dumpfe Schlag eines größeren Gegenstands. Als hätte dieses Geräusch seine Sinne geschärft, hört er jetzt auch die Rufe der anderen, die aus den oberen Büroräumen kommen. Hastig und mit großen Sprüngen eilt er mit seinen langen Beinen die Stufen nach oben und betritt das Stockwerk, in dem auch Paul zuvor verschwunden ist. Vor seinen Augen tobt das reinste Chaos, angsterfüllt über die Situation bleibt er in dem Gang stehen und erstarrt durch den Schock des Anblicks. Das große Kopiergerät liegt neben der Kaffeemaschine in einem Scherbenhaufen, der wohl von der Glasscheibe des Aufenthaltsraums kommt. Zwei Männer, die normalerweise zwei Stationen vor Felix arbeiten, treten auf den Kopierer ein, der als solcher kaum noch zu erkennen ist. Unter seinen Schuhen knirscht das Glas, das überall im Flur liegt. „Mending! Komm her und hilf uns die Faxgeräte zu holen“, ruft ihm einer der Männer zu. Felix, der sich erschrocken aus seiner Erstarrung löst, starrt angeekelt in Richtung der Männer, dreht sich auf dem Absatz um und rennt wortlos die zweite Treppe zu den Büros nach oben. Hier ist es fast noch schlimmer als im Gang zuvor, offenbar hat die Meute am Flur zuvor ihren Spaß verloren und begonnen die oberen Büroräume zu zerfetzen. Einige der Frauen, die sonst in der Lackiererei arbeiten, tragen den schweren, klobigen Schreibtisch aus Pauls Büro und versuchen ihn, unter tosendem Beifall, die Treppe hinunterzuschieben, die Felix gerade nach oben gekommen ist. Schnell weicht er dem schweren hölzernen Schreibtisch aus, der mit einem gewaltigen Poltern die Treppe heruntersegelt. In Felix beginnt Hass zu brodeln. Es ist purer Hass, der sich in Felix’ Körper ausbreitet. Sollten die sich doch an ihren eigenen Sachen vergreifen. Wütend packt er eine der Frauen, um sie zur Rede zu stellen, doch noch bevor er seinem Ärger Luft machen kann, segelt eine Faust gegen seine Schläfe. Er taumelt. Der Schmerz, den sein Körper vorausschickt, tritt schneller ein als die Erkenntnis, was gerade geschehen ist. Die Frauen und Männer um ihn herum schreien und jubeln, als er zu Boden geht. „Das hast du jetzt davon, Felix, wenn du immer mit den Obrigkeiten in die Pause gehst.“ Ein heftiger Tritt fährt in Felix’ Magengrube und lässt ihn sich auf dem Boden krümmen. „Na Felix, wie gefällt dir das? Jetzt ist nicht mehr der große, starke Paul Barens da, der dich beschützen wird, was?“ Ein zweiter Tritt folgt und dem ein dritter und vierter. Felix’ Kopf dröhnt und irgendetwas in ihm schaltet auf Automatik. Er schließt die Augen und lässt es geschehen. Doch nachdem der fünfte Tritt sein Schienbein trifft, hören die Schreie plötzlich auf, es scheint, als wäre einer aus der Meute hervorgetreten, um für Felix einzuspringen, als wäre einer gegen das, was da gerade geschieht, und würde nicht nur zusehen und es geschehen lassen. Die Kerle, die zuvor noch auf Felix eingedroschen haben, lassen von ihm ab und drehen sich in die Richtung, aus der der Einwand gekommen ist. Es folgen einige hitzige Worte, die Felix über das Dröhnen in seinem Kopf nicht verstehen kann. Dann ein wildes Wortgefecht und ehe er sich versieht, liegt er inmitten einer riesigen Schlägerei. Panisch beginnt er sich zwischen der trampelnden Horde nach vorne zu ziehen, immer ein kleines Stück weiter, ganz langsam, ganz vorsichtig. Hier und da tritt ihm jemand auf die schmerzenden Finger oder fällt versehentlich über ihn, aber irgendwann, nach einer schieren Ewigkeit, hat Felix die blaue Tür erreicht, durch die Paul früher am Tag mit dem zerknüllten Brief von Dukjon gerauscht ist. Mit zitternden, gekrümmten Fingern lässt er sie vorsichtig und so leise wie möglich ins Schloss fallen, lehnt sich mit pochendem Gesicht gegen sie, um sie wenigstens mit seinem Gewicht zuzuhalten, und hofft, so stark er kann, dass er als Einziger dieses Versteck wählen wird. Ihm wird schwarz vor Augen, der Raum um ihn herum beginnt sich zu drehen, schneller und schneller, bis er es nicht mehr schafft seinen Magen zurückzuhalten. Er lehnt sich zur Seite, eine Hand in der Magengegend, die andere zur Stütze auf den Boden, und erbricht sich. Nach der kurzen Erleichterung, die darauffolgt, überkommt ihn die Müdigkeit. Eine Müdigkeit, die so bleiern auf seine Augenlider drückt, dass es unmöglich scheint sich gegen den Drang zu wehren, die Augen nicht doch für einen kurzen Moment zu schließen. Kurz bevor sein Körper sich krampfhaft nimmt, nach was er verlangt, denkt Felix noch das Adrenalin lässt nach, doch dann ist er bereits zur Seite gekippt und fällt in einen unruhigen Schlaf, der wenig Erholung bringen soll.
Ist es der stechende Qualm oder dieses erschreckend laute Geräusch? Er kann es nicht sagen, aber irgendetwas reißt ihn aus seinem Schlaf. Abrupt stemmt er sich vom Boden hoch und stellt sich auf seine Beine. Sein Körper, der auf das unsanfte Erwachen und das damit einhergehende plötzliche Erheben nicht vorbereitet ist, schickt Felix sogleich die Quittung. Seine Augen rollen nach oben, ihm wird wieder schwarz vor Augen, sein Magen krampft sich schmerzend zusammen und versucht sich erneut zu entleeren. Felix hustet die Galle auf den Boden des Büros, mit einer Hand hält er sich an der Kleiderstange fest, die ohne Pauls Jacke erstaunlich viel Stabilität bietet. „Scheiße!“, ruft er. „Verdammte Sch…“ Er verstummt, irgendetwas stimmt nicht, im Flur ist es still, viel zu still für Felix’ Geschmack. Er stolpert leicht hinkend auf den mit Rauch gefüllten dunklen Flur und fällt beinahe über den Körper, der regungslos vor der Tür am Boden liegt. Schockiert beugt er sich zu ihm herunter. Auf den ersten Blick sieht er unverletzt, beinahe schlafend aus, wenn da nicht das viele Blut wäre, das aus seinem Rücken dringt und von einer Wunde stammen muss, die Felix nicht lokalisieren kann. Vorsichtig tippt Felix dem Mann mit seinem Zeigefinger auf die Wange und fährt erschrocken zur Seite. Die Wange des Mannes ist trotz der Hitze des Flurs eiskalt. Felix, der sich konzentriert versucht zusammenzureißen, schiebt den Arm des auf dem Rücken liegenden Mannes unter seinen Bauch und zieht dann von der anderen Seite kraftvoll an seinem Handgelenk. Dank Hebelwirkung rollt der Bewusstlose erst zur Seite, dann auf seinen Rücken. Seine Augen sind merkwürdig aufgerissen. Einer Vorahnung folgend schiebt Felix Zeige- und Mittelfinger unter das Kinn des Mannes und tastet nach seinem Puls. Vergebens greift er auch nach Schläfe und Knöchel, doch auch dort fühlt er nicht das erhoffte Pochen. Die Erkenntnis seiner Informationen folgt sogleich und lässt Felix gefrieren. Der Mann hat keinen Puls und der Körpertemperatur nach ist das schon eine ganze Weile so. Wieder krampft sich Felix’ Magen unangenehm zusammen, dieses Mal widersteht er aber dem Bedürfnis sich zu übergeben und presst sich stattdessen eine Hand auf den Mund. „Hilfe! Hilfe, ich brauche Hilfe!“, schreit er in den dunklen Rauch hinein, so laut, dass er fühlt, wie seine Stimmbänder beben. Er schreit weiter, noch lauter als zuvor, aber keiner kommt die schmale Treppe nach oben, keiner wird ihm helfen. Keiner. „Okay Felix, behalte die Nerven, es wird keiner kommen, aber hey, egal, wer braucht schon Hilfe? Ich? Nein. Ich brauche …, ich brauche …, ja ich brauche Licht“, wispert er hysterisch zu sich selbst. Vorsichtig erhebt er sich und läuft mit dem Blick zum Boden gerichtet den Flur entlang, bis er die schmale Treppe erreicht. Mit zitternden Knien, die bei jedem Schritt drohen unter seinem Gewicht nachzugeben, nimmt er Stufe für Stufe, bis ihn der klobige Schreibtisch am Weitergehen hindert. Der untere Flur ist noch dichter vom Rauch durchzogen und schickt immer wieder dicke Rauchwolken über Felix’ Kopf hinweg den Treppenaufgang nach oben. Mit seinen Händen stützt er sich bedacht auf den Schreibtisch und rüttelt einige Male fest an ihm. Er bewegt sich keinen Zentimeter, er bleibt fest eingekeilt zwischen Holzgeländer und Wand. Langsam und immer noch skeptisch zieht er seine Knie auf die schräge Tischplatte und lässt sich langsam über die akten- und papierlose Platte gleiten. Auf der anderen Seite angekommen, versucht er auf den letzten Stufen Halt zu gewinnen und betet inständig zu einem Gott, an den er nicht glaubt, dass Paul seine seit Jahren gleiche Ordnung nicht geändert hat. Mit schweißnassen Fingern und halbwegs stabilem Stand greift er zu der schweren Holzschublade und zieht sie mit einem kräftigen Zug zu sich heran. Mit einem Scheppern folgt sie dem Zug und kracht, dank Felix’ flinken Reflexen, nicht auf seine Füße, sondern auf die letzte Treppenstufe. Schnell, als könne ihm der Inhalt entkommen, beugt sich Felix zu ihr herunter und kramt einige Sekunden lang in der Unordnung der Schublade, bis er findet, wonach er gesucht hat. Die kleine schwarze Taschenlampe, die er zum Vorschein bringt und die den Sturz von der Treppe glücklicherweise überlebt hat, klemmt er sich zwischen die Zähne, um die Hände weiter frei zu haben. Mit Bedacht klettert er zurück über den Schreibtisch und folgt dem Treppengeländer nach oben.
Am Absatz angekommen schaltet er die Taschenlampe ein und seine Augen folgen dem kegelförmigen Lichtstrahl durch den Raum. Da liegt doch noch jemand im Flur? Gebannt kneift er seine Augen zusammen und blinzelt durch den Rauch hindurch. Ja, da liegt noch jemand im Flur. Mit sicheren, aber hastigen Schritten springt er über den reglosen Körper, den er zuvor untersucht hat, und krabbelt auf allen Vieren zu der bewegungslosen Person, die er am Boden entdeckt hat. Es ist eine Frau, Felix leuchtet ihr ins Gesicht, sie ist bewusstlos. Ihre Nasenlöcher sind durch den Ruß der Luft dunkel gefärbt, das heißt, dass sie atmet oder es zumindest vor wenigen Minuten noch getan hat. Felix’ Finger wandern diesmal direkt an ihren Hals. Sie spüren den leichten Puls ihrer Adern. Erleichterung. Hektisch schreit Felix die am Boden liegende an und rüttelt an ihren Schultern. Er ist nicht allein, hier ist noch jemand. „Hallo, hallo, hören Sie mich? Sie müssen aufwachen, ich brauche ganz dringend Ihre Hilfe, bitte kommen Sie, werden Sie wach!“ Nichts rührt sich. Felix wird immer nervöser, eine Träne rollt ihm über sein mit Ruß gefärbtes Gesicht. „Ganz ruhig Felix, denk nach, denk einfach nach, was machst du jetzt? Oder, was würdest du machen, wenn du nicht völlig in Panik ausbrechen würdest?“ Eine kleine, über das Dröhnen in seinem Kopf kaum hörbare Stimme schreit in ihm leise, aber stetig: „Renn weg! Rette deinen eigenen Arsch, du hast zwei Kinder und einen Partner zu Hause, keiner würde es dir übelnehmen.“ Felix schüttelt den Kopf. Nein, das ist keine Alternative, er würde, wenn er das tut, nie wieder in den Spiegel sehen können, das ist ihm trotz des Chaos der Situation wohl bewusst. Angespannt packt Felix den Kopf der Frau, dreht ihn zur Seite und greift instinktiv mit der freien Hand in ihren Mund. Wie zur Bestätigung fühlt er etwas Schleimiges an seinen Fingern. Er formt seine Hand zur Schaufel und schiebt das kühle Erbrochene aus dem Hals der Frau. Sein Magen krampft, aber die Konzentration der Situation lässt ihn den Würgereflex unterdrücken. Als er den Atemweg der Frau befreit hat, zieht er ihren Kopf nach oben und drückt ihre Nase mit zwei Fingern so zu, dass beim Beatmen über den Mund, die Luft nicht entweichen kann. Dabei versucht er möglichst wenig durch seine Nase zu atmen, um dem süßlichen Geruch des Erbrochenen zu entgehen. Diesmal fruchten seine Wiederbelebungsversuche. Hustend und röchelnd kommt die Frau zu sich, sie würgt einige Male und keucht nach Luft, bevor ihre Augen sich scharf stellen und sie Felix, der immer noch über ihr kniet, erblickt. Immer noch ein wenig dämmrig drückt sie Felix’ Hand mit der Taschenlampe zur Seite und der Lichtkegel wandert von ihrem Gesicht auf die fast schwarze Flurwand. „Was ist passiert? Wo ist … egal … sind Sie alleine?“, stammelt sie, während sie mit der freien Hand ihren blutenden Kopf hält. „Ich weiß es nicht so wirklich, ich bin auch gerade erst wieder zu mir gekommen, aber da im Flur liegt ein Mann, er hat keinen Puls, ich glaube er ist, …, ich glaube er …“ Felix bekommt es nicht über die Lippen. Die Frau blickt ihn fast genervt an, zieht eine Augenbraue nach oben, stößt Felix zur Seite und robbt über dem Boden zu dem leblosen Körper. Sie beugt sich über ihn, legt ihren Kopf auf seine blutgetränkte Brust und schüttelt seinen Kopf hin und her, bevor sie sich wieder zu Felix umdreht und nickt. „Er ist tot“, beendet sie Felix’ Satz. „Oh Gott, oh Gott.“ Felix schlägt, nach Luft ringend, die Hände über den Kopf zusammen und lehnt sich wimmernd gegen die Flurwand. Doch noch bevor Felix’ Verstand der Panik weichen kann, rasselt eine glatte Handfläche gegen seine Wange. Schockiert sieht er die Frau an, die vor ihm kniet. „Aua! Sagen Sie mal, geht es noch?“ Die Frau wirkt gefasst. „Ja danke, alles bestens, noch geht es, aber wenn das Feuer noch länger an den Stahlträgern leckt, geht es für uns beide nur noch in eine Richtung und das ist nicht die nach draußen. Also wenn Sie nicht heute schon in den himmlischen Express einsteigen wollen, dann reißen Sie sich endlich am Riemen. Fühlen Sie das?“ Er folgt der Bewegung ihrer Finger, die sie gespreizt auf den Boden gedrückt hält. Ja, sie hat recht, der Boden unter Felix wird heiß, das kann nur eins bedeuten, auch ohne dass er besonders viel von Gebäudetechnik versteht, heißt das, dass sie genau über den Flammen sitzen und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis der Stahlträger im Boden einsacken wird und sie mit dem gesamten Flurboden in die Flammen stürzen. „Kommen Sie, Mann, wir müssen hier weg! Den da nehmen wir mit. Hier, fassen Sie mal mit an!“ Die Frau packt die Beine des Toten und winkt hektisch Felix zu sich heran, der immer noch auf dem immer heißer werdenden Boden sitzt. Entsetzt sieht er noch einmal zu ihr herüber, bevor auch er aufspringt, die Schultern des Mannes packt und sie sich gemeinsam auf den Weg die Treppe hinunter machen. Der Schreibtisch stellt eine weitere Herausforderung dar; während die Frau, die vorangegangen ist, bereits über die Tischplatte gerutscht ist und nun grob an den Beinen des Mannes zieht, steht Felix mit dem Oberkörper in den Händen immer noch auf der anderen Seite. „Jetzt kommen Sie schon!“, zischt ihm die Frau entgegen. „Sie verletzen ihn doch nur noch weiter“, äußert sich Felix unsicher. Die Frau schaut ihm verständnislos entgegen, dann klettert sie über den Mann hinweg zu Felix hinüber. „Hören Sie, dieser Mann spürt keine Schmerzen mehr, da, wo er jetzt ist, bekommt er das alles hier gar nicht mit, vertrauen Sie mir.“ Die sanfte Stimme, die sie offenbar unter ihrem schroffen Auftreten verborgen hat, beruhigt seine Nerven, trotzdem stört ihn etwas an der Art, wie professionell die Frau die Situation angeht, und obwohl er sich in diesem Moment nicht fragt, warum es ihn so stört, läutet doch ein kleines Glöckchen ganz hinten in seinem Kopf Alarm. Es ist nur ein winziger Gedanke, den Felix später vergessen soll, etwas an dieser Frau ist komisch. Felix greift ein wenig fester unter die Schultern des Toten und hilft seiner Begleitung beim Überqueren der Schreibtischplatte, bevor auch er über den Mann hinweg auf die andere Seite klettert und ihr hilft, an den Beinen ziehend, den Körper über die Tischplatte zu wuchten.
Im unteren Flur angekommen, legen sie den regungslosen Körper für einen Moment ab, um sich den Rauch aus den Lungen zu husten. „Die Luft ist hier unten viel schlechter“, prustet die Frau Felix entgegen. „Ja, wir müssen uns beeilen, aber haben Sie das auch gehört?“ Ein Nicken. „Ja, was war das?“ Beide sehen in die Schwärze des Flurs, der sich vor ihnen in völliger Dunkelheit erstreckt. „War das ...?“ Sie kann ihren Satz nicht mehr zu Ende sprechen, da bricht mit einem lauten Knacken, Knirschen und Schlagen der obere Flur unter den Flammen zusammen. Mit entsetzten Gesichtern starren sie den Treppenaufgang nach oben, aus dem sie wenige Sekunden zuvor gekommen sind. Eine gewaltige Rauchwolke wird durch die Wucht des Aufpralls durch den Flur geschickt und bringt den beiden eine Welle aus heißer Luft, kleinen Holzspänen, die wie Geschosse durch die Luft fliegen, und einen Wind, der an ihren Haaren und Kleidern reißt. Felix drückt die Frau mit einer groben, aber im letzten Moment richtigen Gewalt zu Boden, so dass sie der Stichflamme noch rechtzeitig ausweichen können, die mit dem Windstoß gekommen ist. Für einen Moment erleuchtet der Raum in aggressiven Rot-, Gelb- und Blautönen. Kurz denkt Felix eine Frau im Schein der Flammen gesehen zu haben, aber er verwirft den Gedanken recht schnell wieder, denn als die Flammen sich wieder in dem Nichts aufgelöst haben, aus dem sie gekommen sind, liegt nichts als Leere vor ihnen. „Ist es vorbei?“, flüstert Felix’ Begleitung, gerade so leise, dass er es über das Fiepen in seinen Ohren hören kann. „Ich weiß es nicht, denke schon, geht es Ihnen gut?“ Vorsichtig tastet er nach der Frau, die er neben sich vermutet, doch statt der warmen Haut, die er erwartet, berühren seine Finger die eiskalten Lippen des Toten, der immer noch neben ihm liegt, und Felix jagt ein Schauer über den Rücken. „Ja, mir geht es gut und Ihnen, sind Sie verletzt?“ Langsam schiebt Felix ein Knie unter seine Hüfte und setzt sich auf. Wie zur Antwort auf ihre Frage schießt ein warmer Schmerz in Felix’ Schulter und etwas Heißes läuft ihm den Arm herunter. Mit zittriger Hand lässt er seine Finger über die Schulter gleiten, bis sie einen spitzen Gegenstand ertasten. Wieder meldet sich Felix’ geplagter Magen und er hustet heftig, da seinem Körper aber anscheinend die Flüssigkeiten ausgegangen sind, bleibt es bei einem trockenen Würgen. „Ja, mir geht es gut. Ich bin unverletzt“, lügt er in die Dunkelheit und hofft inständig, dass sie das Stöhnen, das er verlauten lässt, nachdem seine Finger den spitzen Gegenstand umfasst und mit schnellem Ziehen nach vorne aus seiner stechenden Schulter gezogen haben, nicht hören kann. Fast sauer, schnipst er den daumengroßen Holzsplitter zur Seite und versucht den Gedanken zu verdrängen, dass das Ding auch sein Auge hätte treffen können. „Können Sie die Taschenlampe sehen?“ Nur Dunkelheit. „Nein es ist zu dunkel, ich sehe sie nicht, wir sollten weitergehen, hier ist es nicht sicher“, entgegnet sie ihm. „Ja, ich weiß, aber kommt es mir nur so vor oder wird es da heller?“ Felix tastet erneut nach der Frau und bekommt diesmal ihren Ellbogen zu fassen, er zieht sie mit sich nach oben und beide starren, dicht an dicht, in den kleinen Lichtkegel, der sich vor ihnen auftut. Felix kann ihren heißen Atem an seinem Arm spüren. „Hallo, hallo? Ist da wer?“, ruft er.
Aus dem Schwarz des Flurs vor ihnen taumelt eine Frau. Ihr einst weißes Dukjon-T-Shirt ist grau vom Ruß und mit einer Hand presst sie es gegen Mund und Nase, in der anderen hält sie ein Handy, mit dessen Taschenlampe sie den beiden ins Gesicht leuchtet. Ein entsetzter Schrei entgleitet ihr und beinahe hätte sie ihr Handy fallen lassen, wenn Felix es nicht im letzten Moment, kurz vor dem Boden, aufgefangen hätte. Der hastigen Bewegung folgt eine Erinnerung an seine Schulter und er knickt stöhnend zusammen. Felix’ Begleiterin schnellt ihm hinterher und leuchtet mit dem Handy auf seine blutende Schulter. „Sie verdammtes Arschloch, Sie sind ja doch verletzt. Da, Sie bluten.“ „Das ist nichts“, flucht Felix und entreißt ihr das Handy. Mit der Hilfe der beiden Frauen kommt er wieder auf die Beine und die drei bleiben in einem Halbkreis stehen. Felix wischt der Frau, die aus dem Flur gekommen ist, den Ruß aus dem Gesicht und schreit erleichtert auf. „Cara! Oh mein Gott, es geht dir gut.“ Ungläubig gafft er Pauls Sekretärin an. „Ja, ich bin okay, aber habt ihr das gehört? Da muss was eingebrochen sein. Wir sollten verschwinden und Herrgott“, springt die rundliche Frau entsetzt zur Seite, „was ist mit dem Mann passiert?“ Felix folgt ihrem Blick, packt Cara an beiden Schultern und dreht sie von dem Toten weg. „Sieh da nicht hin, das ist jetzt alles unwichtig Cara, wichtiger ist, hast du Paul gesehen?“ Die Sekretärin windet sich erst in Felix’ Armen, dann lässt sie ihre Augen von dem Körper ab und sieht in Felix’ dunkle Pupillen. „Paul Barens, ja, ja, den habe ich gesehen, er ist den Flur runtergerannt, er wollte nachsehen, ob da noch jemand ist. Er hat mich rausgeschickt, um den anderen Bescheid zu sagen. Oh Felix, er hat so seltsame Dinge zu mir gesagt.“ Dicke Tränen rollen ihr über das rundliche Gesicht. „Ich glaube, er hat mir mein Leben gerettet.“ Felix’ Hand fliegt vor seinen Mund, er dreht sich einmal um die eigene Achse und reißt sich wieder zusammen. „Okay Cara. Du und …“ Fragend betrachtet er die Frau neben ihm. „Fiona“, entgegnet sie ihm mit einem Augenrollen. „Okay, du und Fiona werdet diesen Ort nun schnellstmöglich verlassen.“ Die Sekretärin wimmert. „Nein, nein Felix, das kann ich nicht, du musst uns helfen.“ Felix packt sie fester an den Schultern und gibt seiner Stimme einen festen, bestimmten Klang. „Doch Cara, das kannst du. Hast du mich verstanden?“ Die Schultern der Frau hören auf zu beben, mit ihrem Arm wischt sie sich die Tränen vom Gesicht, nimmt Felix das Handy aus der Hand und nickt einige Male, so, als müsste sie sich selbst noch von dem Plan überzeugen. „Es ist ja wohl hinfällig dich nach deinem Plan zu fragen. Aber Felix, versprich mir eins.“ Ein wütender Zeigefinger schwebt vor seinem Gesicht. „Bring Paul ja lebend zurück.“ Dann lässt sie von ihm ab, schiebt sich das Handy zwischen die Zähne, packt kraftvoll nach den Beinen des Toten und deutet Fiona an, es ihr gleich zu tun. Fiona nickt Felix noch einmal zu, schiebt die Hände unter die Schultern der Leiche und die beiden verschwinden in der Dunkelheit.
Die Zerstörung, die durch das Einbrechen des oberen Flurs entstanden ist, hat ein weitaus größeres Ausmaß, als Felix es zunächst angenommen hat. An vielen Stellen sind die Flammen durch die Wucht der Erschütterung und des Einknickens der Trägerbalken ausgedrückt worden, an anderen Stellen haben die Flammen durch das neu errungene Brennmaterial aber angefangen sich immer weiter aufzubäumen und an manchen Stellen lecken sie bereits an der Decke und zwingen Felix in die Knie. Manchmal will er aufgeben, will umkehren, weil die Luft zu heiß, die Flammen zu groß oder der Weg versperrt ist. Jedoch jedes Mal, wenn Felix sich einreden will, dass es okay ist umzukehren, dass er alles in seiner Macht Stehende getan hat, dass er hilflos ist gegenüber den Bergen aus Schutt, die sich im gesamten Flur erstrecken, jedes Mal hört er dann ein Knacken, ein Säuseln oder ein Brodeln, was ihn weitersuchen lässt, das ihm die Kraft gibt einen weiteres Trümmerteil hochzustemmen oder durch die nächste Flammenwand zu springen. Immer wieder ruft er den Namen seines Freundes in die Dunkelheit hinein, schreit die Flammen an, die versuchen an ihm zu züngeln, bis seine Kehle heiser ist, bis er kaum noch einen Ton über seine Lippen bringen kann. Doch egal wo er sucht und egal wie laut er schreit, nirgendwo erscheint ein Lebenszeichen. Hier ist niemand. Langsam tropft die Erkenntnis in Felix’ erschöpfen Körper. Hier ist niemand mehr; selbst wenn es hier jemanden gegeben hat, kann er dem Einsturz der Decke, den tonnenschweren Stahlträgern und Betonteilen, den lodernd heißen Flammen und der brennenden, rußigen Luft kaum lebend entkommen sein. Erschöpft lässt er sich auf einen Holzbalken fallen, der zwischen zwei Türrahmen klemmt. Er reibt sich die trockenen Augen und wischt sich mit dem schweißnassen Ärmel seines Overalls den Ruß aus dem Gesicht. „Er ist tot“, flüstert er in die Dunkelheit des Flurs hinein. In der Ferne kann er das Knacken des Feuers hören. „Er ist tot“, ruft er ein wenig lauter, doch seine Stimme kann sich über die Lautstärke der Flammen nicht erheben. Er ruft es wieder und wieder, aber es scheint, als würden die Flammen jedes Mal lauter knacken, wenn er seine Stimme erhebt, fast so, als wollten sie nicht, dass dieser Satz die Mauern der Fabrik verlässt.
