Kitabı oku: «Der Dieb ohne Herz»

Yazı tipi:

Der Dieb ohne Herz
Ney Sceatcher

Copyright © 2020 by


Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: info@drachenmond.de

Lektorat: Stephan R. Bellem

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Dekorelemente: Shutterstock

Illustrationen: Ana Neves

Umschlagdesign: Alexander Kopainski

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-419-2

Alle Rechte vorbehalten

Für den Jungen ohne Herz,

der mir den Anfang meiner Geschichte gab.

Für meine Eltern,

die mich in allem unterstützen.

Für meine Freunde,

die mich auffangen, wenn ich falle.

Für meine Leser,

die mich zum Lächeln bringen.

Und für dich,

ich hoffe, du findest deine Geschichte und lebst deine Träume.

Inhalt

Prolog

1. Wo Sterne funkelten

2. Wo Wünsche wahr wurden

3. Wo Mädchen verschwanden

4. Wo Entscheidungen Herzen brachen

5. Wo Fremde einem halfen

6. Wo Diebe ihr Herz in Bäumen versteckten

7. Wo Märchen begannen

8. Wo Hexen die Guten waren

9. Wo die Wahrheit sich hinter Lügen tarnte

10. Wo Masken grün wie die Hoffnung waren

11. Wo Schwestern sich für lange Zeit trennten

12. Wo Namen keine Bedeutung mehr hatten

13. Wo Tränen für Erinnerungen standen

14. Wo Ungeheuer sich nahmen, was sie wollten

15. Wo Märchen schöner klangen, als sie waren

16. Wo manche Welten grau wirkten

17. Wo Musik einen Herzschlag ersetzte

18. Wo Mädchen mit Raben sprachen

19. Wo Schmetterlinge sterben mussten

20. Wo drei Menschen beim Ankleiden halfen

21. Wo fremde Menschen aufeinandertrafen

22. Wo Masken ihre Besitzer wechselten

23. Wo Narben eine Bedeutung hatten

24. Wo Gedanken und Träume wie Seifenblasen platzten

25. Wo Diebe Herzen stahlen …

26. Wo ein Zauber die Wahrheit verbarg

27. Wo manches Ende zu früh kam

28. Wo drei Hexen Lebewohl sagten

29. Wo alles zu Ende ging mit einem letzten Märchen

Epilog

Danksagung

Prolog


Es war einmal vor langer Zeit, so erzählte man sich, da existierte eine Stadt, in der die Menschen Masken trugen, um ihr wahres Gesicht zu verbergen. Masken aus Glas, aus Papier, aus Holz oder aus Metall. Es gab sie in allen Variationen. Niemand wusste, wie die Menschen dahinter aussahen, und niemand fragte. An jenem Ort, der auch Malufra genannt wurde, regierte eine Königin mit langem blondem Haar. Ihr Haar war so lang, dass die Diener morgens eine Stunde damit verbrachten, die dichte Mähne zu bändigen und hochzustecken. Auch die Königin trug Masken, nur waren ihre schöner und prunkvoller als die der anderen. Sie sei verrückt, so tuschelte man hinter vorgehaltener Hand, würde mit ihrem Spiegelbild sprechen, würde sich selbst Lieder vorsummen und Gestalten sehen, die gar nicht existierten. Ja, um die Königin von Malufra rankten sich viele Geschichten. Nur was der Wahrheit entsprach und was nicht, das wusste keiner. Die Stadt lag schon seit Jahrzehnten abgeschieden, und um sie zu betreten, musste man durch den dunklen Wald, vorbei an dem Dieb ohne Herz.

Ein Dieb ohne Herz? Auch das ist eine andere Geschichte.

Vor Malufra und dem dunklen Wald, da lag ein kleines Fischerdorf. In dem man im Gegensatz zu Malufra keine Masken trug. In diesem Dorf lebte ein Mädchen, sein Haar war so weiß wie Schnee und seine Augen so blau wie das Meer, das es tagein, tagaus zu Gesicht bekam. Seit sie klein war, sammelte sie Geschichten. Das Mädchen lauschte gespannt all den Erzählungen. Egal ob wahr oder nicht, verwahrte alles in seinem kleinen Köpfchen und trug sie seitdem wie ein Gepäckstück mit sich herum.

Manchmal, wenn niemand sprach, dann blickte sie in die Gesichter der Menschen und versuchte sich ihre Geschichte vorzustellen. Versuchte zu erahnen, was für Geheimnisse sie versteckten, was für Lieder sie hinter verschlossenen Türen sangen und was ihnen durch den Kopf ging, während sie gedankenversunken in den Himmel starrten.

Das Mädchen liebte Geschichten und Märchen und ganz tief in ihrem Herz, da hatte sie ihre liebsten Erzählungen versteckt. Die Geschichte über die verbotenen Wünsche oder die der gläsernen Prinzessin, die Erzählung von dem Mädchen ohne Kopf oder eben die Geschichte vom Dieb ohne Herz.

Doch das Mädchen lebte nicht von klein auf in diesem Dorf. An einem stürmischen Wintertag tauchte es auf und niemand wusste, wer es war oder woher es kam. Seitdem arbeitete sie in der Werkstatt einer herzensguten Frau und half ihr dabei, Masken herzustellen. Masken für die reichen Leute in dem Fischerdorf, die auch so etwas Einzigartiges besitzen wollten wie die Menschen in Malufra. Die Masken stellten sie bei sich zu Hause auf oder hängten sie an die Wand, um zu zeigen, dass sie das Geld dafür besaßen.

Inzwischen war das Mädchen älter geworden und sein Herz verlangte nach mehr Geschichten. Sie wollte hinaus in die Welt, wollte alles erkunden, verspürte den Drang, endlich ihre eigene Geschichte zu entdecken.

Da stand sie also, blickte hinaus auf das Meer, in ihrer Hand eine schwarze Maske, auf der leuchtende Sterne abgebildet waren.

Lasst es mich so sagen, in dieser Geschichte wird es ein Happy End geben, nur nicht so, wie wir alle es erwarten.

1

Wo Sterne funkelten
vor einigen Jahren


Es war bereits dunkel auf den Straßen, keine Menschenseele war mehr zu sehen. Der Mond beleuchtete schwach die kleinen gepflasterten Wege, die durch das Dorf führten, während vereinzelte Schneeflocken sich einen Weg hinunter auf die Erde bahnten. Kalt war es und dunkel, nur das leise Flüstern des Windes drang durch die Ritzen hinein in die Häuser. Die meisten Menschen lagen in ihren Betten, verkrochen sich unter dicken Wolldecken und träumten bereits von morgen.

In einem Haus, das etwas weiter abgelegen stand, da brannte noch Licht. Eine Frau mit dichtem schwarzem Haar saß an ihrem Arbeitstisch und hatte sich über einen Gegenstand gebeugt. Diese Frau liebte die Nacht, da war es ruhig und man konnte ungestört arbeiten. Während die anderen schliefen, da stellte sie Masken her.

In ihrer Hand lag das neueste Werk, die Bestellung einer reichen Adelsdame. Die Maske war aus Glas, ganz bunt und farbenprächtig, die Seiten zierten Federn von Vögeln. Vögel, die man seit Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Die Frau fuhr sich seufzend durch das Haar. Bis morgen früh musste sie fertig sein, nur fehlte noch das gewisse Etwas. Nur was?

Sie wollte erneut aufseufzen, als ein schwaches Klopfen an der Tür sie zusammenzucken ließ.

»Herein!«, rief die Frau, die sich selten fürchtete. Sie glaubte an die Gerechtigkeit und auch an das Gute in den Menschen. Wenn jemand sie bestehlen wollte, dann könnte sie es ohnehin nicht verhindern. Mehr als Masken und bunte Federn konnte sie nicht bieten, denn das Geld, das sie nicht brauchte, das schenkte sie den Armen und Bedürftigen.

Die Holztür schwang auf und ein Mädchen erschien in ihrem Sichtfeld. Zitternd blickte es zu der Frau, eine Hand noch immer auf der Klinke. Der Wind blies ihr durch das Haar, verlieh ihr etwas Gespenstisches. Vielleicht lag es auch einfach an ihrer Haarfarbe. So hell wie das milchige Gesicht des Mondes.

»Verzeihung«, stammelte das Mädchen und umklammerte den Griff der Tür etwas fester.

Die Frau mit dem schwarzen Haar legte die Maske auf die Seite und blickte dann wieder zu ihr auf.

»Wie kann ich dir helfen?«, fragte sie zögerlich.

»Ich brauche eine Maske.« Noch immer zitterte es und erst jetzt fiel der Frau auf, dass diese dürre Gestalt mit dem hellen Haar nur ein einfaches Kleid trug. Der Stoff wehte um ihre Beine und bedeckte kaum ihre Knie. Immer wieder versuchte das Mädchen, das Kleid herunterzuziehen, der Wind war jedoch kräftiger. Die Haut des Mädchens war voller Dreck, kaum eine saubere Stelle war in seinem Gesicht zu finden.

Besorgt stand die Frau auf. »Masken sind hier kostbar, beinahe unbezahlbar.« Sie schüttelte den Kopf. »Komm erst einmal herein.« Auffordernd winkte sie das Mädchen in die warme Stube.

Das Kind nickte erleichtert, trat ein und schloss die Tür hinter sich. Das Rauschen des Windes verwandelte sich augenblicklich wieder in ein sanftes Flüstern.

»Wo sind deine Eltern?«, fragte die Frau und drehte sich kurz um, um nach einer dicken Decke zu greifen, die über einem der Stühle lag. Eilig reichte sie dem Kind das Stück Stoff.

Das Mädchen schwieg, starte einfach geradeaus zu der flackernden Kerze, die auf dem Holztisch stand und den Raum spärlich beleuchtete.

»Bist du auf der Flucht?«, versuchte es die Frau weiter.

Noch immer schwieg das Mädchen.

»Du brauchst nicht zu antworten, wir sind alle auf der Flucht vor irgendetwas.«

Das Mädchen lächelte und nickte. Die Frau wusste nicht warum, doch dieses Lächeln erweichte ihr Herz. Sie durfte dieses Kind nicht einfach wieder hinaus in die Kälte schicken. Bestimmt hatte es seine Eltern bei dem Sturm verloren und morgen, sobald der Himmel wieder klar war, würde sie dem Mädchen helfen, seine Familie zu finden.

»Was für eine Maske möchtest du denn?«

»Eine dunkle, mit Sternen«, sprach das Mädchen ganz überzeugt. Ihre anfängliche Unsicherheit schien wie verflogen.

»Ich muss dich leider enttäuschen, ich werde dir keine Maske machen.«

Die Mundwinkel des Kindes wanderten wieder nach unten.

»Ich werde dir zeigen, wie es geht, und dann machst du deine eigene.«


»Malina!«

»Malina!«

»Himmel noch mal, Malina, das Wasser!«

Erschrocken zuckte ich zusammen. Meine Gedanken waren gerade bei meiner ersten Begegnung mit Irena gewesen. An diesen Tag aus meiner Kindheit konnte ich mich noch gut erinnern. Er war einer der wenigen, die mir im Gedächtnis geblieben waren.

»Malina!«

»Ja!« Ich rollte mit den Augen und nahm den Topf mit dem kochenden Wasser von der Feuerstelle.

»Ich wundere mich bei dir manchmal, dass die komplette Hütte noch nicht in Brand steht.« Irena seufzte und fuhr sich energisch durch ihr dichtes, dunkles Haar.

Ich schwieg und verdrängte den Gedanken, dass mir genau das beinahe vor einer Woche passiert wäre. Ich hatte das Feuer vergessen und war eingeschlafen. Zum Glück befand Irena sich zu dieser Zeit auf dem Marktplatz.

»Irgendwelche interessanten Bestellungen?«, fragte ich, um sie von dem Thema abzulenken. Es war warm und die Sonne schien erbarmungslos vom Himmel. Manchmal bedauerte ich es, dass wir nicht unten am Meer wohnten. Dort wehte wenigstens ein kräftiger Wind. Den brauchten die Fischer auch. Sie verbrachten den ganzen Tag auf ihren Segelbooten und waren der Sonne ausgeliefert.

»Eine Maske für die Zofe eines adligen Herrn, eine Maske für den Stadtältesten für ein Fest, eine Maske für eine reiche Dame aus Bolinski und eine Maske für einen Handelsmann.« Irena setzte sich auf ein beiges Holzscheit neben dem Feuer und betrachtete die Flammen. Hinter ihr befand sich unser Heim, in dem wir beide lebten. Das Haus war wie alle Behausungen des kleinen Fischerdorfes Rondama klein, alt und trotzdem robust. Der einzige Unterschied waren die vielen kleinen Verzierungen an den Wänden. Es waren vergilbte Zeichnungen aus einer früheren Zeit und trotzdem erkannte man anhand der Umrisse, was sie darstellen sollten. Es waren Bilder von Geschichten, von Märchen, die man sich erzählte. Irenas Zuhause befand sich in der Nähe des Waldes, den keine Menschenseele betrat. Unheimliche Erzählungen rankten sich darum. Dort lebte nämlich der Dieb ohne Herz mit seinen Kameraden. Der Wald war ihr Zuhause, und wer dort vorbeiwollte, der musste einen hohen Preis zahlen. Der Dieb konnte mit den Bäumen und dem Wind sprechen, auch die Dunkelheit war ein Teil von ihm, und wer es wagte, ihn zornig zu machen, der würde sich in den Tiefen des Waldes verirren und nie mehr zurückkehren. Gleich dahinter lag Malufra, die Stadt der Masken.

»Das klingt nach viel Arbeit«, sprach ich und stellte den Topf mit dem Wasser neben mir ab.

»Viel Arbeit für nichts.« Sie seufzte und erst jetzt fielen mir die dunklen Schatten unter ihren Augen auf. Ich wusste nicht, wie alt sie war. Irena wirkte immer noch jung, und wenn ich sie ansah, dann vergaß ich irgendwie immer, dass sie diejenige war, die mich auf­gezogen hatte. Sie war mehr Freundin als Ersatzmutter für mich. Sie besaß keine Familie, ihre Eltern starben schon früh an einer Krankheit und ihr Bruder verließ nach seiner Verlobung mit einer angesehenen Frau das kleine Fischerdorf.

»Mein Einkommen reicht kaum für uns beide, wie will ich weiterhin die Armen unterstützen? Viele Menschen stellen Masken her und jeder bietet sie günstiger an. Die Preise gehen immer mehr zurück und irgendwann können wir diese Dinger verschenken.«

Ich schwieg, wusste nicht so recht, was ich darauf antworten sollte. Etwas nachdenklich betrachtete ich meine Hände. An der linken Hand zog sich ein tiefer Schnitt quer über die Handfläche. Er war noch frisch. Masken aus Glas herzustellen war aufwendig und schwer. Die Glasstücke hatte Irena von einem bekannten Händler aus dem Dorf. Mithilfe eines speziellen Schneidwerkzeuges konnte man die Stücke kleiner schneiden. Dabei musste man äußerst vorsichtig sein; wenn man zu kräftig drückte, dann zersprang das Glas in Tausende Teile und bohrte sich in die Handflächen. Trotz des Aufwandes liebte ich diesen einen Moment, wenn man die bunten Stücke vereinte, die fertige Maske abschliff und gegen das Licht hielt. Erst im Licht bekamen die Farben Leben und funkelten im Schein der Sonne. Magie, hatte Irena diesen Vorgang genannt. Magie war der Teil des Lebens, der einen zum Staunen brachte.

»Wo hast du schon wieder deine Gedanken?« Erneut weckte die Stimme von Irena mich. Sie ließ mich auftauchen aus meiner tiefen Gedankenwelt, in der ich mich manchmal verlor.

Lächelnd sah ich in ihre grünen Augen. »Die Idee mit den Masken, die Idee …« Ich wollte gerade weitersprechen, als Irena die Augen schloss und die linke Hand hob, um mich zum Schweigen zu bringen.

»Ich weiß, was du sagen möchtest. Fang bitte nicht wieder damit an.«

»Irena, hör mir doch zu. In Malufra ist der Bedarf nach Masken viel größer als hier, und wenn wir erst einmal Masken in Malufra selbst verkaufen würden, dann würden wir …« Abermals hob sie die Hand, um mich zu unterbrechen. Ich schwieg und blickte zu Boden. Die hellen Haarsträhnen schoben sich vor mein Blickfeld.

»Wenn ist ein Wort mit vielen Bedeutungen. Erinnerst du dich an die Geschichte des Fischerjungen, der den Mond besitzen wollte?« Irena war inzwischen aufgestanden und hatte sich das schwarze Haar mit einem Tuch zurückgebunden. Ihre Hände waren makellos. Kein Kratzer, keine Schwielen, keine Verletzungen. Nur ab und an entdeckte man bei starkem Licht kleine Narben. Narben von früher, aus einer Zeit, in der Irena noch lernen musste, dass auch Masken ihren eigenen Willen hatten.

»Die Geschichte vom jungen Fischer, der alles besaß und alles hatte?«

»Genau diese Geschichte.« Irena nickte zufrieden und klopfte sich die Hände an dem schwarzen, langen Kleid ab, das sie trug. »Holst du die bestellte Ware ab? Ich fange derweil schon mal an.« Sie wartete erst gar nicht meine Antwort ab, sondern verschwand im Inneren des Hauses.

Ich dachte noch einmal über ihre Worte und die Geschichte vom Fischer nach.

