Kitabı oku: «Nicolaus Cusanus»
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Über den Autor
Über den Autor
Dr. theol. h.c. Gerhard Wehr, geb. 1931 in Schweinfurt/Main. Nach langjähriger Tätigkeit auf verschiedenen Feldern der Diakonie und der Erwachsenenbildung, zuletzt als Lehrbeauftragter an der Fachakademie für Sozialpädagogik in Rummelsberg/Nürnberg, arbeitet er als freier Schriftsteller in Schwarzenbruck bei Nürnberg. Ein Großteil seiner Werke zur neueren Religions- und Geistesgeschichte ist in mehreren europäischen und asiatischen Sprachen verbreitet.
Zum Buch
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Nicolaus Cusanus war eine der markanten und geistig prägenden Gestalten auf der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit: Jurist, Theologe, Philosoph, Mathematiker und Diplomat.
Aus dem Inhalt
Unser Wissen als Nichtwissen
Zum Erfassen göttlicher Wahrheiten – De docta ignorantia
Auf der Jagd nach der Weisheit – De venatione sapientiae
Briefwechsel mit den Mönchen im Kloster Tegernsee
Worte der Weisheit und des Glaubens
Cusanus (1401–1464) stammt aus Bernkastel-Kues und ist der Sohn eines Moselschiffers und Kaufmanns. Von der Mystik Meister Eckharts und des nachhaltig wirksamen Dionysios Areopagita inspiriert, hat er ein philosophisches Werk geschaffen, in dem es um die zu erstrebende Einheit und Ganzwerdung durch Überwindung der Gegensätze (coincidentia oppositorum) geht. Er wurde Kardinal und Bischof von Brixen, dazu ein Diplomat von epochaler Bedeutung. Cusanus gehört zu den Ersten, die im 15. Jahrhundert über einen Ausgleich zwischen den Religionen nachgedacht haben und sich um ein Verständnis von Koran und Islam bemühten. Von daher gesehen kann die Auswahl der von Gerhard Wehr eingeführten und kommentierten Schriften Aktualität beanspruchen.
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Über den Autor
Zum Buch
I. Auf der Schwelle zweier Epochen
II. Stadien seines Lebens
III. Elemente seines Denkens
IV. Die Texte
Zur vorliegenden Ausgabe
1. Unser Wissen als Nichtwissen
2. Zum Erfassen göttlicher Wahrheiten – De docta ignorantia
3. Zwei Weisen der Schau Gottes – De visione Dei
a) Das Sehen Gottes als Gegenwart und Leben
b) Von der Frucht der geistigen Schau
c) Was das Sehen Gottes bewirkt
d) Auf dem Weg zur Schau Gottes
e) Jenseits der Einheit der Gegensätze wird Gott erkannt
f) Gott als Ziel und Ende unserer Sehnsucht
g) Unendlichkeit der Gottesliebe
4. Vom Gottsuchen – De quaerendo Deum
5. Religionsfriede – De pace fidei
6. Kritik des Korans – De cribratione Alchorani
a) Zum Inhalt des Korans
b) Vorzug des Evangeliums
c) Christus im Koran
d) Vom Wesen der Dreieinigkeit
e) Christi Tod und Auferstehung
f) Invektive gegen den Alchoran
7. Auf der Jagd nach der Weisheit – De venatione sapientiae
8. Briefwechsel mit den Mönchen im Kloster Tegernsee
9. Cusanus in seinen Predigten
a) Angesichts des Heiligen Abendmahls
b) Vom wahren Christsein
10. Worte der Weisheit und des Glaubens
V. Stimmen und Zeugnisse zu Nikolaus von Kues
Johannes Trithemius (1462 – 1556)
Giordano Bruno 1588
Friedrich Schlegel 1807
Rudolf Steiner 1901
Josef Bernhart 1922
Wilhelm Oehl 1931
Karl Vorländer 1949
Leo Gabriel 1964
Karl Jaspers 1964
Detlef Thiel 1999
Alois Maria Haas 1999
Kurt Flasch 2002
Literatur
Werkausgaben
Sekundärliteratur
Fußnoten
Kontakt zum Verlag
I. Auf der Schwelle zweier Epochen
Im Laufe der abendländischen Geistesgeschichte gewinnt man mehrfach den Eindruck, an einer Grenzscheide zu stehen und mit Erscheinungen eines Übergangs konfrontiert zu sein. Immer wieder zeigt es sich: Altes vergeht, Neues zeichnet sich nach einer gewissen Vorbereitung ab. Im jeweils Gegenwärtigen scheint sich Zukünftiges zu präformieren. Im Bereich von Theologie und Spiritualität, von mystischer Innerlichkeit und weltläufiger Aktivität lässt sich dies für das ausklingende Mittelalter am Leben und vielseitigen Wirken des Nikolaus von Kues (1401 – 1464), Cusanus genannt, veranschaulichen. Dabei erübrigt sich der Hinweis, dass Nikolaus bei Weitem nicht der Einzige ist, von dem gesagt werden kann, dass er auf der Schwelle zwischen zwei Epochen stehe. Doch muss ihm für seine Zeit eine beispielhafte Bedeutung zuerkannt werden. In den philosophiehistorischen und theologiegeschichtlichen Darstellungen geschieht das auch.1 Hinsichtlich der Vielseitigkeit seiner Studien und seines Schaffens bedarf es daher mehrerer Etiketten, um diese schon zu seinen Lebzeiten markante, in mehrfacher Hinsicht herausragende Persönlichkeit wenigstens stichwortartig zu charakterisieren.
Er war Jurist und Diplomat, Theologe und Philosoph, Mathematiker und Astronom. Als Doktor des kanonischen Rechts wurde er mit allerlei kirchendiplomatischen Aufgaben betraut. Er diente als Berater des Papstes Pius II. (1458 – 1462), war Kardinal, stand als Bischof von Brixen seiner Diözese vor und wirkte beim Konzil in Basel mit, das 1431 als ein Reformkonzil eröffnet worden war. Er setzte sich für eine umfassende Einheit der Kirche ein und dokumentierte dies in seiner Frühschrift De concordantia catholica (1433). Dabei galt es, schwerwiegende innerkirchliche Missstände zu klären, um schließlich die Einheit der Christenheit herbeizuführen und sicherzustellen. Und dies ein Jahrhundert vor Anbruch der eigentlichen, mit Leben und Werk Martin Luthers (1483 – 1546) verbundenen Reformation. Dazu bedurfte es nicht zuletzt eines zumindest im Ansatz irenisch gesonnenen, auf Ausgleich der divergierenden Interessen von Papst und Bischöfen bedachten Wortführers. Über diese Fähigkeit verfügte der Cusanus, auch wenn einzuräumen ist, dass diese Gesinnung einer friedenstiftenden Mentalität von ihm nicht immer durchgehalten werden konnte.
Der ihm eigene Zug zum Ausgleich ist an der Tatsache abzulesen, dass er vom Geist der Mystik geprägt war. Er kannte lateinische und wohl auch deutschsprachige Schriften sowie Predigten Meister Eckharts. Schließlich ist anzumerken, in welcher bedeutsamen Situation sich die abendländische Christenheit befand: Im Jahre 1453 hatten die Türken Konstantinopel (heute Istanbul) erobert und damit für die westliche Christenheit schwerwiegende Fakten geschaffen. Da bedurfte es eines Mannes, dem es gegeben war, die Fragen der interreligiösen Gegensätze klären zu helfen, etwa: Wie soll sich die Christenheit dem zum Sturm auf die Mitte Europas angetretenen Islam gegenüber verhalten? Auf welche Weise ist der ernsthaft gefährdete Religionsfriede sicherzustellen? Hier waren vom Cusanus religionsphilosophische Einsichten gefragt, die sich nicht etwa nach Art der einstigen Kreuzzugsideologie an gewaltsamen Lösungen orientierten, sondern so etwas wie einen Entwurf für einen zukunftsfähigen Religionsfrieden verlangten. Zum Charakteristikum der kirchengeschichtlichen Lage gehörte die Tatsache, dass – seit 1054 – immer noch der Dissens zwischen der römischen Westkirche und der griechisch-byzantinischen Kirche des Ostens bestand. Insofern fehlte es nicht an Versuchen, die Arbeit der kirchlichen »Brückenbauer« zu unterstützen. Als ein solcher »Pontifex« war Nikolaus von Kues in Pflicht genommen.
