Kitabı oku: «Der Zirkel»
Der Zirkel
Roman
Nellie Schatz
Impressum
Texte: © Copyright by Susanne Kolbach
Umschlaggestaltung: © Copyright by Susanne Kolbach
Verlag:
Susanne Kolbach
Robert-Perthel-Str. 37
50739 Köln
deine.susi@gmx.de
Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Kapitelübersicht
Prolog 4
Kapitel 1 Gregor zeigt mir seine Welt 7
Kapitel 2 Hengsparade 26
Kapitel 3 vom guten Personal 66
Kapitel 4 Entdeckungen 74
Kapitel 5 Majestätenauflauf – Henri und Yvette 85
Kapitel 6 von der Schönheit des Schmerzes 107
Kapitel 7 Familien vor Gericht 170
Kapitel 8 Alte Männer mit Erektionen 198
Kapitel 9 Clemens zum Dessert 214
Kapitel 10 Der alte Mann und das arme Kind 224
Kapitel 11 weiße Kleider sind unpraktisch 235
Prolog
Die Frau, die uns Vater diesmal ins Haus brachte, war zum Niederknien schön. Mein Bruder Frank und ich waren an die jungen Frauen gewöhnt, die er im Abstand von einer Woche mit seinem protzigen Wagen hierher karrte. Wir kommentierten das schon gar nicht mehr, sondern nahmen es einfach hin.
Es war wieder eine, die sich von Vaters Aussehen, seinem Charme und seinem Geld dermaßen blenden ließ, dass sie sogar in ihrem jungen Alter von geschätzten Anfang 20 zwei übermütige Jungs von 12 und 15 Jahren in Kauf nahm. Wir spielten wie immer beim ersten gemeinsamen Essen die gut erzogenen Söhne des erfolgreichen Fabrikanten Clemens Vandenberg und diese Frau fühlte sich von Anfang an sehr sicher. Wir fanden sie nett und Vater tat ein Übriges, dass sie sich her bei uns schnell einlebte.
Mutter hatte vor 2 Jahren endgültig das Handtuch geworfen, da Vater immer schon junge Frauen nebenbei hatte. Aber das einzige, was Mutter mit ihrem Auszug erreichte, war die Tatsachte, dass er sie jetzt mit nach Hause bringen konnte, seine jeweilige Eroberung, die er weiß Gott wo aufgabelte. Sie hingen immer an seinen Lippen, hielten alles, was er sagte für eine Offenbarung. Allen gemeinsam war ihre Schüchternheit und ihre Beschränktheit, die bei einigen ihresgleichen suchte. Frank und ich, der Ältere, amüsierten uns köstlich über die Karawane der Frauen, wie wir das Schauspiel nannten.
Dass Vater nicht so war, wie er sich am Anfang gab, merkten sie unterschiedlich schnell. Einige weigerten sich hartnäckig, Vaters tatsächliches Wesen zur Kenntnis zu nehmen. Er führe sie langsam an das heran, was er im Bett wirklich mochte. War er anfangs zärtlich zu ihnen, ließ er sie nach einer genau kalkulierten Zeit um seine Zuneigung betteln. Dann fing er an, sie offen zu dominieren. Und das nicht nur im Bett. Sie durften nur noch das tun, was er erlaubte. Sie hatten um alles zu bitten und wurden hart bestraft, wenn sie einen Fehler machten, und sei er noch so klein. Ich kann heute noch, nach dreißig Jahren, manchmal nachts ihre Schreie hören, wenn ich nicht schlafen kann, obwohl ich längst nicht mehr in meinem Elternhaus wohne.
Wir erlebten ihn als liebevollen Vater, das Personal hatte einen gerechten und freundlichen Arbeitgeber und nur wenige ahnten, wie er wirklich war. Unsere Haushälterin wusste es. Sie wechselte wortlos und mit zusammengepressten Lippen die blutigen Laken auf Vaters Bett.
Nun stellte er uns Yvette vor, eine hoch gewachsene, atemberaubende Rothaarige mit süßen Grübchen. Sie war ein französisches Fotomodell mit einem aufregenden Akzent und mir blieb der Mund offen stehen, als ich sie zum ersten Mal sah. Yvette war anders. Sie war nicht im Mindesten so schüchtern und einfältig wie der Rest, der hier durchgestöckelt war. Sie zwinkerte uns zu und hatte Frank und mich schon am ersten Abend erobert.
Sie war Vater wirklich zärtlich zugetan und in ihren Augen sah ich ehrliche Zuneigung. Sie bezauberte ihre Umwelt mit Charme und Humor. Sie war Mitte zwanzig und sie und Vater, ein blendend aussehender Mann, gaben ein wirklich schönes Paar ab. Vater hatte nur noch Augen für sie und sie für ihn. Er fing auch nicht an, sie zu dominieren. Nein. Nach sechs Monaten heiratete er sie. Sie hatte ihn von seiner Neigung kuriert und wir Brüder sahen in ihr so etwas wie eine Heilige.
Ich war mit 15 schon ziemlich reif für mein Alter und entdeckte früh, dass mein Schwanz ein Eigenleben führte. Mit fiel auf einmal auf, wie wundervoll Yvettes Busen war und ich starrte ständig darauf, wenn sie einen Bikini anhatte und sich die Zeit im Garten am Pool vertrieb. Sie bemerkte das und fand es süß. Vater gegenüber erwähnte sie es nicht. Es wäre mir nicht gut bekommen, denn er war wie besessen von ihr und vögelte sie jede Nacht gleich mehrfach. Wir konnten es hören. Ihre verzückten Schreie hallten durch das ganze Haus. Nach ein paar Monaten wandelte sich die Verzückung jedoch zu Schmerz, wie wir es insgeheim erwartet hatten und wir bemitleideten sie. Frau Kron wechselte mit traurigem Blick wieder blutige Bettlaken und wir lauschten nachts auf die gleichmäßigen Schläge, die aus Vaters Schlafzimmer nach außen drangen, gefolgt von Yvettes Schmerzensschreien.
Seltsamerweise suchte sie nicht das Weite. Obwohl sie oft nicht sitzen oder gehen konnte und tagelang in ihrem Zimmer blieb, ohne dass wie sie zu Gesicht bekamen, schien ihre Zuneigung zu Vater noch zu wachsen. Er nahm sie nicht mehr mit auf Geschäftsreisen wie am Anfang. Ich fand heraus, dass sie die Zeit von Vaters Abwesenheit zwangsläufig dazu nutzen musste, sich von seiner Behandlung zu erholen, damit sie ihn bei seiner Rückkehr wieder zärtlich und voller Zuneigung begrüßen konnte. Ich war jung und konnte das nicht verstehen. Ich konnte auch nicht verstehen, wie man einem solch reizenden Wesen wie Yvette so etwas antun konnte. Einmal sah ich einen bläulichen Striemen auf ihrer Brust. Ich dachte wochenlang nur daran und wenn ich abends alleine in meinem Zimmer war, wichste ich wie ein Weltmeister mit dem Gedanken daran, diese wunderbaren Brüste zu berühren.
Ich hatte herausgefunden, dass sie jeden Abend ein Bad im großen Badezimmer nahm. Vater war noch in der Fabrik, Frank hatte sich hinter seinen Büchern vergraben und ich hockte mich vor das Schlüsselloch des Badezimmers und spähte hinein. Ihr wundervoller Körper mit der blassen Haut war gezeichnet. Ich sah ihre Rückseite. Die Striemen zogen sich von ihren Schultern bis zu den Kniekehlen und ließen sie aufstöhnen, als sie in das warme Wasser stieg.
Ich hockte entsetzt vor der Tür, zitternd vor Empörung! Dann, nachdem sie sich zierlich mit einem Schwamm gewaschen hatte, stieg sie aus der Wanne und ich konnte jetzt ihre Vorderseite sehen.
Die Striemen auf ihren Brüsten waren verblasst. Sie trocknete sich ab und setzte sich wie in Gedanken auf den Wannenrand. Sie spreizte die Beine und ich sah ihr rotes Schamhaar und das, was sich zwischen den Beinen einer Frau befand und ich nur aus den Pornoheften kannte, die in der Schule kursierten. Ich war fasziniert und mein Penis war es ebenso. Ein köstliches Verlangen machte sich in mir breit und ich steckte die Hand in meine Hose und spielte an mir herum. Aber es kam noch besser. Yvette fing an, sich dort zu streicheln. Sie schloss die Augen, hielt mit einer Hand die Schamlippen auseinander und rieb sich langsam mit dem Mittelfinger der anderen Hand zum Höhepunkt. Sie stöhnte leise dabei und das war das bisher wunderbarste, was ich in meinem kurzen Leben erlebt hatte. Dann zwinkerte sie und gab mir zu verstehen, dass sie wusste, dass ich vor der Tür hockte. Ich spurtete in mein Zimmer, atemlos, mit einer Erektion und kam erst wieder heraus, als ich mich von meiner Qual erlöst hatte und es Essen gab.
Vater wartete bis nach dem Essen. Dann kam er mit einem Rohrstock in mein Zimmer und ich wusste, was mir blühte. Er hatte mich dort hocken gesehen. Er forderte mich auf, die Hosen herunter zu lassen. Ich musste mich mit den Händen auf dem Bett aufstützen und er schlug mich mit dem Stock. Rasender Schmerz erfasste mich, ich schrie aus Leibeskräften so lange, bis ich in Ohnmacht fiel. Der Schmerz war einfach unerträglich. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Bauch auf meinem Bett, tränenüberströmt, mit nacktem, malträtierten Arsch.
Ich blickte in Yvettes grüne Augen, die mich mitfühlend ansahen. ich schämte mich zu Tode, dass sie mich so sah. Ich schämte mich allerdings nicht dafür, sie beobachtet zu haben.
„Es ist gut.“ sagte sie zärtlich. Sie hatte eine Cremedose dabei und bestrich sanft meinen Hintern, der scheinbar aus rohem Fleisch bestand, mit einer kühlenden Creme. Ich wäre am liebsten gestorben vor Scham. Ich schloss die Augen ganz fest. Die Kühle tat gut und betäubte den Schmerz ein wenig, wenn das überhaupt möglich war.
„Leg dich auf die Seite, Gregor.“ forderte sie mich mit einer kehligen Stimme auf.
„Hat dir gefallen, was du gesehen hast?“ Ich nickte in stummem Leid und wagte nicht, die Augen zu öffnen. Ich hatte es wundervoll gefunden. „Bist du dabei gekommen?“ ich schüttelte den Kopf. War ich ja nicht. Erst danach.
„Dann sorgen wir jetzt dafür, ja?“ sie spielte mit ihren Fingern in meinem Schamhaar und ich hielt die Luft an. Dann öffnete ich die Augen und ich sah, dass sie ihre Bluse aufgeknöpft hatte. Sie trug keinen Büstenhalter und ich konnte ihre weißen Brüste ganz nah vor meinen Augen sehen. Sie waren mit feinen Narben überzogen, die wohl Vaters Stock hinterlassen hatte. Ihre Nippel waren riesig und sie nahm die rechte Brust und zog den Nippel sanft über meine Lippen.
„Fass dich an.“ sagte sie rau und sah auf meinen Penis, der sich von den Schmerzen nicht beeindrucken ließ. Er war groß und prall und Yvette beobachtete mit einem kleinen, stolzen Lächeln, wie ich onanierte. Ich tat es hier vor ihren Augen und es machte mir nichts aus.
Als Vater sturzbetrunken mit seinem Porsche wieder nach Hause kam, stand seine Bestrafung für Yvettes ungeheuerliches Vergehen, sich beobachten zu lassen, bereits fest. Ich war die ganze Nacht wach und wartete unglücklich auf ihre Schreie, aber es blieb ruhig. Er quartierte Yvette in ihr eigenes Schlafzimmer aus, sie durfte seins nicht mehr betreten. Er rührte sie nicht mehr an und es war, als sei seine Zuneigung zu ihr schlagartig erloschen. Sie durfte ihn nur noch traurig und sehnsüchtig ansehen und darauf warten, dass er das Wort an sie richtete.
Vater nahm seine Jagd nach schüchternen und debilen Frauen wieder auf und Yvette verfiel immer mehr, bis sie eines Tages aus unserem Haus verschwunden war. Vater erwähnte sie nie wieder auch nur mit einem Wort.
Aber ich habe sie nicht vergessen. Sie schenkte mir etwas, das mich bis heute an sie denken lässt.
Kapitel 1 Gregor zeigt mir seine Welt
Als mich Gregor Vandenberg um meine Hand bittet, wähne ich mich im siebenten Himmel. Auf einem Segelboot in Südfrankreich geht er romantisch auf die Knie, präsentiert mir einen dekadent großen Brillanten auf einem schmalen Goldreif, sieht mich liebevoll an und bittet mich stotternd, seine Frau zu werden. Ich bin so überrascht, dass ich nur ergriffen nicken kann. Es hat mir die Sprache verschlagen. Gregor hat mich zu der Frau an seiner Seite auserkoren! Meine Welt wird sich komplett verändern. Habe ich schon während der sechs Monate unserer Beziehung einen ersten Eindruck davon bekommen, wie er lebt, werde ich bald ein Teil dieses Lebens sein, das sich so von dem Leben unterscheidet, das ich führe.
Gregor ist 44 Jahre alt und gilt als eingefleischter, gleichwohl umschwärmter Junggeselle. Nie sah man ihn mit einer Frau in der Öffentlichkeit und eine Zeitlang hielt sich sogar hartnäckig das Gerückt, er sei homosexuell. Gregor sieht einfach blendend aus. Jede Mutter würde alle anderen gnadenlos über den Haufen schießen, um diesen Mann als Schwiegersohn zu bekommen. 1.90 m groß, schlank und sportlich, wundervolles braunes Haar und warme braune Augen machen ihn zu einem äußerst begehrten Mann. Natürlich nicht nur das. Gregor Vandenberg ist der Inhaber von Vandenberg Automotive Engineering, einem weltweit operierendem Konzern.
Ich kannte ihn aus dem Fernsehen, ohne seinen Namen zu wissen, ich erinnerte mich zu der Zeit allerdings nicht mehr daran.. Souverän sprach er von hunderten Menschen, ohne auch nur ein Stichwortkärtchen in der Hand zu halten. Eine sympathische Gestik begleitete die Rede, die er vor hunderten Angestellten hielt, als es in einem seiner Werke zu einem dramatischen Unfall mit mehreren Toten gekommen war. Er sprach völlig frei und versprach die lückenlose Aufklärung des Vorfalles. Das tat er dann auch. Ich sah im Nachrichtenkanal dann die Pressekonferenz, in der er souverän den Vorfall erklärte und wie es dazu gekommen war.
Dem Konzern geht es finanziell so blendend, wie sein Inhaber aussieht. Aber das wusste ich nicht, als ich ihn zum ersten Mal traf. Und bald werde ich seine Frau sein. Frau Vandenberg.
Die kleine Anwältin Nathalie Brenke wird Frau Vandenberg. Unter normalen Umständen hätte ich ihn niemals kennen gelernt. Der Zufall kam mir zur Hilfe. An einem stürmischen Herbsttag lief ich an der Konzernzentrale vorbei, ein Handy am Ohr und eine Aktenmappe unter dem Arm. Mein Businesskostüm war faltig, meine Bluse zierte ein Ketchupfleck und ich erklärte gerade einem renitenten Klienten, dass es wichtig sei, mit der Staatsanwaltschaft zusammen zu arbeiten. Ich wäre vor Wut fast explodiert. Stattdessen lief ich genau in Vandenberg hinein. Das Handy ging fliegen, die Aktenmappe, nur flüchtig geschlossen, verteilte ihren Inhalt zwischen den Herbstblättern, die die Alleebäume überall verteilt hatten und ich sah nur einen grinsenden großen Mann im Kaschmirmantel, der mein Handy wieder aufhob, mir half, die Seiten wieder einzufangen, die der Wind davon tragen wollte und der mir dann mit einem warmen Blick ein paar Blätter aus meinen aufgelösten Haaren zupfte.
Dieser Blick katapultierte mich augenblicklich in ein Rosawattebällchenland. Ich kann gar nicht mehr sagen, wie die ersten Wochen unseres Kennenlernens verliefen. Ich schwebte auf Wolken und mein Gehirn war vollkommen lahm gelegt. Ich weiß nur, dass wir jeden Abend ausgingen, in ein kleines Cafe um die Ecke, in dem es nach selbstgebackenem Kuchen und Kaffee roch. Hier würde die Presse ihn niemals vermuten, sagte er mir mit einem verschmitzen Lächeln nach ungefähr 2 Wochen. Ich hatte immer noch nicht kapiert, mit wem ich mich da traf. Der Name Vandenberg sagte mir nichts. Erst nach ein paar Wochen ging mir auf, wer er war. Und da war ich schon dermaßen verliebt, dass es mir dann auch gleichgültig war.
Gregor war ein glänzender Unterhalter. Ich hing mit einem mit Sicherheit debilen Blick an seinen Lippen, verfolgte zitternd, wie er meine Hand an seine Lippen hob und einen Kuss darauf drückte.
Nach ein paar Wochen wollte er mich dann nach Hause bringen. Da bekam ich einen ersten Eindruck von seiner Welt. Gregor fuhr nämlich nicht selbst. Er hatte eine Limousine mit Chauffeur. Der Chauffeur sah aus wie ein Mann von den Navy Seals. Durchtrainiert und breitschultrig und ich nehme stark an, dass er sein Leibwächter war. Ich saß also neben Gregor in der Limousine, beeindruckt von diesem Luxus und schmachtete ihn an. Wie wundervoll, diesen Mann neben sich zu wissen. Er brachte mich nach Hause und dann gab er mir vor der Haustür einen Kuss, bevor er sich verabschiedete. Ich konnte kaum die Treppen hinauf gehen, so schwebte ich auf Wölkchen. Und dann, als sich der Nebel in meinem Kopf etwas lichtete, als er zum ersten Mal mit in meine Wohnung kam, zum ersten Mal mit mir schmuste und dann zum ersten Mal über Nacht blieb, konnte ich einfach nicht mehr zurück.
Gregor war einfach perfekt. Ich konnte es kaum glauben. Ein perfekter Gentleman und Liebhaber. Und dann begann er, mich sanft an seine Welt heranzuführen. Wir flogen (mal einfach so!) ein Wochenende nach Paris, natürlich im Firmenjet. Er hatte eine Wohnung in der Stadt, sein kleines Appartement, wie er es nannte. Er wohnte weit außerhalb, also hatte er diese Wohnung, damit er nicht immer so weit fahren musste. Dieses kleine Appartement hatte bestimmt 150 qm und war exquisit eingerichtet. Es dauerte nicht lange, und ich hatte mich hier häuslich eingerichtet. Es war seine Wohnung. Die Wohnung eines Mannes, die nie eine Frau betreten hatte außer der Zugehfrau. Sie roch nach ihm und gab mir einen Eindruck davon, wo er herkam. Ich nannte es Geldadel.
Gregor lachte, als ich ihm das sagte. Er ließ mich nie fühlen, dass ich nicht aus seinen Kreisen kam, in denen die Damen nur ein einziges Problem beschäftigt, nämlich ein Kleid zu tragen, das die Kleider der anderen bei weitem übertrifft. So eine Frau wollte er nicht, erklärte er mir. Er wollte mich. Einfach so. Ich konnte es nicht fassen und war drauf und dran, den Boden zu küssen, auf dem er ging. Das ging aber nicht, weil er mich einfach auf Händen trug. Ein Mann in seiner Position, der für alles Personal hatte, ließ es sich nicht nehmen, höchst persönlich meine Lieblingsmarmelade zu besorgen und mir das Frühstück zu bereiten. Er brachte es mir sogar ans Bett und versüßte mir den Tag noch zusätzlich mit seinem zärtlichen Liebesspiel, das mich an den Rand der Verzückung brachte.
Noch hatte er mich nicht der Öffentlichkeit präsentiert und er bereitete mich gründlich darauf vor. Wir posierten sogar vor dem Spiegel, wie man sich günstig präsentiert und wir hatten eine Menge Spaß dabei, wir taten es nämlich unbekleidet. Er brachte mir eine Stylistin und einen Friseur, die mich in eine völlig andere Frau verwandelten. In einem leuchtend blauen Kleid und mit meinen aufgestecktem roten Haar erkannte ich mich gar nicht wieder. Was gaben wir ein schönes Paar ab. Das fand auch die Presse, und ein Foto von uns erschien in einer Zeitung, das uns auf dem roten Teppich einer Filmpremiere zeigte.
Gregor war sehr stolz auf mich und beschenkte mich mit einem auffälligen Schmuckstück, einem Armband in Form einer Schlange, deren Schuppen aus edlen, roten Steinen bestand, deren Namen mir leider entfallen ist. Ich weigerte mich, es anzunehmen. Ich konnte ein solch teures Geschenk doch nicht annehmen. Also einigten wir uns darauf, dass es ihm weiterhin gehören sollte und ich es manchmal trug. Gregor grinste, sagte aber nichts weiter dazu.
Jetzt sind wir aus Südfrankreich zurück gekehrt, frisch verheiratet in einem Standesamt in einem kleinen Küstenort und unsere Trauzeugen waren der Küster und der Wirt eines Bistros, der sich vor Begeisterung über dieses schöne Paar nicht mehr ein bekam.
Gregor hat mich darauf vorbereitet, dass nicht alle Reaktionen auf mich positiv werden würden. Man würde mich als Goldgräberin betrachten, als einen Emporkömmling, der es auf sein Geld abgesehen hatte. Die Damen der Gesellschaft würden höchst empfindlich auf mich reagieren und er bittet mich eindringlich, nichts Privates verlauten zu lassen. Ich würde es früher oder später in der Presse wieder finden.
Wir sind in seiner Wohnung und er sitzt am Schreibtisch. Er hat mich in sein kleines Büro gebeten.
„Es ist dir bestimmt klar, dass ich dich habe überprüfen lassen? Das ist üblich in meiner Position.“ sagt er und sieht mich liebevoll an.
„Und? Dunkle Flecken in meiner Biografie gefunden?“ frage ich und beuge mich über seinen Nacken, um ihn dort zu küssen.
„Nein. Wie ich es erwartet habe. Selbst wenn es dunkle Flecken gäbe, wäre es nicht so schlimm. Ich muss es nur vor der Presse wissen, Frau Vandenberg.“ sagt er und zieht mich auf seinen Schoß. „Wie das klingt.“ sagt er träumerisch. „Die Frau an meiner Seite.“
„Hoffentlich sind wir nicht die einzigen, die das so sehen.“ wage ich eine vorsichtige Prognose. Ich werde viele Feinde haben. Er wird mich zur Teilhaberin seines Konzerns machen, das wird mir nicht unbedingt viele Sympathien einbringen. Erst jetzt, hier in seiner Wohnung wird mir klar, worauf ich mich eingelassen habe. Mein öffentliches Leben, also das außerhalb seines Hauses, wird mit Argusaugen beobachtet werden. Und sogar das in seinem Haus, das ich heute zum ersten Mal betreten werde. Ich stelle es mir so ähnlich vor wie in einem Hotel. Eine Haushälterin und, ich bin fast umgefallen, als ich das hörte, ein Butler.
Ich kenne dieses Haus. Er hat mir ein Foto gezeigt. Es heißt Vandenberg- Haus und ich bin ein paar Mal daran vorbei gefahren. Ich hielt es wirklich aufgrund seines Ausmaßes für ein Hotel. Oder einen Firmensitz. Auf die Idee, dass hier ein einziger Mann wohnen könnte, bin ich nie gekommen. Und ich werde in Zukunft auch darin wohnen. Charly, der Chauffeur wird uns gleich hier abholen und ich werde dem Personal vorgestellt. Ich bin ganz schön aufgeregt.
Niemand weiß, dass wir geheiratet haben. Noch nicht einmal sein engster Vertrauter Robert Zorn, sein Butler. Er wollte sich nicht in seine Entscheidung hereinreden lassen. Sie wissen zwar, dass es mich gibt, aber nicht, welche Position ich in Zukunft einnehmen werde.
Da klingelt Charly. Er begrüßt uns höflich. Gregor gibt im die Hand. Dann sagt er:
„Charly? Das ist Frau Vandenberg, meine Frau.“ Er grinst in diebischer Freude.
„Ist nicht wahr.“ entfährt es Charly und er starrt mich an. Endlich hat es eine geschafft, steht auf seiner Stirn geschrieben. Wahrscheinlich ist er froh, dass Gregor doch nicht schwul ist. Und mit mir kann er leben. Wir gehen sehr freundlich miteinander um, Charly und ich.
„Wir werden ab heute im Vandenberg-Haus wohnen.“ sagt Gregor. Charly nickt.
„Haben Sie ihr denn schon eine Skizze gemacht? Sie wird sich verlaufen und sie werden Sie erst zur Silberhochzeit wieder sehen.“ Er freut sich darüber, dass Gregor nicht mehr alleine ist, das kann man ihm anmerken.
„So groß ist es auch nicht. Sie finden ja auch den Weg von der Garage in die Küche.“ entgegnet Gregor fröhlich. „Frau Römer kocht nämlich exzellent, ist es nicht so, Charly?“
Ich kann nichts sagen, als wir an diesem Märznachmittag zu seinen Haus fahren. Zum ersten Mal sitze ich in diesem Wagen als seine Frau, die dieses Leben mit ihm teilen wird. Ich weiß gar nicht, was mich erwartet. Ich habe keine Vorstellung davon, wie man mir begegnen wird.
Vor dem Haus steht ein Cabrio, das meins sein wird, erklärt Gregor. Dann noch ein Mercedes, den Herr Zorn benutzt und einen Kombi, der der Haushälterin gehört.
