Kitabı oku: «Es ist kalt in Brandenburg»

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Über dieses Buch

Maurice Bavaud, geboren 1916 in Neuenburg, technischer Zeichner und Theologiestudent, kam aus bescheidenen Verhältnissen. Der Vater war Pöstler, die Mutter führte einen Gemüseladen. Katholisches Milieu, sechs Kinder, Vertrauen in Kirche und Staat. Als Maurice Missionar werden wollte, war die Familie stolz. Er besuchte die Missionsschule Saint-Ilan in der Bretagne und kam von dort mit dem Plan zurück, Hitler umzubringen.

Im Berliner Gefängnis hat ihn zweieinhalb Jahre lang niemand besucht. Der Schweizer Gesandte in Berlin, Frölicher, wollte ihn am liebsten vergessen, er nannte den Attentatsversuch «ein verabscheuungswürdiges Verbrechen».

«‹Es ist kalt in Brandenburg› schrieb Meienberg nach dem Film. Das ist kein Materialbuch, kein Buch übers Filmen, auch keine Dokumentation eines Attentats, obwohl Meienberg sehr genau dokumentiert. Meienbergs Sprache schafft eine neue Stufe der Beteiligung. Präzise ist sie und klar, zurückhaltend, trocken (nie vernebelnd), schön.» Süddeutsche Zeitung


Niklaus Meienberg 1979.

Foto Walter Rutishauser/Bibliothek am Guisanplatz, Sammlung Rutishauser

Niklaus Meienberg (1940–1993), Historiker, Schriftsteller und Journalist. Er erfand die Reportage neu und dichtete ungeniert mit dem überlieferten Material europäischer Lyrik. Mit seinen Texten zur Zeitgeschichte war er ein grosser Streiter, dessen «Sprachgewalt» auch seine Feinde bewunderten. Wie kein zweiter hat sich Niklaus Meienberg der Öffentlichkeit ausgesetzt, seine ganze Person hat er in seine Texte eingebracht, und mit seiner ganzen Person ist er für sie eingestanden.

«Für mich ist Meienberg vor allem ein grosser Prosaautor. Wo diese Prosa schliesslich erschienen ist, das ist gleichgültig. Das ist ähnlich wie bei Heine. Heinrich Heine hat einen grossen Teil seines Werks für Zeitungen geschrieben. Das gehört heute zur verbindlichen deutschen Prosa.» Peter von Matt

Niklaus Meienberg

Es ist kalt in Brandenburg

Ein Hitler-Attentat

Limmat Verlag

Zürich

Reisen

Ici, dans le Brandebourg, c’est l’hiver perpétuel.

Il pleut, il fait froid. Et en Helvétie?

Hier, in Brandenburg, herrscht ein ewiger Winter.

Es regnet, es ist kalt. Und in der Schweiz?

(aus einem Brief von Maurice Bavaud,

22. August 1940, geschrieben in Berlin-Plötzensee)

Das Essen sei saumässig gewesen, ein Saufrass, und er habe sich den Magen dabei verdorben und später eine Magenoperation gehabt deswegen, und sei der Magen nicht mehr richtig genussfähig geworden, weil die Internatskost ihn endgültig zerstört habe, der Abscheu vor dem damaligen Essen sitze ihm noch tief in der Magengrube heute, und werde wohl niemals mehr ganz daraus verschwinden, das Essen sei recht eigentlich eine Strafe gewesen, man habe sich, auch bei knurrendem Magen, gefürchtet vor den Mahlzeiten und sich regelrecht zwingen müssen zur Nahrungsaufnahme, und trage er also ewig in seinen Kutteln herum die Erinnerung an die Missionsschule von Saint-Ilan in der Bretagne, und sein Magen werde sich bis ins Grab daran erinnern, sagt Louis Bernet in Estavayer-le-Lac, der Mercerieladenbesitzer, bevor er seine, mit hunderterlei Strickwaren und wollenem Tand bis zur Decke gefüllte, Mercerieboutique verriegelt und sich empfiehlt und in den obern Stock geht; zum Mittagessen.

Er ist nicht, wie ursprünglich geplant, Missionar geworden, sondern Mercerieladenbesitzer in dieser kleinen Stadt, und ist auch kein Attentäter geworden wie Maurice Bavaud, mit dem er die gleichen Schulbänke abgewetzt hat in Saint-Ilan; und niemand schreibt seine Biographie, sein Territorium ist der Mercerieladen, und der wäre vielleicht auch einen Roman wert. Hingegen schreiben alle über Maurice Bavaud; manche machen sogar einen Film über ihn.

Was wäre aus dem jugendlichen und schönen Maurice geworden, mussten wir in Estavayer-le-Lac denken, wenn er nicht in Plötzensee sein Leben verloren hätte. Er ist schon lange tot und doch lebendiger geblieben als seine Mitschüler, zeitlos-ewig-jung und kann nicht altern. Sein Leben hat sich in einer kurzen Spanne verdichtet und zusammengedrängt, und jeder Tag davon wird mit der Lupe untersucht; staubsaugende Historiker und andere Forscher sind auf der Jagd nach seinen Aufsatzheften, Briefe werden durchleuchtet, Gefängnis- und Hotelregister geprüft, die Zellen besucht, in denen er gesessen hat, die Schulkameraden befragt, die Familie auskultiert, der Ort eruiert, wo seine sterblichen Überreste liegen, kurzum:

eine Persönlichkeit.

Tot ist einer erst, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert. Auch Bavaud war lange tot, geköpft, gestorben und begraben, wiederauferstanden von den Toten erst nach langer Zeit. Das Andenken an ihn war von Staats wegen ausgemerzt gewesen, keine Spuren durften in der Öffentlichkeit erscheinen, die Erinnerung an ihn war lange Zeit so störend wie er selbst. Jetzt ist er wieder da, aber ein bisschen spät. Notizen, Tonbänder, Bilder, Fotos, Gesprächsfetzen, Dokumente, Gefühle, Dossiers, belichteter Film. Der Aushub häuft sich. Wir haben ein paar Jahre lang versucht, seine Spuren zu sichern, sind ihm nachgereist durch vier Länder und in verschiedene Vergangenheiten und Archive hinunter, Villi Hermann, Hans Stürm und ich.

Hans Stürm und ich sind katholischen Ursprungs und mit Internatsvergangenheit behaftet wie Maurice, sind wir doch beide in der Klosterschule D. eingeweckt gewesen, ich länger als Hans, so dass uns im Laufe der Erinnerungsarbeit die sauren Brocken der eigenen Vergangenheit wieder aufgestossen sind, aber auch die süssen Brocken, wir gehörten, und im Herzensgrund gehören wir vielleicht noch immer, zur katholischen Internationale und sind alle drei, Maurice, Hans und ich, an Fronleichnam hinter der Monstranz hergetrippelt und haben gesungen dabei O SALUTARIS HOSTIA

(– während Villi Hermann als Protestant von all dem nichts abbekommen hat –).

Und auch Roger Jendly aus Fribourg, der in unserm Film die Rolle von Bavaud vorzeigt, ist katholisch imprägniert worden im Collège Saint-Michel und man weiss, dass in Saint-Ilan (Bretagne), Fribourg und Disentis (Graubünden) derselbe lateinisch-gregorianische Choral praktiziert wurde, derselbe Saufrass kam auf den Tisch, und während wir Louis Bernet und seine Ess-Erinnerungen protokollieren, steigt der Geruch des Ess-Saals der Klosterschule D. ins Bewusstsein, und man hört die Mitschüler wütend mit den Löffeln auf die Tische trommeln und sieht sich selbst die immer gleichen tranigen Würste – ach, der unvertilgbare Geschmack dieser fettgeschwängerten Würste in unserem Internatsgaumen – klatschend auf den Tisch schmettern vor Wut und hört die eigene Stimme von weither skandieren SAUFRASS SAUFRASS SAUFRASS SAUFRASS

bis der Präfekt, so nannte man die schwarzberockte Aufsichtsperson, in Saint-Ilan hiess er Préfet de discipline, energisch die Glocke schwenkte und wir, nachdem das Schweigen, respektive das silentium, wie man sagte, augenblicklich eingekehrt war, in die Kirche hinunter trippelten und dort zur Vesper sangen

MAGNIFICAT ANIMA MEA DOMINUM;

meine Seele preist den Herrn.