Nach einer Weile erhebt er sich, streift sich mit den Händen über seine Oberschenkel, ballt die Hände zu Fäusten, um sich zu fassen und will gerade den Weg raus aus der Hölle suchen, als er mit seinen Schuhen auf etwas Weiches tritt. Erschrocken fährt er zurück, stolpert über den Holzbalken und fällt rücklings über ihn hinweg. Für einen Moment rotieren seine Gedanken. Was war das? Wahrscheinlich nur ein Schwamm oder ein Poliertuch aus der Lackiererei oder es könnte ... Felix rappelt sich wieder auf, krabbelt auf allen Vieren über den Holzbalken und tastet in der Dunkelheit nach der Stelle, an der sein Fuß zuvor gestanden hat. Seine Finger ertasten den weichen Gegenstand, es kostet ihn viel Überwindung das raue, warme Stück abzutasten, doch als er begreift, was seine Finger da gefunden haben, fährt ihm ein Schauer durch den ganzen Körper. „Paul, Paul, Paul bist du das?“ Keine Antwort. Ohne sich davon beirren zu lassen, springt Felix auf, reißt einen großen Holzspalt aus dem Balken, auf dem er zuvor gesessen hat, und rennt, so schnell es die Umstände zulassen, den Flur zurück, den Flammen entgegen. Hustend und würgend erreicht er das Feuer und schaudert bei dem Anblick. Die Flammen haben sich viel weiter vorgearbeitet und lassen den Flur zu einem Flammenmeer werden. Felix schüttelt den Kopf – egal, dies war ein Problem, das er später lösen muss. Hektisch hält er den Holzspalt in die Flammen, die auch sogleich gierig an ihm lecken. Mit dem brennenden Spalt rennt er zu der Stelle zurück, an der er seine Entdeckung gemacht hat. Das Licht der improvisierten Fackel zeichnet gespenstische Schatten an die schwarzen Wände. Am Holzbalken angekommen rammt er die Fackel in den Schutt und beugt sich zu der weichen Entdeckung herunter. Felix fixiert mit seinen Augen die Hand, die vor ihm liegt. Nervös fingert er nach dem Puls. Bubum, bubum, bubum. Er ist sehr schwach, aber dennoch spürbar. Die Hand ist riesig, keine Frage, das kann kein anderer sein. Im Licht der Flammen erkennt er nach und nach den Rest seines Freundes. Er liegt mit dem Gesicht nach unten, bäuchlings auf dem Boden, seine Arme hat er von sich gestreckt. Nach der ersten Erleichterung, seinen Freund doch noch lebend gefunden zu haben, erblickt Felix schon die nächste Hürde, die vor ihm liegt. Vorsichtig tastet er den großen Holzbalken ab, der quer über seinem Freund liegt. Er ist groß und wuchtig, viel zu wuchtig, als dass Felix ihn ohne Hilfe heben könnte. Eine brodelnde Hitze steigt in ihm auf, sie macht sich in seinem Brustkorb breit und steigt seine Kehle nach oben, bis hin zu seinem Kopf. Felix drückt seine Handflächen gegen die Schläfen, er drückt so fest er kann, um seinem Kopf Ruhe zu gebieten, aber das laute Pochen, die Hitze und das Gefühl sein Schädel könne bersten, lassen ihm keine Ruhe. Was soll er nur tun? Es scheint auf einmal weitaus schlimmer zu sein, seinen Freund zwar gefunden zu haben, ihn dann aber lebend zurücklassen zu müssen, als ihn einfach nie zu finden.
Es kommt Felix wie eine Ewigkeit vor, es ist wie ein halbes Jahrhundert, die Zeit, in der er in einem dunklen, halb zerstörten Flur steht, seinen Kopf zwischen den Händen hält, die Hitze zu spüren, die in ihm brodelt, die Angst Paul zurücklassen zu müssen und ja, auch die Angst selber zurückzubleiben. Diese eine Szene ist es, die Felix immer wieder verfolgt, wenn er nachts hochschreckt, wenn er an einer Tankstelle den Zapfhahn in den Tank hält oder wenn er mit seiner Familie den Sonntagskrimi schaut. Diese Szene voller Verzweiflung und Angst, nicht der Tote, den er geborgen hat, nicht der Holzsplitter in seiner Schulter, sondern dieser Moment, in dem alles so weit weg, alles so verloren scheint, der ist es, der ihn immer wieder einholt.
Auch eine Ewigkeit hat mal ein Ende und so hört Felix es plötzlich, so, als wäre es schon immer da gewesen, ein leises fast überhörbares Klopfen. Leise, aber dennoch kontinuierlich. Es kommt von weiter hinten im Flur, aus dem Teil, den Felix noch nicht erkundet hat. Felix kneift die Augen zusammen, kann durch den dicken Rauch im Flur aber nichts sehen. – Okay Felix, egal, du schaffst das, auch ohne etwas zu sehen.– Zitternd schließt er die Augen ganz, konzentriert sich nur auf seine Ohren und auf das Geräusch, das, als er sich nähert, immer deutlicher wird. Mit einem leichten Ruck stoßen seine Schienbeine gegen eine große Betonplatte. Vorsichtig und bedacht bückt er sich und greift ein wenig unsicher, aber bestimmt unter die Platte. Er ertastet Metall, es ist warm und bewegt sich in seiner Hand wie eine Schlange. Mit einem kräftigen Zug zieht Felix es aus seinem Versteck. „Oh, Herr Felix Mending, haben Sie den Feueralarm gehört? Ich glaube wir sollten evakuieren, soll ich die Feuerwehr rufen?“ Felix schüttelt seine Entdeckung. „Ja, es brennt, aber hey, scheiß doch auf die kack Feuerwehr, die kommen jetzt auch zu spät!“, erwidert er niedergeschlagen dem kleinen Roboter. „Herr Felix Mending, das ist eine zutiefst negative Äußerung, ich kann Sie gerne an unseren Haustherapeuten weiterleiten, wenn Sie es wünschen?“ Felix schüttelt den kleinen Kerl kräftiger. „Nein, nein ist schon gut, aber hey“, keimt in Felix eine Idee auf, „wie viel kannst du heben? Wie viel Gewicht meine ich?“ Der Roboter deutet auf das zerschlagene Display in seinem Greifer. „Mein maximales Stemmgewicht liegt bei zehn Kilo, das ist das Doppelte meines Eigengewichts, Herr Felix Mending.“ Die Wolke der Hoffnung zerplatzt so schnell, wie sie gekommen ist. Egal. Er muss es versuchen, welche Wahl hat er denn auch? Flink packt er den kleinen Roboter. Die improvisierte Fackel ist mittlerweile nur noch ein glühendes Stück Glut, aber Felix braucht seine Augen nicht für das, was er vorhat. Hektisch klemmt er die Greifarme des Roboters unter den Holzbalken, der noch immer schwer auf seinem Freund liegt, gibt dem kleinen Kerl die Anweisung zu heben und stemmt dann selbst die Beine in den Boden, um den Balken zu heben.
Wer weiß, wie viel der kleine Roboter am Ende wirklich half den Balken zu bewegen, aber das ist in diesem Moment nicht wichtig; wichtig sind die Hoffnung und der Schein der Unterstützung, die Felix dazu bringen den Balken in die Höhe zu stemmen. Er wendet alles auf, was er an Kraft in sich trägt, er lässt die Hitze und das Pochen raus aus seinem Kopf, in seine Arme und Beine laufen und stemmt den Balken von seinem Freund hinunter.
In dem Moment, als der Balken sich von Paul gelöst hat, atmet er gierig die Luft ein, nur um danach so heftig zu husten, dass Felix schon denkt, dass er ersticken muss. Aber er erstickt nicht, auch nicht, als Felix versucht, ihn auf die Beine zu stellen, und nicht, als er es endlich geschafft hat und sie auf dem Weg nach draußen sind. An diesen Teil erinnert Felix sich kaum noch, er scheint wie von seiner Festplatte gelöscht zu sein, er hat keine Ahnung mehr, wie er Paul und sich die Treppen zur Werkshalle hinunterbekommen hat, wie er ihn an den Flammen vorbeigeschleppt und sich die Hände am heißen Zufahrtstor verbrannt hat. Das Einzige, das später wiederkommt, ist das Gefühl den ersten frischen Atemzug zu tun, das Gefühl die kühle Nachtluft in seine schmerzenden Lungen zu saugen, das Gefühl, wie er das Bewusstsein verliert, und das Gefühl auf der Trage des Krankenwagens zu liegen, einfach nur dazuliegen und sich tragen zu lassen, ohne die Sorge einen Fehler zu machen, ohne die Sorge einen Freund zu verlieren.
9. Greifswald, Deutschland
Jalma runzelt fragend die Stirn, wie kann so etwas sein? Ungläubig und mit der absoluten Sicherheit, sich trotz des dritten Mal Lesens doch verguckt zu haben, liest sie die Mail ein viertes und ein fünftes Mal, selbst als sie die Mail ein sechstes Mal überfliegt, wollen sich die Worte nicht ändern. Nervös schiebt sie den Schreibtischstuhl auf dem Linoleumboden hin und her. Ihre Augen sind eisern auf den Bildschirm gerichtet. Nach dem siebten Mal Lesen löst sich ihre Hand wie eigenständig von der Tastatur und gleitet zielsicher in die Aktentasche, die neben dem Schreibtisch steht. Einige Sekunden später scheint sie gefunden zu haben, nach was sie gesucht hat, und kehrt aus den Tiefen der braunen Tasche zurück. Anstatt auf die Tastatur fliegt die Hand weiter an der Schreibtischplatte vorbei in Richtung Jalmas Gesicht. Gekonnt platziert sie eine Zigarette in ihren Mundwinkel und fliegt erst dann wieder auf die Tastatur zurück. Jalma, die ihre Augen immer noch starr auf den Computerbildschirm richtet, zündet die Zigarette mit dem Feuerzeug, das die andere Hand bereits aus der Schreibtischschublade gefingert hat, an und nimmt einen tiefen Zug in ihre Lungen. Erst als die Wirkung des Nikotins einsetzt, lösen sich ihre Augen vom Bildschirm und sie bläst den Rauch an die Bürodecke, dem Feuermelder entgegen. Desinteressiert beobachtet sie, wie der Rauch sich an der Decke verteilt. Nach einem weiteren, genießerischen Zug entspannen sich ihre Augen allmählich; um ihnen weitere Ruhe zu gönnen, lehnt Jalma ihren Kopf auf die Rückenlehne und schließt ihre Augen. Leider hält die erhoffte Entspannungsphase nur wenige Sekunden, bevor ihre Anwaltsgehilfin die Ruhe durchschneidet und sie zwingt ihre Augen wieder zu öffnen. Mit einem Lächeln öffnet sie die Tür und sprudelt in den Raum herein. „Herrgott, Herrgott, die Fusionsanwälte gehen einem ja tierisch auf die Nerven, du wirst nicht glauben, was ich von …“ Ihr Gesprudel verstummt schlagartig, als sie die Zigarette sieht. „Jalma!“, ruft sie ärgerlich durch den Raum hindurch und wischt auch sogleich hustend und wild mit den Armen gestikulierend an dem Schreibtisch vorbei zu dem hinter Jalma liegenden Fenster. Mit einem beherzten Ruck und der Entschlossenheit eines Feuerwehrmanns zieht sie das Fenster auf und hustet in die heiße Luft hinaus. Anschließend greift sie hektisch nach einer auf dem Schreibtisch liegenden Akte und fächert damit in der Luft herum. Jalma, die das Ganze ohne eine Regung ihres Körpers beobachtet, nimmt einen weiteren Zug und stößt die Luft durch ihre Nase in den Raum, dann drückt sie den Stummel auf der Schreibtischplatte aus und schiebt die Asche mit der Maus in den Papierkorb. Angespannt lehnt sie sich in ihrem Lederstuhl zurück und dreht sich zu der dürren, immer noch wild fuchtelnden Gehilfin um. „Jalma, Herrgott, du kannst hier doch nicht rauchen, nicht nur, dass das natürlich streng verboten ist, denk doch mal daran, wenn der Feuermelder angegangen wäre, diesen Einsatz hättest du dann bezahlen müssen, und dieser scheußliche Geruch.“ Mit gerümpfter Nase sieht sie an die Decke zu dem Feuermelder hinauf. „Der ist aus“, entgegnet Jalma mit völligem Desinteresse an den Sorgen ihrer Anwaltsgehilfin. „Wie aus? Was ist aus?“, bekommt sie auch sogleich die Antwort. „Na ja, der Feuermelder, den habe ich ausgemacht. Weiß ich ja selber, dass der sonst angehen würde.“ Die hektische Frau schnappt nach Luft. „Du hast was bitte? Oh Gott, oh Gott, weißt du eigentlich, was das für Konsequenzen gehabt hätte, wenn ein Feuer ausgebrochen wäre, nicht auszumalen.“ Mit einer Hand hält sich die dürre Frau, die Jalma oft an ein Erdmännchen erinnert, ihren Kopf, die andere hält symbolisch die Nase zu. „Wilma, jetzt mach mal einen Punkt, lass diesen Gott aus dem Gespräch heraus und mach dich locker. Wenn es in meinem Büro anfängt zu brennen, ist es doch egal, ob mein Rauchmelder funktioniert, bis sich die Flammen durch die Tür gefressen haben, hätte es entweder einer gemerkt oder der Rauchmelder im Flur wäre angegangen, aber jetzt genug von diesen Banalitäten, lies das!“ Noch genervter als zuvor dreht sie den Computerbildschirm in die Richtung ihrer immer noch japsenden Kollegin und steht auf, um ihr ihren Platz anzubieten. Verdutzt über die viel zu entspannte Antwort ihrer Chefin setzt sie sich auf den unter ihr viel zu breit wirkenden Lederstuhl und setzt, nicht ohne Jalma noch einmal einen ernsten Blick zu schenken, die Brille auf. Bevor sie sich interessiert zum Bildschirm hinüberbeugt, versucht sie noch einmal an Jalmas Vernunft zu appellieren. „Ich verstehe eh nicht, warum du so viel Geld für diese Totmacher ausgibst, ich meine, wie viel Geld kostet eine Packung, 40 Euro?“ Jalma rollt angespannt mit den Augen und schiebt den Stuhl näher an den Schreitisch heran. „Es sind 32 Euro, wir sterben eh alle, hast du in letzter Zeit Nachrichten gesehen, die Polkappen sind nahezu weg, es gibt mehr Klimaflüchtlinge, als irgendein Land der Welt versorgen kann, und der Regenwald brennt zum dritten Mal dieses Jahr. Also könntest du mich und meine Nikotinsucht bitte einmal ignorieren und dich dieser, meiner Meinung nach, völlig merkwürdiger Mail, widmen?“ Den verdutzten erdmännchenartigen Blick analysiert Jalma als Ja und deutet mit einem gequälten Lächeln auf den Bildschirm. Die Gehilfin lässt ein eingeschnapptes „Hm“ erklingen und beginnt die Mail zu überfliegen.
Während sie interessiert Zeile für Zeile abfliegt und dabei immer wieder murmelnd mitliest, löst Jalma ihre Hand von der Armlehne und wendet sich zum Fenster. Die heiße brennende Luft, die ihr entgegenschlägt, verursacht ihr sofort Kopfschmerzen, trotzdem greift sie nach dem Fenstersims und lehnt sich in die Hitze des Nachmittages hinaus. Tief saugt sie die Luft in ihre immer noch nikotinisierte Lunge und genießt das Gefühl, wie die Hitze um ihre Nasenflügel brennt. Sie mag dieses Gefühl, es erinnert sie an Zuhause, es erinnert sie an die Zeit, in der sie mit ihrer Schwester nach der Schule an den Strand fuhr, sie sich ihre Kleider vom Leib rissen, um möglichst schnell nach den Surfbrettern zu greifen und in den kühlen Nachmittagswellen zu verschwinden. Die Luft war damals heiß, aber die Kühle der Wellen ließ sie erträglich werden und wenn sie oder ihre Schwester eine Welle bekamen und das Privileg genossen sie bis zum Ende zu reiten, war es das mächtigste Gefühl der Welt. Gerade so mächtig, dass man das Gefühl hatte nichts auf der Welt könnte schlimmer sein, als das Ende dieser Welle zu erreichen. Nachdem sie ihre Arme nicht mehr spürten und ihre Beine von den Riffen aufgeschnitten waren, ließen sie sich in den Sand fallen und lachten so lange über die vielen Male, die sie vom Bord gerutscht waren oder eine Welle sie heruntergespült hatte, bis die Sonne auf das Wasser hinabgesunken war. Dann war die Zeit gekommen sich aufzumachen, nach Hause zu fahren, die Bretter in den Truck zu verladen, sich den Sand vom Körper zu reiben, in die engen Kleider zu schlüpfen und in die Hitze des Wagens zurückzukehren. Genau da war dieses Gefühl, die Luft im Auto war jedes Mal so heiß, dass es an den Nasenflügeln brannte, das machte aber nichts, denn die Hitze wurde durch den Fahrtwind herausgeweht und die kühle, feuchte Luft der hawaiianischen Inseln strömte herein, gerade so, als wollte er den Tag herauswehen, um die Nacht anzukündigen.
Ein Räuspern reißt Jalma aus ihren Erinnerungen und bringt sie in die Gegenwart des Bürokomplexes zurück. Sie richtet ihren müden Blick in die Tiefe der Häuserschlucht und beobachtet kurz die Autos, die sich auf der Straße vorbeischieben, bevor sie in die klimatisierte Luft ihres Büros zurückkehrt und das Fenster hinter ihr schließt. „Also Jalma, auch ich habe diese Mail ein paarmal lesen müssen, um es zu glauben, aber jetzt bin ich mir ganz sicher. Ja, da möchte wirklich einer seinen Arbeitgeber verklagen, weil er von heute auf morgen seinen Job verloren hat.“ Jalma kann die Trockenheit ihrer Gehilfin nicht fassen. „Ja Wilma, das habe ich selbst gelesen, aber der Grund, der Grund ist das, was mich so sprachlos macht, hast du den Grund überhaupt gelesen?“ Mit hochgezogenen Augenbrauen starrt sie ihre Gehilfin an. „Ja, ja natürlich habe ich den gelesen, das macht mich etwas skeptisch, wenn du mich fragst, würde ich das erstmal überprüfen. Ich glaube ich habe noch die Nummer einer Führungskraft von Dukjon, ich werde da gleich mal anrufen.“ Jalma winkt ab. „Nein vergiss es, gib mir die Nummer, um diese Angelegenheit möchte ich mich selbst kümmern.“ Hektisch schiebt sie das verdatterte Erdmännchen zur Seite, das sich gerade noch rechtzeitig erheben kann, um aus dem Raum komplimentiert zu werden. In Jalmas Augen funkelt die Vorfreude auf diesen spannenden Fall, den sie gerade kommen spürt, und sie ruft ihrer Anwaltsgehilfin noch hinterher: „Stell mir das Gespräch dann bitte in die Leitung“, bevor sie die Glastür hinter ihr schließt.
Das Gespräch mit einem Herrn Kron ist für Jalmas ohnehin schon erregtes Gemüt wenig zutunlich. Der Mann am anderen Ende der Leitung scheint unter einem enormen emotionalen Druck zu stehen und es ist sehr schwer seine Erläuterungen zu verstehen, da immer wieder Leute in sein Büro stürmen. Vermutlich ist das in Anbetracht der Tatsache, was da gerade vor sich geht, keine Besonderheit. Marcel Kron, der stellvertretende Geschäftsführer von Dukjon, bestätigt Jalmas schlimmste Vermutungen. Nach einer Viertelstunde angespannten Gesprächs wirkt es, als würde in ihm eine Reißleine bersten und alles, was er noch sagen kann, bevor es in der Leitung piept, ist, dass er dringend mit irgendeinem Paul Barens reden muss und er jetzt leider, so unhöflich das auch wäre, dieses Gespräch beenden müsse. Er entschuldigt sich noch ein paar Mal, dann wird die Verbindung unterbrochen, ob durch Marcel Kron oder eine andere Person, das kann Jalma nur vermuten.
Jalmas Vorfreude, die vor zwanzig Minuten noch ihren ganzen Körper in Vibration versetzt hat, ist verschwunden. Das Einzige, was sie nun bis in die Tiefe ihrer Knochen spüren kann, ist Angst. Angst davor, dass sich alles ändern würde, sie hat schon vor einigen Wochen davon gehört, dass es eine neue Abstimmung geben soll, aber genau wie all die anderen Menschen um sie herum, die morgens einen Kaffee beim Bäcker holen oder im Supermarkt die Lebensmittel auf die Kasse heben, hat auch sie abgewunken und laut über die Banalität einer Weltpartei gelacht. Wie man sich doch irren kann. In Trance landet die zweite Zigarette des Tages in ihrem Mundwinkel. Nachdem sie einige schnappartige Züge genommen hat, springt sie auf, eilt mit der Zigarette im Mund um ihren Schreibtisch, zieht an der schweren Glastür und stolpert in den Vorraum ihres Büros. Die Anwaltsgehilfin lugt verdattert über ihren Computerbildschirm und reißt schockiert die Augen auf. Jalma ignoriert die empörten Rufe und eilt durch die zweite Glastür. Ihr Partner, der mit dem Hörer am Ohr zum Fenster gerichtet steht, schnellt herum und sieht verwundert auf die schnell atmende Jalma. Für einen Moment glaubt sie zu hören, wie am anderen Ende der Leitung jemand Hindi spricht, verwirft den Gedanken jedoch wieder. Entsetzt über die Respektlosigkeit des unaufgeforderten Eindringens bedeutet er ihr mit hektischen Bewegungen seiner freien Hand den Raum umgehend wieder zu verlassen. Jalma, die ihm nur einen rebellischen Blick entgegnet, nimmt ihre Zigarette aus dem Mundwinkel, fixiert ihren Partner mit den Augen und drückt seinen Anruf auf dem Gerät weg. Noch bevor der Mann seiner Wut Luft machen kann, kommt Jalma dem mit aufgeblasenen Wangen hochrot werdenden Mann zuvor. „Sie haben den ersten Absatz veröffentlicht, es scheint, als hätte sich die Weltpartei wirklich gebildet und du und ich wissen beide, dass da mehr als nur ein Absatz auf uns zukommt.“ Der Mann entlässt die Luft aus seinen Wangen und starrt konsterniert in Jalmas braune Augen. Dann beugt er sich über den großen Schreibtisch, nimmt ihr die Zigarette aus der Hand, lässt sich rückwärts in den klobigen Schreibtischstuhl fallen, lockert die Krawatte seines Maßanzuges und inhaliert den Rauch. Lange hält er den Rauch in seinen Lungen und stößt ihn erst nach einiger Zeit über den Schreibtisch hinweg. Starr und ohne eine Regung sieht er dem in Schleiern durch den Raum wabernden Rauch hinterher. Jalma wagt es nicht sich von der Stelle zu bewegen, angespannt beobachtet sie ihren sonst so gefassten Kollegen. Herr Kaiser, der das wohl als Aufforderung versteht, erhebt sich aus dem knarzenden Stuhl, zieht seine Krawatte wieder an seinen Platz, fährt sich durch die gegelten Haare und räuspert sich noch, bevor er sein Wort erhebt. „Jalma, ich danke dir sehr für diese Information, aber ich weiß nicht, was ich deiner Meinung nach jetzt damit anfangen soll.“ Mit dieser Reaktion hat Jalma nicht gerechnet. „Herrgott Nikolas, das ist deine Antwort? Wach auf und komm auf den Boden der Tatsachen zurück, wir wissen beide, dass der erste Absatz nur der Anfang ist, denk doch mal an den zweiten Absatz oder noch schlimmer den dritten oder vierten, wenn das alles so in Kraft tritt, wie es geplant wurde, ist das das Ende unser modernen Welt, vielleicht sogar das Ende dieser Epoche.“ Einen Moment sieht es so aus, als würde Jalmas Partner einen Neustart in seinem Gehirn vornehmen. „Jalma, dass eines mal klar ist, dass wir den § 4253 bereits lesen durften, ist ein Privileg gewesen, dass wir im jetzigen Augenblick wohl eher als ein Geheimnis handhaben sollten. Nicht vorstellbar, wenn die Bevölkerung zu früh davon erfährt. Im Augenblick sollten wir erst einmal die Füße stillhalten und in Erfahrung bringen, ob das hier nicht alles ein riesiges Missverständnis ist. Ich werde versuchen den Bundespräsidenten zu erreichen oder den Kanzler, ich denke ich habe hier noch irgendwo die Nummern. Entweder du wartest hier oder du gehst dich irgendwo einmal abregen; wenn du dich für hier entscheidest, bitte ich dich aber den Mund zu halten.“ Mit diesen Worten nimmt der attraktive Mann den Hörer vom Schreibtisch, tippt einige Zahlen hinein und hält sich den Finger vor den Mund, um Jalma noch einmal Ruhe zu gebieten. Während er mit einer Sekretärin nach der anderen redet, spürt Jalma ihre Knie, die allmählich unter ihrem Gewicht zusammenbrechen wollen. Mit einem tiefen, aber leisen Seufzer lässt sie sich auf das harte Sofa vor dem Bücherregal fallen und schließt die müden Augen. Für einen Moment versucht sie sich vorzustellen immer noch bei ihrer ersten Zigarette im Büro zu sitzen, dass sie eingeschlafen sein muss und dass alles nur ein kurzer, aber sehr realistischer Albtraum ist.
