Kitabı oku: «Endstation Nordstadt»

Yazı tipi:

Nicole Braun

Endstation Nordstadt

Kriminalroman


Zum Buch

Verzockt Kassel 1992. Der spielsüchtige Anwalt Meinhard Petri hat sich total verzockt. Zu Hause rausgeflogen sucht er sich eine heruntergekommene Wohnung im zwielichtigen Teil der Kasseler Nordstadt. Hier regiert Kiezgröße Horst Scharpinsky alias »Sharp«. Der hat Petri eine Menge Geld geliehen und zwingt ihn als Gegenleistung, einer Selbstmordwelle auf den Grund zu gehen, die seltsamerweise nur Sharps Großschuldner dahinrafft. Die Lösung liegt scheinbar auf der Hand: Hier kann nur Scharpinskys Erzrivale Sahid Bahat seine Finger im Spiel haben. Deshalb geht Petri seinen Auftrag eine Spur zu lässig an, doch dann erhält er bedrohliche Botschaften. Der selbsternannte Racheengel »Azrael« bekennt sich zu den Morden. Er schlägt Petri einen Handel vor: sein Wissen über die dreckigen Geschäfte von Scharpinsky gegen das Leben von dessen Schuldnern. Der Serienmörder diktiert die Regeln, und Petri lässt sich auf ein lebensgefährliches Doppelspiel ein.

Nicole Braun, geboren 1973 in Kassel, ist fest verwurzelt in der Region Nordhessen. Welches Setting wäre für ihre neueste Thriller-Reihe also besser geeignet als Kassel zur Zeit der spannenden 1990er. Die studierte Betriebswirtin gab 2014 ihren Job auf und lebt seither vom Schreiben, Lesen und Singen. Außerdem unterrichtet sie Kreatives Schreiben. Gemeinsam mit ihrem Mann und zwei Hunden wohnt sie im Herzen des nordhessischen Berglands. Bei langen Spaziergängen in den Wäldern findet sie Inspiration für immer neue spannende und düstere Geschichten.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Katja Ernst

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Tinvo / photocase.de

ISBN 978-3-8392-6886-5

Widmung

Für Horst

Teil I Kassel 1992

1 Azrael

Der Kerl hatte sich in die sauteure BOSS-Hose gepisst. Wahrscheinlich hatte er es selbst noch nicht bemerkt, weil er damit beschäftigt war, auf dem wackeligen Stuhl die Balance zu halten. Ich fand den Anblick einigermaßen amüsant, doch um ihn genießen zu können, nervte das erbärmliche Flennen des Typs zu sehr.

Das Gejammer erfüllte die leere Fabrikhalle. Um mich von seiner Position aus sehen zu können, musste er die Augen verdrehen. Er konnte den Kopf nicht in meine Richtung beugen, dafür sorgte der Strick, den ich an der Deckenkonstruktion befestigt und ihm um den Hals geknotet hatte.

Während er versuchte, jede falsche Bewegung zu vermeiden, fing er doch tatsächlich an zu verhandeln. Dabei war ich überzeugt gewesen, ich hätte ihm den Ernst der Lage klargemacht. Er schien ihn trotzdem nicht begriffen zu haben, offensichtlich musste ich deutlicher werden. Ich stupste mit dem Fuß an den Stuhl, gerade so fest, dass er ein wenig ins Wanken geriet. Sofort war Ruhe. Na also.

Ich schaute ihm lange ins Gesicht und versuchte, den Kerl darin zu erkennen, der seine Visage in jede Kamera hielt und Sätze sagte wie: »Bei den Entlassungen handelt es sich um notwendige und sozial vertretbare Maßnahmen.« Oder: »Wir stehen für Werte wie Integrität und Loyalität.«

Ob er auch nur eine Lüge bereute, wie er da so stand, flennend und vollgepisst? Auch nur eine Sache ändern würde, falls ich ihn jetzt laufen ließe?

Ich hatte ihn lange genug verfolgt. Einmal in der Woche ging er seinem Hobby nach und belohnte sich für einen harten Arbeitstag. Bevor er abends seinen Töchtern einen Kuss zur guten Nacht gab und ins Ehebett kroch, hatte er sich an mindestens einer minderjährigen Prostituierten vergangen, die nicht viel älter war als seine Töchter. Und am Sonntag saß er mit glänzenden Augen Händchen haltend neben seiner Gattin im Gottesdienst. Ich wusste wohl um den Kummer, den ich Frau und Kindern bescherte, und das ließ mich alles andere als kalt. Sie würden es verstehen, wenn sie erst die Wahrheit über ihn kannten, und außerdem würde ihr Trost siebenstellig sein.

Den Ort hatte ich mit Bedacht ausgesucht. Ich war beinahe ein bisschen stolz auf meine Wahl. Die leere Fabrikhalle, die in direkter Nachbarschaft zur B 83 vor sich hingammelte, bot den idealen Rahmen. Die perfekte Kulisse für den Abgang desselben Mannes, der diese Halle von Arbeitern entvölkert, das Inventar verscherbelt und sich mit der Abwicklung eine goldene Nase verdient hatte. Die Dachkonstruktion war zwar rostig, würde ihn aber sogar dann halten, wenn er strampeln sollte. Die Hände hatte ich mit dicken Stoffstreifen zusammengebunden und diese mit Klebeband festgezurrt, nachdem ich die Kabelbinder entfernt hatte. Die Stoffstreifen sorgten dafür, dass keine nennenswerten Abdrücke zurückblieben, wenn ich die Fesseln entfernte. Später, wenn die Zappelei vorbei wäre.

Ich sah ihn mir ein letztes Mal ganz genau an. Er schien kaum noch Widerstandswillen zu haben. Er hatte seine gesamte Energie mit Jammern und Lamentieren verpulvert und war übersät mit hektisch roten Flecken vom Hyperventilieren. Kein Problem. Die würden bis zur Leichenschau verschwunden sein, und die vollgepisste Hose würde man dem Todeskampf zuschreiben.

Er begann mich zu langweilen. Sein Winseln versank in einer Mischung aus Selbstmitleid und Bettelei.

Genug!

2

Horst Scharpinsky ließ das Glasauge wie ein Taschenspieler durch die Finger rotieren und zwinkerte mit der leeren Augenhöhle. Das tat er gern, um Eindruck zu schinden, und in der Regel dann, wenn ihm ein armes Würstchen gegenübersaß, das sein Handlanger Sergej zu einer Unterredung unter drei Augen zitiert hatte.

Mich jedoch beeindruckte das, was Scharpinsky tat, kaum noch. Ich hatte das ein paarmal zu oft erlebt.

Er hing lässig in einem überdimensionalen Ledersessel, drehte das Glasauge mit der rechten Hand in der Luft und spielte mit der linken an einer scheinbar tonnenschweren Goldkette, die um seinen Hals baumelte. Hinter ihm hatte sich Sergej aufgebaut und die Arme vor der breiten Brust verschränkt.

Meine Augen wanderten zwischen Scharpinsky und Sergej hin und her. Die Demütigung, den Blick zu senken, wollte ich mir ersparen. Von Sergej am helllichten Tag am Kragen aus der Kanzlei und in den Keller von Scharpinskys Sexshop gezerrt zu werden, war beschämend genug gewesen.

Diejenigen, die eine Wahl hatten, schlichen mit gesenktem Haupt in das Büro von Scharpinsky oder machten einen Riesenbogen darum. Seit mein Schuldenberg bei ihm so hoch geworden war, dass ich ihn in zehn Leben nicht würde abtragen können, gehörte ich nicht mehr zu denen, die es sich aussuchen konnten. Ich hatte jede Chance auf Würde verspielt.

Irgendjemand musste dieser unangenehmen Situation ein Ende bereiten, und da Scharpinsky sie offensichtlich genoss, musste ich wohl derjenige sein.

»Was kann ich für Sie tun, Herr Scharpinsky?«, fragte ich.

»Sharp, bitte. Meine Freunde nennen mich Sharp. Sie sind doch mein Freund oder, Petri?«

Ich war todsicher, dass Horst Scharpinsky nicht einen einzigen Menschen kannte, der sich freiwillig als seinen »Freund« bezeichnete.

»Was also kann ich für Sie tun, Sharp?«

Das Glasauge stoppte für einen Moment zwischen Scharpinskys Fingern. »Meine Klienten sterben mir weg wie die Fliegen.«

Ohne es zu wollen, musste ich zu Sergej gucken. Der starrte in den Raum und pumpte demonstrativ die Brust durch Einatmen auf.

»Nein, nein«, wiegelte Scharpinsky ab. »Sergej hat damit nichts zu tun. Angeblich handelt es sich um Selbstmorde. So steht es in den Polizeiakten.«

Ich fragte mich, woher er wusste, was dort stand, dann fiel mir ein, dass ich nicht der Einzige war, der Scharpinsky mehr als nur einen Gefallen schuldete.

»Und was kann ich diesbezüglich für Sie tun?«

»Die Polizei hat in sämtlichen Fällen die Ermittlungen eingestellt. Über eine halbe Million Mark ist mir auf diese Weise schon durch die Lappen gegangen.«

Die Toten hatten also offensichtlich Schulden bei Scharpinsky und sein Geld mit ins Grab genommen. Ich wartete die Fortsetzung seiner Geschichte ab.

»Da stinkt was. Wenn sich die Mitglieder der besseren Gesellschaft nacheinander umbringen, ist allein das seltsam genug, aber dass es ausschließlich meine Kunden trifft, kann kein Zufall sein.«

»Die bessere Gesellschaft hat bei Ihnen Schulden?«

Scharpinsky grinste schief und lehnte sich zurück. Das Glasauge rotierte wieder zwischen seinen Fingern. »An Ihrem Türschild steht doch auch ›Anwalt für Strafrecht‹, und trotzdem zählen Sie zu meinen Kunden.«

Das entsprach leider der Wahrheit. »Um wen handelt es sich denn?«

»Mann, lesen Sie keine Zeitung? Halbseitige Kondolenzanzeigen – das fällt doch auf.«

»Tut mir leid.«

»Haben Sie das mit dem Verleger nicht mitbekommen? Roman Levin? Hinterlässt seiner Gattin einen erfolgreichen Verlag plus eine Villa im Mulang und mir 300.000 Mark, die ich nie wiedersehen werde.«

»Können Sie nicht bei seiner Frau …?« Ich schaute zu Sergej, der unbeweglich an mir vorbeistarrte.

»Sie wissen so gut wie ich, dass ich das nicht kann. Meine Schuldner haften nicht mit Gegenwerten, sie verkaufen mir ihre Seele. Nicht wahr, Petri?«

Klar, dass er mich daran erinnern musste. »Wofür brauchte ein Mann wie dieser Levin Geld von Ihnen? Man sollte annehmen, er habe selber genug besessen.«

»Das sollte man von Ihnen auch annehmen, oder?«

Scharpinskys Logik war bestechend, und sie traf direkt in meine Eingeweide. Ich versuchte, es mir nicht anmerken zu lassen. »Wissen Sie, wofür Levin sich das Geld geliehen hat?«

»Ich bitte Sie. Verschwiegenheit ist unser oberstes Prinzip. Ich stelle keine Fragen. Ich verleihe Geld, und Sergej sorgt dafür, dass doppelt so viel zu mir zurückkehrt.«

In Gedanken verdoppelte ich die Summe, wegen der Sergej mich heute Nachmittag am Schlips aus der Kanzlei geschleift hatte. Mir wurde schlecht. »Sie haben erwähnt, dass es mehrere Fälle sind.«

»Ja. Die Reichen und Schönen von Kassel. Ein Wunder, dass die Sache noch nicht von der Presse breitgetreten wird.«

»Und alle hatten sich ähnlich viel Geld von Ihnen geliehen?«

»Jeder Einzelne weit über 100.000 Mark.«

»Und wie viele Schuldner sind Ihnen bereits …?«

Scharpinsky hatte weniger Probleme mit der Wortwahl als ich. »… abhandengekommen?« Er drehte sich zu Sergej um.

Der zuckte die Schultern.

Ich war mir sicher, dass Sergej maximal bis zehn zählen konnte; mehr Finger gab es in der Regel nicht zu brechen.

Scharpinsky drückte das Glasauge in die Höhle und zwinkerte einige Male, dann zog er einen Zettel vom Tisch und glitt mit dem Zeigefinger die Zeilen entlang. »Mit dem Verleger sind es drei«, sagte er schließlich.

»Erst drei?« Im selben Augenblick bereute ich meinen Einwurf.

»Erst? Wissen Sie, Anwalt, das waren nicht so kleine Fische wie Sie. Drei fette Karpfen im Teich sind tot. Über eine halbe Million hat sich in Luft aufgelöst – da muss was passieren.«

»Ich habe immer noch keine Ahnung, was ich damit zu tun habe.«

»Es gibt ein paar weitere potenzielle Kandidaten. Von denen soll mir keiner mehr flöten gehen.«

»Ich kann schlecht jemanden daran hindern, Selbstmord zu begehen.«

Scharpinsky lehnte sich über den Tisch nach vorn. »Witzig, der Herr Anwalt. Das weiß ich selbst. Aber es muss aufhören. Da hat es ein Hecht auf meine Karpfen abgesehen, und ich will ihn zur Strecke bringen. Und Sie werden mir die notwendigen Informationen besorgen.«

»Wie war das mit der Verschwiegenheit gegenüber Ihren Kunden?«

»Deswegen kann ich es ja nicht selbst machen.«

»Wie stellen Sie sich das vor? Ich kann mich schlecht in die Arbeit der Polizei einmischen, und außerdem habe ich genug zu tun.«

»Das kann wohl kaum mein Problem sein«, sagte Scharpinsky. »Das verstehen Sie doch?«

Sergej hatte die Arme runtergenommen, verschränkte die Finger und ließ die Gelenke knacken.

Ich verstand.

3

Ich nahm den offiziellen Ausgang aus dem Fleur durch den Sexshop im Erdgeschoss. Scharpinskys Puff lag im Keller und war über zwei Wege zu verlassen: Wenn die Luft rein war, ging man durch den Sexshop hinaus auf die Holländische Straße, wenn die Polizei vor der Tür stand, gelangte man über eine Treppe in den Hinterhof und konnte Richtung Bunsenstraße verduften.

Während unserer Unterredung hatte es geregnet, und die Lichter der Leuchtreklamen waberten auf dem nassen Asphalt. Der letzte Schnee im Rinnstein war geschmolzen und hatte Unrat freigelegt, für den sich niemand verantwortlich fühlte: Unmengen an Kippen, verblassende Fetzen der Silvesterböller, die die Häuserschluchten der Nordstadt zum Beben gebracht hatten, Kondomverpackungen und Kronkorken. In den obersten Stockwerken der gegenüberliegenden Häuser blinkten rote Herzen in den Fenstern. Darunter lungerten Kerle mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen vor den Eingängen herum. Sie pressten sich, so weit es ging, unter die schützenden Vordächer und warteten auf Kundschaft, die Stoff brauchte oder Sex.

Ich verdrückte mich mit Sharps Liste in einen windgeschützten Winkel zwischen zwei Wohnblocks und studierte sie. Auf Anhieb erkannte ich zwei der Männer darauf. Richter Drömer war mir selbstverständlich ein Begriff, außerdem Franz Schuhmann – ein Insolvenzverwalter, der skrupellos zerschlug, was ihm in die Finger geriet. Diese beiden waren noch am Leben, genauso wie ein Mann namens Hans Vaas. Die Einträge der Herren Ratstetter, Zanetti und Levin kennzeichnete ein kleines schwarzes Kreuz. Von Letzterem hatte ich in der Zeitung gelesen, dass er mit einer Überdosis Schlaftabletten in seinem Ferienhaus in der Badewanne ertrunken war.