Herr Zorn ist der Chef des Hauses, erklärt Gregor. Er ist der Chef über das gesamte Personal und ich kann mich mit allen Angelegenheiten an ihn wenden. Auch mit persönlichen Dingen. Er wird sich diskret und kompetent um alles kümmern. Da bin ich ja mal gespannt. Ich kenne nur den Butler vom Eaton Place, wenn ich ehrlich bin. Ein spießiger Erbsenzähler, dem Korrektheit über alles ging. Dann kann er mir ja direkt mal einen Kurs in Ordnungsliebe geben, merke ich schüchtern an. Ordnungssinn gehört nämlich nicht zu meinen überragenden Fähigkeiten.
„Du hat mir beigebracht, dass mit einem Fleck auf der Krawatte die Welt nicht untergeht.“ flüstert Gregor mir ins Ohr. „Das ist eine der Eigenschaften, die ich so an dir liebe.“
„Ich glaube nicht, dass Herr Zorn das ebenso sieht.“
„Mein Personal ist nicht dazu eingestellt, sich Meinungen über uns zu bilden, Nathalie. Das tun sie zwar, aber sie werden es nicht äußern. Sie sollen ihren Job machen, mehr nicht. Leg dir ein dickes Fell zu. Es braucht dich nicht zu kümmern, was andere über dich denken.“
„Ich glaube schon, dass Charly mich mag. Und das bedeutet mir etwas.“ sage ich widerspenstig.
„Aber du hast es nicht darauf angelegt, ihm zuzusagen. Er mag dich, weil du du selbst bist. Wir sind da. Willkommen zu Hause, Schatz.“ sagt er.
Und was für ein Zuhause das ist! Herr Zorn wartet auf der riesigen Freitreppe auf uns. Er ist korrekt gekleidet, wie auch Gregor immer. Dunkler Anzug, weißes Hemd, rosa Krawatte. Herr Zorn ist etwa Anfang vierzig, schlank und drahtig, sehr groß, schwarzhaarig mit interessanten grauen Schläfen. Ein wirklich attraktiver Mann. Warum er sich einen solchen Job ausgesucht hat, überlege ich. Jemand anderem zu dienen. Das käme für mich nicht in Frage. Er könnte auch gut als Manager durchgehen, als Geschäftsführer einer Firma.
„Robert.“
„Willkommen zuhause, Herr Vandenberg.“ sagt Zorn mit einer dunklen Stimme. Er sieht mich neugierig an, nachdem er Gregor die Hand gegeben hat.
„Robert, das ist meine Frau Nathalie.“ sagt er. Zorn zuckt noch nicht einmal.
„Willkommen, Frau Vandenberg.“ sagt er und gibt auch mir seine kühle Hand.
„Komm, Nathalie. Wenn ich dir alles gezeigt habe, ist es Zeit zum Abendessen.“
„Wie immer um 19 Uhr.“ sagt Robert.
„Vielen Dank. Ich zeige meiner Frau jetzt ihr Zuhause.“ Gregor ist ganz aufgeregt. Und ich auch. So, wie ich das sehe, werde ich einen Kompass brauchen, um wenigstens das Wohnzimmer wieder zu finden. Das fängt ja gut an.
Von dem Foyer aus (Flur kann man es wirklich nicht nennen) gehen alle unteren Räume ab. Das Foyer wird dominiert von einem riesigen, modernen Leuchter, der den Blick auf sich zieht. Ein hellroter Steinboden, hochglänzend, vermittelt ein wenig Wärme in diesem modern eingerichteten Haus. Auf Familienerbstücke scheint man nicht viel Wert zu legen. Keine Antiquitäten, wie ich es eigentlich erwartet hatte.
„Nein. Es gibt keine Antiquitäten.“ sagt Gregor, als ich ihn darauf anspreche. „Es ist einmal ausgebrannt. Da richtete es mein Vater mit Art-Deco Möbeln ein.“
Geradlinig und elegant. Keine Schnörkel, schwarz und weiß die dominierenden Farben. Kühl. Nicht wohnlich, lautet mein vernichtendes Urteil, das ich natürlich nicht laut äußere. Wenn sein Vater das Haus neu eingerichtet hat und es immer wieder mit neuen Möbeln ergänzt wurde, war hier keine Frau am Werk. Nicht eine. Es gibt absolut nichts verspieltes, sogar die Gemälde an der Wand sind abstrakt. Ich stöhne innerlich. Hier kann ich mich nur wohl fühlen, wenn Gregor da ist, der mir Wärme gibt. Und hier werde ich meinen Tag verbringen. Du meine Güte! Ich werde mir ein Hobby suchen müssen, irgendetwas Kuscheliges vielleicht. Ein Pferd. Oder einen Hund. Er durchschreitet mit mir alle unteren Räume. Es gibt sogar eine Bibliothek. Da ist der Blick auf die Bücher auch durch nichts verstellt. Der Raum ist noch schlichter als der riesige Wohnraum. Aber es gibt hier einen schönen, antiken Teppich mit einem interessanten Muster. Hier gibt es auch ein Büro, und zwar das von Herrn Zorn. Glas und Chrom, ein Laptop. Ansonsten nur Schränke in schwarzem Klavierlack, die geschlossen sind. Eine einsame Topfpflanze zieht den Blick an. Dann zeigt er mir die Sicherheitszentrale, wo ständig 2 Personen die Monitore beobachten, die die Flure im Blick haben, die Außenanlagen. Er stellt mich vor und diese Männer sind genauso zurückhaltend wie Herr Zorn. Und sie sehen auch ähnlich aus. Dunkle Anzüge. Wie in einem Agentenfilm, denke ich.
„In jedem Raum gibt es einen Alarmknopf. Du brauchst ihn im Notfall nur zu drücken und man kümmert sich um dich.“ sagt Gregor erklärend.
„Wie soll ich denn sagen, wo ich überhaupt bin?“ frage ich verständnislos. Würde er jetzt gehen, fände ich wahrscheinlich nicht einmal mehr zurück in die Halle.
„Sie sehen es. Keine Angst.“
Was mir Angst macht, ist das Riesige an diesem Haus. ich werde hier alleine sein. Freunde habe ich nicht mehr. Ich durfte niemandem von Gregor erzählen und mein großer Freundeskreis lichtete sich zusehends, bis niemand mehr übrig war.
Das wird ja reizend, denke ich. Ich werde mich wahrscheinlich mit den Damen der Gesellschaft treffen, auf einen Tee, den Robert serviert, nachdem sie ausgiebig über seine Rückseite diskutiert haben. Ich weiß, wie Frauen sind. Und das zieht sich durch alle Schichten, unabhängig davon, wie dick das Bankkonto ist.
„Wir sollten eine Assistentin für dich einstellen. Dann bist du nicht so alleine.“ sagt Gregor verständnisvoll, als wir wieder durch den langen Flur gehen.
„Eine Assistentin? Wofür?“
„Du wirst gesellschaftliche Verpflichtungen haben. Such dir etwas wohltätiges, was du tun kannst. Ich habe dir in deinen Büro schon eine Liste hingelegt.“
„Wo?“
„In Deinen neuen Büro. Es liegt neben Roberts Büro. Ich dachte, dann käme eine Atmosphäre auf, die dir bekannt vorkommt. Ein kleiner Plausch auf dem Flur.“ grinst er. Ein Plausch mit Zorn. Genau. Er sieht auch so aus, als wäre er unglaublich mitteilsam!
„Das ist sehr nett von Dir, Gregor.“ sage ich artig. Das ist vielleicht keine schlechte Idee. Dann hätte ich eine Beschäftigung. Lieber würde ich etwas für ihn tun. In der Firma Vandenberg. Aber wenn er es so wünscht…
„Dann zeige ich dir jetzt die oberen Räume. Da sind wir alleine.“
„Das kann ich ja kaum glauben. Wo wohnt denn Herr Zorn?“
„Im Gästehaus. Ich habe sowieso nie Übernachtungsgäste.“
Eine riesige geschwungene Treppe führt nach oben. Vorbei die Zeiten, als ich aus dem Bett springen konnte, mit nichts am Leib als Gregors Hemd und mich an den liebevoll gedeckten Frühstückstisch setzen konnte. Vielleicht in meiner alten Wohnung. Die haben wir nämlich behalten als Erinnerung. Oder in Gregors Stadtwohnung.
Gott sei Dank ist Gregors Schlafzimmer gemütlicher als der Rest des Hauses. Gedeckte Farben herrschen hier vor. Erdige Töne, braun und grün. Hier kann ich mich wohl fühlen.
„Robert bringt mir morgens eine Tasse Tee ans Bett. Stört dich das?“ fragt er. „Ich liege dann hier und lese die Zeitung.“
„Wozu brauchst du dann eine Frau?“
„Es gibt Bedürfnisse, die kann er mir nicht erfüllen.“ grinst er anzüglich.
„Aber ich kann das? Vielleicht hast du auch Bedürfnisse, von denen du nichts ahnst?“
„Das sollten wir testen. Jetzt sofort.“
Nach drei Monaten befinde ich mich nicht mehr im Wolkenkuckuckheim. Wenn mir das Personal nicht unverschämt begegnet, ignoriert es mich. Der einzige, der auf meiner Seite ist, ist Charly. Er ist Frau Römer über den Mund gefahren, als ich mitbekam, wie sie sich darüber beschwerte, dass jetzt hier eine rothaarige Schlampe eingezogen ist, die den ganzen Verkehr aufhält. Ja. Es war auch sehr bequem die letzten Monate, als Gregor nicht hier war. So eine Frechheit, denke ich. Robert hat es auch gehört, es war eigentlich nicht zu überhören, so wie sie in der Küche gekeift hat. Robert hat sich nichts anmerken lassen. Aber ein paar Tage später beschwert sich Frau Römer über die Abmahnung, die sie von Robert bekommen hat bei Gregor. Es war nämlich nicht das erste Mal.
Gregor ist empört darüber, dass sie ihn mit so etwas belästigt. Er ist viel zu vornehm und zu beschäftigt, um sich mit solchen Dingen abzugeben. Ich gebe mich mit wohltätigen Dingen ab. Ich habe mir die Liste angesehen und arbeite für den örtlichen Tierschutzverein. Meine Ausbildung als Anwältin kommt mir dabei sehr zugute. Gregor hat mir ein Budget für solche Aufgaben zur Verfügung gestellt. Als erstes lasse ich das örtliche Tierheim renovieren und ein nach neuesten Erkenntnissen gebautes Katzenhaus anfügen. Und ich habe einen alten Hund adoptiert. Eine riesige Dogge, die eigentlich nur noch faul herumschleicht. Frau Römer ist fast in Ohnmacht gefallen, als sie realisierte, wie viel ein so großer Hund fressen kann. Und dann hat das Vieh auch noch sein Herz für Robert Zorn entdeckt und verbringt viel Zeit mit ihm in seinem Büro. Ich habe Zorn zum ersten Mal lächeln gesehen, als der Hund sich zu seinen Füßen niederließ. Sie sind sich sympathisch, Otto und Herr Zorn. Er nimmt ihn sogar abends mit in seine Wohnung, weil Otto keine Treppen steigen kann. Erst war ich erbost darüber, bis ich mitbekommen habe, wie sich Herr Zorn liebevoll mit dem Hund unterhielt. Ich glaube, ich habe beiden einen Gefallen getan. Otto wollte niemand haben, weil er schon so alt ist. Aber hier ist er wieder ein bisschen aufgeblüht und trägt stolz den Ball herum, den ihm Herr Zorn gekauft hat. Ich brauche auch nicht mit ihm Gassi zu gehen. Das dauert lange, weil er so langsam schleicht. Aber Herr Zorn scheint froh zu sein, abends eine Runde mit ihm zu drehen. Manchmal gehe ich mit. Hinter unserem Haus beginnt gleich der Wald. Otto braucht noch nicht einmal ein Halsband. Der kann nicht weglaufen und hält sich immer dicht an seinem neuen Beschützer. Wir schweigen auf diesen Spaziergängen alle drei.
Gregor hat sich verändert. Er arbeitet jetzt wieder soviel, wie er es getan hat, als er mich noch nicht kannte. Zweimal pro Woche übernachtet er in dem Appartement. ich bin dann ganz alleine im Haus. Ich und die Sicherheitsleute. Ich darf die Schlafzimmertür abschließen, Zorn und der Wachdienst haben einen Schlüssel. Wenn Gregor nicht da ist, bekomme ich trotzdem den Morgentee und die Zeitung. Erst kam es mir seltsam vor, mich in meinem Schlafzimmer von einem fremden Mann bedienen zu lassen. Aber dann habe ich gemerkt, dass Robert zuerst die Decke korrekt über mir ausbreitet, bevor er die Vorhänge aufzieht. Sein Benehmen mir gegenüber ist makellos. Sogar Frau Römer ist jetzt etwas freundlicher. Wahrscheinlich hat ihr Robert den Kopf gewaschen. In aller Diskretion natürlich. Robert würde so etwas nie vor mir tun. Oder gar vor dem vornehmen Gregor. Dessen Verliebtheit scheint so plötzlich verschwunden, wie sie angeflogen gekommen war. Ich bin enttäuscht und verletzt. Er hört auf, mich tagsüber anzurufen. Unsere zärtlichen Liebesnächte beschränken sich im Sommer auf eine zärtliche Samstagnacht pro Woche und so schön wie früher ist es auch nicht mehr. Ich habe das Gefühl, er betrachtet es als eine Pflicht und nicht als ein Vergnügen.
Irgendetwas an ihm hat sich verändert. Und ich habe mich verändert. Ich empfinde mich als überflüssig, mein Leben als recht sinnlos. Ich vermisse eine Arbeit. Aber Gregor kann nicht zulassen, dass Frau Vandenberg arbeitet. Zum Glück und zu meinem großen Erstaunen finden sich keine Damen der Gesellschaft bei mir ein. Ich stehe nicht hoch in ihrer Achtung. Eine zehn Jahre jüngere Frau, rothaarig und vollbusig, da hat man sich schon etwas anderes für diesen begehrten Junggesellen vorgestellt. Zumindest eine Prominente und nicht ein Niemand wie ich. Noch nicht einmal Geld habe ich. Alles, was ich habe, ist von Gregor. Wenn sie wüssten, dass mir die Hälfte von Gregors Unternehmen gehört, würden sie vor Neid platzen. Dabei lege ich gar keinen Wert darauf. Und ich bin sicher, wenn ich mir etwas zu Schulden kommen lasse, kann er mir das auch leicht wieder wegnehmen. Ich frage mich, was ich hier verloren habe. Falls er Kinder haben will, sollte er sich etwas mehr um mich bemühen. Das kann es also nicht sein. Wir haben noch nicht einmal darüber geredet. Gesellschaft kann es auch nicht sein, er kommt nämlich immer so spät nach Hause, dass wir uns kaum unterhalten und er ist schon eingeschlafen.
Robert versucht, mich etwas zu beschäftigen. Ich kümmere mich um die Post, manchmal fahre ich mit ihm in die Stadt. Während er seine Erledigungen macht, kaufe ich mir all die nutzlosen Dinge, die eine Frau in meiner Position so braucht. Ich hasse das. Ich habe einen riesigen Schrank voller Kleider, einen Haufen Schmuck, bekomme all das, was ich mir wünsche. Die neuesten Bücher, die mir Robert mitbringt. Aber ich habe keine einzige Freundin. Niemand aus Gregors Freundeskreis will etwas mit mir zu tun haben. Ich frage mich, woran das liegen mag. Vielleicht hat er auch keinen. Ich finde leicht neue Freunde. Aber in dieser Gesellschaft nicht. Bis ich eines Tages, im August, glaube ich, ein Gespräch zwischen Frau Römer und der Vorarbeiterin der Putzfrauen mitbekomme. Ich bin ganz gut darin geworden, zu lauschen.
„Wenn die Schlampe wüsste, wen sie sich da geangelt hat.“ sagt Frau Römer abfällig und stellt der Vorarbeiterin eine Tasse Kaffee hin. „Er hat es aber mit ihr noch nicht gemacht, oder?“„Es sieht nicht so aus. Ich frage mich, warum jeder das weiß, aber sie nicht. Scheint ein bisschen naiv zu sein, die Gute.“
„Die ist nicht naiv. Sie ist Anwältin.“
„Ob sie ihn verklagt, wenn er das zum ersten Mal mit ihr macht?“ lacht Frau Römer.
„Sie küsst den Boden, auf dem er geht. Wahrscheinlich nicht mehr lange. Dann kann sie den Boden aufwischen, auf den ihr Blut getropft ist.“ Die Vorarbeiterin kriegt sich vor Lachen nicht mehr ein. „Ich werde es jedenfalls nicht tun.“
„Du bist ja auch nicht sein Typ.“ sagt Frau Römer.
„Carolin war auch sein Typ und mit ihr hat er es auch nicht gemacht.“
„Die war ja auch zu blöd, sich alleine auszuziehen.“
„Das kann die Rote aber ganz gut. Ich wette, Robert findet es sehr schön, ihr den Kaffee zu bringen, wenn sie im Pool ist. Robert steht auf Titten.“
Ich höre ein Geräusch hinter mir. Als ich mich herumdrehe, steht da Robert, leichenblass. Er hat seinen Zeigefinger auf die Lippen gelegt. Ich soll nichts sagen.
„Immer noch besser als auf blutende Striemen am Arsch.“ lacht Frau Römer.
Robert verdreht die Augen und winkt mir, ihm zu folgen. Ich kann kaum gehen, so zittere ich. Er schiebt mich in sein Büro und schließt die Tür hinter uns. Otto öffnet ein verschlafenes Auge, um es sofort wieder zu schließen.
„Was war das?“ frage ich scharf.
„Für was halten Sie es denn?“ frage Robert zurück. Er ist immer noch blass. Und ärgerlich. Zum ersten Mal sehe ich eine solche Regung in seinem Gesicht.
„Das war ein Exkurs über die sexuellen Vorlieben meines Mannes, nehme ich an.“
Ich lasse mich auf den Besucherstuhl fallen, in dem ich in letzter Zeit oft gesessen habe und Briefe frankierte. Meine Hände sind eiskalt, obwohl es so furchtbar heiß draußen ist.
„Was werden Sie nun tun?“
„Wahrscheinlich werde ich nicht das Personal auswechseln, oder?“
„Das wäre unklug.“ nickt er.
„Mein Mann ist also dominant, ja? Ein Sadist, nehme ich an.“
„Nein. Er ist nicht dominant.“ Robert wird rot. Er ist so diskret und jetzt muss er vorsichtig abwägen, was er mir sagen darf.
„Sie sprachen über Blut.“ erinnere ich ihn.
„Nicht über das Ihre, Frau Vandenberg.“
„Über seins etwa?“
„Frau Vandenberg. Ich kann Ihnen nicht mehr sagen. Ich habe schon zuviel gesagt.“ er windet sich. In dem er mir sagte, mein Mann sei nicht dominant, ist er bereits aus der Rolle gefallen und hat nach seinem Verständnis sogar schon Geheimnisse ausgeplaudert.
„Ich verstehe, Robert. Ich weiß es nicht von Ihnen. Wenn ich noch einmal lausche, erfahre ich vielleicht, worum es geht. Dabei wollte ich mir nur einen Kaffee holen.“
„Warum überlassen Sie das nicht mir? Es gehört zu meinen Aufgaben.“
„Ich habe selbst Füße.“
„Leider haben Sie auch Ohren.“ grinst er.
„Ja. Und Brüste. Die Ihnen ja scheinbar gut gefallen.“ sage ich unverschämt.
„Ich verhalte mich Ihnen gegenüber absolut korrekt.“ sagt er und kling eingeschnappt. Robert klingt eingeschnappt. Dass ich das noch erleben darf.
„Ich habe keinen Grund zur Klage. Ich wüsste auch gar nicht, wo ich mich beklagen sollte. Mein Mann ist ja nie da.“
„Frau Vandenberg? Ihnen sind die Regeln dieser Gesellschaft nicht so besonders geläufig, oder? Die Damen akzeptieren es, wenn ihre Gatten ihre Bedürfnisse, sagen wir, woanders befriedigt bekommen. Verstehen Sie, was ich sagen will?“
„Nutten sind in Ordnung. Darüber regt sich niemand auf. Sie sagen also, mein Mann geht zu Prostituierten? Wollen Sie das sagen?“ es rauscht in meinen Ohren.
„Nein. Ich erklärte Ihnen nur die Regeln dieser Gesellschaft.“
„Ich könnte dann meine Bedürfnisse auch anderweitig…?“
„Er sollte gesellschaftlich schon unter Ihnen stehen. Und Sie sollten diskret sein.“
„Dann haben Sie ja nichts zu befürchten, Robert. Ich betrachte Sie als gleichwertig.“
Er lacht ein angenehmes Lachen. „Ich sprach nicht von mir. Das ist indiskutabel.“
„Nein. Indiskutabel ist es, dass ich Prostituierte akzeptieren soll. Und als Ausgleich treibe ich es dann mit dem Gärtnergehilfen im Schuppen zwischen Rasenmäher und Gartenschlauch? Ist das wirklich Ihr Ernst?“
„Ich habe die Regeln nicht gemacht.“ sagt er steif.
„Was ist es denn, was sie ihm geben können? Warum kann ich das nicht?“
„Es würde bestimmt nicht Ihren Neigungen entsprechen.“
„Warum sind hier alle so verdammt vornehm? Alle Frauen können die Beine breit machen. Dafür muss man nicht intelligent sein. Wenn Sie es mir nicht sagen, werde ich mich im Rahmen eines sozialen Projektes für Prostituierte einsetzen. Ich finde, das ist eine hübsche Idee. Damit könnten sich auch die Gattinnen von Gregors Freunden identifizieren.“
„Weil sie sich selbst wie Prostituierte verhalten? Ja. In der Tat.“ er grinst wieder. Er ist jetzt völlig offen. „Sie nehmen es hin, weil es sich finanziell auszahlt. Aus keinem anderen Grund. Sie sind wirklich die einzige, die in ihren Mann verliebt ist.“
„Und Sie können es mir nicht sagen? Ein kleiner Hinweis?“ ich sehe ihn an, wie Otto das immer tut und dann ein Leckerchen einheimst. Robert wirft einen Blick auf den Hund.
„Also schön. Hol das Stöckchen.“ sagt er. Ich sehe ihn verwirrt an.
„Er spielt einen Hund?“
„Nein. Er spielt keinen Hund.“
„Ich bin der Hund. Er will mich an einer Leine führen.“
„Es hat nichts mit dem Hund zu tun.“
„Mit dem Stöckchen.“
Robert stöhnt unwillig. „Frau Vandenberg. Bitte.“
„Ich weiß, dass Sie nicht verklemmt sind. Ich habe Augen im Kopf. Und ich wette, diese Position hatten Sie nicht immer. Wenn Sie es mir nicht sagen, werde ich nachforschen.“
„Das bringt Ihnen nichts, Herrn Vandenberg ist mein Vorleben bekannt.“
„Schön. Was möchten Sie haben, damit Sie es mir erzählen? Oder soll ich ihn fragen?“
„Das wird er Ihnen nicht sagen.“
„Sie lassen mich also dumm sterben? Danke sehr.“ ich rausche beleidigt aus seinem Büro.
Gregor kommt heute Abend nicht. Er übernachtet wieder in der Stadt. Als Frau Römer mir das Essen serviert, bekommt sie von mir einen kalten Blick. Ich reiße ihr den Teller aus der Hand, schnappe mir die Weinflasche, die Robert in der Hand hält und marschiere damit nach oben. Die können mich doch alle mal. Ich bin Frau Vandenberg. Ich esse im Bett und kann dann nicht einschlafen. Ich sehe ein wenig fern und beschließe, mich mit der Flasche Wein in den Garten zu verziehen, wo es kühler ist. Im Haus ist nur die kleine Beleuchtung an. Es ist ruhig. Frau Römer ist fort und Robert ist auch nicht mehr da. Es ist gegen elf, als ich dem Wachdienst Bescheid gebe. Ich bin dann doch so stilvoll und hole mir ein Glas für den Rotwein. Mit diesem Glas in der einen Hand und der Flasche in der anderen wandele ich an den Rosenbeeten vorbei, die einen betörenden Duft verströmen. Wie schade, dass ich ihn alleine genießen muss. Ich gehe hinaus zum Pool. Der ist riesig und mit einer Hecke umsäumt. Eine Runde Schwimmen wäre keine schlechte Idee, denke ich. Das hat Robert wahrscheinlich auch gefunden, denn er befindet sich bereits drin.
„Entschuldigung. Ich wollte sie nicht stören, Robert.“ sage ich betreten.
„Wie könnten Sie mich stören.“ sagt er in einer charmanten Anwandlung. Er hat getrunken. Er lallt ein wenig. Wie sympathisch. Den gleichen Gedanken habe ich auch, Alkohol kann unter Umständen recht hilfreich sein.
„Was trinken Sie denn?“
„Rotwein.“
„Das passt. Trinken wir ein Glas zusammen?“ ich setze mich auf den Poolrand.
„Sie werden sich bald daran gewöhnt haben.“ sagt er und kommt zu mir herüber geschwommen. Sein Glas steht neben mir und er nimmt einen kräftigen Schluck.
„Woran? An den Alkohol? Bestimmt nicht.“
„An die Gepflogenheiten.“
Ich lache auf. Daran werde ich mich nie gewöhnen.
„Frau Vandenberg? Heute ist Dienstag. Warum besuchen Sie ihren Mann nicht morgen in seinem Büro?“
„Was sollte das für einen Sinn haben?“
Er stützt sich mit den Armen auf den Poolrand und sieht mich mitleidig an.
„Frischen Sie ein paar Erinnerungen auf. In Ihrer Wohnung.“ sagt er eindringlich.
„In meiner Wohnung?“
„Sie können es sehen, was er sich bei diesen Frauen holt.“ flüstert er vertraulich. Er hat schon ganz schön getankt. Er sieht richtig niedlich aus.
„Ich kann es sehen?“
„Ja. Verdammt, es hinterlässt Spuren.“ sagt er und taucht ab.