Leider ist es jedoch kein Albtraum, zumindest keiner von der Sorte, aus dem man irgendwann wieder erwacht. Eher einer, der auf einmal und vollkommen unerwartet zu einer Realität wird, der man sich auch nicht im Schlaf entziehen kann, denn als Nikolas den Hörer zurück auf den Schreibtisch senkt, macht er nicht den Eindruck, als wäre alles nur ein großes Missverständnis gewesen. Statt eines freudigen, erleichterten Gesichtsausdrucks legt sich ein dunkler Schatten auf das Gesicht des Mannes. Er schaut vom Schreibtisch auf und fixiert Jalma einen Moment, bevor auch er sich am Schreibtisch vorbeischiebt und neben Jalma auf das Sofa fallen lässt. „Alles nur ein Missverständnis, mmh?“, bricht Jalma zuerst das Schweigen. Nikolas hebt seine Hand und legt sie sanft auf Jalmas Knie. „Nein, leider nicht“, erwidert er niedergeschlagen, ohne Jalma anzusehen. „Den Bundeskanzler konnte ich nicht erreichen und auch den Bundespräsidenten nicht, allerdings ging sein Stellvertreter ans Telefon.“ Ein Räuspern. „Er bestätigte mir die Bekanntmachung des ersten Absatzes und wird mir in der nächsten halben Stunde den genauen Wortlaut per E-Mail zuschicken.“ Langsam nimmt er seine Hand von Jalmas Knie. „Außerdem habe ich ihn unter einem Vorwand dazu bekommen mir zu berichten, was da im Landtag jetzt eigentlich vor sich geht. Die Antwort kam leider auch schon schneller, als ich mich hätte drauf einstellen können. Er sagte, er wüsste selbst nicht, warum er es noch länger verschweigen sollte, da er ja ohnehin seinen Job verloren hätte und er niemandem mehr Rechenschafft schuldig sei.“ Mit ernstem Ausdruck wendet er sich Jalma zu, die gespannt an seinen Lippen hängt. „Jalma, der Bundespräsident ist nicht erreichbar, da er sich seit vier Wochen im US-Bundesstaat Nevada aufhält. Nevada ist die politische Hauptzentrale der neuen Weltpartei GPA und wird es auch unanfechtbar bleiben.“ Jetzt muss auch Jalma ihrer Verzweiflung Luft machen und grätscht ihrem Partner ins Wort. „Moment mal Nikolas, bist du es nicht immer, der sagt für einen guten Anwalt gibt es das Wort unanfechtbar nicht?“ Ein tiefes Ausatmen. „Ja, das sage ich immer, aber Jalma, hier geht es nicht um irgendeinen Rechtsverstoß oder ein Verbrechen, hier geht es um einen weltweiten Zusammenschluss, der … wie sage ich das jetzt am besten? Einen weltweiten Zusammenschluss, der politischen Meinungen, ich meine, es gibt keine einzelnen Parteien mehr. Aus jedem Land ist unter den jeweiligen Politikern des Landes ein Kandidat gewählt worden, der sein Land vertritt. Das bedeutet, dass aus jedem Land ein Politiker und sein jeweiliger Stellvertreter dieser Weltpartei beitreten. Also egal, ob aus Japan, den USA, Deutschland, den Philippinen oder Burundi, in jedem Land werden alle Politiker entmachtet, außer den zwei gewählten Kandidaten.“ In Jalmas Kopf sprudeln die Rechtsverstöße gegen mindestens hundert Menschenrechte. Stotternd wendet sie sich Nikolas zu. „Abbb...er , wie, kkk…ann, denn so ettt…was.“ Sie stoppt, um sich zu fassen und versucht es erneut. „Aber, wie kann so etwas denn überhaupt funktionieren, ich meine wir leben doch in einer Demokratie, alleine das Bundeswahlgesetz wird hier in nahezu allen Abschnitten gebrochen, angefangen mit Abschnitt 1 § 1!“ Nikolas stoppt seine Partnerin. „Ja Jalma, das ist mir auch klar, ich habe auch Jura studiert. Viel drastischer finde ich Artikel 20 Absatz 2.“ Einen Moment muss Jalma nachdenken. „Ja, du hast recht, alle Staatsgewalt geht vom Volk aus. Wir müssen dagegen vorgehen.“ Nikolas springt auf, rauft sich durch seine Haare und dreht sich, nachdem er zweimal energisch in seinem Büro auf und ab gelaufen ist, abrupt zu Jalma um und schreit durch den Raum. „Ja, das ist richtig Jalma, aber es scheint so, als wäre unser gesamtes Rechtssystem mir nichts dir nichts aus den Angeln gehoben und im nächsten Abfluss versenkt worden, also könntest du bitte aufhören zu denken, dass das geändert werden kann. Das ist unanfechtbar, selbst der beste Anwalt könnte nicht den Entschluss der ganzen Welt umkehren. Es gibt jetzt eine neue Weltordnung und wir müssen wohl die nächsten Tage abwarten, um herauszufinden, welche Gesetze unseres Grundgesetzes immer noch in Kraft bleiben.“ Er legt etwas mehr Zärtlichkeit in seine Stimme. „Ich würde dir auch gerne mehr sagen, wirklich, das kannst du mir ruhig glauben, aber nicht nur deine Welt, sondern auch meine stürzt gerade in sich zusammen.“
Was ein merkwürdiger Tag das gewesen ist und alles hat mit dieser einen Mail angefangen, die alles veränderte. Als sie nach dem Gespräch mit ihrem Partner aus seinem Büro tritt, sind die meisten bereits gegangen. Erschöpft schlendert sie durch den Vorraum und durchquert langsam die Glastür, die in ihr Büro zurückführt. Sie betätigt ihre Schreibtischlampe und den Schalter des Oberlichtes und setzt sich auf den Schreibtischstuhl, um das E-Mail-Programm zu schließen. Weil das natürlich nicht so klappt, wie sie sich das vorgenommen hat, beantwortet sie noch die nächsten drei Stunden Mails, die komplett unerwartet heute unbedingt noch beantwortet werden müssen. Nachdem sie die letzte Zeile geschrieben und die Mail mit ihren Initialen versehen hat, drückt sie den kleinen „Senden“-Knopf, der unter der Mailzeile bereits darauf wartet den Feierabend antreten zu dürfen. Mit einem erleichtert klingenden „wischsch“ verabschiedet sich die Mail in die Tiefen der Mailübermittlung. Jalma drückt die Fäuste in die schmerzenden Augen, vermutlich hat sie es heute ein wenig übertrieben, aber in Anbetracht der Tatsache, dass es vermutlich der letzte Tag sein würde, an dem alles so war, wie es sein soll, ist sie froh noch ein wenig länger geblieben zu sein. Erschöpft löst sie die Hände vom Gesicht, fährt den Computer herunter und klappt den Laptop, den sie manchmal als zweiten Bildschirm nutzt, zu. Während der Laptop in ihrer braunen Aktentasche verschwindet, tippt sie eine Nachricht für ihren Neffen in ihr Handy – Bin im Büro aufgehalten worden, komme jetzt aber nach Hause, um diese Uhrzeit sollte ja auch nicht mehr so viel Verkehr sein, freue mich auf dich –, dann folgt auch das Handy dem Laptop in die Tiefen der Tasche. Im Gehen schaltet Jalma die Schreibtischlampe aus, greift nach ihrer Tasche und verschwindet, nicht bevor sie das Deckenlicht löscht, durch die Glastür in den Vorraum. Langsam schlendert sie durch ihn hindurch zu den Fahrstühlen. Im Vorbeigehen wirft sie einige Akten auf den Schreibtisch ihrer Gehilfin und begibt sich in eine der Fahrstuhlkabinen, als ihr das Licht auffällt, das aus dem Büro ihres Partners scheint. Einen Moment ringt Jalma mit sich. Da sie ja eigentlich versprochen hat nicht immer so lange zu arbeiten, entscheidet sich dann aber doch dafür, der Ursache auf den Grund zu gehen. Im letzten Moment wischt sie durch den Spalt der sich schließenden Fahrstuhltür, klemmt ihre Tasche unter den Arm und schreitet erneut durch den Vorraum. Im schwachen Licht des Computerbildschirms betrachtet sie ihren Partner, seine blonden Haare stehen ihm in alle Richtungen, die Kontaktlinsen sind der Brille gewichen und die Krawatte liegt glattgestrichen auf der steifen Couch. Einige der Bücher haben ihren Weg anscheinend nicht zurück in das Bücherregal gefunden und liegen, mal offen, mal zu, quer durch das Büro verteilt. Sanft klopft sie an die Glastür und lächelt ihrem Kollegen aufmunternd entgegen, als der seine Augen vom Bildschirm löst und Jalma verdattert durch die dicken Gläser seiner Brille entgegenschaut. Beschämt springt er auf und fängt unbeholfen an seinen Anzug zurechtzuzupfen und hie und da einige Papiere und Akten zu ordnen. „Jalma, du bist noch hier?“, spricht der große Mann zu ihr, die durch die Tür ins Büro schlüpft. Bevor Jalma den Schreibtisch erreichen kann, was in Anbetracht des Minenfelds aus Büchern und Akten keine leichte Sache ist, reißt er sich noch schnell die schwere Brille vom Gesicht. „Das Gleiche könnte ich auch über dich sagen“, entgegnet sie verschmitzt, greift nach der Brille und setzt sie liebevoll zurück auf Nikolas’ Nase. „Ich weiß, wie du damit aussiehst, also keine falsche Scheu, außerdem weiß ich sehr wohl, dass du ohne das Ding nahezu blind bist.“ Jalma meint eine leichte Röte im bläulichen Licht des Bildschirms erkennen zu können und schmunzelt ein wenig über den sonst so ernsten Anwalt. „Ja, ich bin nur hier, weil ich …, ich also …, ich noch einen Fall vor morgen durchgehen muss“, druckst Nikolas herum und nickt dabei ein wenig zu bestätigend. „Nikolas, ich weiß, warum du hier bist, mach mir doch nichts vor, hast du denn schon was Brauchbares gefunden?“ Bestürzt sinkt sein Kopf ein wenig tiefer zu Jalma herunter. „Nein“, ein leichtes Kopfschütteln, „ich habe leider noch nichts Brauchbares finden können, es gibt zwar einen ganzen Haufen von Gesetzen, die gebrochen wurden, die man auch nicht durch Ausnahmeregelungen brechen darf, aber keine ist ausschlaggebend genug, um ein so drastisches Urteil zu mildern oder sogar rückgängig zu machen. Ich habe in den Gesetzgebungen vieler Länder nachgeschlagen und da ich mich nicht so gut mit anderen Rechtssystemen auskenne, auch mit befreundeten Anwälten telefoniert. Die meisten wussten noch gar nichts von dem Zusammenschluss und konnten sich deswegen noch nicht in das Thema einarbeiten; die, die es wussten, denen ging es genau wie mir, sie sind ratlos. Auch in ihren Ländern müsste man mehr als ein Dutzend Gesetze brechen, um so etwas durchzubekommen.“ Jalmas Augen blitzen für einen kurzen Moment auf. „Aber Nikolas, das bedeutet ja, dass wir vielleicht doch eine Chance haben, ich meine, Gesetze dürfen ja nicht einfach außer Kraft gesetzt werden.“ Ein mitleidiger Blick wandert Jalma entgegen. „Jalma, wenn alle Regierungen der Welt offenbar, ohne mit der Wimper zu zucken, ihre Macht abtreten und sich mit vorher verfeindeten Ländern zusammenschließen, dann steckt da etwas in einem Ausmaß hinter, das niemand aufzuhalten vermag, erst recht nicht eine mittelgroße deutsche Anwaltskanzlei.“ Jalma hat das Ende von Nikolas’ Ausführungen kaum mehr mitbekommen, in ihrem Kopf drehen sich die Informationen, wie in einem Kaleidoskop und fallen wie bunte Steine zu immer neuen Horrorszenarien zusammen, die es nicht zulassen einen klaren Gedanken zu fassen. Ihre Beine werden zu Gummi und der Boden wird ihr unter den Füßen weggerissen. Nikolas, der erst jetzt richtig mitbekommt, dass seine Gesprächspartnerin immer weniger aufmerksam wirkt, bekommt im letzten Moment noch ihren Arm zu fassen, fängt sie, kurz bevor sie auf einen der Bücherstapel fallen kann, ab und stemmt die kleine Frau nach oben in seine Arme. Vorsichtig, mit Jalma im Arm, kraxelt er über die vielen Bücher hinweg, hin zu seinem Sofa. Mit einer der Akten wedelt der Anwalt ihr ein wenig Luft zu, da das Fenster zu öffnen keine besonders erfrischende Alternative gewesen wäre.
Erst als sich das Kaleidoskop in ihrem Kopf beruhigt hat und sich ihre wirren Gedanken gelegt haben,
stemmt sie sich in eine aufrechte Position und wendet sich dem auf einem Bücherstapel sitzenden Nikolas zu. „Wenn die Regierungen der Welt so einen drastischen Zug wie diesen machen, muss es doch einen mindestens genauso drastischen Grund dafür geben. Ich verstehe nur nicht welchen. Ein Nuklearkrieg?“ Nikolas erhebt sich von seinem Stapel und beugt sich zu seinem Schreibtisch hinüber. Von der Tischkante zieht er einen Zeitungsbericht, das kleine gläserne Okapi, das seit Jalma Nikolas kennt, neben seinem Bildschirm steht, wäre dabei fast mitgerissen worden, wenn Nikolas es nicht am Wanken gehindert hätte. Langsam reicht er Jalma den Bericht. „Nein, kein Nuklearkrieg Jalma.“ Die dunkelhäutige Frau betrachtet ein wenig skeptisch das Titelblatt in ihren Händen. Dritter Brand des Jahres im Amazonas steht da. Verwirrt und skeptisch richtet sie ihr Wort wieder an Nikolas. „Das alles wegen des Regenwalds?“, erwidert sie mit Spott in der Stimme. „Mann, Jalma! Ich verbuche das jetzt mal auf die vorangeschrittene Stunde. Nicht der Regenwald, die gesamte Umwelt. Denk doch mal an den Umweltparagraphen und seine ziemlich drastischen Absätze. Das alles ist nur möglich, wenn sich eine Weltpartei bildet, die zusammen, ohne demokratische Entscheidungen treffen zu müssen, als Diktatur agiert und diesen Paragrafen veröffentlicht. Das alles würden sie nur machen, wenn sie etwas wüssten, was wir nicht wissen. Vermutlich etwas so Gewaltiges, das diese über den Maßen drastische Entwicklung rechtfertigen würde.“ Mit einem Finger tippt er auf den Zeitungsartikel, der immer noch in Jalmas Händen liegt. „Du meinst, sie wissen etwas über unseren Planeten, etwas so Drastisches, dass sie es der Menschheit nicht mitteilen?“ Nikolas zuckt mit den Schultern, für den Bruchteil einer Sekunde kommt es Jalma dabei so vor, als würde er seine Ahnungslosigkeit nur vortäuschen, doch als der Mann weiterspricht, vergisst sie ihren Gedanken rasch wieder. „Ja, das vermute ich zumindest, ich denke aber schon, dass sie es uns irgendwann sagen werden, um das alles zu rechtfertigen. Drastische Situationen verlangen drastische Maßnahmen.“ Jalma versucht ihren dicken Speichel herunterzuschlucken. „Du meinst, die Erde stirbt?“ Nikolas dreht sich aufgebracht herum. „Dieser Planet stirbt doch schon seit mehreren Jahren, wenn ich es mir genau überlege, seit ich geboren bin. Vielleicht ist das, was da passiert, das Richtige, wer weiß das schon.“ Für einen Moment bleibt es ruhig in dem großen Büro, keiner der beiden wagt es die Stille zu durchbrechen.
Aber wie mit allen endlos scheinenden Stillen bricht auch diese und Jalma erhebt sich vorsichtig vom Sofa, schreitet über die Bücher hinweg zum Schreibtisch und schaltet die Schreibtischlampe an. „Bleib nicht mehr so lange Nikolas und arbeite nicht im Dunkeln, das strengt die Augen zu sehr an.“ Der zerzauste Mann kneift die Augen fest zusammen und schirmt mit der freien Hand das Licht ab. Jalma, die sich auf eines der Bücher stehend zu ihm herüberbeugt, greift nach seiner Hand und drückt sie einmal aufmunternd. Bevor sie dann jedoch durch die Glastür verschwindet, dreht sie sich nochmal zu dem verloren wirkenden Mann herum. „Ich hoffe du irrst dich mit deinen Vermutungen.“ Eine knappe Erwiderung. „Das hoffe ich auch Jalma.“ Dann schlüpft die zierliche Frau durch die Tür und verschwindet ein wenig später in den Fahrstuhl, der sie in die Tiefgarage bringt.
In der Tiefgarage herrscht eisige Stille, nur die Luft ist es, die der gespenstischen Ruhe die Kälte raubt. Die Luft zwischen den Betonpfeilern ist so dick und heiß, als fordere sie Jalma heraus, sie auf der Stelle zu zerschneiden. Jalma wabert durch die heiße Luft hindurch. Ihr Auto steht ganz hinten in der letzten Reihe und ist neben dem windschnittigen Dukjon SR 5 das einzige auf der gesamten Etage. Jalma öffnet schnell die Tür des Mercedes, um der heißen Luft der stickigen Tiefgarage nicht länger ausgeliefert zu sein, und schlüpft auf den mit Leder bezogenen Fahrersitz. Leider bringt auch der saubere Innenraum des Autos keine Abkühlung und Jalma wirft stöhnend ihre Aktentasche auf den Beifahrersitz. Mit einer Hand greift sie nach dem Sicherheitsgurt, mit der anderen betätigt sie den Startknopf ihres Wagens. Mit einem Fuß auf der Kupplung wäre sie jetzt bereit loszufahren, aber irgendetwas tief in ihr hält sie davon ab den Fuß vom Pedal zu nehmen. Wie Blei liegt er auf der Kupplung und bewegt sich keinen Zentimeter vom Fleck. In Jalmas Unterbewusstsein steigen einige Worte auf, die Nikolas heute zu ihr gesagt hat „Dieser Planet stirb doch schon seit einigen Jahren“. – Mann Jalma, solltest du jetzt wirklich Gewissensbisse haben?–, spricht sie zu sich selbst, während sie versucht ihr schlechtes Gewissen beiseitezuschieben. Einen Augenblick hört sie dem Brummen des Motors zu und überlegt heute einfach die Straßenbahn zu nehmen, als die Klimaanlage anspringt. Wie erlöst rutscht der Fuß von der Kupplung und der Wagen rollt los. Als sie an Nikolas’ Sportwagen vorbeirollt, schmunzelt sie über sich selbst. Als sie den Wagen die Rampe herunterrollen lässt, die aus dem Tiefgaragendschungel hinausführt, spürt sie die Gewissensbisse nur noch leicht gegen ihre Brust klopfen und während sich der Wagen auf die mittlerweile leere Straße schiebt, ist das Gefühl bereits verschwunden.
Der Weg nach Hause geht an diesem Abend tatsächlich sehr schnell, der Verkehr auf der Autobahn hält sich in Grenzen und die Luft wird, umso näher sie ans Meer kommt, immer kühler und die dicken Smogwolken der Stadt verziehen sich beinahe komplett, was heißt, es sollte eine klare Nacht werden. Ab und zu blinzelt Jalma durch das Panoramadach ihres Wagens und stellt sich vor die Sterne durch den Smog hindurch sehen zu können. Natürlich sieht sie keinen Einzigen der Sterne und als der Mercedes das kleine Küstendorf erreicht hat und der Smog nur noch in leichten Schleiern durch die Luft schwebt, sind dicken Wolken über dem Meer aufgezogen, die die Sterne vor ihren Augen verbergen. Sie stellt den Motor ab und greift nach ihrer in den Fußraum gerutschten Tasche. Einige der Papiere sind herausgefallen und während sie nach ihnen greift, gleitet ein kleines Foto aus einer der Akten und landet unter dem Beifahrersitz. Fluchend steigt sie aus dem Wagen, stampf um das Auto herum, reißt genervt die Beifahrertür auf und greift beherzt unter den Sitz. Für einen Moment schiebt sie ihre Hand in der Dunkelheit unter dem Sitz hin und her, bis ihre Finger plötzlich an etwas Kühles stoßen. Verwundert, was der unerwartete Gegenstand sein kann, zieht sie ihn hervor und hält ihn unter die Lampe der offenen Tür. In ihrer ausgebreiteten Handfläche liegt ein Ring. Der kleine Diamant, mit dem er besetzt ist, funkelt im Licht und Jalma schaudert über das glattpolierte Silber und die so fein gearbeiteten Verzierungen in der Innenseite. Ein Schmerz zuckt ihr durch die Brust und erinnert sie grob an den Mann, den sie geliebt und dem sie diesen Ring zu verdanken hat. Kurz fragt sie sich, ob sie ihn heute heiraten würde, doch auch jetzt, nach all den Jahren, die seitdem vergangen sind, kann sie sich nicht entscheiden, ob es die Liebe ist oder doch der Hass überwiegt. Mit geschlossenen Augen hält sie den Ring an ihre Brust und fühlt tief in den Schmerz hinein, dann wirft sie ihn achtlos in die Seitentür des Mercedes, klaubt ihre Dokumente und Unterlagen aus dem Fußraum, stopft sie zurück in die Aktentasche und schlägt die Autotür mit solcher Wucht ins Schloss, dass ihr Neffe die Haustür der großen Villa öffnet und verwundert seinen Kopf durch den Türspalt schiebt.
Der Junge steht im Lichtschein des Flurs, das Jalma so stark blendet, dass es ihr unmöglich ist ein klares Bild ihres Neffen zu erhaschen. Schützend hält sie die Hand vor die Augen und blinzelt in das grelle Licht hinein. „Kaleo, bist du es?“ Jalma meint, das Schmunzeln hören zu können, das über die Lippen des Jungen huscht. „Ich hoffe doch, dass ich es bin, oder erwartest du um diese nächtliche Stunde noch andere Männer in deiner Haustür?“ Langsam gewöhnen sich ihre Augen an das Licht und sie beginnt über die geschotterte Einfahrt zu laufen. Sie spürt den Kies unter ihren Füßen knirschen und das Knarren der alten hölzernen Treppe, die zur Veranda hinaufführt. Auf dem Treppenabsatz angekommen hält sie einen Moment inne und tut so, als wäre ihre Aktentasche so schwer, dass sie es kaum über die Veranda schaffen könne, dabei lugt sie immer wieder zu ihrem Neffen hinüber, dem ein breites Lächeln im Gesicht steht. „Auntie, ich bin aus dem Alter wirklich raus, wo ich so etwas lustig finde.“ Ihren Neffen erreicht, streicht sie ihm einmal liebevoll durch die wirren Haare. „Ich weiß, ich weiß, aber es kommt mir gar nicht lange her vor, da warst du noch ein kleiner Keiki und du warst so süß und hast über alles gelacht.“ Wieder ein Schmunzeln auf seinem Gesicht. „Jetzt lache ich eben über andere Dinge. Warum bist du eigentlich so spät, du meintest doch, es sei nicht mehr so viel Verkehr um diese Uhrzeit.“ Etwas genervt versucht er dabei seine Haare wieder in einen, aus seiner Sicht, vernünftigen Zustand zu bringen, nimmt seiner Tante die Aktentasche aus der Hand, tritt durch die Eingangstür, schiebt mit dem Fuß die Tür ins Schloss und folgt ihr durch den Flur ins Haus. „Ja, es war leider doch noch ziemlich viel Verkehr und ich stand lange im Stau“, lügt sie den Jungen an, denn heute ist nicht der Tag ihm die Wahrheit zu erzählen. Jalma drückt auf den Autoschlüssel, von der Einfahrt hört man ein Piepen, dann wirft sie den Schlüssel in die kleine Schale auf dem Esszimmertisch. Ihr Neffe legt währenddessen die schwere braune Tasche auf die Kommode im Flur, streift durch die Tür ins Wohnzimmer und schmeißt sich auf das große gelbe Sofa. Jalma greift nach den Briefen, die neben der Schale auf dem Esszimmertisch liegen, und läuft abwesend zu den Flügeltüren, die sie ins Wohnzimmer führen. Sie lehnt sich gegen den großen hölzernen Türrahmen und beobachtet ihren Neffen, der das Sofa anscheinend den ganzen Tag nicht verlassen hat. „Die Schulleitung hat heute bei mir angerufen“, nun beginnt sie den ersten der Briefe zu lesen, beobachtet ihren Neffen aber scharf über die Kante des Briefbogens hinweg, „sie sagten mir, dass du heute nicht in der Schule erschienen bist. Sie fragten mich auch, was der Grund dafür sei. Ich sagte ihnen, dass du heute krank bist und dass ich einfach noch nicht dazugekommen wäre die Schule zu informieren. So ist es doch, oder? Du bist doch krank? Warum solltest du denn sonst nicht zum Unterricht erscheinen.“ Mit leichtem Vorwurf in der Stimme sieht sie von dem Brief auf und fixiert ihren Neffen, um seine Reaktion auf das Gesagte zu beobachten. Der setzt sich etwas schuldbewusst auf und fängt an sich hinterm Kopf zu kratzen. „Na ja, also, du musst wissen, dass ich ..., ich …, eigentlich wirklich krank bin.“ Jalma lässt die Briefe sinken, läuft durchs Wohnzimmer und setzt sich neben ihren Neffen auf das gelbe Sofa. Liebevoll schlingt sie die Arme um ihn und drückt ihn so fest an sich, als könne sie so zumindest sein Leben zusammenhalten. „Kaleo. Liebeskummer ist keine anerkannte Krankheit, es mag sein, dass es sich genauso anfühlt oder sogar noch schlimmer, aber trotzdem darf man sich nicht auf einem großen gelben Sofa verkriechen und die Schule schwänzen. So reizvoll es dir auch erscheinen mag.“ Kaleo druckst weiter. „Mmh, ja so ist es ja nicht, also irgendwie ja schon, aber vielleicht war gestern ja wirklich irgendwas bei ihr los und sie hat das Kino nur vergessen. Sie hat mich bestimmt nicht versetzt, so ist sie einfach nicht. Ich will da irgendwie auch nicht drüber sprechen.“ Kaleo entzieht sich der Umarmung seiner Tante und rutscht auf die andere Seite des Sofas unter eine Decke. „Du hättest darüber auch nicht reden müssen, wenn du heute zur Schule gegangen wärst. Bist du aber nicht, ich habe für dich gelogen und das bist du mir schuldig.“ Genervt zieht der Junge die Decke über seinen Kopf und brummt Jalma entgegen: „Och, ja was willst du wissen?“ Jalmas Lippen kräuseln sich bei dem Versuch ihren Triumph zu überspielen. „Glaubst du nicht, dass sie dir geschrieben hätte, egal was los gewesen ist? Ich kenne dieses Mädchen nicht so gut wie du, aber meintest du nicht, dass sie deine Nachrichten sogar gelesen hat?“ Wieder ein Stöhnen. „Ja, sie hat sie gelesen, aber erst am nächsten Tag, keine Ahnung warum, ich bin kein Mädchen, du bist doch eins, sag du es mir.“ Nun muss Jalma doch lachen, sie erhebt sich von dem Sofa, gibt der Decke, unter der sich ihr Neffe immer noch verbirgt, einen Kuss, wandelt mit den Briefen zurück ins Esszimmer und antwortet im Gehen in einem leichten Singsang: „Ja, ja, unsere Wege sind unergründlich.“
Erschöpft überfliegt sie die restlichen Briefe, bevor sie sich hungrig über den Kühlschrankinhalt her macht. Da ihre letzte Mahlzeit schon eine Weile her ist, fällt sie über das Essen her wie eine Termitenschar. Als sie den letzten Joghurt verdrücken will, stürmt ihr Neffe in die Küche und hält ihr erschrocken sein Handy unter die Nase. „Hier, sieh, was mir Lila geschrieben hat!“ Etwas irritiert schiebt sie das Handy auf mehr Abstand zu ihren Augen und zwängt sie zusammen. „Kaleo, ich bin zwar kein Greis, aber ich kann auch in meinen so jungen dreißiger Jahren mit diesen neuartigen Dingern nicht umgehen, ließ es mir doch bitte vor.“ Kaleo räuspert sich. „Sie hat geschrieben, dass ihr und Evelins Vater im Krankenhaus sind, es gab wohl einen schlimmen Brand in der Werkshalle.“ Jalma fällt der Löffel aus der Hand, den sie gerade in ihrem Mund platzieren wollte, dabei verteilt sich der Löffelinhalt auf dem Fußboden. Kaleo, der sich direkt einen Lappen greift und den Joghurt von Jalmas Socken und dem Boden befreit, schaut fragend zu seiner Tante herauf. „Alles okay, Auntie?“ Jalma verfällt in ein merkwürdiges Starren. „Ja, das war nur ein Versehen, entschuldige. Wo sagtest du arbeitet Evelins Vater noch gleich?“ Kaleo erhebt sich und nimmt seiner Tante den Joghurt aus der Hand, um einem weiteren Unglück zu entgehen. „Bei Dukjon, warum ist das wichtig?“ Mit einem Kopfschütteln reißt sich Jalma aus ihren Gedanken, streicht ihrem Neffen über die Schulter und lächelt ihm mitfühlend zu. „Das ist nicht wichtig, nur aus Interesse. Wirst du hinfahren?“ Kaleo zuckt mit den Schultern. „Wenn du mich lässt, würde ich schon gerne. Darf ich den Wagen nehmen?“ Jalma schreitet an ihrem Neffen vorbei zurück ins Esszimmer, nimmt den Schlüssel des Mercedes aus der Schale und hält ihn fest in der Hand Kaleo hin. „Ich lasse dich fahren, unter der Bedingung, dass du trotz der Sorgen, die du dir machst, langsam und vorsichtig fährst. Hast du mich verstanden?“ Ein knappes „Ja“, und Jalmas Miene wandelt sich in Ernsthaftigkeit. „Hast du mich verstanden?“ Ein Augenrollen. „Ja Auntie, ich habe dich verstanden und werde vorsichtig fahren, obwohl ich aufgewühlt bin!“ Jalmas hartes Gesicht weicht wieder dem sonst so sanften und ihre Hand öffnet sich, um den Schlüssel frei zu geben. Kaleo greift nach dem nun offen daliegenden Autoschlüssel, streift seine Schuhe über und verlässt, nicht ohne seiner Tante noch einen Kuss auf die Wange zu geben, das Haus. Jalma läuft vom Esszimmer in die Küche und sieht ihrem Neffen besorgt durch das Küchenfenster hinterher. Die roten Rücklichter des Mercedes brennen noch einen Moment auf ihrer Netzhaut nach. „Ein Brand bei Dukjon,“ spricht sie zu sich selbst, „mag man nur hoffen, dass es nur ein Unfall war.“ Danach schlendert sie durch die Küche ins Esszimmer, durch die großen Flügeltüren ins Wohnzimmer und lässt sich erschöpft auf das gelbe Sofa fallen. Einen Moment sitzt sie da und sieht dem Tag nach, dann werden ihre Augen schwerer, ihr Körper ruhiger und Jalma gönnt ihm endlich die Ruhe, nach der er sich so sehr sehnt.