Er hatte viele Freunde, eine Familie und ein wunderschönes Mädchen an seiner Seite. Seine Taschen waren gefüllt mit Geld und dennoch wollte er immer mehr. Er wollte ein Schloss wie das des Königs, er wollte ein Pferd so schnell wie der Wind, ein Huhn, das goldene Eier legte, und eine Schar an Dienern. Irgendwann, nach unzähligen Jahren, waren all diese Dinge in seinem Besitz. Er hatte wirklich alles und doch war es noch nicht genug. Er blickte hoch in den Himmel und sah den runden Mond dort hängen. Den Mond dort oben, den wollte er auch besitzen. Die Gier spiegelte sich in seinen Augen, und seine Freunde und seine Familie hatten bald Angst um den Fischer. Doch dieser ließ sich nicht beirren und jagte fortan den Mond. Er lief dem Mond entgegen, achtete nicht auf seine Schritte und den Weg zu seinen Füßen. Er war so versunken in seinen Gedanken, so voller Gier, dass der Fischer nicht bemerkte, dass er gerade einen Fluss durchquerte. Ehe er sich’s versah, da riss die reißende Strömung an seinen Kleidern und zog ihn hinab in die Tiefe des Wassers. Ja, dort lag er nun und starb eines einsamen Todes. Manchmal war alles einfach nicht genug.

Seufzend warf ich einen Blick hinüber zu dem Wald, der nicht weit von uns entfernt lag. Dichte Bäume versperrten mir die Sicht. Die Blätter raschelten im Wind. Irgendetwas Unheimliches ging von diesem Wald aus. Schnell schüttelte ich den Kopf, um meine Gedanken zu vertreiben, und machte mich auf den Weg hinab zu dem Dorf. Ja, manchmal war alles einfach nicht genug.

2

Wo Wünsche wahr wurden


Geschichten waren es, die uns zum Leben erweckten, dank ihnen gerieten wir niemals in Vergessenheit. Sie belebten uns, ließen uns fühlen und träumen, verliehen uns unsichtbare Flügel, die uns hoch hinauf Richtung Himmel trugen.

Es war bereits später Abend, als ich mit der bestellten Ware vor dem Eingang des Hauses stand. Seufzend ließ ich den schweren Sack auf den mit Gras überwucherten Boden gleiten. Unsere Aufträge wurden immer weniger und trotzdem bestellte Irena dieselbe Menge bei den Händlern. Ihr Herz ließ es nicht zu, dass andere unter unseren schweren Zeiten litten. Innerlich hoffte ich, dass es wirklich nur schwere Zeiten waren, obwohl ich die Wahrheit eigentlich kannte.

Mein Blick glitt hoch zu den Sternen über uns. Schon als junges Mädchen hatten mich diese hellen Punkte auf der schwarzen Tapete fasziniert. Wie sie einfach da waren, so winzig und doch so wunderschön. Gern erinnerte ich mich an eines der ersten Märchen, das ich in meinem Leben gehört hatte, das Märchen über die Wünsche. In der Geschichte hieß es, dass man sich alles wünschen konnte, was man wollte. Jeder noch so kleine Wunsch würde in Erfüllung gehen, wenn man als Gegenleistung dafür etwas bot. Als eine Art Vertrag wurde für jeden ausgesprochenen Wunsch ein Stern am Himmelszelt erleuchtet, der erst wieder verschwand, wenn man seine Schuld beglichen hatte, damit der Traum in Erfüllung gehen konnte. Sternschnuppen trugen ihn dann hinab auf die Erde.

Mein Blick verweilte noch etwas länger bei dem Lichtermeer dort oben, ehe ich den vollen Sack wieder hochhob und in das Innere des Hauses trat. Auf dem kleinen Schreibtisch in der Ecke brannte noch eine Kerze. Die Flamme schien im Schein der Dunkelheit zu tanzen. Ganz langsam bewegte sie sich hin und her. Irena saß am Tisch. In ihrer linken Hand hielt sie eine angefangene Maske und in der rechten Hand eine ziemlich ausgefallene Feder. Ihren Kopf hatte sie auf die Holzfläche gelegt und ein leises Schnarchen war zu hören.

Lächelnd zog ich die Tür hinter mir langsam zu. Morgen würde sie sich wieder ärgern, dass sie eingeschlafen war, aber das war in Ordnung. Irena brauchte ihren Schlaf.

Ich schnappte mir die Kerze und lief durch das Vorzimmer, hinein in die kleine Küche mit dem runden Holztisch in der Mitte des Raumes. Ein Topf mit Suppe stand dort. Doch diesen beachtete ich kaum. Essen konnte ich noch später. Ich schritt die Holzstufen hinauf, die gleich nach der Küche anfingen. Die Decke war etwas niedrig und mit jedem Schritt musste ich meinen Kopf etwas mehr einziehen, bis ich endlich wieder aufrecht gehen konnte. Oben im Dach befand sich mein Zimmer. Es war groß, wenn auch etwas spärlich eingerichtet. Der komplette Dachstock gehörte mir, na ja, fast mir. Außer meinem Zimmer befanden sich noch zwei weitere Räume dort oben. Zum einen eine Abstellkammer und zum anderen Irenas Zimmer, das sie seit Jahren nicht mehr betreten hatte. Oft schlief sie unten bei ihrem Arbeitsplatz, weswegen sie starke Rückenschmerzen plagten.

In meinem Zimmer befanden sich ein schmales Bett, ein Tisch mit zwei Stühlen, eine Kommode und ein kleines Regal. Platz für mehr hätte ich gehabt, nur mehr brauchte ich nicht.

Auf meinem Bett lagen einige Kissen und Decken. Einen kleinen Teil nahm ich mit, während ich die Kerze noch in der anderen Hand hielt, und lief wieder hinunter zu Irena. Ihr Schnarchen unterbrach sie kein einziges Mal. Ihr Schlaf war tief und fest und womöglich hätte sie nicht einmal bemerkt, wenn sich eine Horde Ziegen in unserem Haus befunden hätte. Ich deckte sie zu und bettete ihren Kopf auf eines der Kissen. Das dichte Haar fiel ihr dabei vor die Augen. Ich lächelte, flüsterte leise »Gute Nacht« und wagte mich dann noch einmal hinaus in die Dunkelheit. Ich setzte mich direkt vor den Eingang des Hauses, stellte die flackernde Kerze neben mich und zog die Knie an meine Brust. Die Stille war wunderbar und manchmal genoss ich es einfach, wenn ich meine Augen schließen konnte und der Wind durch mein Haar fuhr.

Nur war heute etwas anders. Ich fühlte mich beobachtet. Fröstelnd rieb ich mir die Arme und starrte dorthin, wo die dichten Bäume sich umarmten. War da ein Schatten, oder spielte mir bloß die Dunkelheit einen Streich? Dieses eigenartige Gefühl verschwand wieder so schnell, wie es aufgetaucht war. Da war nichts, zumindest hoffte ich das.

Ich schüttelte meinen Kopf und stand auf. Erstaunlicherweise war ich immer noch hellwach. Ich ging kurz nach drinnen und verge­wisserte mich noch einmal, dass Irena wirklich tief und fest schlief, ehe ich eines der Küchenmesser in meinem Stiefel versteckte, die Kerze ausblies und hinaus in die Nacht schlich. Ich schlenderte einen kleinen Weg entlang, über einen Hügel und vorbei an Sträuchern und Wildblumen. Immer wieder wanderte mein Blick dabei zu den dichten Baumkronen des Waldes, der sich nun immer mehr entfernte, je weiter ich hinab in das Dorf lief.

Über all die Jahre hatte ich mich immer wieder gefragt, woher ich kam. Warum ich in jener Nacht nach einer Maske gefragt hatte, war für mich weiterhin ein Rätsel. Es schien beinahe so, als ob mir all die Erinnerungen vor jenem Abend fehlten. Auch Irena konnte mir nicht wirklich weiterhelfen. Sie hatte sich überall erkundigt, doch niemand kannte mein Gesicht oder meine Geschichte. Alles rund um meine Vergangenheit blieb verborgen hinter dem Schatten der Ungewissheit.

Bald erreichte ich die Mauer des Dorfes. Der einzige Eingang war ein schweres Eisentor, das bewacht wurde. Ein Wachmann stand davor. Sein Haar war dunkel, jedoch entdeckte man selbst im schwachen Licht einige graue Strähnen. Er lächelte, als er mich sah, dabei bildeten sich kleine Fältchen um seine Augen.

»Malina, noch wach zu solch später Stunde?«, fragte er, während er die Hand zum Gruß hob. Ich erwiderte den Gruß und nickte leicht.

»Kann nicht schlafen«, sprach ich und wartete geduldig, bis er das Tor öffnete. Eilig schlüpfte ich hindurch, ehe ich mich noch einmal umdrehte. »Richte deiner Frau Grüße aus, Edmund.« Er nickte, wie ich es vorhin getan hatte, und schloss dann wieder die Pforte.

Meine Beine trugen mich immer weiter hinab, vorbei an Häusern, in denen noch Licht brannte, vorbei an dem alten Wirtshaus und den betrunkenen Kaufleuten. Erst am Hafen machte ich halt, als das Rauschen des salzigen Wassers an meine Ohren drang. Hier war es kühler und irgendwie bereute ich es, dass ich keine Jacke angezogen hatte. Der Wind blies immer kräftiger, während die Wellen in unregel­mäßigen Abständen gegen die Mauern aus Stein schlugen. Es roch nach Salz, nach Fisch, nach Freiheit und nach …

»Seltsamer Abend, nicht wahr?«

Ich drehte mich überrascht um. Es war ein Junge. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie er neben mich getreten war. Er hatte blondes, längeres Haar und blickte starr zum Meer. Seine Kleidung war schwarz und er trug ungewöhnlich viele Schichten auf einmal. So was taten meist nur Menschen, die auf der Durchreise waren.

»Ist nicht jeder Abend seltsam?«, fragte ich zurück und blickte immer noch zu dem jungen Mann. Auf seinem Rücken trug er einen Köcher mit Pfeilen und einen Bogen. Unbewusst dachte ich an das Messer in meinem Stiefel. Im Nahkampf würde ihm der Bogen nichts mehr nützen, obwohl, konnte ich überhaupt einen Menschen verletzen?

»Du kommst nicht von hier, oder?«, fragte ich.

»Ich bin auf der Durchreise.«

»Aha!« Triumphierend schnipste ich mit den Fingern.

Er wandte nun seinen Kopf von dem Meer ab und sah mich etwas verwirrt an. Seine Augen waren von einem sanften Braun. Die Gesichtszüge des Jungen waren weich, was zu seinem freundlichen Lächeln passte. Irgendwie war es beinahe unmöglich, sein Alter zu erraten. In seinem Blick lag so viel Tiefe und Wissen, aber trotzdem wirkte er jung, was womöglich an dem fehlenden Bart lag. Hier im Dorf trugen die meisten Männer stolz einen Bart, und wenn es nur ein winziger war.

»Und du?«, fragte er nun. Er wirkte interessiert, richtete seine volle Aufmerksamkeit auf mich.

»Ich wohne hier«, sprach ich.

»Deine Haare sind seltsam.«

»Sie sind nicht …« Ich schüttelte den Kopf, blickte wieder hinauf zu den Sternen. Im Grunde waren sie wirklich nicht so eigenartig, wie manche dachten. Viele Leute trugen andere Haarfarben. Ganz früher existierten nur diese typischen Braun-, Schwarz- und Blondtöne, selbst Rot war sehr selten. Irgendwann im Laufe der Zeit fanden Kräuterfrauen heraus, wie man die Farbe der Haare auf Dauer ändern konnte, und seitdem gab es die unterschiedlichsten Haarfarben.

»Sie sind nicht seltsam«, vervollständigte er meinen Satz.

»Sie sind nicht seltsam«, wiederholte ich nun und musste ein Lächeln unterdrücken.

Die Sterne über mir funkelten, verzauberten mich mit ihrer kompletten Schönheit und zogen mich in ihren Bann. Immer wieder geisterte mir dabei das Märchen mit den Wünschen durch meinen Kopf. Was, wenn es wirklich wahr wäre? Was würde ich mir wünschen?

»Starrst du andauernd hoch in die Sterne?«

Ich spürte, dass er mich immer noch ansah. Wie das Braun seiner Augen auf mir lag und wie er sich wunderte, was diesem seltsamen Mädchen mit den hellen Haaren wohl durch den Kopf ging.

»Nein, manchmal nehme ich mir auch etwas Zeit und esse, damit ich nicht ganz eingehe«, antwortete ich.

»Es gibt da so ein Märchen, dass man sich wünschen kann, was immer man möchte.« Er fuhr fort, ohne auf meine kreative Antwort einzugehen.

Noch immer blickte ich hoch in den Himmel, beobachtete ihn dabei aus dem Augenwinkel heraus. Jungen Männern sollte man nicht trauen, besonders nicht, wenn sie einen Bogen bei sich trugen und Mädchen nachts auflauerten. »Das Märchen kenne ich.«

»Was würdest du dir wünschen?«, fragte er und machte einen Schritt auf mich zu. Nun senkte ich wieder meinen Blick und ging etwas auf Abstand.

»Ich tue dir nichts, keine Sorge.« Besänftigend hob er beide Hände hoch und schenkte mir dieses nette Lächeln von vorhin.

»Ich würde ganz gern nach Malufra gehen«, beantwortete ich die Frage wahrheitsgemäß.

»Der Stadt der Masken? Dafür müsstest du durch den Wald.« Er schüttelte sich. »Dort lebt ein Ungeheuer.«

»Im Grunde ist es ein Dieb.« Das Märchen vom Dieb ohne Herz war eines meiner liebsten. Es war unheimlich, schauerhaft und trotzdem schön auf seine Art und Weise.

»Ein Dieb ohne Herz.« Erneut schüttelte sich der Junge und spuckte dann drei Mal auf den Boden.

»Vertreibt Unglück«, beantwortete er meine fragenden Blicke.

Wieder etwas, woran man merkte, dass er nicht von hier kam. Hier spuckte niemand auf den Boden, nicht einmal, wenn eine schwarze Katze einem den Weg kreuzte.

»Trotzdem würde ich gern nach Malufra, ich würde gern zur Königin gehen.«

»Die ist verrückt.« Schon wieder hatte er etwas einzuwenden.

»Was auch nur ein Märchen ist«, sagte ich und kickte einen Stein zu meinen Füßen in hohem Bogen in das Meer.

»Und was würdest du dafür als Preis zahlen, um mit der verrückten Königin zu sprechen?«

Langsam ging mir das Gespräch zu nahe.

»Ich sollte jetzt wirklich wieder zurück, hat mich gefreut.« Eilig hob ich die Hand und lief wieder Richtung Tor.

»Und deine Geschichte, wie geht deine Geschichte?«, rief mir der Fremde noch nach, doch ich drehte mich kein einziges Mal mehr um. Im schlimmsten Fall würde er mir einen Pfeil in den Rücken schießen, was, um ehrlich zu sein, wirklich ein schlimmer Fall wäre.

Ich huschte durch die Nacht, begegnete wieder den Betrunkenen, schlich um die Häuser herum, nur brannte diesmal kein Licht im Inneren. Beim Tor verabschiedete ich mich von Edmund und ließ das Dorf und den Jungen hinter mir.

Erst kurz vor unserem Haus hielt ich an. Keuchend schnappte ich nach Luft. Den Hügel war ich beinahe hinaufgerannt. Nun zerrte die Müdigkeit an mir. Während des gesamten Weges war mir dieses Ding mit den Wünschen nicht aus den Gedanken gewichen. Ich hatte einen Plan gefasst. Ich würde der Königin einen Brief zukommen lassen und sie bitten, dass wir sie besuchen dürften. Ein ziemlich unkluger Vorschlag, den ich auf meine Müdigkeit schob, genau wie das, was ich nun machte.

»Ich wünsche mir«, begann ich, »dass wir eine Einladung von der Königin von Malufra bekommen würden.«

Ich wartete einen Moment. Irgendwie fühlte sich das Ganze noch nicht richtig an. Da fehlte noch etwas.

»Dafür biete ich, was immer ihr wollt.«

Noch immer war es still. Was hatte ich auch erwartet? Dass dieses Märchen wahr war und in den nächsten Sekunden der königliche Bote auftauchte, um mich und Irena mit auf das Schloss zu nehmen?

Ich schnappte mir die Kerze vom Boden und öffnete die Tür. Einen kurzen Moment blickte ich noch einmal hoch zu den Sternen. Täuschte ich mich, oder war da ein neuer Leuchtpunkt am Himmelszelt aufgetaucht?

Einer, der heller strahlte als alle anderen?

3

Wo Mädchen verschwanden


Malina!«

»Malina!«

»Himmel noch mal, Malina!«

Es fühlte sich an, als ob ich gerade erst meine Augen geschlossen hätte, als mich die Stimme von Irena weckte. Ich blinzelte, rieb mir zaghaft über die Augen und wagte einen Blick unter der Decke hervor. Hatte ich verschlafen?

»Malina!« Völlig außer Atem kam Irena die breiten Stufen hoch. Ihr Haar war zerzaust und es wirkte beinahe, als sei sie gerade erst aus dem Bett beziehungsweise aus dem Stuhl hochgeschreckt.

»Was ist los?«, fragte ich und rieb mir erneut über die Augen.

»Sie haben wieder einen gefunden.« Irena schüttelte den Kopf.

Nun war ich endgültig wach. Ohne ein weiteres Wort von Irena erhob ich mich, zog meine einfache graue Jacke über das Schlaf­gewand und rannte die Stufen hinunter. Meine nackten Füße huschten über die hölzernen Treppenabsätze und beinahe wäre ich in Edmund gerannt. Er stand im Eingang unseres Hauses. Noch immer trug er seine Wachmannsuniform und das dunkle Haar war perfekt frisiert. Auch seine Stiefel glänzten und seine Uniform war sauber zugeknöpft. Doch selbst diese Perfektion und dieser Schein konnten die Wahrheit nicht verbergen. Edmund hatte denselben nachdenk­lichen Blick aufgesetzt wie Irena vor wenigen Sekunden.