Es hinterlässt Spuren. Irgendetwas Perverses. Etwas, das nicht in mein Sexualleben passt. Großer Gott. Ich kenne meinen Mann gar nicht.
„He. Hauen Sie nicht ab. Was heißt das, es hinterlässt Spuren?“ Ich ziehe meinen Frotteemantel aus und springe in das Wasser. Ziemlich kalt, wenn man nicht darauf vorbereitet ist.
„Frau Vandenberg. Das ist äußerst unpassend.“ ruft er.
„Ach ja? Sag es mir sonst hinterlasse ich Spuren auf dir.“ ich bin ihm schon ziemlich nahe.
„Wirklich? Das will ich sehen.“ sagt er übermütig und unterbricht seine Flucht.
„Kannst du haben.“ ich drücke seinen Kopf nach unten und tauche ihn. Ich stütze mich mit meinem ganzen Gewicht auf ihn. Prustend taucht er wieder auf. „Das war es schon? Schwach.“ grinst er. Dann wird er ernst. „Sie sind so süß, Frau Vandenberg. Wirklich. Also schön. Sie schlagen ihn.“
„Sie schlagen ihn?“ ich gehe fast unter.
„Ja. Mit einem Rohrstock. Und wenn Sie sagen dass, sie das von mir wissen, bin ich meinen Job los.“
„Ich weiß es nicht von Ihnen. Ich werde es selbst feststellen. Heute Abend noch. Seien Sie so gut und bestellen mir ein Taxi, ja?“
„Nein. Warten Sie bis morgen.“
Das tue ich natürlich nicht. Ich bestelle mir selbst ein Taxi. In einem leichten Sommerkleid mit flachen Schuhen fahre ich zu Gregors Appartement. Ich drücke mit klopfendem Herzen auf die Klingel.
„Ja bitte?“
„Vandenberg Betriebskontrolle. Ich will sehen, ob Sie auch arbeiten.“
„Nathalie.“ er drückt auf. Grinsend steht er an der Tür. „Was machst du hier?“ er gibt mir einen Kuss. Er sieht so völlig entspannt aus, als hätte er gerade Sex gehabt. Aber nicht mit mir. Ein Blick ins Schlafzimmer sagt mir, aber auch nicht mit einer anderen Frau.
„Du hast mir gefehlt, Gregor.“ sage ich und drücke mein Gesicht an seine Brust. Sein Hemd ist offen. Wie gut mir das immer gefallen hat.
„Du hast getrunken?“
„Ja. Mit Robert im Pool.“ sage ich wahrheitsgemäß.
„Natürlich.“ lächelt er. Er glaubt mir kein Wort.
„Und? Was machst du?“
„Ich brüte über einem Vertrag. Das ist eine ganz große Sache.“ er geht mit mir in sein Arbeitszimmer. Der Vertrag hat bestimmt 200 Seiten. Also arbeitet er wirklich. Er hat ihn mit gelben Zettelchen versehen und sich Notizen gemacht. Ich schmiege mich in seine Arme.
„Ich bin so einsam in dem großen Haus.“ sage ich kläglich. Dann lege ich meine Hände auf seinen Hintern und er zuckt zusammen. Robert hat die Wahrheit gesagt. Deshalb schläft Gregor nur samstags mit mir. Weil bis dahin die Spuren nicht mehr zu sehen sind.
„Ich bin ja morgen wieder da, Schatz.“ er küsst mich auf das Haar. Eigentlich hätte er mir anbieten sollen, hier zu übernachten. Das wäre selbstverständlich.
„Gregor? Warum kann ich nicht hier übernachten?“ „Weil ich noch arbeiten muss, meine Süße.“ sagt er bedauernd.
„Gregor? Erwartest du noch jemanden?“
„Nein. Wenn soll ich denn erwarten?“
„Die Frau, die das getan hat?“ ich kneife ihn in eine Pobacke und er schreit gequält auf.
„Das wirst du bereuen, Gregor. Das schwöre ich dir.“ ich rausche an ihm vorbei und schlage die Wohnungstür hinter mir zu. „Nathalie.“ brüllt er durch das Treppenhaus.
„Scheiß auf Nathalie. Die fährt nach Hause. Dahin, wo es einsam ist.“ brülle ich undamenhaft zurück. Dann stehe ich auf der Straße. Natürlich ist weit und breit kein Taxi zu sehen. Aber Gregors Limousine. Die fährt gerade vor. Robert hat also Charly aus dem Bett geklingelt. Der arme Kerl. Zögernd bleibe ich stehen. Charly steigt aus. „Frau Vandenberg.“ sagt er und tippt an seine Kappe. Er hält mir die Tür zum Fond auf.
„Sie sind nicht erstaunt?“
„Nicht im Geringsten. Würden Sie bitte einsteigen?“
„Steigen Sie schon ein.“ sagt ein ziemlich betrunkener Robert vom Rücksitz. Er hat noch nasses Haar und ist nachlässig gekleidet. „Das war ein Fehler, Frau Vandenberg.“
„Es steht Ihnen nicht zu, mich auf meine Fehler hinzuweisen.“ sage ich würdig und nehme neben im Platz. Dann, als Charly die Tür geschlossen hat, fange ich an zu weinen.
Robert reicht mir ein feuchtes Taschentuch. „Niemand sonst tut es.“
„Richtig. Weil ich niemanden habe.“
Ich höre Charly unwillig stöhnen. „Nein. Natürlich nicht. Deswegen sind wir ja auch hier. Weil wir Sie nicht mögen.“ sagt er ironisch.
„Wo bin ich hier hingeraten?“ schluchze ich. „Warum hat mir das niemand gesagt?“
„Weil er sie von allen ferngehalten hat, die es hätten tun können.“ sagt Robert.
„Die Leute, die es wissen, die kennen Sie gar nicht.“
„Und was soll ich jetzt tun?“
„Nichts.“ sagt Robert. „Sie tun nichts. Er wird morgen nach Hause kommen und es mit keinem Ton erwähnen. Er ist so beschissen vornehm, wie Sie es nennen. Und soll ich Ihnen was sagen? Da haben Sie vollkommen Recht. Er wird Ihnen etwas Hübsches, Nutzloses mitbringen und sie werden lächeln. Das ist alles. Gewöhnen Sie sich daran.“
Ich habe mich in den Schlaf geweint und wache am nächsten Morgen auf, als Robert die Vorhänge aufzieht. Mir geht es schlecht. Böse blinzele ich ihn an und ziehe mir wieder die Decke über den Kopf. „Frau Vandenberg. Es ist 6.30 Uhr.“
„Mein Leben ist vorbei.“ nuschele ich unter der Decke.
„Geht es Ihnen nicht gut? Brauchen Sie einen Arzt?“
„Ich brauche ein Sexualleben.“ brumme ich.
„Damit kann ich leider nicht dienen. Wie wäre es mit einem Tee?“
„Das ist nicht witzig, Robert.“ fauche ich und nehme die Decke von meinem Gesicht.
„Nein. Das Leben ist leider kein Wunschkonzert. Kann ich sonst etwas für Sie tun?“
„Damit können Sie ja nicht dienen.“
„Das könnte ich schon. Aber Sie würden es bereuen.“
„Sind Sie ein so mieser Liebhaber?“ ich blinzele ihn an.
„Es hat sich noch niemand beschwert. Sie würden es bereuen, wenn Sie es tun würden. Sie sind wütend und verletzt. Das ist keine gute Grundlage.“
„Was wäre denn eine gute Grundlage?“
„Ich lasse Sie jetzt alleine. Sonst bereuen Sie nachher noch das Gespräch.“
Ich beschäftige mich nach dem Frühstück den ganzen Tag mit Otto. Er schläft fast nur noch. Ich denke, seine Zeit ist gekommen. Ich hocke neben seiner Decke und kraule seine Ohren, bis Robert von seinen Besorgungen zurück ist. Otto wird bald sterben, vielleicht schon heute.
„Robert?“ ich ziehe Ottos Kopf auf meinen Schoß.
„Er hat ein paar schöne Monate hier gehabt.“ sagt Robert und kniet sich daneben. Wir schweigen beide, betroffen und traurig.
„Was macht ihr denn da?“ höre ich Gregors Stimme.
„Er wird bald sterben.“ sage ich erstickt.
„Ich kaufe dir einen neuen Hund.“ sagt er doch tatsächlich. Wie gefühllos er ist.
„Wenn du stirbst, kaufe mich mir auch sofort einen neuen Mann. Hau ab. Lass uns alleine.“ sage ich böse.
„Was hast du gesagt?“
„Du bist so was von gefühllos. Ich weiß nicht, was mich bewogen hat, dich zu heiraten.“
„Das weißt du nicht? Eine kleine Firmenbeteiligung vielleicht?“
„Schieb sie dir doch gepflegt in deinen vornehmen Arsch, Schatz. Ich will sie nicht.“
„Du willst sie nicht?“
„Gregor. Dieses Tier stirbt jetzt gleich. Hast du nur dein beschissenes Geld im Kopf?“
„Mache ich auch mal etwas richtig?“ er stapft wütend davon.
„Nehmen sie ihn, Robert.“ ich ziehe mein Knie weg und er schiebt seins unter den Hundekopf. Ich kraule weiter Ottos Ohren. Dann schnauft Otto vernehmlich und sein Körper erschlafft. Es ist vorbei. Ich stehe auf und lege Robert meine Hand auf die Schulter.
„Wir begraben Ihn nachher.“ sage ich und muss mir erst einmal ein Taschentuch holen.
Dann gehe ich in die Küche. „Frau Römer? Holen Sie mir einen der Gärtner. Sofort, wenn ich bitten darf.“
„Einen der Gärtner?“
„Ja. Den knackigsten, den wir haben.“ sage ich anzüglich. Sie soll wissen, dass ich das Gespräch mitbekommen habe. „Worauf warten Sie?“
„Ich gehe ja schon.“ murmelt sie. Nach einer Weile kommt sie zurück mit dem Meister im Schlepptau. Ein alter Mann, der die Mütze abnimmt, als er herein kommt.
„Frau Vandenberg?“
„Suchen Sie einen schönen Platz für ein Grab und machen Sie ein Loch. Groß genug für Otto.“ sage ich.
„Der Hund ist tot?“
„Ja. Gerade gestorben. Wie wäre es in der Nähe des Rosenbeetes?“
„Das sollten wir vielleicht mit Herrn Vandenberg…“
„Ich bin Frau Vandenberg. Graben Sie dieses verdammte Loch.“ schreie ich unbeherrscht.
„Ich kann doch nicht einfach…“
„Schon gut. Bringen Sie mir den Spaten. Ich mache das selbst.“
„Sie?“
„Ja. Und wenn Sie jetzt noch weiter diskutieren, grabe ich für sie ein Loch. Hopp, her mit dem Spaten.“
Das tut er auch. Er bringt mir den Spaten und geht ungläubig hinter mir her, als ich eine schöne Stelle für Otto aussuche. Frau Römer bleibt an der Tür stehen. Ich fange an, den Rasen abzustechen und ihn vom Grund abzuheben. Es ist bestimmt 30 Grad im Schatten. Mit läuft der Schweiß in die Augen. Dann kommt Robert und nimmt mir den Spaten aus der Hand. Er reicht mir sein Jackett und krempelt sich die Ärmel hoch.
„Was zum Teufel macht ihr da?“ sagt Gregor ungläubig, als er die Versammlung sieht.
„Wir beerdigen Otto. Du würdest ihn ja einfach mit dem Restmüll entsorgen.“ erkläre ich und wische mir mit dem Saum meines Kleides den Schweiß aus dem Gesicht.
„Geben Sie mir den Spaten, Robert. Es ist der Wunsch meiner Frau. Es ist ihr Hund. Es ist meine Aufgabe.“ er zieht sich nicht nur sein Jackett aus, sondern auch noch sein Hemd. Frau Römer fallen fast die Augen heraus. Ich erlebe gerade etwas sehr wichtiges. Mein Mann ist für mich da. Er hat verstanden, dass mir das hier viel bedeutet. Er hat es verstanden. Robert reicht ihm ungläubig den Spaten und Gregor fängt an zu graben. Ich stehe dabei und sehe, wie er vor Schmerz das Gesicht verzieht. Hätte er sich am Montag nicht schlagen lassen, wäre das jetzt nicht so, denke ich schadenfroh. Frau Römer geht zögernd zurück ins Haus. Als sie wieder heraus kommt, hat sie mit der Vorarbeiterin den Hund samt Kissen auf die Transportkarre gewuchtet, mit der sie sonst die Getränkekisten transportiert. Sie hat ihn mit einer alten Decke zugedeckt. Jetzt weint sie sogar, die falsche Kuh. Die Hälfte hat Gregor schon geschafft. Aber es ist noch nicht tief genug. Ihm tropft der Schweiß auf die Schuhe. Also übernimmt Robert wieder und buddelt den Rest. Dann legen sie beide, Gregor und Robert, den Hund vorsichtig hinein. Der Gärtner, der ungläubig dabei gestanden hat, schaufelt das Loch wieder zu. Es hat bestimmt 2 Stunden gedauert, bis der Rasen darüber wieder festgetreten ist. Ich gehe langsam hinein. Ich stelle mich oben unter die Dusche, um meine dreckigen Füße von der Gartenerde zu befreien. Ich sehe aus wie ein Ferkel. Ich habe sogar Erde im Gesicht, stelle ich auf dem Weg ins Bad fest, als ich an dem großen Spiegel im Schlafzimmer vorbei komme.
„Es tut mir leid, das mit dem Hund.“ sagt Gregor, als ich wieder hinaus komme. Ich habe mich in ein großes Handtuch gewickelt. Er sieht mich bittend an.
„Schon gut, Gregor.“
„Ich wusste nicht, dass er dir soviel bedeutet. Ich weiß überhaupt nicht viel von dir.“
„Nein. Du dachtest, wir haben einen Deal. Ich spiele deine Frau für eine Firmenbeteiligung. Dass du dich nicht schämst.“
„Aber so läuft es, Nathalie.“ sagt er hilflos.
„So läuft es, ja? Wo? In deiner Welt, in meiner nicht. In meiner kleinen Welt heiratet man, weil man sich liebt. Du hast bestimmt schon davon gehört. In Filmen sieht man das manchmal.“ sage ich müde. Er hat es doch nicht verstanden. Er steht noch so da, wie er im Garten gegraben hat. Seine Hose ist mit Erde bedeckt und seine Schuhe hat er unten ausgezogen.
„Du liebst mich also?“
„Ich hätte den Spaten mitnehmen sollen. Ich hätte wirklich Lust, ihn dir über den Schädel zu ziehen.“ murmele ich und ziehe mir frische Unterwäsche an. „Ich dachte, du liebtest mich. Tut mir leid. Kommt nicht wieder vor.“
„Aber das tue ich, Nathalie.“
„Ja. Genau. Und deswegen gehst du zu Nutten.“
„Wie hätte ich dir das sagen können?“
„Indem du den Mund aufmachst, Gregor.“
„Und du hättest das für mich getan?“
„Vielleicht. Jetzt nicht mehr. Geh, fahr wieder in deine Wohnung. Ich bin ja hier nur schmückendes Beiwerk. So wie Robert. Inventar.“
Ich ziehe mir ein neues Kleid über dem Kopf. „Warum hast du mich gewählt? Wegen meiner Haarfarbe?“
„Auch. Und wegen deines Blickes. Und deiner Stimme und deiner Art, wie du mich zum Lachen bringst.“ sagt er unsicher.
„ Das ist nicht besonders viel, Gregor.“
„Was liebst du denn an mir?“
„Im Moment äußerst wenig.“
„Ich habe das Loch für deinen Hund geschaufelt.“
„Toll. Wahrscheinlich hast du zum ersten Mal in deinem Leben etwas selbst getan.“
„Du machst mir meinen Reichtum zum Vorwurf, ja?“
„Nein. Deine Ignoranz. Du ignorierst mich. Du weißt überhaupt nicht, was in mir vorgeht. Interessiert es dich, wer das weiß? Robert und Charly. Alle anderen halten mich für eine Nutte. Woher das wohl kommt, Gregor?“
„Ich habe dich völlig falsch eingeschätzt, Nathalie.“ sagt er niedergeschlagen.
„Ich dich auch, Gregor. Da haben wir doch einmal eine Gemeinsamkeit. Ich gehe jetzt essen.“
Ich hole mir meinen Teller in der Küche und bekomme von Frau Römer zum ersten Mal etwas wie ein Lächeln. Dann setzte ich mich auf den Rasen, neben die Stelle, unter der jetzt Otto liegt. Er war der einzige, der hier glücklich war. Vielleicht sollte ich noch mehr Hunden diese Chance geben. Dann hätte mein Leben wenigstens ansatzweise einen Sinn.
„Wollen wir mal ins Tierheim fahren?“ sagt Gregor und nimmt mir den leeren Teller vom Schoß.
„Das ist noch zu früh. Man kann ihn nicht einfach ersetzen, Gregor. Es war Roberts und mein Hund.“
„Roberts und dein Hund. So. Ich bin quasi gar nicht vorhanden.“
„Doch, Schatz. Auf jeder Filmpremiere oder Preisverleihung. Du machst dich gut an meinem Arm.“
„Ich kenne dich gar nicht, Nathalie.“
„Das ist auch nicht nötig. Robert betrachtet mich als deine persönliche Angelegenheit und kümmert sich um meine Belange.“
„Was erwartest du von mir, Nathalie?“
„Dass du so bist, wie ich dich kenne. Du bist mir so fremd. Du bist so abweisend. Gleichgültig und kalt. Warum bist du so zu mir? Habe ich etwas falsch gemacht?“
„Es liegt nicht an dir.“
„Woran liegt es dann?“
„An den Medikamenten gegen meine Depressionen, Nathalie. Es tut mir leid.“
Er hat die Hände in den Hosentaschen vergraben und sieht mich an wie ein Dackel.
Seine braunen Augen blicken traurig und ich bin versucht, ihn hinter den Ohren zu kraulen.
Er hat Depressionen. Und er hielt es nicht für nötig, mir das mitzuteilen. Ein wundervoller Ehemann und Partner.
„Leider kann ich dir bei Depressionen nicht helfen. Ich bin kein Arzt. Du hättest es mir sagen können. Lass mich jetzt alleine, Gregor. Ruf mal deinen Anwalt an, er soll die Beteiligung rückgängig machen. Und dann gebe eine Presseerklärung heraus. Die Goldgräberin verzichtet auf das Geld. Vielleicht begegnet man mir dann mit etwas Achtung. Vielleicht kannst du es dann auch.“
„Ist das wirklich dein Wunsch, Nathalie? Weißt du, wie hoch die Erbschaftssteuer wird, wenn ich sterbe?“ Ich sehe ihn an. Er hat wirklich nicht alle Tassen im Schrank.
„Weißt du, wie teuer das wird, wenn ich mich scheiden lasse? Wir haben keinen Ehevertrag. Wie kann man so dumm sein? Da war wohl ein Schlag mit dem Rohrstöckchen zuviel?“
„Du verachtest mich dafür.“
„Nein. Ich verachte mich dafür.“ ich stehe auf. „So dämlich bin ich noch nie im Leben gewesen. Ich bin auch noch freudestrahlend auf eigenen Füßen in den goldenen Käfig gehüpft. So dumm muss man erst einmal sein, Gregor. Aber ich bin ja lernfähig. So, wie es jetzt läuft, geht es nicht weiter. Ich verplempere nicht mein Leben in diesem beschissenen, kalten Palast, um auf ein Zeichen deiner Zuneigung zu warten. Jeden Samstagabend.“
Ich habe vollkommen die Beherrschung verloren. Jeder hier muss es gehört haben, so laut kreische ich.
„Was hast du vor?“
„Ich ziehe in meine alte Wohnung. Und wage es nicht, dort aufzukreuzen, mein Freund.“
„Du drohst mir? Nein. Bleib ruhig hier. Ich gehe. Das muss ich mir nicht anhören.“
„Ja. Tu das, was du immer tust. Lauf weg.“
„Ich hasse dich.“ brüllt er. Seine sanften Dackelaugen sind von einer Kälte, die ich noch nie gesehen habe.
„Ja? Wie schön. Dann kannst du ja doch etwas fühlen.“
Wirklich blöd für Gregor, dass wir heute Abend eingeladen sind. Bei einem Abgeordneten, glaube ich. Es ist ein Gartenfest und Prominenz und Pressevertreter sind geladen. Mittlerweile brauche ich keine Stylistin mehr, nur noch einen Friseur, der so tuntig ist, dass er mich in gute Laune versetzt. Ich sehe sehr schön aus. Ich muss mich selbst dafür loben, dass ich mir dieses Kleid kaufte. Dann sitze ich in stummem Brüten neben ihm in der Limousine. Der kann was erleben, nehme mich mir vor. Zuerst lasse ich mich mit lieblichem Blick mit ihm fotografieren. Dann lasse ich mich voll laufen. Aber so richtig. Ich vertrage nicht viel. Und wenn ich getrunken habe, werde ich richtig anlehnungsbedürftig. Zuerst lehne ich mich an Gregor an. Und dann an den Gastgeber. Der fühlt sich richtig geschmeichelt, der fette Sack. Noch bin ich in der Lage, charmant zu plaudern. Dann greife ich wieder zum Champagner. Und irgendwann sammelt mich Charly von einer großen Treppe auf, nachdem ich meine Schuhe in den Teich geworfen habe, weil ich mich ausziehen will. Wie günstig, dass gerade ein Fotograf in der Nähe ist, als Charly mich auf den Armen hat. Ich winke freundlich in die Kamera. Ich weiß gar nicht, wie ich ins Bett gekommen bin. Aber als Robert meine Wade streift, als er die Decke über mich zieht, bemerke ich, dass Gregor neben mir liegt. Er schnarcht lautstark. Also hat er auch gestern getrunken. Robert zieht die Vorhänge auf und grinst mich unverschämt an. Er weist auf die Zeitung und geht dann. Das Foto, das mich auf Charlys Armen zeigt, hat eine durchschlagende Wirkung. Nicht nur das Foto. Vandenberg-Ehe nicht glücklich? lautet die Schlagzeile. Wer da wohl seine Finger im Spiel hatte? Gregor knallt mir wutentbrannt die Zeitung auf die Brust.
„Das war erst der Anfang, Schatz.“ sage ich und ziehe mir die Decke wieder über den Kopf.
„Ab sofort nehme ich meine Termine alleine wahr.“
„Fein. War mir sowieso zu anstrengend.“ brumme ich.
„Wie kommen die auf diese Schlagzeile?“
„Ist mir ein Rätsel. So glücklich war ich noch nie im Leben.“
„Ab heute gehen wir getrennte Wege.“
„Also bleibt alles so, wie es ist.“
Ja. Ein echt blöder Zufall, dass eine von den Pressetanten während meiner Studienzeit mit mir in einer Wohngemeinschaft gelebt hat. Ich werde ihr nachher Blumen schicken. Also, nicht ich persönlich. Dafür habe ich ja Personal. Nachdem Gregor angekündigt hat, vorerst nicht ins Vandenberg-Haus zurück zu kehren, sondern in seiner Stadtwohnung zu leben, gehe ich in Roberts Büro und gebe ihm den Auftrag, Gabi ein paar Blumen zu schicken. Er notiert sich die Adresse. Dann grinst er.
„Was? Ich bin nur höflich.“
„Planen sie noch etwas in dieser Art, Frau Vandenberg?“
„Das kommt darauf an, wie sich mein Mann verhält.“
„Er wird nichts tun.“
„Was macht Sie da so sicher, Robert?“
„Er ist zu vornehm.“ lächelt er.
„Richtig. Mein vornehmer Gatte. Wissen Sie was? Machen Sie mir doch einen Termin beim Friseur. Ich glaube, ich brauche eine neue Frisur.“
Als ich wiederkomme, habe ich einen schwarzen Pagenschnitt. Meine Augen kommen dadurch noch mehr zur Geltung. Ich bin ein ganz neuer Typ. Und ich brauche nicht mehr auf die Farben aufzupassen, damit sie sich nicht mit meinem Haar beißen. Ich war noch bei der Kosmetikerin und sie hat mir ein dezentes Make-up verpasst.
Robert starrt mich an, als er mir eine Tasse Tee bringt.
„Gefällt es Ihnen nicht, Robert?“
Er errötet. Doch. Es gefällt ihm. Sein Blick wanderte von meinem Kopf bis zu meinem Busen und zurück. Er hat mich neu entdeckt, glaube ich.
„Es ist so anders, Frau Vandenberg. Sie sehen völlig verändert aus. Sehr apart.“
„Ich dachte, es sieht aufregend aus. Was ist denn apart?“ sage ich enttäuscht.
„Ich kann Ihnen ja schlecht sagen, dass es aufregend aussieht.“ sagt er unsicher.
„Warum gehen wir beide heute Abend nicht aus? Sie können es mir dann sagen.“
„Frau Vandenberg!“ er fällt fast in Ohnmacht. So, als hätte ich ihn gebeten, sich auszuziehen.
„Sie würden nicht mit mir ausgehen?“
„Ich habe bereits eine Verabredung.“ sagt er. Ob das gelogen ist, kann ich schlecht sagen. Wahrscheinlich ist es ein höflicher Korb.
„Natürlich. Tut mir leid. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“
„Ich treffe mich mit meiner Tochter.“ sagt er.
„Ich wusste gar nicht, dass Sie Familie haben.“ sage ich erstaunt. Er hat ein Privatleben. Wahrscheinlich auch eine Frau. Und ich grabe ihn hier so unverschämt an.
