Kitabı oku: «Aktivieren Sie Ihren Vagusnerv»
Navaz Habib
AKTIVIEREN SIE
IHREN VAGUSNERV
So stärken Sie Ihren Selbstheilungsnerv bei
Darmproblemen, Entzündungen,
Autoimmunerkrankungen, Ängsten,
Depressionen und innerer Unruhe

VAK Verlags GmbH Kirchzarten bei Freiburg
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
INHALT
Vorwort
Einführung
TEIL 1 DIE WISSENSCHAFTLICHEN GRUNDLAGEN
Kapitel 1 | Was ist der Vagusnerv?
Kapitel 2 | Wo liegt der Vagus?
Kapitel 3 | Die Aufgaben des Vagusnervs
Kapitel 4 | Wie der Vagusnerv das alles schafft
TEIL 2 WELCHE FUNKTIONSSTÖRUNGEN KÖNNEN BEIM VAGUSNERV AUFTRETEN?
Kapitel 5 | Funktionsstörung der Atmung
Kapitel 6 | Verdauungs störungen
Kapitel 7 | Ein funktions gestörtes Mikrobiom
Kapitel 8 | Chronische Entzündungs herde und Aktivierung des Immunsystems
Kapitel 9 | Die funktionsgestörte Herzfrequenz
Kapitel 10 | Gestörte Leberfunktion
Kapitel 11 | Chronischer Stress
Kapitel 12 | Schlafprobleme und Störungen des zirkadianen Rhythmus
Kapitel 13 | Fehlende Sozialkontakte
TEIL 3 AKTIVIEREN SIE IHREN VAGUSNERV
Kapitel 14 | Die Funktion des Vagusnervs messen
Kapitel 15 | Übungen zur Aktivierung des Vagusnervs
Kapitel 16 | Passive Methoden zur Aktivierung des Vagusnervs
Schlussfolgerung
ANHANG
Danksagungen
Literatur
Stichwortverzeichnis
Über den Autor
Hinweise des Verlags
Dieses Buch dient der Information über Möglichkeiten der Gesundheitsvorsorge. Wer diese Informationen anwendet, tut dies in eigener Verantwortung. Autor und Verlag beabsichtigen nicht, Diagnosen zu stellen oder Therapieempfehlungen zu geben. Die vorgestellten Vorgehensweisen sind nicht als Ersatz für professionelle Behandlung bei ernsthaften Beschwerden zu verstehen.
VORWORT
Ich trage ein Mantra in meinem Herzen: Das Beste haben wir noch vor uns. Diese Aussage trifft ganz besonders auf dieses erstaunliche Buch zu, ein Buch, das Ihnen ein Geschenk erschließt, mit dem Sie im Augenblick Ihrer Zeugung bedacht wurden – strahlende Gesundheit.
Ich kann nur darüber staunen, wie großartig der menschliche Körper ist. Das Universum hat hier wirklich Außerordentliches geleistet. Im Zentrum all dessen befindet sich Ihre kosmische Schnittstelle, das Nervensystem. Es ermöglicht uns, mit der uns umgebenden wunderbaren Welt zusammenzuwirken sowie gesund und innerlich ausgeglichen zu bleiben. Diesen Schatz müssen wir in Ehren halten und uns zunutze machen, um unser Leben bestmöglich zu gestalten. Das Gehirn verbindet und steuert unsere Körperfunktionen über das Rückenmark, die peripheren Nerven und eine hervorragende „Datenautobahn“, den sogenannten Vagusnerv.
Es ist eine beachtliche Leistung, die Funktion von mehr als 60 Billionen Zellen an 365 Tagen rund um die Uhr zu steuern, doch irgendwie geschieht das genau jetzt, in diesem Augenblick. Millionen von Signalen nehmen ihren Weg zum Gehirn und von ihm aus zu allen Organen und Systemen im Körper; sie halten diese Systeme und Ihr Leben im Gleichgewicht. Sie sorgen dafür, dass Sie atmen, verdauen, sich erholen, sie sorgen für Reparaturarbeiten, für die Zellreplikation und für die Regulierung. Und all das ist dem Vagusnerv zu verdanken.
Während wir die Geheimnisse des Universums über uns und des Universums in uns selbst entschlüsseln, können wir uns dem beständigen Staunen über das menschliche Potenzial kaum entziehen. Daher freue ich mich sehr darüber, dass Sie dieses Buch lesen wollen. Aktivieren Sie Ihren Vagusnerv wird Sie sicherlich dem Ziel näherbringen, Ihr Potenzial freizusetzen, damit Sie bestmöglich leben können!
Navaz Habib vermittelt Ihnen, wie Sie mithilfe Ihrer Selbstheilungskräfte ein dynamisches Leben führen können. Wenn Sie dieses Wissen beim Lesen direkt anwenden, werden Sie feststellen, welche kraftvollen Fähigkeiten Sie besitzen.
Gesundheit im Überfluss ist nicht selbstverständlich, wir müssen selbst dafür sorgen! Aktivieren Sie Ihren Vagusnerv zeigt Ihnen genau, wie das auf leicht umsetzbare und messbare Weise geht, doch lassen Sie sich von der Einfachheit der Übungen nicht täuschen. Leonardo da Vinci drückte es so aus: „Einfachheit ist das größte Zeichen von Raffinesse.“ Ich kann Ihnen versichern, es gibt nichts Raffinierteres als Ihren Körper – und nichts ist einfacher, als sich darum zu kümmern. Ist es nicht das, wonach wir alle streben?
Die Vorstellung, dass wir uns der Komplexität des Körpers anpassen müssen, um ihn zu heilen, ist nicht nur falsch, sondern unrealistisch. Wir alle sind Zeugen, dass dieses Paradigma bei unserem allopathischen Gesundheitsmodell versagt. Bruce Lipton, der Autor von The Biology of Belief (nur in englischer Sprache erhältlich), nennt das einen „kosmischen Scherz“. Eine wahre Lösung für gesundheitliche Probleme muss einfach sein … so verlangen es die kosmischen Gesetze.
Auf den folgenden Seiten finden Sie machtvolle Informationen, die Ihr Leben verändern, Informationen, die Sie sofort nutzen und mit anderen teilen können. Ich verrate Ihnen jetzt ein kleines Geheimnis: Wenn Patienten ins Living Proof Institute kommen (eine Poliklinik für funktionelle Medizin), ist unser Hauptanliegen, mit den Informationen zu arbeiten, die Sie in diesem Buch finden, und dafür zu sorgen, dass ihr Vagusnerv beidseitig wieder richtig arbeitet, denn dann wirkt alles, was wir sonst noch tun, hundertmal besser! Wir nennen dieses Konzept „autonome Kopplung“. Bei Patienten, deren Nervensystem gesund ist, verläuft der Heilungsprozess schneller und vollständiger und sie benötigen weniger Zusatzbehandlungen.
Sie werden überrascht sein, wie sehr sich Ihre Schlafqualität, die Verdauung, das Immunsystem, der Blutzuckerspiegel, die Stimmung, die Entgiftung und andere Körperfunktionen verbessern, ohne dass Sie eine einzige Tablette oder einen einzigen Tropfen einnehmen müssen. Ihr Schlüssel zu einer strahlenden Gesundheit ist nur ein paar einfache Schritte entfernt. Vertrauen sie mir, meine Kollegen und ich haben Tausenden von Menschen geholfen, indem wir ihnen zeigten, wie sie sich selbst helfen können – ohne Medikamente, ohne Tabletten und Tropfen, ohne Nebenwirkungen – und auch ohne weitere Kosten!
In Zeiten, in denen die Ausgaben im Gesundheitswesen unaufhörlich steigen, sind die in diesem Buch beschriebenen Methoden der Selbstbehandlung nicht nur kostenlos, sondern erfordern auch nur wenige Minuten Zeit am Tag. Ich weiß, das klingt fast zu schön, um wahr zu sein, doch es stimmt. Denken Sie an meine Worte!
Wie Sie erfahren werden, wird dieses Wissen seit Tausenden von Jahren bei jeder Art von östlicher Medizin angewandt. Sie wundern sich vielleicht, dass Sie von den in diesem Buch dargestellten Lösungen bislang nicht gehört haben. Der Grund mag Sie zuerst schockieren, aber er wird Ihnen schnell klar, wenn Sie beginnen, auf all die Hinweise um sich herum zu achten.
Die Grundlage des allopathischen Gesundheitsmodells ist nämlich das Paradigma, dass Ihr Körper Fehler macht, dass er sich nicht selbst regulieren kann, dass es nichts gibt, was Sie tun können. Durch die mithilfe dieses Systems (und auch durch geschickte Marketingstrategien) gesteuerte Überzeugung, dass dem tatsächlich so sei, sind Millionen Menschen dazu verleitet worden, verschreibungspflichtige Medikamente zu nehmen, die ihren erstaunlichen Körper und ihre Denkweise stören. Das führte zu explodierenden Kosten, vermehrter Abhängigkeit von Medikamenten und Misserfolgen. Der Körper des Patienten wird nicht als Partner auf dem Weg zur Heilung betrachtet, sondern lediglich als die Ursache von Krankheit. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.
Im vitalistischen Gesundheitsmodell arbeiten wir mit einem völlig anderen Bezugssystem. Wir glauben, dass Sie Ihren gesamten Körper brauchen, dass sich Ihr Körper selbst regulieren kann und dass Sie nur dann gesund sein können, wenn Sie die Gesetze der Natur beachten. Wir glauben, dass Sie als Mensch ein angeborenes Heilungspotenzial haben, das stärker ist als alle uns bekannten Maßnahmen. Wie glauben, dass nichts Ihren Körper besser heilen kann als er selbst.
Und das ist das Entscheidende: Nur Sie können die auf diesen Seiten dargestellte Aufgabe übernehmen. Sie ganz allein!
Ihnen wurde dieses wunderbare Leben geschenkt, und dieses Buch wird Ihnen dabei helfen, es auch tatsächlich zu leben.
Ein Nervensystem, das gesund ist, richtig funktioniert und die korrekten Signale sendet, ist für alle, die eine wirkliche, lebenslange Gesundheit anstreben, von primärer Bedeutung. Wo immer Sie also bei Ihrer Suche nach Gesundheit stehen, ich freue mich, dass Sie das Wissen anwenden möchten, das Navaz Habib Ihnen auf den folgenden Seiten präsentiert.