10. Rügen, Deutschland
Der Stuhl unter ihr stellt einen harten unnachgiebigen Gegner, auf dem sie unruhig hin- und herrutscht. Der kalte Fliesenboden versucht ihre Füße noch kälter und steifer werden zu lassen, als sie es ohnehin schon sind. Die Luft lähmt, durch den starken Desinfektionsgeruch und die Kälte des Raums, ihre Nase. Das Surren der Umgebung und die immerwährenden Durchsagen über die Lautsprecher betäuben ihre Ohren und das stetige Vorbeilaufen oder -rennen von in weiß gekleideten Gestalten hypnotisiert ihre Augen. Ihre Gedanken fühlen sich fremd an, so, als wären es die verzweifelnden Gedanken eines anderen, dem etwas Furchtbares passiert ist oder noch passieren wird. Ihr eigenes Bewusstsein muss unterdessen weit weg sein, irgendwo anders, wo es keine Luft zum Atmen, keinen Boden zum Stehen, keine Geräusche zum Hören, keine Düfte zum Riechen und nichts zu sehen gibt, was ihre Augen sehen könnten. Leise schwebt sie in diesem Nichts und versucht sich immer wieder klarzumachen, was in diesem seltsamen Moment, der über sie hineingebrochen ist, passiert.
Sie erinnert sich daran, wie sie mit ihrer Mutter auf dem Bett gesessen hat, auf die Gemälde ihres Bruders gestarrt und sich vorgestellt, was für schlimme Dinge einem Mann auf dem Nachhauseweg passieren können. Ihre Mutter hat zu ihr heruntergesehen, während ihr Bruder in seinem Zimmer spielte, und sie haben sich zusammen versucht einzureden, dass bestimmt alles gut ist und dass sie sich nur umsonst verrückt machen. Einige Minuten haben sie dagelegen und dem Meer in der Ferne gelauscht, bis sie das Geräusch hörten, das sie so abrupt aufspringen ließ, dass ihre Beine weich wurden und das Blut in ihren Köpfen pochte. Sie waren die Treppen hinuntergestürmt und beobachteten gemeinsam, wie die Tür aufgeschlossen wurde und ein Mann in das schwache Licht des Windfangs stieg. Für einen Moment hielten sie die Luft an und warteten bang darauf, dass der Mann aus dem Schleier des Windfangs heraustreten würde. Alle Logik ignorierend schienen sie sich nicht sicher sein zu wollen, dass es vielleicht doch nicht der Mann war, den sie erwarteten.
Der Mann, der vor Evelin und ihrer Mutter steht, ist sehr viel kleiner und schmächtiger als Paul, seine Hände wirken weich und unbearbeitet und seine Haare sind nicht dunkel, sondern hell. Der Mann hält immer noch den Hausschlüssel in der Hand und als er die zwei Frauen entdeckt, stutzt er und senkt den Kopf. Evelins Mutter versucht verzweifelt die Augen des Mannes zu erhaschen, der es jedoch kaum wagt aufzusehen. Evelin sieht im Licht des Flurs, dass Oliver geweint haben muss, seine Augen sind rot unterlaufen und seine Unterlippe bebt immer noch. Da weiß Evelin, dass etwas sehr Schlimmes passiert sein muss. Oliver öffnet den Mund und seine Worte klingen gefasster, als es sein Ausdruck vermuten lässt. „Mona“, ein tiefes Einatmen, „es geht um Paul.“ Die Frau reißt die Hand nach oben und presst sie gegen ihren Mund, um den Schrei zu fangen, der ihr sonst entronnen wäre. Mit der anderen greift sie so fest um Evelins Arm, dass sie glaubt ihre Mutter könne ihn abreißen. Oliver fährt fort. „Es gab einen schlimmen Brand in der Werkshalle und Paul und Felix konnten nur sehr knapp den Flammen entkommen.“ Nun beginnt auch seine Stimme zu beben. „Die beiden sind jetzt im Krankenhaus. Mona, hole Oskar, wir können zusammen hinfahren.“ Die Frau, die immer noch fest an Evelins Arm hängt, gleitet auf ihre Knie. Oliver, der das anscheinend schon hinter sich hat und so ruhig bleibt, legt Evelin die Hand auf die Schulter, sieht ihr tief in die Augen und lächelt ihr beruhigend zu: „Evelin mein Schatz, holst du bitte deinen Bruder von oben und achtest darauf, dass er eine Jacke mitnimmt.“ Evelin wendet sich von ihm ab, um, einem Roboter gleich, den Befehl auszuführen, als er ihr nochmal hinterherruft: „Alles wird gut werden.“ Und etwas halbherziger: „Ich bin mir ganz sicher.“ Jedoch redet irgendwas auf sie ein, dass gar nichts gut werden würde und dass das nur der Anfang ist. Von was, kann sie zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen.
Die Wendeltreppe hinaufhuschend, wirft sie noch einmal einen Blick auf ihre Mutter. Oliver hat sich zu ihr heruntergebeugt und sie in seine Arme geschlossen, dicke Tränen rollen in Olivers graues Hemd und lassen es immer dunkler werden.
Die Autofahrt zum Krankenhaus kommt Evelin länger als ein ganzes Leben vor; obwohl Oliver viel zu schnell fährt und die Ampeln gerne noch in einem Kirschorange überfährt, zieht sich die Zeit träge wie ein Kaugummi dahin. Jedes Mal, wenn sie an einer Ampel eine Vollbremsung hinlegen, zuckt sie zusammen, als wäre sie von dem Auto getroffen worden. Der Dukjon Q7 ist zwar für schnelles Fahren und Abbremsen gebaut worden, aber auch dieser Wagen kann Olivers Fahrstil nur sehr schwer ertragen und immer wieder riecht es im Innenraum beißend nach verbranntem Gummi oder gequälten Zündkerzen. Als sie dann endlich auf dem Krankenhausparkplatz zum Stehen kommen und aus dem Wagen stürmen, scheint es bereits ein anderes Jahrhundert zu sein. Die Vier rennen über den asphaltierten Parkplatz. Mona hat den kleinen Oskar an der Hand, der ein wenig ahnungslos hinter ihr herfliegt und immer wieder droht unter der Geschwindigkeit seiner Mutter hinzufallen. Oliver, der während der gesamten Fahrt kein einziges Wort gesprochen hat, wischt als Erstes durch die Drehtür des Haupteinganges, seine ganze Erscheinung wirkt nun nervös und ängstlich und Evelin erschreckt der Anblick des sonst so ausgeglichenen Mannes. Immer noch rennend stolpern sie durch die leere Eingangshalle zum Informationsschalter. Oliver hält sich mit beiden Händen an dem Tresen fest und bohrt seine Fingerkuppen so stark in die Glasplatte, dass sie weiß anlaufen. „Wir …, wir …“, es fällt ihm schwer unter der immer noch aufgebrachten Atmung einen klaren Satz herauszubringen, also übernimmt Mona das Wort. „Wir wollen zu Paul Barens und Felix Mending, sie sollten hier eingeliefert werden.“ Während sie spricht, rollen ihr Tränen über die Wangen und tropfen von ihrem Kinn auf die polierte Glasscheibe des Tresens. Die Dame hinter der Anmeldung verändert ihren leicht genervten Gesichtsausdruck während Monas gesamter Ausführungen kein einziges Mal, sie zupft lediglich nach ihrem Satz einige Taschentücher aus einer Box neben ihrem Bildschirm und reicht sie Mona ohne Kommentar. „Name?“, ist ihre knappe Antwort. „Mein Name ist Mona Barens.“ Sie deutet auf den immer noch schwer atmenden Oliver und wischt sich eine weitere Träne vom Gesicht. „Und sein Name ist Oliver Mending.“ Die Frau nickt knapp, tippt einige Sätze in ihre Tastatur und erhebt, mit derselben monotonen Stimme, das Wort: „Nehmen Sie bitte noch einmal im Wartezimmer Platz, es wird Sie gleich jemand über den Zustand Ihrer Angehörigen unterrichten.“
Die Vier setzen sich erschöpft und bedrückt auf einige der Stühle und beginnen zu warten. Selbst Oskar versteht, auf seine Weise, dass die Menschen um ihn herum irgendwie anders sind als sonst, und widersteht dem Bedürfnis herumzuwandern. Stattdessen zieht er das Plüschokapi, das er mitgenommen hat, näher an sich heran und beginnt die Mähne mit seinen kleinen Fingern zu kämmen. Mona hat sich neben Oliver gesetzt und hält seine Hand so fest umklammert, wie sie kann; ob sie es für sich oder für Oliver tut, kann Evelin, die ihnen mit Oskar gegenübersitzt, nicht sagen. Wieder ziehen sich die Minuten unnachgiebig dahin, Menschen kommen, Menschen gehen, aber niemand kommt, um die vier zu erlösen. Evelin rast ein Gedanke durch den Kopf, sie beugt sich zu Oliver hinüber und tippt ihm aufs Knie. „Oliver, was ist denn mit Lila?“ Der Mann legt den Kopf schief und sieht Evelin an, als wäre ihm erst jetzt eingefallen, dass er eine Tochter hat, dann entspannen sich seine Gesichtszüge wieder. „Sie ist zu Hause geblieben, um auf ihre Schwester aufzupassen, ich konnte sie in der Eile nicht mitnehmen, sie wartet darauf, dass meine Eltern kommen und sie ablösen können, dann kommt sie mit einem Taxi nach.“ Evelin nickt gequält und tippt schnell eine Nachricht an ihre Freundin in ihr Handy – Hey Lila, hab gehört du musst auf deine Schwester aufpassen, hab die Nachricht von unseren Vätern auch gerade erfahren, habe Angst, kannst mich anrufen, wenn du magst, hoffentlich wird alles wieder gut –. Während die Nachricht ihren Bildschirm verlässt, schluckt Evelin heftig und kämpft verzweifelt gegen das Gefühl an zu weinen. Der Kloß in ihrem Hals wird von Minute zu Minute dicker und es fühlt sich an, als wollten ihre Tränen sie erwürgen, aus Rache gefangen gehalten zu werden. Ihre betäubten Sinne fühlen sich gequält an und die Sorge um ihren Vater bringt sie beinahe um den Verstand. Auch dass sie immer wieder die Abläufe durchgeht, von dem Zeitpunkt als sie den Anruf ihres Vaters weggedrückt hat, zu Oliver, der aus dem Windfang trat, bis jetzt, wo sie immer noch wartend in der Eingangshalle des Krankenhauses sitzt.
Wahrscheinlich sind es nur zwanzig Minuten gewesen, die sie hatten warten müssen, aber alle Vier erheben sich steif, wie nach Tagen im Sitzen, als ein Mann im weißen Kittel auf sie zusteuert. Mit Besorgnis sehen sie dem Mann entgegen, der langsam und bedacht auf sie zukommt. „Herr Mending?“, stellt er seine Frage in die Runde. Oliver, dessen Beine zittern, nickt dem Weißkittligen nur knapp zu und presst ein „ja“ über die bebenden Lippen. „Ihrem Mann geht es den Umständen entsprechend gut. Seine Atemwege sind stark verbrannt und er hat eine heftige Rauchgasvergiftung, außerdem hat er Verbrennungen dritten Grades an seinem linken Arm. Er wird aber durchkommen. Wir haben ihm Flüssigkeit, Schmerzmittel und etwas zur Beruhigung gegeben, Sie können jetzt zu ihm, er hat auch schon nach Ihnen gefragt.“ Ein erlöster Seufzer, ein „Oh, Gott sei Dank“ an die Krankenhausdecke und alle Drei sehen sich für einen Moment lachend an, bis sie sich wieder daran erinnern, wo sie sind, und zurück in Ernsthaftigkeit verfallen. Oliver, dem die Erleichterung ins Gesicht geschrieben steht und dessen Sorgenfalten, die zuvor so tief in sein Gesicht gekratzt waren, langsam erblassen, richtet sich noch einmal an den Arzt. „Vielen Dank für die Information, Sie wissen nicht, wie glücklich Sie mich damit gemacht haben, aber was ist mit Paul, Paul Barens?“ Der Mann sieht kurz zu Boden, bevor er sich Mona zuwendet. „Im Augenblick kann ich leider noch nichts zu seinem Zustand sagen, Frau Barens. Es tut mir leid, Sie müssen sich noch ein wenig gedulden.“ Mona schluchzt in die Ruhe der Eingangshalle. „Oh, bitte, bitte, bitte“, wimmert sie der Decke entgegen und weint zum zweiten Mal an diesem Tag in Olivers graues Hemd. „Mona, es tut mir so leid, aber es wird bestimmt alles gut werden“, versucht Oliver verzweifelt die weinende Frau zu beruhigen. Dann drückt sie ihn von sich weg und starrt ihm ins Gesicht. „Gehe jetzt Oliver, du musst zu Felix gehen, ich komme schon zurecht.“ Ein paarmal macht Oliver abwinkende Handbewegungen und drückt die Frau fester an sich, doch der Arzt deutet ihm zu folgen. Evelin, die die ganze Szenerie immer noch durch den Vorhang ihrer betäubten Sinne beobachtet und noch immer krampfhaft versucht ihre Tränen herunterzuschlucken, hechtet den beiden Männern noch hinterher, bevor die hinter der Schwingtür verschwinden können. Trotzig zieht sie dem Arzt am Kittel, richtet sich zu ihrer vollen Größe auf und räuspert sich, um den Kloß beiseitezuschieben, der ihr die Luft abzwängt. „Was ist mit meinem Vater? Ich meine, wie geht es ihm, Sie werden doch schon etwas wissen, Sie können es mir ruhig sagen.“ Der Mann im weißen Kittel schaut Evelin ernst entgegen. Sein Blick wandert zu Oliver, der ihm mit geschlossenen Augen kurz zunickt. „Wie ist denn dein Name?“ „Evelin Barens.“ „Okay Evelin, du darfst dir keine zu großen Sorgen machen, ja?“ Evelin nickt ihm tapfer entgegen. „Es sieht sehr schlecht aus, aber wir tun alles, was in unser Macht liegt, damit alles wieder gut wird, und ich darf sonst kein Versprechen machen, aber dieses Versprechen gebe ich dir.“ Der Mann lächelt, drückt auf den Schalter der Tür und verschwindet dahinter. Oliver bleibt noch einen Moment stehen und beugt sich ein wenig herunter, um Evelin besser in die Augen sehen zu können. „Es tut mir sehr, sehr dolle leid, aber du musst wissen, dass ich mir auch schreckliche Sorgen mache und dass es vollkommen in Ordnung ist zu weinen.“ Evelin hält seinem Blick stand. „Meine Oma hat immer gesagt, wenn man weint, besiegelt man das Schicksal.“ Oliver sieht sie noch einen Moment besorgt an, dann folgt er dem Arzt durch die Türen, die sich hinter ihm schließen, und Evelin bleibt alleine zurück.
In den Armen ihrer Mutter wartet sie noch eine weitere Stunde. Als der Arzt, der Oliver zuvor weggebracht hat, zurückkommt, sieht Mona aus, als wäre sie um Jahre gealtert. Ihre sonst vollen Wangen sind eingefallen und die sonst so golden schimmernden braunen Haare haben ihren Glanz verloren. Selbst ihr Gang, der sonst mehr einem Tanz gleich ist, wirkt wie der einer alten Frau. Sie erhebt sich trotzdem erstaunlich schnell und läuft dem Arzt entgegen. Sie greift nach seinen Händen und versucht verzweifelt aus dem Ausdruck des jungen Arztes schlau zu werden. Einige der Menschen, die ebenfalls im Wartezimmer sitzen, beobachten die kleine Familie aufmerksam, die nun um den jungen Mann herumsteht und gebannt an seinen Lippen hängt. „Frau Barens, wenn Sie mir kurz folgen wollen“, ist das Einzige, was er entgegnet. „Nein, bitte, bitte sagen Sie mir erst, wie es meinem Mann geht. Wie geht es Paul?“ Der Mann greift nach Monas Hand, drückt sie einmal und wiederholt seinen Satz. „Ich bitte Sie, Frau Barens, kommen Sie erstmal mit mir mit. Sie bekommen die Antworten auf Ihre Fragen.“ Wie Gift sickert die Erkenntnis in Evelins Unterbewusstsein und vergiftet die Hoffnung, die sie sich so verkrampft bewahren will. Nur der Körper ist es, der den drei einsamen Gestalten den Schmerz vorbehalten will.
Der junge Mann läuft mit ihnen durch die grellen Korridore des Krankenhauses, bis er eine Tür erreicht, sie öffnet und erst wieder schließt, als die drei in dem gemütlich eingerichteten Raum stehen. „Wollen Sie sich kurz setzen?“, fragt er Mona und deutet auf das braune, gemütlich aussehende Sofa. „Nein, das will ich nicht!“, entgegnet Mona wütend und verzweifelt fügt sie hinterher: „Ich möchte nur wissen, wie es meinem Mann geht.“ Der Arzt richtet seinen Blick auf den Boden vor ihm, sammelt sich und schaut dann genau in Monas grüne Augen. „Es tut mir sehr leid Frau Barens, wir haben alles in unserer Macht Stehende getan, aber wir konnten nichts mehr für ihn tun. Ihr Mann ist heute um 02:45 Uhr gestorben.“ Ein Schrei erfüllt den Raum und Evelins Mutter sinkt zum zweiten Mal in dieser Nacht auf die Knie. Sie vergräbt ihr Gesicht in ihren Händen und schluchzt so laut, dass es wehtun muss. Auch Evelins Standhaftigkeit versagt und sie stolpert rückwärts auf das braune Sofa. Es ist weich und warm und es wirkt fast so, als ziehe sie das Mädchen tiefer in sein weiches Polster, um sie zu halten. Aus Evelins Mund kommt kein Ton, der Knoten in ihrem Hals platzt schmerzhaft auf und dicke Tränen laufen ihr über die Wangen. Sie sind heiß und es fühlt sich an, als wollten sie Evelins Gesicht verätzen, aber sie weint immer weiter. Oskar, der sich dem Griff seiner Mutter entrissen hat, stürmt dem Arzt entgegen und wirft ihm mit seiner ganzen fünfjährigen Kraft das Okapi entgegen, danach fingert er an der Tür herum, bis er den Griff zu fassen bekommt, hebt das Okapi vom Boden auf und stürmt in den grellen Flur hinaus. Der junge Mann will ihm noch hinterher, wird aber von Mona, die sich so weit gefasst hat, um zu sprechen, aufgehalten. „Lassen Sie ihn, er versteht das nicht, er ist nur sauer, weil er sieht, dass Sie uns traurig gemacht haben.“ Der junge Arzt schiebt die weit offen stehende Tür zu, lässt aber einen Spalt offen, falls Oskar beschließt wiederzukommen. Langsam beugt er sich zu der immer noch am Boden knienden Mona hinunter und reicht ihr wortlos seinen Arm. Mona zieht sich mit seiner Hilfe nach oben und sinkt neben Evelin auf das Sofa. Immer noch rollen dicke Tränen aus den verquollenen Augen. Der Arzt zieht unterdessen einen Stuhl heran und richtet das Wort an die beiden Frauen. „Er ist bereits mit schweren Verbrennungen eingeliefert worden, seine Atemwege waren stark verbrannt und er hatte eine ziemlich starke Rauchgasvergiftung, die ihm das Atmen schwer gemacht hat. Im Laufe der Operation mussten wir feststellen, das große Teile seines Brustkorbes zertrümmert waren, wir haben alles Menschenmögliche versucht, konnten aber nichts mehr für ihn tun. Um 02:45 Uhr erlag Ihr Mann dann seinen schweren Verletzungen. Er ist bereits bewusstlos eingeliefert worden, was heißt, dass er in seinen letzten Stunden nicht mehr leiden musste.“ Als der Mann seine Ausführungen beendet hat, hält er inne und lauscht respektvoll in den schluchzenden Raum hinein. Etwas verunsichert und hilflos beißt er sich auf seine Unterlippe und fixiert den Boden vor ihm. Auch für ihn ist das keine alltägliche Situation. Nach einigen Minuten erhebt er sich von seinem Stuhl, schiebt ihn zurück an seinen ursprünglichen Platz und legt einen kleinen schwarzen Gegenstand auf einen der Beistelltische neben dem Sofa. „Wenn Sie so weit sind, piepen Sie mich gerne an und wir können die nächsten Schritte besprechen, lassen Sie sich aber ruhig Zeit.“ Dann verlässt er leise und bedacht keinen unnötigen Lärm zu machen den Raum. Zurück bleiben nur die zwei Frauen, die sich, sobald er den Raum verlassen hat, in die Arme fallen und einander Trost geben.
Irgendwann löst sich Mona aus der Umarmung, streicht ihrer Tochter über den lockigen Kopf, tippt ihr mit einem leichten Lächeln auf die schmal gewordenen Lippen, auf die Nase und öffnet den trockenen Mund, um die Stille zu brechen. „Evelin, du darfst traurig sein, du darfst auch wütend sein oder dich verraten fühlen, aber du darfst niemals vergessen, dass dieser Mann dich geliebt hat. Auch wenn er in letzter Zeit viel zu sehr mit der Arbeit beschäftigt war, er liebt dich trotzdem. Du denkst jetzt vielleicht, dass das ungerecht ist, dass es noch nicht Zeit war, aber auch, wenn du das Gefühl hast die Zeit ist stehen geblieben und du nicht weißt, wie du weitermachen sollst, denk einfach immer daran, dass die Uhr da oben auf dem Schrank“, sie deutete auf einen kleinen Wecker, der auf einem der Schränke des Raums steht, „diese Uhr ist, seit wir es erfahren haben, schon dreißig Minuten weiter gesprungen und das wird sie immer tun, egal was passiert. Die Zeit wird dich immer daran erinnern, dass es auch jetzt noch ein Morgen gibt.“ Sie erhebt sich aus der Umarmung des Sofas. Es scheint ihr schwerzufallen, als könnte sie ihre alt gewordenen Knochen nicht mehr so bewegen, wie sie es sonst getan hat, und sie fügt noch hinzu: „Ich werde jetzt zu Felix und Oliver gehen und es ihnen sagen, sie haben ein Recht darauf zu erfahren, was passiert ist.“ Evelin, die immer noch in ihrer Trauer gefangen auf dem Sofa sitzt, will ihrer Mutter noch hinterherlaufen, aber irgendwas lähmt sie und macht es ihr unmöglich auch nur einen Finger zu krümmen. Sie will nicht allein in diesem schrecklichen Raum sitzen und diesem entsetzlichen Wecker lauschen, wie er die Zeit weiter drängt, er soll auf der Stelle stehen bleiben und die Zeit anhalten, so wie auch ihre eigene Zeit angehalten wird, er hat nicht das Recht zu entscheiden weiter zu ticken. So sitzt sie einfach nur da, starrt ins Leere und lauscht einem Wecker, der nicht ticken sollte.
Das Auto seiner Tante ist schnell, sehr schnell, um genau zu sein, es fegt über die trockenen Straßen und legt sich geschmeidig in die engsten Kurven, in die Kaleo es zwingt. Die Reifen heften sich gut an die Straße und treiben es stetig voran, einige Male wird die Geschwindigkeit von Ampeln oder Fußgängerüberwegen unterbrochen, aber das spornt Kaleo nur noch mehr an, die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Seit er vor drei Monaten achtzehn geworden ist, hat er nicht viele Möglichkeiten gehabt seine neu errungene Freiheit auch zu nutzen und so genießt er, trotz seiner besorgten Stimmung, das Fahrerlebnis in vollen Zügen. Ab und zu kommt ihm ein schlechtes Gewissen, weil er seiner Tante versprochen hat vorsichtig zu fahren, aber dann redet er sich einfach ein, dass er nur versprochen hatte vorsichtig, aber nicht langsam zu sein. Er rast vorbei an den Wasserspeichern der Stadt, die auch dieses Jahr wieder zu wenig Wasser tragen, und jagt um die Ecke des alten Obstladens, der aufgrund der schlechten Ernte frühzeitig geschlossen hat. Als der Wagen auf dem Parkplatz des Krankenhauses mit quietschenden Reifen zum Stehen kommt und Kaleo den gequälten Motor abschaltet, bleibt er noch einen Moment auf dem kalten Lederpolster sitzen und lauscht der Kühlanlage des Motors. Durch sein Gewissen getrieben, tippt er eine Nachricht an seine Tante in den ellipsenförmigen Gegenstand: Bin heil angekommen, mir und dem Auto geht es gut oder sollte ich lieber sagen dem Auto und mir, je nach dem, auf was du eben mehr Wert legst, schreibe dir, wenn ich etwas erfahren habe, ich hoffe du schläfst schon, es ist ja schon fast der nächste Morgen. Bevor er die Nachricht verschickt, lugt er noch kurz auf seine Armbanduhr, 03:51 Uhr, und steigt aus dem tiefliegenden Wagen auf den Krankenhausparkplatz. Ein leichter Wind weht über die Dächer der Autos und obwohl es weder der Wind ist noch die Luft, die wirklich kalt sind, fröstelt er. Irritiert über die Kälte, die in ihm aufsteigt, zieht er sich die Sweatshirtjacke über und macht sich auf den Weg zum Haupteingang. In der Eingangshalle angekommen bleibt er einen Augenblick stehen, etwas hilflos blickt er sich in der hohen Halle um, bevor seine Augen auf den Informationsschalter fallen. Zielgesteuert geht er auf den Glastresen zu und legt etwas verunsichert eine Hand auf das kühle Glas. „Guten Abend, oder Morgen, keine Ahnung wie man das hier nennt, vermutlich eher Morgen, aber na ja, ist ja auch egal.“ Ein verstohlenes Lächeln. „Ich möchte gerne zu Paul Barens oder Felix Mending.“ Die Frau hinterm Tresen, die erst jetzt ihren Kopf hebt, um Kaleo eines genaueren Blickes zu würdigen, schaut gelangweilt drein. Als sie ihre Begutachtung des Jungens abgeschlossen hat, richtet sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Computerbildschirm zu. „Name?“ Kaleo runzelt die Stirn. „Oh, keine Ahnung was der Ihnen bringt, aber mein Name ist Kaleo McDonahue.“ Die Frau hinterm Tresen sieht verwundert auf, als sie Kaleos Namen hört und kräuselt die Lippen. Kaleo, der ihren verwirrten Gesichtsausdruck richtig deutet, schmunzelt über die Reaktion der so bieder aussehenden Frau. „Ich bin Amerikaner, in Hawaii geboren, deswegen der Name, soll ich Ihnen den buchstabieren?“ Ein knappes Nicken bestätigt Kaleos Vermutung. Nachdem alle Missverständnisse beseitigt sind, bedeutet ihm die Frau im Wartezimmer Platz zu nehmen, da er nicht zur Familie gehöre. Kaleo, der mit so einer Antwort natürlich gerechnet und nichts anderes erwartet hat, schlendert links am Tresen vorbei in den Wartebereich.