„Nein. Nur eine Tochter. Vielleicht haben Sie Lust, sie kennen zu lernen? Sie ist 19 und hat gerade angefangen zu studieren.“
„Nein. Ich habe in Ihrem Privatleben nichts verloren.“
„Wie Sie meinen. Brauchen Sie noch etwas?“
„Danke.“
Ich hocke mich mit meiner Tasse Tee auf die Couch. Sogar Robert hat ein Privatleben. Vielleicht hat er eine Freundin. Und dann muss er die Zeit mit mir verbringen, der arme Kerl. Vielleicht sollte ich im um 16 Uhr frei geben. Ich brauche ihn wirklich nicht den ganzen Abend. Ich bräuchte meinen Mann, so, wie er vor unserer Hochzeit war. Aber den gibt es ja nicht mehr. Und mich braucht wirklich niemand. So schnell kann das gehen. Aus dem rosa Wolkenland unsanft auf den Arsch geknallt. Willkommen in der Realität, Nathalie.
Ich gehe in mein Büro und schreibe Gregor eine Mail. Ich schlage vor, Robert ein Privatleben zu gönnen. Höflich frage ich nach seinem Befinden. Und ich schreibe, dass es mir Leid tut, dass es so gekommen ist. Umgehend kommt die Antwort. Ich soll mit dem Personal so verfahren, wie ich es für richtig halte. Es geht ihm, Gregor, schlecht. Ihm tut es auch leid, dass er so unhöflich war. Und dass er mich vermisst. So, wie ich früher war. Dass er aber nichts dafür kann, dass es ihm so schlecht geht. Er bemüht sich und geht bald zur Therapie. Es liegt ihm viel daran, sein Leben in den Griff zu bekommen und wieder der Mann zu werden, in den ich mich verliebt hatte. Er unterschreibt in Liebe, Gregor. Ich würde am liebsten meinen Rechner aus dem Fenster werfen. In Liebe. Dass ich nicht lache. Ich surfe ein wenig im Internet, trinke ein Glas Wein und langweile mich. Dann höre ich die Haustür. Es ist 23.30 Uhr. So schnell kann Gregor nicht hier sein. Es ist auch nicht Gregor. Roberts Schritt kenne ich. Er sieht erst ins Wohnzimmer und kommt dann ins Büro.
„Sie arbeiten noch?“
„So würde ich das nicht nennen.“ lächele ich. Er sieht wirklich gut aus. Er trägt einen sehr eleganten Anzug und er ist gut gelaunt.
„Robert? Ich habe mir überlegt, dass ich Sie wirklich nicht so lange in Anspruch nehmen kann. Warum machen Sie nicht um 16 Uhr Feierabend? Sie haben ein Privatleben.“
„Ich soll um 16 Uhr Feierabend machen? Warum?“ fragt er entsetzt.
„Was benötige ich denn schon? Ein Glas Wein? Das kann ich mir selbst holen. Ich weiß, dass es Ihrem Pflichtbewusstsein widerspricht. Aber wir leben nicht im Mittelalter. Sie haben bestimmt eine Freundin, die Sie gerne öfter sehen möchte.“
„Frau Vandenberg. Es wäre sehr freundlich, wenn Sie mein Privatleben mir überlassen würden.“ sagt er gepresst.
„Das tue ich doch auch. Sie sollen nur mehr Zeit dafür haben. Es ist in Ordnung, wirklich.“
Robert stöhnt. Jetzt wird er aus der Rolle fallen. Frau Römer hatte schon Recht. Ich störe hier nur den geregelten Ablauf.
„Frau Vandenberg, auf die Idee, dass ich gerne in Ihrer Nähe bin, sind Sie noch nicht gekommen, oder?“ sagt er ärgerlich.
„Ich bin auch gerne in Ihrer Nähe, Robert. Da ist sehr nett von Ihnen.“
„Sie verstehen mich nicht. Dass ich mich so korrekt Ihnen gegenüber verhalte, bedeutet nicht, dass es meinem Wunsch entspricht.“
Ich verstehe ihn wirklich nicht. „Sie würden sich lieber nicht korrekt verhalten? So, wie Frau Römer, meinen Sie?“
„Nein. Nicht wie Frau Römer.“
„Ich verstehe nicht, was Sie meinen, Robert.“ sage ich hilflos. Was würde er denn gerne? Mich übers Knie legen? Mich anschreien?
„Das ist vielleicht besser so. Benötigen Sie mich noch?“
„Nein. Werden Sie es sich überlegen? Früher Schluss zu machen, meine ich.“
„Nein. Werde ich mir nicht überlegen.“ sagt er renitent. Er funkelt mich an. Was hat er nur?
„Herr Zorn? Haben Sie getrunken?“
„Nein. Das ist mir einmal passiert. Und ich habe nicht auf Sie aufgepasst.“
„Jetzt wissen Sie ja, wo ich bin. Schlafen Sie gut, Robert.“ ich schalte meinen Laptop aus und verlasse das Büro.
„Gute Nacht, Frau Vandenberg.“
Ich überlege die ganze Zeit, was er gemeint hat. Noch, als ich mich ausziehe. Heute werde ich nur im Slip schlafen. Es ist brütend heiß im Schlafzimmer. Ich öffne die Terrassentüren weit und beobachte, wie sich die Vorhänge im Wind bewegen. Meine Decke ist viel zu warm. Also hole ich mir ein großes Handtuch im Bad, mit dem ich mich so bedecke, dass die Beine herausschauen. Sogar der Slip stört mich und ich ziehe ihn auch noch aus. Sollen mich die Mücken ruhig finden. An einem Mückenstich herumzukratzen ist immer noch besser als einen Hitzschlag zu bekommen. Wenn es morgen auch noch so heiß ist, werde ich auf der Terrasse schlafen, nehme ich mir vor. Ich brauche lange, bis ich einschlafe. Und besonders ruhig ist der Schlaf auch nicht. Erst, als es schon hell wird, schlafe ich fest ein.
Kapitel 2 Hengsparade
Robert zupft vorsichtig an meinem Badetuch herum. Ich liege auf dem Bauch, meine Decke unter mir. Und mein Badetuch habe ich mir über den Kopf gezogen, damit ich diese blöde Mücke nicht summen hörte. Robert habe ich ganz vergessen. Er überlegt, was er tun soll. Wahrscheinlich starrt er dabei meine Rückseite an, die ich ihm präsentiere. Ich stelle mich schlafend. Sonst wird es für beide peinlich. Dann fühle ich seine kühle Hand auf meinem Oberschenkel. Ich halte die Luft an. Was macht er denn da?
„Ich weiß, dass du nicht schläfst.“ flüstert er. Dann arbeitet sich seine Hand zärtlich zu meinem Po hoch und streichelt mich dort. „Du hast es also verstanden.“ murmelt er. Dann streichelt er sich mit den Fingern den Spalt wieder nach unten und greift mir sanft zwischen die Beine. Wie wundervoll. Er streichelt mich zwischen den Schamlippen, bis er den weichen, empfindlichen Knopf gefunden hat. Vorsichtig bewegt er dort seinen Finger. Ich glaube, ich träume. Robert streichelt mich. Das hat er gemeint. Jetzt verstehe ich es erst. Ich bin wirklich nicht die hellste.
Er hat sich auf die Bettkante gesetzt und küsst mich auf den Nacken. “Dreh dich um, Nathalie.“ sagt er leise und zärtlich. „Komm schon. Dreh dich um. Sonst kann ich dich nicht küssen.“
Und wie dieser Mann küsst. Mir wird ganz schwindlig vor Entzücken. Seine Zunge tastet sich zärtlich durch meinen Mund, seine Hand liegt zwischen meinen Beinen und ruft eine Erregung in mir hervor, die ich lange nicht gefühlt habe. Wie unglaublich zärtlich er ist. Ich will sein Hemd aufknöpfen. „Nein. Heute Abend.“ flüstert er. Jetzt soll ich auch noch darauf warten! Aber auf eines brauche ich nicht lange zu warten. Stöhnen vor Lust, mit dem Mund an seinen Lippen, streichelt er mich zum Höhepunkt.
„Willst du heute Abend bei mir schlafen? Da ist es kühler.“ sagt er fürsorglich, als er mich im Arm hält.
„Kann ich nicht immer bei dir schlafen? Ich könnte bei dir einziehen.“
„Das wäre schön, ja. Lass uns die Zeit genießen, die wir zusammen haben.“
„Du meinst die Zeit, bis Gregor wieder da ist?“
„Ja. Die meine ich.“ er küsst mich zärtlich.
„Robert? Wenn ich mir überlege, was du mir gesagt hast, könnte ich wirklich meinen, du seiest in mich verliebt. Habe ich mich da getäuscht?“
„Nein. Hast du nicht.“
„Und doch gehst du davon aus, dass ich das nur tue, weil mir mal danach ist?“
„Ich mache mir schon lange keine Illusionen mehr, Nathalie. Du bist Gregors Frau. Was könnte ich dir schon bieten?“
„Keine Ahnung. Ich habe ja noch nicht alles gesehen.“
„Das meine ich nicht. Welches Leben könnte ich dir bieten?“
„Eins mit dir?“
„Ja. Das ist das einzige, was ich zu bieten habe. Das wird dir nicht reichen. Komm, zieht dich an. Dr. Meisler kommt gleich. Gregor hat ihn geschickt, er will mir dir sprechen.“
„Ah. Die Firmenbeteiligung. Bald bin ich wieder arm und ich selbst.“
„Bald bist du wieder arm, weil du dumm bist. Wie kann man das zurückgeben wollen?“
„Ich bin nicht käuflich.“
Ich empfange Dr. Meisler in meinem Büro. Er ist um die Sechzig und er sieht mich an, als sei ich seine ungezogene Tochter. Ich sehe ihn heute zum ersten Mal. Er schüttelt den Kopf.
„Frau Vandenberg. Ich habe ja schon wirklich merkwürdige Wünsche gehört. Aber das ist mir noch nicht untergekommen. Sie können die Anteile nicht verkaufen oder verschenken. Es sei denn, an ihren Mann. Aber der will sie nicht. Was haben Sie sich nun vorgestellt?“
„Ich habe einen Vertrag unterschrieben, der mich quasi zwingt, die Anteile zu behalten?“
„Das hätte Ihnen als Anwältin auffallen sollen. Warum sollte Sie sie zurückgeben wollen? Können sie mir einen Grund dafür nennen?“
„Ja. Das kann ich. Mein Mann hat mir unterstellt, ihn nur aus diesem Grund geheiratet zu haben. Für ihn klang das fair. Ich bekomme die Anteile, er eine Frau, mit der er repräsentieren kann. Aber so habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich liebe Gregor. Jedenfalls tat ich das, bis er das sagte. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher.“
Schon gar nicht, wenn ich daran denke, wer mich heute Morgen gestreichelt hat und was ich dabei empfunden habe. Sehnsüchtig lausche ich auf Roberts Schritt. Aber es ist nichts zu hören.
„Sie wollen sie also zurückgeben, weil Sie verletzt sind? Er hat Ihren Stolz verletzt?“ fragt Dr. Meisler ungläubig und schaut mich über den Rand der Brille an.
„Ungewöhnlich, oder? Ich weiß. Das ist in diesen Kreisen nicht üblich.“ sage ich spöttisch.
„Frau Vandenberg? Ganz im Vertrauen. Er hat es mit Sicherheit nicht so gemeint. Er liebt sie. Wenn es im Moment auch nicht danach aussieht. Er ist schwer krank. Seine Seele, meine ich. Seien Sie nicht so hart zu ihm.“
„Schwer krank, ja? Schwer misstrauisch, würde ich sagen. Warum kann er mir das nicht erzählen?“
„Er schämt sich dafür. Weil er nichts dagegen tun kann. Er war schon einmal in einer stationären Therapie. Dort hat er…“ er bricht ab.
„Dort hat er was?“
„Nichts. Er machte nur kleine Fortschritte, wollte ich sagen.“
„Es war noch schlimmer?“
„Oh, ja.“
„Warum war so anders, als er mich kennen gelernt hat?“
„Er hat mit etwas experimentiert, was nicht legal ist.“ flüstert er wie unter Qualen.
„Mit Drogen?“
„So genannte weiche Drogen.“
„Er hat Gras geraucht? Was ist dabei? Es hat ihm doch wohl geholfen.“
„Ja. Jetzt ist er vorbestraft.“ grinst Dr. Meisler.
„Vorbestraft?“
„Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz.“
„Aber es gibt doch Studien. Kann man ihn nicht in eine aufnehmen?“
„Nur Schmerzpatienten.“
„Ich nehme an, er muss sich testen lassen, ob er es noch nimmt. Wie lange noch?“
„Etwa ein Jahr.“
„Das ist unmenschlich. Warum gehen wir nicht zum Gerichtshof für Menschenrechte?“
„Was für eine Publicity für Vandenberg Automotive.“ seufzt er.
„Also muss er noch ein Jahr leiden.“
Er hätte es mir sagen können, hämmert es in meinem Kopf. Warum hat er es mir bloß nicht gesagt? Aber bevor ich weiterdenken kann, kommt Robert aus der Stadt zurück. Er sieht mich zärtlich an. „Ich habe Ihren neuen Bestseller dabei, Frau Vandenberg. Es geht um jede Menge Sex.“ sagt er und gibt mir die Tüte mit dem Buch.
„Ehrlich? Können Sie behalten. ich habe keinen.“ sage ich, als ich Frau Römer durch den Flur kommen höre.
„Es könnte Ihre Phantasie anregen.“ schlägt er grinsend vor.
„Ich könnte es Gregor schicken. Was halten Sie davon?“
„Eine gute Idee. Ich packe es gleich ein.“ sagt er und nimmt mir die Tüte wieder ab. Er hat Frau Römer auch gesehen.
„Sind Sie gleich im Büro? Ich muss ein paar Termine mit Ihnen abstimmen.“
„Das können wir sofort. Kommen Sie, Frau Vandenberg.“
Die kleine Schlampe Nathalie Vandenberg sitzt breitbeinig auf Roberts Schoß und lässt sich die Oberschenkel streicheln, während sie ihm von Dr. Meislers Besuch erzählt. Robert lacht. „Arm zu werden, ist also gar nicht so einfach?“
„Es gestaltet sich etwas kompliziert, ja.“
„Und wenn ich reich wäre, wäre das schlimm für dich?“
„Bist du aber nicht. Du bist einfach nur aufregend.“ sage ich und küsse ihn.
Dann erzähle ich, wie Dr. Meisler über Roberts Krankheit berichtet hat. Den Drogenteil lasse ich diskret weg. Wahrscheinlich wird er es wissen.
„Was willst du jetzt tun?“
„Dich genießen.“
Frau Römer hat mir einen griechischen Bauernsalat gerichtet und in den Kühlschrank gestellt. Ich habe sie heute früher nach Hause geschickt, weil es unerträglich heiß ist. Auch Robert habe ich fort geschickt. Weil er heute kochen wird. Ich bringe den Salat mit und den Wein. Das Gästehaus, in dem Robert wohnt, ist viel größer, als es von meinem Schlafzimmerfenster aussieht. Und es ist wohnlich und gemütlich eingerichtet. Und Robert trägt endlich keinen Anzug mehr. In der Hitze hat er sich heute tagsüber dazu hinreißen lassen, wenigstens das Jackett und die Krawatte abzulegen. Aber nur, weil ich darauf bestanden habe. Jetzt trägt er Jeans und Polohemd und ich sehe ihn zum ersten Mal ohne Schuhe. Aber Robert würde selbst dann noch elegant aussehen, wenn man ihn in einem Müllsack stecken würde. Es ist ihm angeboren. Der ist mit Sicherheit kein Butler, denke ich. Niemals. Hier, privat, benimmt er sich nämlich völlig anders. Und das liegt nicht daran, dass er heute Morgen an mir herumgestreichelt hat.
Im Wohnzimmer steht ein Foto seiner Tochter. Ein wirklich hübsches Mädchen mit schwarzen Locken. Die hat sie von ihrem Vater. Wenn nämlich Roberts Haar feucht ist, lockt es sich auch. „Sie sieht sehr nett aus. Wie heißt sie?“
„Das ist Carina.“ sagt er stolz.
„Und was studiert sie?“
„Musik. Sie ist eine begabte Cellistin. Sie hat ein Stipendium.“
„Du musst sehr stolz auf sie sein.“
„Ja. Papa ist stolz auf seine Maus.“ lacht er.
„Und ihre Mutter? Bist du geschieden?“
„Nein. sie ist tot.“
„Tut mir leid.“ sage ich betreten.
„Was ist mit dir? Willst du mal Kinder haben?“
„Keine Ahnung. Wenn der Wunsch kommt, sage ich Bescheid.“
„Du hat mit Gregor nicht über Kinder gesprochen?“
„Nein. Hat er nie erwähnt. Will er welche? Den Eindruck habe ich nicht. Ich mag sie aber. Besonders, wenn sie schon studieren. Ich weiß gar nicht, ob Gregor Kinder hat. Habe ich gar nicht gefragt. Hat er welche?“
„Ich habe noch keine gesehen. Aber ich arbeite auch erst vier Jahre für ihn.“
„Kann ich dir in der Küche helfen? Zuhause darf ich das ja nicht.“
„Nathalie? Sollen wir uns nicht wieder einen Hund holen?“ fragt er, als er mir die Gläser in die Hand drückt, die ich mit nach draußen auf die kleine Terrasse nehmen soll. Sie ist vom Haus abgewandt, also absolut ungefährlich.
„Wie sich das anhört. Als wären wir ein altes Ehepaar.“ ich muss lachen.
„Ich mochte unsere Spaziergänge im Wald.“
„Ja. Die mochte ich auch. Armer Otto.“
Robert serviert formvollendet Lammfilet auf griechische Art und kleine Ofenkartoffeln. Der Tisch ist perfekt gedeckt. Was würde er für einen wundervollen Ehemann abgeben.
„Auf unseren neuen Hund.“ sagt er und wir stoßen mit dem kühlen Weißwein an. Ist vielleicht nicht so ganz passend, aber wenigstens kühl.
„Wir fahren morgen ins Tierheim. Wie wäre es mit zwei Hunden? Vielleicht entscheidet sich wenigstens einer für mich?“
„Und nachher dösen beide in meinem Büro.“ sagt er amüsiert. „Ich kann nichts dafür. Sie lieben mich einfach.“
„Ich war schon ein bisschen böse. Bis ich gehört habe, wie du mit ihm sprachst.“
„Ich habe früher meinen Jagdhund mit ins Büro genommen. In meinem alten Leben.“
Habe ich es doch gerochen. Er war nicht immer Hausmanager. Wahrscheinlich der Manager seiner eigenen Firma. Und dann ist etwas passiert. Er ist ausgestiegen.
„Du bist Jäger?“
„Nein. Meine Frau. Ich mochte nur den Hund.“
„Deine Frau hat gejagt? Wie ungewöhnlich.“
„Ja. Das war sie. Ungewöhnlich.“ er starrt sehnsüchtig auf den Wald, der sich an das Grundstück anschließt.
„Es schmeckt hervorragend. Hast du Kochen gelernt?“
„Ja. Musste ich. Wie schon gesagt, meine Frau war ungewöhnlich. Ich war der Häusliche.“
„Was hat sie denn gemacht?“
„Sie war Künstlerin.“
„Und was warst du?“
„Ich war immer schon aufregend. Noch Wein?“
Ich halte ihm mein Glas hin. Er will also nicht darüber reden. Also schön. So wichtig ist es ja auch nicht. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass er mir wichtige Dinge verschweigt.
Was für wunderschöne Augen er hat. Oder es kommt mir so vor, weil sie mich so lieb ansehen. Wie kann das sein, dass dieser Mann keine Partnerin hat? Ob er auch solche Probleme hat wie Gregor? Frage ich ihn doch einfach mal.
„Robert? Warum lebst du alleine?“
„Es hat sich nach Gudrun nichts mehr ergeben. Eine Freundin hier und da. Mehr nicht. Ein bisschen tanzen, ausgehen, mal ein Urlaub. Aber nichts Ernstes. Ich habe keine Depressionen, falls du das meinst. Es war einfach nicht die richtige dabei.“
„Meinst du, die kommt noch?“
„Vielleicht. Wenn ich es schlau genug anstelle? Wer kann das wissen?“ er lächelt.
„Ich sage dir, wie es ist, Robert. Ich gebe Gregor und mir keine großen Chancen.“
„Abwarten. Wenn er wieder so ist wie früher…“
„Robert? Weißt du, wie ich aufgewachsen bin?“
„Ja. Ich habe den Bericht der Detektei gesehen.“
„Ich bin es gewohnt, mit nichts da zu stehen. Ich komme wieder auf die Füße. Gregor kann das nicht.“
„Das kannst du ihm nicht zum Vorwurf machen, Nathalie.“
„Er weiß mit Sicherheit, dass ich bei dir bin. Er ist ja nicht blöd. Und er hat andere Vorstellungen vom Zusammenleben als ich, musste ich feststellen. Er geht davon aus, dass ich ihm wieder zur Verfügung stehe, wenn er sich gesund fühlt. Aber so einfach ist das nicht. Nicht für mich.“
„Mach dir nicht so viele Gedanken. Es ist ein schöner Abend. Genieße ihn doch einfach.“
Ich genieße lieber Roberts Zärtlichkeiten, die er mir gerne und reichlich gibt. Wie wundervoll er ist. In seinem Schlafzimmer, in dem es wirklich kühler ist als in meinem, zieht er mich ganz langsam aus und betrachtet mich. Als würde er sich meinen Anblick in das Gedächtnis brennen wollen, weil es morgen schon vorbei sein könnte. Er erkundet mit seinen Lippen meinen ganzen Körper. Und besonders eine Stelle hat es ihm angetan. Die von heute Morgen. Nur fühle ich diesmal nicht seine Hand, sondern seine Zunge. Und ich fühle gleich noch viel mehr. Ich darf ihn ausziehen. Wie weich seine Haut ist. Er hat eine riesige Erektion, die sich mir lockend entgegenreckt. Ich will ihn dort küssen. Und will ihn im Mund haben. Dann höre ich ihn zum ersten Mal vor Lust stöhnen. „Hör mal kurz auf.“ bittet er mich. Aber da ist es schon geschehen. Ich habe seinen salzigen Geschmack im Mund. „Tut mir leid. Es war einfach zu schön.“ sagt er entschuldigend und reicht mir sein T-Shirt, damit ich es ausspucken kann.
„Nein. Ist schon weg.“ sage ich.
„Schon weg? Wohin?“
„Wolltest du es wiederhaben? Tut mir leid.“ grinse ich.
„Du hast es mir geklaut? Du Luder.“ er piekst mich in die Seiten.
„Hol es dir zurück.“
„Ich habe noch mehr davon. Du musst nur abwarten.“
Nach ein paar Streicheleinheiten, ein paar Küssen und ein wenig Gekicher und Geschmuse zeigt er mir, was er noch für mich hat. Im Gegensatz zu Gregor, der seine Arme immer neben mir abstützt, nimmt mich Robert dabei fest in die Arme, als er tief in mich stößt. Ich umklammere ihn mit meinen Beinen, als fürchtete ich, er würde einfach aufhören und davon laufen. Er bittet mich, seinen Namen zu sagen. Also, sagen kann ich ihn nicht, aber stöhnen. Und auch Robert stöhnt laut, als er in mir kommt.
Er lässt sich erschöpft neben mich fallen. „Mein zweiter Vornahme ist Oh,ja? Das ist mir noch gar nicht aufgefallen.“ grinst er befriedigt.
„Wenn du nicht dauernd sagen würdest „Ist das gut“, hättest du es vielleicht schon früher mitbekommen.“ lächele ich liebevoll.
„Aber es war gut.“
„Nein. Das war großartig. Das war das, was ich immer haben will.“
„Immer? Ach, du meine Güte. Immer?“
„Jeden Tag. Nicht ständig.“
Als das Handy klingelt, befürchte ich schon, dass es das erste und letzte Mal gewesen ist. Es ist nämlich die Sicherheitszentrale. „Was wollen die denn?“ stöhnt er unwillig.
„Zorn?“
Aufgeregtes Sprechen. Ich kann es bis ins Bett hören.
„Ach, Scheiße.“Ich höre ihn zum ersten Mal fluchen. Dann klappt er das Handy zu.
„Schöne Grüße von Herrn Vandenberg.“ sagt er und schaltet den Fernseher ein. Ein Nachrichtenkanal. Ich kann es nicht fassen, was ich da sehe. Man hat Gregor verhaftet wegen Mordes. Es läuft ein Film, wie man ihn abführt aus seiner Stadtwohnung. Er hat den Kopf gesenkt und wird von zwei Polizisten am Arm gehalten.
„Das kann doch nicht sein.“ sage ich ungläubig und schüttele den Kopf. „Robert, das kann doch nicht sein.“
Robert hat sich auf das Bettende gesetzt. „Es sieht so aus, Nathalie.“
„Das kann niemals sein. Er ist doch kein Mörder.“ schreie ich unbeherrscht.
„Hör doch zu. Er hat selbst die Polizei angerufen. Hör doch zu.“
Es scheint so zu sein. Die Sprecherin berichtet, heute Morgen gegen 6.30 hätte Gregor Vandenberg, der Inhaber des Weltkonzerns Vandenberg die Polizei angerufen und hätte gesagt, er habe jemanden umgebracht. Um wen es sich handelt, ist noch nicht bekannt.
„Das glaubst du doch nicht etwa?“
„Hast du gehört, wann das war? 6.30 Uhr.“ sagt er niedergeschlagen.
„Ja. Wir vergnügen uns im Bett und mein Mann gesteht mal eben einen Mord.“ sage ich ungläubig. „Er hat niemals jemanden umgebracht. Niemals. Dafür verwette ich meinen Arsch. Niemals. Nicht Gregor.“
„Warum? Weil er im Kern gut ist? Oder weil er so nett aussieht?“ sagt Robert. „Weil er dir nette Worte ins Ohr flüstert, wenn er dich vögelt?“
„Sag mal, sprichst du von dir? Gregor hat niemanden umgebracht. Entweder er hat phantasiert oder er deckt jemanden. Er hat das nicht getan.“ sage ich höchst verärgert. Warum glaubt mir Robert nicht? Er kennt ihn doch viel länger als ich. Er müsste wissen, wie Gregor ist. Er mag kalt sein, egoistisch, aber nicht gewalttätig.
