Kitabı oku: «Quantitative Methoden kompakt»
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Dr. Nicole Burzan ist Professorin für Soziologie an der Technischen Universität Dortmund. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Soziale Ungleichheit, Methoden der Sozialforschung/Methodenverknüpfungen, Zeitsoziologie.
Nicole Burzan
Quantitative Methoden kompakt
UVK Verlagsgesellschaft mbH · Konstanz
mit UVK/Lucius · München
Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter www.utb-shop.de.
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
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© UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2015
Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Lektorat: Marit Borcherding, München
Druck: fgb · freiburger graphische betriebe, Freiburg
UVK Verlagsgesellschaft mbH
Schützenstr. 24 · D-78462 Konstanz
Tel.: 07531-9053-0 · Fax 07531-9053-98
www.uvk.de UTB-Band Nr. 3765
ISBN 978-3-8252-3765-3
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Inhalt
| 1 | Einleitung | ||
| 2 | Beispiele für quantitative empirische Studien | ||
| 2.1 | Die Moderne und ihre Vornamen | ||
| 2.1.1 | Forschungsfrage | ||
| 2.1.2 | Methoden | ||
| 2.1.3 | Ergebnisse | ||
| 2.2 | Klassenzugehörigkeit und Geschmack | ||
| 2.2.1 | Forschungsfrage | ||
| 2.2.2 | Methoden | ||
| 2.2.3 | Ergebnisse | ||
| 3 | Der quantitative Forschungsprozess: Logik und Forschungsschritte | ||
| 3.1 | Die Logik quantitativer Forschung | ||
| 3.2 | Forschungsschritte und Gütekriterien | ||
| 4 | Der Forschungsprozess mit verschiedenen Erhebungsinstrumenten | ||
| 4.1 | Vom Thema zur strukturierten Forschungsfrage | ||
| 4.1.1 | Das Forschungsdesign | ||
| 4.1.2 | Schritte der Präzisierungsphase | ||
| 4.1.3 | Zusammenfassung | ||
| 4.2 | Die Operationalisierungsphase | ||
| 4.3 | Die Inhaltsanalyse | ||
| 4.3.1 | Das Instrument und seine Anwendungsmöglichkeiten | ||
| 4.3.2 | Die Schritte einer quantitativen Inhaltsanalyse | ||
| 4.3.3 | Zusammenfassung | ||
| 4.4 | Die Beobachtung | ||
| 4.4.1 | Das Instrument und seine Anwendungsmöglichkeiten | ||
| 4.4.2 | Ein Anwendungsbeispiel | ||
| 4.4.3 | Zusammenfassung | ||
| 4.5 | Die Befragung | ||
| 4.5.1 | Ausgewählte methodische Entscheidungen bei einer Befragung | ||
| 4.5.2 | 4.5.3 | Zusammenfassung | |
| 4.6 | Die Sekundäranalyse empirischer Daten | ||
| 4.6.1 | Merkmale einer Sekundäranalyse | ||
| 4.6.2 | Beispiele für Quellen zur Sekundäranalyse | ||
| 4.6.3 | Herausforderungen einer Sekundäranalyse am Beispiel | ||
| 4.6.4 | Zusammenfassung | ||
| 4.7 | Methodenverknüpfungen | ||
| 5 | Auswahlverfahren | ||
| 5.1 | Zufallsauswahlverfahren | ||
| 5.1.1 | Einfache Zufallsauswahl | ||
| 5.1.2 | Komplexe Zufallsauswahlen | ||
| 5.2 | Nicht zufallsgesteuerte Auswahlverfahren | ||
| 5.3 | Die Auswahl von Befragten am Beispiel | ||
| 5.4 | Zusammenfassung des Vorgehens | ||
| 6 | Die Darstellung von Forschungsergebnissen: gelungen, fehlerhaft oder manipuliert? | ||
| 6.1 | Aufgaben und Teilbereiche der Statistik | ||
| 6.1.1 | Deskriptive Statistik | ||
| 6.1.2 | Induktive Statistik: Testen und Schätzen | ||
| 6.2 | Gefahren und Stolperfallen – zur Deutung von statistischen Ergebnissen | ||
| 6.2.1 | Häufigkeitstabellen | ||
| 6.2.2 | Grafische Darstellungen | ||
| 6.2.3 | Maßzahlen und weitere Aggregationen | ||
| 7 | Ausblick | ||
| 8 | Literatur | ||
| I | Allgemeine Literaturhinweise | ||
| II | Literatur, die im Text zitiert oder auf die verwiesen wird | ||
Abbildungs- und Tabellenverzeichnis
Sachregister
| 1 | Einleitung |
Methoden und Statistik – für viele Studienanfänger und Studienanfängerinnen1 ein Schreckgespenst, das sie möglichst schnell hinter sich lassen wollen. »Das ist so schwierig« ist noch das mildere Vorurteil gegenüber »das ist schrecklich trocken«. Die möglichst großräumige Umgehung der Methoden hat jedoch für Sozialwissenschaftler einen ähnlichen Effekt wie das Vermeiden von Tonleiterübungen bei Klavierspielern: Es fehlt ein wichtiges Werkzeug, um sich Qualifikationen anzueignen, um sich nicht zuletzt die Inhalte des Faches erschließen zu können. Denn so getrennt sind Inhalte und Methoden des Faches keinesfalls. Nicht im konkreten Forschungsfeld überprüfte theoretische Ansätze sind ebenso wenig ein wissenschaftliches Vorbild wie ein empirisches Vorgehen, das sich in keiner Phase mit theoretischen Konzepten auseinandersetzt. Und diese Verknüpfung von Inhalten und Methoden macht das Studium empirischer Werkzeuge dann auch interessanter, als es möglicherweise Tonleiterübungen sind.
Nun könnte man argumentieren, dass nicht alle Sozialwissenschaftlerinnen selbst empirisch forschen wollen bzw. müssen. Das ist sicherlich richtig. Dennoch benötigen sie die Kompetenz, empirische Ergebnisse und ihr Verhältnis zur Theorie erstens verstehen und zweitens kritisch beurteilen zu können. Ein möglicher positiver Nebeneffekt der Auseinandersetzung mit Methoden besteht darin, die negativen Vorurteile und auch einige ganz falsche Vorstellungen vom Vorgehen eines Forschers abzubauen. Solch eine Vorstellung besteht etwa darin, dass jemand, der eine Befragung plant, sich zunächst mit einem Blatt Papier hinsetzen und einen Fragebogen skizzieren würde – tatsächlich ist es so oder sollte es so sein, dass der Fragebogenentwicklung entscheidende Schritte vorausgehen, wie noch zu zeigen sein wird. Zentral ist jedoch, dies sei wiederholt, die kritische Lesekompetenz, die dieses Buch vermitteln möchte.
Um dieses Ziel zu erreichen, sind die einzelnen Abschnitte eng an Forschungsbeispiele gebunden. Dies gilt bereits für das zweite Kapitel, das zwei Beispiele für quantitative empirische Untersuchungen und speziell ihre Methoden vorstellt.
Das dritte Kapitel gibt einen Überblick über die Kennzeichen quantitativer Methoden und den Ablauf eines Forschungsprozesses nach dieser Forschungslogik. Dabei wird auch kurz eine Abgrenzung zu qualitativen Methoden vorgenommen.
Das vierte Kapitel stellt die Forschungsschritte bis zur Datenerhebung näher vor, dies auch konkret im Hinblick auf verschiedene Erhebungsinstrumente: die Inhaltsanalyse, die Beobachtung und die Befragung sowie die Sekundäranalyse als Sonderform. Dabei kommt zur Sprache, welche methodischen Probleme auftauchen können, die der Forscher zu lösen hat und auf die die Leser empirischer Ergebnisse achten sollten. Das Erhebungsinstrument der Inhaltsanalyse wird am Beispiel der Analyse von Kontaktanzeigen präsentiert, im Abschnitt zur Beobachtung geht es um das Verhalten von Museumsbesuchern. Die Befragung greift ein Forschungsprojekt zur Einbindung von Individuen in verschiedene Lebensbereiche auf, und die Sekundäranalyse wird anhand der Thematik einer potenziell verunsicherten Mittelschicht dargeboten. Einige Anmerkungen zu Möglichkeiten der Methodenverknüpfung schließen das Kapitel ab.
Im fünften Kapitel geht es um ein Element im Forschungsprozess, das unabhängig vom Erhebungsinstrument eine Entscheidung vom Forscher fordert: Die Auswahl der Forschungsteilnehmer oder Untersuchungsobjekte (z. B. Befragte für Interviews oder Zeitungsartikel für eine Inhaltsanalyse).
Das sechste Kapitel schließlich behandelt die Statistik, das Hilfsmittel schlechthin zur (quantitativen) Auswertung erhobener Daten. Dabei geht es nicht um statistische Verfahren im engeren Sinne, sondern nach einem Überblick über Aufgaben und Teilbereiche kommt es zur Diskussion ausgewählter Aspekte, die bei der Anwendung statistischer Verfahren sowie der Deutung und Darstellung statistischer Ergebnisse zu beachten sind. Diese Schwerpunktsetzung folgt damit konsequent der Zielsetzung, in erster Linie empirische Lesekompetenz zu vermitteln. Zur Vertiefung der Themen gibt es am Ende jedes Kapitels gezielte Literaturhinweise.
Dieses Buch zeichnet sich folglich dadurch aus, dass
man in kompakter Form einen Überblick über die Forschungsschritte von Untersuchungen mit quantitativen Methoden erhält,
anschauliche Beispiele aus der Forschungspraxis dabei sowohl die Verständlichkeit als auch die Reflexion typischer methodischer Probleme unterstützen, und
man mit großer Wahrscheinlichkeit nach der Lektüre des Buches Forschungsergebnisse, sei es in der Fachliteratur oder auch in Zeitungen und Zeitschriften, mit »methodischeren« Augen sehen wird als zuvor.
Ich danke Sonja Rothländer von UVK, Jennifer Eickelmann, Silke Kohrs und Stefanie Weber von der TU Dortmund für die kritische Durchsicht des Buches und schließlich Ronald Hitzler dafür, dass er meine methodische Perspektive nie zu selbstverständlich werden lässt.
| 1 | Im Folgenden wird mal die männliche, mal die weibliche Form für beide Geschlechter genutzt und damit der Anforderung auch an eine Fragebogenentwicklung nach größtmöglicher Verständlichkeit gefolgt. |
| 2 | Beispiele für quantitative empirische Studien |
Den beiden im Folgenden vorgestellten Studien ist gemeinsam, dass sie, mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung, ungleichheits- und kultursoziologische Ansätze miteinander verknüpfen: J. Gerhards untersucht, ob und wodurch sich längerfristig verändert, welche Vornamen Eltern ihren Kindern geben. P. Bourdieu fragt danach, ob Geschmack und Lebensstile heutzutage durch die soziale Klassenzugehörigkeit geprägt sind. Außerdem setzen beide Werke theoretische Konzepte empirisch um und überprüfen sie. Sie wurden aus dem nahezu unbegrenzten Pool an thematischen und theoretischen Ansätzen sowie konkret verwendeten Methoden unter anderem deshalb ausgewählt, weil sie die Anwendung der grundlegenden Erhebungsinstrumente illustrieren.