»Wo?«, fragte ich einfach und drängte mich an ihm vorbei.

»Unten am Meer. Sie haben ihn bereits weggeschafft«, beantwortete er meine Frage. Ich schloss die Augen und trat nun endgültig hinaus ins Freie. Die Sonne war gerade erst aufgegangen und es roch noch nach Morgentau. Ein kühler Wind blies mir durchs Haar und ließ mich trotz meiner Jacke frösteln.

»Ich denke, wir sollten uns langsam Sorgen machen.« Irena erschien hinter dem Wachmann und verschränkte die Arme vor der Brust.

Ich nickte. Es war bereits der vierte Todesfall in diesem Monat und so langsam musste etwas geschehen. Auf einmal erschien das Bild des blonden Jungen vor meinen Augen. »Wie sah er aus?«, fragte ich zaghaft und hoffte, dass nicht er der Tote war.

»Ein älterer Mann mit gräulichem Haar. Er war auch Fischer.

Wie die anderen.«

Wie die anderen … Immer wieder hatte man unten am Meer tote Männer gefunden. Sie alle hatten als Fischer gearbeitet und waren in den hohen Wellen ertrunken, zumindest deutete alles darauf hin.

»Das liegt an der Geldnot. Die Abgaben werden immer höher und irgendwann fahren die Fischer auch nachts hinaus, um irgendwie an ihr Geld zu kommen.« Irena schluckte, als sie die Worte aussprach, und schüttelte dann traurig den Kopf. »Diese ständige Suche nach Geld, sie bringt uns alle noch ins Grab.«

Wieder nickte ich. Wer der Mann wohl gewesen war? Hatte er Familie und Kinder gehabt? Ich wollte mir seine Geschichte gar nicht erst ausmalen.

»Ich werde wieder hinuntergehen und schauen, ob ich etwas helfen kann«, sprach Edmund und verneigte sich leicht.

»Ich komme mit!«, rief Irena und fuhr sich eilig durch ihre dichte Mähne. »Noch einmal sehe ich nicht tatenlos zu.« Mit energischen Schritten lief sie die Treppe hoch.

»Dann werde ich wohl warten«, seufzte er und kratzte sich verlegen am Kopf. Er wusste nur zu gut, dass es nichts brachte, Irena zu widersprechen. Sie hatte einen sturen Kopf und ließ sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen.

Es dauerte nicht lange, da erschien Irena wieder bei der Treppe. »Ich bin gleich wieder zurück, schlaf du ruhig noch etwas.« Sie lächelte, ehe sie zusammen mit Edmund das Haus verließ.

Erst jetzt fiel mir diese Stille auf. Im ganzen Haus war es ruhig, kein einziger Laut drang von draußen herein. Ich seufzte und gähnte noch einmal herzhaft. An Schlaf konnte ich nun nicht mehr denken. Ich war zwar noch müde, aber wenn ich mich jetzt noch einmal hinlegen würde, dann würden meine Gedanken wegen des Toten ständig abschweifen. Also ging ich in die Küche und suchte nach etwas Essbarem. Viel gab es nicht. Die Suppe von gestern stand noch dort, aber inzwischen war nicht mehr viel davon übrig. Daneben lag noch ein Stück Brot, dem ich jetzt meine Aufmerksamkeit schenkte. Ich brach es in der Mitte auseinander und wollte gerade einen Bissen nehmen, als mir etwas anderes auffiel. Ein brauner Umschlag lag auf dem Boden. Womöglich hatte ihn ein Windstoß vom Tisch befördert, immerhin stand das Fenster offen. Neugierig hob ich ihn auf. Das Papier war ganz rau und vergilbt, als ob der Brief schon eine Weile dort unten läge. Dort, wo ich den Umschlag berührt hatte, kribbelten meine Finger ganz leicht. Überrascht ließ ich ihn wieder fallen. Nun lag er auf der anderen Seite und ich entdeckte auch, an wen er adressiert war. Malina

Ein Brief für mich? Ein ungutes, beinahe schon beängstigendes Gefühl kroch meinen Rücken hinauf. Ich hatte bisher noch nie einen Brief bekommen, höchstens von Irena selbst, aber das hier war nicht ihre Handschrift. Ich legte das Brot beiseite und hob den Brief erneut auf. Diesmal blieb das Kribbeln aus. Er war verschlossen durch ein blutrotes Siegel mit dem Buchstaben M. Ganz vorsichtig durchbrach ich das Siegel und öffnete den Umschlag.

Eine Einladung in das Reich Malufra. Mit dieser Einladung ist es Euch gestattet, die Königin höchstpersönlich zu besuchen und auf Kosten des Königreiches einige Tage in meiner Stadt zu verbringen.

Die Königin

Ich las den Brief immer und immer wieder, machte mir alle möglichen Gedanken dazu. Warum war diese Nachricht an mich gerichtet? Warum sollte die Königin mich einladen?

Und während ich dasaß und meinen Gedanken folgte, vergaß ich komplett die Zeit.

»Was ist das?«

Ich keuchte auf und drehte mich ruckartig um. Irena stand hinter mir. Sie strich sich eine dunkle Haarsträhne hinter das Ohr und blickte mich dann auffordernd an.

»Ein Brief mit einer Einladung nach Malufra«, sprach ich leise.

Nun weiteten sich ihre Augen. »Ein Brief mit einer Einladung nach Malufra?«, wiederholte sie ungläubig. Langsam schritt sie näher und nahm mir den Zettel aus der Hand.

So standen wir eine Weile, die mir wie eine Ewigkeit vorkam. Irena musste den Brief inzwischen schon Dutzende Male gelesen haben, schwieg aber weiterhin.

»Bestimmt ein Scherz.« Ich zuckte mit den Schultern und nahm mein Brot wieder in die Hand.

»Leider nicht, das hier ist wirklich eine Einladung zur Königin.« Sie schüttelte den Kopf und setzte sich dann auf einen der Holzstühle rund um den Tisch. Sie deutete auf das Siegel. »Solch ein Siegel besitzen nur adelige Menschen und auch den Initialen nach zu urteilen, hat die Königin von Malufra den Brief unterzeichnet. Nur, warum sollte sie dir so etwas schicken?« In ihrem Blick lag eine Art Vorwurf.

»Ich weiß es …« Ich wollte gerade meinen Satz mit dem Wort nicht beenden, als mir das Märchen mit den Wünschen in den Sinn kam. »Ich habe es mir gewünscht.« Nun setzte auch ich mich auf einen der Stühle. Mein Herz pochte und ein unangenehmes Gefühl breitete sich in meiner Brustgegend aus.

»Malina …« Irena holte tief Luft und schluckte ihren Ärger hinunter. »Zu welchem Preis?«

Nun sagte ich nichts mehr, da ich wirklich nicht wusste, was ich dazu noch sagen könnte. Ich kannte den Preis nicht und vielleicht war das der Grund für dieses unangenehme Ziehen in der Nähe meines Herzens.

»Ich weiß, es sind nur Märchen, aber in jedem Märchen steckt ein Funke Wahrheit.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich möchte nur, dass du mir eines versprichst.«

»Was?«, fragte ich zögerlich.

»Dass du nicht dorthin gehst. Du bleibst hier und folgst der Einladung nicht!« In ihrer Stimme lag ein warnender Unterton. Ich wusste, sie war nicht wütend, sie machte sich bloß Sorgen.

»Und was, wenn das eine perfekte Möglichkeit wäre, um der Königin von unseren Masken zu erzählen? Und vielleicht …« Ich holte erst tief Luft, bevor ich den Satz zu Ende sprach, denn ich wusste, Irena würde nicht begeistert darauf reagieren. »Vielleicht würde ich irgendwo dort draußen auch einen Hinweis auf meine Herkunft finden. Ich kenne meine Geschichte immer noch nicht und hier kann mir keiner helfen.«

»Malina«, seufzte sie und starrte aus dem Fenster hinaus. »Die Königin versteckt ihr Gesicht nicht umsonst hinter Masken. Sie ist verrückt und in ihrem Reich gelten ihre Regeln. Man kann dich nicht vor ihr schützen, ich kann dich nicht vor ihr schützen.«

»Und wenn du mitkommst?«, fragte ich, obwohl ich die Antwort bereits kannte.

»Ich betrete den Wald nicht, meine Welt ist hier, und darum möchte ich, dass du mir versprichst, dass du hierbleibst.«

»Es wäre nur für eine kurze Zeit!« Ich spürte, wie dieses Ziehen, dieser Schmerz sich an die Oberfläche kämpfte und in Form von Tränen meine Wange hinunterrann.

»Malina!« Die Stimme von Irena wurde immer lauter. »Ich will nicht, dass du gehst.«

»Und warum?« Meine Stimme bebte. Es war nicht gut von mir, dass ich mich wie ein kleines Kind benahm. Irena war für mich da gewesen, sie hatte sich um mich gekümmert, und sie war es auch, die mir ein Zuhause gegeben hatte. Nur genau darum musste ich nach Malufra. Ich wollte ihr helfen und ich wollte endlich erfahren, wer die Malina von früher war.

»Weil du die Welt dort draußen nicht kennst.« Sie schüttelte traurig den Kopf. »Du verstehst nicht, zu was Menschen fähig sind«, fügte sie hinzu und ihr Blick glitt wieder hinüber zu dem Fenster. »Und genau darum möchte ich jetzt, dass du mir versprichst, dass du hierbleibst.«

Ich schwieg und wischte mir mit dem linken Handrücken die verbliebenen Tränen aus dem Gesicht.

»Malina …«

»Ich verspreche es«, sagte ich enttäuscht. Ich stand wieder auf und ließ den Brotlaib auf dem Küchentisch. Der Appetit war mir vergangen.

»Es ist zu deinem Besten«, fügte Irena besänftigend hinzu, nur war ich bereits aus der Tür hinaus verschwunden. Mir war es egal, dass ich nur eine einfache Jacke trug und darunter noch mein Schlafgewand. Ich brauchte einfach einen Moment für mich. Diese Einladung war höchst sonderbar, und gleichzeitig war sie eine gewaltige Chance. Wenn die Königin erst einmal sehen würde, was für Masken Irena herstellte, dann würde sie mit Sicherheit welche kaufen. Dann hätten wir wieder mehr Geld und womöglich würde dann dieser Ausdruck aus den Augen von Irena verschwinden. Sie brauchte das Geld. Damit könnte sie auch wieder den Armen helfen und so würden solche schrecklichen Dinge wie mit dem Fischer hoffentlich nie mehr passieren.

Als ich spätabends wiederkam, waren alle Lichter gelöscht. Irena war nirgends zu sehen, aber ich brauchte sie nicht zu suchen, ich wusste auch so, dass sie heute wieder einmal nach langer Zeit in ihrem Zimmer schlief. Wenn man Masken herstellte, dann brauchte man einen ruhigen Verstand. Denn Masken formten sich nach den Gedanken derer, die sie herstellten. Dies hatte Irena mir einmal erklärt. Darum stellte sie keine her, wenn sie traurig, wütend oder enttäuscht war.

Der Brief von heute Morgen lag immer noch auf dem Küchentisch. Ich setzte mich nieder und nahm ihn in die Hände. Wenn ich gehen würde, würde ich Irena verletzen. Wenn ich blieb, dann wäre sie glücklich. Aber was wollte ich?

4

Wo Entscheidungen Herzen brachen


Ich blickte noch einmal zurück zu dem Haus, das in all den Jahren mein Zuhause gewesen war. Irena schlief bestimmt noch, und wenn sie aufwachte und bemerkte, dass ich fehlte, dann würde sie zuerst wütend werden. Nach der Wut käme dann schon bald die Enttäuschung. Irgendwann würde sie dann den Zettel auf dem Küchentisch sehen, auf dem stand, dass ich gegangen war. Ich hatte es ihr versprochen und ich hatte mein Versprechen gebrochen.

Ich musste es tun. Ich drehte mich wieder in die Richtung des Waldes und lief los. Ich hatte gestern kein Auge zugetan und hatte stattdessen eine kleine Reisetasche mit den wichtigsten Dingen gepackt. Natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen, aber wenn ich hierbleiben würde, würde ich niemandem helfen.

Je näher ich den dunklen Bäumen kam, umso kräftiger blies der Wind. Er war wie eine Art Warnung.

Ich zog den Umhang enger um meine Schultern und die Kapuze etwas tiefer ins Gesicht. Der Eingang des Waldes wurde von zwei knorrigen Eichen gekennzeichnet. Sie hatten dicke Stämme, und unzählige Äste und Blätter bildeten ihre Baumkronen. Wie zwei Wächter standen sie da und schienen mich zu beobachten. Trotzdem lief ich zielstrebig weiter, immer weiter in die Dunkelheit des Waldes hinein. Es war zwar helllichter Tag und doch schien es, als ob das Licht nicht durch die Blätterdecke hindurchdringen würde.

Es war nicht nur die Beinahedunkelheit, die mir einen eisigen Schauer über den Rücken laufen ließ, es war die Stille, die mir Unbehagen bereitete. Ich hörte nur meine eigenen Schritte auf dem Wald­boden. Selbst das Rauschen des Windes war verschwunden. Ich verdrängte die Angst und lief immer weiter geradeaus. Solange ich nirgends abbog oder vom Weg abkam, konnte ich mich auch nicht verirren.

So lief ich, bis meine Beine schmerzten und sich Blasen an meinen Füßen bildeten. Inzwischen konnte ich nicht einmal mehr sagen, wie viel Zeit vergangen war. Meine Augen hatten sich an die schwachen Lichtverhältnisse gewöhnt. Wirklich viel zu sehen gab es nicht. Wald, so weit das Auge reichte. Ich seufzte, lehnte mich an den Stamm eines Baumes. Langsam rutschte ich daran herunter und legte meinen Kopf auf die Knie. Ich war müde vom Laufen und auch hungrig. In meiner Tasche hatte ich zwar eine Notration, aber wer wusste schon, wie lange ich mich hier aufhalten würde. Wenn ich nur …

»Drei Meter groß war er!«

»Deine Nase wird nur noch länger, wenn du weiterhin so einen Unsinn redest.«

Ich erstarrte. Wer war das? Ich dachte, hierher würden sich keine Menschen verirren. Eilig kroch ich hinter den Baum und duckte mich etwas. Die Kapuze rutschte mir dabei wieder nach hinten.

»Wenn ich es dir sage! Du glaubst mir so oder so nichts.« Die Stimme gehörte einem Mann, während die andere unbekannte Person eine Frau sein musste.

»Das tue ich tatsächlich nicht, du erfindest ständig irgend­welche Märchen, um andere zu beeindrucken«, antwortete die Frau. Die beiden kamen immer näher. Sosehr ich mich auch anstrengte, ich erkannte nicht wirklich viel. Was zum einen an den schlechten Lichtverhältnissen und zum anderen an ihrer Kleidung lag. Sie trugen Kapuzen, die sie sich bis ins Gesicht gezogen hatten, und dunklen Stoff. Ihre Bewegungen waren geschmeidig, fast lautlos schlichen sie über den Waldboden, und würden sie sich nicht miteinander unterhalten, so hätte ich sie gar nicht gehört.

Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Was, wenn sie mich ent­decken würden?

»Und funktioniert es?«, fragte der Mann und lachte. Er war größer als die Frau und hatte breitere Schultern. Außerdem trug er ein Schwert um die Hüften, während es aussah, als ob seine Begleiterin unbewaffnet unterwegs war.

»Was?«, fragte die Frau. Sie wirkte etwas genervt. Ich konnte mir nur allzu gut vorstellen, wie sie unter der Kapuze ihre Augen verdrehte.

»Das mit dem Beeindrucken.« Er blieb stehen. Nun standen die beiden im Grunde direkt vor meinem Baum und ich wagte kaum noch zu atmen.

Sie murmelte irgendetwas, was ich nicht wirklich verstand. Ich wandte den Kopf ab und duckte mich noch etwas mehr Richtung Waldboden. Sobald die beiden verschwunden waren, würde ich rennen. Ich würde meine Beine in die Hand nehmen und um mein Leben rennen. Mein einziger Schutz war das stumpfe Küchenmesser in meinem Stiefel. Gegen ein Schwert würde ich damit wohl nicht ankommen, zumindest nicht in diesem Leben.

»Irgendetwas ist eigenartig.« Die Stimme des Mannes ließ mich zusammenzucken.

»Es ist nichts eigenartig«, seufzte die Frau und lehnte sich nun direkt an den Baum, hinter dem ich kauerte.

»Hörst du mir überhaupt zu?« Jetzt wirkte er genervt.

»Bis auf das Mädchen hinter dem Baum gibt es hier aber nichts Eigenartiges«, schnurrte sie.

Ich schloss die Augen für einen kurzen Moment, holte tief Luft, öffnete sie wieder und stieß mich blitzschnell vom Boden ab. Dann rannte ich los.

»Jetzt hast du sie erschreckt«, hörte ich die Stimme des Mannes aus weiter Ferne. Doch ich kümmerte mich nicht darum und sprintete immer weiter. Der Boden zu meinen Füßen war uneben und ich geriet immer wieder ins Straucheln, fing mich so schnell es ging wieder. Zweige streiften mein Gesicht und verfingen sich in meinen Haaren. Ich keuchte und meine Lunge schien nach Luft zu schreien. Für gewöhnlich rannte ich nicht durch unebene Waldgebiete. Erst als ich mir sicher war, dass die beiden mir nicht folgten, hielt ich an. Ich kauerte auf dem Boden, inmitten von moosbewachsenen Steinen, und holte gierig Luft. Mein Mund fühlte sich staubtrocken an und meine Zunge klebte an meinem Gaumen. Ich schnappte mir meine Tasche und suchte nach dem kleinen Wasserschlauch. Gierig trank ich einige Schlucke, ehe ich wieder lauschte. Nichts war zu hören.