***

Wer filmt, nähert sich der Geschichte anders als wer schreibt. Es geht nicht ohne Augenschein. Man muss die Örtlichkeiten abschreiten, Augen brauchen, Ohren, bevor Kamera und Tonband die Arbeit beginnen. Man kann sich nicht damit begnügen, ein Buch über Plötzensee, wo Maurice Bavaud gefangen war, zu exzerpieren, man sollte die Zelle sehen und ausleuchten (ein Stück Vergangenheit ausleuchten). Dabei lässt es sich nicht vermeiden, dass auch der heutige Zustand der Strafanstalt ins Bild kommt. Man kann nicht so tun, als ob die Geschichte 1941 eingefroren wäre (beim Tod von Maurice), seither ist viel passiert, auf allen Gebieten, 1955 wurde zum Beispiel die Strafsache Bavaud wieder aufgerollt im sogenannten Wiedergutmachungsprozess, und dieser zweite Prozess ist vielleicht so wahnwitzig wie der erste.

Wir haben einen Film gemacht und sind, mit der Kamera bewaffnet, Bavaud nachgereist, welcher mit der Pistole bewaffnet war und einem Diktator nachgereist ist.

Wozu Geschichte?

Der Diktator ist tot, seine Zeit auch, und wird in dieser Form nicht auferstehen. Maurice ist auch tot, der Film nützt ihm nichts, und ob er der Familie Bavaud, den fünf hinterbliebenen Geschwistern nützt und der greisen Mutter, ist unsicher. Statt dieses Attentat mit der Kamera nachzuvollziehen, hätten wir in all der aufgewendeten Zeit selbst ein Attentat vorbereiten können, an Diktatoren mangelt es nicht, Pinochet, Somoza, der Schah war auch noch im Saft, als wir zu filmen begannen. (Bavaud hat für seine Attentatsvorbereitungen weniger Zeit gebraucht als wir für den Film.)

Wir haben nicht genügend Courage für ein Attentat, sind vielleicht auch nicht von seiner Nützlichkeit überzeugt; oder reden uns das nur ein, weil wir nicht genügend Courage haben.

Beim Filmen haben wir nichts riskiert ausser Nerven und viel Zeit. Der tote Attentäter hat uns jahrelang den Lebensrhythmus diktiert. Maurice hat bei seinen Reisen in Deutschland das Leben gewagt, das gibt ein Missverhältnis zwischen ihm und uns. Man kann jetzt in den beiden Deutschländern ohne Gefahr herumreisen und forschen, nur manchmal wird man ein bisschen schikaniert, und eine historische Erinnerung läuft vielleicht den Rücken herunter, wenn man heute im einen Deutschland die schwerbewachten Gefängnisse, in denen Bavaud damals eingesperrt war, und all die Maschinenpistolen und Polizisten sieht und die gründlichen Sicherheitsmassnahmen, und im andern Deutschland die Stiefel paradieren sieht – aber davon später.

Übrigens sind die Gefängnisse heute in Deutschland besser gesichert als damals. Auch der Bundeskanzler wird schärfer bewacht als der Reichskanzler im Jahre ’38. Das ist nötig, weil auch die Attentäter effizienter geworden sind.

(Effizient, aber nutzlos. Seltsame Zeitverschiebung. Die Baader-Meinhof-Gruppe hat sich in der Epoche geirrt, ist zu spät gekommen. Im Jahre ’38 ein paar gut und generalstabsmässig durchgeführte Attentate: und jeder Demokrat hätte sich gefreut, nicht nur klammheimlich. Eins für Himmler, eins für Göring, eins für H.)

Der Generalstab wagte damals kein Attentat. Nur Bavaud hatte schon den Mut.

Der muss beschrieben werden, nachdem er gefilmt wurde. Wenn man gefilmt hat, schreibt man anders, als wenn man nur zu Schreibzwecken unterwegs gewesen ist – vier sehen mehr als einer, und die Kamera protokolliert.

***

Weil wir der Geschichte von Maurice jetzt nachgegangen sind, 1978–1980, können wir von der Gegenwart nicht abstrahieren. Es spielt eine Rolle, ob man diese Biographie 1947, 1955, 1968 oder 1979 erforscht. Wir sind 1938 nicht dabeigewesen.

Aber von den Leuten, welche Bavaud damals angetroffen hat, leben einige noch, und was sie heute meinen, ist vielleicht so erheblich wie ihre Gedanken von gestern. Die Geschichte ist nicht ein sauber abgezirkeltes Gärtchen, ein chemisch herauspräpariertes Produkt, das im Fall Bavaud von der Jahreszahl 1941 eingehagt wird. Und sie entsteht nicht unabhängig von den Geschichts-Schreibern. Weil die Mutter seiner Frau in Plötzensee enthauptet wurde wie Maurice, schreibt Hochhuth anders als Urner, der behütete NZZ-Historiker. Ein etablierter Mensch wird für die Unberechenbarkeit und das jugendliche Draufgängertum von Maurice weniger übrig haben als Nicht-Etablierte, und die Zustände in einem katholischen Internat bedeuten etwas anderes für ehemalige Internatszöglinge, als für einen akademischen Dörrkopf.

Das sind Binsenwahrheiten, aber weil es immer noch Historiker gibt, welche im Ernst meinen, wie der Heilige Geist in völliger Abgelöstheit respektive Objektivität über der Wirklichkeit zu schweben, und ihre eigenen Arbeits- und Karrierebedingungen nicht reflektieren, muss nochmals kurz daran erinnert werden.

Auch ist es nutzlos, sich rückwirkend zu ereifern über die Grausamkeit des Dritten Reichs und längst vergangene Zustände des langen und breiten zu schildern, damit sich der Bürger einen behaglichen Nachmittag macht mit dieser Lektüre und feststellt: Wie schlimm war es damals, wie gut ist es heute; und angenehm frösteln darf in Erinnerung an böse Zeiten – nutzlos, wenn man dabei vergisst, dass Spurenelemente von damals noch vorhanden sind und Anpassung, Feigheit, Unterwürfigkeit, Mangel an rebellischem Geist, Staats-Hörigkeit, Untertanengeist, Behördengläubigkeit, Bravheit, Bequemlichkeit, Borniertheit, Karrierismus, Verklemmtheit und Strebertum, welche das Terrorregime nicht geschaffen, aber ermöglicht haben, immer noch leben.

Man kann ihnen nicht ausweichen, wenn man heute auf den Spuren von Maurice Bavaud unterwegs ist.

Vielfach Nebel und Hochnebel

Die Urteilsbegründung des Volksgerichtshofes, 2. Senat, betr. die öffentliche Sitzung vom 18. Dezember 1939, hält fest:

Nachdem der Angeklagte auf der Nebenstelle der Dresdner Bank unter den Linden noch den gesamten Restbetrag seines Reisekreditbriefes in Höhe von 305.– RM sich hatte auszahlen lassen, begab er sich nach dem Anhalter Bahnhof und fuhr nach Berchtesgaden ab. Dort traf er im Laufe des 25. Oktober 1938 ein, nahm im dortigen Hotel «Stiftskeller» Wohnung und blieb bis zum 31. Oktober 1938 im genannten Ort.

Der genannte Ort muss damals, wenn man dem «Berchtesgadener Anzeiger» Glauben schenken kann, eine beträchtliche Anziehung auf Touristen ausgeübt haben. Für den Monat August 1938 wurden, wie das Fachorgan «Der Fremdenverkehr» vermerkte, in Berchtesgaden und Umgebung 77 948 Übernachtungen gezählt. Man konnte hier oben Schuhplattler-Aufführungen sehen, verträumte Kapellen, eine bedeutende Stiftskirche, relativ unberührte Berge, ein Ganghofer-Denkmal und Hitler. Dieser hatte, seit er in seinem Berghof die Landschaft genoss, eine erkleckliche Vermehrung des Fremdenverkehrs bewirkt. Man hatte ihm auf einer Erhebung, der Reichskanzler-Adolf-Hitler-Höhe, einen Gedenkstein hingesetzt, das dankbare Gewerbe hatte allen Grund dazu. Die Präsenz des bekannten Politikers brachte nicht nur zusätzliche Touristen ins Gebirge, sondern auch einen Tross von Bediensteten, Polizisten, Soldaten, Ministerialbeamten. Gleich hinter Berchtesgaden, in Bischofswiesen, war eine Aussenstelle der Reichskanzlei gebaut worden.