Obwohl ich weit davon entfernt war, mich widerstandslos in Sharps Erpressung zu fügen, trieb mich doch die Neugier. Die Adresse von Schuhmanns Büro kannte ich von etlichen Schreiben, mit denen man Mandanten von mir mitgeteilt hatte, dass man ihre Lohnforderungen leider nicht mehr eintreiben könne. Ich steckte die Liste ein und zog den Mantel enger um mich. Dann ließ ich mich gemeinsam mit dem Unrat, den der Wind über die Bürgersteige vor sich her wehte, bis zu meiner Wohnung wenige Straßen von Scharpinskys Puff entfernt treiben. Dort parkte mein senfgelber Ford Taunus. Aufgrund chronischen Spritmangels hatte ich ihn in der letzten Zeit so selten wie möglich bewegt. Nach einigen Versuchen startete der Motor. Gemeinsam mit dem Feierabendverkehr verließ ich die Stadt Richtung Waldau.

Das Grau des regnerischen Tages und die Dämmerung verschwammen ineinander, die tristen Bauten des Industriegebiets waren zu Schatten geworden.

Zu Schuhmanns Büro hätte ich in eine Seitenstraße abbiegen müssen, aber ich wurde abgelenkt. In einiger Entfernung rotierte der blaue Schein von mindestens drei Einsatzfahrzeugen über die Fassade einer Fabrikhalle. Getrieben von einer Vorahnung lenkte ich den Ford in Richtung der Lichter.

Vor der Halle parkten wie erwartet zwei Polizeifahrzeuge, außerdem ein Krankenwagen und ein Leichenwagen. Ich stellte den Ford in einiger Entfernung am Rand des Geländes ab und näherte mich dem Halleneingang, aus dem gerade zwei Männer einen Sarg auf einem Rollwagen schoben.

Bevor ich einen Blick in das Innere der Halle erhaschen konnte, stellte sich mir ein Mann in den Weg.

»Können Sie mir verraten, was Sie hier suchen?« Kommissar Richard Sachs hatte extra tief eingeatmet und sich aufgepustet. Völlig unnötig, denn muskelbepackt, wie er war, könnte er sich ohne Probleme zwei Hänflingen meiner Sorte in den Weg stellen. Zu seinem Pech war ich mindestens einen Kopf größer als er und sah ohne Probleme über seinen kurz rasierten Schädel hinweg. Mein alter Freund Kommissar Matthias Frank hatte mir einmal anvertraut, dass Sachs gerade eben so die Mindestgröße für den Polizeidienst erreicht hatte. Dass Sachs karrieremäßig im Schatten des altgedienten Kommissars Frank vor sich hin dümpelte, machte es nicht besser. Sachs nutzte jede Gelegenheit, um sich in den Vordergrund zu spielen, und allzu oft gab er dabei im Gegensatz zu Matthias Frank eine unglückliche Figur ab.

Ich konnte es mir nicht verkneifen, aus dem aufgeplusterten Kerl die Luft rauszulassen. »Wo ist denn Kommissar Frank?«

Sachs knirschte mit den Zähnen. »Hat sich in den Innendienst versetzen lassen.«

»Niemals!«, entfuhr es mir. Das konnte nur ein Scherz von Sachs sein, wahrscheinlich steckte Frank mitten in einem anderen Einsatz. »Frank geht doch niemals in den Innendienst.«

»Das besprechen Sie dann wohl besser mit ihm selber, und jetzt würde ich Sie bitten, das Gelände zu verlassen.«

Ich linste über Sachs hinweg und erhaschte einen kurzen Blick in das Innere der Halle. Man hatte Scheinwerfer aufgestellt, die die Szene wie eine Filmkulisse wirken ließen. Exakt in der Mitte lag ein umgekippter Stuhl, darüber baumelte eine Schlinge aus grobem Seil. Ich hatte eine ungefähre Vorstellung davon, was hier geschehen war.

»Suizid?«, fragte ich dennoch.

»Ich wüsste nicht, was Sie das angeht.« Sachs’ Aufmerksamkeit wurde von einem Wagen abgelenkt, der mit quietschenden Reifen auf das Gelände gerast kam. Eine Frau und ein Mann mit Kameras im Anschlag sprangen heraus und fotografierten wild drauflos. Schnell drehte ich mich weg, aber die Aufmerksamkeit der Journalisten wurde ohnehin von den Männern angezogen, die gerade den Sarg verluden. Offensichtlich war ich nun Sachs’ geringeres Problem. Er stürzte auf die beiden zu und gab damit den Weg für mich frei. Während ich ein paar Schritte in die Halle tat, vernahm ich von draußen lautes Gezeter.

Im Innern gab es nicht mehr zu entdecken als das, was ich vorhin bereits erkannt hatte. Ein Stuhl, ein Seil. Das Ganze ergänzt durch Absperrband und Menschen in Schutzanzügen, die fotografierten und den Boden nach Beweismitteln absuchten. Die weitläufige Halle ähnelte tausend anderen leerstehenden Fabrikhallen – bröckelnder Beton, rostiger Stahl, zerborstene Oberlichter –, wenn nicht mittendrin diese Schlinge von der Decke gebaumelt hätte. Hier gab es nichts weiter zu sehen.

Draußen war Sachs immer noch in eine Diskussion mit den Presseleuten verwickelt. Die Frau deutete auf einen Mercedes, der neben dem Eingang zur Halle parkte und den ich hinter den Einsatzfahrzeugen zuvor gar nicht bemerkt hatte. »Können Sie uns bestätigen, dass es sich um Franz Schuhmann handelt?«

Mir genügte als Antwort das Kennzeichen »KS-FS«.

Sachs gestikulierte wild herum. »Das ist ein Tatort und Sie verziehen sich jetzt. Alles Weitere erfahren Sie später von der Presseabteilung.«

Die zwei Journalisten verrenkten sich die Hälse, um einen Blick in die Halle zu werfen, doch ein Beamter schob gerade das Tor zu.

Ich tippte mir an die Stirn, um Sachs beiläufig zu signalisieren, dass ich auf dem Sprung war, und schlich zu meinem Auto, bevor die Journalisten womöglich auf die Idee kamen, mich abzulichten. In diesem Zusammenhang in der Presse aufzutauchen, würde den letzten Rest Wohlwollens, den ich bei Scharpinsky genoss, vollends zerstören.

Sachs lief hinter mir her und holte mich ein, kurz bevor ich am Wagen ankam. »Was hatten Sie hier eigentlich zu suchen?«

»Ich bin ganz zufällig vorbeigefahren.«

Klar, dass er mir kein Wort glaubte. »Darüber reden wir noch.«

»Gibt es Hinweise darauf, dass es keine Selbsttötung war?«

Sachs’ Miene durchzog ein feistes Grinsen. »Einen Unfall können wir ziemlich sicher ausschließen.« Dann zog er ab.

Zurück in der Nordstadt hinderte mich ein hartnäckiges Magenknurren daran, auf direktem Weg nach Hause zu gehen, da in meinem Kühlschrank mal wieder gähnende Leere herrschte. Mit der Hand rührte ich in der Manteltasche. Ein paar Markstücke klimperten um die gefaltete Liste herum, die Sharp mir überlassen hatte.

Ich könnte beim Türken ein Fladenbrot kaufen, es mit nach Hause nehmen und die Glotze dudeln lassen, während ich es allein in mich hineinstopfte. Oder ich könnte die restlichen Stunden des Tages bei Matt im Vesuvio absitzen, wie die meisten Abende im letzten Jahr, und anschreiben lassen. Ich entschied mich für Pizza und eine Unterhaltung mit Matt und seiner Frau Rosetta.

Kaum hatte ich die Tür zum Vesuvio geöffnet, fühlte ich mich augenblicklich zu Hause. Matt – Matteo Ferrugio – stand hinter dem Tresen und grölte einen italienischen Gassenhauer. Irgendwas von Tozzi oder Ramazzotti, für mich klangen die alle gleich. Das schwarze Haar klebte ihm in öligen Wellen an der Stirn und durch das verschwitzte weiße Hemd schien seine üppige Brustbehaarung durch.

Als er mich bemerkte, brüllte er durch den Raum: »Meinardo, meine Freund, entra! Setz dich und trink eine Rote mit mir. Heut isse ein Tag zum Feiern!«

Die Gäste hoben kurz die Köpfe, registrierten, dass ich zur Tür hineingekommen war, und senkten sie wieder über ihre Teller. Die lautstarken Ausbrüche von Matt hielten hier niemanden vom Essen ab.

Ich arbeitete mich bis zum Tresen vor. So dicht an der Küche biss der Knoblauchgeruch mehr, als dass er duftete.

»Was gibt es denn zu feiern?«, fragte ich.

Er zog einen Wisch hinter sich aus dem Regal und wedelte damit durch die Luft. »Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis! Da futterst du seit Jahren die Nutten von Kassel fett und trotzdem musse du denen bei die Behorde jedes Jahr die Arsch kussen.«

»Herzlichen Glückwunsch«, sagte ich.

»Das hat mit die Gluck nichts zu tun«, raunte Matt über die Theke gelehnt. »Sondern mit ein paar braune Scheinchen. Oder glaubst du, das funktioniert in Kassel anders als in Sicilia?« Er zog mit dem Zeigefinger das Unterlid herunter.

»Trotzdem Glückwunsch.« In Wahrheit gratulierte ich mir selbst, denn wenn Matt sein Lokal dichtmachen müsste, würde ich den einzigen Ort verlieren, der als Ersatz für ein Zuhause taugte.

Ich sah mich um. Die meisten Gäste mummelten schweigend das Essen in sich hinein. Ein Pärchen saß sich gegenüber. Ob das Glänzen in ihren Augen an ihrer Stimmung, am Wein oder etwas ganz anderem lag, ließ sich nicht ausmachen; selbst wenn die beiden total zugedröhnt gewesen wären, hätte man ihnen schon Blut abnehmen müssen, um es mit Sicherheit sagen zu können. An einem anderen Tisch entdeckte ich drei aufgetakelte Mädchen stumm nebeneinander. Ihre Röcke waren für die Jahreszeit zu kurz, und ihre knabenhaften Körper verrieten, dass sie kaum 18 sein konnten. Ihre Blicke wieselten wie die von hungrigen Straßenhunden durch den Raum.

Luca Ferrugio – Matteos alter Herr – saß in einer Ecke und war eingeschlafen. Sein Körper war zu einem atmenden Buckel zusammengefallen, das Kinn hing ihm auf der Brust. Das Gebiss war halb aus dem geöffneten Mund gerutscht, aber den zwischen die Beine geklemmten Spazierstock hielten seine Hände fest umklammert.

Ich deutete auf den alten Kerl. »Auch gut für ihn. Das mit der Verlängerung, meine ich. Der käme ja gar nicht damit klar, wenn er woanders sein Nickerchen halten müsste.«

Matt grinste. »Gestern ich hab gedacht, er wär tot. Ich hab ihm eine Grappa unter die Nase gehalten und schwupps – er war wieder da. Hat die Grappa runtergeschuttet und auf die Cosa Nostra geflucht. In Italiano versteht sich.«

»Versteht sich.«

»Was darf’s sein, meine Freund?«, fragte Matt.

Ein randvolles Glas Rotwein stand bereits vor mir auf dem Tresen. »Nur eine Kleinigkeit.«

Matt legte den Kopf schief. »Kanns anschreibe«, flüsterte er.

»Dann nehme ich eine Vierjahreszeiten ohne Peperoni.«

»Studierte Weichei«, meinte er lächelnd und brüllte anschließend die Bestellung in die Küche.

In der Durchreiche tauchte das runde Gesicht von Rosetta auf. Sie strahlte von einem Ohr zum anderen. »Wo is meine Lieblingsanwalt?«, rief sie.

Ich bückte mich über den Tresen und winkte ihr zu.

»Wann wirst du endlich eine richtige Kerl? Pizza ohne Peperoni isse wie Liebe ohne …« Sie klatschte die flache Hand auf die Faust.

Matt grinste und nickte wissend, und ich hatte Bilder vor Augen, auf die ich gerne verzichtet hätte.

»Los, Freund, wir setzen uns.« Matt war hinter dem Zapfhahn hervorgekommen und plötzlich um einiges kleiner geworden. Um den Größenunterschied zwischen sich und Rosetta auszugleichen, hatte er sich eine Stufe hinter dem Tresen installieren lassen. Ich hatte ihr Hochzeitsfoto gesehen: Man hatte Matt auf eine Kiste gestellt und die Schleppe von Rosetta darum drapiert, um sie zu kaschieren. Trotzdem guckte Matt selbstbewusst wie ein König in die Kamera. Sizilianische Männer waren vielleicht klein, aber stolz auf jeden Zentimeter.

Wir setzten uns an einen Tisch. Ich hatte den freien Blick in den Raum gewählt. Seit einiger Zeit ertrug ich es nicht mehr, Eingangstüren den Rücken zuzudrehen.

»Auf die deutsche Behorden!« Matt erhob das Glas.

Wir stießen an.

Er musterte mich durchdringend. »Meinardo, du siehse unglucklich aus.«

Matt war der einzige Mensch, dem ich nichts vormachen musste. In Wahrheit kam mir in letzter Zeit immer öfter der Verdacht, dass ich eigentlich niemandem mehr etwas vormachen konnte, egal, wie viel Mühe ich mir gab. Wenn man erst mal am Bodensatz kratzte, half weder Anzug noch Krawatte.

»Sharp hat mich an den Eiern.«

Scharf sog Matt die Luft ein. »Merda, das isse schlimm.«

Ich nickte und nahm einen Schluck Wein. Nicht die Sorte, die ich gerne getrunken hätte, dafür umsonst und mit Liebe eingeschenkt.

»Ziemlich schlimm sogar«, sagte ich. Ich brauchte nichts zu erklären. Kiezgröße Scharpinsky war jedem ein Begriff, der sich zwischen Wiener und Wolfhager Straße aufhielt und den Kopf senkte, sobald ein Polizeiauto vorbeifuhr.

»Geld oder Drogen?«

»Himmel, Matt! Keine Drogen.«

Er guckte kurz erleichtert, doch schnell verdüsterte sich seine Miene wieder. »Wobei … Geld isse nich unbedingt eine kleinere Problem.«

»Nicht im Mindesten. Er will, dass ich meine Schulden bei ihm abarbeite.«

»Klingt fair.«

»Ja, falls ich erfolgreich bin. Ansonsten kannst du mich mit Betonschuhen aus der Fulda fischen.«

»Nein, so was mache nur die Mafia«, Matt grinste. »Sharp wurde dich vielleicht …« Das Grinsen verschwand.