Ich stand wieder auf und setzte meinen Weg fort. Ich konnte nur hoffen, dass die beiden kein Interesse an mir hatten und ihren Weg in die andere Richtung fortsetzten.

Nach einiger Zeit kam der Regen. Die Blätter der Bäume fingen das meiste Wasser auf, aber es reichte nicht für einen vollständigen Schutz. Das wenige Licht wurde immer schwächer, da sich nun auch noch dicke Wolken vor die letzten Sonnenstrahlen geschoben hatten. Wasser durchnässte meinen Umhang und Kälte breitete sich in meinem Körper aus. Ich lief weiter, presste die Tasche an meine Kleidung und strich mir das nasse Haar aus dem Gesicht. Der Brief der Königin lag sicher verwahrt in der Tasche. Ich hatte ihn in ein kleines metallenes Kästchen gepackt und einen alten Schal darum gewickelt. Das Wasser sollte ihn also nicht erreichen.

Der Regen wurde immer kräftiger und nun blies auch noch ein störrischer Wind umher. Dieser zerrte die letzten Kräfte aus meinem Körper. Ich geriet ins Straucheln, stützte mich an einem Baumstamm ab und wollte weitergehen. Auf einmal schlang sich etwas um meinen Knöchel. Erschrocken schrie ich auf. Mein Schrei wurde vom Regen und dem Wind erstickt. Entsetzt blickte ich hinunter an meinem Körper, wo sich dicke Wurzeln um meinen Fuß wanden. Ich warf mir die Tasche über die Schulter und zog mit beiden Händen an der Wurzel. Sie lockerte sich etwas, sodass ich meinen Fuß befreien konnte.

Ehe ich erleichtert einen Schritt zurückmachen konnte, kroch bereits die nächste über meine Beine und wickelte sich darum wie eine Schlange um ihre Beute. Ich zog und zerrte, nun kamen neue Wurzeln und schlangen sich um meine Handgelenke. Keuchend gab mein Körper nach und ich fiel auf den harten Waldboden. Die hartnäckigen Dinger wanden sich um meinen Körper, zogen an mir, während ich kaum noch Luft bekam. Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen und ich war mir nicht sicher, ob dies an der Anstrengung oder an dem prasselnden Regen lag, der mir die Sicht nahm.

In meinen Gedanken tauchten Bilder von Irena auf, wie sie verzweifelt nach mir rief. Ihre Hände umklammerten eine Maske, während sie in meinem leeren Zimmer stand.

Ich schüttelte den Kopf. Wut kochte in mir. Mit letzter Kraft richtete ich mich auf und zerrte die Wurzeln weg von mir. Ich schrie und zog, kämpfte dagegen an. Die engen Fesseln lösten sich. Erleichtert rappelte ich mich auf, strauchelte wieder, aber gab nicht auf. Ich lief wieder zurück zu dem Waldweg und ballte die Fäuste. Dann knickte ich vor Erschöpfung endgültig ein.

5

Wo Fremde einem halfen


Irenas kühle Hände strichen über meine Stirn. Ganz behutsam und sanft, als ob sie Angst hätte, ich wäre so zerbrechlich wie ihre Masken aus Glas. Ich wollte etwas sagen, fand aber keine geeigneten Worte. Ich kämpfte gegen das Schwindelgefühl und gegen das Pochen in meinem Schädel an. Langsam öffnete ich die Augen und vertrieb endlich die Dunkelheit, die schon viel zu lange Besitz von mir ergriffen hatte.

»Irena«, krächzte ich und hustete. Nur stand vor mir nicht Irena. Erschrocken wich ich zurück und stieß dabei gegen etwas Hartes.

»Du hast Fieber, du solltest dich noch etwas ausruhen«, sprach die Frau vor mir. Sie war jung, womöglich um die einundzwanzig Jahre, und hatte lange schwarze Haare, die sie zu einem Zopf geflochten hatte. Ihre Augen besaßen die Farbe von hellem Grau und sie trug einen dunkelblauen Umhang. Erst jetzt erkannte ich die Stimme wieder. Sie war die Frau von vorhin aus dem Wald.

»Wer seid Ihr?«, fragte ich und richtete mich etwas auf. Meine Kleidung war inzwischen wieder trocken.

»Rabea, zumindest nennt man mich so, und du bist Malina?«, fragte sie und ließ mich dabei nicht aus den Augen.

»Woher …?«

»… ich deinen Namen kenne? Du sprichst im Schlaf«, beendete sie meinen Satz, zuckte mit den Schultern und gähnte dann herzhaft.

»Wir dachten wirklich, du stirbst uns weg«, fuhr sie fort und gähnte erneut. »Was für eine Nacht.« Lächelnd schüttelte sie den Kopf.

»Wir? Du und der Mann aus dem Wald?« Nun war meine Neugierde stärker als meine Angst.

»Du meinst Lev? Oh nein, dieser Elefant hat so viel Feingefühl wie ein hungriger Raubvogel auf Beutejagd.« Sie lachte.

»Wo bin ich hier überhaupt?« Schmerzverzerrt rieb ich mir über die Stirn. Ich konnte mich nur noch daran erinnern, wie ich mitten im Wald zusammengebrochen war.

»In einem Lager im Wald. Du bist genau in ein Nest von giftigen Kümmerlingen getreten. Kleine Blumen mit Wurzeln, die sich gern selbstständig machen. Die rauben dir deine Kräfte, diese kleinen Mistdinger.« Wieder lächelte sie. Erst jetzt nahm ich die Umgebung wahr. Ich befand mich in einer Art Zelt. Es war groß und diente wohl als Lager. Überall standen Dinge herum. Waffen, Krüge, Säcke, ein alter Stuhl, Decken und sogar eine grün leuchtende Vase in der Ecke. Neben dem schmalen Klappbett, auf dem ich lag, befand sich hier auch noch ein Tisch und eine kleine Kommode, die in Anbetracht dessen, dass wir uns hier im Wald befanden, völlig fehl am Platz wirkte. Ein wenig Licht schien durch die hellbraunen Zeltwände. Inzwischen hatte es wohl auch aufgehört zu regnen.

»Ich bringe dir etwas zu essen, du musst kurz vor dem Hungertod sein.« Rabea verschwand wieder aus dem Zelt und ließ mich ratlos zurück. Sie hatte mich gerettet, aber zu welchem Preis? Wer waren sie und ihr eigenartiger Begleiter?

Ich fühlte eine sonderbare Unruhe, die sich langsam an die Oberfläche kämpfte. Ich ignorierte meine pochende Stirn und stand auf. Sofort erschienen schwarze Punkte vor meinen Augen, die aber bald wieder verblassten. Womöglich brauchte ich einfach etwas zu essen. Ich durchquerte das Zelt und warf einen Blick nach draußen. Es war wirklich hell und wir befanden uns auf einer Lichtung. Ein Lagerfeuer brannte direkt vor mir und darüber hing ein schwarzer Kessel, aus dem schwache Rauchfahnen aufstiegen. Neben diesem Zelt gab es noch sieben weitere. Sonderbar war hier, dass alle eine andere Farbe besaßen. Außerdem gab es an den Ecken eigenartige Muster und Schriftzeichen, die ich so noch nie gesehen hatte. Neben Zelten und einem Lagerfeuer befanden sich dort noch zwei große Holztische.

Die Bäume um den Platz herum bildeten eine Art Kreis. Fasziniert lief ich weiter. Das hier war tatsächlich ein Lager.

»Du scheinst sehr neugierig zu sein.«

Überrascht drehte ich mich um. Rabea stand hinter mir, in ihren Händen hielt sie zwei Tonschüsseln. »Hunger?« Fragend hob sie die Schultern. Ich nickte und nahm ihr eine der Schüsseln ab.

»Setzen wir uns erst einmal und dann erzählst du mir, was du hier im Wald zu suchen hast«, fuhr sie fort und setzte sich an einen der Holztische neben dem Feuer. Ich machte es ihr nach und begutachtete mein Essen. Es war eine köstlich riechende Suppe mit Beeren, Wurzeln und irgendwelchen anderen Zutaten, die ich auf die Schnelle nicht erkannte. Ich hatte bereits den Löffel in der linken Hand, als wieder dieses mulmige Gefühl aufkam. Ich hielt inne und schielte etwas zu Rabea, die bereits die Hälfte ihrer Portion verspeist hatte. »Meinst du nicht, es ist der falsche Zeitpunkt, um mir nicht zu trauen?«, fragte sie und deutete mit ihrem Löffel auf meine Suppe.

»Tut mir leid«, sprach ich und aß nun auch von meiner Schüssel. Sie hatte recht, hätte sie mir etwas antun wollen, dann hätte sie das schon vorher machen können, als ich in Ohnmacht gefallen war.

»Also, erzähl mir etwas über dich, Malina.« Sie stellte ihre Schüssel auf die Seite, während ich nicht genug von dem Essen bekam. Die Beeren waren süßlich, während die Wurzeln einen leicht bitteren Beigeschmack hatten. Eine Wärme kroch meinen Hals hinunter und bereitete sich in meinem Magen zu einem wohligen Gefühl aus.

»Ich lebe in dem Fischerdorf Rondama gleich vor dem Wald. Mein Ziel ist es, nach Malufra zu gelangen. Ich war auf dem Weg durch den Wald, als ich euch begegnet bin und mich hinter dem Baum versteckt habe. Aus Angst bin ich dann geflohen und dann kamen ebendiese Blumen.«

»Malufra.« Rabea kratzte sich gedankenversunken am Kopf. »Das ist ganz schön weit weg von hier«, sprach sie nach einer Weile. »Und was willst du in der Stadt mit der verrückten Königin der Masken?« Nun lag ihr Blick wieder auf mir und ich konnte mir nur allzu gut vorstellen, wie sich dieser neugierige Blick schon bald in Mitgefühl wandeln würde. Ein zartes, blasses Mädchen mit hellem Haar fällt mitten im Wald in Ohnmacht und möchte dann so schnell es geht in eine völlig neue Stadt.

»Ich möchte gern jemanden besuchen, einen Verwandten«, antwortete ich ihr und blickte ihr dabei direkt in die Augen. Sie erwiderte den Blick eine Zeit lang, ehe sie wieder zu dem Feuer sah. Solange ich mir nicht sicher war, wie sehr ich ihr trauen konnte, würde ich nichts über die Einladung sagen. Nicht jeder bekam eine Einladung von der Königin und manche warteten ihr ganzes Leben auf solch eine Gelegenheit.

»Hast du keine Angst, so ganz allein?« Sie stand auf und lief zu dem Feuer hinüber.

»Darüber habe ich ehrlich gesagt nicht nachgedacht«, sprach ich. Ich hatte noch gar keine Zeit gehabt, mir Gedanken darüber zu machen, wie gefährlich dieses ganze Unterfangen hier war. Ich war allein, wusste nicht einmal, wie man kämpfte, und hatte keine Ahnung, ob Malufra wirklich dort hinter dem Wald lag. Ich hatte mich naiv verhalten wie die meisten Charaktere eines Märchens. Und soweit ich wusste, ging das selten gut für die Beteiligten aus.

Rabea lief um das Feuer herum und hob etwas vom Boden auf. Dieses Etwas stellte sich als kleiner Beutel heraus, dessen Inhalt sie in den schwarzen Kessel kippte. »Spürst du schon was?«, fragte sie nach einer Weile.

»Ich fühle mich etwas müde«, murmelte ich und fasste mir an die Stirn. »Dafür hat das Kopfweh aufgehört«, stellte ich fest.

»Diese Medizin in dem Essen senkt dein Fieber und nimmt die Schmerzen, aber sie raubt dir Energie. Leg dich noch etwas hin.« Mit einem Holzlöffel rührte sie in dem Kessel und betrachtete gespannt, wie noch mehr Rauch hoch in den Himmel stieg.

Auf einmal kam mir etwas anderes in den Sinn. »Meine Tasche!«, rief ich panisch und blickte um mich.

»Sie liegt im Zelt. Ich habe nichts angefasst.« Rabea deutete mit dem Kopf in Richtung des Zelteinganges.

Ich stand also wieder auf und lief zurück.

Die Tasche lag tatsächlich neben dem Bett. Ganz vorsichtig öffnete ich sie und blickte hinein. Alles war noch da. Mit einem leisen Seufzen ließ ich mich wieder auf das Bett fallen und schon bald schlossen sich meine Lider wie von selbst. Ich träumte von bunten Masken aus Glas, von einem Fischer, der verzweifelt nach einem leuchtenden Punkt am Himmel griff, und von einer Frau mit kalten grauen Augen, aber einem freundlichen Lächeln.


Als ich wieder aufwachte, war es Nacht. Ich fühlte mich viel besser als zuvor und meine Kopfschmerzen waren nun endgültig verschwunden. Dafür war mein Hals staubtrocken. Ich stand auf, nahm meine Tasche und lief hinaus aus dem Zelt. Rabea stand wieder bei dem Lagerfeuer vor dem schwarzen Kessel, nur war sie diesmal nicht allein. Neben ihr stand ein Mann, der immer wieder Witze machte, die sie nicht wirklich zu beeindrucken schienen. Von der Größe und der Statur her musste das Lev sein, der Elefant ohne Feingefühl. Weiter hinten bei den Zelten entdeckte ich eine Person, die mir durchaus bekannt vorkam.

»Ein herrlicher Abend, nicht wahr?«, sprach der junge Mann mit den blonden Haaren und Pfeil und Bogen. Er war es, den ich in Rondama unten am Hafen getroffen hatte. Auch heute trug er diese seltsame Kleidung mit den vielen Schichten. Er lehnte an einem der Bäume und blickte genau in meine Richtung.

»Kann es sein, dass wir uns schon einmal begegnet sind?«, fragte ich und lief näher an ihn heran. Mehr als ein Schulterzucken bekam ich nicht von ihm. »Du gehörst also zu dieser bunten Truppe?«, fuhr ich fort.

»Wir sind Jäger, keine bunte Truppe.« Er lachte und deutete mit seinem Bogen auf die anderen Menschen vor dem Lagerfeuer. »Ich bin Tarek und du musst Malina sein.« Er stieß sich ab und streckte mir dann auffordernd seine rechte Hand entgegen. Zögernd nahm ich sie und beobachtete, wie er mir einen Kuss auf den Handrücken hauchte. Seine Hände waren bedeckt von Lederhandschuhen und in seinem Blick lag Schadenfreude.

»Jäger, die hilflose Tiere im Wald erlegen?« Ich schnaubte und entzog ihm meine Hand.

»Wir jagen keine Tiere, wir jagen andere Dinge.«

»Was für Dinge kann man denn noch jagen?«

Er schien meine fragenden Blicke zu genießen. Nachdenklich sah er hoch in den Himmel und tippte dabei immer wieder mit den Fingern an seinen Bogen. »Geheimnisse, Geschichten, alles, was kostbar ist, kann gejagt werden.«

»Jagt ihr auch Menschen, die in Rätseln sprechen? Wenn ja, dann solltest du dir schleunigst ein gutes Versteck suchen.« Ich drehte mich um und lief zu Rabea. An den Schritten hinter mir vernahm ich, dass Tarek mir folgte.

»Du bist wach.« Rabea ließ augenblicklich von dem Kessel ab, als sie mich sah. »Ich hoffe, du fühlst dich inzwischen besser.«

»Viel besser, danke dir.« Ich nickte und wollte ihr gerade eine Frage stellen, als Lev mir zuvorkam.

»Weiß er, dass sie hier ist?«, fragte er und blickte zuerst zu Rabea und dann zu Tarek, der inzwischen neben mir stand.

»Ich denke, er weiß es schon längst, aber danke für deinen Hinweis«, schnauzte sie ihn an.

»Falls es um den Anführer eurer Jägerbande geht, ich will keinen Ärger machen. Ich hatte so oder so vor, so früh wie nur möglich aufzubrechen«, sprach ich und sah zu Lev. Dieser blickte mir erst gar nicht in die Augen. Auch er trug diese seltsamen Kleider und an seinem Gürtel hing noch immer ein Schwert. Seine Haare waren lang und schwarz. Einige Strähnen fielen ihm vor seine Augen, die wie seine Haare völlig dunkel waren.

»Bevor die Sonne nicht aufgeht, gehst du nirgendwohin.« Rabea schüttelte den Kopf und strafte Lev mit einem weiteren warnenden Blick.

»Ich bin mir sicher, er wird ganz entzückt von dir sein«, kam es nun von Tarek. Ich brauchte mich gar nicht in seine Richtung zu drehen, um zu erkennen, dass er wieder dieses Grinsen auf seinen Lippen hatte. Womöglich war er es gewohnt, dass Frauenherzen in seiner Nähe höherschlugen, aber ich war nicht hier, um den Mann fürs Leben zu finden. Bevor noch jemand etwas über mich sagen konnte, wechselte ich eilig das Thema.

»Wie weit ist es von hier bis nach Malufra?«

»Drei Tage«, antwortete Rabea und runzelte die Stirn dabei. »Aber es kommt dabei immer auf das Wetter an. Bei Regen und dichtem Nebel kommt man kaum voran. Auch in der Nacht solltest du besser rasten, anstatt weiter durch die Dunkelheit zu laufen.«

»Ist es so weit durch den Wald?« Ich hätte nicht gedacht, dass ich wirklich noch drei Tage brauchen würde, bis ich bei der Königin war. Drei Tage waren viel Zeit, und wenn Rabea recht behielt, dann würden aus diesen wenigen Tagen wohl noch mehr werden, wenn das Wetter und die Dunkelheit meine Feinde auf dem Weg waren.