„Du weißt nicht, wie Gregor ist. Du weißt überhaupt nichts.“ sagt Robert.
„Aber du?“
„Ich weiß wenigstens, warum er sich schlagen lässt.“
„Weil es ihm scheinbar Freude macht.“
„Nein. Es macht ihm keine Freude. Das Schlagen jedenfalls nicht. Das, was danach kommt.“
„Was danach kommt? Er treibt es dann mit dieser Frau?“
„Nein. Er masturbiert. Wichtig ist, warum er das tut.“
„Es ist wichtig, warum er masturbiert?“
„Warum das ganze.“
„Ich will es heute nicht wissen.“
„Doch. Ich sage es dir. Es ist wichtig.“
Und dann sitzt er auf dem Bett, hat den Fernseher stumm geschaltet und den Blick darauf geheftet. Er erzählt von Yvette, Gregors Stiefmutter.
„Er hat was mit seiner Stiefmutter. Und dafür hat er jetzt jemanden umgebracht?“
„Ich denke, dass er sie umgebracht hat.“
So weit habe ich noch gar nicht gedacht. Er macht sie verantwortlich für sein Elend. Aber warum hat er damit 30 Jahre gewartet? Es ist bestimmt nicht Yvette.
Doch. Es ist Yvette. Und jetzt, nachdem ich das Foto gesehen habe, das veröffentlicht wurde, kann ich auch Gregors Faszination für diese wunderschöne Frau nachvollziehen. Es zeigt sie scheinbar in dem Alter, als Gregor 15 Jahre alt war. Ich habe mich hinter Robert gehockt und die Arme fest um ihn geschlungen. So verfolgen wir beide atemlos und ungläubig die Nachrichtensendung.
Wir sitzen bis tief in die Nacht so auf dem Bett, den Blick auf das Foto gerichtet, das Gregor sympathisch lächelnd zeigt. Es ist das Foto aus der Imagebroschüre von Vandenberg Automotive. Robert hält fest meine verschwitzen Hände. Die Härchen in seinem Nacken kräuseln sich, weil es so warm ist. Aber um nichts in der Welt würde ich ihn jetzt loslassen. Er ist mein einziger Halt in diesem Alptraum.
„Robert? Bei der Geschichte mit Yvette hast du einen jüngeren Bruder erwähnt. Frank. Wo ist der? Gregor hat nie von ihm gesprochen. Warum gehört ihm die Firma alleine? Müsste Frank nicht auch Anteile haben?“
„Ich habe ihn nie gesehen. Tut mir leid. Nur als er mir von Yvette erzählte, kam er zur Sprache.“
Ich küsse ihn auf die feuchten Härchen. „Sag mal, Yvette war ungefähr 10 Jahre älter als Gregor. Mitte Zwanzig. Vielleicht hat er sie wieder getroffen? Es gibt vielleicht ein Kind.“
„Möglich. Es kann auch sein, dass seine Geschichte nicht so ganz stimmt. Er könnte mit ihr geschlafen haben, als er 15 war. Dann könnte das Kind jetzt Ende Zwanzig sein.“ überlegt er.
„Und für mein Kind, das Kind der über alles geliebten, wundervollen Yvette – würde ich dafür einen Mord gestehen, den ich nicht begangen habe? Bestimmt. Ich bin zwar keine Mutter, aber ich kann mir das vorstellen. Was meinst du? Du hast ein Kind.“
„Menschen tun die merkwürdigsten Dinge aus allen möglichen Gründen. Ich würde für meine Tochter sterben. Aber würde er das für sein Kind tun? Ist er zu solchen Gefühlen fähig? Wenn er es so liebt – warum kennt es niemand? Er wäre doch stolz auf dieses einmalige Kind.“
„Vielleicht stimmt etwas nicht mit ihm? Gregor ist ein Ästhet. Eine optische Anomalie vielleicht?“
„Nein. So ist er nicht. Deine Vorgängerin, Poppy, hättest du zwischen Pferden verstecken können und niemand hätte sie erkannt.“ grinst er amüsiert.
„Poppy?“
„Eine Engländerin. Blond, Börsenmaklerin aus London Tweedkostüm und flache Schuhe.“
„Und was hat er an ihr gefunden?“
„Sie hatte etwas Mütterliches an sich. Etwas Bodenständiges.“
„Ah, im Dekollete.“
„Nein. Da ausgerechnet nicht.“ er lacht.
„Bist du nicht müde, Robert?“
„Doch. Aber du wirst drüben schlafen. Und darauf habe ich gar keine Lust.“
„Was? Ich schlafe doch nicht drüben. Ganz alleine. Kommt nicht in Frage. Du bist für mein persönliches Wohlbefinden zuständig. Und das finde ich heute leider nur hier. Keine Widerrede, sonst arbeitest du ab morgen nur noch halbtags.“
„Erpresserin. Also los. Ab ins Bett.“ er schaltet den Fernseher aus und klettert zu mir ins Bett. Ich kuschele mich in seinen Arm. So geborgen wie bei ihm habe ich mich im Leben noch nie gefühlt.
„Wir müssen abwarten, was Meisler sagt. Und wir müssen damit rechnen, dass wir befragt werden.“
„Ich habe nichts zu verbergen. Wann stehst du normalerweise auf?“
„Um sechs.“
„Dann haben wir noch drei Stunden.“
„Du kannst länger schlafen. Immerhin bist du gestern schreiend zu mir gekommen, als du im Fernsehen gesehen hast, wie man deinen Mann verhaftet hat. Dafür wird jeder Verständnis haben.“
Ich schlinge mein Bein über seinen Oberschenkel und ich kann die Hitze in seinem Schoß fühlen. Und er die meines Schoßes.
„Das habe ich mir so lange gewünscht, Nathalie.“ seufzt er glücklich.
„Du hättest ja vorher mal was sagen können. Ich hätte dich vor Gregor kennen lernen sollen.“
„Jetzt kennst du mich ja. Und ich überlege, ob ich dich überhaupt noch einmal herausrücken soll.“
„So etwas hat Gregor nie zu mir gesagt.“ murmele ich schläfrig.
„Ich dachte, er sei so charmant.“
„Floskeln. Alles angelesen. Jetzt will ich herausfinden, ob du schnarchst. Schlaf gut, Robert.“
„Du auch.“
Ich schlafe wie ein Stein. Als der Wecker uns mit Musik weckt, habe ich mich noch nicht einmal bewegt. Meine Hand liegt noch immer auf Roberts Brust.
„Ich gehe jetzt rüber, bevor Frau Römer kommt. Du schläfst noch ein bisschen. Ich hole dich falls die Polizei hereinschneit.“ er gibt mir einen zärtlichen Kuss und beschmust noch ein wenig meine Brüste, bevor er unter die Dusche geht. Wie wundervoll es hier im Bett nach ihm riecht. Ich erwache erneut gegen neun Uhr. Alleine in Roberts Bett. Ich streichle zärtlich über sein Kopfkissen. Hier bin ich wie in einem samtigen Kokon und Gregor und seine furchtbare Tat sind ganz weit weg. Ich schwinge die Beine aus dem Bett. Hier lebt er also, der diskrete Robert, dessen Aufgabe es ist, Gregors Vertrauter zu sein und ihm den Rücken frei zu halten. Und er ist so loyal, dass er die Nachtschicht auch noch gleich übernimmt. Ich kann mich in Ruhe umsehen. Ein Foto seiner Tochter steht auf der Kommode. Es zeigt sie mit ihrem Cello. Und ein Foto, das Robert mit ihr und seiner Frau zeigt. Wie schön sie war und wie glücklich sie auf dem Bild aussieht. Was für eine nette Familie. Wie aus dem Bilderbuch.
Ein Windlicht steht daneben und ein paar Bücher sind aufgestapelt. Neugierig nehme ich sie in die Hand. Der Jagdhund. Rebecca von Daphne du Maurier (er liest so etwas? Wie ungewöhnlich). Personalführung im Kleinbetrieb (Das Vandenberg-Haus wahrscheinlich) und ein paar rätselhafte Bücher über Buchhaltungs- und Bilanzierungstechniken. Ich will sie schon wieder weglegen, da fällt mir der Autor auf. Dr. Robert Zorn. Er schreibt Fachbücher? Was hat er dann hier verloren? Ich sehe mir einen Klappentext an. „Geschäftsführer der Zorn und Söhne Textilmaschinen…“ lese ich. Ich sehe mir das Erscheinungsdatum an. Vor fünf Jahren. Und danach muss etwas geschehen sein, sonst würde er sich nicht hier vergraben. Sorgfältig lege ich die Bücher zurück und beschließe, kein Wort darüber zu verlieren. Es geht mich nichts an. Er hätte die Bücher leicht vor mir verbergen können, aber er hat es nicht getan. Wenn er darüber reden möchte, wird er es tun, davon bin ich überzeugt. Aber bis dahin werde ich schweigen. Ich ziehe mich an. Duschen werde ich in meinem eigenen Bad. Ich bringe das Bett in Ordnung und öffne das Fenster, bevor ich gehe.
Es wird wieder heiß werden heute. Der Garten riecht betäubend nach Blütenduft. Der Rasensprenger ist noch an, weil der Rasen zu dieser Zeit noch im Schatten liegt. Erst wenn die Sonne gegen Mittag gewandert ist, wird er von der Sonne beschienen. Als ich das Haus über die offene Terrassentür betrete, höre ich Roberts Stimme aus dem Foyer. Wie wohltönend sie ist. Er ist daran gewöhnt, vor Menschen zu reden, genau wie Gregor. In einfühlsamen Worten weist er darauf hin, wie schwierig die Situation ist und wie sie sich bitte Frau Vandenberg gegenüber verhalten. Man möge sie nicht auf das ansprechen, was geschehen ist. Er erinnert das Personal an die Verschwiegenheitsklausel in ihrem Arbeitsvertrag, deren Nichteinhaltung mit einer hohen Strafe belegt ist. Er würde dafür Sorge tragen, dass sie nicht übermäßig durch die Presse belästigt würden. Sollte es doch dazu kommen, wäre es kein Problem, wenn sie zuhause bleiben würden, natürlich bei vollem Lohnausgleich.
Ich denke, ich höre nicht Recht, als Frau Römer anbietet, hier zu übernachten, damit auch nachts jemand hier sei, an den sich Frau Vandenberg wenden könnte. Ich will mich nur an Robert wenden, und auch nur, wenn er mich im Arm hält. Wahrscheinlich wartet sie darauf, mich dabei zu erwischen, die alte Kuh. Sie ist ungefähr in Roberts Alter und nicht ganz unattraktiv. Sie hat mit Sicherheit ein Auge auf ihn geworfen. Dann sieht sie mich und schweigt betreten. Alle sehen mich an, wie ich in meinem verknitterten Kleid mit wirren Haaren und ohne Schuhe angeschlichen komme.
„Guten Morgen. Guten Morgen, Herr Zorn. Danke für ihre mitfühlenden Worte. Ich komme zurecht. Bitte lassen Sie sich durch mich bei ihren täglichen Aufgaben nicht ablenken. Ich bin sicher, Herr Zorn wird Sie auf dem Laufenden halten, sobald es etwas neues gibt.“ sage ich würdig. Dann gehe ich nach oben. Ich habe Stärke demonstriert und die Absicht hier zu bleiben. Wahrscheinlich haben sie damit gerechnet, dass ich sofort meine Koffer packen werde. Aber das würde so aussehen, als glaubte ich an Gregors Schuld. Er glaubt ja scheinbar selbst daran.
Ich stelle mich unter die Dusche und wasche mir schweren Herzens Roberts Duft von meiner Haut. Ich kleide mich äußerst korrekt in ein Business-Kostüm und weiße Bluse, ich krame sogar eine Perlenkette heraus, die ich dazu trage. Als ich fertig bin, sehe ich doch sehr seriös aus, trotz meines interessanten Haarschnitts. Robert klopft an die Tür. „Frau Vandenberg? Ich habe das Frühstück im kleinen Esszimmer richten lassen.“ teilt er mir mit. Genauso unbewegt wie immer.
„Ja. Ich komme. Danke, Herr Zorn.“ ich schlüpfe in meine Pumps. Auf Strümpfe habe ich verzichtet, immerhin möchte ich keinen Hitzschlag bekommen. Als ich mir den Rock glatt streiche, sieht er mich intensiv an und sein Blick ist ein einziges Versprechen. Ich bekomme eine Gänsehaut. Ich gehe stumm neben ihm hinunter ins Erdgeschoss. Der Tisch im kleinen Raum ist für zwei gedeckt und er schließt die Tür hinter uns.
„Du siehst wundervoll aus.“ flüstert er und küsst mich.
„Und du kannst wundervoll reden. Frau Römer war ganz gerührt.“ er rückt mir den Stuhl zurecht und ich nehme Platz.
Robert sieht mich die ganze Zeit über an. Ich kann kaum meinen Toast mit Marmelade bestreichen, so nervös macht mich das. Dann ziehe ich meinen Schuh aus und lege ihm den Fuß in den Schoß.
„Tu das nicht, Nathalie. Kannst du nicht bis heute Abend warten?“ stöhnt er erregt.
„Nein. Kann ich nicht.“
„Bitte. Ich kann doch nicht den ganzen Tag so herumlaufen.“ er zeigt in seinen Schoß.
„Brauchst du nicht.“
Ich schließe die Tür ab. Die Vorhänge sind sowieso wegen der Sonne zugezogen. Niemand wird uns sehen.
„Bleib einfach sitzen.“ flüstere ich und knie mich vor ihn. Dann öffne ich seinen Reißverschluss. „Du bist verrückt.“ sagt er, tut aber nichts, um sich dagegen zu wehren.
„Ja. Nach dir.“ sage ich und nehme das, was ich so begehre, in den Mund. Robert stöhnt leise und verhalten. Er hat eine Hand auf meinem Nacken liegen und mit einer Hand klammert er sich an die Stuhllehne. Diesmal mache ich es langsamer als gestern. Ich liebkose ihn mit der Zunge, was ihn zum Zittern bringt. Er ist groß und prall und es dauert wieder nicht lange, bis er kommt. Aber diesmal schafft er es, außerhalb meines Mundes zu ejakulieren. In eine Serviette. Roberts Atem geht stoßweise. Ich erhebe mich. Er zieht mein Gesicht zu sich herunter und küsst mich. „Ich liebe dich, Nathalie.“ sagt er.
„Ich weiß.“ ich greife nach der Serviette und stecke sie in die Tasche meines Jäckchens.
„Was willst du damit?“
„Meins.“
Er schließt sich seine Hose. „Das habe ich ja noch nicht erlebt.“ grinst er. „Meins.“
Er sieht zum Anbeißen aus, wenn sein akkurates Haar durcheinander ist. Ich bin gerade mit der Hand dadurch gefahren. Seine Augen leuchten. Heute hat er auf sein Jackett verzichtet und trägt zu seinem blütenweißen Hemd eine silbergraue Krawatte. Kein Wunder, dass die Römer scharf auf ihn ist.
„Willst du Gregor besuchen? Er hat ein Geständnis abgelegt. Du kannst zu ihm, wenn du willst. Meisler hat das arrangiert. Er hat jetzt einen Strafverteidiger. Er heißt Kemper, glaube ich.“
Ich sitze auf Roberts Schoß und er streichelt die Innenseite meiner Oberschenkel.
„Harry Kemper?“ frage ich aufgeregt.
„Ja. Kann sein. Kennst du ihn?“
Ich erröte, was ihm nicht entgeht. „Er ist ein Genie. Er ist geradezu begnadet.“
„Du hast also mit ihm geschlafen. Aha. Dann hat Gregor ja nichts zu befürchten. Eine saubere Akte, schwerste Depressionen…“
„Meisler sagt, er hat keine saubere Akte. Drogen.“
„Drogen? Gregor? Das ist lächerlich. Hat er das erzählt? Unsinn.“
„Warum sollte er mich belügen?“
„Ja. Das ist eigenartig. In welchem Zusammenhang hat er das denn erwähnt?“
„Ich fragte ihn, warum Gregor so anders war, als wir uns kennen lernten. Er sagte, er hätte zu diesem Zeitpunkt mit Drogen experimentiert.“
„So ein Quatsch.“ sagt er aufgebracht. „Er hat zu der Zeit brav seine Medikamente genommen. Es war keine gute Idee, sie abzusetzen, weil es ihm so gut ging. Er war geradezu euphorisch. Dann hat er vor zwei Wochen wieder angefangen, sie zu nehmen. Leider brauchen sie Wochen, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Warum erzählt Meisler so einen Mist?“
„Harry wird es herausfinden.“
„Man kann wirklich niemandem trauen. So ein Arschloch.“ sagt er böse.
Trotz unseres unerfreulichen Gespräches hat er seine Finger unter mein Höschen gesteckt und streichelt mich dort. Er sieht mir dabei in die Augen und ich muss mit die Finger in den Mund stecken, um nicht laut zu stöhnen. Wie lustvoll er das tut. Er hat ein kleines Lächeln auf dem Gesicht, als er meine Erregung sieht. Die andere Hand hat er in meinen Büstenhalter geschoben und reibt eine Brustwarze. Es ist wie eine Explosion, als ich zum Höhepunkt komme. Ich würde am liebsten laut schreien.
„Ich werde jetzt zu Gregor fahren. Ich nehme Charly und jemandem vom Personenschutz mit.“
„Die Presse wird über dich herfallen.“
„Ich weiß. Das werde ich aushalten.“
„Bekomme ich noch einen Kuss?“ fragt er zärtlich.
„Du bekommst alles, was du haben willst.“
Die Reporter stehen schon vor dem Untersuchungsgefängnis, als ich dort ankomme. Von der Meute vor dem Tor unseres Hauses will ich gar nicht reden. Ich muss mir vor dem Gefängnis einen Weg bahnen, flankiert von Charly und dem Personenschützer. Das schlimmste ist, dass sie mich anfassen und an meiner Kleidung zerren. Wie eine Horde hungriger Straßenköter, denke ich. Und alle scheinen nach Schweiß zu stinken. Es ist abartig. Ich bin froh, als ich hinter diesen dicken Mauern verschwunden bin. Ich sitze in einem kahlen Raum, in dem sich nur ein Tisch und zwei Stühle befinden, als sie Gregor hereinführen. Man nimmt ihm die Handschellen ab und es bleibt ein Beamter im Raum. Sie haben mich komplett durchsucht, ich musste alles abgeben, was ich bei mir trug. Aber ich darf ihn anfassen. Ich darf diesen schönen Mann anfassen, der meiner ist.
Gregor sieht so umwerfend aus wie immer. Er trägt auch seine normale Kleidung, nur Gürtel und Krawatte fehlen. „Nathalie.“ sagt er zärtlich und sehnsüchtig. Er greift nach meinen Händen und drückt sie.
„Wie geht es dir, Gregor?“ frage ich zitternd. Dass er so ein unglaubliches Geständnis abgelegt hat, wird mir erst jetzt so richtig bewusst. Wir setzen uns an den Tisch und er hält weiterhin meine Hände.
„Du hast mir so gefehlt, Schatz.“ sagt er.
„Du mir auch, Gregor.“ Irgendwie. Irgendwann, vor Robert.
„Es tut mir leid. Wie das alles so gekommen ist, meine ich.“ sagt er mit seiner schönen Stimme.
„Yvette tut dir nicht leid?“
„Nein.“ Er weiß, dass wir abgehört werden. Und trotzdem erzählt er einen solchen Mist.
„Gregor. Ich weiß, dass du es nicht gewesen bist. Warum tust du das? Für wen tust du das?“
„Ich wollte frei sein. Es war alles ihre Schuld.“ sagt er fest.
„Natürlich. Wir haben gerade geheiratet und du bringst sie um. Klingt wirklich logisch.“
„Ich habe sie erschossen, weil sie es verdient hat.“
„Fehlt nur noch, dass du es für mich getan hast. Ich werde herausfinden, was geschehen ist. Ich werde beweisen, dass du es nicht warst.“
„Ich habe sie erschossen, weil sie es verdient hat.“ wiederholt er störrisch.
„Nein. Hast du nicht. Warum belügst du mich? Ich liebe dich, Gregor.“
„Sag Robert, sie sollen nach dem Notfallplan vorgehen. Meisler wird dir helfen.“
„Meisler ist ein Arschloch. Warum hat er mir gesagt, du seiest vorbestraft?“
„Ich? Wie kommt er darauf? Habt ihr das erledigt mit den Firmenanteilen?“
„Meisler sagt, ich muss sie behalten. Es geht gar nicht anders.“
„Natürlich geht das. Ruf den Prokuristen an, er soll einen anderen Anwalt engagieren. An deiner Stelle würde ich die Anteile behalten. Ich bitte dich.“
„Ich zähle für dich nicht, oder? Überhaupt nicht.“ sagte ich bitter. „Warum tust du das? Du befindest dich im gesellschaftlichen Aus. Du verlierst deinen Ruf. Dein Leben und deine Frau, Gregor. Wer bedeutet dir soviel? Tust du es für dein Kind? Für denen Bruder vielleicht? Wer hat es wirklich getan, Gregor? Sag es mir und ich bleibe bei dir.“
„Ich war es, Nathalie.“
„Gut. Ich finde es selbst heraus. Wie kannst du nur. Ich verachte dich.“
„Ich bin es gewesen.“ sagt er mit traurigem Blick.
„Fahr doch einfach zur Hölle.“ ich nicke dem Beamten zu, der mit im Raum ist.
Er klopft an die Stahltür und lässt mich hinaus. Harry Kemper erwartet mich.
„Hast du das gehört? Mein Mann will unbedingt als Mörder gelten. Wie kann er mir das nur antun.“ sage ich empört und breche in Tränen aus.
Harry sieht mich unbewegt an. Klein, moppelig und fast haarlos, strahlt er immer noch die Faszination des Genies aus. Ich habe ihn einmal sehr geliebt. Komisch, dass die Detektei das nicht herausgefunden hat. Ich war fast 2 Jahre mit ihm zusammen.
„Er deckt jemanden.“ sagt er mit seiner heiseren Stimme, die sich in gewissen Momenten so sinnlich anhört, dass man fast zerfließt. „Den Eindruck habe ich. Aber ich muss nicht wissen, wer es ist. Ich brauche nur nachzuweisen, dass er es nicht gewesen sein kann.“
„Deswegen haben wir nicht zusammen gepasst, mein Dicker.“ sage ich in einer nostalgischen Anwandlung. Ich war sehr glücklich mit ihm, bis ich herausfand, dass er nicht nur mich beglückte. Er hatte so ein großes Herz für die Damenwelt, dass er sie alle beglücken wollte. Und war davon überzeugt, ein gutes Werk zu tun. Jede sollte einmal keuchend in seinen Armen liegen, nachdem er sie befriedigt hatte.
„Also schön. Nur für dich. ich finde es heraus.“ sagt er seufzend. Er mag mich noch immer, wird mir klar.
„Ich habe dich sehr geliebt, Harry.“ sage ich leise. Ich habe ihm das noch nie gesagt. Noch nicht einmal, als wir zusammen waren. Es ist mir ein Bedürfnis, dass er das erfährt. Am liebsten hätte ich es vor Gregor gesagt.
„Ich weiß, Nathalie.“ er gibt mir einen Kuss auf den Mund. „Ich weiß das.“
Ich weine den ganzen Weg nach Hause. Charly wirft mir hilflos eine Packung Cleenex nach hinten. Ich kann nicht fassen, was Gregor da tut. Als wäre er erleichtert, wenn er alles verliert. Und er legt es darauf an, mit nichts da zu stehen. Ich bin so unglaublich wütend und verletzt.Blind vor Tränen gehe ich an Robert und Frau Römer vorbei, die an der Tür stehen und mich in Empfang nehmen wollen. Ich gehe um das Haus herum in den Garten. Frau Römer will mir nach, aber Robert hält sie zurück. Ich will alleine sein. Ich setze mich unter einen Baum. Wie kann Gott das zulassen, dass jemand so überzeugt in die falsche Richtung läuft? Was ist bloß in ihn gefahren? Warum hat er sich nicht gleich selbst erschossen? Das wäre viel einfacher gewesen. Der Rosenduft bereitet mir Übelkeit. Wenn es Robert nicht gäbe, würde ich sofort gehen. Ich lege den Kopf auf die Knie und döse vor mich hin. Ich bin absolut nutzlos und überflüssig. Wenn ich so nachdenke, habe ich eigentlich nie viel Gutes erfahren. Im Heim aufgewachsen, studiert, gearbeitet. Wie war ich glücklich, als ich Harry kennen lernte. Und wie unglücklich, als ich mich von ihm trennte.
Dann fand ich Gregor und ich beging den größten Fehler meines Lebens, als ich ihn heiratete. Denn der Mann, den ich eigentlich haben wollte, den auf dem weißen Pferd, das ist Robert.
„Ist nicht so gut gelaufen, sehe ich.“ sagt Robert und kniet sich neben mich. Er hat ein Tablett abgestellt, auf dem ein Glas Saft steht. „Komm, zieht die Jacke aus. Es ist viel zu warm, Schatz.“ sagt er.
Wie tröstlich das, klingt. Schatz.
„Er ist total verrückt. Er macht sich alles kaputt.“ sage ich verzweifelt. Er nimmt mir das Jäckchen ab und reicht mir das Glas Orangensaft.
„Wir werden sehen.“ sagt er vage.