Wer sich in die Schriften des auch um Zusammenschau von Natur und Geist bemühten Gelehrten vertieft, der kann sich der von ihm ausgeübten Faszination nicht entziehen. Dabei ist zu bedenken, dass er sich als einer der Ersten um das Verständnis des Korans und muslimischer Frömmigkeit bemüht hat. Das wird deutlich, wenn man den Lebensspuren des weit gereisten, aktiven Kirchenmannes wie des nach innen blickenden frommen Mystikers nachgeht. In einem seiner zahlreichen, zum Teil in Dialogform entworfenen Texte bringt er auf den Punkt, was ihm hinsichtlich der Achtsamkeit im täglichen Leben wichtig geworden ist. Hierzu ein Wort, das auf den Umgang mit ihm und unseren Zeitgenossen anwendbar ist:
»Oft gehen Leute an uns vorüber, und wir nehmen sie nicht wahr, weder durch das Gesicht noch durch das Gehör, weil wir nicht darauf aufmerksam sind. Wenn wir aber aufmerksam sind, dann nehmen wir sie wahr. Wir besitzen in unserer Seele den Vernunftgrund (rationem) und die Wissenschaft des Wissbaren der Kraft nach; trotzdem nehmen wir seine Wahrheit nur dann wirklich wahr, wenn wir aufmerksam darauf gerichtet waren, dies zu sehen.«2
Nikolaus von Kues, der im Bewusstsein der Gottesgegenwart, das Endliche vor dem Hintergrund und der Tiefe des Unendlichen erkennend, sein Tagewerk erfüllen wollte, ist nicht nur ein Mensch des ausgehenden Mittelalters. Sein Blick reicht viel weiter. Er vermag noch im 21. Jahrhundert unser Interesse zu erwecken, auch wenn die ihn bewegenden elementaren Fragen, insbesondere die zum Religionsfrieden und zum Themenkreis Islam, neben anderen Stellungnahmen inzwischen ein ganz neues Gesicht bekommen haben. Karl Jaspers war es, der von dem meditativen Philosophen an der Epochenschwelle gesagt hat, er habe wie kein anderer den Menschen, dessen Größe und Grenze, dessen Vermögen und geistige Schöpferkraft in den Mittelpunkt seiner Erwägungen gestellt. Für den Cusanus selbst war es naturgemäß die Gottesfrage, der er sich – beispielsweise in der geistigen Nachfolge Meister Eckharts – als ein mystisch Frommer verschrieben hat.3
II. Stadien seines Lebens
Der Sohn des Schiffseigners und des als Winzer zu Ansehen gelangten erfolgreichen Kaufmanns Johann Krebs (ursprünglich: Chryfftz, lat. Cancer) ist 1401 in der heute zu Bernkastel gehörigen Ortschaft Kues geboren. Weil das kleine Dorf an der Mosel zum Bistum Trier gehört hat, wird er in Chroniken auch als Nicolaus Trevirensis geführt, oder man nennt ihn in lateinisch abgefassten Texten Nicolaus de Cusa.
Gesicherte Lebensdaten liegen für ihn erst seit 1416 vor, als der weit gereiste, als Weinlieferant tätige Vater seinen erst fünfzehnjährigen Nikolaus zum Studium auf die Universität Heidelberg schickte. Es ist anzunehmen, dass er im Laufe seiner Ausbildung von dem spektakulären Ketzerprozess und dessen Folgen in jenen Jahren gehört haben wird. Es handelte sich um den aus Böhmen stammenden, seiner kirchenkritischen Predigten wegen vor das Konzil in Konstanz zitierten Kirchenreformer Jan Hus. Weil er trotz der von Kaiser Sigismund gemachten Zusage des freien Geleits 1415 verbrannt worden ist, war auf Jahrzehnte hinaus für Aufsehen und Diskussionsstoff gesorgt. Solche Vorgänge dürften nicht zuletzt dem angehenden Studenten des Kirchenrechts zu denken gegeben haben.
Im Gang der zeitüblichen Studien ging es für Nikolaus zunächst um den Erwerb des schulischen Grundlagenwissens in Gestalt der artes liberales, das heißt der sogenannten freien Künste4. Im Rahmen des scholastischen, sich nach und nach ausdifferenzierenden Bildungswegs folgte auf dieser Basis das eigentliche Hochschulstudium innerhalb der drei klassischen Fakultäten: der Jurisprudenz, der Medizin und schließlich der philosophisch fundierten Theologie.
Eine erste wesentliche Erweiterung seines geistigen Horizonts erfuhr Nikolaus in Padua, damals, am Vorabend der Renaissance, ein Zentrum des europäischen Geisteslebens. Dort studierte er zunächst Kirchenrecht und promovierte zum Doctor decretorum. Seine juristischen Studien erweiterte er schon früh durch die Beschäftigung mit Mathematik und Astronomie sowie durch das Erlernen der griechischen Sprache, deren Kenntnis für die humanistisch Gebildeten der Folgezeit in Kirche und Gesellschaft unverzichtbar werden sollte, nicht zuletzt für die Verdeutschung des Neuen Testaments durch Martin Luther.5 Der Kusaner musste in Erfüllung seiner Aufträge für die Gelehrten des europäischen Ostens ohnehin sprachenkundig und gesprächsfähig sein.
1425 ließ sich der junge Kirchenrechtler an der Universität Köln immatrikulieren, wo mehr als ein Jahrhundert zuvor die Meister aus dem Dominikanerorden, an ihrer Spitze Albertus Magnus und Thomas von Aquin, das Hochschulwesen bestimmt haben. Es galt, sein philosophisches und theologisches Wissen zu vertiefen. Bedeutsam wurde für ihn die Bekanntschaft mit den Gedanken des Dionysios Areopagita und dessen negativer Theologie. Es ist jene Theologie, die trotz allen Wahrheitsstrebens darauf verzichtet, ein zureichendes Wissen vom Wesen Gottes zu beanspruchen. Sie geht von der Einsicht aus, dass keine der üblichen Aussagen über Gott ihm selbst, dem lebendigen Gott, angemessen sein kann. Er bleibt transzendent. Man mag zwar immer neue Gottesbilder entwerfen, aber die Tiefe der Gottheit bleibt unerreichbar. Um es durch ein Paradox anzudeuten: Wer Gott erfahren hat, der hat ihn letztlich nicht erfahren!
Um für die Begegnung mit dem Osten gerüstet zu sein, reiste Nikolaus mit seinem Kölner Lehrer Heymericus de Campo nach Paris, um die Schriften des Katalanen Raymundus Lullus (Ramon Llull; 1232/35 – 1316) näher kennenzulernen. Als Doctor illuminatus tituliert, war auch er ein universell gebildeter Gelehrter, der in seiner Heimat mit den Überlieferungen der Troubadourdichtung aufgewachsen war. Er zählt zu den allerersten abendländischen Wegbereitern für eine Begegnung mit den Weltreligionen, insbesondere mit dem Islam und dessen sufitischer Mystik. Berühmt wurde Llull durch sein in diesem Geist geschriebenes Werk »Das Buch vom Freunde und vom Geliebten« (Libre de Amic e Amat)6. Insofern steht der Cusanus, was seine eigenen Gesprächskontakte mit den Muslimen anlangt, auf den Schultern des großen Katalanen.