«Fast jeden Tag», schreibt Josef Geiss in seiner schön bebilderten Broschüre, «besuchten Hitler Hunderte von Menschen». Er hat sich ihnen gern und oft gezeigt und Tuchfühlung mit dem Volk gehabt, Hände gedrückt, Kinder gestreichelt, ein paar freundliche Worte gewechselt. Hier war er zugänglicher als in Berlin, volkstümlicher, fast unzeremoniös, die Höhenluft hat ihn halt entspannt. Man konnte gruppenweise zum Berghof pilgern, Metalldetektoren wie heute in den Flughäfen gab es nicht, eine manuelle Durchsuchung fand nur in Ausnahmefällen statt, die Besuchergruppen wurden von den Wachtposten oberflächlich gemustert.

Er war populär.

Im Oktober war allerdings die Führer-Sightseeing-Sason schon vorbei, es gab nur noch wenige Gruppen, denen ein unauffälliger Schweizer Tourist sich hätte anschliessen können. Aber so ganz unmöglich war das nicht. Ein PR-Film des Verkehrsvereins Berchtesgaden, der im Archiv des Verkehrsvereins Berchtesgaden liegt und heute vom Verkehrsverein Berchtesgaden nicht mehr propagandistisch eingesetzt wird, denn er ist ein Stummfilm und auch politisch nicht ganz auf dem neuesten Stand, zeigt, auf eine muntere Art, wie nahe man dem Führer auf die Haut rücken konnte. Man sieht eine Reisegesellschaft, die irgendwo im Unterland den Zug besteigt, einfache Leute, die sich an der Natur und den Monumenten freuen, erster Halt München, Frauenkirche, Feldherrnhalle, Braunes Haus. Dann zunehmend gebirgige Landschaft, Winken aus den Fenstern, Verzehr von Reiseproviant, gute Laune, Ankunft in Berchtesgaden, Schuhplattler von der brünstigsten Art, ein Hotel, zufällig der «Stiftskeller», wo Bavaud abgestiegen ist, samt behäbigem Wirt, die Kapelle St. Bartholomä mit Watzmann-Ostwand, ein monumentales Berg-Kruzifix und abschließend, Sehenswürdigkeit neben andern, der Berghof. Die Reisegesellschaft säumt die schmale Strasse, auf welcher gleich der Wagen des Reichskanzlers herunterkurven wird.

Da kommt er schon, langsam, ein schönes Kabriolett, vermutlich Mercedes, der Chef lässig neben dem Fahrer, ein Dackel rennt knapp vor dem Wagen über die Strasse, das Kabriolett bremst, fährt Schritt-Tempo, der Volkskanzler ein bis zwei Meter vom Spalier der Leute entfernt und ungeschützt in nächster Nähe des Volkes – kein schlechter Moment für einen Pistolenschützen.

Der Film des Verkehrsvereins Berchtesgaden stammt aus dem Jahre 1935, als das Gelände um den Berghof noch nicht abgesperrt war. 1938 war der Zutritt viel schwieriger geworden.

Am 25. Oktober ist Bavaud in Berchtesgaden eingetroffen, am 28. Oktober kam H. «Der Führer wieder auf dem Obersalzberg, bei einem Besuch auf dem Kehlstein mit seinen Gästen, Reichsminister Dr. Goebbels und Frau und ihren Kindern Helga, Hilde und Helmut», steht im Lokalblatt unter einem entsprechenden Foto. Während H., der Kinderfreund, mit den Kindern von Goebbels poussierte, trainierte Bavaud im Wald das Pistolenschiessen; er habe, so heisst es in der Anklageschrift, zu diesem Zweck während der Spaziergänge im Walde auf Bäume aus kurzer Entfernung, etwa auf sieben bis acht Meter, insgesamt ungefähr 25 Schüsse abgegeben.

Die Schiessübungen sind nicht aufgefallen, keine Polizei ist eingeschritten. Das ist eigenartig, denn Berchtesgaden liegt nicht dort, wo Schützenvereine und Milizsoldaten das Schiessen zu einem festen Bestandteil der Landschaft machen.

Schüsse sind in dieser stillen Natur deutlich hörbar, auch solche aus einer kleinkalibrigen Pistole, der Schall trägt kilometerweit.


PR-Film des Verkehrsverein Berchtesgaden, 1935. Touristen in unmittelbarer Nähe des «Berghofs». Im Kabriolett vorne rechts: H.

(Wir haben für den Film die Szene nachgestellt. Man kann den Ton weit in der Runde nicht überhören. Und Bavaud besass keinen Schalldämpfer.)

In Berchtesgaden ging damals alles seinen gewohnten friedlichen Gang. Ende Oktober spielte das Mirabell-Tonkino an der Rainerstrasse «Diskretion Ehrensache» mit Heli Finkenzeller, Hans Holt, Theo Lingen u. d. gr. Komikeraufgebot. Der Wetterbericht des Reichswetterdienstes stellte für den 26. Oktober in Aussicht: Vielfach Nebel und Hochnebel, der sich auch tagsüber nur stellenweise auflöst, weiterhin schwachwindig und kalt, in Höhen vorwiegend heiter, leichter Nachtfrost. Im «Berchtesgadener Anzeiger» suchte gebildetes älteres Frl. mit jahrel. Erfahrung in Pensionsbetrieb, gesund und arbeitsfreudig, gewandt im Verkehr, Maschinenschr., Nähen u. beste Köchin, auch Diät und Veget., passende Stellung, Schriftl. Angebote unter C. L. an die Geschäftsstelle. Auf dem Wimbachlehen, Ramsen, war eine Kuh, beim Kalb stehend, zu verkaufen, in Bad Reichenhall kam der Jud Veilchenblau vor den Richter, und die Bergführer waren unterbeschäftigt, wie das Lokalblatt vermerkte: «Dass sich die Eingliederung der Ostmark in bezug auf Nachfrage nach Bergführern in unserem Gebiet ungünstig auswirken würde, war wohl vorauszusehen nach der langen Grenzsperre und dem begreiflichen Verlangen des deutschen Bergsteigers nach verhältnismässig leicht auszuführenden Hochtouren in den Gletschergebieten.»

Bavaud war hier fremd, er sprach fast kein Deutsch und suchte Anschluss. Die Anklageschrift hält fest:

Auf Anregung des Betriebsführers des Hotels «Stiftskeller» suchte der Angeklagte während der Schulzeit in der Oberschule in Berchtesgaden den dort tätigen Studienassessor Ehrenspeck auf und brachte diesem gegenüber nach der Vorstellung zum Ausdruck, dass er infolge seiner mangelhaften Kenntnis der deutschen Sprache einen Verkehr mit französisch sprechenden Personen in Berchtesgaden suche. In der Folgezeit waren dann der genannte Studienassessor Ehrenspeck und der von diesem weiter hinzugezogene Studienassessor Reuther wiederholt mit dem Angeklagten in verschiedenen Gaststätten in Berchtesgaden zusammen.

Die beiden Studienassessoren haben sich gefreut, sie konnten ihr Französisch praktizieren, und Ehrenspeck liess den jungen Schweizer in der Schule auftreten; endlich jemand, der den Gymnasiasten einen französischen Originalton vorführte. (Vielleicht hat Maurice mit ihnen den subjonctif durchgenommen oder eine Passage aus «Les Lettres de mon moulin» vorgelesen.)

Ehrenspeck ist unterdessen gestorben, aber Reuther, der in Würzburg lebt, erinnert sich genau an den manierlichen, sauber gekleideten jungen Mann, welcher kurze Zeit bei Ehrenspeck hospitiert und einen vortrefflichen Eindruck gemacht habe. Er habe sich als Bewunderer des Nationalsozialismus ausgegeben und sich nach den Möglichkeiten erkundigt, auf den Berghof zu gelangen und den Führer zu sprechen. So etwas sei damals häufig vorgekommen, schwärmerische Leute aus aller Herren Länder seien in Berchtesgaden aufgetaucht, um einen Blick auf den Führer zu erhaschen, und der junge Schweizer sei deshalb nicht besonders aufgefallen. Man habe ihm bedeutet, dass es wohl unmöglich sein dürfte, in einer Privataudienz von H. im Berghof empfangen zu werden; und weil dieser sich sehr unregelmässig dort oben aufhielt, habe auch keine Garantie bestanden, ihn irgendwie, wenn auch nur kurz, zu Gesicht zu bekommen. Deshalb habe man dem jungen Mann empfohlen, sich am 9. 11. nach München zu begeben, weil H. mit Sicherheit immer am Erinnerungsmarsch teilgenommen habe und Maurice dort den Gegenstand seiner Verehrung ohne jeden Zweifel würde sehen können.