Aktivieren Sie Ihren Vagusnerv, aktivieren Sie Ihr Leben!
Sachin Patel
Gründer von The Living Proof Institute
EINFÜHRUNG
Ganz selbstverständlich schlägt Ihr Herz 100 000 Mal am Tag. Sie machen 23 000 Atemzüge. Ihr Blut fließt dreimal pro Minute durch den Körper und Ihre Leber reinigt und entgiftet dieses Blut ununterbrochen. Die ständig wechselnde Bakterienpopulation im Darm arbeitet in Symbiose mit dem Verdauungstrakt, um Ihre Nahrung aufzuspalten und die Nährstoffe zu resorbieren, die jede Ihrer Zellen braucht, um zu funktionieren. Haben Sie sich jemals gefragt, wie als das ohne bewusste Kontrolle geschehen kann, wie all diese Systeme zusammenarbeiten?
Die Antwort ist Ihr autonomes Nervensystem. Dieses System ist ein Wunder der Evolution. Es ist der Teil des Nervensystems, der – einfach ausgedrückt – für die Kontrolle der Körperfunktionen verantwortlich ist, die nicht bewusst gesteuert werden.
Unser Körper ist so konzipiert, dass er ohne die Notwendigkeit bewusster Denkvorgänge leben und überleben kann. Im Laufe der Entwicklung des Menschen wuchs die Fähigkeit des bewussten Denkens exponentiell. Das war nur möglich, weil die zum Überleben notwendigen Systeme einer bewussten Steuerung entzogen bzw. automatisiert wurden. Unser Vorderhirn wurde größer und ermöglichte uns, zu denken, zu überlegen und uns mit unserer Umgebung zu verbinden. Währenddessen sorgte der Hirnstamm dafür, dass wir am Leben blieben und uns weiterentwickeln konnten.
Der Hirnstamm ist die dickste und am höchsten gelegen Stelle des Rückenmarks. Dort befinden sich zahlreiche Informationskontrollzentren, die sogenannten Kerne, von denen jeder einzelne für eine Reihe spezifischer Funktionen verantwortlich ist und Signale von dort sendet oder selbst welche erhält.
Manche dieser Systeme warnen uns vor inneren Stressoren sowie Risiken, die unser Überleben bedrohen. Ob es sich dabei um eine Infektion handelt, die sich im Körper auszubreiten beginnt, um belastende Gedanken in Bezug auf Aufgaben, die zu erledigen sind, oder ob ein Tiger vor uns steht – die automatischen Steuerungsfunktionen dieses Systems ermöglichen uns das Überleben. Diese Mechanismen werden durch einen Ast des autonomen Nervensystems, den sogenannten sympathischen Ast (oder der Einfachheit halber: das sympathische Nervensystem, der Sympathikus) reguliert. Das sympathische Nervensystem ist dafür bekannt, dass es die Herz- und die Atemfrequenz erhöht, die Atemtiefe senkt, den Blutstrom von der Leber und vom Verdauungstrakt weg in die Arm- und Beinmuskulatur umleitet und die Pupillen erweitert. Damit ermöglicht uns dieses System, gegen Stressoren zu kämpfen oder „die Flucht zu ergreifen“, um vor ihnen wegzulaufen, wenn sie sich zeigen. Ein aktives sympathisches Nervensystem wird auch als „Kampf-oder-Flucht“-Zustand bezeichnet.
Im Gegensatz dazu gibt es einen weiteren Ast des autonomen Nervensystems, der es uns ermöglicht, uns zu entspannen und von der Härte und den Aufgaben des Tages zu erholen. Durch ihn bleiben wir ruhig, unsere Herzfrequenz und unsere Atemfrequenz sinken, wir können tiefere und vollere Atemzüge nehmen, und das Blut wird von den Gliedmaßen zu den inneren Organen geleitet, sodass unser Körper sich beruhigen und erholen kann und wir sogar in der Lage sind, uns fortzupflanzen. Dieser Teil des autonomen Nervensystems wird parasympathischer Ast (oder der Einfachheit halber: parasympathisches Nervensystem, Parasympathikus) genannt. Ein aktives parasympathisches Nervensystem wird als Zustand des „Ruhens und Verdauens“ bezeichnet.
Die Steuerungsprozesse durch das parasympathische Nervensystem laufen überwiegend über ein bestimmtes Nervenpaar im Körper ab – den Vagusnerv, der im Mittelpunkt dieses Buches steht. Er ist der einzige Nerv, der im Hirnstamm entspringt und durch den ganzen Körper zieht. Der Vagusnerv (genau genommen die Vagusnerven, denn er ist [wie jeder Hirnnerv; Anm. d. Übers.] eine paarig angelegte Struktur, das heißt jede Körperseite besitzt einen Vagus) ist verantwortlich für die regulatorische Kontrolle des Herzens, der Lunge, der Muskeln von Rachen und Atemwegen, der Leber, des Magens, der Bauchspeicheldrüse (Pankreas), der Gallenblase, der Milz, der Nieren, des Dünndarms und eines Teils des Dickdarms. Die Gesundheit wird in hohem Maße vom Grad der Funktionsfähigkeit des Vagus bestimmt; eine Funktionsstörung dieses Nervs ist eng mit Krankheit verbunden.
Früher glaubten wir, dass die grundsätzliche Aufgabe von Nerven darin bestehe, Signale rasch von einem Gebiet in ein anderes zu übertragen. Wir sind nun dabei zu lernen, dass das Ausmaß der vom Vagus übertragenen Botschaften und Signale weitaus umfangreicher und wichtiger ist, als wir es anfänglich erkannten; er ist in der Tat die direkte Verbindung zwischen dem Gehirn und der Darmflora, dem Mikrobiom. Der Vagusnerv ist der wichtigste Kommunikationsweg in Bezug auf die Verdauung, den Nährstoffstatus und die ständig wechselnden Bakterienpopulationen, Viren, Hefen, Parasiten und Würmer, die unser Verdauungstrakt beherbergt.
Das Gleichgewicht zwischen den beiden Ästen des autonomen Nervensystems – des sympathischen und des parasympathischen – ist entscheidend, damit man ein Leben in vollem Umfang führen kann. Ist ein Ast übermäßig aktiviert, kann das zu einem deutlichen Funktionsverlust im anderen Ast führen. Ein dauerhaftes Ungleichgewicht zieht Krankheiten und Funktionsstörungen nach sich. Bleibt der Stresspegel zu lange zu hoch, verliert das parasympathische Nervensystem seine Regulationsfähigkeit. Durchblutung und Funktion konzentrieren sich auf den sympathischen Ast, die Durchblutung des parasympathischen Astes wird also eingeschränkt und dadurch lässt seine Funktion mit der Zeit nach. Das gilt auch umgekehrt, da eine übermäßige Aktivierung des parasympathischen Systems den Umgang mit potenziellen Stressoren (der die Aufgabe des sympathischen Systems ist) verlangsamen kann und somit Risiken für das Überleben entstehen.
Ein sehr häufiges Problem in der heutigen Zeit, sind der erhebliche Stress und der enorme Druck, denen wir ausgesetzt sind. Unserem Körper fehlt noch die Fähigkeit, zwischen verschiedenen Arten von Stressfaktoren zu unterscheiden, daher rufen mentale und emotionale Stressoren dieselbe Reaktion hervor, wie das ein leibhaftiger Löwe, Tiger oder Bär tun würde – also etwas, das unser Leben bedroht.
Das heißt, wir reagieren auf eine unmittelbar bevorstehende physische Gefahr genauso wie auf den von einem Lehrer nicht angekündigten schriftlichen Kurztest oder die strenge Aufforderung vom Chef, „sofort“ in sein Büro zu kommen.
Unter gleichbleibend hohem Stress kommt es zu vermehrten Entzündungen im Körper, der keine Gelegenheit bekommt, sich zu erholen und zur Ruhe zu kommen, was aber zur Erhaltung einer optimalen Funktion erforderlich ist. Darum erleiden wir viel leichter und häufiger einen Zusammenbruch als früher. Es kommt zu viel mehr Fällen von Autoimmunerkrankungen wie rheumatoider Arthritis, Hashimoto-Thyreoiditis und Multiple Sklerose, als unser Gesundheitssystem bewältigen kann. Wir entwickeln alle Arten von Krebs und Herzerkrankungen, die Zahlen der diagnostizierten Krankheiten wie Adipositas (krankhafte Fettleibigkeit) und Diabetes sind alarmierend hoch, und insgesamt war unsere Verdauung noch nie in einem schlechteren Zustand. Bekommt der Körper die Gelegenheit, sich zu erholen, kann er sich wehren und die Aufgaben erfüllen, für die seine Zellen vorgesehen sind, wodurch wir die Möglichkeit erhalten, viele dieser Leiden zu überwinden. Das Problem ist, dass viele von uns dem Körper diese Gelegenheit nicht geben.
Wir setzen uns selbst unter Stress, indem wir stark verarbeitete Nahrungsmittel zu uns nehmen (die uns von einer mehr auf hohe Erträge und Zweckmäßigkeit als auf den Nährwert ausgerichteten Landwirtschaft beschert wurden), während wir mehr Zeit im Haus, abseits der Natur verbringen, uns um unsere Angehörigen sorgen und dabei vergessen, uns um uns selbst zu kümmern. Gleichzeitig erwarten wir von Ärzten und Therapeuten, dass sie mit dem aufreibenden Tempo der Veränderungen in unserem Leben Schritt halten.
Für diese Probleme gibt es eine Lösung: Übernehmen Sie die Verantwortung für Ihre eigene Gesundheit wieder selbst.
Anstatt sich in dieser Hinsicht nur auf Ihre Ärzte zu verlassen, übernehmen Sie selbst die Kontrolle und lassen sich von ihnen Ihre eigenen Überlegungen bestätigen. Forschen Sie selbst nach, lernen Sie, mit Ihren Stressfaktoren umzugehen, und finden Sie heraus, welche Auslöser bei Ihnen zu einem Stresszustand führen. Ihr Hausarzt ist eine Wissensquelle, die Sie nutzen können und sollten, doch wenn Sie einem System die alleinige Verantwortung übertragen, dessen Möglichkeiten immer geringer werden und das Hunderte und Tausende von Patienten betreuen muss, dann ist Ihre eigene Gesundheit unweigerlich zum Scheitern verurteilt.