»Genau. Ich hab überhaupt keine Chance. Was er da von mir verlangt, ist eine Nummer zu groß für einen kleinen Anwalt wie mich. Und außerdem hab ich ja noch meine Klienten. Wenn ich kein Geld verdiene, kann ich mich auch ohne Sharps Hilfe aufhängen.«

»Da has du dich ganz ordentlich in der Scheiße geritten, meine Freund. Was solls du denn tun fur ihn?«

»Ihm ist eine Reihe gut situierter Schuldner durch Selbstmord abhandengekommen. Das Geld kann er abschreiben. Und ich soll rausfinden, warum, und verhindern, dass es so weitergeht.« Als mir klar wurde, dass es bereits weitergegangen war, wurde mir schummrig. Es war keine gute Idee gewesen, den Wein auf leeren Magen in mich reinzuschütten. Bevor ich Matt von Schuhmanns Selbstmord erzählen konnte, trat seine Frau Rosetta an den Tisch. Sie balancierte einen Teller und stellte ihn vor mir ab, dann nahm sie meinen Kopf, presste ihn zwischen ihre Brüste und rubbelte mir den Schopf. Ich befreite mich aus ihrer Umklammerung, sie kniff mir in die Wange. »Meine Lieblingsanwalt, du. Und jetzt iss, siehse schlecht aus.«

Matteo hatte die Szene grinsend verfolgt. Rosetta holte die Weinflasche vom Tresen, goss die Gläser voll und setzte sich neben ihren Mann. Nun verschwand Matteos Gesicht zwischen ihren Brüsten. Sie gurrte, während sie seine Locken kraulte.

Währenddessen widmete ich mich der Pizza. Die erste warme Mahlzeit seit Tagen. Rosetta hatte mich mit einer extra dicken Schicht Käse und Schinken bedacht. Ich hatte solchen Hunger, dass ich zu schnell aß. Der heiße Käse brannte mir augenblicklich eine Blase in den Gaumen, und ich spülte mit einem Schluck Wein nach.

Matteos Gesicht tauchte puterrot aus Rosettas Dekolleté auf. »Passe bloß auf. Mit Sharp isse nich zu spaße.«

»Ich weiß«, hauchte ich. Das Stück Pizza in meinem Mund war noch immer zu heiß, um es zu schlucken.

»Sharp?« Rosetta angelte nach einem kleinen Kruzifix, das an einer Kette zwischen ihren Brüsten baumelte, und küsste es. Dann verschwand der Gekreuzigte wieder in der üppigen Hautfalte. Ich konnte mir schlechtere Orte vorstellen, um an ein Kreuz genagelt rumzuhängen.

Matt legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Lass uns mal kurz allein, ja?«

Sie warf mir einen mütterlich besorgten Blick zu und stand auf. »Aber alles aufesse«, sagte sie im Weggehen.

»Und was willse jetzt mache?«, wollte Matt wissen.

»Was kann ich schon tun? Mich als freundlicher Anwalt den Witwen der Selbstmordkandidaten vorstellen und herausfinden, was da los war.«

»Nich dass du am Ende Ärger mit die Anwaltskammer bekomms.«

»Ach, Matt. Wenn das meine einzige Sorge wäre.«

Er nickte wissend. »Wenn du brauchs Hilfe oder musse einfach nur reden – unsere Tur isse immer offen.«

Vom Nachbartisch klapperte es laut. Matteos altem Herrn war tatsächlich das Gebiss aus dem Mund gefallen. Verschlafen guckte er in die Runde, dann sah er mich und seine grauen Augen blitzten. »Meinardo«, nuschelte er. »Come schtai?«

»Va bene, Luca«, antwortete ich.

Matt krabbelte unter dem Tisch herum. Endlich hatte er das Gebiss gefunden. Vorwurfsvoll zeigte er es dem alten Mann. Der hatte das Fehlen noch gar nicht bemerkt.

Ich schaufelte schnell den Rest Pizza in mich rein, bevor mein Appetit vollends zum Teufel war.

Matt hatte das Gebiss unter dem Wasserstrahl am Zapfhahn gesäubert und gab es seinem Vater zurück. Der ließ es in den Mund gleiten und klapperte ein paarmal damit wie ein Storch.

»Nachtisch?«, fragte Matt.

»Heut nicht, danke.«

»Eine Grappa?«

»Da sag ich nicht nein.«

Matt goss drei Gläser voll, stellte zwei auf unseren Tisch und eines vor seinen alten Herrn. »Desinfiziert«, rief er lauter als notwendig, und der Alte verzog den Mund zu einer schaurigen Grimasse.

Matt sah mich ernst an. »Ich bin nich Sharp, aber ich hab auch einflussreiche Freunde. Bevor du stecks tief in die Scheiße, komms zu mir. Capisce?«

Ich war mir nicht sicher, wovor ich größeren Respekt hatte. Vor Sharp und Sergej oder der sizilianischen Mafia. Ich schüttete den Grappa herunter. Das Brennen lenkte mich einen Augenblick ab.

Schließlich sagte ich: »Verstanden.«

4 Azrael

Beim Frühstück schlug ich die Zeitung auf. »Insolvenzverwalter erhängt sich in abgewickeltem Betrieb. Hielt er die Gewissensbisse nicht länger aus?«

Beinahe hätte ich den Kaffee auf die Schlagzeilen geprustet. Jetzt hatte ausgerechnet ich diesem Abschaum posthum glatt ein Gewissen verschafft; nur die Ironie des Lebens konnte so eine schräge Geschichte schreiben.

Die Zeilen verrieten mir nichts Neues. Der Mann hinterließ eine Frau und zwei Töchter. Sie fielen weich in ein dickes Vermögen, angehäuft auf dem Buckel Hunderter armer Wichte, die in der Schlange auf dem Arbeitsamt den Tag rumbrachten. Vielleicht hatte ich der Welt ein wenig Gerechtigkeit zuteilwerden lassen – Anstand konnte ich ihr selbst auf diese Weise nicht beibringen, sonst hätte die Zeitung titeln müssen: »Ausbeuter entzieht sich feige der Verantwortung«. Ich seufzte. An Wunder glaubte ich schon lange nicht mehr. Ich stellte mir vor, welche honorigen Mitglieder der Kasseler Gesellschaft bei der feierlichen Beerdigung salbungsvolle Worte für Schuhmann finden würde. Mir stieß der Kaffee sauer auf. Insgeheim hoffte ich, dass die alle allmählich anfingen, sich Sorgen zu machen. Wenn es einen nach dem anderen dahinraffte, konnte es ja möglicherweise auch die Übrigen mit Dreck an den Schuhsohlen treffen. Ich wusste, dass das Getuschel in den Reihen bereits begonnen hatte. Dort kursierten die wildesten Spekulationen, während die Polizei im Dunkeln tappte. Gut so.

Im Anhang des Artikels fand ich den Hinweis, dass die Polizei von Suizid ausging, man aber entsprechende Ermittlungsergebnisse abwarten müsse. Ich musste lächeln. Die mysteriöse Selbstmordserie hatte Aufsehen erregt, dennoch erkannte bislang niemand die Verbindung. Die Abstände hielt ich bewusst variabel. Die ersten Todesfälle trennten viele Monate, obwohl es mir schwergefallen war, so viel Geduld aufzubringen. Auf den nächsten musste ich nicht so lange warten, dennoch war keine Eile geboten. Es gab nicht den geringsten Grund, um aus der Ruhe zu geraten.

Ich schmierte mir ein Brötchen mit Marmelade und ließ es mir schmecken, während ich den Artikel ein zweites Mal las. In Gedanken sah ich Schuhmanns Tod vor mir ablaufen wie einen Film. Ich beobachtete, wie der Kerl auf den Hocker stieg, sich die Schlinge um den Hals legte, den Schemel mit den Fußspitzen wegkippte und baumelte und zappelte. Und bei all dem spielte ich in meiner Fantasie keine Rolle, und das sollte genau so sein. Die Schlagzeilen und die Aufmerksamkeit sollten die erhalten, die so geil darauf waren, dass sie beinahe alles dafür taten. Nur in dieser Geschichte mussten sie für den Ruhm eben sterben.

Ich schaute mir noch einmal das Foto an, das beim Verladen des Sarges vor der Fabrikhalle entstanden war. Im Eingang zur Halle stand ein Mann im Halbprofil. Undeutlich verschwommen durch die grobe Pixelung des Zeitungsdrucks. Ich kniff die Augen zusammen, das Bild wurde ein wenig schärfer. Der Mann trug einen unmodernen Mantel, ausgetretene Schuhe, Haare und Bart wirkten ungepflegt. Die Kasseler Kriminaler, die ich kennengelernt hatte, legten mehr Wert auf ihr Äußeres. Wer auch immer er war, er kam in meiner Planung nicht vor, und das würde sich umgehend ändern.

5

Am Morgen plagte mich ein leichter Kater von Matts billigem Rotwein, begleitet von einem widerlichen Knoblauchgeschmack und einer ausgetrockneten Kehle. Ich kippte drei nach Chlor schmeckende Gläser Wasser herunter und putzte mir ausgiebig die Zähne. Das alles half nur mäßig, und ich verließ nach einem verzweifelten Griff in die bereits für die Wäsche aussortierte Kleidung die Wohnung.

Jemand hatte eine Werbung für »70 Jahre Zissel« hinter den Scheibenwischer des Ford Taunus geklemmt. Volksfest mit Umzug und Tamtam, genau meine Veranstaltung. Ich schnappte den Flyer und warf ihn in den Fußraum zu einer Sammlung an Knöllchen und Kassenzetteln. Der Ford gurgelte kurz, bevor der Motor sich erbarmte anzuspringen. Die Tankanzeige war einen Strich über Reserve. Bis Wilhelmshöhe sollte das locker reichen.

Das Grundstück am Mulang lag versteckt hinter einer soliden Backsteinmauer. Vor dem Tor beobachtete mich ein Kameraauge, während ich die Klingel betätigte. Den klapprigen Ford hatte ich eine Straße entfernt geparkt, denn die auffällige senfgelbe Kiste hatte mir schon so manchen Auftritt vermasselt, das konnte ich mir heute nicht erlauben.

Ich zog den Knoten des Schlipses gerade, atmete tief ein und blickte möglichst selbstsicher in die Kamera.

»Ja?«, fragte eine blecherne Stimme aus der Gegensprechanlage.

»Mein Name ist Meinhard Petri. Ich bin Anwalt und vertrete einen Geschäftspartner von Herrn Levin. Es gäbe ein paar Fragen zu klären.«

Am anderen Ende folgte Rauschen. Jemand schien zu überlegen. Lange zu überlegen. Als ich drauf und dran war, den Klingelknopf noch einmal zu drücken, ertönte ein Summen. Das Tor sprang automatisch auf und drehte sich wie von Geisterhand in den Angeln.

Kaum war ich wenige Schritte auf das Grundstück getreten, schwenkte das Tor hinter mir zu und fiel mit einem Scheppern ins Schloss.

Ich war angemessen beeindruckt. Der Garten und das Haus waren geradewegs einer Zeitschrift für modernes Wohnen entsprungen. Der Landschaftsgärtner hatte ganze Arbeit geleistet, jeder Grashalm sah aus wie nach Plan gesteckt und die Hecken waren mit einer Perfektion gestutzt, als hätte jemand eine Wasserwaage drangehalten. Während in sämtlichen Winkeln der Stadt Frühblüher anarchisch bunt aus dem Boden sprossen, wagte auf diesem Grundstück nichts, den Kopf aus der Erde zu stecken, was das perfekte Bild zerstört hätte. Auf Kassels Straßen stach einem an jeder Ecke der Geruch von diesen gelben Büschen, deren Name ich mir nicht merken konnte, in die Nase. Ich schnupperte. Hier roch es nach nichts.

Ich näherte mich dem Haus, das durch überdimensionale verspiegelte Fenster wie ein Geist auf mich hinabstarrte. »Geh weg«, schien es zu sagen. Zwischen den Villen am Mulang wirkte es wie ein Schuhkarton auf Stelzen, dessen Auftraggeber ein großer Fan des Bauhauses gewesen sein musste. Wie der für das Ding eine Baugenehmigung erhalten hatte, wussten wohl nur der Bauherr und jemand auf dem Amt, der sich das Beamtengehalt ein wenig aufgebessert hatte.

Ich drückte die Beklemmung weg und marschierte Richtung Eingang, begleitet von dem sicheren Gefühl, dass ich beobachtet wurde.

Der Eingang lag zwischen zwei Säulen. Ein Kubus aus Sichtbeton mit einer glatten Haustür aus Stahl, die sich mit einem Summen öffnete, kaum dass ich einen halben Meter von ihr entfernt war.

Ich trat ein und fand mich am unteren Ende einer Treppe wieder. Am oberen Absatz wartete eine Dame mittleren Alters in hellblauer Kittelschürze. Sie sah misstrauisch zu mir herunter und musterte mich auf die Art und Weise, auf die man auf keinen Fall gemustert werden möchte, wenn man geglaubt hatte, dem Anlass entsprechend korrekt gekleidet zu sein. Ihr Blick blieb an meiner Krawatte hängen. Vielleicht war Paisleymuster zum Jeanshemd doch die verkehrte Wahl gewesen, aber alle übrigen Krawatten hatten Flecken gehabt.

»Kommen Sie hoch, Herr Petri.« Sie rollte das »R«. Ein Akzent aus dem Osten.

Ich erklomm die Treppenstufen, bis ich neben der Frau stand. Jetzt wirkte sie winzig.

»Dort lang bitte. Frau Levin wird gleich bei Ihnen sein.« Erwartungsvoll hielt sie die Hände ausgestreckt, bis ich verstand, dass sie mir den Mantel abnehmen wollte. Ich legte ihn über ihre Unterarme und ging in die Richtung, in die sie gezeigt hatte.

Ich spürte ihre Anwesenheit im Rücken, bis ich das Wohnzimmer erreicht hatte. Als ich mich umdrehte, war sie verschwunden.

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten war ich beeindruckt. Zwischen dem weitläufig im Raum verstreuten Mobiliar hätte ohne Platznot eine Formation Walzer tanzen können. Von den hochglänzenden beigefarbenen Fliesen stieg eine angenehme Wärme auf. Klar, Fußbodenheizung. Eine Front aus bodentiefen, beinahe rahmenlosen Fenstern eröffnete die Aussicht auf das Kasseler Becken, nur abgelenkt durch einige Bäume auf dem darunterliegenden Grundstück. Durch die nackten Äste erahnte ich bekannte Kirchturmspitzen; sie ragten aus der Dunstglocke, die über der Stadt hing. Ich stellte mir vor, wie die Aussicht erst im Dunkeln sein musste, wenn sich die Wilhelmshöher Allee wie ein leuchtender Wurm durch die Stadt wand. Beinahe schade, dass der Ausblick bald eingeschränkt sein würde, sobald die Bäume austrieben.

Schritte näherten sich. Die Frau schob beim Schreiten die Schultern trotzig nach vorne, wobei die Schulterpolster unter ihrer Bluse vor- und zurückwippten. Ihre langen Beine steckten in schwarzem Samt, und während die meisten im Haus vermutlich etwas Bequemes bevorzugt hätten, trug sie Schuhe mit mörderischen Absätzen, in denen sie lief wie in Turnschuhen. Sie musste das stundenlang geübt haben, ihre hohen Hacken machten kaum ein Geräusch auf dem Fliesenboden. Für einen Körper wie ihren hätte manche Frau ein Vermögen hingeblättert, ich entdeckte jedoch an ihr nichts, was auf etwas anderes als die Gnade guter Gene schließen ließ. Mit einiger Erleichterung fand ich schließlich an ihren goldblonden Locken doch etwas, wo der Natur nachgeholfen worden war: An der Kopfhaut verriet sie ein glatter brünetter Ansatz.

Ich hatte eine Witwe in Sack und Asche erwartet, stattdessen stand mir eine Frau gegenüber, die weder gebeugt noch gebeutelt wirkte. Sie schien es zu genießen, dass ich sie anstarrte, verharrte demonstrativ und hielt den Rücken gerade. Es hätte mich nicht gewundert, wenn sie trotzig die Fäuste in die Hüften gestemmt hätte, stattdessen streckte sie mir die rechte Hand entgegen.