Statt einen ihm zweimal angebotenen Lehrstuhl an der neu gegründeten Universität Löwen anzunehmen, war Cusanus als Anwalt tätig und diente, etwa von 1425 an, als Sekretär des Erzbischofs von Trier. Die durch allerlei Streitigkeiten beunruhigte, stets der Reform bedürftige Kirche lud ihn alsbald zu ihrem Konzil nach Basel ein, an dem er mitwirkend teilnahm. Bei der Auseinandersetzung in der Frage, ob die Partei der Konzilsväter (Konziliaristen) oder die der Papst-Anhänger die Konzilsoberhoheit haben sollten, schlug er sich nach anfänglichem Zögern auf die päpstlich-kuriale Seite. Ihm lag, wie es seinem Grundanliegen entsprach, an der Einheit der Kirche, die er am ehesten durch den Träger der zentralen Macht in Rom gewährleistet sah. Vor allem bemühte man sich während des teils in Basel, dann teils in Ferrara und in Florenz agierenden Konzils, zu einem Ausgleich zu kommen. Schließlich nahm Cusanus 1437 an Verhandlungen mit der getrennten Ostkirche in Konstantinopel teil.7 Die Bemühungen um eine Aufhebung der großen Kirchenspaltung (Schisma), bei denen er erwartungsgemäß römische Interessen unterstützte, führten damals jedoch über formale Einigungsformeln kaum hinaus. Für Nikolaus war es wichtig, dass er einen etwa zweimonatigen Aufenthalt in Konstantinopel unter anderem zur Fortführung seiner schon in Basel betriebenen Koran-Studien nutzen konnte. Diese schlugen sich in einigen seiner späteren Schriften nieder, speziell in »Die (kritische) Sichtung des Korans« (Cribratio Alchoran, 1461).
Auch die kirchliche Hierarchie bestimmte seine weitere Karriere. Verhältnismäßig spät (zwischen 1436 und 1440) empfing er die Priesterweihe. Dagegen dauerte es nur acht Jahre, bis er 1448 durch Papst Nikolaus V. die Kardinalswürde erlangte. 1450 wurde ihm als Bischof die Diözese von Brixen anvertraut. Aus dem Mann aus der Provinz und aus der Familie eines schlichten Moselschiffers war ein Oberer seiner Kirche geworden, dazu ein Philosoph und ein international agierender Diplomat der römischen Kirche. Die langjährige Freundschaft mit dem Humanisten und Dichter Enea Silvio Piccolomini, der 1458 als Pius II. den päpstlichen Stuhl bestieg, bahnte seinen Weg, um in Rom an der Spitze der westlichen Christenheit beratend tätig zu sein. Vergebens suchte Nikolaus in sein Tiroler Bistum zurückzukehren, zumal er in der heiligen Stadt die Funktion eines Legaten und Generalvikars der römischen Diözese zu erfüllen hatte, von der er wegstrebte. Zu seinen Funktionen in der »heiligen Stadt« gehörte auch die schwierige Aufgabe eines Friedensstifters, der bestrebt sein musste, die Rechte der Kirche vor Übergriffen der politisch Mächtigen zu schützen.
Nach einer Erkrankung, die sich Nikolaus von Kues auf dem Weg nach Venedig und in Vorbereitung eines sogenannten »Kreuzzugs gegen die Osmanen« zugezogen hatte, verstarb Nikolaus von Kues erst 63jährig am 11. August 1464 in dem umbrischen Bergstädtchen Todi. Sein Grab befindet sich in seiner römischen Bischofskirche in S. Pietro in Vincoli (Sankt Peter in Fesseln), während sein Herz, seinem ausdrücklichen Wunsch gemäß, in der Kapelle des von ihm und seinen Angehörigen gestifteten Sankt-Nikolaus-Hospitals in Kues, also an seinem Geburtsort, beigesetzt ist. Im dortigen Hospital hütet man auch seine umfangreiche Bibliothek, die er als Gelehrter in Gestalt seltener Handschriften im Laufe seiner Schaffensjahre zusammengetragen hatte. Die Mittel dazu und für die im Spital zu betreuenden Armen schöpfte er aus zahlreichen gut dotierten Pfründen und Privilegien.
III. Elemente seines Denkens
Obwohl Nikolaus infolge seiner ausgedehnten, in der Regel auftragsbedingten Reisen durch Deutschland, in Italien, nach Athen und bis nach Konstantinopel ein überaus bewegtes Leben führte, ist der Umfang seines literarischen Schaffens beträchtlich. Gott, Welt, Mensch, der innere wie der äußere Friede bestimmen sein auf Ausgleich und Versöhnung angelegtes Denken. Auf eine universell aufzufassende Ganzheit hin, in der Gegensätze eine komplementäre Rolle spielen, sind seine philosophischen und theologischen Schriften ausgerichtet. Durch sie hat er schon zu Lebzeiten Anerkennung und schließlich einen prominenten Platz in der europäischen Religions- und Geistesgeschichte erworben.8
Versucht man sein Lebenswerk auf einen einfachen Nenner zu bringen, dann darf von seinem unablässigen Streben nach Erkenntnis wie nach Verwirklichung einer allem zugrunde liegenden Einheit gesprochen werden. Zu überwinden war ein Denken, das sich prinzipiell einem Verharren in unversöhnlichen Gegensätzen verschrieben hat. Was er auf der religionsphilosophischen Ebene als Zusammenfallen (Koinzidenz) aller denkbaren Gegensätze (coincidentia oppositorum) begreiflich zu machen suchte, das fand in seinen innerkirchlichen wie weitreichenden kirchendiplomatischen Aktivitäten eine historisch bemerkenswerte Entsprechung. Es ging ihm sowohl um die Reform der Kirche (Ecclesia semper reformanda) großen Stils, etwa im Verhältnis von Papsttum und den Bischöfen, als auch mit Blick auf die Reformbedürftigkeit von Ordensgemeinschaften um das fragwürdig gewordene Leben in vielen Klöstern sowie um beklagenswerte regionalkirchliche Verhältnisse. Dabei wird ihm nachgesagt, dass er in seinem Eifer zuweilen verurteilende Härte zeigte und in Feindseligkeiten – zumindest ausnahmsweise – vor Gewaltanwendung nicht zurückschrak. Wie schon beim Blick auf Nikolaus’ Lebenslinien erwähnt, ist seinen Bemühungen um Verständnis, Dialog und Begegnung mit anderen Religionen, selbst mit dem Islam, eine besondere Bedeutung beizumessen. Nikolaus predigt, schreibt und stellt sich dem freimütigen Gespräch – und in der Regel leitet ihn das Lebensthema dieses zur Harmonisierung des Gegensätzlichen tendierenden Menschen.
Von ihm selbst erfahren wir von einem inspirativen Moment, als ihm als ein »Geschenk des Himmels vom Vater des Lichts« eine wichtige Einsicht zuteil wurde – geschehen 1438 anlässlich einer stürmischen Überfahrt von Athen nach Venedig, als er den griechischen Kaiser samt dem ostkirchlichen Patriarchen von Konstantinopel zum Unionskonzil nach Ferrara zu begleiten hatte. Und jenes Himmelsgeschenk besteht für ihn in der spontan auftretenden Einsicht, dass das Unbegreifliche naturgemäß nicht etwa auf begreifliche Weise zugänglich sei. So wie nach einem Wort des Apostels Paulus (1 Kor 13,9) »unser Wissen Stückwerk« ist, so entzieht sich die absolute Wahrheit dem menschlichen Bestreben, das Wissen auf allen Gebieten zu erweitern. Doch die Wahrheit bleibt – so ist er überzeugt – der Unwissenheit anheimgegeben. Sie nimmt den Charakter einer »belehrten Unwissenheit«, einer docta ignorantia, an. Auch wenn sich dieses Gewahrwerden für ihn als eine unvermittelt scheinende Erkenntnis darstellt, ist es doch zugleich auch Resultat seines jahrelangen Erkenntnisringens.