Mithilfe dieses Buchs erlangen Sie die Fähigkeit, die Verantwortung für Ihre Gesundheit wieder selbst zu übernehmen. Sie lernen die übersehenen grundlegenden Ursachen vieler Krankheitszustände kennen, die schulmedizinisch leider noch nicht als die wahren Gründe einer schlechten Gesundheit anerkannt werden. Tatsächlich gibt es jedoch in der funktionellen Medizin bereits Laboruntersuchungen, die diese Schwachpunkte aufdecken können. Ich gebe Ihnen tägliche, wöchentliche und monatliche Instrumentarien zur Funktionsverbesserung Ihres Vagusnervs und des parasympathischen Nervensystems an die Hand, damit Sie sich von Ihren alltäglichen Stressfaktoren besser erholen können.
Der Aufbau dieses Buches
Dieses Buch ist in drei Teile gegliedert:
Teil 1 konzentriert sich auf die wissenschaftlichen Grundlagen, insbesondere auf die Anatomie, die Neuroanatomie, die Biochemie und die spezifischen Funktionen des Vagusnervs und der Systeme, die er steuert. Wenn Sie eher der praktische Typ sind, können sie diesen Abschnitt einfach nur überfliegen. Dennoch ist er wichtig und Sie sollten ihn lesen, wenn Sie ein vertieftes Verständnis für die Besonderheiten des Vagusnervs und seiner Aufgaben gewinnen möchten.
Teil 2 befasst sich mit der Funktionsstörung des Vagus – den Anzeichen, Symptomen und zugrunde liegenden Ursachen – sowie damit, wie Sie seine Funktion mit einem Instrumentarium bestimmen, das Sie täglich nutzen können. Dies ist ein wichtiges Kapitel für all jene, die unter verschiedenen gesundheitlichen Problemen leiden und gerne ein wenig tiefer schürfen und herausfinden möchten, warum diese Probleme hauptsächlich auftreten können.
Teil 3 ist der Verbesserung und Optimierung der Vagusfunktion gewidmet. Ich erläutere bestimmte Strategien und Programme, die meine Kollegen und Patienten nutzen, wenn sie an der Funktionsverbesserung dieses Nervs arbeiten, um wieder gesund zu werden und um die ihren gesundheitlichen Problemen zugrunde liegenden Ursachen zu überwinden.
Wenn Sie bereit sind, die Verantwortung für Ihre Gesundheit wieder in Ihre eigenen Hände zu nehmen, dann schnallen Sie sich gut an. Wir starten unverzüglich!
TEIL 1
KAPITEL 1
WAS IST DER VAGUSNERV?
Wenn das Gehirn des Menschen so einfach wäre,
dass wir es verstehen könnten, dann wären wir so
dumm, dass wir es doch nicht verstehen würden.
Emerson W. Pugh
Die Anatomen waren überfragt. Wie konnte ein einzelner Nerv, der vom Hirnstamm ausgeht, so lang sein und so viele verschiedene Organe miteinander verbinden? Welche Wirkungen könnte dieser Nerv möglicherweise haben? Was würde bei einer so breiten Palette potenzieller Funktionen passieren, wenn er verletzt oder durchtrennt würde?
Welche Aufgaben hat der Vagusnerv?
Der Vagusnerv (VN) hat seinen Ursprung im Stammhirn – im Wesentlichen in der Region des Gehirns, die die überwiegende Mehrheit der automatisch ablaufenden Funktionen des Körpers wahrnimmt, verarbeitet und steuert. Im Großen und Ganzen müssen wir uns diese Funktionen nicht bewusst machen, damit sie ablaufen können. Sie werden daher als autonom bezeichnet und werden von unserem autonomen Nervensystem gesteuert.
Woher hat der Vagus seinen Namen?
Der Begriff leitet sich vom lateinischen Wort vagari ab, das „umherschweifend“ und in begrenztem Umfang „unbestimmt, vage“ bedeutet. Da er sich bei der ersten Untersuchung als so weitläufig und unspezifisch erwies, wollten die Anatomen und Forscher eine beschreibende Bezeichnung, die genau das ausdrückte. Als sie bei dem Begriff Vagus landeten, gaben sie diesem Nerv daher den Namen „der Umherschweifende“.
Dies sind einige der vom autonomen Nervensystem gesteuerten Funktionen:
• Herzschlag
• Blinzeln der Augenlider
• Atemfrequenz und -tiefe
• Verengung und Erweiterung der Blutgefäße
• Entgiftung der Leber und der Nieren
• Verdauung
• Öffnen und Schließen der Schweißdrüsen
• Speichel- und Tränenbildung
• Pupillenerweiterung und -verengung
• Sexuelle Erregung
• Miktion (Blasenentleerung)
Im Hirnstamm befinden sich verschiedene Gruppen von Nervenzellkörpern, die Nuklei (Kerne) genannt werden. Hier nehmen Nervenzellen Informationen aus anderen Körperzellen auf. Diese Kerngebiete haben verschiedene Funktionen und werden mit Namen bezeichnet, die vom Lateinischen abgeleitet sind. Kerngebiete sind wie ein Router bei einer Internet-Netzwerk-Verbindung zu Hause. Manche Informationen gelangen über die Kabelverbindung oder die Telefonleitung in den Router, werden dort verarbeitet, und andere Informationen werden dann über den Router an Ihren Computer, den Fernseher oder jedes andere elektronische Gerät gesendet, das mit Ihrem Netzwerk verbunden ist.
Es gibt zwei Hauptarten von Neuronen (Nervenzellen) und sie senden Informationen in eine von zwei Richtungen. Die eine Art sind afferente Neuronen, die Informationen darüber erhalten, was in und um den Körper herum geschieht. Afferente Neuronen leiten Information aus dem Körper zum Gehirn, das sind die sogenannten afferenten Informationen. Die andere Art sind die sogenannten efferenten Neuronen, die Informationen mit regulatorischer oder motorischer Wirkung (sogenannte efferente Informationen) an verschiedene Organe und Strukturen im Körper leiten; efferente Informationen werden also vom Gehirn an den Körper übermittelt.
Der Vagusnerv ist mit vier verschiedenen Kerngebieten im Stammhirn verbunden. Ganze 80 Prozent der von ihm übertragenen Informationen sind afferent, das heißt, die häufigste Richtung, in der Informationen im Vagus fließen, ist die von den Organen des Körpers zum Gehirn. Die restlichen 20 Prozent der Neuronen im Vagusnerv leiten ein efferentes Signal aus dem Gehirn in den Körper und führen zu spezifischen Funktionen, die in jeder Zelle und jedem Organ stattfinden. Es ist eine interessante Erfahrung, dass die meisten Medizin studenten von der Tatsache überrascht sind, dass nur 20 Prozent der Vagus funktion efferent sind, da er so viele efferente Auswirkungen auf die Organe hat – stellen Sie sich nur die Mengen an Informationen vor, die dieser Nerv an das Gehirn zurückmeldet, mehr als viermal so viele wie er vom Gehirn aus weiterleitet.
Wie die Drähte Ihrer Netzwerkverbindung zu Hause, so schicken die Bündel von Neuronen in Ihren Nerven mittels elektrischer Signale Informationen entlang ihrer Bahnen, die, am Ziel angekommen, ein chemisches Signal, einen sogenannten Neurotransmitter, freisetzen. Diese Neurotransmitter binden an den dafür bestimmten Rezeptoren der Zielzellen und führen eine Wirkung in den Zellen am Ende der Verbindung herbei. Der Neurotransmitter, den der Vagusnerv hauptsächlich nutzt, ist Acetylcholin (kurz: ACh), das eine erhebliche entzündungshemmende Wirkung im Körper hat.
Die Handhabung des Entzündungssystems ist eine der wichtigsten Aufgaben des Vagusnervs, der das maßgebliche Entzündungskontrollsystem im Körper ist und weitreichende Auswirkungen auf Ihren individuellen Gesundheits- oder Krankheitszustand hat. Viele der gesundheitlichen Probleme meiner Patienten sind dem hohen Entzündungsniveau in bestimmten Organen und Systemen geschuldet, vom Verdauungstrakt über die Leber bis hin zum Gehirn.
Entzündungen sind eine wichtige Reaktion im Körper, um uns vor bakteriellen und viralen Eindringlingen, körperlichen Traumata und anderen Dingen zu schützen, die optimalerweise gar nicht in den Körper gelangen sollten. Wenn Entzündungen nicht in Schach gehalten werden und chronifizieren, kann es zu weitreichenden Auswirkungen und vielen verschiedenen Gesundheitsproblemen kommen. Einige davon, die mit hohen Entzündungswerten zusammenhängen, sind die auf der folgenden Seite genannten.
Die meisten davon betroffenen Organe werden vom Vagusnerv innerviert, sie haben also eine Verbindung zu ihm. Somit ist es nicht nur möglich, sondern äußerst wahrscheinlich, dass es durch einen suboptimal arbeitenden Vagus, der seine entzündungshemmende Wirkung auf diese Organe nicht ausübt, zu chronischen Entzündungen und Krankheiten kommt.
• Alzheimer
• Arthritis
• Asthma
• Bluthochdruck
• Colitis ulcerosa (und alle Krankheiten mit der Endung -itis, z. B. Colitis, die Dickdarmentzündung)
• Diabetes
• Erhöhter Cholesterinspiegel
• Herz-Kreislauf-Erkrankungen
• Krebs
• Morbus Crohn
• Posturales orthostatisches Tachykardiesyndrom (POTS, eine Störung des autonomen Nervensystems, bei der der Wechsel vom Liegen zum Stehen eine Tachykardie, eine anormal starke Erhöhung der Herzfrequenz, verursacht; Anm. d. Übers.)