»Salvina hat gesagt, Sie seien ein Geschäftspartner meines Mannes gewesen.«

Ich war versucht zuzustimmen, die Steilvorlage war zu verführerisch. Doch ich war immer noch Anwalt, ganz gleich, wie tief ich bereits im Schlamm versunken war. »Da muss sie etwas falsch verstanden haben, wir waren keine Geschäftspartner. Mein Name ist Meinhard Petri. Ich bin Anwalt für Strafrecht.« Ich fummelte eine zerknautschte Visitenkarte aus der Jacketttasche und hielt sie ihr hin.

Sie nahm sie, aber würdigte sie keines Blickes. »Ich habe einen Anwalt«, sagte sie trocken.

»Ich vertrete die Interessen eines Mannes, der mit Ihrem Gatten Geschäfte gemacht hat.« So formuliert klang die Sachlage verdammt harmlos, allerdings nur, wenn einem das Knacken brechender Finger nicht ständig im Ohr lag. Unbewusst rieb ich mir die Hände.

»Und was kann ich für Sie tun? Sie haben sicher Verständnis, dass ich bisher nicht alle Angelegenheiten von Roman ordnen konnte.«

Sie wirkte extrem gefasst, beinahe bemüht, so als trüge sie unter der Bluse ein Korsett, das ihr das Rückgrat stützte.

»Mein Mandant hatte geschäftlich mit den Männern zu tun, deren Selbstmorde in den vergangenen Jahren hier in Kassel in den Medien Wellen geschlagen haben, und er fragt sich, ob es einen Zusammenhang zwischen ihnen gibt.«

Sie seufzte, und beim Ausatmen wich die Spannkraft aus ihrem Rücken. Sie ließ sich in einen schwarzen Lederkubus mit Chromgestell fallen. Eines dieser Möbelstücke, bei denen ich mich immer gefragt hatte, ob die Würfelform bequem sein konnte. Einen Augenblick später wusste ich, dass sie es nicht war.

Sie hatte mir einen Platz gegenüber angeboten, und ich rutschte auf dem kalten, harten Leder herum auf der verzweifelten Suche nach einer lässigen Haltung.

»Das hat mich die Polizei auch schon gefragt, und ich kann Ihnen nur sagen, dass ich die Herren nicht persönlich kannte.«

»Die Polizei hat Sie befragt?«

»Sicher. Ist es nicht üblich, bei Selbstmord nachzuforschen, wenn kein Abschiedsbrief vorliegt?«

»Sie haben recht, das ist üblich. Und Sie haben die anderen Männer nie getroffen?«

»Vielleicht ist man sich mal auf einer Abendveranstaltung begegnet.«

»Haben Sie eine Ahnung, für welchen Zweck Ihr Mann sich 300.000 Mark geliehen hat?« Die Taktik, mit der Tür ins Haus zu fallen, hatte der Wahrheit schon häufig auf die Sprünge geholfen.

Sie sah mich an, als sei ich verrückt geworden. Ich meinte, sogar ein leises Lächeln zu erkennen.

»Roman hatte es nicht nötig, sich Geld zu leihen. Wir haben nie über Finanzielles gesprochen und auch nie über den Verlag, aber glauben Sie mir, Geld war ganz bestimmt das geringste Problem.«

»Wer führt die Geschäfte, jetzt, wo Ihr Mann …?« Ich biss mir auf die Unterlippe.

Ihre Augen verengten sich und sie schob das Kinn nach vorne. Verwirrt stellte ich fest, dass sie die Frage weniger betroffen machte als ärgerlich. »Sein Sohn aus erster Ehe ist schon vor Jahren in die Geschäftsführung eingestiegen. Roman wollte ihm ohnehin in Kürze den Verlag übergeben und sich zurückziehen. Er hat sein ganzes Leben davon geträumt, selber mal etwas zu schreiben. Daraus wird nun nichts mehr.«

Ich fragte mich, welcher Teil ihrer Antwort Grund für den Ärger in ihrer Stimme war. »Hat er sich gut mit seinem Sohn verstanden?«

»So gut, wie zwei Leitwölfe sich eben verstehen können. Es gab immer wieder mal Unstimmigkeiten, aber am Ende wurden sie sich irgendwie einig.«

Dieses Thema machte sie eifersüchtig, das spürte ich. »Und Sie sind finanziell versorgt?«

Sie setzte sich sehr gerade hin. »Ich denke nicht, dass Sie das etwas angeht, oder?«

Ich hatte mich schon gefragt, wann sie dichtmachte. »Da haben Sie recht. Das geht mich nichts an.« Freundlich den Schwanz einzuziehen war der zweite Teil der Taktik. Tatsächlich wurde ihr Rücken wieder rund. Zeit für die ultimative Frage. »Hat Ihr Mann jemals Selbstmordabsichten geäußert?«

Sie zuckte zusammen, überlegte kurz, schien mich dann einer Antwort für würdig zu erachten. »Er hatte manchmal Phasen, in denen ihm alles über den Kopf zu wachsen schien. Wissen Sie, er war einer dieser Männer, denen der Erfolg in den Schoß fiel. Was er anpackte, gelang. Aber das war nur beruflich. Privat sah es anders aus.«

Sie blickte mich an, und je länger sie das tat, desto mehr Unbehagen stieg in mir hoch. Unvermittelt stand sie auf und sagte: »Kommen Sie mit. Ich will Ihnen etwas zeigen.«

6

Man hätte mich mit verbundenen Augen in Kassel aussetzen können und ich hätte trotzdem nach Hause gefunden. Nach dem Treffen mit Riva Levin war ich jedoch derart in Gedanken versunken, dass ich beinahe in eine Versammlung dieser rot-weiß geringelten Lollies gerauscht wäre, die das Verkehrsamt gefühlt an jeder Straßenecke hatte aufstellen lassen. Ich hegte den Verdacht, dass sie diese Dinger in großen Mengen günstig erstanden hatten, und nun nicht wussten, wohin damit. Überall lungerten kleine Grüppchen dieser Blechkameraden und behinderten das Abbiegen. Um ihnen auszuweichen, war ich auf die falsche Spur gewechselt und fuhr auf dem Weg in die Innenstadt einen riesigen Umweg. Es war, als ob mein Hirn Zeit schinden wollte, um nachzudenken.

Während ich den Ford durch die Straßen lenkte, musste ich an das denken, was Riva Levin mir gezeigt hatte.

Sie hatte mich in das Arbeitszimmer ihres Mannes Roman geführt. Zunächst verstand ich nicht, worauf sie hinauswollte. Der Raum wurde dominiert von vollgestopften deckenhohen Regalen, deren Bretter sich unter schweren Buchrücken bogen. Dann fielen mir eine alte Schreibmaschine und ein von zerknüllten Seiten überquellender Papierkorb auf. Auf Levins Schreibtisch stand eine Flasche mit dem Rest einer dunkelbraunen Flüssigkeit, daneben ein Glas mit einem eingetrockneten Rand. Auf ihren Wink hin näherte ich mich dem Tisch. Ein Montblanc-Füller auf einer Kladde fiel mir ins Auge, die Zeilen darin dicht beschrieben, ohne Punkt und Komma; manisches Gekritzel. Ich bemerkte eine durchgesessene Stelle auf dem Schreibtischstuhl und einen speckig glattgewetzten Fleck am Schreibtisch, wo Stunde um Stunde der rechte Unterarm über das Holz gewischt hatte. Ich schaute nicht auf den Arbeitsplatz eines erfolgreichen Verlagsmanagers, ich starrte direkt in den Abgrund eines Getriebenen, der verzweifelt versucht haben musste, einen Dämon auf Abstand zu halten.

»Roman war oft allein in dem Ferienhaus am Edersee«, hatte sie gesagt. »Als ich von seinem Tod erfuhr, habe ich keine Sekunde an einem Selbstmord gezweifelt. Sie haben den gleichen Ausdruck in den Augen wie er. Sie erscheinen mir wie jemand, der vor sich selbst davonläuft.«

Wie betäubt war ich fast aus dem Haus getaumelt, ich hatte sogar meinen Mantel vergessen. Salvina war bis zum Tor hinter mir hergerannt.

Ich hatte zurückgeschaut und Riva Levin entdeckt, die oben im Fenster stand. Gegen das verspiegelte Glas war sie nur schemenhaft zu erkennen gewesen, dennoch wusste ich genau, mit welchem Blick sie mich bedacht hatte. Tausendmal hatte ich ihn bei meiner Exfrau gesehen, bis er eines Tages unerträglich geworden war.

Ich war mit dem Vorsatz in den alten Ford gesprungen, den direkten Weg zu Sharp zu nehmen. Ich würde ihm erklären, dass ich der Falsche sei, um sein Problem zu lösen. Schließlich war ich Anwalt und kein Privatermittler. Und ich war vielleicht nicht unbedingt ein erfolgreicher Rechtsverdreher, als Philip-Marlowe-Verschnitt hingegen hatte ich bereits beim ersten Auftritt auf ganzer Linie versagt.

7

Innerhalb von 24 Stunden zweimal im Keller von Sharps Etablissement zu stehen, machte meine Situation nicht angenehmer.

Sharp ließ mich warten. Sergej stand mit verschränkten Armen vor der Bürotür und starrte mir stumm ins Gesicht.

Ich nahm Platz an der Bar, hinter der Sharps älteste Bardame Molly Gläser polierte. Wenn man den Gerüchten glauben durfte, lief der Laden wie geschnitten Brot. Vielleicht weil Sharps Mädchen nicht aussahen wie Junkies und er seine Jungs angewiesen hatte, die Straße und den Eingang von Dealern freizuhalten. Das Fleur war sauber, auf den Toiletten konnte man sich sogar auf die Brille setzen, und im Gegensatz zu anderen Bordellen lagen nirgendwo gebrauchte Kondome oder halbtote, abgemagerte Mädchen herum. Seit der Grenzöffnung war selbst im beschaulichen Kassel in der Prostitution eine neue Zeitrechnung angebrochen. Der Markt war mit Mädchen aus dem Osten überschwemmt worden, die größtenteils mit falschen Versprechungen eingesammelt und dann gewaltsam zur Prostitution gezwungen worden waren. Sharp hatte zwar seine Finger ebenfalls in diesem Geschäft drin, aber seinen eigenen Laden hielt er sauber.

Bei allem, was man über Sharp in der Szene wusste, konnte man ihm ein Mindestmaß an Ganovenehre nicht absprechen. Molly hatte sich bei ihm das Gnadenbrot verdient und musste seit ihrer Totaloperation nicht mehr anschaffen. Sie war die Seele des Fleur – schon deswegen hätte Sharp sie nie ausgemustert. Jeden Abend saßen dieselben Kerle am Tresen und heulten sich bei ihr aus. Sie stülpte den Jungs tröstend ihren Vorbau über das Gesicht, winkte derweil eines der Mädchen herbei, stellte flugs eine überteuerte Flasche billigen Schaumwein auf die Theke und zog sich diskret zurück. Molly machte auf diese Weise mehr Umsatz für Sharp als zu der Zeit, als sie selbst angeschafft hatte. Sie war in den letzten Jahren etwas aus der Form geraten. Das knatterenge schwarze Oberteil mit Paillettenbesatz hielt tapfer die wogenden Massen in Schach. Das dunkle Kaschemmenlicht täuschte genauso über die Krater in ihrem Gesicht hinweg wie eine dicke Schicht Make-up und schreiend blauer Lidschatten. Mit den künstlichen Krallen an ihren Fingern konnte sie vermutlich die Kronkorken der Bierflaschen ohne Hilfsmittel abheben.

»Na, Petrus, du Scheinheiliger, was darf ich dir anbieten?«

»Molly, ich finde es scheußlich, wenn du mich Petrus nennst.« Ich hasste dieses Wortspiel, und es ärgerte mich, dass ich es hasste. Für meinen Geschmack hatte man mir an diesem Tag bereits tief genug in die Seele geschaut.

»Entschuldige, Schatz, wie kann ich das wiedergutmachen?«

»Gib mir nen Kaffee, einen starken.«

Sie schenkte mir aus einer Thermoskanne ein. Ich sah skeptisch in die braune Flüssigkeit. Sharp ließ Schlafmittel in den entkoffeinierten Kaffee mischen. Auf diese Weise kriegten seine Mädchen die Kundschaft schneller auf die Zimmer, und die Männer blieben bis tief in die Nacht, ohne die Mädchen unnötig lange beschäftigt zu halten, und am Ende präsentierte Molly den Freiern eine Getränkerechnung, die sich gewaschen hatte.

Aufmunternd nickte sie mir zu. »Ist meine Privatmischung. Kannste trinken. Guck!« Sie goss sich selber eine Tasse ein und nahm einen Schluck.

Ich schlürfte an dem Kaffee. Ganz ordentlich für Puffbrühe.

Endlich war es so weit. Sergej machte wortlos einen Schritt zur Seite und öffnete die Tür zu Sharps Büro.

Der saß an seinem Schreibtisch. Noch war das Auge aus Glas drin, während das andere böse funkelte. Mir kam der Verdacht, dass es womöglich angeraten sei, die Flucht zu ergreifen, aber Sergej hatte sich bereits in meinem Rücken postiert und blockierte den Ausgang.

Sharp knallte eine Zeitung auf den Tisch. »Ich hoffe, Sie bringen mir bessere Neuigkeiten.«

Ich versuchte, die auf dem Kopf stehenden Schlagzeilen zu entziffern.

Sharp drehte die Zeitung um. »Schon wieder einer. Und das bitte schön verstehen Sie unter diskretem Vorgehen?« Er tippte auf das Foto über dem Artikel.

Im Vordergrund wurde der Sarg in den Leichenwagen verladen, im Hintergrund schaute Kommissar Sachs ziemlich genervt in die Kamera, und in seinem Rücken war ich gerade dabei, mich in die Halle zu stehlen. Mist, da waren die Journalisten doch schneller gewesen.

»Ich war auf dem Weg zu Schuhmanns Büro, als ich das Polizeiaufgebot an der Halle bemerkt habe. Purer Zufall, dass ich vor Ort war.«

»Purer Zufall? Werfen Sie mal einen Blick auf Ihre Liste. Kann es noch deutlicher werden, dass da jemand einen Plan verfolgt, der mich treffen soll?«

Er hatte vollkommen recht, das alles roch so eindeutig nach Komplott, dass es die beste Idee gewesen wäre, sich rauszuhalten und der Polizei die Arbeit zu überlassen.

Sharp sah nicht aus, als sei er für derartige Vorschläge empfänglich. »Und schon wieder 200.000 weg. Ohne Zinsen. Ich will wissen, was da los ist, haben wir uns verstanden?« Er kniff das linke Auge zusammen. Das Glasauge fluppte heraus, er fing es geschickt auf und rotierte es durch die Finger.

Der Plan, ihm die Mitarbeit aufzukündigen, ging schneller zum Teufel, als ich erwartet hätte. Wann hatte ich mich in dieses armselige Häufchen verwandelt? Mollys Kaffee rumorte in meinem Bauch. Ich brauchte dringend etwas im Magen. Ein tiefer Blick in Sharps leere Augenhöhle genügte und dieser Gedanke verflog. Statt seine Frage zu beantworten, glotzte ich ihn ratlos an.

»Gibt es was Neues?«, fragte er.