2.1 Die Moderne und ihre Vornamen
2.1.1 Forschungsfrage
Sagt es etwas über Eltern aus, ob sie ihr Kind Dörte oder Denise, Henry oder Benjamin nennen? Jürgen Gerhards nimmt dies an. Er geht davon aus, dass die Vornamensgebung und insbesondere der Wandel von Namensgebungen in den letzten 100 Jahren Prozesse kulturellen Wandels abbilden. Woran orientieren sich Eltern, wenn sie für ihr Kind einen Namen auswählen? Wenngleich Eltern selbst oft nur diffuse Gründe angeben können (z. B. der Name klinge schön), lassen sich im Zeitverlauf bei der Betrachtung vieler Namensgebungen doch bestimmte Trends ausmachen, von denen Gerhards einige näher in Augenschein nimmt: In welchem Maße etwa orientieren sich Eltern an Traditionen, z. B. aus der Religion, der Nation oder der Verwandtschaft und Familie? Sind Vornamen, obwohl ihre Wahl nicht vom Einkommen oder anderen materiellen Ressourcen abhängt, schichtspezifisch, oder haben sie sich individualisiert? Welche Rolle spielen Moden? Schlägt sich Globalisierung bei den Vornamen nieder? Auf welche Weise markieren Vornamen im Zeitverlauf das Geschlecht des Kindes?
Die Fragen deuten auf den kultursoziologischen Gehalt der Thematik hin: Vornamensgebungen im Zeitverlauf – so die These – zeigen einen kulturellen Wandel (oder auch Stabilität) an, da Eltern Namen nicht »zufällig« vergeben, sondern sich an bestimmten kulturellen Faktoren orientieren. Wenn ein Elternpaar seinem Kind etwa einen deutschen, angloamerikanischen oder christlichen Namen gibt, kann dies im Einzelnen viele Gründe oder auch keinen direkt angebbaren Grund haben. Wenn es aber bei der Betrachtung einer großen Zahl von Namensvergaben beispielsweise zwischen 1933 und 1942 zu einer besonderen Steigerungsrate bei der Wahl deutscher Namen kommt, liegt eine »Prägekraft kultureller Kontexte« nahe, die sich somit auch und gerade für »einen der privatesten Bereiche« zeigt (Gerhards 2003: 28).
Versucht man, die Forschungsfrage danach zu systematisieren, was der Forscher erklären will und welche erklärenden Faktoren er heranzieht (im methodischen Sprachgebrauch heißt dies: Welche ist die abhängige, welche die unabhängige Variable), könnte man sagen: Erklärt werden soll die Vornamensgebung als Zeichen kulturellen Wandels. Mögliche Erklärungsfaktoren sind kulturelle Orientierungen und Prägungen (und nicht allein individuelle Vorlieben unabhängig davon), die wiederum von anderen, unter anderem sozialstrukturellen Faktoren abhängen. Gerhards hat damit nicht allein einen beschreibenden Anspruch (Welche Namen kommen wie häufig vor?), sondern er möchte die Trends auch erklären. Er verbindet dabei – ein in der Soziologie generell wichtiger Aspekt – das Handeln von Akteuren (die »Mikro«-Ebene) mit gesellschaftlichen Strukturen (der »Makro«-Ebene). Allerdings findet diese Verknüpfung allein auf einer kollektiven bzw. aggregierten Ebene statt. Damit ist gemeint, dass Gerhards z. B. die Häufung deutscher Vornamen in den 1930er-Jahren auf das politische System zurückführt. Man weiß aber nicht, warum einzelne Eltern ihren Kindern einen bestimmten Vornamen gegeben haben, oder ob gerade Anhänger des NS-Regimes deutsche Namen bevorzugt haben. Ein anderes Beispiel: Dass Kinder ab dem Ende der 1950er-Jahre seltener den Vornamen ihrer Eltern erhalten, bringt Gerhards damit in Verbindung, dass weniger Familien in der Landwirtschaft tätig sind, eine Hofübergabe an das Kind, insbesondere den Sohn, also wegfällt und damit diese Art der Tradition nicht gewahrt werden muss. Gerhards führt selbst an, dass der zwischen beiden Faktoren bestehende statistische Zusammenhang nicht zwingend einen ursächlichen Zusammenhang bedeutet, doch »leider stehen uns … keine Daten zur Verfügung, die eine Überprüfung auf der Individualebene zuließen. Uns bleibt allein die Möglichkeit auf theoretischer Ebene zu argumentieren, warum unserer Ansicht nach die aufgezeigten statistischen Zusammenhänge auf der Kollektivebene auch auf der Individualebene gegeben sind« (Gerhards 2003: 97). Trotz der Beschränkung des erklärenden Anspruchs auf Plausibilität lässt sich festhalten, dass die Studie zumindest mehrere erste Erklärungsansätze dafür liefert, wodurch die Namensgebung beeinflusst ist, warum und wie sich also ein kultureller Wandel in diesem Bereich vollzieht.
2.1.2 Methoden
Als Erhebungsinstrument wählt Gerhards die Inhaltsanalyse. Dabei wertet er Geburtsregister von Standesämtern aus zwei deutschen Kleinstädten aus, zum einen aus dem überwiegend katholischen Gerolstein in Westdeutschland, zum anderen aus dem protestantischen, später eher konfessionslosen Grimma in Ostdeutschland. Die Auswahl von nur zwei Gemeinden sichert keine Verallgemeinerbarkeit, doch zieht der Autor zum Vergleich Forschungsergebnisse aus anderen Regionen heran. Sie zeigen ähnliche Trends, was die Reichweite bzw. Generalisierbarkeit der Ergebnisse Gerhards’ wiederum stärkt.
Was genau hat Gerhards nun erhoben? In einem vier- bzw. zweijährigen Abstand erfasste er jeweils die 100 ersten Geburten eines jeden Jahrgangs zwischen 1894 und 1994 bzw. 1998. Die Information zu jeder Geburt enthielt die Merkmale Geburtsdatum, Vorname(n), Geschlecht, außerdem von den Eltern die Vornamen, die Religionszugehörigkeit und den Beruf. Im Nachhinein ergänzte er dieses Raster durch den Kulturkreis, aus dem die Vornamen stammten, anhand von Namenshandbüchern; außerdem teilte er die Berufe in drei Gruppen ein (unqualifiziert, qualifiziert, hoch qualifiziert). Die Zuordnung zu einem Kulturkreis ist dabei nicht ganz unproblematisch. Ausschlaggebend war der zeitlich letzte Kulturkreis, so zählt etwa beim Namen Martin der Bezug zu dem Heiligen Martin, dem Bischof von Tours, nicht der lateinische Ursprung »Mars«. Dem liegt die (nicht bewiesene) Annahme zugrunde, dass der zeitlich letzte der für Eltern bekanntere oder jedenfalls bedeutsamere Kulturkreis ist.
Eine zusätzliche kleine Befragung von Müttern in Entbindungsstationen spielt in dem weiteren Forschungsbericht leider nur am Rande eine Rolle, so dass dieses Element einer »Mikro-Ebene« nachrangig bleibt.
Die erhobenen Merkmale bilden nun Hinweise (»Indikatoren«) für die Prüfung verschiedener Trends bei der Namensgebung. Die folgende Auflistung zeigt einige Beispiele auf (siehe Tab. 2.1).
Manchmal wären weitere Untersuchungen sowohl auf der Ebene der Fragestellungen als auch der Indikatoren denkbar, die zum Teil mit der vorliegenden Datenbasis nicht durchgeführt werden konnten, so gab es für die Prüfung der Facette Verwandtschaftsbeziehungen keine Informationen über die Namen der Großeltern und Paten. Es wurde ebenfalls nicht gefragt, ob Eltern mehrerer Kinder ihren »Vorlieben« treu blieben. Bei der Heterogenisierung wäre es bei entsprechender Datenbasis interessant gewesen, welcher Anteil der Eltern einen Namen aus den »Top 10« des (Vor-)Jahres wählt etc. Ebenfalls wäre zu überlegen, ob pro »Trend« nicht in einigen Fällen mehrere Indikatoren sinnvoll gewesen wären. Positiv ist hervorzuheben, dass der Autor in jedem Kapitel die Fragestellung und die Indikatoren klar benennt.
Tab. 2.1: Dimensionen und Indikatoren in der Studie von Gerhards
| Einfluss von | Indikator |
| religiösen Bindungen bzw. Säkularisierung | Anteil der christlichen Vornamen an der Gesamtmenge der Vornamen (laut Namenshandbuch) |
| nationaler Orientierung | Anteil der deutschen Vornamen an der Gesamtmenge der Vornamen |
| Verwandtschaftsbeziehungen | Anteil der Weitergabe der elterlichen Vornamen auf den Namen des Kindes an der Gesamtmenge der Vornamen |
| Individualisierung | Heterogenisierung, gemessen am Anteil unterschiedlicher Namen an der Gesamtzahl der Namen |
| Schichtspezifik | Anteil der Namen, die von allen Schichten vergeben wurden (ein zunehmender Anteil würde auf Entschichtung hinweisen). Schicht ist dabei operationalisiert als Berufe der Eltern2 |
| Globalisierung bzw. Transnationalisierung | Anteil nicht christlicher und nicht deutscher Namen bzw. Anteil der Namen aus romanischem und angloamerikanischem Kulturkreis |
Im zweiten Teil der jeweiligen Prüfungen zieht Gerhards weitere Merkmale hinzu, die nun nicht mehr aus der eigenen Erhebung, sondern aus der Literatur entnommenen Daten stammen, z. B. der erwähnte Rückgang der in der Landwirtschaft Tätigen. Diese Merkmale dienen der (heuristischen) Erklärung, warum z. B. die Eltern ihre eigenen Vornamen ab einem bestimmten Zeitpunkt seltener an die Kinder weitergeben.
2.1.3 Ergebnisse
Die Ergebnisdarstellung der Namensentwicklung erfolgt in erster Linie durch Kurvendiagramme wie dieses, teilweise auch weiter differenziert (z. B. eine Kurve pro Gemeinde) (siehe Abb. 2.1).
Abb. 2.1: Enttraditionalisierung (Entwicklung des Anteils deutscher und christlicher Namen)
Inhaltlich ergeben sich folgende Trends: Orientierungen an Traditionen auf der Basis von Religion, Staat und Verwandtschaft nehmen im Zeitverlauf ab. Dagegen spielt die Schichtzugehörigkeit weiterhin eine Rolle. Individualisierung gab es, doch ist sie bereits in den 1950er-Jahren abgeschlossen, was anderen theoretischen Ansätzen zu diesem Thema (z. B. Beck 1986) widerspricht. Man könnte hier weiter nachhaken: Vielleicht ist Heterogenität allein kein so guter Indikator. Oder hängt das Ende weiterer Heterogenisierung mit dem ebenfalls konstatierten zunehmenden Einfluss von Moden zusammen? Ohne näher auf die Inhalte von Individualisierung einzugehen, kann dieser Punkt hier nicht verfolgt werden, wichtig ist jedoch, dass die Leser aufgerufen sind, empirische Ergebnisse – ob sie plausibel erscheinen oder nicht – immer kritisch zu reflektieren. Zurück zu den Ergebnissen: Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es einen Anstieg der Namen aus einem anderen, insbesondere dem angloamerikanischen und romanischen Kulturkreis (übrigens auch in der DDR). Gerhards führt dies unter anderem auf den Einfluss des Fernsehens zurück. Als relativ wandlungsresistent erwiesen sich geschlechtsspezifische Unterschiede, etwa eine stärkere Traditionsgebundenheit bei Jungennamen. Als Erklärungsfaktoren für diese Entwicklungen nennt Gerhards unter anderem Veränderungen der Sozialstruktur (z. B. die Bildungsexpansion) und des politischen Systems.
