Kitabı oku: «Tess Carlisle (Band 1): Jägerseele»

Yazı tipi:

Inhaltsverzeichnis

Titel

Informationen zum Buch

Impressum

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Dank

Weitere humorvolle Urban Fantasy

Nicole Schuhmacher

Jägerseele


Tess Carlisle (Band 1)


Fantasy

Tess Carlisle (Band 1): Jägerseele

Na? Lust auf ein Abenteuer?

Mein Name ist Tess Carlisle und diese Geschichte erzählt von meinem verrückten Leben als Kautionsdetektivin im guten alten und magischen New Orleans. Puh, mein Alltag ist nicht immer einfach. Versteht mich nicht falsch, ich liebe diese Stadt! Aber meine tägliche Routine besteht leider allzu oft aus unschönen Begegnungen mit stinkenden Trollen, pöbelnden Kleinganoven und unkooperativen Nymphen. Von unheimlichen Voodoo-Shop-Besitzern und ständig Streiche spielenden Mitbewohnern will ich erst gar nicht anfangen. Und oh, die nächste Miete ist auch schon wieder fällig.

Da kommt ein gut bezahlter Auftrag für diesen reichen Schnösel … also … den selbst ernannten Wohltäter der Stadt … doch gerade recht, oder? Hätte ich doch nur vorher gewusst, dass ein unerwartetes Ereignis plötzlich das nächste jagt und irgendwann auch vom Ende der Welt die Rede sein wird. Aber schließlich zeigt sich mir einmal mehr, wie wichtig es ist, Freunde zu haben. Auch wenn diese nicht immer menschlich sind.

Die Autorin

Nicole Schuhmacher, geboren im Mai 1987 in der wunderschönen Sächsischen Schweiz, lebt und arbeitet auch noch heute in einem kleinen Ort in Ostsachsen. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie im Teenageralter und frönte dieser Leidenschaft jahrelang als exzessive Verfasserin von Fanfictions. Nicole ist außerdem Cosplayerin, Disney-Verehrerin, Musical-Gängerin und Hunde-Mama. Sie bezeichnet sich selbst als Fangirl, Superhelden-Süchtling und Vampir-Lady. Die bekennende Tagträumerin mag außerdem: Meerjungfrauen, Comics, Zombies und völlig unnütze glitzernde Sachen (PINK! Sie müssen PINK sein!!!1!!11!!!). Sie liebt ihre Playstation, Mangas und Animes, Uniformen, Knoblauch, die Ich-Erzählperspektive, ausgefallene Haarfarben und natürlich Bücher!!! Übrigens ist sie als Baby einmal ganz unglücklich vom Wickeltisch gefallen und hält eigentlich überhaupt nichts von diesen übermäßig seriös wirkenden Autorenporträts … ;D ›Jägerseele‹ ist ihr Debütroman.

www.sternensand-verlag.ch

info@sternensand-verlag.ch

1. Auflage, November 2021

© Sternensand Verlag GmbH, Zürich 2021

Umschlaggestaltung: Alexander Kopainski

Lektorat: Sternensand Verlag GmbH | Martina König

Korrektorat Druckfahne: Jennifer Papendick

Satz: Sternensand Verlag GmbH

Druck und Bindung: Smilkov Print Ltd.

ISBN (Taschenbuch): 978-3-03896-231-1

ISBN (epub): 978-3-906829-80-7

Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.



Für Sära,

immer noch Best B**** in Town

Kapitel 1

Ich knalle die Kaffeetasse auf die Arbeitsfläche meines abgenutzten Schreibtisches und stürze zum offenen Fenster, durch welches soeben ein herbstlicher Luftzug fegt, der die Arbeit der letzten Wochen komplett durcheinanderbringt. Mit einem weiteren Knall fliegt das Holzfenster zurück in seine Angeln und ich sehe mich, eine dunkle Haarsträhne hinter mein Ohr streichend, in dem Büro um.

Es ist klein, spärlich eingerichtet und auf das Nötigste reduziert. Dokumente sind vom Tisch gefallen und Akten liegen derangiert neben losen Notizzetteln in Neonpink, während einzelne Papierblätter aufgrund des plötzlich fehlenden Luftzuges langsam zu Boden segeln.

Ich verziehe augenblicklich mein Gesicht, als sich ein dumpfer Schmerz in meinem Zeigefinger einstellt. Mit verzerrter Miene betrachte ich ihn.

Toll.

Ich versuche, einen gemeinen Splitter aus der Haut meiner Fingerspitze zu pulen. Mein Blick fällt dabei auf den halb abgebröckelten roten Nagellack und mir wird klar, dass ich mal wieder eine Maniküre vertragen könnte.

Ich seufze leise. Das Leben ist schon eines der härtesten.

»Hast du mein Gehirn gesehen?«, durchbricht meine Stimme die aufgekommene Stille und ich lächele triumphierend, als ich das lackierte Stück Holz endlich zu fassen bekomme und aus meinem Finger ziehe. Sogleich schnippe ich es achtlos davon und reiße den Schreibtischstuhl nach hinten, der dabei ein protestierendes Quietschen von sich gibt. Anschließend krabbele ich auf allen vieren über den Dielenboden unterhalb des Schreibtisches und pflücke wahllos irgendwelche Papiere auf.

Erneut verziehe ich das Gesicht. Diesmal ist dieser Ausdruck jedoch fragender Natur. Ich warte noch immer auf eine Antwort.

»Fin?«

Was treibt die bloß schon wieder?

Ich will aufstehen und fluche laut, als ich mir den Hinterkopf an der Tischplatte stoße. Die betroffene Stelle reibend, lasse ich die gesammelten Papiere vor lauter Frust wieder fallen, hieve mich auf den Bürostuhl und beobachte, wie sich die Tür öffnet und meine Assistentin den Raum betritt.

Fin zählt zur Spezies der Katzenmenschen, welche nur einen kleinen Teil der Erdbevölkerung einnehmen. Auch in dieser Stadt trifft man Trolle, Kobolde und Feen viel eher an als die durchschnittlich etwa eins sechzig großen und auf zwei Beinen gehenden Katzenartigen, die uns Menschen viel ähnlicher sind, als man vielleicht denken mag.

»Nein, habe ich nicht«, sagt sie, noch ehe sie die Tür mit Milchglasfenster vollends aufgestoßen hat, und rollt dabei genervt mit den geschlitzten Katzenaugen.

Mist. Ich frage mich ernsthaft, wo zum Henker ich das Teil schon wieder liegen gelassen habe. Ohne mein Gehirn bin ich verloren.

»Verdammt«, murmele ich, lasse mich im Stuhl nach hinten fallen und drapiere meine Füße geschickt auf einer freien Ecke der Tischplatte.

Fin beobachtet dies missmutig und rümpft ihre Spitznase, wobei ihre Schnurrhaare anmutig auf und ab wippen. Ich betrachte das junge Katzenmädchen, welches aufrecht gehend langsam näher kommt und, am Schreibtisch angekommen, versucht, meine Unordnung ein wenig zu ordnen.

»Möchtest du noch eine heiße Schokolade?«, fragt Fin und mein Blick huscht zu ihren spitzen Eckzähnen, die bei jedem Wort hervorblitzen.

»Nein danke«, bemühe ich mich, zu sagen, und reibe die aufkommende Beule an meinem Hinterkopf noch einmal kräftig.

Fin fährt eine Kralle aus, nimmt einen meiner angekauten Bleistifte an sich und geht ihn über dem randvollen Mülleimer neben der Tür spitzen – der nur steht, wo er steht, damit ich hin und wieder ein paar Körbe mit Papierkugeln werfen kann.

Schließlich erinnere ich mich an meine guten Manieren, setze mich aufrecht hin und schalte nebenbei den Bildschirm meines PCs aus, auf dem noch das letzte Spielergebnis von Solitaire munter vor sich hin blinkt. Danach schiebe ich planlos irgendwelche Unterlagen hin und her.

Nach was suche ich hier eigentlich?

»Hast du zufällig …« Ich unterbreche mich selbst und schaue auf, als Papier raschelt. Fins große Katzenaugen sehen mich unter langen Wimpern wissend an, während sie mir eine abgegriffene rote Akte mit zahlreichen Eselsohren und heraushängenden Seiten unter die Nase hält und mein Antlitz sich in dem dunklen Grüngelb ihrer Augen spiegelt. »Danke.«

Ihre Antwort ist ein leises Schnurren, als sie es sich mit ihrer zierlichen Gestalt auf einer Kante des Tisches bequem macht, ich das Datensammelsurium an mich nehme und darin herumblättere, ohne wirklich etwas zu lesen.

Fin ist die gute Seele meiner kleinen Agentur und auch deren einzige Mitarbeiterin. Neben mir natürlich. Ohne das junge Katzenmädchen wäre ich schon längst im Durcheinander meiner wirren Terminkoordination untergegangen.

Ich lehne mich erneut im Stuhl zurück, lege die Beine wieder auf die Tischplatte – so viel übrigens zu meinen guten Manieren – und versuche, mich dem Fall zu widmen, den ich mir für heute Abend ausgesucht habe.

Ich werde abgelenkt, als Fin lautlos vom Tisch gleitet und ihre eins fünfzig zum Goldfischglas in der Ecke bewegt. Der lilafarbene Schleierschwanzfisch zieht sich schnell in das sichere Halbdunkel seiner griechisch-römischen Säulenanordnung zurück und wird nicht einmal mehr gesehen, als Fin buntes Fischfutter aus einer Dose auf die Wasseroberfläche bröselt und sich anschließend die krallenbestückten Pfoten leckt.

Ich muss schmunzeln, als ich die Szene über den oberen Rand der Akte hinweg beobachte. Bob kann Fin einfach nicht ausstehen und sie fragt sich jedes Mal, weshalb der Fisch Angst vor ihr hat. Dennoch versucht sie immer wieder, sich bei ihm beliebt zu machen. Bis jetzt jedoch ohne merklichen Erfolg.

»Hast du dir schon eine Vorgehensweise überlegt?«, fragt sie, vom Fischthema ablenkend, und stellt die angerissene Futterdose zurück auf die alte Kommode neben das Goldfischglas.

Ich fühle mich wieder an meine Arbeit erinnert, fege das Schmunzeln aus meinem Gesicht und blicke zu der Akte in meinen Händen zurück. Der Name meines Ziels ist Frank Miller. Drogendealer in Mid City. Menschlich. Sollte eigentlich ein Leichtes werden. Wenn er ein Zentaur, Ghul oder Riese wäre, würde die Sache schon ganz anders aussehen. Dann würde ich heute Nacht nämlich lieber den Schwanz einziehen und ›I’ve been looking for freedom‹-singend nach Hause fahren, denn diese Spezies machen mir meine Arbeit immer ganz besonders schwer.

»Ich fahre zu seiner Adresse, klingele an seiner Haustür, trete ihm tierisch in den Arsch und übergebe das, was von ihm übrig geblieben ist, der örtlichen Polizeidienststelle.«

Fin legt ihre Stirn in Falten, wobei ihre spitzen Ohren wackeln, und ich spüre, dass sie dem Drang, sich über die Pfoten zu lecken, nur schwer widerstehen kann. Ihre Schnurrhaare zucken. »Ich muss schon sagen, dein Plan ist so simpel, dass ich ihn automatisch auf den Müll werfen würde.« Ihre zarte Stimme zeigt dabei einen Hauch Ironie.

»So arbeite ich am liebsten.« Einfach und pragmatisch. In einer einstudierten Geste schaue ich auf meine nicht vorhandene Armbanduhr. Eine dämliche Angewohnheit, die ich hin und wieder einfach nicht unterdrücken kann. »Ich mache mich auf die Socken.«

»Versprich mir, dass du dieses Mal nichts Blödes anstellst«, bittet Fin und sucht auf meinem Schreibtisch nach weiteren Bleistiften, um sie zum Mülleimer tragen zu können. Natürlich wird sie zwischen losen Papieren und beschmierten Notizzetteln sofort fündig.

Seit dem Vorfall im Rathaus kommt sie mir ständig mit diesem Spruch. Und dabei war ich am allerwenigsten daran schuld, dass der Bürgermeister in die unschöne Geschichte mit der Banshee hineingezogen worden war. Ein dort arbeitender Leprechaun – dürre kleine Kobolde mit wirklich fiesen Gesichtern – war viel maßgeblicher an der Sache beteiligt gewesen. Aber mir wollte im Nachhinein ja wieder niemand glauben. Tz.

»Du kennst mich doch.« Ich schwinge mich aus dem Stuhl und greife nach meiner schwarzen Lederjacke, die immer griffbereit über der Rückenlehne hängt, um in einer fließenden Bewegung hineinzuschlüpfen. Millers Akte klemme ich mir unter den Arm und stöckele in braunen Absatzstiefeln durch den Raum. Die Dielen knarren.

»Eben!«, ruft mir meine Assistentin hinterher, gerade als ich meine Umhängetasche vom Kleiderständer neben der Tür zerre.

»Geh nach Hause, Fin«, bitte ich, ohne mich noch einmal umzusehen.

»Ich mache hier nur noch ein bisschen sauber«, ruft sie im Gegenzug. Ihre schnurrende Stimme ist nur noch gedämpft zu hören, da ich bereits den Empfangsraum durchquert habe und die dünne Holztür zum Flur hinter mir zuziehe.

Fins Empfangsraum ist viel sauberer als mein Büro und auch nur halb so groß. Er hat die gefühlte Größe einer Sardinendose. Und dennoch gibt es bei Fin Pflanzen, die noch nicht eingegangen sind, Gardinen, beruhigende Landschaftsbilder hängen an den hellen Holzwänden und der Teppichboden sorgt für zusätzliche Schalldämmung.

Ich will auch so et… Obwohl … Nein. Das ist Schnickschnack. Und so etwas brauche ich nicht.

Ich gebe mein Bestes, um so lautlos wie möglich aus der ersten Etage ins Erdgeschoss zu schleichen. Direkt unter der Agentur gibt es einen Voodoo-Shop, der mir leichtes Unbehagen bereitet. Hin und wieder hört man seltsame Geräusche und sogar kleine Explosionen dringen dann durch die dünne Decke zu uns empor. Sehr suspekt, das Ganze. Ich versuche, jeglichen Kontakt mit dem Inhaber zu vermeiden, schrecke des Nachts manchmal aus Albträumen auf und sehe dann Schrumpfköpfe vor meinem inneren Auge. Okay, das ist übertrieben, aber ich bin eben die geborene Dramaturgin.

Da die Tür zu Sheldon’s Magical Pigment Shop immer sperrangelweit offen steht, komme ich nie darum herum, einen neugierigen Blick ins Innere des Ladens zu werfen. Neugier ist wohl meine Berufskrankheit.

Hastig versuche ich auch dieses Mal, alles aufzunehmen, was sich in meinem Blickfeld befindet, als ich an der Tür vorbeihusche. Der glitzernde blaue Schmetterling in einem Einwegglas auf der Theke des abgedunkelten und mit Kerzen beleuchteten Raumes scheint mir noch das Normalste zu sein. Räucherstäbchen verleihen dem Raum zusätzlich eine magische Atmosphäre. Aber das Zeug stinkt wie Hölle und tränt in den Augen.

»Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie eine dunkle Aura besitzen?«

Ich erschrecke, als wie aus dem Nichts Sheldon vor mir steht und ich beinahe gegen ihn laufe.

Wo kommt er so plötzlich her? Hat er sich hergebeamt?

»Äh, nein«, stammele ich und versuche, mich an ihm vorbeizuschieben. Dabei kann ich den Blick jedoch nicht von seinen unzähligen Tattoos reißen. Er trägt nur ein Tanktop und die unter die dunkle Haut gestochene stilistische Hexe auf seinem rechten Oberarm scheint mich geradezu anzustarren.

»Sie sollten barfuß laufen, damit die negative Energie abfließen kann«, teilt er mir mit und seine langen schwarzen Dreadlocks wippen bei jeder Bewegung seines Kopfes.

Ich bemerke seine blutunterlaufenen Augen und beschließe, schleunigst das Weite zu suchen, bevor ich noch irgendwie damit in Verbindung gebracht werden kann.

»Danke«, verabschiede ich mich artig und stürze förmlich durch die alte Holztür hinaus auf den feuchten Bürgersteig. Ich habe es plötzlich schrecklich eilig und suche die Straße hastig nach meinem alten Honda Accord EX Sedan ab.

Wo zum Teufel habe ich heute gleich noch einmal geparkt?

Als ich das dunkle Blau meiner Rostlaube auf der gegenüberliegenden Straßenseite erkenne, krame ich den Zündschlüssel aus meiner Jackentasche und überquere die Straße, ohne nach rechts oder links zu schauen. Fahrzeuge hupen wie wild, als ich nur knapp vor ihrer Motorhaube über die Fahrbahn husche und hektisch die Fahrertür des Hondas aufschließe.

Ich schiebe mich hinter das Lenkrad, lasse meine Tasche und Frank Millers Akte auf den Beifahrersitz fallen und sehe aus dem Seitenfenster, nachdem ich die Tür hinter mir zugezogen habe und sie mich mit einem protestierenden metallischen Kreischen von der Außenwelt abschirmt.