»Ich bin doch erst seit gestern dran. Ein bisschen Zeit brauche ich auch. Levin jedenfalls könnte tatsächlich einen Grund gehabt haben, Selbstmord zu begehen. Seine Frau hat mir glaubhaft versichert, dass sie keine Ahnung hat, wofür er sich hätte Geld leihen sollen. Nötig hatte er es auf jeden Fall nicht.«

Das rotierende Glasauge stoppte. »Nötig hatten die auf Ihrer Liste es alle nicht. Da stehen kaum solche Versager wie Sie drauf. Da stehen Leute drauf, die Geld brauchten, das keine Duftmarke hat.«

»Wissen Sie, wofür das Geld verwendet werden sollte?«

»Hätte ich Sie sonst darauf angesetzt? Auf keinen Fall handelt es sich um etwas, womit ich üblicherweise aushelfen kann.« Er meinte lukrative Geldanlagen in Lieferungen aus Mittelamerika, dem Ostblock oder Asien: Koks oder Frauen.

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich Ihnen wirklich helfen kann.« Mir war klar, dass er diesen lauwarmen Versuch, mich zu drücken, abschmettern würde.

»Und ich bin mir nicht sicher, ob ich mich klar ausgedrückt habe. Wollen Sie den Ausgang Ihrer laufenden Fälle noch miterleben? Dann würde ich an Ihrer Stelle für Ergebnisse sorgen.«

Hinter mir knackte Sergej mit den Fingern.

»Und, meine Güte, können Sie sich nicht was Anständiges anziehen? Wenn Sie mit diesen Leuten reden wollen«, er tippte auf die Zeitungsmeldung, »sollten Sie nicht aussehen wie ein Penner.«

Stumm zuckte ich die Schultern. Was hätte ich auch antworten sollen? Dass meine gute Kleidung in der Reinigung war? Ich hätte ebenso nackt vor Sharp sitzen können und hätte mich kaum weniger entblößt gefühlt.

Das Glasauge fluppte zurück in seine Höhle und Sharp griff unter die Tischplatte.

Ich hielt den Atem an. Was von dort kam, war in der Regel unerfreulich.

Doch er zog ein Bündel mit Scheinen hervor und zählte fünf Hunderter auf den Tisch. »Sergej bleibt an Ihnen dran. Wenn Sie die Kohle verzocken, hat Kassel einen Drogentoten mehr. Wir verstehen uns?«

Ich wusste nicht, was ich beängstigender fand: Die Vorstellung, dass Sergej als Schatten hinter mir herlief, oder 500 Mark mit mir herumzutragen und sie nicht sofort in den Rachen eines Spielautomaten schieben zu dürfen.

8 Azrael

Natürlich hatte ich damit gerechnet, dass früher oder später eine weitere Figur das Spielfeld betreten würde, bloß dass es ausgerechnet dieser Anwalt war, verblüffte mich.

Er hatte es bestimmt nicht darauf angelegt, von den Journalisten abgelichtet zu werden. Und sicher war Scharpinsky darüber genauso wenig erfreut. Der Bewegungsradius des Anwalts war recht überschaubar, sodass ich ihm ohne Probleme auf den Fersen bleiben konnte. Dass ihn sein erster Gang an diesem Tag direkt zu Scharpinsky geführt hatte, ließ tief blicken. Ich war mir sicher, dass er nicht deshalb in Sharps Auftrag unterwegs war, weil der ihn für einen gewieften Anwalt hielt, sondern weil Sharp ihn in der Hand hatte.

Was der Anwalt ganz bestimmt in der Hand hielt, war die Liste, die die einzige Verbindung zwischen den Todesfällen herstellte. Damit war er leider ein Problem geworden.

Zeit, ihm dichter auf die Pelle zu rücken.

9

Ich ging die Straße entlang zu meinem Auto. Um diese Tageszeit zeigte die Nordstadt ungeschminkt ihr hässliches Antlitz. Keine Leuchtreklamen lenkten von dem Erbrochenem ab, das der Regen zu großen Lachen ausgewaschen hatte. Bis weit nach Mittag schien das Viertel seinen Rausch auszuschlafen und Kraft für die kommende Nacht zu sammeln.

Als ich in den Wagen stieg, fragte ich mich, ob es nicht leichter wäre, mir endlich einzugestehen, dass ich in der Nordstadt meine Heimat gefunden hatte. Der Gedanke stieß saurer auf als Mollys Kaffee.

Ich ließ den Motor an und fuhr den kurzen Weg in die Innenstadt bis zu meiner Kanzlei. Seit man für diesen hochglanzpolierten Einkaufspalast oberhalb vom Königsplatz den großen Parkplatz geopfert hatte, musste ich länger herumkurven als vorher. Endlich fand ich eine Lücke und parkte den Ford mit der Schnauze im eingeschränkten Halteverbot. Die Politessen kannten meine senfgelbe Kiste und übten Nachsicht, im Gegenzug bekamen sie den einen oder anderen rechtlichen Rat von mir kostenlos.

Ich nahm den kleinen Umweg über den Königsplatz. Hier sah es aus, als hätte man versucht, den Zustand Kassels nach dem Krieg zu rekonstruieren. Die Bauarbeiten für die Neugestaltung des Platzes liefen trotz des schlechten Wetters weiter. Man hatte wohl den Ehrgeiz, zur Documenta im Juni fertig zu sein. Ich kannte die Pläne und war mir sicher, dass ich mich in hundert Jahren nicht an diesen leeren, seelenlosen Ort gewöhnen würde, der der Königsplatz bald sein sollte. Es war gerade mal zwei Jahre her, dass die Kinder im Sommer mit nackten Füßen durch die Wasserbassins getrampelt waren. Conny hatte am Rand gesessen und das Eis gegessen, das die Kinder erst quengelnd eingefordert und dann nicht mehr gemocht hatten. Vielleicht tat die Stadt mir sogar einen Gefallen damit, diese Erinnerungen mit dem Bagger in Schutt und Asche zu legen.

An einem Kiosk, der behelfsmäßig in einem Container untergebracht worden war, deckte ich mich mit den Tageszeitungen ein, die in Schuhmanns ehemaligem Wirkungskreis lagen. Mal sehen, ob die Presse konkretere Informationen hatte als ich.

In der Unteren Königsstraße kaufte ich ein Hörnchen und eine Tüte Milch und bog mit vollen Armen in die Hedwig­straße ein. Ich ärgerte mich, dass ich keine Tüte mitgenommen hatte. Nun musste ich meine Aktentasche vor dem Hauseingang abstellen, der gerne als Toilette missbraucht wurde.

Keine 50 Meter von der Einkaufsmeile entfernt flanierten kaum noch Passanten. Die Seitenzweige der Unteren Königsstraße waren ohnehin nicht besonders beliebt. Kaum der geeignete Platz für eine Kanzlei könnte man meinen, doch ich hatte absichtlich einen Ort gewählt, der vom geschäftigen Trubel ein wenig abseits, aber trotzdem zentral lag.

Die Kanzlei in der Wilhelmsstraße hatte ich aufgegeben, um dem Ärger mit den ansässigen Geschäftsleuten aus dem Erdgeschoss ein Ende zu setzen. Irgendwann hatte ich zunehmend Besuch von Menschen bekommen, die an der Mauer am Friedrichsplatz ihrem Tagwerk nachgingen – betteln und drücken. Zunächst hatten die Ladeninhaber im Erdgeschoss noch die Nase gerümpft. Es war ihnen lästig gewesen, dass sich meine Mandanten vor dem Eingang mit zittrigen Fingern eine Zigarette ansteckten oder mit Begleitern in hitzige Diskussionen gerieten. Nachdem einige mit dem Hinweis verscheucht worden waren, dass Herumlungern an diesem Ort nicht erwünscht sei, hatte ich mich für eine geeignetere Gegend entschieden – passender für mich und meine Mandanten.

In der Regel vertrat ich Kleinkriminelle, seltener Menschen, die schwere Delikte wie Mord oder Totschlag begangen hatten. In den letzten Jahren immer häufiger als Pflichtverteidiger. Wenn mich ein Klient von sich aus aufsuchte, dann deshalb, weil ihn Kollegen abgewiesen hatten. Die Situation war schon selten absurd: Ich sollte als Rettungsanker herhalten, dabei war ich selbst am Absaufen.

Ohne anzuhalten, passierte ich die Reihe Briefkästen im Flur. Für Mahnungen hatte ich im Augenblick keinen Nerv, darum würde ich mich später kümmern.

Ich erklomm die drei Etagen, indem ich jeweils eine Treppenstufe übersprang, schloss die Tür zu meiner Kanzlei auf und warf die Aktentasche im winzigen Eingangsbereich in die Ecke. Zwei Türen hatte man der Eingangsnische abgetrotzt, die linke führte zum Klo, ich ging rechts in mein Büro.

Es war nicht gerade einfach, ein freies Fleckchen für das mitgebrachte Frühstück zu finden. Schließlich schob ich mit dem Ellenbogen eine Stelle auf dem Schreibtisch frei und legte die Zeitungen ab.

Hinter zwei Schranktüren versteckte sich eine kleine Pantryküche, dort türmte sich dreckiges Geschirr. Ich spülte die Kaffeekanne aus und setzte mit den letzten Krümeln aus der Dose neuen Kaffee auf.

Zwischen den Aktenbergen stand die Tasse von gestern, von einem eingetrockneten Rest abgesehen noch einwandfrei. Ich stapelte die Ordner auf dem Schreibtisch aufeinander und breitete die HNA aus. Oberhalb des Artikels prangte übergroß das unsägliche Foto, darunter ein knapper Text. Franz Schuhmann war auf tragische und ungeklärte Weise aus dem Leben geschieden. Hinweise auf ein Verbrechen gab es laut derzeitigem Ermittlungsstand der Polizei keine, allerdings hatte man auch noch keinen Abschiedsbrief entdeckt. Dann folgte eine erstaunlich ausgiebige Würdigung des Verstorbenen, der als überaus erfolgreicher Geschäftsmann, ehrenamtlicher Wohltäter und angesehener Bürger der Stadt gelobt wurde. Ein Kommentar im Göttinger Boten zeichnete ein vollkommen gegensätzliches Bild: Der Text glich eher einer Aneinanderreihung der Untaten des Verstorbenen und hinterließ bei mir den Eindruck, dass es an ein Wunder grenzte, dass Schuhmann sich nicht eine grausamere Art zu sterben ausgesucht hatte, nur um angemessen Buße zu tun.

Die Wahrheit lag mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwo in der Mitte. Seltsam fand ich jedoch, dass niemand eine Verbindung zu den jüngsten Selbstmorden gezogen hatte. Vielleicht, weil dieser Tote sich am Ort seines vermeintlichen Erfolgs erhängt hatte, während die anderen intimere Arrangements für ihre Abgänge gewählt hatten.

Mit einer Tasse Kaffee in der Hand ging ich zum Schreibtisch. Bevor ich mich setzte, griff ich zum Mantel, den ich über den Schreibtischstuhl geworfen hatte. Ich fummelte die Liste aus der Tasche, die Sharp mir übergeben hatte, dabei fielen vier Hunderter auf den Boden. Ich sah sie an. Ich hätte sie aufheben und in die Manteltasche stopfen oder irgendwo zwischen den Aktenbergen verstecken können, wo ich sie sicher nicht so schnell wiederfinden würde. Doch ich ließ sie einfach liegen und pfefferte den Mantel in die Ecke.

Danach breitete ich Sharps Liste aus und überflog die Namen, während ich das Hörnchen gedankenverloren in den Kaffee stippte und an dem aufgeweichten Teig nuckelte.

Ausgerechnet mir hatte Sharp Betriebsgeheimnisse anvertraut, und das sollte etwas heißen. Es schien ein für ihn recht ungewöhnliches Problem zu sein, dass er zu so einer Maßnahme griff, denn üblicherweise wurden Ärgernisse dieser Art innerhalb der Familie geregelt. Ich ging die Namen durch. Soweit ich es auf den ersten Blick beurteilen konnte, allesamt keine Berühmtheiten, aber immerhin überwiegend Kasseler Größen in ihrem jeweiligen Metier. Drei, nein seit gestern waren es ja vier, also vier von den sechs Personen waren nicht mehr am Leben. Michael Zanetti, irgendein hohes Tier bei der Gewerkschaft, Galerist Sandro Ratstetter, Verleger Roman Levin und jetzt der Insolvenzverwalter Franz Schuhmann. Zwischen den ersten drei Selbstmorden klaffte je eine Lücke von beinahe einem Jahr, die beiden letzten trennten nur wenige Wochen. Außerdem unterschied sich jeweils die Art der Selbsttötung. Entweder lag hier ein makabrer Zufall vor oder jemand gab sich allergrößte Mühe, Gesetzmäßigkeiten zu vermeiden. Der einzige Hinweis darauf, dass möglicherweise ein Serientäter eine Liste abarbeitete, lag direkt vor mir. Und außer mir und Sharp kannte offensichtlich niemand diesen Zusammenhang. Aber wozu die derart aufwendig inszenierten Tötungen? Nur um Sharp zu schaden? Oder griff da einer das Geld ab, das Sharp verliehen hatte?

Es klingelte. Um diese Zeit vermutlich der Postbote mit einem Einschreiben. Sicher wieder ein Vollstreckungsbescheid oder eine Vorladung. Da es einen Mandanten betreffen konnte, hatte ich keine Wahl. Ich zögerte. In dieser Gegend war es ratsam, die Gegensprechanlage zu benutzen, doch die war wie üblich defekt. Also drückte ich den Türöffner und lauschte in das Treppenhaus. Ich hatte mittlerweile ein gutes Gehör für die Geräusche entwickelt, die sich die Stufen hinaufbewegten. Sergejs 100-Kilo-Schritt in Militärstiefeln hätte ich bereits in der ersten Etage erkannt. Gleichzeitig wäre es genauso sinnlos gewesen, ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen, wie aus dem Fenster zu springen.

Das erwartete Poltern von Sergej blieb aus, und ich lauschte auf den gehetzt sportlichen Gang des Postboten, zwei Treppenstufen auf einmal nehmend, auf den Etagenabsätzen keine Sekunde Pause, um zu verschnaufen.

Zu meinem Erstaunen näherte sich ein gleichmäßiges Stakkato, verursacht durch spitze Absätze einer federleichten Trägerin. Ich roch sie, bevor ich sie sah. Durch das muffige Treppenhaus waberte der Duft eines Blumenteppichs, auf dem sie sich elegant die Stufen nach oben bewegte. Blondes Haar wippte über die Brüstung, dann tauchten strahlend geschminkte Augen auf, danach ein blutroter Mund.

Riva Levin trug einen figurbetonten, halblangen roten Mantel mit dunklem Nerz am Kragen. Der Stoff wirkte fein, wahrscheinlich Kaschmir, und die Härchen des Felles zitterten in der Zugluft und wirbelten ihr Parfüm direkt in meine Nase. Allein von dem, was der Mantel gekostet haben mochte, hätte ich einen Monat fürstlich leben können.

Oder eine Nacht besinnungslos zocken.

Ich konzentrierte mich auf die Frau, die nun keinen halben Meter von mir entfernt stand und die Beine in eine Position gebracht hatte, die ihre Silhouette vorteilhaft zur Geltung brachte.

Während ich noch überlegte, wie ich es umgehen konnte, sie in das chaotische Büro reinbitten zu müssen, kam sie mir zuvor.

»Darf ich?« Sie zeigte auf die Tür, deren Klinke ich in meinem Rücken festhielt.

»Selbstverständlich«, sagte ich weniger selbstsicher als beabsichtigt, trat einen Schritt zur Seite und ließ sie an mir vorbei in den winzigen Flur.