Zusammengefasst zeigt Gerhards die Prägung des »Mikrophänomens« Vornamensgebung durch kulturelle Orientierungen und ihren Wandel anhand verschiedener Indikatoren auf. Er beschreibt nicht allein den Wandel der Vornamen in verschiedenen Hinsichten, sondern verknüpft diesen auch mit »plausibilisierenden« Erklärungen. Es gibt die oben geschilderten Einschränkungen sowohl des Erklärungsanspruchs als auch bezüglich methodischer Details. Diese Grenzen der Reichweite werden teilweise selbstreflexiv in der Studie genannt, zum Teil sind die Leserinnen aufgefordert und durch die systematische Darstellung auch in der Lage, selbst über die Grenzen der Aussagekraft nachzudenken.
2.2 Klassenzugehörigkeit und Geschmack
2.2.1 Forschungsfrage
Pierre Bourdieu hinterfragt die im Alltag geläufige Annahme, dass der Geschmack, z. B. bei der Kleidung, der Musik oder Möbeln, allein auf die individuellen Vorlieben zurückgeht und dass man mit seinem Geschmack einen ganz individuellen Lebensstil ausdrückt. Stattdessen geht er davon aus, dass die Klassenzugehörigkeit einen bestimmten Habitus, also eine Grundhaltung mit spezifischen Wahrnehmungsweisen und Handlungsmustern mit sich bringt, der wiederum auch den »individuellen« Geschmack prägt. Dies bedeutet nicht Determinismus, also dass etwa alle Angehörigen einer Klasse hundertprozentig übereinstimmende Vorlieben haben; der Habitus steckt eher einen typischen Rahmen ab. Diese Prägung muss den Einzelnen nicht bewusst sein, nichtsdestoweniger besteht dieser Zusammenhang – so die Theorie Bourdieus –, und somit ist der Einfluss sozialer Ungleichheiten auf alle Bereiche auch des Alltagslebens nach wie vor groß. Die »feinen Unterschiede« symbolisieren die »groben« sozialen Ungleichheiten. Dabei konzeptioniert Bourdieu die Klassenzugehörigkeit recht komplex, so spielen neben dem ökonomischen Kapital das kulturelle Kapital (Wissen, Bildungstitel, kulturelle Güter) sowie das soziale Kapital (die richtigen »connections«) eine wichtige Rolle. Die herrschenden Klassen haben dabei die Macht, ihre »Kultur« als die »legitime« zu definieren und sich durch ihren entsprechenden Lebensstil von den unteren Klassen abzugrenzen.
Die Untersuchung hat den Anspruch, ein theoretisches Konzept (das an dieser Stelle nur höchst verkürzt dargestellt wird, vgl. ausführlicher z. B. Burzan 2011: Kap. 6) zur sozialen Ungleichheit vorzulegen, das einerseits den fortbestehenden Einfluss sozialer Klassen aufzeigt, andererseits aber auch soziale Entwicklungen der letzten Jahrzehnte berücksichtigt, die zu mehr Differenzierung und Wahlfreiheiten für die Einzelnen geführt haben. Zudem verknüpft das Konzept wiederum eine strukturelle Makro-Ebene (die sozialen Klassen) durch den Habitus mit der Mikro-Handlungsebene (Lebensstil und Geschmack). Dieses theoretische Konzept untermauert Bourdieu durch eine empirische Untersuchung mit Daten, die er bereits in den 1960er-Jahren in Frankreich erhoben hat.
2.2.2 Methoden
Dabei kommt ein Methodenmix zum Einsatz: Zum einen wurden nach einer Vorerhebung mittels Intensivinterviews und Beobachtungen mehr als 1000 Personen mit einem standardisierten Fragebogen befragt, zum anderen hatten die Interviewer auch die Aufgabe, bestimmte standardisierte Beobachtungen durchzuführen, und schließlich zog Bourdieu zahlreiche Daten zur Sekundäranalyse (die Nutzung bereits existierender Datensätze) heran.
Im Einzelnen ging es in dem Fragebogen um Vorlieben bei der Wohnungseinrichtung, Kleidung, Musik, Küche, Lektüre, Film, Malerei, Radiosendungen etc. zur Erhebung des Lebensstils und Geschmacks, außerdem um Angaben zum Beruf, Einkommen und andere sozioökonomische und -demografische Angaben zur Erhebung der sozialen Position. Beispielsweise sollten die Befragten ihre Möbel einem Stil zuordnen (modern, antik oder rustikal) und Attribute für die Wunscheinrichtung vergeben (z. B. komfortabel oder pflegeleicht), ebenso dafür, wie sie sich am liebsten kleiden. Sie wurden dazu befragt, welche Art Bücher sie gern lesen bzw. welche Art Filme sie gern schauen, welche Filme aus einer Liste sie gesehen haben und welche Musikstücke sie kennen etc. Etwa die Hälfte der Befragten kam aus Paris, die andere aus der »Provinz«.
Die Beobachtung umfasste die Dimensionen Wohnverhältnisse, Kleidung, Frisur und Sprache (der Befragten), z. B. »Schuhe von Frauen: mit hohen Absätzen, mit flachen Absätzen, Hausschuhe« (vgl. Kap. 4.4).
Bei der Sekundäranalyse bezog Bourdieu sich unter anderem auf Daten des INSEE (»Institut national de la statistique et des études économiques«, es entspricht in etwa dem Statistischen Bundesamt) zu den Bereichen Haushaltseinkommen, Ausbildung und berufliche Qualifizierung, Lebensbedingungen und Verbrauch in Haushalten sowie Freizeitverhalten (eine Auflistung der Sekundärdaten befindet sich in Bourdieu 1982: Anhang II).
Bei der Auswertung verwendete Bourdieu neben anderen Verfahren wie der Erstellung von Kreuztabellen eine Methode, die seitdem mit dieser Arbeit oft eng verknüpft wird: die Korrespondenzanalyse. Charakteristisch ist hier eine grafische Darstellung in Form eines Koordinatensystems, bei dem räumlich nah beieinander liegende Merkmale auch tatsächliche Ähnlichkeiten und Zusammenhänge symbolisieren (genauer zur Anwendung und Interpretation s. Blasius 2001, Blasius/Georg 1992). Am Beispiel der Nahrungsmittel ließ sich etwa zeigen, dass gehobene Klassen eher Rind, Fisch und Obst, insgesamt feine und leichte Speisen bevorzugten, untere Klassen eher Wurstwaren, Schweinefleisch und Brot, insgesamt eher fette, schwerere Kost.
Bourdieu reflektiert auch die Grenzen seines methodischen Vorgehens (1982: Anhang I). So waren in der Auswahl der Befragten die Ober- und Mittelklassen gegenüber der Arbeiterklasse überrepräsentiert. Der Fragebogen konnte für die einzelnen Bereiche (z. B. Musik) jeweils nur wenige Fragen und dazu nur wenig über die Art und Weise von Praktiken enthalten (tut man etwas gelangweilt oder leidenschaftlich, demonstrativ oder unauffällig etc.?), und die Fragen der sekundäranalytisch untersuchten Befragungen passten oft nur unvollkommen zu Bourdieus eigener Fragestellung.
2.2.3 Ergebnisse
Bourdieu arbeitet drei soziale Klassen (mit Differenzierungen, von denen hier abgesehen wird) mit einem jeweils typischen Geschmack heraus:
Die herrschende Klasse hat den »legitimen Geschmack«, der sich durch Sinn für Abgrenzung (Distinktion) und teilweise durch Vorliebe für Luxusartikel auszeichnet.
Die Mittelklasse oder das Kleinbürgertum hat einen »prätentiösen« Geschmack und eifert den oberen Klassen nach (durch Kultur- und Bildungsbeflissenheit), ohne jemals deren Selbstsicherheit oder Gelassenheit erlangen zu können. Der Kleinbürger ist der typische Abnehmer von Massenkultur.
Der Notwendigkeitsgeschmack der unteren Klassen schließlich orientiert sich am Praktischen. Sie haben nicht etwa eine angeborene Unfähigkeit (z. B. der ästhetischen Wahrnehmung), ihnen fehlt vielmehr kulturelles und ökonomisches Kapital.
Ein Beispiel für die Ergebnisdarstellung einer Korrespondenzanalyse zur Veranschaulichung von Geschmacksrichtungen zeigt Abbildung 2.2. Es geht hier nicht darum, die Methode der Korrespondenzanalyse anhand der Grafik vollständig nachzuvollziehen, sondern darum, grobe Zuordnungen vornehmen zu können. Beispielsweise bevorzugen insbesondere Menschen mit hoher Kapitalausstattung Impressionisten, und vor allem jene, deren kulturelles Kapital tendenziell höher ist als ihr ökonomisches Kapital.
Sowohl Bourdieus theoretischer Ansatz als auch die empirische Untersuchung sind eingehend auch in Deutschland diskutiert worden. Im Rahmen der sozialen Ungleichheit, etwa bei der Erforschung von Bildungsbenachteiligungen, wird das Konzept nach wie vor herangezogen – unter anderem scheint es einige Schwächen anderer Ansätze zu umgehen –, jedoch andererseits nicht unkritisch betrachtet. Ob und wie die empirischen Ergebnisse auf Deutschland im 21. Jahrhundert übertragbar sind, ist eine eher offene und nicht einfach zu klärende Frage. Blasius und Winkler hatten 1989 eine bedingte Übertragbarkeit auf Deutschland konstatiert, bestimmte Milieuansätze (Vester et al. 2001) übernehmen Teile von Bourdieus Konzept, verschiedene empirische Untersuchungen sowohl etwa aus der Bildungssoziologie als auch aus der Netzwerkanalyse arbeiten mit den Konzepten z. B. des ökonomischen, kulturellen und/oder sozialen Kapitals.
Abb. 2.2: Varianten des herrschenden Geschmacks
Nach diesem ersten Einblick in die Anwendung quantitativer empirischer Methoden soll es im Folgenden um die Frage gehen, welche Forschungslogik und welcher Forschungsablauf für diese Methoden charakteristisch sind. Damit stehen im nächsten Kapitel die methodischen Prinzipien hinter den empirischen Untersuchungen im Zentrum der Aufmerksamkeit.
Literatur
Gerhards, Jürgen (2003): Die Moderne und ihre Vornamen. Eine Einladung in die Kultursoziologie, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag (2. Aufl. VS 2010).
Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 9. Aufl. der TB-Ausgabe 1997. (frz. Original 1979)
Übungsaufgabe
Recherchieren Sie weitere empirische Untersuchungen, die quantitative Methoden verwendet haben.
| 2 | Etwas unklar ist, welche Zuordnung gewählt wird, wenn Vater und Mutter nicht in der gleichen Schicht sind, eventuell der Beruf des Vaters (Gerhards 2003: 120). |
| 3 | Der quantitative Forschungsprozess: Logik und Forschungsschritte |
3.1 Die Logik quantitativer Forschung
Was ist das Charakteristische an der quantitativen Forschungstradition, die sich als einer der beiden Hauptstränge »quantitativer« und »qualitativer« Forschung herausgebildet hat und sich von der »anderen« Seite nicht selten strikt abgrenzt (wie auch umgekehrt)? Studienanfänger könnten hier spontan meinen, dass es um Zählen und Rechnen gehe. Wenn jemand mit Zahlen arbeitet, reine Häufigkeiten von etwas betrachtet, forsche er quantitativ, wenn er sich aber dann, in die Tiefe gehend, den Inhalten zuwende, sei er ein qualitativ Forschender. Diese Ansicht ist arg verkürzt, man könnte auch sagen: falsch Im Folgenden sollen demgegenüber die Charakteristika der quantitativen Forschung vorgestellt werden, die sich vor allem durch eine bestimmte Forschungslogik auszeichnen.