Es muss darauf hingewiesen werden, dass diese Erkrankungen nicht isoliert auftreten und daher die Wahrscheinlichkeit einer weiteren besteht, wenn bereits eine Krankheit vorliegt. Über den Vagusnerv gelangen dieselben Signale zu fast jedem inneren Organ und gehen wieder von ihm aus; wenn also das Entzündungsniveau in einem dieser Organe nicht unter Kontrolle gehalten wird, tritt es wahrscheinlich auch in anderen Bereichen auf.
KAPITEL 2
WO LIEGT DER VAGUS?
Der Vagus ist der längste Nerv im Körper. Wo er beginnt, wie er verläuft und seine Zielorgane erreicht, zu denen er Informationen aus dem Gehirn und von denen aus er Informationen zum Gehirn schickt, möchte ich im Folgenden erklären, ohne dabei zu fachspezifisch zu werden.
Verbindungen vom Hirnstamm aus …
Die Neuronen, also die Nervenzellen, aus denen der Vagusnerv besteht, beginnen im Hirnstamm und stammen aus vier verschiedenen Kerngebieten (Nuclei, Singular: Nucleus). Diese bestehen aus dem dorsalen motorischen Kern, aus dem Nucleus solitarius, aus dem Spinalen Trigeminuskern und aus dem Nucleus ambiguus. (Es gibt leider nicht für jeden dieser Fachbegriffe eine deutsche Entsprechung; Anm. d. Übers.) Jeder dieser Kerne ist für bestimmte Anteile der Nervenfasern zuständig.
Sensorische Neuronen leiten Signale von der Haut, die der Vagus innerviert, zum spinalen Trigeminuskern. Dazu gehört ein bestimmter Hautabschnitt am Ohr, der wichtig ist, wenn es um die Aktivierung des Vagus mittels Akupunktur geht; darauf gehe ich später noch ein. Die Signale aus den inneren Organen werden über den Vagus zum Nucleus solitarius und ins Gehirn zur weiteren Verarbeitung geleitet. Zu diesen Signalen gehören jene aus dem Magen, dem Darmtrakt, der Lunge, dem Herzen, der Leber, der Gallenblase, der Bauchspeicheldrüse und der Milz. Wir können auch direkte Signale über den Vagus an diese Organe leiten, und zwar durch parasympathische Fasern, die aus dem hinteren motorischen Kern stammen. Diese Signale beruhigen und regulieren die Herz- und Lungenfunktion und erhöhen die Aktivität des Darms und des Verdauungstrakts, der Leber, der Bauchspeicheldrüse, der Gallenblase und der Milz.

Der letzte Kern, der mit Fasern am Vagus beteiligt ist, ist der sogenannte Nucleus ambiguus. Seine Neuronen haben eine motorische Funktion und steuern insbesondere die meisten der Halsmuskeln und der Muskeln des oberen Teils der Luftröhre. Diese Muskeln sorgen dafür, dass die Luftröhre offenbleibt und ermöglichen die Tonbildung mithilfe der Stimmbänder, die für unsere Stimme verantwortlich sind.
Der rechte und der linke Vagus sind die einzigen Nerven im Körper mit vier unterschiedlichen Funktionen und vier verschiedenen Kernen, die gezielt Fasern beisteuern. Die meisten anderen Nerven im Körper übertragen einfache sensorische Informationen von der Haut und motorische Signale für die Bewegung von Muskeln. Dieser einfache Unterschied sollte uns bewusst machen, wie wichtig der Vagusnerv tatsächlich ist und welche umfassenden Funktionen er hat.
Folgen wir nun den Nervenbahnen vom Hirnstamm hinunter zum Hals, in den Thorax (Brustkorb) und das Abdomen (den Bauchbereich).
… zum Hals
Von dem als Medulla oblongata bekannten Gebiet des Hirnstamms aus, man spricht hier auch vom verlängerten Rückenmark, erstrecken sich Fasern des linken und rechten Vagus in die Schädelhöhle (das Schädelinnere) und laufen zusammen, um die Struktur zu bilden, die wir als Vagusnerv bezeichnen. Der Nerv tritt dann durch eine Öffnung an der Schädelbasis, das sogenannte Foramen jugulare („Drosselloch“) aus dem Schädel aus. Diese Öffnung bietet Raum für den Durchtritt des Nervs sowie von Blutgefäßen zwischen Hals und Schädel. Sobald der Vagus den Schädel verlässt, tritt er gleich hinter dem Ohr, zwischen der Vena jugularis interna, der inneren Halsvene, auch Drosselvene genannt, und der Arteria carotis interna, der inneren Halsschlagader, in den oberen Bereich des Halses ein. Über diese Gefäße wird dem Gehirn direkt Blut zugeführt und aus ihm abtransportiert; sie sind äußerst wichtig, um uns am Leben zu halten.
Die enge Nachbarschaft zu diesen speziellen Blutgefäßen ist ein Hinweis auf die Bedeutung des Vagus, da eine physische Schädigung einer dieser drei Strukturen irreparable Schäden verursachen kann. Sind die Blutgefäße betroffen, kann dies unmittelbar zum Tod führen; sind die Nerven betroffen, kann dies einen totalen Funktionsausfall in vielen Organen nach sich ziehen.
Direkt nach dem Durchtritt des Vagus durch das Foramen jugulare befindet sich eine Nervenverdickung, das sogenannte Ganglion superius oder jugulare, der obere Nervenknoten. Er wird durch eine Ansammlung von sensorischen Nervenzellkörpern gebildet, die sehr nahe beisammen liegen und aus denen ein dünnerer Nervenabschnitt hervorgeht, der den ersten Ast des Vagus bildet.
Der erste Vagus-Ast ist der aurikuläre, das Ohr betreffende Ast. Er verläuft durch ein feines, im Warzenfortsatz des Schläfenbeins gelegenes Knochenkanälchen wieder in den Schädel zurück und durch eine andere Öffnung, einen kleinen Spalt zwischen dem Paukenteil und dem Warzenfortsatz des Schläfenbeins, die sogenannte Fissura tympanomastoidea, beidseitig zum Ohr, wo er zur Haut zieht. Dort ist er verantwortlich für die Wahrnehmung von Berührung, Temperatur sowie Feuchtigkeit auf der Haut des Ohres, speziell am äußeren Gehörgang, am Tragus (dem Knorpelanteil der Ohrmuschel, der eine Erhebung vor dem Eingang des äußeren Gehörgangs bildet) und an der Ohrmuschel. Der aurikuläre Ast wird hauptsächlich behandelt, wenn man den Vagus bei einer Funktionsstörung mit Akupunktur (an den Akupunkturpunkten im Ohr) gezielt aktivieren will; darüber wird in späteren Kapiteln noch die Rede sein.
Zieht der Vagus vom oberen Nervenknoten nach unten, verdickt er sich nochmals und bildet den unteren Nervenknoten, das Ganglion inferius, das auch Ganglion nodosum (für lat. „knotig“) genannt wird. Dieses Ganglion beherbergt die Zellkörper der Neuronen, die an der Übermittlung von Informationen aus den inneren Organen beteiligt sind.
Dann wird der Nerv wieder dünner und tritt sofort in eine durch eine bindegewebige Verdickung gebildete Hülle (die man als „Gefäß-Nerven-Strang des Halses“ zusammenfassen kann; Anm. d. Übers.) ein. Zusammen mit der inneren Halsschlagader und der inneren Halsvene wird der Vagus auf seinem Weg zum Hals zusätzlich durch weiches Gewebe geschützt.
Innerhalb dieser Bindegewebshülle bildet der Vagus einen weiteren Ast, den Rachennerv. Dieser besitzt Neuronen aus dem Vagus, führt aber auch einige Neuronen des IX. und XI. Hirnnerv (N. glossopharyngeus für Zungen-Rachennerv und N. accessorius für den sogenannten zusätzlichen Nerv).* Sobald diese Neuronen aufeinandertreffen, ziehen sie durch die Körpermitte zum oberen Teil des Halses, dem Rachen (Pharynx). Dort überträgt der Vagus motorische Signale an zahlreiche Muskeln, die am Schluckreflex beteiligt sind, sorgt für das Öffnen und Schließen des oberen Teils der Luftröhre und erhält den Würgereflex aufrecht.
Beim Absteigen des Vagusnervs im Gefäß-Nerven-Strang an den Seiten des Halses entspringt ein dritter Ast des Nervs, der obere Kehlkopfnerv, und zwar ziemlich direkt nach dem Rachennerv; er sendet motorische Signale zu den Kehlkopfmuskeln oberhalb der Stimmbänder, insbesondere zu den Muskeln, die die Stimmlage steuern.
In weiteren Verlauf des Vagus nach unten entspringen die zervikalen, die im Halsbereich befindlichen Herzäste, das sind zwei der drei Äste, die das Herz innervieren. Der dritte Ast, der thorakale, im Brustraum befindliche Herzast bildet sich kurz nach dem Verlassen des Gefäß-Nerven-Strangs im Bereich des Thorax, des Brustraums. Diese Äste vermischen sich mit den Nerven des sympathischen Nervensystems und bilden den sogenannten Plexus cardiacus, das „Herzgeflecht“ (ein Plexus, Plural Plexi, ist eine Verflechtung von Nervenfasern verschiedener Äste und verschiedenen Ursprungs, die zu einer bestimmten Stelle ziehen). Wir haben zwei kardiale Plexi, einen vor der Aorta, der Hauptschlagader, das sogenannte oberflächliche „Herzgeflecht“, und einen hinter dem Aortenbogen, das tiefe „Herzgeflecht.“ (Die Aorta ist die Hauptschlagader, das Blutgefäß, durch das Blut vom Herzen aus in den übrigen Körper transportiert wird.)
Manche Fasern der „Herzgeflechte“ ziehen zum sinoatrialen, dem SA- oder Sinus-Knoten des Herzens, seinem primären Taktgeber, während andere zum atrioventrikulären, dem AV-Knoten ziehen, der zum Erregungsleitsystem des Herzens gehört. Die Funktion dieser Nerven in Bezug auf das Herz wird im nächsten Kapitel besprochen. Vorläufig ist es nur wichtig, sich zu merken, dass diese Fasern die Geschwindigkeit der elektrischen Aktivität steuern, von der die Pumpfunktion des Herzens angetrieben wird.