Diesmal war es Tarek, der mir antwortete. »Der Wald ist sehr dicht und danach gibt es noch eine Passage, für die du ebenfalls einige Zeit aufwenden musst.«

»Eine Passage? Ich dachte, Malufra liegt gleich hinter dem Wald.«

Lev lachte auf. »Viele Leute reden Unsinn.« Er schüttelte den Kopf und stapfte davon.

»Lass dich nicht entmutigen von ihm. Er hatte bloß einen schlechten Tag.« Rabea sah ihm noch eine Weile nach, bevor sie sich wieder uns zuwandte. »Nun sollte er dich aber wirklich kennen­lernen, ansonsten haben wir bald ein Problem.« Sie räusperte sich und deutete hinter mir in den dunklen Wald hinein. Ein Problem? Etwas verwirrt folgte ich ihrem Blick, mehr als schattenähnliche Umrisse erkannte ich nicht.

»Sie meint den Anführer unserer bunten Truppe.« Tarek verschränkte die Arme vor der Brust. »Und du wirst dich freuen, du kennst ihn sogar.«

»Ich kenne ihn?« Langsam waren mir das hier zu viele Über­raschungen. Wer konnte das sein? Im Wald war ich bloß Lev und Rabea begegnet und einen Tag zuvor Tarek.

»Nun gut, vielleicht nicht kennen, aber du weißt Bescheid über seine Geschichte. Er ist der Dieb ohne Herz.«

Das war der Moment, in dem sich mein Herzschlag beschleunigte. Ich ballte meine Hände zu Fäusten und blickte direkt in die Dunkelheit. Der Dieb ohne Herz war im Grunde nur ein Märchen. Es war das Märchen von einem jungen Mann, der sich sein Herz mit einem Messer herausgeschnitten und es in einem Baum versteckt hatte, um nie wieder Gefühle zu haben. Doch müsste solch ein Mensch nicht tot sein, so ganz ohne Herz?

6

Wo Diebe ihr Herz in Bäumen versteckten


Du hast auf den Boden gespuckt, als ich das Märchen erwähnt habe!« Ich drehte mich zu Tarek um, doch dieser stand gar nicht mehr hinter mir. Mit schnellen Schritten lief er über den Zeltplatz. Er war also nicht nur ein Lügner, sondern auch ein Feigling.

»Lauf einfach geradeaus, dann findest du ihn. Keine Sorge, er tut dir nichts.« Rabea nickte mir aufmunternd zu und drehte sich dann ebenfalls um. Ich schloss die Augen und ballte erneut wütend die Fäuste. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Die Dunkelheit war zwar nichts, wovor ich mich fürchtete, aber selbst ich wusste, was für ein tolles Versteck sie war.

»Nun gut«, flüsterte ich und lief langsam in den Wald hinein. Es wurde immer dunkler und meine Schritte wurden immer unsicherer. Der Boden zu meinen Füßen bot kaum Halt und immer wieder streiften knorrige Äste meine Wangen. Mit der Dunkelheit kam wieder diese Stille und auf einmal verblasste alles um mich herum. Ich hörte nicht mehr das Knistern des Feuers, die Stimmen der Menschen oder wie der Wind durch die Blätter pfiff. Ich befand mich in einer Art Blase. Erstaunlicherweise gewöhnten sich meine Augen an das Schwarz. Schon bald wurden die Umrisse schärfer und ich sah immer mehr Bäume, so weit das Auge reichte. Dieser Wald schien unendlich zu sein und ebenso viele Wege zu besitzen.

»Und du bist?«

Eine Stimme, ganz sanft an meinem Ohr, jagte mir einen Schauer über den Rücken. Da stand er also. Zumindest fügten sich in meinen Gedanken Bilder zusammen. Ich konnte mir genau vorstellen, wie diese Märchengestalt hinter meinem Rücken aussah. Ein riesiger Mann mit langen Klauen und traurigen, kalten Augen. Völlig in Schwarz gekleidet, mit ebenso pechschwarzen Haaren wie der gute Lev. Und da, wo sein Herz hätte sein sollen, da klaffte ein großes rundes Loch. Ich drehte mich um, nahm all meinen Mut zusammen und blickte dem Dieb ohne Herz entgegen. Etwas verwirrt machte ich einen Schritt zurück. Ich erkannte zwar nicht viel, aber dieser Mann war weder riesig noch hatte er schrecklich lange Klauen.

»Du wirkst irgendwie enttäuscht?«, meinte er nur und kam etwas näher. »Warte.« Er hob seinen Zeigefinger und suchte nach irgendetwas hinter sich. Es dauerte nicht lange, da wurde es auf einmal hell. Überrascht von der plötzlichen Helligkeit kniff ich die Augen zusammen.

»Besser?«

»Danke«, sagte ich und räusperte mich, da meine Stimme so piepsig wie der Tonfall einer Maus war. Vor mir stand ein junger Mann mit etwas längeren dunkelbraunen Haaren und leuchtend grünen Augen. Er war einen Kopf größer als ich und hatte eine kräftige Statur. Auch er trug die Jägerbekleidung und quer über seinem Hals zeichnete sich eine feine Narbe ab, die beinahe schon silbern im Licht wirkte. Er sah gut aus, wenn auch irgendetwas an ihm unheimlich wirkte. Waren es die ausdrucksstarken Augen oder diese lange Narbe? Ich schüttelte leicht den Kopf. In seiner Hand hielt er eine Laterne, in der nun ein Feuer sich passend zum Wind hin und her bewegte. Ich hatte keine Ahnung, wie er diese angezündet hatte oder wie er es geschafft hatte, sich anzuschleichen.

»Ich habe mir den Dieb ohne Herz irgendwie anders vorgestellt«, brachte ich nach einer Weile die Worte hervor, die schon die ganze Zeit in meinen Gedanken herumschwebten.

»Schon eigenartig, wie sich die Leute immer etwas vorstellen und danach enttäuscht sind, dass nicht ihre Gedanken die sind, die der Welt Farbe schenken.« Er lächelte, aber es erreichte die grünen Augen nicht.

Meine Handflächen kribbelten wieder. Es war dasselbe Kribbeln, als ich den Umschlag der Königin berührt hatte. Von diesem Mann ging irgendetwas aus, was nicht wirklich menschlich war. »Warum versteckst du dich im Dunkeln?« Ich ließ ihn keinen Moment aus den Augen, während meine Hände noch immer nicht aufhörten zu kribbeln. Ich verschränkte sie ineinander und hoffte, dieses unangenehme Gefühl würde bald nachlassen.

»Ich verstecke mich nicht. Mir ist nur die Dunkelheit lieber als dieses grelle Licht.« Er blickte hinab auf die Laterne in seiner Hand. Das Feuer darin wiegte sich immer noch langsam hin und her. »Und du bist?«

»Malina.«

»Und du kommst von?«

»Rondama …«

»Dem Fischerdorf?« Er lachte auf. »Dieses kleine Dörfchen vor dem Wald?« Ihn schienen diese Worte ziemlich zu amüsieren.

»Warum ist das witzig?« Ich machte einen Schritt zurück. Erst jetzt fiel mir auf, dass die Stille von vorhin nicht mehr da war. Es raschelte in den Baumkronen, der Wind blies um unsere Köpfe und die Stimmen der anderen drangen zu uns, wenn auch nur schwach.

»Weil du so gar nicht in diese Fischerwelt passt.« Er schüttelte ganz leicht den Kopf und blickte für einen kurzen Moment hinter sich in die Dunkelheit, als ob er dort alle Antworten finden würde, die er suchte. »Und was willst du hier im Wald?« Er blickte mir wieder in die Augen und hob die Laterne etwas höher an.

»Ich fange auch keine Fische, ich stelle Masken her. Ich will nach Malufra und dafür muss ich wohl oder übel durch diesen Wald«, antwortete ich ihm.

»Auch wenn du Masken herstellst und keine Fische fängst, so passt du noch immer nicht nach Rondama.«

Ein kalter Wind blies mir über den Nacken und fröstelnd rieb ich mir die Arme. »Und wohin passe ich dann?«

Wieder blickte er hinter sich in die Dunkelheit, ehe er seinen Blick erneut nach vorn richtete. »Nicht nach Rondama.«

Ich seufzte. Meine anfängliche Unsicherheit war verschwunden. Der Dieb ohne Herz, wenn er es wirklich war, wollte nur mit mir sprechen. Ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt. Sein Märchen war immer eines meiner liebsten gewesen, nur hätte ich niemals gedacht, dass ich ihm eines Tages begegnen würde.

»Und du besitzt kein Herz?«

»Nein, Maskenmädchen, ich besitze kein Herz.«

»Maskenmädchen?« Etwas irritiert sah ich ihn an.

»Du bist ein Mädchen, das Masken herstellt, darum Maskenmädchen.«

»Und wie soll ich dich nennen, wenn du mich nicht Malina nennst?«, fragte ich zögerlich.

»Nenn mich Dieb ohne Herz.«

»Das ist ein schrecklich langer Name und in einem Notfall …«

»Ich sehe, wir verstehen uns«, unterbrach er mich und lächelte wieder.

Nun musste ich auch ein kleines bisschen lächeln. Wie es schien, verbarg auch er ein Geheimnis. Zum Glück liebte ich Geschichten und Geheimnisse und irgendwann würde ich bestimmt auch seines herausfinden. »Und du hast dein Herz einfach herausgeschnitten und in einen Baum getan?«, fragte ich ihn. Laut dem Märchen war der Dieb einst ein hübscher Mann gewesen, der es liebte, in der Welt herumzureisen. Sein Herz und seine Gedanken waren voller Liebe, bis sich eines Tages nach einem schrecklichen Vorfall sein Leben grundlegend änderte. Er hatte ein Messer genommen und sich sein eigenes Herz herausgeschnitten. Dieses hatte er sicher in einem hohlen Baum verstaut. Ich verstand bis heute noch nicht, warum man ihn Dieb nannte.

»Es war ein Pakt.«

»Mit wem?«

»Das erzähle ich dir, wenn ich dir irgendwann vertraue, Maskenmädchen. Das heißt, falls ich das jemals würde.« Er drehte sich um und lief wieder Richtung Lagerfeuer.

»Warte!«, rief ich und rannte ihm nach. Ich packte ihn am Ärmel seines Hemdes. Überrascht hielt er inne.

»Wenn du der Dieb ohne Herz bist, dann kennst du sicher den Weg nach Malufra.« Noch immer hielt ich den Stoff in meinen Händen. Das Kribbeln war verschwunden. Auch jetzt, während ich so nahe bei ihm stand, konnte ich keinerlei Gefühlsregungen in seinen Augen entdecken. Fast schon unheimlich.

»Was will ein Maskenmädchen überhaupt in der Stadt der Masken?«

»Einen Verwandten besuchen.« Auch dieses Mal, wo ich die Lüge ein zweites Mal aussprach, wunderte es mich, wie leicht mir diese Worte über die Lippen kamen. Im Grunde war ich kein Mensch, der oft log. Wenn ich es tat, dann nur im Notfall, und das hier war einer.

Der Dieb runzelte die Stirn. »Eine Tante? Oder womöglich eine gute Freundin deiner Mutter?« Er stellte die Laterne auf einen Baumstumpf neben sich und legte seine Hand über meine, mit der ich ihn noch immer an seiner Kleidung festhielt. »Oder einen Bruder?«

Ich entzog mich seiner Hand und trat einen Schritt zurück.

»Womöglich auch eine entfernte Cousine?« Nachdenklich rieb er sich das Kinn. »Wenn du dir eine Geschichte ausdenkst, dann denk sie gefälligst zu Ende. Ich habe den Brief in deiner Tasche gesehen.«

»Wann?«, entfuhr es mir und unbewusst griff ich zu meiner Schulter, wo sich der Riemen meiner Umhängetasche befand.

»Als du geschlafen hast. Ich bin kein Freund der Helligkeit, aber wenn jemand mit solch einem Krach durch den Wald läuft, dann weckt das meine Neugierde.« Er nahm wieder die Laterne, lief weiter. Nun trennten uns nur noch wenige Meter von dem Lagerfeuer und den anderen. Für einen kurzen Moment war ich versucht, ihn erneut an seinem Hemd zu packen, nur mein Mut verließ mich. Ich folgte ihm und ließ die Dunkelheit hinter mir.

»Wie ich sehe, habt ihr euch bereits bekannt gemacht«, sprach Rabea, als sie uns entdeckte. Von Lev war keine Spur zu sehen. Dafür stand Tarek wieder neben dem Feuer und lächelte.

»Und wie lange soll sie hierbleiben?«, fragte der Dieb Rabea. Diese zuckte mit den Schultern.

»Ich werde euch nicht weiter Probleme machen. Ich breche morgen früh auf, sobald die Sonne aufgeht.« Während ich das sagte, versuchte ich meine Haare von Laub zu befreien. Mein kleiner Spazier­gang hatte seine Spuren hinterlassen. »Ich muss nur wissen, in welche Richtung ich gehen muss, damit ich nach Malufra gelange.«

»Einfach den kleinen Weg entlang.« Der Dieb deutete zwischen den Baumkronen hindurch wieder mitten in die Dunkelheit hinein. Rabea sah ihn einen Moment lang an und es wirkte beinahe, als wollte sie etwas sagen, sich aber nicht sicher wäre, ob sie dies wirklich sollte.

»In Ordnung.« Ich schluckte und drängte mich an ihnen vorbei. »Danke, dass ich hier sein durfte«, fügte ich hinzu und betrat dann wieder das Zelt. Eine kleine Laterne stand neben dem Bett und tauchte das Innere in ein schwaches Licht. Ich setzte mich aufs Bett und drückte die Tasche eng an meinen Körper. Ich durfte nicht aufgeben, Malufra lag direkt vor meiner Nase.

Ich öffnete die Verschlüsse der Umhängetasche und griff hinein. Als Erstes holte ich den Schal und das Metallkästchen mit dem Brief hervor. Das Kästchen war von Irena und normalerweise hatte sie darin kleine Steine oder Federn für die Masken aufbewahrt. Es war mir wichtig, dass ich irgendetwas von ihr dabeihatte. Inzwischen war ihr mein Fehlen sicher aufgefallen und ich fragte mich, ob sie mich suchte oder ob sie wartete, bis ich zurückkam. Noch einmal fuhr ich behutsam über das Kästchen, ehe ich es neben mich legte. Erneut griff ich in die Tasche und zog das Päcklein mit dem Proviant hervor. Auch das legte ich neben mich und suchte weiter in den Tiefen des Beutels nach einem meiner wichtigsten Stücke. Meine rechte Hand umschloss den Gegenstand. Er war nicht sonderlich groß und bestand aus kühlem Glas. Das Glas selbst war Moreanglas, ein seltenes Stück, das im ersten Moment pechschwarz wirkte, doch wenn man es unter das Licht hielt, dann erkannte man viele verschiedene Farben unter der Oberfläche. Ganz feine Risse aus Rosa, Grün, Blau, Gelb und auch Rot. Aber man erkannte sie nur, wenn man ganz genau hinsah und Licht hatte. Die zwei Löcher in dem Glas waren für die Augen gedacht und an den beiden Enden waren zwei Stoffbänder hindurchgezogen. Diese waren dafür da, dass man die Maske anziehen konnte. Die Bänder selbst bestanden aus schwarzer Seide, die sich angenehm um meine Finger wickelten. Das Allerschönste an der Maske waren die kleinen funkelnden Steinchen, die wie Sterne wirkten. Das hier war meine erste Maske gewesen. Die Maske, die mich immer daran erinnerte, wie ich Irena begegnet war und dass ich mich noch immer auf der Suche nach mir selbst befand.

»Ein schönes Stück.«

Erschrocken ließ ich die Maske fallen und erwischte sie gerade noch im letzten Moment an einem der Bänder, ehe sie auf dem Waldboden aufgeschlagen wäre. Wütend drehte ich mich um und blickte in ein grünes Augenpaar.

»Ein schönes Stück, das beinahe zerstört worden wäre. Warum schleichst du dich an?«, rief ich und verstaute die Maske eilig wieder in der Tasche.

»Das hier ist mein Zelt, ich habe es ganz normal betreten. Du warst nur zu sehr vertieft in deine Maske, Maskenmädchen.« Er nickte und lief hinüber zu der kleinen Kommode.

»Ich wollte niemandem den Platz wegnehmen«, entschuldigte ich mich und packte auch wieder den Rest der Sachen in meine Tasche.

»Ich schlafe nicht, keine Sorge. Du hast mir den Platz nicht gestohlen.« Er lächelte, während er sich auf die Brust tippte, dorthin, wo wohl vor einigen Jahren noch sein Herz geschlagen hatte. »Es hat einige Vorteile, wenn man sich dazu entschließt, sein Herz herzugeben.«

»Und was wären die Nachteile?«, erkundigte ich mich.

»Im Grunde gibt es keine.« Gelangweilt zuckte er mit der Schulter und sah sich in dem Zelt um, als ob er nicht wüsste, wonach er suchte.

»Dann sollte ich womöglich auch mein Herz herausschneiden.«

»Ich habe noch nie von einem Maskenmädchen ohne Herz gehört.« Er schnaubte belustigt.

»Nur weil ein Märchen noch nicht aufgeschrieben wurde, heißt das noch lange nicht, dass es nicht auch existieren kann.« Ich verzog das Gesicht, während ich daran dachte, wie es wohl sein würde, sich das eigene Herz herauszuschneiden. Nie und nimmer würde ich so etwas freiwillig machen. Dieser Schritt musste ihn eine Menge Überwindung gekostet haben. »In dem Märchen heißt es, dass du nicht fühlen kannst, stimmt das?«, hakte ich nach.

»Bestimmte Dinge kann ich fühlen, andere nicht. Wie es scheint, kennst du dich mit Märchen aus.«

Ich nickte. »Ich liebe sie, jedes einzelne von ihnen. Märchen geben uns Hinweise und Ratschläge.«

»Und das Märchen von mir, was sagt dir das?« Seine Aufmerksamkeit galt nicht mehr den Gegenständen um ihn herum, sondern voll und ganz mir.