Er, Reuther, sei dann aus allen Wolken gefallen, als ihn die Gestapo wegen Maurice verhört habe; desgleichen Ehrenspeck. Man habe dem jungen Mann nie und nimmer ein Attentatsvorhaben zugetraut, er sei auch nicht im geringsten nervös gewesen, und nichts, aber auch gar nichts in seinem Verhalten, hätte sie misstrauisch stimmen können. Auch Major Deckert von der Sicherungsgruppe Berchtesgaden, der hin und wieder an ihrem Stammtisch in der «Post» aufgekreuzt sei, habe keinen Verdacht geschöpft und wäre doch, als Mit-Verantwortlicher für die Sicherheit des Führers, sozusagen professionell in der Lage gewesen, etwaige unlautere Absichten des Hospitanten Bavaud zu durchschauen; dieser habe sich jedoch auch in des Majors Anwesenheit völlig locker verhalten. Man habe sich eben gar nicht vorstellen können, dass ein so korrekt gekleideter, anständiger, sanfter, ehrerbietiger junger Mann etwas Finsteres im Schilde führe; Attentäter habe man sich als dunkle, fanatische, eventuell glutäugige Individuen ausgemalt; und gar ein Attentäter aus der lieblich-harmlosen Schweiz –.

Der Vetter von Ehrenspeck, Adolf Ehrenspeck, der heute noch als Anwalt in Berchtesgaden tätig ist, hat Bavaud nicht kennengelernt, aber Willy hat ihm von der Geschichte erzählt. Auch ihm sei der Hospitant in keiner Weise verdächtig erschienen, und Attentate habe man sich generell nicht vorstellen können in dieser reinen Bergwelt. Sein Vetter sei übrigens nicht allzu gut angeschrieben gewesen bei der vorgesetzten Schulbehörde, weil er erstens nicht der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei beigetreten und zweitens, obwohl schon längst im heiratsfähigen Alter, immer noch ledig geblieben war; das sei übel vermerkt worden, einen anständigen Schulmeister habe man sich damals nur verheiratet vorstellen können, und nachdem sein Vetter mehrmals freundlich darauf hingewiesen worden sei, habe er dann doch noch geheiratet, und zwar standesgemäss, nämlich die Tochter eines Oberbergrates aus den nahen Salzbergwerken, eine ehemalige Schülerin, und sei diese Ehe mit Elfriede aber nicht glücklich geworden, weil sein Vetter eher ein Einzelgänger gewesen sei und für die Ehe nicht talentiert. Auf dessen Schulkarriere habe es sich nicht positiv ausgewirkt, dass er, obwohl unwissentlich und unwillentlich, in die Sache mit diesem Attentäter verwickelt gewesen sei, eventuell sei ein kleiner Verdacht an ihm hängen geblieben, weil schon andere Minuspunkte gegen ihn vorgelegen hätten.

Das Gymnasium gibt es immer noch, und Studienrat Schertl, der schon zu Bavauds Zeiten dort unterrichtet hat, ist immer noch im Amt und sagt, alles sei damals, 1938, ganz normal gewesen, nichts Ausserordentliches sei passiert in jenen Zeiten. Er hat deutsche Literatur, Altphilologie, Geschichte und Kunstgeschichte unterrichtet, damals. Gewisse Dichter seien in der Schule nicht behandelt worden, das empfinde er als ganz normal, auch ohne staatliches Geheiss hätte er keine Lust gehabt, Brecht, Thomas Mann, Alfred Döblin durchzunehmen. Juden habe man natürlich nicht im Schuldienst toleriert, auch Kommunisten nicht, das sei selbstverständlich gewesen. Er selbst sei politisch nicht engagiert gewesen, sondern habe sich ganz normal, wie andere Lehrer, verhalten.

Alles ganz normal, sagt Schertl nach jedem dritten Satz.

In der Geschichte habe man den Akzent mehr auf die Mythen-Forschung gelegt, zum Beispiel seien die Sagen rings um den Watzmann, den bekannten Berchtesgadener-Berg, ein beliebter Schul-Stoff gewesen, auch die Geschichte des Oktoberfestes habe dazugehört. Vor dem Unterricht habe die Schülerschaft mit dem Hitlergruss gegrüsst, und nur wenige seien nicht Mitglied der HJ gewesen, Kinder von Generälen etc., deren Eltern mit Verachtung auf die Nazis heruntergeschaut hätten.

Hitler-Bilder seien, soweit vorrätig, in jedes Zimmer gehängt und dafür die Kruzifixe entfernt worden, was allerdings die überzeugten Katholiken nicht als schön empfunden hätten, in dieser traditionell frommen Gegend, und so sei denn die Mutter eines Schülers, eine spinnerte Person, nachts durch ein Schulfenster eingestiegen und habe ein Hitler-Bild ab- und das Kruzifix wieder aufgehängt.

Der Zwischenfall habe für die Frau keine Weiterungen gebracht, weil man sie als deppert angeschaut habe, so was mache ein normaler Mensch nicht. Abgesehen davon habe stets eine gute Disziplin und tadellose Ordnung geherrscht zu jener Zeit, die Kinder von Göring und Bormann seien hier zur Schule gegangen, ganz normal, ihre Väter hatten auf dem Obersalzberg den zweiten Wohnsitz. (Vielleicht hat Bavaud auch mit den Göring- und Bormann-Kindern die französische Grammatik geübt.)

Nur ganz zum Schluss sei ein unangenehmer Zwischenfall zu verzeichnen gewesen. Eine fanatische Lehrerin, die nicht merkte, dass sich das Blatt wendete, habe sich im Frühjahr 1945 auf die Strasse gestellt und einen amerikanischen Panzer mit dem Hitler-Gruss begrüsst, worauf der Panzer mit einer Maschinengewehr-Garbe geantwortet habe und die Lehrerin tot umgefallen sei. Sonst habe die Politik im Lehrkörper keine Opfer gefordert, nur im Krieg seien einige Lehrer, und natürlich auch Schüler, umgekommen.

***

Auf dem Friedhof von Berchtesgaden sind innen an der Umfassungsmauer zahlreiche Grabplatten eingelassen. Es handelt sich nicht um eigentliche Gräber, die entsprechenden Gebeine sind abwesend. Jede Platte zeigt ein wetterbeständiges Foto, meist junge Gesichter. «Zum Andenken an den tapferen Krieger Anton Stangassinger vom Gebirgsjägerregiment 137. Teilnehmer am französischen, russischen und Afrika-Feldzug», heisst eine Inschrift. «Er ruht in russischer Erde». Andere ruhen in kretischer, rumänischer, ungarischer Erde. Die Fotos schauen in Richtung Berghof, die Blicke der Toten fixieren starr den Hang, wo der andere wohnte, der ihnen die Feldzüge samt Tapferkeit eingebrockt hat.

Auf manchen Platten sind auch die Orden erwähnt, Ritterkreuz etc., usw.

Alles ganz normal.

1938 waren die hier Verewigten noch fröhliche Soldaten gewesen.

«In den letzten Tagen», schrieb das Lokalblatt zu Bavauds Zeiten, am 27. Oktober 1938, «hielt ein Bataillon des Gebirgs-Jäger-Regiments 137 seinen Einzug in Saalfelden. Am Samstag trat es zur Vereidigung an. Auf dem festlich geschmückten Hauptplatz hatten sich zur Begrüssung viele Saalfelder eingefunden. Der Führer des Bataillons, Major Heller, machte die angetretenen Rekruten auf die Mannes- und Soldatenpflichten aufmerksam und nahm ihnen den Eid ab. Jedem alten Soldaten lachte das Herz im Leibe angesichts der strammen Soldaten. Eine besondere Weihe erhielt die Feier durch die Teilnahme der Gebirgsjägermusik aus Bad Reichenhall, die nachmittags auf dem Hauptplatz ein Konzert gab.»

An Allerseelen werden die Grabplatten regelmässig mit Blumen geschmückt.