„Robert? Kann ich bei dir bleiben? In dem Haus, meine ich.“
„Natürlich.“
„Ich soll dir etwas sagen.“ fällt mir ein. Aber nicht mehr, was es war. „Irgend etwas mit der Firma.“
„Habe ich schon veranlasst. Die Geschäftsführung meinst du. Läuft alles nach Plan.“
Zwei Wochen passiert gar nichts. Also, zwischen Robert und mir passiert schon etwas. Ich habe ihm gesagt, was ich für ihn empfinde und es war ganz einfach. Weil mein Herz überquoll. Es gibt Momente, da kann ich ihn komplett genießen. Mich einfach fallen lassen in seine Zuneigung. Nur manchmal, wenn ich nachts erwache, ist das Grauen wieder da, das Gregor in mein Leben gebracht hat. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Wie soll das weitergehen? Wenn Gregor gar wieder da ist? Was wird dann sein? Niemand außer ihm bekommt mich zu Gesicht. Frau Vandenberg lässt sich einfach nicht blicken und die Reporter sind sich nicht mehr sicher, ob ich überhaupt noch hier bin. Ich habe mich in Roberts Haus vergraben. Ich lese das Buch über Hunde, dann Rebecca und mache mich dann an eines der Bücher über die besondere Art der Bilanzierung. Es ist nicht so trocken, wie ich es mir vorgestellt habe. Robert hat einen flüssigen und lockeren Stil und die Beispiele sind recht humorvoll beschrieben. Ich liege faul auf Roberts Bett. Es regnet in Strömen, es ist ziemlich abgekühlt und ich habe mir einen Tee gemacht.
Es ist später Nachmittag, als er herein kommt. „Na? Was liest du heute?“ fragt er und gibt mir einen Kuss. Ich zeige ihm das Buch.
Er lächelt. „Bereitest du dich auf die Übernahme der Firma vor? Das da“, er zeigt auf das Buch. “das funktioniert aber nur bei Aktiengesellschaften. Vandenberg ist keine AG.“
„Es ist interessanter, als ich dachte, Herr Dr. Zorn.“ er reagiert gar nicht darauf. Wahrscheinlich ist ihm die Anrede noch so geläufig, dass es ihm gar nicht auffällt.
„Ich habe dir ein seltsames Fax mitgebracht.“ sagt er und zieht es aus der Tasche.
Er geht ins Bad und trocknet sich das Haar, während ich es lese. Es trägt den Absender von Harrys Kanzlei. Dr. Meisler leistet eine eidesstattliche Erklärung. Er hat in Bezug auf die Firmenanteile und Gregors Vorstrafe gelogen. Er hoffte, damit eine Trennung des Ehepaares Vandenberg zu bewirken. Er entschuldigt sich dafür ausdrücklich.
„Hast du das gelesen? Sind die denn alle verrückt? Ich frage mich, wie Harry das gemacht hat.“
„Die Hauptsache ist, es entspricht der Wahrheit.“ Robert hat sich Jackett und Hemd ausgezogen und nimmt mir mit einem sinnlichen Lächeln das Fax aus der Hand. „Komm, Mrs. de Winter, Maxim ist da.“ flüstert er und legt sich zu mir auf das Bett. „Max wird drüben nicht mehr gebraucht auf Manderley.“
„Aber hier. Ich brauche dich.“
„Na, das hoffe ich doch.“ er küsst mich zärtlich.
„Nathalie? Willst du wissen, wer Max den Winter ist? Willst du Manderley sehen?“
„Nein. Ich will Robert, der hier im Gästehaus wohnt.“
„Du bist nicht neugierig?“
„Wenn du Robert mit der Pommesbude von der Ecke wärest, dann schon.“
„Gregor hast du zum Vorwurf gemacht, ihn nicht zu kennen. Ich biete dir an, Robert kennen zu lernen und das willst du nicht. Warum?“
„Es reicht, wenn du es mir anbietest, verstehst du? Er hat es sorgfältig vor mir verborgen. Du hast die Bücher hier liegen gelassen. Du willst es nicht verstecken. Das ist der Unterschied.“
Ich lege meinen Kopf an seine Brust. „Ich will einfach nur hier hingehören. Nicht in irgendein Haus. Ob Gregors Vandenberg-Haus oder Roberts Manderley. Manderley ist abgebrannt, erinnerst du dich? Sie reisten danach durch die Welt, weil sie ihr Zuhause beim anderen gefunden haben.“
„Deshalb gefällt dir das Buch so gut.“ sagt er verständnisvoll.
„Ja. Es ist schön hier zu liegen, wenn es regnet. Robert? Es war so dumm von mir, Gregor zu heiraten. Ich wäre lieber frei.“
„Für mich. Du kennst mich doch gar nicht.“
„Warum habe ich jetzt das Gefühl, etwas Falsches gesagt zu haben?“
„Nein. Hast du nicht. Ich fühle mich sehr geschmeichelt.“
„Du nimmst mich nicht ernst. Für dich ist es nur auf Zeit, habe ich Recht?“
Er antwortet nicht. Er genießt nur die Zeit, die er mit mir verbringen kann, bis Gregor wieder da ist. Gerade habe ich mich noch so geborgen geführt, und jetzt würde ich am liebsten heulen. Ich setze mich auf. Ich bin nicht in der Lage, einen Mann auf Dauer für mich zu begeistern.
„Ich war heute bei Gregor.“ sagt er.
„Du hast es ihm gesagt. Wie konntest du nur.“
„Er ist dein Mann, Nathalie.“ er sieht mich traurig an. Er hat den Kopf in die Hand gestützt und beobachtet mich.
„Nein. Er ist gar nichts.“ sage ich wütend. Wir tragen nur durch meine Dummheit den gleichen Namen. Ich glaube langsam, du betrachtest das, was du hier tust, als loyales Verhalten deinem Arbeitgeber gegenüber. Weißt du, was? Wenn ich hier nicht willkommen bin, gehe ich doch einfach.“
„Wo willst du denn hin?“
„In meine kleine, armselige Welt, die ihr alle nicht kennt.“
„Nathalie, bitte.“
„Ich dachte, dir liegt etwas an mir.“ jetzt weine ich. Ich suche meine Sachen zusammen, die ich in meiner unordentlichen Art im Zimmer verteilt habe. „Wenn ich gehe, ist es für alle leichter.“
„Sag mal, was hast du denn? Was heißt, es wird für mich leichter. Wie kann es leichter sein, wenn die Frau, für die ich solch große Gefühle habe, einfach weggeht? Ich dachte nicht, dass ich noch einmal lieben könnte. Und jetzt willst du gehen? Einfach so, ohne Grund? Warum tust du mir das an?“ er spricht so leise, dass ich ihn kaum verstehe. Er steht jetzt am Bett und sieht aus, als würde er gleich zusammen brechen. „Ich habe es Gregor nicht gesagt. Ich konnte es nicht. Ich bin hingefahren, um es zu tun, aber ich konnte nicht. Ich weiß nicht, was ich tun soll, Nathalie. Am liebsten würde ich mir dir weglaufen. Du denkst ich habe für alles eine Lösung in der Schublade. Aber diesmal habe ich keine, Schatz. Komm her zu mir.“
Er breitet die Arme aus und ich nehme sein Angebot wahr. Es tut so gut, wenn er mich umarmt. Er ist sehr zärtlich zu mir, bis wir uns beide wieder beruhigt haben. Dann fängt er an, mich fordernd zu küssen. Es dauert nicht lange, bis er mich geschickt ausgezogen hat, mich auf das Bett drückt und in mich eindringt, als sei es das letzte Mal. Wie verzweifelt umklammert er mich, als er immer wieder stöhnend tief in mich dringt und sich an meinem Mund geradezu festsaugt. Etwas Derartiges habe ich noch nie erlebt. Es ist nicht nur erregend, es ist viel mehr. Es ist wie ein Versprechen einer tiefen, alles umfassenden Zuneigung, die von Robert Besitz ergriffen hat und die er mir beweisen will. Als wir schwer atmend auf dem Bett liegen und mein Handy klingelt, muss ich mich erst einmal aus seiner Umarmung befreien. Wer ruft mich jetzt an? Seit zwei Wochen ist es stumm geblieben.
Es ist Thomas vom Wachtdienst. „Frau Vandenberg, Verzeihung, ich kann Herrn Zorn nicht erreichen. Hier ist eine junge Dame, die sagt, sie sei seine Tochter.“
„Ich hole sie ab. Danke.“
„Wen holst du ab?“
„Deinen Besuch. Du hast dein Handy ausgeschaltet.“ Ich schlüpfe in meinen Slip und ziehe mir das Kleid über den Kopf.
„Meinen Besuch?“
„Eine Frau.“ sage ich geheimnisvoll.
„Du machst einen Scherz.“ sagt er und legt sich entspannt zurück.
„Es wird dir peinlich sein, wenn du nackt bist. Zieh dich an, Robert.“
„Unsinn.“ winkt er ab und lächelt.
„Also schön. Ich habe dich gewarnt.“ Ich gebe ihm einen flüchtigen Kuss und laufe dann durch den Garten. Es hat aufgehört zu regnen und es ist noch hell. Die Luft riecht frisch. Und ich rieche nach Robert. Carina wartet an dem kleinen Häuschen am Tor, zusammen mit Thomas. Vor dem Zaun schreien die Reporter. Man hat eine Plane über die gesamte Länge gespannt, damit sie nicht hereinblicken können. Das Mädchen ist ganz verschüchtert.
„Carina? Ich bin Nathalie Vandenberg. Hat man Sie belästigt?“
„Was ist hier los?“ sie sieht mich mit großen Augen an. Unverkennbar ist sie Roberts Tochter.
„Mein Mann ist verrückt geworden. Er wollte einmal ganz groß in den Medien erscheinen.“ sage ich freundlich. „Kommen Sie, ich bringe Sie zu ihrem Vater.“ zögernd schließt sie sich mir an. „Er wohnt nicht im großen Haus. Waren Sie schon einmal hier?“
„Nein. Wir haben selbst ein Haus.“ sagt sie böse. Sie ist also nicht damit einverstanden, dass Robert hier lebt. Das kann man ihr auch nicht verdenken. Sie ist neunzehn. Er wohnt seit vier Jahren hier. Das war keine so gute Idee, denke ich für mich. Sie sieht mich von der Seite an. Wahrscheinlich ahnt sie, was Robert und mich verbindet. Ich klingele höflich an Roberts Tür. Er öffnet, völlig korrekt bekleidet. Er hat mir also geglaubt. Ich muss grinsen, als er seine Tochter überrascht anstarrt.
„Ich bin im Haus, falls mich jemand sucht, Herr Zorn.“ sage ich und drehte mich um, bevor Robert reagieren kann. Ich habe nichts dort verloren, wenn sie da ist, finde ich. Ich muss an meiner eigenen Haustür klingeln, weil ich meinen Schlüssel bei Robert gelassen habe. Die Sicherheitszentrale öffnet mir die Tür. Es ist so still im Haus. Meine Schritte hallen durch das Foyer. Ich gehe in die Küche und bereite mir eine Tasse Tee. Dann hole ich mir Käse und Trauben aus dem Kühlschrank und setze mich an den Tisch. Frau Römer hat alle Zeitungen hier legen, die über Gregor berichten. Es ist erstaunlich, wer alles aus seinem Loch gekrochen ist, wenn es darum geht, ein Interview zu geben. Sogar die Nutte, die ihn einmal pro Woche verprügelt. Mit Erstaunen lese ich, dass sie nicht sagen will, was sie mit ihm macht, aber sie schildert Gregor als einen äußerst höflichen, liebenswerten und sympathischen Menschen, dem sie so etwas nicht zutraut. Diese Joy ist übrigens blond, nicht rothaarig, wie ich es erwartet habe. Als ich alle Artikel durchhabe, kann ich eines mit Sicherheit sagen: So sehr die Presse auch über Gregor herfällt, niemand redet schlecht über ihn. Alle die ein Interview gegeben haben, sind sich einig. Gregor hat das nicht getan.
Ich gehe in Roberts verlassenes Büro. Hier türmt sich die Post. Hunderte Interview-Anfragen an Frau Vandenberg. Robert hat mir nichts davon gesagt. Auch nicht, dass er sie alle in meinem Namen abgesagt hat. Neben dem Laptop liegt ein Stapel Briefe von Gregor an mich, alle ungeöffnet. Roberts Jackett hängt über dem Stuhl. Voller Sehnsucht streiche ich darüber. Wie lieb er ist, das alles von mir fern zu halten. Ich greife nach seinem Terminkalender, der mit seiner schönen Schrift gefüllt ist. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, wie viel er zu tun hat. Er war immer so ruhig und entspannt und ich dachte, mit der morgendlichen Tasse Tee, dem gelegentlichen Zurechtweisen des Personals wäre es das schon fast mit seinen Aufgaben. Ich lege den Kalender wieder fort und ziehe meine Füße auf den Stuhl. Dann nehme ich das Jackett in die Hand und stecke mein Gesicht hinein. Ich liebe diesen Duft. Ein glückliches Gefühl macht sich in mir breit, als ich an vorhin denke, an die Art, wie er mich geliebt hat.
„Hier bist du. Ich habe dich gesucht, Schatz.“ sagt er. Er hat mich beobachtet, wie ich mein Gesicht an seinem Jackett gerieben habe. Robert hat die Hände in den Hosentaschen und sieht mich an.
„Ich habe es meiner Tochter gesagt. Begeistert war sie nicht. Aber nicht aus dem Grund, den du jetzt vermutest.“
„Sie will nicht, dass du hier bist.“
„Das auch. Sie kennt mich gut. Wir haben uns immer gut verstanden. Auch, wenn ich meine Frau unglücklich gemacht habe. Sie sagt, ich soll dir sagen, warum das so war. Es wäre fair, meint sie.“
„Womit hast du sie denn unglücklich gemacht?“
„Ich war ein begabter Fremdgänger.“
„Dazu braucht man eine Begabung? Ich dachte, das kann jeder?“
„Sie hat es jahrelang nicht gemerkt. Dazu braucht man Begabung. Ich habe erst aufgehört, als sie krank wurde. Als wir wussten, sie würde sterben, da erst habe ich realisiert, was ich ihr angetan habe.“
„Und du machst das weiter. Das sollst du mir sagen.“
„Nein. Jetzt muss ich mir nichts mehr beweisen.“
„Genau. Ich hatte bereits einen Fremdgänger. Tu mir das nicht an. Nicht schon wieder.“
„Du meinst aber nicht Gregor.“
„Nein. Ich meine Harry Kemper.“
„Was? Der geniale Anwalt? Das ist ein Scherz, oder? Der sieht aus wie ein Sack Bohnen.“
„Ja. Tut er. Aber wenn er dich eingewickelt hat, hältst du ihn für den begehrenswertesten Mann der ganzen Welt. Der würde sogar dich einwickeln.“ ich muss lächeln. „Aber der interessante Teil kommt dann im Schlafzimmer.“ sage ich und erröte.
„Der hat im Bett was zu bieten? Was könnte das sein?“
„Ja. Was könnte da wohl sein? Aber es ist vorbei mit Harry. Lange schon.“
„Bist du sicher?“ fragt er eifersüchtig.
„Absolut, mein kleiner Fremdgänger.“ sage ich spitz.
„Ich… ach, du glaubst es ja doch nicht.“
„So ist es. Meinst du, wir könnten uns was zu essen bestellen? Raus können wir ja nicht.“
„Ich habe gekocht. Deshalb habe ich dich gesucht.“
„Ist Carina wieder weg?“
„Ja. Sie hat sich Sorgen gemacht, weil mein Telefon ausgeschaltet war.“
„Du hattest eine Menge zu tun. Warum sagst du mir das nicht, Robert?“
„Ich werde nicht fürs Rumsitzen bezahlt.“ grinst er.
Stimmt. Er hat sogar sein Telefon wieder eingeschaltet, das nun auch brav läutet.
„Ja. Durchlassen.“ sagt er.
„Dein toller Harry kommt. Soll ich schon mal das Bett aufschlagen?“ sagt er böse.
„Nein. Er kann es auch gut auf dem Teppich.“ sage ich scherzhaft. „Du.“ sagt er drohend und zeigt mir dem Finger auf mich. Dann besinnt er sich und führt Harry herein, bevor er die Tür unsanft hinter uns schließt, damit ich mit Harry den Teppich ausprobieren kann.
„Na, mein Engel. Du wirst staunen, was Onkel Harry für dich hat.“ Hoffentlich nicht in seiner Hose, denke ich. Robert ist imstande und schneit hier eifersüchtig herein. Harry küsst mich rechts und links und legt dabei in alter Gewohnheit die Hand auf eine meiner Brüste. Ich schlage seine Hand weg.
„Was hast du? Außer einer Erektion?“
„Die habe ich heute zuhause gelassen. Wir sind ja bei feinen Leuten.“ grinst er breit und setzt sich. „Ich habe seinen Sohn. Was sagst du dazu?“
„Habe ich doch Recht gehabt.“ sage ich triumphierend.
„Ludwig Vandenberg. Gerade zwanzig.“
„Dann kann er nur von Yvette sein. Sie heißt auch Vandenberg.“
„Genau.“ er fixiert meinen Ausschnitt. „Wenn du einen Knopf öffnest, sage ich dir auch, warum er es nicht gewesen sein kann.“
Gegen Harry habe ich sowieso keine Chance. Er wird es mir nicht sagen, wenn ich nicht tue, was er verlangt. Seufzend öffne ich einen Knopf.
„Du trägst keinen BH? Ah. Du hast was mit diesem großen Adonis, habe ich Recht?“
„Das geht dich nichts an. Warum kann er es nicht gewesen sein, Harry?“
„Er ist schwerstbehindert. Ein Pflegefall. Und zwar immer schon. Er hat einen Gendefekt. Und beide Vandenberg-Brüder sind Träger. Schmink dir also alle Kinderpläne ab. Lass dir von mir eins machen.“
„Woher weißt du das? Wen hast du dafür flachgelegt?“
„Das halbe Pflegeheim. Also das Personal. Nicht die Insassen.“
„Und wo ist dieser Bruder?“
„Den habe ich noch nicht. Er ist wie vom Erdboden verschluckt. Ach, noch was. Gregor gilt offiziell als Vater, ist es aber nicht. Vater ist sein Bruder. Ich habe mir überlegt, ob wir überhaupt Gregor vor uns haben. Vielleicht ist es der Bruder.“
„Da kann ich dir leider nicht helfen. Ich kann dir aber versichern, dass der Mann, den ich geheiratet habe, jetzt im Knast sitzt. Er ist es eindeutig.“
„Das meine ich nicht. Vielleicht haben sie irgendwann die Rollen getauscht.“
„Ist das überhaupt von Belang, ob es Gregor oder Frank ist? Was macht den Unterschied. Er ist der Mann, den ich geheiratet habe. Was machst du dir für verquere Gedanken? Wirst du alt?“ Harry wird bald 55. Ein ganz heikles Thema. Dann ist nämlich sein Leben fast vorbei und er hat noch nicht einmal einen bedeutenden Teil der weiblichen Weltbevölkerung zum Orgasmus gebracht.
„Du verklemmte Ziege. Wie hast du Gregor herumbekommen? Macht ihr etwas anderes außer Sex?“
„Ja. Wir spielen Schach, du Genie.“
„Und was machst du mit diesem Adonis?“
„Wilden, hemmungslosen Sex.“ grinse ich.
„Hemmungslos? Du?“
„Ja. So ist es. Du bist nicht der einzige, der gut bestückt ist. Und wenn du es Gregor erzählst, beiße ich ihn dir ab.“
„Nein. Den brauche ich noch.“
„Hast du diese Poppy aufgetrieben?“
„Oh, ja. Die hat Spinnweben an ihrem Schlüpfer. Was meinst du, wie dankbar die war. Gregor hat sie zurück in den Pferdestall geschickt, weil sie Kinder haben wollte.“
„Jetzt wissen wir ja auch, warum. Wir müssen diesen Frank auftreiben.“
„Ja. Was bekomme ich dafür?“ er steht auf und kommt auf mich zu. Dann umarmt er mich.
„Du weißt ja gar nicht, was du verpasst, Nathalie.“ flüstert er sinnlich. Meine Nackenhärchen stellen sich auf bei diesem Ton. „Ich liebe deinen Arsch. Was meinst du, wie schön es ist, dort einzudringen. Ganz tief. Du wirst es lieben, mich so tief in dir zu fühlen. Ruf mich an, wenn du soweit bist.“ er greift mir in den Ausschnitt und drückt meine Brust. „Bei dir mache ich es ohne Gummi, damit du fühlen kannst, wie ich in dir komme. Es wird wundervoll werden, ganz tief in dir abzuspritzen.“
„Du bist ekelhaft, Harry. Widerlich. Wie konnte ich dich nur lieben.“
„Du tust es noch.“ sagt er und küsst mich auf den Mund. Aber ohne Zunge. So vorsichtig ist er dann doch.
„Ich rufe dich zwischendurch an. Vielleicht willst du dich mal berühren, wenn es dir langweilig ist.“ sagt er heiser. Er ist erregt.
„Ich kann dich mal berühren, wenn es mir langweilig ist, du Arschloch. Raus mit dir.“
„Du meinst das jetzt nicht so. Ich kenne dich.“
„Ja. Manchmal fehlst du mir.“ sage ich ehrlich.
„Du mir auch.“ er streichelt mir sanft über die Wange. Dann schließt er den Knopf an meinem Kleid. „Ich rufe dich an, mein Engel.“
„Ja. Mach das. Ich bringe dich raus.“
Robert steht in der Küche und hat die Fingerknöchel an den Mund gepresst. Er sieht mich äußerst eifersüchtig an.
„Du hast ihn geliebt und tust es noch.“ sagt er.
„Ja. Aber nicht in der Art, wie ich dich liebe. Es ist eine Vertrautheit zwischen uns. Etwas, das nicht mehr weggeht. Das ist einfach so.“
„Eine Vertrautheit, die nicht mehr weggeht?“
„Ja. Ich habe ihn einmal sehr geliebt. Das kann man nicht einfach ungeschehen machen. Was ist jetzt mit dem Essen?“ ich lächele ihn an. Darüber will ich jetzt nicht diskutieren.
„Wie kann man den lieben? Hast du was an den Augen?“
„Darauf kommt es nicht an. Er hat Qualitäten, die das optische weit überwiegen. Kannst du jetzt bitte damit aufhören? Ich habe ihn nicht engagiert. Das war Meisler.“
„Was für Qualitäten?“
„Er ist sehr sinnlich. Können wir jetzt gehen?“
„Sinnlich. Ein Könner, ja?“
„Ja. So ist es. Er ist eine Offenbarung im Bett. Robert, lass uns jetzt gehen, ja, bitte.“
„Und warum hast du dich dann von der Offenbarung getrennt?“
„Weil er alle Welt beglücken will. Er denkt es ist eine Berufung. Ich glaube nicht, dass du deine Abenteuer so betrachtet hast.“
„Nein. Ich wollte beweisen, wie toll ich bin.“
„Ja. Du kannst es mir gleich beweisen, wenn ich bis dahin nicht verhungert bin.“
„Hat er dich angefasst?“
„Nein. Er wollte mich bequatschen. Und wenn du mir was zu essen gibst, verrate ich auch, was er gesagt hat.“ sage ich lockend. Mit Robert kann ich darüber reden.
„Ja. Das klingt fair. Dann komm. Bevor du mir hier noch zusammenbrichst.“
Robert serviert mir an einem perfekt gedeckten Tisch eine Hühnersuppe mit so federleichten Klößchen, dass ich sie fasziniert von allen Seiten betrachte. Sie schmelzen auf der Zunge.
Dieses Essen wäre eines Sternerestaurants würdig. „Wie macht man die?“ frage ich interessiert.
„Du bist zuerst dran. Vielleicht verrate ich es dir dann.“ grinst er.
„Also schön. Er möchte mit mir etwas machen, was ich noch nie gemacht habe. Er will es ohne Kondom tun, damit ich fühlen kann, wie er in mir kommt.“
„Das ist nichts besonderes.“ sagt er misstrauisch. „Das tun wir auch.“
„Nein. Das tun wir nicht.“
Er sieht mich an. „Das tun wir nicht?“
„Nein. Ich muss mich dabei nicht hinknien.“
Ich kann es einfach nicht aussprechen. Harry hat Recht. Ich bin verklemmt.
„Ach. Ich weiß, was du meinst.“ er lacht. „Hat etwas länger gedauert. Du hast das noch nie gemacht?“
„Nein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Spaß macht.“
„Doch macht es. Es ist völlig anders.“
„Das tut nicht weh?“
„Nein. Wenn man es liebevoll tut, ist es schön.“
„Für wen? Für dich wahrscheinlich.“
„Nein. Auch für dich. Willst du es einmal ausprobieren?“
Ich werde rot. Wenn Robert sagt, es ist schön, glaube ich ihm das.
„Vielleicht.“
Er lehnt sich zurück und spielt mit seinem Löffel. „Mit mir würdest du das tun. Mit ihm nicht?“
„Es hörte sich so vulgär an, wie er darüber sprach. Er fing immer wieder damit an.“
„Heute auch.“
„Ja.“
„Hättest du jetzt nicht nein sagen können?“
„Ich war schon immer für Ehrlichkeit. Ich weiß nicht, warum ich dir das verschweigen soll. Er hat es mir nur zugeflüstert.“
„Vergleichst du mich manchmal mit Gregor?“
„Entschuldige, Robert, aber das kann man wirklich nicht vergleichen. Er liebt nicht so göttlich, wie er aussieht.“
„Nein?“ fragt er erstaunt.
„Nein.“
„Aber Harry tut das.“
„Fängt das schon wieder an? Wenn mir soviel daran liegen würde, hätte ich mich ja kaum von ihm getrennt.“
„Stimmt auch wieder.“ Er steht auf und trägt die Teller zurück in die Küche.
„Willst du nicht wissen, was er für Neuigkeiten hatte?“ Ich gehe hinter ihm her.