Das Ziel empirischer Forschung besteht ganz allgemein darin, Zusammenhänge zu beschreiben und zu erklären: Sind beispielsweise polnische Migrantinnen besser in den Arbeitsmarkt integriert als türkische? Forschende untersuchen solche Zusammenhänge mit quantitativen Methoden, indem sie herausarbeiten, welche Muster sich in vielen Fällen zeigen, die dann als Hinweis für Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge dienen. Wenn etwa in sehr vielen Fällen die Herkunft aus bestimmten Ländern und die Erfahrung von Arbeitslosigkeit miteinander einhergehen, nimmt man an, dass dieses Ergebnis nicht zufällig zustande gekommen ist, sondern dass bestimmte Merkmale (der Migrantinnen, des Arbeitsmarkts, der Personalrekrutierung etc.) für diesen Zusammenhang mitverantwortlich sind, was sich wiederum empirisch überprüfen lässt.
Die Basis der quantitativen Forschung besteht daher in möglichst vielen Untersuchungsfällen, um solche Muster zu erkennen und um möglichst allgemeine, für große Zielgruppen repräsentative Aussagen treffen zu können. Der Forscher will etwa nicht nur etwas über 300 Befragte aussagen, sondern über seine Zielgruppe, z. B. Migrantinnen in Deutschland, insgesamt (s. dazu Kap. 5).
Forschende gehen nach der quantitativen Forschungslogik dabei so vor, dass sie sich vor der Datenerhebung überlegen, welche Aspekte und welche Erklärungsfaktoren wichtig sind. Sie präzisieren und strukturieren ihre Forschungsfrage auf der Grundlage des bisherigen Forschungsstands, formulieren konkrete Fragestellungen und Hypothesen und entwickeln aus dieser Systematik heraus ein Erhebungsinstrument wie einen Fragebogen. Die erst dann erhobenen Daten werden im Anschluss so ausgewertet, dass man die Hypothesen überprüfen und daraus Schlussfolgerungen für die Forschungsfragen ziehen kann. Der Schwerpunkt liegt darin, theoretische Annahmen und Erklärungen an konkreten Forschungsgegenständen zu überprüfen, weniger darin, Theorien erst durch die empirische Arbeit im Forschungsfeld zu entwickeln.
Es ergibt sich ein vergleichsweise linearer Forschungsablauf, in dem bestimmte Schritte nach einem Regelgerüst nacheinander folgen. Dies bedeutet nicht, dass der Forscher keine methodischen Entscheidungen mehr zu treffen hätte, denn die allgemeinen Faustregeln müssen ja jeweils auf das Forschungsthema angewendet werden, wie Beispiele noch genauer zeigen werden.
Weiterhin sind die Datenerhebungsinstrumente standardisiert, das heißt, in einer Befragung sind die Fragen und ihre Reihenfolge sowie (meist) die Antwortmöglichkeiten vorgegeben; bei einer Beobachtung und Inhaltsanalyse werden die relevanten Informationen in ein vorab ausgearbeitetes Kategoriensystem eingetragen. Eine Interviewerin sollte also z. B. nicht spontan den Fragebogen an die von ihr vermutete Sprache des befragten Jugendlichen anpassen, ein Beobachter keine Kategorien durch andere ersetzen. Die Standardisierung soll die Vergleichbarkeit der Daten erhöhen, zu einer möglichst großen Objektivität des Vorgehens beitragen und schließlich im Fall von Befragungen den Teilnehmenden eine Antwort durch die Vorgabe von Aspekten und Antwortmöglichkeiten erleichtern.
Die Datenauswertung erfolgt typischerweise mit Hilfe statistischer Verfahren. Tabellen mit Prozentangaben, grafische Darstellungen, Mittelwerte und andere Maßzahlen gehören hierzu. Wichtig ist, dass der Forscher die Ergebnisse systematisch auf die zuvor erarbeiteten Hypothesen bezieht. Andernfalls ist die Gefahr eines ungewollten »Datenfriedhofs« mit vielen Detailinformationen ohne hinreichenden Bezug zur Fragestellung groß.
Dieses hypothesenprüfende Vorgehen folgt wissenschaftstheoretisch – das kann hier nur als kurzer Exkurs angedeutet werden – einer deduktiven Logik und dem damit verbundenen Falsifikationsprinzip des Kritischen Rationalismus. Der Forscher schließt deduktiv vom Allgemeinen, der Hypothese/Theorie, auf das Besondere, die Einzelfälle und nicht induktiv von Einzelfällen auf eine allgemeine Regel. In den Naturwissenschaften ist diese Logik weniger umstritten als in den Sozialwissenschaften, weil Forscher dort oft Gesetze aufstellen können: Äpfel fallen vom Baum auf den Boden aufgrund der Schwerkraft. Dabei kann der Forscher vom Gesetz auf jeden einzelnen Apfel schließen. Bei sozialen Phänomenen und Prozessen sind Zusammenhänge weniger deterministisch. Wenn etwa Frauen in der Regel eine längere Lebenserwartung als Männer haben, bedeutet das nicht, dass jede Frau länger lebt als ihr gleichaltriger Partner. Dennoch gilt die deduktive Logik als Prinzip der quantitativen Methoden: Der Forscher prüft eine allgemeine These an Einzelfällen. Die Empirie kann die These – ein methodisch sauberes Vorgehen vorausgesetzt – bestätigen. Oder sie kann sie widerlegen, »falsifizieren«. In diesem Fall muss der Forscher die Hypothese modifizieren. Wenn die These bestätigt wird, kann er sie unter »härteren« Bedingungen weiter testen, z. B. mit einem größeren Geltungskreis, etwa nicht nur in Bayern, sondern in Deutschland oder weltweit. Nach dem Ansatz des »Kritischen Rationalismus« (vgl. als klassischen Text Popper 2002 [1934]) lassen sich Hypothesen nicht verifizieren, d. h. als wahr beweisen, weil nie alle denkbaren Fälle, Orte und Zeitpunkte untersucht werden können. Für eine Falsifikation ist dagegen grundsätzlich nur ein einziger widersprüchlicher Fall notwendig. Zumindest kann der Forscher festlegen, wann die Hypothese als falsifiziert gilt, etwa wenn die Lebenserwartung von Frauen nicht »statistisch signifikant« höher ist als von Männern. Aus der Falsifikation von Theorien oder andererseits ihrer Bewährung lassen sich aus dieser Sicht eindeutigere Erkenntnisse gewinnen als aus einem Versuch der Verifikation.
Die folgende Tabelle fasst in der linken Spalte die Merkmale der quantitativen Forschungslogik nochmals zusammen. Es wird deutlich, dass diese Merkmale zwar auch den Umgang mit Zahlen beinhalten (z. B. durch die Anwendung statistischer Verfahren, Häufigkeitsverteilungen als Befunde), sich aber keineswegs darin erschöpfen.
Die rechte Spalte zeigt spiegelbildlich die Charakteristika qualitativer Forschungslogik, die in dieser Einführung nicht vertieft werden können (s. dazu z. B. Flick 2007, Przyborski/Wohlrab-Sahr 2013). Typisch dafür sind unter anderem nicht standardisierte Erhebungsinstrumente (offene Interviews in Gesprächsform, unstrukturierte Beobachtungen etc). Ein wichtiger Aspekt besteht darin, dass der Forscher offen an die Fragestellung herangeht. Dies bedeutet nicht, dass er gar nicht erst eine Fragestellung formulieren müsste. Aber er ist offen für Aspekte, die sich erst aus dem Material ergeben, die er nicht durch Vorab-Überlegungen bereits vor der Erhebung festgelegt hat. Entsprechend besteht ein häufiges Ziel qualitativer Verfahren darin, ein theoretisches Konzept zu entwickeln (nicht zu prüfen), das zugleich bereits auf empirische Daten bezogen ist. Damit streben auch qualitative Untersuchungen die Formulierung allgemeinerer theoretischer Aussagen an. Aufgrund der Forschungslogik und des konkreten Vorgehens verallgemeinern sie jedoch auf anderen Wegen als durch statistische Repräsentativität. Qualitative und quantitative Forschung unterscheiden sich nicht allein durch das methodische Vorgehen im engeren Sinne, sondern bereits durch methodologische bzw. erkenntnistheoretische Herangehensweisen, das heißt durch Grundannahmen, die die Methoden beeinflussen (z. B. Annahmen dazu, welche Rolle die Situation und generell der Kontext für Verhaltensweisen einnehmen und wie man sie berücksichtigt).
Tab. 3.1: Die Forschungslogik quantitativer und qualitativer Methoden
| Quantitative Methoden | Qualitative Methoden |
| Schwerpunkt: Beschreibung oder theoriegeleitete Erklärung | Schwerpunkt: Beschreibung oder Theorieentwicklung |
| Herausarbeitung von Mustern und Regelmäßigkeiten durch die Betrachtung vieler Fälle | Untersuchung von Zusammenhängen im Kontext jeweils von Einzelfällen bei eher wenigen Fällen |
| Eher linearer Forschungsablauf nach Regelgerüst; u. a. Klärung vor der Datenerhebung, was man wozu erhebt → Ergebnisse können Hypothesen oder Forschungsfragen zugeordnet werden | Eher nicht linearer Forschungsablauf; u. a. Offenheit für Aspekte, die sich während der Forschung ergeben, z. B. Prioritäten der Befragten oder Kontexteffekte |
| Trennung von Datenerhebung und Auswertung | Trennung dieser Schritte nicht unbedingt, auch Hin-und-Her-Bewegung möglich |
| Standardisierte Datenerhebung | Nicht standardisierte Datenerhebung |
| Auswertung oft mit statistischen Verfahren | Statistik untypisch (stattdessen z. B. hermeneutische Verfahren) |
| Meist statistische Repräsentativität angestrebt | Kein Anspruch auf Repräsentativität, Verallgemeinerung z. B. durch Typenbildung oder Erkennen einer allgemeinen Struktur am Einzelfall |
Oft wird eine Trennlinie nicht zwischen quantitativen und qualitativen Methoden gezogen, sondern präziser zwischen quantitativer/qualitativer Forschung einerseits und interpretativer Forschung andererseits. Letztere zeichnet sich dadurch aus, dass sie fallrekonstruktiv vorgeht, dass sie also Sinnzusammenhänge im Kontext am Einzelfall herausarbeitet und erst dann z. B. im Fallvergleich Typen konstruiert (vgl. z. B. die Beiträge in Mey/ Mruck 2014, insbesondere von Hans-Georg Soeffner und von Ronald Hitzler; Keller 2012).
Es geht dabei nicht darum, sich zu entscheiden, welche Forschungslogik man prinzipiell »besser« findet. Vertreter der Richtungen haben verschiedene Vorwürfe gegen die jeweils andere Richtung vorgetragen. So pauschal stimmen sie jedoch auf beiden Seiten nicht. Weder ist beispielsweise die qualitative bzw. die interpretative Forschung per se »lebensnäher« (bzw. in diesem Ziel erschöpft sich die Forschung nicht), noch ist die quantitative Forschung per se aussagekräftiger auf der Basis von Standardisierung und statistischer Repräsentativität. Somit ist keine Forschungsrichtung einer anderen grundsätzlich überlegen, sie haben zum einen ihre jeweiligen Anwendungsbereiche – je nach der Art der Forschungsfrage –, zum anderen gibt es unter Umständen Verknüpfungsmöglichkeiten verschiedener Vorgehensweisen (vgl. Kap. 4.7). Eine gute Kenntnis quantitativer, qualitativer und interpretativer Forschungslogiken ist daher eine sinnvolle Basis für eine methodologisch reflektierte und methodisch sauber vorgehende empirische Sozialforschung.