»Tut mir leid, die Garderobe ist kaputt.«

Sie warf einen Blick auf den Haken, der an einer losen Schraube von der Wand baumelte, und nickte.

»Kommen Sie ins Büro, dort können Sie ablegen.« Während ich voranging, war ich froh, dass durch all die Unordnung wenigstens der Duft von frischem Kaffee wehte.

Sie sah sich um. Ihre Augen blieben an den 100-Mark-Scheinen auf dem Fußboden hängen und sie lächelte. »Das Geld liegt nicht immer nur auf der Straße, sondern manchmal wohl auch auf dem Boden einer Anwaltskanzlei.«

Schnell hob ich die Scheine auf und ließ sie achtlos auf den Schreibtisch fallen. »Ich brauchte Platz für die Zeitungen«, sagte ich, erleichtert darüber, dass die aufgeschlagenen Gazetten die Unordnung darunter verbargen.

Sie trat einen Schritt nach vorne und überflog die Schlagzeilen, während sie ihren Mantel aufknöpfte, ihn auszog und ihn sich über den Unterarm hängte. Anschließend deutete sie auf die Fotografie der Fabrikhalle mit dem Leichenwagen davor. »Ich war mir erst unsicher, ob Sie das sind. Erzählen Sie mir nicht, dass Sie zufällig dort waren.«

Was sollte ich darauf antworten? Ich zuckte lediglich die Schultern.

»Hat das etwas mit dem Tod meines Mannes zu tun?«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Man könnte einen Zusammenhang sehen.«

»Wenn Sie den Weg hierher auf sich genommen haben, um über den Tod von Franz Schuhmann zu plaudern, muss ich Sie enttäuschen. Darüber weiß ich nicht mehr, als in diesem Artikel steht.«

»Darf ich mich setzen?« Sie zeigte auf den Stuhl, der halb unter der herabhängenden HNA verborgen war.

»Selbstverständlich«, entgegnete ich, indem ich die Zeitung zusammenraffte, darauf bedacht, dass der Großteil des Schreibtisches abgedeckt blieb. »Kaffee?«

»Gerne. Schwarz.« Sie nahm Platz und legte den Mantel über die Oberschenkel.

In der Kochnische wählte ich eine Tasse, deren Belag mir am einfachsten zu entfernen schien, spülte sie notdürftig und trocknete sie mit dem brettharten, fleckigen Handtuch ab, das schon seit Wochen in der Spüle hing. Es gab Momente im Leben, da wünschte ich mir das breite Kreuz von Sergej. Ich konnte ihren Blick in meinem Rücken förmlich spüren und bemühte mich, nicht fahrig zu wirken.

Nachdem ich ihr eingeschenkt hatte, hielt ich ihr die Tasse hin. Sie nahm sie leicht wie ein Vögelchen zwischen ihre perfekt manikürten Finger, roch am Inhalt, nippte vorsichtig und schien zufrieden.

Ich atmete tief ein und füllte Kaffee in meinen Becher nach, der noch auf dem Schreibtisch stand.

Währenddessen wartete sie ab, bis ich ihr gegenüber saß. »Sie hatten mich gefragt, ob ich die Männer kannte, die in den letzten Monaten Selbstmord begangen haben.«

»Das hatte ich gefragt, richtig.«

»Und ich hatte Ihnen geantwortet, dass Sie mir persönlich nicht bekannt waren.«

»Ich erinnere mich.«

Sie deutete auf die aufgeschlagenen Zeitungen. »Herrn Schuhmann habe ich recht gut gekannt. Das heißt, eigentlich nicht ihn, sondern ich kenne seine Ehefrau Erin. Wir sind uns hin und wieder im Schönheitssalon begegnet.«

»Und Sie sind extra hierhergekommen, um mir das mitzuteilen?«

»Nicht nur.« Erneut trank sie einen kleinen Schluck und schien zu überlegen. »Ich war neugierig. Ich wollte wissen, wie ein Anwalt residiert, der sich im Auftrag von Geldeintreibern verdingt.«

»Konnten Sie Ihre Neugier befriedigen?« Ich versuchte, nicht ärgerlich zu klingen.

»Durchaus. Sagen Sie, wie heißt eigentlich Ihr Auftraggeber? Ich glaube, das hatten Sie vergessen zu erwähnen.« Sie legte den Kopf schief.

»Sagt Ihnen der Name Horst Scharpinsky etwas?« Ich wollte nicht um den heißen Brei herumreden, zumal ich das Gefühl hatte, dass sie es ohnehin wusste. Scharpinsky war in Kassel bekannt wie ein bunter Hund, und außer ihm kam nur noch einer infrage, der hinter einer solch hohen Summe geliehenen Geldes her sein konnte.

Sie nickte. »Scharpinsky oder Bahat. Einer von beiden musste es ja sein. Das sind doch die Herren, die Kassel mit ihrem Schwarzgeld überschütten, oder?«

»Wie kommt es, dass eine Frau wie Sie sich in solchen Kreisen auskennt?«

Aus ihrem Blick sprach eine Mischung aus Skepsis und Amüsement. »Das erfährt man alles aus der lokalen Presse. Ich wiederum frage mich, warum ein Anwalt für Strafrecht sich mit diesen Menschen abgibt.«

Jetzt musste ich lachen. »Sie haben ja gar keine Ahnung, mit was für Menschen sich ein Anwalt für Strafrecht abgeben muss.«

»Ja, sicher.« Sie lächelte verständnisvoll. »Aber Scharpinsky ist nicht Ihr Mandant, wenn ich das richtig verstanden habe, sondern Ihr Auftraggeber.«

Ich hatte keine Lust, mich zu rechtfertigen, und startete ein Ablenkungsmanöver. »Ihr Mann hatte ja offensichtlich auch Kontakt zu Scharpinsky.«

»Das stimmt leider. Und ich würde zu gerne wissen, warum. Vor allem, warum er das hinter meinem Rücken getan hat.«

»Und die Antwort auf diese Frage erwarten Sie von mir?«

»Das wäre schön.«

»Da lauert ein Interessenskonflikt, wie Sie sich sicher denken können.«

Ohne ein weiteres Wort öffnete sie ihre Handtasche, zog ein Bündel Geldscheine heraus, stand auf und legte es auf die Zeitung.

Ein Herr auf braunem Untergrund schaute ernst vom Schein zu mir herauf, als ahne er, was eine Eins mit drei Nullen in meinem Hirn für einen Wirbel veranstaltete. Ich wagte gar nicht zurückzusehen. Mir wurde schwindelig.

»Könnte das Ihren Interessenskonflikt mildern?«

»Sie wissen, dass mich das in riesige Schwierigkeiten bringt.«

»Wenn ich die Sachlage richtig einschätze, stecken Sie bereits bis zum Hals drin.« Sie setzte sich wieder auf den Stuhl, schlug die Beine übereinander und guckte unschuldig. »Ich habe keine Ahnung, was geschehen ist. Warum mein Mann glaubte, mit diesen Leuten Geschäfte machen zu müssen, und warum er jetzt tot ist. Ich will es einfach verstehen. Und der Einzige, der mir dabei helfen kann, sind Sie. Sie sollen nichts Ungesetzliches tun. Ich möchte nur denselben Wissensstand wie Ihr Auftraggeber, mehr nicht.«

»Es ist ungesetzlich, als Anwalt zwei Parteien in derselben Sache zu vertreten.«

»Sie geben mir, was Sie können, ohne in Teufels Küche zu kommen. Wäre das in Ordnung?«

Ich spürte, dass ich nickte, während mein Blick über die Scheine glitt. Der Teufel hatte gerade einen Stuhl für mich an den Küchentisch gestellt.

10

Das bärtige Gesicht des Mannes vom 1.000-Mark-Schein hatte mich in der Nacht im Traum verfolgt. Nachdem Riva Levin gegangen war, hatte ich sämtliche Scheine vom Tisch genommen und sie in eine Schublade gestopft. Erst ihr Bündel Tausender und obendrauf die Hunderter von Sharp. Ich hatte noch mal einen Blick darauf geworfen und gespürt, wie mir eine Gänsehaut über den Körper gejagt war. Eine Mischung aus Angst und Erregung. Rasch hatte ich die Lade zugeschoben. Dort ins Dunkel, dort gehörten die Scheine hin. Bevor ich doch noch irgendwelche Dummheiten damit anstellte, war ich lieber nach Hause gefahren und hatte alle weiteren Nachforschungen auf den nächsten Tag verschoben.

Der Gedanke, bereits so kurz nach Schuhmanns Ableben seiner Witwe einen Besuch abzustatten, kam mir komisch vor. Das hatte Zeit. Es gab ja noch zwei weitere Kandidaten, oder vielmehr ihre Witwen, um die ich mich kümmern musste. Auf Sharps Liste fand ich Sandro Rat­stetter, einen Galeristen, und Michael Zanetti, hohes Tier bei der Gewerkschaft und Pendler mit Wohnsitz in Bayern. Eine illustre Gesellschaft hatte sich dort versammelt. Von den beiden Lebenden kannte ich Richter Peter Drömer. Der Name Hans Vaas sagte mir nichts. Ich überlegte kurz, ob man die Herren darüber informieren sollte, dass sie auf einer Todesliste standen, aber vermutlich wussten sie das bereits. Dass sie alle Schuldner bei Sharp waren, erzählte ja nur die eine Hälfte der Geschichte, die andere lag zumindest vor mir im Verborgenen. Ich ahnte, dass die, die noch am Leben waren, nicht preisgeben würden, welches Geheimnis sie verband. Ich musste also herausfinden, ob die Toten auskunftsfreudiger waren. Zuerst besuchte ich die ehemalige Galerie von Sandro Ratstetter.

Die Galerie lag am Weinberg zwischen den wenigen Jugendstilgebäuden, die vom Krieg verschont geblieben waren. Eine piekfeine Adresse. Blitzblankgeputzte Schaufenster boten Einblick in großzügige, weißgetünchte Räume mit spärlicher Ausstattung.

Ich drosselte das Schritttempo, bevor ich den Eingang erreichte, atmete tief durch und öffnete die Glastür.

Der Empfangsraum war an Reinheit schwer von einem OP zu überbieten. Der meterhohe Vorraum mit makellos weißen Wänden war spärlich möbliert: Rechts eine Art überdimensionaler Tresen – eine dicke Holzplatte auf Steinstelen – und gegenüberliegend eine gleichermaßen gestaltete Sitzbank ohne Polster. In den großformatigen glattpolierten Fußbodenfliesen spiegelte ich mich wie ein grauer Geist. Darüber hinaus war der Raum leer. Über breite, offene Treppenstufen gelangte man wohl in die Ausstellungsräume, aber von hier aus konnte man die Größe der Galerie allenfalls erahnen. Es roch nach frischer Farbe und – das bildete ich mir zumindest ein – einem leichten Hauch von Haarspray. Ich überlegte noch, ob meine Stimme wohl ein Echo erzeugen würde, wenn ich nach jemanden riefe, als ich ein leises Räuspern links neben mir vernahm.

Ich drehte mich um und bemerkte einen kleinen, dürren Mann hinter dem Tresenungetüm. Obwohl mein Blick bereits ein paarmal über diese Stelle geglitten war, hatte ich ihn zuvor übersehen. Kein Wunder. Das Gesicht des Männleins war so knitterfrei und weiß wie die Wand hinter ihm, und der Rest von ihm wurde beinahe vollständig von dem Tresen verdeckt. Er verließ die Deckung. Seine Füße hoben sich nicht beim Gehen, sie wischten über die Fliesen wie über eine Eisfläche. Für einen Moment hatte ich Sorge, dass er ungebremst in mich hineinrauschen würde, aber er blieb mit einer eigenartig eleganten Stoppbewegung stehen.

Jetzt roch ich es ganz deutlich. Haarspray. Unmengen davon musste er verwandt haben, um eine Frisur zu kreieren, die so elegant in Wellen lag, dass sich kein Härchen traute, die Perfektion zu stören. Seine Kleidung sah nicht weniger eigentümlich aus als meine – ein Pullunder mit Burlington-Muster über einem hellblauen Button-down-Hemd, eine braune Feincordhose und dunkle Mokassins – der Unterschied lag darin, dass die Sachen an ihm wirkten, als verdienten sie die Bezeichnung »ausgefallen«, während meine Kleidung einfach nur schäbig war.

Er bedachte mich von schräg unten mit einem Wackeln des Kopfes, als schnuppere er an mir. »Was kann ich für Sie tun?«, fragte er nasal, ohne den Mund wirklich bewegt zu haben.

Schwul wie zehn Mann, kam es mir in den Sinn, und ich schämte mich sofort dieses vorschnellen Urteils. Leider hatte man als Rechtsanwalt irgendwann hinter jede Fassade und in jeden menschlichen Abgrund geschaut und gelernt, dass die allermeisten Klischees eben doch zutrafen. Männer wie ihn hatte ich schon einige vertreten. Er war keiner von den jungen hippen Homosexuellen, die sich einen Teufel um die Vorurteile der Gesellschaft scherten. Sicher hatte er sich Jahrzehnte hinter einer biederen Fassade verstecken müssen, vielleicht gab es sogar eine Ehefrau und Kinder aus einer früheren Beziehung. So jemand vergnügte sich nicht in einschlägigen Darkrooms, sondern war durch die ihm auferlegte Heimlichtuerei dazu genötigt, sich klammheimlich einen Stricher aufzugabeln, um ihn in einem Hotelzimmer mit Schampus und Austern zu füttern und sich anschließend einen blasen zu lassen. Wie oft standen um Worte ringende Mandanten in meiner Kanzlei, wenn sie aus Versehen an einen minderjährigen Stricher geraten und dabei erwischt worden waren. Ich kannte ihre allgegenwärtige Verzweiflung, zwischen sozialer Anerkennung und sexuellem Verlangen hin- und hergerissen zu sein, und so manch einer bezahlte diese Zerreißprobe mit dem Leben. Das Auftauchen von HIV hätte einen offeneren Umgang der Gesellschaft verlangt, aber das Gegenteil war geschehen: Die Krankheit hatte die heimlich schwul lebenden Männer nur immer tiefer in die Ausweglosigkeit getrieben.

Es überrascht mich selbst, was eine simple Frage und der nasale Tonfall, in dem sie gestellt worden war, für Gedankengänge in mir angestoßen hatten. Vor lauter Grübeln hatte ich vergessen, zu antworten.

Er sah mich an, regungslos, bis auf ein erneutes Schnuppern, das seine Nasenflügel zittern ließ. Ich meinte, Missbilligung in seinen Augen zu lesen.

»Nun?«, näselte er, sichtlich genervt darüber, dass er mich daran erinnern musste, dass seine Frage noch im Raum stand.

»Mein Name ist Meinhard Petri.« Auf der Suche nach einer Visitenkarte fummelte ich in der Manteltasche herum, bekam etwas zwischen die Finger und zog es mit Schwung hervor; meine Hand wedelte mit einem Hundertmarkschein vor seinem Gesicht herum. Ich stopfte den Schein fahrig zurück in die Tasche. »Entschuldigen Sie, ich habe wohl keine Visitenkarte dabei. Ich bin Anwalt und suche Sie im Auftrag eines Klienten auf. Es geht um Herrn Ratstetter.«

Das Hochnäsige fiel aus der Mimik des Mannes. Die Nasenflügel zuckten nun deutlich sichtbar, und ich hätte schwören können, dass seine Augen glasig wurden.

»Was ist mit ihm?«, fragte er und machte einen halben Schritt zurück.