Ich schwieg. Mir kamen einige Sachen in den Sinn, nur würden diese ihn womöglich wütend machen.

»Dir fällt nichts ein?« Er hob fragend eine Augenbraue.

»Nein«, brachte ich hervor.

»Das lügende Maskenmädchen. Bisher hinterlässt du keinen sonder­lich positiven Eindruck.«

Ich schloss die Augen. Dafür konnte ich ihm keinen Vorwurf machen. In den wenigen Minuten, in denen wir uns unterhalten hatten, hatte ich ihn schon zweimal angelogen.

»Du musst eines wissen. Ich erkenne jede Lüge, da ich mich nicht ablenken lasse von ebensolchen trügerischen Gefühlen. Ich sehe nur die Wahrheit, auch wenn diese nicht immer wunderschön ist«, sprach er.

»Und wie kann ich dir helfen?« Erst jetzt fiel mir wieder ein, dass ich ihn fragen wollte, warum er überhaupt in das Zelt gekommen war.

»Warum willst du nach Malufra?«, fragte er und setzte sich auf den hölzernen Stuhl gleich neben der grünen Vase.

»Ich habe eine Einladung von der Königin. Die hast du ja bereits gesehen.« Ich wartete einen Moment, ehe ich den Brief aus der Tasche zog und hochhielt.

»Und genau das hat mich so verwundert. In den letzten Jahren hat die verrückte Königin nicht gerade mit Einladungen um sich geworfen. Was hast du, was sie so sehr interessiert?«

»Ich will ihr die Maske zeigen.«

»Die Maske mit den Sternen? Und warum solltest du das machen? Ich bin mir sicher, sie besitzt genug Masken und braucht deine nicht auch noch.«

»Irena …« Ich stockte. Ja, was war Irena überhaupt? Wer war sie in meinem Leben? »Die Frau, bei der ich lebe, stellt Masken her, wunder­schöne Masken in etlichen Variationen und Farben. Jedoch wird das Geld in unserem Dorf immer knapper und die Abgaben immer höher. Menschen riskieren ihr Leben, nur damit sie an Geld kommen. Irena hat auch damit zu kämpfen. Masken sind kostbar, und wenn die Leute knapp bei Kasse sind, dann sind sie nicht bereit, für so etwas Geld auszugeben. Sie hat die letzten Jahre auf mich aufgepasst und für mich gesorgt und darum wollte ich zur Königin nach Malufra. Ich wollte ihr Irenas Masken zeigen, damit sie ihr welche abkauft.«

Der Dieb nickte. »Bist du dir sicher, dass die Königin diese Maske so besonders finden wird?«

»Nein, ich bin mir ganz und gar nicht sicher. Ich muss es trotzdem versuchen. Und wenn es nicht klappt, dann finde ich womöglich andere Interessenten. In Malufra gibt es genug Adlige mit Masken.« Ich betrachtete den Waldboden zu meinen Füßen und zählte in meinen Gedanken die Sekunden, die verstrichen. Womöglich würde er mir von meinem Vorhaben abraten, aber egal was er sagen würde, ich würde nicht aufgeben.

»Wir helfen dir.«

Ungläubig hob ich den Kopf. »Womit?«

»Ein Teil der Gruppe wird dich bis zur Passage bringen. Ab dort musst du dann allein weiter. Doch bis dorthin stehst du unter unserem Schutz.« Er nickte bestätigend und erhob sich aus dem Stuhl. Langsam gewöhnte ich mich daran, dass man keinerlei Regung in seinem Gesicht erkennen konnte. Keine Emotionen, keine Gefühle, rein gar nichts, was mir helfen würde zu verstehen, warum er sich so verhielt.

»Und warum helft ihr mir?«, fragte ich zögerlich.

»Hinter dem Wald, kurz vor Malufra, liegt ein kleiner See. Vielleicht hast du schon davon gehört. In diesem See liegt etwas verborgen, was mir gehört, und ich würde es mir gern zurückholen.«

Ich wollte gerade nachfragen, um was es sich dabei handelte, da war er bereits wieder aus dem Zelt verschwunden. Sein Herz konnte er nicht meinen, denn das lag verborgen in einem hohlen Baumstumpf. Um was ging es ihm also?

7

Wo Märchen begannen


Mein Schlaf war unruhig, meine Gedanken völlig wirr. Es fühlte sich beinahe so an, als würde ein unsichtbares Paar Hände sich um meine Kehle legen und zudrücken. Immer wieder schreckte ich hoch und tastete an meinen Hals, dann zu der Gegend, wo sich mein Herz befand. Es schlug, wenn auch etwas zu kräftig. Was war nur los mit mir?

Müde rieb ich über meine Augen und setzte mich auf. Die Decke beförderte ich dabei ganz an den Rand, da mir viel zu warm war. Mit den Händen tastete ich im Dunkeln nach meiner Tasche. Ich hatte sie direkt neben meinem Kopf platziert.

»Klopf, klopf.« Der Stoff beim Zelteingang wurde auf die Seite geschoben und Rabeas Kopf tauchte auf. Ihre langen dunklen Haare hatte sie sich hochgebunden und sie trug wieder dieselben dunklen Kleider wie damals im Wald mit Lev. Schwarze Hosen, ein langes Oberteil und einen Umhang mit Kapuze. Um ihre Hüften hing ein brauner Gürtel, an dem sich drei Messer befanden. In der linken Hand hielt sie eine Laterne. »Du bist wach, gut.« Aufmunternd nickte sie mir zu und betrat dann das Zelt.

»Ich konnte nicht schlafen«, gab ich zur Antwort.

»Albträume?« Sie lief zu der Laterne neben meinem Bett und kniete sich davor. Ihre eigene stellte sie gleich daneben.

»Ich kann mich meist nicht an meine Träume erinnern, aber es hat sich angefühlt, als ob mir jemand die Luft abschnüren würde.« Ich schüttelte eilig den Kopf, um dieses Gefühl wieder zu vertreiben.

»Das kenne ich«, sprach sie nachdenklich und entzündete mithilfe der Kerze aus ihrer Laterne meine. Augenblicklich wurde es noch heller in dem Zelt. Dunkle Schatten tanzten an der Decke entlang und es wirkte, als ob sie über mich lachen würden.

»Du warst noch nie lange weg, oder?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Das nennt sich Heimweh. Bestimmt hast du jemanden zurückgelassen, der dir viel bedeutet.« Lächelnd reichte sie mir die Laterne. Sofort tauchten Bilder von Irena in meinem Kopf auf.

»Und wie werde ich dieses bedrückende Gefühl los?«

»Gar nicht, du gewöhnst dich irgendwann daran. Nun aber zu etwas anderem: Wie lange brauchst du, bist du bereit bist?«

»Bereit?« Es war noch immer dunkel draußen und meiner Müdigkeit nach zu urteilen, hatte ich auch noch nicht lange geschlafen.

»Wir brechen auf. Jetzt ist der beste Moment dafür, denn bald geht die Sonne auf. Lev und ich bringen dich ein Stückchen durch den Wald, dann lösen uns die anderen ab.« Sie stand wieder auf und klopfte sich mit ihrer freien Hand den Dreck von der Hose.

»Ich bringe dir gleich noch andere Kleidung. Die schützt dich vor weiteren Giftpflanzen.«

Ich nickte und wartete geduldig, bis Rabea aus dem Zelt verschwand und bald darauf wieder mit einem Stapel Kleider zurückkam. Es waren diese dunklen Stoffstücke, die sie selbst auch trug. »Schützen vor Insektenbissen, giftigen Schlangen, vor Sonnenbrand und Kelpies.«

»Kelpies?« Jetzt war ich endgültig wach. So etwas gab es gar nicht. Nur eben in Märchen, obwohl …

»Keine Sorge, es gibt keine.« Lachend verließ sie das Zelt.


Da stand ich also etwas später auf der Lichtung. Die Kleider waren mir ein bisschen zu groß, aber lieber zu groß als zu eng.

Rabea hatte recht behalten, inzwischen konnte man den Sonnen­aufgang über den Baumkronen entdecken. Ein Spiel aus etlichen Rottönen, das mich immer wieder staunen ließ. Wie bunte Steine, die man gegen das Licht hielt, um ihr Farbenspiel zu betrachten.

Ich wandte den Blick wieder ab und sah zu dem Lagerfeuer. Nun brannten die Holzscheite kaum noch, nur noch die Glut deutete darauf hin, dass bis vor Kurzem noch ein prächtiges Feuer darin gebrannt hatte. Rabea und Lev standen um den Steinkreis herum. Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und starrte hoch in den Himmel. Seiner Miene nach zu urteilen, war er nicht gerade begeistert davon, ein völlig fremdes Mädchen durch den Wald zu begleiten.

»Hast du alles?«, fragte Rabea.

Nickend deutete ich auf meine Tasche.

Rabea lief voraus. Sie wählte einen Weg direkt zwischen den Bäumen hindurch. Ich folgte ihr, während Lev das Schlusslicht bildete. Der Abstand zwischen mir und ihm wurde immer größer und ich wurde das Gefühl nicht los, dass er nur auf seine Chance wartete, heimlich zwischen den Bäumen zu verschwinden.

Der Weg wurde immer schmaler und der Boden zu meinen Füßen unebener. Als wir dann an einem Feld von diesen Kümmerlingen vorbeikamen, zog es in meiner Bauchgegend. Ich trug nun diese Kleidung und trotzdem vermied ich es, auch nur in die Nähe dieser heimtückischen Pflanzen zu kommen.

So liefen wir eine Weile schweigend hintereinanderher. Die Sonne war aufgegangen, der Tag war angebrochen und schon bald hörte man das fröhliche Zwitschern einiger Vögel.

»Du meldest dich, wenn du eine Pause brauchst«, rief Rabea nach hinten, ohne sich umzudrehen.

Der Weg vor uns wurde wieder breiter und ich musste mich nicht mehr so darauf konzentrieren, wo ich hintrat. Ich beeilte mich etwas und lief nun neben Rabea. »Danke, dass ihr mich begleitet.«

»Der Wald ist unser Zuhause, wir machen das gern«, antwortete sie und blickte weiterhin angestrengt nach vorn. Irgendetwas stimmte hier nicht, aber womöglich bildete ich mir das nur ein.

»Warum haben eure Zelte eigentlich unterschiedliche Symbole und Farben?« Diese Frage lag mir schon seit einer Weile auf der Zunge. Von Rabea erhielt ich darauf keine Antwort. Sie wechselte wieder den Weg, sodass ich erneut hinter ihr laufen musste. Lev schlich still hinter uns her und betrachtete die Natur um sich. Immerhin hatte er den Abstand zu mir etwas verkleinert.

»Tarek hat mir erzählt, ihr seid Jäger.« Ich hielt inne und wartete einen Moment, ehe ich fortfuhr: »Und warum hast du heute Morgen gesagt, dass uns die anderen ablösen? Heißt das, sie sind irgendwo hier?« Womöglich ging ich ihr in diesem Moment gewaltig auf die Nerven und ich konnte mir nur allzu gut vorstellen, wie sie es bereits bereute, mich gerettet zu haben.

»Du stellst ganz schön viele Fragen«, brummte Lev.

»Hast du denn Antworten darauf?«, rief ich lauter als beabsichtigt nach hinten. Mehr als ein Schweigen bekam ich nicht. Ich seufzte und hob schützend meine Arme vor den Kopf, als Rabea stehen blieb und ich beinahe in sie hineingelaufen wäre. Eine Mauer aus Dornen versperrte uns den Weg. Sie bestand aus kahlen braunen Büschen und Sträuchern, die sich gegenseitig umwickelten und nicht zuließen, dass man an ihnen vorbeikam. Nur schon allein der Gedanke an diese spitzen Dinger tat mir weh.

»Und nun?« Lev drängte sich an mir vorbei und blickte fragend zu Rabea. Diese schüttelte nur nachdenklich den Kopf.

»Ihr wartet hier, ich bin gleich wieder da.« Sie drehte sich um und tauchte zwischen den Bäumen unter.

Ich betrachtete die Hecke eingehend. »Was, wenn wir einfach um diese Mauer herumlaufen?«

»Solche Dornensträucher grenzen für gewöhnlich etwas ab, die reichen einige Meter.« Er seufzte auf und drehte sich dann demonstrativ mit dem Rücken zu mir, als wollte er sagen, dass er keine weiteren Gespräche führen möchte.

Ich rollte mit den Augen und lief näher an die Dornen heran. Eigenartig, dass man solch ein Gebilde hier im Wald fand. Wenn das der Wahrheit entsprach und diese Hecken wirklich etwas abgrenzten, dann musste man doch auch irgendwie rüberkommen.

Ganz vorsichtig streckte ich meine Hand nach den Dornen aus. Vielleicht könnte man die Äste einfach hinunterdrücken und so hindurchgelangen.

»Aua!« Schmerz zuckte durch mein rechtes Handgelenk.

»Wurdest du von Irrlichtern gebissen?!«, sprach Lev zornig. Auf einmal war er neben mir aufgetaucht und hatte mit dem Knauf seines Schwertes auf meinen Handrücken geschlagen.

»Man fasst die Dornen nicht an! Das kann dich das Leben kosten.«

Überrascht blickte ich hoch zu ihm, während ich mir immer noch über die schmerzende Hand rieb.

»Hast du etwa noch nie von dem Märchen der verwunschenen Hecken gehört?«, fragte er in dem bissigen Tonfall, in dem er schon die ganze Zeit zu mir sprach. Mir war er nicht entgangen.

»Nein, ich kenne es nicht«, murmelte ich und trat einen Schritt weg von der Mauer. »Worum geht es denn bei dem Märchen?«

Doch Lev hatte wieder seine Arme vor der Brust verschränkt und mir den Rücken zugewandt.

»Wenn du mir mehr über das Märchen erzählst, dann könnte ich vielleicht einen Weg hinaus finden«, sprach ich energisch.

»Rabea wird dir das Märchen gern erzählen, bis dahin würde ich warten und nichts anfassen.«

Ich nickte. Zum Glück dauerte es nicht lange, bis Rabea wieder auftauchte. Ihre Frisur hatte sich inzwischen gelöst und ihre Haare hingen ihr wirr über die Schulter. Genervt entfernte sie einige Blätter und kleine Äste daraus.

»Wir haben ein Problem«, sagte sie und legte die Stirn in Falten.

»Was für eines?« Lev hatte sich wieder umgedreht und lief nun auf sie zu.

»Weder Tarek noch er sind in der Nähe, und so wie ich das einschätze, dauert es zu lange, wenn wir nach einem Ende dieser Hecke suchen würden.« Sie seufzte auf und lehnte sich an einen Baum. »Wir können also nur abwarten«, murmelte sie leise und blickte auf den Waldboden.

»Ich versuche es einfach mit dem Schwert.« Lev zog das Schwert aus der Scheide. »Mal sehen, wer gewinnen wird, Metall oder Natur.« Er hatte bereits einen siegessicheren Blick aufgesetzt, als Rabea warnend die Hand hob.

»Du weißt, dass das nichts bringt. Die Ranken wachsen immer nach.«

»Das Märchen?«, versuchte ich es erneut und stellte mich zwischen die beiden. Rabea hob verwundert die Augenbraue.

»Du hast die Ehre, ihr von dem Märchen der verwunschenen Hecke zu erzählen«, grummelte Lev.

»Du kennst die Geschichte wirklich nicht?«, fragte sie. Ich verneinte. Märchen waren ein Teil meiner Welt, dennoch kannte ich immer noch nicht alle und das würde ich womöglich auch nie. Zu viele gab es von ihnen und jeden Tag entstanden neue.

Rabea setzte sich auf den mit Moos bedeckten Waldboden und ich tat es ihr nach.

»Es war einmal, so erzählte man sich, ein König. Der König war ein freundlicher Mann mit dem Herz am richtigen Fleck, aber was ihm fehlte, das war die große Liebe. Denn egal was er tat, die Liebe blieb ihm verwehrt. Er hatte oft versucht, eine Frau zu finden, aber eigenartigerweise geschahen immer merkwürdige Dinge, sobald er die passende gefunden hatte. Seine erste Frau, die verliebte sich auf einmal urplötzlich in einen anderen. Die zweite Frau, die bekam einen fiesen Hautausschlag, sobald sie bei ihm war. Die letzte Frau, die sich in seine Nähe wagte, fiel in einen tiefen Brunnenschacht, und das genau zu dem Zeitpunkt, als der König ihr den Verlobungsring anstecken wollte.

Er konnte nichts dagegen unternehmen, die Liebe war gegen ihn. Wie schon zuvor erwähnt, war der Mann mit blauem Blut ein herzens­guter Mensch. Er bot den Armen einen Unterschlupf, senkte die Steuern wann immer es ging und behandelte alle gleich, egal ob Bauer oder Berater.

Da gab es auch eine Köchin, die war schon etwas älter. Ihre Haare waren durchzogen mit grauen Strähnen und ihr Gesicht ganz faltig. Sie war langsam, was die Arbeit anging, und ihre Braten waren nicht die besten, aber der König ließ sie machen und bedankte sich immer bei ihr für die Mahlzeiten.«

»Du hast das Wichtigste vergessen«, kam es von Lev. Auf einmal war er auch interessiert und lauschte gespannt der Erzählung.

»Lass mich die Geschichte erst einmal beenden.« Rabea fischte sich ein weiteres Blatt aus dem Haar und warf es in die Richtung des grimmigen Herrn. Natürlich flog das Blatt nicht weit, aber es entlockte ihm wenigstens ein schiefes Lächeln. »Der König besaß auch noch einen jüngeren Bruder. Dieser war im Gegensatz zu ihm durch und durch böse und dunkle Schatten trübten seine Augen. Er war zornig, voller Hass, wie gern hätte er auch den Thron für sich gehabt.« Rabea machte eine Pause, um sich zu räuspern.