***

Man habe sich damals angepasst und ohne Anpassung keine Arbeit kriegen können, sagt Studienrat Schertl. Er sei nach

der Ausbildung arbeitslos gewesen und habe erst nach seinem Beitritt zum Nationalsozialistischen Lehrerbund die Stelle in Berchtesgaden bekommen. Man passe sich an, sagt die junge Referendarin Heike B., die seit kurzem am Berchtesgadener Gymnasium fungiert, und während der Ausbildung dürfe man zwar denken, was man wolle, aber bei der Stellen-Vermittlung spiele die Persönlichkeits-Bewertung, wie sie es nennt, eine Rolle, und einige von ihren Kollegen seien deshalb stellenlos, und sie finde diese Entwicklung beunruhigend, aber am besten verhalte man sich ruhig, machen könne man nichts. Dann zahlt sie und geht mit Studienrat Schertl wieder ins Gymnasium, der nachmittägliche Unterricht beginnt pünktlich wie immer, und wir gehen auch wieder an die Arbeit nach dem gemütlichen Mittagessen im Gasthof, und seine Bodenständigkeit wird uns lange in Erinnerung bleiben und die Knödel lange den Magen beschweren.

Am Obersalzberg gibt es keine deutschen Soldaten mehr, die Amerikaner halten die Gegend besetzt seit 1945, ihre Soldaten erholen sich vom Militärdienst und fahren dort Ski, wo einst die Häuser der prominenten deutschen Politiker gestanden sind. Sie nennen das RECREATION AREA, Erholungsgebiet. Als Villi die Uniformen sieht, wird er ganz verstört, wir müssen ihn beruhigen, er hat prinzipiell etwas gegen Uniformen und bleibt noch lange zapplig, das ist der Arbeit nicht zuträglich. Diese Seckel, sagt Villi, haben vor kurzem noch Krieg geführt in Südostasien und sich dann hier erholt, wo sich schon der andere erholte.

Villi tut, als ob der Vietnamkrieg noch nicht fertig wäre, und als ob, im Winter 1979, nicht ein Präsident regierte, der für die Menschenrechte schwärmt. Des Führers Residenz ist geschleift worden von den Amerikanern, es ist Gras darüber gewachsen. Nur die unterirdischen Gänge sind intakt geblieben, der Unterbau. Man muss 1 Mark einwerfen, das Drehkreuz bewegt sich, es geht in die Tiefe, DAS VERSCHMIEREN DER WÄNDE WIRD VON KONTROLLORGANEN ZUR ANZEIGE GEBRACHT, steht auf den von dieser Inschrift verschmierten Wänden. Es sind aber keine Kontrollorgane zu sehen, wir sind allein hier unten, und es ist kalt. Irgendwo tropft Wasser. HIER BEFINDEN SIE SICH CA. 10 METER UNTER DER ERDE. GERADEAUS SEHEN SIE: 1 MASCHINENGEWEHRSTAND UND 1 SEHSCHLITZ. Bei jeder rechtwinkligen Biegung des Ganges wieder 1 Maschinengewehrstand und 1 Sehschlitz. HINTER DIESER BACKSTEINMAUER BEFANDEN SICH DIE PRIVATEN RÄUME VON ADOLF HITLER UND EVA BRAUN. NICHT BETRETEN. EINSTURZGEFAHR. Wendeltreppen, rostige Türen, verrostete Geschichte, der Widerhall vom Schlurfen unserer Schuhe in den endlosen Gängen, Wendeltreppen und wieder ins Licht, dann Hundegebell. Ein fletschender Wolfshund, ein deutscher Schäfer, ein historischer Hund, wartet am Ausgang des Bunkers, bedroht Villi, der Hunde nicht riechen kann und wegrennt und auf das Autodach flüchtet, wohin ihm der Hund nicht folgen kann.

Hier hat früher ein renommierter Wolfshund gelebt, Blondi, der hat H. auf seinen Spaziergängen begleitet und sei von ihm geliebt worden.

***

Bei der Rückkehr in die Pension Watzmann sitzt einer am Tisch, der uns bekannt vorkommt. Irgendwo haben wir den schon gesehen. Der sitzt starr vor seinem Bier und hat eine Haarsträhne in die Stirn gekämmt, schräg. Dann reisst er die Hand hoch und ruft: Wir brauchen wieder einen Führer.


Das meint er nicht ernst, er macht sich einen Jux, und alle finden das lustig, wenn Herr L., der tagsüber in einem Comestible-Laden arbeitet, zur Karnevalszeit den H. mimt, hier, wo der richtige H. gelebt hat. Man klopft sich allgemein auf die Schenkel. Nachdem er sein Schnäuzchen abgeschminkt hat und die Strähne nach oben gekämmt ist, findet L. wieder zurück zu seiner eigenen Stimme und sagt jetzt in ruhigem Ton, er spiele den H. schon lange und mit immer gleichbleibendem Erfolg, zuerst für die amerikanischen Soldaten, dann auch für deutsches Publikum, und ein kleiner H. könne, Spass beiseite, nicht schaden in der deutschen Politik, damit die Situation bereinigt und alles Fremde ausgemerzt werde, das alte Reich werde nicht wieder kommen, aber ein kleines Deutschland, ein echtes Deutschland, und eine Ordnung.

Niemand widerspricht, im Gegenteil; breite Zustimmung am Stammtisch.

Auch die Plaketten auf dem Friedhof finden alle ganz normal. Es war ein Raubkrieg, die halbe Welt wurde verwüstet, die jungen Berchtesgadener in die Armee gepresst, Bauchschüsse, abgefrorene Glieder in Russland, Hunger, Verlassenheit und Krepieren. Vor sich den Feind und hinter sich den General, und auf dem Friedhof sind es tapfere Krieger geworden. Das muss vermutlich so sein, sonst wäre der Nachschub nicht in den Krieg gezogen, wenn die Wahrheit auf den Gräbern ständ.

Von Bavaud weiss man, dass er Pazifist gewesen ist.

Ein deutscher Onkel

Die Waffe, mit welcher der Führer erschossen werden sollte, hatte Bavaud noch in der Schweiz erstanden, am 20. Oktober 1938 in Basel,

wo er in dem Waffengeschäft des Büchsenmachers Bürgin, am Steinentor 13, für einen Preis von etwa 30 Franken eine Pistole Marke «Schmeisser», Kaliber 6.35 mm sowie 10 Patronen kaufte.

Den Büchsenmacher Bürgin gibt es immer noch, das Geschäft floriert, danke, und blieb in der Familie, der heute regierende Prinzipal war damals bei seinem Vater als Lehrling angestellt. «Um eine Person mit dieser Pistole reparaturunfähig zu schiessen», sagt Bürgin, «müsste man sich ihr bis auf ca. drei Meter nähern». Bürgin hat Bavaud nicht in Erinnerung, auch sein Vater habe ihm nie etwas von diesem Pistolenkauf erzählt, für den man, bei dem kleinen Kaliber, seinerzeit keinen Waffenschein gebraucht habe.

Bavaud ist auch hier nicht aufgefallen.

Die Pistole sieht sehr enttäuschend aus, hat auf einer Handfläche Platz. Wir haben uns eine Attentats-Pistole anders vorgestellt. Bürgin nennt sie eine Damenpistole. Warum hat Bavaud nicht eine größere gekauft? Geld hatte er genug.

Andrerseits war die Schmeisser 6.35 praktisch, verursachte keine Ausbuchtungen in der Tasche, beim Kauf wurden keine störenden Fragen gestellt, es war eine vielverkaufte, beliebte, halbautomatische Selbstverteidigungswaffe. Bei der weiteren Munitionsbeschaffung in Berlin und München erregte das kleine Kaliber ebenfalls keinen Verdacht. Der Munitionsverkauf an Personen, die das achtzehnte Lebensjahr zurückgelegt hatten, unterlag damals in Deutschland keiner Beschränkung. Alles hing also davon ab, wie nahe der Attentäter an die Person des Führers herankommen konnte. Die Handhabung der Pistole war nicht schwierig, der friedliche Roger Jendly, unser Bavaud-Darsteller, welcher so wenig wie Bavaud etwas von Pistolen verstand, hat es nach einer kurzen Erläuterung kapiert und befriedigende Resultate erzielt im Schiesskeller des Waffenhändlers.

Man sei damals wie heute einfach zur Verfügung gestanden, sagt Bürgin, vor dem Krieg habe der Waffenverkauf zugenommen, und jetzt auch wieder, was vielleicht aus der Terroristenszene abgeleitet werden könne, und wenn es regne, verkaufe man auch mehr Regenschirme, das sei aber vielleicht ein hinkender Vergleich.