Sheldon steht noch immer in der Tür, von welcher bereits die dunkelrote Farbe abblättert, und scheint Selbstgespräche zu führen, während er zu mir herübersieht und immer wieder vehement den Kopf schüttelt, als habe er einen uneinsichtigen Gesprächspartner. Dann nickt er abschließend, wendet sich langsam um und verschwindet wieder im Inneren des heruntergekommenen Gebäudes.

Gruselig.

Erst jetzt wird mir klar, dass ich die Luft angehalten habe. Ich atme normal weiter und mein Blick huscht zu dem selbst gebastelten Schild von Sheldon’s Magical Pigment Shop. Ob ich ihm irgendwann einmal sagen werde, dass es grottenhässlich ist? Wird er mich verfluchen, wenn ich es tue?

Okay. Ich gebe es hiermit offiziell zu: Der Kerl macht mir Angst. Mein Blick gleitet noch weiter nach oben und bleibt an meinem eigenen Schild hängen. Eigentlich ist es vielmehr eine neonfarbene Leuchtreklame, die den Schriftzug Rent a Hunter zeigt, wenn nicht ständig irgendein Buchstabe kaputtgehen würde. Momentan ist da nur ent unte zu lesen.

Schrecklich.

Ob es vielleicht an der schäbigen Präsentation liegt, dass das Geschäft gerade nicht so richtig läuft?

Ich nehme mir vor, später etwas genauer darüber nachzudenken, denn gerade driften meine Gedanken zu dem Spottpreis ab, für welchen ich den Laden übernommen habe. Und Fin gab es sogar gratis dazu.

Der Vorbesitzer der Agentur hieß Harlow Florish und war irgend so ein schmieriger Kerl, der Probleme mit zahlreichen Untergrundorganisationen und der hiesigen Vampirgesellschaft hatte. Eines Tages war er einfach spurlos verschwunden. Fin ist der felsenfesten Überzeugung, er habe sich abgesetzt, um irgendwo in der Südsee ein neues Leben zu beginnen und in aller Ruhe Bahama Mamas zu schlürfen. Ich hingegen frage mich, ob Sheldon da vielleicht seine knochigen Finger im Spiel hatte. Voodoo und so …

Mir war das Verschwinden von Harlow Florish nur recht. Als ich vor ein paar Jahren mein Studium der paranormalen Aktivitäten hingeschmissen habe, um Personenschützer zu werden – meine Mutter schürzt noch heute missbilligend die Lippen, wenn sie auch nur daran denkt –, hatte ja keiner ahnen können, dass ich durch eine unglückliche Aneinanderreihung von Ereignissen die Ausbildung ebenfalls abbrechen muss. Also beschloss ich, Individuenbeschaffer zu werden. Kautionsdetektiv. Jäger. Wie auch immer man es nennen will.

Und jetzt sitze ich hier, tippe mit dem Zeigefinger meiner rechten Hand an den kleinen selbst gebastelten Anhänger an meinem Rückspiegel, sodass dieser sachte vor und zurück baumelt, und starte Jimmy. Jimmy ist mein Wagen. Er muckt anfangs herum, wie jedes Mal, aber nachdem ich mehrmals das Gaspedal beim Starten der Zündung betätige, springt der Motor heulend an und wir fädeln uns schließlich in den Verkehr ein.

Die digitale Anzeige am Armaturenbrett verrät mir, dass es kurz nach acht Uhr abends ist. Um diese Uhrzeit herrscht in New Orleans immer ein reges Treiben, was dazu führt, dass es fast neun ist, als ich in Mid City eintreffe, am Rand einer unbeleuchteten Nebenstraße parke und den Motor abstelle.

Ich werfe einen Blick in die heruntergekommene Nachbarschaft und erkenne nur ein Irrlicht, welches wie wild durch die Gegend fliegt und dabei einen leuchtenden Streifen Staub verliert. Hat sich wohl verirrt, das arme Ding.

Ich finde kaum Zeit, über die Komik der Situation zu lachen, denn ich erschrecke, als jemand gegen meine Fensterscheibe klopft. Ich lasse mir nichts anmerken, wende den Kopf zur Seite und erblicke eine Gruppe halbstarker Trolle, die sich in mir wohl leichte Beute erhoffen.

Scheint eine nette Gegend zu sein.

Ich greife gelangweilt unter den Fahrersitz.

»Hey, Lady«, grunzt der Anführer der Bande mit tiefer und donnernder Stimme, die sogar durchs geschlossene Fenster klar zu verstehen ist, während seine drei Kameraden sich drohend die Fäuste reiben. »Aussteigen, oder wir verarbeiten dein hübsches Köpfchen mit einem Händedruck zu Brei.«

Lady? Hat der Kerl mich gerade tatsächlich Lady genannt? Ich hasse es, wenn man mich Lady nennt. Sehe ich wirklich aus wie eine Lady?

In mir beginnt es zu brodeln.

Lady am Arsch.

Mit ausdrucksloser Miene kurbele ich das Fenster auf der Fahrerseite herunter und hole in einer fließenden Bewegung die abgesägte Schrotflinte unter dem Sitz hervor. Der Troll blinzelt überrascht, als ich ihm den Lauf der Waffe direkt unter die hässliche verkrustete Nase halte und seine Kumpel vorsichtshalber ein paar Schritte nach hinten gehen. Der Anführer schielt in dem vergeblichen Versuch, den Lauf der Waffe im Auge zu behalten.

»Verschwindet«, verlange ich. »Oder meine Freundin hier verteilt eure Erbsengehirne auf dem Asphalt.«

Unwilliges Grunzen ist die Antwort und der Wortführer verzieht das unschöne Gesicht, als er in einem gedanklichen Kraftakt das Für und Wider abwägt.

»Wird’s bald?«, hake ich nach und unterstreiche meine Absicht, indem ich den Lauf der Waffe noch fester gegen seine Knollennase drücke.

Dies scheint Wirkung zu zeigen, denn ich kann die Räder hinter der flachen Stirn des jungen Trolls förmlich rattern hören. Er schnaubt noch einmal verächtlich, gibt seinen Kumpanen ein Zeichen und die trotteligen Trolle machen sich daraufhin vom Acker und verschwinden in der Nacht, um sich ein anderes Opfer zu suchen.

Ich kichere in mich hinein, während ich die Fensterscheibe wieder nach oben kurbele und das Gewehr an seinen Platz zurücklege. Das Ding ist nicht einmal echt. Als ob man mir eine funktionierende Waffe anvertrauen würde.

Tz, Trolle. So hässlich wie dämlich.

Ich halte inne, als meine Finger unter dem Fahrersitz gegen etwas stoßen, das da normalerweise nicht hingehört. Meine Miene erhellt sich, als ich fester zupacke und begreife, was sich die ganze Zeit da unten versteckt. Ich hole es hervor und betrachte den Briefbeschwerer im dämmrigen Licht der Herbstnacht, so gut es eben geht. Dann werfe ich das schwere Teil in meine Tasche und krame ein pinkfarbenes Mobiltelefon aus der Gesäßtasche meiner engen dunklen Lederhose. Ja, in Bezug auf pinkfarbene Sachen bin ich eben doch ein echtes Mädchen.

Ich habe mein Gehirn gefunden, tippe ich schnell eine Nachricht in das Klapptelefon und versende diese sogleich an Fin.

Ich überfliege Millers Akte, während ich auf Antwort warte.

Frank Miller. Wegen eines Drogendeliktes nicht vor Gericht erschienen. Zahlreiche Vorstrafen wegen sexueller Belästigung, versuchter Vergewaltigung, Raubüberfalles und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr. Eine arme Frau namens Renee Warren verlor sogar ihren Job bei einem ansässigen Tankstellenbetreiber, nachdem sie Miller angezeigt hatte.

Ich werfe einen kurzen Blick auf sein Fahndungsfoto und befördere die Akte achtlos auf den Rücksitz. Der Mann ist schmächtig und nur eins siebzig groß. Der wird mir nicht viel Widerstand leisten. Mein Glück, dass er mich nie persönlich zu Gesicht bekommen hat, sondern wir die Sache mit seiner Kaution telefonisch geregelt haben. Wie auch immer. Wenn er sich binnen drei Tagen nicht bei Gericht meldet, geht meine gestellte Kaution an den Staat und ich sehe von meinen hart verdienten Moneten nicht einmal mehr einen Cent. Doch das weiß ich zu verhindern.

Mein Telefon gibt ein Geräusch von sich, das mich an eine kalbende Kuh erinnert, und ich verdächtige sofort meinen Vermieter und Mitbewohner, die Einstellungen meines Telefons verstellt zu haben. Schon wieder!

»Rache ist Blutwurst, Puck«, murmele ich vor mich hin und lese rasch die angekommene Nachricht.

Halleluja!, steht auf dem Display und ich packe lächelnd alles zusammen, um mich auf die Suche nach Hausnummer sechs zu begeben.

Ich schleiche durch die verlassene Straße, betrete schäbige Vorgärten und wecke schlafende Hunde, als ich versuche, Hausnummern an den teils verbarrikadierten Häusern zu erkennen. Über einem der Eingänge hängen Symbole irgendeines Hexenkultes, am verrotteten Gartenzaun des übernächsten Hauses prangen lateinische Symbole auf einer aufgespannten Haut. Ich kann nur hoffen, dass diese tierischen Ursprungs ist.

Ja, nette Gegend, denke ich, während ein kühler Schauer meinen Rücken hinunterjagt. Kann ich nur immer wieder bestätigen.

Das Häuschen mit der Nummer sechs ist eine Bruchbude. Nur ein Licht im Obergeschoss verrät mir, dass hier tatsächlich noch jemand haust.

Ich rücke meine schwer gewordene Umhängetasche zurecht, zupfe am Saum meiner Lederjacke und hämmere mit der Faust dreimal gegen die marode Haustür. Ein Wunder, dass sie nicht einfach unter meinen Schlägen nachgibt.

Ein paar Sekunden passiert gar nichts und ich stehe nur abwartend auf der obersten Treppe, die zur Eingangstür führt. Dann höre ich Gezeter aus dem obersten Stockwerk und schließlich poltert jemand eine Treppe hinunter. Ich halte mich bereit, Frank Miller in den Schwitzkasten zu nehmen.

Wo sind eigentlich meine Handschellen?

Ich betaste suchend all meine Taschen, als die Tür geöffnet wird und ich augenblicklich in den doppelten Lauf einer Schrotflinte blinzele. Und diese hier ist eindeutig echt.

Okay, damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet.

Ich reiße sofort beide Arme nach oben, blicke am Lauf der Waffe vorbei und sehe am anderen Ende einen Greis stehen, der nur ein dreckiges geripptes Unterhemd und zerschlissene Boxershorts trägt. Durch Brillengläser so dick wie Flaschenböden sieht er mich grimmig an.

Menschlich. Zumindest auf den ersten Blick.

»Was wollen Sie?«, fragt er mit knarziger Stimme und ich bemerke, dass er lustigerweise zwei Köpfe kleiner ist als ich und die Waffe nach oben richten muss, um sie mir direkt ins Gesicht zu halten.

Vielleicht waren seine Vorfahren ja doch Zwerge.

»Äh«, beginne ich und drücke den Lauf der Flinte mit zwei Fingern zur Seite. Äußerst mutig von mir, wie ich finde, jedoch erfolglos, da der Herr vor mir sie sofort wieder in die richtige Bahn bringt. »Mein Name ist Tess Carlisle. Ich bin auf der Suche nach Frank Miller. Er soll hier wohnen.«

Ich bin verwirrt. Von hier lebenden rigorosen Rentnern steht nichts in Millers Akte.

Dieser besagte Rentner kneift gerade die Augen zusammen und sieht dabei aus wie ein Maulwurf auf einem Speedboot. Fast lache ich über den Vergleich, kann mich aber in einer heldenhaften Anstrengung gerade noch so beherrschen.

»Miller?«, quakt der bewaffnete Bewohner und ich nicke eifrig, wobei mir eine dunkle Locke in die Stirn fällt. »Millers wohnen da drüben«, vertraut mir mein Gesprächspartner an und deutet mit dem Kinn auf die gegenüberliegende Straßenseite.

Ich lege fragend die Stirn in Falten und deute mit einem Finger auf die angelaufene Hausnummer, die früher sicher einmal bronzefarben oder so war. Erst jetzt bemerke ich meinen Fehler und schlage mir gedanklich die Hand vor die Stirn. Ein Nagel zum Befestigen der Hausnummer hat sich gelöst und die eigentliche Neun baumelt nun kopfüber und sieht demnach wie eine Sechs aus.

Völlig logisch.

»Oh.« Peinlich berührt, versuche ich, meinen Irrtum wegzulächeln. »Mein Fehler. Tut mir schrecklich leid. Einen schönen Abend noch.«

Eilig nehme ich die Arme runter, mache auf dem Absatz kehrt und husche die wenigen Stufen in den kleinen kargen Vorgarten hinunter. Dabei hoffe ich, dass die zittrigen Finger des alten Mannes nicht aus Versehen den Abzug betätigen und er mir ungalant in den Rücken schießt.

Ohne mich umzublicken, steuere ich nun zielsicher die richtige Nummer sechs an und nehme erleichtert zur Kenntnis, dass bis jetzt kein Schrot meinen Körper durchfressen hat.

Tumult bricht ein paar Häuser weiter südlich aus und ich halte inne, noch bevor ich den durchnässten Rasen des Grundstücks betreten habe.

Ich lausche in die Nacht. Plötzlich prescht ein Zentaur zwischen zwei Häusern hervor. Seine lange Mähne weht im Wind, als er im Galopp die breite Straße überquert, mühelos über eine kümmerliche Hecke hinwegspringt und schließlich aus meinem Sichtfeld verschwindet. Kaum ist wieder Ruhe eingekehrt, poltern die vier Trolle von eben dieselbe Strecke entlang und versuchen, den flüchtenden Pferdemenschen einzuholen. Dabei stolpert einer über seine eigenen Beine und landet brüllend in der Hecke. Ein anderer rempelt im Eifer des Gefechts gegen ein parkendes Auto und löst somit dessen Alarmanlage aus. Das schrille Pfeifen hallt unangenehm laut in der abendlichen Stille wider.

Ich kämpfe gegen den Drang an, mir die Ohren zuzuhalten, und hoffe, dass Miller den Lärm nicht nutzt, um aus dem Fenster zu spähen, als irgendwo eine Tür auffliegt. Hunde bellen, jemand schreit, ein Schuss wird abgefeuert und das durchdringende Geräusch der Alarmanlage verkümmert zu einem kläglichen Piepen. Die Trolle raffen sich auf und ziehen mit eingezogenen Köpfen von dannen.

Wiederhole ich mich, wenn ich sage, dass das hier wirklich eine ganz reizende Gegend ist?

Ich wende mich kopfschüttelnd ab und als ich den ungewöhnlich langen Vorgarten zu Millers Eingang beschreite, habe ich bereits die Nase gestrichen voll. Ich versinke knöcheltief im aufgeweichten Boden und strauchele bei fast jedem Schritt. Während ich mir leise vor mich hin fluchend meinen Weg bahne, schießt ein weiteres Irrlicht knapp an mir vorbei und ich zucke zusammen. Kurze Zeit bin ich geblendet vom hellen Licht des geflügelten Wesens und stolpere unkontrolliert über den zertrampelten Rasen.

Gott, wenn das jemand sieht!

Ich reiße mich zusammen, blinzele die verbliebenen Lichtflecken weg und visiere die Tür wenige Meter vor mir an. Der Eingangsbereich ist ebenerdig, also keine hinterhältigen Stufen, über die ich auf den letzten Metern noch stolpern könnte. Sehr gut.

Als ich endlich vor Frank Millers mit Graffiti beschmierter Haustür stehe, bin ich bis aufs Blut gereizt, meine Stiefel dreckig und die nächtliche Luftfeuchtigkeit macht Sachen mit meiner Haarstruktur, die mich schier verzweifeln lassen. Ich brauche jetzt dringend ein Bad. Ein Bad, eine heiße Schokolade mit viel Sahne, Zimt und kleinen Marshmallows, und einen Lebensgefährten, der mir nach einem anstrengenden Tag den schmerzenden Nacken massiert.

Finde den Fehler.

Ich werde wieder einmal daran erinnert, dass ich Single bin.

Miller soll jetzt bloß keine Spielchen mit mir treiben und schön artig mitkommen. Bei meiner sinkenden Laune kann ich heute für nichts mehr garantieren.

Noch während ich missmutig an seine Haustür klopfe und das Geräusch unnatürlich laut in der Stille der Straße widerhallt, überlege ich mir mein Vorgehen.

Abwarten und sehen, wie er auf mein Erscheinen reagiert? Und was, wenn er bewaffnet ist? Doch lieber einen Schritt zur Seite gehen, ihn entwaffnen und anschließend die Scheiße aus ihm rausprügeln?

Noch ehe ich zu einer Entscheidung komme, öffnet Frank Miller die Tür. Ich erkenne ihn sofort, denn er sieht genauso aus wie auf dem Fahndungsfoto in seiner Akte. Klein, schmächtig, schlechte Haut und … Oh, schau, er lässt sich eine Glatze stehen.

Ich lächele zuckersüß, da augenscheinlich keine direkte Gefahr von ihm ausgeht. »Mr. Miller?«, frage ich und lasse die Gehirnblondine raushängen.