In seinen beiden Hauptwerken De docta ignorantia, 1440 im heimatlichen Kues fertiggestellt, und dem thematisch daran anschließenden über das Wesen von Mutmaßungen (De coniecturis) sowie in weiteren Schriften hat Nikolaus die Ergebnisse seines Denkens niedergelegt und in den daraus sich ergebenden Konsequenzen erläutert. Analog zu den Erkenntnisbemühungen antiker Denker bezeichnete er sein Tun als eine im Wesen des Menschen angelegte »Jagd nach der Weisheit«. Darüber hat er sich in einem Spätwerk (De venatione sapientiae) geäußert. Unerlässlich erscheint es ihm, die für ihn verpflichtende Wahrheit des christlichen Glaubens vorauszusetzen. Das kommt nicht zuletzt in seinen religionsphilosophischen Erwägungen und bei der Einschätzung des Korans zum Ausdruck. Aus diesem kirchlich-christlichen Vorverständnis macht er kein Hehl!
Als Philosoph steht der Cusaner in der großen Tradition des abendländischen Denkens. Seine Gewährsleute sind Platon, der mythische Hermes Trismegistos9 und die Lehrmeister der zur christlichen Mystik hinleitenden neuplatonisch-christlichen Philosophie, an ihrer Spitze der namenlos um 500 schreibende (Pseudo-)Dionysios Areopagita, dem die Mystik des Mittelalters, unter anderem auch Meister Eckhart und dessen Schule, verpflichtet gewesen ist. Auf dieser Basis formuliert Nikolaus die Elemente seines auf die Gott-Suche ausgerichteten Denkens. Es ist entfaltet in einer Reihe von Schriften, wie etwa in seiner Trilogie zum Gottesbild. Dabei widmet er sich der Gottsuche (De quaerendo Deum), besinnt sich auf das Wesen der Gotteskindschaft (De filiatione) und bezieht die Verborgenheit Gottes (De Deo abscondito) ein. In Spannung dazu stehen Überlegungen zu einer Gottesschau (De visione Dei) bis hin zum Gipfel eines solchen Schauens (De apice theoriae), und zwar – in der erklärten Nachfolge des großen Areopagiten – stets in dem Bewusstsein, dem Absoluten in seiner Tiefe erkennend gar nicht gewachsen zu sein. »In der geschaffenen Welt ist die Einheit ›entfaltet‹ zu einer Vielheit des Andersseins, dem unterscheidenden Verstand zugänglich. Mit der Vernunft können wir uns darüber hinaus in einem ›incomprehensibiliter inquirere‹, einem Forschen, das das Begreifen im mystischer Weise übersteigt, der Wahrheit nähern und das Unendliche ›berühren‹.«10
Von Nikolaus von Kues sind vielfältige, bisweilen divergierende Wirkungen ausgegangen. Bemerkenswert ist, dass sein Schrifttum auch nach seinem Tod in zunehmendem Maße gefragt war. So zählt man zwischen 1488 und 1565 allein fünf Werkausgaben, dazu die Verbreitung mehrfach aufgelegter einzelner Texte. »Dabei ging es um so disparate Fragen wie die nach den Grenzen menschlicher Erkenntnisfähigkeit, nach der Reichweite rationaler Argumentation in der Theologie oder nach der Möglichkeit einer Rekonstruktion der ursprünglichen Weisheit (prisca sapientia), ferner um kosmologische Probleme wie das der Unendlichkeit des Alls und der Pluralität der Welten und mathematische Probleme wie das der Quadratur des Kreises, immer aber um die docta ignorantia und die coincidentia oppositorum. In diesen und anderen Themenbereichen wurden die Gedanken des Cusaners rezipiert.«11
Zu seinen Lebzeiten wurden seine Gedanken beispielsweise im Gedankenaustausch mit Ordensleuten bekannt. Dazu gehörten beispielsweise die Benediktiner, Abt und Prior im Kloster Tegernsee. Weil sich der Briefwechsel in wesentlichen Teilen erhalten hat, sind wir über die Argumentationsweisen im Bilde.12 Ihnen erläutert er unter anderem seine zentrale, berühmt gewordene These von dem Zusammenfall der Gegensätze (coincidentia oppositorum). Die Schöpfung ist ein einziges Dokument der Entfaltungs- und Offenbarungsmöglichkeiten Gottes. Oder unter dem speziellen cusanischen Aspekt, durch den Gottes Überfülle zum Ausdruck gebracht werden soll: »Gegensätze, die in Gott eins sind, in der Welt aber auseinandertreten: in jener Welt, die als ›explicatio Dei‹, als Entfaltung jenes Gottes zu verstehen ist, der selber das Viele ohne Vielheit und der Gegensatz in der Identität ist. Dies ist ein Denken, das geradewegs zum deutschen Idealismus, zu Hegel, aber auch zu Whitehead und Teilhard de Chardin führt.«13 Dieser Zusammenfall des bei vordergründiger Betrachtung nicht zu Vereinbarenden gehe ebenfalls über das nur verstandesmäßige Erkennen hinaus und sei allein dem schauenden Erkennen der Vernunft, der visio intellectualis, nicht aber dem Verstand (ratio) zugänglich. Weil aber in Gott die Gegensätze zusammenfallen, ist er der Eine schlechthin.14 Genannt wird ferner der Kartäuser Dionysius.
Zu den Ersten, die die Bedeutung des Cusanus erkannt und bekannt gemacht haben, zählt Giordano Bruno (gest. 1600). Analog zur Würdigung Platons sprach er geradezu vom »göttlichen Cusanus«. Bruno schloss denkend an Nikolaus an, indem er den Begriff von der Unendlichkeit Gottes und der Natur weiter bewegte. Damit ist die Schwelle zum neuzeitlichen Bewusstsein betreten. Bislang als gültig angesehene scholastische Vorstellungsformen sind aufgebrochen. Kaum minder bedeutsame Einflüsse lassen sich auf Marsilio Ficino (gest. 1499) und den früh vollendeten Pico della Mirandola (1463 – 1494) nachweisen. Protestantische Kreise meinten, beim Cusaner reformatorische, zu Martin Luther führende Ansätze zu entdecken. Fernwirkungen haben Lessing erreicht. Ob das auch mit Blick auf Spinoza, Leibniz, Fichte, Schelling und Hegel gilt, wird bezweifelt – Hegel scheint den Cusanus nicht gekannt zu haben! –, andernfalls hätten die Vorstellungen des Cusanus deutliche Spuren hinterlassen.15 Andere Einflüsse haben im 16. und 17. Jahrhundert Frankreich und England erreicht.