»Wie geht es weiter?«, fragte ich sogleich.

»Nicht so stürmisch, zurück zu der alten Köchin. Die Frau wollte dem König helfen und so lief sie jeden Abend hinaus in den prächtigen Garten des Schlosses. Dort bat sie das Wetter um Hilfe, denn sie wünschte dem König nichts sehnlicher als die passende Königin. Die Tage vergingen und irgendwann, da erhörte das Wetter ihre Bitten. Der Wind formte wellendes, langes Haar, die Wolken den passenden Körper und die Sonne, die erschuf ein strahlendes Lächeln. Wach geworden von dem tosenden Lärm, rannte der König sogleich in den Garten. Er entdeckte die junge Frau und so geschah es, die beiden verliebten sich ineinander. Trotzdem plagten den König Zweifel und er befürchtete andauernd, dass wieder etwas geschehen würde. Darum heirateten die beiden erst nach einigen Jahren. Sie waren glücklich und schon bald gebar die Königin einen hübschen Sohn.«

»Das hat sicherlich den Bruder verärgert«, sprach ich.

Rabea nickte. »Genau, der jüngere Bruder erfuhr von dem Glück und nun zerbrachen all seine Hoffnungen endgültig. Getrieben von seinem Hass, ließ er sich einen teuflischen Plan einfallen. Eines Nachts, als bereits alle schliefen, da vergiftete er die Königin und raubte das Kind. Die Wachen, die von den Schreien des Säuglings alarmiert wurden, weckten den König. Dieser schnappte sich das schnellste Pferd aus seinem Stall und ritt dem Übeltäter hinterher. Der Bruder floh mit dem Kind in seinen Armen in den Wald. Doch die Gerechtigkeit siegt bekanntlich immer und schon bald holte der Ältere den Jüngeren ein. Er entriss ihm das Kind und bat das Wetter erneut um Hilfe. Das Wetter gewährte ihm einen letzten Gefallen und erschuf Mauern aus Dornen, mithilfe des Waldes. Die Dornen drängten den Bruder immer weiter zurück. Diese Mauern würden erst weichen, wenn der König ihm verzieh oder wenn er seine Taten bereute. So konnte der Bruder das Königreich für lange Zeit nicht mehr betreten. Und der König, der schenkte all seine Liebe und Hingabe seinem Sohn, der später das Königreich übernahm.« Rabea streckte sich und erhob sich von dem Boden. »Das war das Märchen der verwunschenen Hecke.«

»Dann wissen wir ja jetzt auch, was wir machen müssen, damit die Hecke verschwindet!«, meinte ich. Ich stand auch wieder auf.

»Lass mich raten, wir bitten den König um Verzeihung?«, riet Lev und bedachte mich dabei mit einem abschätzigen Blick.

»Keine Ahnung, wo der König ist, aber nein. Wir müssen nur unsere Taten bereuen und dann geht die Hecke zurück.«

»Ich soll mich also da hinstellen und sagen, was ich bereue?« Irritiert sah er zuerst zu mir und dann zu Rabea. Diese hatte nichts dagegen einzuwenden, was ihn wohl noch mehr aufbrachte. »Das hier ist keine Beichte!«

»Wir versuchen es einfach einmal und sehen dann weiter«, erwiderte Rabea darauf und stellte sich vor die Hecke. »Ich bereue …« Sie hielt inne. Ihre Hände verkrampften sich und ihr ganzer Körper wirkte angespannt. »Ich bereue, dass …«, probierte sie es erneut, auch dieses Mal kamen ihr die Worte nicht über die Lippen.

»Ich wäre immer noch dafür, dass wir es mit dem Schwert versuchen«, meinte Lev und näherte sich nun ebenfalls der Hecke.

»Ich bereue, dass ich gelogen habe.« Es dauerte einen Moment, bis ich meine eigenen Worte erkannte. Ich hatte das gesagt.

»Was?« Rabea wandte sich in meine Richtung.

»Ich habe gelogen, ich besuche keine Verwandten in Malufra. Der Grund, warum ich nach Malufra möchte, ist der, dass ich eine Einladung von der Königin erhalten habe.« Ich schwieg und wartete auf die Reaktionen der beiden. Doch diese blieben aus. Rabeas Gesichtszüge wurden etwas sanfter, während Lev noch immer ein Desinteresse an den Tag legte, das beinahe schon beängstigend war.

»Das wissen wir schon«, antwortete Rabea.

»Was?«, fragte ich diesmal erstaunt.

»Sagst du es ihr oder ich?« Rabea wandte sich wieder an Lev. Er zuckte nur mit den Schultern und tippte immer wieder auf sein Schwert.

»Ich nehme einmal an, das heißt, ich soll erzählen«, murmelte sie und seufzte dann hörbar auf. »Wie viel weißt du über das Märchen vom Dieb?«

»Dass er früher ein aufrichtiger und ehrlicher junger Mann war, bis irgendetwas Schreckliches passierte und er beschloss, sein Herz in einem Baumstamm zu verstecken.« Fröstelnd rieb ich mir über die Arme. Irgendetwas stimmt hier nicht, aber was es war, das konnte ich nicht genau sagen.

»Was du nicht weißt, wir sind an diesen Pakt gebunden. Solange der Dieb sein Herz nicht hat, müssen wir mit ihm hier im Wald bleiben. Darum diese verschiedenen Farben und Symbole an den Zelten. Jeder von uns kommt von einem anderen Ort. Wir alle sind irgendwann einmal hier gelandet und dann kam der Pakt, der uns an den Wald kettete. Wenn wir versuchen den Wald zu verlassen, dann hält uns eine unsichtbare Barriere davon ab. Wie eine Art Mauer, die man nicht sieht und nicht bezwingen kann. Der Dieb versucht sein Herz zu finden. Ein Teil, das ihm dabei hilft, ist in ebendiesem See versteckt.« Sie hielt inne.

Verwirrt schüttelte ich den Kopf. »Aber Tarek war in Rondama.«

»Jeder von uns kann ein einziges Mal den Wald verlassen und er, er wollte das Meer betrachten.« Sie schnaubte. »Wir wussten, dass du kommen würdest. Im Wald gibt es Hexen, die sehen die Zukunft. Sie haben uns gesagt, dass ein gewöhnliches Mädchen dem Dieb helfen wird.«

»Darum habt ihr mir also geholfen?« Nun war ich wirklich fassungslos. Es war also alles gar kein Zufall gewesen. Lev und Rabea waren nicht ohne Grund damals in meiner Nähe durch den Wald gestreift, und Rabea hatte mir geholfen, damit ich ihnen jetzt helfen würde.

»Wir hätten dich nicht einfach im Wald gelassen. Zumindest ich hätte dir bestimmt geholfen.« Rabea warf einen Seitenblick zu Lev, der nur hoch in den Himmel starrte und die Baumkronen zu beobachten schien.

»Ihr bringt mich nach Malufra zur Königin, wenn ich euch mit der Passage beim See helfe?«, fragte ich zögerlich.

»Ich verstehe, wenn du uns nicht mehr helfen willst. Wir aber helfen dir auch so.« Sie schluckte und blickte betreten zu Boden.

»Da ist noch etwas. Tarek hat gesagt, ihr seid Jäger von Geheimnissen und Geschichten, was hat es damit auf sich?« Diese Frage geisterte mir schon eine ganze Weile durch den Kopf und nun hatte ich die Möglichkeit, eine Antwort darauf zu erhalten.

»Wir sammeln diese Art von Dingen und bewahren sie. Wie das Märchen der verwunschenen Hecke, von dem hast du auch nichts gehört. Manchmal verirrt sich jemand hierher und dann erzählen wir ihm die Geschichten, und oft lassen die Menschen dafür Geheimnisse oder andere Erzählungen da. Wir sorgen dafür, dass nicht auch wir irgendwann in Vergessenheit geraten«, beantwortete sie meine Frage.

»Die Leute haben Angst vor euch!« Wie oft war ich in den letzten Jahren vor dem dunklen Wald gewarnt worden? Ich hätte diesen Ort niemals freiwillig betreten. Niemand hätte das …

»Menschen fürchten sich immer vor dem Unbekannten.« Auf ihren Lippen zeichnete sich ein schwaches Lächeln ab.

»Und wo ist Tarek, der Dieb oder die anderen?«

»Irgendwo in der Nähe, sie kommen abends«, unterbrach Lev mich und deutete dann wieder auf die Mauer. »Da wir das ja nun geklärt hätten, würde ich gern versuchen, dieses Hindernis zu bezwingen.«

Jetzt hatten weder Rabea noch ich etwas einzuwenden. Wir beide traten außer Reichweite, während Lev das Schwert zog. Er holte aus und ließ es mit einer Wucht auf die Hecke knallen. Viel passierte nicht. Erneut bearbeitete er die Hecke mit seinen Schwerthieben. Diesmal brachen Äste krachend auseinander und Dornensplitter flogen in alle Richtungen. Er wiederholte die Prozedur immer und immer wieder, während die Sträucher ächzten. Das Wetter änderte sich ebenfalls. Der Wind wurde immer stürmischer. Zuerst zog er nur ganz leicht an meinen Haaren, schon bald wandelte sich dieses sanfte Ziehen in ein Reißen.

Schützend hielt ich meine Arme vor die Augen, um nicht von den herumwirbelnden Kleinteilen getroffen zu werden. Als ich einmal aufsah, erhaschte ich nur einen Blick auf den schmerzverzerrten Gesichtsausdruck von Lev. Er gab nicht auf, hieb unermüdlich auf die Hecke ein.

Noch ein Schlag, dann krachten die Äste auseinander. Das Ächzen der Natur erstarb und auch der Wind beruhigte sich. Dort, wo vorhin noch die Mauer gestanden hatte, befand sich nun ein klaffendes Loch, genau vor uns.

»Schnell!«, keuchte Lev und deutete atemlos auf den Eingang. Rabea und ich ließen uns das nicht zweimal sagen. Wir sprangen über die kaputten Äste, darauf bedacht, uns nicht an den Dornen zu verletzen. Lev folgte uns eilig.

Keine Sekunde zu spät, wie sich herausstellte. Hinter ihm schossen neue Dornen in die Höhe und wanden sich um die noch verbliebenen Äste. Innerhalb kürzester Zeit war die Mauer wieder intakt.

»Das Metall hat gesiegt.« Noch immer etwas außer Atem, klopfte Lev stolz an sein Schwert. Auf seiner Stirn sah man kleine Schweiß­perlen und bestimmt taten ihm die Arme höllisch weh.

»Ihr könnt mir ruhig danken, immerhin musste so keiner von euch etwas bereuen. Oder fast keiner.« Er räusperte sich und setzte sich dann auf den Boden. Erst jetzt kam ich dazu, die Umgebung etwas genauer zu betrachten. Wir befanden uns noch immer mitten auf einem Waldweg, nur waren die Blätter der Bäume hier um einiges dunkler. Es war kein saftiges Blattgrün mehr, die Farbe glich einem dunkelgrünen Abgrund.

»Und nun?«, fragte ich zögerlich.

»Wir machen kurz Rast, laufen dann weiter und suchen nach einem geeigneten Platz für ein Lager«, sprach Rabea. Sie lief gerade­aus, dicht gefolgt von Lev. Ich zögerte noch einen Moment und blickte zurück zu der dichten Hecke. Inzwischen sah man keine Spuren mehr von Gewalt.

Wo war ich hier nur gelandet?

Ein Dieb ohne Herz, ein griesgrämiger Mann mit Augen schwarz wie die Nacht, ein Jäger mit Pfeil und Bogen, eine Frau, die tief in ihrem Inneren etwas bereute, das sie beinahe auffraß, und mitten unter ihnen ein Mädchen, das auf der Suche nach seiner eigenen Geschichte war. Wenn das nicht nach einem Märchen klang, dann wusste ich auch nicht.

8

Wo Hexen die Guten waren


Die Sterne standen bereits hoch am Himmelszelt und ein kühler Wind zog über die Baumwipfel hinweg. Er brachte die Blätter über unseren Köpfen zum Rascheln. Ein sanftes Geräusch, das beinahe wie ein Gutenachtlied klang. Meine Augen fielen immer wieder zu, während ich angestrengt versuchte, wach zu bleiben. Vor mir brannte ganz schwach noch ein kleines Feuer. Nicht lange und es würde ausgehen. Rabea hatte mir vor wenigen Stunden eine Decke gebracht, die ich dankbar um meinen Körper geschlungen hatte. Sie und Lev hatten keine, aber das schien ihnen nichts auszumachen.

»Warum versuchst du nicht zu schlafen?«, flüsterte Rabea. Sie hatte sich an den Stamm einer knorrigen Eiche gelehnt und starrte hoch in den Himmel. Die Schatten des Feuers tanzten über ihr Gesicht. In ihrem Blick lag so viel Leere, als ob sie immer noch darüber nach­denken würde, was sie alles bereute.

»Ich bin nicht müde«, flüsterte ich zurück, während mir meine Augen erneut zufielen.

»Der Dieb hat mich schon davor gewarnt, dass du gern Lügen erzählst.« Sie lächelte.

»Wann schläfst du?«, erkundigte ich mich und richtete mich etwas auf. Mein Rücken schmerzte bereits von der unbequemen Position. Lev hatte sich einen Baum weiter hinten ausgesucht. Er hatte uns zwar den Rücken zugewandt, aber sein Brustkorb hob und senkte sich in gleichmäßigen Atemzügen, darum ging ich davon aus, dass er bereits schlief.

»Einer bleibt immer wach«, antwortete Rabea. Ich nickte und folgte ihrem Blick. Sterne faszinierten mich schon mein Leben lang. Sie waren einfach da, strahlten um die Wette. Einer schöner als der andere, so irreal und doch so alltäglich.

»Ich liebe den Geruch der Natur«, kam es auf einmal von Rabea. Noch immer sah sie hoch in den Himmel.

»Ich auch«, antwortete ich, während ich tief Luft holte. Kein Parfum der Welt roch besser als die Natur, und keines schaffte es, so viel Sehnsucht in den Herzen der Menschen auszulösen wie die Luft, die um mich herumschwirrte.

»Malina …« Rabeas Stimme glich mehr einem Flüstern. Sie blickte sich unsicher um, dabei verharrte ihr Blick etwas länger auf Lev. Als sie sich sicher war, dass er schlief, kroch sie zu mir herüber. »Malina …«, sprach sie erneut. »Hör mir gut zu.«

Nun war ich hellwach und rutschte auch noch etwas näher an sie heran.

»Du musst den Gegenstand zuerst finden, und wenn du ihn hast, dann gib ihn erst dem Dieb, wenn du in Malufra angelangt bist und vor der Königin stehst, versprochen?«

Ich wollte etwas erwidern, erneut Fragen stellen, aber in ihrem Blick lag solch eine Verzweiflung, dass ich nur stumm nickte.

»Versprochen?«, flüsterte sie nun energischer.

»Versprochen«, antwortete ich und dachte dabei an mein Versprechen an Irena. Erleichtert rutschte Rabea wieder an ihren Platz und schloss die Augen.


Ich schreckte hoch. Unsicher blickte ich über den Platz. Es war dunkel, das Feuer war inzwischen erloschen und nur mit Mühe erkannte ich die Umrisse von Rabea neben mir. Gleichmäßige Atemzüge waren zu hören. Es dauerte einen Moment, dann erinnerte ich mich wieder an alles, was in den vergangenen Stunden passiert war. Gleich nach dem Versprechen war ich eingeschlafen und Rabea wohl auch. Warum war ich aufgewacht? Fröstelnd rieb ich mir die Arme. Inzwischen nützte die Decke auch nichts mehr. Wahrscheinlich hatte mich die Kälte geweckt. Meine Beine fühlten sich ganz taub an und meine Rückenschmerzen waren bis hoch in den Nacken gewandert. Langsam stand ich auf, darauf bedacht, niemanden zu wecken. Ich hob die Tasche vom Boden auf und nahm sie über die Schulter. War da nicht etwas zwischen den Bäumen?

Ein ungutes Gefühl überkam mich. Ich war mir sicher, ein Licht gesehen zu haben. Nein, mehrere Lichter. Aber womöglich hatte ich mir all das bloß eingebildet. Ich blinzelte einige Male und rieb mir über die Augen. Als ich wieder aufsah, waren die eigenartigen Lichter verschwunden. Mit ihnen verschwand leider nicht auch dieses ungute Gefühl in meiner Magengegend. Ich duckte mich etwas hinter den Baum und starrte weiter in die Dunkelheit. Meine Hand lag auf dem Griff des Messers, das sich noch immer in meinem Stiefel befand. Hinter mir raschelte es. Keuchend drehte ich mich um und zog meine Waffe. Nichts …

Ich lehnte mit dem Rücken an dem Baum und blickte immer wieder von einem Ort zum anderen. Das Messer hielt ich dabei fest umklammert. Vielleicht ein Reh? Aber Rehe hatten keine leuchtenden Augen und konnten sich nicht von einem Ort zum anderen teleportieren, zumindest hoffte ich das nicht, sonst hatten wir ein Problem.

»Rabea!«, zischte ich in die Dunkelheit, mehr als ein Murmeln bekam ich nicht als Antwort.

Da! Da war es wieder! Zwischen den Stämmen tanzten kleine helle Lichter so groß wie ein Daumennagel. Zuerst sah man nur wenige Punkte, schon bald wurden es immer mehr. Sie tanzten über den Waldweg, huschten zwischen den Büschen hindurch und umkreisten die Bäume.