Immer noch angespannt, lässt er sich auf einen der Stühle fallen und beginnt Lila eine Nachricht zu schreiben, in der er ihr mit knappen und vorsichtigen Worten mitteilt, dass er im Wartebereich Platz genommen hat und da ist, wenn er gebraucht würde. Danach richtet er seine Aufmerksamkeit nach vorne, um die Halle und ihre Menschen genauer im Auge zu haben, bis er den kleinen Jungen sieht, der unter einem der großen Tische sitzt. Verwundert springt er auf und durchquert die Halle. Tatsächlich, er hat sich nicht verguckt, unter dem großen Tisch, der wohl sonst für Schreibarbeiten genutzt wird, sitzt Oskar. Mit seinen kleinen Armen umklammert er seine Knie und wippt zu einer unhörbaren Musik. Neben ihm liegt ein Plüschokapi. Kaleo, der Evelins Bruder noch nie so verunsichert gesehen hat, kriecht, ohne ein Wort zu sagen, mit unter den Tisch. Eine Zeit lang sitzen die beiden da und lauschen einer Musik, die nicht da zu sein scheint. „Das Okapi ist der Wahnsinn“, spricht er den kleinen Jungen an, ohne eine Antwort zu erwarten. „Ich denke, Sie sind der Besitzer dieses außergewöhnlichen, behuften Säugetiers, das weder Giraffe noch Zebra zu sein vermag.“ Der Junge hört auf zu wippen. „Dachte ich mir“, redet Kaleo unbeirrt weiter. „Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das Liegen auf kalten Fliesen unter einem Tisch in einem Krankenhaus das richtige Habitat ist, aber Sie, Herr Oskar, haben, wie ich ja weiß, sehr viel mehr Ahnung von Okapis als mein unwissendes Ich.“ Der kleine Junge mag den Ausführungen Kaleos zwar nicht lauschen, wendet seine Aufmerksamkeit aber doch nach oben, um seinen ungewöhnlichen Gast genauer zu mustern. Dabei achtet der Fünfjährige akribisch darauf, nicht Kaleos Augen zu kreuzen. Stattdessen greift er schweigend nach dem Okapi und zieht es zwischen Oberkörper und Beine. „Hey Oskar, da ich weiß, dass du viel, viel mehr weißt, als die meisten denken, weißt du bestimmt, warum ich hier bin“, führt Kaleo seinen Monolog ein wenig ernster fort. „Ich würde wirklich gerne wissen, was mit deinem und Lilas Vater ist, und ich möchte sehr gerne mit deiner Schwester sprechen. Weißt du, wo deine Schwester ist? Oder Lila? Oder vielleicht deine Mama?“ Oskar beobachtet Kaleos Mundbewegungen genau, es sind nicht die Worte, die ihn interessieren, sondern vielmehr, wer sie sagt und in welcher Geschwindigkeit sie gesagt werden. Kaleo legt respektvoll eine Pause ein und wartet, wie man es in einem Gespräch nun mal tut, darauf, bis sein Gegenüber mit seinen Ausführungen fertig ist. Dass Oskar dabei kein Wort sagt, stört den Jungen nicht. Eine Weile geht es so, ein Starren zwischen einem Fünfjährigen, der schweigt und einem Achtzehnjährigen, der seinen Ausführungen folgt. Dann, blitzschnell, springt der kleine Junge auf, kriecht flink unter dem Tisch hervor und rennt durch die große Eingangshalle zu der Tür, in der er zuvor mit seiner Schwester und seiner Mutter verschwunden ist. Kaleo, der mit dieser Reaktion nicht gerechnet hat, strauchelt nur mit Mühe unter dem, für ihn kleinen, Tisch hervor und versucht dem Fünfjährigen zu folgen.
Obwohl Oskar nicht ein einziges Mal nach hinten sieht, kommt es Kaleo so vor, als würde er doch darauf bedacht sein, dass er ihm folgt, und so bleibt der kleine Junge jedes Mal kurz stehen, bevor er durch eine Schwingtür wischt oder am Ende eines Korridors um die Ecke biegt. Kaleo rast ihm stetig hinterher, vorbei an Krankenhausbetten und Mehrbettzimmern, vorbei an Ärzten mit OP-Kitteln und Schwestern mit Bettpfannen, einmal muss er einem Patienten so schnell ausweichen, dass er beinahe mit ihm zusammengeprallt wäre. Der Patient zuckt aber zum Glück im letzten Moment zur Seite und droht Kaleo mit vorgehaltenen Krücken irgendwelche Maßnahmen hinterher. Sich stürmisch entschuldigend, rast er nur an ihm vorbei. Irgendwann soll die Raserei aber ein Ende finden, als Oskar mitten im Lauf vor einer mit Holz verkleideten Tür bremst und das Okapi vor den Türschlitz stellt. Kaleo, der noch viel zu viel Schwung hat, um neben dem Jungen zu halten, fliegt chancenlos an der Tür vorbei und nimmt die letzten Meter zurück im Gehen auf sich. Außer Atem steht er neben dem Fünfjährigen vor der Tür und betrachtet das billig aussehende Holz. „Was ist da drin Oskar?“, fragt er ihn verunsichert, aber der kleine Junge packt nur das Okapi am Hals, zieht es unter seinen Arm und rauscht mit derselben Geschwindigkeit, wie sie gekommen sind, um die nächste Korridorecke davon.
Gleichbleibend verunsichert greift Kaleo an den kalten Türgriff, er lässt seine Hand ein wenig auf dem kühlen Metall liegen, bevor er es leise nach unten drückt und die Tür in den Raum aufschiebt.
Im Raum ist es warm, viel wärmer als auf den eisigen Korridoren, selbst die Luft riecht hier nicht so stark nach Desinfektionsmittel und der Fliesenboden, der sich durch das ganze Krankenhaus zieht, weicht weichem Teppich. In der Mitte des Raums steht ein Sofa, es ist braun und sieht weich aus, außer einem Schrank und zwei Beistelltischen ist der Raum leer. Irgendwo scheint es einen altmodischen Wecker zu geben, denn das erste Geräusch, das er hört, ist ein leises Ticken. Auf dem Sofa sitzt ein Mädchen, ihre Beine hat sie an sich gezogen und ihre Hände liegen über dem mit Sommersprossen verzierten Gesicht. Ein leises Wimmern geht von der lockigen Gestalt aus, sonst ist da nichts Außergewöhnliches. Als das Mädchen den Eindringling bemerkt, lösen sich ihre Hände von ihrem Gesicht und Kaleo schauen rot verquollene Augen entgegen. Ihre Augenbrauen ziehen sich nach oben, nicht verwirrt oder besorgt, sondern dankbar. Kaleo wagt es nicht den Mund aufzumachen, er fühlt sich, als hätte man ihm einen Maulkorb angelegt, der ihm das Sprechen unmöglich macht, auch dem Mädchen geht es wohl ähnlich und so machen beide nur einen schnellen Schritt aufeinander zu und fallen sich in die Arme.
Evelin weiß nicht, warum Kaleo im Raum steht, sie weiß nicht, wer ihm gesagt hat, was passiert ist oder warum er gekommen ist, sie weiß nicht, warum er nicht wütend auf sie ist, obwohl er jedes Recht dazu hätte; das Einzige, was ihr glasklar ist und was sie in diesem Moment auch nicht hinterfragt, ist, dass er da ist, genau im richtigen Moment, dass er einfach nur dasteht und sie hält, ohne ein Wort, ohne eine Frage, ohne einen Vorwurf.
11. High York, USA
Philippe beißt sich auf die Unterlippe, immer wieder geht er in seinem Kopf die Möglichkeiten durch, wie er seinen Kollegen die Lage erklären kann. Er ärgert sich über den Captain, der ihm diese lästige Aufgabe überlässt. Nun bereut er es fast, die Ordner, die ihm sein Chef überreicht hat, nicht doch vorher bearbeitet zu haben. Langsam schleicht er neben seinen Kollegen her. Der Gang ist eng und so früh am Morgen immer noch in einem leichten Dämmerlicht gefangen. Ab und zu kommt er an einem der kleinen Fenster vorbei und erhascht einen kurzen, aber doch intensiven Blick auf die hinter einem Hochhaus hochkletternde Sonne. Lange richtet er seine Augen in die Morgenröte, bevor die nächste Wand das Licht verbirgt und ihm die Sonne nur noch in Erinnerung als bunte Punkte über die Netzhaut tanzt. Obwohl der Gang, umso weiter sie dem Großraumbüro kommen, immer enger wird und das Gewicht auf Philippes Brust immer schwerer, verlangsamt sich sein Schritt weiter. Dieses Mal gewinnt tatsächlich das ungute Gefühl, über das, was er gleich sagen wird, über die Angst von den auf ihn zukommenden Wänden, zerquetscht zu werden.
Dorian, der neben Philippe durch den schummrigen Gang stapft, immer einen Schritt hinter ihm, aus respektvoller Angst sich ein zweites Mal an diesem Tag seinen heiligen Zorn zu verdienen, mustert seinen Freund von hinten. Irgendetwas an Philippes Art hat sich heute geändert, nicht nur, dass er heute nicht immer schneller wird, umso weiter sie in den engen Gang vordringen, sondern sich immer weiter zurückfallen lässt, beunruhigt ihn, es sind nicht das ständige Ziehen an der Unterlippe und das aggressive Verhalten vorhin in seinem Büro, es ist das fortwährende Murmeln von Worten, das Dorians Haare zwingt sich wie Antennen aufzustellen. Er hört Philippe seine Muttersprache nicht oft sprechen, die meiste Zeit, die er ihn kennt, hat Philippe immer in Englisch gesprochen und obwohl der französische Akzent schwer zu verbergen ist, spricht er es fließend und ohne einen einzigen Fehler. Selbst wenn sie in Gefahrensituationen gekommen sind und Philippe und er mit gezogener Waffe hinter einer aufgeklappten Autotür Schutz suchten, sprach er fließendes, einwandfreies Englisch. Aber jetzt murmelt sein Partner in einem Gemisch aus perfektem Französisch und gebrochenem Englisch vor sich hin und Dorian, der zwanghaft versucht den Worten zu lauschen, versteht kein Wort aus dem Mund seines Freundes. Philippe ist sehr schwer aus der Ruhe zu bringen und hätte man Dorian gefragt, was seine Schwäche sei, würde er vermutlich verneinen und sagen, dass dieser Mann keine Schwäche besitzt, obwohl er es besser weiß; obwohl er weiß, dass Philippe panische Angst vor geschlossenen Räumen und engen Gängen hat, würde er sagen nein, diesen Mann bringt nichts aus der Ruhe. Doch ausgerechnet heute bricht Philippe alle Annahmen, die Dorian über ihn gesammelt hat, er ist gereizt und unkonzentriert, wie er da durch den schummrigen Gang schleicht. Mit geballten Fäusten nimmt der rothaarige Mann seinen Mut zusammen und packt den immer noch englisch-französisch murmelnden Mann vorsichtig an der Schulter.
Komplett aus seinen Gedanken gerissen spürt Philippe die Hand, die von hinten auf seiner Schulter platziert wird, und fährt erschrocken herum. „Alles gut bei dir?“, spricht ihn der rothaarige Mann leise und sehr respektvoll an. „Ja, natürlich ist alles gut, was sollte nicht gut sein Dorian?“ Den Worten Sicherheit verleihend mustert er die Reaktion seines Partners. „Ich weiß nicht, ich dachte nur weil …, weil ...“, druckst Dorian nach den richtigen Worten suchend weiter. „Du dachtest was?“ Ein Ausdruck von Spott schwingt in den Worten des Lieutenants wieder und Dorian bereut bereits ihn angesprochen zu haben. Der Situation jetzt aber heillos ausgeliefert kratzt er sich nervös an der hochgezogenen Augenbraue, schaut verunsichert zu Boden und presst die Worte heraus, die sich aus Angst vor Veröffentlichung an seinen Kehlkopf krallen. „Du wirkst etwas unsicher. Philippe, mag ja sein, dass nichts los ist, aber ich kenne dich einfach schon zu lange, um dir das zu glauben, es tut mir leid, wenn dir das heute respektlos erscheint, aber ich sorge mich eben um meinen Partner.“ Anscheinend zufrieden mit seinen Worten nimmt Dorian einen festeren Stand an und zeigt etwas mehr von seinem Selbstbewusstsein. „Es tut mir leid, wenn ich hart war Dorian, mir wurde nur heute Morgen eine Last zuteil, die ich noch zu tragen üben muss.“ Philippe räuspert sich, sieht sich verstohlen um und schmunzelt. „Ohne dir jetzt zu nahe treten zu wollen oder es als Ausrede zu benutzen, würde es dich stören unser Gespräch später fortzusetzen, es scheint mir hier doch etwas eng zu werden.“ Immer noch mit einem verschmitzten Lächeln tippt Philippe Dorian auf die Schulter und beschleunigt, um den Gang jetzt doch sehr eilig zu verlassen. Dorian, der perplex über die doch schnelle Rückverwandlung seines Freundes im Gang steht, zuckt nur mit den Schultern und folgt ihm in das wuselige Großraumbüro, in das Philippe gerade seinen Fuß gesetzt hat. Während Dorian diesen Raum abgrundtief hasst und mit dem ständigen Surren und Piepen der Drucker, dem Diskutieren und Schreien von Verdächtigen und Kollegen, dem ständigen Zug durch ein offenes Fenster oder dem Flackern von rauf- und herunterfahrenden Bildschirmen überhaupt nicht klarkommt, ist es für Philippe das reinste Paradies. Der große offene Raum bietet ihm die Luft, die seine Lunge zum Atmen braucht, die belebte Umgebung erinnert ihn an die Zeit, in der er selbst noch ein unerfahrener Officer war, und selbst als er zum Detektive aufstieg, mochte er den Geruch der Druckerpatronen und er genoss auch damals schon die Tatsache, dass es hier immer etwas zu sehen gibt. Er bereut nicht die Stelle des Lieutenants angenommen zu haben, ganz im Gegenteil, er mag die Verantwortung, die ihm zuteil geworden ist, aber es gibt eben auch Dinge, die er vermisst und die ihm manchmal wie ein harter Preis vorkommen. Er verachtet dieses winzige Büro, um das alle immer so schrecklich respektvoll herumhuschen, und er wünscht sich manchmal die Zeit zurück, in der er einfach unauffällig in einen Raum wischen konnte, um sich einen Kaffee einzugießen, ohne dass er jemandem groß aufgefallen wäre. Heute hören die Leute auf zu reden, brechen ihre Gespräche ab, nehmen verstohlen Haltung an und prosten ihm nur wohlwollend mit ihren Tassen zu. Sie tun es eben genauso, wie Philippe es getan hat, als damals sein Lieutenant den Raum betreten hat, und sie tun es genauso, wie er es heute noch tut, wenn der Captain in das winzige Büro schleicht. Genauso ist es auch an diesem frühen Morgen, während zuvor noch wüstes Treiben den großen Raum erfüllt hat und die vielen Streifenpolizisten und Detektives wild durcheinander wuselten, scheint mit dem Betreten von Philippes Fuß über die Schwelle eine Ruhe über das Büro zu fallen. Die meisten richten ihre Aufmerksamkeit für einen Moment von ihrer Tätigkeit ab, um sie dem Mann zu schenken, der das Büro betreten hat.
Für einen Moment stutzt Philippe und seine Füße bewegen sich nicht über die Schwelle hinweg, denn obwohl es so früh morgens ist, platzt der Raum an diesem Tag fast vor Kollegen. Erst als Dorian sich an seinem Lieutenant vorbeischiebt, um hinter einer der Stellwände an seinem Schreibtisch Platz zu nehmen, bricht Philippes Erstaunen und er erinnert sich, warum er hergekommen ist. Dorian ist froh wieder an seinem Schreibtisch zu sitzen, er hält es heute für unklug zu nah um Philippe herum zu sein und auf keinen Fall will er neben ihm stehen und versehentlich in die Schussbahn seiner Kollegen geraten. Das ist eine Bürde, die Philippe heute allein schultern muss und das weiß er auch.
„Kann ich für einen Moment Ihre Aufmerksamkeit haben?“, beginnt Philippe den Vortrag, den er sich in seinem Kopf endlich zurechtgelegt hat. Es dauert einen Moment, bis auch der Letzte begriffen hat, dass er nun den Mund halten und aufhören sollte Akten zu kopieren, und erst als alle Augen gespannt auf den Mann an der Tür gerichtet sind, beginnt der mit seinen Ausführungen. „Schön, da ich jetzt Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit genieße, werde ich Ihnen sagen, warum Sie heute in aller Herrgottsfrühe aus den Betten geklingelt wurden, um auf dem Department zu erscheinen. Es ist Ihnen bestimmt nicht entgangen, dass die Funksprüche sich heute Morgen überschlagen und dass Sie mit Ihrer Arbeit kaum hinterherkommen. Vielleicht haben einige von Ihnen auch bereits Gerüchte über Social Media oder andere Netzwerke erhalten und reimen sich Ihren Teil zusammen. Ich muss Sie leider enttäuschen, wenn ich Ihnen sage, ich werde keines dieser Gerüchte bestätigen und ich kann Ihnen zu diesem frühen Zeitpunkt auch noch nichts über die bisherige Lage verraten. Es mag sein, dass unsere Politik lügt und Dinge verschweigt, ich werde das aber nicht tun. Ich kann Ihnen, wie gesagt, bedauerlicherweise nicht sagen, was es mit diesen Gerüchten auf sich hat, wo sie herkommen oder welche wahr sind. Was ich Ihnen zu diesem Zeitpunkt aber sagen kann, ist, dass es um § 4253 geht, von dem Sie mit Gewissheit, in den letzten paar Monaten, schon etliche Male in den Nachrichten gehört haben, auch der erste Absatz dürfte den meisten mittlerweile ja gut bekannt sein. Dieser erste Absatz ist nun veröffentlicht worden, damit wird der § 4253 nun in Kraft treten. Welche Absätze er noch bringen wird, ist zu diesem Zeitpunkt noch unklar, bleiben wir also bitte erstmal ruhig und warten ab, was da noch auf uns zukommt.“ Ein entsetztes Raunen durchdringt die Ruhe, die den Raum zuvor befallen hat, und löst Murren in den Reihen aus. Einige der Frauen und Männer rufen Fragen in den Raum: „Warum hat uns das keiner gesagt?“ „Was genau besagt der erste Absatz?“ „Ist es der einzige, der veröffentlicht wurde, und welche werden folgen?“ „Ist unsere Regierung gestürzt worden?“ oder „Warum weiß die Bevölkerung vor uns davon?“. Für einen Augenblick lauscht Philippe in das Tosen hinein, dann aber hebt er seine Hand und schlagartig verstummt das Stimmengewirr wieder. „Wie gesagt, ich kann Ihnen leider keine Ihrer Fragen beantworten, Sie müssen mir heute einfach vertrauen und ungefragt die Befehle befolgen, die ich Ihnen heute geben muss. Da draußen sind Menschen, denen es genauso geht wie Ihnen, sie haben auch Fragen und wissen nicht, was richtig ist oder an was sie noch glauben dürfen, manchen geht es vermutlich schlechter als Ihnen, weil sie ihren Job oder ihre gesamte Existenz verloren haben. Die Menschen da draußen haben Angst, sie sind verunsichert und fühlen sich von ihrer Politik hintergangen und wir wissen alle, dass Angst und Ungewissheit seltsame Sachen in Menschen auslösen können.“ Ein bestätigendes Nicken durchzuckt den Raum, einer der Männer, ein bulliger Mann mit einem breiten Stiernacken und mit so aggressiven Zügen, dass Philippe in Panik ausgebrochen wäre, wenn er nicht wüsste, wie sanft und freundlich dieser Officer in Wahrheit ist, fragt: „Aber Lieutenant, was sollen wir denn da draußen machen, die drehen alle komplett durch?“ Durch den Einwurf gelähmt, bleibt Philippe für einen kurzen Augenblick ruhig und hält seine Aufmerksamkeit eisern auf den schrankgroßen Mann gerichtet, leicht spöttisch zieht er dann seine Augenbraue in die Höhe, zuckt kaum merklich mit den Achseln und erwidert mit einer Mischung aus französischer Gleichgültigkeit und amerikanischem Ernst: „Na ja, ich würde vorschlagen Ihren Job, das sollte für heute einen guten Ansatz darstellen.“ Einige der Detektives lachen, halten aber erschrocken inne, als sie dem misstrauischen Blick ihres Lieutenants ausgeliefert sind. Der Mann mit Stiernacken nickt peinlich berührt und tritt zurück in die Reihe seiner Kollegen. „Ich möchte, dass Sie heute alle den Streifenpolizisten helfen und sich bitte nicht zu fein fühlen auch als Detektive mit anzupacken, da draußen finden Plünderungen und Schlägereien statt, die geklärt werden müssen. Ich möchte, dass Sie nur in Zweier-Teams vorgehen und niemand einen Alleingang macht. Berichte dürfen Sie mir unaufgefordert auch morgen einreichen. Konzentrieren Sie sich heute mehr auf den Außeneinsatz und kommen Sie bitte heute Abend alle heil wieder zurück und bevor Sie gehen, möchte ich Sie noch einmal daran erinnern, wir tragen unsere Waffen zu unserem eigenen Schutz und nicht, um ein Leben frühzeitig zu beenden.“ Und mit einem Blick auf Dorian fügt er noch hinzu: „Auch ich gehe heute in den Außeneinsatz, Mr. Carter Sie kommen mit mir, bei Fragen wenden Sie sich an den Captain, an mich oder an die Leitstelle.“
Mit schnellen Schritten fliegt Philippe durch das enge Treppenhaus zurück in die Tiefgarage, die er heute Morgen so eilig verlassen hat. Mittlerweile ist es 07:40 a.m., normalerweise ist das die Uhrzeit, zu der er mit seinem Auto durch den dichten Verkehr zur Arbeit fließt, aber heute ist ein anderer Tag und er fängt gerade an so richtig scheiße zu werden, beschließt Philippe, während er die Tür zur Tiefgarage durchquert. Schon einmal ein paar stickige Atemzüge aufsaugend, wartet er auf Dorian, der das Treppenhaus, unverständlicherweise, wie ein normaler Mensch durchquert und so immer ein wenig später als Philippe durch die graue Tür rauscht. Gemeinsam gehen die beiden an Philippes altem Jeep vorbei zu einem der schwarz lackierten Wagen am Ende der Halle. Dorian, der den Autoschlüssel neben einem Becher Coffee to go in den Händen hält, drückt auf den kleinen Knopf, der dem Auto die Öffnung befiehlt. Zum Erstaunen der beiden Männer blinkt nicht der Wagen auf, der vor den beiden steht, sondern ein mit Polizeifolie foliierter, handelsüblicher Streifenwagen. Während sich beide Männer verwirrt anschauen, kommen ihnen zwei Frauen entgegen, die verschmitzt lachend einen Autoschlüssel schwenken. „Sucht ihr den hier?“, spricht sie die kleinere der beiden Frauen mit einem breiten und triumphierenden Lächeln auf den Lippen an. Genervt reißt Philippe Dorian den Autoschlüssel aus der Hand und betrachtet das Schild mit der Aufschrift „Streifenwagen“, das als Anhänger an ihm herunterbaumelt. „Ja, ganz richtig“, spricht die braunhaarige Frau gehässig weiter, „wir haben den letzten Zivilwagen erwischt.“ Nun wieder die kleinere Frau: „Tut uns wirklich leid Lieutenant, aber wer zuerst kommt und so.“ Dann steigen die beiden laut lachend in den schönen schwarzen Wagen und brausen über die Rampe aus der Tiefgarage an den beiden verdattert dreinblickenden Männern vorbei. Philippes Anspannung ist in der ganzen Halle spürbar, mit gekräuselten Lippen holt er aus und verpasst Dorian einen Schlag auf den Hinterkopf, danach nimmt er seinem verdutzten Partner den Kaffee aus der Hand, nimmt einen tiefen Schluck und begibt sich wortlos in den Streifenwagen. Dorian, der wenig später neben ihm auf den Beifahrersitz fällt, grinst unsicher und schuldbewusst, aber Philippes Miene ist zu seinem Erstaunen weniger gereizt als mehr amüsiert. Dorian steckt Philippes Lachen an und ohne dass einer der beiden so richtig weiß warum, sitzen sie in einem High Yorker Streifenwagen und lachen.
Bevor Philippe die Kupplung kommen lässt und dem Wagen den Start befiehlt, trinkt er den letzten Schluck aus dem ehemalig Dorian gehörenden Kaffee, zieht sich seine Atemmaske über und rollt aus der Parklücke. Etwas traurig sieht Dorian dem Kaffee hinterher und will gerade die Frage nach einem neuen stellen, als Philippe ihm zuvorkommt und die umgestellte Frage kopfschüttelnd abwehrt, bevor sie seine Lippe verlassen kann: „Nein. Nein Dorian, kannst du nicht.“ Stöhnend zieht auch Dorian sich die Atemmaske über und der Wagen beschleunigt die Rampe nach oben, um das Department zu verlassen. Durch die offenen Fenster dringt der abgasverpestete, heiße Fahrtwind in den Innenraum und sofort steht beiden Männern der Schweiß auf der Stirn.
Dorian respektiert Philippe sehr, für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit Philippe die Angst vor geschlossenen Räumen zu nehmen und die ekelige, heiße und gelbe Luft der Stadt zu ertragen. Für Philippe hingegen ist es keine Selbstverständlichkeit, dass ein Mensch, auch wenn es ein Freund ist, für einen anderen seine Gesundheit aufs Spiel setzt, und in die verpestete Luft zu atmen. Philippe weiß, dass Dorian es nicht macht, um ihm in irgendeiner Art zu schmeicheln oder sich gut mit ihm zu stellen, er macht es tatsächlich aus einer Art Verständnis zu den Dingen, die Philippe durchleben musste. Dorian ist immer da gewesen, seit Philippe bei der Polizei angefangen hat. Er lernte ihn am ersten Tag der Polizeiakademie kennen. Sie saßen bei der großen Eröffnungszeremonie nebeneinander auf den unbequemen Klappstühlen und weil Philippe seinen Hut auf irgendeine Art und Weise verloren hatte, zog auch der damals noch sehr junge Dorian seine Mütze vom Kopf und sie kassierten gemeinsam die Schelte ihres Ausbilders, über die Unfähigkeit, auf ihre Uniformen acht zu geben. Damals konnte sich Philippe nicht erklären, warum ein völlig Fremder so etwas tun sollte, wie konnte er auch wissen, dass Dorian zuvor gesehen hatte, wie Philippe von ein paar anderen Trainees zusammengeschlagen worden war und sie hämisch und brutal lachend seine Mütze mitnahmen und den aus ihren Augen wertlosen französischen Flüchtling auf dem Boden der Umkleide zurückließen. Dorian hatte sich damals für seine eigenen Landsleute so geschämt, dass er versuchte es mit dieser Geste wiedergutzumachen und Philippe so beweisen wollte, dass nicht alle Amerikaner solche Arschlöcher sind.
Aus dieser simplen Geste wuchs in den folgenden Jahren eine Freundschaft, die Dorian zwar nicht angestrebt, aber doch genießen lernte. Selbst als Dorian aus der Akademie flog und Philippe alleine seine Marke überreicht bekam, brach ihre Freundschaft nicht, eher das Gegenteil sollte der Fall werden und ohne dass Dorian es verhindern konnte, revanchierte sich der junge Franzose und half dem durch seine Hilfe immer besser werdenden Dorian erneut durch die Akademie. Ein Jahr später war es dann Dorian, der alleine seine Marke abholte und es war Philippe, der neben Dorians Mutter aus der Zuschauerreihe zu ihm hochjubelte. In den folgenden Jahren kämpften sich die beiden immer weiter die Karriereleiter nach oben und erst Philippe, dann Dorian wurden zu Detektives befördert. Erst als sie sich schon einige Jahre kannten und Philippe endlich sein Wahlrecht erhielt, begann er sich Dorian zu öffnen. Er erzählte ihm von Frankreich, von der furchtbaren aussichtslosen Lage, den hoffnungslosen Versuchen der französischen Regierung der Lage entgegenzutreten und irgendwann auch von der entsetzlichen und unmenschlichen Flucht, die der damals fünfzehnjährige Junge auf sich nahm, um in ein, aus seiner Sicht, besseres Leben zu kommen. Er zwängte sich neben einigen Dutzend anderen französischen Klimaflüchtlingen in einen Schiffscontainer, der von amerikanischen Schleusern von Frankreich nach Baltimore, in den US-Bundesstaat Maryland verschifft werden sollte. Es musste für den Jungen damals wie die einzige Möglichkeit erschienen sein, ein gutes Leben führen zu können. Philippe erzählte Dorian von dem Gefühl, als die dicken Containertüren hinter ihnen geschlossen wurden, und von der Dunkelheit, die sich über die dicht an dicht gedrängten Männer, Kinder und Frauen legte. Er erzählte ihm von dem Ruckeln und Schlagen, als der Container auf das Schiff verladen wurde, wie Bauklötze purzelten die Menschen übereinander und schlugen sich Arme und Beine, Köpfe und Schultern an den rauen Containerwänden auf. Immer wieder berichtete er Dorian von der beklemmenden Enge, von der stickigen heißen Luft, bis hin zu solcher Kälte, dass er seine Beine nicht spüren konnte.