Er nickt in freudiger Erwartung und als er beginnt, mich mit Blicken auszuziehen, sehe ich nur zwei Möglichkeiten.

Möglichkeit eins: Ich kotze ihm augenblicklich vor die Füße.

Möglichkeit zwei: Ich zeige ihm, wie aus einer flachen Hand eine Faust wird.

Es fällt mir nicht schwer, mich für die Variante zu entscheiden, bei der ich ebenfalls ein wenig Spaß habe. Also packe ich Miller mit der linken Hand an der Schulter, reiße ihn näher an mich heran und vollführe gleichzeitig eine schnelle Kreisbewegung mit dem Ellbogen meines rechten Armes. Der harte Knochen trifft Miller völlig unvorbereitet mitten im Gesicht. Ein leises Knirschen ist zu hören, als sein Kopf zur Seite fliegt, er mit einem dumpfen Geräusch zu Boden geht und benommen in seiner Eingangstür liegen bleibt.

»Wasss …«, beginnt er wie ein Betrunkener, eine Frage zu stellen, und versucht, sich aufzurappeln.

»Was ich will?«, nehme ich ihm die Frage ab und deute mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den am Boden Liegenden. »Ich schleife Ihren Arsch jetzt zur nächsten Polizeidienststelle, denn ich will, dass Sie endlich hinter schwedischen Gardinen landen, Sie dreckiger Mistkerl.«

Er will protestieren, doch ich beuge mich sofort über ihn – puh, der Kerl stinkt wie eine Bahnhofskneipe –, packe seinen Hemdkragen und gebe ihm mit geballter Faust voll eins auf die Zwölf. Miller gehen direkt die Lichter aus und ich versuche, den Schmerz in meiner rechten Hand wegzuwedeln.

»Das war für die Frauen, die du unsittlich berührt hast, du schmieriger Schleimbolzen«, sage ich und trete ihm noch zusätzlich in die Seite. »Blödes Arschloch.«

In einer eingeübten Bewegung packe ich Miller, der schnaufende Geräusche von sich gibt, und schultere ihn, wobei mein Nacken ein wenig protestiert. Kaum zu glauben, was so ein zierliches Persönchen, wie ich es bin, mit der richtigen Technik tragen kann, oder?

Ich ziehe seine Wohnungstür ins Schloss, hoffe noch kurz, dass Miller den Herd nicht anhat und seine Bude nicht abfackelt, und mache mich auf den Rückweg zu Jimmy, was bei dem aufgeweichten Boden keine einfache Übung ist. Millers Gewicht ruht ungewohnt schwer auf meiner Schulter und mein langes Haar ist unter seinem Körper eingeklemmt, sodass meine Kopfhaut unangenehm ziept. Memo an mich selbst: beim nächsten Mal einen Pferdeschwanz tragen.

Zwei Goblins auf der anderen Straßenseite werfen mir seltsame Blicke zu, als ich, endlich auf festem Untergrund angekommen, auf dem Gehweg entlangschlendere und mich unweit entfernt schließlich an der Hintertür meines Hondas zu schaffen mache.

»Guten Abend«, sage ich freundlich und sehe zu, dass ich Miller auf meinen Rücksitz gehievt bekomme, wobei er sich mehrmals den Kopf an der Karosserie stößt, bevor er schnaufend auf die Rückbank plumpst.

Nachdem ich die Tür geschlossen habe, umrunde ich den Wagen und öffne dann die hintere Tür auf der anderen Seite. Anschließend schnappe ich mir Millers Handgelenk und führe es hinauf zum Haltegriff an der Decke des Wagens, wo immer ein Paar Handschellen bereit hängt, um die richtig bösen Buben im Zaum zu halten. Mit einem Klick rastet erst die eine, dann die andere Schelle um sein Handgelenk ein und Miller baumelt nun irgendwie grotesk verdreht von der Wagendecke.

Ich nicke zufrieden, wische mir die Hände an den Oberschenkeln ab und fühle mich dennoch dreckig. Ich will ein Bad! Und Jimmy wird morgen ebenfalls gründlich gereinigt.

Als ich mich wieder zu voller Größe aufrichte und mein Blick den der Goblins streift, die immer noch wie fest verankert dastehen und zu mir herüberstarren, haben sie es mit einem Mal ganz schrecklich eilig, aus meiner Reichweite zu gelangen.

Noch während ihre schnellen Schritte verhallen, sehe ich hinauf zum aufgegangenen Sichelmond. »Wirklich nette Gegend«, sage ich und knalle die Fahrzeugtür zu.

Kapitel 2

Miller kommt schnaufend zu sich, als ich gerade an einer roten Ampel warte und ungeduldig mit dem Gaspedal spiele. Ich hatte wirklich gehofft, dass er auf dem ganzen Weg bis zum Revier den Schlaf der Gerechten schläft. Aber man kann eben nicht alles haben.

»Was zum …«, höre ich ihn benommen fragen, dann klimpern die Handschellen, an denen er zerrt, als er vollends zu sich kommt. »Hey! Hey, Sie da! Was soll das? Wer sind Sie?«

Ich riskiere einen Blick in den Rückspiegel, über den er mich böse anfunkelt. »Bleiben Sie ruhig, Mr. Miller. Ich habe die Befugnis, Sie auf ein Polizeirevier zu bringen, da Sie nicht zu Ihrem Gerichtstermin erschienen sind.«

»Hey, Lady«, beginnt er und lehnt sich zwischen den Sitzen so weit nach vorn, wie es ihm möglich ist.

Lady?, knurre ich innerlich. Was zum Teufel ist nur los mit den Leuten?

»Sie haben den Falschen.«

»Das sagen alle«, erwidere ich ruhig und halte den Blick starr auf die Ampel gerichtet. »Lehnen Sie sich bitte zurück und genießen Sie den Rest der Fahrt. Ihre Geschichten können Sie dann dem Haftrichter erzählen.«

»Ich sagte, Sie haben den Falschen!«, brüllt Miller ungehalten und reißt am Haltegriff, richtet jedoch keinen Schaden an. »Was ist das? Ist das Blut?«

Als die Ampel auf Grün springt, werfe ich kurz einen Blick nach hinten und sehe, dass er seine blutende Nase bemerkt hat.

»Du hast mir die Nase gebrochen, du hinterhältige Schlampe!«

Ich fahre so scharf an, dass Miller hart in den Sitz gedrückt wird und sich nur noch mehr echauffiert.

»Das wird Konsequenzen haben«, versichert er mir und versucht es jetzt offenbar im Ruhigen, als wir gemütlich die Cleveland Avenue entlangfahren und ich die Luft des Reviers schon fast riechen kann.

Nur noch ein paar Meilen. Dann ist es geschafft.

»Dreckshure!«

In aller Seelenruhe krame ich mein Telefon hervor, klappe es, den Mund zu Hilfe nehmend, auf und drücke auf den ersten gespeicherten Eintrag in der Kurzwahlliste, bevor ich das Telefon zwischen Schulter und Ohr klemme.

Während ich dem Freizeichen lausche, tritt Miller immer wieder gegen den Sitz und beleidigt mich und mein Auto. Als er dabei angelangt ist, auch meine Mutter mit in die ganze Sache zu verwickeln, nimmt endlich jemand am anderen Ende das Gespräch an.

»Roalstad«, sagt Otis’ respekteinflößende Stimme, obwohl er meine Nummer bereits in- und auswendig kennt und demnach genau weiß, wer ihn gerade anruft.

»Ich bin’s«, sage ich schlicht und verziehe das Gesicht, weil Millers Geschrei mir bereits Kopfschmerzen bereitet.

»Wieder in Schwierigkeiten?«, fragt mein Gesprächspartner, der die Hintergrundgeräusche scheinbar völlig falsch deutet.

»Nicht doch«, verneine ich und fahre zügig von der Canal auf die North Rampart Street auf. Ohne den Blinker zu setzen.

Ich bin so rebellisch.

Meine Mutter würde diese Handlung jedoch minderbemittelt nennen.

»Kannst du ein Empfangskomitee bereitstellen? Ich habe hier Frank Miller, der schon begierig auf seine Arrestzelle wartet.«

Ich werfe besagtem Miller einen Blick über den Spiegel zu und bemerke dabei, dass er plötzlich verdächtig ruhig ist und mich überlegend mustert.

»Wir sind in drei Minuten da«, füge ich hinzu und klappe das Telefon bereits zu, noch bevor Otis’ »Alles klar« mich vollständig erreicht hat. »Was ist?«, kann ich mir nicht verkneifen, zu fragen, und lege mein Telefon auf das Armaturenbrett, wobei ich erst jetzt einen Strafzettel bemerke, der unter dem Scheibenwischer hängt und kräftig im Wind flattert.

Mist. Nicht schon wieder!

»Ich kenne dich«, sagt Miller leise und mit zusammengekniffenen Augen.

Ist der blöd? Natürlich kennt er mich. Er hat mich ja auch angerufen, oder etwa nicht?

»Du bist doch die Olle, die das Rathaus in die Luft gejagt hat.«

Ich beiße mir auf die Innenseite meiner Unterlippe und greife das Lenkrad fester. »Nein«, lüge ich, ohne rot zu werden. »Da müssen Sie mich verwechseln.«

»Doch«, beharrt Miller und rückt auf seinem Platz so weit nach vorn, wie es ihm möglich ist. Dabei tropft seine blutende Nase meinen Beifahrersitz voll. Widerlich. »Du bist das Flittchen, das auch Barny eingebuchtet hat. Ki… Ku… Ka… Karlusl? Karleeisl? Karlaillse!«

»Carlisle«, korrigiere ich den blutenden Drogendealer. »Das S ist stumm. Und ich buchte überhaupt niemanden ein. Dafür ist immer noch die Polizei zuständig.«

»Hinterhältige Fo…«

»Zügeln Sie Ihre Ausdrucksweise, oder ich werde wirklich handgreiflich!«, rufe ich ihm zu.

Wie weit ist es eigentlich noch bis zu diesem beschissenen Revier? Und was stinkt hier eigentlich so?

Ich kurbele das Fenster ein Stück nach unten und atme die kühler werdende Abendluft ein, während diese mit meinem offenen Haar spielt, welches mich wiederum am Hals kitzelt.

»Was ist das überhaupt?«, spuckt Miller aus, lacht dann laut auf und ich kann seinen Blick auf meinem selbst gebastelten Rückspiegelschmuck förmlich spüren.

»Ein angebissener Apfel«, erkläre ich aus einer Laune heraus und kann das rettende Revier an der Ecke St. Louis Street bereits sehen. Ich trete ein wenig mehr aufs Gaspedal und der Honda beschleunigt merklich. »Aus Filz.« Auf meine Affinität zu alten Kindermärchen gehe ich an dieser Stelle lieber nicht weiter ein.

»Hat den eine Zweijährige gebastelt?«, prustet Miller wieder los, doch ich gehe auch darauf nicht ein. »Das könnte selbst mein Großonkel Phil besser, und der hat nur noch einen Arm und zwei Finger.«

Ich seufze leidend, als ein SUV vor uns einschert und ich das Fahrzeug abbremsen muss. Somit verpassen wir die Grünphase der nächsten Ampel und ich bin Millers geistigen Ergüssen ein paar quälende Sekunden länger ausgeliefert.

»Halten Sie den Mund, oder Sie verbringen die restliche Fahrt im Kofferraum«, drohe ich, obwohl ich weiß, dass ich dieses Unterfangen nur schlecht in die Tat würde umsetzen können.

»Das will ich sehen, Püppchen«, meint Miller, droht fortführend mit seinem Anwalt und meint dann plötzlich: »Ich muss mal.«

»Wir sind gleich da«, sage ich zerknirscht und hämmere den Gang rein.

»Ich muss aber jetzt«, schreit Miller los und ich könnte schwören, dass das Innere des Wagens vom bösen Blitzen in seinen Augen kurz taghell erleuchtet ist. »Ich kann es nicht mehr halten.«

»Unterstehen Sie sich!«, schreie auch ich und verreiße kurz das Lenkrad, als ich sein Vorhaben durchschaue und hektisch mit dem Arm wedele. »Aufhören! Sofort!«

Wir holpern über einen Bordstein und Miller stöhnt erleichtert auf. Mit einem Mal riecht es im gesamten Wagen streng nach Zwiebelsuppe.

»Zu spät«, meint er gelassen und lehnt sich zufrieden zurück. »Ich lasse es schon laufen. Wussten Sie nicht, dass ich eine Blasenschwäche habe? In Stresssituationen habe ich mich nicht mehr unter Kontrolle.«

Meine Zähne knirschen, als ich endlich auf den freien Bereich des Präsidiums rase und vor der kurzen Treppe zum Eingang des Gebäudes stehen bleibe. Von Otis’ Empfangskomitee ist keine Spur zu sehen.

Toll!

»Heute habe ich zusätzlich noch böse Darmprobleme«, fügt Miller hinzu und seine Handschellen rascheln, als er versucht, weiter in den Fußraum zu rutschen.

»Sie perverser Pisser!«, rufe ich völlig außer mir und versuche, irgendwie auf den Rücksitz zu gelangen, um Miller von seinem Vorhaben abzuhalten.

Die Luft wird aus meinen Lungen gepresst, als mein Gurt mich davon abhält. Ein lauter Furz ertönt und Miller verzieht das Gesicht in heldenhafter Anstrengung. Ohne weiter nachzudenken, greife ich nach meiner Tasche und schleudere sie in Richtung Rücksitz, wo sie den furzenden Fiesling mit einem unschönen Klong am Kopf trifft. Miller sackt zum zweiten Mal am heutigen Abend in sich zusammen und Stille erfüllt das Wageninnere.

Mein Blick huscht zu meinem Gehirn, welches nun mit anderen weit verstreuten Sachen auf der Rückbank liegt. Dann bemerke ich die Sauerei zu Millers Füßen und wende mich angeekelt ab.

Ich erschrecke schon wieder, als jemand gegen mein halb geöffnetes Fenster klopft.

»Ms. Carlisle«, sagt ein uniformierter Officer begrüßend nickend und ich bin ihm dankbar, dass wenigstens einer meinen Namen richtig ausspricht. Ich kenne den jungen Mann nur vom Sehen, aber sein Namensschild zeigt die Aufschrift Blake.

»Hallo«, sage ich schlicht und zeige auf die Rückbank. »Das ist Frank Miller. Er ist nicht vor Gericht erschienen und bittet jetzt dringend um eine Inhaftierung. Die Kaution ist noch nicht verfallen und geht an Rent a Hunter. Ach ja, Mr. Miller benötigt eventuell medizinische Versorgung. Der arme Trottel ist doch tatsächlich ganz ungünstig gestolpert.«

»Hm«, macht Blake, nur minder überzeugt, stellt jedoch glücklicherweise keine weiteren Fragen, sondern geht zur Hintertür und besieht sich stumm die angerichtete Sauerei durch das geschlossene Fenster.

Ich steige aus und bemerke erst, wie mies der Gestank in meinem Wagen ist, als frische Luft um meine Nase weht.

Officer Blake öffnet die Hintertür und tritt sofort einen Schritt zurück. »Puh«, ruft er aus und schaut mich sogleich mitleidig an. »Das riecht ja schlimmer als in einem Iltisbau. Oder hat hier vielleicht ein Waschbärweibchen im Fußraum geworfen?«

Blake lacht kurz auf und ich stimme humorlos ein. Dann halte ich die Luft an, beuge mich ins Innere und sammele schnell meine Siebensachen zusammen. Kaugummi, Hausschlüssel, Tampons, mein wiedergefundenes Gehirn – ganz wichtig –, einen Taser, ein nicht mehr funktionierendes Feuerzeug und das Ladekabel für mein Telefon.

Ich richte mich wieder auf und überlege, wie ich die famose Verunreinigung wieder gereinigt bekomme, während ich Blake aufmunternd auf die Schulter klopfe. Ab hier ist Miller sein Problem.

Ich greife mir den Strafzettel von der Windschutzscheibe und stopfe ihn zusätzlich in meine Tasche, bevor ich auf dem Absatz kehrtmache und das Revier betrete.

»Scheiße«, höre ich Blake noch murmeln, als ihm vermutlich dämmert, welch undankbare Aufgabe vor ihm liegt.

Ich stolziere mit geschulterter Tasche durch die hölzerne Eingangstür des Reviers und gehe sofort im regen Treiben geschäftiger Polizeiarbeit unter. Kaum einer beachtet mich. Nur hin und wieder erhalte ich ein höfliches Kopfnicken wie das, welches Officer Blake mir geschenkt hat.

Den Weg zu Otis’ Büro kann ich im Schlaf zurücklegen. Geradeaus ins Treppenhaus, in der ersten Etage links abgebogen, vorbei an den Großraumbüros, wo mir Detective Matthews und Detective Cunningham böse Blicke zuwerfen und ich ihnen dennoch übertrieben freundlich zuwinke. Noch eine Rechtskurve, vorbei an einem chronisch leeren Wasserspender und dann immer geradeaus bis zum Ende des Ganges.

Otis Roalstad, Captain des Reviers und guter Freund meiner Eltern, sieht mich durch die Glasfront seines Büros bereits den Gang entlangflanieren und beendet schnell ein Telefongespräch, bevor ich eintrete.