Hinsichtlich der nicht immer einheitlichen Einschätzung der komplexen und zugleich diffusen Wirkungsgeschichte des cusanischen Denkens resümiert Tilman Borsche: »Einerseits spricht man dem Werk des Cusaners einen nennenswerten Einfluss auf die Geschichte der Philosophie, der Theologie sowie der Wissenschaften in den folgenden Jahrhunderten ab. Andererseits gilt sein Werk seit der ›Wiederentdeckung‹ im 19. Jahrhundert für manche als Keim und Vorläufer alles dessen, was für das neuzeitliche Denken bedeutsam geworden ist. Beide Urteile sind charakteristisch für eine neue Wertschätzung des Lehrers der Koinzidenz, können aber nicht als Ergebnisse rezeptionistischer Forschungen gelten.«16 Dabei ist zu berücksichtigen, dass es ihm nicht gegeben war, den Gesamtertrag seines Werkes in einer Art Summe zu präsentieren und damit die Bildung einer Cusanus-Schule als einer philosophischen Lehrweise zu begünstigen. Dennoch hat Nikolaus von Kues als eine epochale denkerische Gestalt sichtbare Zeichen gesetzt. Dass der Ertrag seines Lebenswerks nicht mit großen Neuigkeiten prunken kann, wie bisweilen – u.a. von Joseph Bernhart – hervorgehoben wird, muss nicht beunruhigen. Immerhin räumt derselbe kritische Betrachter seines Oeuvres ein:
»Unbefangene Versenkung in die Schriften des Cusaners, auch die seines Todesjahres (1464) noch, vernimmt einen Denker, der aus religiöser Tiefe mit dem Rätsel Gottes ringt, im Drange einer kosmisch fühlenden Frömmigkeit die Berührung mit dem Unbekannten sucht, dabei die Kirchenlehre, mit der bebürdet er seinem und der Mitwelt Heil zu dienen hofft, ohne philosophische Notwendigkeit mit sich trägt. Der Scheidestrich, der auch durch seine Mystik läuft, gibt das methodische Recht, ihre philosophische Seite von der theologischen getrennt zu erörtern.«17
IV. Die Texte
Zur vorliegenden Ausgabe
Wenn nicht anders angegeben, erfolgen die Cusanus-Zitate auf der Grundlage der Übersetzung von Anton Scharpff (Freiburg 1862), überarbeitet und herausgegeben von Eberhard Döring 2005 im Marixverlag Wiesbaden. Die Zwischenüberschriften stammen vom Herausgeber dieser Ausgabe.
Um der Lesbarkeit des oft weit ausholenden, gelegentlich auch umständlich anmutenden Sprachstils entgegenzukommen, sind Auslassungen – wie schon in der Edition von Scharpff und Döring erfolgt – unerlässlich und in der vorliegenden Ausgabe durch (…) kenntlich gemacht.
Der Quellenangabe dienen folgende Siglen:
Ber. De beryllo – Über den Beryll
Conict. De coniecturis – Über Mutmaßungen
Cribr.Alch. De cribratione Alchoran – Über die kritische Sichtung des Korans
D.absc. De Deo abscondito – Über den verborgenen Gott
D.ign. De docta ignorantia – Über die belehrte Unwissenheit
Fil.D. De filiatione Dei – Über die Gotteskindschaft
Gen. Dialogus de Genesi – Dialog über die Schöpfung
Id.de.mente Idiota de mente – Der Laie über den Geist
Lud.gl. Dialogus de ludo globi – Dialog über das Kugelspiel
Non aliud Directio speculantis seu de non alius – Die Ausrichtung des Beobachtenden oder Das Nicht-Andere
Pac.fid. De pace fidei – Über den Frieden im Glauben
Poss. Dialogus de Posset – Dialog über das Seinkönnen
Quaer.D. De quaerendo Deum – Über das Gott-Suchen
Vent.sap. De venatione sapientiae – Über die Jagd nach der Weisheit
Vis.D. De visione Dei – Über die Schau Gottes
1. Unser Wissen als Nichtwissen
Seit der Frühzeit der abendländischen Philosophie besteht eine gewisse Einmütigkeit darin, dass allem menschlichen Weisheitsstreben ein hohes Maß an Bescheidenheit gut anstehe. Ihr befleißigt sich bereits Sokrates mit seinem programmatischen Geständnis vom wissenden Nichtwissen, das jedoch nicht mit Erkenntnisresignation gleichzusetzen ist: »Ich weiß, dass ich nichts weiß.« Dionysios Areopagita (6. Jahrhundert) und die Vertreter der negativen Theologie sind sich dessen bewusst, dass alle vermeintliche Gotteserfahrung einer Nicht-Erfahrung entspricht, zumal menschliches Wissen dem Wesen der Gottesweisheit (theosophia) nicht angemessen ist. Im 19. Jahrhundert ist es der Däne Søren Kierkegaard, der auf den »unendlichen qualitativen Unterschied« zwischen Gott und Mensch hinweist. Der reformierte Karl Barth (1886 – 1968) und die an ihm sich orientierende Theologenschule haben sich diese Einsicht zunutze gemacht, und zwar in prinzipieller Ablehnung jeder Mystik, ja der Religion schlechthin. Nikolaus von Kues unternimmt es u.a. in seinem als Hauptwerk bezeichneten Buch von der wissenden Unwissenheit (De docta ignorantia, 1440), den Nachweis zu erbringen, dass das nach Wahrheit und absolutem Wissen von Gott, Welt und Mensch strebende Wissenwollen seinem »Gegenstand« letztlich nicht entspricht und nicht entsprechen kann. Nach der zugleich als eine Art Vorwort gedachten Begrüßung seines Meisters, des Kardinals und »ehrwürdigen Vaters Julianus«, beginnt Nikolaus im ersten Kapitel des ersten Buches der aus drei Büchern bestehenden Schrift:
Als Gabe Gottes liegt in allen Dingen, wie wir sehen, ein natürliches Verlangen, auf eine bessere Weise zu existieren, wie es ihr natürlicher Zustand zulässt. Für dieses Ziel sind besonders diejenigen Wesen tätig und mit geeigneten Hilfsmitteln versehen, denen der Verstand angeboren ist, entsprechend dem Zwecke des Erkennens, auf dass jenes Verlangen nicht ein vergebliches sei (…)
Daher sagen wir, die gesunde und freie Vernunft erkenne das Wahre, das sie in einem ihr angeborenen unersättlichen Suchen, alles durchforschend, zu erreichen strebt, wenn sie es in liebendem Umfassen ergreift. Und wir zweifeln nicht, vollkommen wahr sei das, dem kein gesunder Verstand widersprechen kann (…) Jede Forschung ist mithin eine vergleichende (comparativa), mittels einer Proportion (…) Bekannt ist dies von der Mathematik, wo die ersten Lehrsätze auf die ersten und ganz bekannten Prinzipien leichter zurückgeführt werden, die späteren Lehrsätze aber schwieriger, weil es nur durch die Vermittlung jener möglich ist. Jedes Forschen bewegt sich also in einer leichten oder schwierigen vergleichenden Proportion nach einem Unendlichen hin, das als Unendliches – indem es sich jeder Proportion entzieht – unbekannt ist.
Da die Proportion ein Zusammenstimmen in einem gewissen Einen und zugleich ein Anderssein ist, so lässt sie sich ohne Zahl nicht denken. Die Zahl schließt somit alles Proportionale in sich. Nicht also bloß in der Quantität ist die Zahl, sondern in allem, was wie immer substanziell oder akzidenziell zusammenstimmen und differieren kann. Deshalb hat wohl Pythagoras gelehrt, alles werde durch die Kraft der Zahlen geordnet und erkannt. Indessen eine präzise Kombination im Körperlichen und eine kongruente Anreihung des Unbekannten an das Bekannte geht über den menschlichen Verstand, weshalb Sokrates meinte, er wisse nichts, außer dass er nichts wisse. Der weise Salomo sagte, alle Dinge seien schwierig und nicht durch Worte zu erklären. Und ein anderer Mann voll des göttlichen Geistes sagt, verborgen seien die Weisheit und die Stätte der Erkenntnis vor den Augen aller Lebenden.