… zum Brustraum
Nach dem Austritt am Ende des Gefäß-Nerven-Strangs zieht der Nerv hinter der ersten und zweiten Rippe und vor den größeren Blutgefäßen, die vom Herzen ausgehen, hinunter in den Thorax, den Brustraum.
Der linke Vagusnerv verläuft vor dem Aortenbogen und gibt dann seinen vierten Ast ab – den linken sogenannten „rückläufigen Kehlkopfnerv“ (Nervus laryngeus recurrens). Auf der anderen Körperseite nimmt der rechte Vagusnerv einen ähnlichen Weg; er verläuft jedoch vor der rechten Schlüsselbeinarterie (Arteria subclavia) und gibt dann seinen vierten Ast ab, den rechten rückläufigen Kehlkopfnerv.
Beide rückläufigen Kehlkopfnerven nehmen den gleichen Weg, nur auf der jeweils anderen Körperseite. Diese beiden sind die einzigen Äste des Vagus, die wieder zurück zum Hals laufen (daher der Name; Anm. d. Übers.). Sie transportieren motorische Signale aus dem Hirnstamm zu jedem Kehlkopfmuskel unterhalb der Stimmbänder, die für die – auf deren Anspannung und Entspannung beruhende – Stimmbildung wichtig sind. Es wird noch ausführlich davon die Rede sein, wie wir diese speziellen Äste nutzen können, um eine suboptimale Funktion des Vagus zu verbessern.
Sind die beiden Vagusnerven auf Höhe der Hauptschlagader (Aorta) angekommen, sendet jeder von ihnen Äste zum nächsten paarigen Organ, der Lunge. Der linke Vagus schickt einen Lungenast zum vorderen Lungenplexus und der rechte Vagus schickt einen Lungenast zum hinteren Lungenplexus. Diese Nervenäste vermischen sich mit sympathischen Neuronen, organisieren sich neu und ziehen dann zu jeder Seite, um die Lunge zu innervieren, das heißt zu den Bronchien und den größeren Lungenästen, um sie je nach Bedarf des Körpers und der Situation zu öffnen und zu schließen.
Ein Organ des Brustraums, das vom Vagus innerviert und besonders oft übersehen oder vergessen wird, ist die Thymusdrüse. Der Thymus ist ein äußerst wichtiges Organ des Immunsystems. Er liegt im Mediastinum, dem Mittelfellraum der Brusthöhle, vor dem Herzen, aber hinter dem Brustbein. Ein Vagusast zieht zu diesem Organ und sendet Signale zum und vom Thymus. Der Thymus wird schon früh in unserer Entwicklung angelegt und ist der wesentliche Ort für das „Training“ und das Wachstum unserer weißen Blutkörperchen, der Leukozyten. Dass dieses Organ so leicht vergessen wird, liegt daran, dass es mit der Zeit schrumpft und durch Fettgewebe ersetzt wird. Dieser Prozess beginnt während der Pubertät und kann jahrelang bis in das frühe Erwachsenenalter hinein andauern. Ich stelle mir den Thymus gerne als „Schule“ für neue Immunzellen vor – genauso wie die „Schule“ älter wird und verfällt, büßt auch das Training, das die weißen Blutkörperchen durchlaufen, an Qualität ein. In späteren Kapiteln wird von der Rolle des Thymus noch ausführlicher die Rede sein.
… zum Bauchraum
Der letzte Abschnitt, den der Vagus innerviert, sind die Organe des Abdomens, die Bauchorgane. Sie sind wichtig für die Verdauung, steuern das Immunsystem und gewährleisten, dass das Blut, das zu den anderen Zellen fließt, keine Toxine enthält, die die Zellgesundheit negativ beeinflussen können.

Der erste Vagus-Ast im Bauchraum zieht zum Magen. Wenn unser Körper im Zustand des Ruhens und Verdauens ist, stimuliert der Vagus die Funktion der Magenmuskulatur. So erhalten die sogenannten Parietalzellen des Magens Signale zur Bildung und Ausschüttung von Salzsäure (HCl), die Hauptzellen des Magens werden zur Bildung und Ausschüttung der Verdauungsenzyme Pepsin und Gastrin angeregt und die glatten Muskelzellen des Magens sorgen für die muskuläre Durchmischung und den Weitertransport der Nahrung in den nächsten Abschnitt des Verdauungstrakts, den Dünndarm.
Ist der Vagusnerv geschädigt und sendet diese wichtigen Signale nicht an die Zellen des Magens, kommt es zu Problemen wie einer Hypochlorhydrie (geringer Magensäurespiegel), die eine wichtige Ursache vieler gesundheitlicher Beschwerden ist. Ein ausreichend niedriger pH-Wert (hoher Säuregrad) ist für die Aktivierung der Verdauungsenzyme und zur Aufspaltung der Nahrung erforderlich. (Der pH-Wert wird in Zahlen von 1-14 ausgedrückt; 7 bedeutet neutral, alles <7 ist sauer – je niedriger, desto saurer –, alles >7 ist basisch – je höher, desto basischer; Anm. d. Übers.) Der optimale pH-Wert des Magens sollte bei etwa 3,0 liegen; alles über 5,0 ist nicht stark (sauer) genug, um Pepsin und Gastrin zu aktivieren. Bei einem niedrigen Magensäurespiegel kann die Nahrung also nicht optimal aufgespalten werden. Ein höherer pH-Wert im Magen kann unerwünschten Bakterien, Viren und Parasiten den Weg in den Darm ermöglichen, wo sie sich verheerend auf den Verdauungstrakt auswirken.
Der zweite Vagus-Ast im Bauchraum zieht zur Leber. Interessanterweise sind diese Äste – er verästelt sich noch weiter – eng mit dem Empfinden von Hunger und dem Wunsch nach bestimmten Arten von Nährstoffen verbunden. Die Nahrung, die wir zu uns nehmen, gelangt zuerst in den Magen, um dort aufgespalten zu werden. Anschließend wird sie in den Dünndarm transportiert, wo die meisten unserer Makronährstoffe (Fette, Kohlenhydrate und die Aminosäuren, die Bausteine der Proteine) in den Blutstrom aufgenommen werden. Sie fließen danach über die Pfortader in die Leber; dort werden sie gefiltert und verarbeitet und es werden Signale zurück zum Gehirn gesendet.
Von der Leber aus übermittelt der Vagus Informationen über das Gleichgewicht des Blutzuckerspiegels, die Fettzufuhr und die Gesamtfunktion der Leber an das Gehirn. Er kann auch Informationen über die Menge an Galle übermitteln, die zur Fettverdauung benötigt wird. Die Leber hat viele Aufgaben, für die Informationen vom Vagus benötigt werden; einige wenige von ihnen sollen hier beispielhaft genannt werden:
• die Bildung von Galle und Gallensalzen (der aktiven Komponente von Galle), die dann in der Gallenblase gespeichert werden,
• die Regulierung des Blutzuckers durch die Bildung von Glukose,
• die Steuerung von Hunger und Sättigung durch die Bestimmung der Fettzufuhr,
• die Filterung des Blutes aus der Pfortader, die Nährstoffe und Toxine aus dem Darm in die Leber zur Filterung bringt;
• die Phasen 1 und 2 des Entgiftungsprozesses fettlöslicher Hormone, Neurotransmitter und Toxine aus dem Körper.
Die Leber ist für unser gesamtes Wohlbefinden sehr wichtig, und die Innervation durch den Vagusnerv ist stark mit der Erhaltung dieses Gleichgewichts verbunden.
In enger Verbindung mit der Leber steht die Gallenblase. Sie ist wichtig für die optimale Funktion unseres Körpers – und wird oft vom Medizinsystem übersehen. Die Galle und die Gallensalze, die von der Leber gebildet werden, gehen in die Gallenblase und werden dort für die nächste Mahlzeit gespeichert. Wenn es so weit ist, wird Galle von der Gallenblase – vermittelt durch den Vagusnerv – in das Duodenum, den Zwölffingerdarm (so heißt der erste Darmabschnitt nach dem Magen) abgegeben, damit die Fette verdaut und in den Blutstrom aufgenommen werden können. Dazu dient die Verzweigung des Vagus von der Leber aus in die Gallenblase, die durch die Aktivierung der glatten Muskelzellen in ihrer Wand für die Abgabe der Galle in den Verdauungstrakt sorgt. Damit es dazu kommt, müssen die Geschmacksknospen (die sensorischen Rezeptoren auf der Zunge) feststellen, dass die aufgenommene Nahrung Fett enthält, das sofort nach seiner Ankunft im Dünndarm verdaut werden sollte.
Der nächste Ast des Vagus zieht zur Bauchspeicheldrüse (Pankreas). Sie ist eine der wichtigsten Drüsen im Körper und hat einen sogenannten exokrinen Anteil, sie kann also von ihr gebildete Substanzen an eine innere Oberfläche (in dem Fall in den Darm) abgeben, sowie einen endokrinen Anteil, um von ihr gebildete Substanzen direkt in die Blutbahn abzugeben. (Es gibt auch exokrine Drüsen, die ihre Substanzen an eine äußere Oberfläche wie die Haut abgeben, zum Beispiel die Schweißdrüsen. Im weiteren Sinne bedeutet endokrin „auf das Hormonsystem bezogen“; Anm. d. Übers.) Der endokrine Anteil der Bauchspeicheldrüse bildet Insulin und Glukagon und schüttet sie direkt in den Blutstrom aus, um den Glukosespiegel im Blut, den Blutzuckerspiegel, im Gleichgewicht zu halten. Der exokrine Anteil der Bauchspeicheldrüse bildet Verdauungsenzyme und gibt sie über einen Gang in den Dünndarm ab. Die drei bemerkenswertesten Verdauungsenzyme der Bauchspeicheldrüse sind die Protease, die Proteine in ihre Bestandteile, die Aminosäuren, aufspaltet; die Lipase, die die aus Triglyzeriden zusammengesetzten Fette in freie Fettsäuren und Cholesterin abbaut, sowie die Amylase, die Kohlenhydrate in einfachere Zucker zerlegt.