»Tess«, grüßt er, noch ehe er seine Gesprächsnotiz ganz verstaut hat, und mustert mich wissend. »Du siehst gut aus.«

Otis ist in seinen Sechzigern, der Ansatz seines kurzen grauen Haares zieht sich immer mehr zurück und seine gütigen Augen werden von Falten eingerahmt, die sich auch auf seinem gesamten Gesicht zeigen und von einem Leben herrühren, welches in vollen Zügen gelebt wurde.

»Danke«, sage ich, weil ich weiß, worauf er hinauswill. »Du hältst dich wie immer noch besser.«

Sein Mund verzieht sich zu einem einnehmenden Lächeln. Mein Blick huscht wie so oft zu der verblassten Narbe, die sich über seine Unterlippe zieht und einem flüchtigen Betrachter kaum auffallen würde. Schnell wechsele ich das Thema.

»Frank Miller wird soeben unter Arrest genommen«, verkünde ich stolz.

Bereits mein dritter Kautionsflüchtling in fünf Tagen. Ich habe anscheinend einen Lauf. Nur blöd, dass mir langsam die lukrativen Fälle ausgehen und meine Miete bald fällig ist.

»Das ging ja schneller als gedacht«, gesteht Otis mir zu und ich weiß, dass er dies nicht abwertend meint.

Sein Lächeln verblasst, während ich meine Tasche von meiner Schulter gleiten lasse. Mein Gehirn ist wirklich schwerer, als es aussieht. Mit einem dumpfen Geräusch landet die Tasche neben meinen Füßen.

»Er ist wirklich nicht der Hellste«, bemerke ich und Otis nickt zustimmend.

Es vergehen ein paar Momente, in denen wir uns stumm betrachten und ich ein wenig nervös mit den Füßen scharre.

»So wortkarg?«, beendet Otis schließlich das Schweigen, während irgendwo im Gebäude ein Faxgerät piept und ich mit den Schultern zucke.

»Keine besonderen Vorkommnisse.«

»Hm«, macht auch Otis, wie bereits Blake zuvor, wirkt jedoch wirklich abwesend. Wahrscheinlich ist er gedanklich bei irgendeinem wichtigen Fall.

Apropos.

»Otis, ich muss mit dir reden.« Ich lasse mich auf dem Besucherstuhl ihm direkt gegenüber nieder.

»Geht es um die Kaution für Miller? Die kriegst du innerhalb der nächsten Tage überwiesen.«

»Gut, danke, aber darum geht es nicht. Ich brauche deine Hilfe. Mir gehen die Aufträge aus. Du musst mich zum zivilen Berater machen und mir Akteneinsicht in deine Fälle gewähren.«

Otis lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück, legt die Ellbogen auf die Armlehnen und seine Fingerspitzen vor seinem Körper gegeneinander. So verharrt er ein paar Sekunden und sieht mich mit zusammengekniffenen Augen an. Dann lacht er laut auf.

»Das ist wirklich witzig. Für einen Moment habe ich geglaubt, dass du es ernst meinst.«

Ich sehe ihn vielsagend an.

»Oh Gott, du meinst es ernst. Wie stellst du dir das vor? Zivile Berater arbeiten ehrenamtlich.«

Mein Blick wird verschmitzt. »Ja, aber wenn ich die bösen Buben dingfest mache, kann es durchaus sein, dass sie ihre Kaution nicht zahlen können, und dann komme ich erneut ins Spiel.«

»Das ist gar nicht mal so blöd«, muss Otis mir widerstrebend zustimmen. »Aber deine Mutter würde mich umbringen, wenn sie erfahren würde, dass ich dafür verantwortlich bin, dass du dich in Gefahr begibst. Also … noch mehr, als du es bereits tust.«

Ich beuge mich vor und falte sogar die Hände wie im Gebet, als ich mich auf seine Tischplatte lümmele und dabei das glänzende Namensschild darauf verrücke. »Bitte, Otis! Ich muss doch irgendwie meine Brötchen verdienen. Mein Vermieter bringt mich um, wenn ich nicht pünktlich meine Miete zahle. Der Typ hat ein Kreuz so breit wie ein Schrank.«

Otis sieht mich völlig unbeeindruckt an und wir ignorieren beide den Lärm, der irgendwo im Treppenhaus seinen Ursprung haben muss.

»Dein Vermieter ist ein laufender Meter«, erinnert Otis mich an Pucks Körpermaße.

»Du kennst ihn doch gar nicht«, versuche ich, mich herauszureden, rücke das Namensschild wieder zurecht und puste sogar ein Staubkorn von dem gebeizten Holz.

»Er ist ein Wichtel. Wie groß kann er schon sein?«

Ich lasse seine Frage unbeantwortet und überlege kurz, ob ich vielleicht auf die Knie fallen soll, entscheide mich dann aber doch für etwas, das ich für den sogenannten Dackelblick halte.

Dieser scheint Wirkung zu zeigen, denn Otis seufzt schwer und sieht zur Seite. Ich beobachte ihn dabei, wie er eine tief liegende Schublade unter seinem Schreibtisch öffnet und seine Finger Akten zur Seite schieben, welche an Schienen befestigt sind und nach Aktenzeichen geordnet im Rhythmus der Suchbewegung baumeln.

»Da«, scheint er fündig geworden zu sein, pflückt eine dünne rote Akte aus dem Schubfach und legt sie mir vor die Nase. »Kannst du behalten. Ist bereits eine Kopie.«

»Ich könnte dich knutschen!«, rufe ich überschwänglich, als ich die Akte dankend an mich nehme.

»Lieber nicht, sonst entstehen noch Gerüchte«, brummt Otis, ohne mich anzusehen, und reibt sich die Stirn. »Und jetzt raus, bevor ich es mir noch anders überlege.«

Ich packe meine Tasche und erhebe mich quasi sofort, dann fällt mir jedoch noch eine wichtige Sache ein. »Das hätte ich fast vergessen.«

Otis sieht mich fragend an und seine buschigen Augenbrauen gehen dabei in die Höhe. Ich krame meinen Strafzettel hervor und überreiche ihm das Knöllchen feierlich.

»Wie könnte es auch anders sein.«

»Wäre nett, wenn du dich darum kümmern könntest.«

»Aber gern doch«, verkündet Otis und lässt den Zettel in einem Fach auf der anderen Seite seines Schreibtisches verschwinden, welcher bereits vor Strafzetteln überquillt. Er hat mächtig damit zu kämpfen, die Schublade wieder zu schließen.

Ich räuspere mich verlegen, da ich weiß, dass ich allein dieses Fach gefüllt habe. Langsam gehe ich rückwärts und drücke die Fallakte dabei fest an mich. »Danke, Otis. Man sieht sich.«

»Ja.« Er wirkt plötzlich erschöpft. »Wir sind ja nicht blind.«

Ich husche schnell nach draußen und ziehe die Bürotür hinter mir zu, als Tumult aus dem Treppenhaus an mein Ohr dringt.

»Wenn Sie sich nicht beruhigen, müssen wir Sie ruhigstellen«, brüllt irgendjemand.

Blake?

»Das Flittchen hat mir die verdammte Nase gebrochen!«

Oje.

Ich nehme die Beine in die Hand.

Ich habe keine Lust auf eine Szene und bemühe mich, schnell das Revier zu verlassen. Am Treppenaufgang des Erdgeschosses muss ich mich jedoch meinem Schicksal stellen.

Drei Polizeibeamte mühen sich mit Miller ab, der anscheinend wieder zu sich gekommen und im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte ist. Einer der Beamten hat bereits eine Elektroschockpistole schussbereit und macht nicht den Eindruck, als würde er davor zurückschrecken, diese auch einzusetzen.

»Das ist sie!«, brüllt Miller und seine Stimme überschlägt sich fast, als sein Blick in meine Richtung fliegt. »Die müsst ihr festnehmen, nicht mich!«

»Mr. Miller, beruhigen Sie sich, oder wir werden Sie tasern«, ruft eine weibliche Stimme und ich versuche, mich an der Szenerie vorbeizuschieben, ohne groß darin involviert zu werden.

»Fick dich!«, ist Millers Antwort, als ich gerade auf gleicher Höhe mit dem Vierergespann bin.

Ich habe irgendwie im Blut, was sein nächstes Vorhaben ist, und drehe mich genau in dem Moment zur Seite, als sein Speichel in meine Richtung fliegt. Irgendetwas Nasses trifft mich am Hinterkopf und verfängt sich in meinem offenen Haar.

Großartig!

Ich höre das statische Knistern, als sich mit Drähten verbundene Projektile in Millers Haut bohren und fünfzigtausend Volt durch den Körper des unkooperativen Mannes jagen. Fünf Sekunden später ist es still und ich bin auf dem Weg nach draußen, wo ich sogleich vor meinem verschlossenen Wagen stehe.

Blake.

Ich höre hinter mir einen Schlüsselbund klimpern.

»Ich war so frei«, erklärt Officer Blake, der sich offensichtlich von der Miller-Problematik loseisen konnte. Ich drehe mich um und sehe, wie er mit meinen Autoschlüsseln in der erhobenen Hand auf mich zukommt. »Nicht, dass das gute Stück noch abhandenkommt.«

Wohl kaum.

Ich male mir aus, wie sich Millers flüssige Hinterlassenschaften in meinen Polstern einnisten.

»Danke.« Ich fange die Schlüssel mit beiden Händen auf, als er sie mir aus zwei Metern Entfernung zuwirft, und lasse sie fallen.

Peinlich.

Schnell bücke ich mich und überlege mir auf meinem Weg nach unten ein Gesprächsthema, das von meinem Fauxpas ablenken kann. Ich greife nach dem Schlüsselbund, meine Fingernägel kratzen über den klebrigen Asphalt vor dem Revier. Als ich mich wieder aufrichte, hält Blake mir eine Visitenkarte unter die Nase.

»Ich dachte, Sie haben vielleicht Interesse daran«, meint er.

In meinem Kopf beginnt es zu rattern. Reicht er mir gerade seine Telefonnummer? Ist er nicht deutlich zu jung für mich? Obwohl er ein netter Kerl zu sein scheint. Man soll ja niemals nie sagen.

»Äh«, stottere ich. »Ich fühle mich wirklich … geschmeichelt?«

»Kein Ding. Mein Cousin Vince hat den Autoreinigungsservice Wash In unten in Algiers. Wenn Sie ihn von mir grüßen, macht er Ihnen sicherlich einen Sonderpreis.«

Ich spüre, wie sich eine leichte Hitze in meine Wangen schleicht, und hoffe, dass Blake dies aufgrund der diffusen Lichtverhältnisse nicht bemerkt. Rasch murmele ich ein Dankeschön, nehme die Karte und ramme den Autoschlüssel ins Schloss der Fahrertür, um mich schnell hinter das Lenkrad zu schwingen und von dannen zu ziehen.

»Sie haben da … etwas im Haar«, gibt Blake mir noch mit auf den Weg.

Ich nicke dankend und gleichzeitig verabschiedend.

Bei geöffnetem Fenster kann ich es vielleicht bis zur Agentur schaffen, ohne mich aufgrund des Geruchs im Wagen übergeben zu müssen, überlege ich und bin bereits am Kurbeln, als ich wieder auf die North Rampart Street rolle und das Revier hinter mir lasse. Die Karte des Wash Ins verstaue ich achtlos zwischen den Sitzen und versuche, durch den Mund zu atmen. Der Gestank ist trotz offenen Fensters und Fahrtwindes wahrlich bestialisch. An Millers Hinterlassenschaft in meinem Haar will ich gar nicht erst denken.

Würg.

Die traurig flackernde Leuchtreklame der Agentur begrüßt mich, als ich zwanzig Minuten später auf dem Gehweg direkt vor Sheldon’s Magical Pigment Shop parke und zusehe, dass ich den Gestank hinter mir lasse. Das Hauslicht ist noch an.

Ich stoße die dunkelrote Tür ins Innere auf und bin dankbar, dass die Tür zu Sheldons Laden geschlossen ist. Irgendwo wird leise Musik gespielt und tierische Laute röhren aus den Tiefen des Ladens in das Treppenhaus.

Mit einem unguten Gefühl schleiche ich so leise wie möglich in die Agentur. Fin hat wohl meinen Rat befolgt und ist nach Hause gegangen. Das Büro ist abgeschlossen und ich suche an meinem riesigen Schlüsselbund nach dem passenden Schlüssel. Nachdem ich die doppelt verriegelte Tür geöffnet habe, bahne ich mir im fast dunklen Empfangsraum einen Weg zu meinem Arbeitszimmer.

Nur das Licht, welches aus dem Treppenhaus hereinleuchtet, und das störende Neonrot der Leuchtreklame an der Fassade spenden etwas Helligkeit, sodass ich den angrenzenden Raum erreiche, ohne über Fins Topfpflanzen zu stolpern.

In meinem Büro angekommen, betätige ich den Lichtschalter und Bob huscht in seinem Goldfischglas schnell zwischen eine Anordnung aus asiatischer Vallisneria. Ich bemerke, dass Fin meinen Schreibtisch aufgeräumt und die losen Akten nach ›erledigt‹ und ›unerledigt‹ geordnet hat. Zu meinem Bedauern ist der Stapel ›unerledigt‹ wesentlich kleiner und damit die Aussicht auf einen bevorstehenden Geldsegen ebenso gering.

Ich mache mir nicht die Mühe, meine Jacke auszuziehen, setze mich hinter den Schreibtisch, schalte den PC-Bildschirm wieder ein und schließe Solitaire, bevor ich Otis’ Akte vor mich lege und einen Blick hineinwerfe.

Schnell legt sich meine Stirn in Falten, denn mir wird klar, dass er mir einen Fall untergejubelt hat, der für mich so gut wie nicht zu lösen ist. Frustriert kaue ich auf meiner Lippe und starre auf die verschwommenen Bilder, welche an die erste Seite der Akte geheftet sind.

Coral Moore und Gemma Dearing erinnern mich auf verquere Weise an das Gängsterpärchen Bonnie und Clyde. Diverse Einbrüche in den letzten Monaten, Raubüberfälle, Entführung und sogar ein Fall von besonders schwerer Tierquälerei. Die Polizei ist sich nicht sicher, welcher Rasse Gemma angehört. Vermutet wird, dass es sich bei ihr um eine Nymphe handelt. Bei Coral hingegen ist man sich absolut sicher. Der Mann ist ein Zentaur.

Kein Gericht der Welt würde diese beiden gegen Kaution auf freien Fuß – oder Huf – lassen und ich beginne, wirklich sauer auf Otis zu werden. Wieso gibt er mir einen Fall, der für mich nur Zeitverschwendung ist?

Egal, mein Ehrgeiz ist geweckt.

Ich füttere mein absolut geheimes Geheimprogramm mit den Eckdaten, die mir bekannt sind – also nicht viel, denn in der Akte stehen nur die Namen der beiden Gesuchten –, und bin so richtig frustriert, als keine Einträge gefunden werden. Nichts. Nada. Niente!

Ärgerlich.

Ich beginne zu glauben, dass es sich vielleicht gar nicht um die richtigen Namen der beiden Verbrecher handelt. Also habe ich keinen einzigen Hinweis.

Das Ticken der Wanduhr nervt mich, als ich ein Online-Telefonbuch mit meinem lahmen Internetbrowser öffne. Während sich die Seite quälend langsam aufbaut, beobachte ich den Sekundenzeiger der Uhr an der Wand gegenüber und bemerke, dass es bereits kurz nach zwölf Uhr nachts ist.

Endlich kann ich die einfache Benutzeroberfläche der Weißen Seiten mit Informationen füttern und erhalte für den Namen Dearing im Raum New Orleans ganze vierundzwanzig Einträge.

Sofort drucke ich die angezeigten Adressen und die dazugehörigen Telefonnummern aus und mache mich daran, nach Corals Nachnamen zu suchen. Ein gequältes Seufzen entweicht mir. Dreitausendfünfhundertsiebenundneunzig Einträge.

Ich füttere den Tintenstrahldrucker unter meinem Fenster mit Papier, bevor ich die restlichen Seiten drucke und vorher so lange an den Einstellungen herumspiele, bis ich die Ergebnisse auf gute fünfzig Seiten gequetscht bekomme. Eine Anzeige ploppt auf und teilt mir mit, dass sich wenig Tinte in den Patronen befindet, aber ich ignoriere sie.

Ich warte eine gefühlte Ewigkeit und ziehe gelangweilt Vierecke mit der Maus auf dem Computerdesktop, als endlich die letzte Seite aus dem Drucker rattert und dieser schließlich verstummt.

Seufzend nehme ich die zahlreichen Seiten an mich, rolle sie zusammen und schiebe sie ansatzweise in die Innentasche meiner Jacke, wodurch diese eine unschöne Beule zur Schau stellt. Gähnend verlasse ich meinen Arbeitsplatz und trete in den Empfangsbereich. Kurz bevor ich die Tür erreiche, klingelt das Telefon auf Fins Schreibtisch laut und schrill.