Manchmal hielt er in seinen Berichten inne und ein Schauder lief ihm durchs Gesicht. Dorian stellte sich die Berichte so realistisch wie möglich vor, er meinte zu hören, wie der Wind des offenen Ozeans an dem Container riss, er hörte das donnernde Tosen der Wellen, die gegen Bug und Container schlugen, und er spürte die Kälte, die in seine Knochen fuhr, jedes Mal, wenn Philippe weitererzählte. Manchmal dachte Dorian, dass Philippes Ausführungen nicht schlimmer werden könnten, aber dann kam etwas, was Dorian sich nicht einmal vorstellen wollte.
Durch das unruhige Meer waren die Wasserflaschen ausgelaufen und die übrig gebliebenen Flaschen wurden an Alte und Kinder vergeben. Philippe erzählte, wie seine Zunge von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag pelziger wurde, wie ihm das Schlucken und Atmen immer schwerer fiel und seine Wahrnehmung durch den Durst getrübt wurde. Am vierten Tag waren alle Wasserreserven verbraucht und Philippe redete sich immer wieder ein, dass sie bestimmt bald da wären, dass es bestimmt nicht mehr so lange dauern konnte, ganz sicher würde er bald den Hafen sehen und Wasser aus Eimern trinken. Durch den dichten Sturm, den das Schiff zu diesem Zeitpunkt durchlaufen hatte, verspätete sich aber die Ankunft und am Abend, als die Sonne über den Meeresspiegel kippte, war es nicht das Jubeln von Menschen, das er hören konnte, sondern das Schreien einer Frau, das durch den muffigen Container schallte. In ihren dünnen Armen hielt sie den kleinen Säugling, immer wieder presste sie ihn an ihre Brust und schrie zu einem Gott, der in dem engen Container keinen Platz gefunden hatte, immer wieder pustete sie dem mittlerweile blau angelaufenen Baby in den Mund, klopfte ihm auf den Rücken, aber sein Schreien würde sie nie wieder hören können. Am Morgen des fünften Tages wickelten zwei Männer die winzige Gestalt in eine Decke und eine der Frauen, die neben Philippe saß, legte eine Kette um das menschliche Knäuel, die ihn auf der Reise begleiten sollte. Eine Reise, die der Säugling nun alleine antreten musste, die Reise, die wir alle einmal alleine meistern müssen. An diesem Tag, kurz bevor die Sonne unterging, in der Zeit, in der sie die Welt in ein romantisches Rot und ein kämpferisches Orange tauchte, lief das Schiff mit einer Verspätung von einem Tag in Baltimore ein. In dem Container wurde es unruhig und vielen der Geflüchteten fiel es schwer unter der Aufregung und Angst still zu bleiben. Im Container roch es nach Erbrochenem, Schweiß, Urin und Kot, aber das fiel keinem mehr auf, als eines der kleinen Mädchen, die durch einen Spalt nach draußen lugte, rief: „Le port, le port! On là fait!“ Zu Dorians Entsetzen war das nicht das Ende der Geschichte gewesen und Philippe hatte ihn gefragt, ob er wirklich hören wollte, wie es weiterging, und Dorian hatte immer wieder schwer geatmet und ihm erwidert: „Ja Philippe, ich werde mir das anhören, ich will meine Augen und Ohren nicht vor der Wahrheit verschließen.“ Und Philippe hatte weitergeredet, manchmal liefen ihm Tränen die Wangen herunter, keine davon fing er auf, so, als wollte er nicht berühren, was seiner Vergangenheit angehörte.
Aufgrund der ungeplanten Verspätung, mit der das Containerschiff im Hafen von Baltimore einlief, hatten die Schleuser den falschen Container von einem falschen Schiff geladen. Verwirrt und verwundert über die Kisten voll T-Shirts, versuchten sie zwar den richtigen Container wiederzufinden, da der aber unter einem anderen Namen geführt wurde, als sie annahmen und sie das Geld der Flüchtlinge ja bereits kassiert hatten, ließen sie die halbherzige Suche bald sein. Der Container, der Philippe und die anderen von Frankreich hierher zu einem Lastwagen bringen sollte, blieb verschlossen. Aus Angst sich bemerkbar zu machen und damit eventuell die falschen Amerikaner auf den Plan zu bringen, schwieg die menschliche Fracht und als sie bemerkten, dass kein Lkw kommen würde, dass keiner kam, um sie aus dem engen Container zu befreien, war es bereits zu spät. Philippe berichtete von der Panik, die in den hungrigen, durstigen und nach frischer Luft bettelnden Menschen ausbrach. Sie schlugen gegen die Containerwände, bis ihre Hände blutig wurden, sie schrien, bis ihre Kehlen heiser waren, und sie weinten, bis ihre Augen verquollen. Philippe hatte nur dagesessen, sich nicht bewegt, flach geatmet und sich immer wieder gefragt, ob Sterben weh tat, ob es eine Erlösung oder eine Qual sein würde. Er kratzte an der Wand des Containers, immer wieder, nicht um sie zu durchdringen, aber vielleicht um etwas zurücklassen zu können, ein Zeichen, für die, die ihn finden würden, damit sie sehen könnten, dass er hier war und gekämpft hatte. Ein Tag später starb die Frau, die neben Philippe gesessen hatte, eine ganze Weile hatte sie sich an ihn gelehnt, ihre alten runzligen Hände um Philippes gelegt und mit ihm gesungen, ihm gesagt, dass alles gut werden würde, wenn man nur ganz fest die Augen schließt und daran glaubt. Philippe hatte ihr nicht geglaubt, ihren Anforderungen aber Folge geleistet, damit wenigstens sie sich gut fühlen würde, damit sie weiter daran glauben konnte. Nach ein paar Stunden wollte Philippe dann aufstehen, um seine schmerzenden Gelenke zu strecken, er hatte an ihr gerüttelt und sie angeschrien, aber die Frau reagierte nicht mehr.
Dorian weinte, er weinte, wie er es nie getan hatte, wenn er schlimme Dinge in den Nachrichten hörte, aber das war etwas anderes, es war plötzlich persönlich geworden, jetzt, wo er Philippe vor sich sitzen hatte, wo er nicht umschalten konnte und einfach einen anderen Sender sah, jetzt war es wahr und real geworden und es berührte seine Menschlichkeit, wie ihn noch nichts berührt hatte.
Die Frau neben Philippe blieb nicht die Einzige. In der folgenden Nacht starben Menschen um Philippe herum, die eine Stunde zuvor noch gesund und ansprechbar gewesen waren, sie kippten plötzlich zur Seite oder schliefen ein, ohne je wieder aufzuwachen, und als Philippe dachte, jetzt, ja jetzt, war die Zeit gekommen, wo er auch gehen durfte, wo er die letzte Reise auch antreten durfte, als er glaubte der Durst würde nicht schlimmer, die Luft nicht stickiger und die Lage nicht aussichtsloser werden, öffneten sich die Türen des Containers und ein grelles Licht durchflutete den engen Raum. Einige hielten sich die Hände vor die Augen, es schien, als würde das Licht Schmerzen in ihnen verursachen. Ein wenig später blitzten rote und blaue Lichter durch den Container, fremde Menschen packten Philippe an Armen und Beinen, zogen ihn vom Boden und trugen ihn aus dem Container in die Freiheit. Ein Stechen in seinem Arm, Menschen, die in einer fremden Sprache auf ihn einredeten, die an ihm rüttelten und ihm Fragen stellten, die Philippe nicht zu beantworten wusste. Immer wieder versuchte er an Wasser zu kommen, aber keiner der Menschen um ihn herum schien ihn zu verstehen, einmal griff er nach einer Wasserflasche, die neben ihm auf den Boden gefallen war, aber als er sie gerade ansetzen wollte, riss ihm einer der weißen Gestalten die Flasche aus dem Mund, deutete auf einen Beutel über seiner Schulter und schüttelte immer wieder den Kopf. Aus lauter Verzweiflung, Todesangst und Unverständnis riss er mit aller Kraft, die er in sich finden konnte, dem weiß gekleideten Mann die Flasche aus der Hand, setzte sie an die Lippen und schüttete das kühle Nass nur so in sich hinein. Die Freude über die gewonnene Energie und die Rückgewinnung seiner Zunge war aber nur von kurzer Dauer, sein Magen krampfte unter der plötzlichen Wasserplage und Philippe übergab sich mehrere Male auf den rauen Asphalt, bevor er in eine Dunkelheit fiel, die so schwarz und leer war, wie kein Mensch der Welt es erleben konnte.
Nachdem Philippe seine Ausführungen beendet hatte, lagen sich beide Männer in den Armen. Noch am selben Tag fuhr Dorian in die Wache und suchte die Akte über jenen unverheißungsvollen Tag heraus, an dem der Container geöffnet wurde. Er starrte auf die Bilder der dicht an dicht gestapelten Menschen, auf ihre toten Augen, in denen keine Hoffnung lag, auf die Enge und auf die Zahlen, die auf der letzten Seite standen. Auf die Namen derer, die ihre Flucht in die Freiheit mit dem Leben bezahlen mussten, und auf die Namen derer, die mit diesen schrecklichen Bildern in ihren Köpfen weiterleben mussten. Obwohl die Schleuser gefasst worden waren, obwohl er wusste, dass Philippe nun das Leben führen konnte, das er führen wollte, fühlte er sich schuldig dafür, wie schlecht diese Menschen behandelt worden waren. Manche wurden sogar zurückgeschickt, zurück in ein Land, das kein Essen mehr hat, keine Anbauflächen, das meilenweit von Wasser bedeckt war und das jedes Jahr weniger Platz bot für seine Bevölkerung. In ein Land, in dem große Teile radioaktiv verseucht waren, und in ein Land, das viel zu spät etwas gegen die drohenden Überflutungen getan hatte. Immer wieder versuchten die Vereinten Nationen Frankreich dazu zu bewegen ihre Wälle zu vergrößern, ihre Atomkraft abzubauen und sich bereit zu machen für einen steigenden Wasserpegel und immer wieder hatten sie verneint und alle Hilfe abgelehnt auf Kosten der Menschen, die sich auf ihre Politik verlassen hatten.
Der Streifenwagen gleitet durch den dichten Verkehr, der zwischen den meterhohen Häuserwänden vorbeirollt. Die Luft wird immer stickiger und heißer, umso weiter die Sonne in den Himmel ragt, und die Autofahrer immer aggressiver. Sie hupen und drängeln, sie schreien hinter ihren Fenstern verborgen und schlagen genervt gegen Lenkräder und Armaturenbretter. Nur wenn der weiß- blaue Streifenwagen an ihnen vorbeikommt, machen sie Platz, halten mehr Abstand und verstummen mit aufgerissenen Mündern, glätten ihre geballten Fäuste. Philippe nervt das, dieses „Alibi-Gekusche“, wenn sie die Aufkleber und Aufbauten auf dem Wagen sehen, sie tun fast so, als würde Philippe Dorian auf der Stelle befehlen zu schießen, sobald sie an einem Wagen vorbeikommen. Es ist offensichtlich niemandem bewusst, dass sie wirklich nicht die Zeit haben, jeden Verkehrsrowdy in seine Schranken zu weisen, deswegen ist es Philippe auch eigentlich lieber einen Zivilwagen zu nehmen. Es ist ihm lieber in der Masse unterzugehen und die wahre Natur der Menschen zu beobachten. Kurz nachdem Dorian und er die Wache verlassen haben und Dorian das Funkgerät eingeschaltet hat, um der Leitstelle Position und Wagennummer durchzugeben, beginnt der Sturm aus dem Gerät zu wüten.
Einen Einsatz nach dem anderen fahren die beiden an. Manchmal ist nur ein Gespräch, manchmal Körperkontakt und manchmal auch eine Waffe nötig, um die wie kopflose Hühner durcheinanderrennenden Menschen in geregelte Bahnen zu lenken. Um 01:00 p.m. legen sie dann, nach dem neunten Einsatz, eine Pause ein, regeln das Funkgerät nach unten und melden sich bei der Leitstelle ab. Mit den frischen Sandwiches einer nahegelegenen Fastfoodkette bewaffnet fahren sie den Wagen auf einen kleinen Parkplatz, verschließen ihn und laufen ein Stück über den Parkplatz, zwischen zwei Wolkenkratzern hindurch, zu der Promenade, die sich hinter den Häuserriesen auftut. Beide Männer nehmen sich die gelb angelaufenen Masken vom Gesicht, husten die staubige Luft aus ihren Lungen und atmen die kühle Luft ein, die vom Hudson über die Stadt, die niemals schläft, getragen wird. Philippe nimmt einen großen Biss von dem triefenden Sandwich und betrachtet die meterhohe Kaimauer. Stöhnend lässt er sich auf den Boden fallen und hängt die müden Beine über den Rand des Piers. Dorian tut es ihm gleich und gemeinsam beobachten sie die Wellen, die aufgebracht gegen die Mauern schlagen. Manchmal wird der Blick der Männer von einer schreienden Möwe vom Fluss zurück auf die lange Mauer gezogen, die sich über die gesamte Insellänge erstreckt. Die hohen Wände sehen brutal und unfreundlich aus, erfüllen aber schon seit Jahren ihren Zweck. Einen Zweck, für den die ganze Welt die damals noch New York City heißende Stadt verspottete und auslachte.
In aller Welt wurde in den Nachrichten von dem Milliardenplan berichtet, den gesamten Bereich um die Küste herum zu erhöhen und so den Überflutungen zu entgehen. Frankreich voran prahlte mit eigens angestellten Wissenschaftlern, mit seiner Überlegenheit und der Dummheit der Amerikaner und auch die Deutschen zitierten in vielen Zeitungen, dass sie gewiss keine Mauer errichten werden, um einem Hirngespinst nachzugeben. Nur die italienischen Zeitungen schrieben manchmal einen weniger drastischen Bericht, vielleicht aus Angst, dass die Amerikaner recht haben könnten, dass die Polkappen wirklich schmelzen und die Flutwellen wirklich kommen würden. Vermutlich sorgten sie sich um Städte und Inseln wie Venedig, wollten das aber selber nicht eingestehen. Die Amerikaner hingegen blieben bei ihrem irrwitzigen Plan und begannen, viele Jahre bevor die schmelzenden Polkappen zur Gefahr wurden, Milliardensummen in hohe Kaimauern, Erhöhungen von Straßen und Häusern und in einen Wall, der an vielen Stellen errichtet wurde, zu stecken. Die Welt beobachtete dieses, aus ihrer Sicht, Geldverbrennen und lachte. Sie lachte und lachte, bis es irgendwann die New Yorker waren, die lachten, denn einige Jahre später begann sich der Wasserspiegel rasant zu heben und auch andere Länder wie Großbritannien, Griechenland, Kuba und Co. errichteten Wälle und Kaimauern, um ihr Land zu schützen. Für Länder wie die Niederlande kam jedoch jede Rettung zu spät und viele Niederländer mussten ins nahe Inland fliehen. Nur Frankreich blieb standhaft und verleugnete nach wie vor die immer schlechter werdenden Umstände. Sie verneinten die Klimaerwärmung und bezweifelten, dass der sich hebende Meeresspiegel an den schmelzenden Polkappen liegen könnte. In ihren Zeitungen wurde von der Lügenpresse anderer Länder berichtet und von dem übertriebenen Schüren von Angst ihrer Regierungen. Auch als die Vereinten Nationen mit Nachdruck rieten gefährdete Regionen zu evakuieren und Frankreich Hilfe anboten, blockten sie ab und blieben standhaft auf ihrer Ahnungslosigkeit bestehen. Einige Jahre später fegte ein schlimmer Sturm über das Land und drückte immer mehr Wasser ins Landesinnere. Einige der Atomkraftwerke, die sich aufgrund der Kühlanlagen an Flüssen und Meeren platziert hatten, wurden überschwemmt und zwei von ihnen kollabierten komplett. Als das Wasser zurückging, musste man feststellen, dass die Kühlreaktoren so weit zerstört waren, dass jede Hilfe zu spät kommen würde. Innerhalb von drei Tagen kam es zu zwei so drastischen Ausfällen, dass die Brennstäbe eines nahe der Küste gelegenen Kraftwerks überhitzten und eine Kernschmelze erfolgte. Viele der Arbeiter, die damals versuchten die Lage zu retten, starben bei dem Versuch das Kraftwerk zu kühlen. Die radioaktive Wolke verzog sich ohne weitere Komplikationen und der radioaktive Regen ging nicht über Land, sondern dem offenen Ozean nieder. Viele Menschen starben bei der Sturmflut und den Folgen der radioaktiven Strahlung und Frankreich verhängte eine zweimonatige Staatstrauer. Deutschland schickte sein Militär, um beim Wiederaufbau und der Entseuchung zu helfen, ob aus Diplomatie oder aus Eigeninteresse, nicht Opfer weiterer Verstrahlungen zu werden, war damals unklar. Die Flüchtlingswellen, die Frankreich verließen, wurden aber von Jahr zu Jahr größer. Aufgrund der ständigen Überflutungen war es fast unmöglich die Felder zu bewirtschaften und die Nahrungsmittel wurden, trotz Hilfen der UNO, immer knapper. Deutschland nahm eine Menge Flüchtlinge auf und viele Länder feierten die Offenheit der Deutschen, manche Länder verspotteten aber auch die Naivität und das Ausnutzen ihrer eigenen Bevölkerung. Viele Deutsche gingen auf die Straßen und feuerten gegen ihre Regierung. In den deutschen Zeitungen prangten Titel wie: „Deutschland, das zweite Frankreich?!“ Oder „Ausländer rein, Deutsche raus“. Aber auch Deutschland knickte irgendwann unter den immer größer werdenden Flüchtlingsströmen ein und schloss seine Grenzen. Von einem Tag auf den anderen druckten viele Länder in ihren Zeitungen, dass Deutschland zurück ins Nazitum verfalle. Die Welt sieht eben nur mit einem Auge. Auch Länder wie Italien, Spanien, Portugal und sogar kleinere wie die Schweiz und Belgien hatten mit den Flüchtlingsströmen zu kämpfen und schlossen bald die Grenzen. Der Zwang der Franzosen immer gefährlichere Fluchtwege zu wählen rief schnell Schleuserbanden auf den Plan und obwohl die USA, die Mittel zu helfen hatten, zogen sie sich von diesem Problem zurück und wiesen viele Flüchtlinge sogar ab, die es über den Ozean geschafft hatten.
Aber auch in Amerika gab es nach einiger Zeit immer mehr Flüchtlinge, die zu jung waren, um sie zurückzuschicken, und auch Philippe hatte es geschafft eine der begehrten Staatsangehörigkeiten zu bekommen und kämpfte sich immer weiter in die amerikanischen Sitten und Bräuche hinein. Er schaffte es sogar eine Arbeit in einer nahegelegenen Schlachterei zu erhalten. Eines Nachmittags, am Ende eines langen Arbeitstages, ließ Philippe sich auf einen der großen weißen Eimer fallen, in den das Rinderblut aufgefangen wurde, und starrte auf die Weiten der vor ihm liegenden Weiden. Sein damaliger Chef setzte sich zu ihm und hielt eine Zigarette vor seine Nase. Philippe lehnte das teure Vergnügen dankend ab und beobachtete, wie die Rauchschwaden in die flimmernde Luft stiegen. „Weißt du was?“, hatte der Schlachtmeister das Wort erhoben und quatschte den zwanzigjährigen Franzosen in einem starken texanischen Akzent an. „Ich glaube, du bist kein Schlachter, mein Junge, ich glaube, du bist alles, nur das nicht, selbst Ballerina würde dir besser stehen, so wie du immer zuckst, wenn du den Bolzen in die Rinderköpfe schießt. Ich will nicht sagen, dass du kein Talent hast, ganz im Gegenteil, ich kannte noch nie jemanden, der so präzise tötet wie du, aber hast du mal daran gedacht, einen anderen Weg zu wählen, ich glaube dein Talent wäre beim Militär sehr willkommen.“ Philippe, der den häufig stark nuschelnden Mann nur schwer verstand, winkte ab. „Bei allem Respekt Sir, ich bin froh, dass ich eine Arbeit habe, aber ich töte eigentlich sehr ungerne. Ich glaube nicht, dass ich ein Soldat sein könnte, ich möchte niemanden töten, wenn ich jemanden beschützen kann.“ Das bellende Lachen schallte Philippe um die Ohren und unvermittelt zuckte er zusammen. „Aber, aber als Soldat bist du in diesem Land sehr geachtet.“ Ein schüchternes Kopfschütteln. „Nein, Sir, das kann ich wirklich nicht.“ Der dicke Mann stand auf, warf die Zigarette auf den staubigen Boden, zerdrückte sie zwischen Sohle und Sand und beugte sich zu Philippe hinunter. „Dann geh halt zur Bullerei, mein Junge.“ Mit völligem Unverständnis erwiderte Philippe seinen Blick. „Aber Sir, ich arbeite doch bereits in einer Bullerei.“ Ein gellendes Lachen, der dicke Mann brach unter einem Beben zusammen, wie ein Schwein kugelte er sich vor Lachen im Sand, danach erhob er sich, packte Philippe beim Ohr, zog ihn an seine Brust und sagte in gut gemeinter Ernsthaftigkeit. „Ernsthaft, pack deine Sachen und arbeite für die Polizei, ich will nicht mehr sehen, wie du dich hier von Tag zu Tag durch deine Arbeit quälst, du bekommst ein Ticket für den Bus und zwei Gehälter, morgen bringe ich dich zur Haltestelle. Du bleibst nicht hier, aus dir wird noch was, du wirst schon sehen.“
Aus Philippe wurde auch etwas. Am nächsten Morgen brachte ihn der dicke Mann tatsächlich zur Haltestelle, drückte ihm ein Bündel Geld in die Hand und einen dicken, feuchten, nach Nikotin und Rind stinkenden Kuss auf das Haar und winkte dem Bus hinterher, bis der schon nicht mehr zu sehen war. Der Bus fuhr ohne Halt immer weiter, durch einen Tag und eine Nacht und als die Sonne wieder zu sehen war und Philippe seine Augen öffnete, schlängelte sich der Bus bereits durch den High Yorker Verkehr. Die Stadt, die durch die Fortschrittlichkeit der Wälle und Kaimauern nun viele Meter über dem Wasserspiegel lag und deswegen seinen neuen Namen trug, war noch beeindruckender, als Philippe es sich zu erträumen gehofft hatte. Manhattan war gewaltig und High York zu seinem „American Dream“ geworden. Von dem Geld in seinem Rucksack kaufte er sich die größte Wohnung, die er finden konnte – dass es am Ende nur eine alte, ranzige und halb zerstörte Fabrikhalle wurde, spielte für den jungen Mann keine Rolle. Er genoss die hohen Wände und deckte die Löcher in den Fenstern mit Decken ab, die er einer alten Frau mit grauen Haaren und einem Einkaufswagen abkaufte. Er schrieb sich beim High Yorker Police Department ein und einige Monate später thronte er neben Dorian auf jenem unbequemen Klappstuhl.
„Glaubst du, dass die amerikanische Regierung wirklich als Einziger wusste, dass die Polkappen weiter schmelzen werden?“ Philippe sieht zu dem schmatzenden Dorian herüber, der gerade einen senfigen Kampf gegen eine Salatgurke verliert. „Was meinst du?“, schmatzt er Philippe entgegen. „Na ja, die Sache mit dem Klimawandel war doch allen bewusst, oder? Warum haben wohl nur die Amerikaner gehandelt.“ Die Salatgurke fällt mit einem Flatsch auf Dorians Hose, wild fluchend reibt er auf dem immer größer werdenden Fleck herum, schluckt den Bissen herunter und wendet sich dann wieder Philippe zu. „Also ich persönlich glaube, dass die Amerikaner sich da etwas beweisen mussten. Ich meine, durch die ziemlich bescheuerte Wahl unseres Präsidenten, ich meine, bevor das alles so richtig schlimm wurde, waren es wir, die den Klimawandel geleugnet haben. Mit dem Wechsel des Präsidenten änderten sich auch die Ansichten der Bevölkerung und der neue Präsident wollte wohl beweisen, dass die USA eben doch an den Klimawandel glauben. Dass das am Ende wirklich alles stimmte, war vermutlich mehr Zufall als Planung.“ Bevor Dorian wieder in das tropfende Sandwich beißt, stellt er Philippe noch die Frage, die ihn den ganzen Tag schon beschäftigt. „Du, Philippe? Du musst da natürlich nicht drauf antworten, aber was glaubst du ist in den Ordnern, die du vom Captain hast?“ Philippe schwingt seine Beine über die Kaimauer, steht auf und lehnt sich gedankenverloren gegen die Brüstung. „Ich glaube die Wahrheit.“ „Welche Wahrheit?“, nuschelt Dorian um das Stück Sandwich in seinem Mund herum. „Die Wahrheit, was uns die Zukunft bringen wird.“ Mit einem Würgen schluckt Dorian das letzte Stück Sandwich herunter und gesellt sich neben Philippe an die Brüstung. „Du meinst, da stehen die geplanten Absätze des § 4253 drin? Wäre es nicht furchtbar? Stell dir vor sie verbieten nicht nur den Autobau, sondern Autos komplett, das wäre katastrophal und ein ziemlich drastisches Eingreifen in unser Leben. Ich habe im Internet gelesen, dass sie sogar den Strom aus der Atomkraft abstellen wollen, ich denke aber, das ist Quatsch, so verrückt sind die nicht. Was sagst du dazu?“ Philippe starrt auf das schnell fließende Wasser des Flusses, auf die aufgebrachten Wellen und auf die laut vorbeidampfenden Touristenkreuzer. „Ehrlich gesagt Dorian, glaube ich, dass uns das ganz richtig geschieht. Wir Menschen sind viel zu respektlos mit unserer Heimat umgegangen, wir wollten immer weiter hinauf, immer schneller mehr Geld machen und jetzt haben es endlich mal ein paar Menschen in die Hand genommen etwas zu ändern, uns den Spiegel unter die geschlossenen Lider zu schieben und uns auf unsere eigene Wahrheit gestoßen.“ Dorian kneift perplex die Augen zusammen. „Ich glaube nicht, dass es solche Drastik dazu braucht, Philippe, wie willst du das auch beurteilen.“ Philippe lässt das Geländer los und presst Dorian die Faust gegen die Brust. „Ich glaube, ich kann das sehr gut beurteilen, ich habe durch den Klimawandel alles verloren, meine Heimat, meine Kultur, alles weggespült von einer wegsehenden Politik, einer Politik, die neben den feinen Designeranzügen Scheuklappen trägt. Also verdammt noch mal, ja Dorian, ich glaube ich kann das einschätzen!“ Nachdem Philippe sein Zischen beendet hat und seine Augen sich von Schlitzen zurück zu Mandeln geformt haben, entlässt er Dorian aus seinem Bann und schlendert, zwischen den Häusern, zum Wagen zurück. Dorian stolpert hinter Philippe her, greift ihn am Arm und hechelt: „Hey, es tut mir leid, ich habe das nicht so gemeint, Philippe.“ Der Mann entreißt sich Dorians Griff und sagt mit leichter Trauer in seiner Stimme: „Ich weiß Dorian, ich habe es aber so gemeint.“
Philippe schweigt in das Rauschen des Wagens hinein und obwohl der Asphalt immer wieder Steine gegen den Unterboden schlägt, obwohl das Funkgerät die ganze Zeit über in einem stereoähnlichen Sound vor sich hin krakeelt obwohl das Hupen der Autos manchmal unerträglich laut wird, ja selbst, wenn das Blaulicht über ihren Köpfen sich mit schrillen Sirenen den Weg durch den Verkehr schreit, selbst dann drückt Dorian die Stille seines Partners auf die Ohren. Immer wieder versucht er sein Schweigen zu brechen, ihn zu einem Gespräch oder nur einem Wort zu bewegen, doch selbst wenn Dorian ihm eine Abkürzung über das Schrillen der Sirenen zuschreit, selbst dann schweigt er und gibt ihm nur mit einem knappen Nicken sein Verständnis durch. Philippe scheint so tief in irgendwelchen Gedanken zu stecken, dass es Dorian manchmal so vorkommt, wenn sie an einer Ampel stehen bleiben oder einen Kaffee bei einem Drive-in holen, als würde er alleine im Wagen sitzen und den Autopiloten fahren lassen.