3.2 Forschungsschritte und Gütekriterien
In einer Übersicht sieht ein Ablaufschema der quantitativen Forschungsschritte so aus (siehe Tab. 3.2).
Diese Schritte werden in den folgenden Kapiteln näher, auch im Kontext der verschiedenen Erhebungsinstrumente und an Beispielen vorgestellt. Im Überblick lässt sich vorab sagen, dass Forschende in der Präzisierungsphase ausformulieren, was genau sie wissen wollen. Man erfindet dabei das Rad kaum neu, sondern stützt sich auf Fachliteratur zum Thema, um wichtige Dimensionen herauszuarbeiten, Begriffe zu konkretisieren und Hypothesen zu formulieren. In der Operationalisierungsphase hat die Forscherin daraufhin die Aufgabe, festzulegen, wie die präzisierten Sachverhalte gemessen bzw. wie die Forschungsfragen und Hypothesen in empirische Prozeduren übersetzt werden sollen. Eine Herausforderung besteht darin, den klaren roten Faden beizubehalten: Es geht nicht darum, welche Aspekte man zur groben Themenstellung potenziell erheben könnte, sondern wie sich die Hypothesen und konkreten Forschungsfragen ganz genau empirisch umsetzen lassen. Der Forscher reflektiert also im Idealfall seine methodischen Entscheidungen daraufhin, was er eigentlich wissen will und ob die methodischen Entscheidungen dazu beitragen. Am Ende dieses Schritts stehen ein anwendungsbereites Erhebungsinstrument und genaue Planungen dazu, wann, wo, bei wem, in welcher Situation das Instrument einzusetzen ist. Ein Pretest prüft die Praxistauglichkeit des Instruments, bevor es in der Haupterhebung bei einer größeren Zahl von Fällen eingesetzt wird. In der Phase der Auswertung und Interpretation werden die Befunde systematisch auf die Hypothesen, die Forschungsfrage insgesamt zurückbezogen und Schlussfolgerungen für einen Erkenntnisgewinn im Rahmen des bisherigen Forschungsstands gezogen. Eine empirische Untersuchung endet also keineswegs mit der statistischen Auswertung, sondern der Forscher bündelt die Ergebnisse und zieht Schlussfolgerungen, was er in verschiedenen Formen tun kann, etwa durch einen Forschungsbericht, Fachpublikationen, bei anwendungsorientierten Forschungen (z. B. der Evaluation neuer Arbeitszeitregelungen in Betrieben) etwa auch einschließlich praktischer Umsetzungsempfehlungen.
Tab. 3.2: Forschungsschritte der quantitativen Sozialforschung

Diese Linearität des Forschungsablaufs ist ein grundsätzliches Merkmal der quantitativen Forschung. Dennoch handelt es sich um ein idealtypisches Ablaufschema, das in der Praxis im Einzelnen auch durchbrochen wird. So wird ein Forscher schon früh damit beginnen, seinen Zugang zum Feld zu klären, nicht erst nach dem Abschluss des Pretests (erklären sich z. B. Unternehmen dazu bereit, dass man die Mitarbeitenden befragt, will der Betriebsrat den Fragebogen vorab sehen etc.). Und andererseits hindert den Forscher prinzipiell nichts daran, Auswertungen vorzunehmen – und so Hypothesenprüfungen zu ergänzen oder zu differenzieren –, die er nicht bereits vor oder spätestens während der Operationalisierung formuliert hatte. Dies funktioniert allerdings nur dann, wenn er die dafür notwendigen Daten auch erhoben hat.
Ein zentraler Punkt im gesamten Forschungsprozess besteht schließlich in der Beachtung von Gütekriterien. Der Forscher sollte empirisch so arbeiten, dass das methodische Vorgehen und die erzielten Ergebnisse einer kritischen Überprüfung standhalten. Dies wäre beispielweise nicht der Fall, wenn ein Forscher wichtige Dimensionen des Themas außen vor ließe (in der Präzisierungsphase), wenn er willkürlich einige Studierende zur Befragung auswählen, seine Ergebnisse dann aber für alle Studierenden in Deutschland verallgemeinern würde, oder wenn er suggestive Fragen formulieren und damit die späteren Antworten von Befragten beeinflussen würde (in der Operationalisierungsphase). Weiterhin wäre es eine Einschränkung, wenn bei Telefoninterviews nur diejenigen befragt würden, die beim ersten Kontaktversuch erreichbar waren (Erhebungsphase) oder wenn unangemessene statistische Verfahren genutzt oder spekulative Schlussfolgerungen gezogen würden (Auswertungsphase). »Fehler« können also in jeder Forschungsphase auftreten. Zugunsten möglichst »guter« empirischer Ergebnisse sollte der quantitativ vorgehende Forscher3 die folgenden Gütekriterien stets im Blick haben:
1. Gültigkeit (Validität): Gültig sind Ergebnisse dann, wenn man das gemessen hat, was man messen wollte. Dies bedeutet, dass man angemessene Indikatoren verwendet hat und dass das Instrument und die Erhebungssituation (z. B. die Anwesenheit Dritter bei einer Befragung) die Ergebnisse nicht systematisch verfälschen. Was »Indikatoren« sind, wird später (Kap. 4.2) genauer erläutert. Kurz gesagt zeigen sie den Sachverhalt, den man erheben will, direkt an. Beispielsweise könnte der »Schulabschluss« ein Indikator für die Dimension »Bildung« sein. Die Gültigkeit des Indikators »Note in der letzten Mathearbeit« für die Erfassung von »Bildung« wäre dagegen wohl nicht gegeben, weil allein Mathematikkenntnisse, die lediglich im Ergebnis der letzten Klassenarbeit zum Ausdruck kommen (die leicht oder schwer gewesen sein kann und bei der der Schüler einen guten oder schlechten Tag hatte) einen zu kleinen Teil der Dimension »Bildung« messen.
Teilweise werden verschiedene Arten von Gültigkeit (z. B. Inhalts-, Kriteriums- Konstruktvalidität) unterschieden (vgl. z. B. Diekmann 2007), die sich unter diese Grundbedeutung subsummieren lassen. Prüfen lässt sich Gültigkeit kaum durch bestimmte Verfahren, sondern nur durch die Hinterfragung des empirischen Vorgehens vor dem Hintergrund des theoretischen Konzepts der Forschungsfrage.
2. Zuverlässigkeit (Reliabilität): Bei wiederholter Anwendung des Instruments und des Messkonzepts sollte ein Forscher das gleiche Ergebnis erzielen; die Ergebnisse der Messung sind also zuverlässig, wenn sie reproduzierbar sind. Mit anderen Worten sind Befunde (z. B. Antworten bei einer Befragung) stabil unabhängig davon, wer gemessen hat, wann genau er gemessen und prinzipiell auch, mit welchem Instrument er gemessen hat.
So sollte es für die Ergebnisse keinen Unterschied machen, ob der Interviewer braune oder grüne Haare hat, jung oder alt ist, oder ob ein Beobachter eine Situation unter sonst gleichen Bedingungen dienstags oder mittwochs beobachtet hat. Ebenso sollte die gleiche Zahl herauskommen, wenn man jemanden fragt, wie viele Bücher er gerade aus der Universitätsbibliothek ausgeliehen hat oder dies mit seiner Zustimmung im Computersystem der Bibliothek recherchiert. Man will also Einstellungen oder typisches Verhalten und nicht unkontrollierte Situationseinflüsse bei der Erhebung messen.
Die Zuverlässigkeit eines Instruments lässt sich etwa dadurch testen, dass man – beispielsweise bei einer Beobachtung oder Inhaltsanalyse – verschiedene Personen (oder die gleiche Person zu verschiedenen Zeitpunkten) die gleiche Situation oder Quelle in ein Kategoriensystem eintragen lässt. Eine hohe Übereinstimmung spricht für die Zuverlässigkeit, man spricht auch von Inter- bzw. Intracoder-Reliabilität.
Es gibt einen wichtigen Zusammenhang von Zuverlässigkeit und Gültigkeit: Ein Ergebnis, das nicht zuverlässig ist, kann auch nicht gültig sein. Wenn das Ergebnis davon abhängt, dass Befragte einer jungen Frau andere Antworten zum Thema politische Einstellungen gegeben haben, als sie es gegenüber einem älteren Mann getan hätten, hat man eben nicht gemessen, was man messen wollte, und zwar die politischen Einstellungen. Andererseits ist ein zuverlässiges Ergebnis nicht zwingend gültig. Wenn eine Frage im Fragebogen suggestiv gestellt ist, kann man zuverlässig immer wieder verzerrte und damit ungültige Befunde erzielen. Somit ist Zuverlässigkeit eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für Gültigkeit.
3. Objektivität/Intersubjektivität: Versteht man Objektivität in diesem Kontext als Unabhängigkeit von subjektiven Eigenschaften und (Wert-)Haltungen des Betrachters bzw. des Forschers, so ist es unmöglich, einen Forschungsgegenstand vollständig objektiv wahrzunehmen und zu untersuchen. Zur Annäherung an dieses Ideal können Forscher jedoch ihr Vorgehen für andere klar dokumentieren, ihre Forscherrolle dabei reflektieren und so ihre Untersuchung für andere intersubjektiv nachvollziehbar, kontrollierbar, damit kritisierbar machen.
Die Güte der Befunde steigt danach, wenn die scientific community die Ergebnisse zustimmend nachvollzieht. Standardisierte Instrumente dienen in der quantitativen Forschung als ein Mittel, diese Intersubjektivität zu fördern.
4. Repräsentativität: Repräsentativität richtet sich auf die Reichweite der Ergebnisse und bedeutet, dass eine Stichprobe ein verkleinertes Abbild einer Grundgesamtheit darstellt, dass die Ergebnisse aus der Stichprobe also auf diese angebbare Grundgesamtheit verallgemeinerbar sind.
Die Grundgesamtheit umfasst alle Fälle, über die eine Untersuchung Aussagen treffen will. Ob die Ergebnisse der Stichprobe repräsentativ sind, hängt neben der Größe der Stichprobe und der Ausschöpfung zentral vom Auswahlverfahren ab, wobei insbesondere Zufallsauswahlen zu für die Grundgesamtheit repräsentativen Ergebnissen führen (s. u. Kap. 5).
Welche Herausforderungen sich im Zuge der einzelnen Forschungsschritte stellen, um diese Gütekriterien möglichst optimal einzuhalten, zeigen die folgenden Kapitel.
Literatur
Vgl. hierzu die Hinweise auf Einführungen am Beginn des Literaturverzeichnisses (z. B. Diekmann 2007).
Zum wissenschaftstheoretischen Hintergrund:
Chalmers, Alan F. (2007): Wege der Wissenschaft: Einführung in die Wissenschaftstheorie, 6. Aufl., Berlin/Heidelberg: Springer.