Ich runzele die Stirn über die merkwürdige Uhrzeit des Anrufs. Wahrscheinlich ein Vertreter der Vampirgesellschaft, der mir Knoblauch verkaufen will. Ich gebe dem Anrufer eine Chance, auch weil ich einfach neugierig bin, laufe langsam zum Schreibtisch und hebe den Hörer an mein Ohr. Dabei muss ich wieder an Millers Speichel in meinem Haar denken.

Urgh!

»Kautionsagentur Rent a Hunter. Sie sprechen mit Tess Carlisle. Wie kann ich Ihnen helfen?«, sage ich halbwegs fröhlich in den Apparat und setze mich mit einer Pobacke auf die Schreibtischkante.

»Ms. Carlisle. Schön, dass ich Sie noch erreiche. Mein Name ist Donna Wilson. Ich bin die persönliche Assistentin von Robert Coleman.«

Oha.

Robert Coleman. Inhaber eines Rüstungsimperiums, Playboy, aber auch Wohltäter der Stadt. Der Mann ist ein einziger Widerspruch in sich. Oder um es mit anderen Worten auszudrücken: Der reiche Schnösel kann mir mit seinem durchtrainierten Hintern den Buckel runterrutschen.

»Was kann ich für Sie tun?«, frage ich trotzdem aus Höflichkeit, bin aber gedanklich bereits dabei, den Inhalt unseres Kühlschranks durchzugehen.

Mist. Hoffentlich war Puck einkaufen.

»Mr. Coleman möchte in einer dringenden Angelegenheit gern persönlich mit Ihnen sprechen. Könnten wir diesbezüglich einen Termin ausmachen?«

Ich kann mich gerade noch davon abhalten, laut loszulachen. Der eingebildete Schönling hat doch alles, was er braucht. Macht, Reichtum, Personenschützer, Anwälte bis zum Abwinken, eine eigene Insel in der Südsee. Was kann so jemand schon von mir wollen? Eine Kaution soll ich mit Sicherheit nicht für ihn übernehmen.

»Ich denke nicht, dass ich Mr. Coleman bei seinem dringenden Anliegen entgegenkommen kann. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend, Ms. Wilson«, antworte ich und lege einfach auf.

Wenig später überkommt mich der Würgereiz, als ich erneut in mein Auto steige und den Heimweg so schnell zurücklege wie zuletzt, als Puck mir die Mitteilung schrieb, dass das Haus in Flammen steht. Er fand seine Umschreibung für ›Mir ist die Gans angebrannt‹ ziemlich witzig. Ich nicht so sehr.

Über alle Maßen erleichtert, fahre ich in die First Street im Garden District ein und halte vor dem Haus mit der Nummer 1312.

Endlich zu Hause.

Das zweistöckige Haus, gebaut im schicken Kolonialstil, erhebt sich mit einem Versprechen von Ruhe und Geborgenheit vor mir. Die rote Holzfassade wirkt bei Nacht fast schwarz, bei Tag flutet das Licht durch die hohen Fenster ins Innere und der gepflegte Garten ist die Augenweide der gesamten Straße.

Ich liebe dieses Haus. Ich liebe den Balkon, der zu meinem Zimmer gehört, den Erker, der über alle Etagen geht, den Kirschbaum im weitaus größeren hinteren Garten, den kleinen gusseisernen Zaun, der das Grundstück abgrenzt, und sogar die lärmenden Kinder der Leprechaunfamilie nebenan.

Puck ist noch wach.

Ich laufe den kurzen gepflasterten Weg zur Veranda entlang, stoße mit klapperndem Schlüsselbund die schmale blaue Haustür auf und trete ins Wohnzimmer.

Die Tür in den Flur steht offen, so kann ich bis in die Küche schauen und sogar durch die halb gläserne Hintertür hinaus in den weitläufigen Garten mit den kleinen runden Solarlampen, die den Pixis in der Nacht ein wenig Licht spenden.

Puck sitzt auf dem größten Element seiner dreiteiligen Couch, während seine Füße in der Luft baumeln und sich Popcornreste auf seinem kleinen Körper sammeln. Er trägt sein AC/DC-T-Shirt und sein Blick trifft meinen, als ich die Tür hinter mir zutrete und meine Tasche gleich daneben auf den Boden fallen lasse.

»Du kannst die Kavallerie zurückrufen«, brummt der Hausherr in unser Festnetztelefon und blinzelt mich dabei mit großen dunklen Augen an. »Sie kommt gerade zur Tür herein.«

Ich sehe den gut achtzig Zentimeter großen Wichtel fragend an, als ich meine Lederjacke mit den immer noch darin befindlichen Ausdrucken über einen Stuhl im Barbereich auf der linken Seite unseres großen Wohnzimmers hänge – welches übrigens über die gesamte Breite des Erdgeschosses geht.

Puck nickt kurz, seine großen herunterhängenden Ohren wackeln und er legt ohne ein Wort der Verabschiedung auf.

»Wer war das?«, frage ich und mein Blick huscht zu Pucks fünfundfünfzig Zoll großem stumm geschalteten LCD-Fernseher, über den gerade irgendein Actionfilm flimmert. Eine wilde Verfolgungsjagd durch hohe Häuserschluchten geht vonstatten und dieser eine Schauspieler, dessen Namen ich mir partout nicht merken kann, schießt gerade sein gesamtes Magazin in die Karosserie des gegnerischen Fahrzeugs.

»Deine Assistentin«, erklärt Puck und pickt Krümel von seinem Shirt. »Hat sich wohl Sorgen gemacht. Dein Telefon ist aus.«

»Habe ich noch gar nicht gemerkt.« Ich taste nach den Taschen an meiner Hose.

Wo ist mein Telefon eigentlich?

»Du bist siebenundzwanzig Jahre alt und kannst noch nicht einmal einen Handyakku am Laufen halten? Und was stinkt hier eigentlich so bestialisch? Bist du das?«, fragt Puck mit trotz seiner geringen Größe erstaunlich tiefer Stimme und verzieht sein faltiges Gesicht so sehr, dass es noch mehr Falten bekommt. »Das mieft ja schlimmer als in einer Kloake.«

»War ein harter Tag«, seufze ich resignierend, unterdrücke ein Gähnen und will mich neben Puck setzen, der mich jedoch mit ausgestrecktem Arm energisch davon abhält.

»Nichts da! So kommst du nicht auf meine Couch. Und was ist das da in deinen Haaren? Trollrotze? Ganz grün, ekelig und …«

»Schon gut!«, schneide ich ihm das Wort ab, während sich eine Explosion im Fernsehen zeigt, deren gewaltige Dramaturgie durch den fehlenden Ton gar nicht zur Geltung kommt. »Ich gehe ja schon duschen.«

»Benutz nicht wieder mein Shampoo«, warnt er mich und greift nach der Fernbedienung. »Und eine Spülung solltest du deinen Haaren auch mal wieder gönnen. Du siehst aus wie die Vogelscheuche aus dem Zauberer von Oz.«

Charmant wie immer.

Ich ziehe eine Schnute. »Ich weiß überhaupt nicht, wofür du ein Shampoo brauchst«, grummele ich und betrachte Pucks zahlreiche Härchen, die ihm strähnig über die Stirn und in die Augen fallen. Ich zähle sieben.

»Bla, bla«, winkt Puck nur ab und schaltet den Ton wieder an.

Schnell bediene ich mich in seiner Popcorntüte, bevor ich meine Tasche schnappe und durch den schmalen Flur weiter in die Küche tapse. Ich werfe dem doppeltürigen Kühlschrank einen sehnsüchtigen Blick zu, während Puck beginnt, zu lachen und den Fernseher anzuschreien. »Erschieß ihn doch! Nun mach schon! Du Waschlappen!«

Ich rausche an der großen, in der Mitte des Raumes befindlichen, Arbeitsplatte mit Kochfeld und integriertem Tresen vorbei, um den Kühlschrank energisch aufzureißen. Das helle Licht blendet mich kurz im sonst dunklen Raum und meine anfängliche Freude wird sofort durch den dürftigen Inhalt des Gerätes gemindert. Ein halb volles Glas Erdnussbutter, das ist alles.

»Puck!«, rufe ich und unterbreche somit sein schallendes Gelächter über einen ganz besonders dämlichen Fiesling im Film. »Du warst nicht einkaufen!«

»Ich war letzte Woche«, ertönt seine gedämpfte Stimme, die durch immer wiederkehrende Schießereien kaum zu verstehen ist. »Du bist an der Reihe.«

Ach ja? Verdammt. Welchen Wochentag haben wir eigentlich?

»Scheiße«, fluche ich und schließe die Türen wieder.

Bitter enttäuscht erklimme ich die dunkle Holztreppe, welche vom Flur in die oberste Etage führt und bei jedem Schritt so schön urig knarzt. Auf halbem Weg kommt mir Pucks Katze Chloé entgegen. Das Tier ist ein Monster von einer Maine Coon und fast so groß wie Puck selbst. Der rot getigerte Fellball huscht mit einem Miau schnell an mir vorbei.

»Hallo, Chloé«, grüße ich zurück und stapfe weiter.

Am oberen Ende der Treppe angekommen, steuere ich geradewegs das große Badezimmer an, entledige mich meiner Klamotten und sehe zu, dass ich den Schmutz des Tages von meinem Körper gewaschen bekomme. Und Miller.

Mit dem Ergebnis zufrieden, entsteige ich kurze Zeit später der Dusche und wickele meinen noch dampfenden Körper in ein sauberes und äußerst flauschiges Badetuch. Ich öffne das einzige, nach Süden gelegene Fenster und will den Raum gerade verlassen, als ich Pucks Telefon bemerke, das auf der Ablage neben seiner Toilette in Wichtelgröße liegt.

Ein böses Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen, als ich es an mich nehme und den Wecker ganz aus Versehen auf drei Uhr morgens stelle.

Huch!

Mit mir zufrieden, verlasse ich das Bad, lösche dabei alle Lichter und wende mich nach links. Mein persönliches Reich liegt direkt über dem Wohnzimmer, auf der der Straße zugewandten Seite des Hauses, und ist der größte Raum. Pucks Domizil liegt in Richtung hinterer Garten. Eine weitere Treppe führt auf den zugemüllten Dachboden, wo allerlei saisonale Dekorationen und alte Möbel ihr tristes Dasein fristen.

Noch in mein Handtuch gewickelt, werfe ich mich auf die zerwühlten Laken in meinem Bett und lasse die nächtliche Ruhe auf mich wirken. Nur das Dröhnen des Fernsehbasses hämmert durch meinen Körper.

Ich beginne, einen Plan für den morgigen Tag zu machen. Ganz oben auf der Liste steht, dass ich mich vor Puck in Acht nehme, wenn meine kleine Wecker-Gemeinheit in dieser Nacht fruchten wird. Dann überschlage ich meinen Tag nur noch grob. Versuchen, eine Kaution für irgendeinen Kleinkriminellen auszustellen, eventuell einen weiteren Kautionsflüchtling auf das Revier schleifen, einkaufen gehen, versuchen, nicht auf offener Straße erschossen zu werden, und mich bemühen, das Auto gereinigt zu bekommen.

Ja, mit diesem Plan kann ich heute Nacht gut schlafen.

Ich lausche Pucks Lachen, denke, dass ich meinen Pyjama noch anziehen muss, und träume schließlich und ungewöhnlicherweise von kotzenden Pferden.

Kapitel 3

Ich öffne die Augen und fühle mich wie gerädert. Mein Mund ist trocken, mein Kopf dröhnt und meine Blase meldet sich ebenfalls als randvoll zu Wort.

Ich rolle aus dem Bett und stelle fest, dass ich völlig nackt bin. Kurz bin ich über diese Tatsache irritiert, dann erinnere ich mich daran, dass ich nur in mein Handtuch gewickelt eingeschlafen bin, und entdecke, dass dieses jetzt achtlos neben dem Bett auf dem Fußboden liegt.

Schulterzuckend lasse ich es genau dort liegen, reibe mir die Augen und schlurfe zum Kleiderschrank, der neben meinem Schreibtisch steht. Ich sehe aus dem Fenster darüber, während ich in dunkle Jeans und ein weißes Shirt mit V-Ausschnitt schlüpfe. Die Sonne ist noch nicht ganz aufgegangen und die Straßenlaternen sind noch an.

Ich schließe den Knopf an meiner Hose, frage mich kurz, wo meine Schuhe geblieben sind, und zucke erneut mit den Schultern, bevor ich das Zimmer verlasse und barfüßig nach unten schleiche. Zielstrebig begebe ich mich in die Küche und sehe Puck am Tresen der Arbeitsplatte sitzen.

Ich wundere mich jedes Mal aufs Neue, wie er es schafft, auf den hohen Barhocker zu klettern. Vor ihm, auf der gefliesten Fläche der Küchenzeile, steht Erdnussbutter und der Wichtel löffelt genüsslich den Rest aus dem Glas. Daneben steht eine dampfende Tasse und ich steuere sofort die Kaffeemaschine neben dem Kühlschrank an.

»Guten Morgen«, sage ich vorsichtig und nehme eine Tasse aus der Ablage über dem Kochbereich.

»Morgen, T. C.«, grüßt auch der Wichtel und schlürft kräftig an seiner Tasse.

Ich beobachte ihn skeptisch. »Du trinkst Tee?«

»Die Kaffeemaschine ist kaputt«, teilt er mir mit und ich halte in der Bewegung inne.

Kein Kaffee? Es gibt tatsächlich keinen Kaffee? Ich brauche Kaffee!

Ich beschließe, dem Another Broken Egg-Café auf dem Weg zur Agentur einen Besuch abzustatten. Ein knurrender Magen ist eine Sache, aber gezwungene Kaffeeabstinenz eine ganz andere.

Chloé kommt durch die Küche gejagt, als ich die Tasse in die Spüle stelle, weil ich bemerke, dass vom letzten Kaffeegenuss noch ein dunkler Rand im Inneren zu sehen ist. Die Katze fegt, ohne langsamer zu werden, durch die Katzenklappe der Hintertür und jagt im weitläufigen Garten Faries, die den Morgentau von unseren Kürbispflanzen sammeln. Ich beobachte das Geschehen eine Weile durch das Küchenfenster, bis Puck sich zu Wort meldet.

»Du solltest doch eine Spülung nehmen«, brummt er angriffslustig.

»Lass mich in Ruhe«, erwidere ich und binde mein Haar schnell zu einem hoch sitzenden Knoten. Dann drehe ich mich langsam um und beobachte, wie Puck sich der The Times Picayune widmet, der dreimal in der Woche in Papierform erscheinenden Tageszeitung der Stadt.

»Gut geschlafen?«, frage ich.

Er sieht mich mit verschlafenen Augen an, während er eine Seite weiter blättert und dabei mit der Größe des Tagesblattes zu kämpfen hat. »Wie ein Baby. Und selbst?«

»Dito.«

Wir messen uns mit Blicken. Ich weiß, dass er heute Nacht von seinem schrillen Wecker aus dem Schlaf gerissen wurde, und ich weiß, dass er etwas plant, um sich dafür bei mir zu revanchieren. Und er weiß, dass ich weiß, dass er es weiß. Ich muss auf der Hut sein.

»Irgendetwas Interessantes?«, will ich wissen und deute auf die Zeitung.

Puck verneint kopfschüttelnd und seine lachhaft wenigen Haare wedeln dabei wild hin und her. »Alles nicht der Rede wert. Keine Schießerei in Tremé, kein Mord in Algiers Point, nicht einmal ein Überfall in Marigny. Nur Vollmond ist in siebzehn Tagen.«

Ich nicke verstehend, als Puck auf die meteorologischen Angaben im Kopfteil der Zeitung deutet. »Also kann ich mich heute Morgen getrost auf die Straße trauen.«

»Scheint so«, murmelt Puck verstimmt und nippt erneut an seinem Tee.

Er tut mir fast ein wenig leid. Wenn er nicht seine erhoffte morgendliche Dosis Klatsch und Tratsch und auch ein wenig Mord und Totschlag bekommt, ist er für den Rest des Tages am Boden zerstört.

»Komm doch mit mir frühstücken«, schlage ich vor. »Vielleicht werden wir ja Zeugen einer Verfolgungsjagd unter Mühlengeistern oder wenigstens eines Taschendiebstahls. Wir könnten die Sechste Straße entlanggehen, wenn du magst.«

»Lieber esse ich Chloés Katzenfutter.« Er schlägt die Zeitung zu und springt vom Barhocker auf die glatten Fliesen. Seine überdimensionalen nackten Füße geben dabei ein lautes Platschen von sich.

Das war eindeutig.

Ich mache mich ans Gehen. »Wie du willst. Bis heute Abend.«

Ich erhalte keine Antwort, denn Puck ist Chloé bereits durch die Katzenklappe gefolgt und brüllt im Garten herum. »Spuck sofort den Farie aus! Das ist unser Nachbar!«

Ich tue so, als hätte ich dies nicht gehört, und begebe mich zur Vordertür, aufmerksam und bedächtig, denn man weiß in diesem Haus nie, ob Puck einen Stolperdraht gespannt oder Frischhaltefolie zwischen den Türrahmen platziert hat.

Ohne Schaden zu nehmen, schaffe ich es zur Tür, sammele meine Tasche und meine Jacke auf, und siehe da, auch meine Schuhe stehen ordentlich aufgereiht neben der Tür. Seltsam. Ich schenke dieser Merkwürdigkeit jedoch keine weitere Beachtung, entscheide mich heute für bequeme Turnschuhe und schlüpfe nach draußen.