»Er hatte sich bei meinem Mandanten eine nicht unerhebliche Summe geliehen.«

Der Mann war blass geworden. Unvermittelt liefen ihm Tränen über die Wangen. Er rutschte auf seinen Mokassins hinter den Tresen und zog einen Karton Taschentücher hervor, aus dem er einige davon zupfte, um sich das nasse Gesicht abzutupfen.

»Oh bitte!« Übertrieben theatralisch wedelte er das Tuch durch die Luft. »Wie viel soll ich denn noch ertragen?« Seine Stimme glich jetzt der eines kleinen Mädchens.

Ich war einigermaßen ratlos angesichts dieses unerwarteten Ausbruchs. Unbeholfen trat ich auf ihn zu, er wich zurück.

»Ich habe kein Geld mehr und bin blank bis auf die Knochen. Dabei mache ich schon, was ich kann. Sandro war ein Naturtalent, was die Galerie angeht. Ich bin einfach nicht so … so weltgewandt wie er.«

Beschwichtigend senkte ich die Handflächen. »Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich will kein Geld bei Ihnen eintreiben.«

Das folgende Ausatmen begleitete ein erleichtertes Seufzen.

»Darf ich Ihren Namen erfahren und in welchem Verhältnis Sie zu Herrn Ratstetter standen?« Ich hatte eine Vermutung, aber ich wollte es von ihm hören.

»Mein Name ist Dieter Gehrmann. Herr Ratstetter war mein Partner. Also nicht nur geschäftlich. Er hat mir die Galerie vermacht. Und alle seine Verpflichtungen. Ich bin am Ende meiner Kräfte angelangt. Hätte ich geahnt, auf was ich mich einlasse, hätte ich abgelehnt, auch wenn noch so viel Herzblut darin steckt.«

»Sie hatten keine Ahnung, dass er Schulden hatte?«

Er schüttelte den Kopf und schnäuzte sich die Nase.

»Also wissen Sie nicht, wofür er das Geld gebraucht hat, das er sich geliehen hat?«

»Nein, absolut nicht. Alles, was mit Papierkram zu tun hatte, habe ich ihm überlassen. Und jetzt weiß ich nicht ein noch aus.«

»Ich versichere Ihnen, dass ich kein Geld von Ihnen zurückverlangen werde, doch es ist mir überaus wichtig herauszufinden, wofür das Geld meines Mandanten verwendet wurde.«

»Wieso?«

Ich überlegte einen Augenblick. Dem Mann musste ich nichts vorspielen, er war mindestens genauso am Boden wie ich. »Herr Scharpinsky hat einer Reihe von Personen Geld geliehen. Neben Herrn Ratstetter sind noch weitere davon verstorben. Sie verstehen sicher, dass er versucht, einen Zusammenhang zu erkennen.«

»Scharpinsky? Mein Gott.«

Es überraschte mich immer wieder, in welchen Kreisen Sharp ein Begriff war, aber natürlich war jeder, der sich auch nur sporadisch in Kassels dunklen Ecken herumdrückte, schon einmal durch sein Revier gelaufen.

»Gäbe es eine Möglichkeit, Herrn Ratstetters Unterlagen zu sichten? Vielleicht finde ich etwas von Bedeutung. Ich versichere Ihnen, Ihr Name wird bei keiner Gelegenheit fallen.«

Er machte ein bitteres Geräusch. »Sharp hat doch halb Kassel an den Eiern. Der weiß mehr über mich als meine Mutter.«

Ehrlich gesagt verschlug mir dieser plötzliche Tonartwechsel einigermaßen die Sprache. Sogar das Näseln war verschwunden. Der Gedanke lag nahe, dass Gehrmann und sein Partner sich mit einer Gruppe eingelassen hatten, die in wechselnden Privathäusern »Schnee-Partys« ausrichtete. Was das Koks anging, war ich ziemlich sicher, dass Sharp seine Finger im Spiel hatte. Er belieferte sämtliche Gesellschaftsschichten mit illegalen Substanzen nach deren Gusto, und in dieser Liga gab man sich nicht mit Heroin ab. Mit einem Mal fand ich mich selbst gar nicht mehr so schäbig.

Gehrmann hatte mir beim Denken zugesehen. Er ahnte wohl, dass seine letzte Bemerkung einige meiner Vorurteile an die Oberfläche gespült hatte, und schien keinen Grund zu erkennen, länger die Fassade aufrechtzuerhalten. »Es wird sich heute ohnehin niemand mehr hierher verirren. Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Wohnung.«

Das ging für meinen Geschmack beinahe zu leicht.

Nachdem Gehrmann die Eingangstür der Galerie zugeschlossen hatte, führte er mich durch die Ausstellungsräume zu einem Hinterausgang, der in ein gediegenes Jugendstiltreppenhaus mündete.

Zwei Geschosse höher öffnete er die Tür zu einer Wohnung, die genau der Hollywoodschablone von Wohnräumen eines schwulen Pärchens entsprach. Glänzendes Edelholzparkett, hohe Decken mit Stuck, helle Wände mit großformatigen Gemälden, wohlplatzierte teure Teppiche, gekonnt inszenierte Designermöbel im Wechselspiel mit kostbaren Antiquitäten und mittendrin: eine weiße Perserkatze, die leise schnurrend über das Parkett schlich.

Gehrmann führte mich durch diese Klischeelandschaft in ein Zimmer, das aussah, als sei es aus einer anderen Wohnung in diese verpflanzt worden. Die Regale quollen über von Aktenordnern und etliche stapelten sich auf dem Boden. Der Schreibtisch war ähnlich vollgehäuft wie der in meiner Kanzlei.

Während ich vortrat und das Chaos auf mich wirken ließ, blieb Gehrmann im Türrahmen stehen.

»Tut mir leid«, sagte er. »Ich hatte Ihnen gesagt, dass ich überfordert bin. Sandro hat immer alles schön in Ordnung gehalten. Die Polizei hat diese Unordnung hinterlassen, nun bin ich froh, wenn ich die Papiere für den Steuerberater noch zusammenbekomme.«

»Die Polizei hat seine Unterlagen durchsucht?«

»Ein kleiner muskelbepackter Kommissar war hier. Der Typ hat ein Feingefühl wie eine Dampfwalze.«

»War er allein?« Wieder kein Wort über Kommissar Frank. Allmählich machte mich dessen Abwesenheit in diesem Fall neugierig. Dass er sich tatsächlich in den Innendienst hatte versetzen lassen, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

»Ja, er war allein. Er hoffte, es könne irgendwo ein Abschiedsbrief rumliegen. Fehlanzeige. Leider hat er bei der Gelegenheit das unsägliche Testament gefunden, das mich in diese Lage gebracht hat.«

Sachs hatte also bereits alles durchforstet. Meine Hoffnung schwand, hier auf relevante Informationen zu stoßen. »Wurde etwas mitgenommen?«

Gehrmann schüttelte den Kopf und die Hoffnung kehrte zurück. Offenbar gab es nicht den geringsten Anhaltspunkt, dass es sich beim Tod des Galeristen nicht um Suizid handelte. Vermutlich würde es nach den neuesten Entwicklungen nicht allzu lange dauern, bis Sachs wieder bei Gehrmann vor der Tür stünde. Sharp hatte mich gerade zum richtigen Zeitpunkt auf die Sache angesetzt, um der Kripo einen entscheidenden Schritt voraus zu sein.

Das Chaos, das Sachs hinterlassen hatte, machte mich dennoch ratlos. »Haben Sie eine Ahnung, wo Herr Rat­stetter Unterlagen mit den Geldgeschäften aufbewahrte?«

»Alle Ordner, die er vor seinem Tod angelegt hat, sind ordentlich beschriftet. Versuchen Sie Ihr Glück.«

Plötzlich hatte ich das Gefühl, mir diese Frage erlauben zu dürfen. »Passten die Umstände seines Suizids zu ihm?«

Gehrmann sah aus, als wäre er umgefallen, wenn er nicht vom Türrahmen, an dem er lehnte, daran gehindert worden wäre. »Er … er hat sich öfter ein Hotelzimmer genommen. Die Kripo hat eine Flasche Schampus gefunden, offenbar hatte er Sex mit jemandem, der nicht mehr aufzufinden war. Anschließend hat er sich mit einer Überdosis Koks getötet.«

»Und wenn die Überdosis ein Unfall war? Ich meine, hat er jemals derartige Absichten geäußert?«

»Sandro war ein Künstler. Das heißt, nein, er hätte gern einer sein wollen. Hat das Studium der bildenden Kunst abgebrochen und ist in die Kunsthistorie gewechselt. Man hatte ihm ohne Gnade zu verstehen gegeben, dass er kein Talent besitzt. Das hat er nie verwunden. Der Umgang mit den Künstlern in der Galerie war eher ein schwacher Trost. Er war immer so tapfer. Hat sich nie etwas anmerken lassen. Es ist schon möglich, dass es ihn hinterrücks wieder eingeholt hat. Kann passieren, wenn man einen ganz großen Traum an den Nagel hängen muss, nicht wahr?«

Er warf mir einen Blick zu, als ob dieser rhetorische Nachsatz mir galt. Als ob ich wissen müsste, wovon er sprach. Ich wusste es. Allmählich wurde es mir ungeheuer, dass ich mich jedes Mal, wenn ich einen von Sharps Liste aufsuchte, durchschaut fühlte.

»Ich lasse Sie besser allein. Ich ertrage es nicht, dass jemand in Sandros Papieren wühlt, aber tun Sie sich keinen Zwang an. Sie werden kaum unordentlich machen können, was schon im Chaos versunken ist. Vielleicht werden Sie fündig.« Er seufzte tief, fischte die Perserkatze, die sich durch seine Beine in den Raum gestohlen hatte, vom Boden und drückte sie sich an die Brust. »Ich bin in der Küche. Wenn Sie fertig sind, finden Sie mich dort.«

Ich wartete, bis er aus der Tür verschwunden war, dann verschaffte ich mir einen Überblick. Auf dem Schreibtisch lagen ausschließlich Papiere neueren Datums. Ich stellte mir vor, wie die Platte am Todestag von Sandro Ratstetter blank und ordentlich gewesen war, das Drumherum passte einfach nicht zu der Unordnung. Im Köcher waren die Stifte nach Farben sortiert, daneben standen ein Locher und ein Tacker wie mit dem Lineal ausgerichtet. Die Kurzwahltasten des Telefons waren sorgfältig beschriftet: Galerie, Mama, Dr. Frenzel und Gil’s. An der Wand hingen in gleichmäßigen Abständen Fotografien von wilden Feierlichkeiten. Sandro Ratstetter war vielleicht ordentlich, wenn nicht sogar pedantisch, ein Kind von Traurigkeit war er offensichtlich nicht gewesen.

Den Schreibtisch konnte ich vergessen. Wenn hier etwas zu finden gewesen wäre, hätte Sachs es mitgenommen. Also widmete ich mich den Regalen und überflog die Rückenschilder der Aktenordner. Versicherungen, Krankenkasse, Urlaub. An der Beschriftung »Alte Steuerbelege« blieb ich hängen. Wenn ich es darauf anlegte, dass ein Partner, der für Buchhaltung nichts übrighatte, eine Sache nicht zu Gesicht bekäme, würde ich sie in genau diesem Ordner verstecken. Ich zog ihn heraus. Nach einigem Blättern wurde ich fündig. Zwischen dem, was darin zu erwarten gewesen war, war ein weißes Blatt eingeheftet, auf dem handschriftlich »150.000 Mark« vermerkt war, daneben eine Telefonnummer und der Name »Ralf«. Ich nahm das Blatt aus dem Ordner. Woher ich die Gewissheit hatte, selbst dann nicht mehr zu finden, wenn ich das ganze Zimmer auf den Kopf stellte, konnte ich nicht sagen, aber ich war sicher, dass ich wegen genau dieser Notiz hergekommen war.

Ich begab mich auf die Suche nach der Küche.

Dieter Gehrmann guckte erstaunt. »Das ging schnell.«

»Ihr Partner hatte einen ausgeprägten Sinn für Ordnung.«

»Ja, das hatte er. Manchmal glaubte ich, eine Beziehung mit zwei unterschiedlichen Menschen zu führen.« Er ging an mir vorbei auf den Flur. »Ich will Ihnen etwas zeigen.«

Mit gekrümmtem Zeigefinger machte er deutlich, dass ich ihm folgen solle.

11

Ein paar Schritte an der frischen Luft waren genau das, was ich jetzt brauchte, außerdem hatte ich noch eine halbe Stunde Zeit, bis Matts Lokal öffnete. Zwar knurrte mein Magen, aber ich würde es so lange noch aushalten.

Nachdem ich den Ford vor meiner Wohnung geparkt hatte, ging ich die wenigen Straßenzüge bis zur Pizzeria zu Fuß. Der Wind pfiff um die Häuserecken und blies den Muff aus den Straßen. Ich hatte den Kragen hochgeschlagen und die Hände in den Manteltaschen vergraben. In der einen fühlte ich den doppelt geknickten Zettel mit einer mir unbekannten Telefonnummer, in der anderen Sharps 100-Mark-Schein. Unwillkürlich begannen meine Finger, den Schein zu liebkosen. Ich beschleunigte meine Schritte und hielt den Blick auf den Asphalt gerichtet. Bloß nicht schwach werden. Durchhalten, bis Matt aufsperrte.

Sein Lokal war eines der wenigen, in denen keine Spielautomaten hingen. Nicht mehr. Matt hatte die Automaten abmontieren lassen, als die Wände einen neuen Anstrich gebrauch hatten. Danach waren die blinkenden, pfeifenden Kisten nicht wieder aufgetaucht. Dabei entging Matt ein gutes Geschäft. In den anderen Spelunken saßen die Spieler oft bis zur Sperrstunde und tranken ein Bier nach dem anderen. Matt hatte behauptet, dass er das Gedudel nicht mochte, insgeheim wusste ich, dass er es wegen mir getan hatte.

Mir spukte die Szene durch den Kopf, die sich in der Wohnung von Dieter Gehrmann ereignet hatte. Er hatte mich in ein Zimmer geführt, in dem es nach Ölfarbe und Terpentin roch. An den Wänden stapelten sich Leinwände in allen Größen, auf einer Staffelei stand ein halbfertiges Gemälde. Ich war sicherlich kein Kunstkenner, doch was ich sah, gefiel mir. Da hatte jemand – vermutlich Sandro Ratstetter – Gefühl für Farbe bewiesen. Diese war zu abstrakten Verschnürungen auf die Leinwand gebannt worden, unterbrochen von schwarzen Strichen, die sich wie Schnitte durch die farbenfrohen Hintergründe zogen.

»Diese Bilder«, sagte Gehrmann, »hätten es niemals in seine eigene Galerie geschafft. Er arbeitete an manchen Tagen wie ein Besessener, aber selbst seinem eigenen kritischen Auge wurde er nicht gerecht. Ich glaube, es gibt genug unsensible Idioten, die überhaupt keine Ahnung haben, was sie mit der Seele eines Menschen anstellen, wenn sie solch ein Urteil fällen wie sein Kunstprofessor seinerzeit.«

»Wie lange ist das her?«, wollte ich wissen.

»Ein halbes Leben. Sandro war 42, als er starb. Er hat es immerhin 20 Jahre lang ausgehalten, mit seiner eigenen Unzulänglichkeit täglich einen Kampf zu führen.«

Gehrmann wirkte in diesem Augenblick älter, als er vermutlich war. Ich schätzte ihn auf Ende 50, Ratstetter war also um einiges jünger gewesen. Die ewige Suche nach dem guten Vater, dachte ich. Selbst das hatte die Wunden nicht heilen lassen. Ich schaute auf das halbfertige Gemälde und war es plötzlich leid, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, warum sich jemand seinem Dämon geschlagen gab. Also hatte ich mich eilig verabschiedet und Gehrmann zuvor noch versprochen, ihn auf dem Laufenden zu halten.