Viele Institute, resp. Banken, hätten unterdessen ihr eigenes Schiesstraining eingeführt und müssten sich mit Waffen ausrüsten resp. eindecken, das sei ein Gebot der Stunde, aber nicht nur in Basel, sondern gesamtschweizerisch.

Darauf schiesst Jendly ein paarmal im Schiesskeller, zuckt zuerst, trotz Gehörschutz, ein wenig zusammen, bekommt dann eine ruhige Hand und kontrolliert die Einschläge auf der Zielscheibe, während Hans mit seiner Kamera schiesst, und auf Villis Tonband zuckt die Geräuschanzeigenadel. Die kleine Pistole macht einen völlig unproportionierten, lauten Krach. Es ist noch akkurat dasselbe Modell wie 1938, sagt Bürgin, die hat sich bewährt. Aber ein Attentat mit diesem unscheinbaren Ding –.

In der Attentatsliteratur kommen Bomben, Gewehre, Maschinenpistolen, Gift, grosskalibrige Pistolen vor, aber keine Schmeisser 6.35. Bavaud hat damals null Erfahrung im Umgang mit Waffen gehabt, war noch nicht in der Rekrutenschule gewesen, welche ihn diesbezüglich einiges gelehrt hätte, als Auslandschweizer hatte er Dispens vom Militärdienst bekommen. Er war kein Spezialist. Und er konnte den Waffenhändler nicht fragen: Würden Sie mir bitte sagen, mit welchem Kaliber ich am besten ein Attentat verübe?

***

Im Sommer 1941 habe er eine erstaunliche Feststellung gemacht, berichtet Kurt Gschwend, der damals fünfzehnjährig war, Auslandschweizer, und in Augsburg lebte. Es sei bekanntgegeben worden, dass H. mit seinem Sonderzug in Augsburg erscheinen werde, auf der Durchreise. Die Notabeln der Gegend, Bürgermeister, Gauleiter etc., hätten sich zu diesem Zweck auf dem Bahnsteig eingefunden. Der Bahnhof ringsherum abgesperrt, grosses Polizei- und Militäraufgebot, Posten an der Bahnhofsperre (Eingang). Damals hatten die deutschen Bahnhöfe Eingangs- und Ausgangssperren, wo die Billette kontrolliert wurden. Er habe sich mit einem Kameraden in der Nähe des Bahnhofs herumgetrieben, nur so zum Plausch, und überrascht festgestellt, dass die andere Sperre (Ausgang) völlig unbewacht gewesen sei. Vermutlich hätten die deutschen Sicherheitsbeamten angenommen, dass kein anständiger Deutscher auf den Gedanken komme, durch einen Ausgang in den Bahnhof hineinzugehen, oder es sei sonst eine Panne gewesen. Item, er sei mit dem Freund hineingeschlüpft in den Bahnhof und habe dort zuerst eine leere Zugskomposition gesehen, welche, gewissermassen als Schild, jenes Perron abgeschirmt habe, auf welchem der Sonderzug erwartet worden sei. Weil vermutlich in keinem Reglement vorgeschrieben war, dass dieser Zug verriegelte Türen haben musste, seien sie ohne weiteres dort eingedrungen, und auf der andern Seite wieder hinaus, ohne von irgendwelcher Polizei behelligt zu werden. Musik, Kommandotöne, der Sonderzug fährt im Schritt-Tempo ein, H. am offenen Fenster, er, Gschwend, ca. zwei Meter entfernt, der andere greifbar nahe – da habe er unwillkürlich gedacht, wie günstig der Augenblick gewesen sei für einen spontanen Schuss. Niemand habe ihn beachtet, die Polizeideckung auf dem Perron sei minim gewesen, keiner habe dort mit einem Attentäter gerechnet, weil die Absperrmassnahmen ringsherum so gründlich waren. Kurt Gschwend, der diese Episode 1980 erzählt, macht keinen exaltierten Eindruck, eher einen handwerklich-soliden (er arbeitet heute als Buchhersteller in Bern).

Das war 1941, H. wurde viel besser beschützt als 1938. Damals, vor dem Krieg, und vor den ersten seriösen Attentaten, waren die Chancen nicht schlecht. In Berchtesgaden zum Beispiel, so erzählt der Lokalhistoriker Hellmuth Schöner, habe H. auch nach der Einrichtung des Sperrbezirks noch bis zum Krieg seinen Lieblingsspaziergang gemacht, mit wenigen Begleitern, sozusagen in freier Natur, vom Lindenweg zum Hochlenzer hinauf. Das Terrain sei vor den Spaziergängen nicht durchsucht worden.

Und der Wirt Schwaiger von der Pension Watzmann, ein gestandener Berchtesgadener, erinnert sich, – nein, soweit reicht seine Erinnerung nicht zurück, er war noch zu klein, – erzählt, dass seine Eltern ihm erzählt haben, H. habe ihn, den kleinen Schwaiger, buchstäblich auf den Arm genommen, wie er es oftmals mit Kindern zu tun pflegte, die von den Eltern ihm dargebracht wurden im Berghof oben, wo man noch in den späten dreissiger Jahren in seine Nähe gelangen konnte, gruppenweise, wenn man unauffällig war.

***

Zum Reisen braucht es Geld. Wir haben es vom deutschen Fernsehen, vom deutschschweizerischen Fernsehen und von der Schweizerischen Eidgenossenschaft gekriegt, Abteilung Hürlimann (Kultur). Bavaud hat es der Mutter geklaut.

Kann man sich vorstellen, was es für einen gut erzogenen, katholischen, mittelständischen Burschen bedeutet, der eigenen Mutter sechshundert Franken zu entwenden? Er musste tief sitzende Hemmungen überwinden. Nach allem, was man weiss, hat er ein gutes Verhältnis zur Mutter gehabt, war keineswegs mit ihr verkracht, die Familie lebte in Harmonie, er war der grosse Bruder, ein Vorbild für die jüngeren Geschwister. Immer tadellos, sagen die Geschwister.

Die Reise nach Deutschland, die der überzeugte Katholik Bavaud am 9. Oktober 1938 in Neuchâtel angetreten und am 13. November desselben Jahres in Augsburg beendet hat, begann mit einem Verstoss gegen das vierte Gebot (Elternliebe) und gegen das siebte Gebot (Eigentumsgarantie) und setzte sich fort mit massenhaften Verletzungen des achten Gebots (Wahrheitsliebe). Sie gipfelte in der Absicht, das fünfte Gebot zu übertreten (Tötungsverbot). Das hätte Einiges zu beichten gegeben.

Du sollst, Du sollst nicht, Du sollst. Du sollst Vater und Mutter ehren, Du sollst nicht lügen. Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Hab und Gut. Maurice hat gestohlen, gelogen, gefälscht, getäuscht, geprellt, hintergangen; töten wollte er auch. Strafgesetzbuch und Bibel, die in der wohlbeleumdeten Familie Bavaud hochgehalten wurden, hat er souverän ausser Kraft gesetzt während seiner Deutschlandreise. Was gab ihm die Kraft, den christlich-bürgerlichen Schatten zu überspringen?

Nichts in seiner Vergangenheit hat ihn für diese Reise prädestiniert. Er wurde nicht jesuitisch erzogen, sondern von den Frères de l’Ecole chrétienne in Neuchâtel und später von den Pères du Saint-Esprit in Saint-Ilan. Und doch hat er später zu Protokoll gegeben:

Dass er sich die Mittel zu der Reise nach Deutschland durch Diebstahl zum Nachteil seiner Eltern verschafft habe, sei ihm in Hinsicht auf sein Ziel nicht so verwerflich erschienen und werde auch durch sein Vorhaben einigermassen bei ihm moralisch gerechtfertigt. (Urteilsbegründung)

Geld war nötig für die Reise, und als es ihm ausgegangen war …

sein Vorhaben habe er schliesslich in Bischofswiesen am 12. November 1938 nur deshalb aufgegeben, weil er kein Geld mehr gehabt habe. Andernfalls hätte er noch weiter abgewartet, bis sich ihm eine günstige Gelegenheit zur Ausführung des geplanten Mordanschlages geboten hätte. (Urteilsbegründung)

Zum Reisen braucht es auch einen Pass. Dieser war abgelaufen, Bavaud liess seine Gültigkeitsdauer am 4. Oktober 1938 bis zum 4. November verlängern. Dann stahl er das Geld bzw., wie die Akten sagen,

beschaffte er sich die erforderlichen Geldmittel dadurch, dass er sich auf Grund seiner genauen Ortskenntnis den zweiten Schlüssel zu dem im Geschäft seiner Mutter befindlichen Geldschrank aneignete und dann aus diesem den Betrag von etwa 600 Schweizer Franken entwendete.