Die Sonne kämpft sich gerade durch die Wolkendecke, als ich den Bürgersteig betrete und Mr. Endicott von gegenüber zuwinke, der soeben die Zeitung aus dem Briefkasten holt.

Beim Anblick meines Wagens halte ich in der Bewegung inne.

Verdammt. Da war ja noch was.

Ich entscheide mich so gut wie augenblicklich für den Bus, nehme jedoch vorher noch mein Handy vom Armaturenbrett – ein Wunder, dass mir deswegen nicht die Scheibe eingeschlagen wurde –, fische die Visitenkarte vom Wash In zwischen den Sitzen hervor und schiebe mir diese in meine Gesäßtasche.

Ich japse nach Luft, als ich den Wagen wieder verschließe, und hoffe wirklich, dass Officer Blakes Cousin etwas von seiner Arbeit versteht. Vor Gestank wäre ich beinahe in Ohnmacht gefallen.

Die Minuten vergehen, als ich wenig später die Washington Avenue nach Südwesten entlangmarschiere. Ich bin froh, dass in den Morgenstunden dieser Jahreszeit milde zwanzig Grad herrschen, und werfe vorüberziehenden Passanten knappe Blicke zu. Man kann ja nie wissen, ob man nicht zufällig einem flüchtigen Straftäter über den Weg läuft.

Als ich gegen neun Uhr morgens die Magazine Street erreiche, habe ich bereits drei Kids des Dealens mit Drogen verdächtigt und eine Frau angehalten, die mit gestohlenem Fahrrad unterwegs war. War sie nicht, aber das wusste ich in dem Moment noch nicht.

Ich reibe mir die Stelle am Oberarm, wo mich ihre Handtasche getroffen hat, und laufe die lange Magazine Street in Richtung Westen, bis ich an der Ecke zur Sixth Street das Another Broken Egg erreiche.

Der Geruch von gebratenen Köstlichkeiten steigt mir in die Nase und ich husche schnell durch die Glastür ins Innere, als mir ein Gast, der das Café gerade verlässt, die Tür aufhält. Ich bedanke mich brav, befördere mich schnell hinter einen am Fenster gelegenen eckigen Holztisch für zwei Personen und schnappe mir die Speisekarte.

Pancakes, Hähnchen- und Lachsspieße, französischer Toast, alle Arten Wurst und Speck, Burger und Sandwiches mit gerösteten Zwiebeln, Champignons, Hummerfleisch, garniert mit einer leichten Champagner-Buttersoße, gewürfelte Tomaten und grüne Zwiebeln …

»Was kann ich Ihnen bringen?«, unterbricht mich die Bedienung bei meiner Entscheidungsfindung.

»Hallo«, sage ich erst einmal, um noch wertvolle Sekunden Bedenkzeit zu ergattern. »Ich nehme einen Latte Macchiato und …« Ratlos huschen meine Augen über die viel zu große Auswahl. Ach, was soll’s. »Das Omelett mit blanchiertem Spargel, der gebratenen roten Paprika, den grünen Zwiebeln, dem Ziegenkäse und den gerösteten Knoblauchzehen. Dazu bitte Obst der Saison und einen englischen Muffin.«

»Gern.« Die junge Bedienung schreibt eifrig alles auf einen schmalen Notizblock. Sie will bereits gehen, als ich erneut die Stimme erhebe.

»Dazu bitte noch eine belgische Waffel mit Bananen, Pekannüssen und ganz viel Sahne.«

»Sonst noch etwas?«, fragt das junge Ding und betrachtet meine Erscheinung nun etwas genauer.

»Das war’s erst einmal, danke.«

Ich beobachte kurz, wie sie sich durch die Anordnung aus Tischen und Stühlen schlängelt, weitere Bestellungen aufnimmt und schließlich hinter einer Schwingtür in die Küche verschwindet.

Während ich auf meine Bestellung warte, krame ich in meiner Tasche nach dem Ladekabel für mein Telefon, verbinde das pinke Mobilteil mit dem Kabel und stöpsele dieses in die günstigerweise an der Wand befindliche Steckdose. Ein Lämpchen leuchtet auf, als sich der Akku des Gerätes wieder auflädt.

In der Zwischenzeit studiere ich die Visitenkarte vom Wash In. Sie ist sehr schlicht gehalten. Nur in der oberen linken Ecke prangt die stilistische Comiczeichnung eines Oktopus mit vielen Waschschwämmen. Hm. Trotzdem rufe ich bei dem Unternehmen an und habe nach ein paar Freizeichen Vincent Williams, den Inhaber, am Ohr. Ich richte ihm Grüße von seinem Cousin aus und schon ist er bereit, meinen Wagen sogar abzuholen und besonders schnell seiner speziellen Spezialbehandlung zu unterziehen.

»Josephs Freunde sind auch meine Freunde«, meint er zur Verabschiedung und ich lege dankend auf.

Die Bedienung bringt mir mein koffeinhaltiges Heißgetränk, gerade als ich die Telefonbucheinträge hervorhole und mein Bestes gebe, die geknickten Seiten etwas zu glätten.

»Vielen Dank«, sage ich artig und schiebe meinen Kram etwas beiseite, um meinem Getränk eine Abstellfläche bieten zu können.

Ich nippe kurz an dem Latte Macchiato, wobei ich jedoch nur Milchschaum schlürfe und mir anschließend den weißen Bart von der Oberlippe lecke. Während ich das obenauf liegende Blatt der Dearing-Ausdrucke beäuge, wähle ich die erste Nummer auf meiner Liste und suche in meiner Tasche blind nach einer Metalldose. Ein Freizeichen ertönt und meine Finger bekommen einen Kugelschreiber zu fassen, den sie sogleich auf die Tischplatte befördern. Dann folgt ein Klicken und eine unfreundliche Stimme erhebt sich am anderen Ende.

»Ja?«, brummt derjenige in mein Ohr und ich räuspere mich kurz.

»Hi!«, antworte ich fröhlich und bekomme endlich in den Tiefen meiner Handtasche – gegen die jedes Schwarze Loch ein Dreck ist – etwas Metallisches zu fassen. »Ich bin’s, Polly! Ist Gemma zu sprechen?«

Ich klemme mein Telefon zwischen Schulter und Ohr, öffne die Metalldose in Form eines Sargs mit beiden Händen und streue eine Brise des darin befindlichen getrockneten Krautes über meinen Latte Macchiato.

»Hier wohnt keine Gemma«, erhalte ich als Antwort und rühre mein Getränk mit einem Löffel um.

»Oh, falsche Nummer. Entschuldigung, und einen schönen Tag noch.«

Ich lege auf und streiche die erste Nummer auf der Liste durch, bevor ich aufschaue, da die Bedienung mir mein Omelett vor die Nase stellt. Diesmal nicke ich nur und schlürfe erneut an meinem Getränk, bevor ich mich meinem Frühstück und kurz darauf der zweiten Telefonnummer auf der Liste widme.

Die Minuten vergehen, während ich mich durch die Auflistung wähle, nebenbei meinen Magen fülle und die Aussagen sich häufen, dass keine Gemma unter gewähltem Anschluss zu erreichen ist.

Nach einer Weile lege ich bereits auf, noch ehe meine Gesprächspartner mir erklärt haben, dass ich wohl falsch verbunden bin. Bei der Hälfte der von mir gewählten Nummern war außerdem niemand zu erreichen, weswegen ich mein Glück bei diesen Anschlüssen später noch einmal versuchen muss.

Ich seufze gefrustet, schiebe meine halb geleerten Teller von mir und lege die Liste vorerst beiseite.

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen.

Ich leere mein Glas, klemme fünfundzwanzig Dollar unter die Untertasse und stecke mein ganzes Zeug zurück in meine Tasche, die durch mein Gehirn inzwischen das Gewicht eines Kleinwagens zu haben scheint.

Die Uhr über dem Tresen zeigt, dass es inzwischen kurz nach zehn Uhr ist, als ich das Lokal verlasse und beinahe mit einem eintretenden Gast kollidiere. Sind aber auch eng, diese Eingangsbereiche. Ich murmele eine Entschuldigung, überlege, welche Buslinie ich nehmen muss und wo der nächste Halt ist, als mir etwas bewusst wird.

Alarmiert drehe ich mich um und springe dabei fast in die gepflegten Holunderbüsche, die den kurzen Weg zum Café säumen. Ich beobachte durch die gläserne Eingangstür, wie der zuletzt eingetretene Gast am Tresen eine Bestellung aufgibt und sich zwei Donuts mit übertrieben bunter Glasur einpacken lässt.

New Orleans ist ein Dorf.

Denn die Frau am Tresen ist Gemma Dearing. Manchmal hat man eben doch mehr Glück als Verstand.

Ich klappe mein Mobiltelefon auf, rücke meine Tasche voll Hinkelsteinen zurecht und gebe meine beste Imitation einer Passantin, die gerade eine Kurznachricht schreibt, während sie auf jemanden wartet.

Wenige Minuten verstreichen, dann kommt Gemma mit ihren Einkäufen aus dem Café und schwebt an mir vorbei.

Es ist verständlich, dass die Blicke aller männlichen Passanten zu ihr fliegen, denn auch ich kann mich ihrer Schönheit kaum erwehren. Ich bin mir sofort sicher, dass diese Frau eine Nymphe ist. Langes rotes Haar, ihre großen Augen gleichen Saphiren und jede ihrer Bewegungen ist feengleich.

Ich spüre einen neidischen Stich in der Brust und beginne, der Frau zu folgen. Ihre wallende rote Mähne wippt bei jedem Schritt, den sie in ihren glänzenden Designerturnschuhen läuft. Kaum zu glauben, dass es bis vor wenigen Jahren noch legal war, dass Nymphen seelenschlürfend durch die Lande gestreift sind.

In einigem Abstand folge ich Gemma die Magazine Street entlang und lasse sogar weitere Passanten zwischen uns geraten. Ein Greif nimmt mir dann jedoch fast komplett die Sicht und ich laufe ein wenig schneller, bis ich den Kerl überholt und wieder freien Blick auf Gemma habe.

Gedanklich gehe ich meinen schnell zusammengeschusterten Plan durch.

Ich folge ihr einfach so lange, bis sie mich zu Coral und/oder ihrer Bleibe führt und dann rufe ich die Kavallerie, um es mit Pucks Worten zu sagen.

Das nenne ich doch mal einen Plan. Dafür könnte ich mir glatt selbst einen Orden für Einfallsreichtum verleihen. Vielleicht steigt sie auch in ein Fahrzeug und ich habe wenigstens ein Autokennzeichen, auch wenn dieses vermutlich gefälscht ist.

An der Ecke Harmony Street bleibt Gemma mit einem Mal stehen und ich gehe schnell in die Knie, um mir ganz unauffällig die Schnürsenkel zu binden.

Dabei lasse ich mir viel Zeit und beobachte Gemma aus dem Augenwinkel.

Die schöne Nymphe scheint auf jemanden zu warten – Coral vermutlich – und schaut sich ihrerseits interessiert in alle Richtungen um. Es dauert nicht lange, bis ihr Blick auch über mich gleitet.

Eilig erhebe ich mich, laufe ganz unbeteiligt wirkend auf sie zu und schließlich an ihr vorbei. Ich meide ihren Blick und bleibe an der Bushaltestelle ein paar Meter weiter stehen.

Bleibt nur zu hoffen, dass ich den Eindruck erwecke, einfach nur auf den nächsten Bus zu warten, so wie eine Handvoll Passanten ebenfalls. Zu meinem Bedauern kommt dieser sogleich um die Ecke gerollt und macht direkt vor mir halt. Fahrgäste steigen ein und aus, der Bus fährt wieder an und ich bleibe allein an der Haltestelle zurück.

Ich hoffe, bete fast, dass Gemma nicht merkwürdig findet, dass ich nicht in den Bus gestiegen bin. Hier hält nur diese Linie, und wenn die schöne Nymphe auch nur den IQ einer Kartoffel hat, weiß sie sofort, dass hier etwas faul ist.

Während ich mir auf die Lippe beiße, lasse ich meinen Blick gespielt verträumt schweifen und treffe den ihren. Ich lächele unverfänglich und nicke sogar kurz, was sie tatsächlich erwidert. Dann kann ich jedoch sehen, wie es in ihrem hübschen Köpfchen rattert. Sie schaut erneut in meine Richtung, ihr Blick fliegt auf die Haltestellentafel über meinem Kopf, dann zurück zu mir. Sie atmet einmal tief durch, lässt die Donuts fallen, wirft den Kaffee zielgerichtet direkt vor meine Füße und läuft los.

»Scheiße«, stoße ich aus, noch während der heiße Kaffee meine Kleidung tränkt, und stürze ihr hinterher.

Nach wenigen Schritten entledige ich mich meiner Tasche, werfe sie in eine Hecke und versuche, mich nicht abhängen zu lassen. Eines muss man der Nymphe nämlich lassen: Sie ist schnell. Und sie hat längere Beine als ich. Sie schlängelt sich durch Menschentrauben, ohne jemanden zu berühren, während ich immer wieder sich beschwerende Leute anrempele oder mich ein entgegenkommender Jogger fast zu Boden reißt.

Ich pfeife bereits nach dieser kurzen Anstrengung aus allen Löchern, nehme mir aber vor, erst zusammenzubrechen, wenn ich nicht mehr so in Eile bin.

Das Omelett, der englische Muffin und die belgische Waffel liegen mir schwer im Magen, der Kaffee bahnt sich gleich wieder seinen Weg meine Speiseröhre hinauf und zu allem Überfluss verschwindet Gemma gerade in der dichter werdenden Menge der Magazine Street.

Hektisch werfe ich mich ebenfalls in die Massen, sehe mich wie ein gehetztes Wild um, blicke in Geschäfte und Restaurants, doch der Rotschopf bleibt verschwunden. Mir bleibt nicht einmal mehr genug Luft, um ungehemmt zu fluchen. Ich halte mir einfach nur die stechende Seite und ziehe mein Telefon aus meiner Gesäßtasche.

Otis’ Nummer wird bereits gewählt und das Freizeichen ertönt, als ich es schaffe, das Mobilteil an mein Ohr zu heben.

»Tess«, sagt er zur Begrüßung und klingt müde.

Ich sauge so viel Sauerstoff in meine Lungen, wie es mir nur irgendwie möglich ist. »Gemma Dearing ist in Irish Channel«, keuche ich und bin stolz, dass ich überhaupt weiß, in welchem Stadtteil ich mich gerade befinde. »Ich habe sie verfolgt, aber an der Constance Street aus den Augen verloren. Sie hat mich bemerkt.« Verdammt, verdammt, verdammt! »Sag deinen Leuten, dass sie aufmerksam sein sollen.«

Ich muss meine Sätze mehrmals unterbrechen, um nach Luft zu schnappen.

»Bist du gerade einen Marathon gelaufen?«

»Ich mein’s ernst, Otis!«, rufe ich aus und er kann froh sein, dass mir der Atem fehlt, um ihn zu fragen, was er sich dabei gedacht hat, mir ausgerechnet diese Akte anzudrehen.

»Das weiß ich doch«, gesteht er mir zu. »Ich gebe es den Kollegen auf Streife weiter.«

Schlecht gelaunt stoße ich die Tür zur Agentur auf.

»Welcher Zug hat dich denn gerammt?«, fragt Fin und sieht von ihrer ergonomischen Tastatur auf, um mein kaffeebeflecktes Ich zu mustern.

»Die haben mir meinen Taser geklaut«, antworte ich und schlendere gefrustet zu Fins Schreibtisch.

»Wer denn?«, will sie wissen.

»Irgend so ein Pisser!«, spucke ich förmlich aus und benutze meine neue Lieblingsbeleidigung.

Wie soll ich denn jetzt fünfzigtausend Volt durch Fahrzeugdiebe, Drogendealer oder Zuhälter jagen? Das war doch immer so lustig. Menno.

»Aha«, sagt Fin nur und wartet klugerweise ab, bis ich mich weiter erkläre.

»Ich habe jemanden verfolgt, meine Tasche ist im Gebüsch gelandet und als ich wiederkam, war sie fast leer geräumt.« Leer geräumt, nicht komplett verschwunden. Leer geräumt! »Sogar mein Gehirn ist weg!«

Und jetzt wohl für immer.

Wer klaut denn einen Briefbeschwerer und einen Taser, während er Geldbörse – okay, die ist eh leer – und Kreditkarten liegen lässt?

»Nein!«, ruft Fin aus, entsetzt über meinen Verlust, unterbricht mich somit in meinen Gedanken und schlägt sogar ihre Pfoten vor dem Mund zusammen. »Das ist ja schrecklich!«

Ich kann nur betroffen nicken und überlege, ob Otis mir einen neuen Taser besorgen kann. Aus der Asservatenkammer oder so.

»Sei nicht traurig«, versucht Fin, mich zu trösten. »Ich kaufe dir ein neues Gehirn.«

Ich danke ihr mit Blicken und will gerade in mein Büro verschwinden, als meine Assistentin und Freundin mich zurückhält.