Die Dämonen. Selbst ein Gang durch den beginnenden Nieselregen konnte sie nicht abschütteln. Nun musste ich nur noch zehn Minuten durch die Straßen wandern. 600 ewige Sekunden, wenn ein Hunderter in der Tasche und an jeder Ecke eine Spielhölle locken. Ich biss die Zähne zusammen. »Na los, Meinhard«, sagte ich zu mir selbst, »hast deine Neugier schon im Zaum gehalten und nicht sofort die Nummer angerufen, die auf dem Zettel steht. Da schaffst du auch die zehn läppischen Minuten.«

Ich schaffte es nicht.

12 Azrael

Ich hatte Latexhandschuhe übergezogen und eine Auswahl Glückwunschkarten vor mir auf dem Küchentisch ausgebreitet. Während der entkorkte Bordeaux atmete, grübelte ich, welches Motiv wohl geeignet war, um die Partie mit dem Anwalt zu eröffnen, und ließ die Ereignisse der letzten Stunden an mir vorüberziehen.

Ich hatte mich über ihn erkundigt. Vor über einem Jahr war er von einer netten Neubausiedlung in die Nordstadt gezogen. Das sprach Bände. Ich hatte mir angesehen, was er zurückgelassen hatte: Auf dem Klingelschild seines ehemaligen Hauses stand noch der Name »Petri«. Eine hochgewachsene blonde Frau hatte einen Volvo aus der Einfahrt gefahren, in den sie vorher zwei kleine Kinder gesetzt hatte, die dem Anwalt ähnlich sahen. Ich war gespannt, ob die drei in meinem Plan noch eine Rolle spielen würden.

Seine Kanzlei hatte der Anwalt ebenfalls verlegen müssen. Von einer angesehenen Adresse in der Wilhelmsstraße zog man nicht unterhalb des Königsplatzes, wenn man gehobene Mandantschaft beriet. Es musste einiges in seinem Leben schiefgelaufen sein, und jetzt wollte ich unbedingt wissen, was.

Ich hatte einen Parkplatz mit Blick auf seine Wohnungstür ergattert und wartete im Wagen auf seine Heimkehr. Wenn ich richtig lag, hatte er Scharpinskys Auftrag angenommen und die Hinterbliebenen der lieben Verstorbenen aufgesucht. Ob es ihn wohl überrascht hatte, im Fall von Ratstetter keine Witwe anzutreffen, sondern Gehrmann? Die beiden Männer erfüllten jedes Klischee eines homosexuellen Paares, und doch war es nicht allein Rat­stetters promiskuitives Sexualleben, das ihm einen Platz auf meiner Liste gesichert hatte. Es war die schäbige Art, wie er seine Mutter abserviert hatte. Die Frau hatte große Stücke auf ihn gehalten, weiß der Teufel warum. Sie hatte ihm die Galerie finanziert und ihn bei Flauten immer wieder den Arsch gerettet. Und statt die betagte Dame zum Dank in einem angemessenen Alterswohnsitz unterzubringen, hatte Ratstetter sie in eines der miserabelsten Pflegeheime abgeschoben und sie seither kein einziges Mal besucht. Als sie ihm nicht mal einen Pfennig des Geldes, das er von Sharp erhalten hatte, wert gewesen war, war sein Todesurteil besiegelt gewesen.

Endlich hatte der Anwalt seine Rostlaube in eine Parkbucht in meiner Sichtweite gelenkt. Statt in seine Wohnung zu gehen, war er durch die Straßen gestreift und ich war ihm gefolgt. Er hatte fahrig gewirkt, häufig das Tempo gewechselt, sich immer wieder in die Manteltasche gegriffen, als wollte er sich vergewissern, dass ihr Inhalt noch da war. Als er kurz gestoppt hatte und dann in einer Spielhölle verschwunden war, hatte ich genug gesehen.

Ich goss mir von dem Bordeaux ein und ließ den Finger über die Karten wandern. Der kluge Spruch der Peanuts schien mir genau der richtige zu sein, um erste Verwirrung zu stiften und den Anwalt aus der Reserve zu locken. Nach dem, was ich über ihn zu wissen glaubte, schien mir das keine allzu große Herausforderung zu werden. Aber etwas sagte mir, dass ich mich in Bezug auf ihn auch irren konnte.

13

Als ich nach gut einer Stunde endlich das Vesuvio betrat, war der Hunger verschwunden und der Hunderter passé. Ich konnte von Glück sagen, dass die übrigen Scheine in der Schublade in der Kanzlei lagen.

Matt war nirgendwo zu entdecken. Aus der Küche drang lauter Streit. Nicht ungewöhnlich unter Sizilianern, doch dieser klang eher deutsch als italienisch – meiner Meinung nach ein gravierender Unterschied. Als ich Matt einmal darauf angesprochen hatte, dass er mittlerweile immer häufiger sehr deutsche Züge an den Tag legte, war er wütend geworden. Sehr deutsch wütend.

Ich wartete an der Theke. Nach fünf Minuten tauchte Matt mit hochrotem Gesicht auf. Er knurrte irgendwas von »Dumme Weibsbild« und warf sich das Handtuch über die Schulter, das er eben noch mit den Händen geknetet hatte, als sei diese Geste eine Demonstration dessen, was er am liebsten mit dem Hals seiner Gattin angestellt hätte.

»Was ist denn los?«, wollte ich wissen.

»Rosa sagt, die alte Herr musse ins Krankenhaus. Hat gehustet die ganze Nacht. Ich finde, wir mussen ihm so was nich mehr antun. Soll er doch husten. Rosa sagt, ich sei ein undankbarer Bastard. Dio mio, Papa steht mit die eine Bein im Grab, ach, was sage ich, mit die beide Beine. Was soll ich diese Greis jetzt noch in eine Krankenhaus schleifen?« Er hatte die Stimme erhoben und einige Gäste guckten schon.

Durch die Durchreiche tönte Rosettas Stimme: »Undankbarer Bastard, basta!«

Die Stimmung hier gefiel mir nicht. Nicht nach diesem Tag. Ich bat Matt, mir die übliche »Vierjahreszeiten ohne Peperoni« zum Mitnehmen zu machen.

Er brüllte die Bestellung in die Küche und setzte nach: »Ein bisschen pronto, wenn’s geht. Deine Anwalt hat Hunger.«

Der arme Matt würde die kommende Nacht bestimmt auf dem Sofa verbringen müssen, das konnte selbst ich nicht mehr verhindern. Um den beiden noch länger beim Streiten zuzusehen, fehlte mir die Geduld, und zum Schlichten die Nerven.

Matt stellte mir ein Glas Rotwein hin. Als ich es hob, bemerkte ich, dass meine Hand zitterte. Das Zittern hatte vor ein paar Monaten angefangen. Es tauchte immer dann auf, wenn das Geld am Spieltisch zur Neige ging, und hielt in der Regel einige Stunden lang an, nachdem ich die Spielhölle verlassen hatte.

Natürlich fiel es Matt auf. »Wann du hast das letzte Mal was gegessen?«

»Ich kann gut auf mich aufpassen, danke, Matt.«

»Ach ja? Du siehs aus wie auf Turkey. Guck dich doch mal an. Wenn du gehst so für Sharp kundschaften, musse dich nich wundern, dass die Leute dir nichts erzählen.«

Matts sizilianisches Gemüt pegelte immer noch im roten Bereich. In dieser Situation mit ihm zu argumentieren, würde unweigerlich in Streit enden, und das war das Letzte, was ich gebrauchen konnte. Also schluckte ich eine Antwort herunter und spülte mit einem großen Schluck Rotwein nach.

»Willst du nich doch hier essen?« Offensichtlich tat es ihm leid, dass er mir die Wahrheit so ins Gesicht geknallt hatte.

Ich lehnte ab. »Muss noch ein bisschen arbeiten. Wegen Sharp ist alles andere liegengeblieben.«

Rosettas Gesicht tauchte über einem flachen Pappkarton in der Durchreiche auf. »Mit viele Liebe gemacht, meine Anwalt.« Sie warf Matt einen giftigen Blick zu und zog sich wieder zurück.

»Was bekommst du?«, fragte ich, obwohl ich wusste, dass ich keinen Pfennig in der Tasche hatte.

»Geh nach Hause, iss die Pizza und trink das.« Er stellte eine Flasche Rotwein auf den Tresen. »Und dann, denk mal druber nach, wer von uns beide wohl eine Grund hätte, die Kopf in die eigene Arsch zu stecken.«

Ich liebte es, wenn Matt auf seine Weise die Dinge auf den Punkt brachte.

Wenig später wanderte ich den Weg zurück durch die grauen Straßen. Mit leeren Taschen und einer Pizza, die kalt zu werden drohte, war die Gefahr gering, einen Umweg über einen Laden mit einer lachenden Sonne auf der blickdicht verklebten Schaufensterfront zu machen.

Tatsächlich schaffte ich es bis zu meiner Wohnung ohne weitere Zwischenfälle. Sogar die Prostituierten, die aus ihren Löchern krochen, sobald sie Schritte auf Asphalt hörten, drehten auf halber Strecke ab, als sie den Pizzakarton in meiner Hand entdeckten. Die waren wie Vampire in der Dämmerung. Bunt angemalt, in neonfarbene Pellen verpackt, die Augen leer und tot. Manches Mal hegte ich den Verdacht, sie würden zu Staub zerfallen, sollten sie von Sonnenstrahlen getroffen werden.

Ich zog den Weg vor, der so bald wie möglich von den belebten Straßen abbog.

Vor meiner Haustür hatte jemand eine Mülltonne angezündet. Es qualmte und stank bestialisch. Als ich die Haustür öffnete, sah ich, dass der Rauch in das Treppenhaus gezogen war. Er verfolgte mich bis in meine Wohnung im dritten Stock. Das Küchenfenster zur Straße aufzureißen würde den Gestank von verbranntem Plastik noch verstärken, das Wohnzimmerfenster in den Hof klemmte, also gewöhnte ich mich besser an den Geruch. Ich holte mir ein Glas und einen Korkenzieher aus der Küche und ging, die Pizza in der einen und die Weinflasche in der anderen Hand, in das Wohnzimmer. Im Zentrum des Raumes stand das, was zum Mittelpunkt meines Lebens geworden war – ein Fernseher.

Ich stellte das Essen auf einem Umzugskarton ab, der als Couchtisch diente, schaltete die Glotze ein und ließ mich in den Sessel fallen.

Die Vierjahreszeiten war wie immer vorzüglich, der Wein war sauer. Dennoch füllte das eine die Leere in meinem Magen, das andere das Vakuum in meinem Kopf, und das Geplapper aus der Kiste ließ mich vergessen, dass ich nicht nur allein, sondern einsam war. Es gab keinen Ort, an den ich gehen konnte, wenn im Fernsehen das Testbild lief und Matt geschlossen hatte. Keinen Ort, an dem ich nicht binnen kürzester Zeit die letzten Pfennige verzockt hätte.

Nachdem ich aufgegessen hatte und zwei Gläser Wein in meinem Bauch herumschwappten, kramte ich den Zettel mit der Telefonnummer hervor. 150.000 Mark. Vielleicht war es der Zweck dieser Investition gewesen, Rat­stetters Problem mit dem mangelnden Selbstbewusstsein zu lösen, doch so weit war es nicht gekommen. Stattdessen hatte sich sein Problem in einem tödlichen Rausch in Luft aufgelöst, genauso wie das von Levin im Badewasser. Ich schloss die Augen und stellte es mir vor. Das warme Wasser, die Müdigkeit, der Sog in ein Dunkel, das Wispern einer Stimme, die nur im eigenen Kopf existiert und dir verspricht, dass du dich nie wieder wie ein Stück Mist fühlen musst. Mir stießen die Pizza und der saure Wein auf. War es wirklich so einfach? Ein paar Pillen schlucken, sich in eine Badewanne legen und warten, dass alles ein Ende nahm? Warum quälte ich mich dann so? Die Tausender von Riva Levin aus der Schublade holen, nach Wilhelmshöhe fahren, ein Hotelzimmer im Schlosshotel nehmen, einen letzten schönen Abend im Kasino verbringen und zum Abschluss gabs ein heißes Bad. Das klang nach der Lösung all meiner Probleme und obendrein nach einem eleganten Abgang.

Mir fiel ein, was Gehrmann über Ratstetter gesagt hatte und Riva Levin über ihren Mann. Ein Dämon hatte ihnen im Genick gesessen und sich festgekrallt. Der Wein hinterließ ein bitteres Brennen in meiner Speiseröhre. Wenn die, die privilegiert waren, es schon nicht konnten, wie sollte ich es dann je schaffen? Vielleicht lag hier die Erklärung. Ich war dazu verdammt, zu überleben.

Noch mehr, als ich mich selbst ankotzte, kotzte mich das großspurige Geschwafel von Helmut Kohl in der Glotze an. »Halt doch einfach das Maul«, sagte ich zu ihm und drehte ihm den Ton ab.

Das Telefon war strategisch günstig direkt neben dem Sessel geparkt. Ich erinnerte mich nicht daran, dass es je geklingelt hatte, wenn ich zu Hause gewesen war. Und der Anrufbeantworter hatte bisher ausschließlich Nachrichten meines Vermieters aufgezeichnet, der die überfällige Miete anmahnte.

Manchmal, wenn ich vor dem Fernseher eingeschlafen war, wachte ich davon auf, dass es läutete. Schnell stellte ich jedes Mal fest, dass ich das Klingeln geträumt hatte. Trotzdem nahm ich den Hörer ab, in der Hoffnung, dass am anderen Ende ihre Stimme wäre. »Komm heim«, könnte sie sagen. Oder: »Die Kinder vermissen dich.« Aber in der Muschel tutete es immer nur, als wollte das Telefon mich verspotten.

Heute blinkte der Anrufbeantworter tatsächlich. Mit einem mulmigen Gefühl drückte ich auf »Play«. Lange Zeit war es still. Schließlich hörte ich eine dumpfe Stimme undeutlich murmeln: »Schade. Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen heute noch den Grund meines Anrufs verschweige. Die Angelegenheit kann ich nur mit Ihnen persönlich besprechen. Ich rufe wieder an.« Kein Name, kein Gruß, aufgelegt. Bestimmt einer von diesen Staubsaugervertretern. Ich hoffte, dass er sein Versprechen nicht einlöste, diese Typen konnten echt lästig werden.

Ich nahm den Telefonhörer ans Ohr und wählte die Nummer, die ich auf Ratstetters Notiz gefunden hatte. Da ich mir nicht zurechtgelegt hatte, was ich sagen würde, ließ ich die Dinge auf mich zukommen.

Eine Ansage vom Band ertönte. »Sie sind verbunden mit Knab Finanzservice. Leider rufen Sie außerhalb unserer Geschäftszeiten an. Morgen sind wir wieder ab 9 Uhr für Sie da. Dringende Nachrichten …« Da ich nichts auf das Band sprechen wollte, würgte ich die freundliche Frauenstimme am anderen Ende mitten im Satz ab.

Danach goss ich mir ein weiteres Glas ein, stellte den Ton am Fernseher wieder an, fand »Magnum« im ersten Programm und wartete darauf, dass der Schlaf mich holte.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
273 s. 6 illüstrasyon
ISBN:
9783839268865
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