Über die nervale Versorgung durch den Vagus werden Signale von der Bauchspeicheldrüse zurück zum Hirnstamm geschickt, die Informationen über den exokrinen und endokrinen Status der Zellen übermitteln. Darüber kommen auch Information zur Nahrungsaufnahme und bezüglich der Art der Enzyme, die gebildet und in die Blutbahn sowie den Verdauungstrakt freigesetzt werden müssen, vom Hirnstamm zurück zu diesem Organ. Die nervale Versorgung durch den Vagus ist für die Übermittlung dieser Informationen unerlässlich; ein Mangel an Signalen ändert die Freisetzung von Verdauungsenzymen und setzt die Wirksamkeit des Verdauungsprozesses herab.
Sobald der Vagus den Magenbereich verlassen hat, bildet er den Solarplexus, das Sonnengeflecht, ein Netzwerk, das die sympathischen Nerven im Lebenwirbelbereich und die parasympathischen Fasern des Vagus miteinander bilden. Von diesem Netzwerk aus ziehen Äste zu den restlichen Organen des Bauchraums.
Das erste Organ, das nach dem Solarplexus innerviert wird, ist die Milz. Sie befindet sich auf der linken Körperseite unter dem linken Lungenflügel, gegenüber der Leber. Ihre Aufgabe besteht in der Überwachung des Blutstroms und der Aktivierung oder Deaktivierung des Immunsystems je nach Immunlage. Sehr früh in unserem Leben kümmern sich Milz und Thymus gemeinsam um die Funktion der Immunzellen, doch später, wenn der Thymus verschwunden ist, liegt diese Aufgabe alleine bei der Milz.
Sie erhält Botschaften aus den Sympathikus-Ästen zur Aktivierung der Entzündungswege, die als Reaktion auf körperliche oder biochemische Traumata oder Schäden anspringen. Über die parasympathischen Äste laufen Signale, die die Entzündungsprozesse stoppen. Der Vagusnerv regelt ein System, den sogenannten antiinflammatorischen Signalweg, der wichtige Auswirkungen auf die Milz hat. Davon wird in späteren, mit Entzündungen zusammenhängenden Abschnitten noch die Rede sein.
Der nächste Vagus-Ast nach dem Solarplexus zieht zum Dünndarm. Wurde die Nahrung chemisch und mithilfe der muskulären Durchmischung im Magen aufgespalten, gelangt sie in den Dünndarm. Dort geht der Verdauungsprozess durch die Verdauungsenzyme der Bauchspeicheldrüse und die Galle weiter. Die Aufgabe des Dünndarms besteht darin, die meisten der Makronährstoffe aufzuspalten und zu resorbieren; das sind Fette, Kohlenhydrate und Proteine (die idealerweise zu ihren Bausteinen, den Aminosäuren, abgebaut werden). Ins Blut werden jene Makronährstoffe aufgenommen, die von der Dünndarmschleimhaut akzeptiert werden, die die Dünndarmschleimhaut also passieren dürfen.
Jeder Bissen, den wir zu uns nehmen (und der an diesem Punkt des Verdauungsprozesses als Chymus bezeichnet wird), muss durch die Windungen des gesamten Dünndarms geschoben werden. Dazu aktiviert der Vagus die glatten Muskelzellen des Verdauungstrakts, indem er entsprechende Signale sendet an das umfangreiche Netzwerk der Nerven in der Darmschleimhaut, das sogenannte enterische Nervensystem.
Der Dünndarm hat eine Länge von etwa 6,7 Metern und ist damit deutlich länger als der Dickdarm, der nächste Abschnitt des Verdauungstrakts.
Zwischen uns und den anderen Zellen, die in unserem Verdauungstrakt beheimatet sind, besteht eine enorm wichtige Beziehung. Ich spreche von der symbiotischen Beziehung zwischen unseren Zellen und den Bakterien, die in unserem Darm leben, unserem Mikrobiom. Die überwiegende Mehrheit unserer bakteriellen „Verbündeten“ befindet sich im Dickdarm – dem kürzeren Abschnitt des Verdauungstrakts, der (im Vergleich zum Dünndarm) einen größeren Durchmesser hat. Diese Bakterien bilden zwar viele wichtige Vitamine, Mineralstoffe und biochemische Vorläuferstoffe für uns, doch sie können auch viele Toxine und Gase bilden. Wir brauchen ein System, das diese Bakterien in Schach halten und Signale in Bezug auf den Zustand des Verdauungstrakts und der Funktion des Mikrobioms an das Gehirn übermitteln kann. Der Vagus aktiviert nicht nur die glatten Muskelzellen, damit sie den Chymus weitertransportieren (man nennt das Peristaltik), er vermittelt auch die Kommunikation zwischen dem Mikrobiom und dem Gehirn. Der Vagus innerviert etwa die erste Hälfte des Dickdarms – den aufsteigenden und den quer verlaufenden Abschnitt.
Das letzte Organ, das der Vagus innerviert, ist paarig angelegt und befindet sich links und rechts im Körper: die Nieren. Sie haben unterschiedliche Aufgaben, die für unsere Gesundheit maßgeblich sind. Die Nieren filtern Flüssigkeit aus dem Körper und scheiden sie als Urin aus, der eine Kombination aus Harnsäure und Wasser ist und in die Blase geleitet wird. Eine der Bestimmungsgrößen dieser Kontrolle ist der Blutdruck, der im nächsten Kapitel näher besprochen wird. Der Vagus steuert die Nierenfunktion maßgeblich und spielt daher eine wichtige Rolle für den Blutdruck.
Am Ende seines Verlaufs hört der Vagus jedoch nicht einfach auf. Er bildet vielmehr mit den parasympathischen Nerven, die vom unteren Ende des Rückenmarks kommen, einen letzten Plexus. Diese parasympathischen Fasern innervieren die zweite Hälfte des Dickdarms, den absteigenden Abschnitt und das sogenannte Sigmoid, den s-förmig verlaufenden Darmabschnitt, sowie die Blase und die Sexualorgane.
KAPITEL 3
DIE AUFGABEN DES VAGUSNERVS
Ein optimal funktionierender Vagusnerv (VN) ist von absolut herausragender Bedeutung, um die Gesundheit zu optimieren und das Fortschreiten von Krankheiten aufzuhalten. Hierfür gibt es viele gute Gründe, einige von ihnen werden wir in diesem Kapitel besprechen.
Ein Körper, der seine Aufgaben perfekt erfüllt, ist mit einem Symphonieorchester vergleichbar. Bei einer Symphonie haben die verschiedenen Instrumente ihren Teil der Partitur zu spielen, und die optimale Harmonie kann nur im ordnungsgemäßen Zusammenspiel aller Instrumente entstehen. Es ist Aufgabe des Dirigenten, dafür zu sorgen, dass keines verstimmt ist oder aus dem Takt gerät, denn ein einziger Fehler könnte die Aufführung zu einem Desaster machen. Das gilt auch, wenn ein Dirigent seinen Teil der Verpflichtung nicht einhält.
Überträgt man dieses Bild auf den Menschen, so ist der Vagusnerv der „Dirigent“ des „Symphonieorchesters“ Körper. Er steuert die Funktion so vieler verschiedener Organe und Zellen, doch das klappt nur dann, wenn er seine Aufgaben auch optimal erfüllt. Er muss in der Lage sein, den Zustand aller Organe und Zellen sensorisch wahrzunehmen und die richtigen Signale an sie zu senden. Ist die Signalübertragung gestört, herrscht keine Harmonie mehr im Körper und es kommt schließlich zu Funktionsstörungen und zu Krankheit.
Lassen Sie uns die verschiedenen Aufgaben einmal aufschlüsseln, die vom „Dirigenten“ – dem Vagusnerv – des „Körper-Orchesters“ erfüllt werden.
Sensorische Wahrnehmung der Haut des Ohres
Wie im letzten Kapitel besprochen, ist der erste Ast des Vagus der aurikuläre, also jener, der zum Ohr zieht und speziell an der sensorischen Innervierung der Haut von Ohrmuschel, Tragus (dem Knorpelanteil der Ohrmuschel, der eine Erhebung vor dem Eingang des äußeren Gehörgangs bildet) und äußerem Gehörgang beteiligt ist.

Die Funktion dieses Astes ist rein sensorisch und ermöglicht uns die Wahrnehmung von Druck, Berührung, Temperatur und Feuchtigkeit im zentralen Bereich beider Ohren. Das ist klinisch relevant und ziemlich wichtig, denn dies ist einer der Hauptbereiche, über die der Vagus mit Techniken wie Akupunktur stimuliert werden kann.
Damit Sie schlucken können, was Sie essen
Wenn Sie eine Mahlzeit zu sich nehmen, ist das Letzte, woran Sie denken, der Vorgang des Schluckens und dass dabei der Atemreflex kurz aussetzen muss, damit Sie nicht ersticken. Diese wichtige Aufgabe übernimmt der Vagusnerv.
Der zweite Vagus-Ast (der pharyngeale oder Rachen-Ast) steuert die Aktivierung der fünf Muskeln des Rachens: Die drei sogenannten Konstriktoren oder „Schlundschnürer“ (oberer, mittlerer und unterer) im hinteren Teil des Rachens und die zwei anderen Muskeln, die den Rachen mit dem weichen Gaumen (dem weichen Gewebe am hinteren Teil des Gaumens) verbinden. Diese Muskeln sind an der Phase des Schluckakts beteiligt, die sich im Rachen abspielt. Dazu gehört, dass der Speisebrei in Richtung Kehlkopf und Speiseröhre befördert wird, aber nicht in die Luftröhre, damit er nicht in die Atemwege gelangt. Dieser Ast des Vagusnervs ist also auch für die aktive motorische Komponente des Würgereflexes zuständig.
Klinisch ist das von Bedeutung, da eine mangelhafte Funktion des Vagus einen Hustenreiz auslöst und die Funktion des Würgereflexes verändert. Wir können den Vagus mithilfe aktiver Übungen kräftigen, in die dieser Reflex einbezogen wird.
Die Steuerung von Luftwegen und Stimmbändern
Sind Sie sich bei jedem Ihrer Atemzüge des Aufwands bewusst, mit dem Ihre oberen Luftwege offengehalten werden müssen? Die an diesem Prozess beteiligten Muskeln tragen außerdem zur Bildung Ihrer Stimme bei. Falls Sie sich je gefragt haben, welcher Nerv dafür sorgt, dass verbale Kommunikation mit Ihrer Umgebung möglich ist – es ist der Vagus!