»Oh, warte, bevor ich es vergesse. Eine gewisse Donna Wilson hat schon mehrmals angerufen. Sie ist die Assistentin von …«

»Robert Coleman«, falle ich ihr ins Wort. »Ich weiß.«

»Oh, gut.« Fin nimmt ihre Arbeit wieder auf, schreibt eine E-Mail oder was weiß ich. »Sie versucht es später noch einmal.«

»Hm«, mache ich nur und greife nach der Akte, die sie mir reicht, ohne von ihrem Computerbildschirm aufzublicken.

Ein Gerichtstermin ist verstrichen, ohne dass Jocelyn White vor Justitia erschienen ist. Ein weiterer Frank Miller, mit dem ich meine Brötchen verdiene.

Ich will diesen Kautionsflüchtling. Ich will die Kaution. Und ich will meine Zinsen.

Gerade will ich einen genaueren Blick in die Akte werfen, als das Klingeln des Festnetztelefons mich aufhorchen lässt.

»Wenn man vom Teufel tratscht«, ruft Fin, die die Nummer des Anrufers auf der Anzeige wahrscheinlich wiedererkennt. »Das ist sie. Soll ich verbinden?«

Ich winke ab und mache auf dem Absatz kehrt, um mich auf eine Ecke des Schreibtisches setzen zu können. »Ich erledige das.« Ich lehne mich nach vorn, hebe den Hörer des Telefons kurz an und lasse ihn sofort wieder einrasten.

Stille grüßt uns und Fin sieht mich ratlos an.

»Okay«, meint sie schließlich und ohne mein Handeln weiter zu hinterfragen. »Soll ich bei weiteren Anrufen dieser Art ebenso verfahren?«

»Das wäre lieb«, bestätige ich ihr und gleite von der Tischkante, bis mir noch etwas dazu einfällt. »Oder du sperrst die Nummer gleich ganz.«

»Geht klar«, meint Fin schlicht und macht sich am Telefon zu schaffen. »Wieso hassen wir Donna noch einmal?«, will sie aber dann doch wissen.

»Wir hassen nicht sie«, gebe ich zu bedenken und weiß es zu schätzen, dass das Katzenmädchen beinahe bedingungslos hinter meinen Entscheidungen steht. »Wir kennen sie ja noch nicht einmal. Aber wir hassen ihren Boss.«

»Verstehe.« Fin nickt und kämpft sich weiter durch die Einstellungen des Telefons, dann zucken ihre Schnurrhaare. »Obwohl … Nein, eigentlich verstehe ich es nicht.«

»Ist nicht schlimm«, winke ich ab und entscheide mich spontan dafür, die Agentur wieder zu verlassen. »Mit solchen Leuten wollen wir nichts zu tun haben. Die machen eh nur Ärger.«

Solche Leute?, scheint Fin zu denken und setzt dazu an, etwas zu sagen.

Ich halte sie davon ab, indem ich mit der bunten Akte in meiner Hand wedele und in Richtung Tür husche. »Ich bin Schurken jagen!«

Ich bete, dass ich meinen fahrbaren Untersatz bald wiederbekomme. In einem überfüllten Bus, unterwegs nach Holly Grove, vermisse ich Jimmy, der mich immer souverän von A über B nach C und wieder zurück gebracht hat, bereits schmerzlich.

In Holly Grove angekommen, schlängele ich mich an verschwitzten Körpern vorbei und steige am Haltepunkt Leonidas in der Apricot Street aus. Außer mir ist weit und breit keine weitere Spezies zu erkennen. Noch so eine nette Gegend, wie mir scheint.

Ich laufe ein paar Meter zu Fuß und bleibe vor einer Bruchbude stehen. Der Gartenzaun ist niedergerissen, der Rasen verdorrt und die Fenster im untersten Stockwerk sind mit Brettern zugenagelt. Auch hier will ich nicht tot über dem nicht mehr vorhandenen Zaun hängen.

Völlig angstfrei laufe ich die kurze Auffahrt entlang. Jocelyn White hat, mit einer Spielzeugpistole bewaffnet, Medikamente aus der Apotheke gestohlen. Sie wird mich wohl eher nicht über den Haufen ballern.

»Mrs. White«, rufe ich, nachdem ich keine Klingel am maroden Eingangsbereich entdecken kann. »Mrs. White?«

Ich klopfe und die Tür fällt sofort nach innen auf, was mich stutzen lässt. In Filmen kommt jetzt immer der Moment, in dem der Protagonist ahnungslos in sein Verderben rennt. Vorsichtig setze ich einfach auch einmal einen Fuß über die Schwelle.

Dunkelheit begrüßt mich, der Staub liegt zentimeterhoch auf den Dielen und dämpft jeden meiner Schritte. In jedem Raum des geradezu winzigen Hauses riecht es vergammelt, Spinnweben hängen von der Decke und als ich den Lichtschalter im minimalistisch eingerichteten Wohnzimmer im Erdgeschoss betätige, geschieht rein gar nichts.

»Mrs. White«, versuche ich es erneut. »Sind Sie da? Die Tür stand offen und …«

Ein leises Röcheln lässt mich zusammenzucken und ich wirbele zum abgewrackten Sofa herum. Unter einer Schicht aus Kleidung und Tagesdecken kann ich eine zierliche Gestalt ausmachen, die kreidebleich im abgedunkelten Raum liegt und irgendwo auf der Schwelle zwischen Leben und Tod balanciert.

Kein Wunder, dass die arme Frau nicht bei Gericht erschienen ist.

Ohne weiter darüber nachzudenken, wähle ich nicht den Notruf, sondern rufe direkt bei Otis an. Die Mühlen mahlen meistens etwas schneller, wenn er den Krankenwagen beordert.

»Mrs. White«, versuche ich danach, die Frau wach zu bekommen, jedoch ohne Erfolg.

In der langsam vor sich hin rottenden Küche will ich ihr Leitungswasser in ein halbwegs sauberes Glas gießen, doch das Wasser wurde wohl schon vor Tagen abgestellt, denn alles, was aus der Leitung kommt, sind kleine Hausspinnen.

Ich erinnere mich, dass die ältere Dame keine lebenden Verwandten mehr hat und wohl auch sonst keine Freunde. Es ist eine Schande.

Wenige Minuten später – ich will eigentlich gerade nach oben gehen, um ihr ein paar Sachen zu packen, aber ich traue mich nicht so richtig über die beschädigte Treppe – trifft endlich der Krankenwagen ein und fährt die Frau mit Verdacht auf eine Hirnhautentzündung ins nächstgelegene Krankenhaus. Mir bleibt schließlich nur noch übrig, die dünne Tür hinter mir zuzuziehen, den trostlosen Pfad zurück zur Straße hinunterzulaufen, den neugierigen Nachbarn nett zuzuwinken und die Augen nach Jimmy offen zu ha–

Ach Scheiße.

Ich gähne, als ich endlich unser Haus erreiche. Eine zweistündige Bus-Odyssee durch New Orleans bringt mich dazu, meinen Arbeitstag zeitig zu beenden.

Solche zeitaufwendigen Trips durch die halbe Stadt hält doch niemand auf Dauer aus. Und den ganzen Tag nach Kaffee riechend durch die Lande zu ziehen, ist meiner Stimmung auch nicht gerade förderlich. Ich sollte bei Gelegenheit dringend daran denken, ein paar Ersatzklamotten in der Agentur zu deponieren.

Ich kann ein trauriges Seufzen nicht unterdrücken, als ich Jimmys angestammten Parkplatz leer vorfinde. Hoffentlich ist Vincents Firma so schnell wie gründlich.

»Vorsicht«, rufe ich, als ich die Tür ins Haus aufstoße. »Ich komme jetzt rein. Bist du nackt?«

»Ach, halt die Klappe!«, schreit Puck und ich nehme die Hände von den Augen.

»Heulst du etwa?« Ich beäuge den Wichtel interessiert, der auf seinem Lieblingsplatz vor dem Fernseher hockt, während ein Filmabspann über die Glotze rollt.

»Quatsch«, will er sich rausreden, doch ich habe ihn durchschaut.

Mein Blick huscht zu der DVD-Hülle auf dem Fernsehtisch. »Schon gut, ich weiß«, nicke ich, streife meine Schuhe ab und entledige mich auch meiner Handtasche sowie meiner Lederjacke. »Sie hätten beide auf diese blöde Tür gepasst.«

Ich lasse mich neben Puck fallen und tätschele ihm das Knie, während er sich die Rotznase am Ärmel abwischt.

»Ich hasse diesen Film«, gesteht er und beäugt meine verschmutzte Kleidung kurz skeptisch, sagt jedoch nichts. Anscheinend ist er es bereits gewohnt, dass ich mich bei meinen Einsätzen regelmäßig einsaue.

»Und genau deswegen schaust du ihn auch immer wieder.«

»Wieso sollte ich eigentlich nackt sein?«, scheint ihm plötzlich einzufallen. »Du warst doch diejenige, die nackig La Macarena getanzt hat, als meine Mutter zu Besuch war.«

Ich werde rot bei dem Gedanken daran. »Du hast gesagt, es wird spät.«

»Ja und?«

»Acht Uhr ist doch nicht spät!«

»Sag das mal meiner Mutter.«

»Was essen wir heute überhaupt?«, lenke ich schnell vom Thema ab, bevor es nur noch peinlicher wird.

»Das, was du eingekauft hast.«

Scheiße.

Ich greife nach dem günstig platzierten Telefon auf dem Beistelltisch neben mir. »Bestellen wir uns Pizza.«

Kapitel 4

Ich verbringe den ganzen Vormittag damit, im Bett zu liegen und den Rest der Dearing-Liste abzuarbeiten.

Mein Frühstück besteht aus kalter Pizza, während ich eine Telefonnummer nach der anderen wähle und schließlich durchstreiche.

Nur eine Handvoll Anschlüsse waren nicht zu erreichen. Kerry, April, Bruce und Adam Dearing. Entweder nahm einfach niemand ab oder es gab keinen Anschluss unter dieser Nummer. Ich nehme mir vor, einfach bei den Leuten vorbeizufahren, wenn sich die Gelegenheit ergibt.

Beim Betrachten der Moore-Liste verlässt mich sofort der Mut und ich unterbreche mein Vorhaben, zigtausend Einwohner New Orleans’ telefonisch erreichen zu wollen, vorerst.

Ich lecke mir die fettigen Finger meiner linken Hand ab und raffe mich auf, um endlich den Tag zu beginnen.

Fünf Minuten später stehe ich in der Küche, überfliege die Tageszeitung und Werbeprospekte, während ich ein weiteres Stück Pizza für unterwegs in Alufolie wickele.

Zwischen den Werbeblättern blinzelt plötzlich eine an mich adressierte Rechnung hervor. Ich schaue mir den Briefkopf genauer an und kann ein freudig erregtes mädchenhaftes Quieken nicht unterdrücken.

Ich stopfe Pizza und Rechnung in meine Tasche und renne zur Haustür. Durch die Gläser hindurch erkenne ich bereits das gewohnte Dunkelblau meines geliebten Wagens. Auch der Ersatzschlüssel baumelt wieder unspektakulär am Kleiderständer neben der Tür.

»Jimmy«, hauche ich entzückt. Dann fahre ich in meine Stiefel und halte plötzlich inne, als ein schmatzendes Geräusch zu vernehmen ist und sich etwas Schmieriges zwischen meinen Zehen ausbreitet.

Ich versuche wirklich, nicht die Nerven zu verlieren, scheitere jedoch kläglich, als sich schließlich ein Schrei aus den Tiefen meiner Kehle fast wie von selbst löst.

»Puuuuuuck!«, rufe ich so laut, dass die Tür zum Garten in ihren Angeln vibriert.

Der Angesprochene ist zu seinem Glück nicht mehr im Haus. Ich schimpfe trotzdem wie ein Rohrspatz und laufe wie auf Eiern in Richtung Bad. An der Treppe kehre ich um, weil das Telefon auf seiner Station klingelt.

»Ja?«, nehme ich das Gespräch schlecht gelaunt an.

»Ms. Carlisle? Hier ist noch einmal …«

Ich beende das Gespräch fast augenblicklich. Donna Wilsons Stimme würde ich unter Tausenden wiedererkennen. Ich wette, sie ist elfischer Abstammung.

Eine Frage beginnt, in meinem Hinterkopf zu nagen. Was ist so wichtig, dass Robert Coleman ausgerechnet mit mir sprechen will? Mit mir! Und wo zum Geier haben die unsere Festnetznummer her? Wir Carlisles, paranoid wie eh und je, stehen seit jeher in keinem Telefonbuch. Aber ein weltgewandter Geschäftsmann wie Coleman hat mit Sicherheit Verbindungen zu FBI, MI6, DIA, Batman und den Ghostbusters.

Ich lache fast über meinen Witz, aber nur fast, denn dann fällt mir die Masse in meinen Schuhen wieder ein.

Den restlichen Tag verbringe ich damit, Erdnussbutter aus meinen Schuhen zu waschen und mir eine Gemeinheit für Puck zu überlegen. Ich schwanke sehr. Entweder färbe ich all seine hellen Sachen rosa oder ich gebe in seinem Namen eine unanständige Anzeige bei der Partnerbörse auf. Vorerst lasse ich es aber dabei bewenden. Ich will, dass er sich in Sicherheit wiegt, bevor ich zuschlage.

Schließlich fahre ich zur Bank, um gleich die Überweisung für das Wash In zu tätigen. Vinny Williams ist ein Meister seines Fachs. Ein Gott der Wageninnenreinigung. Jimmys Inneres riecht wie ein frisch gepuderter Babypopo, ein Traum aus Lavendel und goldener Orchidee auf Rädern. Nichts erinnert mehr an den Vorfall mit Frank Miller.

Ich muss Officer Blake dringend für diesen Tipp danken.

Nach meinem Besuch bei der Bank fahre ich einkaufen und bringe die Einkäufe gleich nach Hause. Der Kühlschrank ist jetzt wieder so prall gefüllt, dass wir sicherlich drei Wochen über die Runden kommen würden, wäre mein Mitbewohner nicht Raupe Nimmersatt.

Puck ist nicht im Haus, also klemme ich die Miete, welche ich gleich mit abgehoben habe, unter seine Lieblingstasse auf dem Küchentresen und sehe anschließend zu, dass ich meinen Hintern endlich in die Agentur bewege.

Ein Zettel hängt an der Tür zu Rent a Hunter. Das Büro ist abgeschlossen. ›Bin gleich wieder da‹, sagt der Zettel in Fins filigraner Handschrift, was mich zu dem Schluss bringt, dass sie wahrscheinlich bei Gericht ist, um eine Kaution auszustellen. Das, oder sie holt sich fix Katzenminze.

Ich schließe auf, nehme den Zettel an mich und schlendere in mein Büro. Nachdem ich es mir bequem gemacht habe, zerknülle ich den Zettel und gebärde mich wie ein Basketballspieler an der Drei-Punkt-Linie, bevor ich den zerknüllten Zettel einen halben Meter neben dem Papierkorb versenke.

Ich seufze und widme mich nun doch der undankbaren Aufgabe, alle dreitausendfünfhundertsiebenundneunzig Nummern auf der übrig gebliebenen Liste durchzugehen. Lustlos ziehe ich das Festnetztelefon näher an mich heran und beginne, zu wählen.

Es ist fast vier Uhr und ich kaue gerade auf dem letzten Stück Pizza herum, als Fin lautlos zur Tür hereinschwebt und mir signalisiert, dass sie wieder da ist.

»Hallo, Mr. Moore. Hier ist Holly Roberts«, sage ich mit vollem Mund in den Hörer und kritzele auf meiner Schreibtischunterlage herum, was Fin missmutig zur Kenntnis nimmt. »Kann ich kurz mit Coral sprechen?«

»Mit wem?«, fragt Mr. Moore.

Ohne ein weiteres Wort lege ich auf und lehne mich gähnend zurück. Man mag kaum glauben, wie ermüdend diese Sache sein kann. Und frustrierend.

»Ich war bei Gericht«, berichtet Fin und nimmt den Stapel der erledigten Fälle von meinem Schreibtisch, um diese in den großen Aktenschrank links von mir einzusortieren.

»Aha«, mache ich und bemühe mich, wirklich interessiert zu klingen.

Die Sache mit Coral und Gemma geht mir einfach tierisch auf den Wecker. Ich muss die beiden finden, Belohnung für die Ergreifung hin oder her. Solche Leute dürfen einfach nicht ungestraft davonkommen. Ich ärgere mich schrecklich, dass Gemma mich gestern für eine potenzielle Gefahr hielt. Vermutlich werden die beiden bei weiteren Auftritten in der Öffentlichkeit umso vorsichtiger sein, jetzt, da sie wissen, dass aktiv nach ihnen gesucht wird.

»Zwei ältere Damen haben etwas über den Durst getrunken und sind nackt über die Bourbon Street gelaufen«, erklärt Fin gerade und es fällt mir schwer, den Faden wieder aufzunehmen. »Sie zeigen sich einsichtig und reumütig. Die Kaution haben wir schnell wieder. Außerdem hat das Krankenhaus angerufen. Mrs. White ist auf dem Weg der Besserung, dank dir.«

»Das ist schön«, kann ich mich zwingen, zu sagen, doch Fin sieht mich trotzdem fragend an.

»Alles in Ordnung?«, will das Katzenmädchen von mir wissen.