„Ja. Erzähl mal. Ich bin ganz in meiner Eifersucht gefangen.“
„Gregor hat einen Sohn. Unglaublich.“ sagt er, als wir auf der Couch sitzen, ein Glas Wein vor uns. Also sitzen ist vielleicht der falsche Ausdruck. Er sitzt, ich liege und habe meine Beine über seine gelegt, so dass er mich streicheln kann. Ja. Genau dort. Ich liebe es, wenn er das tut. Gregor wäre nie auf diese Idee gekommen. Sex nur im Bett. Und nach festem Ablaufplan. Küssen, Busen streicheln, fühlen, ob ich feucht genug bin und dann eindringen. Gut, Harry hatte die Messlatte ziemlich hoch gehängt. Ich bin nicht davon ausgegangen, dass noch andere so wundervolle Liebhaber sein könnten. Und es hat mir mit Gregor ja auch gefallen. Er flüsterte mir zärtliche Dinge ins Ohr dabei. Das hatte mir gereicht. Es war mir auch nicht so besonders wichtig gewesen. Viel wichtiger war mir seine zärtliche Art, sein zurückhaltendes Wesen und die Fürsorglichkeit, die er an den Tag legte. Meine liebste Erinnerung ist die, als er mir die Blätter aus den Haaren klaubte, als ich gegen ihn rannte.
„Magst du mir von Harry erzählen?“ fragt Robert.
„Was willst du hören? Dass wir zwei uns in unserer Unordnung prima ergänzten? Wenn Harry keine Putzfrau gehabt hätte, hätte er noch nicht einmal seine Akten wieder gefunden. Einmal wollten wir in Urlaub fliegen. Das ging aber leider nicht, weil wir die Tickets nicht fanden. Auf die Idee, im Koffer nachzusehen, sind wir beide nicht gekommen. Harry lebt nicht in unserer Dimension. Er ist in Gedanken ständig woanders. Manchmal ist er aus dem Bett gesprungen, weil ihm etwas zur Verteidigungsstrategie einfiel, das er sich notieren musste.“ Ich muss lachen. „Der ist verrückt. Auf eine eigene, geniale Art. Und er hat ein gutes Herz. Er forscht nach, was es in Gregors Leben so wichtiges gibt, weil er mir damit einen Gefallen tut. Eigentlich müsste er böse auf mich sein. Ist er aber nicht. Er ist einfach nur nett.“
„Warum ist es so wichtig für dich, zu wissen, warum Gregor das tut?“
„Das schlimmste für mich ist, dass ich die Gründe nicht weiß. Wenn ich es wüsste, wäre ich vielleicht nicht so verletzt.“
„Wirst du ihn verlassen?“
„Auf jeden Fall. Aber ich glaube, wenn ich ihn verlasse, verliere ich auch dich.“
„Wieso?“
„Da sind wir wieder beim alten Thema. Du siehst das nur auf Zeit. Ich nicht. Ich muss abwarten, wie es sich entwickelt. Aufgeben werde ich auf jeden Fall nicht.“
„Eine Entscheidung wird dir leichter fallen, wenn du weißt, warum ich hier bin.“
„Ich habe mich bereits entschieden. Aber du bist noch nicht soweit.“
„Deswegen solltest du dir meine Geschichte anhören, Nathalie.“
„Nicht heute.“
Ich denke gerade, dass es schöner sein wird, wenn wir ins Schlafzimmer gehen, da klingelt mein Telefon. „Was willst du Harry?“ Robert hat mir das Telefon gegeben und ich bin liegen geblieben.
„Ich hoffe, du sitzt, Nathalie.“
„Eigentlich liege ich.“
„Noch besser. Das Verfahren wird eingestellt. Dein Schnuckel kommt nach Hause. Da freust du dich aber, was?“ sagt er hämisch.
„Das ist hoffentlich ein Scherz, Harry.“ Ich schalte den Lautsprecher ein.
„Nein. Keine Schmauchspuren an den Händen, keine DNA an ihrer Leiche, nachgewiesenes Alibi. Es gibt nicht den kleinsten Zweifel, dass er es NICHT gewesen ist. Hört dein Adonis zu?“
„Nein. Ich habe den Lautsprecher an, weil ich gerade beschäftigt bin.“
„Ich könnte das für dich tun.“ sagt er anzüglich.
„Ja. Ich weiß. Und du machst das richtig gut. Leg dir mal eine scharfe Sekretärin zu.“
„Die ist scharf. Die sieht nur nicht so aus.“
„Dann passt ihr ja gut zusammen.“
„Höre ich da Eifersucht? Ich habe es dir angeboten. Ich höre deine kleinen, verzückten Schreie schon, wenn ich in dir bin.“ sagt er in diesem unwiderstehlich sinnlichen Ton. Robert nimmt seine Hand weg.
„Ich höre mich verzückt schreien, wenn du mir die Rechnung schickst. Leb wohl, Harry.“
„Und? Wo bleibt deine Eifersucht?“ sage ich, als ich das Handy auf den Tisch geworfen habe.
„Gregor kommt zurück.“ sagt er tonlos. So schnell haben wir nicht damit gerechnet. Ja. Gregor kommt zurück. Vielleicht heute schon. Was machen wir jetzt?
„Ich muss weg. Ich gehe zurück in meine alte Wohnung. Ich kann doch nicht mit ihm – nein. Das kann ich nicht. Mit dir oder gar nicht.“ sage ich entschlossen.
„Du wirst dich mit ihm zeigen müssen.“
„Ich muss gar nichts. Er ist verrückt.“
„Nein. Er hat einen Grund, das getan zu haben. Er ist nicht verrückt. Ich glaube nicht, dass er herkommt.“
„Warum sollte er nicht? Er sagte, er sehnt sich nach mir.“
Ich ziehe mein Höschen wieder an. „Ich muss weg, Robert. Nur in meiner Wohnung können wir uns sehen. Du willst mich doch sehen?“
Er sieht mich lange an. Ich befürchte schon, dass er jetzt nein sagt und halte die Luft an.
„Was für eine Frage, Nathalie.“
Ich atme auf. „Erschreck mich doch nicht so.“
„Also los. Kofferpacken ist unnötig.“
„Unnötig? Ich soll das alles hier lassen?“
„Nein. Es ist schon weg. Ich muss allerdings zugeben, das war Frau Römers Idee, nicht meine.“
„Es ist schon weg? In meiner Wohnung?“
„Ja. Aber nicht alles. Einen Schrank brauche ich auch.“
„Wie meinst du das?“
„So, wie ich es sage.“
Er nimmt meinen Schmuckkoffer aus der Kommode im Wohnzimmer. „Den willst du bestimmt selbst nehmen, oder?“
„Du hast das alles schon geplant?“
„Nein. Ich sagte doch, Frau Römer war das.“
„Das glaube ich nicht.“
„Du kannst sie morgen anrufen.“ sagt er knapp und holt mein Beautycase aus dem Bad.
„Halt, warte. Willst du ohne deine Fotos gehen?“
„Nimm sie mit.“ sagt er und ich greife mir die 2 Bilderrahmen im Schlafzimmer.
„Robert? Du fühlst dich doch nicht dazu gezwungen, oder?“
„Doch. Irgendwie schon. Hier.“ Er legt die Hand auf die Brust. „Hier sagt mir etwas, dass es richtig ist.“
Ein paar unermüdliche Reporter sind noch da. Aber sie lassen uns durch, nachdem sie ein paar Fotos gemacht haben. Ich habe mir eine Sonnenbrille auf die Nase gesetzt und blicke stur nach unten auf meine Knie. Robert hat Thomas mitgeteilt, dass ich in meine alte Wohnung fahre. Er nimmt das zur Kenntnis. Er denkt sich nichts dabei. Es ist gegen Mitternacht, als wir an meiner Wohnung ankommen. Wir haben nicht gesprochen auf der Fahrt. Auf dem Weg in mein neues Leben, denke ich. Zum zweiten Mal. Was Robert wohl denkt? Seinem Gesichtsausdruck ist nichts zu entnehmen. Robert nimmt den Schlüssel aus der Tasche und reicht ihn mir. „Den hätte ich glatt vergessen.“ sage ich und öffne die Tür. Er trägt Kosmetik- und Schmuckkoffer, ich habe mir seine Fotos vor die Brust gedrückt. Es ist ganz merkwürdig, als wie die Haustür hinter uns schließen. Als hätten wir etwas Verbotenes, Unglaubliches getan. Ich mache überall Licht. Die Fotos stelle ich im Schlafzimmer auf, weil sie auch bei Robert da gestanden haben. „Das nicht.“ sagt er und nimmt das Foto, das ihn mit Frau und Tochter zeigt, weg und legt es in eine Schublade.
„Das ist schwer für dich, Robert. Ich weiß das. Hoffentlich bereust du es nicht.“ sage ich und fange an zu weinen. Ich lege den Brillantring und den Ehering in den Nachttisch. Damit ist die Sache in meinem Herzen für mich abgeschlossen. Nur ist sie das nicht. Und wir beide wissen dass ganz genau. Es war erst der Anfang.
Wir haben aneinander geklammert geschlafen. Nicht besonders gut. Wir beide nicht. Ich bin früh wach und betrachte ihn, wie er schlafend neben mir liegt. Er hat seinen ganzen Schutz für mich aufgegeben. Ich weiß nicht, was passiert ist, dass er sich so versteckte. Aber er hat es aufgegeben. Für mich. Ich nehme mir ein Kleid aus dem Schrank, werfe es über und gehe in die Küche. Er hat sogar eingekauft. Er wusste, dass es bald soweit sein würde. Ich befülle die Kaffeemaschine und gehe ins Wohnzimmer, um die Balkontür zu öffnen. Wie mir dieser Blick gefehlt hat. Die Geräusche, wenn die Stadt erwacht. Da draußen war ich von der Welt abgeschnitten. Hier bin ich mittendrin. Ich nehme meinen Geldbeutel und laufe schnell hinüber zur Bäckerei, wo mich die Verkäuferin freudig begrüßt. Sie kennt mich als Frau Brenke, die gegenüber wohnt. Schöne Frisur, sagt sie. Dann packt sie mir verschiedene Brötchen und Croissants ein. Ich nehme noch die Tageszeitung mit. Robert ist gerade aufgewacht und kommt nackt in die Küche. Er umarmt mich von hinten. Sein Körper ist so warm und es fühlt sich so gut an, wie er mich im Arm hat. „Frühstück auf dem Balkon? Dann muss ich mir ja was anziehen.“ sagt er.
Ich decke draußen, während er sich duscht und anzieht. Ich kann mal etwas für ihn tun. Wie schön das ist. Aber ich habe das Gefühl, der Frieden hält nicht lange an. Ich nippe an meine Kaffee und blättere die Zeitung durch. Von Gregor steht noch nichts drin. Morgen sind die Blätter bestimmt wieder voll davon.
Robert küsst mich und nimmt Platz. „Neuigkeiten?“
„Nein.“
„Kommt noch.“ sagt er. Er nimmt sich ein Croissant, beißt hinein und sieht mich nachdenklich an.
„Nathalie, ich muss es dir jetzt sagen. Ich stand auch einmal in der Zeitung. Vor fünf Jahren.“
„Hast du auch einen Mord gestanden?“
„So ähnlich. Man nennt es Töten auf Verlangen. Und ich habe es wirklich getan.“
„Bei deiner Frau.“
„Ja.“
„Und wie?“
„Ich habe sie erschossen.“
„Mein Gott.“ ich starre ihn an.
„Ja. Es war ein Riesenpresserummel. Dass du das nicht mitbekommen hast.“
„Vor fünf Jahren? Da war ich wahrscheinlich gerade mit Harry beschäftigt.“ sage ich beschämt.
„Bist du verurteilt worden?“
„Ja. Freispruch. Die Presse hat geschäumt.“
„Und dann? Was war dann?“
„Ich wollte nicht mehr leben. Als ich aus dem Gericht kam, als freier Mann, schien mir alles so sinnlos. Ich musste es tun. Sie hat geschrieen vor Schmerzen. Und dann war es vorbei und mein Leben war sinnlos. Ich wollte mich auch erschießen, aber ich konnte es nicht. Ich dachte, Carina wäre besser ohne mich dran. Ihr Vater, ein Mörder in meinen Augen. Dann bin ich samstags ins Werk gefahren und bin auf das Hallendach geklettert. Ich dachte, wenn mich einer der Arbeiter findet, wird er das schon verkraften. Sie sind Männer aus dem Leben, keine so verweichlichen Typen wie ich. Also bin ich da rauf geklettert. Ich saß da oben und unter mir der Mordskrach. Ich konnte nicht ahnen, dass meine Sekretärin auf den Balkon meines Büros stand und eine Zigarette rauchte. Sie hat mich gesehen und den Notruf gewählt. Dann kam ein Psychologe hochgeklettert, der mich zusülzte. Ich war derart betrunken, dass ich ihn richtig nett fand. Und als er dann dachte, er hätte mich soweit, ging ich rückwärts an das Hallendach und ließ mich einfach hinunterfallen. Das war der schönste Moment meines Lebens. Ich war einmal frei.“
„Aber du bist hier.“ sage ich atemlos.
„Ja. Wie gesagt, es war furchtbar laut auf dem Hallendach. Und der Psychologe wollte mich gar nicht davon abhalten, zu springen. Er wollte mich einfach nur davon abhalten, nach unten zu sehen, wo sie ein riesiges Kissen aufgeblasen hatten, auf das ich dann fiel.“ er lächelt.
„Dann ging ich in die Klinik, in der ich Gregor kennen lernte. Es ist übrigens nicht wahr, dass Gregor, als er das Grab für Otto grub, zum ersten Mal etwas selbst tat. Er hat hunderte Blumen gepflanzt.“ grinst er. „Wir dachten, es sei eine gute Idee, wenn wir beide Freunde blieben. Und er bot mir den Job an.“
„Was hast du mit der Firma gemacht?“
„Zuerst wollte ich sie schließen. Und dann verschenken. Aber ich habe an Carina gedacht und habe einen Geschäftsführer eingestellt. Und siehe da, er macht das genau so gut wie ich.“
„Aber du willst nicht in dein altes Leben zurück?“
„Eventuell. Mit dir. Wenn du das kannst, nachdem, was du gerade gehört hast.“
„Das wird die Presse freuen. Ich wechsle von Gregor, der nur sagt, er hätte jemanden getötet, zu jemandem, der es getan hat. Mann. Die werden begeistert sein. Mir macht das nichts aus. Aber dir.“
„Mir? Du ahnst ja nicht, wie sie sich über mich schon ausgelassen haben. Du musst entscheiden, ob du das kannst.“
„Ich will dich nicht dazu zwingen. Du kannst auch den Hausmann spielen und ich arbeite als Anwältin. Oder du arbeitest weiter bei Gregor. Vielleicht hast du Glück und er ist so vornehm, dass er die Schlampe Nathalie nicht mehr erwähnt. Oder du schreibst Bücher über merkwürdige Dinge, die sich nur einem Buchhalter erschließen. Ich brauche kein Haus, in dem man ein Hotel unterbringen könnte. Ich brauche auch keinen Privatjet.
Ich brauche nur einen Mann, der mich nachts in den Armen hält, mich tagsüber zum Lachen bringt, der mal mit mir tanzen geht und den ich lieben kann.“
„Du hast dich also entschieden, ja?“
„Das hatte ich doch bereits, bevor du mir das gesagt hast. Nur diese eine Sache macht mir zu schaffen. Wer sagt mir, dass dir Nathalie nicht langweilig wird?“
„Oder dir Robert und du willst lieber zum aufregenden Harry?“
Wir verbringen eine wundervolle, verkuschelte Woche miteinander. Robert weiht mich in die Geheimnisse der guten Küche ein. Es ist einfach perfekt. Nur, dass ich nichts, nicht ein Wort, über Gregor in der Zeitung lese. Die Presse müsste es doch mitbekommen haben, wenn er draußen wäre. Als Robert zum Supermarkt geht, rufe ich Harry an.
„Nathalie.“ sagt er reserviert.
„Harry, wo ist Gregor?“
„Im Knast.“ sagt er böse.
„Hat er es doch getan?“
„Nein. Er hat die Staatsanwältin gewürgt.“
„Was hat er getan?“
„Ja. Er hat sie gewürgt. Aber diesmal hat er nicht verraten, warum er das getan hat.“
„Weil sie seine Geschichte nicht glaubt.“
„Das klingt aber sehr unwahrscheinlich, oder? Wo bist du? Immer noch in diesem Haus?“
„Nein. In meiner alten Wohnung. Mit Robert.“
„Der ist ja auch eine Nummer. Weißt du, wen du dir da geangelt hast?“
„Ja. Weiß ich.“
„Mann, muss der gut im Bett sein. Ist seiner größer?“
„Beim letzten Mal hast du mir noch vorgeworfen, verklemmt zu sein.“
„Mein Angebot steht noch. Du wirst es nicht bereuen.“ sein Ton wird wieder sinnlich. „Schatz, willst du mir ein bisschen zuhören?“
„Hast du nicht Sex genug? Musst du auch noch im Büro an dir herumfummeln?“
„Ich denke daran, was ich mit dir machen würde, Nathalie. Warum kommst du nicht her und ich verwöhne deine Muschi ein bisschen mit der Zunge? Du weißt doch, wie gut das tut.“
Er stöhnt leise. Er fummelt gerade an sich herum. Ich muss ein Lachen unterdrücken.
„Was willst du denn noch tun? Sag es mir.“ fordere ich ihn auf. Er kann ja nichts dafür, dass er so veranlagt ist. Und jetzt wird er gleich ordinär. Er steht darauf, so am Telefon zu reden. Er erzählt mir lang und breit, wo er überall seine Zunge reinstecken wird. Und dann, wo er seinen großen, prallen Penis reinstecken will. Ganz tief und ganz langsam. Und er will mich stöhnen hören. Er kommt gerade in dem Moment, als Robert den Schlüssel ins Schloss steckt und ich lege auf.
„Was bist du so rot im Gesicht? Hast du mit Harry telefoniert?“ fragt er misstrauisch, als er das Telefon auf der Couch sieht. „Ja. Habe ich. Gregor hat die Staatsanwältin gewürgt. Deswegen ist er noch nicht draußen.“
„Das ist ein Scherz. Komm mal her, Nathalie.“ Er zieht mich am Kleid und greift mir vorsichtig zwischen die Beine. Wie eifersüchtig er ist. „Glück gehabt.“ grinst er. Alles trocken. Was hat er erwartet? Dass ich mit Harry Sex am Telefon habe?
„Sag mal, was ist das für eine Art? Schämst du dich nicht?“
„Nein. Das da gehört mir.“ sagt er liebevoll und küsst mich. „Dass du mit Gregor geschlafen hast, macht mir nichts aus. Aber dieser hässliche Gnom. Ich kann mir nicht vorstellen, was du an dem findest. Ich denke, er hat etwas ganz Besonderes im Repertoire.“
„Nein. Hat er nicht. Ich schwöre es dir. Es ist diese sinnliche Stimme.“
„Meine ist das nicht?“ flüstert er.
„Doch. Sie gefällt mir viel besser. Weil es deine ist.“
„Ja? Wo willst du mich fühlen? Ganz tief in dir. Komm, sag es schon. Wo soll ich kommen, dass du es heiß in dir fühlst? Hmh? Komm, zeig mir, wo du meinen großen Schwanz fühlen willst.“
„Robert, das passt nicht zu dir.“ Ich muss lachen. „Nicht auf diese Art.“
„Wirklich? Dann geh ins Schlafzimmer und zieh dich aus. Ich habe dir etwas mitgebracht.“
„Du hast mir was mitgebracht? Einen Vibrator vielleicht?“
„Nein. Willst du einen? Dann bringe ich dir beim nächsten Mal einen mit. Heute bekommst du Natur. Bio. Aus artgerechter Schwänzchenhaltung.“ Er muss selbst lachen, als er das sagt und er wirft mich auf das Bett und kitzelt mich, bis ich keine Luft mehr bekomme.
Am nächsten Morgen wache ich mit einem ganz komischen Gefühl auf. Ich hatte einen eigenartigen Traum, der mir zwar entfallen ist, aber dieses Gefühl hinterlassen hat. Ich sehe mir Robert an, der friedlich neben mir schlummert. Zum ersten Mal fällt mir auf, dass er der gleiche Typ wie Gregor ist. Groß und schlank, volles Haar, sympathische Gesichtszüge. Diese Hände, die bei beiden so zärtlich sein können, äußerst gepflegte Nägel. Ich sehe mir Roberts Hände genau an. Sie ähneln nicht Gregors Händen, was mich aufatmen lässt. Ich hatte nämlich schon den Verdacht, dass vielleicht Robert der verschollene Bruder sein könnte. Das einzige, was mich irritiert ist die Tatsache, dass er bei näherem Hinsehen nicht wie Mitte vierzig aussieht. Für das, was er erlebt hat, hat er sich verdammt gut gehalten. Seine Haut im Gesicht sieht sogar jünger aus als die von Gregor. Er sagt, er sei 46 Jahre alt. Ich finde, das kann nicht sein. So gut ist die Creme auch nicht, die er morgens benutzt. Die Lachfältchen um die Augen sind nicht so tief wie die von Gregor. Es kann natürlich daran liegen, dass Gregor Raucher ist. Robert habe ich nur ein einziges Mal rauchen sehen.
Irgendetwas habe ich übersehen. Etwas irritiert mich an Robert. Ich weiß nur nicht, was es ist. Es ist nämlich alles zu schön, um wahr zu sein. Mein Mann ist verrückt geworden und schwupps, ist da der Butler, der in heißer Liebe zu mir entbrannt ist und nach dem ich fast süchtig bin. Für mein Leben völlig untypisch. Robert ist nämlich zu perfekt. Gut, er hat mir erzählt, was er erlebt hat. Das stört mich aber nicht sonderlich. Ehrlich gesagt, hätte ich das an seiner Stelle wahrscheinlich ganz genauso gemacht. Die Sache mit seiner Frau, meine ich.
Es kommt mir komisch vor, dass niemand, wirklich niemand von der Staatsanwaltschaft oder der Polizei bei mir aufgekreuzt ist. Es kommt mir komisch vor, dass mein Mann einen Mord gesteht, der so nicht passiert sein kann, 3 Monate nach der Hochzeit, mit der niemand gerechnet hat. Es kommt mir komisch vor, dass ich niemanden von seiner Familie kenne. Ich weiß noch nicht einmal, ob sein Vater noch lebt. Von seiner Mutter ganz zu schweigen. Ich habe die Bibliothek abgesucht. Es gibt kein einziges Foto. Gregor hat keine Familienfotos. Irgendetwas verbindet die beiden, Gregor und Robert. Wenn es keine Verwandtschaft ist, ist es etwas anderes. Robert redet nicht über Gregor. Das ist es, was mir so komisch vorkommt. Er spricht nicht über ihn. Als wäre er gar nicht vorhanden. Er fragt mich nicht, wann ich die Scheidung einreichen will. Als wäre ihm das völlig gleichgültig. Andererseits ist er so um mich bemüht. Er liest mir jeden Wunsch von den Augen ab und gibt den perfekten Liebhaber. Ich muss Harry anrufen, unbedingt. Ich muss mit jemanden darüber reden, wie verdammt perfekt das alles ist. Ich muss noch einmal zu Gregor. Ich will mit ihm reden. Vielleicht verrät er mir unbewusst doch etwas. Ich will ihn nach diesem Sohn fragen. Robert hat sich nicht dazu geäußert. Warum hat er es nicht gewusst? Er weiß doch sonst alles über Gregor. Und ich verwette meinen Hintern darauf, dass sie sich nicht erst seit 4 oder 5 Jahren kennen. Niemals.
Robert schlägt die Augen auf und lächelt mich an. Dann zieht er mich an sich. Wie warm er ist und wie geborgen ich mich bei ihm fühle. Ich wünschte, es wäre wirklich so perfekt. Ich würde mich von Gregor scheiden lassen und mit Robert zusammen leben. Aber das wäre zu einfach. Einfache Dinge gibt es in meinem Leben nicht. Einfach war es mit Harry nicht und mit Gregor nicht. Warum sollte es bei Robert anders sein? Erst einmal muss ich meine finsteren Gedanken verschieben. Robert will mich lieben, wie jeden Morgen. Und das lasse ich mir nicht entgehen. Ich mag seine sanften Berührungen, sein erregendes Saugen an meinen Brustwarzen und seine wundervollen Küsse. Jetzt hat er den Kopf zwischen meinen Beinen und ich drücke ihn an mich. Hingebungsvoll verwöhnt er mich. Er macht es noch langsamer als sonst. Dann steckt er einen Finger in mich und bewegt ihn dort. Ich muss einfach stöhnen. Es geht gar nicht anders. „Entspann dich. Bleib ganz locker.“ flüstert er. Dann fühle ich den Finger woanders. Er streichelt mich dort und schiebt ihn ganz vorsichtig in mich hinein. Das hat er noch nie getan. Wie erregend sich das anfühlt. Als sei ich ihm komplett ausgeliefert. Es ist noch intimer, als den Finger woanders zu fühlen.
Er wartet, bis ich gekommen bin und dann dringt er in mich ein. Es ist wundervoll, ihn auf mir zu fühlen, und ich liebe ihn besonders, wenn er meinen Namen dabei sagt. Sein Haar ist feucht vor Schweiß, als ich seinen Kopf festhalte. Er zittert, als er kommt und bleibt dann auf mir liegen, weil ich ihn mit meinen Beinen umklammert habe.
Er wälzt sich neben mich. „Ich liebe dich so sehr, Nathalie.“ sagt er. „Ich muss heute ins Haus fahren. Willst du mit kommen? Ich muss nach dem Rechten sehen und die Post erledigen.“
„Nein. Fahr ruhig. Ich kann zum Friseur gehen. Ich will anständig aussehen, wenn du dich mit mir auf der Straße sehen lässt.“ lächele ich. „Du sollst dich doch nicht für mich schämen.“
Er setzt mich beim Friseur ab und küsst mich, als würde er auf eine Weltreise gehen und nicht mal eben nach Lohmar fahren, um bei Vandenbergs nach der Post zu sehen. Wenn da mal nicht was im Busch ist. Ich kann es kaum erwarten, bis mein Haar neu getönt, geschnitten und geföhnt ist. Noch vor dem Salon rufe ich Harry an.