Der dritte und vierte Ast des Vagusnervs ist der obere beziehungsweise der rückläufige Kehlkopfnerv. Der obere Ast ist für die Muskeln oberhalb der Stimmbänder, der rückläufige für diejenigen unterhalb zuständig.
Der obere Kehlkopf-Ast bringt motorische Informationen zu einigen Kehlkopfmuskeln und steuert die Stimmlage. Sie ändert sich, wenn dieser Ast nicht optimal funktioniert. Eine chronisch heisere oder leicht ermüdbare, monotone Stimme ist ein Zeichen für einen mangelnden Vagotonus (der Fähigkeit zur Signalübertragung) in diesem Nervenast. Eine Reizung dieses Nervs kann auch zu starkem Husten und einer Aspirationsgefahr führen, einer unabsichtlichen Einatmung von Fremdkörpern (also von Nahrungspartikeln oder Flüssigkeiten, die aufgrund der gestörten Funktion der Stimmbänder in die Luftröhre gelangen).
Der rückläufige Kehlkopf-Ast transportiert motorische Informationen zu den Muskeln unterhalb der Stimmbänder, die die Lautbildung durch das Öffnen, Schließen und Anspannen ihrer Strukturen ermöglichen. Er hat auch eine sensorische Komponente, die Informationen von Speiseröhre, Luftröhre und innerer Schleimhaut dieser Strukturen überträgt. Eine Funktionsstörung dieser Nerven führt zu Heiserkeit, Stimmverlust und Atembeschwerden bei körperlicher Aktivität.
Diese Kehlkopfmuskeln steuern das Öffnen und Schließen sowie die Funktion der Atemwege. Jede Schwierigkeit beim Atmen oder Sprechen kann daher einer verminderten Funktion des Vagus sowie des Muskeltonus zugeschrieben werden. Atmung und Muskeltonus sind für die Funktion des Vagus von maßgeblicher Bedeutung. Chronische Obstruktionen, also Behinderungen jeder Art, in diesem Bereich stören die Funktion der Muskeln und das Feedback in Form von Signalen, was sich negativ auf die Funktion des Vagus auswirkt.
Die Steuerung der Atmung
Wie ist es mit der Atmung? Nun, der Vagus spielt auch bei der Steuerung dieser wichtigen Aufgabe eine Rolle. Sein Lungen-Ast zieht zum Lungen-Plexus, verbindet sich mit dem sympathischen Nervensystem und innerviert die Luftröhre und die Bronchien beider Lungenflügel. Der Vagusanteil ist sensorisch, überträgt also Informationen über den Ausdehnungsgrad sowie über den Sauerstoff- und Kohlendioxidgehalt der Lunge an das Gehirn.
In der Lunge führt die Aktivierung des Vagus zu einer Verringerung der Atemfrequenz und einer vertieften Atmung. So neigen wir während der Phase des Ruhens und Verdauens (wenn der Vagus also aktiv ist) eher zu einer tieferen Atmung über das Zwerchfell als über die Atemhilfsmuskulatur, und die Frequenz ist tendenziell niedriger. Wenn ein Mensch aus dem sogenannten Kampf-oder-Flucht-Modus in eine Phase des Ruhens und Verdauens übergeht, aktiviert eine langsame, tiefe Atemfrequenz den Vagus und leitet die Entspannungsreaktion ein.
Der Vagotonus, der Erregungszustand des parasympathischen Nervensystems, ist notwendig für die Öffnung des Atemweges in Rachen, Kehlkopf und Luftröhre. Die Muskeln von Rachen und Kehlkopf werden von den entsprechenden motorischen Anteilen des Vagusnervs innerviert. Eine suboptimale Aktivität dieser Neuronen kann zu einer Obstruktion (Behinderung) der Luftwege in diesem Abschnitt kommen, wie bei der chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung (COPD, von engl. chronic obstructive pulmonary disease) und der obstruktiven Schlaf-Apnoe (Atemaussetzern im Schlaf). In beiden Fällen handelt es sich um ein Zeichen eines geringen Vagotonus, der Vagus muss also aktiviert werden. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass auch eine Obstruktion der Luftwege eine potenziell grundlegende Ursache der Funktionsstörung des Vagus sein kann – davon wird in späteren Kapiteln noch sehr ausführlich die Rede sein.
Die Steuerung der Herzfrequenz
Mit dem Herzschlag wird nährstoff- und sauerstoffreiches Blut in jede unserer Zellen gepumpt und es werden Giftstoffe zu den Organen transportiert, die in der Lage sind, sie zu entsorgen. Eine wichtige Rolle des Vagus besteht darin sicherzustellen, dass die Herzfrequenz in einem angenehmen Bereich bleibt, wenn der Körper nicht unter Stress steht. Ohne den Vagusnerv wäre unsere Herzfrequenz weit von einem optimalen Wert entfernt.
Der Vagus ist direkt mit dem im letzten Kapitel erwähnten sinoatrialen oder Sinus-Knoten verbunden, der elektrische Signale zu den beiden Vorhöfen (den dünnwandigen Räumen über den Herzkammern) überträgt. Er ist auch direkt mit dem ebenfalls erwähnten atrioventrikulären oder AV-Knoten verbunden, der die Pumpgeschwindigkeit und den Kontraktionsdruck steuert, also den Druck, mit dem sich die Ventrikel (die beiden dickwandigen Herzkammern) zusammenziehen.
In Zeiten von Kampf oder Flucht – modern ausgedrückt: in Zeiten von Stress und/oder Angst – aktiviert das sympathische Nervensystem die Herzfrequenz und den Kontraktionsdruck in den beiden Ventrikeln, den Herzkammern, damit mehr Blut durch den Körper gepumpt wird. Ist der Stress vorbei, setzt die sogenannte Phase des Ruhens und Verdauens ein und im Körper wird der Vagus aktiviert. Die parasympathischen Fasern des Vagusnervs verlangsamen die Herzfrequenz und senken aktiv den Kontraktionsdruck, mit dem eben noch mehr Blut durch den Körper gepumpt wurde. Diese Fasern fahren die Aktivität des Herzens herunter und ermöglichen es ihm, zur Ruhe zu kommen und sich von Stresszeiten und massiver Aktivierung zu erholen.
Die Erhaltung eines optimalen Blutdrucks
Der Blutdruck ist ausschlaggebend für die Menge der Flüssigkeit, die sich im Blutkreislauf befindet. Die Nieren filtern Flüssigkeit und Giftstoffe aus dem Körper und sind daher der wichtigste „Blutdruck-Manager“ des Körpers. Der Vagus übermittelt Informationen zu und von den Nieren, um das Durchströmen von Wasser und Flüssigkeit innerhalb der sogenannten Glomeruli, der Grundfiltrationseinheiten der Nieren, und damit den Gesamtblutdruck im Körper steuern zu helfen. (Glomeruli sind Gefäßknäuel in der Niere, die den sogenannten Primärharn bilden, der im Wesentlichen ein noch unkonzentrierter Harn ist. Sie werden auch als „Nierenkörperchen“ bezeichnet; Anm. d. Übers.)
Wenn der Körper unter Stress steht, werden Signale aus den Blutgefäßen (speziell aus einem knäuelartigen Gebilde an der Aufzweigung der linken und rechten Halsschlagader, dem Glomus caroticum) über den Vagusnerv und über sympathische Nerven fasern hinauf zum Hirnstamm und zurück zu den Nieren übertragen. Die Nieren verengen daraufhin ihre Blutgefäße und erhöhen den Blutdruck durch Drosseln der Wassermenge, die aus dem Blutstrom gefiltert wird. Ist der Körper entspannt, erhalten die Nieren über denselben Weg das Signal, mehr Wasser herauszufiltern und den Blutdruck zu senken.
Hormone sind ebenfalls eng mit diesem Prozess verbunden und arbeiten mit dem Vagus und sympathischen Nervenfasern zusammen. Die direkte Überwachung erfolgt jedoch durch die Nerven, und die langsame, allmähliche Steuerung wird von Hormonen bestimmt.
Bluthochdruck ist eine sehr häufige Diagnose und die verschriebenen Medikamente wirken auf diesen Mechanismus ein. Bluthochdruck kann ein Zeichen dafür sein, dass die Stresshormone der Nebennieren und die durch den Sympathikus vermittelte Stressreaktion übermäßig aktiviert sind. Er ist auch ein sehr häufiges Zeichen einer Funktionsstörung des Vagus und eines mangelhaften Vagotonus.
Die Steuerung der vielen Aufgaben der Leber
Der Vagus übermittelt viele wichtige Informationen von der Leber und zurück zu ihr und „managt“ damit ihre fast 500 Aufgaben. Ich beschränke mich hier auf einige jener Funktionen, die allgemeiner bekannt sind.
Die Leber regelt, wohin das Blut im Körper fließt. In Stresszeiten, wenn der Körper in den sogenannten Kampf-oder-Flucht-Modus geht, wird die Durchblutung von Armen und Beinen erhöht, um die Muskelaktivität zu steigern, die es uns ermöglicht, einen Angriff abzuwehren oder vor ihm wegzulaufen. Die Durchblutung der Leber sinkt, da die Verdauung und die Filtration des Blutes während dieses Stress-Ereignisses für das Überleben nicht an erster Stelle stehen. Ist der Körper entspannt und befindet sich in der Phase des Ruhens und Verdauens, nimmt die Aktivität des Vagusnervs zu und die Durchblutung der Leber steigt. Dann haben Verdauung, Filtration des Blutes und andere Aufgaben Priorität, damit die Zellen optimal funktionieren.
Der Vagus steuert auch jene Leberzellen, die für die Bildung von Galle und Gallensalzen sowie für den Transport der Galle in die Gallenblase und den Dünndarm verantwortlich sind. Ist der Nerv aktiv, sind diese Zellen, die sogenannten Cholangiozyten, nachweislich aktiv und erhöhen den Gallenfluss in die Gallenblase zur Speicherung.