Übungsaufgabe
Entwerfen Sie eine Forschungsskizze anhand der Schritte in Tab. 3.2 zum Thema »Ist die Wohnungseinrichtung von der sozialen Lage (z. B. Einkommen, Bildung oder Alter) abhängig?«
| 3 | Diese Gütekriterien sind nicht umstandslos auf qualitative Methoden übertragbar, vgl. Steinke 2000. |
| 4 | Der Forschungsprozess mit verschiedenen Erhebungsinstrumenten |
4.1 Vom Thema zur strukturierten Forschungsfrage
Dieser Abschnitt stellt die Anfangsschritte einer empirischen Untersuchung zunächst unabhängig vom Erhebungsinstrument vor. Der Forscher legt hier fest, um welches Forschungsdesign es sich bei seiner Fragestellung handelt und führt die Schritte der Präzisierungsphase durch: die Sammlung und Systematisierung von Dimensionen, die Definition von Begriffen im Forschungskontext sowie die Formulierung von Hypothesen bzw. konkreten Forschungsfragen. Im Abschnitt wird zudem begründet, inwiefern die Präzisierungsphase eine wichtige Rolle im Forschungsprozess spielt.
4.1.1 Das Forschungsdesign
Arten und Inhalte von Forschungsthemen können vielfältig sein. Manchmal beginnt der Forscher mit einem allgemeinen Thema, das noch viele Konkretisierungsmöglichkeiten aber auch -anforderungen beinhaltet, z. B. die Bedeutung sozialer Netzwerke im Internet für Jugendliche oder die Veränderung des Eltern-Kind-Verhältnisses in den letzten Jahrzehnten. In anderen Fällen steht ein bestimmter Ursache-Wirkungs-Zusammenhang schon stärker im Mittelpunkt, etwa bei der Frage, wie sich Armut auf den Alltag von Kindern auswirkt. Armut wird hier als wichtiger Einflussfaktor angesehen, verschiedene – noch zu bestimmende – Aspekte des Alltagslebens sind das Phänomen, das der Forscher erklären möchte. Haben diese Themen den Schwerpunkt der Beschreibung und somit zunächst allenfalls eine lockere Anbindung an theoretische Ansätze, richten sich andere Forschungsfragen wiederum darauf, eine Theorie zu überprüfen: Trifft etwa die Individualisierungsthese (Beck 1986) zu, die unter anderem eine Freisetzung der Individuen aus traditionellen Bindungen wie der sozialen Herkunftsklasse seit den 1960/70er Jahren postuliert?
Ein wiederum anderes potenzielles Forschungsziel besteht in einer Evaluation (vgl. Stockmann/Meyer 2014). Hierbei werden oft Maßnahmen (z. B. in der Politik oder in Unternehmen, wie etwa neue Familienförderungs- oder Arbeitszeitkonzepte) daraufhin überprüft, ob sie ihre Ziele erreichen – falls ja, mit welchen Kosten und »Nebenwirkungen«, falls nicht oder nur teilweise, aus welchen Gründen dies so ist. Eine Evaluation ist zugleich ein Beispiel für ein Forschungsdesign, das stärker anwendungsorientiert ist, während etwa eine Untersuchung dazu, welche kulturellen Bindungen die Vornamenvergabe durch Eltern aufweist (Gerhards 2003), eher der Grundlagenforschung zuzuordnen ist.
Die Formulierung solcher Untersuchungsziele ist Bestandteil des Forschungsdesigns. Damit ist ein übergreifender Forschungsplan gemeint, der neben dem Ziel der Untersuchung unter anderem ihre raum-zeitliche Einordnung und ein grundsätzliches Konzept des Vorgehens beinhaltet. Das Ziel der Untersuchung unterscheidet sich also danach, ob die Deskription (Beschreibung), die Überprüfung einer Theorie oder ein Anwendungsbezug wie z. B. bei einer Evaluation im Vordergrund steht. Die zeitliche Einordnung richtet sich darauf, ob es einen oder mehrere Messzeitpunkte geben soll, ob es sich also um eine Querschnitt- oder um eine Längsschnittuntersuchung handelt. Führt der Forscher eine Momentaufnahme durch, etwa zur Situation von Hartz-IV-Empfängern in Sachsen, oder ist er an einem Verlauf interessiert? Im letzteren Fall muss er gegebenenfalls von Beginn an mehrere Datenerhebungen einplanen und Befragte darauf vorbereiten, dass er sie nach einiger Zeit möglichst nochmals interviewen möchte. Die räumliche Einordnung legt fest, ob die Studie beispielsweise Aussagen über eine Region oder mehrere Staaten im Vergleich treffen soll.
Warum ist es für den Forscher wichtig, sich vorab Gedanken zum Forschungsdesign zu machen, und warum sollte er im Weiteren akribisch die weiteren Schritte der Präzisierungsphase durchführen? Man könnte doch auch direkt mit der Formulierung von Fragebogenfragen oder Kategorien für eine Inhaltsanalyse bzw. Beobachtung beginnen? Zu den oben beispielhaft genannten Themen fallen einem sicherlich spontan auch schon einige Fragen ein. Doch es sei ganz deutlich gesagt: Das »Überspringen« der Präzisierungsphase ist eine gravierende methodische »Sünde«, die sich spätestens im Ergebnis der Studie rächen wird. Die Gründe dafür sind folgende:
Aspekte, die in der Präzisierungsphase nicht berücksichtigt wurden, drohen im Zuge der späteren »Kleinarbeit« der Instrumententwicklung, der Datenerhebung und der statistischen Auswertung unterzugehen. Bei einer Befragung wird es etwa nicht praktikabel sein, 1.000 Befragte nochmals anzurufen und ihnen drei Fragen zu stellen, die in der ersten Fragebogenversion nicht enthalten waren.
Der Forscher erspart sich durch ein von Beginn an systematisches Vorgehen einige Probleme der weiteren Forschungsschritte. Überlegt er beispielweise, wie er einen bestimmten Sachverhalt genau messen soll, ist es hilfreich, auf eine Definition zurückgreifen zu können. Forscht er etwa über Gewalt an Schulen, erleichtert die Festlegung, ob es um physische, seelische und/oder verbale Gewalt geht und worum es sich dabei jeweils handelt, die Bestimmung von Beobachtungskategorien (gehört etwa das kurze Anrempeln auf dem Schulhof dazu oder nicht?). Auch die Auswertung kann sich ohne systematisches Konzept schnell in die Handhabung eines unübersichtlichen Datenbergs verwandeln. Folglich besteht ohne Präzisierungsschritte die Gefahr, am Ende unsystematische Ergebnisse zu erhalten, die mehr Fragen offen lassen als beantworten.
4.1.2 Schritte der Präzisierungsphase
Die Schritte der Präzisierungsphase sind folgende:
| 1. | Sammlung relevanter Dimensionen |
| 2. | Systematisierung und Auswahl der Dimensionen |
| 3. | Definition wichtiger Begriffe im Forschungskontext |
| 4. | Formulierung von Hypothesen oder konkreten Forschungsfragen |
Schritt 1: Sammlung relevanter Dimensionen
In diesem Schritt geht es darum, relevante Dimensionen, das heißt Aspekte des Themas – zunächst noch ungeordnet – festzulegen. Das konkrete Vorgehen hängt hier auch vom gewählten Forschungsdesign ab: Bei einem deskriptiven Design können die Quellen zur Sammlung von Dimensionen vielfältig sein, von bisherigen Studien zu diesem oder einem ähnlichen Thema bis zu theoretischen Überlegungen aus verschiedenen Bereichen: Forscht man z. B. über Berufspendler, könnten mindestens die Arbeits- die Familien-, die Stadt- und die Ungleichheitssoziologie wichtige Konzepte liefern. Im Falle einer Theorieüberprüfung sind wichtige Aspekte durch die Theorie bereits vorgegeben und müssen nun auf ein Anwendungsbeispiel bezogen werden: Was bedeuten z. B. Individualisierung und Freisetzung im Ansatz von Beck im Hinblick auf die Berufswahl? Bei einer Evaluation müssen zunächst die Ziele der Maßnahme bestimmt werden, um ihr Eintreffen überprüfen zu können: Sollte z. B. das neue Arbeitszeitmodell die Effizienz der Abläufe steigern oder vielleicht auch das Betriebsklima verbessern? In jedem Fall stellt die Erarbeitung des bisherigen Forschungsstands an dieser Stelle eine unverzichtbare Vorarbeit und Basis dar.
Beispiel: Familienfreundlichkeit von Städten und Landkreisen
Bei diesem Beispiel handelt es sich um ein deskriptives Design. Im »Familienatlas 2012« sollte die Familienfreundlichkeit von 402 Kreisen und kreisfreien Städten im Vergleich bestimmt werden (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2012). Nur eine Auswahl aus einem möglichen Brainstorming hierzu wäre etwa (ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit):
Spielplätze und Grünanlagen, Kinderbetreuungsmöglichkeiten, Verkehrsanbindung, Zahl verschiedener Schulen, Kinderärztinnen und Jugendzentren, familienfreundliche Regelungen in Betrieben, Kinderfreundlichkeit der Bevölkerung, Anzahl für Familien geeigneter Wohnungen, die wirtschaftliche Lage der Kommune etc.
Solch ein Brainstorming ließe sich beispielsweise auch in Form einer »Mind Map« erstellen.
Schritt 2: Systematisierung und Auswahl von Dimensionen
In diesem Schritt besteht die Aufgabe darin, die gesammelten Dimensionen zu systematisieren und dadurch die Fragestellung weiter zuzuspitzen. Möglicherweise fallen einige der zuvor aufgeführten Dimensionen begründet auch wieder fort. Eine Systematisierung kann sich auf verschiedene Schwerpunkte richten. Beispielsweise können Ober- und Unterdimensionen festgelegt werden – etwa Spielplätze und Jugendzentren als Unterdimensionen von Freizeitangeboten für Kinder und Jugendliche. Zeitliche Abläufe können ein weiterer Fokus sein (z. B. Aspekte der bisherigen Berufsbiografie, der aktuellen Erwerbssituation und der beruflichen Zukunftsaussichten). Dimensionen einer Evaluation ließen sich etwa gliedern in Ziele, Umsetzung, positive und negative Wirkungen einer Maßnahme. Eine grundsätzlich zentrale Systematisierung ist die Einteilung in erklärende und zu erklärende Faktoren: Welches Phänomen ist die zu beschreibende Wirkung (z. B. der Privatschulbesuch von Mittelschichtkindern), und welche Ursachen werden dafür vermutet (z. B. bestimmte Ressourcen und Werthaltungen in der Mittelschicht)? Gläser und Laudel (2001: 47 f.) halten eine Fragestellung erst dann für eine (soziologische) Forschungsfrage, wenn sie mit Blick auf einen Erkenntnisgewinn nach einem allgemeinen Zusammenhang fragt. Eine Beschreibung ohne die Zuordnung von Erklärungsfaktoren und Bedingungskonstellationen wäre danach nicht ausreichend.