Wenn dem so ist, wie auch der tiefdringende Aristoteles in seiner »ersten Philosophie« sagt, dass selbst in den von Natur ganz unbekannten Dingen uns dieselben Schwierigkeiten begegnen wie der Eule, wenn sie die Sonne sehen will, so geht offenbar, da der Erkenntnistrieb nicht umsonst in uns ist, unser Verlangen dahin, zu wissen, dass wir nichts wissen. Bringen wir dieses Verlangen zur Vollendung, so erlangen wir die Wissenschaft des Nichtwissens (doctam ignorantiam). Auch der Wissbegierigste kann es in seiner Bildung zu keiner höheren Vollkommenheit bringen, als wenn er über die Unwissenheit, die dem Menschen eigen ist, recht unterrichtet erfunden wird. Zu dem Ende habe ich mir die Mühe genommen, über eben diese Wissenschaft des Nichtwissens einiges zu schreiben. (D.ign. I,1)
Nach einer Überlegung darüber, inwiefern Vergleichungen aus Gegenständen der Sinnenwelt auf das Geistige übertragbar seien, geht Nikolaus der Frage nach, auf welche Weise es zutrifft, dass die präzise Wahrheit unerfassbar sei. Das Größte, über das hinaus es nichts Größeres geben kann – mithin »im einstimmigen Glauben aller Nationen ›Gott‹ genannt« – vereint in sich die höchste Fülle (abundantia). Ihr allein kommt die Einheit zu, auf die das Erkenntnisstreben des Kusaners gerichtet ist. Um der Klärung willen kann es auch nicht angehen, sich nur an den Buchstaben eines Textes zu halten, denn:
Wer daher meinen Sinn erforschen will, muss über die Wortdeutung hinaus sich zum geistigen Verständnis erheben und nicht an der eigentlichen Bedeutung der Worte hängen bleiben, die zur Bezeichnung solcher Mysterien des Geistes in ihrer gewöhnlichen Bedeutung nicht ausreichen. Auch Vergleichungen aus der Sinneswelt muss man zur Anleitung anwenden, indem man sie auf das Geistige überträgt, auf dass der Leser leichter sich zur einfachen Vernunfterkenntnis (intellectus) erhebt. Den Weg hierzu bemühte ich mich auch gewöhnlichen Talenten so deutlich als möglich, mit Vermeidung aller Härte der Darstellung, zu zeigen. (D.ign. I,2)
Da es an und für sich klar ist, dass das Unendliche und Endliche in keiner Proportion zueinander stehen, so ist auch das ganz klar, dass man da, wo sich Ausschreitungen18 finden, auf ein einfach Größtes nicht kommt, weil die Ausschreitungen endlich sind, das Größte aber als solches notwendig unendlich.
Nimmt man also irgendeinen Gegenstand, der nicht das schlechthin Größte selbst ist, so lässt sich immer ein größerer auffinden. Und da die Gleichheit eine stufenmäßige ist, sodass etwas dem einen gleicher ist als dem anderen, nach der generischen19, spezifischen20, räumlichen, zeitlichen etc. Übereinstimmung und Verschiedenheit, so erhellt, dass nicht zwei oder mehrere so ähnlich und gleich sich finden lassen, dass sie nicht unendlich ähnlicher sein könnten.
Zwischen dem Maß und dem Gemessenen wird bei der größten Gleichheit immer noch eine Differenz übrig bleiben. Der unendliche Verstand kann mithin die Wahrheit der Dinge durch Aufsuchung der Ähnlichkeit (per similitudinem) nicht präzise erkennen. Denn die Wahrheit ist nicht ein Mehr und nicht ein Weniger, ein ungewisses Unteilbares, was von allem, das nicht die Wahrheit selbst ist, nicht präzise gemessen werden kann, so wenig, was nicht Kreis ist, den Kreis, dessen Sein in einem ungewissen Unteilbaren besteht, messen kann.
Unser Verstand (ratio)21, der nicht die Wahrheit ist, erfasst daher die Wahrheit nie so präzise, dass nicht ein unendlich präziseres Erfassen möglich wäre. Er verhält sich zur Wahrheit wie das Vieleck zum Kreise. Mögen auch der Winkel noch so viele gemacht werden, so wird doch das Vieleck nie dem Kreise gleich, bis es sich in die Identität mit demselben auflöst. Wir wissen somit von der Wahrheit nichts anderes, als dass sie in präziser Weise unerfassbar ist. Sie ist die absoluteste Notwendigkeit, die nicht mehr und nicht weniger ist, als sie ist, unser Verstand ist die Möglichkeit. Das Was (quidditas) der Dinge, das die Wahrheit des Seienden ist, bleibt in seiner Reinheit unerreichbar. Alle Philosophen haben es gesucht, aber keiner, wie es an sich ist, gefunden. Je gründlicher aber unsere Überzeugung von diesem Nichtwissen ist, desto mehr werden wir uns der Wahrheit selbst nähern. (D.ign. I,3)
2. Zum Erfassen göttlicher Wahrheiten – De docta ignorantia
Überzeugt davon, dass die Vielheit der Dinge ohne den Begriff und die Anwendung der Zahl nicht bestehen könne, weil sie es ist, die Unterscheidung, Ordnung, Proportion und Harmonie gewährleistet, hat sich Nikolaus schon während seiner Studienjahre der Mathematik als einem unverzichtbaren Erkenntnisinstrument zugewandt. In der und durch die Einheit sieht er sowohl das quantitativ Kleinste als auch das Größte umfasst. Einheit ist zwar nicht Zahl, doch stelle sie das Prinzip aller Zahlen dar. Von daher blickt er auf die Einheit, der kein Gegensatz gegenübersteht. Unter diesem Blickpunkt hält Nikolaus die Mathematik für ein treffliches Erkenntnismittel, sich selbst göttlichen Wahrheiten im Sinne einer Entsprechung anzunähern. So ist es kein Zufall, dass er sich in seinen Darlegungen neben anderen namhaften Gewährsleuten der Antike wiederholt auf Pythagoras beruft. Als Christ hält er dieses Vorgehen für mit seinem Gottesglauben vereinbar, hat sich doch letztlich Gott selbst als Schöpfer der Zahl bedient, um das Universum, Inbegriff einer letzten großen Einheit, ins Werk zu setzen. Darüber schreibt er in seiner »Docta ignorantia«, indem er der Zahl in der Hand des Schöpfers geradezu archetypische Bedeutung beilegt:
Alle unsere weisen und frommen Kirchenlehrer sagen einstimmig, die sichtbaren Dinge seien Abbilder der unsichtbaren Welt. Der Schöpfer könne auf diesem Wege wie in einem Spiegel und Rätsel erkannt werden. Dass aber die geistigen, an sich von uns unerfassbaren Dinge auf dem Wege des Symbols von uns erkannt werden, hat seinen Grund in dem oben Gesagten, weil alle Dinge in einem uns freilich unbekannten Verhältnis zueinander stehen, sodass aus allen das eine Universum sich herausstellt, und alles in dem einen Größten das Eine selbst ist.
Und wiewohl jedes Abbild dem Urbilde ähnlich ist, so ist doch außer dem größten Abbilde, welches dasselbe, was das Urbild ist, in der Einheit der Natur kein Abbild so ähnlich oder auch gleich, dass es nicht unendlich ähnlicher oder gleicher sein könnte (…)
Keiner der berühmten Alten hat schwierige Untersuchungen anders als mittels der Ähnlichkeiten, welche die Mathematik darbietet, angestellt. So lehrte Boethius22, der berühmte römische Gelehrte, niemand könne es in den göttlichen Dingen zu einer Wissenschaft bringen, der keine Übung in der Mathematik habe. Und setzte nicht Pythagoras, der erste Philosoph, dem Namen und der Tat nach, alle Untersuchung der Wahrheit in das Verständnis der Zahl? Ihm folgen die Platoniker und die ersten christlichen Philosophen in dem Grade, dass unser Augustin und nach ihm Boethius behaupteten, die Zahl sei im Geiste des Schöpfers das Urbild der zu erschaffenden Dinge gewesen.