Die Mutter betrieb ein kleines Gemüsegeschäft, der Sohn hatte in den Ferien ein bisschen ausgeholfen, deshalb die genaue Ortskenntnis. Auf diesen Diebstahl kommen die Akten nochmals zurück, sorgenvoll vermerken sie seine Verwerflichkeit – nicht genug, dass einer den Führer erschiessen will, er klaut auch noch bei der eigenen Mutter! Die Richter, die ihn töten werden, sind beleidigt ob soviel Rücksichtslosigkeit, ihr Kummer scheint auf in den korrekt gebauten, sorgfältig gedrechselten Richtersätzen mit den vielen Relativpronomen.

Am 9. Oktober, einem Sonntag, fuhr er morgens zwischen sechs und sieben Uhr nach Basel, besorgte sich dort eine Art von Traveller Checks, Reisekreditbrief nannte man es damals, im Werte von Reichsmark 555.–, und fuhr darauf nach Baden-Baden, wo er gegen vierzehn Uhr eintraf. In dieser Stadt hatte er Verwandtschaft, nämlich eine Grosstante, die Karoline Gutterer, geb. Nofaier. Zwischen den Bavauds in Neuchâtel und den Gutterers in Baden-Baden hatte zwar schon jahrelang kein Kontakt mehr bestanden, aber in der Not erinnert man sich der entferntesten Verwandten. Maurice kannte sonst in Deutschland keine Seele.

Warum sich nicht ein wenig akklimatisieren beim deutschen Zweig der eigenen Familie, bevor man weiter in das unbekannte Land eindringt?

Die Gutterers waren kleine Leute wie die Bavauds, Peter Gutterer figurierte in den Akten als Werkmeister, nach Feierabend war er Hauswart. Aber der Sohn Leopold, in den sie ihre Hoffnung setzten, hat es weit gebracht. Er war

nach einem nicht abgeschlossenen Hochschulstudium, das unter anderem der Theaterwissenschaft galt, bereits 1925 der NSDAP beigetreten, fand dort eine hauptamtliche Stellung und wurde 1930 zum Gaupropagandaleiter in Hannover ernannt. Das «goldene Parteiabzeichen» wie das erhebliche Vorstrafenregister wegen in der Weimarer Republik begangener politischer Vergehen, das seine Personalakte «zierte», gereichten ihm ebenso zum Vorteil wie die hinlänglich bewiesene Fähigkeit, Massenaufmärsche wirkungsvoll arrangieren und inszenieren zu können. Schon 1937 wurde er zum Ministerialrat befördert, um im Jahr darauf mit der Leitung der Propagandaabteilung betraut zu werden, die vor dem Kriege als das wohl wichtigste Ressort des Ministeriums angesehen wurde. Am 20. April 1938 folgte die Ernennung zum Ministerialdirektor. (Willi A. Boelcke, Kriegspropaganda 1939–41)

1941 ist er sogar Staatssekretär im Propagandaministerium geworden, am 16. Mai, zwei Tage nachdem sein Verwandter hingerichtet worden war. Doch 1944 stürzte er wieder in die Anonymität ab. Einer, der noch tüchtiger war im Gebrauch der Ellenbogen, verdrängte ihn, Gutterer wurde 1944 als Unteroffizier zu den Panzerjägern einberufen, obwohl er mit dem Titel eines SS-Brigadeführers dekoriert gewesen war.

Er lebt immer noch.

Ein amerikanischer Historiker, Gay W. Baird von der Miami University, hat ihn kürzlich besucht. Gutterer habe ganz offen gesprochen, einen Nachmittag lang. Gegen Ende des Interviews sei bei ihm die Emotion durchgebrochen, er habe sogar einige Tränen vergossen und «vom grossen Idealismus jener Tage, der unterdessen zerstört worden sei», erzählt. «This to me was curious, coming from an SS general», schreibt der Historiker in seinem Brief an Villi Hermann (22. 8. 1978).

In derselben Verwandtschaft einer, der H. umbringen will, und ein anderer, der sich vor Eifer fast umbringt, um die Pläne von H. zu verwirklichen. Der grosse Idealismus jener Tage hat Spuren hinterlassen im Protokoll der Ministerkonferenzen des Reichspropagandaministeriums.

6. November 1939. Herr Gutterer soll Erkundigungen über die Brotzuteilung an Strafgefangene und Zuchthäusler einziehen, da diese nach Berichten angeblich gegenüber den Arbeitern bevorzugt behandelt werden.

(Damals sass Bavaud im Gefängnis Moabit, Untersuchungshaft.)

8. November 1939. Herr Gutterer soll Material über die Verjudung der britischen Presse, der Bankwelt und der Regierungskreise zusammentragen lassen.

Unter dem Motto «Es soll nicht jeder alles das kaufen, was ihm zusteht» soll in Rundfunk und Presse die Kauflust angegangen werden. Herr Gutterer erhält den Auftrag, sich für eine Sendung einzusetzen, die, zweimal wöchentlich unter dem Kennwort «Die deutsche Hausfrau spricht» gesendet, diese Fragen in Zwiegesprächsform behandeln soll.

20. November 1939. Gutterer wird beauftragt, sich um die Beseitigung des Zigeunerwesens zu kümmern.

19. Mai 1940. Der Minister beauftragt Herrn Gutterer, bei Stapo und Sicherheitsdienst darauf zu dringen, dass in den neu besetzten Gebieten, vor allem in Holland, sofort Jagd auf deutsche Emigranten gemacht wird.

25. Mai 1940. Herr Gutterer soll zusammen mit Herrn Raskin ein Tagebuch eines englischen Gefangenen herstellen lassen, in dem Erlebnisse pornographischer Art aus Paris geschildert werden. Dieses Tagebuch soll dann über Frankreich abgeworfen und eventuell auch durch den Geheimsender ausgenutzt werden.

(Protokoll der Geheimen Ministerkonferenzen im Reichspropagandaministerium, Stuttgart 1966)

Herr Gutterer kümmerte sich auch um Details, am 26. Mai schlug er vor, dass in den Kinos während der Wochenschauen die Türen geschlossen bleiben. Am 3. Juni wurde er beauftragt, am Wannsee alle englischen Grammophon-Platten zuzüglich Grammophon-Apparaten beschlagnahmen zu lassen und ihre Besitzer, wenn sie nicht «unabkömmlich» seien, in Arbeitskolonnen zu beschäftigen (das wird ihnen die Liebe zur deutschen Musik beibringen). Am 20. Juli sollte er sich darum bemühen, aus Italien weitere grosse Pfirsichmengen für Berlin aufzukaufen, da die erste Sendung zum Preis von 36–40 Pfennig das Pfund recht guten Absatz gefunden hatte. Es sollte aber dafür gesorgt werden, dass die Pfirsiche nicht in überreifem Zustand nach Deutschland kamen. Am 5. März 1941 wurde er vom Minister beauftragt, für die Juden in Berlin – «die wir augenblicklich nicht herausbringen können, weil sie als Arbeitskräfte unentbehrlich sind» – ein Abzeichen zu schaffen.

Etc., etc., treu und fleissig, Pornographie und Pfirsiche, Emigrantenhatz und Wochenschau, Judenabzeichen und Hausfrauenbetreuung. Und immer Acht geben auf das Räuspern des Ministers, und keine Emotion zeigen, und die Sprache der Obern umsetzen für die Ohren des Volkes. Amtlich und korrekt. Kein Bluthund, nur ein Entwerfer von Reglementen, Weisungen, Richtlinien. Er hätte keiner Fliege etwas zuleide tun können, auch keinem Juden, persönlich. Am 27. April 1943 schrieb er an Himmler: «Reichsführer! Für die Glückwünsche und ehrenden Worte, die Sie zusammen mit dem Buchgeschenk anlässlich meines Geburtstages an mich gerichtet haben, sage ich Ihnen meinen herzlichen Dank. Ich nehme diese Gelegenheit zum Anlass, Sie meiner steten Einsatzbereitschaft zu versichern. Mit Hitler Heil; Ihr treu ergebener Gutterer».