Beispiel: Familienfreundlichkeit von Städten und Landkreisen
Es lassen sich zunächst Ober- und Unterdimensionen unterscheiden. Eine Oberdimension könnte etwa Spielplätze, Grünanlagen und Jugendzentren zu »Freizeitangeboten« zusammenfassen, eine andere die Verkehrsanbindung und die Zahl der Kinderärzt/innen zur »Infrastruktur«. Die wirtschaftliche Lage der Kommune beschreibt nicht die Familienfreundlichkeit selbst, sondern gehört zu zentralen Erklärungsfaktoren dafür, warum sich Kommunen in ihrem Grad der Familienfreundlichkeit unterscheiden, etwa wenn sich »reichere« Kommunen eher ein breites Freizeitangebot leisten können. Die Forscher könnten sich weiterhin dafür entscheiden, die Dimension »Kinderfreundlichkeit der Bevölkerung« nicht aufzunehmen. Die Begründung lautet: Es handelt sich um eine Dimension, die Kommunen nur schwer bzw. indirekt beeinflussen können, während die Steuerungsmöglichkeiten bei Kinderbetreuungsplätzen größer sind. Die Dimensionen im Familienatlas 2012 – dort Handlungsfelder genannt – lauten (BMFSFJ 2012: 8):
Handlungsfelder:
| 1. | Vereinbarkeit von Familie und Beruf (Unterdimensionen: Kinderbetreuungsangebot, Beschäftigungschancen für Eltern, familienbewusste Arbeitgeber) |
| 2. | Wohnsituation und Wohnumfeld (Unterdimensionen: Angebot an preisgünstigem Wohnraum, Freiräumen, Infrastruktur und Sicherheit, organisierte Sportangebote) |
| 3. | Bildung (Unterdimensionen: Qualität der allgemeinen Schulbildung, Ausbildungschancen für Jugendliche, frühe Förderung, Angebote der Familienbildung, Bildungschancen für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund) |
| 4. | Angebote und Organisation der regionalen Familienpolitik (Unterdimensionen: ausgewählte Angebote für Familien und Maßnahmen zur Berücksichtigung von Familienbelangen in der Verwaltung) |
Hinzu kommen zwei Erklärungsfaktoren (Rahmenbedingungen):
| 1. | Demografische Rahmenbedingungen (Altersstruktur, Geburten, Zu- und Fortzüge von Familien) |
| 2. | Wirtschaftliche Rahmenbedingungen (Beschäftigungssituation/Arbeitsmarkt) |
Grafisch wären die Zusammenhänge dann so darstellbar:

Abb. 4.1: Dimensionen zum Thema »Familienfreundlichkeit von Kommunen«
Dies ist nur eine Möglichkeit der Systematisierung; andere Dimensionen oder Zuordnungen kämen ebenfalls in Frage, wie nicht zuletzt die leicht veränderten Dimensionen im Vergleich zum Familienatlas 2007 zeigen. So hieß 2007 etwa das Handlungsfeld 4 noch »Freizeit- und Kulturangebote«, dessen Unterdimensionen in Teilen zum neuen Handlungsfeld 4 gehören; Sportangebote sind nun Handlungsfeld 2 zugeordnet. Die Begründung ist vor allem pragmatisch: Zu den Angeboten gab es teilweise keine aktuellen Daten. Außerdem sei der Vergleich 2007 und 2012 ohnehin durch einige Kreisgebietsreformen eingeschränkt (BMFSFJ 2012: 9).
Schritt 3: Definition wichtiger Begriffe im Forschungskontext
Ein zentraler Punkt dieser Begriffsbestimmung besteht darin, hier nicht quasi als Pflichtaufgabe einige allgemeine Lexikondefinitionen einzufügen, um dann im weiteren Verlauf nicht mehr darauf zurückzukommen, sondern die Begriffe im Forschungskontext zu bestimmen, so dass sich die weiteren Forschungsschritte daran orientieren können. Gefragt ist also eine für die Problemstellung möglichst zweckmäßige Definition. Der Forscher muss dafür seine Ziele, den theoretischen Hintergrund und den Forschungsstand in den Blick nehmen. Gerade beim Forschungsdesign des Theorietests wird man hierbei auf wichtige Begriffe der zu prüfenden Theorie und ihre dortige Bestimmung zurückgreifen.
Beispiel: Familienfreundlichkeit von Städten und Landkreisen
Um zumindest ansatzweise eine Vorstellung dieses Forschungsschritts zu vermitteln, könnte man beispielsweise sagen, dass eine »Familie« im Kontext der Familienfreundlichkeit von Kommunen vor allem private Lebensformen von mindestens einem Elternteil (leibliche, Adoptiv- oder Stiefeltern) mit minderjährigen Kindern in den Blick nimmt. Demgegenüber wären etwa Konstellationen von Mehrgenerationenhaushalten mit pflegebedürftigen Großeltern für die Fragestellung nachrangig. Die »Familienfreundlichkeit« richtet sich insbesondere auf solche Handlungsfelder, die kommunalpolitisch »zum guten Teil direkt gestaltbar oder zumindest mittelbar beeinflussbar sind« (BMFSFJ 2012: 7). Ob Restaurantbesucher in Oldenburg es eher als in Landshut tolerieren, wenn Kinder am Nachbartisch laut sind, wäre daher ein weniger wichtiger Aspekt aus kommunalpolitischer Sicht.
Schritt 4: Formulierung von Hypothesen oder konkreten Forschungsfragen
Die Präzisierungsphase schließt ab mit der Formulierung konkreter Hypothesen oder Fragestellungen. Stand gegebenenfalls am Anfang zunächst ein grobes Thema, sollte der Forscher nun genauer wissen, welche Bedingungskonstellationen er untersuchen, welches Forschungsrätsel er lösen möchte. Eine Zuspitzung seiner bisherigen Überlegungen ermöglicht es ihm zudem, seine Aufmerksamkeit in der Operationalisierungsphase darauf zu richten, wie die zu untersuchenden Sachverhalte gemessen werden sollen – und nicht mehr darauf, was überhaupt wichtig ist, auf welche Ebene es gehört etc.
Hypothesen können solche Zuspitzungen sein, das heißt Behauptungen, die Dinge in einen (kausalen) Zusammenhang stellen. Gemäß den Prinzipien des Kritischen Rationalismus (vgl. Kap. 3) müssen diese Behauptungen falsifizierbar, also widerlegbar sein (ein Gegenbeispiel wäre: »Kommunen sind mehr oder weniger familienfreundlich«). Die inhaltlichen Begründungen dazu, wie der Forscher zu seinen Vermutungen kommt, erschließen sich entweder aus den vorigen Schritten oder müssen spätestens jetzt in einem Forschungsprojekt (dagegen nicht in diesem Methodenlehrbuch) ausdrücklich formuliert werden. Am klarsten erfolgt dieser Schritt bei einer streng theoriegeleiteten Untersuchung, die möglicherweise sogar zwei Theorien gegenüberstellt, im Stil von: »Trifft Theorie A zu, müsste unter bestimmten Bedingungen Befund x eintreten; trifft jedoch Theorie B zu, ist unter gleichen Bedingungen Befund y zu erwarten«. Hypothesen können unterschiedlichen Informationswert haben. Wenn jemand widerlegt, dass Kommunen vollständig familienfeindlich sind, ist das ein schönes Ergebnis, aber allzu viel an Informationen hat man noch nicht gewonnen. Die Aussagekraft ist höher, wenn man genauere Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge ausmachen kann.
Nicht in jedem Forschungskontext lassen sich klare Hypothesen formulieren, das heißt Richtungen von Zusammenhängen benennen. Dies gilt insbesondere für deskriptiv angelegte Forschungsdesigns. In diesem Fall kann der Forscher zumindest Forschungsfragen formulieren, die deutlich konkreter und systematischer geordnet sind als die Fragen zu Beginn der Präzisierungsphase. Sowohl für Hypothesen als auch für Forschungsfragen gilt jedoch, dass nun nicht noch einmal ganz andere Dimensionen und Begriffe auftauchen sollten als die, die in den vorigen Präzisierungsschritten als relevant herausgearbeitet wurden.
Beispiel: Familienfreundlichkeit von Städten und Landkreisen
Im Beispiel der Familienfreundlichkeit von Städten und Kreisen würde der Forscher vielleicht nicht vorab postulieren wollen, dass das Wohnumfeld in Dresden besser ist als in Münster oder umgekehrt. Auch der Zusammenhang mit den demografischen Strukturen kann in unterschiedliche Richtungen gehen. Einerseits könnte man annehmen, Städte mit wenigen Geburten würden angesichts des fehlenden Bedarfs nur in geringem Maße in die Kinderbetreuung investieren. Andererseits könnte es aber auch gerade umgekehrt sein, als Maßnahme, um Familien in die Region zu locken. Konkrete Forschungsfragen könnten entsprechend lauten:
| 1. | Wie familienfreundlich sind Städte und Kreise im Hinblick auf die vier Handlungsfelder? Kumulieren oder kompensieren sich Stärken und Schwächen in den Handlungsfeldern? (Ziel ist ein Ranking der Familienfreundlichkeit, das die Kommunen vergleicht). |
| 2. | In welchem Zusammenhang steht der Platz im Ranking der Familienfreundlichkeit mit wirtschaftlichen und demografischen Faktoren im Kreis/in der Stadt? |
An dieser Stelle hat der Forscher nun im Idealfall sein Forschungsthema soweit strukturiert und konkretisiert, dass er im nächsten Schritt – der Operationalisierung – überlegen kann, wie er die Elemente der Hypothesen und Forschungsfragen messbar macht. Mit dieser Forschungsphase beschäftigt sich der folgende Abschnitt.
4.1.3 Zusammenfassung
Das Forschungsdesign ist ein übergreifender Forschungsplan, der das Ziel der Untersuchung und ein grundsätzliches Konzept des weiteren Vorgehens bestimmt. Solche Ziele sind z. B. die Deskription, der Theorietest oder die Evaluation. Das Forschungsdesign beeinflusst den Ablauf der Präzisierungsschritte.
Die Präzisierungsphase ist bedeutsam, um die Berücksichtigung zentraler Aspekte sicherzustellen und um durch ein systematisches Vorgehen die weiteren Forschungsschritte anzuleiten.
Die Präzisierungsphase strukturiert die Forschungsfrage in vier Schritten: 1) Sammlung relevanter Dimensionen; 2) Systematisierung und Auswahl der Dimensionen – insbesondere nach zu erklärenden Sachverhalten und ihren Erklärungsfaktoren; 3) Definition wichtiger Begriffe im Forschungskontext; 4) Formulierung von Hypothesen oder konkreten Forschungsfragen.
4.2 Die Operationalisierungsphase
Die Aufgabe der Operationalisierung besteht darin festzulegen, wie die strukturierte Forschungsfrage empirisch beantwortet werden soll. Sie übersetzt damit theoretische Konstrukte in messbare Variablen und Erhebungsanweisungen. Am Ende hat man ein fertiges Erhebungsinstrument, das im Feld zum Einsatz kommen kann. Auch hier lassen sich vier Schritte unterscheiden:
| 1. | Begründung der Erhebungsmethode |
| 2. | Festlegung von Indikatoren und Korrespondenzregeln |
| 3. | Entwicklung des Erhebungsinstruments |
| 4. | Treffen weiterer Entscheidungen, z. B. zum Auswahlverfahren und zur Erhebungssituation |
Zu Schritt 1 und 2 liefert dieser Abschnitt zunächst einige allgemeine Hinweise. Weitere Ausführungen sowie Konkretisierungen zu Schritt 3 und 4 enthalten die weiteren Kapitel.