Wie konnte uns Aristoteles, der durch Widerlegung seiner Vorgänger als Einziger dastehen wollte, in der Mathematik anders die Differenz der Arten lehren, als indem er sie mit den Zahlen verglich? Indem er uns über die Gestalt der Naturwesen und wie eine in der andern enthalten ist, belehren wollte, nahm er zu den mathematischen Formen seine Zuflucht, wenn er sagt: Wie das Dreieck in dem Viereck, so ist das Niedere in dem Höheren enthalten, um nichts von unzähligen anderen Vergleichungen zu sagen (…)
Hat nicht die Lehre der Epikureer von den Atomen und vom leeren Raume, eine Ansicht, die Gott leugnet und alle Wahrheit aufhebt, nur durch den mathematischen Beweis der Pythagoreer und Peripatetiker ihre Widerlegung gefunden, indem sie zeigten, man könne nicht auf unteilbare und einfache Atome kommen, die Epikur als Prinzip aufnahm? Auf diesem Wege der Alten also, mit ihnen vorgehend, sagen wir, dass wir uns, da man einmal zum Göttlichen mittels der Symbole gelangen kann, der mathematischen Zeichen wegen ihrer unzerstörbaren Gewissheit am passendsten bedienen können. (D.ign. I,11)
Im weiteren Verlauf seiner Suche nach der wissenden Unwissenheit (docta ignorantia) kommt Nikolaus auf die sich ihm ergebenden Folgerungen zu sprechen, die er ebenfalls unter Zuhilfenahme mathematisch-geometrischer Vorstellungen erläutert:
Die endliche Linie ist teilbar, die unendliche nicht. Allein die endliche ist nicht teilbar (bis) in eine Nicht-Linie, daher ist die endliche Linie im Wesen der Linie unteilbar (…) Eine fußlange Linie ist demnach nicht kleiner als eine ellenlange Linie. Hieraus folgt, dass die unendliche Linie der rationelle Grund der endlichen ist. So ist denn auch das Größte der rationelle Grund von allem und als solcher das Maß von allem.
Mit Recht sagt daher Aristoteles in der Metaphysik, das Erste sei das Maß von allem, weil der Grund von allem. Ferner: Wie die unendliche Linie unteilbar, deshalb auch ewig und unveränderlich ist, so auch Gott als Grund von allem. Hier zeigt sich wieder der Geist des großen Dionysios23, wenn er sagt, das Wesen der Dinge sei unzerstörbar. Der göttliche Platon sagte mit den Worten des Chalkidios im Phaidon, Eines sei das Urbild oder die Idee von allem, sofern es in sich ist. In Hinsicht aber auf die Vielheit der Dinge scheint es mehrere Urbilder zu geben. Allein wenn ich eine Linie von zwei und eine andere von drei Fuß habe, so ist das Wesen der Linie in beiden gleich. Die Verschiedenheit bezieht sich auf die Länge. In der unendlichen Linie fällt diese Verschiedenheit weg, und nur der rationelle Grund der Linie bleibt in ihr für beide (…)
So kann die Vernunft durch Vergleichung des Größten mit der unendlichen Linie sich helfen und im Heiligtum des Nichtwissens (in sacra ignorantia) große Fortschritte machen. Denn das sehen wir nun klar, dass wir Gott nur durch Entfernung der Partizipation aller Dinge finden. (Das heißt:) Alles partizipiert an dem Sein. Nehmen wir dieses Partizipieren hinweg, so bleibt das einfachste Sein selbst, die Wesenheit der Dinge übrig. Der große Dionysios sagt, die Erkenntnis Gottes führe mehr zum Nichts als zum Etwas hin. Das heilige Nichtwissen belehrt uns aber, dass, was der Vernunft Nichts zu sein scheint, eben das unbegreiflich Größte ist. (D.ign. I,17)
Nach Besprechung des Dreiecks als der vereinfachten Figur eines Vielecks kommt Nikolaus auf den unendlich gedachten Kreis als Versinnbildlichung der Einheit zu sprechen. Von daher fällt auch ein Licht auf seine Einschätzung der verschiedenen Stadien der Zeit, die seiner Überzeugung nach einander entsprechen. Letztlich aber geht es ihm darum, zu einem – wenigstens analogen und annähernden – Verständnis der Wesenheit Gottes zu gelangen:
Der Kreis ist die vollkommene Figur der Einheit und Einfachheit. Das Größte, unter dem Bilde des unendlichen Kreises betrachtet, ist daher die absolute Einheit und Identität seines Wesens, ohne Verschiedenheit und Anderssein, sodass seine Güte nicht anders ist als seine Weisheit, sondern dasselbe. Alle Verschiedenheit (diversitas) ist in ihm Einheit (unitas). Da mithin seine Macht, wenn ich so sagen darf, die geeinteste (unissima) ist, so ist sie auch die stärkste und unendlichste (infinitissima). In der geeinigten Dauer des Größten ist die Vergangenheit nicht etwas anderes als die Zukunft und die Zukunft nichts anderes als die Gegenwart – Ewigkeit ohne Anfang und Ende.
Da im größten Kreise auch der Durchmesser der größte ist, und es nicht mehrere Größte geben kann, so ist der größte Kreis so sehr geeint (in tantum unissimus), dass Durchmesser und Umkreis Eins sind. Ein unendlicher Durchmesser hat aber auch eine unendliche Mitte oder Zentrum. Im größten Kreise sind mithin Zentrum, Durchmesser und Peripherie Eins. Daraus folgert unser System des Nichtwissens (ignorantia nostra), dass das Größte auch auf das Vollkommenste in allem ist, einfach und unteilbar, weil das unendliche Zentrum außer allem, alles umfassend, weil unendliche Peripherie alles durchdringend, weil unendlicher Durchmesser (…)
Nur das Eine bemerke ich noch: Die ganze Gotteslehre ist kreisförmig und bewegt sich im Kreise, sodass die göttlichen Attribute sich gegenseitig bewahrheiten: Die höchste Gerechtigkeit ist die höchste Wahrheit, und die höchste Wahrheit ist die höchste Gerechtigkeit. Dehnst du diesen Gedanken weiter aus, so werden dir viele theologische Materien, die dir jetzt noch verborgen sind, ganz klar werden. (D.ign. I,21)
Aus dem bisher Gesagten ergibt sich für Nikolaus nun eine Fortführung – der Schritt vom Kreis zur Kugel –, bei dem die wiederum unendlich gedachte Kugel einen Vergleich mit Blick auf die alles bewirkende Existenz Gottes nahelegt.
In der unendlichen Kugel sehen wir die drei größten Linien der Länge, Breite und Tiefe im Zentrum zusammenlaufen. Das Zentrum der größten Kugel ist aber gleich dem Durchmesser und der Peripherie. Es ist folglich das Zentrum jenen drei Linien gleich. Ja, das Zentrum ist sie alle: Länge, Breite und Tiefe (…)
Wie die Kugel die höchstmögliche Vollendung der Figuren ist, so ist das Größte die vollkommenste Vollendung von allem, sodass alles Unvollkommene in ihm das Vollkommenste ist, wie die unendliche Linie Kugel und in ihr das Krumme gerade, das Zusammengesetzte einfach, das Verschiedene identisch, das Anderssein Einheit ist. Wie könnte dort eine Unvollkommenheit sein, wo die Unvollkommenheit die höchste Vollkommenheit, die Möglichkeit die unendliche Wirksamkeit ist etc.? (…)
Gott ist daher der einzige, einfachste rationelle Grund (ratio) des ganzen Universums. Und wie aus unendlich vielen Umkreisen (circulationes) die Kugel entsteht, so ist Gott als die größte Kugel das einfachste Maß aller kreisförmigen Bewegungen, denn alle Belebung (vivificatio), Bewegung und Intelligenz ist aus ihm, in ihm und durch ihn, bei dem eine Kreisbewegung der achten Sphäre nicht kleiner ist als die der unendlichsten, weil er das Ziel aller Bewegung ist, in dem alle Bewegung als in ihrem Ziele zur Ruhe kommt. Es ist nämlich dasjenige die größte Ruhe, in dem alle Bewegung Ruhe ist.