»Rabea …« Meine Stimme wurde immer lauter. Die Lichter tanzten immer wilder und verrückter, flogen nur so über die moos­bewachsenen Steine.

Ich stieß mich von dem Stamm ab, duckte mich vor einem der Lichter und rüttelte dann energisch an der Schulter von Rabea. Im Dunkeln konnte ich leider nicht viel erkennen, darum merkte ich zu spät, dass ich nicht an ihrer Schulter, sondern an ihrem Gesicht herumgezerrt hatte.

»Aua!«, rief sie und schlug meine Hände weg. »Was ist in dich gefahren?«

»Die Lichter! Da sind überall Lichter.« Ich deutete nach vorn, aber sie waren wieder verschwunden. Enttäuscht ließ ich die Hände sinken.

»Was für Lichter?«

»Blaue, kleine Lichter, die immer schneller über den Waldboden angeflogen kamen. Es sah aus wie ein Tanz.« Irritiert blickte ich um mich. Diese fiesen Dinger waren irgendwo.

»Schlafmangel führt zu Halluzinationen«, knurrte sie nur und wandte sich dann wieder ab, um weiterzuschlafen.

Ich schloss die Augen und seufzte. Natürlich, jetzt war ich die Verrückte. Doch so langsam glaubte ich schon selbst, dass mein Verstand nicht ganz funktionierte. Als ich nämlich die Augen wieder öffnete, waren die Lichter wieder da. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, dann hätte ich behauptet, das hier wären Irrlichter. In vielen Märchen waren sie Vorboten für ein Unglück oder führten jemanden zu einem magischen Ort. Nur normalerweise hielten sich Irrlichter in Sumpfgebieten auf und nicht in einer Waldgegend.

Da waren sie also und schwirrten durch die Luft, verblassten wieder, um dann genauso rasch wieder kurz vor meiner Nase aufzutauchen.

Ich duckte mich unter den Lichtern hindurch und versteckte mich dann eilig hinter einem Baum. Keuchend presste ich mich an die raue Rinde. Ich traute mich gar nicht nachzusehen, ob sie noch da waren. So leicht ließen sie sich bestimmt nicht austricksen. Und tatsächlich, es dauerte nicht lange, da huschten sie wieder vor meiner Nase umher.

»Was wollt ihr von mir?«, flüsterte ich genervt.

Sie schwirrten abermals um mich herum und flogen dann tiefer in den Wald hinein. Einige Meter vor mir hielten sie an und flogen an Ort und Stelle umher.

»Ich soll euch folgen?« Noch immer kam keine Antwort, aber wie auch. Ich schüttelte den Kopf und drehte mich wieder um. Ich sollte wieder zurück zu Lev und Rabea und mich nicht von wandelnden Lichterketten verleiten lassen, irgendwo hinzugehen, wo ich mich nicht auskannte. Die Lichter verschwanden, hüpften immer weiter weg, bis ihr Leuchten verblasste. Nun war ich wieder der völligen Dunkelheit ausgeliefert. »Rabea?« … keine Antwort. »Lev?« … Auch von ihm kam keine Regung. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Ich tastete in der Dunkelheit nach Anhaltspunkten. Es wirkte beinahe so, als ob die Bäume enger beieinanderstünden. Das hier war nicht mehr der Platz von vorhin. Verzweifelt fuhr ich mir durch die Haare. Das konnte nicht sein! Hatte ich mich in die falsche Richtung gedreht? Ich tastete mich wieder an den Bäumen entlang. Irgendwo hier musste doch das Lagerfeuer gewesen sein. Leider half mir der Mond nicht wirklich mit seinem Licht, da der vor wenigen Tagen noch runde Mond mittlerweile die Form einer Sichel angenommen hatte.

»Rabea!«, rief ich noch lauter. Es war vielleicht nicht die beste Idee, allein im Wald herumzubrüllen, es war jedoch die einzige, die mir einfiel.

»Lev?!« Immer noch keine Antwort. Das war zum Haareraufen. Ich tastete weiter. Wenigstens hatten sich meine Augen wieder etwas an die Dunkelheit gewöhnt und ich erkannte immer mehr.

»Rab…« Da … da war es wieder, dieses Rascheln von vorhin. Ich duckte mich, griff nach dem Messer und hielt es schützend vor mich. Es raschelte erneut, dieses Mal aus einer völlig anderen Richtung. Mein Puls raste, meine Hände zitterten.

Schritte kamen näher, Äste wurden auf die Seite geschoben. Man hörte das Geräusch von Schuhen auf dem unebenen Waldboden.

Auf einmal stand diese Frau vor mir. Um sie herum schwirrten zwei der Lichter. Sie war schlank, trug ein weißes langes Kleid und hohe dunkle Stiefel. Ihre Augen waren schwarz umrandet und auf ihren Wangen sowie auf den Armen und Beinen waren ineinander verschlungene Zeichen zu sehen. Ihre schwarzen Haare reichten ihr bis zu den Hüften. Darin verknotet befanden sich farbige Bänder, Federn und Perlen. Als sie den Kopf leicht neigte, hörte man, wie die Schmuckstücke aneinanderstießen. Nicht nur in ihren Haaren trug sie Schmuck, an ihrem Handgelenk und um den Hals baumelten lange goldene Ketten. Wenigstens schien sie nicht bewaffnet zu sein.

Noch immer hielt ich das Messer ausgestreckt in ihre Richtung. »Ich habe keine Angst!«, sprach ich mit fester Stimme und blickte ihr in die Augen. Sie schüttelte nur leicht den Kopf und deutete auf ihren Mund.

»Ich verstehe nicht.«

Wieder schüttelte sie den Kopf, sodass alle Ketten klimperten, und deutete erneut auf ihren Mund.

»Du sprichst nicht«, murmelte ich und ließ mein Messer etwas sinken. Sie nickte bestätigend. Dann streckte sie mir ihre Hand entgegen. Ein dunkler Pfeil war auf ihre Handinnenfläche gezeichnet und deutete genau in meine Richtung. An jedem Finger trug sie zwei Ringe. Manche waren feiner, andere etwas grober, doch sie alle schienen aus Gold zu bestehen. Warum würde jemand solch kostbare Dinge offen tragen?

Misstrauisch sah ich von ihrer Hand zu ihren Augen und wieder zurück. Es waren ähnlich dunkle Augen wie die von Lev. Tiefe Abgründe, die nur im Licht nicht ganz so schwarz wirkten.

»Meine Freunde sind hier irgendwo.« Ich hielt das Messer höher. Die Frau machte keine Anstalten, ihre Hand wegzuziehen, während die Lichter fröhlich um sie herumtanzten. Mit der anderen Hand deutete sie auf ihre ausgestreckte rechte Hand. Ich verneinte. »Ich suche nur meine Freunde«, versuchte ich es, doch sie schien nicht zu verstehen. Nach einiger Zeit gab sie es auf, zog die Hand zurück und drehte sich um. Sie lief einige Meter geradeaus, wandte dann plötzlich ihren Kopf wieder in meine Richtung und bedeutete mir, ihr zu folgen. Ich ließ das Messer sinken. Ich hatte zwei Möglichkeiten. Entweder ich folgte ihr quer durch diesen Wald und würde sehen, was sie mir zeigen wollte, oder ich blieb hier zurück in der Dunkelheit und würde weiterhin nach Lev und Rabea schreien. Natürlich könnte das auch eine Falle sein, aber es war auch eine Chance. Ich trat einen Schritt nach vorn und folgte den Lichtern und der Frau. Sie drehte sich wieder um und setzte den Weg fort. So ging das ganze Spiel eine Weile. Wir gingen immer tiefer in den Wald hinein, bis man irgendwann vor lauter Bäumen weder Sterne noch Mond sah. Immer wenn ich etwas zurückfiel, blieb sie stehen und wartete. Ihre Lippen blieben weiterhin verschlossen. Damit mich nicht wieder die Müdigkeit überkam, die bereits an meinen Augenlidern zerrte, zählte ich die Schritte. Das Messer hielt ich dabei immer noch fest umklammert.

Und dann, als ich schon die Hoffnung aufgegeben hatte, dass dieser Weg irgendwann ein Ende haben würde, waren da auf einmal Stimmen. Ich blickte auf und entdeckte vor uns eine große Lichtung. Ein Feuer brannte und Menschen saßen darum herum. Im ersten Moment kam mir das Lager von dem Dieb in den Sinn. War ich etwa wieder zurück? Die Zelte fehlten und die Leute waren auch ganz andere. Es waren zwei Frauen und eine Gestalt mit einer Kapuze, tief ins Gesicht gezogen. Unsicher lief ich näher. War das am Ende eine Falle?

»Maskenmädchen.«

Dieser Name und diese Stimme, wenn mir das nicht bekannt vorkam. »Dieb ohne Herz«, erwiderte ich und öffnete wieder die Augen. Die Gestalt entpuppte sich als der junge Mann mit den grünen Augen. Er hatte ein spöttisches Lächeln aufgesetzt, während er die Kapuze nach hinten fallen ließ. Auch wenn ich es niemals zugeben würde, ich war erleichtert, ihn hier zu sehen.

Er machte mir dann Platz, damit ich mich auf den Stamm setzen konnte. Das Messer verstaute ich wieder in meinem linken Stiefel und die Tasche zog ich eng an meinen Körper. Das prasselnde Feuer wärmte meine Knochen und erst jetzt wurde mir bewusst, wie sehr ich gefroren hatte. Meine Hände waren eiskalt.

»Was tust du hier?«, brachte ich nach einiger Zeit hervor und sah ihm in die Augen.

»Dich nach Malufra begleiten«, antwortete er und erwiderte meinen Blick.

»Ich habe Rabea und Lev verloren, da waren diese Irrlichter und dann diese Frau.« Ich drehte mich um und blickte zu der Frau mit den schwarzen langen Haaren. Sie saß bei den anderen beiden Frauen und blickte in das Feuer.

»Verzeihung«, sagte ich eilig und erhob mich wieder. Ich lief zu den drei Frauen. Sie alle hatten diese eigenartige Körperbemalung und die dunklen Augen. Außerdem trugen sie alle lange Kleider. Sie unterschieden sich nur in den Haarfarben. Die Frau ganz links außen hatte rötliche Haare mit schwarzen Federn und weißen Perlen. Die Frau in der Mitte hatte braune Haare mit bunten Bändern darin verknotet.

»Danke, dass ihr mir den Weg gezeigt habt. Mein Name ist Malina.« Ich blickte zu der Frau, die mich hergebracht hatte.

»Arta, Lema und Manisha, das Auge, die Seele und das Gehör.« Der Dieb stand nun auch auf und zeigte der Reihe nach auf die Frauen. »Arta kennst du bereits. Sie hat dich hergebracht. Sie sieht alles, dafür kann sie nicht sprechen. Man hat ihr die Zunge entfernt.« Arta blickte zu mir und deutete auf den Mund. Diesmal verstand ich.

»Lema ist so etwas wie die weise Seele. Sie sieht die Dinge, noch bevor sie passieren, dafür trägt sie diese unglaubliche Last auf ihren Schultern.« Lema war die Frau mit den braunen Haaren. Auch sie erwiderte meinen Blick und nickte langsam.

»Manisha sieht nichts, dafür hört sie alles. Du kannst noch so leise flüstern, sie würde all deine Worte klar und deutlich verstehen.« Ich blickte zu der Frau mit den feuerroten Haaren. Ihre dunklen Augen wirkten etwas trüber und ich hatte den Eindruck, als würde sie an mir vorbeisehen. Doch egal wie geheimnisvoll, beinahe unheimlich diese Frauen waren, ich verspürte keine Angst.

»Ach, und sie sind Hexen, aber die gute Sorte.« Er setzte sich wieder und streckte die Hände Richtung Feuer.

»Ein hübscher junger Mann, der leider zu viel spricht.« Lema drehte den Kopf in seine Richtung. »Womöglich wird bald noch jemand sein Herz verlieren«, fuhr sie fort und schüttelte sich dann. Die bunten Bänder flogen in alle Richtungen. »Eine Lüge, vielleicht auch zwei. Verborgen hinter Glas, Augen, die täuschen, der Verstand, der spricht. Tore, die sich schließen, aber nicht öffnen, ein Herz, das bricht. Zwei Schwestern, der gelbe Saal …«

»Nicht hier!«, rief er dazwischen.

Erschrocken zuckte ich zusammen. Ich war so gebannt von dem Farbenspiel der bunten Bänder und ihrer Stimme gewesen, dass ich ihn gar nicht mehr beachtet hatte.

»Keine Weissagungen! Sie versteht das nicht«, sprach er wütend.

»Kein Grund, so aufgebracht zu sein!«, fuhr ich ihn an. Erschrocken hielt ich die Hand vor den Mund. Warum war ich jetzt auch so wütend? »Tut mir leid, ich bin müde«, entschuldigte ich mich bei ihm.

»Es geht nicht nur darum, dass du es nicht verstehst. Es ist mehr, dass du nicht aufhören würdest, darüber nachzudenken.« Er fuhr sich über das Gesicht. »Das sind nur Vermutungen, es stimmt nicht immer, was sie sagen«, flüsterte er mir zu, ohne die Frauen dabei aus den Augen zu lassen. Manisha runzelte deutlich die Stirn.

»Ein Dieb ohne Herz, der sich Sorgen macht. Sorgen um das Mädchen oder um sich?«, kam es wieder von Lema.

Der Dieb seufzte. »Warum gehen wir nicht eine Runde spazieren, wenn wir schon so schönes Wetter haben?« Er lächelte mich an und zog mich dann am Arm eilig mit sich. Ich hatte gar keine Zeit, um zu protestieren. Erst als wir außer Sichtweite waren, blieb er aufgebracht stehen.

»Du scheinst nette Freunde zu haben«, begann ich, ehe er womöglich noch vor Wut irgendwelche unüberlegten Dinge getan hätte.

»Ich lebe schon lange hier, mit der Zeit kennt man all die Bewohner des Waldes.« Immer wieder fuhr er sich durch die Haare oder ballte die Hände zu Fäusten. So viele Emotionen hätte ich einem Mann ohne Herz gar nicht zugetraut.

»Warum bist du so wütend? Ich habe nicht verstanden, was sie gesagt hat. Im Rätsellösen war ich noch nie gut.«

»Die Zukunft kommt, egal ob dir eine Hexe sagt, was passiert oder nicht. Es ist nur eine Last, wenn man weiß, was geschehen wird. Man denkt zu viel nach, grübelt, versucht Dinge zu ändern und verbraucht so viel Kraft, dabei nimmt am Ende die Geschichte ihren Lauf.« Er fuhr sich ein letztes Mal aufgebracht durch die braunen Haare, bevor er die Arme sinken ließ.

»Das ist dir passiert, oder?«, hakte ich nach. Es hätte mich auch gewundert, wenn es ihm um mich gegangen wäre.

»Ich habe mein Herz nicht ohne Grund verloren.« Er lächelte schwach und blickte dann zu dem Feuer mit den drei Hexen, die uns die Rücken zugewandt hatten.

»Das tut mir leid«, waren die einzigen Worte, die mir auf die Schnelle eingefallen waren.

»Muss es nicht, wir sind am Ende selbst verantwortlich für unser Handeln oder unsere Taten.«

»Für einen Dieb bist du ganz schön weise.« Ich betrachtete ihn eine Weile, während diese kleinen Lichter von vorhin in unsere Nähe kamen.

»Für ein Maskenmädchen bist du ganz schön nett«, sagte er spöttisch und bückte sich dann plötzlich.

»Was?« Verwirrt sah ich hinunter. Bevor ich genau erkennen konnte, was er dort unten tat, tauchte er wieder auf. Mit meinem Messer in den Händen.

»Damit tötest du niemanden.« Er nahm die Klinge in die rechte Hand und stach mit der Spitze in seinen linken Daumen. Nichts geschah.

»Der Bogen von Tarek schneidet besser Brot als dieses Messer.« Mit einer eleganten Bewegung wendete er das Messer und hielt es mir mit dem Griff entgegen.

»Wenn wir gerade schon von dem Bogenschützen sprechen, wo ist er?« Zögernd nahm ich das Messer entgegen.

»Inzwischen sollte er hoffentlich Rabea und Lev gefunden haben. Wir wollten euch suchen, darum haben wir uns aufgeteilt. Es wurde bald zu dunkel und die Hexe hat mir noch einen Gefallen geschuldet.«

»Wie fürsorglich, dass du deinen Gefallen für mich einlöst.« Ich steckte das Messer zurück an seinen gewohnten Platz und richtete mich dann wieder auf. Die hellen Lichter schwirrten neugierig um uns herum.

»Irrlichter, nette Dinge.« Der Dieb streckte seine Hand aus und wollte eines der Wesen fangen. Die Lichter stoben erschrocken auseinander.

»Wenn du mich fragst, dann sind die eine Plage.« Ich schnaubte und dachte an meinen Moment mit diesen hellen Lichtkugeln. Dank ihnen hatte ich mich überhaupt verirrt.

»Bald geht die Sonne auf, vielleicht legst du dich noch etwas ans Feuer? Ich passe auf.«

Ich nickte und unterdrückte ein Gähnen. Die letzten Tage hatte ich deutlich zu viel geschlafen und dennoch war ich immer noch müde. Gemeinsam liefen wir zurück zu den drei Hexen, die alle ins Feuer blickten und so taten, als ob sie keine Ahnung hatten, was wir besprochen hatten. Dabei waren mir die Blicke von Manisha nicht entgangen.

Und während ich mich nah ans Feuer setzte und nach der Maske in meiner Tasche tastete, da kam mir noch ein anderer Gedanke. Ein Gedanke, den ich gar nicht wagte auszusprechen. Wenn die Hexen so viel wussten, kannten sie meine Geschichte?

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