Schritt 1: Begründung der Erhebungsmethode
Bereits bei Überlegungen zum Forschungsdesign hat die Forscherin wahrscheinlich eine Vorstellung dazu, mit welchen Arten der Datenerhebung sie arbeiten möchte. So liegt bei der Analyse der Entwicklung von Vornamen eine Inhaltsanalyse von Registern nahe, Lebensziele erfährt man eventuell am besten durch eine Befragung etc. Dennoch sollte der Forscher an dieser Stelle im Forschungsprozess noch einmal ausdrücklich begründen, welche Erhebungsinstrumente er wählt. Denn von der Fragestellung hängen die möglichen Instrumente, von der Entscheidung dafür aber auch die weitere Übersetzung in Messoperationen ab. Hat man sich beispielsweise erst einmal für eine telefonische Befragung entschieden, kann man den Befragten nicht mehr problemlos Fotos von prominenten Politikern und Künstlern zeigen und fragen, ob sie wissen, um wen es sich handelt. Die begründete Wahl des Instruments bzw. der Instrumente gehört somit zu einem reflektierten und transparenten Vorgehen.
Beispiel
Der Familienatlas 2012 etwa basierte zum einen auf Daten, die die Verwaltungen zur Verfügung stellen konnten (sogenannte »prozessproduzierte Daten«). Mehrheitlich handelte es sich um Angaben vom Statistischen Bundesamt, den Statistischen Landesämtern, der Bundesagentur für Arbeit und dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung. Zum anderen wurden (für Informationen zum Handlungsfeld 4) Verwaltungsleitungen der Kreise und kreisfreien Städte schriftlich befragt (BMFSFJ 2012: 11).
Schritt 2: Festlegung von Indikatoren und Korrespondenzregeln
Hier handelt es sich um ein Kernstück der Operationalisierung. Zunächst zu Klärung wichtiger Begriffe (vgl. auch Burzan 2014):
Indikatoren sind Anzeiger für Sachverhalte. Sie haben die Eigenschaft, direkt beobachtet oder gemessen werden zu können und weisen auf Sachverhalte – Dimensionen und Begriffe aus den Forschungsfragen und Hypothesen – hin, die selbst nicht direkt beobachtbar sind.
Ein Indikator für die Dimension »Armut« einer Person könnte z. B. das bei Mehrpersonenhaushalten gewichtete »Haushaltsnettoeinkommen« des letzten Jahres sein.
Korrespondenzregeln verbinden den Indikator mit dem Sachverhalt, den diese anzeigen. Während der Indikator bestimmt, was den Sachverhalt anzeigt (im Beispiel das Haushaltseinkommen), legt die Korrespondenzregel fest, wie der Indikator mit dem Sachverhalt verbunden ist. Dies geschieht oft durch Wenn-dann- oder Je-desto-Verknüpfungen.
Im genannten Beispiel könnte die Regel lauten: »Wenn jemand ein Haushaltseinkommen unter X Euro hat, dann definiert die Studie ihn als arm.« Diese Korrespondenzregeln sind Festlegungen, die den Forschungsprozess transparent machen und zeigen, dass die Messungen sinnvoll mit der Forschungsfrage verknüpft sind. Es sollte nicht passieren, dass der Forscher nicht so recht weiß, was es für seine Forschungsfrage bedeutet, wenn 60 Prozent der Befragten einem Item zugestimmt haben, sondern er sollte z. B. festlegen: Je mehr Befragte dem Item zustimmen, desto zufriedener sind sie mit XY. Die Korrespondenzregeln werden selbst nicht empirisch überprüft: In einer Studie wird die einmal getroffene Festlegung einer Armutsschwelle z. B. nicht dadurch beeinflusst, ob sich jemand mit einem darunter liegenden Einkommen arm fühlt. Das kann der Forscher zwar erheben, doch wäre dies eine zusätzliche Information, so dass er aussagen könnte, dass sich X Prozent der Einkommensarmen nicht arm fühlen. Hätte er zuvor nicht festgelegt, wer einkommensarm ist, hätte er diese Aussage nicht treffen können. Falls sich allerdings ein auffällig hoher Anteil Einkommensarmer nicht arm fühlt, sollte der Forscher seinen Indikator und konkret die Armutsschwelle überdenken. Die Festlegung der Indikatoren und Korrespondenzregeln ist dabei also immer eng mit theoretisch-konzeptionellen Entscheidungen der Forschenden verknüpft.
Manchmal ist es nicht möglich, einen Sachverhalt durch einen einzigen Indikator angemessen darzustellen. Fügt man mehrere Indikatoren zu einem Sachverhalt zusammen, spricht man von einem Index.
So könnte Armut auch durch verschiedene Indikatoren gemessen werden, z. B. durch das Einkommen, die finanziellen Rücklagen und die Ausstattung der Wohnung mit moderner Dämmung und Heizung. Der Forscher benötigt dann eine Idee, in welcher Weise er die Teilindikatoren verknüpft, ob sie alle gleichermaßen oder unterschiedlich gewichtet werden.
Teilweise scheint der Indikator recht banal bzw. der Zwischenschritt der Indikatorenbildung zwischen Sachverhalt und Fragebogenfrage kaum notwendig zu sein. Beispielsweise ist es keine aufwändige Übersetzungsarbeit, wenn der Sachverhalt »Geschlecht der befragten Person« mit den üblichen binären (aber auch hier: hinterfragbaren) Antwortkategorien weiblich und männlich gemessen wird. In vielen Fällen ist es jedoch zugunsten der Systematik des Vorgehens hilfreich, Indikatoren und Korrespondenzregeln vor der detaillierten Entwicklung des Erhebungsinstruments festzulegen, am besten in systematischer tabellarischer Form mit der Zuordnung zu den entsprechenden Sachverhalten aus den Hypothesen bzw. Forschungsfragen. Diese Systematik kommt wiederum den weiteren Forschungsschritten und der Transparenz der Untersuchung zugute. Wie im Zusammenhang mit den Gütekriterien schon angesprochen wurde, ist die Angemessenheit der Indikatoren zudem ein zentrales Kriterium für die Gültigkeit der Ergebnisse.
Beispiel
Der Familienatlas 2012 dient noch einmal als empirisches Beispiel. Ob Städte oder Landkreise familienfreundlich sind, hängt nicht nur davon ab, welche Dimensionen überhaupt Berücksichtigung finden, sondern auch, wodurch sie gemessen werden. In der Studie wurden für das Handlungsfeld »Wohnsituation und Wohnumfeld« folgende Indikatoren festgelegt: Erschwinglichkeit von Wohneigentum (Kaufkraft/Baulandpreis), Entfernung zu Mittelzentren, Freifläche und Erholungsfläche je Einwohner, Anteil Familienwohnungen (mehr als 3 Räume), Anteil der unter 18-Jährigen, die Mitglied in Sportvereinen sind, verunglückte Kinder im Straßenverkehr, Kriminalitätsrate (Körperverletzung und Einbrüche) sowie die Kinderarztdichte. Um diese Indikatoren in der Verwaltung abrufen zu können, bedurfte es teilweise noch konkreterer Festlegungen, so wurde die Entfernung zum nächsten Mittelzentrum als durchschnittliche Pkw-Fahrzeit ermittelt (a. a. O.: 50–52).
Korrespondenzregeln lauten dann etwa: »Je mehr Erholungsflächen es gibt, desto familienfreundlicher ist das Wohnumfeld«, zugleich aber auch »je größer die Entfernung zum nächsten Mittelzentrum, desto weniger familienfreundlich ist das Wohnumfeld«. Optimale Einschätzungen erreichten also weder per se ländliche Gemeinden im Grünen noch zentral gelegene Großstädte.
Zudem erfolgte für den Index »Wohnsituation und Wohnumfeld« die Festlegung, dass die drei letztgenannten Indikatoren im Vergleich zu den anderen geringer gewichtet werden (Faktor je 0,5), weil sie als weniger zentral für die Wohndimension angesehen wurden als z. B. die Verfügbarkeit von preiswerten größeren Wohnungen. Eine Stadt oder ein Kreis erhält nun zunächst pro Indikator einen Rangplatz und dann durch den Durchschnitt der Rangwerte der Einzelindikatoren mit Berücksichtigung der Gewichtungen einen Rangplatz für das gesamte Handlungsfeld. Auf diese Weise kam etwa der Landkreis Dingolfing-Landau auf Rang 1 in diesem Handlungsfeld, hatte also nach diesen Indikatoren die familienfreundlichsten Wohnsituationen und -umfelder aufzuweisen (a. a. O.: 20). So schuf man eine gewisse Vergleichbarkeit der Städte und Kreise. Im letzten Schritt wurden die Regionen im oberen, mittleren und unteren Drittel der Rangplätze über alle Handlungsfelder hinweg daraufhin geprüft, welche demografischen und wirtschaftlichen Randbedingungen sie typischerweise hatten. Jede Stadt, jeden Kreis konnte man so in einem Spektrum zwischen Top-Regionen (dazu gehört z. B. Potsdam) und strukturschwachen Regionen (wie z. B. Duisburg) verorten (a. a. O.: 38) und auf diese Weise die Fragestellungen aus der Präzisierungsphase beantworten.
Solche Zusammenfassungen sind natürlich immer mit Einschränkungen zu interpretieren, die hier nicht im Einzelnen diskutiert werden können. Beispielsweise haben Familien mit Kindern im Vorschulalter andere Bedürfnisse der Familienfreundlichkeit als Familien mit älteren Kindern.
Man sieht, dass mit jeder Konkretisierung von Indikatoren Kritikmöglichkeiten einhergehen oder auch Stellschrauben, um eine Situation zu beschönigen oder zu dramatisieren. Es gibt jedoch nicht die eine »objektive« Möglichkeit, die Familienfreundlichkeit eines Wohnumfeldes oder einer Stadt zu messen. Der Forscher muss sich möglichst konzeptionell stringent für eine empirische Umsetzung entscheiden. Wichtig ist dabei, dass er seine methodischen Entscheidungen transparent macht, damit man nachvollziehen kann, unter welchen Bedingungen er zu seinen Ergebnissen gekommen ist.
Zusammenfassend »übersetzt« die Operationalisierung konkrete Forschungsfragen in Erhebungsprozeduren. Dazu müssen zunächst die Erhebungsmethode begründet festgelegt sowie Indikatoren und dazugehörige Korrespondenzregeln gefunden werden. Dabei sind die stringente Orientierung an den Forschungsfragen und dem theoretischen Konzept sowie die Beachtung der Gütekriterien (hier insbesondere der Gültigkeit und der Intersubjektivität) zentrale Aufgaben. Was den Operationalisierungsprozess im Hinblick auf die Erhebungsmethoden Inhaltsanalyse, Beobachtung und Befragung sowie eine Sekundäranalyse jeweils kennzeichnet, zeigen die folgenden Abschnitte.
Literatur zu 4.1 und 4.2
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2012): Familienatlas 2012. Regionale Chancen im demografischen Wandel sichern. http://www.prognos.com/fileadmin/pdf/Atlanten/Familienatlas_12/Familienatlas_2012.pdf (Zugriff 1.9.14).
Burzan, Nicole (2014): Indikatoren, in: Baur, Nina; Blasius, Jörg (Hrsg.): Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung, Wiesbaden: Springer VS, 1029–1036.
(neben Erläuterungen zur Präzisierung und Operationalisierung in Methodenbüchern ist es hier vor allem auch sinnvoll, empirische Studien aus einer methodischen Perspektive zu betrachten.).
Übungsaufgabe zu 4.1 und 4.2
Führen Sie – soweit ohne ausgiebiges Studium der Fachliteratur möglich – die Schritte der Präzisierungsphase und die ersten beiden Schritte der Operationalisierungsphase für folgendes Forschungsthema durch: »Der Einfluss der sozialen Herkunft auf den Studienerfolg von Studierenden der Fächer Germanistik und Maschinenbau«.
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