So ist denn die größte Ruhe das Maß aller Bewegung, wie das größte Gerade das Maß aller Umkreise, die größte Gegenwart oder die Ewigkeit das Maß aller Zeiten ist. Und weil Gott das Sein alles Seins ist und alle Bewegung sich auf das Sein bezieht, so ist er, das Ziel der Bewegung, auch die Ruhe der Bewegung. Das ist das Prinzip (forma) und die Wirksamkeit des Seins.
Alles Seiende hat daher einen Zug zu ihm. Weil es aber endlich ist und nicht auf gleiche Weise an ihm partizipieren kann, so partizipieren die einen Wesen an dem Ziel aller Dinge mittels der andern, wie die Linie mittels des Dreiecks und Kreises, das Dreieck mittels des Kreises, der Kreis durch sich selbst zur Kugel wird. (D.ign. I,23)
Nikolaus ist sich dessen bewusst, dass eine affirmative Theologie, das heißt eine solche, die von bestimmten Aussagen über angenommene Eigenschaften Gottes bestimmt ist, dem letztlich unbeschreibbaren Wesen Gottes nicht gerecht wird. Dies ergibt sich aus der Tatsache, dass alle Beschreibungen oder Vergleiche, die wir Gott beilegen, aus dem Vergänglichen und aus dem Augenschein genommen sind. Dennoch kann das religiöse Leben in Kultus und Verkündigung auf derartige positive Aussagen nicht verzichten. Doch es sind – gemäß 2 Kor 4,7 in der Luther-Verdeutschung – bestenfalls »irdene Gefäße«, aber nicht sein nichtdinglicher, überirdischer Inhalt. Das ist der Grund, weshalb er der affirmativen Theologie eine negative Theologie als Korrektiv gegenüberstellt und vorzieht, wie sie ihm in der Hauptsache bei dem von ihm hochgeschätzten »großen Dionysios« begegnet ist. Ein anderer Gewährsmann ist für ihn Meister Eckhart, obwohl er und Nikolaus sich in dieser Hinsicht unterscheiden. Bezüglich des erwähnten Unterschieds der beiden theologischen Ansätze gibt Nikolaus zu bedenken:
Da die Gottesverehrung im Geiste und in der Wahrheit sich notwendig auf positive Aussagen von Gott gründet, so erhebt sich jede Religion in ihrer Gottesverehrung notwendig mittels der affirmativen Gotteslehre zur Anbetung Gottes als des Einen und Dreieinigen, Weisen, Gnädigen, des Lebens, der Wahrheit etc., indem sie dieser Verehrung durch den Glauben, den sie durch die Wissenschaft des Nichtwissens richtiger auffasst (verius attingit), die Richtung gibt, durch den Glauben nämlich, der, den sie als den Einen anbetet, sei alles in Einheit, und den sie als das unzugängliche Licht verehrt, sei nicht ein physisches Licht, das die Finsternis zum Gegensatze hat, sondern das einfachste und unendliche Licht, in dem die Finsternis unendliches Licht ist, das beständig in der Finsternis unseres Nichtwissens leuchtet, aber in dieser Finsternis nicht erfasst werden kann.
Daher ist die negative Gotteslehre eine so notwendige Ergänzung der positiven, dass ohne sie Gott nicht als unendlicher Gott, sondern vielmehr als Geschöpf verehrt würde. Dies Letztere ist Götzendienst, der dem Abbilde erweist, was nur der Wahrheit gebührt. Daher dürfte es zweckmäßig sein, über die negative Gotteslehre noch einige Worte beizufügen.
Unsere heilige Wissenschaft des Nichtwissens (sacra ignorantia) hat uns belehrt, dass Gott unaussprechlich ist, weil er größer ist als alles, was genannt werden kann. Da dies ausgemacht ist, so werden wir von ihm richtiger auf dem Wege des Ausschließens und Negierens, gleich dem großen Dionysios, der ihn weder Wahrheit noch Vernunft, noch Licht, noch irgendetwas, was sich aussprechen lässt, genannt wissen wollte, denken. (D.ign I,26)
Wie weitreichend die Forderung nach Ausschluss und Negation positiver dogmatischer Sätze ist, ergibt sich folgerichtig daraus, dass er selbst so elementare Glaubensaussagen wie die über die göttliche Trinität betroffen sein lässt:
Ihm folgten der Rabbiner Salomon und alle Philosophen. Nach dieser negativen Gotteslehre ist daher Gott weder Vater, noch Sohn, noch Heiliger Geist, sondern nur unendlich. Die Unendlichkeit als solche ist weder zeugend noch gezeugt, noch hervorgehend. Daher hat Hilarius von Poitiers sehr scharfsinnig in der Unterscheidung der göttlichen Personen gesagt: Im Ewigen ist Unendlichkeit, Idee, Ausübung. Er will sagen: Obwohl wir in der Ewigkeit nur die Unendlichkeit sehen können, so kann doch die Unendlichkeit, die die Ewigkeit ist, weil negativ, nicht als zeugend aufgefasst werden, wohl aber die Ewigkeit, weil sie die Affirmation der Einheit oder größten Gegenwart ist. Sie ist daher der Anfang ohne Anfang. Die Idee (species in imagine) ist der Anfang vom Anfang (principium a principio), die Ausübung ist das Hervorgehen aus beidem.
Dies ist durch das früher Gezeigte ganz klar, denn obwohl die Ewigkeit Unendlichkeit ist, sodass die Ewigkeit ebenso wenig Ursache des Vaters ist, als die Unendlichkeit, so wird doch in der Betrachtungsweise die Ewigkeit dem Vater, nicht dem Sohne und Heiligem Geist zugeschrieben, die Unendlichkeit hingegen nicht einer Person mehr als der andern, weil die Unendlichkeit als Einheit betrachtet der Vater, als Gleichheit der Einheit der Sohn, als Verbindung beider der Heilige Geist ist (…) (D.ign. I,26)
Nikolaus kommt mit seinen bei erstem Hinsehen bisweilen befremdlich erscheinenden Gedankengängen bezüglich der von ihr entworfenen Gottesvorstellung daher zu folgendem Resultat:
Aus dem Gesagten erhellt, dass in der Gotteserkenntnis die Negation wahr, die Affirmationen unzureichend sind. Je mehr Unvollkommenheit eine Negation von dem vollkommensten Wesen entfernt, desto wahrer ist sie. So ist es wahrer, Gott sei kein Sein, als er sei nicht das Leben oder die Intelligenz, wahrer, er sei nicht die Trunkenheit, als er sei nicht die Tugend. Das Gegenteil gilt von den Affirmationen. Es ist eine wahrere Affirmation, Gott sei die Intelligenz oder das Leben, als er sei Erde, Stein, Körper. Alles dies ist aus dem früher Gesagten ganz klar.
Als Schlusswahrheit ergibt sich, dass die präzise Wahrheit in der Finsternis unseres Nichtwissens in unerfassbarer Weise leuchtet, und das ist die Wissenschaft des Nichtwissens (docta ignorantia), die wir gesucht haben, durch die wir allein dem größten, dreieinigen Gott von unendlicher Güte auf den Stufen dieser Wissenschaft des Nichtwissens uns nahen können, um ihn aus allen unseren Kräften ewig dafür zu loben, dass er selbst sich uns als unbegreiflich zu erkennen gibt, der über alles gepriesen sei in Ewigkeit. Amen. (D.ign. I,26)
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