»Ja«, antworte ich schnell und reibe mir die Augen, wobei ich unwissend Ketchup in meinem Gesicht verteile. »Puck hat mir nur wieder einen Streich gespielt und ich überlege, wie ich es ihm heimzahlen kann.«

»Du könntest die Füllung seiner Lieblingskekse durch Zahnpasta ersetzen«, schlägt meine Assistentin vor und steckt eine Akte in die Schublade für die Buchstaben X, Y und Z.

Ich muss ihr nickend und anerkennend zugestehen, dass das wirklich eine hervorragende Idee ist.

»Das kommt auf die Liste.« Ich füge diesen Punkt einer gedanklichen Notiz hinzu.

Fin nickt zufrieden und schließt das Schubfach für A bis B, in dem sie die letzte Akte verstaut hat. »Ich erledige dann noch ein bisschen Papierkram«, murmelt sie schließlich und zieht von dannen, ohne auf eine weitere Reaktion meinerseits zu warten.

»Okay«, sage ich trotzdem und lege das erste Blatt meiner Liste zur Seite. Ab jetzt nenne ich sie nur noch die Teufelsliste.

Es ist bereits kurz vor sechs, als ich tatsächlich auf Seite drei ebendieser Liste bin und im Vorraum Stimmen vernehme. Erst eine männliche, gefolgt von Fins unsicherer Antwort. Ich verstehe nicht, was gesagt wird, obwohl ich mich wirklich anstrenge, und verharre in stirnrunzelnder Starre.

Die Sekunden verstreichen, dann öffnet sich die Tür zu meinem Büro erneut und Fin kommt hereingeprescht. Sie schlägt die Tür hinter sich zu und sieht kurz so aus, als hätte sie dem Leibhaftigen gegenübergestanden.

Vielleicht hat sie auch nur wieder ein Fellknäuel im Rachen? Ich habe sie schon lange nicht mehr so aufgebracht erlebt.

»Er ist da!«, flüstert sie gepresst, sodass sie im Vorraum nicht zu hören ist.

»Wer ist da?«, frage ich, warte aber keine Antwort ab. »Er soll wieder gehen. Es ist schon dunkel. Ich empfange heute niemanden mehr.«

Die Erklärung hinkt, aber das ist mir im Moment egal.

»Aber es ist er!«, beschwört Fin mich regelrecht und jetzt werde ich doch neugierig.

»Wer denn?«

»Robert Coleman«, haucht sie ehrfürchtig und ich sehe überrascht auf.

Nicht ihr Ernst! Der feine Herr hat sich extra aus seiner schicken Villa in White Kitchen hierherbemüht, um sich persönlich eine Abfuhr zu holen? Wie zuckersüß. Und das, obwohl er doch mit Erpressung und Autoschieberei so viel beschäftigt ist. Ich frage mich zum wiederholten Male, was er von mir will.

Fin kommt langsam auf mich zu und erlaubt es sich sogar, etwas lauter zu sprechen. »Er steht da draußen. Vor dieser dünnen Holztür. Er hat einen Bodyguard dabei, der nach Vampir stinkt, und er sieht so gut aus!«, gerät Fin doch ganz kurz ins Schwärmen.

Coleman oder der Bodyguard?

Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie der selbst ernannte Philanthrop aussieht. Nur sein Name löst etwas in mir aus. Und zwar Brechreiz.

»Also schön«, gebe ich nach und versuche nicht einmal, die bereits neu entstandene Unordnung auf meinem Schreibtisch zu ordnen. »Schick sie herein.«

Fins Miene erhellt sich und sie tänzelt euphorisch zurück zur Tür. Dort angekommen, hält sie inne, atmet tief durch und versucht, ihre Nervosität runterzufahren. Sie legt ihre Pfoten erst über den Kopf, führt beide dann langsam in Richtung Fußboden und atmet gleichzeitig aus, wie bei einer meditativen Yoga-Übung. So gewappnet, reißt sie die Tür auf und tritt in den Empfangsraum.

»Ms. Carlisle wird Sie nun empfangen«, höre ich ihre flötende Stimme und schüttele amüsiert den Kopf über ihre plötzlich so gehobene Art, zu sprechen. Da muss sie jemand mächtig beeindruckt haben.

Noch während ich dies denke, tritt ein hochgewachsener Mann durch die Tür, dessen Muskelberge durch den dunklen Anzug, den er trägt, kaum verdeckt werden können. Sein Blick huscht durch den Raum und bleibt kurz an mir hängen.

Bodyguard.

Er sieht mich mit fast schwarzen Augen böse an, als hätte ich ihm ein Kruzifix auf die Brust genagelt. Er baut sich bedrohlich mitten im Raum auf, kurz bevor Coleman eintritt. Er ist deutlich kleiner als sein Personenschützer – was bei dessen zwei Meter zehn jedoch keine Schmach ist – und trägt ebenfalls einen dunklen Anzug über seinem hellen Hemd und der blauen Krawatte.

Maßgeschneidert.

Mein Blick wandert in sein Gesicht und mir fällt sofort auf, dass er diesem einen Schauspieler schrecklich ähnlich sieht, dessen Konterfei mich ständig von irgendwelchen DVD-Covern in Pucks Sammlung anlacht.

Colemans kluge Augen blicken mich unter einem hellen Haaransatz hervor an und halten mich gefangen. Ich bemerke nebenbei, dass sein markantes Gesicht durch einen gepflegten Dreitagebart eingerahmt wird.

Scheiße.

Ich werde innerlich wirklich erbost und kann mich nicht davon abhalten, etwas verbissen aus der Wäsche zu schauen. Der Kerl ist total mein Typ.

Meine Gedankengänge gefallen mir gar nicht und ich versuche, mich abzulenken. Wie war noch einmal die Wurzel aus dreihundertsiebenundachtzig?

Ääähhh …

Ich gebe auf, frage mich aber bereits wieder, wie der Name ebendieses besagten Schauspielers ist. Ist der nicht Schwede?

»Ms. Carlisle«, reißt Coleman mich aus meinen Überlegungen und streckt mir eine Hand entgegen. »Wie schön, dass wir uns endlich kennenlernen.«

Seine tragische Stimme ist warm und schmeichelnd, wie ein Schaumbad. Jedes seiner Worte klingt wie ein leises Lied. Ich habe eine Schwäche für schöne Stimmen. Dieser wunderschöne Mistkerl. Kein Wunder, dass ihm alle Welt förmlich aus der Hand frisst.

Ich beeile mich, aufzustehen, und donnere meinen Bürostuhl nach hinten, der dabei mit den Rädern quietscht. »Guten Abend«, antworte ich, als ich seine Hand ergreife, und ärgere mich, dass ich mich räuspern muss.

Ich hatte wirklich angenommen, dass Colemans Hände weich von all den Luxuscremes und Handmassagen wären, doch sein Händedruck ist fest und durch und durch männlich.

Ich setze mich wieder und sehe aus dem Augenwinkel, wie Fin mir an der noch offen stehenden Tür einen Daumen zeigt – oder in ihrem Fall eine Kralle – und die Tür beinahe geräuschlos hinter sich zuzieht.

Während ich versuche, Fin zu ignorieren, sehe ich zu Coleman auf. Er mustert mich abwartend und ich wundere mich, bis mir klar wird, dass er auf eine Aufforderung wartet, sich setzen zu dürfen.

»Bitte«, sage ich schnell und deute auf einen der beiden Stühle, die für Klienten bestimmt auf der anderen Seite meines Tisches stehen.

Coleman nickt dankend, öffnet die Knöpfe seines Jacketts und lässt sich auf dem bunten Sitzkissen des schlichten Holzstuhls nieder.

Ich komme nicht darum herum, zu bemerken, dass bei jeder seiner Bewegungen die Muskeln seiner Oberarme seinen Maßanzug leicht zum Spannen bringen und auf dezente Weise rufen: ›Hallo, hier sind wir!‹

Ich beiße mir auf die Unterlippe und bemerke noch etwas anderes. Nämlich dass die elegante Erscheinung des Multimillionärs hier völlig fehl am Platz wirkt. Und aus irgendeinem Grund frisst diese Tatsache ziemlich an meinem Gemüt.

»Danke, Ted«, sagt er und ich begreife erst, was er damit meint, als sein Begleiter einen Schritt nach hinten macht und uns somit die Illusion von etwas mehr Privatsphäre gibt.

Ja, denke ich und sehe den Personenschützer herausfordernd an. Danke, Ted.

Dessen finsterer Blick bleibt unverhohlen auf mir hängen und ich würde die Aufforderung zum Machtgerangel gern annehmen, doch Coleman zwingt mich mit dem Beginn einer Unterhaltung dazu, ihn wieder anzuschauen.

»Sie sind wirklich nicht leicht zu erreichen, Ms. Carlisle«, bemerkt er.

Ich will bereits meinen Namen korrigieren, als ich bemerke, dass dies gar nicht nötig ist, da er ihn tatsächlich richtig ausgesprochen hat.

Auf Colemans Gesicht zeigt sich der Anflug eines Lächelns, was jedoch sofort wieder verblasst, als ich ihn frage, was sein Anliegen ist. Ich habe keinerlei Interesse an Small Talk, sondern will nur, dass er schnell wieder verschwindet. Und seinen grimmigen Vampir – oder doch eher Halbvampir, denn ich kann keine Eckzähne sehen – kann er auch wieder mitnehmen.

»Ich brauche in einer dringenden Angelegenheit Ihre fachkundige Hilfe«, rückt Coleman mit der Sprache raus und beinahe hätte ich laut losgelacht, kann mich jedoch zurückhalten und tarne den Ausbruch als ein weiteres Klären meines Rachens.

»Und welche Angelegenheit ist so wichtig, dass nur ich Ihnen helfen kann und nicht jemand Ihrer zahlreichen Mitarbeiter oder Geschäftspartner?«, will ich wissen und stütze das Kinn in meine Handfläche, während ich auf Antwort warte.

»Dieses Anliegen ist leider von sehr viel … speziellerer Natur, als dass meine Mitarbeiter oder Geschäftspartner mir diesbezüglich weiterhelfen könnten. Glauben Sie mir, wir haben bereits alles versucht.«

»Herrgott, jetzt sagen Sie halt, was los ist!«, bricht es aus mir heraus und ich werfe sogar die Hände in die Höhe, was Coleman jedoch nicht einmal dazu bringt, mit der Wimper zu zucken.

»Nicht hier«, meint er nur und zupft den Ärmel seines teuren Anzugs zurecht. »Ich würde mich gern mit Ihnen verabreden, um die Angelegenheit an einem Ort zu besprechen, der weniger … frequentiert ist.«

Bei seinen letzten Worten huschen seine Augen in Richtung Tür, wo Fins Schatten durch das Milchglasfenster späht.

Innerlich schlage ich mit dem Kopf auf die Tischplatte vor mir, äußerlich sehe ich ihn nur ratlos an. Schließlich lehne ich mich zurück, schlage die Beine übereinander und finde in meinem Kopf den Schalter für ›sprechen‹ wieder. »Sie sind allen Ernstes hier aufgetaucht, um mir zu sagen, dass meine Wände Ohren haben?«

»Ihre Hilfe wird sehr gut bezahlt.« Sein Blick huscht unbewusst über die spärliche Einrichtung.

Allein dafür würde ich ihm jetzt am liebsten zeigen, wie man einen Liter Blut durch die Nase spendet.

»Ich bin nicht interessiert«, erwidere ich bestimmt und hoffe, dass das Thema damit erledigt ist. »Sie müssen wissen, dass es sich bei dieser Agentur um ein Kautionsbüro handelt und nicht um eine Detektei oder Ähnliches. Aber ich bin sicher, dass Payton Maltravers drei Blocks weiter Ihre großzügige Bezahlung gern annimmt. Bei ihm bekommen Sie sogar frisches Gebäck, während er versucht, Sie mit horrenden Zinsen übers Ohr zu hauen.«

Ted gibt ein Grunzen von sich und ich sehe verwirrt zu ihm. War das ein Lachen?

»Ich brauche Mr. Maltravers und sein Gebäck nicht«, meint Coleman leise und dennoch bestimmt. »Ich brauche Sie.«

Ich horche auf. Diese einfachen Worte gehen mir bis ins Mark, doch bevor ich etwas sagen kann, klopft es an der Tür und ich hoffe, dass niemand bemerkt, dass mir die Intimität dieser schlichten Bemerkung zu schaffen macht.

»Ich habe uns heiße Schokolade gemacht«, flötet Fin, nachdem sie die Tür aufgestoßen hat und mit einem Tablett zu uns herübertippelt.

»Das ist wirklich sehr aufmerksam«, bedankt sich Coleman aufrichtig, als Fin neben ihm zum Stehen kommt und er sich sogleich eines der dampfenden Getränke vom Tablett nimmt.

Das Katzenmädchen strahlt über das gesamte Gesicht, als es mir ebenfalls eine Tasse hinstellt.

Schleimbolzen.

»Da ist extra viel Eisenhut drin«, erklärt sie und ihre Kralle deutet grob auf die vor mir abgestellte Tasse.

»Danke, Fin«, nuschele ich leidend und beobachte das Katzenmädchen dabei, wie es auch Ted eine Tasse geben will, doch dieser ignoriert Fin komplett und somit bleibt sie unschlüssig mitten im Raum stehen und sieht so verloren aus wie ein Waschbär auf einem Heavy-Metal-Konzert.

Mein Blick fliegt zurück zu Coleman, der doch tatsächlich die Frechheit besitzt, mich amüsiert zu mustern. Ich werde wütend, da ich sein Verhalten hochnäsig finde, und nehme einen aggressiven Schluck von der heißen Schokolade, wobei ich mir selbstverständlich sofort die Zunge verbrenne. Natürlich will ich mir nichts anmerken lassen und sehe nach unten, damit meine tränenden Augen mich nicht in meiner Pein verraten, als das Telefon klingelt. Ich schaue auf das Display und fühle mich sogleich gerettet.

»Da muss ich kurz rangehen.«

Ich nehme bereits den Hörer ab, als Coleman noch gleichgültig nickt und die Schaumkrone von seinem Getränk nippt.

Bitte lass es wichtig sein.

»Otis, was gibt’s?« Ich versuche mich an einem professionellen und sicheren Auftreten, als ich das Gespräch beginne. Beides verfliegt jedoch sofort, als mich die Antwort des Captains erreicht.

»In mein Büro. Sofort!«

Automatisch setze ich mich so aufrecht hin wie eine Eins und überlege, was ich verbrochen haben könnte und was es rechtfertigt, dass er mich so anblafft.

»Ich kann leider nicht«, entgegne ich und finde es sehr störend, dass Coleman mich die ganze Zeit über den Rand seiner Tasse hinweg fixiert. »Ich bin gerade in einem wichtigen … Ich bin verhindert.« Puh, gerade noch so die Kurve bekommen. Hätte ich doch fast ›Kundengespräch‹ gesagt.

»Wenn ich’s mir recht überlege, ist es vielleicht besser so«, gesteht Otis mir zu und ich kann förmlich sehen, wie er sich die faltige Stirn reibt. »Sonst würde ich dich noch übers Knie legen.«

»Was ist denn los?«, will ich wissen, während Fin langsam näher an den Schreibtisch schleicht und es tatsächlich wagt, sich auf den freien Platz neben Coleman zu setzen.

»Frank Miller«, knurrt Otis, als würde dies alles erklären.

»Was ist mit ihm? Hat er vor dem Haftrichter einen fahren lassen und es roch plötzlich ganz streng nach Zwiebeln?«

Ich muss lachen und auch Fin kichert in sich hinein, während die anwesenden Herren die Unterhaltung stillschweigend zur Kenntnis nehmen.

»Er ist noch immer auf freiem Fuß«, erklärt Otis und seine Stimme wird wieder energischer. »Du hast seinen Zwillingsbruder Fred festgesetzt.«

Jeglicher Sauerstoff scheint aus meinen Lungen zu weichen, als ich höre, dass ich jetzt eine Anzeige wegen Körperverletzung, Hausfriedensbruchs, Entführung und Beleidigung an der Backe habe. Kurz wird mir auch schwarz vor Augen, bis ich daran denke, dass ich weiter atmen muss.

»Du hast ihn einen perversen Pisser genannt?«

»Er hat sich auf meinem Rücksitz erleichtert!«, rechtfertige ich mich, was mir sofort einen fragenden Blick von Coleman einbringt, der nicht einmal so tut, als würde er dem Gespräch nicht lauschen.

»Wie einfallsreich«, brummt Otis abwertend und ich fühle mich hundeelend.

Gedanklich gehe ich bereits alle Anwälte durch, die mich eventuell noch vertreten würden. Hm, die Liste ist recht übersichtlich.

»Beim nächsten Mal lese ich mir die Akte genauer durch«, murmele ich kleinlaut und hoffe, Otis damit ein wenig zu besänftigen.

Ich höre ihn nur noch grunzen, dann wird die Verbindung getrennt.

»Ja«, sage ich, weil ich nicht zeigen will, dass er einfach aufgelegt hat. »Danke für deinen Anruf. Bis bald.«

Ich lege schnell auf und sehe in die Runde.

Ich werde gemustert. Von allen, inklusive Bob in seinem Goldfischglas.

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