Aber auch ohne Worte hören die Einsätze nicht auf weniger zu werden und umso mehr die Sonne sich hinter dem Smog verzieht, umso riskanter werden sie. Die Menschen scheint der immer weniger werdende Sauerstoff irgendwie aggressiver zu machen. Um 04:43 p.m. lehnt Dorian sich gegen die Kühlerhaube des Streifenwagens und wischt sich mit dem Ärmel seines Hemdes den Schweiß von der Stirn, der ihm stetig vom Kopf tropft und in seinen Augen brennt. Philippe sitzt derweil schweigend im Wagen und reinigt den Lauf seiner Waffe, sorgfältig zieht er die Messingbürste von der Mündung zum Patronenlager, immer wieder wiederholt er den Schritt, bis er mit seiner Arbeit zufrieden ist. Geübt lädt er die Waffe einmal durch und platziert sie zurück im Holster, bevor er sich zu Dorian gesellt. „Na, alles wieder sauber?“ Ein knappes Nicken aus Philippes Richtung. Irgendetwas hat sich jedoch an der Art geändert, wie Philippe schweigt, und da Dorian ihn auch ohne Worte lesen kann wie ein Buch ohne Einband, winkt er nur genervt ab. „Mann, Philippe, mach dir das jetzt doch nicht zum Vorwurf, du musstest schießen.“ Philippe zuckt mit den Achseln und geht in Gedanken den letzten Einsatz durch. Immer wieder spielt er die Schusssituation im Kopf ab, wie er es immer tut, um sich seiner getroffenen Entscheidung auch weiterhin sicher zu sein. Obwohl er weiß, dass das nichts an seiner, ohnehin schon getroffenen, Entscheidung ändert, fühlt es sich richtig an die gezielte Verletzung oder Tötung eines Menschen nicht einfach so zu vergessen. „Hättest du geschossen?“, richtet er das Wort an Dorian. „Ob ich geschossen hätte?“ Verwundert über die seltsame Frage stößt der sich von der Kühlerhaube und drängt sich in Philippes Blickfeld. „Wenn du in der Sekunde nicht geschossen hättest, hätte ich es in der nächsten getan, also ja, ich hätte ganz sicher geschossen, der Typ kann noch froh sein, dass wir nicht beide geschossen haben. Wir haben ihm schließlich mehrmals angeboten sich gegen das Messer und für die Handschellen zu entscheiden. Mach dich also nicht verrückt, du hast ihn ja ziemlich präzise an der Schulter erwischt, er sollte sich also auch nicht beschweren können.“ Zu Dorians Erstaunen nickt Philippe nicht nur, sondern antwortet sogar mit Sprache auf seine Aussage. „Es wäre mir trotzdem lieber, wenn du zuerst geschossen hättest.“ Mit zusammengekniffenen Augen legt Dorian seinen Kopf zur Seite und versucht die ziemlich dreiste Aussage seines Lieutenants einzuordnen. Um Missverständnissen vorzubeugen, erhebt erneut Philippe das Wort. „Na ja, jetzt muss ich den ganzen Papierkram machen.“ Ein Lächeln umspielt seine Lippen. Erleichtert über seine Antwort und das Brechen der Stille boxt Dorian Philippe in die Seite, wischt sich ein letztes Mal die Tropfen von der Stirn und lässt sich wieder auf den Beifahrersitz fallen. Einmal aufhupend versucht er Philippe dazu zu bewegen es ihm gleich zu tun. Stöhnend zieht sich der die Maske zurück ins Gesicht, gibt dem Drängeln seines Partners nach und nimmt hinter dem Lenkrad Platz. In der Sekunde, in der Philippe den Fuß von der Kupplung nimmt und der Wagen aus der Parkbucht rollt, krakeelt das Funkgerät weiter mit einem kurzen, „Vier acht, vier neun.“ meldet sich Philippes Beifahrer der Leitstelle. Die Frau, die auf der anderen Seite der Leitung die Leitstelle vertritt, gibt eine neue Adresse durch und Philippe beschleunigt den Wagen zurück in den engen Verkehr. Erneut ein Krakeelen und die Frauenstimme erklingt. „Hey Jungs, habt ihr schon gesehen, was die Einsatzinfos sind?“ Dorian scrollt auf dem kleinen Display, das vor ihm am Armaturenbrett hängt, herum und schüttelt stumm den Kopf. „Nein. Wir haben noch keinen Bericht darüber erhalten“, meldet sich diesmal Philippe. „Dachte ich mir Lieutenant Lafin, der Grund ist, dass sich die Officer vor Ort nicht ganz sicher waren, wie sie vorzugehen haben, sie baten die Leitstelle um Unterstützung.“ Genervt verhärtet Philippe seine Stimme. „Das ist schön, ich habe aber keine Zeit zum Quatschen, um was geht es denn?“ Das ruppige Verhalten offensichtlich gewöhnt, redet die Frau unbeirrt und gleichbleibend freundlich weiter. „Das Problem ist, sie haben die Leiche einer Frau gefunden, die Kollegen der Mordkommission sind aber mit einem anderen Fall betraut worden. Ich hielt es für das Beste, wenn Sie es sich erstmal ansehen könnten, Lieutenant, vielleicht liegt auch nur ein Selbstmord vor.“ Dorian hätte eigentlich nicht gedacht, dass Philippes Laune noch schlechter werden könnte, aber ziemlich rapide tat sie es doch und ohne zu brüllen, aber doch in einem sehr, sehr bestimmten Ton antwortet Philippe dem Display zugewendet. „Bei allem Respekt für Ihre Arbeit, und ich weiß, dass auch Sie heute einen harten Tag haben werden, aber nur ein Selbstmord? Nur ein Selbstmord? Ich hoffe doch sehr, dass das nicht Ihr Ernst ist, so etwas gibt es meines Wissens nicht, eine Leiche ist eine Leiche. Ich sehe mir das gerne an, aber bitte ziehen Sie mein Mordteam sofort von dem ab, was auch immer sie gerade machen und sagen Sie ihnen, meinetwegen auch in meinem Namen, dass sie ihre Ärsche sofort dahinkarren sollen! Vier acht, vier neun. Ende.“ Mit einem Schlag auf das Display drückt er die in monotoner Freundlichkeit weitersprechende Frau weg und bevor er Dorian bittet das Blaulicht zu betätigen, macht er seiner Wut ein wenig Luft und drängelt sich demonstrativ in eine zu groß gewordene Lücke.
Obwohl das Blaulicht wütende, rote und blaue Lichter gegen die engen Manhattaner Häuserwände wirft und die Sirene auf der Grenze zum Hörsturz balanciert, schiebt sich der Streifenwagen langsam voran. Block für Block kämpft er sich nach vorne und manchmal hat Philippe das Gefühl, als wolle der immer nervöser werdende Dorian jetzt doch anfangen auf Autos zu schießen, die sich nicht aus dem Weg bewegen. Aggressiv und den kleinen Block so haltend, dass es die Fahrer der Wagen sehen können, notiert er sich Kennzeichen für Kennzeichen und versucht immer wieder Philippe mit in seine genervte Stimmung zu ziehen, indem er Parolen wie „So, den habe ich!“, „Den melde ich!“ und „Hast du das gesehen, der hat sich nicht mal entschuldigt, seinen kack Dukjon-Flitzer im Weg stehen zu lassen, der ist außerdem tiefergelegt worden, pah, den melde ich!“ verlauten lässt. Zu Philippes Vergnügen geht es noch die ganze Fahrt so weiter, bis sie endlich in eine verkehrsberuhigte Straße einbiegen, die außer ein paar herumstreunenden Katzen und abgeknickten Straßenlaternen nichts von dem Trubel zeigt, der sonst in High York vorzufinden ist. Die Geschwindigkeit herunterregelnd rollt der Streifenwagen durch die mit Smog bedeckte Straße. Mit einer Hand dreht Philippe die Sirene aus und beobachtet, wie das Flackern des Blaulichts sich weiter durch den Smog frisst. „Hier irgendwo muss es sein, siehst du schon etwas, Philippe?“ „Nein. Du? Hier müssten doch irgendwo Streifenwagen stehen, oder?“ „Mmh, ja, denke schon, halt mal da vorne, ich glaube da ist was.“ „Ja stimmt, da stehen zwei Streifenwagen, ach und Dorian?“ „Ja?“ „Kann ich mal kurz den kleinen Block haben?“ Stolz reicht Dorian Philippe den Block und nickt zufrieden über sein Tagewerk. Philippe grinst ihm bestätigend und Lob vortäuschend entgegen und wirf den kleinen Block aus dem Fenster. Dorian sieht dem auf der Straße tanzenden Block hinterher und starrt Philippe mit aufgerissenem Mund entgegen. „Du wolltest die doch nicht wirklich alle melden, oder?“ Niedergeschlagen schüttelt Dorian seinen Kopf. „Nein, nein ich denke, das wollte ich nicht.“ Immer noch mit einem breiten Grinsen nickt nun Philippe zufrieden. „Dachte ich mir.“ Der Wagen hält und beide Männer steigen aus dem Auto.
„Guten Nachmittag Lieutenant, schön, dass Sie kommen konnten.“ Eine kleine Frau, die Philippe gerade bis zur Brust geht, schüttelt seine Hand. Freundlich nickend erwidert er den Gruß der jungen Frau, schweigt aber weiter. „Wir dachten zuerst die Leitstelle hätte uns nur eine weitere Streife geschickt, weil wir Sie in einem Zivilwagen vermutet hatten.“ Mit einem zermürbenden Blick auf Dorian, der auch sogleich den Kopf ein weniger tiefer trägt, erwidert er der zierlichen Frau: „Wir dachten auch, dass wir mit einem Zivilwagen kommen würden, aber heute sind die Dinge wohl etwas anders. Was können Sie uns den über den Fall sagen, Officer?“ Die kurze Frau redet weiter: „Leider noch nicht viel Lieutenant. Es ist die Leiche einer jungen Frau, wir konnten sie anhand ihrer Fingerabdrücke identifizieren. Ihr Name ist Fiona Duczek. Sie kommt ursprünglich aus Polen, einen Pass haben wir nicht bei ihr gefunden. Die ganze Sache sieht aus wie ein Mord, aber die Indizien sprechen eher für einen Selbstmord.“ Auf Philippes fragenden Blick reagierend spricht sie mit einer kurzen Pause weiter. „Es gibt einen Brief und die Leitstelle konnte mir berichten, dass das Opfer große Mengen an Airbus-Aktien hielt, aber ich kann mir nicht helfen, irgendetwas an diesem anscheinenden Selbstmord ist komisch. Wir haben außer dem Brief noch ein Flugticket gefunden, auf dem ihr Name natürlich nicht draufstand, Sie wissen schon, die neuen Datenschutzrichtlinien, außerdem ein kleines gläsernes Okapi. Sonst hatte die Frau nichts bei sich.“ Der Boden verwandelt sich von staubigem Sand in schleimigen Morast und alle drei ziehen ihre Köpfe ein, als sie durch den Eingang, der mehr ein großes Loch in einer mit Graffiti besprühten Wand ist, treten.
Die Luft in der großen alten Industriehalle ist im Verhältnis zu der dicken schwülen Luft, die schon seit Wochen über High York hängt, kühl und feucht, hie und da tropft es sogar von der Decke. „Wohin ging das Flugticket, das sie bei sich trug, und was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, irgendetwas ist komisch daran? Entschuldigung, wenn ich auf dem Schlauch stehe, was haben Airbus-Aktien damit zu tun?“ Philippe versucht während des Gesprächs immer wieder mit der kleinen Frau Schritt zu halten, die für ihre Größe erstaunliche Geschwindigkeiten an den Tag legt. „Oh, haben Sie es noch gar nicht gehört? Sie haben den ersten Absatz veröffentlicht und …“ „Ja, ich weiß!“, unterbricht er die Frau im Wort. „Ich dachte aber, dass er nur den Autobau verbietet?“ Ewas eingeschüchtert und bemüht respektvoll nickt die kleine Frau immer wieder verständnisvoll und fährt dann fort. „Nein Sir, leider nicht, der erste Absatz ist weitaus allgemeiner gefasst worden, er verbietet den gesamten Bau von allen Verkehrsmitteln, die schädlich für die Umwelt sind, um es mal grob auszudrücken. Und bevor Sie nochmal fragen müssen, das Flugticket war für einen Flug von Frankfurt in Deutschland nach High York. Laut der Uhrzeit ist sie heute ganz früh gelandet.“ Philippe beißt sich auf die Unterlippe – hätte er nur diese blöden Ordner in Angriff genommen, bevor er heute Morgen losfuhr. Da daran jetzt aber nichts mehr zu ändern ist, erwidert er nur knapp: „Natürlich, ich hatte es für einen Moment verdrängt und ich schätze mal nicht, dass Sie wissen, was die Frau in Deutschland wollte?“ Die kleine Frau hinterfragt die anscheinende Unwissenheit über die aktuelle Situation nicht weiter und quasselt unbeirrt weiter. „Nein, wir wissen nicht, was sie in Deutschland wollte, so weit sind wir aktuell noch nicht. Sie wollten doch wissen, warum mir die Sache komisch vorkommt. Hier, sehen Sie selbst.“ Alle drei stehen vor einer großen milchigen Plane. Der Plastikgeruch umhüllt sie wie eine Wolke, und Dorian, der etwas hinter Philippe und dem Officer läuft, rümpft die Nase. Für ihn ist dieser Geruch auf ewig mit dem Tod verbunden, seit er selbst drei Jahre bei der Mordkommission gearbeitet hat. Die kleine Frau hebt den Schleier und legt damit den Blick auf die Leiche frei. Zwei Gerichtsmediziner in weißen Overalls knien um den leblosen Körper; als sie Philippe sehen, stehen beide auf und nicken ihm zu. „Kann ich es mir ansehen?“, richtet Philippe das Wort an sie. Etwas verwundert sehen sie sich an. „Wir hatten eigentlich mit der Mordkommission gerechnet Sir, aber natürlich können Sie es sich anschauen, die Spurensicherung hat ihren Job schon beendet und wir können auch später mit unserer Arbeit fortfahren.“ Zögernd macht Philippe einen Schritt auf die Leiche zu, Dorian folgt ihm. „Können Sie schon etwas über die Todesursache sagen?“, wendet Dorian sich an den jüngeren der beiden Männer. „Sie starb wahrscheinlich durch einen Genickbruch, sie hat sich erhängt, baumelte, als wir gekommen sind, da oben unter der Decke.“ Er deutete auf einen T-Träger, der von einer Seite der Halle in die andere führt. „Wir haben sie runterschneiden müssen, sie hat eine ziemlich miese Prellung am Kopf, die aber älter ist, es sieht nicht nach Fremdeinwirkung aus.“ Philippe umkreist langsam und leise die Leiche, es kommt ihm immer so vor, als gebiete der Tod die Ruhe, um die Toten nicht zu wecken. Die Gerichtsmediziner durchqueren den Vorhang aus Plastik, und bevor er hinter ihnen zufällt, grummelt der Ältere: „Sagen Sie Bescheid, wenn Sie fertig sind, damit wir sie eintüten können.“ Und etwas respektvoller erwidert der Jüngere, durch den Job weniger verdorben: „Lassen Sie sich aber gerne Zeit.“ Ein langsames Nicken aus Dorians Richtung und der Vorhang fällt.
Nachdem Philippe die Leiche mehrfach umrundet und sich einen Überblick verschafft hat, rückt er ein wenig näher an das bleiche Gesicht heran. Die Augen sind offen, in ihnen liegt kein Ausdruck. Die blonden Haare sind ordentlich zu einem dünnen Zopf geflochten und über dem Gesicht hängt eine Strähne. Philippe schaudert, er kennt diese Frau, irgendwoher kennt er die Frau, in seinem Kopf kreisen die Gedanken, immer wieder fliegt die Antwort vorbei, legt sich auf seine Zunge, bleibt aber unaussprechbar. Er betrachtet ihre Kleidung, sie gab sich wohl Mühe gut auszusehen, der Rock nicht zu kurz, um anstößig zu wirken, aber auch nicht so lang, um ihre Weiblichkeit zu verstecken, eine vermutlich ehemalig sauber eingesteckte Bluse darüber. Die Kleidung wirkt nicht teuer, Material und Aussehen eher billig. Philippe richtet sich aus der Hocke auf, stößt dabei aber versehentlich gegen das Holster seiner Waffe. Für einen Sekundenbruchteil springt ein Bild vor seine Augen, eine zur Waffe geformte, an den Kopf gehaltene Hand. Verwundert über diese merkwürdige Sequenz aus seinem Gedächtnis reibt er sich den schmerzenden Ellbogen. Dann stolpern Worte über seine Lippen: „Brighter than the sun.“ „Hast du was gesagt?“ Dorian blickt aus einer Akte auf und runzelt die Stirn. „Nein, habe ich nicht“, entgegnet Philippe mehr zu sich als zu Dorian. Dann zuckt er zusammen und ruft nach der kleinen Frau. „Officer?“ Die zierliche Frau wischt durch den Spalt der Plastikplane. Ohne auf das „Ja Sir!“ zu warten, spricht Philippe weiter: „Die Frau hat keinen Selbstmord begangen!“ Dem Officer entgleitet für einen Moment das Gesicht, stotternd versucht sie sich zu sammeln. „Aber …, aber …, woher …, wie …, ich meine …?“ Genervt rollt Philippe mit den Augen. „Fährt die Frau einen alten Fiat Punto?“ Immer noch perplex, scrollt sie auf dem Display in ihrer Hand herum und nickt dann zart. „Ja Sir, einen 1993er blauen Fiat Punto, woher …?“ „Spielt keine Rolle“, unterbricht er erneut die Frau. „Was steht in dem Abschiedsbrief? Sie sagten eben irgendetwas von Airbus-Aktien.“ Der Officer scrollt schnell auf dem Display nach oben und drückt ihn dann Philippe in die Hand. Philippes Augen fliegen schnell über den Text, manchmal nickt er bestätigend, dann reicht er das Display zurück an die junge Frau. „Grob gefasst schreibt sie, dass sie sich wegen der großen Verluste an ihren Airbus-Aktien und der damit verlorenen Unsummen nicht mehr im Stande fühlt weiterzuleben. Richtig?“ Bestätigung. „Das ist sehr grob, Sir, aber ja, das stimmt.“ „Diese Frau hatte ganz sicher keine Airbus-Aktien.“ In dem Gesicht des Officers spiegelt sich Entrüstung wider. „Aber die Leitstelle meinte ...“ Wieder ein Augenrollen. „Die Leitstelle weiß auch nicht alles, mag ja sein, dass sie mal Aktien hatte, aber jetzt bestimmt nicht mehr. Warum sollte sie einen uralten Fiat fahren, billiges Haarfärbemittel benutzen, das die Haare immer dünner werden lässt, und Kleider tragen, die von einem dieser Billigkaufhäuser kommen?“ Das Display von einer Hand in die andere schiebend hält die Frau ihre Augen zu Boden gerichtet. „Sir, das wird nicht ausreichen, um das als Mordfall aufzunehmen.“ Philippes Anspannung steigt: „Mein Gott, wann war der Todeszeitpunkt?“ Eine vorsichtige Antwort. „Circa vor sechs Stunden, Sir.“ Seine Theorie bestätigt sehend lüftet sich Philippes Stimmung. Er tippt ein paar Daten in sein Handy und hält es dann der immer noch nervös dreinblickenden Frau vors Gesicht. „Hier, sehen Sie sich das an, die Dukjon-Aktie ist vor ca. zwanzig Stunden in den Keller gefallen, die Airbus-Aktien aber erst vor vier Stunden, das heißt, die Frau kann das noch gar nicht gewusst haben, als sie sich umbrachte.“ Die Frau vor Philippe betrachtet das Display des Handys und schüttelt erneut den Kopf. „Sie kann es doch schon vorher erfahren haben. Sie hätte zum Beispiel schon den Absatz lesen können und damit Rückschlüsse ziehen.“ Philippe hebt ungläubig und verständnislos die Augenbrauen. „Hätten Sie sich umgebracht anhand von Rückschlüssen? Hätten Sie nicht auch gewartet, bis die Aktien wirklich fallen, bei allem Respekt, niemand begeht Selbstmord aufgrund von irgendwelchen Rückschlüssen! Und genau wie Sie und ich hat sie die Bekanntmachung bestimmt auch nicht sofort ernst genommen, wenn sie überhaupt noch im Besitz dieser Aktien war.“ Endlich nickt die Frau, Philippe atmet merklich aus und verlässt seine leicht drohende Haltung dem Officer gegenüber. „Na gut, das klingt plausibel, fragt sich nur, ob es genug ist, um von Mord auszugehen.“ Philippe stöhnt. „Die Mordkommission, die den Fall bearbeiten wird, ist mir unterstellt, also denke ich schon, dass es genug ist.“ Mit einem hörbaren Schlucken und einem „natürlich Sir“ verschwindet die Frau wieder hinter dem Plastik. Dorian, der sich das Spektakel von weiter hinten angesehen hat, tritt jetzt auf Philippe zu und legt ihm freundschaftlich eine Hand auf die Schulter. „Weißt du, warum ich mir die ganzen Nummernschilder notiere?“ Auf seine ironische Frage keine Antwort verlangend, spricht er weiter. „Weil ich nicht den Rang habe meinen Ärger an einem Officer auszulassen.“ Philippes Stirn legt sich in Falten. „War ich so gemein?“ Laut lachend reißt Dorian die Augen auf. „Bruder, dass du ihr nicht ins Gesicht gesagt hast, dass sie dumm ist, war auch schon alles.“ Etwas schuldbewusst durchquert Philippe den Vorhang, anstelle des erwarteten Officers findet er aber die zwei Frauen wieder, die Dorian und ihm am Morgen den letzten Zivilwagen vor der Nase weggeschnappt haben. Mit einem breiten Grinsen geht er auf die Damen zu. „Hallo Sabrina. Na, wie fährt es sich so in meinem Wagen?“ Beide blicken auf. „Lieutenant, Sie sind noch hier? Wir dachten, dass Sie sich für einen Selbstmord nicht zuständig fühlen.“ Ein Zähneknirschen. „Für einen Selbstmord nicht, aber für einen Mord schon. Das Gleiche könnte ich im Übrigen auch von Ihnen beiden sagen oder heißen Sie jetzt Selbstmordkommission?“ Ein gehässiges, aber ironisch gemeintes Lachen der beiden Frauen. „Ha. Ha. Ha. Uns wurde von einer überaus freundlichen, aber von Ihnen wohl doch genervten Dame berichtet, dass wir unsere“, sie formt mit Zeige- und Mittelfinger Gänsefüßchen in die Luft, „Ärsche sofort hierher bewegen sollen.“ Philippe lacht. Dorian schmunzelt und nickt, darauf bedacht von Philippe ungesehen zu bleiben, den Frauen zu. „Na gut ihr beiden, der Punkt geht an euch, wurdet ihr vom Officer schon aufgeklärt?“ Die beiden Frauen nicken. „Ihre Vermutung klingt gut, wir werden uns mit den zuständigen Gerichtsmedizinern und der Spurensicherung unterhalten, vielleicht finden wir weitere Spuren, die Ihre Theorie erhärten.“ Froh darüber, dass er sich nicht weiter rechtfertigen muss, lächelt er den beiden dankend zu. „Dann möchte ich Sie nicht weiter aufhalten.“ Mit einer einladenden Handbewegung gibt er den Weg zur Leiche frei und begibt sich zusammen mit Dorian zum Streifenwagen zurück.
Um 08:33 p.m. rollt der Wagen nach drei weiteren Einsätzen in die Parklücke der Tiefgarage zurück. Die Schatten unter den Augen der beiden Männer sind tief. Ohne ein Wort zu sagen, verlassen sie den Wagen und durchqueren, nebeneinanderher schweigend, die muffige Halle. Im Treppenhaus teilen sich ihre Wege, da Philippe seine letzte Kraft zusammennimmt, um das Treppenhaus schneller als eigentlich möglich zu durchqueren. Mit schnellen Schritten fliegt er durch die Tür, ein wenig später folgt Dorian. Beide Männer bleiben noch einen Augenblick im Gang stehen, um den Tag zu besprechen, da das Großraumbüro in der entgegengesetzten Richtung von Philippes Büro liegt. Ihre Ruhe bleibt leider nicht lange erhalten, denn ein dicker Schnurrbart tragender Mann fliegt mit schnellen Schritten auf sie zu. Dorian, der den Mann zuerst kommen sieht, zieht den Kopf ein. „Uh, da kommt der Captain, keine Lust zwischen euch zu geraten, ich mache mich auf die Socken, freue mich schon auf eine kühle Dusche und mach du auch nicht mehr so lange.“ Mit diesen Worten flieht Dorian den Flur herunter. Bevor der Captain Philippe wirklich erreicht hat, schreit er schon den Flur hinunter. „Lafin!“ Philippe zuckt zusammen und nimmt, durch den Ruf getrieben, Haltung an. „Sir.“ Wild prustend und mit dem dicken Zeigefinger wedelnd erreicht ihn der Captain. „Sie hatten eine Aufgabe!“ schreit er so laut, dass die Glaswände der Büros vibrieren. „Eine Aufgabe und Sie haben sie links liegen lassen. Ich habe Ihnen die Ordner nicht gegeben, weil Sie in Ihrem Büro besser aufgehoben sind, sondern damit Sie sie schnellst–möglich bearbeiten. Als ich heute Morgen aber in Ihr Büro ging, um nachzusehen, wie Sie vorankommen, musste ich feststellen, dass Sie gar nicht da sind!“ Zum ersten Mal an diesem langen Tag ist es Philippe, der ein kleinlautes „Ja, Sir“ verklingen lässt. „Ich rate Ihnen die Ordner sofort zu bearbeiten oder sie brauchen morgen gar nicht mehr wiederkommen Lafin!“ Das Schreien hat ein Ende. Philippe kämpft gegen das Gefühl an sich die schmerzenden Ohren zu reiben. In ihm wächst der Ärger über das Gesagte. Er verlässt seine angespannte Haltung und beugt sich zu dem dicken, im Gesicht hochroten, Mann hinüber. „Sir, ich möchte ja nicht ausfallend oder respektlos werden, aber Sie haben mich heute Morgen um vier Uhr nachts, an meinem freien Tag, aus dem Bett geklingelt und mir etwas von einem Sturm erzählt, der aufgehalten werden muss. Sie haben mich angerufen. Mich. Obwohl es genug andere Lieutenants gibt, die heute nicht frei hatten, haben Sie sich für mich entschieden. Ich bin hierhergefahren, habe mich nicht beschwert und angefangen den Sturm zu zähmen, der Ihnen, verständlicherweise, so viel Angst gemacht hat. Jetzt werde ich, nachdem sich der Sturm nun gelegt hat, in mein Büro gehen und die zwei Ordner durcharbeiten, wenn Ihnen an meiner Reihenfolge etwas nicht passt, dann tut es mir sehr leid, aber nach vierzehn Stunden Arbeit könnte mein Gehirn ein wenig hinken.“ Mit diesen Worten dreht Philippe sich von seinem Captain ab und stampft an ihm vorbei in Richtung seines Büros.