Eine grosse Nummer ist er trotz aller Dienstbeflissenheit nicht geworden, nur ein hochgestellter Ausführungsbeamter. Der Sohn des Hauswarts hat den raschen Aufstieg nicht verkraftet, die Intrigen im Reichspropagandaministerium wuchsen ihm über den Kopf. Es genügt nicht, sich immer anzupassen, man muss manchmal brutal auftreten können gegen die Konkurrenten und hart zuschlagen, nicht nur nach unten. Der schlauere, jüngere und schnellere Naumann hat ihn 1944 als Staatssekretär ersetzt. Und der treu ergebene Gutterer musste im letzten Moment sein Büro verlassen und in den wirklichen Krieg ziehen, den er bis jetzt nur propagandistisch geführt hatte.

Er lebt heute in Aachen.

***

Maurice wurde nicht unfreundlich empfangen von seinen Verwandten in Baden-Baden. Wie geht es dem Vater, was macht die Mutter, wir haben schon lange nichts mehr von Euch gehört! Und was macht die schöne Schweiz?

Wie es so ist, wenn Verwandte sich jahrelang nicht mehr gesehen haben. Auch wenn man sich nicht wirklich freut: man tut so, als ob. Man kann nicht gut anders, auch wenn der Gast unangemeldet kommt und jetzt einer mehr am Tisch sitzt. Aber der Grossneffe macht einen manierlichen Eindruck, sauber, bescheiden, und er suche, sagte er sofort, Arbeit in Deutschland, und zwar als technischer Zeichner, und wolle ihnen also nicht auf der Tasche liegen. Und hatte eine politische Einstellung, welche Anklang fand bei den Eltern des Ministerialdirektors, gab seiner Bewunderung für die Leistungen des Nationalsozialismus Ausdruck; in den schönsten Farben.

Familie Gutterer war beruhigt. Man hatte sich über die Verwandten in Neuchâtel schon allerhand Gedanken gemacht in der letzten Zeit, die Mutter von Maurice galt als deutschfeindlich und hatte den Kontakt abreissen lassen. Und überhaupt die Schweiz … Aber da war anscheinend eine junge Generation herangewachsen, welche sich durchaus auf der Höhe der Zeit bewegte. Es traf sich gut, dass an diesem 9. Oktober 1938 auch der Werkmeister Karl Gutterer, ein Neffe der Karoline, in Baden-Baden zu Besuch war, der konnte fliessend Französisch und hat Maurice den Familienanschluss erleichtert. Zwei Tage nach der Ankunft begann bereits die Arbeitssuche, die Stieftochter der Karoline, Paula Gutterer, fuhr mit Maurice nach Rastatt zum Arbeitsamt. Dort kannte sie einen Beamten,

der sofort fernmündlich bei der Firma Daimler-Benz nach einer Arbeitsmöglichkeit für den Angeschuldigten nachfragte, jedoch den Bescheid erhielt, dass die Firma Ausländer nicht einstellen dürfe. Darauf fuhren alle drei zu den Stierlen-Werken, wo der Beamte das Arbeitsamt zusammen mit dem Angeschuldigten bei der Werkleitung vorsprach und dann zu der sie erwartenden Paula Gutterer mit dem Bescheid zurückkehrte, dass wahrscheinlich eine Einstellung des Angeschuldigten erfolgen werde, jedoch noch endgültiger schriftlicher Bescheid abzuwarten sei. Hierauf fuhren Paula Gutterer und der Angeschuldigte nach Baden-Baden zurück. (Anklageschrift)

Der schriftliche Bescheid lautete negativ, Maurice musste weiterhin von seinem Kreditbrief Geld abheben und vertrieb sich die Zeit mit Spaziergängen. Er habe sich damals immer pünktlich, wie die Anklageschrift mit Befriedigung festhält, zu den Mahlzeiten bei Gutterers eingefunden. Seine Grosstante hatte ihrerseits pünktlich, aber ohne böse Absicht, den Sohn und Ministerialdirektor Leopold in Berlin dahingehend avisiert, dass da ein Verwandter aufgetaucht sei. Dieser, immer die Karriere vor Augen, orientierte pünktlich die Geheime Staatspolizei. Ein Fremder in Baden-Baden … dazu noch ein technischer Zeichner … in der Gegend, wo die Befestigungen des Westwalls gebaut wurden … und auf Arbeitssuche … Leopold Gutterer witterte Unrat. Wenn da etwas passierte, ein Verwandter von ihm als Spion, das war nicht günstig für das berufliche Fortkommen.


Die Polizei liess sich Zeit, sie funktionierte damals weniger rasant als heute, obwohl der Hinweis von einem hohen Beamten kam. Sie hat zuerst überhaupt nicht reagiert, Bavaud blieb noch ungestört bis zum 20. Oktober in Baden-Baden. Leopold Gutterer in Berlin war äusserst aufgewühlt und beschloss, seine Frau Auguste Viktoria, geborene Heil, nach Baden-Baden zu schicken, um die Eltern zu warnen. Es durfte auf keinen Fall vorkommen, dass Maurice sich bei der Arbeitssuche auf ihn, Gutterer, berufen würde.

Weil Gutterer ein höflicher Mensch war und Maurice nicht vor den Kopf gestossen werden sollte und auch keinen Verdacht schöpfen durfte, man war ja immerhin verwandt miteinander, reiste Auguste Viktoria nicht allein.

Um die Reise als einen unauffälligen Verwandtenbesuch erscheinen zu lassen, nahm die Ehefrau des Ministerialdirektors ihren sechsjährigen Sohn Dietrich nach Baden-Baden mit. Dort entledigte sie sich des ihr erteilten Auftrages, konnte aber selbst eine unmittelbare Unterhaltung mit dem Angeschuldigten nicht führen, da sie die französische Sprache nicht beherrscht. (Anklageschrift)

Die Ehefrau als Spionin im Einsatz gegen den mutmasslichen Spion … Der Sohn des Leopold und der Auguste Viktoria hat sich, vermutlich sah es die Mutti gar nicht gern, mit Maurice angefreundet. Dieser habe, so steht es in den Akten, das Kind oft zu seinen Spaziergängen in die Umgebung der Stadt Baden-Baden mitgenommen.

***

Der Sohn Dietrich lebt heute auch in Aachen, wie Leopold Gutterer, und bittet uns, den Vater nicht zu behelligen, dieser sei genug gestraft, es gehe ihm schlecht. Nach dem Krieg, aus dem der abgesetzte Staatssekretär heil zurückgekommen war, sei er als Landarbeiter untergetaucht und dann als Feuerwerker und Platzanweiser in einem Kino tätig geworden, nach einer kurzen Gefängnisstrafe, sein Abstieg sei endgültig, politisch sei er enthaltsam und in keiner Weise mehr eine Gefahr. Auch habe er jeden Kontakt mit den noch lebenden Kameraden von damals abgebrochen und lebe ganz isoliert, ein bitterer alter Mann, und solle man ihn doch bitte schonen. Er, Dietrich, trage schwer an dem Bewusstsein, dass sein Vater ein derart hohes Tier im Dritten Reich gewesen sei, und spreche nie mit ihm darüber, das sei ein Familientabu.

An die Spaziergänge mit Maurice kann sich der Sohn nicht mehr erinnern.

Ist der 78jährige Gutterer noch identisch mit dem Staatssekretär, welcher sich um die Beseitigung des Zigeunerwesens bemühte? Und die Jagd auf Emigranten organisierte? Wir sind unsicher. Sollen wir ihm auflauern mit der Kamera und warten, bis er aus dem Haus kommt? Am Telefon sagt er, er habe nichts zu sagen. Und Maurice habe er damals der Polizei angezeigt, um seine Mutter vor Verwicklungen zu schützen.

Villi meint, wir sollen ihm abpassen, der sei eine alte Nazisau, gwüssgott, seinen eigenen Vetter bei der Polizei angezeigt, und das Judenabzeichen den Berliner Juden verabfolgt, da müssten wir uns nicht genieren, den filmen wir, auch wenn er dagegen ist.

Wir wissen nicht recht.

Vielleicht haben wir zum Schluss nicht gefilmt, weil man sich ein bisschen vorkommt wie die Polizei, wenn man ständig vor einem Haus auf und ab geht, oder in den Büschen wartet.

Wie die Polizei, oder wie Attentäter.

Das Backstein-Reihenhaus am Rande von Aachen ist unauffällig und hat eine Gegensprechanlage. Wir haben sie nicht benutzt.

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