Die Galle erfüllt mehrere Aufgaben für die Leber und den Körper. Die Leber entgiftet fettlösliche Toxine über einen zweistufigen Prozess, durch den ein wasserlösliches Abfallprodukt entsteht, das freigesetzt werden muss. Die Galle nimmt diese Toxine auf, die nun harmlos sind und durch den Verdauungstrakt über den Stuhl ausgeschieden werden können. Der Stuhl ist nur einer von drei Wegen, auf denen Abfallprodukte den Körper verlassen. Die anderen beiden sind der Urin über die Nieren und der Schweiß über die Haut.
Die Gallensalze, die wirksame Komponente der Galle, haben eine andere Aufgabe. Wenn die Galle in den Dünndarm abgegeben wird, setzt sie Abfallprodukte und Gallensalze frei. Letztere werden für den Weg der Triglyzeride (Fettmoleküle) aus dem Verdauungstrakt durch die Enterozyten (die Zellen, die den Dünndarm auskleiden) ins Blut benötigt, da sonst eine Resorption von Fetten nicht möglich ist, was schlecht wäre, denn Fette und Cholesterin haben zahlreiche wichtige Funktionen im Körper; außerdem käme es dann zu Fettstühlen. Die Rolle des Vagus besteht in diesem Fall darin, die Cholangiozyten zu aktivieren und den Gallenfluss aus der Leber in die Gallenblase sowie von dort in den Dünndarm zu eröffnen und die Fettresorption durch die Enterozyten zu gewährleisten.
Die Entleerung der Gallenblase aktivieren
Hat die Leber Galle gebildet und die Cholangiozyten haben sie in die Gallenblase gebracht, wird sie gespeichert und reift – fast wie ein edler Wein –, bis sie gebraucht wird. Beim Essen senden die Geschmacksknospen auf der Zunge und im Mund Signale ans Gehirn, um den Körper über die Makronährstoffe zu informieren, die sie mit jedem Bissen wahrnehmen. Wenn das Zentralnervensystem signalisiert, dass Fette aufgenommen werden, gibt der Vagus an Leber und Gallenblase weiter, dass bald Galle benötigt wird.
Daraufhin werden die glatten Muskelzellen in der Wand der Gallenblase aktiviert und die Galle wird zur Fettverdauung über den Gallengang in den Dünndarm ausgeschüttet. Ohne das Signal des Vagus bleibt der notwendige Gallenfluss aus – man spricht dann von einer obstruktiven Cholestase, einem Gallenstau durch eine Verengung, oder einen vollständigen Verschluss (Obstruktion) im Bereich der Gallenwege.
Eine der häufigsten Operationen, die in nordamerikanischen Krankenhäusern durchgeführt werden, ist die sogenannte Cholezystektomie, die Entfernung der Gallenblase. Eine solche Maßnahme aufgrund eines vollständigen Verschlusses, etwa durch Gallensteine, ist oft das Erste, was Patienten angeboten wird, bei denen sich die mit einer obstruktiven Cholestase einhergehenden Schmerzen einstellen. Leider bekommen die meisten Patienten keine Chance, die diesem Problem zugrunde liegende Ursache herauszufinden.
Gallensteine sind eine schmerzhafte Angelegenheit, die sich negativ auf die Gallenblase auswirken können. Sie bilden sich dort im Zuge eines langen Zeitraums von geringer Vagusaktivität, wodurch eine hinreichende Freisetzung von Galle und Gallensalzen verhindert wird. Eine lange Verweildauer in diesem Speicherorgan führt schließlich zur Kristallisation und Steinbildung und ist ein Frühzeichen einer Funktionsstörung des Vagus. Unter klinischer Überwachung können solche Fälle, wenn sie früh erkannt werden, nachweislich dazu führen, dass sehr kleiner Gallengrieß von selbst abgeht, wenn der Vagus wieder besser zu arbeiten beginnt. Manche der Übungen und Therapien zur Aktivierung des Vagusnervs, von denen in den folgenden Kapiteln die Rede sein wird, können sehr hilfreich sein für all jene, die von Schmerzen durch einen Gallenstau und die Bildung von Gallensteinen betroffen sind.
Hunger und Sättigung
Die Sättigung ist dann erreicht, wenn das Gehirn entsprechende Signale vom Vagus erhält. Um satt zu sein, müssen Signale aus der Leber kommen, dass der Körper über genügend Fett, Proteine und Kohlenhydrate verfügt. Der Kohlenhydrat- und der Fettstoffwechsel spielen sich in der Leber ab.
Hinsichtlich des Kohlenhydratstoffwechsels läuft folgende Steuerung über die Vermittlung durch den Vagusnerv ab: Wenn der Blutzuckerspiegel sinkt, werden die afferenten, zum Gehirn laufenden Vagusfasern vermehrt aktiv und signalisieren dem Gehirn, dass die Leberzellen mehr Kohlenhydrate benötigen. Diese Bahn meldet jedoch keine plötzlichen Veränderungen des Blutzuckerspiegels; diese werden direkt im Gehirn wahrgenommen.
Das Hormon GLP-1 (von engl. glucagon-like peptid, ein dem Glukagon ähnliches Peptid) wird vom Dünndarm als Reaktion auf einen erhöhten Blutzuckerspiegel freigesetzt, was der Körper als Sättigung interpretiert. Ein sinkender GLP-1-Spiegel wird dem Vagus gemeldet, der daraufhin den Blutzucker langsam senkt. Viele Pharmafirmen stellen jetzt Medikamente her, deren Wirkmechanismus zur Regelung des Hungergefühls auf die GLP-1-Bahn abzielt; dafür kann der Körper jedoch selbst durch die Aktivierung des Vagusnervs sorgen.
Der Vagus bietet eine andere Bahn zur Erzeugung von Sättigungsgefühlen: Nach einer Mahlzeit schicken vagale afferente Neuronen bezüglich der in der Leber angekommenen Fettmengen, insbesondere der Triglyzeride und der Linolsäure, Informationen an das Gehirn. Daraufhin wird die Vagusfunktion aktiviert und sendet dem Gehirn ein Signal, das zu einem Sättigungsgefühl sowie beim Esser zu dem Wunsch führt, mit dem Essen aufzuhören. Arbeitet der Vagus effektiv, dauert es nicht einmal 15 bis 20 Minuten, bis man sich nach einer Mahlzeit gesättigt fühlt. Wenn Sie jemanden kennen, der kein Sättigungsgefühl entwickelt und auch nach einer umfangreichen Mahlzeit weiterhin Hunger hat, dann leidet dieser Mensch an einer Funktionsstörung des Vagus.
Blutzucker und Insulinspiegel
Insulinresistenz – die verminderte oder aufgehobene Wirkung des Hormons Insulin – und Diabetes vom Typ II nehmen rasant zu. Übergewicht und ein Diabetes aufgrund durch Fettleibigkeit (im Englischen gibt es mit diabesity dafür einen eigenen Begriff, der sich zusammensetzt aus diabetes und obesity – engl. für Fettleibigkeit; Anm. d. Übers.) gehören zu den Hauptsymptomen einer ungesunden Lebensweise. Probleme mit dem Gewicht und der Steuerung des Blutzuckers sind wesentliche Anzeichen dafür, dass im Körper etwas nicht optimal läuft.
In Stresszeiten verschiebt der Körper sein Gleichgewicht in Richtung des sympathischen Nervensystems (Sympathikus) und setzt mehr Stresshormone aus der Nebenniere frei, insbesondere Kortisol. Die primäre Wirkung von Kortisol ist die Erhöhung des Blutzuckers durch Stimulierung der sogenannten Gluconeogenese; in diesem Prozess wird neue Glukose aus Fett und Proteinen gebildet, die beide in der Leber gespeichert sind.
Kurzfristig ist der Einsatz des Sympathikus wichtig, um alle Körperfunktionen aufrecht zu erhalten und uns das Überleben zu ermöglichen. Dieses Kampf-oder-Flucht-System entwickelte sich als Reaktion auf Bedrohungen des Lebens von außen – denken Sie an unsere Vorfahren, die vor dem Säbelzahntiger flüchten mussten. In einer solchen Situation, wenn uns eine Belastung bevorsteht (wobei diese heute nicht mehr durch den Säbelzahntiger, sondern durch die Stressfaktoren des modernen Lebens verursacht wird, die Reaktion unseres Körpers jedoch immer noch der unserer Vorfahren entspricht; Anm. d. Übers.), muss der Körper in den Überlebensmodus wechseln. Wir müssen entweder dagegen ankämpfen oder so schnell wie möglich die Flucht ergreifen.
Für die Unterstützung der Kampf-oder-Flucht-Reaktion brauchen unsere Skelettmuskeln erhebliche Ressourcen zur Energiebildung – vorzugsweise die schnellstmöglich wirksame und am leichtesten zugängliche Möglichkeit, Zellenergie zu erzeugen –, durch die wir die Bedrohung überleben können. Für den Kurzzeitbedarf an Energie kann der Körper über die Gluconeogenese schnell Glukose bilden und ins Blut freisetzen. Der Sympathikus lenkt den Blutfluss rasch in die Arm- und Beinmuskulatur um, damit wir besonders stark und schnell sind, und zieht ihn dafür aus dem Verdauungstrakt und den Nieren ab. Dann können wir unsere Muskeln wirksam einsetzen, um die Bedrohung zu bekämpfen oder so schnell wie möglich davor wegzulaufen.
Das Problem bei diesem System besteht darin, dass es oft länger als unbedingt nötig aktiv ist. Bei chronischem Stress, dem wir am Arbeitsplatz und zu Hause ausgesetzt sind, bei Geldsorgen, in Beziehungen zu Freunden und Familie sowie aufgrund biochemischer Stressfaktoren und unterschwelliger Infektionen bleibt unser Körper erheblich länger als nötig im Kampfoder-Flucht-Modus und wir kehren nicht in den Zustand des Ruhens und Verdauens zurück, in dem vorwiegend das parasympathische Erholungssystem aktiv ist. Wenn man nicht wieder zu diesem Zustand zurückkehren kann, muss die Leber ständig Glukose bilden, was auf längere Sicht zu einem höheren Blutzuckerspiegel führt. Als Reaktion darauf wird die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) aktiviert und muss Insulin bilden. Insulin ist der Botenstoff, der jeder unserer Zellen signalisiert, dass sie Glukose aus dem Blut in die Zellen aufzunehmen und sie zur Energiebildung zu verwenden haben.
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