Die Ordner sind schwer und riechen nach frisch kopiertem Papier. Das Papier ist scharfkantig und unbenutzt und erinnert Philippe an das hohe Grass auf einem Feld, die ihm als Kind so oft die Haut aufgeschnitten hatte. Eine Weile lässt er die Ordner geschlossen vor sich liegen, tastet sie aber nicht an, manchmal ist er versucht einfach aufzustehen und die Unwissenheit weiter zu genießen, dann schlägt er aber doch den harten und unnachgiebigen Kartondeckel zur Seite. Die Titelseite zeigt in fettgedruckten Buchstaben die vier Ziffern, die ihm schon den ganzen Tag durch den Kopf gegeistert sind. 4253. Langsam fährt er mit seinen Fingerkuppen über das glatte Papier. Seite für Seite gleitet Philippe durch die Finger, der Text ist schwer zu verstehen, bürokratisches Gerede. Manchmal muss Philippe die Zeile wiederholen, ganze Seiten nochmal lesen, um zu begreifen, was da geschrieben steht. Er schüttelt immer wieder den Kopf, will nicht glauben, was bald verboten sein wird. Seine Augen brennen stark, als er den ersten Ordner zuschlägt. Entrüstet starrt er in den Raum hinein, seine Welt scheint Kopf zu stehen, nichts mehr so zu sein, wie es mal war. Obwohl in seinem Kopf ein gigantischer Knoten seine Gedanken so fest verknäult, dass es fast weh tut, greifen seine Hände, wie in einem Bann gefangen, nach dem dünneren der beiden Ordner, der Pappdeckel schwingt zur Seite und das Deckblatt erscheint. Statt der Fortführung der Absätze, die Philippe eigentlich erwartet hatte, prangt auf dem Titelblatt nur ein Wort: „The Disposal“ – „Die Verfügung“. Verwundert blättert er zur Seite, liest die Einführung, nickt, schüttelt den Kopf, schaudert, schlägt den Ordner wieder zu. „Das können die nicht machen“, spricht er in den Raum hinein. „Was stellen die sich vor, das wird doch Konsequenzen geben. Das kann nicht …“ Er reibt sich mit der Handfläche über das Gesicht und schüttelt erneut den Kopf. Er erhebt sich von seinem Schreibtischstuhl, kramt sein Zeug zusammen und lugt auf die Uhr. 02:12 a.m. „Merde“, es war schon so spät oder früh, er weiß es nicht. Schnell entlädt er die Waffe und lässt das Holster wieder hinter den dicken Safewänden verschwinden. Eine Hand greift nach der Tasche, die andere zu den Ordnern, ein kontrollierender Blick über das Büro, dann zieht er die Tür zu und tritt auf den Gang.
Er schlägt den Weg zum Haupteingang ein, durchquert das kleine Foyer, grüßt den Wachmann, hechtet durch die Schwingtüren des Haupteingangs und lässt sich auf die Steinstufen fallen. Eine Hand liegt auf den Ordnern, eine Hand auf seinem Knie. Der Himmel ist klar, der Smog hat sich in dieser Nacht verzogen. Was für ein beschissener Tag das gewesen war, er hätte so gut werden können, wäre er einfach im Bett liegen geblieben. Das Problem ist, vor der Wahrheit hätte er fliehen können, er hätte sich die Decke über den Kopf ziehen, sein Handy auf stumm schalten und einfach verdrängen können, was heute passiert ist, aber vor der Zukunft kann man nicht wegrennen, das wird ihm von Minute zu Minute klarer. Die Zukunft würde kommen, ganz sicher, mit jedem Ticken der Uhr rückt sie näher, für manche tickt sie in diesen Tagen schnell, für manche langsam, aber sie würde kommen. Was ihm diese Zukunft bringen würde, er weiß es nicht, aber ganz sicher hatte sie sich nach dem heutigen Tag geändert und sie würde sich noch weiter ändern, jeden zweiten Monat würde sie sich ändern, immer wenn ein neuer Absatz bekannt gegeben würde und die Menschen würden es mit ihr tun, diesmal würden sie sich ändern, sie hatte nun keine Wahl mehr.
Sieben Jahre später
12. Rügen, Deutschland
Es ist Sonntag, die Blumen vor dem Haus wiegen im Wind und hin und wieder surrt eine Hummel vorbei, die träge durch die Luft brummt. Das Gras ist braun und knistert unter nackten Füßen, es sticht in die Sohlen und kratzt an der Haut. Die Windböen spielen mit den braunen Locken und wehen sie sanft hin und her. Die Frau lässt es zu. Vielleicht um den Wind nicht zu stören, in seinem Ziel Frieden zu bringen, vielleicht auch, weil sie das Gefühl mag, wie die Haare um den Kopf streichen. In ihren Händen hält sie eine Blume, sie ist kraftvoll in Farbe und Duft und ihre Blütenblätter sind üppig. Der Körper der Frau ist jung. Sie ist schlank an Stellen, an denen Frauen gerne schlank sind, und runder an Stellen, an denen Frauen gerne rund sind. Ihre Füße sind groß, aber nicht zu groß, die Nägel sind nicht lackiert, dennoch gepflegt, ihre Hände zeigen an, dass sie benutzt werden, sie haben Riefen und Hornhaut, erzählen aber nicht von zu harter Arbeit. Ihre Haare fallen in groben, kastanienbraunen Locken über ihre Schultern und zeigen keine Zeichen von einem Versuch sie zu bändigen. Alles an ihr wirkt harmonisch, der gesamte Körper scheint in einer unsichtbaren Melodie im Einklang zu sein, nur ihr Gesicht will nicht ganz mit dieser Musik mitstimmen. Ihr Gesicht wirkt alt, unter den Augen zeichnen sich tiefe Schatten ab, die kein Schlaf der Welt mehr zurückverfärben würde. Auf der Stirn zeigen sich tiefe Falten, die ihre Geschichte erzählen wollen, eine Geschichte, in der wohl viele Sorgen eine Rolle spielen. Selbst die Sommersprossen, die ihr Gesicht überziehen, leuchten nicht mehr in der Intensität, in der sie einst geleuchtet haben. Ihre Hände umklammern immer noch die Blume, die unter dem Druck ihrer Finger langsam beginnt abzuknicken. Ihre Augen sind auf eine Stelle zwischen zwei Häusern gerichtet, an der das Meer hervorlugt, ein wenig kann man es sogar hören, wie es kleine Wellen an den Strand spült, ganz leise, ganz sanft, ohne Druck, aber auch ohne Unterlass. In den Rändern ihrer Augen liegt ein trauriger Ausdruck, es wirkt, als hätten ihre Augen diesen Ausdruck über viele Jahre perfektioniert.
Hinter ihr läuft ein junger Mann barfuß die Veranda hinunter, leichtfüßig springt er über die drei Stufen, die in den Garten führen, und läuft über das trockene Gras der Frau entgegen. Der junge Mann lächelt, seine Haare sind wirr und trocken von zu viel Sonne und Salzwasser. Sein Gesicht ist glatt und braun gebrannt, in den Mundrändern beginnen sich schon jetzt kleine Lachfalten zu bilden und seine grün-blauen Augen leuchten der jungen Frau entgegen, die immer noch mit dem Rücken zu ihm steht.
Als er näherkommt, greift er nach ihrer Hüfte und drückt ihr einen Kuss auf die Wange; da er ein wenig größer als sie ist, beugt er sich leicht hinunter. Nun lächelt auch sie, traurig und glücklich zugleich. Seine Augen fliegen auf die Blume hinab, sanft entnimmt er sie ihrem festen Griff und steckt sie der Frau hinter das Ohr. Sie wendet sich zu ihm um, legt sich in seine Arme und drückt ihren Kopf gegen seine Brust. „Musst du wirklich schon wieder gehen?“ Ein gequältes Lächeln, er drückt ihr einen Kuss aufs Haar, tippt sanft gegen die Blume und rückt mit einem Lächeln auf den Lippen von ihr weg. „Die Normalität ist eine gepflasterte Straße, man kann gut auf ihr gehen.“ Er zwinkert ihr entgegen und macht sich auf den Weg zurück ins Haus. Einen Moment steht die Frau alleine auf dem Gras und lächelt ihm hinterher, dann nimmt sie Anlauf und rennt ihm nach. „Doch es wachsen keine Blumen auf ihr!“, ruft sie noch, bevor die beiden wieder im Haus verschwinden. Der junge Mann wendet sich um. „Was?“ Sie wiederholt es. „Aber es wachsen keine Blumen auf ihr.“ Wieder lacht der Mann, streicht der Frau über die Wange und sieht ihr tief in die Augen. „Du kennt Vincent van Gogh?“ Ein spöttisches „Pah, wer kennt den denn bitte nicht?“ Der Mann greift nach einer großen Tasche, wirft sie sich über die Schulter und beide laufen durch den Flur zur Eingangstür. Sie streichen durch sie hindurch, laufen langsam über die Einfahrt, in der kein Auto mehr steht, und bleiben am Bordstein hängen, der keine Funktion mehr hat. Sie umschlingt ihn mit ihren Armen, drückt ihn fest an ihren Körper, atmet tief in sein Hemd, um den Geruch aufzunehmen, als könnte sie ihn abspeichern. Der junge Mann beugt sich hinab, sie küssen sich lange und intensiv, damit sie es in Erinnerung behalten können, dann schlüpft der Mann in seine Schuhe, streicht ihr ein letztes Mal über das Haar und beginnt die Straße herunterzugehen. „Hoffentlich dauert es diesmal nicht so lange bis zu den nächsten Semesterferien“, ruft sie ihm nach. Der Mann dreht sich um, lacht ein letztes Mal. „Ich liebe dich wie verrückt Evelin, auch ohne Semesterferien.“ Lange winkt sie ihm nach und erst als er fast nicht mehr zu sehen ist, flüstert sie: „Ich liebe dich auch, Kaleo.“
Evelin geht zum Haus zurück, einen Blick auf die Einfahrt, immer wenn sie an ihr vorbeigeht, erinnert sie sie wieder an die Realität, diese Leere der Einfahrt versetzt ihr jedes Mal ein Stechen in die Magengrube, rammt ihr wie ein Dolch zwischen die Rippen und bohrt in ihr herum. Es war ein seltsamer Tag, als sie das Auto wegbrachten. Keiner hatte ein Wort gesagt, selbst das Radio schwieg, alle lauschten auf das Rauschen des Motors, auf das Klackern der Steine, als sie über die Landstraße fuhren und das tocktock … tocktock der Bahnübergänge, die sie passierten. Mona war langsam gefahren, nicht um die letzte Autofahrt ihres Lebens noch zu genießen, vielmehr um noch ein wenig länger der neuen Normalität zu entgehen. Nach einer Stunde waren sie da, sie fuhren durch das große Tor, parkten den Wagen in einer endlos wirkenden Reihe aus anderen Autos und liefen über einen Kiesweg zur Meldestelle, die ein alter Container darstellte. Da der Container ein wenig höher lag als die geparkten Autos, konnte man über das weitläufige Feld sehen. Evelin erinnert sich daran, wie klein sie sich plötzlich gefühlt hat bei der Fülle an Autos, die sie erblickte. Hektarweit erstreckten sich Autos über das Feld und Evelin war sich ganz sicher damals kein Ende sehen zu können. Die Frau in der Meldestelle grummelte ihnen schon von Weitem entgegen und notierte irgendwas auf einem Notizblock. Dann stemmte sie sich von dem ramschigen Klappstuhl nach oben, machte einen Schritt aus dem Container und deutete mit dicken Fingern auf das letzte Auto in der Reihe. „Ist das Ihre Kiste?“ Mona, die trotzig die Unterlippe nach vorne schob, stellte sich schützend vor ihre Kinder und rief der Frau entgegen. „Ja, diese Kiste, wie sie sie nennen, ist sehr wohl meine, mein Mann hat sie mir damals geschenkt, also würde ich Ihnen raten ein wenig respektvoller davon zu reden.“ Die Frau notierte noch etwas auf einem Blatt und lief zurück in den Container, um einen Stempel unter ihr Gekritzel zu setzen. Mona ging auf den Container zu und betrachtete das Blatt, das ihr die Frau beim Betreten des Containers auch sogleich in die Hand drückte. „Unterschrift, hier und hier“, ranzte sie ihr noch entgegen. Mona nahm das Papier fester zwischen die Hände und begann das Blatt zu überfliegen. Es zeigte nicht viel, den Namen des Herstellers, die Modellnummer, das Kennzeichen und den Namen des Eigentümers. Außerdem einen kurzen Text, den Mona mittlerweile nur allzu gut kannte.
§ 4253
Absatz 2
Alle Verkehrsmittel, die schädliche Gase oder Emissionen in die Umwelt stoßen, dabei sind ausgenommen Verkehrsmittel, die direkt mit elektrischem Strom betrieben werden oder diesen in Batterien abspeichern können, werden verboten. Hierbei muss beachtet werden, dass nicht nur der Gebrauch solcher, sondern auch der Besitz mit Geldstrafen oder bei häufigen Verstößen auch mit Freiheitsstrafen geahndet wird.
1. Elektrisch betriebene Verkehrsmittel dürfen nur benutzt werden sollte der Strom aus ökologischer Herkunft stammen. Bei Verstoß, zum Beispiel beim Fahren eines mit elektrischem Strom angetriebenen Verkehrsmittels, dessen Strom aus nichtökologischer Herkunft stammt, wird ebenfalls eine Geld- beziehungsweise Freiheitsstrafe folgen.
1a. Diese Regelung ist nur gewährleistet, solange genug ökologischer Strom angezapft werden kann, sollte dies einmal nicht der Fall sein, so muss der zur Verfügung gestellte Strom bevorzugt an lebenserhaltende Quellen wie Kühlgeräte, Krankenhäuser, Lichtquellen etc. gehen.
Mona nickte ein paarmal, seufzte und setzte dann mit geschnörkelter Schrift ihren Namen unter den Satz „Hiermit erkläre ich mich einverstanden, mein nicht elektrisch betriebenes Automobil an die Deutsche Republik zu übergeben und so dem § 4253 Absatz 2 Folge zu leisten.“ Als sie auch die zweite Unterschrift gesetzt hatte, stand sie auf und schlug das weiße Blatt auf den provisorischen Tisch. „Ich leiste dem zwar Folge, aber dass eins mal klar ist, ist bin ganz sicher nicht damit einverstanden!“ Mit diesen Worten stapfte sie aus dem Container, nahm Oskar bei der Hand und lief energisch durch das große Tor, durch das sie zuvor gefahren waren.
Im Haus angekommen nimmt sie sich die große Sweatshirtjacke ihres Vaters vom Haken, die seit seinem Tod immer noch an derselben Stelle hängt und zieht sie fröstelnd bis oben hin zu. Die Tage beginnen schon jetzt kürzer zu werden und durch die offene Gartentür weht immer wieder ein Luftstoß, der seine kühle Luft durch das Wohnzimmer schickt. Als sie gerade den Raum durchquert, um der eisigen Belüftung ein Ende zu setzen, dreht sich ein Schlüssel im Schloss der Haustür. Das Geräusch, wie der metallene Schlüssel das Schloss zum Aufsperren bewegt, das Saugen der Luft, wenn sie sich aufschiebt, ein Geräusch, das sie ganz sicher nie mehr vergessen würde. Es hatte lange gedauert, bis sie bei dem Klang nicht an jene Nacht denken musste, in der Oliver durch diese Tür kam und Evelins Leben für viele Jahre, die darauffolgten, zerstörte. Ihr ist klar, dass es nicht Olivers Schuld ist, was geschehen war, dass er einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort auftauchte, aber es war er, der durch eine Tür kam, durch die eigentlich ihr Vater hätte kommen müssen. Mittlerweile kann sie bei dem Geräusch weiteratmen, die Zeit hat den Schmerz gelindert und die Wunden haben angefangen zu heilen. Die Tür öffnet sich und Oskar rennt mit lautem Trampeln durch den Flur. „Deine Schuhe, du musst die Schuhe ausziehen“, ruft die ältere Frau ihm nach, die ebenfalls durch die Haustür tritt. Oskar, der sich nicht groß für das interessiert, was seine Mutter ihm nachruft, und nur noch lauter anfängt zu trampeln, stolpert ins Wohnzimmer. Als er Evelin sieht, quietscht er freudig, legt das Plüschokapi auf den Esszimmertisch und drückt Evelin zwei Zeichnungen in die Hand, bevor er die Treppe nach oben poltert. Mona schlüpft aus ihren Schuhen in die Hausschuhe und folgt ihrem Sohn ins Wohnzimmer. „Ist er jetzt nicht in einem Alter, in dem ich ihn zwingen kann staubzusaugen?“ Evelin schmunzelt. „Ich glaube Kinder dürfen erst ab dreizehn Jahren arbeiten, also musst du denke ich noch ein Jahr warten, bevor er ins Haushaltsgeschäft einsteigen darf.“ Mona rollt mit den Augen und schiebt die von Oskar verlorene Erde unter den Esstisch. „Hallo übrigens, ist Kaleo schon weg? Ich habe ja gehofft, dass wir ihn noch erwischen, Oskar wollte ihm glaube ich noch was geben. Wie geht es dir?“ Evelin zieht die Hände mit den Zeichnungen an ihre Augen, etwas verwundert dreht sie sie in alle Richtungen, schüttelt dann mit dem Kopf und legt sie neben das Okapi auf den Esstisch. „Oskars Zeichnungen werden immer seltsamer und ja, mir geht es gut, es wäre mit natürlich lieber, er würde nicht immer fortgehen müssen, vielleicht bin ich auch einfach traurig, dass ich nicht mit ihm gehen kann.“ Monas Ausdruck wandelt sich in Besorgnis. „Schatz, ich zwinge dich nicht hier zu bleiben, ich weiß, wie sehr auch du deine Träume erfüllen möchtest. Ich weiß natürlich, warum du glaubst bleiben zu müssen, aber glaube mir mein Schatz“, sie geht auf ihre Tochter zu und nimmt sie in den Arm, „dieser Paragraf hat zwar alles geändert, aber es wird sich nicht mehr zurück ändern, jetzt bist du jung, jetzt hast du die Freiheit alles zu tun, was du möchtest, alles zu werden, was du werden möchtest, ich und Oskar kommen schon klar. Sieh nur, Kaleo und Lila verwirklichen ihre Träume auch.“ Evelin windet sich aus der Klammer ihrer Mutter. „Du weißt nicht, was du da sagst, du möchtest selber glauben, was du da sagst, aber wir wissen beide, dass das nicht stimmt. Ihr braucht mich auf dem Hof und du bist ja jetzt schon überfordert mit Oskar, dabei ist er noch nicht mal ein Teenager. Außerdem brauchst du das Geld, das ich im Laden verdiene, und wovon sollen wir mein Studium denn überhaupt bezahlen, wir haben keine Rücklagen, wir geben alles sofort aus, was wir verdienen, und selbst das reicht kaum.“ Mona treten Tränen in die Augen. „Ich will nicht glauben, was du da sagst.“ Verletzt zieht Mona sich das Haarband vom Kopf, das ihre mittlerweile grauen Haare zusammenhält, und stapft, sich durch die Haare gehend, in die Küche. Evelin stöhnt einmal auf, gestikuliert wild und wagt einen vorsichtigen Bick in die Küche. Ihre Mutter lehnt mit einem Glas Wasser in der Hand an der Kücheninsel und schaut mit leerem Ausdruck in den Raum; als Evelin die Küche betritt, wendet sie sich verwundert herum und betrachtet ihre Tochter. „Es tut mir leid Mama, ich habe es nicht so gemeint, du kannst da nichts für, das weiß ich ja, manchmal bin ich aber einfach so sauer auf das, was da draußen passiert, auf das, was sie der Menschheit antun.“ Mona legt Vergebung in ihren Ausdruck, stellt das Glas neben die Spüle und küsst ihre Tochter auf die Stirn. „Ich habe das auch nicht so gemeint, ich hoffe, du weißt das auch, und ich bin dir sehr dankbar, dass du uns so toll hilfst, deine Großeltern wissen auch, was du für eine große Hilfe auf dem Hof bist, aber ich hoffe trotzdem, dass wir irgendwann einen Weg finden mit dieser Situation klarzukommen, dass sie irgendwann durch die Verfügung Lösungen für unsere Probleme finden und du deine Träume verwirklichen kannst.“ Evelins Kopf wandert hoch und runter und bestätigt das Wort ihrer Mutter, danach verlässt sie die Küche wieder, um ins obere Stockwerk zu gehen. Als sie an dem ovalen Esstisch vorbeiweht, fallen die Zeichnungen herunter und segeln in gleichmäßigen Zügen auf die Fliesen. Evelin beugt sich zu ihnen hinab, klaubt sie zusammen und trägt sie die Stufen nach oben. In ihrem Zimmer angekommen, pult sie ein paar Reißzwecken aus einem Glas auf dem Schreibtisch und beginnt die Kunst ihres Bruders an die Schräge über ihrem Bett zu pinnen. Über die Jahre ist die Kunstsammlung, die ihr Bruder ihr immer wieder geschenkt hat, zu einer Wand deckenden Tapete geworden. Viele der Zeichnungen überlappen sich bereits und manche werden nur noch von einer der vier Reißzwecken getragen. Evelin betrachtet ihr Werk, als sie alle Zeichnungen auf der Schräge untergebracht hat. Hin und wieder hebt sie eines der Blätter an, um ein anderes freizulegen, lässt sich auf das Bett fallen und beobachtet, wie die Blätter durch den Wind des offenen Fensters anfangen auf ihrer Wand zu tanzen. Evelin schmunzelt, keine der Zeichnungen macht einen Sinn. Wie sehr wünscht sie sich die Bilder mit den Augen ihres Bruders betrachten zu können. Für ihn hatten die Striche, Staffierungen und Flecken bestimmt eine Bedeutung, er erkennt bestimmt den logischen Sinn dahinter. Der Kinderpsychologe, bei dem Oskar als Kind öfter gewesen ist, hat Evelin mal erklärt, dass es bestimmt einen Sinn oder eine Bedeutung für Oskar hat, Evelin die Bilder zu schenken. Evelin winkte ab, aber der Psychologe schüttelte den Kopf und sagte diesen einen Satz, der Evelin immer durch den Kopf geistert, wenn sie die Schräge betrachtet. „Oskar lebt in einem ganz anderen Spektrum als du und ich. Er tut die Dinge nicht aus emotionalen Gründen oder weil man sie von ihm erwartet. Alles, was er tut, muss einen logischen Wert für ihn haben, so sieht er in Sprache keine Notwendigkeit, aber in Bildern schon. Wenn er dir also eines dieser Bilder schenkt, dann haben sie für ihn einen sehr hohen Wert, den er dir gerne zeigen möchte.“ Damals verstand Evelin das nicht, heute fängt sie aber an diesen Satz zu begreifen, sie beginnt ihren Bruder zu verstehen.
Evelin schwingt sich vom Bett, einen Moment lässt sie das Blut zurück in ihre Beine laufen, dann springt sie auf und eilt durch den Flur in Oskars Zimmer. Der Zwölfjährige sitzt auf dem Boden und steckt Legoklötze zu einem Gewirr zusammen, das Evelin nicht erkennen kann. Sie setzt sich zu ihm, nimmt einige Legos von einem Stapel und beginnt sie beiläufig aufeinander zu stecken. „Weißt du was, Oskar? Manchmal beneide ich dich. Für dich scheinen die Dinge so einfach zu sein, so logisch.“ Der Junge rührt sich nicht und legt seiner Schwester nur noch mehr Steine hin, die sie benutzen kann. „Weißt du, wie gerne ich manchmal mit dir sprechen würde, ich habe so viele Fragen an dich. Mama hat mal gesagt, dass du einfach noch nichts Wichtiges zu sagen hast und auf die richtigen Worte wartest.“ Oskar nimmt Evelin die Mauer aus Legos aus der Hand, die sie errichtet hat, und hält sie ihr vor das Gesicht, direkt vor ihre Augen. Evelin versucht die Legosteine zu fokussieren, an ihnen vorbeizuschauen, aber immer, wenn sie ihren Kopf neigt, um der Sichtschranke zu entgehen, folgt ihr Oskars Hand mit der Mauer. Nach einer Weile drückt sie genervt seine Hand zur Seite. „Oskar, was soll das, ich verstehe dich nicht.“ Entrüstet lässt der Junge die Mauer fallen, greift nach seinem Legobauwerk, dann nach Evelins Hand und beginnt sie vom Boden nach oben zu ziehen. „Ja, ist ja gut, ich komme ja, warte, lass mich erstmal aufstehen.“ Durch den engen Griff ihres Bruders fällt es Evelin schwer vom Boden hoch zu kommen, doch ihr Bruder lockert den Griff keinen Zentimeter. Als sie sich endlich erhoben hat, zerrt er seine Schwester auch sogleich weiter, aus seinem Zimmer heraus, in den Flur und in Evelins Zimmer hinein. Erst jetzt lässt er ihre Hand los und klettert auf Evelins Bett. Mit ausgestrecktem Finger zeigt er auf die Bilderschräge und manchmal tippt er gegen eines der Blätter, als wolle er Evelin auf etwas besonders Wichtiges hinweisen. In Evelins Kopf rasen die Gedanken, was ihr Bruder ihr da wohl zeigen möchte, immer wieder betrachtet sie die Striche, auf die ihr Bruder zeigt, aber je mehr sie sich anstrengt etwas zu erkennen, umso weniger sieht sie. „Oskar, ich verstehe nicht, was du mir da zeigen willst, ich kann da nichts erkennen.“ Oskar, der immer nervöser und aufgelöster wird, springt von dem Bett herunter und zieht seine Schwester näher an die Bilder heran. Immer heftiger beginnt er auf die Blätter zu tippen, Tränen treten ihm in die Augen, er beginnt zu wimmern. Dann nimmt er das Legobauwerk und hält es vor die Wand, deutet auf das Legogebilde, dann auf die Wand, wiederholt die Schritte. In Evelin steigt Verzweiflung auf. Verzweifelt betrachtet sie das Gebilde und dann wieder die Blätter an der Wand, versucht den Zusammenhang zu erkennen, versucht zu verstehen, was ihr kleiner Bruder sagen will. Nach einer endlosen Weile knickt Oskar in sich zusammen, er legt den Legoklotz auf Evelins Bett, umklammert seine Beine, wippt wimmernd hin und her und beginnt sich an den Haaren zu ziehen. In Evelin steigt Hitze auf, etwas verunsichert tippt sie Oskar an die Schulter versucht ihn zu beruhigen, aber der Junge ist in eine andere Welt entschwunden. Nach ein paar Minuten kommt Mona die Stufen hoch geeilt, stürmt an Evelin vorbei, die immer noch hilflos im Raum steht, umklammert ihren Sohn mit festem Griff und beginnt zu summen. Evelin kennt diese Melodie, sie kennt sie gut, Paul hat sie immer gesummt, wenn Oskar mit ihm im Garten war oder wenn Oskar einen seiner Anfälle hatte. Ihr Vater hat immer gewusst, wie er mit Oskar umzugehen hatte.
Am Abend schlüpft Evelin noch einmal in das Zimmer ihres Bruders. Oskar liegt schon ihm Bett, bis zu den Ohren zugedeckt. Das Fenster ist auf und in der Ferne kann man das Meer rauschen hören. „Darf ich zu dir kommen?“, flüstert sie durch das Dämmerlicht des Raums, ihr Bruder rollt auf die Seite und zieht die Decke von den Ohren. Evelin, die das als ein Ja deutet, klettert auf das wacklige Hochbett und legt sich neben ihren Bruder. Sie hält das Plüschokapi über ihren Bruder in die Luft, der es auch sogleich packt und unter die Decke zieht. „Weißt du Oskar, ich hatte unrecht mit dem, was ich eben gesagt habe. Ich habe gesagt, dass deine Welt leicht und logisch ist, aber weißt du, ich habe mich geirrt, du hast es bestimmt viel schwerer als wir alle.“ Das Meer rauscht. Oskar hebt die Decke an und schiebt sie auf Evelins Seite. Sie rutscht unter sie und für eine Weile liegen die beiden nur so da und lauschen auf die Wellen, die gegen die Steilküste schlagen. „Weißt du was, nur weil ich dich jetzt noch nicht verstehe, heißt das nicht, dass ich es nicht irgendwann mal tun werde.“
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