„Ich will dich besuchen. Sofort.“ sage ich.
„Huch.“ lacht er.
„Nicht deswegen. Ich muss mit dir reden.“
„Schade. Soll ich dich abholen? Wo bist du? Wir könnten essen gehen.“
Harry holt mich in seinem Porsche ab. Er hat eine Menge für Autos übrig, nicht nur für Frauen. Alles, was das Leben in seinen Augen lebenswert macht. Und heute sieht er mal gut aus. Er hat sich in feinen Zwirn gekleidet. Ich muss zweimal hinsehen. So elegant kenne ich ihn gar nicht.
„Da staunst du, was? Ich habe mich von den Männern in deinem Leben inspirieren lassen. Ich komme jetzt in ein Alter, wo man auf Eleganz Wert legt.“ grinst er.
„Ach was?“
„So ist es noch leichter, die Damen zu beeindrucken. Nicht jede hat ein Ohr für meine Verführungskünste. Die mit Worten, meine ich.“
Er führt mich in ein edles Restaurant, wo ich früher oft mit ihm gewesen bin. Der Kellner erkennt mich sogar wieder, trotz neuer Frisur.
„Du siehst richtig gut aus, Harry.“ sage ich freundlich, als wir Platz genommen haben.
„Du hast mich am besten gefunden, wenn ich nichts anhatte. Also, wo drückt der Schuh?“
„Harry, es ist alles so verdammt perfekt.“ platze ich heraus.
„Ja. Dachte ich mir schon. Magst du die Olive haben?“ seine blauen Augen strahlen mich an.
„Nein. Harry, irgendetwas stimmt hier nicht. Wieso sollte in meinem Leben alles so schön sein? Das war es noch nie.“
„Ja. Du hast immer das Haar in der Suppe gefunden. Was ist denn zu perfekt?“
Ich erzähle ihm von meinem Traum und meinen Gedanken von heute morgen.
„Also sollte ich mich mal um deinen Robert kümmern, findest du? Was kriege ich dafür?“
„Was willst du denn?“
„Vermisst du mich manchmal?“ fragt er mit sehnsüchtigem Blick.
„Ja. Oft.“ Es ist die Wahrheit. Er ist mir so unglaublich vertraut.
„Ich vermisse dich auch, Nathalie. Ist nicht so gut gelaufen mit uns, nicht? Ich habe oft darüber nachgedacht.“
„Harry, kannst du nicht einfach mein Freund sein?“
„Nein. Einfach ist das nicht.“ Er schiebt die Nudeln auf dem Teller hin und her.
„Harry, bitte. Es ist fünf Jahre her. Es fiel mir nicht leicht, zu gehen.“
„Warum konnten wir damals nicht so darüber reden?“
„Weil ich dich liebend gerne umgebracht hätte.“
„Ja. Ich weiß.“ grinst er. Dann wird er ernst. „Es tut mir leid, dass ich dich verletzt habe. Eine Nacht mit dir. Kein Sex.“ sagt er und sieht mich an.
Mir kommen die Tränen. „Harry, bitte. Das geht nicht.“
„Dann forsche selbst nach.“
„Ich habe nicht deine Verbindungen. Ich habe nicht gedacht, dass du so an mir hängst.“
„Dass ich mich nicht gemeldet habe, heißt nicht, dass ich nicht permanent an dich gedacht habe.“ Er ist völlig in sich zusammen gefallen. So habe ich ihn noch nie gesehen.
„Eine Stunde im Hotel.“ sage ich und weiß gar nicht, was in mich gefahren ist. „Heute. Jetzt gleich.“
„Bevor ich dir die Ergebnisse präsentiere?“ fragt er ungläubig.
„Ja. Weil du mir manchmal fehlst.“
„In meiner Wohnung. Es könnte dich jemand im Hotel erkennen, Frau Vandenberg.“
„Also schön.“
Als ich neben ihm im Wagen sitze, ist es wie früher. Mein so vertrauter Harry sitzt neben mir, hat die Hand zärtlich auf meinem Oberschenkel liegen und wir fahren in seine Wohnung. Ich habe Gregor und Robert komplett vergessen. Es kribbelt zwischen meinen Beinen, wenn ich daran denke, was mich erwartet. Ich nehme seine Hand und drücke sie an meine Lippen, was ihm ein zärtliches Lächeln entlockt. „Bekomme ich das, was ich mir wünsche?“
Seine Wohnung ist aufgeräumt. Keine Akten auf dem Bett, sein Schreibtisch ist ordentlich.
„Was ist passiert?“ frage ich erstaunt.
„Ich bin erwachsen geworden.“ sagt er ernsthaft und hängt sein Jackett auf einen Bügel.
„Als du fort warst, habe ich nachgedacht.“ Er nimmt seine Krawatte ab und knöpft sein Hemd auf.
„Und?“
„Es gibt noch mehr als Sex. Ist mir leider zu spät klar geworden.“ Harry nimmt mich in die Arme und küsst mich. Es ist, als wären die fünf Jahre dazwischen nie gewesen. Im Nu hat er mich ausgezogen und ich stehe nackt vor ihm. „Du wirst immer schöner. Ich immer älter. Wie kommt das, Nathalie?“ sagt er bewundernd und berührt meine Brüste, als wären sie besonders kostbar.
„Vielleicht brauchst du eine Brille, Harry?“ Ich muss lachen und er piekst mich in die Seiten.
„Leg dich schon mal hin. Onkel Harry zeigt dir, was du brauchst.“
Harry ist ein leidenschaftlicher Liebhaber. Ich hätte vor Lust am liebsten geweint. Es ist, als würden wir zueinander gehören. Wie damals, als ich ihn verließ. Monatelang hatte ich das Telefon in der Hand, um ihn anzurufen, weil er mir so fehlte. Ich heulte mich in den Schlaf und weinte mich durch den Tag, bis es endlich besser wurde. Es ist ein Fehler, heute mit ihm ins Bett zu gehen. Er wird wieder in meinen Gedanken sein. Ich streichle sein Geschlecht und er hat die Augen geschlossen und genießt es. Er ist unglaublich groß und Harry kann immer gleich mehrmals hintereinander. Er ist noch nicht fertig. Da kommt noch etwas. Und zwar das, wovon er gesprochen hat.
„Leg dich mal auf den Bauch, Engel.“ sagt er zärtlich. Dann streichelt er meinen Po. Ganz sanft. Er legt die Hand zwischen meine Beine und spielt dort mit dem Finger, bis ich stöhne.
„Ist das gut? Du brauchst keine Angst zu haben. Es wird nicht wehtun. Du wirst es schön finden.“ verspricht er mir. „Du hast immer alles schön gefunden, was wir gemacht haben. Und das wirst du auch schön finden. Ich verspreche es dir. Jetzt knie dich hin. So.“ Er zeigt mir die Position, die ich einnehmen soll. „Jetzt entspann dich.“ Das habe ich heute Morgen schon einmal gehört. Als Robert den Finger in mir hatte.
Harry cremt seinen Penis sorgfältig ein, bevor er sich mir nähert. Ich halte die Luft an.
„Nein. Weiteratmen. Es passiert nichts.“ Er streichelt mich, bevor er langsam, ganz vorsichtig, in mich eindringt. Wie groß er mir vorkommt. Er verharrt lange, bevor er sich weiter in mich schiebt. Dann fühle ich, wie ich mich entspannen kann. „Tut es weh?“
„Nein.“ seufze ich. „Nein. Es ist schön.“
„Habe ich doch gesagt.“ Dann dringt er ganz in mich ein. Wie wundervoll, denke ich. Warum habe ich davor Angst gehabt? Er hat ich mit einer Hand an der Hüfte gepackt und streichelt mich mit der anderen. Er bewegt sich langsam und vorsichtig. „Wie lange habe ich davon geträumt.“ flüstert er in höchster Erregung. „Wie lange schon wollte ich das tun. Mit dir, Nathalie.“ ich will gar nicht, dass er aufhört. Sein Stöhnen wird lauter, seine Bewegungen ein wenig schneller und dann packt er mich an beiden Hüften, als er den Höhepunkt erreicht.
„Ich bin eine Schlampe.“ murmele ich, als er sich zurückzieht. „Eine verkommene Schlampe. Ich habe einen Mann und einen Liebhaber und einen Exliebhaber, der einen süchtig macht.“
„Jaja. Dein Gewissen.“ sagt er und klettert vom Bett. Er geht ins Bad und lässt die Tür offen. Er ist überhaupt nicht verschämt. Ich höre, wie er pinkelt und dann den Wasserhahn aufdreht.
„Deine verdammte Moral. Du nimmst dir einfach, was du brauchst. Ein Mann hat damit kein Problem, glaub mir das.“ ruft er durch die offene Tür.
Er kommt wieder zurück und küsst mich auf die Schulter. „Dein Mann ist seit 4 Wochen im Gefängnis und du vögelst hemmungslos herum. Was fällt dir bloß ein.“ sagt er liebevoll.
„Liebst du mich noch, Harry? Es kommt mir fast so vor.“
„Das kann selbst ich nicht abstellen. Tut mir leid.“ grinst er und wirft mich nach hinten.
„Ach, die Stunde ist schon lange vorbei. Und nun?“
„Du kannst noch mal. Ich weiß das.“
Harry fährt mich in die Stadt. Er hat mir versprochen, Nachforschungen über Robert anzustellen. Er lutscht mir den Lippenstift wieder ab, bevor er mich aussteigen lässt.
„Glaub ja nicht, ich warte wieder fünf Jahre auf dich.“ sagt er zärtlich. Wie er mich ansieht. Für einen Moment durchzuckt mich der Gedanke, dass es furchtbar einfach wäre, Gregor und Robert einfach zu vergessen und zu Harry zurück zu gehen. Aber nur einen Moment. Dann habe ich Roberts liebevollen Blick wieder im Gedächtnis.
„Steig schon aus. Sonst entführe ich dich noch.“ sagt er, plötzlich böse geworden.
Er ärgert sich bestimmt über den Fehler, den er gemacht hat. Und den er leider immer wieder begehen wird. Alle Frauen sollen glücklich sein. Nicht nur Nathalie. Und damit konnte ich und kann ich nicht leben. Ich winke ihm hinterher, als er davonbraust. Mein Schoß fühlt sich ganz heiß an. Meine Schamlippen sind immer noch angeschwollen und meine Brustwarzen wollen sich gar nicht beruhigen. Harry hat mich begutachtet, bevor wir die Wohnung verlassen haben. Er hat sogar an mir gerochen. „Fällt ihm nicht auf. Glaub mir.“ hat er beruhigend gesagt. Er wird es ja wohl wissen.
Ich muss mir etwas kaufen, damit ich eine Begründung habe, was ich den ganzen Tag getan habe. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Wohlmöglich ist Robert komplett unschuldig und ich betrüge ihn mit Harry, um ihm etwas nachzuweisen. Ich bin schlecht. Ich habe das getan, was ich Harry vorgeworfen habe. Soviel zum Thema Moral. Ich werde Robert etwas kaufen. Außer einer edlen Uhr trägt er keinen Schmuck. Aber eine Krawattennadel vielleicht. Also betrete ich einen Juwelierladen und suche ein edles Stück aus, mit einem Brillanten. Es ist mir gleich, was sie kostet. Gregor bezahlt sie. Für Gregor kaufe ich auch etwas. In einem Buchladen suche ich mir ein paar Romane aus. Die werde ich ihm schicken, mit einem liebevollen Brief dazu. Harry hat mir wirklich ein schlechtes Gewissen gemacht.
Ich kaufe mir ein Parfüm, ein paar Kosmetikartikel und das, was ein Mann erwartet, wenn das Frauchen in der Stadt herumturnt. Schuhe natürlich. Und eine Handtasche. Als hätte ich nicht schon genug davon. Dann kaufe ich in einem Teeladen ein paar Sorten exquisiten Tee, mein Morgentee ans Bett fehlt mir nämlich. Schwer bepackt, wacklig auf den Beinen von meinem kleinen Abenteuer laufe ich durch die Fußgängerzone, als ich Roberts Wagen sehe. Ich setze mich mit meinen Einkaufstüten in ein Cafe. Ich bestelle Milchkaffee und ein Stück Torte und warte ab, ob er alleine zum Wagen zurück kommt und bin gespannt, ob er mir nachher davon erzählen wird. Ich bezahle sofort, damit ich raus laufen kann, falls etwas Unvorhergesehenes geschieht.
Er kommt nicht alleine zu seinem Wagen. Er hat eine schöne Frau dabei. Sie diskutieren, ohne auf ihre Umgebung zu achten. Sie ist blond, Anfang dreißig und sehr groß. Wer mag das sein? Sie sehen sich nicht besonders freundlich an, als sie beide in seinen Wagen steigen. Ich bin wie vor den Kopf geschlagen. Ich mache mir Gedanken darüber, dass ich Robert betrüge und er betrügt mich. Oder sie. Kommt ganz auf die Sichtweise an. Mein feiner Robert. Ich bin sofort auf 180. Ich stehe am leeren Taxistand und warte auf einen Wagen.
Als ich nach Hause komme, ist Robert schon dort. Er erwartet mich bereits. Er nimmt mir lächelnd meine Einkäufe ab und begrüßt mich mit einem Kuss, den ich kaum erwidere. Wahrscheinlich hat er sie eben geküsst. Was ich mit Harry gemacht habe, ist ganz etwas anderes, finde ich. Ich platze vor Eifersucht.
„Hattest du einen schönen Tag in der Stadt?“ fragt er neugierig und steckt seine Nase in die Tüten. „Bücher? Hast du nicht genug davon?“
„Die sind für Gregor.“ ich ziehe meine unbequemen Schuhe aus. „Das ist für dich.“ ich reiche ihm die Tüte aus dem Teeladen.
„Ich trinke kaum Tee.“ sagt er.
„Du sollst ihn mir machen.“ lächele ich. Am liebsten würde ich ihn ohrfeigen für die blonde Braut mit den langen Beinen.
„Ach. Gerne. Das ist etwas anderes.“ er grinst.
„Und? Steht das Haus noch?“
„Ja. Die Post ist umgeleitet in Gregors Büro. Der Butler hat nämlich Urlaub.“
„Ist nicht wahr, ehrlich? So eine faule Socke. Was macht er eigentlich den ganzen Tag?“
„Heute hat er Nachforschungen angestellt. Er hat sich mit einer Gespielin von Gregor getroffen.“ sagt er geheimnisvoll.
„Einer Gespielin?“
„Vor deiner Zeit.“ sagt er beruhigend.
„Und? Außer betörender Schönheit noch etwas entdeckt?“
„Also ich fand sie jetzt nicht umwerfend schön.“ lügt er unverschämt. „Sie hat mir gesagt, Gregor macht außer dem Konzern noch irgendwelche Geschäfte. Sie weiß aber nicht, welche. Sie hat zufällig mal ein Telefonat mitbekommen.“
„Und das hat sie dir einfach so erzählt?“
„Nein. Es kostete etwas.“
„Aber du hast ihm im Stall gelassen, hoffe ich?“ Ich zeige auf seinen Reißverschluss.
„Es kostete mich einen Anruf bei einer Fotoagentur. Zufrieden?“ seufzt er.
„Sie ist ein Fotomodell? Und du triffst dich mit ihr, ohne mir das zu sagen?“
„Wo warst du denn? Fahren die Taxifahrer jetzt schon Porsche?“ fragt er scharf.
„Das war Harry. Er hat mich zum Essen eingeladen und mich überreden wollen, Gregor zu besuchen. Das werde ich aber nicht tun. Ich habe ihm ein paar Bücher gekauft.“
„Schon wieder dieser Zausel. Was findest du an dem? Was hat er, was ich nicht habe?“
„Bauch. Keine Haare auf dem Kopf.“
„Und das findest du gut?“
„Nein. Eigentlich hat er den größten Schwanz, den ich je gesehen habe.“ sage ich ärgerlich. Damit habe ich noch nicht einmal gelogen. Es ist wirklich so.
„Ja? Hast du ihn heute auch bewundert?“ schreit er unbeherrscht vor Eifersucht.
„Nein. Ich hatte jahrelang Zeit, ihn ausgiebig zu bewundern. Aus allen Perspektiven.“ schreie ich zurück. Er trifft sich mit einem Fotomodell und ich mich mit Harry. Wer hat da wohl mehr Grund zur Eifersucht?
„Warum gehst du nicht zu ihm zurück, wenn er so wunderbar ist?“
„Weißt du, wenn ich dich so erlebe, frage ich mich das wirklich. Aber dann fällt mir ein, dass ich dich liebe.“
„Und es liegt nicht daran, dass du hinter mir mehr Geld vermutest als bei ihm?“
„Was hast du gesagt? Schämst du dich nicht? Was fällt dir ein, Gregor?“
„Ich bin Robert. Sehen wir uns so ähnlich?“ sagt er scharf.
„Wieso solltet ihr? Bist du vielleicht der verschollene Frank Vandenberg?“
„Der ist der jüngere. Sehe ich jünger aus als Gregor?“
„Ja. Das tust du, Schatz. Du siehst jünger aus. Können wir jetzt aufhören, uns zu streiten?“
„Könnten wir. Ich erkenne dich nicht wieder. Was hat Harry dir erzählt, Nathalie?“
„Nichts. Er wollte wissen, in welchen Verhältnissen ich lebe. Und weißt du was? Ich konnte ihm gar keine konkrete Antwort geben.“ sage ich leise. „Ich weiß überhaupt nicht, wo ich dran bin. Es interessiert dich gar nicht, was mit Gregor ist. Du fragst nicht, ob ich mich scheiden lassen werde. Du lebst nur im Augenblick, Robert.“
„Hättest du meine Vergangenheit, würdest du das vielleicht auch tun.“ Er nimmt mich in die Arme. „Das liegt nicht an dir. Nicht an der ungewöhnlichen Situation. Es liegt nur an mir.“
„Nicht vielleicht daran, was du eben gesagt hast? Ich wäre hinter deinem Geld her?“
„Das war dumm von mir. Tut mir leid.“
„Alle denken das von mir. Warum ist das so? Liegt es an meinem Aussehen? Habe ich etwas von einer Nutte an mir?“
„Nein. Es scheint daran zu liegen, was Meisler so hinter vorgehaltener Hand über dich sagt.“
„Meisler verbreitet Gerüchte über mich? Ist das wahr?“
Er wirft sich auf die Couch. „Also ich habe das Gefühl, er will dich unbedingt von Gregor wegbekommen. Das wollte er immer schon. Das würde auch erklären, warum dich Gregor so heimlich geheiratet hat und vorher nie mit dir gesehen wurde. Du denkst, ich würde mir keine Gedanken darüber machen. Aber ich rede einfach nicht davon, um dich nicht noch mehr zu verwirren, Schatz.“
Er sagt die Wahrheit. Ich sehe es an seiner Mimik und an der Art, wie er die Hände dabei bewegt.
„Du denkst, er macht die Geschäfte mit Meisler und er wollte mich mit den Firmenanteilen abspeisen, damit ich endlich das weite suche? Aber Gregor ist im Gefängnis, Schatz.“
„Ja. Darüber habe ich auch nachgedacht. Mal angenommen, man erpresst Gregor dazu, diese Aussage zu machen. Man fälscht die Beweise und der Staatsanwältin fällt das auf? Dann hat Gregor verloren, wenn er frei kommt. Der Deal ist, Gregor geht in den Knast. Aber wenn die clevere Dr. Bernhausen keinen einzigen Beweis zulässt, dann ist der Deal nicht zustande gekommen.“
„Ja. Aber wo ist der andere Teil der Abmachung? Was ist es? Die Firma kann es ja wohl nicht sein. Eine Person vielleicht. Ich etwa? Warte mal.“ ich hole mein Handy heraus und rufe Harry an.
„Na. Noch nicht genug?“ sagt er zärtlich.
„Harry, eine Frage. Wer hat dich engagiert, Gregor zu vertreten? War es Meisler?“
„Nein. Gregor selbst hat nach mir verlangt. Meisler war nicht besonders erfreut darüber.“
„Aha. Und wie hast du Meislers Eidesstattliche Erklärung bekommen?“
„Das ist nicht schön. Das sage ich dir nicht.“
„Du hast ihn erpresst?“
„Ich? Niemals. Ich habe im nur ein Foto gezeigt. Hat er dich schon wieder belästigt oder belogen?“
„Nein. Was weißt du über ihn?“
„Ganz fieser Typ. Nicht aufmachen, wenn er vor der Tür steht.“ lacht er.
„Gefährlich?“
„Unter Umständen. Kannst du frei sprechen?“
„Nein. Hältst du es für möglich, dass er Gregor in ein Geschäft verwickelt hat?“
„Welcher Art denn?“
„Das frage ich dich, du Genie.“
„Also, wenn ich über Meisler auch noch forschen soll- das war im Preis nicht inbegriffen. Hat es dir heute gefallen? Das war schön, oder? Willst du noch mal?“
„Ja.“
„Ich wusste es doch. Also schön. Ich rufe dich an, sobald ich etwas herausgefunden habe.“
„Ja. Ich wünsche dir einen schönen Abend, Harry.“
„Sei vorsichtig. Es könnte ihm auffallen, wenn er unter dein Höschen greift.“ Er lacht wieder.
„Wie kommt das nur, dass ich dich verlassen habe? Machs gut.“
„Wenn ich das höre, könnte ich ihm den fetten Hals umdrehen, weißt du das.“ sagt Robert aufgebracht.
„Was?“
„Dass ihr immer über eure Vergangenheit redet.“
„Gregor hat Harry engagiert. Ich glaube nicht, dass sich die beiden kennen. Harry hätte mir das gesagt.“
„Ach? So intim seid ihr noch?“
Und wie intim. Heute ganz besonders. Und es war schön.
„Robert.“ sage ich warnend.
„Ich bin schon still.“
„Ach, ich habe etwas für dich.“
„Für mich?“
Ich reiche ihm das Päckchen vom Juwelier.
„Du schenkst mir etwas? Warum?“ fragt er verwirrt.
„Weil mir etwas an dir liegt.“
Eine weitere Woche meines wundervollen Lebens verstreicht. Robert in Perfektion. Ich kann es kaum noch ertragen. Ich bin so misstrauisch, dass ich ihm sogar hinterher schleiche, wenn er Besorgungen macht. So kenne ich mich gar nicht. Ich habe Gregor das Päckchen mit den Büchern geschickt und einen liebevollen Brief mit reingepackt. Was eine liebende Ehefrau eben so schreibt. Ich erhalte keine Antwort. Dann ruft Harry an. Ich muss warten, bis Robert wieder mal ins Haus fährt. Er ist nämlich genauso misstrauisch, habe ich festgestellt. Ich habe Harry angewiesen, mir bloß keine Kurznachricht zu senden. Und dann, zwei Tage später, fährt Robert wieder nach Lohmar. Diesmal bin ich schlauer. Ich gehe zu Fuß bis zur Fußgängerzone, falls er mir folgt. Und dort nehme ich mir ein Taxi in Harrys Wohnung. Er erwartet mich. Aber nicht so, wie ich es erwartet habe. Er sieht mich mitleidig an.
„Was ist los, Harry? Ist Gregor gestorben, oder was?“
„Ich habe Frank gefunden, glaube ich.“ sagt er erstickt. Sein blütenweißes Hemd ist ganz verknittert und er trägt keine Krawatte. Als hätte er die Nacht durchgearbeitet.
„Wo?“
„Setz dich mal, Nathalie. Willst du was trinken?“
Ich lasse mich auf die Couch fallen. Er wird mir etwas Schlimmes mitteilen.
Harry setzt sich schwer atmend neben mich. „Ich habe mir gedacht, wenn Robert und Gregor sich so lange kennen, müsste doch eigentlich auch Zorn Senior den guten Gregor kennen.“ beginnt er. Er greift nach meiner Hand und drückt sie.
„Also bin ich zum Senior, um ihm mal auf den Zahn zu fühlen. Zorn hatte zwei Söhne. Ursprünglich. Dann hatten beide einen Autounfall. Beide tot. Wie kommt es dann, dass noch ein Sohn übrig ist?“
Ich sehe ihn mit großen Augen an. Ich weiß nicht, was er meint.
„Also. Zorn hatte zwei Söhne im gleichen Alter von Gregor und Frank. Zorn und Vandenberg senior waren lange befreundet. Beide Familien kannten sich gut. Dann geschah es, dass Mutter Vandenberg von einem Tag auf den anderen die Familie verließ. Dann schleppte Vandenberg senior die Mädels an. Gregor, der ältere, fand das amüsant. Frank, der jüngere, verbrachte immer mehr Zeit bei Markus Zorn, dem jüngeren. Frank litt nämlich am meisten darunter, was Papa Vandenberg mit den Damen so abzog. Er wohnte eigentlich bei den Zorns. Die Häuser sind mit dem Fahrrad gut zu erreichen.
Dann geschah es, dass Papa Vandenberg die göttliche Yvette ins Haus brachte. Was geschah, ist ja bekannt. Und Frank kehrte gar nicht mehr nach Hause zurück. Er weigerte sich standhaft, je wieder ins Vandenberg-Haus zurück zu kehren. Also ging er zum Jugendamt, der clevere kleine Kerl und verlangte, dass Zorn ihn gefälligst adoptieren sollte. Hier wäre die Familie in Ordnung. Erst lachten Zorn und Vandenberg darüber, aber es war ihm völlig ernst. Er wollte kein Vandenberg mehr sein und auch nicht so heißen. Da Vandenberg senior ja Gregor hatte, dachte er wohl, den unnützen kleinen Frank ruhig abgeben zu können. Umso besser funktionierte es mit seinen Mädchen. Das einzige, was ihn im Grunde interessierte. Also adoptierten die Zorns den Kleinen und aus Frank Vandenberg wurde Robert Zorn.“
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